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die ungekünstelten Bewegungen der Natur selbst wahrgenommenzu haben: die gelungene Frucht des wunderreichsten Nach-ahmungstriebes! Nachdem so die Sinne geblendet waren, ver-blieb dem geriebenen Rechenmeister noch als letzte Aufgabe, auchdie Seele zu tauschen; und indem er sich zu diesem Zwecke dieMaske des Leidens über den Kopf stülpte, war er des Erfolgesnicht nur bei sich, sondern auch bei den Menschen sicher.Zweifellos, daß dieser Tausendkünstler auch sich selbst am un-widerstehlichsten erschien, sobald er sein geliebtes Antlitz vor demSpiegel in leidende Falten legte: was ihn aber vornehmlichsür diese Mummerei gewann, war die kaltblütige Rechnung aufden Beifall aller schwärmerischen Gemüter. Eingedenk des Er-fllhrnngsfatzes, daß die Menge ein für allemal hinter einer„wahren Leidensmiene" die erlebnisreichste Vergangenheit einergroßen Seele wittert, und insbesondere die mitempfindendeFrauenwelt nichts Herzbethörenderes erblicken kann als dieschmerzdurchwühlte Miene eines geheimnisvollen Männerkopfes:so litt er infolgedessen unaufhörlich. Man wird nahezuverführt, noch nach einem anderen seiner Ahnen bei unserenalten Griechen zu suchen, so proteusartig ist die Wandlungs-fähigkeit, vermöge deren dieser Sänger, unter tausenderlei Ge-stalten des Himmels, der Hölle, der Erde, kurzweg der ganzenbelebten Natur, Gott und den Menschen seine — unsäglicheLiebe gleichwohl klagt. Ob er, den zartesten Trieben gehorsam,zu den süßen Herzchen durch die Blume spricht und mit Sternund Vügelein um die Wette schimmert und zwitschert, oder, einemwilden Gelüste folgend, Hyänen gleich die stillen Gräber nachgeliebten Knochen durchstöbert: allerwegen ist er unsäglich ver-liebt, allerwegen unsäglich betrübt und selbst als Witzbold nochimmer — melancholisch. Was Wunder! daß vor dieser un-erschöpflichen Melancholie sich zuguterletzt die Widerstandsfähig-keit zum mindesten eines jeden Frauenherzens erschöpfte. Undeigen genug! ihm, der zeitlebens nur der Komödiant eines feeli-schen Leids war und alle nur möglichen Grimassen des Welt-
Mauerhof, Dichterische Idole, , 2