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Der Sanitätsdienst bei den deutschen Heeren im Kriege gegen Frankreich 1870/71
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Band I.

V. Abschnitt: Vormarsch der III. und Maas-Armee; Schlachten bei Beaumont und Sedan.

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Die ganze Spitalanlage war grossentheils durch Improvi-sation geschaffen worden. Der wohlwollende Fabrikbesitzerhatte schon einige Zeit vorher in den Räumen des Schul- undWirthshauses, sowie in dem Bureaugebäude 50 Lagerstellenbereitgestellt; ausserdem wurden 30 Betten und Matratzen etc.von den Einwohnern herbeigeschafft, als am 8. September dieersten Krankentransporte aus den umliegenden Feldlazarethenmit 88 Kranken eintrafen, welche sämmtlich gut untergebrachtwerden konnten. Der gewaltige Andrang in den nächsten

3 Tagen es gingen am 9. September 100, am 10. September116, am 11. September 226 Kranke zu bedingte jedoch dieunverzügliche Einrichtung weiterer Räume. Zunächst wurdehierzu das freigelegene Fabrikgebäude bestimmt, welches aus

4 grossen, zu ebener Erde befindlichen Langsälen mit Oberlichtund Schieferboden, mehreren Magazinen und dem Dampf-maschinenlokale bestand. Nach Entfernung des grösseren Theilsder Maschinen aus den Sälen konnten dort selbst bei engerBelebung nur gegen 400 Kranke Unterkunft finden. Es wurdendeshalb sofort noch 2 grosse luftige Speicherräume des Waaren-hauses theilweise geräumt, die vorhandenen Wollsäcke alsLagerstätten benutzt und mehrere kleine dreistöckige Arbeiter-wohnhäuser für Leichtkranke bestimmt. Ausserdem richteteman ein ziemlich entfernt, an der Bahnstation, gelegenes Cafe-haus für Schwerkranke und ein am Ende des Dorfes ganzisolirt liegendes Häuschen für Blatternkranke ein. Im Wohn-hause des Fabrikbesitzers fanden die Offiziere Unterkunft. AlsKüche diente das Waschhaus der Gemeinde nebst einem kleinenAnbau. Für Ventilation der grossen Fabriksäle wurde durchAusheben und Beseitigung einzelner Oberlichtfenster gesorgt,desgleichen durch Anbringung grosser, anfangs mit Matten,später jedoch mit Thüren versehener Oeffnungen, sogenannterfausses portes, mittels Durchschlagens der langen Umfassungs-mauern. Auch an einer Badeeinrichtung fehlte es nicht. Ineiner abgesonderten Kabine am Eingange des mittleren Lang-saales wurden 2 3 Badewannen aufgestellt, welche durch dievorhandenen laufenden Brunnen, sowie durch die Rohrleitungaus dem im Nebenraume befindlichen, stets geheizten Wasch-kessel gespeist wurden. Beim Eintritt kühlerer Witterung fanddie Erwärmung dieser Säle durch Dampfheizung statt. DieReinigung der Lokale und ihrer Umgebung musste anfangsdurch Fabrikarbeiter, die der Wäsche von Frauen des Ortes be-werkstelligt werden. Zur Lagerung diente in den ersten Tagendes Massenandranges der mit den reichlich vorgefundenen Woll-vorräthen oder mit Stroh bedeckte Fussboden; allmälig gelauges, YVoll-, Stroh- und Laubsäcke, noch etwas später Seegras-Matratzen herzustellen. Die Verpflegung der Kranken erfolgtemittels Requisition und aus den inzwischen etablirten Depotsder freiwilligen Krankenpflege zu Donchery, Sedan, Arlon etc.^m 2. Oktober an hörte jede Requisition auf. Dafür besorgteein Englischer Arzt, welcher im Auftrage einiger Engländer undunterstützt aus dem englischen Depot zu Arlon den Gesammt-Unterhalt des Spitals bei einem Bestände von nahezu300 Kranken etc. übernahm, die Verpflegung in vollkommenerWeise bis zur Auflösung des Spitals (8. November). Von Aerztenwaren in der Folge thätig: 5 Bayerische Militärärzte und2^ Civilärzte. Das Wärterpersonal bestand anfangs aus 6 Militär-Kraukenwärtern, theils von Feldlazarethen, theils von denTruppen gestellt, denen aus der Zahl der Leichtkranken noch19 Mann als Krankenpfleger zugesellt wurden; später kamennoch 3 Krankenwärter des 5. Aufnahms-Feldspitals hinzu. NachUebernahme der Verpflegung durch den englischen Arzt trafenauch 5 freiwillige Krankenpflegerinnen aus England ein;während der ganzen Zeit der Etablirung leistete überdies eineDame aus Sedan dem Spitale die erspriesslichsten Dienste.Pach Ueberführung der zuletzt noch verbliebenen 4 Schwer-

Suitttg-BeiieM über die Deutschen Heere 1870/71. I. Bd.

kranken in das Militär-Lazareth zu Sedan wurde am 8. Novemberdie Thätigkeit beendigt. Das gesammte Personal rückte am9. November mit einem kleinen Rest Geheilter über Boulzicourtund Reims zum Armeekorps ab.

Vom 23.-25. September wurden die in Sedan selbstbestehenden Sanitätsanstalten durch den Feldlazarett-Direktorbesichtigt. Die in der Stadt vorhandenen FranzösischenHospitäler standen unter zweifacher Leitung: ein Theilunter der Ambulance militaire, der andere unter der Am-bulance internationale, bei welcher letzteren FranzösischeAerzte aus Paris, sowie Belgische. Englische und Ameri-kanische thätig waren. Jede Ambulanz hatte noch(i Lazarethe inne. Nachdem seit dem 20. September überMezieres 400500 Kranke zurückbefördert worden waren,zählte am 25. September die Ambulance militaire 105 Ver-wundete und 210 Kranke, die Ambulance internationale511 Verwundete und 276 Kranke. Die Zahl der ver-wundeten Franzosen verringerte sich durch den Rückschubüber Mezieres sehr schnell, da gegen Ende Septembersolche Transporte täglich abgehen konnten.

Die zu Entlassenden wurden in Donchery durch einendazu kommandirten preussischen Militärarzt, später durch denEtappen-Stabsarzt von Sedan untersucht. Schwieriger gestaltetesich der Transport für die verwundeten Deutschen. Dieselbenmussten zu Wagen über Bouillon nach Libramont geschafftwerden. Jeder solche Transport erforderte immer 4 Tage,2 zum Hinmarsch, 2 für die Rückfahrt, da die leeren Fahrzeugegewöhnlich zum Transport von freiwilligen Gaben aus Deutsch-land benutzt wurden. Bei dem grossen Mangel an Fuhrwerkenkonnten solche Beförderungen nur selten stattfinden. Deutsche,welche in die lleimath geschickt wurden, bedurften einer mili-tärischen Bedeckung (abgesehen von Begleitung durch Sanitäts-personal). Mit Rücksicht auf die schwache Besatzung inSedan musste mit dem 2. Transport gewartet werden, bis dieBegleitungsmannschaft von Pont ä Mousson (5 Tagemärschehin und eben so viele zurück) wieder heimgekehrt war.

Am 7. September hatte der Etappenstabsarzt zu SedanBefehl erhalten, daselbst sofort ein Etappenlazareth für150 Betten zu errichten. Am 15. September musste dergenannte Arzt neben dem Etappenlazareth auch das Hospitalim College mit 127 Schwerkranken (Verwundete, sowieRuhr- und Typhuskranke) von dem 12. FeldlazarethXL Armeekorps, das nur wenige Tage daselbst etablirtgewesen war 1 ), übernehmen. Zur Assistenz waren ihm dieTruppenärzte der Garnison überwiesen; kurze Zeit be-theiligten sich auch zwei Civilärzte. Als Pflegepersonaltraten hinzu fünf Lazarethgehilfen und zehn Soldaten. DieMannschaften waren aber in stetem Wechsel begriffen, weilsie nur ungern Krankendienst thaten oder aus anderenGründen für denselben nicht geeignet waren. Als am23. September das Bayerische Aufiiahms-Feldspital No. 5in Sedan einrückte, beorderte der Feldlazareth-Direktordasselbe zur Uebernakine dieses Lazareths.

i) Vergl. Seite 144.

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