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Nicht, daß dieser berufsmäßige Sänger der Liebespein sichdem Genusse in seinen Liedern ganz abhold gezeigt hätte:aber der letztere wird so gut wie ertränkt in den immerwährendstürzenden Thränenbächen, mit welchen der natürliche Sohn desMarsyas und der wollüstigen Israel«, dem Anscheine nach, dieSünden seines vorwitzigen Vaters zn büßen trachtet. Wir sindwahrlich eine empfindsame Nation, und doch! nicht in hundertJahren brächten es sämtliche Männer Deutschlands dahin, so vielan salzigem Naß zu verschwenden wie dieses Kind des geschun-denen Pfeifers in einem einzigen Büchlein Lieder. Während foder gereizte Apollo unablässig seinen Bogen zu spannen scheint,um das Vergehen des dreisten Nebenbuhlers noch in dessenSamen zu rächen, ist Mütterchens Frohnatur derart wirksamin dem kleinen Liebling, daß derselbe bei seinem heftigsten Wehnoch immer schmunzeln kann. Schmunzelnd zu weinen — dasist Heinefche Kunst. Ein jeder, der das Buch der Liederdurchblättert, wird vor der Massenhaftigkeit ohnegleichen er-staunen, in der hier die Liebe verarbeitet wurde. Der echteLiederdichter schöpft nie anders als aus der Gelegenheit, unddie Liebe als echtes Gefühl bedeutet Dauer. Wollte man daherbei Heinrich Heine nach den Gründen dieser ungewöhnlichenFruchtbarkeit forschen, so käme man dahin, anzunehmen, daßderselbe die Geliebte wie ein Hemd, vom Tage zur Nacht, ge-wechselt habe. Damit wäre denn auch erklärt, wieso dieserSänger seine gelungensten Eingebungen nicht von der Liebe,sondern von dem Geschlechtstriebe empfing: denn die Ruhe inder Geliebten zeugt für gewöhnlich keine Lieder. Und in derThat wird man Heine dort am ehesten einen Dichter nennendürfen, wo er aus den Verzückungen der Wollust heraus feineLeier zu Lobgefängen auf die Geilheit stimmt: solche Gedichtehaben und geben Stimmung.
Wunderlich genug und dennoch wahr! Niemals in seinemLeben hat dieser berufsmäßige Minnedichter die echte Liebebis zur Tiefe der Leidenschaft begriffen; und jahrzehntelang