Druckschrift 
Franz Petrarcas poetische Briefe
Entstehung
Seite
17
Einzelbild herunterladen
 

17

Jetzt ist die alte Wunde längst vernarbt.Die Zeit vermag die Tränen lind zu trocknenUnd liefs mich langsam den Verlust verschmerzen.Doch du bist meines Lebens letzte Hoffnung,

220 Du bist der Stab, der meinen Sturz verhindert,Auf den gestützt ich lange sicher stand;Du mir im Kummer holder, stiller Frieden,Der Schild, von dem des Schicksals Donnerschläge,So laut sie tönen, machtlos rückwärts prallen;

225 Du bist der Rettungshafen, dem entgegenVon wildem Sturm umhergescbleudert, leck,Mein Schiff so gern ich glücklich steuern möchte.Dafs mir das eine Auge noch geblieben, 1 )Das war mein Trost, so lang es ging; doch nun,

230 Da beide Augensterne mir genommenIst unerträglich mir das stille Dunkel.

Vernähmest du, was meinen Kummer tröstet,Ich meine, Rührung griffe dir ins Herz!Denn, denke dir mir armen Weibe kam

235 Erwünschte Kunde: immer sei mein NameIn deinem Munde, häufig sprächest duVon deiner Gattin Not, ja du beklagtestDie arme Witwe! 2 ) Heut berichtet mirDieselbe Kunde: dafs aus deiner Stadt

240 Die Priester du vertreibst, die eignen Städte,Die eignen Häuser sie besuchen heilst! 3 )Wie darf ich glauben, dai's den Fremden duIhr Recht gewährst, den deinen Recht versagst!Noch mehr! du hast dich meiner Not erbarmt, 4 )

245 Hast Hilfe mir schon jetzt gebracht, Geliebter,

')Die Augen der Kirche" (oder der Stadt Rom) lieifsen im Mittel-alter Papst und Kaiser.

'>) Dal's Benedict XII. seine Pflicht ernst nahm, ist nicht zu bezweifeln,sicher hat er mit Koms Lage lebhaftes Mitgefühl gehabt,

a) Benedict XII. nötigte alle Bischöfe und Prälaten, die eigne Seel-sorge wahrzunehmen hatten, Avignon zu verlassen und in ihren Diözesenzu bleiben. Vgl. Pastor, Geschichte der Päpste I 8 , SO.

') B. hatte 50 000 Gulden zur Herstellung der Kirchen Koms gespendet.

F. Friedorsdorff, Petrarcas poetische Briefe. 2