Druckschrift 
Dichterische Idole : Heine, Horaz
Seite
87
Einzelbild herunterladen
 

87

es wird wohl voller Ernst sein, denn die Poesie der Verständig-keit ist stets von dieser Art.

Es gehört zu den wunderlichsten Dingen, welche die Er-fahrung je geboten hat, daß den Erziehern der Jugend weitund breit gerade dieser Verskünstler mit seiner frivolen Genuß-sucht und seiner niedrigen Gelbsucht als das geeignetste Mittelgilt, den allen Eindrücken zugänglichsten, jugeudlicheu Sinn mitden Idealen des Lebens bekannt zu machen: diese Thatsachemöchte schier unbegreiflich bleiben, würde man es jemals ver-gessen können, daß dieselbe auf unserer schönen Erde der Macht-ffäre der Verständigkeit angehört, und daß die letztere und dieGesellschaft eben eins sind.

Es würde nach den bisherigen Untersuchungen einfach lächer-lich fein, wollten wir uns des längeren bei der Erklärung auf-halten, daß glatte Verse und Reime noch kein Gedicht ausmachen.Ein etwaiger Sinn würde sich ja so ziemlich bei aller Verslereiherauskllluben lassen es sei denn, daß schlechtweg der Wahnsinndaran gearbeitet hätte. Aber wenn ein jeder Inhalt genügenkönnte, dann müßte man es sich auch gefallen lassen, daß felbstdie Genusregeln des Großen Zumpt:

Die Weiber, Bäume, Städte, LandUnd Inseln weiblich sind benannt

und dergleichen mehr, weil eine sinnvolle Reimerei, Dichtung wären.Es ist ja richtig, daß es eine Unzahl von Gedichten giebt,die nicht einmal den Wert dieser Gedächtnisübung erreichen,weil sie, bloßes gereimtes Versgeklingel, sogar des kärglichstenNutzens entbehren. Doch! felbst wenn der Inhalt kein nichtigermehr wäre, felbst wenn der angebliche Dichter das Bedeutungs-vollste des Menschenlebens zum Gegenstände seines Liedes machte so lange sich ihm die Wahrheit abhold zeigt, muß jeder seinerVersuche mißlingen, und seine Schöpfung ist keine Poesie. Wahrkann aber innerhalb der menschlichen Gesellschaft einzig nnrnoch die Leidenfchaft erscheinen, und diese wird sich dichterisch