wiederum als unmittelbarste Naturempfindung und mittelbarals Lebensweisheit zu erkennen geben — ganz im Gegensatzezu dem Kaltsinne, der, äußerlich nachahmend, aus seiner innerenLeere die Lüge der Empfindsamkeit und der Verständigkeit er-zengt. Man kann daher in der Gegenwart, wenn man mitvollstem Verständnisse urteilt, nur von einer Dichtkunst derNatur uud einem Kunstgewerbe der Gesellschaft sprechen: unddas letztere ist erst nach jener möglich geworden. Denn dieLeidenschaft erschuf, sich ihres Leides halber und um nicht derVerzweiflung zu verfallen, die Dichtung: daher kommt es auch,daß die Dichtkunst in ihrer frühesten Zeit ausschließlich naivenCharakters ist; die empfindsamen Artisten kamen nachher. DiePoesie ist seelisches, Tod und Leben einschließendes Bedürfnis:das Kunstgewerbe besten Falles reizvoller Zeitvertreib. Dieersten Dichter mußten darum, weil sie nur dem mächtigsteninneren Dränge gehorchten, samt und sonders reine Natur sein;viel später erzeugte sodann die sogenannte Kultur und die sichmit ihr laugweilende Gesellschaft das nachahmende Handwerk.Dieses vermochte zwar die Kunst in allem Erlernbaren, in deräußeren Form bis zur Vollkommenheit zu erreichen, aber das-selbe konnte in das schöngewirkte Gewand nur bergen, was seineKünstler selbst an Inhalt besaßen, und das war, deren seelischerSchwäche zufolge, eine entartete Natur. Das Kennzeichen einerechten Poesie wird unter allen Umständen das in sich ganzeinige und im sprachlichen Ausdrucke durchweg sinnvolle Gefühlsein, das die Ufer des Liedes bis zum Rande füllt und so durcheine unwiderstehliche Stimm ungsgewalt die niedertauchendeMenschenwelt dauernd an feine klare Tiefe fesselt: während dasFlußbett des Kaltsinnes, flach und getrübt, keine Seele zu ver-locken und noch weniger in sich aufzunehmen vermag. Dennes ist eben der Fluch der Gefühlsschwäche, in keiner Empfindunganszndauern, sondern unablässig von einer Lauheit in die anderezu taumeln, und endlich, um über die eigene Ärmlichkeit hin-wegzutäuschen, oft genug die Blumen eines fremden Gartens
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