— 54 —
Ach, was kann ich dir bieten? Du weilst im Reiche des
[Höchsten,5 Bist Erwählte des Herrn, wie's schon dein Name besagte.')Auch auf Erden vorleiht dir ewigen Namen die Tugend,Würdig himmlischen Liedes —, die gottergebene Demut,Und der erhabene Geist und der Sinn für köstliche
[Keuschheit,Der bei herrlicher Schöne in Kinderjahren erblühte,
10 Bis zum Ende des Lebens sich jegliche Stunde bewährte,Und je schöner du warst, je höher und lauter zu preisen.Zwar dein irdisches Leben, o Himmlische, währte nicht lange,Doch zum Muster des Volks hat's dich, du Reine, erhoben.Fromme verehren dich ewig, ich werde dich ewig beweinen.
15 Nicht weil Leid dich traf, tönt unsere Klage, — wir weinen,Weil du mich und den Bruder, geliebteste Mutter, verlassen, 2 )Mitten in Trübsal, erschöpft, am pythagoreischen Kreuzweg/')Selig schwangst du dich auf, der wankenden Welt zu
entrinnen;Aber ich flüchte mit dir, so bleibst du im Grabe nicht einsam. 1 )
20 Ach, es schied mit der herrlichen Mutter des traulichen HausesGlück und Freude und alles, was sonst im Herzen uns wohltat!
des Gedichtes in flinffUfsigen Jamben wiedergegeben; ich habe geradebei diesem Gedichte gemeint, den daktylischen Hexameter beibehalten zumüssen, weil nur so ohne Verstümmlung des Inhalts sich in 38 deutschenVersen die gleiche Zahl von lateinischen Hexametern wiedergeben liefs.
*) Eletta = Electa, die Auserwählte. Dal's ein Sohn die Keuschheitseiner Mutter preist und zwar um so mehr lobt, je schöner die Verstorbenegewesen, widerstrebt unserm Gefühl.
2 ) Gherardo, jüngerer Bruder Petrarcas, trat 1.142 in das Karthäuser-kloster zu Montrieu bei Marseille ein. Er lebte als Mönch in diesemKloster noch nach P.s Todo, sehr angesehon wegen seiner Frömmigkeitund der Verdienste, die er sich erwarb, als das Klostor von der Pestheimgesucht wurde. P. Epist. famil. XVI, 2. Als der Tod in wenigenTagen alle 34 Insassen des Klostors wegraffte, verlor er den Mut nicht.
:l ) In früher Jugend, als noch nicht feststand, ob wir den Weg derTugend oder des Lasters gehen würden. Zwischen diesen beiden Wogen,von denen schon Hesiod spricht, hat auch nach Pythagoras jeder heran-wachsende Jüngling zu wählen; vgl. namentlich den Herakles am Scheide-wege des Prodikos von Keos bei Xen. mein. II, I, 21.
') Aus v. 2!) erst verstehen wir, dal's er in Zukunft neben ihr be-stattet sein will.