— 28 —
In einem Wiener Gassenhauer wiederholt sich Strofe fürStrofe der Vers:
Söhn S', daos rührt mi, dao muah i waonn.Der Sänger hat allerlei Gründe für feine Rührung —wunderliche, es ist wahr; aber man sieht doch: wie und warum.Hier rührt es ihn, wenn ein Grenadier von Weib ein schwäch-liches, drei Käse hohes Schneiderlein heiratet; ein andermal,wenn er an der Seite eines neuvermählten, liebeseligen Paaresdie Schwiegermutter im Wagen erblickt: „söhn S', daos rührtmi". Warum aber mutz unser Heinrich weinen, sobald dieGeliebte ihm — nach all' den vorausgegangenen, so beseligen-den Zärtlichkeiten übrigens höchst überflüssig, noch gesteht, daßsie ihn liebe? hat sie ihm vielleicht zugleich mit dem Geständ-nisse die noch unbezahlte Rechnung der Putzmacherin in die
Hand gedrückt?
Sühn S', daos rührt mi, dao muaß i waona!
In Prosa aber würde sich dieses Liedchen ungefähr fodarstellen. Ein Knabe fitzt bei seinen: Mädchen. „Kind," sagter zu ihr, „ich bin nicht wie die anderen, denn eines geht mirgräulich an die Nerven! Du darfst Blicke in Blicke tauchen,mich küssen, ja selbst drücken" — „ach! nicht wahr?" unterbrichtihn die Überselige, „denn ich liebe dich doch!" Da krümmt ersich schon tränenüberströmt zu ihren Füßen.
Welche Nichtigkeit, welche Leere der Gedanken, ja! welch'vollkommenen Unsinn spiegelt nicht der Inhalt dieser tönendenLiedchen wieder! und solches dazu nicht bloß außerhalb allerGesundheit, nein! sogar schon außerhalb aller Menschlichkeit!Und man könnte fortfahren mit solchen Beispielen und die24 Stunden des Tages würden nicht reichen. Nur auf eineKleinigkeit sei noch an dieser Stelle die allgemeine Aufmerksam-keit hingelenkt:
Nu bist wie eine Blume,
So hold und schön nnd rein;
Ich schau' dich an und Wehmut
Schleicht mir ins Herz hinein.