Die Livländische Reimchronik. Nie. von Jeroszin. Drei Deutschordenschroniken 671
Weit überlegen ist Nicolaus v. Jeroszin allen andern Dichtern aus demKreise der Ordensliteratur in der Wortkunst. Sprachliche Begabung, bild-liche Phantasie, reges Formgefühl gestatten ihm, mit Hilfe eines reichen Wort-schatzes die Sprache spielend leicht zu behandeln. Gern flicht er seltene Reimeein, ohne jedoch in die Lächerlichkeiten der blumigen Manier zu verfallen.Gelernt hat er hier von Rudolf v. Ems und Konrad v. Würzburg, aber ineinigen stilistischen Figuren berührt er sich auch mit Wolfram, so in derUmschreibung eines Begriffes durch Substantiv mit Genitiv und in verschie-denen seltsamen Ausdrücken. Besonders geblümt ist die Einleitung, z. B.V. 54 ff.: Owe, nu hat der sundin eiz (Eiterbeule) Bevlochtin miner sele gadem,Daz des suzin geistis ädern Von mir lenkit sine kumft, Da von ich stumpf bin anvornumft Vnde tummir denn ein vi. Des büge ich mines herzin kni Diz vil mildirgot mit ole. Daz du von allir sundin we usw.
Wie auf die Sprache, so verwendet Jeroschin auch Sorgfalt auf die Verskunst. 1Er hat die Grundsätze Heslers aufgenommen (seine Regeln V. 236-55. 294-301), doch mit stärkerer Neigung zu regelmäßigem Rhythmus. Auch er über-schreitet wie jener zuweilen die einfachen Reimpaare bis zur Reimhäufung,und sogar ein kunstvolles Rachelied gegen die Heiden unterbricht einmal denepischen Fluß.
Jeroschins hl. Adalbert s. unten Legenden des Dt. Ordens.
Drei andere Deutschordenschroniken
Wenig später wurde die Geschichte des Deutschordens in Preußen ingedrängter Übersicht aufgezeichnet in der „Kurzen Reimchronik vonPreußen", 2 einem Werk in Versen, von dem aber nur zwei Bruchstücke er-halten sind.
Johannes von Posi 1 ge, 3 Offizial des Bischofs zu Riesenburg, erzählt inseiner prosaischen Chronik die Geschichte des preußischen Landes von 1360bis 1420 (von 1406 an ein Fortsetzer) in Zusammenhang mit den gleichzeitigenVorgängen in den umgebenden Ländern, vor allem in Deutschland und mitBerücksichtigung der großen Politik. Ein eigenes preußisches Nationalgefühlhat sich in den Kämpfen des Koloniallandes entwickelt und spricht mutigaus dieser Landesgeschichte.
Gegen Ende des 14. Jahrhunderts schrieb Wigand v. Marburg (Hessen) 4eine Ordensgeschichte (1311-94), die nur in Bruchstücken (474 V.) vorhandenist, aber eine lateinische Übersetzung erfuhr (1464), die auf das Original unddessen Umfang (etwa 25000 V.) schließen läßt. Wigand war Wappenherold(urkundl. 1419) und lebte als solcher in der Umgebung vornehmer Persön-lichkeiten des Ordenslandes. Sein Amt bestimmte auch die Auffassung, mitder er Geschichte schrieb: nicht der Glaubenskampf gegen die Heiden aus
1 Metrik: s. unten bei Hesler. Voigt u. Fr. Wilh. Schubert 1823; E.
2 Ziesemer S 112 f Strehlke, Scriptores rer. Prussicarum Bd. III.
3 Helm, ZfddtUnt. 30, 1916, 434 f.; Zie- * Piper, Höf. Ep. III, 666; Ziesemer S. 115semer, Lit. d. Dt. Ord. S. 31-33. Ausg.: Joh. -17. Barack, Germ. 12, 194-205.