Druckschrift 
Franz Petrarcas poetische Briefe
Entstehung
Seite
135
Einzelbild herunterladen
 

- 135

Und den Geschlechtern später Tage einst

Berichten werden von der Gegenwart!-------

315 Doch sagt Aquin: Ein Chörilus ist hier 1 )

Zu finden, und gar zahlreich ist die Schar

Verworfner Dichter, die viel Zeit und Müh'

Auf ein gemeines, schrautz'ges Buch verwandten.

Gewifs; doch, bitte, nenne mir den Stand,320 In dem nicht viele Minderwerte lebten?

Die Geistesgaben, sie sind selt'ne Güter;

Sie waren's stets und werden's ewig bleiben!

Nur wen'gen glückt der Flug zu stolzer Höh'!

Schau an Virgil! Erseheint dir knabenhaft,325 Wie er die See und Erd' und Himmelszonen

In klaren Worten schildert? Doch wie vieles

Hüllt er geheimnisvoll in Schleier ein!

Dafs Äolus der Brüder finstrer Schar 2 )

Mit Macht gebietet, dafs die Bergeslast

') Thomas von Aquino wird als Hauptvertreter der Scholastiker zitiert,welche die Poesie als unsittlich verwarfen. Vgl. Voigt P, p. 28. Vermutlichhatte sich P.s Gegner der Vorwürfe der Scholastiker gegen ihn bedient.Über den schlechten, aber nicht unsittlichen Dichter Chörilus vgl. Iloraz,Ep. II, 1, 233 und die Herausgeber.

2 ) In epist. rerum senilium IV, 4, de quibusdam fictionibus Virgiliigibt P. fast einen Kommentar dieser Stelle, auf die er a. a. 0. ausdrücklichverweist; er gibt somit zugleich die deutlichste Vorstellung von seinerAuffassung der Poesie als allegorisch. Er versteht dort unter den Windenzornige Aufwallungen und leidenschaftliche Begierden; sie wohnen unterdein Berge, d.h. unter dem Zwerchfell (nach Plato). Aoneas ist der voll-endete Mann, das Epos schildert seinen Weg zur Vollendung. Der Waldist das Leben, in dessen Mitte erscheint Venus, d.h. die Lust, die in derMitte des Lebens am leidenschaftlichsten ist. Die Wolken sind Täuschungender Empfindung, die von Edelmut und Mitleiden geleitet zu sein meint,bis aus dieser Täuschung die Liebe unverhüllt hervortritt. Iopas undBitias sind Vertreter der verschiedenen Geistesarten, wie sie bei denMensehen in ihrem Verkehr hervortreten, Iopas der Weise, Bitias derder Sinnlichkeit ergebene. Die Unglücksnacht bedeutet das Dunkel dermenschlichen Irrtümer; die Leidenschafton unbesonnener junger Männerbringen über das Vaterland das Unglückspferd, indem sie die Mauern derBesonnenheit und Klugheit brechen, und ans dieser ihrer Erfindung ergiefstsich dann Leidenschaft, Zwietracht u. s. w. über das in Wahn und Ver-gessenheit versunkene Volk u. s. w.