— 45
Mannes, der die eherne Stirn hatte, die Juden tagaus tag-ein vor versammeltem Volte als die erste, wenn nicht einzigeUrsache aller Übel auszurufen, an denen die Gesellschaft wirt-schaftlich und moralisch mehr denn je zu leiden begänne — undsofort war sich denn auch der Mob klar darüber, daß an allemnur erdenklichen Ungemach in der Welt allein die Hebräerschuld sein könnten. Und nicht bloß der Mob! Zwar zuerstbeginnt es mit der Gemeinheit, um zuletzt in der Allgemeinheitzu enden. Denn Bequemeres nnd Angenehmeres läßt sich dochkaum noch erdenken, als daß man alle nur möglichen Leidengleich aus einem Grunde und mit einem Mittel zn kurieren ver-möchte. Gleichviel wo einen jeden der Schuh drückt, immer sindes die Juden, die drücken: also Juden hinaus! Es ist so wohl-thuend, gar nicht mehr über die Gründe unbequemer Erscheinungennachdenken, weder sich selbst uoch Verhältnisse anklagen oder ent-lasten zu brauchen: das eine Wort — Jude! erklärt heuzutage süreine Unmasse Volks die schwersten Probleme menschlichen Elendsund Unbehagens. Ja, einen derartig epidemischen Charakterpflegen im Laufe der Zeit solche Krankheiten anzunehmen, daß sichihr nur noch ganz seltene Naturen zu erwehren verstehen. Esgehört ein hohes Maß von kritischer Besonnenheit, von Redlich-keit und Mut dazu, um iu eiuem allgemeinen Taumel kalt-blütig Ruhe zu bewahren, gegen den Strom zu schwimmen,wenn der Sturm die Wellen peitscht, und sich zum Sinn offenzu bekennen, wo der Unsinn seine Orgien feiert. Der Juden-haß wie die Schwärmerei für Heine sind Krankheiten der Zeit,die Jahre, Jahrzehnte, ja Jahrhunderte währen können, da derenDauer von einer Änderung des Volkscharakters abhängig ist.Denn wie in der Semitenfresserei der Neid die vornehmlichtreibende Kraft ist, fo hat für Heine andererfeits die Empsind-famkeit entschieden. Die Stammesgenossen des letzteren sindweit weniger an diesem Kultus beteiligt, als man gemeiniglichdenkt. Zwar, daß der gemeine Jude schon aus verwandtschaft-lichen Gründen inniger für diesen empfinden muß als für einen