Druckschrift 
Dichterische Idole : Heine, Horaz
Seite
95
Einzelbild herunterladen
 

95

Und wenn sie liebend nach mir blickt

Und alles rund vergißt,

Und dann an meine Brust gedrückt

Und weidlich eins geküßt:

Das läuft mir durch das Rückenmark

Bis in die große Zeh'!

Ich bin so schwach, ich bin so stark,

Mir ist so wohl, so weh!

Es ist unmöglich in dem Sinnen-, Seelen- und Geistes-leben dieses kraftstrotzenden Wesens alle Grade der Steigerungan Beispielen zu durchlaufen: es hieße damit einen Band Ge-dichte herausgeben; es muß genügen, auf die ersten und letztenSprossen zu verweisen:

Des Menschen SeeleGleicht dem Wasser:Vom Himmel kommt es,Zum Himmel steigt es,Und wieder niederZur Erde muß es,Ewig wechselnd

und daneben noch, immer nur im Abrisse:

mit Göttern

Soll sich nicht messen

Irgend ein Mensch.

Hebt er sich aufwärts

Und berührt

Mit dem Scheitel die Sterne,

Nirgends haften dann

Die unsichern Sohlen:

Und mit ihm spielen

Wolken und Winde

so hat man damit den Umfang einer Kunst gezogen, die großund umfassend wie das Universum ist. Und diese ganze, kaumermeßliche Welt wird von einem Tone der Leidenschaft beseelt:so gesund, so edel und auch in der Liebesempfindung nochimmer so keusch, daß er in seinem vollkommenen Liebreize einemKlänge aus Himmelshohen gleicht.