— 76 —
Den Sinn verfinstert. Immer blieb dir fern
Der Freudentag, da die erschöpfte Seele155 Die nie gezählten Klagen enden konnte.
Du flehst um Ruh, — das Schicksal will es nicht.
Ich fürchte sehr, dafs dein gesamtes Leben
Verstreichen mufs, bevor mit jener Ruh,
Die einzig Heil ihm bringt, der müde Wandrer160 Erquicken darf den tief erschöpften Leib.
Vom dir bestimmten Tag verstrich bereits
Ein grofser Teil, der Abend naht geschwind,
Des ew'gen Todes Herold, und du wagst
Den Sinn zu richten auf die ferne Zukunft?165 In deinem Alter? Schläfst den tiefsten Schlaf
Ganz ohne Sorgen, angesichts des Todes?
Die Sonne eilt gen Westen zum Gestade, —
Noch ist es Zeit, vergiei's die schuld'ge Träne
Um deiner Lebenszeit Vergeudung, wende170 Die Schritte dann zum ew'gen Vaterhaus,
So lang noch schwaches Licht vom Himmel fällt!
Auf wilder See warf dich der Sturm umher,
Geborsten sind die Segel, zieh sie ein,
Zieh ein die Taue, die der Sturm zerrils,175 Und stirb im stillen Hafen! —
Solches sprach
Ich zu mir selbst, — da liefsen Schmerz und Gram
Mich also rufen: Aus des Feindes Schlund
Wer bringt mir Rettung? Aus des Todes Kerker
Wer macht mich frei, führt mich zurück zum Himmel?180 Wer zeigt durch so viel Schlingen, so viel Schroffen
Den rechten Pfad zur Sternenhöhe? Ach,
Vermein ich nur des Friedens Vaterland
Von fern zu schauen oder schau ich's wirklich;
Wie wenn ich stand' auf einem hohen Berge?185 Es starren spitze Dornen mir entgegen,
Und wilde Räuber droh'n, die einst die Fahnen
Des höchsten Herrn verliefsen, 1 ) — o, wie oft
J ) Nach Augustinus fiel eine Anzahl der von Gott geschaffenen Engelvon ihrem Herrn ab; diese bedrohen den Menschen und reifsen ihn vonder rechten Bahn fort, Ep. II, 3, 108.