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Franz Petrarcas poetische Briefe
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Wen wird des heut'gen Abends blasser ScheinNoch lebend sehn? Ja, diese kurze Stunde,Wer wird sie ganz verleben? Wen verschontIn ihrer Frist des Todes arge List?

115 Seid froh des Freundes, der von euch entweicht;Seid froh der Brüder, Kinder, seht sie an,Als zögen sie davon. Noch ist es Zeit,Geniefst sie schleunig; säumet nicht; es eiltGeschwinden Flugs der Tag! Ihr schätzt gering

120 Die Gegenwart; um das Verlorne nurErhebt ihr Klage. Jedes Glück gefälltErst dann den Menschen, wenn's damit vorbei!Was ihr geurteilt, das verkehrt der TodIns Gegenteil. Wen ihr verabscheut, den

125 Betrachtet ihr voll Scheu am Band des Grabes.Denn niemand ist im Herzensgrunde standhaft.Doch wer euch liebt und noch auf Erden weilt,Der läfst euch kühl; sobald er abgeschieden,üurchtönt ohn' Ende Jammerruf die Luft.

130 Vor eurem Auge zieht mit dumpfem Sänge

Manch düstrer Zug vorüber, und es nimmtEuch dies nicht wunder. Hat der erste Tag,Als nackt, mit Wehgeschrei, ins Licht des LebensIhr eingetreten, euch doch schon belehrt!

135 (Doch fauste wohl die zarte Geisteskraft

Noch nicht, was euch bevorstand). In der FolgeHat jeder Tag des ersten Wink bekräftigt;Allein die wilde Lust schlägt euch in Bande,Und nie gesättigt wird der Hang zur Freude.

140 Drum schaudert ihr vor'm Ende, schämt euch nicht,Dafs ihr des Arztes Hand und Hals umklammertMit bittren Tränen und so feige seid,Den Weg zu enden, den so lang ihr ginget.Und weibisch, wie ums eigne Ende, klagt

145 Ihr um der andern Tod; denn tief im HerzenBewahrt ihr kein erhabnes, grolses Vorbild,Und immer lügt euch schmeichlerische Hoffnung.Ihr tändelt lässig, bis die Frist verstreicht,