— 76 —
die Seele hebt: ausnahmslos trachtet ein jedes nach dem Staube.Es giebt ein Beiwort, in dem sich ihr ganzes Wesen vollinhalt-lich enthüllt: niedrig!
Die Empfindsamkeit war Gefühlstäuschung, die Verständig-keit ist Lebenstrug: und der Inhalt der Poesie ist die Leiden-schaft als Herzensdrang und Lebensweisheit. Die Empfind-samkeit wie die Verständigkeit sind beide halb dumm und halbverlogen. Die Empfindsamkeit spielt mit Gefühlen, die Ver-ständigkeit hat sich auf Maxime verlegt; bei beiden ist dasDichten eine Spielerei des Verstandes und eine Kunstübung inVersmaß und Reimerei: die Seele ist von allem ausgeschlossen.Selbst dem Stumpfsinne ist der Beweis dafür zum Greifenerbracht, sobald derselbe wahrnehmen kann, wie diese angeblichenDichter das mühsam geschaffene Stimmungsbild nachträglichironisch wieder auflösen. Wenn Heinrich Heine im See-gessienst die Geliebte auf der ganzen Erde sucht, sie endlichauf dem Grunde des Meeres wiederfindet — sie, die Immer-geliebte, die Langstverlorene, die Endlichgefundene, ihr beteuert,sie nie wieder zu verlassen, und sich zu dem Zwecke mit aus-gebreiteten Armen an ihre Brust stürzen will — so ersaht ihnnoch zur rechten Zeit der Kapitän beim Bein und ruft ärgerlich
lachend:
Doktor, sind Sie des Teufels?
Ähnlich Horaz! Nachdem dieser in einer seiner Epoden:
Lsatus ills, Hui riiooul llSßotiis —
den Zauber des Landlebens und den Frieden der Genügsamkeitin den klangvollsten Versen besungen, heißt es zum Schlüsse:
So sprach der Wucherer Alfius,
In seinem Geiste schon der rechte Ackerbauer:
Kassierte flugs all seine Gelder ein,
Um sie demnächst ans — Wucher auszuleihen.
In beiden Gedichten ist, wie ersichtlich, die geschilderte Em-pfindung nur ein Mittel im Dienste des Spottes; die Aus-