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Dichterische Idole : Heine, Horaz
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scheut, greifen wir unwillkürlich lluf das Wort unserer ver-götterten Vorbilder zurück, um, in dieser überlieferten Sprachezum wenigsten, unserer Liebe geheimste Lust und verborgenstesLeid zu künden. Von einem wonnigen, aber noch unverstandenenund ungestillten Triebe durchschauert, sucht iu ihrer Erinnerungdie Empfindung, um sich zu klären, nach jener Liebessprache,die ihr ahnungsvoll schon vordem die anmutigste schien und ahmt sie nach. Wir sind vorerst lediglich Nachahmer; wirkommen sogar zumeist nie darüber hinaus: denn nur allzubaldsieht sich die bangende Erwartung, sei's wie es sei, erfüllt, undder liederreiche Mund verstummt. Allein es giebt Ausnahmen.

Der Liebesfrühling breitet sich über die ganze, auch überdie stumpfe Menfchheit aus: in diesem Umstände ist es be-gründet, daß aller Liedersang fast ausnahmslos zuerst mit dergeschlechtlichen Liebe beginnt, und daß sich gleichwohl unter diesenjugendlichen Minnesängern nur in ganz seltenen Fällen derwirkliche Dichter bildet; denn wie erwähnt, sind die jungen Leutefertig mit Vers und Reim, sowie nach Schopenhauerein jederHans seine Grete" gefunden. Die meisten, nicht alle; es werdenimmer etliche übrig bleiben, welche es versuchen müssen, die zu-fällige und sonst so flüchtige Erscheinung als stete Begleiterinan ihre Seite zu bannen: und solcher sind die witzigen Köpfe.

Nehmen wir an, daß unter den Hunderttausenden, die jährlichzur Feier ihrer Mannbarkeit die Sonne, den Mond, alle Sterneund noch andere irdische Dinge mehr in Zoll und Leistungnehmen, sich wirklich ein Dutzend und auch darüber befindenmögen, welche nicht so sehr an Tiefe der Empfindung, Wohl aberan Phantasie und Verstandesschärfe, den Leidensgenoffen voran,das mittlere Maß menfchlicher Begabung erreichen: und sofortwerden wir damit die Zahl jener gewonnen haben, welche nichtdie Leidenschaft, fondern einzig der Witz es^rit zumDichten treibt, welche die Gesellschaft oft genug mit Vorliebeihre Dichter nennt, und die auf ihren naturwahren Empfindungs-gehalt geprüft, fchwerlich je Besseres als bloße Versler sind.