danken und dessen seelischen Wert. Diese Bemerkung bezeugtin der That die feinste tunstkritische Besonnenheit; und das an-geratene Mittel ist in Wahrheit um so zweckdienlicher geradeeinem Dichter gegenüber, der nach einem anderen AussprucheGüthe's eben nichts anderes als eine klingende Schelle ist.Derartig vorbereitet, wollen wir denn auch kritischen Blickes dieLiebschaften zwischen Stern und Blumelein einer näheren Be-trachtung unterziehen:
Die schlanke Wasserlilie
Schaut träumend empor aus dem See;
Da grüßt der Mond herunter
Mit lichtem Liebesweh —
Das „lichte Weh" ist nicht schlecht; und wie die Lilie„träumend emporgeschaut", fast ebenso gut:
Verschämt senkt sie das KopfchenWieder hinab zu den Well'n —Da sieht sie zu ihren FüßenDen armen, blaffen Gesell'n.
Es ist nicht recht ersichtlich, warum der gute Mond zuseiner Blässe auch noch arm sein soll — er! der ja in derbeneidenswerten Lage ist, sämtliche Wasserlilien des halbenErdenrunds aus einmal ungehindert lieben zu können. Derschlichte Inhalt aber dieses süßen, neckischen Spieles ist folgen-der. Die fchlanke Wasserlilie schaut hinauf und hinunter nndüberall erblickt sie den Mond, der ihr wehmütige Liebesblickezuschlendert. Darob möchte die bleiche Wasserlilie schicklicherWeise gern rot werden — aber wie das nur anfangen? Sieweiß es nicht! ich weiß es nicht! vielleicht, daß eines der vielen,kleinen Mädchen es weiß! Bevor jedoch der Dichter arme Blumen ineine fo böse Verlegenheit bringt, sollte er es sich vor allemmindestens dreimal überlegen, ob es auch ratsam ist, sie mit demganzen Gebühren einer menschlichen Kreatur auszustatten. Fer-dinand Freiligrath verfuhr sehr weise, als er in der BlumenRache die zarten Gewächse erst zu Fleisch und Blut verwan-