Druckschrift 
Franz Petrarcas poetische Briefe
Entstehung
Seite
140
Einzelbild herunterladen
 

140

Des Ruhms geflogen wäre, nimmer hätte5 Eurystheus den Aleiden so viel TatenZu tun gezwungen; seine gold'nen ÄpfelBesälse noch der Hesperidengarten,

Reichtum Italiens zu preisen.Zur Macht bist du bestimmt", ruft er,zur Herrin der anderen Völker! Das dentet deine Lage an, denn wiemit dem Hacken erschütterst du den Erdkreis, wie einen Sporn streckstdu Hydruntum aus, Tarent ist die Fufssohle, Khegium die Zehe u.s.w." So verherrlicht er das ganze Land, immer der bekannten Vorstellungfolgend, dal's Italien auf der Landkarte die Form eines gestiefeltenund gespornten Fufses habe.

Hierdurch wird das Gedicht sehr merkwürdig! Denn dieserheute jedem Kinde geläufigen Vorstellung von der Gestaltung Italiensbegegnen wir anscheinend hier zum ersten Male. H.Nissen,Italische Landeskunde I, p. 48, schreibt darüber:Ich weifs nicht, welcherSchöngeist auf den geschmacklosen Einfall geraten ist, Italien nicht mehrmit einem ausgereckten Eichenblatt wie Plinius oder dem Rückgrat einesFisches wie Biondo, sondern mit einem menschlichen Bein zu vergleichen.Albcrti (155(1) führt das seitdem typisch gewordene Bild in aller Breiteaus." Das vorliegende Gedicht zeigt uns zunächst, dafs in der breitenAusführung dos genannten Gleichnisses P. die Priorität gebührt; er hat200 Jahre vor Alborti das Bild poetisch durchgeführt. Über den Ge-schmack ist schwer zu richten, dal's das Bild eines Fischgerippes ge-schmackvoller sei als das eines menschlichen Fufses, werden manche Leutenicht finden. Jedenfalls sind derartige Vorgleiche für naive Auffassunganschaulich und lehrreich. Die Pädagogen unter den Geographen benutzendaher diese Art von Bildern gern und aus Grundsatz.

Die Hauptsache scheint jedoch, dafs dieser Vorgleich Italiens miteinem Fufse wie man auch über ihn urteilen möge, und ob er gleichauch schädliche Folgen gehabt habe, wie Nissen sagt, doch offenbarerst dann aufkommen konnte, als gute Karten eine deutlichere Vorstellungvon der Gestalt Italiens gestatteten. Nach den Karten des Altertumsund auch nach der Poutingerschen Tafel des 13. Jahrhunderts konnteniemand auf einen solchen Vergleich kommen, aber im 14. Jahrhundert,zur Zeit P. s, da ermöglichten genaue Messungen unter Benutzung des Kom-passes zum ersten Male zuverlässige Karten, zunächst für Zwecke derSeefahrt, dann auch Weltkarten, uud gerade Italien ging auf diesem Ge-biete aller Welt voran (vgl. Stavenliagen, Italiens Kartonwesen in geschicht-licher Entwickelung, ,'10. Bd. der Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkundezu Berlin, p. 279if.). Von dieser Zeit an konnte die Meinung der Alten,dafs Italien dreieckige Gestalt habe, nicht mehr bestehen bleiben; diePhantasie wählte bezeichnendere Bilder, und wenn der Vergleich mit einemFufse nicht bezeichnend wäre, wie hätte er dann durch alle Jahrhundertetypisch" bleiben können?