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Franz Petrarcas poetische Briefe
Entstehung
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215
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21515. Mifsachtete Tonkunst.

(An Floriano da Rimini.) 1 )

Einst pflegte Orpheus durch der Töne ZauberDes Meeres Wut, der Tiere Grimm zu zähmen;Die Bäume folgten lauschend seinem Lied,Und hoch erhob die sangesfrohe Zeit5 Bis zu der Götter Schar den edeln Sprofs 2 )Erlauchter Ahnen. Unsrer Zeit erstandEin zweiter Orpheus, glaubt mir, der dem altenIn keinem Stücke weicht. Nur freilich heutIst taub für Töne, was auf Erden lebt,

10 Und voller Stumpfsinn!

Kehrte heut zurückDer alte Sänger, er vermöchte nichtDie Leidenschaft zu zügeln und die Prunksucht,Und vor der Gier, die stets nach Golde lechzt,Ergriff' er scheu die Flucht. So überreich

15 An Schuld ist diese späte Zeit, so glänzendErrang den Preis sie auf des Lasters Bahn!Vermöchten jene Alten, deren GliederVerwesung längst in Grabesnacht verzehrt,Mit Jugendfrische aus dem Tal des Styx

20 Zu neuem Leben wieder aufzustehn,Sie kehrten grausend sich von Tafeln ab,Daran Gefahren dröhn, und von der WirteMit Blut befleckten Händen, wären nimmerMit ihnen unterm gleichen Dach zu hausen,

25 Dem gleichen Schiff sich zu vertraun bereit. 3 )

') Hatte P. schon in Ep. 111, 2 seine grofse Liebe für Musik undVerehrung der Künstler gezeigt, so iiufscrt er sich hier noch nachdrück-licher in demselben Sinne. Wir wissen nichts über Floriano, den er hierdem Orpheus vergleicht; doch scheint es, dafs er in Avignon nicht denerwarteten und von P. gehofften Beifall fand. P. schuldigt deswegendas eigene Zeitalter und die Gesellschaft von Avignon in harten Wortender schwersten Verfehlungen an.

2 ) Orpheus galt als Sohn Apollos und der Muse Kalliope.

8 ) Nach Horaz, Carm. III, 2, 28. Nach P.s Worten müfsto man an-nehmen, dafs in Avignon der Giftmord an gastlicher Tafel häufig ge-wesen sei.