iaaG*^) U-9 i) ULB Düsseldorf +9111 164 01 A^rvi-«—. £'SV GUSTAV EHRISMANN GESCHICHTE DER DEUTSCHEN LITERATUR BIS ZUM AUSGANG DES MITTELALTERS ZWEITER TEIL • SCHLUSSBAND HANDBUCH DES DEUTSCHEN UNTERRICHTS AN HÖHEREN SCHULEN BEGRÜNDET VON DR. ADOLF MATTHIAS WEILAND WIRKL. GEH. OBERREGIERUNGSRAT UND VORTRAGENDER RAT IM PREUSS. KULTUSMINISTERIUM SECHSTER BAND. ZWEITER TEIL SCHLUSSBAND C. H. BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG MÜNCHEN MCMXXXV <* k- i ^ / 1ANDES- D STADTBIBLIOTHEK DÜSSELDORF GESCHICHTE DER DEUTSCHEN LITERATUR BIS ZUM AUSGANG DES MITTELALTERS VON DR. GUSTAV EHRISMANN EM. O. PROFESSOR DER UNIVERSITÄT GREIFSWALD ZWEITER TEIL DIE MITTELHOCHDEUTSCHE LITERATUR SCHLUSSBAND HK8M *ra UiiH C.H.BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG MÜNCHEN MCMX'XXV z. 1ANDES- tUND STADT-) BIBLIOTHEK IdüsseldorfI INHALTSVERZEICHNIS BLÜTEZEIT. ZWEITE HÄLFTE I. DIE ERZÄHLENDE DICHTUNG A. DAS HÖFISCHE EPOS Die jüngeren Zeitgenossen der drei Meister................... 3 Ulrich von Zatzikhoven, Lanzelet 4. Wirnt von Grafenberg, Wigalois 7. Heinrich von dem Türlin, Die Krone 10. Der Stricker 13. Konrad Fleck, Floire und Blanscheflür 16. Die gute Frau ig Die Epigonen................................ 21 Zwei Führer: Rudolf von Ems und Konrad von Würzburg 23 Das Erbe der Alten (etwa 1230-80) . . . . \ .................. 54 Reinbot von Durne 54. Wigamur 57. Der Pleier 58. Berthold von Holle 60. Mai und Beaflor 62 \ \ Die Fortsetzer Wolframs und Gotfrids....... ............. 64 Ulrich von dem Türlin 64. Ulrich von Türheim 6$. Heinrich von Freiberg 68. Der jüngere Titurel 70. Albrecht von Scharfenberg 74. Der Wartburgkrieg 75. Lohengrin yg Ausklang des höfischen Epos im späteren 13. Jahrhundert und Anfang des 14. Jahrhunderts................................. 82 Ulrich von Eschenbach 82. Alexander und Antiloie 85. Landgraf Ludwigs Kreuzfahrt 83. Rein- frid von Braunschweig 87. Gauriel von Muntabel von Konrad von Stoffeln 88. Peter von Stau- fenberg 8g. Friedrich von Schwaben go. Johanns von Würzburg, Wilhelm von Österreich g2. Heinrich von Neustadt 93 Bruchstücke................................ 96 Epische Kleindichtung (Erzählungen und Schwanke in Versen).......... 100 Meier Helmbrecht rar. Der Stricker 106. Herrand von Wildonie 10g. Sonstige Erzählungen und Schwanke 110 B. DAS HELDENEPOS Das Nibelungenlied............................. 123 Zeit der Entstehung des Nibelungenliedes 130. Inhalt des Nibelungenliedes 131. Der höfische Einschlag 135. Die sittliche Idee 135. Die nordische Gestalt der Nibelungensage 136. Vorgeschichte des Nibelungenliedes 138. Die geschichtliche Grundlage der Nibelungensage 13g. Sprache, Stil und Metrik im Nibelungenlied 141. Schluß 143 VIII Inhaltsverzeichnis Die Klage................................. 143 Gudrun.................................. 145 Die kleineren Heldenepen.......................... 153 Die Ermenrichsage 156. Die Dietrichsage 136: Ortnit 158, Wolfdietrich 160, Biterolf und Diet- leib 162, Walther und Hildegund 163, Rosengarten 164, Dietrichs Flucht 166, Die Rabenschlacht 167, Alpharts Tod 168, Virginal 16g, Sigenot 170, Das Eckenlied 171, Goldemar 172, Laurin 173, Etzels Hofhaltung oder der Wunderer 174, Dietrich und Wenezlan 175, Das jüngere Hildebrandslied 175. Die Wielandsage 177: Hürnen Seyfrid 177 iL DIE LYRISCHE DICHTUNG A. ALLGEMEINER TEIL Ursprung des Minnesangs: Die provenzalische Liebesdichtung. Die Trubadur 181. Wesen und Inhalt des Minnesangs 183. Der Dichter igo. Das Werk 193. Gattungen 201. Die Überlieferung 207. Geschichte der Minnesangsforschung 211. Vagantendichtung 212. Vorgeschichte des deutschen Minnesangs 218 B. DIE EINZELNEN DICHTER Die Frühstufe................................ 220 Der Kürenberger 220. Namenlose Lieder 222 Die zweite Stufe............................... 223 Dietmar von Eist 223. Die beiden Burggrafen von Regensburg 225. Meinloh von Sevelingen 226. Kaiser Heinrich 227 Die dritte Stufe............................... 227 Friedrich von Hausen 228. Heinrich von Veldeke 230. Ulrich von Gutenburg. Rudolf von Fenis. Albrecht von Johannsdorf 231. Heinrich von Rugge. Bernger von Horheim 234. Hartwig von Rute. Bligger von Steinach. Engelhart von Adelnburg 236. Heinrich von Morungen 237. Reinmar der Alte 23g. Hartmann und Wolfram 242. Spervogel 242. Walther von der Vogelweide 244 Der Minnesang nach Walther......................... 255 Neidhart von Reuental 236. Ulrich von Lichtenstein 262. Der Tannhäuser 265. Die Minnesänger von Steiermark, Tirol, Bayern-Österreich in der 2. Hälfte des 13. Jh.s 267. Schwaben 271. Die Schweiz (Steinmar, Hadlaub) 276. Die niederalemannischen Dichter 282. Rheinfranken. Ostfranken 283. Thüringen 284. Der Osten. Niederdeutschland 284 III. DIE SPRUCHDICHTUNG A. ALLGEMEINER TEIL Geschichte der Spruchdichtung 287. Stand und Leben der Spruchdichter 288. Inhalt und Gehalt der Spruchdichtung 28g Inhaltsverzeichnis IX B. DIE EINZELNEN SPRUCHDICHTER Reinmar von Zweter 292. Bruder Wernher 294. Meister Sigeher. Meister Friedrich von Suonen- burg 294. Meister Alexander 295. Andere Spruchdichter 2g6. Der Marner 2gg. Der Meißner. Boppe. Rümzlant 300. Rümelant von Schwaben. Hermann der Damen 301. Frauenlob 301 IV. DIE LEHRHAFTE DICHTUNG Der Wälsche Gast des Thomasin von Zerclaere 308. Der Winsbeke 312. Tirol und Fridebrant 314. Freidanks Bescheidenheit 316. Der deutsche Cato 323. Lateinische Sprichwortsammlungen 32$. „Facetus" 326. Der Magezoge 328. Tischzuchten 328. Der Cornutus 32g. „Der Jüngling" von Konrad von Haslau 330. Die Warnung 330. Das Buch der Rügen 331. Minnelehren 332. Heinzelein von Konstanz 334. Die Satire: Seifried Helbling 335. Hugo von Trimberg: Der Renner 337. Volmars Steinbuch 342 V. DIDAKTISCHE KLEINDICHTUNG Die Fabeldichtung 343. Die Tierdichtung (Reinke de Vos) 347. Das Rätsel 352. Die Lügendichtung 354. Quodlibet. „Klopf an" 356 VI. DIE GEISTLICHE LITERATUR DES 13. JAHRHUNDERTS A. DIE GEISTLICHE DICHTUNG Biblische Dichtung 337. Das Leben Jesu und der Jungfrau Maria 360. Marienlegenden 370. Geistliche Lehren 371. Geistliches Lied 375. Mariendichtung, Marienlied 376. Gebete 378. Legenden 378. Legendensammlungen 37g. Biblische und Marienlegenden 382. Die Heiligenlegenden im einzelnen 385. Legendenhafte Erzählungen 406. Jenseitsvisionen 410 B. GEISTLICHE PROSA Die Predigt des 12. und 13. Jahrhunderts 411. Berthold von Regensburg 416. Der Schwarzwälder Prediger 41g. Der „St. Georgener Prediger" 41g C. MYSTIK IN DER DEUTSCHEN LITERATUR DES 12./13. JAHRHUNDERTS Die Tochter von Syon von Lamprecht von Regensburg 420. Der Mönch von Heilsbronn 421. Hildegard von Bingen 423. Mechthild von Magdeburg 423. Andere mystische Dichtungen 424. Mystische Lieder. Die Seele als Braut Christi 426 VII. GESCHICHTLICHE DICHTUNG Reimchroniken 42g. Historische Kleindichtung 433 VIII. DIE PROSA Die Geschichte der deutschen Prosa 435. Der Lucidarius 436. Die Sächsische Weltchronik 437. Rechtsdenkmäler (Sachsenspiegel, Schwabenspiegel u. a.) 438. Glossensammlungen 441 X Inhaltsverzeichnis SPÄTMITTELHOCHDEUTSCHE LITERATUR 14. UND 15. JAHRHUNDERT I. ÜBERSICHT Die Literatur des 14. und 15. Jahrhunderts 445 II. EINZELNE DICHTER Hugo von Montfort 44g. Oswald von Wolkenstein 452. Hermann von Sachsenheim 456. Johannes Rothe 460. Johannes von Indersdorf 462. Johann von Morsheim 463. Heinrich von Mü- geln 463 III. ERZÄHLENDE LITERATUR Das ritterliche Epos ............................. 468 Karlmeinet 468. Parzifal von Claus Wisse und Philipp Colin 471. Ulrich Füetrer 472. Ritterliches Epos des 15. Jahrhunderts 473 Verdeutschung von Novellensammlungen der Weltliteratur ............ 476 Diokletians Leben 476. Buch der Beispiele der alten Weisen 478. Gesta Romanorum 478 Kleinere Erzählungen und Schwanke ..................... 479 Schondoch, Die Königin von Frankreich und der ungetreue Marschall 47g. Des von Wirtem- berg Buch 480. Augustin von Hamersteten 480. Heinrich Kaufringer 481. Die Neidharte 481. Bruder Rausch 483. Salomon und Markolf 483. Sammlungen 484. Der Ring von Heinrich Wittenweiler 484. Hans Heselloher 486 Reimreden. Spruchdichtung ......................... 487 Der König vom Odenwald 487. Otto Baldemann von Karlstadt. Lupoid Hornburg von Rotenburg 488. Heinrich der Teichner. Peter Suchenwirt 48g. Hans Rosenplüt 49 1. Hans Folz 4g4 Die Minneallegorie ............................. 495 Der Minne Regel von Eberhard von Cersne 4g7- Meister Altswert 49S. Hadamars von Laber Jagd 4gg. Die Königsberger Jagdallegorie 501. Die Minneburg 501. Meister Egen von Bamberg 504. Das Kloster der Minne 504. Das weltliche Klösterlein 506. Der Bergfrit der Minne 507. Das Minneturnier. Der Minne Gericht 507. Die Minne im Garten u. a. 508. Der neuen Liebe Buch 508. Bestrafte Untreue 50g. Minnereden 510 Prosaromane ................................ 510 Elisabeth von Nassau-Saarbrücken 510. Weitere Bearbeitungen französischer Stoffe 512. Prosaauflösungen deutscher Epen 514. Fortunatus 514 Volksbücher ................................ 515 Der gehörnte Siegfried 516. Stoffe der Karlssage 516. Die schöne Magelone 517. Kaiser Octa- vianus 517. Volksbücher aus verschiedenen Stoffkreisen 518. Standhafte Frauen 518. Volksbücher mit anderweitig bekanntem Inhalt 51g. Schwankbücher 51g Inhaltsverzeichnis XI Reisebeschreibungen............................. 521 Marco Polo. Johannes Mandeville. Johannes Schiltperger $22. Pilgerbücher 522 Historische Kleindichtung.......................... 525 Historische Volkslieder 525. Schweiz 526. Ditmarschen. Hansa 527. Fürstenkämpfe 527. Städtische Kämpfe 327. Konstanzer Konzil. Hussitenkriege. Türkenkriege 528 IV. DIE GESCHICHTLICHE LITERATUR DES 14. UND 15. JAHRHUNDERTS Schweizer Reimchroniken 530. Reimchroniken über die burgundische Geschichte 530. Kölner Reimchronik 531. Michael Beheims Reimchroniken 531. Tschechische Reimchronik 531. Schweizer Prosachroniken 532. Straßburger Prosachroniken 533. Limburger Chronik 534. Deutsche Landeschroniken 535. Chronik von Reichenau 536. Chroniken aus der Zeit des Konstanzer Konzils 536. Niederdeutsche Prosa- und Reimchroniken 537. Prophezeiungen 538 V. LYRISCHE DICHTUNG DAS WELTLICHE LIED IM 14. UND 15. JAHRHUNDERT Das Minnelied ............................... 539 Liedersammlungen 53g. Das persönliche Minnelied einzelner Dichter 540 Der Meistergesang.............................. 542 Die Singschulen 544. Die zwölf alten Meister 545. Muskatblüt 546. Suchensinn 548. Michael Beheim. Hans Folz u. a. 548 Das Volkslied................................ 549 Die Stoffkreise der Volkslieder 551 VI. DAS DRAMA BIS ZUM ANFANG DES 15. JAHRHUNDERTS Antichristspiele.............................., 555 Ludus de Antichristo 555. Des Entkrist Vasnacht 557 Die Passions- und Osterspiele......................... 557 Die Benediktbeurer Spiele 55g. Das Osterspiel von Muri 561. Die rheinfränkisch-hessische Gruppe 561. Die mittelfränkische Gruppe 564. Die alemannische Gruppe 565. Die bayerisch-österreichische Gruppe 565. Die Marienklage 568. Einzelne Szenen und Personen aus den Oster- und Passionsspielen 56g Weihnachtsspiele.............................. 570 Beispiele für das voll entwickelte Weihnachtsspiel 571. Krippenspiele 572. Dreikönigsspiele 573. Ordo Racheiis 573. Prophetenspiel 573 XII Inhaltsverzeichnis Fronleichnamsspiele ............................. 574 Das Künzelsauer, das Innsbrucker und das Egerer Fronleichnamsspiel 574 Andere Spiele aus dem Neuen Testament .................... 575 Himmelfahrt, Höllenfahrt, Weltgericht 575. Das Spiel von den zehn Jungfrauen 576. Unbedeutendere Spiele. Bruchstücke 577 Alttestamentliche Spiele ........................... 577 Paradiesspiele 577 Legendenspiele ............................... 578 St. Georg. St. Nicolaus 578. Theophilus 578. Spiel von Frau Jutten 57g. Alexius. Katharina. Dorothea u. a. 580. Heilig-Kreuz-Spiel 580 Totentänze ................................. 580 Augsburger Totentanz 581 Weltliche Spiele ............................... 582 Fastnachtspiele 582 VII. GEISTLICHE LITERATUR Biblische Kleinliteratur ........................... 585 Sibyllen Weissagung 585. Leben Jesu 586. Minnerede. Biblische Bilder. Allegorie 586. Apokalypse. Antichrist. Jüngstes Gericht 587 Bibelübersetzungen ............................. 587 Vollständige Bibelübersetzungen 388. Übersetzungen aus dem Alten Testament 58g. Übersetzungen des Neuen Testaments $go. Kirchenväter und Scholastiker sgi Die Predigt des 14. Jahrhunderts ....................... 591 Die vulgäre Predigtweise 5g2. Johann Geiler von Kaisersberg S93 Die geistliche Liederdichtung ......................... 594 Der Mönch von Salzburg. Heinrich von Laufenberg $gs. Die geistliche Tageweise 5g6. Oster- lieder ^7. Einzelne geistliche Lieder. Sammlungen sg7. Marienlieder 5g8. Mariengrüße $gg. Marienklagen 600 Lehrhafte geistliche Dichtung ......................... 600 Der Spiegel des menschlichen Heils 600. Das Buch der Figuren 601. Der Seelen Trost. Der Seele Ratöor. Die Pilgerschaft des träumenden Mönchs 602. Miracula 603. Weitere geistliche Lehren, Sprüche, Traktate 603. Lehren in Prozeßform 605 Die Liturgie ................................ 606 Tagzeiten 606. Verschiedene liturgische Stücke 607. Beichtbücher. Gebete 607 Inhaltsverzeichnis XIII VIII. MYSTIK DES 14. UND 15. JAHRHUNDERTS Meister Eckhart 612. Johannes Tauler 616. Heinrich Seuse (Suso) 618. Die Gottesfreunde 623. Theologia Deutsch 623. Jan van Ruysbroeck 625. Einzelne andere Mystiker 626. Frauenmystik 627 IX. LEHRHAFTE DICHTUNG DES 14. UND 15. JAHRHUNDERTS Große Lehrgedichte............................. 629 Boners Edelstein 62g. Der mitteldeutsche Aesop 632. Die Schachbücher 632. Das Goldene Spiel 636. Meister Reuaus 636. Des Teufels Netz 637. Hans Vintler 638. Sebastian Brant 63g Kleinere Lehrgedichte............................ 641 Übersetzungen aus Albertanus Brixiensis 641. Übertragung des Bestiaire d'Amour 642 Rechtsprosa................................ 643 Rechts- und Gesetzbücher 643. Urkunden und Formelbücher 643. Geschäftsbücher 644 Naturgeschichte und Medizin......................... 645 Konrad von Megenberg 645. Erdbeschreibungen 646. Falken, Pferde und Hunde. Fischfang 647. Die vier Temperamente 647. Kräuterbücher 647. Krankheits- und Heilmittellehren 648. Niederdeutsche naturwissenschaftliche und medizinische Literatur 64g. Kochbücher. Kalender 650 Grammatik und Sprache.......................... . 651 X. RENAISSANCE UND HUMANISMUS Anfänge 634. Der Ackermann aus Böhmen 655. Dr. Johann Hartlieb 65g. Niclas von Wyle 660. Heinrich Steinhöwel 663. Arigo 66$. Albrecht von Eyb 666 XI. DIE LITERATUR DES DEUTSCHORDENS IM 14J1S. JAHRHUNDERT Die Livländische Reimchronik 670. Nicolaus von Jeroszin 670. Drei andere Deutschordenschroniken 671. Rechtsliteratur 672. Heinrich von Hesler 672. Weitere geistliche Dichtungen 674. Legenden 676 XII. DIE MITTELNIEDERDEUTSCHE LITERATUR DES 14.J15. JAHRHUNDERTS Die geistliche Literatur............................ 677 Bibelübersetzungen 677. Johannes Veghe 678. Der Pfaffe Konemann 678. Von den sieben Todsünden 67g. Sammelhandschriften 67g. Gedichte von Jesus und Maria 680. Geistliche Lehren und Mahnungen 680. Allegorien 680. Spiegel 681. Weitere geistliche Gedichte 682. Lieder, Reimgebete, Sprüche 682. Mystische Schriften 683. Legenden 683. Das geistliche Schauspiel 683 XIV Inhaltsverzeichnis Lehrhafte Literatur............................. 686 Hermann Bote 686. Morallehren und Reisebücher 686. Das Buch Sidrach 68y. Sprüche, Rätsel, Fabeln 687 Die weltliche Literatur Lieder 688. Erzählungen 688. Versromane 68g. Prosaromane und Volksbücher 68g. Die weltlichen Spiele 6go. Rechtsliteratur 6go Nachträge und Berichtigungen........................ 691 Register.................................. 693 ERKLÄRUNG DER ABKÜRZUNGEN ad ............................... altdeutsch. ADB ............................. Allgemeine deutsche Biographie. Ad. Blätter ....................... Altdeutsche Blätter von haupt und Höpfmann, 2 Bde., 1836, 1840. ae ............................... altenglisch. afrz.............................. altfranzösisch. ags ............................... angelsächsisch. ahd............................... althochdeutsch. Ahrendt, Der Riese............... E. H. Ahrendt, Der Riese in der mhd. Epik, Diss. Rostock 1923. Ak ............................... Akademie. Anz .............................. Anzeiger für deutsches Altertum. Anz. f. Kde. d. dt. Vorz............. Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit. Arch .............................. Archiv für das Studium der neueren Sprachen. Aufriß ........................... Aufriß der deutschen Literaturgeschichte nach neueren Gesichtspunkten, hgb. von H. A. Korff und W. Linden, 2. Auflage 1931. Baechtold, LG ................... Jakob Baechtold, Geschichte der deutschen Literatur in der Schweiz, 1892. Bartsch, Liederdichter ............ Karl Bartsch, Deutscher Liederdichter des 12. bis 14. Jahrhunderts, 2. Aufl. 1878, 3. und 4. Aufl. von Wolfgang Golther, 1893, 1900. Bartsch, Quellenkunde ............ Karl Bartsch, Beiträge zur Quellenkunde der altdeutschen Literatur, 1886. Bolte-Polivka ................... Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm von Bolte und Polivka,3 Bde., 1913 ff. Brinkmann, Wesen und Form...... Hennig Brinkmann, Zu Wesen und Form mittelalterlicher Dichtung, 1828. Burdach, Ackermann .............. Konrad Burdach, Der Ackermann aus Böhmen. Vom Mittelalter zur Reformation, 3. Bd. 1. Teil, 1917. Burdach, Reinmar................ Burdach, Reinmar der Alte und Walther von der Vogelweide. Burdach, Vorspiel ................ Konrad Burdach, Vorspiel, Gesammelte Schriften zur Geschichte des deutschen Geistes, 2 Bde., 1925-1927. Cbl .............................. Literarisches Centralblatt. Cgm ............................. Codex germanicus monacensis (= Deutsche Handschriften der Staatsbibliothek in München. Cholevius, Gesch. d. dt. Poesie nach ihren antiken Elementen = Carl Leo Cholevius, Geschichte der deutschen Poesie nach ihren antiken Elementen, 1854. Cod. pal. germ ..................... Codex palatinus germanicus (= deutsche [Pfälzer] Handschrift der Universitäts-Bibliothek in Heidelberg. Diss .............................. Dissertation. DLz. (DLZ.)...................... Deutsche Literaturzeitung. Docen, Mise ...................... Miscellaneen zur Geschichte der teutschen Literatur, hgb. von Bern. Jos. Docen, 2 Bde., 1807. dt............................... deutsch. Dt. Vierteljahrsschr................. Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte. DWb ............................. Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. ebda ............................. ebenda Festg. f........................... Festgabe für . . . Festschr. f........................ Festschrift für ... Forschungen u. Fortschritte ........ Forschungen und Fortschritte. Nachrichtenblatt der deutschen Wissenschaft und Technik, frühmhd.......................... frühmittelhochdeutsch. XVI Erklärung der Abkürzungen Germ. Abh ........................ Germanistische Abhandlungen, hgb. von K. Weinhold und F. Vogt. GgA .............................. Göttinger gelehrte Anzeigen. Goedeke, Grundr. I 2 .............. Goedeke, Grundriß zur Geschichte der deutschen Dichtung, 2. Auflage. Golther, Gralb ................... Parzival und der Gral in der Dichtung des Mittelalters und der Neuzeit von Wolfgang Golther, 1907. Golther, Tristanb...............Tristan und Isolde in den Dichtungen des Mittelalters und der neueren Zeit von Wolfgang Golther, 1907. Gott. Nachr....................... Nachrichten von der Königl. Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen, philol.-histor. Klasse. W. Grimm, ZGdR ................ Wilhelm Grimm, Zur Geschichte des Reims, in: Kleinere Schriften von Wilhelm Grimm Bd. 4, 125-336. GRM ........................... Germanisch-Romanische Monatsschrift. Gröbers Grundr.................. Grundriß der romanischen Philologie, hgb. von Gustav Gröber. Grundr. (Grdr.).................... Grundriß. H................................ Heft. Hermaea ......................... Hermaea, Ausgewählte Arbeiten.aus dem germanischen Seminar zu Halle, hgb. von Philipp Strauch. hgb ............................... herausgegeben. H. Lied .......................... Hohes Lied. Hoffmann, Fundgr................ Hoffmann (von Fallersleben), Fundgruben, 2 Bde., 1830. 1837. Hs ............................... Handschrift. Jh............................... Jahrhundert. Jh.s ............................. Jahrhunderts. Iwand, Schlüsse ................... Käthe Iwand, Die Schlüsse der mhd. Epen, 1922. Kehr............................ Kaiserchronik. Keller, Fastnachtspiele ........... Adelbert von Keller, Fastnachtspiele, Lit.Ver. 28. 29. 30, 1853. Kl. Sehr.......................... Kleinere Schriften. v. Kraus, Mhd. Übungsb............ Carl von Kraus, Mittelhochdeutsches Übungsbuch, l.Aufl. 1912, 2. Aufl. 1926. Kuno Francke, Kulturwerte....... Kuno Francke, Die Kulturwerte der deutschen Literatur des Mittelalters, l.Aufl. 1910. LB ............................... Lesebuch. Lbl ............................... Literaturblatt für germanische und romanische Philologie. LG .............................. Literaturgeschichte. LG. I ............................ Teil I dieser Literaturgeschichte (ahd.); LG. II, 1 = Teil II, 1 derselben (frühmhd.); 11,2 derselben (mhd. Blütezeit). Lichtenberg, Architekturdarstellungen = Die Architekturdarstellungen in der mittelhochdeutschen Dichtung, 1931. LitVer.......................... Bibliothek des Literarischen Vereins in Stuttgart (Ausgaben). LLS............................. Lieder Saal, das ist: Sammelung altteutscher Gedichte, hgb. aus ungedruckten Quellen vom Reichsfreiherrn v. Lassberg, 4 Bde., 1846. MA .............................. Mittelalter. md .............................. mitteldeutsch. Merker-Stammler, Reallex.......Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, hgb. von Paul Merker und Wolfgang Stammler, 1925 ff. MF. oder MSF....................Minnesangs Frühling. mfrk.............................. mittelfränkisch. Mhd. Wb ......................... Mittelhochdeutsches Wörterbuch von Benecke, Müller, Zarncke. Migne ............................ Patrologiae Cursus completus, aecurante J.-P. Migne. mnd ............................. mittelniederdeutsch. Erklärung der Abkürzungen XVII mnld ............. ............. mittelniederländisch. MSD. I 3 bzw. II 3 .................. Müllenhoff und Scherer, Denkmäler deutscher Poesie und Prosa aus dem VIII. — XII. Jahrhundert Bd. I bzw. Bd. II, 3. Ausg. 1892. MSF .............................. Des Minnesangs Frühling, hgb. von Lachmann und Haupt, neu bearbeitet von Friedr. Vogt, 3. Ausg. 1920. MSH. oder v. d. Hagen MS.........Minnesinger von Friedr. Heinr. von der Hagen, 4 Teile, 1838 ff. Münchn. Mus ...................... Münchener Museum für Philologie des Mittelalters und der Renaissance, hgb. von Friedrich Wilhelm. Münchn. SB ....................... Münchener Sitzungsberichte. Nd. Jb........................... Niederdeutsches 'Jahrbuch. Nd. Kbl. oder Nd. Korrbl........... Niederdeutsches Korrespondenzblatt. Neophilol ......................... Neophilologus, Tijdschrift, Groningen. Neuphilol. Mitteil .................. Neuphilologische Mitteilungen, hgb. vom Neuphilologischen Verein in Helsingfors. NF.............................. Neue Folge. N. Jahrbücher .................... Neue Jahrbücher für das klassische Altertum, Geschichte und deutsche Literatur bzw. Neue Jahrbücher für Wissenschaft und Volksbildung. o. J.............................. ohne Jahr (keine Angabe des Jahres). Pal.............................. Palaestra, Untersuchungen und Texte aus der deutschen und englischen Philologie, hgb. von Brandl, Roethe und Erich Schmidt. pass .............................. passim. Pauls Grundr..................... Grundriß der germanischen Philologie, hgb. von Hermann Paul. Perg.............................. Pergament. Petersen, Joh. Rothe............. Julius Petersen, Das Rittertum in der Darstellung des Johannes Rothe, Quellen und Forschungen H. 106, 1909. Petzet, Catal...................... Catalogus Codicum manu scriptorum Bibliothecae Mo- nacensis, Die deutschen Pergament-Handschriften Nr. 1 bis 200 der Staatsbibliothek in München, beschrieben von Erich Petzet, 1920. Petzet u. Glauning, Schrifttafeln .. Erich Petzet und Otto Glauning, Deutsche Schrifttafeln des IX. bis XVI. Jahrhunderts aus Handschriften der kgl. Hof- und Staatsbibliothek in München, 1910. Piper, Aelt. dt. Litt................ Piper, Die älteste deutsche Litteratur, in: Deutsche National-Litteratur, hgb. von Joseph Kürschner, o. J. Piper, Höf. Ep.................... Piper, Höfische Epik, ebenda. Piper, Nachtr..................... Piper, Nachträge zur älteren deutschen Litteratur, ebenda. Preuß. Ak........................ Sitzungsberichte der Preußischen Akademie der Wissenschaften, Berlin. QF............................. Quellen und Forschungen zur Sprach- und Cultur- geschichte der germanischen Völker. Reg .............................. Register. Rehm, Todesgedanke .............. Walther Rehm, Der Todesgedanke in der deutschen Dichtung vom Mittelalter bis zur Romantik, 1928. Revue germ....................... Revue germanique, Paris. Roethe, Reimvorreden ............ Die Reimvorreden des Sachsenspiegels von Gustav Roethe, Abhandlungen der Königl. Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen, philol.-histor. Klasse, Neue Folge Bd. II Nr. 8, 1899. Roethe, Reinmar ................. Die Gedichte Reinmars von Zweter, hgb. von Gustav Roethe, 1877. Rol.Iied ........................... Rolandslied. Rom .............................. Romania, Zeitschrift, Paris. Rosenhagen, Geist des dt. MA.s___ Gustav Rosenhagen, Der Geist des deutschen Mittelalters in seinem Schrifttum und seiner Dichtung, 1929. XVIII Erklärung der Abkürzungen SA ............................... Sonderabdruck. SB ............................... Sitzungsberichte. Schiszel v. Fleschenberg, D. Adjektiv als Epitheton = Otmar Schiszel v. Fleschenberg, Das Adjectiv als Epitheton im Liebeslied des zwölften Jahrhunderts, 1908. Schneider, Wolfdietrich........... Die Geschichte und die Sage von Wolfdietrich von Hermann Schneider, 1918. Schröder ........................ Edward Schröder (unter „Schröder" ist immer „Edward Schröder" verstanden, wenn nicht ein anderer Vorname genannt ist). Singer, Religiöse Lyrik............ Samuel Singer, Die religiöse Lyrik des Mittelalters, 1933. Singer, Stil....................... Wolframs Stil und der Stoff des Parzival von S. Singer, Wiener Sitzungsberichte (Wiener SB.,) philosoph.-hist. Klasse, 180. Bd. 4. Abhandlung, 1916. Stammler, nd. LitGesch ............ Wolfgang Stammler, Geschichte der niederdeutschen Literatur, 1920. Stammler, Verfasserlex ............. Wolfgang Stammler, Die deutsche Literatur des Mittelalters, Verfasserlexikon, 1931 ff. Strauch, Enikel ................... Jansen Enikels Werke, hgb. von Philipp Strauch. Erste Abteilung. Die Weltchronik. Monumenta Ger- maniae Historica. Deutsche Chroniken und andere Geschichtsbücher des Mittelalters. III. Bd. 1. Abteilung, 1891. Teske, Thomasih ................. Hans Teske, Thomasin von Zerclaere, 1933. Trier, Wortschatz................. Jost Trier, Der deutsche Wortschatz im Sinnbezirk des Verstandes, 1931. Uhlands Schriften ................ Uhlands Schriften zur Geschichte der Dichtung und Sage, 8 Bde., 1865-1873. Voretzsch, Einf. ................ Carl Voretzsch, Einführung in das Studium der alt- französichen Literatur, 1905 ff. Wackernagel, LG. I 2 ............. Wilhelm Wackernagel, Geschichte der deutschen Literatur, 1. Bd. 2. Aufl. von Ernst Martin, 1879. Wagner, Archiv ................... Archiv für die Geschichte deutscher Sprache und Dichtung, hgb. von J. M. Wagner, erster (einziger) Band, 1874. Wb .............................. Wörterbuch. Wechssler, Kulturproblem ........ Das Kulturproblem des Minnesangs von Eduard Wechssler, Bd. I, Minnesang und Christentum, 1909. Wiener SB........................ Wiener Sitzungsberichte, philosoph.-hist. Klasse. ZfdA ............................. Zeitschrift für deutsches Altertum. ZfdPh ............................ Zeitschrift für deutsche Philologie. ZföG ............................. Zeitschrift für die österreichischen Gymnasien. ZfromPhil........................ Zeitschrift für romanische Philologie. ZfrzSpr........................... Zeitschrift für französische Sprache und Literatur. ZfvglLitGesch..................... Zeitschrift für vergleichende Literaturgeschichte. BLUTEZEIT ZWEITE HÄLFTE I. DIE ERZAHLENDE DICHTUNG A. DAS HÖFISCHE EPOS a) DIE JÜNGEREN ZEITGENOSSEN DER DREI MEISTER Durch Hartmann, Wolfram, Gotfrid hat die höfische Epik ihren klassischen Ausdruck gefunden, sowohl im Ideengehalt als in der Form. Mit Recht werden ihre Schöpfungen neuerdings mit dem Kennwort „hochhöfisch" bezeichnet; im Gegensatz dazu nennt man die Periode der Epigonen, die etwa mit der Mitte des 13. Jahrhunderts einsetzt und deren Hauptvertreter Konrad von Würzburg und der jüngere Titurel sind, „späthöfisch". 1 Im folgenden wird der Übersichtlichkeit wegen die Masse, der Zeitfolge entsprechend, in kleinere Abschnitte geteilt werden. An die drei großen Führer schließt sich eine Gruppe jüngerer Zeitgenossen an (etwa bis zum Jahre 1230), die unter ihrem Einfluß stehen und die Höhe ihrer Erzählungskunst nicht erreichen, aber als noch der gleichen Generation angehörend mit ihnen in der Beurteilung der Lebenswerte übereinstimmen. Ihnen schwebt wie jenen Führern ein ideales Rittertum als Wunschbild vor, aber es trägt nicht die vollgeprägten geistigen Züge. Hartmann hat die Schicksale des Erec und Iwein unter den Begriff der höfisch-ritterlichen Pflicht gestellt, Gotfrid entwirft im Tristan ein Kunstwerk feinster höfischer Bildung, Wolframs Parzival erreicht die höchste Stufe des geistigen Rittertums, seine ethische Idee, die Einheit von Mensch und Gott. Keiner ihrer unmittelbaren Nachfolger hat sie im geistigen Gehalt erreicht, auch sie stellten ritterliche Musterbilder auf, aber die Dichtung erreicht bei ihnen nicht die Stärke eines Symbols, die Hauptsache ist das romanhafte Geschehen; sie ist nicht mehr durchleuchtet von jener edeln Humanität. Auch für die Wortkunst haben die drei vorbildlichen Meister die Wege gewiesen. Die Nachfolger nehmen z. T. Hartmanns gemäßigten Erzählerstil auf, andere folgen Gotfrids Schönheit und Klarheit, wieder andere, in der späthöfischen Periode, mühen sich ab, Wolframs dunkle, verschnörkelte Art nachzuahmen. 2 Die wichtigsten Schriften über den Stil des höfischen Epos im allgemeinen: Burdach, Reinmar u. Walther pass.; Behaghel, Gesch. d. dt. Sprache, 5. Aufl. 1928, pass.; Kluge, Dt. Sprachgesch., 1920, 274 ff.; E. Hoffmann-Krayer, Gesch. d. dt. Stils in Einzelheiten, 1925. — Ehrismann, GRM. 1, 1909, 664ff.; Ders., ZfdPh. 42, 488 ff.; Singer, Wolframs Stil u. Stoff des Parz., Wiener SB. 180,1916; Ehrismann, Stud. üb. Rudolf v. Ems, 1919; 1 Kurt Herb. Halbach, Gottfr. v. Straßburg genannt. Das Mittel von Gotfrids Stil ist „der u. Konr. v. Würzburg, 1930, bes. S. 13. leichte Schmuck", ornatus facilis, Wolframs 2 Gotfrids Sprache kann man klassisch nennen, Manier hat den „schweren Schmuck", ornatus Stil; die subjektive Art Wolframs, der asianische difficilis (Brinkmann, Wesen u. Form, Reg. oder gallische Stil, ist Manier, wird auch „barock' S. 199). 4 Die erzählende Dichtung Vietor, Beitr. 46, 85-124; Meissner, Festschr. Walzel 1924 S. 21-38; Naumann, Gesch. der dt. Literatursprachen 1926 S. 13 ff.; Brinkmann, Zu Wesen u. Form mittelalterl. Dichtung, 1928, s. auch GRM. 15, 1927, 183-202; Gottfr. Weber, Wolfr. v. Esch., 1928, 155-307; F.W. Kaufmann, Der Monolog im mittelalterl. Epos, Diss. Chicago 1926; Emil Walcker, Der Monolog im höf. Epos, 1928; Kurt Herb. Halbach, Gottfr. v. Straßbg. u. Konrad v. Würzbg., „Klassik" u. „Barock" im 13. Jh., 1930. — Schneider, LG. S. 208-33. 490-92; Ders., Der geblümte Stil, Reallex. 1,413 f.; Markwardt, Poetik im Mhd., Reallex. 2, 685-87. — Siehe LG. II, 2, 32 f. u. ebda unter „Stil" bei Hartmann, Wolfram, Gotfrid. 1. Ulrich von Zatzikhoven, Lanzelet Lit.: Piper, Höf. Ep. 2, 163 ff.; Baechtold S. 87-91 u. Anm. S.27 f.; Singer, Die Schweiz im dt. Geistesleben, 1930, S. 68-72. 173 f.; Ders., ADB. 44, 733 f.; Bruce, Arthur, romance I, 192 ff.; II, 397 ff. — Ausg.: K. A. Hahn 1845. — Abhandl.: J. Bächtold, D. Lanz. d. Ulr. v. Z., Züricher Diss. 1870; Alex. Neumaier, D. Lanz. d. U. v. Z., Progr., Troppau 1884, dazu Behaghel, Lbl. 1885, 8 f.; Gaston Paris, Rom. 10, 1881, 465-96; Wend. Foerster, Wörterb. zu Kristian v. Troyes, 1914, Einl. S. 78; O. Hannink, Vorstudien zu einer Neuausgabe des Lanz. von U. v. Z., Gott. Diss. 1914 (darin Hss. u. Sprache); Cleophas Beywl, Reimwörterb. zu Ulrichs Lanz., Prager dt. Stud. 15, 1909, dazu Schröder, Anz. 34, 111, Ehrismann, DLz. 1911, 159 f., Helm, Lbl. 1911, 225 f.; Lichtenberg, Architekturdarstell. S. 83. — Stellen (nur neueste Lit.): Suolahti, Neuphil. Mitteil. 30, 1929, 142 f.; Rosenfeld ebda 31, 88 f.; Leitzmann, Beitr. 55, 1931, 293-305. — 2 Hss. u. Bruchst. von 2 Hss.: Piper aaO. S. 168; Menhardt, ZfdA. 66, 257-267; John L. Campion, Anz. 44, 140-150. Der Dichter nennt sich am Schlüsse der mcere von Lanzelete (9309 ff.) ,von Zatzikhoven Uolrich' und berichtet, daß Huc von Morville, einer der Geiseln, die der König von England (Richard Löwenherz) dem Herzog Leopold vonösterreich stellte und die später dem Kaiser Heinrich (VI.) abgetreten wurden (1194), da^ welsche (franz.) buoch besaß, das er, Ulrich, auf die Bitte von Freunden in deutsch zu dichten unternahm. Ein capellanus Uolricus de Cecinchovin (im Kanton Thurgau) plebanus (Leutpriester) erscheint in einer St. Galler Urkunde 1214. Nicht viel später als 1194 wird das liet (9314 und oft vorher) verfaßt worden sein. 1 Der Lanzelet ist ein biographischer Roman, er umfaßt das Leben des Helden von der Kindheit bis zum Tode. Die Erzählung besteht aus zwei verschiedenen Sagenkreisen, die durch einzelne unzusammenhängende Episoden erweitert sind (Schachtelkomposition). Der I. Teil, V. 41—4959 (1-40 Prolog), hat zur Grundgeschichte ein Feenmärchen: Eine Meerfei erzieht das Königskind Lanzelet nach dem Tode seiner Eltern in ihrem wonnevollen Inselreich zum höfischen Ritter; seinen Namen aber soll er erst erfahren, wenn er an dem König Iweret vom schönen Walde, einem Feind der Meerkönigin, Rache genommen habe (41-399). Herangewachsen zieht er in die Menschenwelt und besteht schwere Abenteuer: er erschlägt im Zweikampf einen. Burgherrn, Galagandreiz, und heiratet dessen Tochter (719-1364); das Spiel wiederholt sich, er erschlägt den Linier und gewinnt dessen Nichte (1365-2249), mit der er an Artus' Hof zieht (2250-3534). Dann also die Hauptsache: er erschlägt im Dienste Mabuz des Blöden, eines Sohnes der Meerkönigin, den Iweret, heiratet dessen Tochter Iblis (3535- 4660) und erfährt seinen Namen (4461-4959). 1 Über das zeitliche Vorrecht, ob Ulrichs Lanz. f. Heinzel S.434, u. Aufs. u. Vorträge S. 144 ff.; nach oder vor Hartmanns Erec falle, besteht Ders., Wolframs Stil S.61; Zwierzina, ZfdA. keine allgemeine Übereinstimmung. Gruhn, 45, 367f.; Jellinek, ebda 47, 267ff.; Zwier- ZfdA. 43, 265-302 (S.301); Wackernagel- zina, ebda 270f.; Schröder, ebda 51, 106; Stadler, A. Heinr. 1911 S. 9 f., 15; Singer, H. Schneider, Heldendichtung usw. S.500. LG. d. dt. Schweiz 1916, 42. —Singer, Festg. 1. Ulrich von Zatzikhoven, Lanzelet 5 Der IL Teil (4960—8040) beruht auf ganz anderer Grundlage, er gehört als Raub der Ginover der Lanzelotsage an: Der König Valerin verlangt von Artus dessen Gemahlin, wird von Lanzelet besiegt (4961—5415), folgen weitere Abenteuer Lanzelets, er gewinnt die Königin von Pluris und feiert wiederum eine „fröhliche Hochzeit" (5416-5573). Dann folgt die Mantelprobe: ein Mantel, der nur einer makellosen Dame paßt, ist den verschiedenen Schönen der Tafelrunde bald zu kurz, bald zu lang, nur der treuen Iblis sitzt er untadelig (5574-6228). Lanzelet, von Artusrittern abgeholt, brennt der Königin v. Pluris durch (6229-6672). Ginover wird befreit. Dann erlöst Lanzelet eine in einen Drachen verzauberte Jungfrau durch einen Kuß (7817-8040). Schluß (8041— 9432): Lanzelet nimmt sein und der Iblis Reich in Besitz, beide herrschen lange in Freuden und sterben am gleichen Tage. Die Quelle des Stoffes ist die keltische, irische Heldensage, die auf dem Mythus vom Jenseits beruht. Das Thema des ersten Teiles lautet als bekannte Märchenformel: Verlockung eines Helden durch eine Fee mit dem Zweck, ihn zu ihrem Rächer an ihrem Feind zu erziehen. Die beiden Vorstellungen von der andern Welt, die glücklichen Inseln mit den freundlich gesinnten Gottheiten, den Feen, und das Totenreich der feindseligen Dämonen sind hier vertreten durch das maienwonnige Eiland der Meerfei und andererseits durch das Totenschloß, Schatel le mort, des bösartigen Mabuz (3550), auch durch die Burg Limors des Liniers. Auch der II. Teil, der Raub der Ginover, 1 stammt aus demselben keltischen Volksglauben: Valerin, der Herr vom Verworrenen Tann, ist die vermenschlichte Umbildung des Todesdämons. Ulrichs Vorlage, „das wälsche Buch" des Huc v. Morville 2 ist uns verloren, große Beliebtheit hatte dagegen der Lancelot Chrestiens v. Troyes, genannt conte de la charette, Karrengeschichte. Ulrichs französische Vorlage war älter als Chrestiens Karrenritter, beide aber gehen auf eine gemeinsame — verlorene — französische Vorlage zurück. Aus der gleichen französischen Urfassung der Lanzelotsage wie Chrestiens und Zatzikhovens Versromane stammt auch der französische Prosaroman (um 1225), der dann weite Verbreitung fand (italienisch, spanisch, portugiesisch, altenglisch, mittelniederländisch) und auch in verschiedenen Versionen ins Deutsche übertragen wurde. 3 Ein Bruchstück dieses ältesten deutschen Prosaromans, mit nieder- 1 Der Raub der Ginover war eines der bekannte- geburt d. Epos 1910, 50; Ders., Aufs. u. Vortr., sten Artusabenteuer, Hartmann erzählt ihn im 1912, 155 ff.; Ders., Wolframs Stil, 1916, 124; Iwein 429M302. 4526-4726, Wolfram spielt im Ders., Literis 3, Sept. 1926, 129. Parz. darauf an (VII, 343, 19 ff. 387, 1 ff.; XII, 3 Arthur Peter, Die dt. Prosaromane von 8 ff. Rosenhagen, Festschr. Sievers 1896, 231- Lanzelot, Germ. 28, 129-85; Ders., Ulr. Füete- 36; Ders., ZfdPh. 29, 150 ff. — Auch viele ein- rers Prosaroman v. Lanzelot hgb., LitVer. 175, zelne Motive in Ulrichs Gedicht gehören zum 1885. — Konr. Hofmann, Über ein nd. Lance- Bestand der Artusromane und finden sich auch lotfragm., Münchn. SB. 1870 II, 1, 39-52; Be- sonst:Lanz.426ff. (geißelschlagender Zwerg) im haghel, Germ. 23, 441-44; Rosenhagen, Erec; 3601 ff. (geistige Umnachtung) u. 3889ff., ZfdPh. 29, 153 f.; Schröder, ZfdA. 59, 161 f. 4185 ff. (Zauberquelle) im Iwein; Parz. wächst 60, 148-51; Ders., Neuphil. Mitteil. 33, 1932, ebenfalls in der Menschenferne auf; Lanz. 1113ff. 22-26. — Bobertag, Gesch. d. Romans I, (Messerkampf) u. 7817 ff. (Drachenkuß) im 1876, 57; Scherer, Anfänge d. dt. Prosa- Wolfdietrich, romans, QF. 21, 1877 S. 10. — Märtens, Zur 2 Frz. Quelle: Golther, ZfrzSpr. 22,2 (1900); Lancelotsage, Rom. Stud. 5, 557 ff.; Firmery, Gruhn, ZfdA. 43, 301; Rosenhagen, ZfdPh. Notes crit. sur quelques traductions allemandes, 29, 150 ff.; Ders., Untersuchungen üb. Daniel 1901, 146-50. — Goedeke, Grundr. I 2 , 353. v. Blühenden Tal 1890, 65 A; Singer, Wieder- 6 Die erzählende Dichtung deutschen, aber aus dem Oberdeutschen umgeschriebenen Formen, stammt noch aus dem 13. Jahrhundert, vollständig ist er in mehreren Handschriften des 15. Jahrhunderts erhalten. Ulrich Füetrer hat diesen deutschen Prosaroman auch in Prosa überarbeitet und ihm dann auch in seinem Buch der Abenteuer poetische Form gegeben (1487, s. unten bei Füetrer). Ein „spei van Lancelot" wurde 1412 in Aachen aufgeführt. 1 Bei Chrestien und in den Prosaromanen, also in der mittelalterlichen Vulgatauffassung, ist Lancelot das Musterbild eines höfischen Ritters 2 in seiner Tapferkeit, mehr noch aber als Minnebuhler. Die nach der höfischen Minnetheorie einer verheirateten Dame entgegengebrachte Huldigung wird hier bis zum Ehebruch glorifiziert, und dieses Reizmittel schuldbeladener Liebe ist es, was dem Lancelotroman in der Folge die große Beliebtheit verschaffte, einer Liebe, die den rührendsten Ausdruck gefunden hat in der selig-unseligen Leidenschaft, die Paolo und Francesca für die Ewigkeit an- einanderschmiedete (Dante, Göttl. Kom. Hölle, Gesang V). Ulrichs Lanzelet ist nicht berührt von dem Verständnis einer neuen, höheren Kunst, obgleich der Dichter Hartmanns Erec kannte, wie aus wörtlichen und sachlichen Anklängen hervorgeht. 3 Die Sprache 4 ist nicht rein von Mundartlichem, und der Ausdrucksweise fehlt stilistischer Charakter, sie hat kein eigenes Gepräge und ist noch nicht frei von veralteten Worten. Auch der ganze Aufbau ist ungeschickt, die gleichen Geschichten werden mehrfach fast unverändert wieder aufgetragen, es sind mehr nur lose aneinandergereihte Szenen; wenn eine Person ausgespielt hat, verschwindet sie einfach vom Schauplatz. Auf Unterhaltung durch merkwürdige Begebenheiten ist es abgesehen, seelische Probleme kennt diese am Äußeren haftende Erzählungsweise nicht. Der Grundfehler liegt in der Arbeitsweise des Urhebers der französischen Quelle: er häuft Abenteuer und Motivwiederholungen aufeinander, ohne eine innere Verbindung im Charakter des Helden herzustellen, daher die abstoßenden Wiederverheiratungen des wipsceligen Lanzelet (5529), sogar mit Mädchen, deren Väter (bzw. Oheim) er erschlagen hat. 1 Rud. v. Ems erwähnt Ulr. v. Z. im Alex. F. Piquet, De vocabulis quae ... a Gallis Ger- 3199 ff. u. im Willen. 2193 ff., Püterich in mani assumpserint, Paris 1898 S.93; Emil seinem Ehrenbrief (s. unten). Lanzelet benutzt Ohmann, Stud. über die frz. Worte imDeutschen, im Herz. Ernst B s. LG. 11,2,51. — Lanze- Helsingfors 1918 S. 145; Suolahti, Mem. de la lot als Personenname, E. Kegel, Verbreitung Soc. neo-phil. de Helsingfors VIII, 1929, pass. der mhd. erzählenden Lit., Hermaea H. 3, 1905, — Stil: G. N. Schilling, De usu dicendi Ulrici 124 ff. de Z., Hall. Diss. 1866; Paul Schütze, Das 2 Myrrha Lot-Borodine in Medieval Studies volkstüml. Element im Stil U.s v. Z., Greifsw. in Memory of Gertrude Schoepperle-Loomis, Diss. 1883; Heinzel, Kl. Sehr. S.76ff.; Hel- 1927, 21—47. mut Peetz, Der Monolog bei Hartmann, Greifsw. 3 Anklänge finden sich auch an Veldekes Dj ss. 1911; Ad. Behren, Die Kunst der Per- Eneide, Eilharts Tristrant: Behaghel, En. sonenschilderung bei U.v.Z., Greifsw. Diss. S.CCVIIIff., Germ. 25, 344-347; Lichten- 1913; Brinkmann, Wesen u. Form S. 127f. stein, Eilh. S. CXCV; P. Schütze S. 37ff. 142. — Metrik: C. Kraus, Metr. Untersuchungen « Sprache: Zwierzina, Anz. 26 Reg. S. 356. 27 ™ Reinbot S. 167 ff.; C. v. Kraus, ZfdA. 56, Reg. S.352; Singer, Schweizerdeutsch, 1928, ^ 9M - S.81 ff.; Ders., ZfdVolkskde. 1929, 69-71. — 2. Wirnt von Grafenberg, Wigalois 7 Zwei Lebensbereiche gehen durcheinander, die Märchenwelt 1 und die höfische Kultur. Sie sind nicht zu einer harmonischen Einheit verschmolzen, und das keltisch Märchenhafte ist nicht restlos in das ritterliche Gesellschaftskostüm gekleidet. Daraus und aus der bloß äußerlichen Komposition der Erweiterung durch Motivwiederholung erklären sich jene moralischen Ungeheuerlichkeiten. Der Held selbst ist in seinem Schicksal das Glückskind des Märchens: der scelige Lanzelet (5242 u. ö.), der sceligeste man (7800), er enwei^ nicht wa.3 trären ist (1340). Das Motiv von der Erschlagung des Vaters und der Heirat der Tochter stammt aus dem Märchen und letztlich aus einer primitiven Unterschicht: Galagandreiz ist der Menschenfresser, 2 die Tochter ist das Mittel, um das unglückliche Opfer anzulocken. So liegt die Lüsternheit dieser Mädchen in ihrer ursprünglichen Märchenart. Aber so wie das Gedicht nun einmal vorliegt ohne Berücksichtigung der Entstehung des Stoffes, erregt der Mangel an sittlichem Empfinden unser Erstaunen. Welch ein Unterschied zwischem dem bloß sinnlich Triebhaften in diesem „wälschen Buch" und Chrestiens Karrenritter, wo die Minne in dem Helden hohe Seelenkräfte wachruft! 2. Wirnt von Grafenberg, Wigalois Ausg.: Benecke 1819, dazu W. Grimm, Kl. Sehr. 2, 235 ff.; Franz Pfeiffer 1847; J. M. N. Kapteyn, Rhein. Beitr. 9, 2 Bde. 1926 (II Text), dazu Gierach, DLz. 1926,1659 ff., Behaghel, Lbl. 1928, 408 f., Leitzmann, ZfdPh. 54, 254-56, Stammler, ZfDtschkde. 1928, 813, Maurer, Teuthonista 3, 81 f., Blöte, Museum 35, 122-24, Franz Rolf Schröder, GRM. 16, 486. — Abhandl.: Saran, Beitr. 21, 253^120. 22, 151-57; Kapteyn, Bd. II; Jungandreas, Wig. in d. Kudrun, ZfdPh. 54, 23 ff.; Lichtenberg, Architekturdarstellung S. 46 f. 83-85. 101. — 13 Hss. u. 21 Fragm., Kapteyn I, l*-70*; s. auch C.v. Kraus, ZfdA.55, 298-301; Schröder, Anz. 41, 94. 48, 213; Wilhelm u. Newald, Poet. Fragmente des 12. u. 13. Jh.s, 1928. Gewandter in der Form und stärker von höfischen Idealen beseelt als Ulr. v.Zazikhoven folgt Wirnt v. Grafenberg in seinem 1204-1209 3 verfaßten Wigalois 4 den Spuren Hartmanns und Wolframs. Seinen Namen gibt er selbst an, im Prolog 9, 1 = V. 141 und 269,30ff. = V. 10574ff. Er war ritterlichen Standes, sein Heimatort, Grafenberg, liegt zwischen Nürnberg und Bayreuth, als Ostfranke war er Landsmann Wolframs. Obwohl Zeitgenosse von Hartmann und Wolfram ist er doch schon der richtige Epigone, seine Kunst verdankt er wesentlich ihrem Vorbild. 5 Zuerst folgt er dem Einfluß Hartmanns, 1 Ehrismann, Märchen im höf. Epos, Beitr. 30, sind also 1204 beendet, das Ganze vor 1209. 21-30; R. S. Loomis, Celtic Myth and Arthur- 4 Der richtige Name des Helden ist Gwi von ian Romance 1927 Reg. S. 367; J. L. Weston, Gälois, wie er sich 44,30 = 1574 selbst nennt. A shricking bog, Folk-Lore 34, 379 f. Vgl. Kapteyn Bd. 1 Vorw. S.VIII. 2 Vgl. H. Naumann, Primitive Gemeinschafts- 5 Nachgeahmte Stellen: Lachmann, Vorrede kultur, 1921, 91. zu Wolfr. S.XIX, Lesarten zu Iwein 1328. 3 Zur Abfassungszeit: Lit. bei Saran, Beitr. 21, 4533; H. Eckert, W. v. Gr. und sein Sprach- 267; s. auch Schröder, GgA. 1882,32 u. Ritter- gebrauch im Verhältnis zu H. v. Aue, Progr. mseren 1 S.XIII. Anhaltspunkt für die Ab- Stettin 1875; Meisner, W.sv. Gr. Verhältn. zu fassungszeit gibt die Erwähnung der Totenklage seinen Vorbildern, Germ. 20, 421-32; Spren- um den fürsten von Merdn (Herz. Berthold IV. ger, ebda S. 432-37; O. Böhme, ebda 35,257- [s. Herz. Ernst, LG. II, 2,49 f. 57], f 1204) 206, 286; Bruno Pudmenzky, Hall. Diss. 1875; 37 ff. = V. 8061 ff. (s. Schröder, ZfdA. 67, Rich. Medem, Progr. Danzig 1880; Rich. 216 f.). Die ersten zwei Drittel bis zu jener Stelle Bethge, W. v. Gr., 1881 S. 30 ff., dazu Martin, 8 Die erzählende Dichtung aber bei etwa 161, 20 = V. 6244 hat er Wolfram kennengelernt — die ersten sechs Bücher des Parzival (auch die Vorgeschichte Gahmurets) — und wird von ihm stärker angezogen, allerdings nicht von seinem dunkeln Stil. Ihm zollt er die höchste Verehrung: „ein wise man von Eschenbach ..., leien munt nie baz gesprach" (163, 39 ff.) = V. 6343 ff. (LG. II, 2, 223. 232). Im Prolog (5,1-9 = V. 1-144) legt er sein Programm 1 dar: er will den nach Ehren Strebenden gute Lehren geben und Vorbilder aufstellen an Rittern, die in der Welt den höchsten Preis erwerben und doch nach Gottes Lohn dienen, das ist die Ethik des ritterlichen Tugendsystems (LG. II, 2, 23). Nur für Laien und als ritterlich-weltliches Bildungsmittel denkt er sich sein Werk, nicht als ein erhabenes, religiöses Erbauungsbuch. Jene Grundsätze — gute Lehre geben mit dem Ziel der Vereinigung von Welt und Gott — bilden den ethischen Unter ton des Romans und verleihen ihm einen über bloßen Unterhaltungsstoff hinausgehenden Wert. Damit zusammen hängen die häufigen lehrhaften Betrachtungen und Allgemeinsprüche. 2 Die Vorgänge der ganzen Abenteuergeschichte sind begleitet von einer religiösen Denkweise, die in zahlreichen frommen Wünschen, Bitten und Äußerungen der Personen durchbricht, besonders aber in der Lehre, die Gawein seinem Sohne zum Abschied gibt (293, 17ff. = V. 11521 ff.), und dann in den Schlußworten (298 ff. = V. 11700-05): solche Einschläge führen zu einem überzeitlichen Gehalt. Freilich hat dieser religiös-lehrhafte Bestandteil dem Stoff nur eine gewisse Färbung gegeben, ohne daß das wirre Abenteuerwesen organisch mit einer durchgehenden höheren Idee durchdrungen wurde. Inhalt: Vorausgeschickt ist diesem biographischen Roman (11780 V.) eine Vorgeschichte der Eltern. Gawein wird am Artushofe von 1 einem Ritter Joram gefangen genommen, in dessen Wonneland am Meer gebracht und dort seiner Tochter Florie vermählt. Nach einem halben Jahre nimmt er Abschied mit dem Versprechen, nicht lange auszubleiben, aber er kann den Rückweg nicht finden. Sein und Floriens Sohn Wigalois zieht, herangewachsen, aus, den Vater zu suchen. Auf diesem Wege besteht er eine Masse von Abenteuern, die großenteils in den Rahmen einer Befreiungsgeschichte eingesponnen sind: Die Königin von Korntin und ihre Tochter Larie sind durch einen ungetreuen Vassallen, Roaz von Glois, der den König erschlagen hatte, ihres Landes beraubt.Wigalois ersticht im Zweikampf diesen, einen mit Zauberkünsten ausgestatteten Teufelsbündler, in seiner Feuerburg. Ende gut, alles gut, Wigalois und Larie vermählen sich, bald darauf kommt Gawein in ihr Land Korntin, es folgen weitere Abenteuer und ein Fest an Artus' Hofe. Wigalois und Larie herrschen noch lange in Reichtum und Ehren ohne Makel. Deutlich tritt der keltisch-irische Grundstock hervor, 3 der Mythus vom Jenseits: das Feenland des Joram, das Totenreich des Roaz, der irische Toten- Anz. 8, 170, BÖTTICHER, ZfdPh. 14, 117 ff. Max Irrgang, Zum Wig., Hall. Diss. 1887 Zwierzina, Festr. Heinzel 1898 S.500 Anm.2 Ehrismann, ZfdA. 49, 418. — Die äventiure hat ,bezeichenunge' der zuht unde der wärheit, sie hat symbolischen Gehalt: Thomasin, W. Gast 1041— Schirokauer, Beitr. 47,48. 97 f. — Der Liebes- 1162. brief: Wig. 224,15-35 = 8759 Nachahmung von 2 K. Rochels, Über die religiösen u. sittl. Be- Parz. 715, 1—30? Ernst Meyer, Die gereimten merkungen in dem Ritterroman ,Wigalois', Liebesbriefe, Marbg. Diss. 1898 S.46; Schiro- Progr. Eupen 1901; R. Latzke, Über die sub- kauer S.98; Symons, Kudrun 2 S.XCIII Anm. jektiven Einschaltungen inW.sWig., ZföG.57, — Wirnt hat auch die Eneide gekannt: Be- 1906, 361-85. hachel, En. S.CCXXIIff. 3 Ehrismann, Beitr. 30, 30-35; Arthur C. L. 1 Schwietering, Demutsformel S. 83-89; Brown, Iwain (s. LG. II, 2, 135 A. 1) S. 80 f. 2. Wirnt von Grafenberg, Wigalois 9 mythus ist in den christlichen Höllenglauben übertragen und der Totendämon ist zum Teufelsbündler geworden. So ist der Entwurf des märchenhaften Grundstoffes der gleiche wie im Lanzelet: I.Teil, Verlockung ins Feenreich; II. Teil, Eindringen ins Totenreich. Was man die eigentliche Wigalois- sage nennen kann, ist: Befreiung einer bedrängten Fürstin, verbunden mit der Teufelsbündlersage. Über seine Quelle 1 äußert sich Wirnt am Schluß 297, 22 ff. = V. 11686ff. (s. auch 20, 15 ff. = V. 595 ff.): er hat die äventiure aus dem Munde eines Knappen erfahren. Das Original (0), ein französischer Versroman, ist nicht mehr erhalten, aber verwandt mit diesem ist der französische Roman Li Bei Inconnu (Li beaus desconeus) des Renaud de Beaujeu für Wig. 42, 9-86, 30 = V. 1473-3254. Außerdem hat Wirnts Gedicht einige wichtige Teile mit dem afrz. Papageienroman gemein (Prosaroman Chevalier au papegau). Das französische Original und der Papageienroman haben aus der gleichen (verlorenen) französischen Quelle geschöpft. Von der Verbreitung und Beliebtheit des Wigalois zeugen die vielen Handschriften. Bei den nachfolgenden Dichtern stand er in hohem Ansehen, 2 auch wurde sein Wigalois noch lange später neu bearbeitet, 3 dem betreffenden Geschmack entsprechend: Ulrich Füetrer nahm ihn in sein Buch der Abenteuer auf, in Prosa bearbeitet wurde er 1472, und diese Bearbeitung wurde dann oft als Volksbuch gedruckt, 4 auch ins Dänische und von da ins Isländische übersetzt, und im 16. Jahrhundert brachte Josel Witzenhausen 5 das Volksbuch in j üdisch-deutsche Reime (Von König Artus Hof... und von dem berühmten Ritter Widuwilt), die dann 1786 wieder in Prosa aufgelöst wurden, in der travestierenden Manier der Aufklärungszeit als „ein Ammenmärchen" behandelt. Aber bedeutsamer als alle diese literarischen Nachwirkungen ist, daß Wirnt zum Träger einer das christliche Gemütsleben auf tiefste ergreifenden Vor- A. 1; Ders., Publications of the Mod. Lang. Ass. (Panzer S. CXV ff.)- In der Kudrun trägt eine of America 20, 1905, 697 ff.; Bolte-Poüvka 1, Nebenperson den Namen Wigaleis (Str. 582. 547. — Müllenhoff, ZfdA. 11, 254 f. 715. 959; Martin, Große Ausg. zu Str. 582; 1 Quellenforschung: Saran aaO.; Lit.: Saran, Symons, Ausg. 2 S. XCIII A. u. Str. 582; Pan- Beitr. 21, 281; später: Wechssler, Vollmöllers zer, Hilde-Gudrun S.237. 291. Im Volksbuch Roman. Jahresber. 4, 2 (1901), 398; Singer, vom gehörnten Siegfried (Golther, Das Lied Wolframs Stil S. 124; Golther, Gralbuch vom Hürnen Seyfried S. 61 f.). Im Wolfdietrich S. 124 ff. — Schneider, Wolfdietr. Reg. S.409. (Schneider, Wolfdietr. Reg. S.419). Im Bite- 410. rolf (Rauff, Untersuchungen z. Biterolf u. Diet- 2 Pfeiffers Ausg. S. XVI f.; Heinr. Meisner, leip 1907; Leitzmann, Festschr. Sievers 1925, Wirnt v. Gr., Beitr. zur Beurteilung seiner lite- 550-553). — Keine Beziehungen zwischen Wiga- rarhistor. Bedeutung, Brest Diss. 1874, 1-18; lois u. Winsbeke: Leitzmann, Beitr. 13, 275- Saran, Beitr. 21, 257 f. 22, 151. —Heinr. v. d. 77. — Der Name Wigalois drang auch ins Türlin beruft sich auf ihn,Krone2942.2949(NiED- Privatleben als Personenname (Panzer, Fest- ner, Das dt. Turnier, 1881, 16); Rud. v. Ems sehr. Sievers 1896, 210; Kegel, Verbreitung der preist ihn im Alexander 3192-98 (Junk, Beitr. mhd. erzählenden Lit. S. 102 ff.). 29, 425) und im Willehalm 2201-05; Püterich in 3 Beneckes Wigalois-Ausg. S.XXVII-XXXI; seinem Ehrenbrief (1462). Entlehnungen in Meisner aaO. Strickers Daniel (Rosenhagen, Untersuchun- * Goedeke, Grundr. I 2 , 342. gen über Daniel..., 1890, pass.); Wigamur 5 Schröder, ZfdA. 38, Ulf.; Leo Landau, (Sarrazin, Wigamur, QF. 35); bei Herm. Hebrew-German romances and tales usw. I. Ar- Fressant (H.-Fr. Rosenfeld, Mhd.Novellen- thurian legends. Teutonia H. 21, 1912; dazu stud. 1927, 38 ff.); im Seifrid de Ardemont Petsch, Arch. 132, 175-81. 10 Die erzählende Dichtung Stellung geworden ist. Das geschah in Konrads v. Würzburg Erzählung von Der Welt Lohn. 1 Die Keimzelle dazu, daß Wirnt für einen Minner der Welt angesehen werden konnte, liegt in dem Prolog zum Wigalois 9, 2-4 = V. 142- 144. Das Bild, das Konrad v. Würzburg von Wirnt entwirft, entspricht nicht seinem Charakter, wie er in seiner Dichtung sich offenbart. Nur einseitig als Weltkind ist er gezeichnet, nicht aber als jener Vollmensch, der seine weltlichen Pflichten erfüllen, doch immer Gott vor Augen haben soll. In der Ausdrucksweise 2 hält sich Wirnt mehr an die einfache Art Hartmanns, erreicht aber nicht dessen Sorgfalt, Klarheit und Schmiegsamkeit. Der metrische Bau 3 der Verse ist technisch solid, jedoch ohne besondere Ausdrucksfähigkeit. Eine Eigentümlichkeit sind die Dreireime, die den Schluß von Abschnitten markieren. 3. Heinrich von dem Türlin, Die Krone Ausgabe: Scholl, LitVer. 27, 1852. — Lit.: Piper, Höf. Ep. 2, 242-302; Max Ortner, Ca- rinthia 102, 1912, 94-100 (Lit. von 1852-1912); Erich Gülzow, Zur Stilkunde der Krone H.s v. d. T. Teutonia H. 18, 1914 (ausführl. u. vollst, bis 1914) u. Beitr. 50, 31. 8; Bruce, Arthurian romance II, 1923, 342 ff., Reg. S. 425 (s. LG. II, 2, 133 A. 1); Singer, ADB. 39, 1895, 20 f. — Nachträge zu Gülzow (meist nach 1914): Singer, Wolframs Stil S. 125; Öhmann, Beitr. 48, 137 f.; Orlowski, La damoisele ä la mule, Paris 1911; Schwietering, Demutsformel S. lOff. 55 f.; Singer, Aufs. u. Vortr. S. 158; Ders., Die Artussage, 1926, 11 f.; Golther, Gralbuch S. 215-31, Reg. S. 370); Ders., Parz. in der dt. Lit., 1929, 36 f.; Loomis, Celtic Myth and Arth. Rom. Reg. S. 366; Güntert, Kundry S. 27; Wilhelm u. Newald, Poet. Fragm., 1928. — 5 Hss., 4 Bruchst.: Piper aaO.; Scholl S.Vff. — Die umfassenden Abhandlungen: Reissen- berger, Zur Krone H.s v. d. T., Progr. Graz 1879; Schönbach, Beitr. 33, 340-72; Graber, ZfdPh. 42, 154-88. 287-331; Warnatsch, Der Mantel, 1883; Lichtenberg, Architekturdarst. S. 38-41. 47-52. 87. 105; J. Schatz, Zur Hs. V der Krone, ZfdA. 69, 336. — Textkrit.: Krüger, ZfdA. 32, 143 f.; Singer, ebda 38, 250-72 u. Prager dt. Stud. 8, 311; Ehrismann, Beitr. 20, 66-78; Leitzmann, ebda 49, 444-56; Gülzow S. X-XIV u. 228^18. Die Krone Heinrichs von dem Türlin ist einer der umfangreichsten, aber auch wirrsten höfischen Romane (30000 V.), der erste, der in Österreich entstand. Der Dichter nennt sich in einem Akrostichon 4 (182-216) und V. 246 f. 10443, (s. auch 8774). Von seinen Lebensverhältnissen berichtet er nichts. Wie aus der Sprache hervorgeht und aus seiner Kenntnis kärntnischer Geschlechter zu schließen ist, war seine Heimat 5 Kärnten, und wahrschein- 1 Wackernagel, ZfdA. 6, 151-55; Saran, Iwand, Schlüsse der mhd. Epen; Walker, Beitr. 21,254-56; Schwietering, Demutsformel Monolog. Fremdwörter: Piquet, De vocabulis S. 84-89; Rostock, Dichterheldensage S. 18-20; usw.; Suolahti, Mem. de la Soc. neo-phil. de Schneider, Festschr. Ehrismann 1925, 120; Hels. VIII. Niewöhner, Anz. 45, 21. 3 Metrik: Irrgang aaO. S.7 ff.; C. Kraus, Metr. 2 Stil: W.Grimm, Kl. Sehr. 3, 246; Friedr. Untersuchungen über Reinbot 1902, 167ff.; Hausen, Die Kampfschilderungen bei H.v.Aue C. v. Kraus, ZfdA. 56, 31 ff.; Schirokauer, u. W. v. Gr., 1885; Irrgang aaO.; Helm, ebda 47, 48 u. 68; Laura Greulich, Reim- Peetz, Der Monolog bei H. v. Aue usw., Greifsw. Studien zu W. v. G., Heidelbg. Diss. 1914; Diss. 1911; Max Salzberg, D. Adjektiva als Dreireime: Meisner S.26-38 jZwierzina, ZfdA. poet. Darstellungsmittel bei W. v. Gr., Marbg. 45, 319f. Diss. 1919; Roman Stöger, Das persönl. Attri- 4 Bartsch, Germ. 25, 96 f. but bei W. v. Gr., Grazer Diss. 1921. — Ilg, 6 Reissenberger S. 20-34; Schönbach, Beitr. z. Gesch. d. Kunst usw. S. 120-34; pas- Beitr. 33 aaO.; Gruber aaO. pass.; Kluck- sim bei Wahnschaffe, Enjambemest; Käthe höhn, ZfdA. 52, 162. 3. Heinrich von dem Türl!n, Die Krone 11 lieh gehörte er dem urkundlich öfter belegten, angesehenen Bürgergeschlecht gleichen Namens in St. Veit in Kärnten an. Für die Abfassungszeit ist bestimmend sein Nachruf auf den um 1210 verstorbenen Hartmann (2348- 2455), wonach die Krone also zwischen 1215 und 1220 gedichtet ist. Er hat, wie seine Kenntnisse in der lateinischen Literatur und eingestreute lateinische (bzw. italienische) Wörter schließen lassen, eine gute Schulbildung genossen. Über den Titel 1 ,Krone' gibt er am Schluß (29890) eine längere Auslegung: er vergleicht sich einem Goldschmied, der eine goldene, mit edeln Steinen geschmückte Krone verfertigt; mit dieser will er die edlen Frauen krönen (29989 ff.), die Edelsteine sind die erzählten Abenteuer. Mehr als jeder andere mhd. Romandichter sucht Heinrich v. d.T. durch die erdrückende Stoffmasse zu wirken. Dabei durchbricht die Einschachte- lung immer wieder den geraden Verlauf der Ereignisse, so daß der Verf. sich oft selbst nicht mehr zurechtfindet und in Widersprüche verwickelt. Der Dichter war sich offenbar über den Arbeitsstoff nicht klar, denn am Anfang behauptet er, er wolle von künec Artus ein meere sagen (218 f.), am Schluß heißt es, daj alle äventiure vonGäweines tiure sagent (29913-15). Aus dem anfangs geplanten Artusroman ist ein Gaweinroman geworden. Im Gesamtumfang ist das Gedicht ein Gaweinroman, der sich vor dem Hintergrund des Artushofes abspielt, nur daß Artus stärker in die Handlung eingreift. Auf Schritt und Tritt stößt man dabei auf bekannte oder entlehnte Motive (Becherprobe: nur wer in der Minne treu ist, kann ohne Verschütten aus dem Becher trinken [918-3131]; Handschuhprobe [22990-24692]; Raub der Ginover; das Maultier ohne Zaum u.a.). Von 12611 an ist Gawein, der jedoch auch schon vorher geabenteuert hat, der Held der Erzählung. Seine Taten lassen sich in zwei Hauptgruppen zusammenfassen: Zusammentreffen mit zwei Zauberern, einem freundlich gesinnten, Gansguoter, und einem feindseligen, Fimbeus. Gegenüber diesen platten Geschichten gewinnt das dem Parzival Wolframs und Chrestiens (bzw. dem ungenannten Fortsetzer) nachgebildete Gralabenteuer Gaweins. Auch er tut die Frage, aber Heinrich v. d. Türlin hat keine Ahnung von der tiefen Symbolik des Wolframschen Grals, und für ihn ist er nur ein Abenteuer unter andern, Gawein bleibt bis zum Schluß der Chevalier errant, der Gefahren aufsucht (25837). Und eben dadurch, daß der Dichter meint, seinen Gawein mit dem Parzival Wolframs und Chrestiens in Konkurrenz treten lassen zu können, beweist er seine eigene Minderwertigkeit. 2 Während der Lanzelet und der Wigalois deutlich die Grundzüge keltischirischer Mythologie und Sage erkennen lassen, deutet in der Krone der Stoff nur in einzelnen Episoden auf solchen Ursprung hin. Hier sind die ritterlichen 1 Schwietering, Demutsformel S. 55 ff. — sind Zusatz eines Schreibers. Pfeiffer, Anz. Rud. v. Ems faßt in seinem Alexander (3219- f. Kde. d. dt. Vorz. 1854, 32; Haupt, ZfdA. 13, 28) den Namen AHer äventiure kröne als Krö- 321-23; Graber, ZfdPh. 42, 329-31 (da- nung, Gipfel aller Abenteuerromane auf. gegen Ortner, ebda 44, 215-18); Gülzow, 2 Die letzten auf V. 30000 folgenden 41 Verse ebda 45, 62-66; Helm, Beitr. 39, 390-98. 12 Die erzählende Dichtung Taten eine Umformung primitiver Volksphantasie, des Märchens und des Zauberwesens. Überall ist man vom Wunderbaren umgeben; magische Dinge wie unsichtbar machende Gürtel, siegverleihende Kleinode, Becher oder Handschuh, die geheimgehaltene Untreue verraten. Ein Gegensatzpaar, ein guter und ein böser Zauberer, leitet die Geschicke Gaweins. Am grellsten aber tritt jene primitive Anschauung in der Auffassung vom Schloß der Gralsritterschaft zutage, es ist eine Gespensterburg, es ist die andere Welt, das Totenreich, der Gralsherr sagt: ich bin tot, swie ich nicht tot schin, Unde daz gesinde min Daz ist ouch tot mit mir. 1 Heinrich v. d.Türlin steht stark unter der Tradition. 2 Höchste Verehrung zollt er Hartmann, für dessen Seelenheil er jene Totenklage anstimmt (2348 ff.), in die er dann eine Reihe verstorbener Minnesinger einbezieht, Reinmar, Dietmar, Rugge, Hausen, Guotenburg, Hug v. Salza. Dabei hebt er zugleich den idealen Gehalt der Dichtkunst hervor, wibes giiete zu verherrlichen (2422 ff.) und wibes lop zu singen (248). Um der Frauen willen, die der Welt Freude und hohen Mut verleihen, hat er selbst gesungen (29989 ff.). — Wolfram nennt er nur vorübergehend einmal (6377 ff.), ebenso Wirnt (2938 ff.), den er öfter benützt hat. Übrigens ist auf seine Quellenberufungen 3 wenig Gewicht zu legen (die Zitierung Cristiäns von Trois für 16941. 23046. 23982 ist direkt falsch). Er schöpfte aus Wolframs und Chre- stiens oder dessen Fortsetzer Parzival, aus Ulrichs Lanzelet bzw. überhaupt aus der Lanzelotgeschichte. Die Episode vom Maultier ohne Zaum stammt aus der französischen Erzählung Mule sans frain, aus dem Französischen auch die beiden Schwanke Becher- und Handschuhprobe. Vieles hat er auch selbst aus dem Motivenschatz der Artusepik beigebracht. In seinem Stil 4 ist Heinrich ein nicht ungewandter Nachahmer der höfischen Kunstsprache, mit französischen und lateinischen Fremdwörtern ist er 1 Märchenstoff: Zingerle, Germ. 8,414-20; 288. San-Marte, ZfdPh. 15,405 ff.; Hertz, Parz. 2 , 3 Lit. zu den Quellen: Piper S. 244; San- 1898, 445 f.; Bruce aaO. S. 347; Golther, Marte, ZfdPh. 15, 405; Warnatsch, Mantel Gralbuch S. 219. 221 ff. 228; Güntert, Kun- S. 118 f.; Martin, Parz.-Ausg. II S. XLVI; dry S. 27. — Antike Mythologie: Reissen- Graber S. 161 f.; Gülzow S. X-XIV u. S.4; berger S. 12-16. Singer, Wolframs Stil S. 125; Golther, 2 Einwirkung von Hartmann: Haupt, ZfdA. Gralb. S. 215-31. — Lanzelot als Quelle: 3, 267; Ders., Der A. Heinrich u. die Büchlein, Warnatsch S. 106 ff.; Rosenhagen, ZfdPh. 2. Aufl. S. XI ff.; Schönbach, Über H.v.Aue 29, 163 f.; Unters, über Daniel S. 65; Singer, S. 478-80; Ders., Beitr. 33, 367; Bartsch, Aufs. u. Vortr. S. 158; Golther, Gralb. Germ. 7, 150 ff. (die Ritter der Tafelrunde); S. 216. — Stellen, wo Lanzelet in der Krone Ernst Friedlaender, Das Verzeichnis der genannt ist, s. Scholls Ausg. Reg. S. 507. Ritter der Artustafelrunde usw., Straßbg. 4 Gülzow, Zur Stilkunde der Krone (s. oben), Diss. 1902. — Einwirkung Wirnts: Niedner, dazu Richter, Arch. 134, 454; v. Jacksch, Das dt. Turnier S. 16 ff. — Krone u. Strickers Carinthia 1918, 107; Walcker, Monolog; Daniel: Rosenhagen, Unters, über Daniel Brinkmann, Wesen u. Form. Fremdwörter: vom blühenden Tal. 1890, 113-16; Ders., Schönbach, Beitr.33, 370-72; Graber S. 161; Ausg. des Daniel, 1894 S. IX. — Krone u. Gülzow S. 45-56; Suolahti, Memoires Wolfdietrich: Schneider, Wolfd. Reg. 414. — VIII, 18 f. Reimwörterbuch zur Krone: El- Krone u. Wolfram: Lachmann, Kl. Sehr, friede Pfoser, Diss. Wien 1929. — Sprach- S. 513-18; Zingerle, Germ. 5, 468-79; liches: Zwierzina, Anz. 26 Reg. S. 355. 27 Birch-Hirschfeld, Sage vom Gral S. 285- Reg. S. 351. 4. Der Stricker 13 sehr verschwenderisch, auch gebraucht er unbedenklich mundartliche, volkstümliche und veraltete Wörter und formelhafte Wendungen. Auch Versbau und Reim handhabt er ohne Schwierigkeit, doch ist er der erste, der die in Innerösterreich sich entwickelnde, zunächst noch mundartliche Diphthongierung der langen Vokale i, ü, iu > ei, ou, eu zuläßt. Einen gewissen Sinn für formale Gliederung erweist er dadurch, daß er, in Nachahmung von Wirnt, den Schluß von Abschnitten durch Dreireim hervorhebt. Heinrich v. d. Türlin ist der Typus des Epigonen, ohne eigene Erfindungsund Gestaltungskraft, ohne wirklichen Sinn für eine sittliche Aufgabe der Kunst. Wenn er die Frauenverehrung als ideales Ziel seines Dichtens aufstellt, so ist das doch nur ein schöner Ziermantel, der sich jedem höfischen Roman umhängen läßt. Er kann es auch anders. Er weiß die Sinne seiner Hörer oder Leser auch durch sexuelle Reizmittel zu gewinnen, wie durch die anzüglichen Keuschheitsproben oder gar durch die empörend plumpe, handgreifliche Schilderung von dem Notzuchtversuch des Frauenräubers an Ginover. Die Wirkung 1 der „Krone" war gering. Rudolf v. Ems preist sie in dem Dichterkatalog des Alexander (3219-28). Heinrich v.d. Türlin ist auch der Verfasser des Gedichtes Der Mantel 2 (erhalten sind 994 V.), wie aus der Sprache (Formgebrauch, Wortschatz, Verskunst) hervorgeht. Keuschheitsproben kommen in den Literaturen verschiedener Völker vor, und die Mittel der Prüfung sind mannigfaltiger Art. Heinrich selbst hat in der Krone zweimal das Thema behandelt (s. oben), in der Becherprobe, die zuerst in einem französischen Lai des 12. Jh.s bedichtet ist, Lai du com (Trinkhorn), und auch später wieder in der deutschen Literatur auftaucht in einem Meisterlied und in einem Fastnachtsspiel, und in der Handschuhprobe. Die Probe mit dem Mantel hat schon Ulrich v. Zatzik- hoven in seinen Lanzelet eingeflochten (s. oben), verwandt ist das französische Fabliau du mantel mantaille, 13. Jh., das dann wieder weiter verbreitet wurde; im Deutschen ist auch diese Version in einem Meisterlied und in einem Fastnachtspiel (Der Luneten mantel) erneuert worden. 4. Der Stricker Der Zeit nach ist hier der Daniel vom Blühenden Tal 3 vom Stricker einzureihen, um 1215. Der Stricker stand den adligen Kreisen nicht nahe, er war ein Fahrender, der um Lohn, um einpfert unde altgewant, dichtete. 4 ,Stricker' ist ein bürgerlicher Geschlechtsname. 5 Seine Heimat lag im südrheinfränkischen Sprach- 1 Gülzow S. 5; Wolfdietrich: Schneider, Kinzel, ZfdPh. 16, 115-18. Abhandl.: War- Reg. S. 414. natsch in s. Ausg.; Singer, ADB. 39, 20. — 2 Piper, Höf. Ep. 2, 245-48. 301 f. — Ausg.: Zur Becherprobe (Meisterlied): Zingerle, Das Haupt, Ad. Bl. 2, 215^10; Müllenhoff, Ad. goldene Hörn, Germ. 5, 103-05. 367 f. Sprachproben 3 , 1878, 125-36; O. Warnatsch, 3 Früher fälschlich D. v. Blumental genannt, Der Mantel, Bruchstück eines Lanzeletromans s. Rosenhagen, Ausg. S. 179 Anm. zu V. 164. des H. v. d. Türl., 1883, dazu Martin, DLz. 4 Burdach, Reinmar S. 131 f. 1883, 847, Reissenberger, Lbl. 1884,8, See- 6 Pfeiffer, Germ. 2, 499; John Meier, Lbl. Müller, Anz. 10, 197-202 u. ZföG. 1885, 321, 1892, 220. 14 Die erzählende Dichtung gebiet, wie aus den mundartlich bestimmbaren Formen seiner Dichtungen hervorgeht, 1 doch hielt er sich längere Zeit in Österreich auf, denn einige seiner kleineren Gedichte nehmen Bezug auf dortige Verhältnisse. 2 Das besondere und ihm eigenartige Kunstgebiet waren die Novelle, kleinere erzählende und lehrhafte Stücke (bispel, s. unten). Seine dichterische Tätigkeit fällt in die Jahre 1215-50, Rud. v. Ems nennt ihn als Lebenden im Alex. 3257 f. (das Zitat im Willehalm [2230-33] ergibt nichts für die Lebenszeit). 3 Karl der Große und Daniel waren seine ersten Erzeugnisse, dann stieg er herab zu Schwankdichtungen und kleineren novellistischen Erzählungen und pflegte die lehrhafte Gattung der bispel.* Der Daniel 5 (8400 V., 5 Hss.) ist ein Abenteuerroman gewöhnlichen Schlages. Den Kern bildet die Anforderung des Königs Matur von Clüse an Artus, sich ihm zu unterwerfen, da hinein spielen Kämpfe Daniels mit Riesen, Zwergen und einem bauchlosen Ungeheuer, das ein durch den Anblick tötendes Haupt in der Hand hält; auch fällt er in ein unsichtbares Netz, aus dem ihn eine Jungfrau befreit. Die Aufmachung ist langstielig und umständlich, auf ein Publikum berechnet, das mit der Person des Artus und seiner Umwelt nicht recht bekannt war. Um seinem Werke ein höheres Ansehen zu verleihen, erdichtet der Stricker eine französische Quelle: Meister Alberich von Bisenze nennt er als Autor seiner wälschen Vorlage (V. 7ff.), aber damit hat er einfach Lamprechts Alexanderlied (V. 13ff.) ausgeschrieben. Den Stoff hat er wahrscheinlich selbst ohne eine französische Vorlage 6 zusammengetragen aus umfangreicher, auch antiker Sagenkenntnis und unter Benutzung besonders von Hartmann 7 sowie von Wirnts Wigalois und Zatzik- hovens Lanzelet. 8 1 Sprache: Rosenhagen, Unters. S. 33-^7; Tal 1890, dazu Singer, DLz. 1891, 703, John Seemüller, Anz. 19, 248 ff.; Schirokauer, Meier, Lbl. 1892, 217-20, LEiTZMANN,ZfdPh. Beitr. 47, 26. 113. Südrheinfrk.: Zwierzina, 27, 543^17. — Ausg.: Rosenhagen 1894, ZfdA. 44, 351 f. 45, 27 f. 59-61. 70 f., s. Anz. dazu Cbl. 1894, 1068 f., Ehrismann, Lbl. 26 Reg. S. 354 f. 27 Reg. S. 350; Ehrismann, 1895, 76-78, Seemüller, Anz. 23, 56-66, Beitr. 22, 336f.; A. Blumenfeldt, Die echten Lambel, ZföG. 48, 231^17. 316-34; Wil- Tier- u. Pflanzenfabeln des Strickers, Berl. helm, Beitr. 33, 335 f. (Fabulist. Quellen- Diss.l916,23-26(mitLit.);ScHRÖDER,Münchn. angaben). — Stelle: Stammler, Repert. f. SB. 1924, 3. Abt. S. 4. Früher wurde allgemein Kunstwissensch. 51, 1930, 143 f. Österreich als Heimat Strickers angesehen, 6 Rosenhagen, Unters. S. 47 ff. (mit älterer Bartsch, Strickers Karl, Ausg. Einl. S. II. Lit.); Wilhelm, Beitr. 33, 335 f. Einen ver- 2 Bartsch aaO.; Rosenhagen, Unters, lorenen franz. Roman nehmen an G. Paris, S. 33 f. Hist. litt, de la France 30, 1888, 136-41 u. 3 Siehe unten unter Rudolf v. Ems. Romania 10, 466 f.; Wechssler, Roman. 4 Seemüller, Anz. 19, 253; Rosenhagen, Jahresber. 4, 399; Singer, Wolframs Stil Ausg. d. Daniel S. IX ff. — Karl vor Daniel: S. 124. Rosenhagen, Unters. S. 110-112, Ausg. aaO.; 7 Rosenhagen, Unters. S. 51-85; M. Mayer, Seemüller aaO.; Dan. vor Karl: Leitz- Das Verhältnis des Strickers zu H. v. Aue, mann, ZfdPh. 28, 43-47 (dazu aber Wil- untersucht am Gebrauch des Epithetons, helm, Gesch. der handschriftl. Überlieferung Progr. Weinberge 1905 u. 1906, dazu Bernt, von Strickers Karl S. 19 f.); Ehrismann, Anz. ZföG. 60, 189 f. 30, 200A.; s. ferner Singer, DLz. 1891, 704; 8 Oder aus einem verlorenen deutschen John Meier, Lbl. 1892, 220. Lanzeletroman, der auf anderer Vorlage als 6 Lit.: Piper, Höf. Ep. 3, 87 ff.; grund- Chrestiens u. Zatzikhovens Lanz. beruht; legende Unters, mit vollst. Lit. bis 1890: Rosenhagen, Unters. S. 65 u. s. oben unter Gustav Rosenhagen, Unters, über D. v. Bl. Zatzikhoven. Strickers Karl der Grosse 15 Das Gedicht hat keine weite Verbreitung gefunden, auch sind nur wenige Anzeichen über sein Fortleben vorhanden, doch hat der Pleier in seinem ,Garel vom blühenden Tal' Strickers Daniel wieder aufleben lassen. 1 Die Rhythmik ist ziemlich frei, die Reimbindung ist, besonders durch die Zulassung mundartlicher Formen, nicht streng schriftsprachlich. 2 Auch die Ausdrucksweise hält, sich auf einfacher Linie. 3 Strickers Karl der Große. 4 An eine große Aufgabe hat sich der Stricker gewagt durch die Erneuerung des Rolandsliedes vom Pfaffen Konrad, dessen freiere Form er in die geregeltere Versmessung und reine Reimkunst des 13. Jh.s übertrug. Als Helden seines Gedichtes betrachtet der Stricker Karl, den er den reinen, den heiligen nennt (63.100), sante Karle (12206), und er beginnt mitPippin und der Jugend Karls. Den Zweck seiner Arbeit spricht er im Eingang (V. 115 ff.) aus: Diz ist ein alte3 mcere. nu hat ej der Strickxre erniuwet durch der werden gunst, die noch minnent hoveliche kunst. Diesen Zweck, den höfisch Gebildeten gefällig zu sein, hat er erreicht, denn das Gedicht war sehr beliebt. Aber indem er die gesellschaftlichen Formen mehr geglättet, Leidenschaftsausbrüche gemildert, reckenhafte Kraft gedämpft hat, ist der heroische Charakter des alten Liedes abgeflacht worden. Es gelang nicht, die feierliche Erhabenheit, die von der Gestalt des großen Kaisers aus sich dem ganzen Gefüge der Ereignisse mitteilte, in die höfische Ritterwelt des 13. Jh.s umzustilisieren. Und schließlich lag ein großer Teil der Beliebtheit, die die Umarbeitung gewann, in dem historischen Stoffe und in dem chronikalischen Interesse der Epigonen für geschichtliche Begebenheiten, wie denn das Gedicht in spätere Weltchroniken, wie die Heinrichs v.München, und in Weltchronikhandschriften aufgenommen wurde. 5 1 Rud. v. Ems erwähnt ihn, s. oben; Spuren 4 Lit.: Piper, Spielmannsdichtung 2, 113— in Konrads v. Stoffeln Gauriel, in Meister 116; Ders.,Höf. Ep.3,86 f. — Ausg.: Bartsch, Altswerts Spiegel (14. Jh.): Rosenhagen, 1857, dazu Germ. 32, 488-90. Abh. Friedr. Unters. S. 116 ff.; Anklänge an Wolfdietrich: Wilhelm, Die Gesch. der handschriftl. Über- Schneider, Wolfd. S. 271. lieferung von Strickers Karl d. Gr. 1904 (darin 2 Jensen S. 46-108; Rosenhagen, Unters. Lit. S. 3-27), dazu Panzer, DLz 1905, 1815f., S. 24-47; Blumenfeldt S. 19-22; Brietz- Ehrismann, Anz. 30, 194-201, Rosenhagen, mann, Die böse Frau, Pal. 42, 1912, 83-102; ZfdPh. 38, 540-543, Piquet, Rev. crit. 1905, K. Waelzel, Reimwörterbuch u. Verzeichn. 1, 447 f.; Wilhelm, Beitr. 33, 335 f.; Schenk- der Reimwörter aus „Daniel v. d. bl. T." u. held, Religionsgespräche 1930, pass. — Hss. dem „Pf. Amis", Münch. Texte VIII, 1925, u. Bruchstücke über 40: Bartschs Einl. dazu Wesle, ZfdPh. 54, 454-57; Behaghel, S. XXXVI ff.; C. v. Jecklin, Germ. 22, 129- Lbl. 1928, 256 f.; Piquet, Rev. germ. 19, 291; 166 u. Leipz. Diss. 1875; maßgebend Wil- v. Kraus, ZfdA. 56, 35 ff. — Zum Stil: Jos. helm, Dt. Gesch. usw.; Ders., Zur Karlüber- Nabel, Die Nachstellung des Adjektivs beim lieferung, Beitr. 32, 85-98; Ders., Bruchst. aus Stricker, Grazer Diss. 1921. — Fremdwörter: Linz, Münch. Mus. 4, 125-28; nach Wilh. Rosenhagen S. 50 f.; Suolahti aaO. gefunden: Schönach, Brünner Fragm., ZfdA. 3 Stilistisches: Jansen aaO.; Brietzmann 47, 446-448; Rob. Gragger, Ungar. Bibl. I S. 103-19; Brinkmann, Wesen u. Form Reihe 2; s. Schröder, Anz. 41, 94. — Siehe S. 118. 131. 142; Hans Mast, Stilistische Morant u. Galie, LG. II, 2, 123-27 u. in Untersuchungen an den kleinen Gedichten des diesem Band unter Karlmeinet. — Das Buch Strickers mit besonderer Berücksichtigung des vom heiligen Karl s. unten unter Prosavolkstümlichen und des formelhaften Ele- romane. mentes, Basel Diss. 1929. 5 Eine gereimte Umarbeitung und Erweiterung 16 Die erzählende Dichtung 5. Konrad Fleck, Floire und Blanscheflur l Während die Artusromane den heroischen Geist des Rittertums in Heldentaten und kriegerischen Abenteuern auslösen, hat das lyrische, sentimentale Minneideal in der Liebesgeschichte von Floire und Blanscheflur epische Gestaltung gewonnen. Schon in der frühmhd. Periode hat die Liebesgeschichte der beiden Kinder einen Dichter gefunden in dem Verfasser des niederrheinischen „Trierer Floyris" (LG. II,2,64f.). Der Alemanne Konrad Fleck gab etwa fünfzig Jahre später, um 1220, der Sage, ohne seinen rheinischen Vorgänger zu kennen, eine vollhöfische Prägung. Von seiner Person wissen wir nichts, seinen Namen erfahren wir nur aus den beiden literarhistorischen Stellen Rudolfs v. Ems im Alexander (3239^8) und Willehalm (2219-23 {Her Flec der guote Kuonrät). Man wird nicht fehlgehen, wenn man seine Heimat in die Gegend von Basel verlegt. 2 (U.) von Strickers Gedicht mit einigen Stücken aus Enikel (s. unten) wurde, in Prosa aufgelöst, der prosaischen „Weihenstephaner Chronik" (zweite Hälfte des 15. Jh.s) einverleibt. Gaston Paris, Hist. poetique de Charlemagne, Paris 1865 (Neudruck 1906) S. 225. 294. 502; Ders., Un manuscript in- connu de la Chronique de W., Romania 11, 1882, 110-14. 409 f.; Wilhelm, Gesch. der handschriftl. Überlieferung von Strickers Karl d. Gr., 1904, 22-25; Otto Freitag, Die sog. Chron. von Weihenstephan, ein Beitr. zur Karlssage, Hermaea 1, 1905, dazu Helm, Lbl. 1908, 12, Spiller, Cbl. 57, 1082. — Andere Bearbeitungen aus dem Kreise der Geschichte Karls und aus der Karolingersage: Bruchstücke einer dt. Bearbeitung der Vita Karoli magni Einharts: Wilhelm, Denkmäler dt. Prosa des 11. u. 12. Jh.s, Münch. Texte VIII, 131 f. u. Kommentar 2. Hälfte S. 240-43 (Prosa, 13. Jh.). Über Karlmeinet s. unten. Die Geschichte von Karls Leben, politischen, kriegerischen u. kulturellen Taten enthält die Kaiserchronik V. 14309-15091; E n i ke 1 s Weltchronik V. 25 539-26 550[27652]; über Heinrichs v. München Chronik, die Gothaer Weltchronik u. a. s. Wilhelm, Überlieferung von Strickers Karl S. 223-74. Eine Reimerei von 367 Versen über Karls Besiegung der ganzen Welt, wobei die Roncevalschlacht im Mittelpunkt steht, und seine frommen Stiftungen ist in der Limburger Hs. eingeschaltet (Wyss, ZfdA. 30, 63-71). Ein Gedicht aus der Mitte oder dem späteren 14. Jh. eines Regensburger Geistlichen, „Karl d. Gr. u. die schottischen Heil igen", über dieGeschichte der Schottenklöster in Regensburg, die nach der Sage Stiftungen Karls waren (Ch. Copland Perry, Marbg. Diss. 1892). Auch zum Volksbuch ist das Leben Karls d. Gr. geworden (15. Jh.), Bachmann u. Singer, Dt. Volksbücher aus einer Zürcher Hs. des 15. Jh.s., Lit- Ver. 185; Suchier, Germ. 17, 355; s. LG. II, 2, 286 Anm. 2; U. Kletzin, Das Buch vom heil. Karl, eine Züricher Prosa, Beitr. 55, H. 1/2. — Endlich die aus dem niederländischen Karolingerkreis stammenden Romane des 15. Jh.s, Ogier usw., s. unten. 1 Ausg.: Chr. H. Myller, Samml. dt. Ged. aus dem 12., 13. u. 14. Jh. II, 1784; Emil Sommer, 1846; Wolfg. Golther, Tristan u. Isolde und Flore u. Blanscheflur II, Kürschners Dt. Nat.-Litt. Bd. IV, 235 ff. (mit Lit.) [1888]. Lit.: Baechtold, Gesch. der dt. Lit. in der Schweiz, S. 92-96 u. Anm. S. 28 f.; Piper, Spielmannsdichtung 2, 299 f., Nachtrag: Höf. Ep. 3, 715; C. v. Kraus, Mhd. Übungsb. 1 S. 247-51; Hartl, Stammlers Ver- fasserlex. 1, 618-20. — Zwei Hss. u. zwei Brachst., s. Sommers Ausg.; Carl H. Ri- schen, Bruchstücke aus K. Flecks Fl. u. Bl. nach den Hss. F u. P unter Heranziehung von B H, 1913, dazu Gierach, DLz. 1914,2078-80, Götze, Lbl. 1916, 169 f., Cbl. 65, 198, Richter, Arch. 133, 241, Piquet, Revue germ. 10, 397; R. Kautzsch, Diebold Lauber S. 42; Lambel, Festschr. z. 8. allg. dt. Neuphilologentage 1898, 37-58. — Textkrit.: Bartsch, Quellenkunde S. 60-86; Golther, Ausg. S. 245; C. v. Kraus aaO. — Übersetzungen: Golther ebda; Pannier bei Reclam; Johannes Ninek, Fl. u. BL, ad. Versroman von K. FL, in neuem Reime und mit Erläuterungen dargeboten, 1924, dazu Schröder, Anz. 44, 73 f., Golther, Theutonista 2, 1926, 137. 2 Leben u. Heimat: Pfeiffer, Freie Forsch. S. 151-160; Steinmeyer, ZfdA. 21, 319; v. Kraus aaO. — Baechtold, Anm. S. 28f.; Grimme, Alem. 21, 191 f.; Schröder, Anz. 44, 73ff.; Martin, Straßb. Philol.-Vers. 1901, u. Singer, Die Schweiz im dt. Geistesleben, S. 197, halten ihn für einen Elsässer. 5. Konrad Fleck, Floire und Blanscheflür 17 Als Quelle gibt Fleck das wälsche Gedicht des Ruopreht von Orient 1 an (V. 142). Der Grundplan des Gedichtes, das Schicksal zweier jugendlicher Liebenden, ihre Trennung und Wiedervereinigung, entfaltet sich in ungebrochener Linie, nicht in Anhäufung oder Schachtelung von Abenteuern wie in den Artusromanen. Floire, der Sohn des heidnischen Königs von Spanien, und Blanscheflur, die Tochter einer christlichen Kriegsgefangenen, am gleichen Tage, einem Palmsonntag, geboren, werden miteinander am Königshofe erzogen und lieben sich vom ersten, dämmernden Bewußtsein an. Aber die zunehmende Leidenschaft, die Königssohn und Sklavenkind verbindet, veranlaßt den König und die Königin, Floire in eine fremde Schule zu schicken (835). Im Abschiedsschmerz will sich Bl. mit ihrem Griffel erstechen (1244). Der König will sie töten lassen (1440), aber auf den Rat der Königin wird Bl. dadurch unschädlich gemacht, daß man sie an babylonische Handelsleute verkauft, die sie ihrem Herrn, dem Admiral, nach Babylon bringen, wo dieser ihr in einem Turme fürstliche Aufnahme gewährt, um sie später zu heiraten. Die Eltern lassen ein prachtvolles Grabmal errichten, dem zurückgekehrten Sohne wird erzählt, Bl. sei darinnen beigesetzt (1867). Aus Verzweiflung will auch er sich mit dem Griffel, den ihm Bl. geschenkt, erstechen. Um ihn zu beruhigen, sagt man ihm den wahren Verlauf (2911). Nun macht sich FI. auf die Fahrt, Bl. zu suchen. Er verfolgt ihre Spur und erfährt in Babylon ihren Aufenthalt. In einem Korb mit Rosen verhüllt, läßt er sich in das Turmgemach Bl.s tragen (5511). Glückselige Wiedervereinigung unter Obhut der treuen Dienerin Bl.s, Claris (5832). Nach zwanzig Tagen werden die Liebenden entdeckt (6328) und auf einem Gerichtstag zum Feuertod verurteilt (6535). Ihre aufopfernde Treue, da jedes für das andere sterben will, rührt den Admiral, so daß er ihnen verzeiht (7469): Beim Versöhnungsfest erfährt Fl. den Tod seines Vaters, Fl. übernimmt dessen Nachfolge, Fl. und Bl. herrschen glücklich bis zu ihrem hundertsten Jahre und sterben am gleichen Tage. Ihre Tochter ist Bertha, die Mutter Karls d. Gr. Die Sage 2 hat ihren Ursprung in einem Kernmotiv des griechischen und byzantinischen Romans, 3 der Trennung und Wiedervereinigung zusammengehörender Personen, näher stehen hier arabische Erzählungen. Sie gehörte zu den verbreitetsten Stoffen des Mittelalters und findet sich bei allen Völkern des Abendlandes. Ausgegangen ist die poetische Verarbeitung von Frankreich, und zwar in zwei Redaktionen: die sog. Version aristocratique zeigt einen gebildeteren Geschmack. Dazu gehören die deutschen Bearbeitungen, die mittelenglische und verschiedene nordische, die mittelniederländische (Die- deric van Assenede) und eine tschechische. Die etwas niederer gehaltene sog. version populaire, ebenfalls aus einer altfranzösischen Fassung entstanden, ist durch ein altitalienisches Gedicht, durch Boccaccios Roman Filocolo (1338-41), einen spanischen Roman und ein neugriechisches Gedicht vertreten. Nahe steht der Floresage die reizende afrz. Cantefable Aucassin et Nicolete. In Deutschland hat die rührende Liebesgeschichte durch die Jahrhunderte ihre Zugkraft bewahrt, im Gehalt verschieden je nach der mehr oder weniger 1 Orient, nicht Orbent, wie man früher zi- 1876; Heinzel, Kl. Sehr. S. 81; Gröbers tierte, ist nach Rischens krit. Ausg. zu lesen. Grundr., Franz. Litt. S. 527-29; Voretzsch, a Lit.: Sommer, Ausg. S. VII ff.; Grässe, Die Einführg. X.Kap. Nr. 7; Lorenz Ernst, großen Sagenkreise S. 274-77; Piper, Spiel- Floire u. Blantscheflur, Studie z. vergl. Lit- mannsdichtg. aaO.; Golther, Ausg. S. 236ff; Wiss., QF. Nr. 118, 1913; Burdach, SB. d. v. Kraus aaO.; dazu nachher erschienen: Preuß. Ak. 1918, 1017 f. u. Vorspiel I, 1, 281; Singer, ZfdPh. 52, 77 ff.; J.W. Spargo, Neu- Singer, Abhandl. d. Preuß. Ak. 1918 Nr. 13 philol. Mitt. 28, 69-75. S. 4 ff.; Ders., ZfdPh. 52, 77-82. — LG. II, 1 3 Erwin Rohde, Der griech. Roman, 1. Aufl. Reg. S. 351°. II, 2 Reg. S. 343 a . 2 Deutsche Literaturgeschichte IV 18 Die erzählende Dichtung künstlerischen Begabung der Zeiten. Die älteste deutsche Bearbeitung ist der Trierer Floyris, „die limburgische Version" (LG. II, 2, 64 f.). Flecks höfischer Roman überragt an poetischem Gehalt weit alle andern deutschen Fassungen. In ripuarischem Dialekt ist ein Bruchstück erhalten (183 verstümmelte Verse). 1 Verwandt mit diesem ist das mittelniederdeutsche Gedicht Flos und Blankflos (14. Jh.). 2 Flecks Gedicht wurde in eine nüchterne, stellenweise abweichende Prosabearbeitung verflacht. 3 Gefühlvoller mutet der Prosaroman an: Ein gar schone newe Histori der kochen lieb des kuniglichen fursten Florio vnd von seyner lieben Bianceffora, gedruckt 1499 und dann öfter, der auch in das Buch der Liebe 1578 und 1587 überging. Der Prosaroman ist aus dem Filocolo des Boccaccio übersetzt. Hans Sachs hat ihn dann in einem Schauspiel dramatisiert (1551). Uns klingt diese Kinderliebe wie ein Märchen, aber das Motiv ist ein aus dem Orient eingeführtes Kunstprodukt, das so ganz auf die Idealwelt der minneseligen Hofgesellschaft gestimmt war. Schon durch den Ursprung unterscheidet sich die Floresage von dem Artuskreis. Dieser ist aus dem Urquell irischer Mythen und Sagen entsprungen, Märchen von Feen und dem Land ohne Wiederkehr liegen zugrunde und allerhand Zaubereien, dagegen in der Floresage nichts von abendländisch volkstümlichen Märchenmotiven. In Blumen verwoben ist die Erzählung, die Kinder sind nach Blumen benannt, Floire und Blanscheflür, Blume und Weißblume, Rose und Lilie. 4 An paske flörie (V. 595), d. i. Pascha floridum, palmostern (V. 577; bluomöstertac Palmsonntag, bluomosteräbent Lexer 1, 315 f.) sind die Blumenkinder geboren. Über den lyrischen Schmuck hinaus wird das Blumenmotiv zu einem Gipfel der Handlung in der List mit dem Blumenkorb (5520 ff.). Konrad Fleck hat seine ca. 3000 Verse umfassende französische Vorlage auf 8000 Verse erweitert. Seine Änderungen bestehen nicht in selbständigem Eingreifen in den Inhalt, sondern in Erweiterung durch oft aus-^ gedehnte Schilderungen und Beschreibungen, Gefühlsbewegungen, altkluge Reflexionen der Kinder über die Minne, Motivwiederholungen. Er macht also von der üblichen Freiheit der deutschen Übertragungsweise (s. LG. II, 2, 87 ff. 163 ff. 175. 236 f.) reichlich Gebrauch, 5 hat aber dadurch die flotte Erzählung der französischen Quelle oft ins Breite gezogen. 1 Hgb. v. H. Schafstaedt, Flors u. Blanze- 4 J. Grimm, Über Frauennamen aus Blumen, flors, Progr. Mühlheim a. Rh. 1905/06, dazu Kl. Sehr. 2, 396 f.; Wackernagel, Kl. Sehr. J. Franck, DLz. 1906, 2502 f.; Jan van Dam, 1, 211. 219; Uhland, Schriften 3, 415 f. u. Stammlers Verfasserlex. 1, 623 f. Anm. S. 496 ff. — Sommer, Ausg. S. XXX f. 2 Hgb. von Stephan Waetzold, 1880; Otto u. Anm. zu 595. — Rose und Rebe auf dem Decker, 1913. — L. Wolff, Stammlers Ver- Grabe Tristans u. Isoldes als Symbol unzer- fasserlex. 1, 623-26 (mit weiterer Lit.). trennlicher Liebe s. LG. II, 2. 3 Hs. Züricher Kantonsbibl. von 1475. Ab- 5 Vergleich zwischen Fleck und der voraus- gedr. bei Herzog, Germ. 29, 218-26 (s. zusetzenden franz. Quelle: Sommer, Ausg. S. 149 f.); Bachmann u. Singer, Dt. Volks- S. XII-XIV; Heinr. Sundmacher, Die afrz. bücher, LitVer. Nr. 185, 1889, S. 4. 16 ff ; u. mhd. Bearbeitung der Sage v. Fl. u. Bl., Ernst aaO. S. 25-34; L. Wolff, Stammlers Gott. Diss. 1872, 21—46. Verfasserlex. 1, 624-26. 6. Die gute Frau 19 Wertvoll ist, daß er der bloßen Liebesgeschichte des Originals eine sittliche Wendung gegeben hat. Aber die rein menschliche Auffassung ist nicht getroffen, diese nach der Minnetheorie stilisierte Kinderliebe hat etwas Geschraubtes. Das kindlich Naive fehlt, dadurch leidet die psychologische Wahrheit, und die Kinder gebärden sich zuweilen wie Zierpuppen. Im zweiten Teil, da sie erwachsen sind, tritt dieser Mangel in der Menschenzeichnung weniger hervor. Alles in allem hat der Dichter doch ein Werk geschaffen, das innerhalb der mhd. Literatur hervorragt durch Lieblichkeit und Zartheit der Empfindung und das zudem noch einen hohen sittlichen Wert in sich trägt in seiner Hervorhebung der Treue und der strebenden Pflichterfüllung. Die Darstellungsweise ist schlicht und einfach. In der Erzählungskunst folgt Fleck Hartmann v. Aue, ihm hat er z. B. die überspannte Beschreibung des Reitpferdes im Erec nachgeahmt (Floire 2736-2881), und Hartmanns Büchlein hat seine sittliche Auffassung von der Pflicht der arbeit des Minnenden beeinflußt (LG. 11,2, 157). 1 Wortgebrauch und Verskunst sind mehr von natürlichem Sprachgefühl als von höfischer Absicht eingegeben, so sind auch die Reime nicht durchweg rein. 2 Konrad Fleck hat außer Floire auch einen Clies 3 verfaßt, wie Rud. v. Ems in seinem Alexander berichtet (siehe oben), der aber verloren ist. Vermutlich war es eine Übersetzung von Chrestiens Cliges (s. LG. II, 2, 137 f.). Im Willehalm redet Rudolf beim Zitat Flecks nur von Flore, dagegen rühmt er daselbst bei Ulrich v. Türheim dessen Clies (s. unten Ulr.v. T.). 4 6. Die gute Frau Ausg.: E. Sommer, ZfdA. 2, 385^181,dazu ebda 4, 399 f.—Abhandl.: Piper, Höf. Epik 2, 568-71; Wilh. Eigenbrodt, Unters, über das mhd. Gedicht „diu guote vrouwe", Jen. Diss. 1907; Schröder, Der Dichter der guten Frau, Festschr. Kelle, Prag. dt. Stud. 8, 339-52. — Textkrit, Stellen: Paul, Beitr. 1, 207 f.; Schröder aaO. S. 504-6; Lit.: Eigenbrodt S. 7 f. — 1 Hs.: Sommer S. 385; Eigenbrodt S. 8-10; Schröder, ZfdA. 48, 504; H.-Fr. Rosenfeld, Stammler, Verfasserlex. 2, 127f. 1 Beziehungen zu andern mhd. Dichtern: Der rührende Reim, ZfdA. 56, 33-35; klin- Sommer S. XXVII f. XXXII ff. u. Anm. zu gende Reime: Schröder, Rittermaeren 1 S.Xf.; 2302 ff. 2743 ff. 7970; Rischen S. 1-30. — Rischen S. 89-100. W.Grimm, Kl. Sehr. 3,243. —Von Gotfrid hat 3 Lit.: Piper, Höf. Ep. 3, 85; v. Kraus, Fleck einige Wortbildungen u. Wendungen; Übungsb. 1 S. 250; Lachmann bei Sommer Inhaltliches. Schröder, Ritternueren 1 S. XXXIII f.; Pfeiffer, Freie Forsch. S. XVII Übereinstimmungen mit Veldeke: S. 151 ff.; Steinmeyer, ZfdA. 21, 319. 32, Behaghel, En. S. CCXXVf.; mit Ottes 127 f.; Leitzmann, ZfdPh. 43, 316; Wil- Eraclius: Schröder, Münch. SB. 1924 Abh.3 helm, Münchn. Mus. 4, 1924, 29; Schröder, S. 13. 16; zu Rud. v.Ems s. oben. — Im ZfdA. 67, 250 f. (das spätere Werk). Friedr. v. Schwaben wird Fl. u. Bl. unter an- 4 Seit Lachmann hat man angenommen, dem literar. Beispielen genannt (ed. Jellinek, Fleck habe seinen Clies unvollendet hinter- Reg.); Püterich zählt das Ged. in seinem lassen und Ulr. v. Türheim habe ihn zu Ende Ehrenbrief auf.. geführt, doch sicher bewiesen ist dies nicht. — 2 Stil: Sommer in den Anm. seiner Ausg.; Der Artusritter Clies (Cliges) gehört zu den Bruno Broszat, Beitr. z. Stilistik von K. Helden, die Thomasin im Wälschen Gast Fl.s Fl. u. Bl., Greifsw. Diss. 1921 (Auszug); (1041 ff.) den Juncherren als Vorbild auf- Walker, Monolog, pass. — Reim: C. v. Kraus, stellt. 20 Die erzählende Dichtung Auf dem gleichen Grundplan wie Floire und Blanscheflür ist die Erzählung „Die gute Frau" (3058 V.) aufgebaut: Trennung und Wiedervereinigung zusammengehörender Personen. Der Verfasser, der sich nicht nennt, wird, wie die religiöse Tendenz und manche Einzelheiten wahrscheinlich machen, Kleriker gewesen sein. Diu mcere (die Geschichte) erzählte des „Markgrafen Kappelan, der von Mun- ferrän war", auf Veranlassung des Markgrafen verdeutschte der Dichter das Buch (V. 6 ff. 3052). Der „Markgraf" war wohl Hermann V., Markgraf von Baden (f 1242), demnach wird die Entstehungszeit des Gedichtes in das erste Drittel des 13. Jahrhunderts fallen. Der Verfasser war Niederalemanne, 1 seine von dem Kaplan ihm überlieferte Quelle war ein französisches Gedicht, nahe verwandt mit dem Guillaume d'Angleterre (Wilhelmsleben) des Chrestien v. Troyes (s. auch unten Ulr. v. Eschenbach, Wilhelm v. Wenden). Die Bezeichnung diu guote vrouwe (162. 1130. 3056) ist eine Übersetzung des französischen La bone dorne (3022). Inhalt I. Jugend und Eheglück (V. 21-1476). Die Tochter des Grafen v. Barria (Berry) und der Sohn eines seiner Dienstmannen wachsen in Minne miteinander auf. Beider Eltern sterben früh (21-550). Der Knappe geht in fremden Kriegsdienst und erwirbt den Ruhm des besten Ritters. Zurückgekehrt befreit er die junge Herrin von einem Feinde, sie nimmt ihn zum Gemahl (973-1476). — II. Die Trennung (V. 1477-2658). Als er nun alles Glück besaß, wird er durch den Anblick einer Schar Elender und Blinder daran gemahnt, daß er Gut und weltliche Ehre um Gott aufgeben soll. Er zieht mit seiner Frau als Bettler in fremde Länder und erträgt Mühsal und Hohn. Sie bekommt zwei Söhnchen, geht ins Spital, aus Not verkauft er sein Weib. Sie geht in Dienst, er bettelt sich mit den Kindern weiter. Als er über eine Brücke gehen will, bricht diese zusammen und die Wogen reißen sie fort. Die Kinder werden am Ufer von einem Bischof und einem Grafen gefunden und aufgezogen. Die Frau wird von einem Grafen von Blois, dann vom König von Frankreich geheiratet, aber ohne Vollzug der Ehe. — III. Die Wiedervereinigung (V. 2659-3048). Bei dem Jahrtag der Todesfeier für den König kommen viele Sieche herangekrochen, unter ihnen ein Bettler, den die Frau, jetzt Königin von Frankreich, als ihren früheren Gatten erkennt. Zugleich werden ihnen die beiden Kinder von ihren Erziehern übergeben. Der Mann, der Held der Geschichte, hieß Karlmann, die Kinder waren Karl und Pippin. Das Gedicht ist ausgesprochen religiös gerichtet. Wie durch ein Wunder vollzieht sich die innere Umkehr des Mannes. Die werlt lagert durch got (1579) ist das Motto des Gedichtes. Askese ist die Lebensführung der beiden in Weltehren glänzenden, nun als Bettler verelendeten Ehegatten. Zunächst gilt dies freilich nur für den Mann. Der Urtypus von Chrestiens Guillaume d'Angleterre und damit zusammen auch der der Guten Frau und Ulrichs v. Eschenbach Wilhelm v. Wenden liegt in der Eustachiuslegende vor (lat., 8. 9. Jh., s. auch unten Rud. v. Ems), die ihrerseits Elemente aus dem griechischen Seefahrerroman aufgenommen hat. Das legendenhafte Moment gehört also zum ursprünglichen 1 Schröder aaO. — Sprache: Zwierzina, Anz. 26 Reg. S. 348. 27 Reg. S. 344, bes. ZfdA. 26, 301 f. 354 f. 6. Die gute Frau 21 Bestand. Nun aber sind in die Fassung der „Guten Frau" stark weltliche Interessen hineinverflochten, der einheitliche Gehalt leidet unter der Verschmelzung weltlichen und religiösen Geistes, die Frau und schließlich auch der Mann lassen sich doch wieder zu weltlichen Ehren erheben. Auch bleibt der Dichter nur am Stoffe haften, an der äußerlichen Schilderung der selbstauferlegten Leiden, ohne daß diese harte Weltentsagung auch eine seelische Heiligung, eine innigere Vereinigung mit Gott und dem Ewigen in den beiden bewirkt hätte. Man hat nur den Eindruck von der Nutzlosigkeit solcher Selbstquälerei und im Grunde denkt die gute Frau auch so, wenn sie zu ihrem Gatten sagt: du bist noch ein junger Mann, geh, nähre dich und die Kinder (1710 f.), und wir müssen ihr zustimmen, wenn sie ihm rund heraus erklärt: du bist ganz und gar ohne Verstand (1726). Die Erzählung ist äußerlich am Schluß an die Karlssage angeknüpft 1 (ähnlich Floire und Blanscheflür), um den großen Kaiser zu verherrlichen. Aber eben in dieser Verknüpfung des rein religiös Legendenhaften mit dem Ziel weltlichen Regimentes liegt jener unvermittelte Gegensatz zwischen Welt- flucht und äußeren Ehren. Der Dichter war durchaus Nachahmer, er hat Hartmann ausgeschrieben, auch zeigt er Kenntnis von Wolfram, Eilharts Tristrant. 2 Wiederholungen, Widersprüche zeugen von seiner Ungewandtheit. Die Darstellungsweise ist einförmig, auch seine Reimkunst gering. b) DIE EPIGONEN Mit der neuen Generation, 3 die nach der Hochblüte, nach den großen Führern und ihren jüngeren Zeitgenossen, einsetzt, also etwa mit dem zweiten Drittel des 13. Jahrhunderts, ist ein Wandel des Ideengehaltes eingetreten. Zwar wirkt die alte Idee, die der Romantik, der ritterlichen Phantasiewelt, noch lange fort, aber nicht mehr mit der alten Stärke; sie kommt nicht mehr aus dem inneren und eigenen Seelengrunde der Zeit, sondern sie ist oberflächlich geworden, sie wird nur noch als ein Abglanz der Vergangenheit gepflegt; die neue Generation zehrt nur noch von dem alten Ideal; es ist noch in Geltung, aber es hat keinen vollkräftigen Inhalt mehr. Eine rationalistische Denkweise in der Auffassung des Lebens beginnt Boden zu gewinnen, welche dann, zusammen mit den sozialen Kräfteverschiebungen, die geistige Physiognomie der beiden letzten Jahrhunderte des höfischen Epos bestimmt. Praktische Zwecke tun sich stark hervor, die Dichtung will bessern und belehren. 1 Grimm, Myth. S.402, 4. Ausg. 1, 356 f.; 3 Gervinus 2 6 , 52 ff.; Schneider, Helden- Sommer S. 387 f.; Ders., Flore S. XXXI f.; dichtung usw. S. 298 ff. 320 ff.; Stammler, LG. 11,2, 124. Dt. Vierteljahrsschr. 1, 1922, 529-46; Fritz 2 Sommer S. 389 f.; Saran, Hartm. v. Aue Karg, Die Wandlungen des höf. Epos in als Lyriker S. 46; Eigenbrodt S. 42 ff.; Deutschi, vom 13. zum 14. Jh., GRM. 1923, Schröder, Prager dt. Stud. aaO. S. 347 ff. — 321-36; Friedr. Neumann, ZfDtschkde. Rührende Reime: v. Kraus, ZfdA. 56, 37 f. 1928, 35 f.; Walter Rehm, ZfdPh. 52, 289ff. 22 Die erzählende Dichtung Auch die Dichter selbst sind sich bewußt, daß ihre Zeit eine andere geworden ist, es häufen sich Klagen über den Verfall der Sitten und der Kunst. Es ist das Bewußtsein des Niedergangs, der Dekadenz, des Epigonentums, welches sie erfüllt. Das Interesse an König Artus und seiner Hofgesellschaft, diesen idealen Mustern des hochhöfischen Rittertums, erlahmt, und der übersättigte Geschmack verlangt neue Stoffe. Man wendet sich nun auch kleineren Gattungen zu, der Novelle, der erbaulichen Erzählung; ritterliche Legenden leiten zur geistlichen Dichtung über, die Allegorie wird problemdeutendes Mittel. Vor allem dringt eine lehrhafte und gelehrte, auch religiöse, Tendenz ein, die das fortschreitende 13. Jahrhundert überhaupt kennzeichnet (siehe „Spruchdichtung"); das historische Interesse macht sich darin geltend, daß einzelne Romane an geschichtliche Vorgänge und Personen angelehnt werden, und führt zur Herstellung umfangreicher Vers-Chroniken, neben denen dann kleinere historische Lieder allenthalben hervorsprossen. In allen diesen nachklassischen höfischen Epen lassen sich die Einwirkungen Hartmanns, Wolframs, Gotfrids und ihrer jüngeren Zeitgenossen nachweisen, ja jeder der „Epigonen" bewegt sich in den Gleisen irgendeines Vorgängers. Wolframs dunkle Manier wurde von seinen Nachtretern zu lächerlichem, tiefsinnig sein sollendem Pathos geschwellt, Gotfrids leichte Grazie verflachte zu bloßem Wort- und Reimgeklingel. Diese klassischen Meister haben wohl mit ihren ausgeprägten Formen die Dichtersprache stark beeinflußt, aber doch nicht Schulen im eigentlichen Sinn begründet. Überhaupt läßt sich diese nachhöfische Epik nicht streng nach bestimmten Gesichtspunkten gruppieren, etwa nach Landschaften, Ständen, Kunstrichtungen ; weshalb für die folgende Anordnung im großen und ganzen die chronologische Reihenfolge unter Berücksichtigung gewisser stofflicher und formaler Beziehungen zugrunde gelegt werden wird. Hinsichtlich der Verteilung auf Landschaften haben den stärksten Anteil an der höfischen Epik dieser Periode die oberdeutschen Stämme, das alemannische, bayerisch-österreichische und ostfränkische Gebiet. Der Mittelrhein und Thüringen treten zurück; neu hinzugekommen ist Böhmen, wo der Hof die Pflege der Dichtkunst förderte (s. auch Spruchdichtung). Im niederdeutschen Stammesgebiet ist die höfische Dichtung, Lyrik und ritterliche Epik (im 13. Jahrhundert nur Berthold v. Holle) nichts als ein Zweig der entsprechenden hochdeutschen, da die geistige Richtgebung aus dem in der kulturellen Entwicklung vorangehenden Süden kam; und auch als Dichtersprache gilt nicht das Niederdeutsche, sondern das Hochdeutsche, also ein der Landesmundart fremdes Idiom. Eine niederdeutsche Literatur in niederdeutscher Sprache kam erst langsam auf, und zwar zunächst in Gestalt von Prosawerken (Sachsenspiegel, Sächsische Weltchronik), während als Dichtersprache bis zum Beginn des 14. Jahrhunderts noch das Hochdeutsche herrschte. 1 1 Roethe, Die Reimvorreden des Sachsenspiegels, Gott. Abhandl. NF. II Nr. 8, 1899. Rudolf von Ems 23 Zwei Führer: Rudolf von Ems und Konrad von Würzburg In der neuen Zeitrichtung stehen Rudolf v. Ems und Konrad v. Würz- burg als stärkste Kräfte und ausgesprochenste Persönlichkeiten obenan. Sie waren nicht die tonangebenden Größen, denn als solche blieben Hartmann, Wolfram, Gotfrid wirksam, aber sie brachten die Denkweise der Zeit am nachdrücklichsten zur Erscheinung. Demnach wird sich für die auf die großen Epiker und ihre jüngeren Zeitgenosen folgende Nachblüte eine Teilung nach dem Generationswechsel anwenden lassen: Den ersten Abschnitt bilden die Jahre 1225-1250, in welche Rudolfs v. Ems Schaffen fällt; der zweite umfaßt die Zeit von etwa 1260 bis etwa 1290, die Wirkungsperiode Konrads v. Würzburg; der letzte Abschnitt beginnt etwa 1290 und bezeichnet den Ausgang der höfischen Epik. Rudolf von Ems hat die theoretischen Prinzipien ausgesprochen, in denen sich die Grundlinien für die geistesgeschichtliche Stellung dieser empfangenden, unschöpferischen Zeit darstellen. Sein Kunstgefühl beruht auf dem Epigonenbewußtsein : der Dichter ist Nachahmer, er lernt seine Kunst von den Meistern (weiteres s. unten). Lit.: Piper, Höf. Ep. 3,542-657. — Abh.: K. Schröder, ADB. 6,94-96; Baechtold, Gesch. d. dt. Lit. in der Schweiz, S. 96-116 Anm. S. 29-36. 215 f. Reg. S. 230; Singer, LitGesch. d. dt. Schweiz im MA. S. 20 f. 46 f.; Ders., Die Schweiz im dt. Geistesleben Reg. S. 208. — Leitz- mann, ZfdPh. 43, 301-20; Ehrismann, Stud. über R. v. E., Heidelb. SB. 1919, 8. Abh., dazu Strauch, DLz.41, 504-06; Stammler, Mitt. aus der hist. Lit.48, 1920, 18f.; Walther Rehm, ZfdPh. 52, 304 u. ö.; Friedr. Neumann, ZfDtschkde. 1928, 35 f.; Schröder, R. v. E. und sein Literaturkreis, ZfdA. 67, 209-51; Lichtenberg, Architekturdarstellungen, 1931, 19-21. 30 f. 32 f. 67-9. 100. 110. Rudolf v. Ems gehörte einem Ministerialengeschlecht der Herren von Montfort an und hatte seinen Stammsitz in Hohenems, das im Rheintal, rechtsrheinisch auf der vorarlbergischen Seite, gelegen ist. Seine dichterische Tätigkeit liegt zwischen 1220 und 1254. Nachrichten über sein Leben 1 sind nicht auf uns gekommen; literarische Beziehungen ergeben sich aus den Widmungen seiner Gedichte und aus den Dichterverzeichnissen des Alexander und des Willehalm; bezüglich seines Todes berichtet der Fortsetzer seiner Weltchronik (V. 33479-96), daß er in Italien erfolgt sei. Vermutlich hat der Dichter Konrad IV., dem er die Weltchronik gewidmet hat, auf dessen Zug dorthin (1251-54) begleitet. Im Willen. 15625 ff. nennt er sich „Ruodolf, ein Dienstmann ze Muntfort", bloß Rudolf im Bari. 295, 16, in den Prologen des Willeh. 2164. 12241 und in den Akrosticha Ber. 405, 10 ff., Alex. 1-25 (Singer, ZfdA. 38, 271 f.), Willeh. 1-7, Weltchr. 1-7 (s. auch G. Gerh. 683). 1 Leben: MSH. 4, 542 ff.; Pfeiffer, Germ. 51. — Sprache: Zwierzina, Anz. 46 Reg. 12, 478 f.; Piper aaO. S. 543; Baechtold 347. 47 Reg. S. 343; Singer, Schweizer- aaO. S. 96 f. u. Anm. S. 29; Schröder, Rud. deutsch 1928, 102 f.; Zeeman (s. unten) v. Ems u. sein Literaturkreis, ZfdA. 67, 209- S. 3-5. 24 Die erzählende Dichtung Seinen vollen Geschlechtsnamen verzeichnet der Fortsetzer der Weltchr. 33496: „Ruodolf von Ense (= Ems)" sowie der Schreiber der Heidelberger Hs. Johanns v. Würzburg, Wilhelm v. Österreich (s. unten): „von Ems Ruodolf". Aus den Personen, die Rudolf als Veranlasser seiner Werke nennt, können wir auf seine literarischen und landschaftlichen Beziehungen schließen. Demnach hat er seine beiden ersten Werke (Guter Gerhard, Barlaam) in seiner Heimatgegend abgefaßt, dann kam er in persönliche Verbindung mit der schwäbischen Aristokratie (Alexander, Willehalm, Weltchronik). Seine dichterische Entwicklung können wir genau verfolgen: Seine Jugenderzeugnisse, welche uns nicht erhalten sind und die er später (Bari.5,10 ff.) als trügerische Geschichten ablehnt, waren wohl Abenteuer- und Minnemären. Erhalten sind uns fünf erzählende Werke, deren Reihenfolge sich mit annähernder Sicherheit feststellen läßt. Seine früheste erhaltene Dichtung ist Der gute Gerhard, die nächste der Barlaam. Diese Reihenfolge gibt Rudolf selbst an im Alexander 3279ff., und im Barlaam beruft er sich zudem auf den Guten Gerhard; da nun die Weltchronik sein letztes Werk ist, stehen Alexander und Willehalm 1 zwischen ihr und Barlaam. Die Eustachiuslegende, die er nach dem Barlaam schrieb (Alex. 3287-89), ging verloren. Rudolf v. Ems ist einer der fruchtbarsten mhd. Dichter — seine Werke erreichen zusammen etwa 94000 Verse — und auch einer der gelehrtesten. Er wird wohl eine Klosterschule besucht haben; er verstand Französisch, vor allem aber Lateinisch, worauf seine ganze Bildung fußt. Ein lehrhafter Trieb durchzieht sein Schaffen, ohne aufdringlich zu werden. Aus seinen Werken spricht eine ernste Persönlichkeit, die von sittlichen und religiösen Grundsätzen geleitet ist. Die auf Belehrung und Besserung abzielende praktische Willensrichtung steht in Verbindung mit Rudolfs realistischem Wesenszug, der einen für die Tatsachen des Lebens offenen Sinn beweist. Zusammengefaßt ergibt sich aus den Grundgedanken seiner Dichtungen das Bekenntnis einer ganz bestimmten Weltanschauung, 2 nämlich der des ritterlichen Laien- tums, der Vereinigung von weltlichem Beruf mit dem Dienste Gottes. Der 1 Der Alexander ist das frühere Werk; derselben, Alexander — Anfang der dreißiger wenigstens wurde er vor dem Willehalm be- Jahre, Abbruch des Alexander und Beginn gönnen: Man nimmt jetzt an, daß Rud. von des Willehalm im Jahre 1235; Schröder, der Arbeit am Alex, zur Abfassung des Wille- Festschr. Leidinger, 1931; Georg Karl halm überging (nach Alex. B. II), so etwa, Bauer, Die zeitliche Einreihung des Alex. u. daß er sich mit dem Alex, „in verschiedenen Willeh. in das Schaffen R.s v. E., ZfdPh. 57, Arbeitsperioden oder mit einer größeren Ar- 141-57. Einen Trojanerkrieg, den Lachmann, beitspause" beschäftigte (Junk, Leitzmann, Auswahl (1820) S. IV, aus Weltchr. 26715 f. Schröder). Chronologie: Piper S.544; erschließen wollte, hat Rud. nicht verfaßt, Junk, Beitr. 29, 445 ff.; Ders., Prager dt. s. Baechtold, LG. S. 115 f. u. Anm. S. 36; Stud. 8, 353-61; Leitzmann, ZfdPh. 43, 308- Zeeman, Stilist. Unters, in den am Schluß 313; Singer, LitGesch. d. dt. Schweiz S. 47; beigegebenen „Stellingen" Nr. II. — Junk, Ehrismann, Stud. aaO. S. 79-96; Leitzmann, Ausg. Bd. 2, 752. Beitr. 54, 294-305; Schröder, ZfdA. 67, 2 Weltanschauung, Ethik: Ehrismann, Stud. 242 ff. (mit weiterer Lit); Ders., ZfdA. 67, S. 43-57. 103-16; Schneider, Heldendicht. 219 ff. nimmt folgende Zeitfolge an: G. Ger- usw. S. 320 ff.; Naumann, Festschr. Ehris- hard — Anfang der zwanziger Jahre des mann S. 94. 97 (Toleranz); Friedr. Neu- 13. Jh.s; Barlaam u. Eustachius — am Ende mann aaO. — Sittengeschichte: A. Dobber- Rudolf von Ems 25 gute Gerhard ist die Schilderung des frommen Laien; nach dieser erbaulichen Erzählung wendet sich der Dichter der Legende der nächsthöheren menschlichen Wertstufe zu. Barlaam ist das Bild des asketischen Mönchs; dort wird das aktive, hier das kontemplative Leben dargestellt; die beiden Werke stehen im selben Verhältnis zueinander wie bei Hartmann die Erzählung vom Armen Heinrich zur Legende von Gregorius. Dann, nachdem er mit den höfischen Adelskreisen Schwabens in Verbindung getreten war, wendete sich Rudolf im Alexander und im Willehalm zur weltlichen Unterhaltungsliteratur, doch mit der Absicht, die sittliche Aufgabe des Rittertums und die ritterlichen Tugenden zu zeichnen. Die Weltchronik endlich ist ein Erzeugnis historisch wissenschaftlicher Einstellung, die äußerste Steigerung von Rudolfs lehrhafter Neigung; hier, wo die Anfänge der Geschichte des Gottes- und des Weltreiches berichtet werden, sind die beiden Ideen Gott und Welt nebeneinandergestellt. — Alle diese Werke Rudolfs sind geschichtlich bestimmt und an historische Personen geknüpft, ja, das letzte ist selbst Geschichtsschreibung. In den Prologen des Alexander und des Willehalm hat Rudolf eine Theorie der Dichtkunst 1 niedergelegt. Wie die gesamte mittelalterliche Wissenschaft metaphysisch begründet ist, so auch Rudolfs Kunstlehre: der Ursprung der Kunst liegt in Gott, er verleiht sie. Die Darstellung der Wahrheit ist der Inhalt der Dichtung. Der objektive Zweck besteht in der Belehrung und Besserung des Menschen, der subjektive Zweck, das persönliche Ziel des Künstlers, liegt in der Erringung der saelde, der Gunst der Welt, des Erfolgs. Die Aufgabe des Dichters ist Nachahmung der Meister; man kann also die Kunst erlernen, sie ist eine Wissenschaft; ars bedeutet ja in der mittelalterlichen Wissenschaftslehre sowohl „Kunst" als „Wissenschaft". Die Namen der Meister führt Rudolf im Alexander, Prol. 11,3105-3268, und im Willehalm, Prol.II, 2173-2296, auf. Diese Dichterverzeichnisse 2 sind Gotfrids literarischem Abriß im Tristan (4618 ff.) nachgeahmt (LG. II, 2, 321); sie geben eine kurzgefaßte Geschichte der höfischen Epik bis auf die eigene Zeit. Als die grundlegenden Meister preist Rudolf Veldeke, Hartmann, Wolfram und tin, D. g. Gerh. von R. v. E. in s. Bedeut. für 66; R. M. Meyer, ZfdA. 39, 306 ff.; Gruhn, die Sittengesch., Rostocker Diss. 1889, dazu ebda 43, 266 ff.; Schröder, ebda 51, 153 f.; Glöde, Lbl. 1891, 224 f.; s. auch J. Peter- Leitzmann, ZfdPh. 43, 313-17; Ehrismann, sen, Das Rittertum in der Darstellung des Joh. Studien über R. v. E. S. 3-57; Herchen- Rothe, QF. 106, 1909, 188 A. 3. bach, D. Präs. hist. im Mhd., Pal. 104, Anh.; 1 Roethe, Reinmar S. 186 ff.; Vie'tor, Beitr. S. v. Lempicki, Gesch. d. dt. Lit.wissenschaft, 46, 85-124; Schwietering, Demutsformel, 1920, S.28; Naumann, Gesch. d. dt. Lit.- S. 58. 65. 69 („Meister"), S. 17 f. 20 („Gön- sprachen, 1926. — Schröder, ZfdA. 67, 209- ner"), S. 9 („Fürbitte"), s. auch S.78; 251. — Heinr. v. Linouwe, Euling, Die Ja- Brinkmann, Wesen u. Form, Reg. S. 194. kobsbrüder von Kunz Kistener, S. 1 ff.; 2 Lit. zu den Prologen u. Dichterverzeich- T s , CI i R0DEI i **?■ s - 233. Absolon Lit. Piper, nissen: J. Grimm, Kl. Sehr. 1, 89 f.; Wacker- Höf - E P- 3, 667; Schröder, ZfdA. 67, 226 f ; nagel-Stadler, A. Heinr. S. 25 f.; Johannes Ehrismann, Stammlers Verfasserlex. 13. Schmidt, Beitr. 3, 140-81; Bartsch, Germ. Gottfr. v. Hohenlohe, Schröder, Festschr. 24, 1-9; Zacher, ZfdPh. 10, 95 ff.; Singer, Leidinger 1930. ZfdA. 38, 271; Junk, Beitr. 28, 414-56; 462- 26 Die erzählende Dichtung Gotfrid, welch letzterer sein besonderes stilistisches Vorbild ist, 1 aber in der Nachahmung wird er zum Virtuosen. Seine beiden ersten Dichtungen religiösen Gehaltes sind Rudolf am besten gelungen; die verhältnismäßige Einheitlichkeit des Stoffes war leichter zubeherrschen als der ins Weite verlaufende Strom der Vorgänge in den drei letzten Werken. Ihnen mangelt die künstlerische Durcharbeitung, worunter auch der sprachliche Ausdruck leidet; besonders bezüglich des letzten Werkes, der Weltchronik, kann man von einem Altersstil reden. 2 Rhythmisch sind Rudolfs Verse wohlgebaut, mit der normalen Freiheit der Taktfüllung; die Reime 3 sind rein, dialektfrei. Trotz der literarhistorischen Bedeutung Rudolfs ist eine unmittelbare Einwirkung 4 seiner Werke nur selten nachzuweisen. Nach der geringen Zahl der Handschriften zu schließen, scheint die Verbreitung des G. Gerhard und des Alexander nicht groß gewesen zu sein, dagegen entsprach die Weltchronik dem gelehrten Interesse des ausgehenden Mittelalters, was durch die überaus große Zahl der Handschriften bestätigt wird. Den Guten Gerhard 5 (6928 V.) hat Rudolf auf Wunsch Rudolfs v.Steinach (6823-39), eines St. Galler Ministerialen (urkundl. 1209.1221) um 1220-25 nach einer nicht bekannten, aber wohl lateinischen Vorlage gedichtet. Inhalt: I. Rahmenerzählung (V. 77-1125): Der Kaiser Otto glaubt wegen der Stiftung des Bistums Magdeburg besonderen Anspruch auf Lohn bei Gott zu haben und rühmt sich seines 1 Stil: W. Grimm, Kl. Sehr. 3, 247 (Sticho- mythie); Vilmar, Die zwei Recens. usw. (s. unten) S. 13 f.; Baechtold S. 97; Leitz- mann, ZfdPh.43, 301-07 u. Beitr. 42,503-05; Ehrismann, Stud. S. 57-78; Kurt H. Halbach, Gottfr. v. Straßb. u. Konr. v. Würzb., 1930, pass. — Fr. Krüger, Stilist. Unters, über R. v. E. als Nachahmer Gottfr. v. Str., Progr. Lübeck 1896, dazu Marold, Anz. 23, 308 f.; Junk, Anz. d. phil.-hist. Kl. d. Ak. d. Wiss. in Wien, Jahrg. 1924 Nr. VIII; Ant. Henrich, Stilist. Unters, über d. Willeh. des R. v. E., Beitr. 38, 225-79; Bandlow, Der Stil R.s v. E. in seiner Weltchr., Greifsw. Diss. 1911; Zellmer, Epitheta in der Weltchr. R.s v. E., ebda 1915; Schirokauer, Beitr. 47, S. 123; Zeeman, Stilist. Unters, über R.s v. E. Weltchr. u. seine beiden Meister G. v. Str. u. Wolfr., Amsterd. Diss. 1927, dazu Junk, DLz. 1929, 1284-97, Hübner, Anz. 47, 144 f., Ehrismann, Lbl. 1929, 92 f., Piquet, Rev. germ. 19, 1928, 372 f.; Wolfg. Roedi- ger, Die adjektive Epitheta bei R. v. E., Marb. Diss. 1921; Lange, Einsätze der Abschnitte in den Werken R.s v. E., Greifsw. Diss. 1921 (Mäschinendruck); Gertr. Borck, Wortwiederhol, in R.s v. Ems „d. g. Gerh." u. „Bari. u.Jos.", ebda 1932(Maschinendruck); Walther Brands, Wortwiederhol, in R.s v. E. Willeh., ebda 1923 (Maschinendruck); Käthe Iwand, Schlüsse der mhd. Epen, 1922. — Fremdwörter: Em. öhmann, Stud. über die frz. Worte im Dt., Helsingf. Diss. 1918, 144; Suolahti, Mem. ... VIII, pass. — Junk, Ausg. II, 754. 2 Abnahme der Kunst Rudolfs: Schröder, Beitr. 29, 197 f.; v. Kraus, ZfdA. 56, 48; Ehrismann, Stud. über R. v. E. S. 98 ff.; Schirokauer, Beitr. 47, 112 f. 3 Metrik: W. Grimm, Kl. Sehr. 3 Reg. S.334; Junk, Unters, z. Reimgebrauch R.s v. E., Beitr. 27, 446-503; Zwierzina, ebda 28, 425- 53; Schröder, ebda 29, 197-200; Zwierzina, Anz. 26 Reg. S. 347.27 Reg. S. 343; v. Kraus, ZfdA. 56, 41-49; Henrich, Beitr. 38, 271-75 (Willeh.); Otto Wegner, Reimwörterb. z. Weltchr., Greifsw. Diss. 1914; K. BormannI, Die Metrik in „g. Gerh." des R. v. E., hgb. von Vict. Junk, 1923, dazu Zeeman, Neophil. 10 1925 228 f 4 'mSH.'4, 542 ff. — Entlehnungen im Rein- frid v. Braunschweig: Gereke, Beitr. 23, 404; nachgeahmt von Kistener in den Jacobsbrüdern : Euling S. 20 f. 5 Ausg.: Haupt 1840, dazu Textbesserungen: Haupt, ZfdA. 1, 199-201. 15, 249; Pfeiffer ebda 3, 275-78; Schröder ebda 43, 332; Leitzmann, ZfdPh.43, 317f.; R.Köhler, Kl. Sehr. 1,5. — 2 Hss., dazu Schönbach, Beitr. 33, 186-90; Schröder, ZfdA. 67, 209 ff. 238. — Übers, s. Baechtold Anm. S. 30; Piper S. 545. — Zur Ethik: Naumann, Festschr. Ehrismann S. 94. Rudolf von Ems 27 Werkes. Aber eine Stimme verkündet ihm, daß ein Kaufmann in Köln, genannt der Gute Gerhard, Gottes Gnade besser verdient habe. Der Kaiser begibt sich nach Köln und läßt sich von dem Kaufmann dessen Geschichte erzählen (Hauptteil 1126-6638). Der gute Gerhard hat in der Heidenschaft christliche Ritter und eine Königstochter aus der Sklaverei losgekauft. Er veranlaßt seinen Sohn, der die Prinzessin heiratet, sie ihrem früheren totgeglaubten Verlobten, dem Königssohn von England, der am Hochzeitstag in Köln erscheint, zurückzugeben. Die in England ihm angebotene Königskrone schlägt er aus. III. Schluß der Rahmenerzählung (V.6639- 6822): Der Kaiser bereut in Buße seinen sündigen Selbstruhm. Nachdrücklich hebt der Dichter den lehrhaften Zweck der Erzählung hervor, die Ure: 37-76. 6881-6909 das ™an da.3 rüemen lä^e sin (6883), die Warnung vor dem Hauptlaster, der superbia, vana gloria, und die Mahnung zur Demut. Zum erstenmal wird hier als der Held einer höfischen Erzählung ein Kaufmann dargestellt, aber diese andere soziale Schicht, deren Kultur — im Unterschied zu der in den Ritterromanen geschilderten — auf wirtschaftlichem (Handel mit England), nicht auf kriegerischem Untergrunde beruht, ist doch höfisch erfaßt. Der Kaufmann ist ausgestattet mit den Tugenden und der Haltung eines vornehmen Herrn (s. besonders 753-804), die Handlung ist in höfisches Kostüm gekleidet, und prächtige Feste und Turniere dienen zur Zierde des gesellschaftlichen Lebens. Dem Stoff liegt eine hebräisch-rabbinische Sage 1 zugrunde (überliefert im 11. Jahrhundert). Eine andere, in der Seinshierarchie höhere Stufe gegenüber dem Welt und Gott vereinigenden Laien stellt sich in dem von der Welt ganz abgewendeten Asketen, dem einzig in die Gottesidee sich versenkenden Heiligen dar. Dieses Mönchsideal ist in der Legende von Barlaam und Josaphat gezeichnet. 2 Inhalt: Der Einsiedler Barlaam gewinnt Josaphat, den Sohn eines christenfeindlichen Königs von Indien, für das Christentum; und schließlich auch, nach langem Widerstreben, den alten König selbst. Josaphat zieht sich dann zu Barlaam in die Wüste zurück, wo er als Einsiedler stirbt. 8 Wir finden hier die indische Buddhalegende wieder: 4 Josaphat ist Buddha. Die Barlaamlegende wurde um 630 von einem Mönche, Johannes 1 Lit. z. Sage bei Baechtold u. Piper; dazu Gedichtes; Pfeiffer, Ausg. S. 407-09; Goe- noch R. Köhler, Kl. Sehr. 1, 5-20; Schön- deke, Grundr. I 2 , 372 f.; Franz Sohns, D. bach, Beitr. 33, 190; BoLTE-PoLiVKA 3, 490- Hss.verhältnis in R.s v. E. Bari., Erlang. Diss. 517; s. auch Walth. Benary, Hervis v. Metz 1878, dazu Lambel, Germ. 25, 377-81; Piper und die Sage vom dankbaren Toten, Zfrom- S. 559-61. — Spätere Funde u. Notizen: Phil. 37, 1913, 37 ff. 129 ff. Mourek, SB. d. böhm. Ges. d. Wiss. 1893; 2 Lit. bei Piper u. Baechtold. — Ausg.: Schröder, ZfdA. 54, 23 f.; Ders., Anz. 48, Fr. K. Köpke 1818, dazu W. Grimm, Kl. 205; Stammler, Verfasserlex. 1, 167 ff. Sehr. 2, 235 ff.; Franz Pfeiffer 1843. — 3 Eingeschaltet sind eine Anzahl kleiner Erstellen: Reinh. Köhler, Germ. 22, 285; Zählungen, Parabeln, bispel, die auch sonst vor- Jellinek u. Kraus, ZföG. 44, 701 f. u. ö.; kommen, wie z. B. Der Mann in der Grube in Ilg, Beitr. z. Gesch. d. Kunst S. 41-63. 140ff.; Hugos v. Trimberg Renner, s. A. Freybe, Das Agnes Geering, Die Figur des Kindes 1899, Memento mori in dt. Sitte, 1909, 210-15. Des 99-101; Schröder, ZfdA. 67,209 ff.; Schenk- Vögeleins drei Lehren u.a. Lit. bei Piper Held, Religionsgespräche 1930, pass.; Klap- S. 563-65; Wackernagel, LG. I 2 , 211 per, Stammlers Verfasserlex. 1, 167-72. — Anm. 84; vgl. Schröder, Anz. 43, 98. Parallelen zu Freidank: W. Grimm, Kl. Sehr. 4 Lit. über die Sage: Grässe, Die großen 4, 17. — Die große Zahl der Hss. u. Bruch- Sagenkreise 1842, 460-63; Piper S. 562 f.; stücke, etwa 40, zeugt für die Beliebtheit des ferner: Ernst Kuhn, Der Mann im Brunnen, 28 Die erzählende Dichtung Damascenus, griechisch aufgezeichnet und im 12. Jahrhundert ins Lateinische übertragen. 1 Eine lateinische Übersetzung (5, 4 ff. 403, 4 ff.) erhielt Rudolf von Abt Wido von Kappel (im Züricher Gebiet, 1222-32). Seine ziemlich genaue Verdeutschung (16244 V.) fällt in die Jahre 1225-30. Der lateinische Text der Legende wurde in viele abendländische Sprachen übertragen, ins Altfranzösische, Provenzalische, Englische usw. 2 Im Deutschen gibt es außer Rudolfs Gedicht noch zwei Versbearbeitungen, die eine von Bischof Otto II. v. Freising (1184-1220), 16704 V., 3 und eine andere, nur in Bruchstücken einer Hs. enthaltene Dichtung vom Ende des 13. Jahrhunderts; 4 außerdem zwei Prosadrucke von 1476 und 1477. Mit dem Alexander 5 (nach 1230) hat Rudolf die religiös-ethische Richtung des Guten Gerhard und Barlaam verlassen und stellt hier sowie im Willehalm ritterlich-weltliche Idealbilder auf. Im Prolog I, 41-56. 62-90 und IV, 12923-68 gibt er sein Programm: er will, einen lang gehegten Plan ausführend, der Wahrheit gemäß (auch Prol. IV, 13051-64 und V, 15639 ff.) berichten, wie einer der trefflichsten Ritter den Preis dieser Welt erwarb. Doch ist der Dichter weit entfernt davon, einen bloß weltlichen Abenteuerroman zu bieten, vielmehr formuliert er gerade hier im Alexander das ritterliche Moralgesetz: die weit erkennen, minnen got, des libes und der sele heil (Prol. II, 3230 f.), und die ganze Geschichte des wunderlichen (admirabilis) Alexander zielt auf die Lehre von der Nichtigkeit des Glücks und der Vergänglichkeit des Irdischen hin, wie schon das frühmhd. Alexanderlied. 6 Festgruß an O. v. Böhtlingk 1888; Ders., Bari. Der Laubacher Bari., Gott. Diss. 1903; u. Joasaph., 1893, dazu Cbl. 1894, 1105 f.; Schröder, Literaturbl. der Frankf. Ztg. Ders., Bari. u. Joasaph., Abhandl. d. Münch. 19. Okt. 1913; Leitzmann, Beitr. 43, 258-66; Ak. 20, 1897, 1-88; H. Zotenberg in Notices L. Denecke, Ritterdichter u. Heidengötter, et extraits 28, I, 1886, dazu G. Paris, Rev. Greifsw. Diss. 1929, 130-32. crit. 1886, 444-47; Conybeare, Folklore VII, * Hgb. Pfeiffer, ZfdA. 1, 126-35, u. Pfeif- 101 ff.; H. Günter, Buddha in der abendl. per, Forsch, u. Kritik 1, 1863, 30-14; s. auch Legende? 1922; H.-Fr. Rosenfeld, Mhd. Scheel, Festg. Weinhold von der Gesellsch. Novellenstud, 1927 S. 123; G. Moldenhauer, f. dt. Phil. 1896, 33 f. Die Leg. von Bari. u. Jos. auf der iberischen b Lit . PlPER s ' 642 _ _ Ausg.: Victor Junk, Halbinsel, 1929, dazu Ernst Werner, Lbl. I. Teil, Buch 1-3, LitVer. Nr. 272,1928, II.Teil 1929,450 f. — Verführung des Josaphat durch Nr . 2 74, 1929, dazu Schröder, Anz. 48, 59 f. eine schöne Frau: Vielleicht hat Rieh. Wagner 49) 14 _ 23) Piquet, Rev. germ. 20, 1929, 389f. bei seiner Kundry im Parsifal Rudolfs Bar- 2 1, 262 f. — Junk, Die Überlieferung von laam gekannt: Rob. Petsch, Rieh. Wagner- R-S V- E . Alex Beitr 2 9, 369^69; Ders., Jahrb. 4, 1912; Curt H. Hoberger, Die Ent- Bericht über die Vorarbeiten zu einer krit. stehungsgesch. von Wagners „Parsifal", Ausg) Anz . d . Ak . d . wiss . in wien 1924 Greifsw. Diss. 1914, 156 ff.; Guntert, Kun- Nr . V III; Leitzmann, Beitr. 54, 293-305; dry, 1928, 49 f. Elisab. Grammel, Stud. über den Wandel 1 Siehe u. a.: Cruel, Gesch. der dt. Predigt des Alexanderbildes in der dt. Dicht, des 12. imMA., 1879, S.466f.; Schröder, Das goldene u . 13. Jh.s, Frankf. Diss. 1931, 62-88. — Stel- Spiel von Meister Ingold, 1882, S. 87. len: Junk, Anz. d. Ak. usw. 1927, 175-79; 2 Lit.: Piper S. 562 f.; Jos. Jacobs, Bari. s. DLz. 1927, 2031 f.; Schröder, ZfdA. 67, and Jos., Lond. 1896. 209ff. (der Alex, für König Heinrich VII. ge.- 3 Ausg.: Ad. Perdisch, Der Laubacher dichtet S. 223). — 2 Hss. u. 1 Bruchst., Barlaam, LitVer. Nr. 260, 1913, dazu Be- Junk, Beitr. 29, 374-413 u. Ausg. II, 748 ff.; haghel, Lbl. 1918, 28 f.; Baesecke, Anz. 37, Schröder, Anz. 49, 14 ff. 51-55. — Jos. Haupt, Über das md. Buch der 6 Ethik im Alex.: Ehrismann, Stud. S. 109f.; Väter, Wiener SB. 69, 1871, 71 ff.; Perdisch, W. Rehm, ZfdPh. 52, 304 f. Rudolf von Ems 29 In beiden Hss. ist das Gedicht unvollendet (etwa 21600 V.), und Rudolf scheint es auch tatsächlich nicht zu Ende geführt zu haben. Es war auf zehn Bücher berechnet, erhalten sind nur die fünf ersten und das sechste zur Hälfte; sie enthalten die Geschichte Alexanders mit seinen Zügen bis zum Oxus. Seinen eigenen Namen deutet Rudolf im Akrostichon I V. 1-25 an. Im Prol. IV gibt er seine Quellen, darunter die bekanntesten lateinischen Alexanderbücher (s. LG. II, 1, 245 ff.) an, aber er hat außer den von ihm bezeichneten Vorlagen auch noch andere benutzt. 1 Die Nachwirkung der Literatur des Altertums fand im Mittelalter den geschlossensten Ausdruck in der Heldengestalt Alexanders. Auf die älteste deutsche Alexanderdichtung, die des Pfaffen Lamprecht und der Straßburger Bearbeitung dieses Werkes, folgten zwei jetzt verschollene Fassungen, welche Rudolf, ebenso wie den Lamprecht, im V. Buche seines Alexanders erwähnt: eine von Berthold v. Herbolzheim (bei Freiburg i. B.), der für Herzog Berthold V. von Zähringen (1186-1218) dichtete, und eine von Biterolf, den er Freund nennt, dessen mcere er aber nur vom Hörensagen kennt. Fünfzig Jahre nach Rudolfs Gedicht brachte Ulrich v. Eschenbach am böhmischen Hofe seine Alexandreis heraus (s. unten). 2 Ein österreichischer, nicht näher bekannter Dichter, der sich am Schluß seines Werkes Seifrid 3 nennt, verfaßte im Jahre 1352 einen „Alexander" nach der Historia de preliis, ein minderwertiges Machwerk. Ein spätes Erzeugnis gesunkener Kunst ist auch Der große Alexander 4 (= Alexander Magnus), eine um 1390 entstandene Übertragung der lateinischen Distichen des Quilichinus de Spoleto (LG. II, 1,147f.) von einem sonst unbekannten alemannischen Dichter (6456 V.). Im 15. Jahrhundert treten dann die Prosabearbeitungen auf: die aus der Historia de preliis übersetzte „CronicaAlex- andri des großen Königs" des Meister Babiloth, welche gemäß ihrem moralisierenden und lehrhaften Zwecke in dieser seiner Zeit weit verbreitet war (8 Hss., auch ein niederdeutscher Druck), 5 sowie die Alexanderchronik 1 Quellen: Zacher, ZfdPh. 10, 89-112; Aus- 3 Roethe, ADB. 33, 646; Th. v. Karajan, feld, Über die Quellen zu R.s v. E. Alex., ZfdA. 4, 248; Ausfeld, Die Orosius-Re- Progr. Donaueschingen 1883; Osw. Zingerle, cension (s. unten); W. Hertz, Gesammelte Die Quellen zum Alex, des R.v.E., 1885, Be- Abhandl. 1905,123-25. —Auszüge: Priebsch, sprechungen dazu s. JB. 1885 S. 196. 1886 Dt. Hss. in England I S. 103 f. 285-88. — S. 139; Baechtold S. 104 f.; Singer, LG. d. Stellen: Strauch, Lbl. 1881, 279 f. dt. Schweiz S. 46; Junk, Ausg. II, 753-56. 4 Ausg.: Gust. Guth, Dt. Texte d. MA.s, 2 Berth. v. Herbolzh.: Zacher, ZfdPh. 10, Bd. 13,1908, dazu Panzer, ZfdPh. 43,476-79, 96 ff.; Lichtenstein, Anz. 9, 30; Bartsch, Ehrismann, Lbl. 1914, 109 f., Piquet, Rev. Germanist. Stud. 1, 1 ff.; Schröder, ZfdA. germ. 5, 1909, 221; Paul Gereke, Seifrits 51, 108 f. 152 ff. u. 67, 228 f.; Junk, Beitr. 29, Alexander, aus der Straßb. Hs. hgb., Dt. Texte 460f.; Pfaff, Der Minnesang im Lande Ba- des MA.s 36, 1932. — Ernst Neuling, Die den 1908 S. XII f.; Stammler, Repertor. für dt. Bearbeit. der Alexandreis des Quilichinus Kunstwissensch. 51, 1930, 141^17; Elisa- de Spoleto, Beitr. 10, 315-83. — Nur eine Hs. beth Grammel, aaO. S. 61 f.; Halbach, (1397), in Wernigerode, daher diese Fassung Stammlers Verfasserlex. 1, 210 f. — Bite- auch „Wernigeroder Alex." genannt wird, rolf: Roethe, Reinmar, Reg. S. 634; Pfaff, Der Titel „Der große Alex." ist der Prosaüber- Lbl. 1884, 6; Schröder, ZfdA. 51, 152 ff. schrift der Hs. entnommen. u. 67, 229 f. (s. unten Wartburgkrieg); Jan 6 Ad. Ausfeld, Die Orosius-Recension der van Dam, Stammlers Verfasserlex. 1, 236-38. Historia Alexandri M. de preliis u. Babiloths 30 Die erzählende Dichtung des Johann Hartlieb, ein „Fürstenspiegel", dessen Erscheinen schon in den Frühhumanismus und in die Zeit des Buchdrucks fällt (erster Druck 1472). 1 In den mittelalterlichen Weltgeschichtschroniken 2 nimmt Alexanders Eroberungszug einen besonderen Abschnitt ein, so in Enikels Weltchronik (V. 18923-19658). Der Basler Alexander (LG. II, 1,240) ist selbst ein Teil einer Art Weltchronik; eine Heidelberger Hs. von Rudolfs Weltchronik enthält aus Enikel entnommene Abenteuer Alexanders, und ebenso spätere Weltchroniken. — Auch im mnd. Seelentrost (s. unten!) ist die Alexandersage eingeflochten. 3 In den Umkreis der Alexandersage gehören außerdem die lateinischen, pseudo-aristotelischen Secreta secretorum, ein lehrhaftes Werk, das in fast alle abendländischen Sprachen übersetzt wurde. In Deutschland war es sehr verbreitet, und es sind zehn, meist noch nicht herausgegebene Bearbeitungen — teils in Versen, teils in Prosa — bekannt. Die bemerkenswerteste Reimfassung nennt sich „Aristotilis Heimlichkeit" 4 (der Name lautet im Mhd. vulgär „Aristotiles") und stammt aus dem 14. Jahrhundert (3073V.). Hier wird in Gestalt eines Briefwechsels, den Alexander nach der Unterwerfung Persiens mit Aristoteles, seinem Lehrer, führt (zwei Briefe), eine Fürstenlehre, eine Anweisung zum guten Regieren (de regimine principum), gegeben; nebenbei enthalten diese Briefe aber auch allgemein praktische Vorschriften. Die rede (V. 82, Abhandlung) ist heimelich, gotlich heimlichkeit (258), d. h. verborgene Weisheit, für die Gelehrten, nicht für ungelehrte Leute bestimmt (2999 ff.). Der Verfasser war wohl ein Geistlicher, aber im Dichten Dilettant. An die Person des Welteroberers knüpfte sich auch eine Zwergensage, Alexander und Anteloye: Alexander trifft mit dem Zwergkönig Anteloye zusammen, der mit seinem durch ein helcleit (verhehlendes Kleid, Tarnkappe) unsichtbar gemachten Zwergenheere daherzieht. Er kehrt bei den Zwergen ein und wohnt dort einem mit Turnieren verbundenen Feste bei. Dann lädt er seinerseits den Zwergenkönig zu einem Pfingsfest ein, und dieser — durch Alexanderchronik, Festschr. der badischen 3 Heinr. Fuchs, Beiträge zur Alexander- Gymnasien 1886 S. 97-120; Herzog, Die sage. I. Die Alexandersage im „Seelentrost". Alexanderchron. des Meister Babiloth, Progr. II. Ein neues Bruchstück einer Hs. des Julius Stuttgart 1897, dazu Ausfeld, ZfdPh. 30, Valerius, 1910. Dazu Ehrismann, Lbl. 1910, 390-92. 148. 1 Siegm. Hirsch, Das Alexanderbuch Joh. 4 Ausg.: Wendelin Toischer, Progr. Wiener Hartliebs, Pal. 82, 1911; Hans Poppen, Das Neustadt 1882, dazu Strauch, DLz. 1882, Alexanderbuch Joh. Hartliebs und seine 1750; Steinm., Anz. 9, 231; Strauch, Die ad. Quelle, Heidelb. Diss. 1914; Becker, Fest- Bearbeitungen der Pseudo-Aristotelischen Se- schr. Schade, 1896, S. 1-26; A. J. Barnouw, creta secretorum, Progr. Prag-Neustadt 1884, A Middle Low. Germ. Alex. Legend, The dazu Ders., DLz. 1884, 1615-17, Behaghel, Germ. Rev. IV, 1, 1929. — Über eine.Hs.: Lbl. 1885, 56, Steinmeyer, Anz. 11, 91; Travnik, Münch. Mus. 2, 211-21. — Über- Hertz, Aristot. in den Alexanderdichtungen, setzung: Rich. Benz, Die dt. Volksbücher, Ges. Abh. 1905; Brodführer, StammlersVer- 1925. fasserlex. 1, 1931, 126 f. — Otto Rohde, 2 Zacher, ZfdPh. 10, 104 ff.; Junk, Beitr. Über eine noch unbekannte spätmhd. Prosa- 29,456 ff. — Über sonstiges Vorkommen Alex- übers, des Pseudo-Aristotel. Secretum secret., anders in der mhd. Lit. s. LG. II, 1, 248-50. Hamb. Diss. 1925, Maschinendruck u. Auszug. Rudolf von Ems 31 seine Unsichtbarkeit geschützt — prügelt nun die Hofschälke, die betrügerischen Hofbeamten, durch. In dieser Züchtigung spricht sich die moralische Absicht des Werkes aus. — Diese Sage ging in verschiedenen Fassungen um und wurde auch von Ulrich v. Eschenbach in seine Alexandreis aufgenommen. 1 Wie im Alexander, so hat Rudolf auch im Willehalm von Orlens 2 dem Ritterstand ein Vorbild für ritterlichiuwerdekeit entworfen; aber dort liegt der Schwerpunkt des Gedankengehaltes auf der Machtidee, in der mittelalterlichen Umwelt des Willehalm jedoch sind die hohen Wünsche des Rittertums, Heldentum und Minne, die treibenden Kräfte. In diesem biographischen Roman wird das Leben des Helden in 15689 Versen erzählt; den Faden, an dem die Erzählung aufgereiht ist, bildet die Liebe des aus vornehmer französischer Familie stammenden Willehalm zu Amelie, der Tochter des Königs von England, dessen Nachfolger er schließlich wird. Auch in diesem höfischen Ritterroman bleibt Rudolf auf dem Boden der Wirklichkeit und lenkt sein Dichterroß nicht ins Feenland oder ins Artusreich zu Abenteuern mit Zauberern und wilden Weibern oder dgl. Seinen Wirklichkeitssinn bekundet er auch darin, daß er seine Erzählung an geschichtliche Ereignisse anknüpft; sie schließt mit einer historischen Schau: mit dem Helden Willehalm ist, allerdings ganz verblaßt, Wilhelm der Eroberer gemeint, mit dem jüngeren Herzog Jofrit v. Brabant Gottfried v. Bouillon. Die Quelle Rudolfs für den Willehalm ist unbekannt, jedenfalls folgt er einem französischen Gedicht. Nahe steht inhaltlich der spätere afrz. Roman Jehan et Blonde des Philipp v. Beaumanoir. 3 Das wälsche Buch brachte Johannes V.Ravensburg (Akrostichon V.8-15 und V. 15601-42) nach Deutschland, um es für seine Dame übersetzen zu lassen. Der Schenk Konrad 1 Eine thüring. Fassung, abgedr. von Haupt, Ehrismann, Stud. S. 43^16. 110-15. — Hum- Ad. Blätter 1, 250-66 (516 V.) u. Pfeiffer, bert Dell' Mour, Reimwörterb. zum Willen. ZfdA. 5, 423-26; Wackernagel, Die ad. Hss. R.s v. Ems, Diss. Wien 1928. — Über 30 Hss. der Basler Universitätsbibl., 1835, 27-30 (Ulr. u. Brachst.: Junk, Ausg. S. IX ff.; Zeidler, v. Esch., 282 V.); J. V. Zingerle, Germ. 18, Unters, des Verhältn. der Hss. von R.s v. 220-33 (Ulr. v. Esch., 438 V.); s. W. Hertz, E.W. v. O., Progr. Karolinenthal-Prag 1894, Ges. Abhandl. S. 95 f.; Toischer, Alex, des dazu Singer, Anz. 21, 240-42, Rosenhagen, Ulr. v. Esch.; Arth. Witte, Stammlers Ver- ZfdPh. 29, 124-26; später gefundene Hss.: fasserlex. 1, 61-63 (mit Lit.). — LG. II, 1, 249 Schröder, ZfdA. 64, 283 f.; Hss.-Illustratio- Anm. 3. — Einen Ausschnitt aus den Kamp- nen: Kautzsch, Festschr. Sievers, 1896, 291 f.; fen eines Zwergkönigs bildet der Kampf des Wegener, Bilderhss. in der Heidelb. Univ.- Königs Antelan von Schotten, dessen Name Bibl., 1927, 19 f. 56; Stammler, Repertor. f. mit Anteloy wechselt, gegen Parzefal, ab- Kunstwissensch. 51, 1930, 144-47. gedr. von Scherer, ZfdA. 15, 140^19, 14., 3 Zeidler, Die Quellen von R.s v. E. Wilhelm 15. Jh., in 33 Nibelungenstrophen ohne Ver- v. Orlens, 1894, dazu Lambel, Lbl. 1895, längerung der 4. Zeile. 365-69, Singer, Anz. 21, 233-40, Rosen- 2 Lit.: Piper S. 632 ff. — Ausg.: Vier. hagen, ZfdPh. 27, 421-25, Bechstein, ZföG. Junk, Dt. Texte des MA.s Bd. 2, 1905, dazu 8, 1895, 262-66; Wechssler, Vollmöllers Ro- Panzer, ZfdPh. 43, 476-79, Zeidler, DLz. man. Jahresber. IV, 2, 1901, 407 f.; Vict. 1906, 3140 f., Cbl. 57, 144 f. — J. Grimm, Kl. Lüdicke, Vorgesch. u. Nachleben des W. Sehr. 1, 89 f.; Petersen, Joh. Rothe, S. 148; v. Orl. von R. v. E., Hermaea 8, 1910, 1-130, Leitzmann, ZfdPh. 43, 319 f.; Karstien, dazu Junk, DLz. 1911, 2724-26, Helm, Lbl. Beitr.47,152-54; Günther Müller, ebda 48, 1912, 399 f., Cbl. 1911, 1253, Piquet, Rev. 138 f.; Jellinek, ebda 49, 108-11; H.-F. germ.7, 620f.; s. auch Singer, Wolframs Stil, Rosenfeld, Mhd. Novellenstud. S. 473 f. S. 124. — Motivbeziehungen zu dem afrz. 492; Schröder, ZfdA. 67, 209 ff. — Ethik: Roman von Hörn: Lüdicke S. 128-30. 176 f. 32 Die erzählende Dichtung v. Winterstetten (urkundl. 1214-42), der auch Ulrich v. Türheim zur Fortsetzung von Gotfrids Tristan veranlaßte (s. unten), hat den Dichter mit diesem Werke beauftragt, welches seiner Dame ein Zeichen seiner dienstbaren Treue sein sollte (2301-31. 15643-65). Da Rudolf in der Dichtung den eben erfolgten Tod des Grafen Konrad v.Öttingen (urkundl. 1223-31) beklagt (V. 2084-94), der vor 1238 starb, wird der Willehalm um 1238 entstanden sein. 1 Wilhelm und Amelie waren eines der drei berühmtesten Liebespaare (die beiden andern waren Tristan und Isolde, Wilhelm von Österreich und Aglye), mit deren Abbild der adlige Besitzer des Schlosses Runkelstein bei Bozen den Söller seines Schlosses schmückte (s. unten Pleier Joh.v. Würzburg). Püterich erwähnt den Roman in seinem Ehrenbrief, vor allem aber bezeugt die ungewöhnlich große Zahl von überlieferten Handschriften, wie viel er gelesen wurde. 2 Diese Beliebtheit veranlaßte auch Neubearbeitungen: im 15. Jahrhundert entstand eine gereimte Nacherzählung, in roher Aufmachung (3 Hss. und ein Augsburger Druck von 1491), und im Jahre 1522 (1 Hs.) eine mißratene Zusammenziehung auf 312 Strophen im Herzog-Ernst-Ton; schließlich benutzte Hans Sachs 1533 den Stoff zu einem Drama in engem Anschluß an den Augsburger Druck. 3 Mit der Weltchronik 4 hat Rudolf die Dichtkunst in den Dienst der Wissenschaft gestellt. Hier schuf er ein Werk, das die populäre Geschichtskenntnis des ausgehenden Mittelalters begründet und diese in der Bildung des deutschen Volkes verbreitet hat, 5 wie die sonst von keinem andern mhd. Buche erreichte Handschriftenzahl beweist und die vielen Fortsetzungen, 1 Junk, Prager dt. Stud. 8, 353-61; Lüdicke MA.s, ZfBücherfr. NF. 19, 1926/27, 1-11; S. 74; Singer, LG. der dt. Schweiz, S. 46. — Schröder, Anz. 49, 74; Leidinger, Münch. Zu Konrad v. Winterstetten: Stalin, Wirten- Dichter des 14. Jh.s, Münchn.Akad. 1930, da- berg. Gesch. 2, 614 f. 765 f.; Burdach, Rein- zu Ehrismann, Lbl. 1931, 91. — Stellen: mar 2 S. 391. 402 ff. u. Reg. S. 438; s. unten Leitzmann, Beitr. 42, 505-12, dagegen Ehris- Ulrich v. Winterstetten. — Gereimte Inschrift mann, ebda 44,268-79, Leitzmann, Erwider., auf einem Schwerte des Schenken Konrad ebda S. 496. — Hss.: etwa 80: Vilmar aaO.; (von Rud. v. Ems verfaßt?): Haupt, ZfdPh. 1, Massmann aaO.; Goedeke l 2 , 126-28; Piper 194-98; Wallner, ebda 64, 96. 3, 648 ff.; Ehrismann, Ausg. S.VI ff., dazu 2 Der Frauenname Amelie: Ernst Kegel, Strauch, DLz. aaO. — Verlorene Hss.: Die Verbreitung der mhd. erzählenden Lit.... Bartsch, Germ. 24, 20; Martha Julie auf Grund von Personennamen, Hermaea 3, Deuschle, Die Verarbeit. bibl. Stoffe im dt. 1905, 105-08. Roman des Barock, Amsterd. Diss. 1927 S.6. 3 Lüdicke S. 137-77. — Zeidler, Das ist — Illustrationen: Ganz, Gesch. der herald, die sag von wilhalm v. orlenz u. von seiner Kunst in der Schweiz im 12. u. 13. Jh., 1899, lieben amalye, Progr. Waidhofen a. d. Thaya 116 ff.; Erich Petzet, Eine Prachths. der 1896 (1496 V.); Lüdicke S. 134-56. Weltchr. des R. v. E., GRM. 1, 1909, 465-90; 4 Ausg.: Ehrismann, Dt. Texte des MA.s, K. Löffler, ZfBücherfr. 1927, 1-11; Wege- Bd. 20, 1915, dazu Strauch, DLz. 1916, ner, Miniaturenhss. zu Berlin, 1928,7-10; Dt. 1448-54, Behaghel, Lbl. 1917, 152 f., Cbl. Prachths. auf Perg. vom Ausg. des XIV. Jh.s, 1916, 108 f., Ad. Hofmeister. Mitt. aus der beschrieben von Kurt Enke, Leipz., Hierse- hist. Lit. 47, 79-83, Frantzen, Mus. 24, 131 f. mann (1927), darin Lit. S. 39 f.; Schröder, — Abh.: A. C. F. Vilmar, Die zwei Re- Anz. 48, 205. censionen u. die Hss.familien der Weltchr. 5 Das sächsische Zeitbuch Eikes v. Rep- R.s v. E., 1839; Massmann, Kaiserchron. 3, gow a. 1232 ist chronologisch vorangegangen, 1854, 44-53. 81-86. 113-87 u. ö.; Baechtold hat aber einen so weitgehenden Einfluß nicht S. 113-15 u. Anm. S. 32-35; K. Löffler, Die gehabt (s. unten). Weltchr. des R. v. E., ein Lieblingsbuch des Rudolf von Ems 33 Bearbeitungen und Benutzungen dartun. Die Weltgeschichte im Sinne des christlichen Mittelalters ist die Geschichte der Offenbarung der Taten Gottes. Sie beginnt also mit der Weltschöpfung, entwickelt sich in sechs Perioden und führt jeweils bis auf die Zeit des betreffenden Schriftstellers. Dem entsprechend ist Rudolfs Werk angelegt nach den sechs Weltaltern: 1 Adam (V. 189-866), Noe (V. 867-3793), Abraham (V. 3794-8797), Moises (V.8798- 21517), die fünfte Weltepoche, die Davids, ist nicht vollendet, sie bricht mit dem Tode Salomos ab; sie sollte bis zum Zeitpunkt von Christi Erscheinen weitergehen, denn mit diesem beginnt eine neue, die sechste und letzte Welt. 2 Bezüglich der Abfassungszeit der Weltchronik, des letzten seiner Werke, haben wir Rudolfs eigenes Zeugnis: den Auftrag, die ganze Weltgeschichte in Reime zu bringen, hat er von König Konrad erhalten (V. 21656-740); auch berichtet dann der Fortsetzer, daß der ursprüngliche Verfasser, Rudolf v. Ems, starb an Salomöne. Er hat also das ungeheuerliche Unternehmen nicht zu Ende führen können, brachte es aber bis auf 33472 Verse. Die Arbeit des Rudolf nicht ebenbürtigen, ungewandten Fortsetzers, die sich in den Handschriften unmittelbar anschließt, reicht von V. 33473-36338 bis auf die Zeit Elisas. Die Hauptquellen 3 Rudolfs waren die Bibel und die Historia scholastica des Petrus Comestor (f 1178), für einzelne Stellen zog er auch Gotfrids von Viterbo Pantheon (f 1191) heran, für den geographischen Abschnitt des Honorius Augustodunensis De imagine mundi. Er selbst nennt die von ihm benutzte Literatur, mit Ausnahme der Bibel, nicht. Die überwältigende Stoffmasse ließ den Dichter nicht zur feineren Durcharbeitung kommen. Die Darstellung 4 ist einfach, sachgemäß und ohne höheren Aufschwung; Betrachtung und Lehrhaftigkeit überwuchern die Ereignisse nicht; der erzählende Ton geht stellenweise in eine bloß chronikalische Notizensammlung über, ein Erbstück der tabellarischen Methode der kurzen Weltgeschichtsabrisse. (Über seinen Altersstil in der Weltchronik s. oben.) 1 Ehrismann, Stud. S. 53-57; W. Rehm, v. E., ZfdPh. 12, 257-301. 387-454. 13, 165- ZfdPh. 52, 289 ff. 223. 14, 29-57; J. V. Zingerle, Eine Geo- 2 Das chronologische Gerippe für die Welt- graphie des 13. Jh.s, Wiener SB. 50, 1865; geschichtsschreibung des MA.s war gegeben Seemüller, Geschichte der Stadt Wien, Bd. III in den Geschichtstabellen des griech. Bischofs 1. Hälfte, 1907, S. 12 Anm.; Boenhoff und Eusebius (a. 325), die von Hieronymus (a.380/ Singer, Heinr. v. Neustadt, Apollonius v.Tyr- 81) übersetzt und fortgeführt wurden. Die land, S.57f. 60-62; Schröder, Gott. Nachr. christliche Geschichtsauffassung hat Augustin 1917, 120; Ed. Spranger, Das dt. Bildungsbegründet in seinem „Gottesstaat" (De civi- ideal der Gegenwart, 1928, 12 f. täte Dei, a. 426): Der Gang der Geschichte ist 3 Vilmar S. 13. bedingt durch die Trennung in Gottesstaat i D. J. C. Zeeman, Stilist. Unters, über Rud. (Kirche) und Weltstaat, er läuft in sechs Welt- v. Ems' Weltchr. u. seine beiden Meister Gottaltern ab; s. LG. II, 1, 269 f. u. Reg. S. 358, fried u. Wolfram, Amsterdam 1927, dazuHÜB- auch Ezzos Gesang, ebda S. 46. — Über den ner, Anz. 47, 144 f., Junk, DLz. 1929, 1924- geograph. Abschnitt: O. Doberentz, Die 97, Ehrismann, Lbl. 1929, 92 f., Piquet, Rev. Erd- u. Völkerkunde in der Weltchr. des R. germ. 19, 1928, 372 f. 3 Deutsche Literaturgeschichte IV 34 Die erzählende Dichtung Da der Torso von Rudolfs Werk nur die biblische Geschichte (mit ihren weltlichen Ausläufern) enthält, so ist seine Weltchronik eigentlich eine „Reimbibel" geblieben. Dasselbe gilt für die Christherre-Chronik. 1 Diese, so benannt nach den Anfangsworten (wogegen Rudolf mit den Worten Rihter got herre beginnt), war dem Landgrafen Heinrich (wahrscheinlich Heinrich der Erlauchte, 1247-1288) von Thüringen gewidmet (Huldigung am Anfang). 2 Auch diese „Thüringer Weltchronik" bricht vorzeitig schon mit dem Buch der Richter ab. Der Verfasser kannte Rudolf und steht unter dem Eindruck von dessen Weltchronik, hat diese aber nicht im einzelnen in sein Werk aufgenommen, vielmehr hat er die Historia scholastica des Petrus Comestor und, am Anfang, Gotfrids v. Viterbo Pantheon fast sklavisch übersetzt; breit, ungeschickt und in holprigen Versen. Ergänzt wurde die bis auf Elisas Zeit reichende Fortsetzung von Rudolfs letztem Werk im 14. Jahrhundert durch die Geschichte von Hiob, Nebukad- nezar, Alexander und Hiskia. Es findet sich auch eine Verbindung beider Rezensionen — der von Rudolfs weitergeführter Weltchronik einerseits, mit der Christherre-Chronik andererseits—, und zwar auf die Weise, daß entweder dem Werke Rudolfs die Einleitung und Schöpfungsgeschichte der Christherre- Chronik gegeben, oder daß der Christherre-Chronik noch der letzte Teil Rudolfs zugesetzt, also bis Salomo nachgetragen wurde. Der Text der Christherre- Chronik wurde ebenfalls erweitert und in besonders umfänglichen Handschriften bis in die Zeit des Mittelalters fortgeführt. 3 Im 15. Jahrhundert entstand eine große Anzahl von prosaischen oberdt., mitteldt. und niederdt. Historienbibeln* (die Anfänge reichen vielleicht 1 Ausg.: Veralteter Abdruck des gemischten rienbibeln des MA.s, 2 Bde., LitVer. Nr. 100. Textes (Christh.-Chr. mit Forts, aus Rudolf) 101, 1870. — Abh.: Massmann 3, 45-53, dazu von Gottfried Schütze (1779-81). — Ab- Zarncke, Cbl. 1857, 652 f.; Hans Vollmer, handl.: Vilmar aaO.; Massmann S. 86-94. Materialien zur Bibelgesch. u. religiösen Volks- 151-67. 172-83; Goedeke l 2 , 127f.;BAECH- künde des MA.s, Bd. I, 1912, Ausgabe der told, Anm. S. 32 ff.; Piper aaO.; Zacher, „Neue Ee", 1929; Ewald Gleisberg, Die v. Hardenberg, Regel, ZfdPh. 9,422-60; Karl Historienbibel (Merzdorfs I) und ihr Ver- Schröder, Bartschs Germanist. Studien 2, hältnis zur Rudolfinischen u. Thüring. Welt- 159-97 (s. auch 1, 247-315); Ehrismann, ehr., Leipz. Diss. 1885; Ad. Leschnitzer, Ausg. Rudolfs v.Ems S.VI; Strauch, DLz. Unters, über das Hohelied in Minneliedern, 1916, 1449 f.; Leidinger, Münch. Akad. 1930; ein Beitrag z. Historienbibelforsch., Heidelb. Ehrismann, Stammlers Verfasserlex. 1, 375 f. Diss. 1924 (Mskrpt.-Druck); Hans Vollmer, — Neuere Hss.funde: Schröder, ZfdA. 39, Materialien zur Bibelgesch. u. religiösen Volks- 251-56; Roethe, ebda 41, 247^9; Klapper, künde des MA.s I, 1912; Ders., Die Neue Ee, Mitt. d. Ver. f. Schles. Volksk. 11, 2, 1910; eine neutestamentliche Historienbibel, ebda Rooth s. Lbl. 1925, 86 f.; Hiersemanns Hs. Bd. IV, 1929. — Prosaauflösung der Ein- s. oben. leitung Rudolfs in einer Zwickauer Hs.: Hof- 2 Früher vermutete man in diesem Heinrich meister, N. Arch. 32, 83 ff. 38, 566 ff.; Hal- Raspe (f 1247). bach, Sachwörterbuch 1930, 787; Stücke aus 3 Durch Zusätze inmitten des Textes, Fort- einer Schwellhs. der Pseudo-Rudolfischen Setzungen u. Vermischung der beiden „Reim- Weltchr. sind, in Prosa umgesetzt, in das dt. Chroniken" (Mischredaktionen, Schwellhand- Adambuch des 15. Jh.s aufgenommen wor- schriften) entstand eine Masse voneinander den, s. Vollmer, Ein dt. Adambuch, Progr. abweichender Fassungen (etwa 3 Dutzend des Johanneums zu Hamburg 1908. — Erik Hss.). Vilmar hat das Verdienst, in diesen N. Liljebäk, Die Loccumer Historienbibel, Wirrwarr einige Klärung gebracht zu haben. die sog. Loccumer Erzählungen, unters, u. 4 Ausg.: Theod. Merzdorf, Die dt. Histo- hgb., Lund 1920 (ostfäl., 15. Jh.). Konrad von Würzburg 35 bis zum Ende des 13. oder zum Anfang des 14. Jahrhunderts zurück), deren Texte, je nach der Benutzung der Rudolfschen Weltchronik, der Christherre- Chronik oder Heinrichs v. München, sehr verschieden sind. An die Stelle der Historienbibeln traten dann schon seit dem 14. Jahrhundert die wirklichen Bibelübersetzungen der lateinischen Vulgata (s. Bd. IV). Gegenüber diesen „Reimbibeln" hat Heinrich v. München (erste Hälfte des 14. Jahrhunderts) eine wirkliche, über die biblische Zeit hinausführende Weltgeschichte geliefert. Er setzte die Christherre-Chronik mit Zusätzen aus Rudolfs Werk fort und benutzte zur Weiterführung eine Reihe von epischen Dichtungen des 13. Jahrhunderts; seinen Namen gibt er an einigen Stellen an (Heinrich von Beierlant . .. von Münichen üz der werden stat). Die Handschriften weichen an Umfang sehr voneinander ab, da immer wieder neue Zusätze von andern Verfassern angefügt wurden; manche gehen bis Ludwig dem Frommen, andere sogar bis auf Friedrich I. und Friedrich II., so daß ihr Umfang bis etwa 56000, ja sogar bis zu 100000 Versen anschwoll. 1 (Über das Buch der Könige alter und niuwer e s. unten beim Schwabenspiegel.) Konrad von Würzburg Lit.: Baechtold S. 116-34 u. Anm. S. 36-39; Piper, Höf. Ep. 3, 165-344; Singer, LG. der dt. Schweiz im MA., S.21. 47f.; Ders., Die mittelalterl. Lit. der dt. Schweiz, Reg. S.208; Gol- ther, ADB. 44, 356-63; Bartsch, Liederdichter Nr. LXXIX f. — Hans Laudan, Die Chronologie der Werke des K. v. W., Gott. Diss. 1906, dazu Ehrismann, Lbl. 1907, 239 f.; Schröder, Studien zu K. v. W. I—III, Gott. Nachr. 1911, 1^7; IV. V ebda 1917, 96-129; O. Galle, Wappenwesen u. Heraldik bei K. v. W., ZfdA. 53, 209-59; Friedr. Naumann, ZfDtschkde. 1928, 36 f.; Hans Butzmann, Studien zum Sprachstil K.s v. W., Gott. Diss. 1930 (mit Lit.); Schröder, Einl. zu „Kleinere Dichtungen K.s v. W." I. II. III (1924. 1925. 1926, 2. Aufl. 1930 ff.), dazu Schröder, Anz. 43, 98. 74, 74 f. 45, 40 f., Gierach, DLz. 1925, 2144. 1926, 416 f., Piquet, Rev. crit. 59, 1925, 80 u. Rev. germ. 1926, 129 f.; Kurt Herb. Halbach, Gottfr. v. Straßb. u. K. v. Würzb. „Klassik u. Barock im 13. Jh.", dazu Arthur Witte, Anz. 51, 111-115, Ehrismann, LB1. 1932, 205 f., Suolahti, Neuphilol. Mitt. 33, 1932, 247 f.; Andre Moret, Un artiste meconnu Conrad de Wurzbourg, Lille 1932; Ders., L'Originalitö de Conrad de Wurzbourg dans son poeme „Partonopier und Meliur", Lille 1933 (maßgebend und abschließend, mit reicher Lit.). Es klafft kein Riß zwischen der Kunst dieser Periode und der vorhergehenden ; auch der Stadtbürger Konrad schafft noch Idealbilder des Rittertums, seine Werke geben Zeugnis, wie das Bürgertum sich die feine Kultur des Rittertums, die hövescheit, anzueignen bestrebt ist. Konrad v. Würzburg war um 1220-30 in Würzburg geboren; von bürgerlicher Herkunft, 2 war er Berufsdichter und fand Gönner 3 in Straßburg 1 Heinrichs v. München Weltchr. ist noch un- LXXXIII ff.; Ders., Eine weitere Quelle H.s gedruckt.— Lit.: Strauch, ADB. 22, 725. — v. M., ZfdA. 30, 390-95; Schönbach, ebda Jacobs u. Ukert, Beitr. zur älteren Litt. ... S. 218 f.; Wilhelm, Gesch. der Überlieferung d. Bibl. zu Gotha II, 1836, 243-59; Vilmar von Strickers Karl S. 232-72; Petzet, Catal. S. 12. 55 ff.; Massmann 3, 95-103. 189-91; cod. man. Bibl. Monac. V pars I S. 9 f.; Lei- Ders., Eraclius S. 372 f.; Lachmann, Wolfram dinger, Bayer. Ak. aaO. S. XXXVI ; W. Grimm, Dt. Heldensage 3 2 Vgl. wäre ich edel in Spruch Nr. 32, 189, ed. S. 224 ff.; Martin, Dt. Heldenbuch 2, Schröder S. 61. XLVIff.; Karl Schröder, Arch. 50, 1872, 3 Gönner: Pfeiffer, Germ. 12, 18 ff.; bes. 311-18; Schröder, Kaiserchr. S. 76; Singer, Schröder, Stud. IV, 96-111. V, 117 f. u. Willehalm v. Ulr. v. d. Türlin S. IX f. ZfdA. 38,27-29. Aufgezählt auch bei Wacker- 36 Die erzählende Dichtung (sein Aufenthalt daselbst entzieht sich unserer Kenntnis). Seine dauernde Heimstätte erlangte er in Basel, er besaß dort Haus und Familie und stand bei den kunstliebenden Patriziern und vornehmen geistlichen Herren in Ansehen. Am 31. August 1287 ist er in Basel gestorben und wurde auch dort begraben. 1 Er selbst nennt sich: von Wirzeburc ich Cuonrät, 2 rechnet sich unter die meister 3 und wird auch von andern meister* genannt. Und zu diesem Ehrentitel war er mehr berechtigt als irgendein anderer, denn er war wirklich ein „Meister" in der Kunst und im Wissen. Er besaß ungewöhnliche Kenntnisse, die er sich zum Teil schon in der Schule angeeignet hatte, wie sein theologisches Wissen und die Beherrschung des Lateinischen, dann aber auch andere, die er durch die Erfahrung des Lebens erwarb. Spät noch lernte er Französisch. 5 Für juristische Auseinandersetzungen besaß er besonderes Interesse (Klage der Kunst, Schwanritter), und als Berufsdichter lag ihm die Wappenkunde, die Heraldik, nahe. Seine Werke zerfallen inhaltlich in folgende Gruppen: I. Lyrik (dazu gehörig die Klage der Kunst); II. Kleinere Erzählungen wie Herzmaere, Welt Lohn, Otte mit dem Barte, Schwanritter; III. Legenden: Silvester, Alexius, Pantaleon, dazu Die goldene Schmiede; IV. Romane: Engelhard, Partonopier, Trojanerkrieg; V. Der Turnei von Nantheiz. Diese Gruppenanordnung entspricht nicht ganz der Zeitfolge der einzelnen Dichtungen. Die Lyrik geht im allgemeinen neben den andern Werken her, die Abfassungszeit des Otte mit dem Barte ist zwischen der der Legenden anzusetzen, die goldene Schmiede und die Klage def Kunst gehören zeitlich in die Nähe des Engelhard, Pantaleon hinter diesen, der Schwanritter entstand in der spätesten Zeit, der Turnei mitten während der Abfassung des Trojanerkrieges. 6 nagel, Kl. Sehr. 1, 299 u. Germ. 3, 257 (dazu Magistri Cuonradi de Wirzeburg. Lit. zu K.s Haupt, ZfdA. 7, 169); Bartsch, Liederd. Leben: Baechtold, Anm. S.36; Piper Nr. LXIX; Schwietering, Demutsformel, S. 167 f. — Konrads Sprache neigt zu ale- S. 19 f. 23. mannischen Sonderheiten, hat aber doch einen 1 Es ist möglich, daß er auch noch von Basel ostfränkischen Unterton, Zwierzina, Anz. 26 aus Beziehungen zu den vornehmen Straß- Reg. S. 356. 27 Reg. S. 352, u. bes. ZfdA. 44, burger Kreisen gehabt hat. Von seinen Dich- 112. 305. 63, 1 ff.; Schröder, Stud. IV, 111. tungen weisen nur der Otte und ein Spruch 2 Schröder, Stud. IV, 110. V, 117 f.; s. auch (Schröder, Ausg. S. 68) nach Straßburg, im folgenden bei den einzelnen Gedichten, auch die goldene Schmiede und die beiden 3 Sprüche Nr. 32, 190, ed. Schröder S. 61. Leiche gehören wohl hierher (Schröder, — Schwietering aaO. S. 58. 70, auch S.45. Stud. IV, 112 ff.). — Die Kolmarer Annalen 56. (Aufzeichnungen eines Kolmarer Dominika- 4 Siehe unten über Konrads „Ansehen", ners) nennen ihn „vagus": Conradus de Wird- „Meister" genannt auch im Schreiberschluß burc vagus fecit rithmos theutonicos debeata Vir- der goldenen Schmiede und in der Überschrift gine preciosos. Sie berichten zum Jahre 1287; der Klage der Kunst. — Schwietering, De- Obiit Cuonradus de Wirciburch in theutonico mutsformel S. 70. multorum bonorum dietaminum compilator. In B Lat. u. Franz.: Stellen bei Pfeiffer, Germ, einem Eintrag des Jahrzeitenbuches des Bas- 12, 28. ler Münsters wird zum 31. Aug. 1287 berich- 6 Lit. zur Zeitfolge: Schröder, Anz. 25, tet: Cuonradus de Wirtzburg, Berchta uxor 369 f., ZfdA. 38, 27-29, Studien I, 1-3. III, eius, Gerina et Agnesa filiae eorum obierunt, 33-35.39^44. IV. V, Kleinere Dicht. I S.XXIII qui sepulti sunt in latere beatae Mariae Magda- Anm.; Blöte, ZfdA. 42, 44 ff.; Laudan s. lenae. Urkundlich im Jahre 1290 wird ein oben (darin Lit. S. 1-9); Gereke, Beitr. 38, Haus in Basel erwähnt als domus quondam 517-19; Schirokauer, ebda 47, 68; Galle Konrad von Würzburg 37 Was Zahl der Erzeugnisse und die Mannigfaltigkeit der Stoffe anbetrifft, überragt Konrad v. Würzburg jeden andern mhd. Dichter. Am besten sind ihm die kleineren Erzählungen gelungen, seine Novellen; seine größeren Epen dagegen hat er nicht durch inneren Gehalt, sondern nur durch Dehnungen und Weitschweifigkeit auf ihren Umfang gebracht. In den Wirren des Interregnums, wo das Faustrecht herrschte, sank der Ritterstand, und dieser Verfall verleiht auch der Kunst Konrads eine Altersstimmung; Erbitterung über die gesunkene Gegenwart ist das Lebensgefühl, unter dem seine Dichtung steht. Das Ziel seines Schaffens besteht darin, in seinen Werken die gute alte Zeit wieder aufleben zu lassen, die Inhalte des ritterlichen Lebens, Heldentum und Minne, schweben ihm als Ideal vor. Die Stadtkultur, in deren Umkreis er lebt, hat keinen eigenen Typus für ihren Inhalt geschaffen, und es konnte also auch kein eigener Ausdruck für diesen gefunden werden. So beruht Konrads Höchstleistung in der äußeren Form, die er der alten Vorstellungswelt gab. Er sucht durch äußere Mittel zu glänzen, und es standen ihm dabei eine seltene Sprachgewandtheit und ein brillantes Erzählertalent zu Gebot. Aber sein Streben ging doch nicht in bloß äußerem Scheine auf, denn er verband mit seiner Dichterschaft einen lehrhaften Zweck: in den Vorworten fast aller seiner Werke drängt er darauf, daß sie Beispiele (bilde, bischaft) geben, daß sie nützen und bessern sollen. Wie Rudolf v. Ems hat er sich einen bestimmten Begriff vom Wesen der Kunst gebildet und eine Theorie darüber aufgestellt 1 (Spruch 32, 301 ff., Schröder S.66; Klage der Kunst; Partonopier 1-167; Troj. 1-211, s. auch 6459-67), ja keiner vor ihm hat eine so hohe Anschauung von der Aufgabe der Kunst gehabt. 2 Man kann die Dichtkunst nicht lernen, sie muß aus dem Herzen kommen durch die Gnade Gottes; Gott verleiht den Sinn und die Fähigkeit des Ausdrucks (sin und munt, zunge und sin, Troj. 99. 135). Dreierlei Nutzen hat die Kunst (Part. 8 ff.): sie erfreut das Ohr, 2 sie lehrt höfisches Benehmen (hovezuhf) und die Gewandtheit, sich sprachlich auszudrücken (da.3 diu zunge wirtgesprceche; ferner bringt sie kurzewile (Vergnügen) und vertreibt Trauer und Sorge (Part. 53 ff.). Konrad, der von den Aufträgen seiner Gönner lebt, hat dabei doch ein hohes Künstlerbewußtsein: er singt wie die Nachtigall, unbekümmert, ob ihn jemand hört, sich selbst zuliebe, um lange Stunden zu kürzen, um höfischen Leuten Trauer zu benehmen (Part. 122-34. 153-57; Troj. 182-211). 3 s. oben; Deter s. unten „Stil". — Zeitl. Ver- S. 15 ff. hältnis für die Lyrik: Wode, Marb. Diss. 1902, 2 Er faßt Dichtkunst und Gesang zusammen: s. unten bei Lyrik K.s; für die Legenden s. red und gedcene singen, Spruch 32, 305; Part. Janson, s. unten bei Legenden. rede und gedcene 42, rede und sanc 5. 8. 18. 73. 1 Kunstanschauung Konrads: Burdach, 89. \59,dcene und wort 111, singen oder (unde) Reinm. S. 31. 137; Roethe, Reinm. S. 187; sagen 27. 67. 163. sprechen und singen 38. 91. Ders., Teubners „Altertum u. Gegenwart" 145; ähnl. Troj. 1. 7. 53. 58. 81. 132. 145. 173. 1919 S. 158; Vietor, Beitr. 46, 87 ff. 97 ff. 177. 188. — Schwietering, Singen u. Sagen 114-17. 119 f.; Brinkmann, GRM. 15, 1927, 1908, 17 f. 23 f. 191 ff.; Ders., Wesen u. Form, Reg. S. 192; 3 Zu dieser hohen Auffassung von der Kunst Butzmann, Stud. zum Sprachstil 1930, aaO. hat Rud. v. Ems, der die Kunst als erlernbar 38 Die erzählende Dichtung Wie Rudolf v. Ems, so hat auch Konrad v. Würzburg, nur in bedeutend erhöhtem Maße, sich die feine Formensprache Gotfrids v. Straßburg zum Muster genommen und sie auf Epigonenweise häufig auch bis zum Übermaß getrieben; keinen andern seiner Vorgänger preist er außer Gotfrid (Herz- maere 9, goldene Schmiede 97) . l Der Nachahmer wird zum Übertreiber; Konrad ist ein Meister des geblümten Stils und hat damit auf die Formkünstelei der Folgezeit maßgebenden Einfluß ausgeübt. Diese seine erhabene Manier wendet er aber hauptsächlich an solchen Stellen an, deren Gehalt durch besondere Wortkunst erhöht werden soll. Stärker als im Stil zeigt K. seine Abhängigkeit von Gotfrid in der Verskunst. 2 Den an sich schon ebenmäßigen Rhythmus von Gotfrids Vers hat er zu möglichst regelmäßigem Wechsel von Hebung und Senkung geglättet, wobei er mehr und mehr den Auftakt durchführt, also ein jambisches System anstrebt. Dieser „neuhöfische Stil" läuft schließlich in die Silbenzählung der Meistersinger aus. Immerhin duldet Konrad noch einsilbige Takte in gewissen Ausnahmefällen. Für die Künstelei der Blümung bieten die Reime ein besonders günstiges Feld, durch auffallende Bindungen zu glänzen (seltene, seltsame, wilde Reime). Konrad stand bei Lebzeiten und auch weiterhin in hohem Ansehen. 3 Die Ansicht der nüchterner urteilenden Zeitgenossen gibt Hugo v. Trimberg wieder (Renner 1195 f. 1202-20), dieser findet ganz richtig den Schlüssel für Konrads meisterlichez tihten: er hat seine Worte fremdartig und schwerverständlich gedrechselt; wer sich ganz um seltsen rim bemüht, bei dem klebt auffaßt, nicht erhoben. Rud. fühlt sich als Mhd. Novellenstud., Reg. S. 536; Brinkmann, Epigone, indem er sich an den „Meistern" Wesen u. Form, Reg. S. 192; Butzmann, Stud. mißt, Konrad erkennt seine ganze Zeit als aaO. S. 39 ff.; Halbach aaO.; Heinr. Leim- einen Rückschritt gegenüber der hochhöfischen bach, Die Landschaft bei K. v. W., Frankf. Kultur. Diss. 1922 (Maschinendruck); Heinr. Lich- 1 W. Grimm, Kl. Sehr. 3, 247; Ders., Gold, tenberg, Architekturdarstellungen, 1931, 88- Schmiede S. XIII-XVII; Burdach, Reinm. 91. 105 f. 114; Otto Messner, Epitheta or- S. 31. 137; Roethe, Reinm. Reg. S. 637; Jo- nantia bei K. v. W., Diss. Tübingen 1931, dazu seph, Klage der Kunst S. 28-73 ;G.A.Wolff, Piquet, Rev. germ. 23, 1932, 265 f. — Eu- Diu halbe bir, 1893, XXXI ff.; Laudan aaO.; ling, Priamel, S. 429 f.; Schneider, Wolf- Ernst Meyer, Die gereimten Liebesbriefe dietr., S. 104ff. — Suolahti, Mem. VIII, S. 32-37; Paul Jaeckel, Egenolf v. Staufen- 1929. berg ein Nachahmer K.s v. W., Marb. Diss. 2 Metrik: Koberstein l 6 Reg. S. 466; Sa- 1898; Schröder, Gold. Schmiede, Ausg. ran, Verslehre, Reg. S. 348; Heusler, Dt. S. 34 f. — Augustin Walsch, Das Das ge- Versgesch. II pass. — Jänicke, ZfdA. 16, Präfix in verbaler Kompos. in K.s v. W. 402 ff.; Kraus, ebda 47, 313 f.; Laudan Engelhard, Progr. Mähr.-Schönberg 1912; S. 34 ff. 109-31, u. ZfdA. 48,533^18; Gereke, Walther Leppelt, Der Titulierungsgebrauch Beitr. 37, 432-69. 38, 501-29; Pfannmüller in den Redescenen der Werke G.s v. Str. u. ebda 40, 373-87; Zwierzina, Anz. 27 Reg. K.s v. W., Greifsw. Diss. 1912; Walther S.352; v. Kraus, ZfdA. 56, 49 ff. — M. Stechow, Sprichwörter, Redensarten u. mo- Kleinbruckner, Reimgebrauch K.s v. W. ral. Betrachtungen in den Werken K.s v. W., im Engelhard, Progr. Duppan 1916; R. Rit- Greifsw.Diss. 1921 (Maschinendruck); Friedr. Ter, Die metrische Brechung in den Werken Ulrich, Darstellung u. Stil der Legenden K.s K.s v. W. u. seiner Nachfolger, Erlang. Diss. v.W., Greifsw. Diss. 1920 (Maschinendruck); 1917/18; Butzmann, Stud. zum Sprachstil Otto Deter, Zum Stil K.s v. W. mit einem aaO. S. 21-39; G. Scheibler s. unten. Beitrag zur Chronologie, Jen. Diss. 1922 (Ma- 3 Hahn, Otte S. 11-13; Piper S. 166 f.; schinendruck); Helmut de Boor, Festschr. Bartsch Liederd. Nr. LXIX. Ehrismann, 1925, 125 ff.; H.-Fr. Rosenfeld, Konrad von Würzburg 39 auch der Sinn außen an schönen Worten, und innen steckt wenig Nutzen; die einfachen Leute verstehen ihn nicht, aber die Pfaffen, die Gelehrten, loben ihn. Als einen der besten lebenden Meister rühmen ihn Herman Damen (MSH. III S. 163 Nr. 4) und Rümzlant (ebda S. 65 Nr. 3), seinen Tod beklagen Frauenlob (ed. Ettmüller S. 180, 313) und Boppe in einem frommen Nachruf (ebda IIS. 383 Nr. 27). Die Meistersinger zählten Konrad unter die „zwölf alten Singer". 1 Sein Einfluß ist zu bemerken bei Egenolf v. Staufenberg, auch in den Heldenepen von Dietrichs erster Ausfahrt, im Großen Wolfdietrich, 2 in Hugos v. Langenstein Martina; im 15. Jahrhundert bei Hermann v. Sachsenheim (Goldener Tempel; s. auch unten einzelne Dichtungen Konrads). Leiche, Lieder und Sprüche. 3 I. Die zwei Leiche hat Konrad in seiner besten, voll ausgebildeten künstlerischen Schaffenszeit hervorgebracht. In dem religiösen Leich wird der Kern der christlichen Lehre dargelegt, ähnlich wie in Walthers Leich. Aber wie verschieden ist das innere Erleben! Walther wirkt durch Glaubensernst in klarer, ruhiger, fast dogmatischer Festigkeit, Konrads Gedicht ist eines der größten Kunstwerke des barocken mhd. Sprachstils, unruhig, glänzend von üppiger Phantasie, den Sinn im Wort begrabend. Dem inbrünstigen religiösen Leich steht ein mit klassischer Gelehrsamkeit aufgeputzter Minne- leich gegenüber: Herr Mars herrscht im Lande — ein Zeitbild des Interregnums; Venus und ihr Sohn, der fürste Amur, werden aufgefordert, in den Streit zu ziehen gegen die argen Herren, die Raub und Brand lieber haben als die süße Minne. Das alles wird zum Tanze gesungen, stellt einen Tanzleich dar. In den Liedern ist Konrad wenig originell: Wir besitzen von ihm neun Sommer- und elf Winterlieder, fast durchweg im Minnestil und durch Naturstimmungen eingeleitet; dazu drei Wächterlieder, einige überladen mit Wort- und Reimeffekten. Die Sprüche (44) bewegen sich in den üblichen Geleisen: Tugendlehre, Verurteilung der Laster, religiöse Betrachtungen; wenige von ihnen haben einen mehr persönlichen Inhalt, wie etwa ein ironisches Lob des Meißners, 4 ein politischer Preis auf Rudolf v. Habsburg, ein Herrenpreis auf den Bischof von Straßburg, Konrad III. V.Lichtenberg (I273-99). 5 1 Roethe, Reinm., Reg. S. 637. — Zwier- Ordnung u. Zeitfolge der Lieder, Sprüche u. zina, Festschr. des Rainer-Realgymn. in Wien Leiche K.s v. W., Marb. Diss. 1902; Günther 1914, bes. S. 129-36 (Leupold Hornburg in Müller, Dt. Viertelj. 5, 1927, 123 f.; C. v. MSH. IV, 881). Kraus, Münchn. SB. 1929 H. 4 S. 26. — 2 Schneider, Wolfdietr., Reg. S. 414. Marienieich: Steller, Beitr. 45, 380-85; 3 Ausg.: MSH. II S. 310-35; Bartsch, Günther Müller, Dt. Dicht, usw. in Walzels Ausg. von Partonopier S. 345^02 (s. Bartsch, Handb. S. 15 ff.; Schröder, Zu K.s v. W. Liederd. Nr. LXIX; Ders., Kolmarer Hs. Tanzleich, ZfdA. 58, 279; Ludw. Sig, Das S. 164-66); Schröder, Kleinere Dichtungen K. v. W. zugeschriebene Ave Maria, 1903; K.s v. W. III, 1926, S. 9-68. — Abh.: G. Spruch auf den Lichtenberger: Schröder, Scheibler, Zu den lyr. Gedichten K.s v. W. Stud. IV, 112 f.; Singer, Religiöse Lyrik, I. Der Strophenbau, Bresl. Diss. 1874; R. 1933, 91 f. Rodenwaldt, Die Fabel in der dt. Spruch- 4 Burdach, Reinm. S. 137; Roethe, Reinm., dicht., Progr. Berlin 1888; Alwin Wode, An- Reg. S. 637. 6 Schröder, Stud. IV, 112 f. 40 Die erzählende Dichtung In den Sprüchen gibt sich Konrad unumwunden als Erwerbsdichter, am grimmigsten geht er gegen die kargen Reichen los, Schande ist ihm gleichbedeutend mit Knickerei; seine Kunst geht nach Brot. II. Inhaltlich steht der Spruchdichtung Konrads die Allegorie von der Klage der Kunst, 1 in 32 achtzeiligen Strophen mit gekreuzten Reimen, am nächsten. Das Gedicht fällt in die Höhezeit seines Schaffens. 2 Er nennt sich hier bloß Kuonze (Str. 31), aber die einzige Handschrift, die Würzburger Hs. des Michael de Leone, gibt in der Überschrift den vollständigen Namen des Dichters (s. oben), auch spricht der Stil durchaus für Konrad. Das Gedicht ist eine „prozessualische Allegorie", eine Gattung, welche später, im 14., 15. Jahrhundert, mehrfach vorkommt. Der Dichter wird von Frou Wildekeit auf eine Waldwiese geführt, wo von zwölf in Frauengestalten personifizierten Tugenden ein Gericht abgehalten wird. Die Kunst tritt als Klägerin auf gegen die Milde (Freigebigkeit), da diese unwürdigem, kunstlosem Volk Gabe erteilt habe. Die richterliche Entscheidung ist: wer die rechte Kunst nicht liebt und doch den Namen eines Freigebigen trägt, soll gemieden werden. Der Dichter, der als Zeuge anwesend ist, verkündigt diesen Beschluß den mächtigen Herren. 3 — Eingewirkt 4 hat Konrads Gedicht auf Heinzeleins Streitgedicht von den beiden Johannsen (s. unten). 5 Kleinere Erzählungen. III. DasHerzmaere 6 ist eine Fassung der weitverbreiteten sentimentalen Liebesgeschichte vom gegessenen Herzen: Ein Ritter ist in Minne mit der Frau eines andern verbunden. Auf ihren Wunsch macht er, um den Argwohn des Gatten zu zerstreuen, eine Fahrt ins heilige Land. Aber in der Ferne stirbt er aus Minnesehnsucht. Seinem Knappen gab er den Befehl, sein Herz der Geliebten zu überbringen. Doch bevor dieser die Burg der Dame erreicht hat, begegnet ihm deren Gatte und nimmt ihm das Gefäß mit dem Herzen ab. Dann läßt er es, zu einer kostbaren Speise zubereitet, seiner Gattin vorsetzen. Sie ißt davon, und als sie erfährt, was sie gegessen, bricht ihr das Herz. — Am Schluß des 588 Verse zählenden Gedichtes nennt sich Konrad v. Würzburg als Verfasser. Er will nach dem Vorbild von Gotfrids Tristan mit 1 Ausg.: Eugen Joseph, QF. 54, 1885, dazu Anm., s. speziell die Arbeiten von Richard Strobl, DLz. 1885, 896, Cbl. 1886, 802, Bech, Schröder S. 16. Lbl. 1886, 6, G. Wolff, Anz. 13, 232-44, i Ein lat. Gedicht auf den Verfall der Dicht- Seemüller, ZföG. 1886, 856; Piper, Höf. Ep. kunst, das auffallende Ähnlichkeit mit Kon- 3, 235^12; Schröder, Kleinere Dicht. K.s rads Klage der Kunst hat, s. Seemüller, v. W. III, dazu Schröder, Anz. 45, 40 f., ZfdA. 34, 223-26. Gierach, DLz. 1926, 416 f., G. Müller, Lit. 5 Schröder, ZfdA. 53, 397 f. Handw. 62, 529 f.; Maurer, Theut. 4, 70 f.; e Ausg.: Franz Roth, 1846; v. d. Hagen Schölte, Mus. 34, 269 f.; Piquet, Rev. germ. GSA. I, 1850, S. CXVI-CXXIV. 225-44 17, 1926, 129 f. (Frühere Ausg.: Docen, Mus. Lambel, Erzählungen u. Schwanke Nr.VII f. ad. Lit. u. Kunst I, 1809, 62-72; MSH. III Piper aaO.; Schröder, Kl. Dicht. I (ältere S. 334-37.) Ausg. u. Abdrücke: Baechtold aaO.; Schrö- 2 Unmittelbar vor den Engelhard: Joseph der S. XV). — Übers, bei Reclam. — 8 Hss. S. 704 f.; Laudan S. 95-98; vgl. Schiro- 1 Bruchst.: Schröder S. XV-XIX; s. auch kauer, Beitr. 47, 68 Anm. 1. Bartsch, Parton. S. XI f.; Haupt, ZfdA. 15, 3 Rechtsgeschichtl. Lit. s. Joseph S. 1 ff. 250-52. Konrad von Würzburg 41 dieser Erzählung zeigen, was reine und vollkommene Minne vermag (1-29. 582-88). Die Erzählung vom gegessenen Herzen ist eine Variante der Dichterheldensage, die in Nordfrankreich an die Gestalt des Trouvere Castellan v. Coucy, in der Provence an die des Trubadurs Guilhem de Cabestanh, in Deutschland an die des Minnesingers Reinmar v. Brennenberg angeknüpft wurde. 1 Aus den vielen Bearbeitungen des Motivs vom gegessenen Herzen sind hervorzuheben: der französische Lai d'Ignaures und der verlorene französische Lai von Gurun. Auch auf den Namen des aus einem Lai bekannten Gralant (LG. II, 2, 135) wurde die Geschichte übertragen (Gotfr. Tristan 3524. 3585; Krone 11564; Weinschwelg 334; Der von Gliers, MSH. I S.44*, Bartsch, Schweizer Minnesinger S. 206, 154). Ferner wurde diese Trubadurnovelle von Boccaccio im Decamerone nacherzählt, woraus wiederum Hans Sachs, in der Tragödie von Concreti, und das Volksbuch schöpften. Außerdem gibt es noch viele andere, besonders französische und englische Versionen. IV. Der Welt Lohn 2 ist eine allegorische Dichterheldensage, 3 die mit der Gestalt des Wirnt von Grafenberg verbunden wurde. Der Dichter, der alle seine Jahre der Welt ergeben war, sitzt eines Tages in seiner Kemenate, versunken in ein Buch von süßen Minneabenteuern. Da tritt ein wunderschönes Weib herein. Sie offenbart dem Erschrockenen, sie sei die Herrin, der er all- daher gedient habe, sie wolle ihn nun seinen Lohn schauen lassen, und nennt ihm auch ihren Namen: diu Werlt bin geheimen ich. Mit diesen Worten dreht sie sich um, und nun sieht er ihren Rücken, der von Würmern und Ungeziefer durchwühlt, einen scheußlichen Anblick bietet. Darauf verschwindet sie, und der Ritter erkennt, daß, wer sich ihrem Dienste, dem Dienste der Welt, weiht, verworfen ist, und zum Heil seiner Seele nimmt er das Kreuz gegen die Heiden. Am Schluß (274 Verse), nach einer Morallehre, 4 nennt sich Konrad als Dichter. Die Lehre, da.3 ir die werlt la^et varn, weit ir die sele bewarn, ist aus der Altersstimmung hervorgegangen (vgl. Walthers Elegie u.a.). 5 Sie stellt sich mit ihrem streng kirchlichen Wertmaß in Gegensatz zu dem ausgleichenden ritterlichen Humanismus. So konnte selbst ein derart religiös gestimmter 1 Das Volkslied vom Bremberger: Uhlands Ausg.: Franz Roth 1843; v. d. Hagen, GSA. Volkslieder Nr. 75 S. 158-61; Meistersinger- I S. CXIII-CXV. 395^07; Piper S. 177-83; lied: Grimm, Dt. Sagen Nr. 505. 506; MSH. Schröder, Kl. Dicht. I, dazu Anz. 43, 98, IV S. 281-84; A. Kopp, Bremberger-Gedichte Gierach, DLz. 1925, 2144, Piquet, Rev. crit. 1908, s. auch Euphorion 10, 1903, 259 ff. — 59, 1925, 80; Schröder 2. Aufl. 1931; frühere v. d. Hagen, GSA. I S. CXXIV-CXXXIII; Abdrücke s. Piper aaO. — Übers, bei Reclam. Lambel aaO.; Haupt, ZfdA. 15, 259; Gaston —8 Hss. u. 1 Bruchst.: Schröder S. XII-XV; Paris, Romania 8, 1879, 343 ff.; H. Patzig, Piper S. 176. Zur Gesch. der Herzmäre, Progr. Berlin 1891, 3 Rostock, Dichterheldensage S. 18-20. dazu Singer, Anz. 17, 334-36; Schröder, 4 Vietor, Beitr. 46, 99. Anz. 13, 119; Rostock, Mhd. Dichterhelden- 5 Sachse aaO.; Schwietering, Demutssage, 1925, 16-18 (mit Lit.); Schneider, formel S. 82-89; Bernt, Heinr. v. Freiberg Festschr. Ehrismann S. 122 f. S. 203; s. oben unter Wirnt. — Die gleiche 2 Lit.:F. Sachse, Der WeltLohn, 1857, S.3-5; Rolle wie die Frau Welt spielt dieVenus in Baechtold, Anm. S. 37 f.; Piper S. 176. — der Tannhäusersage. 42 Die erzählende Dichtung Dichter wie Wirnt als das Beispiel eines abwegigen Weltkindes hingestellt werden: man suchte aus vereinzelten Stellen seines Gedichtes die dazu passenden Stellen heraus. Diese Vorstellung von der Gestalt der Welt, nämlich daß sie von vorn zwar schön anzusehen, hinten aber häßlich sei, hat ihren Ursprung im prä- animistischen Dämonenglauben; der von Würmern zerrissene Rücken ist das Kennzeichen des „lebenden Leichnams"; 1 der nordische Volksglaube kennt ähnlich gestaltete dämonische Weiber. 2 Plastisch in dieser Weise gebildet erscheint die Welt an den Münsterportalen von Worms und Basel. 3 Die religiöse Tendenz des Gedichtes verhalf ihm zu einem langen Nachwirken in der Literatur. 4 V. Otte mit dem Barte (Heinrich von Kempten) ist eine historische Novelle 5 (770$. Der Kaiser Otto hatte die Gewohnheit, seine Behauptungen durch einen Schwur bei seinem wohlgepflegten roten Barte zu bekräftigen. Nun weilte an seinem Hofe, zusammen mit dem jungen Sohn des Herzogs von Schwaben und als dessen Erzieher, ein Ritter Heinrich, Dienstmann des Stiftes Kempten. Einmal nahm der schwäbische Junker von der eben gedeckten kaiserlichen Hoftafel ein feines Brot, wofür ihn der diensttuende Truchseß blutig schlug. Der Ritter Heinrich, empört über die Beschimpfung seines fürstlichen Zöglings, spaltet im Verlaufe des sich erhebenden Streites dem Truchsessen das Haupt. Der Kaiser, zur Tafel gekommen, schwört bei seinem Bart, daß der Ritter von Kempten dafür büßen müsse. Dieser, erkennend, daß er das Leben ohnehin verwirkt habe, ergreift den Kaiser bei seinem langen Barte, wirft ihn nieder und droht, ihm die Kehle abzuschneiden. Der Kaiser kann sich nur durch das Versprechen lösen, ihn ungestraft von dannen ziehen zu lassen. Zehn Jahre später (V. 394 beginnt der zweite Teil) unternahm der Kaiser einen Italienzug. In dem Heere befand sich auch der Ritter Heinrich. Eines Tages, als er gerade in der Badewanne saß, beobachtete dieser, wie der Kaiser von den Bürgern der benachbarten Stadt überfallen wurde. Nackt, wie er war, sprang er auf die Feinde zu und befreite den Bedrängten, welcher ihm darauf den Versöhnungskuß bot und ihn reichlich belohnte. 1 Naumann, Primitive Gemeinschaftskultur der hat ihm die Bezeichnung Heinrich S. 46 f.; Güntert, Kundry S. 30 ff. v. Kempten nach dem Helden gegeben, wie 2 Grimm, Mythol. 4 S.371 Anm. 3. 789. 903; schon vorher v. d. Hagen. Lit.: Piper S. 183- Wackernagel, ZfdA. 6, 151-55. 185.—Ausg.: K.A.Hahn 1838; v. d. Hagen, 3 Wackernagel aaO. GSA. I S. XC-XCV. 61-83; Lambel, Er- 4 Der Guotaere hat darauf eine Spruchreihe Zählungen u. Schwanke Nr.VI; Schröder, gebaut, MSH. III S.41 f.; Prosa in einer Kl. Dicht. I, dazu Anz. 43, 98. — Übers.: Züricher Hs. von 1393: Wackernagel aaO. Reclam; Mor. Heyne, Fünf dt. mittelalterl. u. Lesebuch 6 S. 1307-10; Frauenlob Streit- Erzählungen in neuen Versen, 1902. — Abh.: gespräch zwischen Minneu. Welt: Ettmüller, K. Kampf, Vorgesch. von C.s v. W. Erzähl. Ausg. S. 235-42, bes. Str. 440; s. Sachse Otto m. d. B., Köln. Diss. 1922 (Maschinen- S. 17. druck). — 6 Hss.: Schröder S. XIX; 5 In 5 der 6 Hss. ist das Gedicht in den von Priebsch, Beitr. 46, 1 ff. — Stelle: Hertz- den Schreibern herrührenden Überschriften berg u. Zacher, ZfdPh. 10, 383-89. Von Keiser otten (Keyer otte) betitelt, Schrö- Konrad von Würzburg 43 Im Schlußwort berichtet Konrad, daß er das Gedicht aus dem Lateinischen für den von Tiersberg, den Probst in Straßburg, 1 übertragen habe. Die Geschichte ist flott erzählt, die Roheit der Mißhandlung wird durch die Dosis Galgenhumor gemildert, welche der Kaiser bezüglich seines zerzausten Bartes bezeigt. Der Kaiser Otto hat in dem Gedichte einen bösartigen Charakter: der heiser übel unde rot (231), was mitalle ein übel man (9), ein ungünstiges Urteil, welches der sagenhaften Tradition entspricht (vgl. Rudolfs v. Ems G. Gerhard). Die beiden sächsischen Kaiser Otto I. und Otto II. verschmolzen allmählich zu einer Person; Otto II. führte den Beinamen „der Rote", und von ihm ausgehend verschlechterte sich in der Sage der Charakter der beiden Herrscher mehr und mehr. Besonders sprach dabei auch der gegen roten Haarwuchs eingenommene Volksglaube mit. Allen drei Erzählungen gibt Konrad eine Lehre bei. Diese moralische Wegbereitung ist gradualistisch abgestuft. Im Otte gibt er Anweisung zur Erlangung der bloß irdischen Güter, Ruhm und Ehre; das Herzmaere stellt ein Beispiel für die Tugend der reinen Minne auf, der Welt Lohn führt über das Irdische hinaus zum höchsten Gut. VI. In einen geschichtlichen Rahmen ist auch der Schwanritter 2 gefaßt, welcher seiner Entstehungszeit nach von den drei vorher besprochenen kleineren Erzählungen zu trennen ist und in Ausdrucksweise und Versbau eine fortgeschrittenere Kunst sowie vor allem eine längere Beschäftigung mit der französischen Literatur verrät. 3 Der Dichter nennt sich am Schluß (1384), doch ist kein Gönner erwähnt. 4 Kaiser Karl hält Hof und Gericht in Nimwegen; die Herzogin von Brabant, Witwe des Herzogs Gotfrid, und ihre Tochter klagen den Herzog von Sachsen, ihren Schwager bzw. Oheim, an, er habe sie aus ihrem Rechte vertrieben. Da erscheint ein nie gesehenes Wunder auf dem Meer: ein weißer Schwan zieht an einer silbernen Kette ein Schifflein, in dem ein Ritter schläft. Karl und seine Umgebung empfangen ihn feierlich. Der Herzog v. Sachsen fordert weiterhin, das Recht solle durch Zweikampf entschieden werden und die Herzogin solle sich einen Vertreter ihrer Rechte erwählen. Da bietet sich ihr der fremde Ritter als Kämpfer an und besiegt den von Sachsen. In einer Lücke der uns überlieferten Handschrift wurde dann über die Vermählung 1 Domprobst Berthold v. Tierberg (Diers- proben, 1864,108-22.— Stellen: Schröder, bürg) (1260-75); Schröder, ZfdA. 38, 27-29 Ausg. S.VIII (Lit.), Stud. III, 33 ff.; Gereke, u. 64, 80; Stud. IV, 112. — Die lat. Quelle Beitr. 38, 510-19. — Nur 1 Hs., erhalten Konrads ist unbekannt, aber mehrere lat. 1358 V., der Anfang, etwa 284 V., fehlt; Franz Fassungen, die auch in deutsche Chroniken Roth S. 39; Schröder, Ausg. S.VI f., Stud. übergingen, sind nachgewiesen; Hahn S.21 ff.; IN, 35 ff.; u. 1 Bruchst., Kirchner, ZfdA. Lambel 1 S. 243 f.; Baechtold S. 120; Piper 67, 70-72. S. 184. 3 Schröder, Stud. III, 34. 2 Ausg.: Franz Roth, 1861, dazu Bartsch, 4 Dem Gönner war vielleicht in der verlore- Germ. 6, 494-96; Schröder, Kl. Dicht. II; nen Einleitung gehuldigt; Schröder, Stud. Textabdrucke: Brüder Grimm, Ad. Wälder V, 117. 3, 1816, 52-96; Müllenhoff, Ad. Sprach- 44 Die erzählende Dichtung des Schwanenritters und die verbotene Frage nach seinem Namen und seiner Herkunft berichtet. Mit der Erzählung, wie der Ritter traurig Abschied nimmt und von dem Schwan abgeholt wird, setzt der erhaltene Text wieder ein. Die Herzogin erzieht ihre Kinder, von denen später die Grafen v. Geldern und Cleve abstammen. Es ist die Lohengrinsage. Der werde ritter mit dem swanen (1345) wird nicht mit Namen genannt, auch ist die Person des Schwanritters nicht mit dem Gral in Verbindung gebracht wie in Wolframs Parzival. Die Schwanrittersage besteht aus zwei Teilen. Der erste besteht aus der Vorgeschichte von der Herkunft und den Schicksalen des Schwans, deren Kern das Motiv von der unschuldig verleumdeten Königin ist (LG. II, 2,124 Anm. 1). Eine Königin gebiert, während der Gatte im Krieg ist, sieben Kinder, die alle silberne Kettlein tragen. Die böse Schwiegermutter läßt sie aussetzen, sie werden von einem Einsiedler auferzogen. Ein Jäger findet sechs der Kinder und nimmt ihnen ihre Kettchen ab, worauf sie zu Schwänen werden; nur ein Sohn, der abwesend war, wird nicht verwandelt und macht sich zum Befreier der Mutter. Nun gibt die Schwiegermutter einem Schmied den Auftrag, die sechs Ketten einzuschmelzen, dieser behält aber fünf davon. Darauf bekommen fünf der Kinder ihre natürliche Gestalt wieder, der sechste, dessen Kette eingeschmolzen ist, muß Schwan bleiben. Der unverwandelte Sohn ist der Schwanritter, Lohengrin, der Held des zweiten Teiles der Sage und unserer deutschen Dichtungen. 1 Die wichtigsten deutschen Bearbeitungen der Schwanrittersage sind der Schluß des Parzival (818,24-819,8.823,27-826,30), wo der Held Loheran- grin heißt, und der Roman „Lohengrin" (s. unten). Konrads Gedicht ist nahe verwandt mit der französischen Erzählung vom Chevalier au cygne und beruht auf einer französischen Vorlage. — Benutzt ist das Gedicht in der Oberrhein. Kronik. 2 Konrads Erzählung wird durch Schilderungen von Gewändern und Rüstungen, durch die Beschreibung desZweikampfs und des Rechtsverfahrens 3 etwas allzu breit ausgeweitet. Legenden. 4 VII. Der Silvester 5 ist eine der frühesten Dichtungen Konrads. Im Prolog nennt sich der Verfasser dem geistlichen Inhalt entsprechend demütig den 1 Lit. zur Schwanrittersage: Piper, Höf. Ep. Helm, Festschr. Braune 1920, 250; Martin, 3, 69-71; Panzer, Bibliographie zu Wolfr. Parz. Ausg. II, 105 f.; Zenker, Ivainstud. v. Esch. S. 24 f. — v. d. Hagen, Abh. d. Berl. S. 174 f.; Sparnaay, Verschmelzing S. 135- Akad. 1846, 513 ff.; Wilh. Müller, Germ. 1, 43; R. S. Loomis, Celtic Myth and Arthurian 418^10; Blöte, ZfromPhil. 21, 176-91. 25, Romance S. 311-19; Bolte-Polivka 1, 432f.; 1-44. 27,1-24, Engl. Stud. 29,337-68, Taal-en s. unten „Lohengrin". lett. 12, 1902, Verh. d. 12. akad. v. wetensch. 2 Helm, Festschr. Braune 1920 S. 250. 1904, dazu Borgeld, Mus. 12, 51-54, Spiller, 3 Rechtsgeschichtl.: Rich. Schröder, ZfdA. Cbl. 1905, 284-86, Golther, Lbl. 1906, 1-3, 13, 139-56; Sparnaay, aaO. S. 142; Erich Petsch, Arch. 116, 149-51; Blöte, ZfdA. 38, Klibansky, Gerichtsszene u. Prozeßform, 272-88. 42, 1-53, 44, 407-20. 47. 185-91. 48, 1925, S.56f.; Strothmann, Gerichtsverhandl., 371-99; Golther, Rom. Forsch. 5, 103 ff., 1930, S. 28 f.; s. Klage der Kunst. Ges. Aufs. S. 85-103. 104-10, Gralbuch 4 Lit. zu den Legenden: G. 0. Janson, Stud. S. 58. 245 ff. 251 f.; 0. Rank, Die Lohengrin- über die Legendendichtungen K.s v. W., Marb. sage 1911, dazu Pestalozzi, Anz. 36, 299-301, Diss. 1902; Ulrich, Stil der Leg. s. oben; Piquet, Rev. germ. 17, 1926, 105 f.; A.Krü- Merker, Reallex. 2, 181. ger, Die klevische Schwanrittersage, Berichte B Ausg.: W. Grimm 1841; P. Gereke, K.v.W. des freien dt. Hochstifts Frankf., NF. 12,1912; Die Legenden I, Ad. Textbibl. Nr. 19, 1925 Konrad von Würzburg 45 tumben Cuonräden von Wirzeburc;er hat das Werk (5222 V.) auf Veranlassung des Herrn Liutold von Roetenlein aus dem Lateinischen in tiusch getihte gebracht (V. 80-100. 52 ll). 1 Die Legende vom Papst Silvester hat eine bedeutende historische Grundlage, nämlich die Erhebung des Christentums zur römischen Staatsreligion durch den Kaiser Konstantin, und war in den mittelalterlichen Literaturen weit verbreitet. 2 Konrad schließt sich genau an seine lateinische Vorlage an: Silvester verbringt seine Jugend in Rom, dann wird er Papst (521) und befreit die Stadt von einem Drachen (661). Darauf wird der Kaiser Konstantin vom Aussatz befallen; als Heilmittel wissen die römischen Ärzte nichts anderes als ein Bad mit dem Blute tausender unschuldiger Kinder, doch die Klagen der Mütter erwecken das menschliche Mitleid in der Brust des Kaisers, er verschmäht es, um einen solchen Preis zu gesunden (944), und der Papst Silvester reinigt ihn statt dessen durch das Bad der Taufe (1862). Der II. Teil (2415-5181) ist eine Apologie des Christentums. Des Kaisers Mutter Helena neigt dem jüdischen Glauben zu, und um eine Entscheidung herbeizuführen, veranstaltet Konstantin eine Disputation zwischen Silvester und zwölf jüdischen Gelehrten. Der Papst widerlegt die Angriffe der Juden, den Ausschlag aber gibt ein Wunder: der letzte jüdische Meister tötet einen wilden Stier durch den Namen des jüdischen Gottes, Silvester aber erweckt ihn durch die Anrufung Christi wieder zum Leben. Im Vorwort kündigt auch hier Konrad den Zweck seines Gedichtes an: es soll ein nützliches Beispiel geben, auf daß man Gott um so eifriger diene. Aber das Gedicht bringt noch eine andere, eine hohe menschliche Weisheit, die Konrad schon in der lateinischen Quelle vorgefunden hat: die wahre Größe und den größten Sieg erlangt nur, wer über sich selbst Herr (1116 ff.) und ein Knecht der Barmherzigkeit wird (1158 ff.). VIII. Der gleichen lehrhaften Absicht dient laut Prolog (V. 1-56) der heilige Alexius; 3 das Beispiel dieses enthaltsamen Jünglings soll nützen und bessern. (mit Lit.), dazu Schröder, Anz. 44, 125-32, Prochnow, Mhd. Silvesterlegenden u. ihre Zeeman, Neophil. 14 H. 1, Piquet, Rev. Quellen, Marb. Diss. 1901 (s. auch ZfdPh. 33, germ. 1926, 396 f., Stammler, ZfDtschkde 145-212); Gereke S.Vf.; die gesamte Lit. 1927, 61 u. ferner JB. 1926/27 S. 314. — Zum über die Legende: W. Levison, Miscellanea Text: Schröder, Stud. I, 3-20; Gereke, Fr. Ehrle II, 159-247, Roma 1924, dazu Beitr. 38, 501 ff. — Nur eine, aber vortreffl. Schröder, Anz. 44, 197 f. — Silvester und Hs. (13. Jh.), Gereke S. IX (mit Lit.). der Drache: Burdach, Ackermann S.241 f. 1 Leutold v. Roeteln, Domherr, später Dom- 3 Ausg.: Massmann, S. Alexius' Leben in probst in Basel, urkundl. 1241 ff.; Schröder, acht gereimten mhd. Behandlungen usw. Stud. IV, 97-101 u. ZfdA. 67, 47 f. 1843; Haupt, ZfdA. 3, 534-76; Rich. Hen- 2 Die Erst quelle ist lat., in Rom entstanden, czynski 1898, dazu Schröder, Anz. 25, 362- davon eine Reihe lat. Bearbeitungen, davon 70, Rosenhagen, ZfdPh. 31, 560-62, Khull, die mhd. abstammen: 1. Kehr. 7806-10633 ZföG. 50, 905 f., Jansen, Journ. of Germ, (s. LG. II, 1, 273); 2. Trierer Silvester (LG. Phil. III, 511-14; Margarete Rösler, Die ebda S. 152 f.); 3. Im dt. Passional (s. unten); Fassungen der Alexiusleg. 1905; Gereke, Le- 4. in Hermanns v. Fritzlar Der Heiligen Le- genden II, dazu Schröder, Anz. 45, 97-99, ben (Wackernagel-Stadler, A. Heinr. Piquet, Rev. germ. 18, 1927, 183, Stamm- 5. 169-77). — Die lat. Versionen: Georg ler, ZfDtschkde 1927, 161. — Zum Text: 46 Die erzählende Dichtung Alexius, Sohn vornehmer Eltern in Rom, wird mit einer hochgeborenen Jungfrau verlobt, aber die Gottesminne entzündet ihn, er verläßt die Braut, fährt ins Morgenland und lebt dort zehn Jahre in Marter und Elend. Auf einer Seefahrt wiederum nach Rom verschlagen, lebt er im Hause seines Vaters, in einem Winkel unter der Treppe, als Bettler, ohne daß ihn seine Eltern und seine Braut wiedererkennen. Als er stirbt, findet man einen Brief in seinen Händen, welcher alles offenbart. Vater, Mutter und Braut verzehren sich vor Jammer, aber an der Bahre des Heiligen geschehen Wunder an Blinden und Krüppeln. Über die Entstehung des Gedichtes (1412 V.) berichtet das Schlußwort (1388-1408): Konrad hat es aus dem Lateinischen ins Deutsche übertragen (auch V. 19 f.), um zweier Bürger von Basel willen; diese waren Johannes v. Bermeswil und Heinrich Isenlin. 1 Auch in diesem religiösen Werke spricht er von sich in der Demutsformel, nennt sich einen tumben man und armer Kuonrät von Wirzeburc (1395. 1406 f.). Die Übersetzung ist sehr unselbständig; die Entstehungszeit haben wir vor 1275 anzusetzen. Wie die Legende von Silvester, so gehört auch die von Alexius zu den beliebtesten Heiligengeschichten des Mittelalters. Sie ist aus einer syrischen Vita des Heiligen entstanden, gelangte in die griechisch-byzantinische Literatur und dann in die lateinische, von der aus sie sich in viele abendländische Sprachen fortpflanzte. 2 IX. Die dritte und der Abfassungszeit nach späteste Legende Konrads, Pantaleon, 3 bedeutet den beiden vorhergehenden gegenüber einen großen Fortschritt; Konrad hat hier selbständiger gearbeitet, seine Darstellungskunst ist sicherer, die Metrik sorgfältiger. Das Gedicht gehört in die Höhezeit seines Schaffens. Pantaleon, der Sohn eines vornehmen Senators in Rom, erlernt die Arzneikunde, wird aber durch einen alten Priester für das Christentum gewonnen und vollbringt wunderbare Heilungen; viele Heiden lassen sich unter seinem Einfluß taufen. Der Kaiser Maximilian läßt die grausamsten Martern an ihm vollziehen, die er alle standhaft erträgt; endlich wird er enthauptet. — Pantaleon, der jugendliche Arzt, ist einer der vierzehn Nothelfer und der Patron der Ärzte. Haupt, ZfdA. 4, 400; Pfeiffer, Germ. 12, 57ff.; Henczynski S. 18-21; Janson aaO.; 41-48; Schröder, Stud. IV, 101 f.; Gereke, Gereke S.Vf.; bes. M. F. Blau, Germ. 33, Beitr. 38, 519 ff. — 3 Hss.: Henczynski S.8; 181-219. 34, 156-87; M. Rösler, Die Fassun- Janson (s. oben) S.8 ff.; Gereke S.VIII- gen der Alexiusleg. mit bes. Berücksichtig, der XII. mittelengl. Versionen, 1905. 1 Beide urkundl.: Schröder, Stud. IV, 101 f. 3 Ausg.: Haupt, ZfdA. 6, 193-253. 580; 2 Lit. über die Geschichte u. die Fassungen Gereke, Legenden III, Ad. Textbibl. 21, der Sage: Massmanns Ausg., wozu Nachträge 1927, dazu Schröder, Anz. 46, 118, Stamm- von Bartsch, Germ. 4, 463, Schönbach, ler, ZfDtschkde 1928, 814; C. A. Williams, ZfdA. 18, 82-89; zu den acht von Massmann Journ. of Engl, and Germ. Phil. 28, April besprochenen deutschen Bearbeitungen kommt 1929. — Stellen: Paul, Beitr. 1, 208; Schrö- noch eine neunte: Toischer, ZfdA. 28, 67-72. der, ZfdA. 48,548; Gereke, Beitr. 37,432-37. Verzeichnis der Fassungen ferner bei: Piper, 38, 525-29. — Laudan, Auftakt, ZfdA. 48, Höf. Ep. 3, 267 u. Geistl. Dicht, des MA.s 2, 533-48. — 1 Hs.: Gereke S.VII, Laudan aaO. Konrad von Würzburg 47 Die Legende stammt aus dem Orient, Nicomedia ist der Schauplatz in der lateinischen Überlieferung. Am Schluß der Handschrift, aus der einige Blätter herausgeschnitten sind (erhalten sind 2158 Verse), wird gesagt, daß diese Wunder aus dem Lateinischen übersetzt 1 wurden auf Veranlassung des Johannes v. Arguel. 2 Die drei Heiligen, die Konrad verherrlicht hat, stellen drei Typen christlicher Frömmigkeit dar: Alexius ist der Asket, der sich allem Menschlichen verschließt, soweit es nicht seinem Persönlichen Seelenheil dient; Pantaleon, der Märtyrer, ist durch seine soziale Barmherzigkeit der Erlöser der Leidenden ; Silvester, der heilige Papst, ist der Befreier der gesamten Christenheit vom Heidentum (diu Kristenheit in alle wis wart von im erlceset, Silv. 66). X. Durch ihren Gehalt, als geistliche Dichtung, steht den Legenden die Goldene Schmiede 3 am nächsten. Sie ist ein Marienhymnus und stimmt auch in der Ausdrucksweise, in dem pathetischen Stil, dem „schweren Schmuck", mit dem religiösen Leich Konrads überein, ein überschwänglicher Preisgesang voll von süßen Worten, gekünstelten Reimen, unerschöpflicher Fülle von Bildern. Derartige Sinnbilder, Gleichnisse und Epitheta der Gottesmutter 4 sind in der Marienliteratur des Mittelalters heimisch gewesen und aus diesem allgemeinen Vorrat hat sie Konrad entnommen. Auf der blühenden Sprache beruht auch die ungemeine Wirkung des Gedichtes auf die Zeitgenossen 5 und die Nachwelt; es ist das verbreitetste unter Konrads Werken. In der Einleitung stellt sich der Dichter als Schmied dar, der in seines Herzens Schmiede der Himmelkaiserin ein Geschmeide aus Gold und Edelsteinen verfertigt. 6 Aus Autorenbescheidenheit ordnet er sich Gotfrid unter, der als ein kunstvoller houbetsmit den Preis der Jungfrau besser gesungen habe (94 ff.). 7 An dieser Stelle nennt er auch seinen Namen (120 f.). Später (V. 890), sagt er, im Einklang mit der religiösen Grundstimmung des Gedichtes, in geistlicher Demutsformel von sich: ich tumber Cuonrät. 1 Lat. Quelle: Janson aaO.; Gereke S.Vf. 5 Vgl. die Notiz in den Kolmarer Annalen 2 Aus angesehenem Basler Geschlecht, ur- oben. kundl. 1277-1311: Schröder, Stud. IV, 102- 6 Das Bild entlehnen Bruder Eberhard 04. — In der Hs. steht der Name Konrads als v. Sax, Frauenlob, der Dichter des Lohengrin: des Verfassers nicht, er befand sich entweder Schwietering, Demutsformel S. 56. — Der in dem verlorenen Schlüsse oder in V. 2154, Titel „Goldene Schmiede" ist nicht von Kon- der dann in der Hs. entstellt wäre; Lachmann, rad selbst gegeben, muß aber früh im Gebrauch ZfdA. 6, 580; Pfeiffer, Germ. 12, 26 Anm.; gewesen sein, denn er findet sich schon in Laudan aaO.; Schröder, Stud. IV, 117. der Würzb. Hs. des Michael de Leone von 3 Ausg.: W. Grimm 1840; Schröder 1926, 1350 (W. Grimm, Ausg. S. 86; daz goldin lop, dazu Günther Müller, Lit. Handweiser 62, Hs. C), und die Aurea fabrica setzt ihn vor- 937 f., Maurer, Teuthonista 4,70 f., Schölte, aus („Goldenes Geschmeide" wäre passender: Mus. 34, 269 f., Piquet, Rev. germ. 17, 1926, Schröder, Stud. I S. XI, Gott. Nachr. 1927, 496. Ältere Abdrücke: W. Grimm, Ad. Wäl- 119. 125). der 2, 1815, 193-288 u. Sonderabdr. 1816. — 7 Pfeiffer, Germ. 3, 77 f.; Schröder, Stud. 24 Hss.: W. Grimm, Einl. S. III— VI; Schrö- IV, 114 ff. stellt die ansprechende Vermutung der S. 86-88. auf, das Gedicht stehe im Zusammenhang mit 4 W. Grimm, Einl. S. XXII-LIII; s. LG. II, dem Bau des Straßburger Münsters von „Un- 1, 208-10 mit Lit. serer lieben Frau", um 1277. 48 Die erzählende Dichtung Die Nachwirkungen der „Goldenen Schmiede" lassen sich bis ins 14. und 15. Jahrhundert verfolgen. 1 Eine unmittelbare Nachahmung, ja Steigerung des deutschen Hymnus, stellt eine lateinische Mariendichtung des Franco von Meschede vor (1330), die Aurea Fabrica, 2 dar. XI. Zu großen epischen Dichtungen hat Konrad erst in der späteren Zeit seines Schaffens Muße gefunden. Der Engelhard 3 hält sich noch in mäßigen Grenzen (6504 V.), doch wurde schon der Prolog auf eine breitere Stoffentfaltung zugeschnitten (V. 1-216); der Anfang (V. 1-88) ist in elf achtzeiligen, künstlich mit Schlagreimen versehenen Strophen gedichtet. Das Werk stellt einen Preis der leider in der Gegenwart in Mißachtung gekommenen Treue dar; deshalb will der Dichter eine mcere von hohen triuwen als heilbringendes Beispiel erneuern. Hier und am Schluß gibt er Bericht über die Herkunft des Stoffes: er hat ihn aus dem Lateinischen entnommen. 4 Beide Male nennt er auch seinen Namen (208 ff. 6491 ff.). Da kein Gönner angegeben ist, scheint Konrad hier aus eigenem Antrieb seine Dichtergabe eingesetzt zu haben. 5 Engelhard, Sohn eines burgundischen Adeligen, zieht aus, bei dem König Fruote von Dänemark Dienste zu suchen. Unterwegs gewinnt er einen Reisegefährten, Dietrich, Sohn des Herzogs von Brabant. Am Hofe zu Dänemark werden beide, die einander täuschend ähnlich sehen, freundlich aufgenommen. Minne ergreift Engelhard und Engeltrut, die Tochter des Königs. Bei einem nächtlichen Stelldichein im Garten werden sie von Ritschier, einem Verwandten des Königshauses, beobachtet und Engelhard wird darauf bei dem König verklagt. Er leugnet und ein Zweikampf soll als Gottesgericht entscheiden. Dietrich, unterdessen Nachfolger seines Vaters in Brabant geworden, übernimmt, ohne erkannt zu werden, die Stelle des schuldigen Engelhard und durch seinen Sieg ist dessen Schuldlosigkeit erwiesen. Engelhart wird mit Engeltrut vereinigt, doch dann wird ihm die Freundschaftsprobe auferlegt (5135). Dietrich, der vom Aussatz befallen worden ist, kann nur durch das Blut unschuldiger Kinder genesen. In seinem Elend sucht er eine Stätte bei Engelhard, und dieser bringt gegen den Willen Dietrichs das ungeheure Opfer, seinen beiden Knaben zum besten des Freundes den Hals zu durchschneiden. Durch ihr Blut wird Dietrich auch wirklich gesund. Die Kinder aber findet man unverletzt und munter spielend in ihrem Bettchen. Gott hat das Wunder geschehen lassen zum Zeichen dessen, daß er Treue anerkennt. 1 Hugo v. Langenstein, Suchenwirt, Muskat- kritik: Piper S. 242 (Lit.); Joseph S. 309-14 blüt, Heinr. v. Laufenberg und eine Reihe von (s. S. XVI); Gereke, Ausg. S. III f., Beitr. Mariendichtungen: W. Grimm S. XIX-XXI; 37, 213-24. 38, 501 ff.; Georg Wolff, Fest- H.-Fr. Rosenfelds Beitr. 53, 419. 431; auch sehr, für Ernst Kuhn, 1916; Helm, Beitr. 47, in dem Laßbergschen Liebesbriefsteller: Ernst 155 f.; Schröder, Stud. II, 20-33. — Nur in Meyer, Die gereimten Liebesbriefe S. 32-37. einem alten Drucke (Frankf. a.M. 1573) erhal- 2 Leyser, ZfdA. 2, 168-76; Schröder, Gott, ten: Haupt, Ausg. S.V-VII; Gereke, Ausg. Nachr. 1927, 119-29, ZfdA. 64, 266. S. III. 3 Ausg.: Haupt 1844, 2. Aufl. von Eugen 4 Benutzung von Chrestiens Cliges: Herzog, Joseph 1890, Besprechungen s. Gereke, Germ. 31, 325 f. Ausg. S. IV; P. Gereke, Ad. Textbibl. Nr. 17, 6 Schröder, Stud. IV, 113. 1912, dazu Schröder, Anz. 38, 171 f. —Text- Konrad von Würzburg 49 Kein anderes Werk Konrads steht im Inhalt Gotfrids Tristan so nahe — das Motiv des trügerischen, aber durch die Minne gerechtfertigten Spieles ist beide Male das gleiche — und das Beispiel Gotfrids hat hier dem Dichter entschieden vorgeschwebt. Doch gerade in dem durch diesen naheliegenden Vergleich zeigt sich auch der Abstand der beiden Dichtungen voneinander: die Minnegeschichte ist bei Konrad nur noch ein Nebenmotiv, ein Mittel, um die Gelegenheit zur Darstellung des Hauptthemas der Freundestreue herbeizuführen. Die Freundschaftssage, 1 in deren Kreis Konrads Engelhard gehört, ist weitverbreitet und schon seit dem 9. Jahrhundert nachgewiesen. Die älteste Form liegt in einer lateinischen Prosa vor, in der die beiden Freunde Amicus und Amelius heißen, und wird daselbst an die Gestalt Karls des Großen angegliedert. Auf dieser Sage von Amicus und Amelius lagern eine große Zahl von Bearbeitungen in der mittellateinischen, französischen, englischen, nordischen und deutschen Literatur; auch in orientalischen Varianten findet sie sich. Meist besteht die eine der Freundschaftsproben in der Heilung des Aussatzes durch das Opfer der Kinder des Freundes; hier berührt sich die Freundschaftssage mit der Aussatzsage. So erkennen wir zwei Sagenkreise, welche auf dreierlei Art verwendet werden: A. Freundschafts- und Aussatzsage vereinigt (Typus Amicus und Amelius); B. Freundschaftssage ohne Verwicklung durch das Aussatzmotiv, an dessen Stelle eine andere Treuprüfung tritt (Lantfrid und Cobbo, Athis und Prophilias); endlich C. auch die Aussatzsage erscheint für sich allein ohne Verbindung mit der Freundschaftssage (Armer Heinrich, Silvester). Die Fassungen der Freundschaftssage, soweit sie die deutsche Literatur betreffen, sind: Lantfrid und Cobbo (LG. I, 358f.), Athis und Prophilias (LG. II, 112 ff.), Konrads Engelhard, die Jakobsbrüder von Kunz Kistener (um 1350), 2 die Bearbeitung des Andreas Kurzmann (um 1430); eine Episode im Karlmeinet, eine Erzählung im Diocletianus des Hans v.Bühel (1412), desgleichen eine in Der Seelen Trost (15. Jahrhundert), schließlich das Volksbuch von Olivier und Artus, woraus Hans Sachs eine Comedi herrichtete (1556). Der Aussatz gilt schon in der Bibel als Strafgericht Gottes. 3 Diese moralische Wertung besteht auch in den meisten Aussatzsagen des Mittelalters weiter fort: Konstantin wird bestraft wegen seiner Verfolgung des Christentums, der Ritter Heinrich von Ouwe wegen seines ungeordneten Selbstgefühls, Amicus (Dietrich) im Amicus-Amelius-Typus, weil er durch Über- 1 Lit. zur Freundschaftssage: Piper, Spiel- told, Anm. S. 37; Gereke, Ausg. S.V-IX; mannsdicht. 2, 102 f., Höf. Ep. 3, 243-51. — A. H. Krappe, The legends of Amicus and W. Grimm, Kl. Sehr. 3, 253-64. 264-74 Amelius and of King Hörn, Leuvensche Bijdr. (s. LG. I, 358. II, 2, 113); Haupt, Ausg. XVI, 1924, 14-17. Speziell zur Aussatzsage: S.VIII-XIV; Wackernagel, ZfdA. 12, 185- Wackernagel-Stadler, A. Heinr. S. 189- 203; MSD. II 3 , 121 ff.; Schönbach, Über An- 232. dreas Kurzmann, Wiener SB. 88, 1878, S.807f. 2 Diese und die übrigen aufgeführten deut- 849-64. 872-74; R. v. Muth, Wiener SB. 91, sehen Werke sind im folgenden jeweils einzeln 1878, 223 ff.; Paul Schwieger, Die Sage von behandelt. Amis u. Amiles, Progr. Berlin 1885; Baech- 3 Wackernagel-Stadler S. 227 f. 4 Deutsche Literaturgeschichte IV 50 Die erzählende Dichtung nähme des Zweikampfs einen Betrug verübt hat. Aber in den dichterischen Behandlungen der Sage wird diese moralische Begründung nicht ausgesprochen, auch nicht bei Gotfrid; um so mehr wird unser sittliches Gefühl verletzt, es läßt sich eben die Empfindung nicht unterdrücken, daß Dietrich und Engelhard eine trügerische Handlung begehen und daß Engelhard aus Feigheit sein Leben in Sicherheit bringt. Auch hier ist die Grenze von Konrads Kunst zu erkennen: er bleibt am Stoffe haften, ohne in die sittliche Tiefe zu dringen. XII. Partonopier und Meliur 1 ist, wie der Engelhard, ein Ritterroman und übertrifft diesen mehr als dreifach an Umfang. Den Kern bildet eine mit dem klassischen Märchen von Amor und Psyche verwandte Feensage. Partonopier von Blois verirrt sich auf der Jagd, kommt ans Meer und wird von einem Nachen in eine verlassene Burg geführt (791). Drin findet er ein herrliches Mahl bereitet, wird von unsichtbaren Händen bedient und legt sich schließlich in ein schönes Bett (1190). In der Nacht erscheint die zauberkundige Prinzessin Meliur bei ihm; sie ist es, die ihn in ihr Reich gelockt hat. Sie gibt sich ihm hin unter der Bedingung, daß er erst nach dritthalb Jahren sie mit Augen sehen dürfe (2965). Nach einem Jahr nimmt er Urlaub von der Geliebten, und das Zauberschiff führt ihn nach Blois zurück (7467). Die Seinen zu Hause reden ihm ein, sein Erlebnis sei ein Teufelszauber gewesen (7855). In das Feenschloß zurückgekehrt, beleuchtet der aus Neugierde und Mißtrauen die neben ihm schlummernde Geliebte mit der Kerze. Damit ist sein Glück verscherzt, und er muß sich von ihr trennen. Erst nach langen Abenteuern erkämpft er sich später Meliur durch einen Sieg im Turnier wieder zurück. Das märchenhafte Element 2 kommt in dem Verlockungszauber zur Geltung, der Bau ist dreistufig: der Held wird durch ein dämonisches Wesen in die andere Welt gezogen, kehrt auf die Oberwelt zurück und schließlich wieder ins Feenreich. Das charakteristische Merkmal besteht in dem Verbot, die Geliebte zu sehen, die Übertretung desselben ergibt ein Motiv vom Typus der gestörten Mahrtenehe. Die Grundlage für alle andern Bearbeitungen des Stoffes 3 ist der französische Roman Partonopeus de Blois von Denis Pyramus, um 1150. Von ihm 1 Ausg.: Bartsch, K.s v. W. Part. u. Meliur, u. ö.; ErnstTegethoff, Stud. zum Märchen- Turnei v. Nantheiz — S. Nicolaus •— Lieder u. typus von Amor u. Psyche, 1922, dazu Ranke, Sprüche. Aus dem Nachlasse von Franz Anz. 42, 67 f.; LG. II, 2, 135. Pfeiffer u. Franz Roth hgb., 1871. — 3 Massmann, Partonopeus u. Melior, afrz. Stellen: Joseph, Klage der Kunst S. 91; Ged. des 13. Jh.s in mnld. u. mhd. Bruchstük- Sprenger, ZfdA. 36, 158-60. 1 Hs. u. 2 ken, 1847; Bruchst. eines mfrk.Partonopeus: Brachst: Pfeiffer, Germ. 12, 5 ff.; Bartsch, Karl Schröder, Germ. 17, 191-93; E. Ca- Ausg. S.V. VIII f. flisch-Einicher, Bruchstücke aus W. v. W. 2 Fel. Liebrecht, Kuhns Z. f. vergl. Sprach- Part. u. Mel (Hs. Zürich), Beitr. 57, 284-98. — forsch. 18, 1870, 56ff.; Bolte-Poli'vka 2, Kölbing, Über die verschiedenen Gestaltun- 229 ff. 234. 267. 269; Karl Warnke, Die gen der Partonopeus-Sage, Bartschs Germ. Lais der Marie de France, 1885, S. LIX; Stud. 2, 1875, 55-114. 312-16; A. Trampe- Karl Pschmadt, Die Sage von der verfolgten Bödtker, Partenopeus de Blois, etude com- Hinde, Greifsw. Diss. 1911 S. 88 ff. 95. 121 ff. paree. . Christiania Videnskabs-Selsk.skrifter Konrad von Wükzburg 51 gehen, abgesehen von Konrads Gedicht, englische, französische und nordische Bearbeitungen aus, sowie eine niederländische und eine mittelfränkische. Konrad hatte keinen Überblick über den in dem französischen Gedichte gebotenen Stoff, da er partienweise seiner Vorlage folgte, und hat es darum auch nicht verstanden, die Fälle übersichtlich und einheitlich zu gruppieren. Bescnders durch seine willkürlichen Erweiterungen und Ausmalungen sprengte er das Gefüge; er hat die etwa 11000 Verse des französischen Originals auf 21784 Verse gebracht. 1 Wertvoll ist seine Einleitung wegen der Entwicklung seiner Kunsttheorie (s. oben). Im Vorwort (168-225), wo er auch seinen Namen nennt, preist er den Veranlasser, Herrn Peter den Schaler in Basel, und stattet seinen Dank ab an Heinrich Marschant, der ihm das französische Buch ins Deutsche übersetzte, und an Arnold den Fuchs für die anspornende Teilnahme, die ihm dieser bei der Arbeit erwiesen hatte. 2 XIII. Konrads letztes Werk ist der Trojanerkrieg. 3 Er ist vorzeitig mit V. 40424 abgebrochen; der Dichter wird wohl darüber gestorben sein. Ein nicht ebenbürtiger Fortsetzer hat es dann zu Ende geführt (bis V. 49836). Die Erzählung beginnt mit dem Traum der Hekuba, es folgen die Geburt des Paris und des Achilles, die Geschichte von Iason und Medea, der erste trojanische Krieg unter der Beihilfe von Herkules, der Raub der Helena durch Paris; nach dieser Vorgeschichte beginnt der Bericht die Rüstungen zum Krieg von Troye (23495), der von Konrad bis zur vierten Schlacht weitergeführt wird. Als Vorlage benutzte er den Roman de Troie des Benoit de Ste. More, 4 wozu er noch einige lateinische Quellen beizog (Ovid, Statius). 5 Die gewaltige Ausdehnung des Werkes hat er durch seine bekannte Erweiterungsmethode bewirkt, zu der besonders die Schlachtschilderungen und die Minnegespräche Gelegenheit boten. Zumal die ausgedehnten Liebesszenen sind bezeichnend für die mittelalterliche Romantisierung des antiken Stoffes. 6 Aber nicht bloß hemmungslose Redseligkeit hat ihm diese Wortflut eingegeben, sondern sie entsprang aus seiner Freude am Dichten. Versemachen ist ihm einfach ein II, 1904, Nr. 3; mnld. Bruchstücke hgb. Bor- 335-38; Hans Wegener, Miniaturen-Hss. der mans, Brüssel 1871. Preuß. Staatsbibl. 1928,32-35. 1 Vergleichung von Konrads Gedicht mit der 4 Clemens Fischer, Der afrz. Roman des frz. Vorlage: Kölbing aaO. S. 76-98; Heinr. Troie von Ben.de Ste.More als Vorbild für die van Look, Der Parton. K.s v. W. u. der mhd. Trojadichtungen des Herbort v. Fritz- Parton. de Blois, Straßb. Diss. 1881, dazu laru. des K. v. W., Münster. Diss. 1883; Karl Schröder, DLz. 1881, 1831 f., Joseph, Klage Basler, K.s v. W. „Troj. Krieg" u. Ben. de der Kunst S. 21 Anm. Ste.More „Rom. de Troie", Berl.Diss. 1910, 2 Pfeiffer, Germ. 12, 18 ff.; Schröder, dazu Salverda de Grave, Arch. 126,465-68; Stud. IV, 104-08; Andre Moret s. oben. Klapper, Stammlers Verfasserlex. 1, 325. 3 Ausg.: Adelbert v. Kellee, LitVer. 44, 5 V. 296-307. Dares hat die Geschichte grie- 1858; den kritischen Apparat hat Bartsch chisch erzählt, von da wurde sie ins Lat. und gegeben: Anmerkungen zu K.s Trojanerkr., Wälsche (Franz.) gebracht. LitVer. 133, 1877. — 10 Hss., 8 Bruchst.: 6 Z. B. Oenone 706-812 (aus Ovids Heroiden), Bartsch, Anm. S. I-XXX, Germ. 27, 127. s. Johannes Schmidt, Beitr. 3, 177. 356-58; Zuchhold, Schles. Monatshefte 3, 4» 52 Die erzählende Dichtung Bedürfnis, das bekennt er im Prolog. Zugleich will er aber auch hier belehren: an den unerhörten Abenteuern des alten Buches von Troye sollen sich diejenigen ein Beispiel nehmen, die züht und ere lieben (282-89) } Konrad ist sich selbst der Ungeheuern Arbeit, die er unternommen hat, bewußt; er vergleicht diz moere, diese Geschichte, mit einem endlosen Fluß, darin wohl ein Berg versinken könnte (212 ff.). Seine Aufmerksamkeit auf den Stoff lenkte ein freigebiger Gönner, der werde singer (senger) Dietrich von Basel an dem Orte (244-57) ; 2 den eigenen Namen nennt er V. 266. Die Fortsetzung, 3 etwa 9400 Verse, steht stilistisch bedeutend hinter Konrads Anteil zurück; der Stil ist unbeholfen; die Schilderungen sind nicht so breit ausgedehnt; im Versbau wird Konrad nachgeahmt. Als Quelle der Dichtung liegt Dictys mit Beiziehung von Dares zugrunde. Die stärksten Wirkungen, welche die Literatur des Altertums auf die des Mittelalters ausübte, gingen von der Alexander- und der Trojanersage aus; in diesen fand man die Verkörperung von Strebungen, die dem Geiste der eigenen Zeit entsprachen: dort die Macht der heldenhaften Persönlichkeit, hier Heldentum und Minne vereinigt. So folgte den Trojadichtungen des 13. Jahrhunderts, des Herbort v. Fritzlar und des Konrad v. Würzburg, im absteigenden Mittelalter eine ganze Anzahl prosaischer Bearbeitungen, auch in Deutschland, 4 jedoch nur noch eine in Versen: Der Göttweiger Trojanerkrieg. 5 Der Verfasser aus der Zeit um 1300, ein ganz unselbständiger, von Konrad v. Würzburg und von Wolfram beeinflußter Epigone, entfaltet in unbeholfener Darstellung einen großen höfischen Apparat, für den er die Artus- und die Dietrichsage plündert. Er gibt sich an vielen Stellen für Wolfram aus, an andern wieder redet er von diesem als von einer andern, mit ihm, dem Verfasser, nicht identischen Person (25156 V.). 6 — Drei spätere mhd. Prosabearbeitungen des Trojanischen Krieges sind: die von Hans Mair, die von Heinrich v. Braunschweig und ein namenloses Buch; und außerdem gibt es eine hierher gehörige mittelniederdeutsche Prosa, s. LG. II, 2, 98 Goedeke, Grundr. I 1 , 372. 7 1 Vietor, Beitr. 46, 100. GRM. 16, 486, Basler, DLz. 1928, 1064 f., 2 Dietrich am Orte, aus Basler Stadtadel, oft Behaghel, Lbl. 1929, 172 f., Piquet, Rev. urkundl., bekleidete das Amt des Dom- germ. 18, 1927,153 f., Stammler, ZfDtschkde kantors, Schröder, Stud. IV, 108 f. (tum- 1928, 814; K. Langosch, Die Sprache des herre a. 1278, Haupt, ZfdA. 7, 169). Göttweig. Trojanerkrieges, Berl. Diss. 1932 u. 3 G. Klitscher, Die Forts, zu K.s v. W. Pal. 187, 1933; Klapper, Stammlers Ver- Trojanerkrieg u. ihr Verhältnis zum Original, fasserlex. — Lichtenberg, Architekturdarst. Bresl. Diss. 1891; M. Sigall, K. v. W. u. der S. 93 f. 108 f. — Hs. im Benediktinerstift Fortsetzer seines Tr., Progr. Suczawa 1893; Göttweig in Niederösterreich, Koppitz S.Vff.; Laudan S. 134; Schirokauer, Beitr. 47 Basler, Festschr. Sievers 1925, 8 ff. S. 125. 6 Koppitz, Reg. S. 439 f.; Wilhelm, Beitr. 4 Siehe dieselben LG. II, 2, 98 u. Anm. 4 (da- 13, 335. selbst ist Rud. v. Ems zu streichen, er hat 7 Das Volksbuch von Trojas Zerstörung keinen Trojanerkrieg verfaßt, wie seit Lach- (s. unter Volksbücher) schließt sich an Hans mann vielfach angenommen wurde, s. Baech- Mairs Trojabuch an, Heinz Kindermann, told S. 115 f. u. Anm.). Volksbücher vom sterbenden Rittertum I, 5 Ausg.: Alfred Koppitz, Dt. Texte des 1928, S. XVII ff. u. 1-22. MA.s Bd. 29, 1926, dazu F. R. Schröder, Konrad von Würzburg 53 XIV. Der Turnei von Nantheiz (Das Turnier von Nantes) 1 ist früher für ein Erstlingswerk Konrads gehalten worden, aber durch Beobachtungen stilistischer und metrischer Merkmale hat es sich im Gegenteil als eine seiner spätesten Dichtungen erwiesen, und seine Abfassung fällt vermutlich in die Zeit der Arbeit am Trojanerkrieg. 2 Der Dichter nennt hier weder seinen Namen noch einen Veranlasser des Werkes. 3 Inhalt (1156 V.) : Ein Turnier zu Ehren schöner Frauen war nach Nantheiz (Nantes) ausgeschrieben worden; der König Richard von England wollte da Ehre erringen. Viertausend Ritter teilte man in zwei Parteien; die eine, die deutsche Partei, führte Richard, die andere, die wälsche, der König von Kärlingen (Frankreich). Es folgt eine Aufzählung der fürstlichen Teilnehmer ■— jedesmal sieben —, wobei die Wappenkleider und Wappenschilde dieser Herren beschrieben werden. Dann wird das wonnigliche Turnier geschildert. Den Sieg erringt Richard; er steht im Mittelpunkt des ganzen Bildes und wird als Beispiel dafür aufgeführt, daß Freigebigkeit und Edelmut nicht aus der Art schlagen. Auch hier enthält also die Einleitung eine Lehre (67-81). Konrad hat mit dem Turnei von Nantheiz die Wappendichtung 4 in die deutsche Literatur eingeführt, welche dann in der Zeit der bürgerlichen Jahrhunderte als Heroldsdichtung gepflegt wurde. Konrad besaß eine persönliche Vorliebe für heraldische Beschreibungen und hatte solche schon im Schwanritter, im Engelhard, im Partonopier und im Trojanerkrieg angebracht, da er bei seinem Publikum, den städtischen Geschlechtern, die mit solchen Festlichkeiten die Rittersitten nachahmten, Interesse dafür fand. Man hat das Werk früher sehr gering eingeschätzt. 5 Aber vom Standpunkt seiner Kunstanschauung und seiner stilistischen Technik aus betrachtet, reiht es sich organisch in Konrads dichterisches Schaffen ein: es entspricht seiner Freude am Schildern höfischer Formen, und der Dichter beweist hier seine Geschicklichkeit, die Einförmigkeit des Motivs in eine Reihe von Variationen aufzulösen. Auch beweist er sein realistisches Anschauungsvermögen, da er 1 Ausg.: Bartsch, Partonopier S. 313-32; K. v. W., aaO.; P. Ganz, Gesch. der herald. Schröder, Kleinere Dicht. II, 1925, 40-73; Kunst in der Schweiz im 12. u. 13. Jh., 1899, früherer Abdr.: Docen in Massmanns Denk- 162 ff., dazu Küch u. Schröder, Anz. 31, malern dt. Sprache u. Lit. H. 1, 1828, 136-48. 123-29. — Petersen, Johannes Rothe S.95- — Abhandl.: Kochendörffer, ZfdA.28,133- 112; Wiessner, Festschr. Jellinek S. 195 f.; 136; Galle, ebda 53,209-59; Schröder, Stud. Bebermeyer, Merker-Stammlers Reallex. 1, V, 116-29. — Zur Textkrit.: Schröder, Ausg. 492 f.; s. auch Alwin Schultz, Das höf. Le- S. IX f. — Nur 1 Hs.: die Würzb. des Michael ben 11 2 , 106 ff. — Der Begründer der Wappen- de Leone, Schröder, Ausg. S.VIII f. dichtung war der Züricher Domkantor Kon- 2 Laudan S. 5. 11 u. ö.; Galle S. 252 f.; rad v. Mure durch seinen Clipearius, vgl. Th. Schröder, Stud. V, 116 ff. u. ZfdA. 67, 222. v. Liebenau, Anz. f. d. Schweiz. Gesch. 3 Schröder hat Stud. V, 127 f. die anspre- 1880, 229-43; Seemüller, ZfdA. 34, 226-28; chende Vermutung aufgestellt, das Gedicht Schröder, Anz. 31, 127-29; Petersen S.98. sei in der Absicht verfaßt, auf Rudolf v.Habs- 5 Pfeiffer, Germ. 12,28 „geistlos"; Bartsch, bürg einzuwirken, da die im Turnier auf- Ausg. S. IX f. „ein dichterischer Anfänger"; tretenden deutschen Fürsten dessen Familien- Kochendörffer, aaO. „sein schwächstes Prokreise entnommen sind. dukt", s. Laudan S. 4 ff. 4 Galle, Wappenwesen u. Heraldik bei 54 Die erzählende Dichtung sich an historische Wappenbilder anlehnt. 1 Alles in allem ist das Werk allerdings nur ein Virtuosenstück; ohne Tiefe. Als solches erweist es sich auch durch die vielen wörtlichen Selbstwiederholungen und Entlehnungen aus seinen andern Dichtungen. 2 An Konrad v. Würzburg hat sich eine apokryphe Literatur angehängt, deren Verfasser mit seinem Namen offenbar Reklame machen wollten, so der schmutzige Schwank 3 Von der halben Birne, Die falsche Beichte, Alten Weibes List, 4 auch ein Ave Maria einer Heidelberger Handschrift. 5 In einer in Bruchstücken erhaltenen Legende von St. Nicolaus wollte Bartsch ein Jugendwerk Konrads erkennen. 6 c) DAS ERBE DER ALTEN (etwa 1230—80) Reinbot von Durne hat in seinem Heiligen Georg eine ritterliche Legende geschaffen, und dieses Gedicht kann, eben weil sein Held ein Ritter ist, passend unter den höfischen Epen eine Stelle finden, ähnlich wie Wolframs Willehalm. Ausg.: v. d. Hagen u. Büsching, Dt. Gedichte d. MA.s Bd. 1, 1808 (Abdr.: S. Berl. Hs.); Ferd. Vetter, 1896, dazu Kraus, Anz. 25, 38-61, Cbl. 1896, 1198-1200; Behaghel, Lbl. 1898, 49; maßgebende Ausg.: C. v. Kraus, 1907 dazu Helm, Anz. 32, 277-85; Rosenhagen, ZfdPh. 45, 496-504; Martin, DLz. 1907, 3042-44, Cbl. 58, 610 f., Wallner, ZföG. 59, 1909, 1093-1101, Piquet, Rev. crit. 1907, I. — Abhandl.: Steinmeyer, ADB. 28, 5; Emil Öhmann, Reinbots Heil. Georg u. die Kindheit Jesu, ZfdA. 68, 270-73. — Stellen: Singer, Prager Dt. Stud. 8, 311 f.; Mau, Guido u. Thyrus, Jen. Diss. 1909 S. 43 ff. — 4 Hss., 5 Bruchstücke: v. Kraus, Anz. 25, 43 ff. u. Ausg. S. IX-LXXV; dazu neuerdings gefunden: H.-Fr. Rosenfeld, Beitr. 53, 208-28. Über seine Person läßt sich der Dichter mehrmals aus (V. 1-70. 1556-59. 1722 f. 5329. 6129 ff.); von Dürne (Durne) Reinbot nennt er sich ([20]. 2858. [2873]. 4782. 6131). Er schrieb da ze Werde; unter dem hier angegebenen Orte versteht man jetzt ziemlich allgemein Wörth an der Donau, in der bayrischen Oberpfalz zwischen Regensburg und Straubing gelegen; hierzu stimmt auch die Sprache. 7 Er war also Bayer, Oberpfälzer, gehörte aber 1 R. v. Mansberg, Wissenschaft. Beilage z. 360-83, Servatius S. LXXI u. Münchn. Mus. Leipz. Zeitg. 1884 Nr. 95 f.; Petersen, bes. 3, 229-31; Helm, Anz. 32, 279 f.; Kluck- S. 97f.; Galle S. 211 ff.; Bebermeyer, aaO. höhn, ZfdA. 52, 161; Rosenhagen, ZfdPh. 2 Pfeiffer, Germ. 12, 28; Bartsch, Ausg. 45, 498 ff.; Schröder, Anz. 24, 317 f., ebenso S. IX; Saran, Hartm. v. Aue als Lyriker, Schreiber, Neue Bausteine zu e. Lebens- 1889, 42. gesch. Wolframs v. E. 1922, 52 ff., rechnen ihn 3 Schwanke unter Konrads Namen: Lit. s. zu den Dynasten von Durne, Walldürn an den Haupt, Engelhard 2 S.VIII; Goedeke, Grdr. östlichen Ausläufern des badischen Odenwal- l 2 , 300. 4 Siehe unten „Schwanke". des, aber die Sprache ist nicht westl.-ostfrän- 6 Ludw. Sic, Das K. v. W. zugeschriebene kisch. — Sprache: Vetter S. CXXXIV- Ave Maria, Progr. Beil. Straßb. 1903. CXLVIII; v. Kraus, Ausg. in den Anmerk., 6 Bartsch, Ausg. des Partonop. S. XII-XIV. bes. zu V. 1557 f. 2858; Zwierzina, ZfdA. 44, 335-42 u. Germ. 29, 36^12; zurückgewiesen 364 f., Anz. 26 Reg. S. 346. 27, Reg. S. 342; von Steinmeyer, ZfdA. 19,228-36.21,417-25. s. auch Zwierzina, Festschr. Luick, 1925, 7 Heimat, Stand: Vetter S. CX ff.; Stein- 129. — Die Sprache hat nahe Beziehungen zu meyer, Anz. 14, 145 f.,; Wilhelm, Beitr. 35, der des obd. Servatius (s. unten). Reinbot von Durne 55 nicht dem bedeutenden oberpfälzischen Adelsgeschlecht von Dürne an und war überhaupt nicht von angesehener Geburt (er spielt auf seine Armut an V. 1928-33). Der Herzog Otto II. von Bayern (1231-53) und seine Gemahlin haben ihm aufgetragen, ein Buch in deutscher Sprache zu dichten (Prolog 1-70, Schlußwort 6129-34). Er war also Hofdichter. Abgefaßt wurde das Werk in den Jahren 1231—1236. 1 Reinbots Epos (6134 Verse) hat in den Grundzügen den gleichen Inhalt 2 wie das althochdeutsche Georgslied (LG. 1,217); sogar manche Einzelheiten sind identisch, andere sind verschiedenartig variiert. Allerdings wird der Stoff — entsprechend den verschiedenen Gattungen der beiden Werke, dem epischen Lied und dem eigentlichen Epos—dort in knapper Aufzählung der Einzelheiten objektiv berichtet, hier in ungehemmtem Fluß stark sub- jektivistisch ausgemalt. Zunächst geht eine nicht zur Legende gehörige Geschichte von den beiden ihm treu verbundenen Brüdern Georgs voraus, in welcher der historische Hintergrund, der Kampf zwischen Christentum und Heidentum, beleuchtet wird (105-1476). Die Martern und Wundertaten (1477-6084) beginnen mit der größten Heldentat des Heiligen, die auch zugleich sein ganzes künftiges Schicksal bestimmt: er,der „Markis", stellt sich der Reichsversammlung der heidnischen Fürsten und bekennt sich zu Jesus und Maria (1477-1754). Keine Marter kann den Glaubenshelden von Gott abbringen, aber auch kein Wunder kann die Heiden von der Nichtswürdigkeit ihres Götzen Apollo überzeugen; die Wunder des Heiligen sind für sie nur die Künste eines Gauklers. Georg wird ins Gefängnis geschleppt (1755), aufs Rad geflochten (3627), in vier Stücke zersägt, in einen Pfuhl geworfen (4710) und schließlich enthauptet (6109); nur mit wenigen Versen wird endlich sein und des Heidenkönigs Dacian Tod berichtet (6110-24). Dazwischen spielt sich die Bekehrung der Gemahlin Dacians, Allexandrina, und ihr Martyrium (2820-2900. 4216^1704) ab. Die altchristliche Legende 3 ist hier in das höfisch-ritterliche Kostüm des Mittelalters gekleidet. Die geschilderten Martern und Wunder entsprechen den Heldentaten und Abenteuern der fahrenden Ritter, wenn auch beides im Ethos durch die gradualistische Seinsstufe total verschieden bleibt: dort herrscht der Gesichtskreis des irdischen Diesseits, in der Legende ist die ganze Sehweite eingestellt auf Gott und die Ewigkeit; Georg bewährt sich als ein ritterlicher Held an Tapferkeit, doch durch sein Martyrium als ein Heros der Kirche. 1 Schreiber S. 53 Anm. 6; Wilhelm: a. S. LXXV-CIX, daselbst spätere deutsche Lie- 1246. der von Georg u. dem Drachen (15. Jh., 2 Vetter S. CXVI-CXXVIII; kurz: Ro- S. LXXIX ff. u. S. CLXVII-CXC; E. Bege- senhagen aaO. S. 501. mann, Zur Leg. vom h. Georg, dem D achen- 3 Legendes, die LG. 1,219 Anm.2 vermerkte töter, Festschrift d. k. Christianeums zu Al- Lit., bes. Vetter S. I-CIX; dazu Kraus, Anz. tona für die Hambg. Phil-.Vers. 1905, S. 97- 25, 38 f.; Rosenhagen, ZfdPh. 45, 501. — 116; Michael Huber, Zur Georgsieg., Fest- Der Drachenkampf gehört nicht der ur- schrift z. XII. allg. dt. Neuphilologentage in sprünglichen Legende an und findet sich München 1906, 175-235; Schneider, Wolf- darum auch nicht bei Reinbot, Vetter dietr. S. 303 ff.; Bolte-PolIvka 1, 547. 56 Die erzählende Dichtung Die legendarisch-romanhaften Partien werden abgelöst von belehrenderbaulichen. Nicht nur durch seine Taten wirkt der heilige Ritter, sondern auch durch seine Worte. In Disputationen erweist er die Wahrheit Jesu im Gegensatz zum Trug des Apollo. Das Gedicht ist eine Apologie des Christentums; die christliche Lehre kommt auf diese Weise in ihren Hauptzügen zur Darlegung. Betrachtet man den Inhalt von der romanhaften Seite aus, dann wirkt der Heidenkönig, der an seinen alten Göttern festhält, als tragische Person: er verteidigt unter bitteren Enttäuschungen eine verlorene Sache. Ihn martert die Tragik des inneren Zwiespaltes, er sieht die höhere Kraft des Christentums leibhaftig und verschließt sich doch dagegen mit dem billigen Selbstbetrug, daß das alles nur Zauberei sei. Den Markts, den er wegen seiner Rittertugenden hochschätzt, muß er entgegen seiner Neigung aus religiösen Gründen martern lassen, ebenso seine eigene, geliebte Frau. 1 Reinbot arbeitete nach einer fremden, wahrscheinlich französischen, Vorlage, die aber von dem uns erhaltenen altfranzösischen Gedicht verschieden war. 2 Er scheint ziemlich selbständig verfahren zu sein und hat vieles aus Eigenem hinzugetan, wobei ihm, durch die allgemeine Anregung und auch in einzelnen bestimmten Fällen, 3 Wolframs Willehalm starken Anhalt bot; nicht allerdings was die Auffassung des Helden anbetrifft, denn Willehalm und Georg sind ganz verschiedene Typen des christlichen Ritters. Mit Wolfram hat Reinbot auch die Freude am Wissen gemein, und gern macht er von seiner Gelehrsamkeit Gebrauch; besonders auf dem Gebiete der Theologie sowie auf dem der Kosmographie, wozu ihm der Planetenglaube der Heiden Gelegenheit gibt (4462 ff.). Ein aus der Haltung der Legende herausfallender Einschub ist die Wunderburg der Tugend 5751-5898, eine Allegorie, in deren Verlauf die ritterlichen Haupttugenden aufgeführt werden, welche ein vornehmer Herr haben soll, und zwar unter dem Bilde einer Burg, in der acht reich gezierte Gemächer je einer Tugend angehören und die von der Sselde mit dem Pinsel der Ere ausgemalt sind. 4 Von Wolframs dunkler Manier hält sich Reinbot frei; wo er durch den Stil wirken will, tut er es durch das Pathos der Rhetorik, er wird deklamatorisch, und dazu gab ihm der Stoff selbst durch die Notwendigkeit von Religionsgesprächen und religiösen Reden Veranlassung. Mit Bildern und Gleichnissen schmückt er den Ausdruck, überhaupt liebt er metaphorische Redensarten. Als größte Meister in der Schilderungskunst stellt er Veldecke, 1 Verhältnis von Christen u. Heiden: Nau- the Mod. Lang. Ass. 18, 143 ff.; v. Kraus, mann, Festschr. Ehrismann, 1925, 94 ff. Ausg. S. LXXXIV, vgl. Anm. zu V. 114; mit 2 Franz. Quelle: Holtzmann, Germ. 1, 371 Vorbehalt: Rosenhagen aaO. S. 501 f. ff.; Bartsch, ebda 4, 501-7; Kirpicnikov, 3 v. Kraus, Ausg. S. LXXXIV. s. Anz. 9, 257; Singer, Wolframs Stil S. 125; 4 Über solche allegorische Tugendschlösser s. K. Weber, ZfromPhil. 5, 1883, 498-520 s. v. Kraus, Ausg. S. 289. (506). — Lat.Quelle: Matzke, Publications of Reinbot von Durne 57 Wolfram und Hartmann auf (694), aus ihnen bezieht er auch viele einzelne Wendungen 1 seiner Ausdrucksweise. Wie Reinbot das sprachliche Material zu stilistischer Deklamation zu verwenden versteht, so gibt er auch gern im Tempo des Verses 2 das Temperament der betreffenden Stimmungslage wieder, das heißt, der normale Rhythmus zeigt Ausfüllung der Senkung, das Fehlen der Senkung nun dient deklamatorischen Zwecken („charakterisiernde Verse"). Freilich wirkt hier ganz mechanisch die Tradition mit, oder eben auch das gerade sich bietende sprachliche Material, und nicht alle diese Fälle sind künstlerischem Bewußtsein oder natürlichem Affekt entsprungen. Von den Dichtern der Folgezeit scheint Reinbot wenig beachtet worden zu sein. Er wird nirgends genannt, außer von dem späteren Büchersammler Püterich. Gekannt hat ihn Ulrich v. Eschenbach, vielleicht auch Hugo v. Langenstein. 3 Ganz aus bekannten Motiven zusammengesetzt ist der Wigamur (etwa 6100 V.). Wie Lanzelet wird hier der Held von einem Meerweib geraubt; von einem „Meerwunder" erzogen, zieht in die Welt, lernt wie Parzival Ritterschaft bei einem Burgherrn, befreit einen Adler von einem Geier, weshalb er, nach dem Muster des „Iwein mit dem Löwen", der Ritter mit dem Adler genannt wird. Dann folgen ein siegreicher Kampf für eine ihres Landes beraubte Jungfrau, die Aufnahme in die Artusrunde und ein Krieg gegen die Heiden. Im Verlauf eines Erbfolgekrieges steht Wigamur schließlich, ohne es zu wissen, seinem Vater gegenüber; sie erkennen sich,und der Vater übergibt ihm das Reich. Lit.: Piper, Höf. Ep. 2, 560-68; v. Kraus, Übungsb. 2 S. 287 f. — Ausg.: v.d.Hagen u. Büsching, Dt. Ged. d. MA.s I, 1808 (Abdruck einer Hs.), veraltet, dazu J. Grimm, Kl. Sehr. 4, 49 f.; Ausg. der Bruchstücke: v. Kraus aaO. S. 109-61. — Abh.: Gregor Sarrazin, Wig., e. litterarhistor. Untersuch., QF. 35, 1879; dazu Khull, Anz. 5, 358-63, Cbl. 1880, 1510; Khull, Zu Wig., ZfdA. 24, 97-126; E. Jenisch, Vorarbeiten zu e. krit. Ausg. d. Wig., Königsberg. Diss. 1918; Walther Linden, Stud. z. Wig., Hall. Diss. 1920. — 1 Hs., 2 Bruchst.; R. M. Werner, ZfdA. 23, 100-11; Khull, ZfdA. 24, 97 f.; Jenisch aaO.; Linden aaO.; v. Kraus, Übungsb. 2 S. 287. Man sieht sofort, wie der Dichter zu seinem Stoffe gekommen ist: er schöpft aus Hartmann, Wolframs Parzival, Lanzelet, Wigalois, Gotfrids Tristan; auch Ähnlichkeiten mit Pleiers Meleranz sind anzutreffen. 4 1 Stil: J. Grimm, Kl. Sehr. 1,92 ff.; v.Kraus, S. 77 f. 1904 S. 127 f.; Brenner, Lbl. 1906, Ausg. S. LXXXf.; W. Schmiedel, D. bild- 259-62, Piquet, Rev. crit. 1903, I, 452 f., liehe Ausdruck im „heil. Georg" R.s v. D., Rosenhagen, ZfdPh. 45, 496-504; s. auch Leipz. Diss. 1908. Einfluß von Veldeke, Hart- v. Kraus, Ausg. S. LXXVI-LXXXII. mann, Wolfram: v. Kraus in den Anmerkun- 3 Wackernagel, Die ad. Hss. d. Basler gen seiner Ausg.; Naumann, Festschr. Ehris- Univ.-Bibl., 1835, 45 f.; Vetter S. CXII, mann S. 94 f. — Merker, Reallex. 2, 180 f. Prosabearbeitungen ebda S.LVII-LXX; Helm 2 Metrik: Maßgebend und abschließend: aaO. S. 278. 84; Priebsch, Dt. Hss. in Eng- Carl Kraus, Metrische Untersuchungen üb. land II, 1901, 175. 178. Reinbots Georg, Abhandl. d. kgl. Ges. d. Wis- 4 Beziehungen zu andern Dichtungen: Lit. sensch. zu Göttingen NF. VI Nr. 1, 1902, da- bei v. Kraus S. 288; Singer leitet d. Gedicht zu Heusler, Anz. 30, 186-94, Kauffmann, aus franz. Quellen ab, Wolfr. Stil S. 125, Aufs. ZfdPh. 36, 552-59, Saran, Berl. JB. 1902 u. Vortr. S. 158. 58 Die erzählende Dichtung Der Dichter dieses schwachen Machwerks nennt seinen Namen nicht; er wird wohl ein Fahrender 1 gewesen sein, der — wie aus den vielen von ihm verwendeten Mundartformen hervorgeht — in dem Gebiete, wo Bayern, Schwaben und Ostfranken zusammenstoßen, beheimatet war. 2 Die Abfassungszeit liegt um 1250. Die Darstellung ist breit und unbeholfen und nicht auf der Höhe der höfischen Bildung; der Dichter fühlt sich in dem vornehmen Tone nicht recht zu Hause. Dem gröberen Geschmack entspricht auch die Nachlässigkeit im Reim. Der Pleier Lit.: Piper, Höf. Ep. 2, 302-69. Zusammenfassend üb. d. Pleier: Elard Hugo Meyer, Üb. Tandarois u. Flordibel, ZfdA. 12, 470-514 (Heimat, Sprache, Versbau, Entlehnungen). Bürgerlichen Standes oder ein niederer Ritter aus dem Salzburgischen war der Pleier, welcher in den Jahren 1250-80 3 seine drei umfangreichen, im ganzen über 52 000 Verse umfassenden Reimerzählungen, den Garel, Meleranz, Tandareis und Flordibel, zusammenschrieb. Er nennt seinen Namen im Garel (21 303), im Meleranz (102. 12 766) und im Tandareis (4081. 18305); ebenso den Veranlasser seines Meleranz, den edeln Ritter Wimar (12767-85). 4 Der Pleier zeigt sich in seinen drei Abenteuerromanen als der typische, von den Vorgängern zehrende Epigone und bekennt sich auch als solchen, Mel. 106-11. Garel, Meleranz, Tandareis (dieses ist die wahrscheinlichste Zeitfolge) 5 sind aus Anleihen bei Hartmann, Wolfram, Gotfrid, Wirnt, Herzog Ernst B, Strickers Karl und Albrecht v. Scharfenberg zusammengesetzt. 6 Französische Vorlagen hat er nicht gehabt, die häufigen Berufungen auf die äventiure, daz buoch, daz mcere sind rein formelhaft. 7 1 Sarrazin S. 25 f.; Kluckhohn, ZfdA. 52, S. 481 f. — Die Annahme von O. Wächter, 161. Untersuch, üb. d. Ged. Mai u. Beaflor, 1889, 2 Sprache: Zwierzina, ZfdA. 44, 274. 45, dieses Ged. sei e. Werk des Pleiers, ist von 409, Anz. 26 Reg. S. 356. 27 Reg. S. 351 f.; Steinmeyer, Anz. 16, 294 ff., und vonZwiER- v. Kraus, Übungsb. 2 S. 288; Jenisch aaO.; zina, ZfdA. 44, 380 Anm., zurückgewiesen Linden S. 37-61. — O. E. Mausser, Reim- worden. stud. zu Wig., Münch. Diss. 1907. — Stil: 6 Entlehnungen: Zingerle, Germ. 3, 23 ff.; Brinkmann, Wesen u. Form S. 184. — Ein- Bartsch, Meleranz, Ausg. S.365; E.H.Meyer geschaltet sind in e. Hs. 48 Verse aus Suchen- S. 491 ff.; Mart. Strobl, ZfdPh. 11, 228-30; wirt, Sarrazin S. 29 ff.; Brinkmann S. 147. Steinmeyer, GgA. 1887, 785 ff. 1893, 97 ff. 184. u.Anz. 16,296-98;ZwiERZiNA,Anz.22,353ff.; 3 Pfeiffer, Germ. 2, 500 ff.; E. H. Meyer Panzer, Albr. v. Scharfenberg S. CXXIII ff.; S. 485 ff. 500 ff.; Kluckhohn, ZfdA. 52, 162; Egelkraut, D. Einfluß d. Daniel v. Blüh. Tal Franz V. Zillner, Mitteil. d. Gesch. f. Salzb. vom Stricker auf die Dichtungen des Pleiers, Landeskunde 1893, 1-26. Erlang. Diss. 1896 S. 5 ff.; Seidl aaO. S. 72. 4 E.H.Meyer S. 501-03. 74 ; Rosenhagen, Anz. 34, 161 ff.; Ernst 6 0. Seidl, Der Schwan'von der Salzach. Meyer, Die gereimten Liebesbriefe S. 54-56; Nachahmung u. Motivmisch, bei d. Pleier, Arendt, D. Riese S. 23 f. — Ähnlichkeiten 1909, S. 5-14 (mit Lit.), dazu Golther, Lbl. mit Wolfdietrich: E. H. Meyer S. 506;Zwier- 1913, 99 f., Rosenhagen, Anz. 34, 161-67. — ZINA > Anz. 22 aaO.; H.-Fr. Rosenfeld, Neo- Der PI. verbindet die Helden seiner drei Ro- philol. 15 Nr. 1; Schneider, Wolfdietr. mane, indem er den Meleranz zum Vater Ga- S. 269 ff. reis (Gar. 4195), den Tandareis zu e. Neffen 7 Quellenfrage: Seidl S. 3-5. 69 (Lit.). Gareis (Tand. 3084.3429) macht, E. H. Meyer Der Pleier 59 Gering ist die Erfindungsgabe dieses Nachahmers, er verliert auch zuweilen den Faden und verstrickt sich in Widersprüche, 1 aber er besitzt eine ziemlich klare Vorstellung von der Komposition im ganzen und von dem Ziel, auf das diese losstrebt. Seine nicht ungewandte dichterische Erzählungsweise 2 schließt sich der ruhigen Art Hartmanns an und gibt anschauliche Schilderungen von den höfischen Sitten und dem ritterlichen Leben, auch hübsche Naturschilderungen, läßt aber unhöfische Ausdrücke und volkstümliche Wendungen zu. Im Reimgebrauch 3 ist er nicht ganz sorgfältig; er erlaubt sich ungenaue Bindungen und dialektische Formen. Der Garel vom Blühenden Tal 4 (21304 V.) ist, wie schon der Titel andeutet, eine Nachahmung von Strickers Daniel vom Blühenden Tal und kann eine Neubearbeitung desselben genannt werden; die Grundzüge sind aus dem Daniel herübergenommen: Zuerst wird die Entführung der Gino- ver durch Meliakanz erzählt, den Rahmen bildet der Krieg gegen den König Ekunaver. Dieser läßt durch einen Riesen Artus Fehde ansagen; Garel, Neffe des Artus und gefeierter Artusritter (auch bei Hartmann, Wolfram, Wirnt), folgt dem Riesen. Daran reihen sich verschiedene Abenteuer: Jungfrauenbefreiung, Befreiung eines Zwergkönigs von einem Riesen, Begegnung mit einem Meerungeheuer, Feste am Artushofe. Alles das sind bekannte Motive; Zauberspuk usw. findet sich nicht unter ihnen. Weit verbreitet war der Roman nicht, er wird erwähnt von Konrad v. Stoffeln, Püterich und Füetrer. 5 Davon, daß aber doch die spätere aristokratische Gesellschaft Idealbilder ihres Lebens in dem Romane vorgezeichnet fand, zeugen die dreiundzwanzig Fresken des Schlosses Runkelstein bei Bozen aus der Zeit um 1400. 6 Man konnte in den durch diesen Roman übermittelten Szenen die vornehmen Herren und Damen aufs schönste idealisieren. Auch der Meleranz 7 (12834 V.) ist eine Nachahmung, ja geradezu nur eine Neubearbeitung eines anderen Werkes, des Seifrid von Albrecht von Scharfenberg. 8 1 Jellinek u. Kraus, ZföG. 44,1893, 688ff.; S. VII-XIV; später: Scheel, Festg. f. Wein- Niejahr, Euphorion 5, 445. hold, 1896,46f.; Schatz, Zs. d. Ferdinandeums 2 E. H.Meyer S. 489 ff.; Rosenhagen, Anz. III. F. H. 45, 1901. 34, 161-67; Walker, Monolog im höf. Epos 5 Walz, Ausg. S. XIV. pass. — Dialekt: Khull, Tandareis Ausg. 6 Zingerle, Germ. 2, 467-69; Freskencyklus S. 185-91; Zwierzina, Anz. 22, 363. 26 Reg. des Schlosses Runkelstein bei Bozen, gezeich- S. 353. 27 Reg. S. 348; Schirokauer, Beitr. net... von Ign. Seelos, erklärt von Ign. Zin- 47, 124. gerle, hgb. v. dem Ferdinandeum in Innsbruck 3 E.H.Meyer S.487-89. 1857. Die Fresken sind abgebildet in Walz's 4 Ausg.: Michael Walz, 1892, dazu Stein- Ausgabe, s. daselbst auch S. XIII-XVI u. meyer, GgA. 1893, 97-125, Zwierzina, Anz. 329-36; s. auch Georg Leidinger, Bay. Akad. 22, 353-63, Vogt, ZfdPh. 26, 122-26, Be- 1930. — Die Tristanfresken s. LG. II, 2, 78. haghel, Lbl. 1894, 180 f., v. Bahder, Alem. ' Ausg.: Bartsch, Lit. Ver. Nr. 60, 1861. 20, 298-305. Teilausgabe: Walz, Progr. Wien 8 Panzer, Albr. v. Scharfenberg S. CXXIII 1881, dazu R. M. Werner, Anz. 9, 263-76, ff. Nur 1 Hs., Bartsch, Ausg. S. 376 f. — Üb. Bech, Lbl. 1882, 11-13, Prosch, ZföG. 1882. die zwei unter Einwirk. d. Wigalois stehenden — Abh.: Zingerle, Germ. 3, 23 ff.; Rosen- Liebesbriefe Mel. 2879-2937. 3993-4040 s. hagen, Untersuch, üb. Daniel S. 116 ff. — Ernst Meyer aaO. — Panzer, Meier Helm- 1 Hs., Bruchstücke einer zweiten, Walz, Ausg. brecht, 3. Aufl., S. XIV, 4. Aufl. S. XV 60 Die erzählende Dichtung Meleranz, als zwölfjähriger Junge heimlich von der Mutter weg an den Hof seines Oheims Artus wandernd, trifft auf einer Waldwiese in einer kostbaren Badewanne eine Jungfrau, die Königin Tydomie. Minne ergreift ihn; er reitet weiter an den Artushof. Nach mehreren Abenteuern folgt die Befreiung der Tydomie aus der Macht eines gewalttätigen Oheims, und schließlich findet die Hochzeit von Meleranz und Tydomie in Anwesenheit des Artus und seines Hofstaates statt. Das einleitende Motiv, die badende Dame, ist der Gralantsage entnommen, die in einem französischen Lai (einer kurzen Versnovelle) behandelt war und auf ein Nixenmärchenmotiv zurückgeht. 1 Der dritte Roman, Tandareis und Flordibel 2 (18319 V.), wird eingeleitet durch die Jugendliebe der beiden, die an Artus Hofe erzogen werden. Sie entfliehen, Artus holt sie ein und verlangt, daß Tandareis auf Abenteuer ausreite. Dann werden die Heldentaten des Tandareis berichtet. Er gerät in Gefangenschaft und wird zum Schluß mit Hilfe der Schwester des Burgherrn befreit. Das Gedicht wurde, auf etwa 2000 Verse gekürzt, ins Tschechische übersetzt. 3 Die Anlage der drei Romane ist nach dem gleichen Schema gebaut: ein einleitendes Motiv (Raub der Ginover; badende Jungfrau; Jugendliebe); 2. der Hauptteil: die Abenteuer; 3. der sehr ausgedehnte Schlußteil mit großem Massenkampf und Festen am Artushofe. Berthold von Holle Lit.: Piper, Hof. Ep. 3, 1-40; Leitzmann, Stammlers Verfasserlex. 1, 211-13. — Abh.: Bartsch in derEinleit. zu„Berth. v. Holle"; Steinmeyer, Anz. 1, 256-60; Leitzmann, Untersuch, üb. B. v. H., Beitr. 16, 1-48; Vogt, ebda S. 452-64; Justus Fischer, D. Darstellung, d. Personen bei B. v. H., Hambg. Diss. 1921, Maschinendr. — Widersprüche: Jellinek u. Kraus, ZföG.44, 1893, 695 ff. — Stellen: Leitzmann, Nd. Jb. 43-63-65; Seelmann, ebda 44, 95-99. Berthold v. Holle gehörte einem hildesheimischen ritterlichen Geschlechte an, von dem mehrere Mitglieder mit dem Namen Berthold im 13. Jahrhundert urkundlich nachgewiesen sind. Er ist der einzige höfische Epiker aus Niedersachsen, aber er verfaßte seine Werke in der dem Hochdeutschen genäherten Schriftsprache der niederdeutschen Autoren, in der ausgesprochene Dialektformen gemieden wurden. 4 Von seinen drei Werken 1 Panzer, Albr. v. Scharf. S. LXXIIff.: O.v. Zingerle, Anz. 22, 283-85 (abgelehnt). Das Motiv von der „gestörten Mahrtenehe"; — 3 Hss., E.H. Meyer S. 470 ff.; Khull Schröder, Anz. 13, 119; Pschmadt, Sage von S. 185 ff.; dazu später gefunden 1 Pergbl. der verfolgten Hinde, Greifsw. Diss. 1911, Petzet, ZfdPh. 43, 455 f. 73 ff.; Ehrismann, Anz. 30, 91 f.; LG. II, 2, 3 Lit.: Piper S. 304. — E. H. Meyer S.486 135 Anm. 4. Khull, Ausg. S. 242-45; Mourek, Abhandl 2 Ausg.: Ferd. Khull, 1855, dazu Stein- d. K. böhm. Ges. d. Wissensch. 1887, 3-103 meyer, GgA. 1887, 785-811; Martin, DLz. s. Heinzel, Anz. 17, 93 f. 1886, 13. — Abhandl.: E.H. M., ZfdA. 12, 4 Heimat: W.Grimm, Kl. Sehr. 3, 217 470-511; Rosenhagen, ZfdPh. 29, 155 ff.; Bartsch, B. v. H. S. XI-XIII; Grotefend s. auch ebda 26, 419 f.; K. Bunte, Beitr. z. Zs. d. hist. Ver. f. Niedersachsen 1865, 171 ff. Sittengesch. aus Tand. u. Flord., Kiel. Diss. Leitzmann, Beitr. 16 S. 2; Vogt, ebda S. 452- 1893, dazu Alwin Schultz, DLz. 1893, 846, 55. — Sprache: Lit. bei Piper aaO. S. 1 Anm. Berthold von Holle 61 ist der Demant in vollständig, der Crane mit einigen Lücken erhalten, vom Darifant aber nur ein Bruchstück. 1 Demantin und Crane (über das Bruchstück Darifant läßt sich kein abschließendes Urteil bilden) unterscheiden sich von der Mehrzahl der bisher besprochenen höfischen Epen insofern, als sie nicht zum Artuskreise gehören und nicht ohne einen gewissen Sinn fürs Historische aufgefaßt sind. Die Ereignisse greifen nur wenig ins Gebiet des Übernatürlichen über; Feen, Zwerge und Ungetüme werden nur ganz selten vorgeführt. Der durch diese Werke übermittelte Gesamteindruck besteht in einer gesteigerten Wirklichkeit ohne ins Abenteuerliche schweifende Phantastik. Die Erzählungsweise ist einfach und etwas nüchern. Unmittelbare Quellen, etwa französische, hat der Verfasser nicht gehabt, er hat die Erzählungen wohl aus dem Vorrat seines Wissens und seiner Literaturkenntnis zusammengestellt. Der Dichter nennt seinen Namen im Demantin V. 1. 9570. 11758 und im Crane 2144. 4869. Der Demantin ist das ältere Werk, denn es wird im Crane 2138 erwähnt. Im Crane 25 ff. nennt Berthold den Gönner, der ihm die wäre mere (doch wohl nur die Grundfabel) bekannt gemacht habe; es ist Herzog Johann v. Braunschweig (reg. 1252-77). Da er diesen als jung bezeichnet, so wird er den Crane zwischen 1250 und 1260 bearbeitet haben. Demant in 2 (11761 V.) ist ein echtes Ritterstück, eine endlose Aneinanderreihung von Zweikämpfen, Stechereien, Turnieren, Festen, welche durch ein durchgehendes Band, die Liebe des Helden zu einer zwölfjährigen Jungfrau (die der Vater ihm wegen ihrer Jugend versagt, die er aber, als sie herangewachsen ist, durch seine Kampftaten erringt), nur notdürftig miteinander verknüpft sind. Gegenüber der Eintönigkeit und der — besonders in Anbetracht der Ausdehnung — ermüdenden Armut des Demantin bedeutet der Crane 3 (4919 erhaltene Verse, also kaum die Hälfte des Demantin) einen Fortschritt, sowohl im Stoff und Gehalt als auch in der gewandteren Handhabung der niederdeutsch-hochdeutschen Schriftsprache und des Stils. Hier entwickelt der Dichter einen einheitlichen Grundgedanken: es ist die Treue, die er in ihren verschiedenen Formen, als Beziehung zwischen Herrn und Gefolgs- Bartsch, B. v. H. S. XL-LXXVII; Stein- (abgesehen von einigen in unserer Überliefe- meyer, Anz. 1, 256 ff.; Bartsch, Germ. 23, rung vorhandenen Lücken), S. 19-188; und 507; Leitzmann aaO. 6-48 u. Cbl. 1899, 1298; das Bruchst. vom Darifant S. 191-200. Vogt, Beitr. aaO.; Roethe, Reimvorreden 2. Bartsch, Demantin von B. v. H., Lit. Ver. S. 45-48; Kraus, H. v. Veldeke u. d. mhd. Nr. 123, 1875 (vollständ. Ausg. in der nach Dichtersprache S. 171-74; Gierach, Zur Bartsch, Berth. v. H. 1858, gefundenen Dess. Sprache v. Eilharts Tristrant 1908, 133;Herm. Hs.); dazu Steinmeyer, Anz. 1, 256-60. Kopperschmidt, D. Sprache der Hildesheimer a 1 Hs., 2 Bruchst.; Bartsch, B. v. H. Urkunden in der 1. Hälfte d. 14. Jh.s u. ihr S. XIII ff.; Ders., Demantin S. 359-68. — Verhältn. z. Sprache B.s v. H. u. Eilh.s v. Stelle: Schneider, Wolfdietr. S. 272. Oberge, Marburg. Diss. 1914; Behaghel, 3 1 Hs., 3 Bruchst.; Bartsch, B. v. H. Gesch. d. dt. Sprache 1 S. 188. S. XVII-XXII. — Stellen: Rich. Schröder, 1 Ausg.: 1. Bartsch, Berthold v.Holle 1858, ZfdA. 13, 153 f. (rechtsgeschichtl.); Ochs, darin vom Demantin die bis dahin bekannten Münch. Mus. IV, 1924, 348 ff.; Schneider, zwei Bruchstücke, S. 3-16; Crane vollständig Wolfd. S. 272. 324. 62 Die erzählende Dichtung mann (Crane und der Marschall Assundin), zwischen Mann und Weib (Crane und Acheloyde) sowie unter gleichgestellten Genossen (Crane und Falke) darstellt. Der Dichter selbst gibt am Schluß die Lehre vom Gebot der Treue (4874 ff.) und führt diesen Gedanken als Motiv kurz im Eingang (V. 26) an. Gayol, der Sohn des Königs von Ungerland, zieht im Alter von zwölf Jahren heimlich aus; nach dem Tode des Königs verwaltet inzwischen der Marschall Assundin das Reich. Gayol trifft zwei Reisegefährten, und die drei gehen als Knappen in den Dienst des Kaisers, Gayol unter dem Namen Crane (Kranich), die beiden andern als Valke und Star. Dann wird die Liebe zwischen Crane und der Kaiserstochter (Acheloyde) erzählt. Der Kaiser will sie zusammengeben, aber Crane soll zuerst die Tapferkeitsprobe in einem Turnier ablegen. Er besiegt alle Gegner und erhält die Hand der Tochter des Kaisers. Darauf folgen eine Masse Abenteuer, an denen auch Valke teilnimmt. 1 In dem Bruchstück Darifant 2 (265 V.) erscheint der Held in Begleitung einer Fee. In der Sprache zeigt Berthold von Holle Einflüsse des Volksepos und Wolframs, 3 ohne daß man ihn jedoch geradezu einen „Nachahmer" Wolframs nennen kann. In Niederdeutschland war das Interesse an Bertholds Crane auch im 15. Jahrhundert noch lebendig, wie die Pommersfelder Handschrift von 1470 und das Lübeckische Fastnachtspiel kran, valke vnde stare, das im Jahre 1444 aufgeführt wurde, beweisen. In mittelfränkischer Mundart (Köln) wurde das Gedicht in einen Prosaroman mit freier Nacherzählung umgeschrieben (15. Jahrhundert). 4 Mai und Beaflor Lit.: Piper, Höf. Ep. 2, 369-87. — Ausg.: Franz Pfeiffer, 6 1848. — Abh.: O. Wächter, Untersuch, üb. d. Ged. M. u. B. 1889; dazu Steinmeyer, Anz. 16,292-98, Behaghel, Lbl. 1890, 8; Leitzmann, ZfdA. 67, 283 f. (Textkrit). — 2 Hss., Ferd. Schultz, D. Überlieferung d. mhd. Dichtung M. u. B., Kieler Diss. 1890, dazu Steinmeyer, Anz. 17, 74 f., Wächter, ZfdPh. 23, 491 f. Das Gedicht Mai und Beaflor (9600 V.) ist auf einer ganz anderen Basis aufgebaut als die höfischen Romane; man kann es nach seiner Grundauffassung eher eine ritterliche Legende nennen und es beruht auf der Sage 1 W. Grimm aaO. S. 47-51 (s. auch Bartsch, 2 Hs.: Bartsch, B. v. H. S. XXVIII — B. v. H. S. XXXII-XXXVI) hat auf Über- Wilh. Grimm, Graf Rudolf 2 S. 48 f. — Stelle: einstimmungen mit dem Grafen Rudolf (s. LG. Ochs aaO. II, 2, 58-64) hingewiesen, doch sind dieselben 3 Steinmeyer, Anz. 1, 257 f.; Leitzmann, bis auf einige Eigennamen ziemlich allgemeiner Beitr. 16, 346-60. — B. v. H. u. Herz. Fried- Art. Vielleicht hat der Dichter aus mündlicher rieh v. d. Normandie (s. unten): Lütjens Tradition die franz. Quelle des Grafen Rudolf S. 94 f. gekannt. Singer, ZfdA. 30, 389; Leitzmann, 4 C. Walther, Nd. Jahrb. 6, 1880, 29-31; Beitr. 16, 4; Bethmann, Untersuch, üb. d. Joh. Bolte, ebda 18, 1892, 114-19. mhd. Dichtung vom Gr. Rudolf 1904 (s. LG. 5 Eigentl. wahrscheinl. von Vollmer, s. Leitz- II, 2, 63 Anm. 4). mann, ZfdA. 67, 283 f. Mai und Beaflor 63 von der unschuldig verleumdeten Königin, welche in der Fassung der Ge- novefa- und Crescentia-Sage 1 am bekanntesten wurde. Der Dichter nennt seinen Namen nicht, nicht einmal über seine Heimat können wir Genaueres sagen, als daß sie in Oberdeutschland 2 gewesen ist. Seine Schaffenszeit fällt in die Mitte oder zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts. Seine literarische Bildung verdankt er besonders Hartmann,Wolfram und Gotfrid. Im Eingang des Gedichtes behauptet er, ein werder ritter habe ihm die rede (Erzählung) mitgeteilt, 3 und er habe sie in Gedichtform gebracht 3, 9 ff. — Inhalt: A. Die Jugend der Heldin Beaflor (3, 25-52, 7). (Das Motiv von dem König, der seine Tochter heiraten will.) Beaflor, nach dem Tode ihrer Mutter von einem braven Ehepaar (in Rom) erzogen, läßt sich wegen der bösen Anerbietungen ihres Vaters, des Kaisers (Königs) von Rom, auf dem Meere aussetzen. B. Hauptteil (die Sage von der unschuldig verleumdeten Königin [52, 8 bis Schluß]). I. Das junge Eheglück (52, 8-98, 3): Das Schifflein wird nach Griechenland getrieben und der Landesherr, Graf Meie, heiratet Beaflor. II. Die Tragödie (98, 4- 180, 14): Während Meie im Krieg abwesend ist, schickt ihm Beaflors böse Schwiegermutter verleumderische, gefälschte Briefe; er gibt darauf den zwei Grafen, deren Obhut er Beaflor anvertraut hatte, brieflich Auftrag, sie und ihr Söhnchen zu töten. Die Verfolgte fährt jedoch mit Unterstützung der beiden Grafen in ihrem Schiffe aufs offene Meer hinaus. Der zurückgekehrte Meie entdeckt den Betrug und ersticht im Zorne die Mutter. C. Schluß (180, 15-242, 29): Das Schifflein wird nach Rom getrieben und Beaflor von den dortigen Pflegeeltern herzlich aufgenommen. Meie legt sich acht Jahre lang schwere Bußen auf und geht nach Rom, um vom Papst Ablaß zu erflehen. Im Hause der Pflegeeltern treffen Meie und Beaflor und auch der Kaiser (der Vater der Beaflor) zusammen. Meie wird Kaiser und lebt fortan mit Beaflor glücklich. Das Gedicht hat einen starken ethischen Gehalt, alle Personen sind gleichsam unter eine sittliche Wertung gebracht. Ein Sittenbild will der Verfasser entwerfen in der moralisierenden Absicht zu bessern (Prolog 1, 29. 2, 1. 5), zu leren (1, 11. 21. 23). Der Dichter geht von der ritterlichen Moralformel der drei Güter guot ere got (LG. II, 2, 23) aus und betont besonders den Wert des höchsten Gutes, Gottes. Den Grundton des Gedichtes bildet die heiligende, den Menschen mit Gott vereinende Frömmigkeit. In der Heldin des Gedichtes, deren grundlegende Tugend in der Demut besteht, ist diese christliche Frömmigkeit Symbol geworden. Sie ist ein engelmcejic 1 Lit. zur Sage: Piper S. 371-73; Suchier, S. IX; Koberstein l 5 , 323 f.; Wackernagel Beitr. 4,512 ff.; Seelig, Straßb. Stud. 3,1888, l 2 , 238 f.; Goedeke l 2 , 223; Strauch aaO. — 328-35; Lit. Gesch. II, 1 Reg. S. 350b. II, 2, Schneider, Wolfd. S. 310 ff. 322. 124 Anm. 1-3. — Derselbe Stoff ist in der 2 Sprache: Lit. Piper S. 370. — Stein- deutschen Lit. noch mehrfach bearbeitet: in meyer, Anz. 16, 294 ff.; Zwierzina, Anz. 26 Enikels Weltchronik, ed. Strauch I, 520 ff. Reg. S. 351. 27 Reg. S.347; Schirokauer, Die Königin von Frankreich u. der ungetreue Beitr. 47, 124. Marschall (von Schondoch), v. d. Hagen, GSA. 3 Diese Berufung auf e. Gewährsmann (vgl. I, 165 ff., dazu S. CIV ff. (s. auch Crescentia, noch 3, 32. 20, 35. 53, 32 u. Pfeiffer S.XVI) ebda S. 129 ff., dazu S. Cff.); später: Des sieht aus wie eine fabulistische Quellenangabe Reußenkönigs Tochter (abgedr. Pfeiffer, (Wilhelm, Beitr. 33,286 ff.), als Beglaubigung Ausg. von Mai u. Beafl. S. IX-XV; Hans für die Wahrheit seiner Erzählung (3, 9. 17f.) v. Bühel, Die Königstochter v. Frankreich u. zugleich e. Empfehlung für die ritterl. hö- (s. unten) ;s. Merzdorfs Ausg. S. 1-18. — Lit. fische Gesellschaft, zu den deutschen Bearbeitungen: Pfeiffer 64 Die erzählende Dichtung wip 194, 20. Die Hand Gottes führt sie durch die unermeßlichen Wogen des Meeres zum sichern Strand, wo neues Lebensglück ihr erblüht. Eine hoffnungsvolle Lebensstimmung bricht durch die düster verhängten Wolken des Schicksals, und auch die Wirrungen der Schuldbeladenen lösen sich in wiederhergestelltem Seelenfrieden. Das Gedicht steht in Beziehung zu der kirchlichen Tendenz der Zeit: die Macht der Kirche und des Papsttums ist die letzte Instanz; oft sind es Geistliche, die durch ihren Rat die Spannung lösen, und am Ende reinigt der Papst den sündhaften Kaiser und ebnet dem neuen Kaiser, Meie, die Bahn durch den Ablaß. Der Stil 1 ist einfach, doch sind manche Stellen durch Wortspiele oder Alliteration gehoben. Aber im Aufbau bleibt das künstlerische Maß nicht gewahrt; durch Schilderungen und Beschreibungen, durch die vielen sich immer wiederholenden Klagen wird die Erzählung zu weit in die Länge gezogen. Die Metrik ist ziemlich frei gehandhabt. d) DIE FORTSETZERIWOLFRAMS UND:GOTFRIDS Eine besondere Gruppe von Epen schließt sich unmittelbar an Wolframs und Gotfrids Werke an, entweder als ihre Ergänzung oder als Erweiterung von bedeutsamen in ihnen enthaltenen Motiven. Damit kennzeichnen sich die Verfasser als direkte Nachfolger und Nachahmer jener vorbildlichen Meister in Stoff und Stil. Ulrich von dem Türlin Der Beginn des Willehalm, in dem Wolfram durch Hervorhebung der gegensätzlichen Stimmungen von Freude und Sorge die Teilnahme der Leser zu erregen sucht, erweckt die Wißbegierde: wie ist es denn nun bei der Erwerbung der Arabel durch Willehalm eigentlich zugegangen ? Diese Vorgeschichte zu erzählen machte sich Ulrich von dem Türlin, 2 ein bürgerlicher Dichter aus Kärnten, vielleicht aus demselben Geschlechte wie Heinrich von dem Türlin, zur Aufgabe. Seinen „Willehalm" in der uns erhaltenen Form widmete er dem König Ottokar v. Böhmen zwischen 1261 und 1269. Er gibt seinen Namen III, 26 und in einem Akrostichon an, VII. VIII, nennt sich 1 Stil u. Metrik: Wächter aaO.; v. Kraus, 1893, dazu Kraus, Anz. 22, 50-63, Rosen- Der rührende Reim, ZfdA. 56, 37 f.; Wahn- hagen, ZfdPh. 26, 417-21, Seemüller, GgA. schaffe, Enjambementpass.—Widersprüche: 1896 Nr 6, Khull, ZföG 45, 42, Lbl. 1894, Pfeiffer S. XVI ; Steinmeyer, Anz. 16, 295; 59 f. Früherer Abdr.: Casparson 1781 (Kasse- Jellinek u. Kraus, ZföG. 44,1893, 689 u. ö.; 1er Hs.), dazu Martin, Anz. 3, 108. — Hss.: Niejahr, Euphor. 5, 445; Wächter S. 60. — Lachmann, Wolfr. S. XLI f.; Suchier, Über Der Verf. der Novelle „Der Schüler von Paris" die Quelle Ulrichs v. d. Türl u. die älteste Gescheint unser Gedicht gekannt zu haben: H.- stalt der prise d'Orenge, 1873, 5-14; Singer, Fr. Rosenfeld, Mhd. Novellenstud. S. 201. Ausg. S. I-LXXXIX; s. auch Suchier, Z- 365 f. fdPh. 24, 461-86; Scheel, Festgabe f. Wein- 2 Lit.: Piper, Wolfr. v. Eschenb. I, 318-20; hold 1896, 55-59; Singer, Prager dt. Stud. 8, Singer, ADB. 39, 21 f. — Ausg.: S. Singer, 1908,311; Wegener, Miniaturen-Hss. zu Ber- Bibliothek d. mhd. Lit. in Böhmen Bd. IV, lin V. Bd. S. 5. — Zahl der Hss. s. unt. Ulrich von dem Türlin. — Ulrich von Türheim 65 „Meister", auch bezeichnet er seinen Gönner. 1 Eine besondere Quelle, 2 etwa ein französisches Buch, hat ihm nicht vorgelegen; er stellte sein Werk hauptsächlich aus Andeutungen, die er in der Vorgeschichte Willehalms bei Wolfram fand, zusammen. Die Enterbung der Söhne Heinrichs von Naribon bei Wolfram (Willeh. 5, 16-7, 10) wird erweitert. Willehalm kommt an den Hof Karls und besiegt in dessen, dann in Ludwigs Dienste die Heiden, wird aber bei ihrer Verfolgung gefangen genommen. Arabel, die Gemahlin Tybalds, wird von Liebe zu ihm ergriffen; sie pflegt ihn im Gefängnis, wird von ihm für das Christentum gewonnen und sie entfliehen auf einem Schiffe zu Heinrich nach Naribon. Dann folgen die Taufe der Arabel, in der sie den Namen Kiburc erhält, und große Festlichkeiten. Die Überlieferung. I. Die ursprüngliche Gestalt von Türlins Willehalm ist verloren, aber wir besitzen davon: II. Die Bearbeitung durch den Dichter selbst (1 Handschrift, 5 Bruchstücke); III. eine erweiternde Überarbeitung (9 Handschriften, 6 Bruchstücke), die, gekürzt, in die Weltchronik Heinrichs v.München (s. oben) aufgenommen wurde; IV. eine die Einteilung in Abschnitte zu je 31 Zeilen vernachlässigende Bearbeitung (1 Handschrift, 1 Fragment); endlich eine Prosaauflösung von II (Handschrift der Züricher Kantonsbibliothek, 15. Jahrhundert, s. LG. II, 2, 286). Auch in der stilistischen Kunst 3 sucht Ulrich sein Vorbild Wolfram nachzuahmen, aber sein geringes Talent reicht nicht dazu aus, um den schweren Schmuck seines Meisters zu bewältigen; er mißhandelt die Sprache und wird abgeschmackt; die einfache Ausdrucksweise, bei der er zuweilen bleibt, kann er dagegen beherrschen, und einige Szenen sprechen durch eine gewisse gewinnende Wärme 4 an. — Gleichheiten im Ausdruck zeigen, daß er Hartmann, Wirnt, Heinrich v. d. Türlin gekannt hat, ohne jedoch stärker von ihnen beeinflußt zu sein. 5 Nachgewirkt hat er auf Ulrich v. Eschenbach 6 (Alexandreis) und den Spruchdichter Meißner. Seine Arbeit hat sich der Dichter erschwert durch die Kunstform: 7 der Text ist in 345 Abschnitte von 31 Zeilen — jedesmal 15 Reimpaare mit schließendem Dreireim — gezwängt. In den etwa 30 letzten Abschnitten wird diese einunddreißiger Einteilung nicht mehr regelrecht durchgeführt. Ulrich von Türheim Lit.: Eberhard Kurt Busse, Ulr. v.T., Pal. 121, 1913, dazu Gierach, DLz. 1913, 2184 f., Helm, Lbl. 1915, 132 f., Götze ebda 1916, 100-02, Lunzer, Anz. 39, 133-38, Wern. Richter, Arch. 132, 235; Wilhelm, Münch.Mus.4, 1924, 1-76. 1 Suchier, Über die Quelle S. 15-17; Sin- Greifsw. Diss. 1911. Fremdwort: Suolahti, ger, Germ.31,343-45. — Stand: Kluckhohn, Mem. VIII S. 9. 21 f. u. ö. Siehe auch Wahn- ZfdA. 52, 162; Schwietering, Demutsform, schaffe, Enjambement pass.; Iwand, Schlüsse S. 57 f. — Sprache: Zwierzina, Anz. 26 Reg. pass. S. 355. 27 Reg. S. 351. 4 Vgl. Naumann, Festschr. Ehrismann S. 95. 2 Suchier, Üb. d. Quelle S. 39-44; Singer 6 Singer S. XXXI-XLVI; Rosenhagen, S.XVIIIjMinckwitz, Rev.germ.9,1913,36ff. ZfdPh. 26, 419 f. (Ulr. v. d. T. u. Pleiers Tan- 3 Stil: Singer S. XIX-XXXI. LXVII f. (Er- dareis), innerungsstellen aus Wolfram S.XLVII-LVII. 6 Singer S. LVII-LX. LXIII-LXVII; Kraus, Anz. 22, 50; Hans 'Metrik: Singer S. XIII-XVIII (Reime). Georg Klinkott, U. v. d. T. als Nachahmer LXIII-LXX; rührende Reime: v. Kraus. Wolframs v. E. (eine Stilist. Untersuchung), ZfdA. 56, 58 f. 5 Deutsche Literaturgeschichte IV 66 Die erzählende Dichtung Noch stärker als bei Ulrich von dem Türlin tritt die Epigonentätigkeit des Fortsetzers bei Ulrich von Türheim auf, welcher den abgebrochenen Tristan Gotfrids beendigt (um 1235) und Wolframs Willehalm weitergeführt hat (um 1250). Ein Frühwerk, Clies (um 1230) ist nur in einem Bruchstück vorhanden. Ulrich stammte aus einem adeligen, aber nicht reichen Geschlecht in der Nähe von Augsburg (urkundlich erscheint ein Ulrich von Türheim 1236-86). 1 Er genoß die Gunst 2 König Heinrichs, des Sohnes Friedrichs IL, dessen Tod er im Willehalm beklagt, und die Freundschaft des Schenken Konrad von Winterstetten, 3 dem er den Tristan widmete (497, 25 f. 589, 2-9) und eine Totenklage im Willehalm nachrief. Ebenfalls im Willehalm erwähnt er rühmend Otto den Bogener, der das wälsche Buch (Quelle des Willehalm) ins Land brachte (urkundlich 1246 als angesehener Bürger in Augsburg). Rudolf von Ems lobt ihn im Alexander (3262-68 von Türheim her Uolrich) als einen verständigen Mann; im Willehalm von Orlens (4390) nennt er ihn Freund und preist (2256-70) seine Meisterschaft und hohe Weisheit. 4 Die Fortsetzung des Tristan 5 (etwa 3800 V.) verfaßte Ulrich für Konrad von Winterstetten (V. 497, 25 f. 589,2-9); er hat dabei Eilharts Tristrant benutzt und mehr ins Höfische stilisiert. Ulrich fängt seine Fortsetzung an der Stelle an, wo Tristan sich mit Isolde Weißhand in Arundel vermählt (s. LG. II, 2, 69 f. 300 f.). Mit deren Bruder Kaedin fährt er nach Britannien zu Marke und der Königin Isolde. Nun folgen neue Minnelisten und Trügereien. Nach Arundel zurückgekehrt, wird Kaedin in einem Liebeshandel mit der Frau eines benachbarten Fürsten erschlagen, und Tristan erhält eine Wunde durch einen vergifteten Speer. Er sendet nach Curne- wal zur blonden Isolde, auf daß sie ihn von seiner Wunde heile; weiß solle das Segel ihres Schiffes sein, wenn sie kommt, schwarz, wenn es sie nicht zu ihm führe. Isolde Weißhand aber, die spähend am Fenster des Krankenzimmers steht, ruft, als das Schiff mit weißem Segel erscheint, dem Totsiechen zu, daß es schwarz sei; da bricht ihm das Herz. Die Königin, die blonde Isold, legt sich neben ihn auf die Bahre und verscheidet ebenfalls. Auch Marke erscheint auf die Nachricht von dem Tode Isoldens hin, und als er erfährt, daß beide durch den Minnetrank zauberisch aneinander gekettet waren, läßt er sie zusammen bestatten. Eine Rose und eine Rebe pflanzt er auf ihr Grab, und beide verflechten sich in inniger Umschlingung. 1 Leben: Lachmann, Wolfr. S. XL f.; Karl gesang, Busse S. 33-35. Roth, Uolrichsv.Türh.Rennewart,Nabburger 5 Ausg.: Massmann, Tristan u. Isolt, 1843, Bruchstücke 1856, dazu Pfeiffer, Germ. 2, S. 497-664. Frühere Abdr. (s. Massmann 250-55; Lohmeyer (s. unt.) S. 1-8; Busse S. 591 f.): Eberh. v. Groote, Tristan, von S. 4-33; Wilhelm aaO. (bezieht alle Urkun- Meist. G. v. Straßb. mit der Fortsetzung des den von 1236-86 auf unsern Ulrich) — Spra- Meisters U. v. T. 1821; v. d. Hagen, G.s v. che: John Meier, Beitr. 15, 310; Zwierzina, Straßburg Werke I, 1823, 271-321. — Ab- Anz. 26 Reg. S. 355. 27 Reg. 351. handl.: Bechstein, Ausg. von Gotfrids Trist. 2 Gönner und Freunde: MSH. IV S. 206 f. 2 2 , 300 ff.; Golther, Ausg. d.Trist. 2, 162-86, 611-13;HAUPT,ZfdA.7,168;PFEiFFER,Germ. s. auch Golther, D. Sage v. Trist, u. Is. S. 95 2, 254 f.; Busse S. 6-14; Wilhelm S. 19-29. -97; Busse S. 43-105; Friedr. Ranke, Trist. 69-75. u. Isold, Bücher des MA.s 1925, 249 f. 275. — 3 Burdach, Reinmar 2 1928, 391 f. 405; Wil- Stelle: Suolahti, Neuphil. Mitteil. 30, 1929, helm S. 2. 145. — 8 Hss., 2 Bruchst., Massmann S.591 f ; 4 Joh. Schmidt, Beitr. 3, 150 f.; Bartsch, John L. Campion, D. Verwandtschaftsverhält- Germ. 24, 3 f.; Busse S. 36^2; Wilhelm nis d. Hss. des Tristan U.s v. T., Diss. Balti- S. 29. 34; Ehrismann, Stud. üb. Rud. v. Ems more 1918, dazu Schröder, Anz. 41, 190, S.92ff. 97 f.; Schröder, ZfdA. 67, 230-32. Wilhelm S. 76. — Siehe Ranke, ZfdA. 55, Außer von Rud. v. Ems wird er nur noch in 229. 240 f. 416; Petzet, Catal. cod. manu- Püterichs Ehrenbrief zitiert, dann im Meister- Script. Bibl. Monacensis Tom. V pars I, 84-86. Ulrich von Türheim 67 Die Fortsetzung von Wolframs Willehalm, 1 auch Ulrichs von Türheim „Rennewart" genannt, weil dieser stellenweise die Handlung führt, ist ein Alterswerk des Dichters. Hier klagt er über alter und armuot, und man kann merklich die Abnahme seiner Schaffenskraft beobachten. Sein Fleiß jedenfalls ist staunenswert; er brachte diesen Spätling auf mehr als 36400 Verse. Einem guoten wibe zu Dienste hat er das Werk unternommen (Busse S. 147); im Eingang und am Schluß (Kohl S. 145; Busse S. 26 f.) nennt er seinen Namen und seine Absicht, des weisen Wolfram Dichtung zu Ende zu führen. Innerhalb des Textes bezeichnet er als Förderer seiner Arbeit Otto den Bogener (s. oben). Die ungeheure Stoffmasse ist in drei Teile gegliedert: I. Rennewart und Mise: Rennewart, ein heidnischer Sieger, läßt sich taufen und erhält Mise, die Tochter des Königs Loys, zur Frau. Sie stirbt an der Geburt eines Sohnes, Malifer. II. Rennewarts Mönchsschaft: Malifer wird von heidnischen Kaufleuten geraubt. Rennewart geht ins Kloster, zwischendurch kämpft er gegen die Heiden und trifft mit Malifer zusammen. Es folgen Malifers Kämpfe und verschiedene Minneszenen. III. Willehalms Mönchsschaft: Willehalm und Kyburc ziehen sich ins Kloster zurück. Nach Kyburcs Tod lebt Willehalm als Einsiedler, kämpft wieder gegen die Heiden und stirbt im Kloster. Durch die Mönchwerdung der beiden Helden stellt diese Fortsetzung von Wolframs Werk eine höhere Seinsstufe dar, Wolframs christlicher Ritter wird zum weltentsagenden Mönch. Aber ganz ist der ritterliche Geist auch in dem II. und III., mehr legendenhaften Teile nicht geschwunden, denn Rennewart und Willehalm kämpfen auch als Klosterleute mit weltlichen Waffen gegen den Unglauben. Quelle 2 für das große Werk sind französische Chansons de geste aus dem Kreise von Guillaume d'Orange, und zwar für Teil I wie bei Wolfram die bataille d'Aliscans, für II Moniage Rainouart und bataille Loquifer, für III Moniage Guillaume; außerdem kannte Ulrich noch andere Chansons des Wilhelmskreises. Ulrichs von Türheim Kunst 3 ist gering, und ihre Dürftigkeit tritt noch stärker hervor, da er sich an die Weiterführung zweier gerade durch ihre 1 Lit.: Piper, Wolfr. 1, 341^15; Panzer, Bi- d. Rud. v. Ems, Bilderhs. von Ende d. 14.Jh.s: bliographie zu Wolfram S. 33. — Herausge- K. W. Hiersemann, Leipz. [1927] S. 17 f.; geben ist das Gedicht noch nicht, veröffent- Wegener, Miniaturen-Hss. zu Berlin S. 5-7.— licht sind nur einzelne Auszüge aus Hss. (bes.: In einigen Hss. sind Türlins Vorgeschichte, Pfeiffer, Ad. Übungsb. 1866, 42-51, Piper Wolfram und Türheims Fortsetzung zu einem aaO.; s.Busse S. VIII). —Abhandl.: O.Kohl, ganzen Willehalms-Leben vereinigt, so auch ZfdPh. 13, 129-63. 277-303. 480-88. — In- in der Prosaauflösung der Hs. der Kantonshalt: Kohl S. 129^5; Bechsteins Ausg. v. bibl. zu Zürich (s. ob. Ulr. v. d. Türl.). — Gottfr. v. Straßb. II, 302-10; Golther, Ausg. Stellen: Arendt, D. Riese S. 20; Schneider, v. Gotfr. II, 166-86. — Hss.: Eduard Loh- Wolfdietr. S. 274; Rosenfeld, Novellenstud. meyer, Die Hss. d. Willehalm v. U. v. T., S. 269.365.487; Singer, ZfVolkskde 1929, 70. 1883, dazu Rödiger, DLz. 1883,336; Martin, 2 Kohl aaO. S. 146-63. 277-89; Busse Anz. 9, 225. Lohmeyer S. 9-23 zählt 29 (30) S. 115-68; Minckwitz, Rev. germ. 9, 1913, Hss. u. Bruchst. auf, Piper dazu 2 weitere; 36 ff. ferner: Kohl S. 481-88; Birlinger, Alem. 17, 3 K. Stiebeling, Stilist. Untersuch, üb. Got- 177-84; Zacher, ZfdPh. 15, 286-89; Pirig, frid von Straßburg u. seine beiden Fortsetzer ZfdA. 26, 165-76; Barack, ebda 38, 58-65; Ulr. v. Türheim u. Heinr. v. Freiberg, Leipz. Scheel, Festg. Weinhold. S. 53-55; Petzet, Diss. 1905; Leitzmann, Beitr. 44, 119 f.; Catalogus ... Bibl. Monac. S. 5; Weltchron. Busse S. 168-78. 91-105. 68 Die erzählende Dichtung Sprache so eigenartiger Werke wagte. Die Erzählungsweise ist trocken und wird dem bewegten Inhalt nicht gerecht. Im Tristan steht die Ausdrucksweise der Eilharts durch ihre Nüchternheit nahe und hat nichts von der Feinheit Gotfrids. Von Wolfram hat er im Willehalm manches Äußerliche angenommen, wie auch schon im Tristan zu erkennen ist. Im Willehalm hat er sich wohl auch zu größerer Freiheit gegenüber dem Stoff aufgeschwungen; in Rhythmus und Reim 1 hält er den Durchschnitt ein. Nur in einem Bruchstück von etwa 60 Versen ist Ulrichs von Türheim Erstlingswerk, der Cliges (Clies), 2 erhalten, den Rudolf von Ems im Willehalm von Orlens 2256-70 und 4390-98 als das Meisterwerk einer Artus- und Minnedichtung rühmt. Quelle ist Chrestiens Cliges; die Ausführung Türheims weicht in diesem Bruchstück mehrfach durch gröbere Auffassung ab. Heinrich von Freiberg Lit.: Piper, Höf. Ep. 3, 405-09. — Gesamtausgabe: Alois Bernt, 1906, dazu Wilhelm, DLz. 1906, 1572-77, Behaghel, Lbl. 1909, 228-30, Cbl. 57, 793; Roseniiagen, ZfdPh. 40, 228-40, Schröder, GgA. 1906, 961-68, Wallner, ZföG. 58, 514-30. — Ausg. des Tristan: R. Bechstein, Dt. Dichtungen des MA.s Bd. 5, 1877, dazu Kinzel, ZfdPh. 9, 240-43, Paul, Jenaer LitZtg. 1877 Nr. 13; älterer Abdr.: Chr. Heinr. Müller (Myller), Samml. dt. Gedichte II, 1784. — Abhandl.: MSH. IV, 613 ff.; Bechstein, Ausg. von Gotfrids Tristan 2 2 , 300 ff.; Ders., Trist, u. Isolt in dt. Dichtungen der Neuzeit 1876, 82-89; Golther, Ausg. von Gotfrids Tristan 2, 186-231; P. Knauth, Mitt. vom Freiberger Altertumsverein 20-23, 1884. 85. 86. — Stellen: Jellinek und KRAUS,ZföG. 44, 686; Jellinek, Beitr. 15, 431 f.; Wallner, ebda 32, 533-39. 40, 145 ff.; G. Ernst, Deutsches Wochenschach 29, 1913, 309-11; Pfannmüller, ebda S. 333 f. — 2 Hss. u. 1 Bruchst. des Tristan: Beckstein, Germ. 32, 1^8; Bernt, Ausg. S. 1-22; Ranke, ZfdA. 55, bes. S. 417 f. Unabhängig von Ulrich von Türheim dichtete am Ausgang des 13. Jahrhunderts Heinrich von Freiberg Gotfrids Tristan (6890 V.) mit weit stärkerem künstlerischen Können als jener zu Ende. Seine Kenntnis des Stoffes bezog er aus Eilhart und besonders aus Ulrichs von Türheim Fortsetzung. 3 Sein künstlerischesVorbild ist Gotfrid von Straßburg, 4 und er beweist sich als kein unwürdiger Nachfolger. Er beginnt das Gedicht mit einem Preis seines Meisters und ahmt dessen auserwählte, formvollendete Sprache nicht nur äußerlich nach, sondern sie wird wirklich sein „Stil", die sein Formgefühl kennzeichnende Ausdrucksweise. Von Wolframs Eigenart hat er dabei ebenfalls einzelnes übernommen. Auch bezüglich des Versbaus 5 folgt er Gotfrid in dem Prinzip des regelmäßigen Taktes mit guter Anpas- 1 Busse S. 62-91; v. Kraus, ZfdA. 56, 39ff. men außerdem noch eine franz. Quelle (Sin- (rührende Reime). ger: franz. Prosaroman) an, dagegen Rosen- 2 Hgb. von A. Bachmann, ZfdA. 32, 123-28. hagen aaO. S. 229; Bernt S. 168-77. — Lit.: Baechtold, Anm. S. 29; Piper, Höf. 4 Stil: Bernt S. 23-80; Ranke, Trist, u. Is., Ep. 3, 85. — Siehe Joh. Schmidt, Beitr. 3, Bücher d. MA.s, 1905,250-53.275; Günther 150 f.; Bartsch, Germ. 24, 3; Steinmeyer, Müller in Walzels Handb. S. 18; Brink- ZfdA. 32, 127 f. Anm.; Busse S. 36-42. 107 mann, Wesen u. Form S. 135. — Stiebeling, -14; s. ob. Flecks Clies. Stilist. Unters. aaO.; Hugo Lieske, Höf. Le- 3 Quellen: Friedr. Wiegandt, H. v. Fr. in ben u. ritterl. Gesellsch. bei H. v. Freib., seinem Verhältn. zu Eilh. u. Ulrich, Rostock. Greifsw. Diss. 1922, Maschinendr. Diss. 1879; Golther, Sage v. Trist, u. Is. 1887, 6 Metrik: Bernt S. 127-64. 82. 95-97, und Singer, ZfdA. 29, 73-86, neh- . Heinrich von Freiberg 69 sung des rhythmischen Akzentes an die natürliche Betonung. Aber in der inneren Form verleugnet sich der Geist der neuen Zeit nicht, die poetische Illusion, auf die Gotfrids Welt abgetönt ist, hat ihre Kraft verloren, und der Blick des Epigonen haftet an der Wirklichkeit; ja noch mehr, die Anschauung vom Sinn des Lebens ist eine andere geworden: Gotfrid hat seine Dichtung der werlt ze liebe vorgetragen, Heinrich von Freiberg aber schließt den Minneroman mit einem Hinweis auf die Vergänglichkeit der weltlichen Minne und der Mahnung, jeder Christ solle sein Herz der wahren Minne, Christus, zuwenden. Der Dichter stammte aus Freiberg in Sachsen, 1 seine Sprache ist mitteldeutsch. Er war bürgerlicher Herkunft und dichtete in Böhmen, seinen Tristan, beendet um 1290, widmete er Reinmunt von Liuchtenburc (Lichtenburg: V. 53-84), einem böhmischen Adeligen (urkundlich 1278-1329). 2 Heinrich von Freiberg nennt sich auch der Verfasser zweier anderer Gedichte, einer Legende vom heiligen Kreuz und des Gedichtes von der Ritterschaft des Johann von Michelsberg; aber es ist nicht sicher, ob dieser Dichter mit dem Tristan fortsetzer identisch ist. Gegen die Einheit erheben sich berechtigte Bedenken; 3 inhaltlich und formal stehen diese beiden kleinen Gedichte weit hinter der Kunst der Tristanfortsetzung zurück; auch in den Reimen finden sich Abweichungen. Man hält sie deshalb, wenn man sie wirklich als Machwerke des Tristandichters Heinrich von Freiberg hinnimmt, für Jugendarbeiten. Die Legende vom Kreuzesholz 4 hat eine ausgedehnte Literatur. Das Holz des heiligen Kreuzes stammt vom Apfelbaum des Paradieses; das Gedicht erzählt die Geschichte des Holzes von Adam bis zur Kreuzigung (882 V.). Der Verfasser hatte eine lateinische Vorlage (73-75) und nennt seinen Namen (92 f.). Die Ritterfahrt (312 V.) 5 ist ein Turniergedicht, ähnlich wie Konrads von Würzburg Turnei von Nantheiz. 1 Leben u. Heimat: Bech, Germ. 19,420-24; Cilli 1881, dazu Hruschka, Anz. 8, 302-8, Toischer, Mitteil. d. Ver. f. Gesch. d. Deut- Khull, ZföG. 33, 403 ff.; maßgebend: Bernt sehen in Böhmen 15,1876, Nr. 2; Martin, Anz. S. 213-38, dazu Reg. S. 271. — Stelle: Wall- 3, 110; Bechstein, Ausg. S. XXII-XXIX; ner, Beitr. 32,539. —Zur Sage: Piper, Geistl. Bernt S. 178-208. Dichtung II, 41 ff.; Wallner, Beitr.40, 146ff. 2 Pfeiffer, Germ. 2, 253 f.; Bechstein, 5 Ausg.: v. d. Hagens Germania II, 1837, Ausg. S. XXIV-XXVII; Bernt S. 81-126; 92-98; Ernst Kraus 1888 (in tschechischer Zwierzina, Anz. 26 Reg. S. 348. 27 Reg. Sprache), dazu Toischer, Anz. 15, 291-98, S.344. Knieschek, Lbl. 1890, 137^0, Hruschka, 3 Abhandl.: W. Grimm, Kl. Sehr. 4, 146 (Rit- Lit.-Beil. zu Mitteil. d. Ver. f. Gesch. d. Deut- terfahrt); Ernst Kraus, Germ. 30, 1-18 (hl. sehen in Böhmen 28, 39; maßgebend: Bernt Kreuz auch vom Tristanfortsetzer, Ritterfahrt S. 239^8, dazu Reg. S. 271. — Abhandl.: nicht); Wallner, ZföG. 58, 1907, 514 ff., Wallner, ZfdA. 63,190-94; Stellner, Beitr. Beitr. 32, 533. 40, 145 ff., ZfdA. 63, 177 ff.; 32, 539-42; Leitzmann, Beitr. 44, 122. — Leitzmann, Beitr. 44, 122 ff.; Behaghel, Lbl. 1 Hs.: Bernt S. 20-22; Rosenhagen, Klei- 1909, 230. nere mhd. Erzählungen, Dt. Texte d. MA.s 17 4 Ausg.: Pfeiffer, Ad. Übungsb., 1866, 126 S. XXI; Schröder, Kleinere Dichtungen K.s -35 (Abdr. d einzigen Hs.); A. Fietz, Ged. v. Würzburg I, 1924, S. XVII Anm. vom heil. Kreuz von Heinr. v. Freib., Progr. 70 Die erzählende Dichtung Johann von Michelsberg (urkundlich 1283 ff., f vor 1306), ein böhmischer Adeliger, reitet auf Abenteuer nach Paris, sticht dort preislich in der Tjoste zwei französische Ritter auf den Plan, empfängt von den Damen minniglichen Habedank und vom König reiche Belohnung. Diese Turnierfahrt muß seinerzeit als historisches Ereignis gegolten haben, denn sie wird auch in der tschechischen Chronik des Dalimil und ihrer deutschen Bearbeitung erwähnt, und zwar zum Jahr 1306. 1 Seinen Namen nennt der Verfasser am Schluß. Ein drittes Gedicht, der Schwank Das Schretel und der Wasserbär, wurde Heinrich von Freiberg zugeschrieben, 2 ohne daß eine Gewähr durch Namensnennung gegeben ist (es ist anonym), wegen der Ähnlichkeit im Stil, in der glatten Verstechnik und in einigen Parallelen. Köstlich wird das „Koboldmärchen" erzählt: Ein Bärenführer kehrt bei einem Bauern ein; nachts erscheint ein Schretel (kleiner Hausgeist, ein Wichtlein), und es geht ein gewaltiges Kratzen und Balgen zwischen dem Bären und dem kleinen Ding los. Am andern Tag begegnet es zerrissen und zerzerrt dem Bauern beim Pflügen und fragt, ob seine große Katze noch lebe. Auf die Antwort: „Ja, und fünf Junge hat sie mir heut noch gebracht, lauf nur hin und sieh sie an", versichert es: „Pfui, nein, ich komme nicht wieder!" 3 Der jüngere Titurel Lit.: Piper, Höf.Ep. 2, 457-61; Panzer, Bibliographie zu Wolfr. S.24. 27 f. — Ausg.: K.A.Hahn, 1842 (Heidelb. Hs. 383), dazu Pfeiffer, Germ. 4, 300 f.; Abdr. der Einl. (nach dem Druck 1477): Lachmann, Kl. Sehr. S. 497-512. — Abh.: MSH. IV, 210; |P. Hamburger, ADB. 30, 583 ff.; Conr. Borchling, Der junge Tit. und sein Verhältnis zu Wolfr. v. Esch., 1897 (Preisschrift); dazu Panzer, Lbl. 1898, 117-23; Golther, Parz. und der Gral (Gralbuch), 1925, 231-45; Ders., Parz. in der dt. Lit., 1929, 37 f.; s. LG. II, 2, 287-95. — Stellen: Zingerle, Germ. 7,101 ff.; Zarncke, ebda 10, 11-19; Singer, Prag. dt. Stud. 8, 308 f.; Schneider, Wolfd. S. 207. 300; Rosenfeld, Novellenstud. S. 357 ff.; Ders., Neuphilol. Mitteil. 31, 1930, 90-92; Lichtenberg, Architekturdarst.44^6.63-65.106 f.; Jost Trier, Architekturphantasien usw., GRM. 17, 1928,11-24. — Gegen 50 Hss. u. Bruchst., ein Druck von 1477, Piper S. 457-60; dazu kommen: Wiener SB. 148 Nr. II; Germ. 28, 253; Scheel, Festg. Weinhold S. 52 f.; ZfdA. 41, 245^17; Münchn. SB. 1903 H.3; SB. d. Preuß. Ak. 1924 S. LXVII; Festschr. z. 250jähr. Jubil. d. Leipz. Stadtbibl. 1927, 42-48; Petzet und Glauning, Schrifttafeln III. Abt. — Art der Überlieferung: Zarncke, Beitr. 7, 606-09. An literaturgeschichtlicher Bedeutung durch seine Wirkung auf die letzten zwei Jahrhunderte des Mittelalters übertrifft der jüngere Titurel alle epischen Dichtungen der Nachblütezeit. Das Werk gibt in charakteristischer Weise die geistige Stimmung der Zeit wieder und kommt ihrem Geschmack 1 Person Joh.s v. Michelsberg: s. bes. ZfdA. 6, 174-86; v. d. Hagen, GSA. III, 259 Bernt S. 188-90. 199 f.; Wallner, ZfdA. 63, -70; andere Ausg. s. Bechstein, Ausg. von 190-94, hält jene Notiz im Dalimil für einen H.s Trist. S. XIX; Bernt S. 22; maßgebend: späteren Zusatz und verlegt das Gedicht in Bernt S. 249-58, dazu Reg. S.371. — Über- das Jahr 1319. setzung: Osk. Henke, Drei ad. Schwanke, 2 Zuerst von Bechstein, Einl. zur Ausg. von 1888. — Stellen: Sprenger, ZfdPh. 28, 429; Heinrichs v. Freiberg Tristan S. XIX; ebenso Wallner, Beitr. 32, 542 f.; Leitzmann, Beitr. J.M. Wiggers, H. v. Fr. als Verfasser des 44, 122. — 7 Hss.: Bernt S. 20-22. Schwankes Vom Schrätel u. vom Wasserbären, 3 Lit. zu diesem weitverbreiteten Volksmär- Rostocker Diss. 1887, dazu Glöde, Lbl. 1889, chen: GSA. III S. LXXII-LXXIV; Bernt 7; Bernt S. 161-64. Nicht von H. v. Fr.: S. 166 f.; Sprenger, ZfdPh. 28, 429; Archer Wallner, Leitzmann aaO.; C. v. Kraus, Taylor, Mod. Philol. 17,1921,305-24; Bolte, ZfdA. 48, 99-102. — Ausg.: Wackernagel, Zs. d. Ver. f. Volkskde 33, 34, 1924, 33-38. Der jüngere Titurel 71 entgegen. Die Absicht des Verfassers ist, durch die Fülle des Stoffes zu unterhalten, besonders aber, durch den Inhalt zu belehren. Dieser umspannt in ungeheuerem Ausmaß das Ritterleben mit seinen Heldentaten sowie das der Gralshüter, gibt Wirklichkeit und tiefes Geheimnis, Weltwesen und Vergeistigung, besser „Vergeistlichung" und mündet endlich in ein geistliches Gralreich ein. Dies alles in einer dunkeln, schwerverständlichen Sprache vorgetragen, welche dem Stoffe die höhere Weihe des Geheimnisvollen, dem Wissen das Ahnungsvolle einer Geheimwissenschaft verleiht. Aber am meisten hat zum Ruhm des Gedichtes beigetragen, daß es als Schöpfung Wolframs von Eschenbach galt, wofür es auch der Verfasser selbst ausgibt. Die Masse der Handschriften bezeugt diese hohe Schätzung, Püterich hat „dreißig Titurele" (Handschriften) gesehen, wie er in seinem Ehrenbrief behauptet. 1 Schon 1477 erschien ein Druck, und aus dem Jahr 1491 ist das Vermächtnis eines vornehmen Grafen erhalten, der seinen Söhnen den Tyterel als göttlichste Lehre für den Adel empfiehlt; 2 bis in neuere Zeit hat sich aus diesem im Sprichwort der Ausdruck „Priester Johans Land" erhalten. 3 Als durch die Romantik der Sinn für das Mittelalter neu erweckt wurde, da feierte auch der „jüngere Titurel" seine Wiedererstehung; man verstieg sich so weit, ihn immer als Werk Wolframs in Parallele mit Dantes Göttlicher Komödie 4 zu setzen, so lange, bis die germanistische Wissenschaft diesen Nebel zerstreute. Der Verfasser des Werkes gibt sich bis gegen Ende hin den Anschein, als ob er Wolfram wäre, und spricht von sich in erster Person als Wolfram. Erst vor Beginn des letzten Teiles nennt er seinen wirklichen Namen Albreht. 5 Über die Person dieses Albrecht ist uns nichts bekannt. Der Sprache nach war seine Heimat Baiern oder Österreich. 6 Die Zeit der Abfassung des Gedichtes ist etwa um 1270 anzusetzen, ungefähr fünfzig Jahre später als Wolframs Titurel. 7 1 ZfdA. 6, 58 Str. 142. V. 5883 gibt er sich gleichsam offiziell als Ver- 2 John Meier, Anz. 15, 217 f. — Berthold fasser an und bezeichnet sich mit seinem wirk- v. Regensburg u. d. jung. Tit.: J. Grimm, Kl. liehen Namen: ich Albreht, und dann wird Sehr. 4, 339; W. Stölter, Verhältn. d. j. Tit. auch Wolfr. als ein anderer kenntlich gemacht zu Berth. v. Reg., Jen. Diss. 1920, Masch.- (5912 [6206 x ] und in der letzten Strophe des Dr. Drucks). — Stellen über den Verfassernamen: 3 Bartsch, Germ.23, 448. J.Grimm, Kl. Sehr. 1, 94-99; Lachmann, 4 Karl Rosenkranz, Üb. d. Titurel und Wolfr. S. XXIX-XXXIII; Borchling S.174 Dantes Komödie 1829,, dazu Lachmann, Kl. ff. 182 f.; Wilhelm, Fabulist. Quellenangaben, Sehr. S. 351-57. — Borchling S. 1 f. Beitr. 33, 334 f. 5 Meistens flicht er seine Person ein, indem er, 6 Sprache: Schmeller-Frommann 1, 1154. den Eingang vom 9. Buch des Parz. nach- 2,1015; Borchling S. 116 f.; Zwierzina, Anz. ahmend, ein Gespräch mit derÄventiure führt, 26 Reg. S. 345. 27 Reg. S. 340. worin diese ihn Wolfram anredet (231. 252. ' Zeit: Lachmann, Wolfr. S. XXXII; Leitz- 238 a ), odtr friunt von Blienvelden (579. 5028. mann, Beitr. 26, 155; Wilhelm, Münchn. Mus. 5236) oder, echt verkünstelt, min friunt, ein 3, 226-28. — Im Druck findet sich eine Preisram der wolfe (3545), oder friunt von Eschen- Strophe auf einen bairschen Herzog Loys bach (3962), vil edel ritter von Eschenbach (Ludwig), in dem man Ludwig den Strengen (5092). Auch außerhalb solcher Gespräche mit (1253-94) angenommen hat. Siehe San-Marte, derÄventiure redet er in erster Person (1951 a . Leben u. Dichten Wolframs v. Esch. 2, 191 2816), und Strophe 18 ist so gehalten, als ob Str. 2 u. S. 283; Pfeiffer, Germ. 6, 246 f. er die Einleitung zum Parz. gedichtet hätte Anm.; Goedeke, Mittelalter S. 760. (doch 885 wieder Wolfr. als dritte Person). Erst 72 Die erzählende Dichtung Man hat seit Docen (Ad. Mus. 1, 1809,135 u. ö.) Albrecht von Scharfen- berg (s. unten) für den Verfasser des jüngeren Titurel gehalten, und zwar auf die Aussage Ulrich Füetrers hin, der in seinem Buch der Abenteuer (s. unten) diesen Dichter mit hohem Lobe bedacht und in ihm auch den Verfasser des jüngeren Titurel gesehen hat. Dagegen wurde aber Widerspruch erhoben, 1 und bis jetzt ist diese Autorenfrage noch nicht sicher entschieden. Inhalt. 2 Albrecht selbst entwickelt sein Programm nach einer religiösen Einleitung (Str. 1-76) von Str. 77 an: die Äventiure von dem Gral, die Kyot und Flegetanis französisch und heidnisch darlegten, will er deutsch verkünden, 3 er will die Maere von dem edeln Geschlechte des Grals erzählen, von seinen Angehörigen, die hier glückselig waren, denen dort von Gott selbst das Glück gewährt wurde, die in weltlichen Ehren standen und nach Gottes Minne verlangten. Auf diesem Grundgedanken wird die Geschichte des Gralsgeschlechtes nach der geistlichen und der weltlichen Richtung hin entfaltet, als Schicksal des Grals und als Heldentum seiner Hüter. Nach den leitenden Persönlichkeiten gliedert sich der Inhalt in fünf Teile: I. Titurel (Str. 77- 780); in seine Geschichte ist die ausführliche Beschreibung des Tempels, ein Hauptstück des ganzen Gedichtes (Str. 311-416. 504-53) eingeflochten; hier befindet sich auch das erste aus Wolframs Titurel entnommene Bruchstück (Str. 476-779; s. LG. II, 2, 288). II. Gahmuret (Str. 781-1087). III. Schionatulander (Str. 1088-5177), darin „das Brackenseil' nach Wolframs zweitem Titurelbruchstück. IV. Parzival (Str. 5178-5963) und seine Gralsuche; dabei wird auch eine abenteuerliche Geschichte von Lohengrin erzählt. 4 V. Der Priester Johannes (Str. 5964- 6207); hier wird berichtet, wie die Sünde sich ausbreitet und darauf die Templeisen den Gral nach Osten bringen, nach St.-Thomas-Land (d. i. Indien), nahe dem irdischen Paradies, wo der Priesterkönig Johannes herrscht; der Tempel wird mit der Burg Montsalvatsch von Gott dorthin versetzt; nach dem Tode des Priesters Johannes wird Parzival sein Nachfolger. 5 1 Verfasser: Piper S. 457; Reinhold Spil- 167-72; Zarncke, Der Graltempel, Abhandl. ler, Albr. v. Scharfenb. u. d. Dichter d. j. T., d. Sachs. Ges. d. Wissensch. VII, 1876; Ders., Leipz. Diss. 1883 (dazu Martin, DLz. 1883, Der Priester Johannes, ebda VII u. VIII u. s. 1767) u. ZfdA. 27, 158-79; Ders., Stud. über Kobersteins Grundr. 6, 184 Anm. 102. — Ulrich Füetrer, ZfdA. 27, 262-94; Paul Ham- F. W. E. Roth, Von dem Reichtumb Priester burger, ZfdPh.21.404-19; E.Hartl, Stamm- Johanns, ZfdPh. 27, 216-48, dazu Rödiger, lers Verfasserlex. 1, 41-48. ebda S. 385 f.; Hertz, Parz. 2 (Übertrag.), 2 Inhalt: San-Marte, Leben u. Dichten II, 1898, 453 f.; Paul Hagen, Der Gral, QF. 85, 87-284 (nach d. Druck); Piper S. 461-559; 1900, 4-32; Ders. ZfdA. 47, 219-24; E. Faral, Borchling S. 3-109; Golther, Gralb. S. 231 Recherches sur les sources des Contes et Ro- -42. mans courtois, 1913, 161-67; Rud. Blümel, 3 Lachmann, Wolfr. S. XXXII; Borchling D. Heiligtum d. frohnen Grales, nachgedichtet, S. 180-82; Golther, Gralb. S. 232.— Str. 78 1926, dazu Ehrismann, Lbl. 1927, 177. — ist das Verhältnis zu Wolframs Parz. ange- Brief des Priester Johannes. Lit.: Gervinus 2 5 , geben: was in Wolframs Werk vom Gral nicht 165 f. Anm.; Piper, Wolfr. 1, 117; Panzer, ganz gesagt ist, nur teilweise, das wird hier Wolframbibl. S. 24. 28; L. Olschki, Histor. vollständig dargestellt. Zs. 144 Heft 1, 1931. — J. Grimm, Ged. d. 4 Lohengrins zweite Ausfahrt: Golther, Ro- MA.s auf Kg. Friedr. 1, 1844,103-07; F. W. E. man. Forsch. 5, 1890, 134-36; Ders., Gralb. Roth aaO.; Lütjens, Herz. Friedr. v. d. Nor- S. 237 f.; Borchling S. 99 f. — Brüder mandie, Münchn. Archiv Heft 2, 1912, 72-83. Grimm, Dt. Sagen Nr. 543. 89-95; Schröder, ZfdA. 70, 129-35. Gegen 5 Abhandl. über d. Priest. Joh. u. d. Gral- Ende des 15. Jh.s verfaßte in Ungarn Oswald tempel. Lit.: Piper 2, 460f. — Zuvörderst der Schreiberein Gedicht über die Sage vom Zarnckes 11 Abhandlungen (s. Panzer, Wolf- Priester Johannes: Uhland, Schriften 7, 590 rambibliographie S. 24; Steinmeyer, Anz. 1, -95; Bartsch, Katalog d. Hss. der Univ.- 23 f. 3, 165-67; Hoffmann v. Fallersieben, Ad. Bibl. in Heidelberg, Cod. Pal. germ. 844 (S. 181 Blätter 1, 1836, 308-24; Schönbach, Anz. 3, Nr. 331), wo weitere Lit.; Eugen Czinkotszky, Der jüngere Titurel 73 Die leitenden, durch Wolfram gegebenen Richtlinien sind zu dem ungeheueren Umfang von 6207 siebenzeiligen Strophen angeschwollen, und zwar durch eigene Zutaten und Erweiterungen des Verfassers, als da sind Kämpfe und Feste, moralische und wissenschaftliche Reflexionen, gelehrte Ausführungen und Beschreibungen aller Art. Die Krönung des Planes wird in dem Priester- tum Parzivals erreicht. Dieser letzte Abschnitt ist — nur an eine kurze Andeutung im Parzival (822,21-823,3) angeknüpft — ganz Albrechts Eigentum. Hier finden sich Züge französischer Gralromane. 1 Aber bezüglich der historisch-politischen Auffassung wird der Nachahmer von einer andern Gesinnung geleitet als sein Vorbild. Albrechts Ansicht von der geschichtlich-gesellschaftlichen Wirklichkeit ist hierarchisch geordnet; von der Kirche geht die Regelung der irdischen Dinge aus (z.B. Str. 1846 [1834J-90. 5220-33), und der Priesterstand steht über jedem andern erhaben da; stark ist also das geistliche Element ausgeprägt. Das Sein wird bei Albrecht gradualistisch gemessen, das Weltleben stellt eine niederere Stufe als das geistliche dar, bei Wolfram dagegen trägt das Rittertum ,humanistisch aufgefaßt' seinen Eigenwert in sich, ohne am Priestertum gemessen zu werden. Aber eben dadurch, daß Albrecht über Wolfram hinaus das hohe Geheimnis des Grals ans Licht bringen wollte und seine eigenen Erfindungen alles überwuchern ließ, hat er den ursprünglichen ethischen Grundgedanken, den der Läuterung des sich vom Irrtum zur Wahrheit, von der Welt zu Gott durchringenden Menschen, verwischt. Am grellsten fällt der Widerschein von Wolframs Kunst bei der Betrachtung der Form 2 in die Augen. Die dunkle Sprache wird im jüngeren Titurel bis zur Unverständlichkeit überboten. Hier ist alles verkünstelt, man muß sich den Schwulst erst in eine vernünftige Bedeutung übersetzen. Wolframs sprachlicher Ausdruck ist die Physiognomie seines Geistes, gestaltgewordene Persönlichkeit, aus Albrechts Stil dagegen spricht die Verschrobenheit des Die deutsche Verserzählung Oswalds des Ettal, 1860, dazu Zingerle u. Pfeiffer, Schreibers aus Königsberg (Ujbanya) in Un- Germ. 6, 246 f.; Boisseree aaO.; San-Marte, garn, 1914, dazu Bela Zolnai, Lbl. 1917, Leben u. Dichten S. 293; Zarncke, Der Gral- 219 f. — Architektur d. Graltempels: tempel S.479f.; Schwietering, ZfdA. 60, Görres, Lohengrin S. XVI-XXX; Sulpiz 120 f. Boisseree, Abhandl. d. bayer. Ak. d. Wiss. 1, l Quellenfrage: Zarncke, Beitr. 3, 304 f.; 1835, 307-92; San-Marte, Leben u. Dichten Birch-Hirschfeld, Sage vom Gral S. 288-91; S. 277-84; Ernst Droysen, Progr. Kroto- San-Marte, ZfdPh. 15, 391-98; Borchling schin 1871; Piper, Höf. Ep. 3, 735 ff.; Bur- pass.; Golther, Gralb. S. 236. dach, DLz. 1903, 3057 u. Vorspiel I, 1, 172 f.; 2 Stil: Lachmann, Kl. Sehr. S. 354; Borch- Blanca Röthlisberger, D. Architektur d. ling S. 119-78; Schneider, Heldendichtung Graltempels im j. Tit., 1917, dazu Baesecke, usw. S. 317 f.; Mordhorst, Egenv. Bamberg Wissenschaft!Forsch.-Berichte III, 1919,71 f.; u. d. geblümte Rede, 1911, pass., bes. S. 136 Schwietering, ZfdA. 60, 118-27; Golther, -38; Brinkmann, Wesen u. Form, Reg. S. 195; Gralb. S. 238^2; Brinkmann, Wesen und Kurt Herb. Halbach, Gottfr. v. Straßb. u. Form S. 144. — Die Kirche zu Ettal, gebaut Konr. v. Würzburg, Klassik u. Barock im unter Ludwig dem Bayern, hat in ihrem Plan 13. Jh., 1930, pass.; Alfred Hübner, Die Ähnlichkeit mit dem Aufriß des Graltempels mhd. Ironie od. die Litotes im Altdeutschen, im j. Tit.; ferner steht die heil. Kreuzkapelle Pal. 170, 1930, 187-91. — Fremdwörter: in Karls IV. Burg Karlstein bei Prag; H.Hol- Borchling S. 122-31; Suolahti, Mem. VIII, land, Kais. Ludw. d. Bayer u. sein Stift zu pass. 74 Die erzählende Dichtung Epigonen. Eben durch die Übertreibung des Nachahmers wird dieser Stil ein Abbild des Formsinns einer von der großen Vergangenheit zehrenden Zeit; der „Zeitgeist" offenbart sich in dieser Dichtweise. Auch in der Verskünstelei 1 gibt sich die Absicht des Nachahmers kund, den Meister zu übertreffen; sein Strophensystem ist durch Zäsurreime reicher ausgebildet, so daß die Jüngere-Titurel-Strophe sechs (klingend endende) Reimzeilen hat (a b a b c c [mit ungereimter Zäsur]). Die Aufgabe, so zahlreiche klingende Reime zu bilden, beeinflußt natürlich die Wortwahl, wobei besonders der übermäßige Gebrauch der Umschreibung eines Verbums finitum durch das Participium Präsens viel zu der geschraubten Ausdrucksweise beiträgt (z. B. swer den was sehende, (die) wären iehende Str. 2844). Doch auch neue Ansätze tun sich kund. Im Gralmythus liegt schon keimhaft ein Mysterium verborgen, in Wolframs Parzival nur erst als Ahnung dämmernd (und gerade darum so sehnsuchtweckend), aber noch nicht voll geoffenbart. Diese mystische Richtung ist in dem jüngeren Werke stärker ausgeprägt, und damit birgt es Beziehungen zu der Mystik des 14. Jahrhunderts, welche in der Gestalt der lichtdurchwogten und farbenleuchtenden Pracht des Graltempels in die Erscheinungswelt der Sinne tritt. Das „Erlebnis gotischer Form" (Schwietering aaO.) hat sich hier ein dichterisches Symbol geschaffen. Aus diesem irrationalen Ursprung heraus begriffen, erhält auch der verzackte, eigenwillige Stil eine gewisse historische Berechtigung. Aber dem Verfasser ist dies nicht als bewußtes Verdienst anzurechnen, denn er arbeitet nur mit den von Wolfram übernommenen technischen Kunstmitteln. Und so bleibt der „schwere Schmuck" seines Stils bloßes Ornament, ohne zugleich wesendeutend — oder umdeutend zu sein. Er wendet ihn gleicherweise auf das tiefsinnige Gralmysterium wie auf die geistlos sich immer wiederholenden Ritterabenteuer an. Albrecht von Scharfenberg Lit.: Piper, Höf. Ep. 2, 452-57. — Ausg.: Fr. Panzer, Merlin und Seifrid de Ardemont von Albrecht von Scharfenberg in der Bearbeitung Ulrich Füetrers, LitVer. Nr. 227, 1902. — Abh.: Panzer in der Einl. seiner Ausg.; Reinh. Spiller, s. oben unter j. Tit.; Ders., Stud. über Ulrich Füetrer, ZfdA. 27, 262-94; Paul Hamburger, s. oben unter j.Tit.; Friedr. Probst, Die Quelle des Poitislier und Flordimar, Heidelb. Diss. 1921, S. 242-45; Jan van Dam, Stammlers Verfasserlex. 1, 52-57; Heinr. Samson, Beitr. zum dt. Märchen im ausgehenden MA., Köln. Diss. 1931. — BOLTE-PoLivKA 2, 328. 9, 412. — Weitere Lit. s. unter jung. Titurel. Von Albrecht von Scharfenberg sind zwei epische Dichtungen, undzwar in der Umarbeitung von Ulrich Füetrer in dessen in die Titurelstrophe abgefaßten Buch der Abenteuer erhalten: Merlin und Seifrid von Ardemont; verfaßt um 1280, also nach dem Jüngern Titurel. Die Geschichte des Zauberers Merlin ist eine freie Bearbeitung von Roberts von Boron Prosawerk: Merlin und Estoire (LG. II, 2, 248 f.): 1 Metrik: Saran, Dt. Verslehre, S. 295 f.; Heusler, Dt. Versgesch. S. 305 f.; Borchling S. 111-19. Albrecht von Scharfenberg — Der Wartburgkrieg 75 Der Teufel naht sich in Gestalt eines schönen Jünglings einer Königstochter von Britannien, deren Eltern gestorben sind. Der Sohn aus dieser Verbindung ist Merlin, der sich von früher Jugend an durch große Weisheit und geheime Kenntnisse auszeichnet. Eine Reihe von Proben seiner Klugheit werden erzählt, sowie Stücke aus der britischen Königsgeschichte (natürlich alles fabelhaft); schließlich werden Vorgeschichte und Einrichtung der Tafelrunde berichtet und wie Artus König wird. Seifrid von Ardemont verläuft wie ein gewöhnlicher Abenteuerroman: I. Seifrids heimlicher Auszug aus dem Elternhause, Drachenkampf, Jungfrauenbefreiung usw.; die Abenteuer finden ihren Abschluß in der Tafelrunde. IL Im Verlaufe der zweiten Abenteuerfahrt tritt als Leitmotiv die Feenliebe im Typus der „gestörten Mahrtenehe" auf: Seifrid bricht das Schweigegebot, das ihm verwehrte, von der Schönheit seiner Geliebten zu reden; es folgen Verstoßung und Wiedergewinnung der Huld der Geliebten nach langen Abenteuern. Für den Seifried hatte der Dichter keine französische Vorlage, vielmehr setzte er die Abenteuer aus seiner Kenntnis höfischer Epen zusammen (Erec, Iwein, Parzival, Wigalois, Krone); die Grundlage jedoch bildete er nach dem Lied vom hürnen Seifrid, aus dem er eine Reihe von planbauenden Zügen entlehnte. Der Wartburgkrieg Lit.: Simrock, Ausg. S. 241^3; Koberstein l 6 , 254 f.; Piper, Höf. Ep. 3, 56-66. — Ausg.: Karl Simrock, Der Wartburgkrieg hgb., geordnet, übersetzt u. erläutert, 1858; früherer Abdr.: Aug. Zeune 1818, dazu Lachmann, Kl. Sehr. 1, 140-56; Ettmüller 1830. Eine kritische Ausgabe der sehr verwickelten Überlieferung besteht noch nicht. — Übers.: E. Hopfmann 1919. — Abh. (die unter der bei Simrock, Koberstein, Piper verzeichneten Lit. hervorzuheben sind): J.Grimm, Über den ad. Meistergesang S. 77 ff.; Docen, Miscellan. 1, 1807, 113-57; Lachmann, Kl. Sehr. 1, 312-24; Wilmanns, ZfdA. 28, 206-27 u. Anz. 10, 326-31; Ernst Elster, Lohengrin u. Wartburgkrieg, Beitr. 10, 189-94; Rud. Schneider, Der zweite Teil des Wartburgkrieges und dessen Verhältnis zu Lohengrin, Leipz. Diss. 1875; Ad. Strack, Zur Gesch. des Gedichtes vom W., Berl. Diss. 1883, dazu Wilmanns, Anz. 10, 326 ff.; Emil Oldenburg, Zum W., Rostocker Diss. 1892, dazu R.M.Meyer, Anz. 21, 75-81; nach Piper erschienen: E.Bernhardt, Vom Tannhäuser und dem Sängerkrieg auf der Wartburg, Jahrb. d. Ak. zu Erfurt, NF. 26, 1901, 89-112; A. Freybe, Das Memento mori, 1909, 221 f.; P. S. Barto, Der Sitz von König Artus im Wartburgkriege und im Lohengrin, Journ. of Engl, and Germ. Phil. XV, Juli 1916. — Hss.: Simrock S. 237-39. 318-22; Strack S. 1^16. — Überliefert ist der Wartburgkrieg in den Liederhss., und zwar in der großen Heidelberger (Manesse- schen) Liederhs., der Jenaer, der Kolmarer; außerdem vereinzelte Strophen: Simrock aaO.; ZfdA. 12,515 ff.; Germ. 18, 80 ff. — Die Überlieferung ist verworren und zerstückt, die Strophenfolge oft verschieden. An Wolfram schließen sich bezüglich des Inhalts und der geistigen Richtung noch zwei Dichtungen von unbekannten Verfassern an, der Wartburgkrieg und der Lohengrin. Was wir unter dem Namen Wartburgkrieg verstehen, ist eigentlich kein einheitliches Gedicht, sondern eine Zusammenfassung von mehreren, in der Form gleichen Dichtungen, welche aus zwei Teilen besteht. Das Ganze gehört der Gattung nach nicht zur Epik, sondern zur Spruchdichtung, hat aber dadurch nahe Beziehung zu Wolfram, daß dieser selbst sowie eine der Personen seines Parzival, der Zauberer Klingsor, darin auftritt. Am nächsten verwandt ist dieses eigenartig zersplitterte Werk im ersten Teil mit den Streitgedichten 1 der Spruchdichter. 1 Die Gattung „Streitgedicht" wurde ins dem afrz. jeu parti, mhd. übersetzt geteiltes Mhd. übernommen aus der provenz. tenzone. spil. — Über Streitgedicht, Rätselstreit s. LG. 76 Die erzählende Dichtung I. Der erste Teil, Str. 1-24, das Streitgedicht, ist ein Sängerstreit, ein Wettsang zum Ruhme des preiswertesten (tugendhaftesten) Fürsten, ein Fürstenlob. Dieser Sängerstreit wird als ein wirklicher Kampf aufgefaßt, ein Zweikampf, in dem der Herausforderer sein Leben für die Wahrheit seiner Behauptung einsetzt, also in der Art eines Gottesgerichtes. Die Sachlage ist folgende: wie bei einem gerichtlichen Zweikampf oder einer Tjoste wird ein freier Raum für die Kämpfer geschaffen, die Zuschauer haben ringsherum ihre Plätze, der Fürst auf erhöhter Stelle. Im Rittersaal der Wartburg vor dem Landgrafen Hermann von Thüringen und der Landgräfin, welche von der Hofgesellschaft umgeben sind, spielt die Szene. Heinrich von Ofterdingen tritt in den Kreis und fordert alle die Sänger, die Meister, zum Kampf heraus, indem er den Satz aufstellt, daß die tugent (Vortrefflichkeit) des Herzogs von Österreich mehr wiege als die dreier anderer Fürsten. Der Reihe nach treten der tugendhafte Schreiber und Biterolf, dann Reinmar von Zweter, Wolfram und Walther gegen Ofterdingen auf und erteilen dem Landgrafen von Thüringen den höchsten Preis, wobei Walther auch noch den König von Frankreich gegen Ofterdingen ausspielt, Biterolf aber den Grafen von Henneberg. Walther führt eine Entscheidung zuungunsten Ofterdingens herbei, indem er ihn durch eine scheinbar harmlose Frage hereinlegt. Ofterdingen ist damit überwunden; seine Gegner rufen den Scharfrichter Stempfei herbei, aber auf Wunsch der Fürstin darf er frei abziehen. Das Gedicht ist auf den verteilten Rollen der Streitenden aufgebaut und hat damit den Plan eines Dramas, dem auch die Entwicklung des Streites mit der wachsenden Heftigkeit der beiden Parteien und der auf die Katastrophe hinziehenden Zuspitzung entspricht. Im Mittelpunkt der Spieler steht Heinrich von Ofterdingen. Ein Dichter dieses Namens ist nicht nachgewiesen, aber schon im späteren 13. Jahrhundert hielt man ihn für eine wirkliche Persönlichkeit. 1 Eine poetische Auferstehung erlebte er in der Romantik (Novalis, E. T. A. Hoffmann) und in Richard Wagners Musikdrama, wo dann die Sage vom Wartburgkrieg mit der vom Tannhäuser vereinigt und Ofterdingen zu einer Person mit Tannhäuser verschmolzen wird; gleichsam zu einer höheren Idee hinaufgesteigert tritt er hier nicht mehr als der Sänger des Fürstenpreises, sondern im Dienste einer stärkeren Macht, der Herrscherin Venus, der Verkörperung des sündigen Erdenlebens 2 auf. I, 55 ff. 374 f. II, 2, 146. 151 ff.; s. in diesem S. 271-88. — Ofterdingen: Bartsch, Kolm, Bande: Spruchdichtung. — Speziell zum Wart- Liederhs. S. 70. 77 f. 158. 404; H. J. Hermes, burgkrieg: Simrock S. 288-92; Jantzen, Die Neuerburg an der Wied usw. 1879; Bur- Gesch. d. Streitgedichtes 67 ff. 77-85. 87 f.; dach, Reinm. 2 S. 421-44; Roethe, Reinm. Bebermeyer, Merker-Stammlers Reallex. 3, S. 159 f. Anm.; Erich Schmidt, Charakteri- 312. stiken 1, 40 ff.; Golther, Ges. Aufs. 1911 1 MSH. III S. 163; Bartsch, Kolmarer Hs. S. 47^19 ff.; Paul Riesenfeld, H. v. Oft. in aaO.; Ders., Liederdichter 4 S. 308; Simrock der dt. Lit. 1912, dazu Leitzmann, ZfdPh. 47, S. 274; Burdach, ADB.24,173-76, u. Reinm. 2 114, W. v. Unwerth, DLz. 1913, 2210 f.; S. 421-24. — Verfasser des Laurin: Müllen- Werner Richter, Cbl. 1913, 889-91; W.Ni- hoff, Dt. Heldenbuch 1 S. XXXVIII f. LVI ckel, Arch. 134, 149 f.; Wieher, Journ. of -LVIII. 288 f.; Schneider, Wolfdietr. S. 191. Engl, and Germ. Phil. XII, 304-10. 2 Personen des Streitgedichtes: Simrock Der Wartburgkrieg 77 Von dem tugendhaften Schreiber sind noch Lieder erhalten (s. unter Minnesang). Er ist wohl identisch mit dem in thüringischen Urkunden 1208-28 als landgräflicher Kanzler auftretenden Henricus notarius, Henricus scriptor. 1 Ob der im Sängerkrieg mitwirkende Biterolf jener durch Rudolf von Ems bekannte Dichter eines Alexanderepos war (s. oben), ist unsicher. 2 Ebenso ist es ungewiß, ob dem Gedichte ein wirklicher Vorgang, also ein Wettstreit von Sängern an dem Hofe des Landgrafen Hermann, zugrunde liegt. Jedenfalls waren die Bedingungen für eine solche Vorstellung durch das reiche literarische Leben an jenem Hofe gegeben, das durch Walther und Wolfram sich zu höchster Blüte entfaltete. Aus unserem Gedichte entwickelte sich nicht lange nach seiner Entstehung eine Wartburgkriegsage, die in lateinischen Chroniken (seit 1289) und deutschen Gedichten verschiedenartige Wendungen erfuhr. 3 II. Der zweite Teil, der sich auch im Strophenbau von dem ersten unterscheidet (s. unten), besteht aus sechs verschiedenen Stücken, deren umfangreichstes das erste ist, Das Rätselspiel (Str. 25-114), ein Rätselstreit zwischen Wolfram und Klinsor von Ungerland. Nur notdürftig wird er mit dem ersten Teil dadurch, daß am Schluß desselben Ofterdingen den Klinsor herbeirufen will (s. auch II Str. 33), verknüpft. Auch dieser Redekampf findet, wie der erste Teil, in der Umgebung des Thüringer Hofes statt. Klinsor in der Rolle eines Krämers (aus Parzival B. XI) bietet dem Fürsten seine Ware, seine Rätsel, feil. Es sind deren im ganzen zehn, die fast alle von Klinsor aufgegeben und von Wolfram gelöst werden. Sie bilden zusammen (bis auf Nr. 8) eine Unterweisung in der christlichen Lehre mit den wichtigen Glaubenssätzen: Altissimus Gott, der sündige Mensch, die Erlösung. Am Schluß, im zehnten Rätsel (Str. 105-14), schickt Klinsor den Teufel Nasion vor, der Wolfram mit schweren astronomischen Fragen versucht, die dieser nicht zu beantworten weiß, aber doch dadurch endgültig entscheidet, daß er Gott und Maria um Hülfe anruft und den Teufel durch das Zeichen des Kreuzes bannt. Die Gestalt Klinsors stammt aus dem Parzival (Clinschör), aber er ist inzwischen ein anderer geworden; statt eines gefährlichen Zauberers mit übernatürlichen Kräften tritt hier ein meisterpfqffe auf, ein Gelehrter, der so viel Wissen wie ein pfqffe hat, aber nicht Geistlicher ist. Dieses Wissen besteht in der Geheimkunst der Nigromanzte und Astronomie (Str. 75), die der lediglich weltlichen Sphäre angehören, Wolfram dagegen besitzt die höhere 1 Der tugendh. Schreiber: J.Grimm u. Dichter Rein mar den Alten mit Reinmar von Haupt, ZfdA. 6, 186-88; Bartsch, Kolm. Zweter verwechselt s. bes. Roethe S. 79-81. Liederhs. S. 158; Wilmanns, ADB. 11, 641; 3 In deutschen Gedichten: Leben der heil. H. Hess, D. Mönchhof bei Manebach u. s. Be- Elisabeth nach 1297, von Johannes Rothe Ziehungen zum „tugendh. Schreiber", Mitteil. nach 1420, in der Prosachronik des Friedr. d. Ver. f. Gothaische Gesch. u. Altertums- Köditz von Saalfeld, 14. Jh. (s. unt.). — Lit. forsch. 1907-09; Schreiber, Neue Bausteine über die Quellen der Sage: Piper S. 60 f. MSH. zu e. Lebensgesch. Wolfr.s v. Esch. S. 72 f., IV S. 875 ff. (s. auch 745 ff.); Simrock S. 307 auch S. 59. -22; Burdach, Reinm. 2 S. 421 f.; Wilmanns, 2 Biterolf: Wilmanns, ZfdA.28,214; Roethe, ZfdA. 28,206 ff.; R. M. Meyer, Anz. 21,75ff.; Reinm., Reg. S. 134; Schreiber aaO. —Ob der Rostock, Dichterheldensage S. 20 ff. 40 ff. 78 Die erzählende Dichtung Weisheit des Glaubens. Auch Klinsor steht auf dem Boden des Christentums, aber auf einer tieferen Stufe. Der Gegensatz von Wissen und Glauben tritt hier in die Erscheinung. Am Schluß der dunkeln Rätselweisheit siegt der Glaube über den Hochmutsteufel des Wissens, Wolfram über den Nasion. 1 Nach dem Rätselstreit folgen noch fünfAnhänge verschiedenen Inhaltes. III. Aurons Pfennig (Str. 115-31) ist eine gereimte Moralpredigt gegen die „falschen Pfaffen", welche die Gnadenmittel um Geldspenden (der pfäffen girikeit 117; Auron ist einer der vom Himmel vertriebenen Engel) 2 verschachern. IV. An zwei Zeitgenossen sind die beiden Preisstrophen 132. 1 33 3 gerichtet. V. Die Totenfeier des Landgrafen von Thüringen und des Grafen von Henneberg (Str. 134-50) 4 ist wie Teil I, der eigentliche Wartburgkrieg, ein Preislied auf diese Fürsten. Gesungen wird es von den beiden Thüringer Dichtern Biterolf und dem Schreiber. VI. Zabulons Buch (Str. 151—73) 5 besteht in einem Wettgesang zwischen Wolfram und Klinsor, in dem beide eine Fülle von antiker und morgenländischer Weisheit ausschütten. Hier ist Wolframs Charakter das Gegenteil vom Wolfram des I.Teiles; aller Pfaffen Meister meint er zu sein (Str. 151) und prahlt mit seiner krausen Gelehrsamkeit. Wie Klinsor zeigt er sich als der Typus jener Klasse großsprecherischer Spruchdichter und Meistersinger, die auf ihr zusammengelesenes Wissen pochen. Der Verfasser dieses Stückes hat dennoch jedenfalls beabsichtigt, Wolfram als einen großen Mann, als einen Meister unter den Singern darzustellen, aber in dieser Spätzeit faßte man eben die Kunst als ein Wissen auf. VII. Sprechen äne meinen (Str. 174. 175), 6 etwas sagen, ohne es auch so zu meinen, ohne es zu glauben, ist wie ein Schlag für die Seele; das wird an einer Fabel, die von einem Raben handelt, erwiesen und besonders an den Pfaffen gerügt. Aus dem Gedankenkreis der Spruchdichtung sind die Stücke des „Wartburgkrieges" hervorgegangen. Das Fürstenlob (I) besingt weltliche Ehre und gehört, wie auch IV, in eine Kategorie mit den Gönnersprüchen; ihnen zunächst steht die Totenfeier (V); der Rätselstreit (II) hat Beziehung zu den 1 Klinsor wurde schon vom Ende des 13. Jh.s 478-80. an für einen hervorragenden Sänger angesehen 4 Simrock S. 296-300; Wilmanns, ZfdA. 28, und von den Meistersingern wurde er, wie 229 ff.; Oldenburg S. 31-36, dazu R. M. Ofterdingen, als einer der zwölf Meister ver- Meyer aaO.; Schreiber aaO. S. 72-77. — ehrt. Lit.: Simrock S. 278-81; Bartsch, Als Quelle für einige Strophen der Totenklage Kolm. Hs. S. 158 f.; Roethe, Reinm., Reg. kommt das Gedicht vom König Tirol (s. unt.) S. 637; Strack S. 46; Hertz, Parz. 2 1898 in Betracht (Oldenburg S. 36-51; s. auch S. 538 f.; Martin, Wolfr. v. Eschenbach, Str. 161 u. Vogt, Salman u. Morolf S. 181. Rede, 1903, S. 6. 6 Simrock S. 300-05; Jantzen, Streitgedicht 2 Simrock S. 292-95; Strack S. 58-60; Ol- S.67f. —Die Sage vom Zauberer Zabulon auch denburg S. 16-31, dazu R.M.Meyer, Anz. imReinfridv.Braunschweig: Simrock S.304f. 21, 80. 6 Simrock S. 305-07. 3 Simrock S.295f.; Schröder, ZfdA. 54, LOHENGRIN 79 religiösen Sprüchen; III und VII haben den Inhalt moralischer Sprüche; das Prunken mit dunkelm Wissen (VI) ist eine charakteristische Eigenschaft des Standes der fahrenden Spruchdichter. Die beiden Hauptstücke I und II, Fürstenlob und Rätselstreit, unterscheiden sich wie im Inhalt so auch in der Form. Das Fürstenlob ist im „Thüringer Herrenton" abgefaßt, der Rätselstreit in „Klinsors Schwarzem Ton". 1 In jenem gehen auch die Stücke VI und VII, in diesem noch III, IV, V. Trotz allen Bemühungen ist es der Forschung bis jetzt nicht gelungen, die Verwirrung der Handschriften endgültig in Ordnung zu bringen, und somit ist auch die Entstehungsgeschichte des Ganzen und die Frage nach der Verfasserschaft bei den einzelnen Teilen noch nicht geklärt. 2 Der herrschenden Annahme nach waren die beiden Teile I und II ursprünglich getrennt und existierten längere Zeit für sich; der Rätselstreit, um 123CM0 verfaßt, ist älter als der Sängerkrieg, der um 1260 entstand. Wann alles dies miteinander verbunden wurde, wurde noch nicht ermittelt. An die beiden Hauptteile schlössen sich dann spätere Zusätze, Nr. III— VII, an. 3 Über den Stil und die Sprache (Mundart thüringisch), ebenso über die Metrik des Gedichtes gibt es noch keine Untersuchungen; es fehlt eben ein gereinigter Text. Lohengrin Lit.: Piper, Höf. Ep. 3, 56 f. 66 ff.; Panzer, Wolfram-Bibliographie S. 24 f. 28 f. — Ausg.: Heinr. Rückert 1858, dazu Bartsch, Germ. 3, 244-51; früherer Abdr.: Ferd. Gloekle, hgb. von Jos. Görres, 1813, dazu J. Grimm, Kl. Sehr. 6, 134-44. — Übers.: A. Junghans, bei Reclam. —Abh.: Rückerts Ausg. S. 224-63; Ad. Strack, Emil Oldenburg s. oben bei Wartburgkrieg.; Ernst Elster, Beitr. zur Kritik des Lohengrin I, Leipz. Diss. 1884, dazu Alw. Schmidt, DLz. 1885, 158, Cbl. 1884, 1528-30; die ganze Abh. von Elster: Beitr. 10, 81-194 Fr. Panzer, Lohengrinstud. 1894, dazu Golther, Lbl. 1895, 222, Kraus, ZföG. 48, 1-20 R. Heinrichs, Die Lohengrindichtung und ihre Deutung, 1905, dazu JB. 1905, 2. Teil S. 136 Golther, Der Lohengrin im Verhältnis zu den mittelalterlichen Kulturzuständen, Ges. Aufs S. 85-103 (geht von Wagners Lohengrin aus, s. auch ebda S. 104-10); Ders., Gralb. S.245-54 Ders., Parz. in der dt. Lit. 1929, 38 f.; Sparnaay, Verschmelz. legendär, u. weltl. Motive S. 135- 43; Werland, Die Lohengrinsage in der cleveschen Gesch., Der Türmer 2, 1926/27, 104-09; Dora Busch, Studien zum IL Teil des Lohengrin, ZfdA. 69, 305-320; s. LG. II, 2, Reg. S. 345. — Stellen: Jellinek u. Kraus, ZföG. 44, 688. 697 u. ö. — 3 Hss., 2 Bruchst.: Rückert, Ausg. S. 204 ff.; Bartsch, Germ. 7, 274 f.; Elster, Beitr. 10, 84; Panzer, Lohengrinstud. S. 5-11; Schnelbögl, Beitr. 54, 1-64; Wegener, Bilderhss. d. Heidelb. Univ. — Bibl. S. 83-85; s. auch unter Lorengel. 1 Thür. Herrenton: 2 Stollen zu je 4 Versen, Ausg. S. 224 ff.; Wilmanns, ZfdA. 28, 206ff.; Abgesang 8 Verse, durchgehends gekreuzte, Ders., Anz. 10, 326-31; Roethe, Reinm. stumpfe Reime; Klinsors Schwarzer Ton: S. 79 ff.; Strack, Oldenburg aaO. 2 Stollen zu je 3 Versen, ab stumpf, c klin- 3 So auch noch zwei Gedichte in Klinsors gend, Abgesang 4 Verse, ad klingend, bc Schwarzem Ton: „Gedicht auf den Zau- stumpf. Die erste Form nähert sich mehr dem berer Virgilius", hgb. Bartsch, Germ. 4, epischen Vortrag, die andere ist rein lyrisch. 237-40; und in derselben Hs. (Wiltener Hs.): 2 Die Geschichte der Forschung: Simrock „Der Hölle Krieg", hgb. Zingerle, ebda 6, S. 241-43; Piper S. 61-66. —Die Anordnung: 295^04, das an Str. 143 von V, Totenfeier, Simrock S. 243-71; Rückert, Lohengrin, anschließt. 80 Die erzählende Dichtung In engem Zusammenhang mit dem II. Teil des Wartburgkriegs, dem Rätselspiel, steht das in der gleichen Strophenform, im Schwarzen Ton, abgefaßte Epos Lohengrin (767 Strophen zu 10 Versen = 7670 Verse). Auch dieses Gedicht ist nicht einheitlich, jedoch bei weitem nicht so verworren wie der Wartburgkrieg. Es sind zwei Teile von zwei verschiedenen Dichtern 1 verfaßt: I. Str. 1-67, 2 in thüringischer Mundart; 2 davon sind Str. 1-30 dem Rätselspiel des Wartburgkriegs entlehnt und bilden eigentlich nur eine einleitende Vorerzählung; und zwar entspricht 3 Loh. Str. 1-8 = Wartb. Str. 29-36; Loh. 9-18 = Wartb. 105-14; Loh. 19-23 = Wartb. 75-79; Loh. 24-30 = Wartb. 83-88. Dann folgen in Loh. 31-67,2, die in Wartb. keine Entsprechung haben (doch Loh. 31, 8 = Wartb. 87, 5); hier erzählt Wolfram, wie Lohengrin von Artus zum Beistand der Elsam von Brabant ausgesandt ward. — II. Dann fährt der zweite Dichter fort (Loh. Str. 67, 3), ein Bayer, wahrscheinlich ein Ministeriale, und vollendet um das Jahr 1283-90 den großen Lohengrinroman bis zum Schluß. Den Kern dieses zweiten, bayerischen, Teils bildet die Geschichte von Lohengrin oder dem Schwanritter. 4 Vom Schwan nach Brabant geleitet, erweist er das Recht der Elsam durch Besiegung Friedrichs von Telramunt; dann wird die Übertretung des bekannten Frageverbots und die dadurch bewirkte Trennung berichtet. Die Erzählung von Lohengrin dem Schwanritter ist durch ermüdende Langwierigkeit und durch maßlose Erweiterungen — den üblichen Apparat von Kriegen und Festen — zu großem Umfang angeschwollen: nach der Hochzeit zieht Lohengrin, der Herzog von Brabant, im Heere des Königs Heinrich gegen die Ungarn, dann zur Hilfe des bedrängten Papstes gegen die Sarazenen nach Unteritalien. Nach Elsas Frage nimmt er Abschied von seinem Weibe und den zwei Söhnen. Später läuft die Erzählung in einen historischen Bericht über die sächsischen Kaiser von Heinrich I. bis Heinrich II. aus. Trotz dem märchenhaften Kern der Schwanrittersage stellt sich das Gedicht des bayrischen Verfassers als der Ausdruck einer unromantisch gewordenen Zeit dar; die Auffassung der Dinge ist realistisch, in der Welt der Wirklichkeit bewegen sich die Personen, in der Zeit Heinrichs I. spielen die Ereignisse. Da gibt es keine Wunderdinge wie im I. Teil, keine Riesen, Zwerge und Ungeheuer. Doch wird die Umwelt durchaus in ritterlichem Geiste erfaßt; in Kriegstaten und Festgeprängen, Heidenkämpfen und Bekehrungen erfüllt sich das Leben; und dies alles im Rahmen der Weltgeschichte. Ein Zeitbild der hohen Gesellschaft wird entfaltet, das Rittertum und die Geistlichkeit bilden die Spitzen der sozialen Ordnung. Der Schwerpunkt des poetischen Interesses liegt in der dem Dichter überlieferten Lohengrinsage; hier weiß er anmutig zu schildern, sogar ergreifende Töne anzuschlagen. Doch liegt seine Begabung mehr auf praktisch-realistischer Seite. Er besitzt Kenntnisse im Rechtsgebrauch, im feinen Hofton, in der Länderkunde, dagegen keine eigentlich gelehrte Schulbildung, Lateinisch und Französisch scheint er nicht gelernt zu haben. 1 Verfasser: RückertS. 257-63; Elster aaO. Strack S. 15 ff.; Elster S. 189-94. u. Festg. Sievers 1896, 252; Panzer, Lohen- 4 Siehe Konrad v. Würzburg, Schwanritter, grinstud. S.54-60; Kluckhohn, ZfdA.52,162. oben. — Der Rechtsstreit: Rich. Schröder, 2 Mundart: Elster, Beitr. 10, 111-20; ZfdA. 13,150 f. 156-61; Barto, s. oben, Wart- Traunwieser (s. unt.) S. 59-61; Zwierzina, burgkrieg. — Name: im Parz. u. im Wart- Anz. 26 Reg. S. 351 (bes. ZfdA. 44, 278. 388f.). burgkrieg: Loherangrin, im Epos: Lohengrin 3 Die Strophen im Wartburgkrieg u. Lohen- (Lohengarin); Etymologie: Loherain Garin, aus grin: Simrock S. 237-40. 266 ff.; Rückert Garin le Loherain (afrz. Chansons der Geste S. 232. 235; Rud. Schneider aaO.; Wil- des Loherains). Golther, Roman. Forsch. 5, manns, ZfdA. 28, 226 f. u. Anz. 10, 330; 1890, 103-36; Hertz, Parz. 2 S. 549. LOHENGRIN 81 Die Quelle 1 für die Lohengrinerzählung im Deutschen ist derselbe Abschnitt am Schluß von Wolframs Parzival (s. oben Konrads von Würzburg Schwanritter), auf dem die kurzen Andeutungen im Wartburgkrieg (Str. 83 -88 = Loh. Str. 24-30) und das Lohengrinepos beruhen. Wolfram überhaupt bildet das Vorbild und sprachliche Muster 2 wie für den Verfasser des Wartburgkriegs II so auch für den Dichter des Lohengrinromans, und zwar der Parzival für das Kernmotiv, die Lohengrin-Schwanritter-Sage; der Willehalm dagegen für die Erweiterungen, die Heidenkämpfe. Das Ganze ist gewissermaßen eine Verbindung vom Parzivalschluß mit dem Willehalm. Auch der jüngere Titurel hat viel beigesteuert. Für längere historische Strecken des II. Teiles hat sich der bairische Verfasser an die Repgauische Chronik (die koronic 2622. 7342. 7411. 7469) gehalten. 3 Aus dieser entnahm er die Gestalt Kaiser Heinrichs I. und dessen Ungarn- und Sarazenenkriege. 4 Der Grundgedanke ist der Sieg des Christentums über das Heidentum, und in diesem Zusammenhang geht eine historische Linie vom Rolandslied, das Karls des Großen Sieg über die Heiden in Spanien und die Heldentaten Rolands besingt, über Wolframs Willehalm, den Befreier Südfrankreichs von den Heiden, zu dem Lohengrinepos, in dem die Heidensiege deutscher Kaiser mit Lohengrin als Helden dargestellt werden. Daran schließen sich dann in der mittelhochdeutschen Literaturgeschichte die eigentlichen Kreuzzugsepen, deren Schauplatz der Orient ist, wie des Landgrafen Ludwigs Kreuzfahrt. Nun ist der Lohengrinroman, so wie er vorliegt, nicht unmittelbar aus Wolframs Parzival und den betreffenden Strophen des Wartburgkriegs hervorgegangen, sondern es ist, wie besonders eine Beiziehung des „Lorengel" zu erkennen gibt, eine alte Loherangrindichtung vorauszusetzen, die — im Wartburgkrieg unvollständig überliefert — im Lohengrin bis 62, 2 reicht und mit dem Artuskreise verknüpft war. Im 15. Jahrhundert wurde das alte Gedicht von Loherangrin wiederum bearbeitet, diesmal in meistersingerischem Stil, aber ebenfalls im Schwarzen Ton, und durch nicht dazu gehörige Zutaten erweitert (207 Strophen sind erhalten). 5 Der Name des Helden ist hier abgewandelt in Lorengel. Das Gedicht zerfällt in drei Teile: I. Str. 1-59,5 entspricht Str. 30-67 des Lohengrin mit starken Abweichungen. II. Str. 59, 6-86 ist ein fremder Einschub, der vermutlich einem selb- 1 Quellen: Rückert S. 228-57; Elster aaO. 10, 111-19; O.Busch, Reimuntersuchungen (Beitr. u. Sievers-Festschr.);* Panzer, Lohen- z. Loh., Heidelb. Diss. 1922. grinstud. S. 21-53; John Meier, Der Schluß- 3 Siehe ob. Anm. „Quellen". Die entsprechenabschnitt des Loh. u. s. Quelle, Beitr. 18, den Stellen des Loh. sind abgedruckt bei 402-06; Singer, Wolframs Stil S. 122; Spar- Massmann, Kaiserchron. 3, 191-215. naay aaO.; Golther, Gralb. S. 245-49. 4 Hierzubes.PANZER,Lohengrinstud.S.21-53; 2 Stil: Elster, Beitr. 10, 102-10; Joh. die Gründe, die den Dichter gerade für Heinr. I Traunwieser, D. mhd. Dichtg. Loh. „eine als Leiter der Ereignisse bestimmten, s. S. 52. Mosaik aus Wolfr. v. Esch.", Progr. Mährisch 6 Ausg.: Steinmeyer, ZfdA. 15, 181-244, Trübau 1885; Panzer, Lohengrinstud. S.34ff.; dazu 17, 389 (s. Piper, Höf. Ep. 3, 68 f.). — L. Textor, Untersuch, üb. d. Sprachgebrauch Abhandl.: Elster, Beitr. 10, 121-88 u. Festim Loh., Greifsw. Diss. 1911; Brinkmann, sehr. Sievers 1896, 252-76; Panzer, Lohen- Wesen u. Form S. 7. 145. — Metrik, Versbau grinstud. S. 12-20; Golther, Gralb. S.250f.— u. Reim: Rückert S. 263-73; Elster, Beitr. lHs.u. 1 Bruchst., Steinmeyer aaO. S. 231 ff. 6 Deutsche Literaturgeschichte IV 82 Die erzählende Dichtung ständigen Gedichte entnommen ist: Lohengrin landet mit dem Schwanenschiff in Antorf (Antwerpen), ein dortiger Bürger nimmt ihn freundlich auf, und ein vornehmer Ritter, Waldemer, erzählt ihm von Etzels Zug an den Rhein, nach Köln, wohin ihn ein mächtiger Graf aus Rache gegen die Kölner gerufen habe. Eine große Hunnenschlacht findet statt, wobei die 11000 Jungfrauen erschlagen werden. Darauf folgt eine Lücke von drei Blättern in der Hs. III. Str. 112-207 (Schluß): die Geschichte Lohengrins, bzw. hier Lorengels, die im Teil I begonnen war, wird zu Ende geführt in einer von dem Roman Lohengrin unabhängigen Fassung. Den Lohengrinroman hat Ulrich Füetrer umgearbeitet und seinem Buch der Abenteuer einverleibt. 1 e) AUSKLANG DES HÖFISCHEN EPOS IM SPÄTEREN 13. JAHRHUNDERT UND ANFANG DES 14. JAHRHUNDERTS Schlössen sich die Fortsetzer und Nachahmer Wolframs und Gotfrids unmittelbar an die großen Vorbilder an, so gingen zeitlich Epigonen nebenher, die sich verschiedenartigen Stoffgebieten zuwandten. 2 Der gesteigerte historische Sinn legte es nahe, die Taten geschichtlicher Persönlichkeiten vorzuführen. Ulrich von Eschenbach Ulrich von Eschenbach ist geboren in Böhmen und lebte am Hofe des Königs Wenzel II. (regierte 1278-1305); für den böhmischen Hof verfaßte er zwei Werke, den Alexanderroman und den Wilhelm von Wenden. Mit dem großen Wolfram stand er in keinen Familienbeziehungen; im Wilhelm von Wenden 2655 f. spricht er über seine dürftigen Vermögensverhältnisse. Er besaß Lateinbildung und zitiert, freilich nur um zu paradieren, lateinische Autoren. Alexandreis Lit.: Piper, Höf. Ep. 3,40-55. — Ausg.: Wendelin Toischer, Alexander von Ulr.v.Eschen- bach, LitVer. 183, 1888. — Abh.: Toischer, Über die Alexandreis Ulrichs v. Eschenbach, Wiener SB. 97, 1881, 311 ff., dazu Strauch, Lbl. 1881, 278-80, Osw. Zingerle, Anz. 7, 334 f.; Hans Paul, Ulr. v. Eschenbach und seine Alexandreis, Berl. Diss. 1914, dazu Golther, Lbl. 1916, 293 f. — Einzelnes und Stellen: Jellinek, Beitr. 15,432-35; Jellinek und Kraus, ZföG. 44, 691 u. ö.; Strauch, Enikel S. 276 Anm. 343; H.-Fr. Rosenfeld, Herzog Ernst u. Ulr. v. Eschenbach, Pal. 164, 1929, dazu Steinger, Teuthonista 8, 1932, H. 1 2; Rosenfeld Neophilol. 12, 173-86; Ders., Zum Alexander-Anhang Ulr. v. Eschenbach, ZfdA. 68, 275-83; Ders., Der Kreuzfahrerdichter und Ulr. v. Eschenbachs Anhang zum Alexander, ZfdPh. 56, 395^110; F. Repp, Der Anhang zu Alexander des Ulr. v. Eschenbach, ZfdA. 68, 33-66; Herm. Meier, Zum Reimgebrauch im Herz. Ernst Du. bei Ulr. v. Eschenbach, Marb. Diss. 1930, dazu Maurer, Lbl. 1930, 426-31; Arendt, Der Riese S. 5 ff.; Elisabeth Grammel. Stud. über den Wandel des Alexanderbildes in der dt. Dicht, des 13. Jh.s, Frankf. Diss. 1931, 88-111; Ulrich Johannsen, Die alttschechische Alexandreis im Verhältnis zum Gualtherus, Münch. Diss. 1932; Lichtenberg, Architekturdarstellung S. 52-56. 108. — 15 Hss. u. Bruchst.: Toischer, Ausg.; Piper S. 40-42; Toischer, Wilh. v. Wenden S. XII. 1 Panzer, Lohengrinstud. S. 11; Ders., Mer- in Deutschland vom 13. zum 14. Jh., GRM. lin u. Seifrid de Ardemont S. CHI ff. 11, 1923, 321-36. 2 Fritz Karg, Die Wandlungen des höf. Epos Ulrich von Eschenbach 83 Die Alexandreis (etwa 30000 V.) ist Wenzel II. gewidmet (V. 27730 ff.) und wurde etwa 1287 vollendet, aber schon zu Lebzeiten Ottokars (f 1278) waren größere Teile geschrieben, und eigentlich wurde das Gedicht zu Ehren Ottokars unternommen; in der Gestalt des großen Helden aus dem Altertum wird der große Böhmenkönig verherrlicht. Die Anregung zur Behandlung des Stoffes hat Ulrich von dem Erzbischof Friedrich II. von Salzburg erhalten. Als Quelle gibt er selbst die (glossierte) Alexandreis des Gualtherus de Castellion (LG. II, 1, 247) an, so in der Einleitung 155 ff., am Schluß 27597ff. und öfters im Verlauf des Gedichtes (Meister Walther, (meister) Gualtherus) ; dazu benutzte er auch die Historia de preliis („historia"). Das Werk ist in zehn Bücher geteilt, deren jedes in sich durch eine einleitende, meist (außer B.V) religiöse Betrachtung und (außer B.VIII) die Abschlußworte abgegrenzt wird. Ein XL Buch, eine Allegorie über Alchymie und Nekromanzie, ist nachträglich angefügt und nur lose mit der Gestalt Alexanders verbunden. Die rein historische Erzählung des Gualtherus hat Ulrich durch ritterliche und Minneszenen, Beschreibungen von Festen und Rüstungen, durch Ausstaffierung mit abenteuerlichen Phantasiegebilden wie Drachen und Meerfrauen (Zwerg Antiloie, s. unter Rudolf von Ems) in einen Ritterroman umstilisiert. Er will aber nicht bloß unterhalten, sondern anspornen und auch religiös erbauen, und in den Heroismus des antiken Romans wird so, dem mittelalterlich-christlichen Empfinden entsprechend, eine gefühlsweiche Stimmung hineingetragen. Literarisch ist er besonders von Wolfram abhängig, den er oft nennt und aus dessen Parzival und Willehalm er Szenen und Muster für Personen entnommen hat. Auch Ulrichs von dem Türlin Willehalm hat er stark benutzt und kannte Hartmann, Wirnt, Reinmar von Zweter und Winsbeke* In Stil und Versbau ist Ulrich ein gründlicher Nachahmer Wolframs, ohne in übertreibende Manier zu verfallen. Metrik und Reimbindung sind glatt ohne Uberkünstelung. 2 Wilhelm von Wenden Ausg.: W. Toischer, 1876, dazu Martin, Anz. 3, 107-18, Kinzel, ZfdPh. 8, 349-52, Steinmeyer, Jenaer LitZtg. 1876, 752. — Abh.: E. Jahnke, Studien z. Wilh. v. W., Gott. Diss. 1903; J. Loserth, Die geschichtl. Momente in d. Ged. U.s v. Eschenb.; Wilh. v. Wenden, Mitt. d. Ver. f. Gesch. d. Deutschen in Böhmen 21, 1883; Sparnaay, Verschmelzung legendär. 1 Parallelen: Toischer, Ausg. S. 351 ff.; Progr. Prag 1888, dazu Weinhold, ZfdPh. 21, Jahnke (s. unt.) S. 33 ff. 65 ff.; Paul S. 161 254, Behaghel, Lbl. 1890, 136; Bernt, Heinr. -63; Wilhelm, Beitr. 34, 193 f. — Bernt, v. Freiberg, Reg. S. 272; Zwierzina, Anz. 26 Heinr. v. Freiberg, Reg. S. 272; in Reinbots Reg. S. 348. 27 Reg. S.343. — Das mittel- Georg s. unt.; in Ulrichs v. d. Türlin Willeh. s. deutsch Mundartliche der böhmischen Hei- Singer, Ausg. S. LVII-LIX; ein Schüler von mat Ulrichs tritt deutlich zutage. — Stil im Paris: Rosenfeld, Novellenstud. S. 196 f.— Alex.: Brinkmann,- Wesen u. Form S. 96. Einige Episoden aus Ulrichs Alex, sind im 138 f.; im Wilh. v. Wenden: Kinzel, ZfdPh.8, tschechischen Alexanderlied aufgenommen: 351 f.; Jahnke II, ebdaMetrik S. 66 f.; Herm. K. W. Titz, U. v. E. u. d. Alex, boemicalis, Meier, Zum Reimgebrauch im Herz. Ernst D Progr. Prag 1881, dazu Steinmeyer, Anz. 7, u. bei Ulr. v. Esch., Marburg. Diss. 1930, dazu 334 f., Behaghel, Lbl. 1881, 263. Rosenfeld, Anz. 49, 126-29, Maurer, Lbl. 2 Toischer, Üb. d. Sprache U.s v. Esch., 1930, 426-31. 6« 84 Die erzählende Dichtung u. weltl. Motive aaO. S. 125-34; Strauch, Beitr. 43, 549; H.-Fr. Rosenfeld, Neophil. 12, 1927, 173-86; Käthe Leonhardt, Quellengeschichtl. Untersuchungen zu Wilh. v. Wenden des U. v. E., Tüb. Diss. 1932; Käte Iwand, Epenschlüsse S. 51 ff.; Eigenbrodt, Gute Frau S. 1. — 2 Hss.: Toischer S. I-XII; Hans Paul, ZfdA. 55, 349-72; Rosenfeld aaO., ebda eine verlorene Hs. Ist in der Alexandreis das Geschichtliche stark ritterlich-romanhaft gefärbt, so hat der um 1290-97 verfaßte Wilhelm von Wenden (8-9000 V.) eine sagenhafte Grundlage, die an die Geschichte angeknüpft wird, und zwar zur Verherrlichung Wenzels II. und dessen Gemahlin Guta (yrouwe Guote 4328, im Roman trägt sie den lateinisch übersetzten Namen Bene). Der Eingang V. 1-291, die Vermählung Wilhelms, gibt ein Stück böhmischer Hofgeschichte; das Ganze ist dann in eine geschichtliche Perspektive gestellt, und die Bekehrung Wilhelms und des Wendenlandes (Böhmens) zum Christentum wird als zeitlicher Hintergrund benutzt. 1 Um Christi willen geht Wilhelm mit seiner Frau auf die Pilgerschaft; ihre Erlebnisse sind ähnlich jener der guten Frau; sie bestehen in der Trennung zusammengehöriger Familienglieder voneinander, Wilhelms, der Mutter, der beiden Söhne, und in ihrer schließlichen Wiedervereinigung. Nach weiser Regierung gehen endlich Wilhelm und seine Gattin ins Kloster. Den legendarischen Grundstoff hat ein „Predigerbruder aus Wendenland" gesandt, „Meister Heinrich der ivalch" hat dem Dichter den Auftrag zur Abfassung gegeben. Die an die böhmische Geschichte angeknüpfte Legende scheint demnach mündlich unter der wendischen, slawischen Geistlichkeit umgegangen zu sein. 2 Die ursprüngliche Quelle der Sage war noch ohne böhmischen Einschlag und bestand jedenfalls in einem böhmischen Buch, das mit dem Guillaume d'Angleterre Chrestiens verwandt, aber nicht identisch war. 3 Von dem Gedicht von der guten Frau unterscheidet sich Ulrichs Werk wesentlich in der ethischen Haltung: dort herrscht eine nutzlose Askese, die nicht zu innerer Läuterung dient und ein Elendsleben ohne moralischen Wert bewirkt, hier im Wilhelm von Wenden dagegen ist alles getragen von dem großen Gedanken einer Weltanschauung, die im Christentum eine Erhöhung zu neuem Leben erkennt. In der Alexandreis 25100 ff. beruft sich Ulrich auf „herzogen Ernstes buoch", und eine überaus große Anzahl gleicher Stellen sowohl im Alexander als im Wilhelm von Wenden sowie auch Stil und Verskunst zeigen solche Übereinstimmung mit diesem Werke, daß an einer Identität der Verfasserschaft wohl nicht mehr gezweifelt werden kann, d.h. es kann für erwiesen gelten, daß Ulrich von Eschenbach auch den Herzog Ernst D gedichtet hat. Und zwar liegt dessen Entstehungszeit zwischen Alexandreis und Wilhelm von Wenden. 4 1 Religiöses:RosENFELDaaO.;Toleranz:NAU- S. 165 f.; Golther, Lbl. 1916, 294; Singer, mann, Festschr. Ehrismann S. 95. Wolfr.s Stil S. 112. 125; Sparnaay aaO.; Ro- 2 Paul, ZfdA. 55, 363 V. 85; Ders., Berl. senfeld aaO. S. 185. — Zur Verwandtschaft Diss. S. 28. mit der Eustachiuslegende u. der Geschichte 8 Wie man früher annahm: Toischer, Ausg. von Guido u. Tyrius der Gesta Romanorum s. S. XIV ff.; Jahnke aaO.; s. auch Wendelin Sparnaay S. 128 ff. — Siehe ob. Die gute Foerster, Wilhelmsleben, in: Kristian von Frau. Troyes Sämmtl. Werke IV, .1889, S.CLXXVI 4 Den Nachweis dürfte wohl endgültig Ro- u. Textausgabe 1911. —Dagegen: Paul, Diss, senfeld geliefert haben: Herz. Ernst D u. Alexander und Antiloie — Landgraf Ludwigs Kreuzfahrt 85 Alexander und Antiloie Lit.: Piper, Höf. Ep. 3, 85. — Abgedruckt: Haupt, Ad. Bl. 1, 250-66; ein kleines Bruchst. von Pfeiffer, ZfdA. 5, 424-26; Abdr. der Fassung in Ulrichs v. Eschenbach Alexandreis: Zingerle, Germ. 18, 220-33. — Abh.: Scherer, ZfdA. 15, 149; W. Hertz, Ges. Abh. 1905 S. 95; Toischer, Über Alexandreis (s. oben) S.82f.; Schneider, Wolfdietr. S. 272. — Hss.: Zingerle S. 220-22. Alexander begegnet auf einem Ausritt dem Zwergkönig Antiloie. Dieser rät ihm, andere Hofbeamte zu nehmen an Stelle seiner jetzigen ungetreuen Ratgeber. Alexander läßt zu Pfingsten ein Fest abhalten, bei diesem versetzt der Zwerg, ohne gesehen zu werden, einem nach dem andern jener Elenden eine Tracht Prügel und leistet dem großen König, indem er ihn seine Umgebung kennen lehrt, einen guten Dienst. Eine Zwergsage ist hier lehrhaft verwendet; das kleine Gedicht (mitteldeutsch, 516 V.) gibt selbst seinen Zweck, eine Warnung vor dem ränkevollen Hofgesinde zu sein, im Prolog an. Dieses Thema war ein beliebter Gemeinplatz der Spruchdichtung und der Unverzagte 1 (um 1270/80) beruft sich geradezu auf Anteloye. So mag der spielmännische Schwank in die Jahre 1260-70 gehören. Das Motiv des Gedichtes von Antiloie ist später in das Kostüm der Artusdichtung gekleidet worden: aus Antiloie ist der Zwergkönig Antelan 2 geworden, der Parzefal und zwei andere Artusritter niedersticht. Statt der Höflinge Alexanders sind also jetzt die gefeierten Helden des Artushofes die Geprellten. Die „Abenteure" vom König Antelan ist in einer Sammlung von Heldengedichten des 15. Jahrhunderts im Hildebrandston (33 Strophen) erhalten, eine ursprünglichere Form mag aber an das Ende des 13. Jahrhunderts oder in das 14. Jahrhundert hinaufreichen. Landgraf Ludwigs Kreuzfahrt Ausg.: Hans Naumann, Mon. Germ, hist., Dt. Chroniken des MA.s IV. Bd. 2. Abt., 1923 (bes. wertvolle Einleitung, mit Lit. [S. 180 ff.]), dazu Schröder, Anz. 43, 130-33 u. ZfdA. 63, 222 f., Baesecke, DLz. 1924, 902 f., König, Hist. Jahrb. 44, 144. — Abh. (die wichtigsten): Kinzel, D. Ged. von des Landgrafen Ludwigs Kreuzfahrt nach Sprache und Kompos., ZfdPh. 8, 379-419; Röhricht, Hist. Erläuterungen, ebda S.419-46; H. Jantzen, Unters, über die Kreuzfahrt Ludw. d. Fr., ZfdPh. 36, 1-57; nach Naumanns Ausg. erschienen: Schneider, Kreuzzugslit., Reallex. 2, 134 f. — Stellen: Littmann, ZfdA. 63, 217-19; Hübner, ebda 219-22; Schröder, ebda 222 f. — 1 Hs., Naumann S. 179f.; Jantzen S. 2-4; Friedr. Repp, Zur Kreuzf. V. 544 ff., Anz. 51, 155 f. Ein wenig jüngerer Zeitgenosse Ulrichs von Eschenbach verarbeitete einen mittelalterlichen historischen Stoff mit ritterlich-höfischer Färbung zu einer Geschichtsdichtung: Die Kreuzfahrt des Landgrafen Ludwigs des Frommen von Thüringen. Der Verfasser nennt seinen Namen nicht, aber aus einigen Andeutungen ergibt sich, daß er für den Herzog Bolko I. von Schweidnitz-Jauer (V. 5573, dazu V. 4 ff.) dichtete und wahrscheinlich Geistlicher (verschiedene Bemerkungen über priesterliche Befugnisse) an dessen Ulr. v. Eschenbach, Pal. 164, 1929, dazu f. Gesch. d. Deutschen in Böhmen, Jahrg. 65, Maurer, Lbl. 1930, 426 ff. — Die Lit. über 1928, Heft 3/4. — Siehe LG. II, 2, 52 f. die vielumstrittene Verfasserfrage s. daselbst x MSH. III S. 44 Str. 4. S. 1-3. Siehe auch Fr. Repp, Mitteil. d. Ver. 2 Scherer, ZfdA. 15, 140-49. 86 Die erzählende Dichtung Hofe, vielleicht Hofkaplan war. Im Jahre 1301 hat er sein Werk, das einzige höfische Epos in Schlesien, zu Ende gebracht. Vorher hatte er sich auch am böhmischen Hofe in Prag bei Wenzel II. aufgehalten (Lobrede auf die böhmischen Könige 5411-5576); da wird er mit Ulrich von Eschenbach zusammengetroffen sein, durch welchen sein Gedicht stark beeinflußt ist. Zu Hause war er im Troppauer Lande (5564. 5706) } Das Gedicht (8176 V.) gibt zunächst eine gedrängte Geschichte des heiligen Landes von der Königswahl Gottfrieds von Bouillon (Gotfrit v. Lutringen) an bis zur Eroberung Jerusalems durch Saladin, worauf dann der Hauptteil (515), der Kampf um Akkon (Akers), einsetzt. Da kommt der Landgraf Ludwig an (613), später auch Kaiser Friedrich (3559). Die Christen belagern die Stadt, müssen sich aber zugleich auch gegen den zum Ersatz gekommenen Saladin verteidigen. Unter den Helden, die in langen Reihen aufgezählt werden, zeichnet sich besonders der Landgraf Ludwig aus. Er befreit den Kaiser von dem ihn schwer bedrängenden Sultan (7300 ff.), wird durch einen Wurf aus der belagerten Stadt verwundet und stirbt an dieser Verletzung (8087). Seine Gebeine und sein Herz werden in die thüringische Heimat gebracht. Die Grundlage der Erzählung, die Belagerung Akkos 1189 und der Tod des Landgrafen Ludwig 1190, ist historisch, 2 aber die Geschichtskenntnis des Verfassers ist gering, und kritiklos bringt er viele Irrtümer und Verwechslungen herein. So wird der Landgraf Ludwig III. der Fromme (1272-90) mit Ludwig IV. dem Heiligen (1217-27), der Kreuzzug von 1189/90 mit dem von 1227/28 zusammengeworfen, Barbarossa, der in Kleinasien ertrank und Syrien gar nicht erreichte, soll an der Belagerung Akkos teilgenommen haben. Die Überlieferung, aus der der Dichter schöpfte, war ungenügend. Bis V. 565 hat er lateinische Quellen benutzt, dann aber baut er seine Erzählung auf Berichten von Gewährsmännern, deren er eine Reihe aufzählt, auf oder er läßt überhaupt seine eigene Phantasie spielen. Die höfische Gesellschaft, für die das Gedicht bestimmt war, muß recht anspruchslos gewesen sein, denn der Verfasser ist völlig ungewandt im sprachlichen Ausdruck. Über die Gesetze des Satzbaus setzt er sich gern hinweg, wenn er nur einen Reim zustande bringt, und dazu boten sich ihm am einfachsten die leicht zu bindenden Formen der Pronomina wie mich, dich, sich, in, sie, die u. dgl. Er hat keinen Stil; seine Schreibweise ist entweder Wortrohstoff, oder sie besteht aus, besonders von Wolfram, von Ulrich von Eschenbach, dem jüngeren Titurel und von Herzog Ernst D, 3 entlehnten Worten und Wendungen. Seine höfischen Bestrebungen kommen auch in der Sprache zur Geltung, indem er seine schlesische Mundart zugunsten des Gemeinmittelhochdeutschen zurücktreten läßt. Eines hat er mit Erfolg aus Wolframs Willehalm und Ulrichs beiden Epen gelernt: dem Religionskriege ein tiefes Ethos zu verleihen, und zwar durch die Toleranz gegen die Heiden 4 und die 1 Naumann S. 191-99 (wo auch die frühere S. 351. 27 Reg. S. 347. — Metrik: Naumann Lit.); u. ZfdPh. 49, 78-82. S. 190-93; Kinzel S.417 f.; Jantzen S.47-53. 2 Lit.: Naumann S. 182 f. 4 Naumann S. 199 u. Festschr. Ehrismann 3 Stil: Naumann S. 190-93 und in den Anm.; S. 94 ff. — Er preist Wolframs sü^e rede 955 Jantzen S. 17-46. — Mundart: Naumann u. zitiert eine Stelle des Willeh. 1796 ff. S. 183-90. 195; Zwierzina, Anz. 26 Reg. Reinfrid von Braunschweig 87 Anerkennung ihrer Ritterlichkeit, welche durch ihren Minnedienst, die Amurschaft, noch besonders verfeinert erscheint. Reinfrid von Braunschweig Auf sagenhafter Grundlage beruht dieser höfische Abenteuerroman. Lit.: Piper, Höf. Ep. 3, 344-74; Koberstein l 6 , 188 A. 16-18. — Ausg.: Bartsch, LitVer. 109, 1871; früherer Auszug: Gödeke, Arch. d. hist. Ver. f. Niedersachsen 1849, 172-281 u. SA. 1851. — Abh.: Jänicke, Zur Kritik des R. v. Br., ZfdA. 17, 505-18; K. Eichhorn, Reinfriedstudien I. II, Progr. Meiningen 1892; Paul Gereke, Stud. zu R. v. Br., Beitr. 23, 358-483. — Baechtold, LG. S. 134-38 u. Anm. S.39f.; Singer, LitGesch. der dt. Schweiz S.21. 48; Ders., Die Schweiz im dt. Geistesleben S. 77. 184. — Textkrit. Stellen: Jänicke aaO.; Leitz- mann, Beitr. 47, 142-52. — 1 Hs.: Bartsch S. 804 ff.; Schröder, ZfdA. 64, 316. In dem Helden und seinen Schicksalen lebt Heinrich der Löwe von Braunschweig fort samt der auf ihn übertragenen Sage, 1 welche sich auf der Geschichte von dem treuen Löwen (bekannt aus dem Iwein [LG. II, 2, 180]) und der weitverbreiteten Heimkehrsage (LG. II, 1, 298) aufbaut. Das historische Ereignis, an das die „Braunschweigsage" anknüpft, ist die Kreuzfahrt Heinrichs des Löwen im Jahre 1172. 2 Wie diese Sage dem Verfasser des Reinfrid bekannt wurde, geht aus dem Gedicht nicht hervor, er mag seinen Stoff aus einem verlorenen Gedicht geschöpft haben, dessen Held Heinrich der Löwe war und das er zu einem ritterlichen Liebes- und Abenteuerroman ausarbeitete. Jedenfalls hat er das ihm Überkommene durch eigene Zutaten bedeutend erweitert (sein Werk umfaßt, ohne vollendet zu sein, 27627 Verse). Der Inhalt zerfällt in zwei Teile: I. V. 65—etwa 14759: Der junge Herzog von Braunschweig erringt durch einen Zweikampf die Königstochter von Dänemark. Dann unternimmt er im Traum, von der Gottesmutter dazu aufgefordert, eine Fahrt übers Meer gegen die Heiden. II. V. etwa 14760-Schluß: die Braunschweigsage. Vor der Abreise zerbricht der Fürst einen Ring und gibt die eine Hälfte seiner Gemahlin mit dem Bedeuten, wenn er aus der Fremde die andere Hälfte schickt, so sei dies ein Wahrzeichen seines Todes. Dann folgen nach der Abreise (15132) die Kämpfe gegen die Heiden und die Fahrt zu den wunderbaren Geschöpfen des Morgenlandes, Greifen, Riesen, Pygmäen, Einfüßler, Hundsköpfe usw. (aus dem Herzog Ernst). Endlich sehnt sich der Held nach seiner Frau zurück (27147) Inmitten des Berichts von den Abenteuern der Rückfahrt bricht das Gedicht ab. Es fehlt die Löwengeschichte und ein der Heimkehrsage entsprechender Abschluß. Der Dichter nennt seinen Namen in dem erhaltenen Text nicht, seinen Dialekt nach war er ein Schweizer aus der Bodenseegegend und lebte wohl in bürgerlichen Verhältnissen (V. 2864-69. 12820-27). Den Reinfrid dichtete er noch in jüngeren Jahren (V. 2869), um 1300, jedenfalls nach 1291, denn er erwähnt die Eroberung von Akkon (im Jahre 1291, V. 17980). Er war ein 1 Sage: Br. Grimm, Ad. Wälder 2, 89-95. der, Wolfd. S. 32. 229. 274 f.; Ders., Reallex. 185-87; Uhland, Schriften 4,286 ff. 8, 397-99. 2, 136; Naumann, Höf. Kultur 1929 S. 60. — 419 ff.; Bartsch, Herzog Ernst S. CVII- Bolte-Poli'vka 3, 412. 522; Arendt, Der CXXXIX; Walter Seehaussen, Michel Wys- Riese S. lOf. 89f. — Lit. s. LG. II, 1, 298 senherres Ged. ,Von dem edeln hern von Bru- Anm. 7. II, 2, 56 Anm. 5; s. unten Heinr. v. neczwigk'... u. die Sage von Heinr. d. Löwen, Morungen (Moringersage). Germ. Abh. 43, 1913, 116-41, bes. S. 34 ff.; 2 Die in dem Gedichte durchblickenden ge- Jänicke, Dt. Heldenbuch IV S. XLIV; P. schichtl.Bestandteile sind gering; s. Paul Zim- Hagen, Der Gral, QF. 85,1900,17ff.; Schnei- MERMANN,Germ.31,151-63; Seehaussen aaO. 88 Die erzählende Dichtung kenntnisreicher Mann, der Schulbildung besaß, in der deutschen höfischen und Heldenepik, in klassischer und mittellateinischer Literatur belesen war. Er kannte Hartmann, Wolfram, Gotfrid, Wirnt, Rudolf von Ems, den jüngeren Titurel, aber am stärksten stand er unter der Führung Konrads von Würzburg, 1 dessen Stil 2 er sich zu eigen gemacht und dem er eine Masse einzelner Kunstgriffe und Wendungen, auch Motive entlehnt hat. Der Versbau 3 ist ziemlich regelmäßig. Den großen Umfang, auf den er sein Gedicht gebracht hat, erreicht er durch eine gewisse Redseligkeit, die mit ein und demselben Gedanken nicht fertig werden kann. So wird die Darstellung schleppend und ermüdend. Dazu erweitert er den Grundstoff gern durch ausführliche Schilderungen, Stimmungsergüsse, gelehrte Beiziehungen, und vor allem ist seine Ausdrucksweise an sich breit und wortreich. Darin erweist sich der Reinfrid als echtes Epigonenwerk, daß es vom Stoffhunger diktiert ist. Aber der Dichter selbst geht nicht im Äußerlichen auf, er hat moralische Zwecke, der Held ist als Musterideal aufgestellt, zur fejje- runge der Herren 90-93. Und er besitzt eine feste Anschauung vom Verhältnis des Menschen zu Gott: gotes Ion, der weite heil (V. 6), die ere ist der Weg zu Gottes Huld (V. 24 ff. 41-43), der Held hatte immer Gott vor Augen (V. 124 ff.). Aber es fehlt die dichterische Phantasie und damit die Fähigkeit, diese Grundsätze in seinem Werke symbolisch werden zu lassen; er bringt es bloß bis zum Schelten über die Unmoral. Bei den Zeitgenossen und in der Folge fand das Gedicht nur geringe Aufnahme, 4 der anziehende Stoff der Sage aber hat mehrfach literarischen Niederschlag gefunden: außer im Reinfrid noch in Michel Wyssenherres Gedicht, 5 in drei Gedichten von Hans Sachs, in einem von Heinrich Göding (1585), welches später in Prosa gedruckt wurde [Volksbuch] und in dem in zwei gleichartigen Fassungen erschienenen tschechischen Volksbuch. 6 Das Feenmotiv war schon Ausgangspunkt für die Erzählung im Lanzelet und Wigalois gewesen, und am Ende des Jahrhunderts griff man wieder auf Märchenstoffe zurück. Hierdurch schließt sich eine zweite Gruppe dieser Spätromane zusammen. Gauriel von Muntabel von Konrad von Stoffeln Dieser Roman setzt sich ganz aus überkommenen Motiven zusammen. 1 Die Kenntnisse des Dichters u. Parallel- czwigk, als er über merfäre von Michel Wyssen- stellen: Gereke S. 358^49; Reinfrid und herre (Name am Schluß Str. 98). Um 1470 im Gauriel: Anz. 30, 94. südl. Rheinfranken verfaßt; 98 siebenzeilige 2 Stil: Jänicke aaO.; Singer, Schweizer- Strophen. Hgb. Walther Seehausen, Michel deutsch 1928, 124 f. Wyssenherres Ged. „Von dem edeln hern...." 3 Metrik: Jänicke aaO.; Kraus, ZfdA. 56, u. die Sage von Heinr. d. Löwen, Germ. Ab- 56 f.; Wahnschaffe, Enjambement pass. handl. H. 43, 1913 (s. LG. II, 2, 56 f. u. 56 4 Sage vom Zauberer Zabulon im Wartburg- Anm. 5). kriege s. ob.; Anklänge in der Novelle vom 6 Andere Bearbeitungen s. Bartsch, Herz. Schüler vom Paris: H.-Fr. Rosenfeld, No- Ernst S. CXXI f., Reinfrid-Ausg. S. 812; vellenstud. S. 194-96. 268. Goedeke aaO. SA. S. 75 ff.; Seehausen aaO. 6 Das buch von dem edeln hern von Brune- S. 34-73. Gauriel von Muntabel — Peter von Staufenberg 89 Lit.: Piper, Hof. Ep. 2, 388-97. — Ausg.: Ferd. Khull, 1885, dazu Steinmeyer, Anz. 12, 261-65, Strobl, DLz. 1886, 369. — Abh.: L. Fränkel, ADB. 36, 316 f.; Panzer, Merlin u. Seifr. v. Ardemont usw. S. LXXXVI-LXXXIX; E. v. Roszko, Progr. Lemberg 1903, dazu Ehrismann, Anz. 30, 87-97; K. Deck, Unters, über G. v. M., Straßb. Diss. 1912. — 2 Hss. u. 1 Brachst., Steinmeyer aaO., Roszko S. 4-11, Deck S. 1-22. Der in den Hss. überlieferte Text enthält Interpolationen. Vom Verfasser ist nicht einmal der Name gesichert, denn die Angabe am Schluß der einen Hs.: von Stoffel maister Cuonrat hat daj buochgetickt (Khull S. 158) rührt nicht vom Dichter her. Immerhin mag er dem auf Hohenstoffeln im Hegau, nordlich des Bodensees, ansässigen freien Geschlechte dieses Namens angehört haben. 1 Er hat keine fremde Vorlage gehabt, sondern sein Gedicht aus bekannten Motiven aus seiner Lektüre zsammengetragen, besonders aus Hartmann (Iwein), auch aus dem Lanzelet, dem Wigalois und dem Pleier. 2 Schon die Bezeichnung des Helden als „Ritter mit dem Bocke" ist Hartmanns „Ritter mit dem Löwen" nachgeahmt: Der Held hat auf seinen Fahrten einen Bock zum Begleiter. Dem Roman (4172 V. ohne die zahlreichen Interpolationen der Handschriften) liegt eine klare Disposition zugrunde. Gauriel besitzt die Liebe einer Königin, die war eine gotinne. Er verliert ihre Huld, weil er das Geheimnis ihrer Minne verraten und einer anderen Dame gegenüber mit ihrer Schönheit geprahlt hat. Er verfällt in Siechtum und wird häßlich entstellt, doch gewinnt er ihre Gunst dadurch wieder, daß er alle ihre Bedingungen erfüllt: Er besiegt die drei besten Helden der Tafelrunde, besteht schwierige Abenteuer und dringt in das Land Fluratrone. Der Kern der Erzählung, die Liebe des Ritters und der Fee sowie seine Verstoßung infolge des gebrochenen Schweigegebots, hat seinen Ursprung in der Sage von Lanval, 3 welche in einem Lai der Marie de France (LG. II, 2, 135) behandelt ist. Die Quelle des Stoffes bildet also ein Feenmärchen; eine Fee verlockt einen Menschen in ihr Reich, das Land der Glückseligkeit. Der Gang der Erzählung schreitet ohne störende Abschweifungen und lange Beschreibungen ungehemmt vorwärts. Die Verskunst ist nicht ungeschickt. 4 Peter von Staufenberg Auch dies ist die Umdichtung eines Feenmärchens. Ausg.: Chr. M. Engelhardt 1823; 0. Jänicke in: Ad. Stud. von 0. Jänicke, E. Steinmeyer u. W. Wilmanns 1871; maßgebend: Edw. Schröder, Zwei ad. Rittermaeren 1894 (dazu 1 Verf.: Lassberg, L. S. II S. LXI-LXV; LXXXVI-LXXXIX (die gestörte Mahrten- Stählin, Wirtemberg. Gesch. 2, 768 f.; Jeit- ehe); Ehrismann S. 89 f.; Prettyman, Pet. teles, Germ. S. 386 f.; Roszko S. 49-53; v. St. u. Marie de France, Mod. Lang. Notes21, Ehrismann S. 96 f.; Schwietering, Demuts- 205-8; Bolte-Polivka 2,328. —Siehe LG. II, formel S. 58 f. 2, 134, und in diesem Bande unter Lanzelet u. 8 V. Sennig, D. Gauriel — Dichter als Nach- Wigalois. ahmer Hartmanns v. Aue, Progr. Triest 1909, 4 Erzählungsweise: Roszko S. 72-75. Metrik: auch in d. Festschr. d. 50 Philol.-Vers., dar- Ders. S. 15-37; Deck S. 85-95. Stil: Roszko gebracht v. dt. Mittelschulen; Heinzel, Kl. S.38^9; Deck S. 77-84. Kunstbegriff: Vie- Schr. S. 95; Roszko S. 60-72; Ehrismann Tor, Beitr. 46, 97. Sprachliches: Zwierzina, aaO.; Deck S. 56-76. Anz. 26 Reg. S. 354. 27 Reg. S. 350. 3 Märchenkern: Panzer, Merlin usw. S. 90 Die erzählende Dichtung Wilmanns, GgA. 1895, 408 ff.), 2., 3., 4. Aufl. 1913. 1920. 1929 mit gekürzter Einleitung. — Abh.: Schröder, 1. Ausg. 1895; Bartsch, ADB. 5, 611. — 1 Hs. (Straßburg, verbrannt), ein umfangreiches Bruchst. (England): Priebsch, Beitr. 46, 8-19. 26-43. 338, ein alter Druck in mehreren Straßburger Ausgaben (früheste 1483); Erneuerung des alten Druckes durch Joh. Fischart 1588; Schröder I S. XXXI-XXXVI; K. Schorbach, Jüngerer Druck des Ritters v. Staufenberg, ZfdA. 40, 123-25; A. Knauer, Fischarts u. Bernhard Schmidts Anteil an der Dichtung „Peter v. Staufenberg" 1588, Prager dt. Stud. 31, 1924. Der Ritter Petermann Diemringer von Staufenberg trifft auf einem Ritt zur Messe eine schöne Frau mutterseelenallein auf einem Steine sitzend. Sie will ihm angehören und immer zu ihm kommen, sobald er sie herbeiwünscht, unter der Bedingung, daß er kein eheliches Weib nehme, sonst müsse er am dritten Tage sterben. Als er sich schließlich doch mit einer Verwandten des Königs verlobt, erscheint beim Hochzeitsfeste an der Decke des Saales ein Menschenfuß, und am dritten Tage danach ist der Ritter tot. Es ist dies eine Geschlechtssage der adeligen Familie, die auf der Burg Staufenberg in der Ortenau (Mortenouwe 53. 968) im mittleren Baden ansässig war. Einer der Angehörigen des Geschlechtes, Egenolf 1 (Egenolt V. 1178, des Reimes wegen), hat um 1310 die Staufenberger Tradition, die wir als Melusinensage 2 kennen, in Verse gebracht (1178V.). Er war dabei stark beeinflußt von Konrad von Würzburg. 3 Konrads zeitweiliger Aufenthalt Straßburg bildete bis in die jüngste Zeit der geistige und wirtschaftliche Mittelpunkt auch für das gegenüberliegende rechtsrheinische Gebiet. So sind die Beziehungen der Staufenberger zu Straßburg in kulturellen Verhältnissen bedingt. Der Dichter hat an seine Erzählung eine Lehre geknüpft (V. 1165-78), die in der folgenden ritterlichen Moralformel zusammengefaßt wird: nach weltlichen eren streben und doch die Seele bewahren. Der Ritter von Staufenberg lebt als ein Muster aller Tugenden ehrenhaft und fromm. Die fromme Tendenz tritt in der sittlichen Haltung des Gedichtes außergewöhnlich stark hervor. Aber es ist dem Dichter nicht gelungen, den religiösen Zweck mit der ursprünglichen Feensage einheitlich zu verbinden. Die Geliebte, die schließlich zum leibhaften Teufel erklärt wird, wird zu fromm idealisiert, sie fordert den Betrogenen geradezu auf, für seine Seele zu sorgen (V. 996 ff.). Das Motiv vom Teufelsbündler liefert Züge zu dem Gedichte, und der religiöse Anschauung ist unterbaut von einem massiven Teufelsglauben, wobei das geheimnisvoll Dämonische der Sage verloren geht. Friedrich von Schwaben Auch hier wird der Stoff aus dem Märchenbereich entnommen, aber als Erlebnis einer historischen Persönlichkeit ausgegeben und in die Genealogie eines vornehmen Hauses einbezogen. 1 Person des Dichters: Schröder, Ritter- Roman. Jahresbericht 1903-06, II, 324. — mseren 4 S. XXXVI II-XLVII; Al. Schulte, Aug. Schnezler, Bad. Sagenbuch (o. J.) 2, Zs. f. Gesch. d. Oberrheins 48, 2, 329-38; C. -32-34. Wesle, Egenolf v. St., Stammlers Verfasser- 3 Schröder S. IXL f. Parallelen: Jänicke lex. 1,507-11. aaO.; Paul Jaeckel, Eg. v. St., ein Nach- 2 Zur Sage: Schröder S. XLVIII f.; Feen- ahmer Konrads v. Würzburg, Marb. Diss. sagen: Panzer, Merlin aaO.; Ehrismann, Anz. 1898; Schneider, Wolfdietr. S. 106; Karg, 30, 95 f.; Bolte-Polivka 2, 328 f., s. Hilka, GRM. 1923, 335. Friedrich von Schwaben 91 Lit.: Piper, Höf. Ep. 3, 85. — Ausg.: M. H. Jellinek, Dt. Texte d. MA.s Bd. 1, 1904, dazu Panzer, ZfdPh. 39, 511 ff., Ehrismann, Anz. 31, 17 ff., Behaghel, Lbl. 1907, 54 ff., Cbl. 1905, 936 f., Piquet, Rev. germ. 1,1907,352 f. — Abh.: Uhland, Schriften 1, 481-93; L. Voss, Überlieferung u. Verfassersch. des mhd. Ritterromans Fr. v. Schw., Münst. Diss. 1895, dazu Helm, Lbl. 1897, 45 f.; Günther Müller, Walzeis Handb. 1927, S. 20-26; Mitzka, Stammlers Ver- fasserlex. 1, 696 f. — 6 Hss., Jellinek S. XI-XX; Voss aaO.; Wegener, Bilderhss. in der Heidelb. Univ.-Bibl. S. 83 ff. Der Grundstock des mannigfaltigen Romangebildes besteht in der Liebesgeschichte des Friedrich von Schwaben (Wieland) und der Angelburg (V. 1-1547 u. 4389-4892) I, 1-1574. Der Held, der jüngste von drei Söhnen des verstorbenen Herzogs Heinrich von Schwaben, gelangt, von einem Hirsch gelockt, im Walde zu einer menschenleeren Burg. In einem Saal findet er einen gedeckten Tisch vor, nach der Mahlzeit legt er sich in ein wonnigliches Bett. Da erscheint eine Jungfrau, die Königstochter Angelburg, und klagt ihm ihr Schicksal: ihre Stiefmutter hat sie mit zweien ihrer Jungfrauen in den Wald gebannt, wo sie tagsüber als Hirsche herumlaufen müssen, des Nachts aber dürfen sie in der Burg als menschliche Wesen leben. Ein Fürstensohn kann sie erlösen unter der Bedingung, daß er in einem Jahr dreißig Nächte bei ihr weilt, ohne ihr Gesicht zu sehen; übertritt er dieses Gebot, so verwandeln sich die drei Jungfrauen in Tauben und fliegen zum klaren Brunnen, um darin in Jungfrauengestalt zu baden; ihre Gewänder bleiben währenddessen daneben liegen. Kommt nun der Fürstensohn und nimmt die Kleider weg, dann muß Angelburg ihm die Ehe versprechen. Alles vollzieht sich nach dieser Voraussage. Den Abschluß bildet der Einzug der beiden in Angelburgs Erbland. 1 II. Zwischenstück V. 1575-4388: Die Fahrt des Helden, der hier nach der alten Sage Wieland genannt ist, nach dem liechtesten brunnen, wird geschildert; es folgen Abenteuer, die nichts mit dem Hauptstück I zu tun haben. Mit der Heimkehr in Angelburgs Land hatte die Fabel ihren organischen Abschluß gefunden. — III. Aber es folgen noch über 3000 Verse, 4893-8068 (Schluß), worin die Geschichte der bösen Stiefmutter (sie wird verbannt) und die der Zwergkönigin zu Ende geführt wird. Angelburg stirbt nach neun Jahren und Friedrich gelobt ihr, Jerome, die von ihm ein Töchterchen hat, zur Frau zu nehmen. Diese unglaublich geschmacklose Nachgeschichte findet ihre Erklärung in der Entstehung des Gedichtes. So wie es uns überliefert ist, ist es das Werk eines Uberarbeiters, der die Zwischenabenteuer und wohl überhaupt den größten Teil der Nachgeschichte zufügte; außerdem sind viele Stellen, literarische Auszüge aus Wolframs und Ulrichs von dem Türlin Willehalm, aus Floire und Rudolfs von Ems Willehalm interpoliert. Aber schon der ursprüngliche Dichter gehörte einer künstlerisch gesunkenen Zeit an (H.Jahrhundert) und zehrte bei dem Mangel an eigener Erfindungsgabe und in seiner darstellerischen Armut von der Dichtung des 13. Jahrhunderts. 2 Die Sprache in Reime zu bringen fällt ihm schwer, die Ausdrucksweise ist unbehilf- 1 Die Stoffquellen dieser Wieland-Angel- 98. 125; Jellinek, ZfdA. 57, 135 f.; Bolte- burg-Sage lassen sich deutlich ausschälen: den PoLfvKA 2, 346 ff. 3, 416. — In dem Teil der Grundbestand bildet die Schwanenfrau- oder Schwanenfrausage ist alte (schwäbische) Volks- Wielandsage mit dem Eingang der Kindersage erzählung erhalten von Wieland u. Angelburg und das Amor-Psyche-Märchen, das in mittel- (der Name Wieland stammt aus d. german. alterlicher Ausführung als Partonopiertypus Ursage, wie sie in der Edda im Bilde von Vö- erscheint. Diese beiden Hauptteile sind ver- lund [= Wieland] erhalten ist); dazu kommen bunden durch Tierverwandlungssagen. Sage: literarische Beziehungen zur Graelentsage. H. Woite, Märchenmotive in Fr. v. Schw., 2 Zahlreiche Entlehnungen bei Voss u. in den Kiel. Diss. 1910; C. Pschmadt, Die Quellen d. Anmerkungen von Jellineks Ausgabe u. in Fr. v. Schw., ZfdA. 53, 309-28; Ders., D. Sage ZfdA. 57,133-35; Sommer, Flore S. XII Anm. v. d. verfolgten Hinde 1911 S. 65 ff. 81. 88 f. 92 Die erzählende Dichtung lieh. 1 — Wie ein Ritter von Staufenberg geht neben dem Märchenzauber der christlich fromme Glaube her, und die Menschen stellen ihr Schicksal in einne- rer Einkehr zum Gebet der Gnade Gottes anheim. Den Beschluß der höfischen Epik mögen die zwei namhaftesten Dichter unter den Spätlingen bilden, deren Werk weder wie die der ersten Gruppe an geschichtliche Persönlichkeiten angelehnt sind noch im Märchen wurzeln. Johanns von Wiirzburg, Wilhelm von Österreich Lit.: Ernst Regel, Dt. Texte des MA.s Bd. 3, 1906, dazu Panzer, ZfdPh. 43, 476-79. — Abh.: Docen, Aretins Beitr. Bd. 9, 1807, 120 ff.; Uhland, Schriften 1, 504; Karl Regel, Z. d. Ver. f. Thür. Gesch. Bd. 7; Roethe, SB. d. Preuß. Ak. 1905, 18. Mai; Eckart Frenzel, Stud. zur Persönlichkeit J.s v. W. 1930, dazu Ehrismann, DLz. 1930, Heiligendorff, ZfdPh. 57. 85-88; Eugen Mayser, Stud. z. Dicht. J.s v. W. 1931, dazu Heiligendorff aaO.; Schneider, Wolfd. S. 32. 207; Ders., Reallex. 2, 135. — 8 Hss. 6 Bruchst., Regel S.VIII-XXI, 279- 88; Fr. Göhrke, Die Überlieferung von J.s v. W „Wilh. v. Oesterreich" nebst einer Reimgrammatik, Berl. Diss. 1912. Inhalt (19585 V.): Herzog Liupolt von Oesterreich macht eine Wallfahrt zum heiligen Johannes nach Ephesus, um durch ihn einen Erben von Gott zu erhalten. Der ebenfalls kinderlose Heidenkönig Agrant von Zyzya in Kleinasien, bei dem er landet, schließt sich ihm an. Die Bitte hat Erfolg: dem Liupolt wird ein Sohn, Wilhelm, dem Agrant am gleichen Tage eine Tochter, Aglye, geboren. Wilhelm wird später in Traumbildern von Liebe zu Aglye ergriffen und zieht aus, um sie heimlich zu suchen. Er wird vom Agrant freundlich aufgenommen, dann aber, wegen des allzu innigen Zusammenseins mit Aglye, von dieser getrennt. Nun beginnen die wechselvollen Schicksale Wilhelms in der Heidenschaft (V. 1815). Durch alle Hindernisse hindurch zieht sich die treue Liebe der durch das Minnewunder Vereinten. Nach vielen Abenteuern findet Wilhelm Aglye wieder (18233), sie werden vermählt und leben in vollem Glück. Auf einer Jagd wird Wilhelm getötet, Aglye stirbt über seiner Leiche. Johannes von Würzburg nennt sich mehrfach als Verfasser, dazu auch seinen Stand als Schreiber 13228. 13692. 13727. 15103. 19561. 2 Als Ostfranken erweisen ihn auch die Mundartformen. 3 Als Schreiber von Beruf war er ein schulgebildeter Mann, und er macht auch reichlich Gebrauch von seiner Gelehrsamkeit. Ob er Stadtschreiber in Eßlingen war, ist nicht sicher beglaubigt. 4 Im Jahr 1314 hat er sein Buch vollendet. 5 Er stand in Beziehungen zu württembergischen Adelsgeschlechtern und preist besonders den Grafen von Hohenberg und Heigerloch, s. V. 13232^18.16644-61 (Albrecht, f 1298). 6 Aber den Herzögen Friedrich und Leopold von Österreich gibt er sein Gedicht zu Ehren 18630 ff. 19572 f. 7 Er hat in Epigonenweise den Stoff selbst erfunden 8 und aus bekannten Motiven zusammengesetzt wie: Kinderliebe (darin mit Floire verwandt), 1 Karg, GRM. 11, 1923, 334 f. — Stil: 6 Zacher, ZfdA. 1, 227; Stählin, Wirtem- Brinkmann, Wesen u. Form S. 131. berg. Gesch. 3, 133. 2 Frenzel S. 19-40. « Stähler 2, 399 ff. 3, 72. 669; s. unten 3 Göhrke aaO.; Zwierzina, ZfdA. 63, 6. Minnesinger. 14 ff. 7 Die den Österreich. Herzögen in diesen Zei- 1 Man hat dies geschlossen aus der Erwäh- len dargebrachte Huldigung hängt wohl damit nung des Bürgers Diepreht ze Ezzelingen zusammen, daß das Gedicht von einem ihrer 13249-80. Regel, Ausg. S. 291. — Urkundl. sagenhaften Vorfahren erzählt, ein Dieperhtus civis in Ezzelingen 1280, Fren- 8 Quelle: Herzog, Germ. 29, 186 f.; anders zel S. 19. Frenzel S. 7-15; dagegen Mayser S. 94 ff. Johanns von Würzburg, Wilhelm von Österreich — Heinrich von Neustadt 93 Trennung der Liebenden, ihr Briefwechsel, die Abenteuer Wühelms,-die Werbungen fremder Fürsten um Aglye u. a. Manches erinnert an Rudolfs von Ems Willehalm. 1 Als unerreichbare Meister preist er Wolfram und Gotfrid. 1 Er ist ein echter Epigone, gehört dem bürgerlichen Kulturkreise an und hat kein inneres Verhältnis mehr zu jener vornehmen Lebensart der hochhöfischen Zeit. Doch ragt er unter den Spätlingen hervor durch künstlerische Bewußtheit und bringt einen Gehalt in eine auserwählte Form. Er faßt seine dichterische Welt unter einem ethischen Gesichtspunkt, doch unter starker Betonung der Weltfreude auf (13722 ff. 13792 ff.). Er hat die beiden Ritterideale, Minne und Heldentum, als leitende Gedanken seiner Dichtung hingestellt. Seiner hohen Auffassung von der Kunst entspricht auch die durchgehende religiöse Voraussetzung menschlichen Geschehens. Im Sinne seiner Zeit bringt er auch gern seine Gelehrsamkeit an, und besonders ausgebildet ist sein historischer Sinn, das Begreifen der Vorgänge als geschichtliche Wirklichkeit. 2 Er ist ein Meister der Form, und zwar jenes übertriebenen Stils der geblümten Rede (blüemen 15352.420, florieren 3597.16717, bes. 1451-57), wendet diesen aber meistens an inhaltlich geeigneten Stellen an. 3 Die Liebesgeschichte von Wilhelm und Aglye war in der Ausführung, die ihr Johann von Würzburg gab, ganz nach dem Geschmack der folgenden Generationen. Dafür zeugt das Wandgemälde in Runkelstein (s. oben Rudolf von Ems, Pleier), dafür der Prosaroman, in den das Gedicht im 15. Jahrhundert aufgelöst wurde (handschriftlich und gedruckt). 4 Heinrich von Neustadt Er hat einen monumentalen Ausdruck der Geistesrichtung um die Wende des 13. und 14. Jahrhunderts gegeben in seinem weltlichen Roman Apol- lonias von Tyrland und der religiösen Heilsgeschichte Von Gottes Zukunft und der daran sich anschließenden Visio Philiberti. Lit.: Piper, Höf. Ep. 3, 374-405; s. LG. II, 1, 339 Anm. — Ausg.: alle drei Werke hgb. von S. Singer, Dt. Texte des MA.s Bd. 7, 1906, dazu Bernt, Anz. 32,39^7; früher, bloßer Auszug: Jos. Strobl, H. v. N. Apoll. Von Gottes Zukunft, im Auszuge hgb. 1875, dazu Steinmeyer, Anz. 1, 15-23. — Abh. (zum Apollonius): Grässe, Die großen Sagenkreise, 1842, 456-60; C. Schröder, Griseldis. Apoll, v. Tyrus, in Mitt. der dt. Gesellsch. in Leipzig 5 Bde., 1872; E. H. Meyer, ZfdA. 37, 321 ff.; Singer, Ap. v. Tyrus, Untersuchungen über das Fortleben des 1 Pfeiffer, Germ. 12, 478 f.; Roethe, SB. Mordhorst, Egen v. Bamberg, 1911, S. 136 aaO.; s. auch Roethe, D. Dichter des Parz., -38. — Reime: v. Kraus, ZfdA. 56, 59; Rede 1924 S. 14; Martin Strobl, ZfdPh. 11, Göhrke S. 71-111. 230-32. — Über die Herkunft der einzelnen 4 Häntzschel, D. Volksbuch Wilh. v. Ost., Motive s. Mayser aaO. S. 31 ff. Jen. Diss. (ungedruckt) 1921, Ausz. im Jahrb. 2 Geschichtliches Interesse: die Aufzählung d. Philos. Fakult. d. Jen. Univers. 1921; Vet- der Kreuzfahrer 16531-17208, dazu Röhricht, ter, Germ. 27, 412 f.; Druck s. auch Götze, ZfdPh. 7, 168-74; Konr. Schünemann, Un- Frühmhd. Leseb. 2 S. 15; Göhrke S. 65-68. — garische Hilfsvölker in d. Lit. d. dt. MA.s, Entlehnungen im Friedr. v. Schwaben: Jel- Ungar. Jahrb. 4, 1924, 99-115; Schneider, linek, ZfdA. 57, 133 ff. Beziehungen zum Reallex. 2, 134 f.; Mayser S. 83 ff. Schüler v. Paris: Rosenfeld, Novellenstud. 3 Seine Kunsttheorie nach d. Vorgang von S. 368. Konrad v. Würzburg: Vietor, Beitr. 46, 97 f.; 94 Die erzählende Dichtung antiken Romans in späteren Zeiten, 1895, dazu E. H. Meyer, Anz. 23, 197 f., Golther, ZfdPh. 29, 574 f.; Singer, Festg. für Heinzel, 1898, 427; Ders., Anz. 24, 372 f.; Ders., Wiedergeburt des Epos, in: Sprache u. Dicht. H. 2, 1910, 51 f.; A. Bockhoff und S. Singer, H. v. N. Apoll. v.Tyrland u. s. Quellen, 1911, dazu Helm, Lbl. 1913, 362 f.; Singer, Aufs. u. Vortr. 1912 S. 79-103; Ders., ZfdPh. 52, 81 f.; Elimar Klebs, Die Erzählung v. Ap. aus Tyrland 1899, dazu Singer, Anglia, Beibl. 11, 233ff. u. Aufs. u. Vortr. S. 101-03; R.Peters, Die Gesch. des Königs Ap. v. Tyrus, 1907; Franz Garin, De historia Ap. Tyrii, Mnemosyne NS. 42,1914, 198- 212. — Jos. Seemüller, Gesch. der Stadt Wien Bd. III 1. Hälfte, 1903, S. 9-18; Burdach, SB. d. Preuß. Ak. 1918, 1016 u. Vorspiel I, 1, 279 f., Vorspiel I, 1, 101-158 (bes. S. 135. 154. 158); Sparnaay, Verschmelz. S. 134; Schneider, Wolfd. S. 273. 315 Anm.; Günther Müller in Walzels Handb. S. 19f.; Bolte-Polivka 3, 110f. — Pudmensky, Shakespeares Perikles u. d. Apoll, d. Heinr. v. Neust., Progr. Detmold 1884; A. H. Smyth, Shakespeares Pericles and Ap. of Tyre 1898, dazu Singer, Anglia Beibl. 10, 98 ff. u. Aufs. u. Vortr. S. 79-101; Lichtenberg, Architekturdarstell. S. 69-73. 91 f. — Stellen: J. Grimm, Ad. Wälder 1, 72-76 (Rosenlachen); Jellinek u. Kraus, ZföG. 44, 1893 (Widersprüche); Arendt, Der Riese S. 8f.; R. W. Pettengil, Zu den Rätseln im Ap. des H. v. N., Journ. of Engl, and Germ. Philol. 12, 248-51. — LG. II, 1, 339 f. — 4 Hss., Singers Ausg., Einl.; Günther Müller aaO. (Illustration der Goth. Hs.). Heinrich von Neustadt (= Wiener Neustadt) war Arzt in Wien (urkundlich belegt 1312). Am Schluß bucht er die Geschichte der Entstehung seines Werkes 20590-644; er nennt auch seinen Namen und Beruf: Meister Heinrich von der Niuiven stat, ein Arzt von den buochen (ähnlich in Gottes Zukunft 8093). In Wien, wo er am Graben wohnt, hat er das ursprünglich lateinische Buch verdeutscht, der Pfarrer Herr Niklas von Stadlauw (urkundlich belegt bis 1318) hat es ihm gegeben, in einer Chronik in Rom hat man es geschrieben gefunden. „Meister" Heinrich nennt sich der Dichter, in seiner Eigenschaft als gelehrten Arzt, 1 doch war er auch in lateinischer und deutscher Literatur belesen. Inhalt: Der König Antiochus lebt mit seiner Tochter in unreiner Buhlschaft. Die sich meldenden Freier sollen ein Rätsel lösen. Dem Apollonius, dem Sohne des Königs von Tyrus, gelingt die Lösung, aber er flieht vor dem Zorn des Wüterichs aufs Meer hinaus. Er erringt weiterhin die Hand der Königstochter Lucina inPentapolis; fährt mit ihr in seine Heimat und sie gebiert unterwegs eine Tochter. Für tot gehalten wird sie in einer Truhe ins Meer versenkt; in Ephesus an Land getrieben, wird sie Begine im Tempel der Diana. Das Kind gibt Apollonius einem Bürger von Tarsus zur Pflege. Nun folgt eine Menge von Abenteuern, Kämpfen, Turnieren und Wundergeschichten von Ungetümen und Drachen. Schließlich findet Apollonius Frau und Tochter wieder, wird Christ und Kaiser von Rom (20644 Verse). Die Komposition des Inhalts zeigt deutlich zwei Stoffquellen: a) 1-2903. Die Geschichte des Apollonius von Tyrus, welche den Grundbestand bildet: Trennung und Wiedervereinigung von Familiengliedern (vgl. Die gute Frau, Wilhelm von Wenden, weiterhin Floire und Blanscheflur), also eine Version des spätgriechischen Liebes- und Seefahrtsromans, eingeleitet durch die Blutschande des Vaters (vgl. Mai und Beaflor). — b) 2904-16778: Die Abenteuermasse des Mittelstücks. a) Der ursprüngliche Apolloniusroman ist die lateinische Historia Apol- lonii regis Tyrii, vielleicht aus dem 3. Jahrhundert n. Chr., die aber ihrer- 1 Schwietering, Demutsformel S. 59. Heinrich von Neustadt 95 seits auf ein spätgriechisches (verlorenes) Original zurückgeht. Der schicksalsreiche Inhalt war ganz nach dem Geschmack des romantisch-wundersüchtigen Mittelalters. In alle abendländischen Nationalsprachen 1 wurde die Historia Apollonii übersetzt, am frühesten,um 1100, ins Altenglische (Prosa), und in England erreichte sie auch ihre stärkste literarische Ausbildung durch Shakespeares Pericles. In Deutschland wird sie schon in Lamprechts Alexander erwähnt (Vor. AI. 1010 ff., Straßb. AI. 1404 ff.), erhielt aber erst in Heinrichs von Neustadt großem Abenteuerroman literarische Form. Spätere deutsche Übersetzungen sind eine mitteldeutsche Prosa (15. Jahrhundert) und in der aufblühenden deutschen Renaissance Steinhöwels Historia des Königs Apollonius. 2 b) Die Abenteuer des Mittelstücks sind zum Teil byzantinischen Ursprungs, 3 vieles hat der Dichter aber aus seiner Kenntnis deutscher Artusromane, auch der Volksepen, zusammengetragen, darunter aus Hartmann und Wirnt, besonders aus Wolfram und auch aus Rudolfs von Ems Weltchronik (Geographie). Das historische Kolorit hat er weder in der ursprünglichen Apollonius- geschichte (a) noch in dem Mittelstück (b) einheitlich durchgeführt, in das antike Leben mit seinen heidnischen Göttern verpflanzt er Zusätze aus den Sitten seiner Zeit, Schilderungen von Waffen, Kleidern, Personen und Festen. So sind in diesem späthöfischen Erzeugnis antike und mittelalterliche Elemente zusammengeflossen. Der Stil 4 des Verfassers ist kennzeichnend für die Denkweise eines Mannes, der nicht geborener Dichter, sondern ein gelehrter und praktischer Arzt war. Er sieht die Dinge in ihrer Wirklichkeit, beschreibt sie realistisch und flicht medizinisches Wissen ein. Versbau und Reim zeigen gute Technik. 5 Während der weltliche Abenteuerroman Apollonius nur den Zweck einer Unterhaltungslektüre hat, ist das zweite Werk des Verfassers, Gottes Zukunft 6 (= Ankunft, das Zuunskommen, 8113 bzw. 8129 V.) für höhere Ansprüche berechnet; es ist ein Erbauungsbuch, und in rehter anddht hat er es zusammengestellt, um zu bessern, nicht um die Gunst der Welt zu erlangen 8097-8101. Es gibt eine Heilslehre und entwickelt in drei Büchern die Geschichte des Erlösers. Inhalt: Alanus wird in einer Vision in das wonnevolle Land der Natur geführt; diese will einen vollendet tugendhaften Menschen schaffen. Die Weisheit, Prudentia, fährt zu diesem Zwecke mit ihren sieben Dienerinnen, den sieben Künsten, zu Gott. Gott bestimmt, die Natur soll einen vollkommenen Leib schaffen, von Gott werde die reine Seele hineingegossen werden. 1 Die verschiedenen vulgärsprachlichen Fas- vorauszusetzen, der durch eine lat. Mittelquelle sungen s. bei Piper 3, 376-78; Untersuchung Heinr. v. Neustadt bekannt wurde. aller Fassungen: Singer, Untersuch, üb. das 4 Steinmeyer aaO.; Bernt aaO. Fortleben; Smyth, Shakesp. Pericles aaO. 6 Kraus, ZfdA. 56, 59. 2 Abgedruckt von C. Schröder aaO. 6 3 Hss. u. 3 Brachst.: Singer, Ausg. S. XI ff.; 3 Nach Singer, Untersuch, und Singer bei Ferd. Khull, Zur Überlief, u. Textgestalt v. Bockhoff u. Singer aaO. ist hierfür ein ver- Gottes Zuk. d. H. v. Wiener-Neustadt, Progr. lorener byzantinischer Roman des 13. Jh.s Graz 1886, dazu Nagele, Lbl. 1887, 318. 96 Die erzählende Dichtung Bis dahin, V. 1254, bildet die Quelle der Anticlaudianus des Alanus de Insulis (von Lille, gest. 1203), eine Enzyklopädie des damaligen Wissens in poetischer Form, Kosmologie und Theologie, umfassend. — Mit Vers 1485 ist die Idee von der Schaffung des neuen Menschen und der Anticlaudianus als Vorlage endgültig aufgegeben, und nun folgt der Dichter für den Rest des I. Buches und für das II. Und III. Buch anderen Schriften, nämlich der Le- genda aurea des Jacobus a Voragine, der Vita Mariae rhythmica u. a. 1 Nur in einer der drei Handschriften von Gottes Zukunft folgt auf das letzte, fünfzehnte Zeichen des jüngsten Gerichts (auf V. 6167) ein Streit zwischen Seele und Leib, worin die Seele den Leib beschuldigt, das Seelenheil verscherzt und dagegen die ewige Verdammnis verursacht zu haben. 2 Dies ist eine freie Übertragung der lateinischen Visio Philiberti (Fulberti). 2 Die 592 Verse bilden ein in sich abgeschlossenes Gedicht mit Einleitung und Schluß, das als Gleichnis (V. 3 und 585) bezeichnet wird. Doch ist nicht zu entscheiden, ob der Dichter diese Parabel als Bestandteil von „Gottes Zukunft" verfaßt hat oder als ein selbständiges Werk, welches er in „Gottes Zukunft" einfügte. 3 Eine Anzahl von Abenteuerromanen, meist aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, sind uns nur in Bruchstücken überliefert. Sie gehen in dem alten Geleise, neue Formen bieten sie nicht. 'i f) BRUCHSTÜCKE 1. Segremors, 4 ein bekannter Ritter der Tafelrunde (s.bes.Parz. VI,285, 1 -290,5. V111 ,421,20 f. IX , 460,9-11), ist der Held eines in drei Bruchstücken erhaltenen Gedichtes (433 Verse, hessisch, erste Hälfte des 13. Jahrhunderts). Er zieht nach der Beratung mit einem befreundeten Zwerge aus, um nach dem verschwundenen Gawein zu forschen; es folgt ein rührender Abschied von der Geliebten, die ihn aber schließlich doch begleitet. — Eine Fee auf einer maienschönen Insel verlangt von jedem Ritter, der ihre Minne begehrt, daß er mit ihrem vorher begünstigten Verehrer auf Leben und Tod kämpfe. — Segremors gibt sich Gawein im Zweikampf zu erkennen. Die Quelle des deutschen Gedichtes ist, sehr frei behandelt, der französische Roman Meraugis de Portlesguez von Raoul de Houdenc. 1 Marta Marti, „Gottes Zukunft" v. H. v. Germ. 3, 405 ff.; niederrhein., 14. Jh., abge- N., Quellenforschungen, 1911, dazu Helm, Lbl. druckt Germ. 3, 400 ff.; eine thüring. u. eine 1913,'363f., Gebhardt, Arch. 130, 391 f. — Nürnbergsche (14., 15. Jh.), abgedruckt in ,näch niuwer hant 1 nennt der Dichter Gottes Karajans Frühlingsgabe; eine in Bartschs Zukunft 61.4992 (8119): Alanus hat dem Buch Erlösung S.311 abgedruckte (Ende 15.Jh.); den Titel Anticlaudianus gegeben 48, nach niederdeutsch: Seelmann, Nd. Jahrb. 5, niuwer hant nach einer neuen, anderen Art, Jahrg. 1879, 21^15 (736 V.). — Siehe auch De auf neue Weise, heißt es jetzt Gottes Zukunft. quodam moriente von Andreas Kurzmann Niuwe hant bezieht sich also wohl nur auf den (15. Jh.), Schönbach, Wiener SB. 88, 1878, Titel: Alanus hat das Buch ,Anticlaudianus' 868 f. (SA. S. 64 f.); s. bes. Kleinert aaO.; genannt, ich will es G. Z. nennen (vgl. Renner Willoughby, Von dem jungesten Tag (siehe 2065 f., Ausgabe des Lit.-Ver.); doch s. auch unten). die Erklärungen von Steinmeyer, Anz.l,19f., 3 Lit. s. LG. II, 2, 1 S. 153. u. Seemüller aaO. S. 17. 4 Abgedr.: Meyer-Benfey S. 166-180. — 2 Siehe LG. II, 2,153. Es sind mehrere deut- Abh.: Paul Gerh. Beyer, Die mhd. Segre- sche Versionen überliefert: obd. aus d. 2. morsfragmente, Marb. Diss. 1909, dazu Helm, Hälfte des 13. Jh.s (Basler Hs.), abgedruckt Lbl. 1913, 6 f. Bruchstücke 97 2. Die zwei Bruchstücke, die von dem Helden Edolanz 1 handeln (380 V., hölzerne Sprache), haben Ähnlichkeit mit Segremors: Edolanz befreit eine Königin und den Ritter Gawan aus der Gewalt eines Riesen; ein Zwerg warnt ihn davor, in den Zauberwald zu reiten. — Er hilft in einer Schlacht eine belagerte Stadt zu befreien und besiegt einen Ritter, angesichts des Artushofes, im Kampf um den Sperberpreis. Form: Segremors und Edolanz haben Dreireime an den Schlüssen der Abschnitte (vgl. Wigalois, Krone). 3. Die Bruchstücke Blanschandin 2 (3 Bl., 384 V.) gehören zu einem Abenteuerroman, der ebenfalls wie Segremors ein bekanntes französisches Gedicht zur Vorlage hat, nämlich Blancandin et l'Orgueilleuse d'amour. Ein Königssohn, den sein Vater von der Ritterschaft abzuhalten sucht, erfragt darüber Auskunft von seinem Lehrer und zieht heimlich auf Abenteuer aus. — Er erschlägt im Kampfe einen Ritter, der eine Jungfrau mißhandelt. —■ Beginn einer Abenteuerepisode: ein Ritter, den er an einem Flußübergang trifft, warnt ihn, hinüberzureiten. 4. Auch das Bruchstück Abor und das Meerweib 3 (136 V., thüringisch oder ostfränkisch, um 1300) ist eine Episode aus einem Abenteuerroman: Abor, von einem schweren Kampf ermattet, schläft an einer Quelle ein. Ein Meerweib, das sich oft in diesem Jungbrunnen badet, findet ihn und pflegt ihn auf ihrer Burg gesund. Sie minnen sich, und sie gibt ihm ein Kraut, durch das er die Sprache der Tiere versteht, sowie ein unverwundbar machendes Hemd. Er muß scheiden, da ihr Gatte, der in einem fremden Lande abwesend war, zurückkehrt. — Es ist anzunehmen, daß das Kraut und das Gewand für die Weiterentwicklung der Erzählung, in der Abor sinen gesellen und ouch die künegin (116 f.) erlöste, zur Geltung kamen. 5. Schwierig ist es, aus den 272 Versen der erhaltenen Pergamentreste den Charakter des höfischen Epos (rheinfränkisch, letztes Viertel des 13. Jahrhunderts Manuel und Amande 4 zu erschließen. Die Reste bilden das freudige Ende einer gefährdeten Liebesgeschichte. Der junge Manuel und Amande sind im Zwiegespräch begriffen, und er gibt die Absicht kund, sich an einem Gegner zu rächen. Sie verloben sich und es erfolgt die Hochzeit am Artushofe. Manuel führt sie, die Spanierin, darauf in seine Heimat Griechenland. Der Schluß ist der Artussage entnommen: Er schildert Artus' Tod und seine Wiederkehr 5 sowie die Klage der Ginover. 1 Bruchst. abgedr.: Ad. Bll. 2, 148-52; Sehr. 7,169-73; Meyer-Benfey S. 180-83.— Schönbach, ZfdA. 25, 271-87; Abdruck bei- Piper, Spielmannsdicht. 2, 300; Bartsch, der Bruchst.: Meyer-Benfey S. 145-50. — Germ. 5, 105-8; Amelung u. Jänicke, Deut- Piper, Höf. Ep. 3, 84; Borchling, j. Titurel sches Heldenbuch 4, 1873, S. XLII; Zenker, S. 37. 41 f. 46. 70; Beyer, Segremorsfragm. Ivainstud. S. 72 ff. 83; Schneider, Wolfd. S. 119; Stelle: Strauch, Beitr. 53, 464. — S. 30 f. 68. 323; bes.: Schröder, Gott. Nachr. Franz. Quelle anzunehmen: Singer, Wolfr. 1925, 161-65. StilS. 125. — E.Hartl, Stammler, Verfasser- 4 Abgedr.: Osw. Zingerle, ZfdA. 26, 297 lex. 1, 503 f. -307; Meyer-Benfey S. 151-54. — Beyer, 2 Abgedr.: Jos. Haupt, Germ. 14, 68-74; Segremorsfragm. S. 120f. (mit Lit.); Schrö- Meyer-Benfey S. 155-57. — Piper, Höf. Ep. der, Gott. Nachr. 1925, 166-68; Singer, D. 3, 84; Jan van Dam, Stammlers Verfasserlex. Artussage, 1926, S. 16. — Franz. Quelle: Grö- 1, 243^16. — Heimat Ostfranken: Rosen- ber, Grundr. d. franz. Litt. S. 520; Singer, hagen, Untersuch, üb. Daniel S.44; Ehris- Wolfr. Stil S. 125, dagegen Schröder aaO. mann, Beitr. 22, 336. B Es ist eine Erweiterung des Themas, mit 3 Abgedr.: J. Grimm, ZfdA. 5, 6-10, u. Kl. dem Hartmann seinen Iwein einleitet. 7 Deutsche Literaturgeschichte IV 98 Die erzählende Dichtung Es folgt eine allgemeine Betrachtung über die Vergänglichkeit der Welt; Artus und sein Weib geben ein Beispiel steter Minne. Eine Mahnung, die Frauen zu ehren, schließt sich an. Seine Erzählung nennt der Dichter einen Zweig von dem Wunderbaume der Aventiuren des Artus (123 ff.). 6. Noch weniger möglich ist es, aus den 430 Versen des Portimunt 1 den Gesamtinhalt zu rekonstruieren. Der erhaltene Teil handelt von einer Vogelbotschaft. Ein sprechender Vogel, ein Sittich, psitacus I, 50, überbringt der Geliebten mündlich eine Botschaft von Tybalt, dem Sohn des Königs von Portimunt, und im zweiten Bruchstück einen Liebesbrief. 7. Ganz rätselhaft bleibt das kleine Bruchstück (etwa 40-50 V.) einer Jagd - aventiure, 2 wo ein Ritter einer in wilder Jagd einen Hirsch verfolgenden Jungfrau nacheilt. 8. Die Bruchstücke (314 V., 13. Jahrhundert, Zeit des Gedichtes: nach 1230), in welchen eine Königin Ainune 3 die Hauptrolle führt, enthalten keine Abenteuer, sondern Zwiegespräche: ein König wirbt um eine Königin, Ainune; dabei tritt ein treuer Ratgeber auf. Das Gedicht muß, dem gemächlichen Tempo der Reden nach, einen ziemlichen Umfang besessen haben. Die Herrschaften bewegen sich in feinen höfischen Formen. Gotfrids von Straßburg Technik und Sprache ist nachgeahmt, aber nicht erreicht; auch finden sich Wolframsche Wendungen, außerdem ein Freidankzitat. — Der Name Ainune ist derselbe wie Oenone in der Theseussage (s. LG. II, 71 Anm. 2). 9. Der Herzog Friedrich von der Normandie 4 ist uns nur in einer schwedischen gereimten Übersetzung-vom Jahre 1308 erhalten. Das deutsche Gedicht wurde vermutlich um 1250 im Auftrag des Herzogs Otto von Braunschweig verfaßt, und zwar ohne fremde Quellen, hauptsächlich auf Grund einer nur bruchstückweise auf uns gekommenen Dichtung, die mit der Versnovelle vom Sperber verwandt ist und unter Kenntnis des Erec, des Lanzelet und des Briefes des Presbyter Johannes. Sie enthält eine Entführungsgeschichte, die Ähnlichkeit mit der Hugdietrichfabel (s. unten) hat. Der Held befreit einen Zwergkönig von seinen Bedrängern und erhält von diesem einen unsichtbar machenden Ring. Mit diesem gelangt er zu einer von ihrem Vater in einen Turm versteckten Königstochter, die er entführt und heiratet. Weiter wird die Verfolgung der beiden 1 Zwei Bruchstücke: I. abgedr. Apfelstedt, Schmidt, Beitr. 3,173 ff.; R. M. Meyer, ZfdA. Germ. 26, 95-99; II. Sieber, Germ. 25, 192 51, 369-73; Schröder, ebda 61, 40. — Franz. -94; beide in v. Kraus, Übungsb. 2 S. 162-67, Quelle: v. Kraus, Übungsb. 2 S. 373; Singer, Lit. S.288. — Wallner, ZfdA. 50, 209 f.; Wolfr. Stil S. 125 f. Stammler, ZfdPh. 52, 111. — Goedeke, 4 Aug. Lütjens, Herz. Friedr. v. d. N., Grundr. I 2 S. 119. Münchn. Archiv H. 2, 1912 (mit Lit.); Schrö- 2 Abgedr.: ZfdA. 47,422-26. —Vielleicht eine der, Zwei ad. Rittermaeren 4 S. XIII; Nie- Feensage? Eine Fee verlockt den Helden in wöhner, Der Sperber, Pal. 119; Ders., ZfdA. ihr Reich? Über Hindenfeensagens.PscHMADT, 59, 305-7; Schröder, Deutsch-schwed. u. Die Sage von der verfolgten Hinde, 1911, schwedisch-deutsche Kulturbeziehungen in S. 32. 73 ff. alter u. neuer Zeit, Universitätsbund Göttin- 3 Abgedr.: Mone, Anz. f. Kde. d. dt. Vorz. 4, gen, Mitteil. Jahrg. 3, H. 2, 1922. — Die neue- 314-21; Pfeiffer, Freie Forschung S. 55-82; ste krit. Ausg. des schwedischen Gedichtes: Piper, Höf. Ep. 1, 355-63; Meyer-Benfey Erik Noreen, Uppsala 1927. S. 132-39. —Abh.: Pfeiffer aaO.; Johannes Bruchstücke 99 durch den Vater und die Versöhnung berichtet; der Vater nimmt den Helden schließlich als seinen Nachfolger in sein Reich auf. 10. Wir müssen damit rechnen, daß uns eine Anzahl mittelhochdeutscher erzählender Dichtungen verloren ist. Am empfindlichsten ist es, daß wir Bliggers Umhang 1 nicht mehr besitzen, denn nach den Ruhmesworten, mit denen Got- frid von Straßburg dieses Gedicht auszeichnet, war es an Gehalt und sprachlicher Form (LG. 11,2,321.323) ein vollendetes Kunstwerk. Auch Rudolf von Ems preist es in den beiden, Gotfrid nachgeahmten Dichterkatalogen Alex. 3205-18 und Willehalm 2192-97. Umbehanc nennt man einen ringsum an die Wände zu deren Verkleidung gehängten Teppich. Solche Wandteppiche waren oft mit Bildern geschmückt. 2 Bliggers Gedicht trägt demnach wohl diesen Namen, weil es aus einer Reihe von einzelnen Erzählungen bestand, die lose zusammenhingen (der löse umbehanc Alex. 3211) und sich beliebig fortsetzen ließen (Alex. aaO.). Es mögen beliebte höfische Stoffe gewesen sein, besonders Liebesszenen. 3 Verloren sind uns auch die Epen dreier anderer Dichter, die Rudolf von Ems im Alexander 3113 ff. und im Willehalm 2173 ff. anführt. Sie gehören mit Rudolf von Ems zusammen einem engeren schwäbischen Kreise an: Gotfrid von Hohenlohe (Willehalm 2239-42), gest. 1254 oder 1255, ein Führer der staufischen Partei, verfaßte einen Artusroman, in welchem die Ritter der Tafelrunde insgesamt auftraten. Pfeiffer, Germ. 2, 499 f.; Bartsch, Germ. 24, 2 f.; Johannes Schmidt, Beitr. 3, 155 Anm.; Leitzmann, ZfdPh. 43, 311. 317; Burdach, Reinmar 2 S. 390. 395. 405; Schröder, ZfdA. 67, 224 f. und Festschrift Leidinger 1930, 241-48. Von Heinrich von Linouwe (Alexander 3254-56, Willehalm 2224-29 und 7100-08, aus dem Allgäu, existierte ein höfischer Roman Der Wallcere, in dem die Heldentaten Ekken(n)es, besonders ein Turnier um einen Sperberpreis, erzählt waren. Uhland, Germ. 1, 319 ff. u. Schriften 8, 354 ff.; Vogt, ZfdPh. 25, 6 f.; Ders. bei Euling, Kisteners Jakobsbrüder 1899 S. 125 f.; Leitzmann, ZfdPh. 43, 316; Schröder, ZfdA. 67, 233. 1 Lit: Piper, Höf. Ep. 1, 352 ff.; Wallner, scher Gast, Ausg. S. 528 f.: Darstellungen der Stammlers Verfasserlex. 1,248 f. — Johannes von Thomasin im Waischen Gast V. 1030 ff. Schmidt, Beitr. 3, 173-81. — , Umbehanc' als genannten weibl. Musterbilder; Lachmann zu Buchtitel des Werkes erst bei Rud. v. Ems: Iwein 6444: u. a. die Fabel von Pyramus u. Schröder, ZfdA. 66,144. — Bligger alsMinne- Thisbe, dagegen Schönbach, Üb. Hartmann sänger s. unter Minnesang. v. Aue S. 187; Pfeiffer, Freie Forsch. S. 55 2 Pfeiffer, Freie Forschung S. 1-4; Alwin -82: Anlehnung an Ovids Heroiden, Ainune Schultz, Höf. Leben 2 1, 76-78, Deutsches Le- sei ein Rest des Umbehancs, ebenso Bartsch, ben im 14. u. 15. Jh. 1,65 ff.; Julius Lessing, Albr. v. Halberst. S. CXXX, dagegen Johan- Wandteppiche u. Decken des MA.s, 1913; nes Schmidt aaO.; Steinmeyer, GgA. 1887, v.d.Leyenu. Spamer, Die ad. Wandteppiche 804; v. Kraus, ZfdA. 51, 369-73. — R. M. im Regensburger Rathause, 1910; v.d.Leyen, Meyer, ADB. 35, 670, u. ZfdA. 39, 305-26, Dt. Dichtung u. bildende Kunst, Festschrift hält Moritz v. Craon für die Einleitung des Muncker 1916, SA. S. 11. 17; Betty Kurth, Umbeh., dagegen Schröder, ZfdA. 38, 105 Die dt. Bildteppiche des MA.s, 1926. —LG. II, (Schröder nennt Anz. 13, 119 einige Erzäh- 2 Reg. S. 349 b . lungen, die Teile des Umbeh. gewesen sein 3 Docen, Mise. 2, 1807, 295, u. Mus. f. ad. können); s. auch Schröder, Gott. Nachr. Lit. u. Kunst 1, 1809, 138 f.; Rückert, Wäl- 1917, 161. 7* 100 Die erzählende Dichtung Ab so Ion (Alexander 3249-51, Willehalm 2219-24), Angehöriger einer urkundlich im 13. Jahrhundert am Bodensee nachgewiesenen Familie dieses Namens, behandelte die ruhmvollen Taten und das Ende Kaiser Friedrichs des Staufers, also einen Stoff aus der Zeitgeschichte. Lit.: Piper, Höf. Ep. 3, 667 f. — J. Grimm, Gedichte auf Friedr. I S.7f. u. Kl. Sehr. 3, 3 ff.; Haupt, ZfdA. 3, 275; Pfeiffer, Freie Forsch. S. 194 f.; Johannes Schmidt, Beitr. 3, 140-81; Paul ebda S. 181-83; Bartsch, Germ. 24, 8f.; Grimme, Alem. 21, 192f.; bes.: Herzog, Germ. 29, 33 f.; Schröder, ZfdA. 67, 226 f. Auch zwei Kunstverständige und Kritiker nennt Rudolf, indem er sie um ihr Urteil bittet (Willehalm 2279-2300): Meister Hesse, den Schreiber von Straßburg, der dort notarius publicus war und eine Fassung von Gotfrids Tristan herausgab (LG. 11,2,299 und Anm.l) und „seinen Freund" Vasolt, den er als „Merker" bezeichnet, d.h. als Prüfer, Kritiker (Schröder, ZfdA. 67, 228). g) EPISCHE KLEINDICHTUNG Erzählungen und Schwanke 1 in Versen Neben, man darf wohl sagen unter der hohen Blüte des Epos mit der Schöpfung großer, in ihrem Streben ernst-würdiger Leistungen hinweg ging eine schnellfertige Dichtweise, die in realistischer Lebensauffassung beson- 1 Lit. Piper, Höf. Ep. 3, 521-11. 94 ff. (Stricker); Goedeke, Grundr. I 2 , 222 ff. 298 ff.; Adalb. v. Keller, Altdeutsche Hss., 1. 2, 1864. 3, 1872. — Hans Lambel, Erzählungen u. Schwanke, 1. Aufl. 1872. 2. Aufl. 1883, Einleitung; Strecker, Reallex. 2, 388 ff. (mlat.); Bebermeyer, ebda 3, 208-13. — Gröbers Grundr., Franz. Lit. Reg. unter Fableaux; Voretzsch, Einführung in d. Stud. d. afrz. Lit. Reg. unt. Fablei; Bedier, Les fabliaux, 1893 u.ö. — Hss.: GSA.3,752-96; L.Müller, Bruchstücke einer mhd. Erzählungs-Hs., ZfdA. 24, 56-65; Zwierzina, Die Kaloczaer Hs., Festschr. Jellinek 1928, 209-32; s. unt. Stricker (v. Kraus, Leseb.); Zwierzina, Die Innsbrucker Ferdinandeumhs. kleinerer mhd. Gedichte, Festschr. Singer 1930, 144-66. — Sammlungen. Gesamtabenteuer. Hundert altdeutsche Erzählungen: Ritter- u. Pfaffen- Mären, Stadt- u. Dorfgeschichten, Schwanke, Wundersagen u. Legenden, 3 Bde. 1850 (GSA.); John Dunlops Gesch. d. Prosadichtungen, Romane, Novellen usw. hgb. v. Felix Liebrecht, 1851, Reg. S. 552; Liebrecht, Germ. 1, 257-72; Lieder Saal, das ist: Sammlung alt- teutscher Gedichte, hgb. vom Reichsfreiherrn von Lassberg, 4 Bde. 1846; Adelb. v. Keller, Erzählungen aus ad. Hss., Lit. Ver. Bd. 35, 1855; Liederbuch der Clara Hätzlerin, hgb. v. Haltaus, 1840; K. Geuther, Studien z. Liederb. d. Klara Hätzl. 1899, dazu Helm, Lbl. 1900, 322, Drescher, DLZ. 1901, 1692f., Panzer, ZfdPh. 34, 97-100, Michels, Anz. 28, 342-57. — Kleinere mhd. Erzählungen, Fabeln u. Lehrgedichte I. Die Melker Hs., hgb. von Alb. Leitzmann, Dt. Texte d. MA. s. Bd. 4, 1904. IL Die Wolfenbüttler Hs. 2.4. Aug. 2°, hgb. v. K. Euling, ebda Bd. 14,1908; III. Die Heidelberger Hs. cod. Pal. germ. 341, hgb. v. Gust. Rosenhagen, ebda Bd. 17, 1909. — Baechtold, 21 Fabeln, Schwanke u. Erzählungen des 15. Jh.s, Germ. 33,257-83 (St. Galler Hs.), s. auch Singer, D. Schweiz im dt. Geistesleben, 1930, 91 f. u. Anm.; J.Klapper, Mittelalterl. Wandererzählungen in Oberschlesien, Mitteil. d. Ver. f. Schles. Volkskde 24, 1923, 85-94 (8 Erzählungen in Aufzeichnungen des Franziskaners Nicol. v. Kosel, 1426). — Übersetzungen: Osk. Henke, Drei ad. Schwanke, 1888; Mor. Heyne, Fünf dt. mittelalterl. Erzählungen in neuen Versen, 1902; Leo Greiner, Ad. Novellen, 2 Bde. — Abhandlungen. Ant. E. Schönbach, Studien z. Erzählungsliteratur des MA.s, 5 Teile, Wien. SB. 139. 140. 144. 145, 1898-1902; K. Kinzel, D. Junker u. d. treue Heinrich, 1880, Einl.; K. Amrain, Dt. Schwankerzähler d. 15. -18. Jh.s, 1907; Bruno Barth, Liebe u. Ehe im afrz. fablel u. in d. mhd. Novellen, Pal. 97, 1910, dazu Euling, DLz. 1914, 416-20, Euc. Geiger, Anz. 35, 280 f., C. Boer, Mus. 19, 377-79, Piquet, Rev. germ. 8, 1912,81; H. H. Borchardt, Gesch. d. Romans u. der Novelle in Deutschland. I. Vom frühen MA. bis zu Meier Helmbrecht 101 ders die bürgerlichen und bäuerlichen Kreise in ihren Stoffbereich zog, eine in engeren Rahmen gefaßte Kleindichtung geringeren Umfangs, die nicht auf das monumentale Ansehen der großen Romane Anspruch machen konnte: die „Erzählungen und Schwanke". Die Verserzählung unterscheidet sich, gattungsmäßig aufgefaßt, von dem Epos dadurch, daß sie nur einen einzelnen, in sich zusammengeschlossenen Vorgang einheitlich schildert, worin zugleich ihr äußerer Umfang, ihre Kürze bedingt ist. Im engeren Sinn kann sie Novelle (ital. novella) genannt werden, insofern diese Erzählungsart etwas Neues, noch nie Dagewesenes vorführen soll. Als Schwank (Name schon im späteren Mhd.) 1 tritt eine solche Erzählung bzw. Novelle auf, wenn sie einen listigen, ergötzlichen, häufig erotischen, auch obszönen Streich zum besten gibt, während die eigentliche „Erzählung" keinen solchen Beigeschmack hat. 2 Diese Art der Lebensdarstellung ist ein Zeichen des Kulturwandels von der aristokratischen Kunst des ritterlichen Epos hinweg zu dem Emporkommen bürgerlicher Lebensstimmung (s. oben), welche etwa von der Mitte des 13. Jahrhunderts an auch in der Dichtung immer mehr Boden gewann. Die Verfasser sind, außer Wildonie, nicht adelig, sondern zumeist Fahrende, Spielleute, wandernde Kleriker, Schuolajre und Bürger. — Die Geschichten sind zum Teil im Mittelalter, besonders in Frankreich, erfunden worden, meist aber gehören sie der Weltliteratur an und stammen aus dem Orient, von wo sie in den abendländischen Literaturen, auch im Mittellateinischen, weite Verbreitung fanden. 3 Meier Helmbrecht Die erste Stelle unter den kürzeren Erzählungen gebührt wegen des gewaltigen, ethischen und sozialen Hintergrundes dem Meier Helmbrecht von Wer n her dem Gartensere. 4 Dies ist keine Erzählung zur bloßen Unterhaltung, keine Novelle, die als bloße Neuigkeit den Gaumen kitzelt, sondern Wieland, 1926; Herm. Weisser, D. dt. No- Fablels). velle im MA., 1926, dazu Niewöhner, Anz. 53, 4 Lit.: Piper, Höf. Epik 2, 398-404; Frän- 121-27, Fr. Neumann, DLz. 1928, 861-67; kel, ADB. 42, 77-80; bes. Panzer 4 (s. unt.), Fritz Karg, GRM. 11, 328 f.; Stammler, Einleitung. — Ausgaben. Erste kritische ZfdPh. 53, 21 f.; Günther Müller, Walzeis Ausg. v. Mor. Haupt, ZfdA. 4, 318-85; Fr. Handbuch d. Literatur-Wissensch. I, 1927, Keinz, M. Helmbr. u. seine Heimat, l.Aufl. 20 ff. (Novellistik); Zwierzina, .Die Inns- 1865. 2. Aufl. 1887, dazu Kinzel, ZfdPh. 20, brucker Ferdinandeumshs. kleinerer mhd. Ge- 379, Schröder, DLz. 1887, 1271, Cbl. 1887, dichte, Festgabe Singer 1930, 144-66. 1633, Lambel, Lbl. 1892, 369 ff.; Hans Lam- 1 Schwanke in lat. Sprache gab es schon in BEL, Erzählungen u. Schwanke, 1872. 2.Aufl. der ahd. Zeit, s. LG. I Reg. S. 467, bes. S.94 f. 1883 (Nr. III); die jetzt maßgebende Ausg.: u. S. 355-64. Fr. Panzer, Ad. Textbibl. Nr. 11, 1902 (dazu 2 Neben dem großen Epos wandten sich der Lambel, Anz. 29, 214-27, Ehrismann, ZfdPh. geschlossenen Erzählung auch Hartmann 36, 275-77, Cbl. 1902, 1409). 1906. 1911. 1924, (Armer Heinrich), Konrad v. Würzburg (Otto zweiter Abdruck der 4. Aufl. 1927; dritter Ab- mit dem Barte, Herzmaere, Schwanritter, Der druck 1930; ältere Ausg. s. Panzer, Einleitg. Welt Lohn), Heinrich v. Freiberg (Schrätel u. — Übersetzungen s. Panzer 4 S. XIX f.; Wasserbär) zu. nach Panzer 4 erschienen: Fulda, Neudruck, 3 Kurze, klare Übersicht über die „Ur- 1924; K. Schiffmann, mit 12 Holzschnitten, Sprungsfragen" der Erzählungen, Schwanke, 1925; Ninck, M. Helmbr. in neuen dt. Rei- Fabeln bei Voretzsch, Einführung in d. Stud. men, 1927, Reclam; Jos. Hofmiller, Münder afrz. Lit. Kap. 11, 3 (Die Anfänge des chen 1930 (Prosa); W. Klöpzig, Deutsch- 102 Die erzählende Dichtung ein ernstes, ergreifendes Zeitbild, das den Hörer oder Leser aufrütteln und bis ins innere Mark erschüttern soll. Es stellt sich ein gesellschaftlich-geschichtliches Bild, eingekleidet in eine Familiengeschichte dar, in letztem Betracht die Objektivierung einer transzendenten Idee, der göttlichen Weltordnung, die in der Lebensordnung irdisch wird. 1 Die Forschung hat sich oft und eingehend mit der Person des Verfassers, der Zeit der Abfassung und dem Schauplatz der Handlung beschäftigt. 2 Der Dichter nennt sich selbst im letzten Verse 1934 (Hs. A, B hört schon V. 1922 auf) Wernher der Gartencere. Der Name hat verschiedene Erklärungen gefunden, es war wohl ein Familien- oder ein von ihm als Fahrendem angenommener Name. Denn ein solcher war er von Beruf (vgl. V.848 sxvie vil ich vor entvadele, auf der Wanderschaft), und vor den Höfen trug er seine Kunst vor. Die Zeit der Abfassung ist nur im allgemeinen zu erschließen, als nach 1246 und vor 1282 liegend (nach dem Tode Neidharts, V.217 kundl. Bücherei; Clair Hayden Bell, Pea- sant life in Old German epics. Meier Helmbrecht and Der arme Heinrich.Translated from the Middle H. Germ., New York 1931, dazu Wesle, DLz. 1933, 543 f. Die vielen Übersetzungen zeugen von dem Gegenwartsinteresse für diese sozialgeschichtliche Erzählung. — Textkritik, Stellen s. Panzer* S. XX, nachher erschienen: Panzer, Beitr.49,142-51; Clair Hayden Bell, Mod. Lang. Notes 39, 1924, 372-76 (zu V. 1251); Lunzer, Beitr. 53, 195-207; Erich Klibansky, Gerichtsszene u. Prozeßform, 1925, S. 57-59; Strothmann, Gerichtsverhandlung, 1930, S. 27 f. — H.Naumann, Dt. Vjschr. 1, 1923, 141 f. (üb. d. Jargon des jungen Helmbr.). Max Ittenbach, Höf. Symbolik II, Helmbrechts Haube, Dt. Vierteljahrsschr. 10, 1932, 404-11. 2 Hss., Haupt, ZfdA. 4, 318; Panzer 4 S. V-IX u. Beitr. 27, 88-112; Schiffmann, Beitr. 42, 14 -17; Schwietering, Demutsformel S. 13 f.; C. E. Gough, Notes on the mss. of the mhg. poem „Meier H.", Proceedings of the Leeds philos. society 1, 1927, 130-37. 1 Abhandlungen. Lit. bei Panzer 4 , Einleitung. — Haupt, ZfdA. 4, 318-21: Hss.; Name des Dichters Gartencere „appellativischer Beiname"; Fahrender; Zeit: nach Neidharts Tode; Schauplatz: Bayern. — Pfeiffer Forschung u. Kritik, 1863 = Wien. SB. 41, 286 ff.: Schaupl. Traungau; Dichter ist Fahrender, Name Gart, von garten umherwandern; textkrit. Bemerkungen. — Keinz, Ausg. 1 , 1865: Schaupl. (mit älterer Lit.) Innviertel; Dichter ist Pater Klostergärtner (Keinz Ausg. 1 hat nach dem Erscheinen fast allgemeine Zustimmung gefunden, s. Conr. Hofmann, Münch SB. 1, 1865, 4). — Carl Schröder, Germ. 10, 455-64: Schaupl. Traungau; Dichter identisch mit dem Spruchdichter Bruder Wernher (dagegen Rich. Schröder, ZfdPh. 2, 302-5, Rudloff [s. unt.], widerlegt von Panzer 4 S. X f. — Scherer, Kl. Sehr. 1, 715 f.: Name bedeutet „Gärtner" (s. ob. Haupt). — A. Rudloff, Untersuchungen zu M. Helmbr., Rostock. Diss. 1878 (dazu Martin, GgA. 1883, 899 ff., Steinmeyer, Anz. 5,429): M. Helmbr. u. d. höf. Dorfpoesie; Wernh. d. Gart. u. die höf. Didaktiker; Zeit; Person (Fahrender); Schaupl. Traungau. — Ludw. Fulda, Übersetzung [o. J.] (dazu Lambel, Lbl. 1892, 368 ff.): Zeit; Schauplatz (= Keinz), Person (= Keinz). — Edw. Schröder hat Anz. 10, 58 darauf hingewiesen, daß der böhmische Gruß dobrayträ V. 724 erst zur Zeit der böhmischen Herrschaft, also nicht vor 1246 südl. der Donau in Gebrauch gekommen sein werde. — Rich. Müller, ZfdA. 31, 95-103: Bedeutung der Mannhartsviertel für d. M. Helmbr. — Max Shlickinger, 51. Jahresber. üb. d. Mus. Francisco-Carolinum, Linz 1893 u. SA.: Schaupl. Innviertel, dazu Keinz, Anz. 20, 258-66, Schlickinger, ZfdPh. 29, 218-23, Löschhorn, DLz. 1894, 824 f. — J. Strnadt, Anz. 20, 262 f.: Traungau. — Panzer, Beitr. 27, 88 ff.: Innviertel. — Konr. Schiffmann, ZföG. 55, 1904, 709-18: Dichter ein Ministeriale, Schaupl. nicht Innviertel noch Traungau sond. Niederösterreich; Zeit: 1252-82; s. JB. 1907 S. 125. — Schiffmann, Beitr. 42, 1-17: Schaupl. Niederösterreich; Dichter vielleicht aus d. Familie Gärtner in Krems; Hss. — Wilhelm, Zur Abfassungszeit d. M. Helmbrecht u. des jüngeren Titurel, Münch. Mus. 3, 1918, 226-28; M. Helmbr. nach j. Tit., also etwa zwischen 1270u. 1282.— Karl Stechele, Altbayr. Monatsschr. 15, 25-31: Verf. Ritter; Schaupl. — C. E. Gough, The autorship of „the mhg. poem M. Helmbr.", Proceedings of the Leeds philos. soc. I, 1926, 51-58. 130-37 (Hss.). 2 Hs. A, Hs. B hört schon V. 1922 auf; Schwietering, Demutsformel S. 13-15. Meier Helmbrecht 103 [um 1250?] oder nach dem Bekanntwerden des böhmischen Grußes [nach 1246] und vor Seifrid Helbling erstes Gedicht, im Jahre 1282. Inhalt. Das Motiv des Gedichtes bildet die Geschichte von einem Bauernsohn, der Ritter werden will. Schon damit wird die Richtung des Gedankengehaltes angegeben: dieser ist gesellschaftsgeschichtlich und sozialethisch, einmal, weil er in die Feudalverhältnisse des Mittelalters und dann, weil er in den allgemeinmenschlichen Generationsgegensatz „der Alten und Jungen" eingreift. Im Grunde aber ist die ganze Idee religiös-ethisch bestimmt, denn nach der christlichen Tugendlehre liegt in der Uberhebung des Jungen über seinen Stand eine Auswirkung des Hauptlasters, des Übermuts, der Superbia, und die Verachtung der Lehren der Eltern verstößt gegen das vierte der zehn Gebote: Du sollst Vater und Mutter ehren. 1. V. 1-223. Die Tracht des eiteln Bauernjungen. Mit dem Kunstgriff der Spannung wird die Erzählung eingeleitet — dieser ist novellistisch —, etwas Neues, Unerhörtes wird in Aussicht gestellt: ich sach, deist sicherlichen war eins gebären sun, der trug blondgelocktes langes Haar (das war nur Tracht der Edeln), das in eine kostbar gezierte Haube gefaßt war. Diese wird nun ausführlich beschrieben. — 2. V. 224-652. Der Abschied. Nach der Schilderung der geckenhaften Ausrüstung und Kleidung des Bauernsohns beginnt die Handlung. Er will zu Hofe fahren und bittet den Vater um eine Ausstattung; der Alte rät ihm, beim Pfluge zu bleiben und die Hube mit ihm zu bauen, denn „selten im gelinget, der wider sinen orden (Standesordnung) ringet' 1 . Das ist das Thema des ganzen Gedichtes, din ordenunge ist der pfluoc 289 ff. Es folgt ein langes Zwiegespräch zwischen dem besonnenen Vater und dem hinaus ins Raubritterleben drängenden Sohn. — 3. V. 653-1455. Der Besuch in der Heimat. Der Bauernsohn wird Gefolgsmann (gesinde 599) eines Junkers, der den Straßenraub betreibt. Nachdem Helmbrecht schon eine Masse zusammengestohlen hat, nimmt er nach einem Jahr Urlaub und zeigt sich zu Hause bei den Eltern. Da prahlt er mit seiner „höfischen" Bildung in kauderwelschem Jargon, verächtlich sich über die Bauern erhebend. Bei der Mahlzeit erkundigt sich der alte Meier Helmbrecht nach der hovewise (Hofsitte V. 902) und schildert die alte gediegene Ritterart seiner Jugend (913-983); der Junge stellt diesem als die neue Sitte ein Bild abgründiger Verrohung (984-1019) entgegen und erzählt von seinen Heldentaten. Der Vater erkundigt sich nach den Gesellen des Sohnes, die ihn das Rauben gelehrt haben, und dieser zählt sie auf; es sind lauter Namen für Diebe, Gauner und Galgenvögel (1187-1256). 1 Einen dieser „frumen knaben", dem Lemberslind (Schafverschlinger, Schafdieb) will er seine Schwester Gotelint zum Manne geben, die aufs bereitwilligste darauf eingeht (1293-1455). — 4. V. 1456-1702. Die Hochzeit. Helmbrecht kehrt zu seinen Spießgesellen zurück. Dann folgt eine Beschreibung der Hochzeit. Während des Hochzeitmahles überrascht sie jedoch der Richter mit den Schergen und diese schleppen die Diebe vor Gericht; neun werden gehangen, dem Helmbrecht werden die Augen ausgestochen sowie die rechte Hand und ein Fuß abgehauen. — 5. V. 1703-1922. Das Ende des Diebes. Der blinde Krüppel wird in das Haus seines Vaters gebracht, der aber weist dem Elenden mit eisigem Hohn die Tür, swie (wie sehr auch) im sin herze krachte 1776; doch gibt ihm die Mutter wie einem Kinde ein Brot in die Hand. Er schleicht hinweg, da überfallen ihn die Bauern, die er früher gebrandschatzt hatte, prügeln ihn durch, zerfetzen ihm die schöne Haube, zerreißen sein hellgelocktes Haar und hängen ihn schließlich an einem Baum auf. 1 Es ist ein neuer Stand, Halbritter oder sind; s. Petersen, Das Rittertum in d. Dar- Halbedle, Halbedelknappen genannt, s. Ren- Stellung des Johannes Rothe, 1909, 80; Rich. ner 1565-1712, Liederbuch der Hätzlerin ed. Müller, ZfdA. 31, 96 f.; grammatisch: Be- Haltaus 1840 S. 124-28, wo beide Male eben- haghel, Neuphilol. Mitteil. 25, 1924, 133 f. falls solche Mordbrennernamen aufgezählt 104 Die erzählende Dichtung Wie die ganze Darstellung realistisch ist, so wird auch der Schauplatz dieser Dorfgeschichte genau angegeben, jedoch in beiden Hss. verschieden (Panzer 4 S.VI und IX und die Anm. oben): A gibt die Gegend zwischen Höhensteine und Halderiberc (192) an und rühmt den Brunnen ze Wanchüsen (897); dies sind örtlichkeiten im ehemals bayerischen, jetzt österreichischen Innviertel, welches in dem Winkel liegt, wo die Salzach in den Inn fließt; an Stelle dessen nennt B die Gegend zwischen Wels und dem Traunberg (192) und Leubenbach (897), führt also in den oberösterreichischen Traungau. Da aber A das größere Vertrauen verdient, so wird die Entscheidung der Lokalfrage für das Innviertel ausfallen. Da Wernher der Gartensere aus voller Wirklichkeit schöpfte, hat er zugleich einen unschätzbaren Beitrag für die Kenntnis der Kultur der Zeit für das Bauernleben und für den Verfall der Rittersitten 1 gegeben. Schon die Klage über die verschwundene gute, alte Zeit weist auf die Periode nach der höfischen Blüte als Entstehungszeit des Gedichtes hin. 2 Wie weit beruht nun diese realistische Darstellung auch auf einer wirklichen Begebenheit? 3 Die Versicherung des Dichters, er sage, was er mit eigenen Augen gesehen habe (V. 7 f.), kann freilich nicht für jede Einzelheit gelten, denn er bringt auch Dinge vor, die andere schon vor ihm gesagt haben und worin er sicher von diesen abhängig ist; aber daß die großen Züge des Gedichtes, ja auch kleinere Beobachtungen in der Tat sich so zugetragen haben, ist doch sehr wahrscheinlich. Zunächst natürlich die Grundmotive: der über seinen Stand hinauswollende Sohn, die Abmahnung des Vaters, das Räuberleben des Sohnes, das Aufheben der Bande, die Verstümmelung des Sohnes, seine Heimkehr und Abweisung durch den Vater, das jämmerliche Ende. Aber ausgefüllt ist dieser Rahmen der ursprünglichen Tatsachen mit einer Reihe von Einzelheiten, die der Verfasser schon literarisch vorgeprägt gefunden hat. Von vornherein muß seine Selbständigkeit auch dadurch eingeschränkt werden, daß der Inhalt unter denselben Kulturbedingungen steht wie die „höfische Dorfpoesie". Und von Neidhart 4 ist er tatsächlich stark beein- 1 Ein zeitgemäßes Thema, das in dieser Hin- as shown in M. Helmbr., Trans, of the Wiscon- sicht vergleichbar, ist Strickers „Gäuhüh- sin Acad. 17, II, 1914; H. Hügli, D. dt. Bauer nern" und „Herren von Österreich". im MA., dargestellt nach d. dt. literar. Quellen 2 Kulturgeschichtliches in M. Helmbrecht: vom 11.-15. Jh., Sprache u. Dichtung H. 42, Gust. Freytag, Bilder aus d. dt. Vergangen- 1929. — Einzelnes. Helmbrechts Haube: heit2,9. Aufl. 1876,46-73; A. Inowraclawer, Braune, Beitr. 32,515-19; R.M. Meyer, ZfdA. M. H., eine Quelle f. dt. Altertumskunde, 39,320f.;ZfdPh.40,421-30; Alwin Schultz, Progr. Breslau 1882, dazu Bechstein, Lbl. D. höf. Leben l 2 ,1889, 326. Rechtsaltertümer: 1883, 92; J. Seeber, Leben u. Treiben d. Rich. Schröder, ZfdPh. 2, 302-5. Geislitze Österreich. Bauern im 13. Jh. nach Neidhart, (Speise): Pfeiffer, ZfdA. 5, 471. Helbling u. Wernh. d. Gart., Hist. Jahrb. d. 3 Wahrheitsgehalt: s. Panzer 4 S. VIII, wo Görres-Ges. 3, 1882, 416^14; A. Stoewer, D. Lit.; s. auch Schwietering aaO. S. 14 f. Kulturhistorische im M. Helmbr., Progr. Bo- 4 Berührungen mit Neidhart: RuDLOFFaaO.; chum 1891, dazu 0. v. Zingerle, Anz. 19, Panzer, Beitr. 27, 109-12. 33, 391 f.; Ausg. 4 297-99, Seemüller, ZföG. 43, 1893, 527; A. S. XVII f.; Schröder, Gott. Nachr. 1913, Hagelstange, Süddeutsches Bauernleben im 98 f.; Edm. Wiessner, Helmbr. u. Neidharts MA., 1898; Mart. H. Haertel, Social con- Strophen üb. Hildemar, Beitr. 49, 152-58; ditions in Southern Bavaria in the 13. cent. Rosenhagen, Reallex. 1, 210. — Die Ähnlich- Meier Helmbrecht 105 flußt, nicht nur darin, daß er dieselbe Gesinnung gegen die protzigen Bauern- sprenzel hegt, sondern sogar in einzelnen Motiven. Er rühmt den Liedersänger Neidhart als den besseren und erfolgreicheren Dichter (V. 217 ff.). Unmittelbar von ihm entnahm er den Abschnitt über die Haube (V. 9.104, vgl. Neidhart 86, 3-30), und viel Gemeinsames hat die vergebliche Warnung, die der Vater dem widerspenstigen Sohn erteilt (V. 224 ff.) mit jenem Liede Neidharts, in welchem die Mutter die hoff artige Tochter von dem Tanze mit Rittern abmahnt (Neidhart 27, 15 ff.). Doch ist die Einstellung Wernhers zu Bauer und Adel eine andere als die Neidharts. Dieser hat nicht in erster Linie eine satirisch-didaktische Absicht, sondern eine rein dichterische; er singt im Gegensatz zu den Minnesängern und ihrer höfischen Üblichkeit von den Dörpern, hat also zunächst bloß ein poetisches Bestreben, allerdings getragen vom Hohn auf die Bauerntölpel; Wernher übt eine gerechtere Beurteilung, er kehrt auch die tüchtige Seite des Bauernstandes hervor und hat ein höheres Ziel; er zeigt die Schuld der Verletzung der von Gott eingesetzten Ordnung und ihre Sühne auf. Aber auch sonst wirkte auf Wernhers dichterische Gestaltung und Sprache eine ausgedehnte literarische Kenntnis. 1 Helmbrechts Haube ist geziert mit Szenen aus dem Trojanerkrieg, der Karlssage, der Rabenschlacht (V. 45-81); der alte Meier erinnert sich an das frühere Leben bei Hofe, wo u. a. die Dichtung vom Herzog Ernst vorgetragen wurde (956 ff.); auch auf Artus und Ginover wird angespielt (1478 f.). Ebenso kannte der Dichter Hartmanns Gregorius: der Junge, welcher in die Welt hinausziehen und Ritter werden will, der Vater, welcher ihn zurückhält — das ist ganz das gleiche Verhältnis wie zwischen dem jungen Klosterschüler und dem Abt. An den Iwein (V. 63 ff.) erinnert die Beschreibung der höfischen Vergnügungen (Helmbr. 958 ff.), an den Erec die unverhältnismäßige Länge bei der Schilderung von Enitens Pferd, besonders aber die Beschreibung des Sattels, auf dem ebenfalls die Geschichte von Troja und Äneas abgebildet war (Erec 7545 ff. — Helmbr. 45-53). Der Einfluß von Wolframs Parzival aber zeigt sich in einzelnen Wendungen; auch besteht eine Verwandtschaft in der Lebensauffassung (Pfannmüller, Beitr. 43, 252-57). Die Kenntnis der Rabenschlacht wird in V. 76-81 vorausgesetzt. 2 Die Besprechung von Vater und Sohn folgt dem Typus des Winsbeke usw. in der Anrede: sun, vater. Umgekehrt hat das Gedicht auch zeitlich nachgewirkt (Panzer S. XV f.): der Pleier hat im Meleranz zwei Verse wörtlich aus M. Helmbr. entnommen (PI. 591 f. = M. H. 49 f.; vgl. auch PI. 106 ff. u. M. H. 217 ff.). Der sog. Seifrid Helbling hält nicht nur die gleiche sozialsatirische Richtung ein, sondern hat auch viele einzelne Gedanken und Wendungen mit M. Helmbrecht gemein, ja wohl auch oft daraus entlehnt. 3 Direkt als Autorität zitiert wird Helmbrehtes vater lere von Ottokar in seiner österreichischen Reimchronik (V. 26417 f.). 4 Sprachliche und stilistische Gleichheiten endlich finden sich auch in dem Schwanke Von der bösen Frau (Von dem übelen Weibe). 5 keit der verbreiteten Scherzgeschichte von vielfach verwandten Züge des M. Helmbr. dem von der Schule heimkehrenden Bauern- mit dem Ruodlieb. Ehrismann, ZfdPh. 36, söhn, der sich stellt, als ob er die Sprache sei- 400 f. ner Angehörigen nicht mehr verstehe, mit dem 3 Seemüller, Ausg. S. XXXII u. in den Gebaren des jungen Meiersohns hat Panzer Anmerkungen pass.; Martin, GgA. 1883 nachgewiesen, Beitr. 33, 391-98. Nr. 29; Schröder, Anz. 10, 57 f. 1 Panzer* S. XIII f. 4 Haupt, ZfdA. 3, 279; Seemüllers Ausg. 2 Götze, ZfdPh. 51,478. — Wie die poetische von Ottokar, II. Teil pass. Phantasie unter den gegebenen Bedingungen 5 Schröder, GgA. 193, 98 f. mit ähnlichen Motiven arbeitet, zeigen die 106 Die erzählende Dichtung Die Bitterkeit der Satire wird gemildert durch eine spöttische Färbung, die zuweilen hineingemischt wird, wie z. B. das Anerbieten des Vaters an den Sohn, V. 234 ff. (ze dem sune er in spotte sprach) oder V. 424 ff. Ja, schließlich ist die ganze Stellung des Dichters dem Sohn gegenüber nur ein Spott auf sein eitles, törichtes Obenhinauswollen. Betrachtet man aber das hier sich vollziehende Schicksal in seiner grundhaften Stimmung, so wirkt diese tragisch, und die leidende Figur ist der alte Meier; die größte Tragik liegt in dem innern Zwiespalt, der dadurch entsteht, daß der Vater den blinden Sohn verstoßen muß. Er handelt unter der Herrschaft seines Rechtsbewußtseins, nach seinem verstandesmäßigen Urteil, nicht nach dem Gefühl seines Herzens. Der Aufbau des Gedichtes entfaltet sich zum größeren Teil in Reden und in langen Schilderungen (wie der Haube V. 9-103, des Rockes V. 165-223, der Mahlzeit V. 859-90), wogegen die Partien, in denen Handlungen und Ereignisse vorherrschen, zurücktreten. Die Antithese beherrscht den Bau (Vater—Sohn, die beiden Generationen, Bauerntum—Raubritterschaft). Der Stil in seiner Eindringlichkeit sowie der Vers mit seinem markigen Rhythmus, den ausgeprägten, oft seltenen und doch ungekünstelten Reimen, entsprechen dem lebensvollen Gesamtbilde. 1 Der Stricker Wie in der didaktischen Kleinliteratur (s. oben), so nimmt auch in der erzählenden der Stricker 2 den Vorrang ein, schon der großen Anzahl seiner derartigen Erzeugnisse wegen. Er betrachtet die Stoffe seiner Erzählungen und Schwanke unter moralischem Gesichtspunkt, es sind Parabeln, bispel, wenn sie auch nicht alle als solche unmittelbar auftreten, so haben doch die meisten den gleichnisartigen Vermerk am Schluß. Eben wegen ihrer realistischen Anschaulichkeit lassen diese Erzählungen und Schwanke mit ihren Charaktertypen einen tiefen Blick in das wirkliche Leben tun, viel mehr als die auf den Höhen der Gesellschaft sich bewegenden idealen Ritterromane. Als Beispiele seien hier einige Strickersche Erzählungen und Schwanke kurz skizziert. Der nackte Bote (GSA. Nr. 60, Bd. III, 135-43 u. S.XXIX; übersetzt bei H e y n e aaO .;Stehmann, Studentenabenteuer S. 134; vgl. auch Strickers „Der blöze ritter", Nr.59, Bd. III, 125-31 u. S. XXVIII f.): Ein Herr sandte seinen Knecht als Boten zu einem seiner Lehensmannen; der Knecht wollte, bei diesem angekommen, zuvor ein Bad nehmen; als er aber ausgezogen war, mußte er sich gegen den Hofhund wehren und gelangte so, un- angekleidet, rückwärts in die Wohnstube zur Familie des Hausherrn, raste dann, nackt wie er war, zurück zu seinem eigenen Herrn, der ihm, nachdem 1 Sprache: Zwierzina, Anz. 26 Reg. S.356. Die einzelnen Stücke (dabei auch die Fabeln) 27 Reg. S. 351. — Metrik: v. Kraus, ZfdA. 47, außer Pf. Amis: Bartsch, Karl d. Gr. von 305-18. 48, 126 Anm.; Panzer, ZfdPh. 38, Stricker S. XLIXf.; Piper aaO. S. 95-99; 516-18; Pfannmüller, Beitr. 40, 390; Joh. vollständig jetzt bei v. Kraus aaO. (in GSA. Helsig, Metr. u. Stilistik im M. Helmbr., sind es die Nummern 32. 33. 34. 37. 45. 46. Leipz. Diss. 1893; Panzer 4 S. XVI f. — R. 50. 52.59.60.61. 69); nach diesem: v. Kraus, Kapp, Sind die „Rittertreue" u. der „Meier Festg. Singer 1930 (Strickers Nackter Bote Helmbr." alternierend abgefaßt? Freiburg. [GSA. Nr. LX] in Prosa; s. auch v. Kraus, Diss. 1922, Masch.-Druck. Forsch, u. Fortschr. 6, 1930, 447); Maria 2 Lit. s. oben (unter Didaktischer Klein- Maurer, Die Frauenehre von d. Stricker, literatur); Piper, Höf. Ep. 3, 94 ff.; Franz Freib. Diss. 1927; Niewöhner, Des Strickers Brietzmann, Die böse Frau in d. dt. Lit. d. „Welt", ZfdA. 63, 99-102. — Hss.: Piper MA.s, Pal. 43, 1912, Reg. S.235; v. Kraus, S.94f.; v. Kraus, Übungsb. aaO. Mhd. Übungsb. 2 , 1926, 279-87 (Zwierzina). Der Stricker 107 er alles gehört hatte, verzieh. — Die drei Wünsche (GSA. Nr. 37, Bd. II, 251-56 u. S. XXII, übersetzt bei Heyne aaO.): Ein Mann und seine Frau bitten in ihrer Armut Gott täglich, er möge sie reich machen so lange, bis er einen Engel sendet, der ihnen drei Wünsche zusagt. Die Frau wünscht sich ein schönes Kleid, das ihr auch sofort zuteil wird; über diesen törichten Wunsch seiner Frau ärgert sich der Mann und ereifert sich so, daß er ausruft, das Kleid solle ihr in den Bauch fahren, was sofort geschieht; wohl oder übel muß der Mann nun wünschen, daß die Frau von dieser Qual befreit werde; so waren die drei Wünsche schmählich vertan. — Es ist ein unweiser Plan, sich mit dem Teufel einzulassen: diese Lehre wird belegt in der Erzählung „Der Richter und der Teufel" (GSA. Nr. 69, Bd. III, 385-93 u.S.CXII f.). Reichen Stoff, namentlich für die Schwanke, boten die Irrungen der Ehe. Daz Bloch (der Block): Ein roher Bauer mißhandelte sein Weib und hätte sie am liebsten umgebracht. Eine Gevatterin wußte Rat, sie kleidete einen Holzblock wie eine Leiche ein und der wurde durch den Pfarrer begraben. Der Mann freute sich, daß sein Weib endlich gestorben sei und ließ sich von der Gevatterin eine neue Frau aussuchen. Diese hatte unterdessen des Bauers Weib so herausgepflegt und putze sie schön her, daß der ganz entzückte Bauer sie gar nicht wieder erkannte und sofort heiratete. Erst später klärte sie ihn auf, sie lebten aber von nun an friedlich zusammen (GSA. Nr. 32, Bd. 2, 174-92 u. S. XVIII; Lambel Nr. II; übersetzt Heyne aaO.). — Der geäffte Pfaffe: Ein treuloses Weib hatte einen Pfaffen zum Buhlen; einmal kam der Mann überraschend nach Hause und die Frau versteckte ihren Liebhaber unter einer Bank; der Knecht, der das Verhältnis beobachtet hatte, erzählte beim Essen ein Erlebnis mit einem Wolf, welcher in sein Versteck geschlüpft sei, wie dort der Pfaffe unter der Bank; da sprang der Mann hin, zog den Buhlen hervor und ließ ihn nur gegen ein hohes Lösegeld los*. Auch diese anzügliche Ehebruchsgeschichte wird durch die Lehre am Schluß zu einer Parabel umgebogen (GSA. Nr. 61, Bd. III, 147-58 u. S. XXIX ff.; Hahn Nr. IV; Meyer-Benfey 2 S.73-83; Stehmann, Studentenabenteuer S. 133 f.). Andere Erzählungen des Strickers von schlimmem Eheleben s. GSA. Nr. 33. 34. 45. 46; die Novelle „Von einem übelen wibe", das sich bekehrt und eine gute, vorbildliche Ehegattin wird, und das Lehrgedicht „Von übelen wiben" sind herausgegeben bei Brietzmann, Die böse Frau, Pal. 42, 1912, S. 1-14, 400 V., und S. 15-41, 912 V. — In merkwürdigem Gegensatz gegen die ungünstige Zeichnung der Frau in vielen seiner Erzählungen hat der Stricker in seiner langstieligen Frauenehre ein hohes Lob der Frauen gesungen, ihrer Tugenden, der Freuden, die sie der Welt geben, und ihrer sittlichen Einflüsse, ganz im Stil und im Gedankenkreis der Minnesänger. Aber dieses Gedicht ist eben nicht eine Erzählung aus dem Leben, sondern eine allgemeine Abhandlung (Pfeiffer, ZfdA. 7, 106-8. 478-521 [1640 V.]; Kummer, ebda 25, 290-301 [noch eine weitere Anzahl von Versen]). 108 Die erzählende Dichtung Schwankhafte Geschichten von Trunkenheit sind Das Martinsfest (GSA. Nr. 50, Bd. II, 453-62 u. S. LXVI): Ein reicher Bauer feiert mit seinem Gesinde die Martinsnacht bis zur Bewußtlosigkeit, währenddessen stehlen Diebe alle seine Rinder. Der luodersere (GSA. Nr. 52, Bd. II, 3-15 u. S. V): Ein Trunkenbold will sich bessern, lebt als Einsiedler im Walde, läßt sich aber von den Bäuerinnen Weinkannen in Fülle bringen; schließlich zieht er wieder in die Stadt, predigt in den Weinhäusern den Trunkenen, bis er vor lauter Zutrinken schlafend auf die Bank sinkt. Der Weinschlund (Pfeiffer, ZfdA. 7, 405-09 [s. v. Kraus, Ubungsb. 2 S. 286]) versäuft seinen Kummer darüber, daß er nicht ritterlich standesgemäß leben kann. „Der falsche Wahrsager" stelltsich blind und belügt die Leute (Ha hnS. 33-36; übersetzt Heyne aaO.). In erster Hinsicht schwankhaft und bloß zur Belustigung dienend stellt sich Strickers Pfaffe Amis 1 dar, ein Zyklus von zwölf listigen Streichen (2510 V.). Indessen, wenn die Dichtung auch nicht im einzelnen belehrend, bispelhaft, ist, so hat sie doch im ganzen einen moralisierenden Sinn: sie gibt eine Satire auf menschliche Schwächen mancherlei Art, und ein Bild der gesunkenen Zeit im Gegensatz zu „Hie vor", da vröude und ere geliebt wurde (V. 1 ff.). Es wird erzählt, wer der erste man weere der liegen unt trlegen ane vienc 39 ff. 1547 ff.; er hatte seine Heimat in England unt hiez der phqffe Amis. Der Aufwand, den er treibt, erregt den Neid und Zorn seines Bischofs; da verlangt Amis, um sich zu rechtfertigen, auf die Kenntnisse seines Amtes hin geprüft zu werden. Die schwierigen Fragen des Bischofs beantwortet er ebenso listig, z. B. wieviel Wasser im Meer sei, wieviel Tage seit Adam vergangen seien u. dgl.; zum Schluß soll er einen Esel lesen lehren: er lehrt diesen umblättern, indem er zwischen die Blätter Hafer streut, worauf der Esel immer Blatt für Blatt umdreht und sucht. Nach dem Tode des Bischofs geht der Pfaffe auf Gelderwerb aus. Bei einer Kirchweih sammelt er Geld für ein Münster. In Paris behauptet er, Bilder zu malen, die nur ein ehelich Geborener sehen könne; er läßt die Leinwand einfach leer, und trotzdem loben der König und die Ritter die Schönheit des Bildes. In Lothringen macht er die Kranken gesund, indem er verlangt, der Kränkste müsse als Heilmittel sein Blut opfern, worauf alle sich für gesund erklären. Für solche Vorspiegelungen läßt er sich von den Geprellten reichlich bezahlen, wandert bei Bauern, Rittern und Geistlichen herum und macht schließlich auch in Konstantinopel seine Geschäfte. Nachdem er eine Menge Geld zusammengeschwindelt 1 Lit.: Piper, Höf. Ep. 3, 99 f. — Ausg.: Strickers, Progr. Bautzen 1914; Rosenhagen, Lambel, Erzählungen u. Schwanke Nr. I; Pi- Festschr. Ehrismann 1925, 149-58. — Stellen: per, Höf. Ep. 3,100-164; ältere Abdrücke von Heydenreich, Arch. f. Litgesch. 13 (1885), einzelnen Hss.: Benecke, Beyträgez. Kenntn. 145 ff.; Sprenger, ZfdPh. 8, 214 f. 26, 286, d. ad. Sprache u. Litt. 2. Hälfte, 1832, 493 Germ. 28, 190. — Etwa 10 Hss., Piper aaO., -608; Mailath u. Köffinger, Koloczaer Cod. später Seemüller, ZfdA. 55, 439^4; und ad. Gedichte, Pest .1817, 289-356. — Uberset- zwei alte Drucke, Piper aaO.; Docen, Mise. 1, zungen: Berlit 1851; Pannier bei Reclam; 76; Zarncke, ZfdA. 9, 399 f.; Steinmeyer, Ohorn 1883. — Abhandl.: Zarncke (Anord- ebda 30, 376-79; Schröder, ebda 38, 112; nung der Schwanke), ZfdA. 9, 399 f.; Joh. Heiland, Der Pf. Am., Straßburger Wiegen- Brückner, Betrachtungen z. Pf. Am. d. druck, hgb. 1913. Herrand von Wildonie 109 hat, kehrt er nach England zurück; dreißig Jahre hatte er in weltlichem Ansehen gelebt, da bekehrte ihn Gott (2490), so daß er der Lüge abschwur und sich in ein graues Kloster (Zisterzienser) begab. Nach dem Tode des Abtes wurde er zu dessen Nachfolger erwählt und verdiente so das ewige Leben. Die zwölf Schwankgeschichten zerfallen in drei Gruppen (Rosenhagen aaO.): Stück I, Vorgeschichte, Abfertigung des Bischofs; II-X, neun Streiche, Erlebnisse auf einer zusammenhängenden Fahrt; XI, XII Amis zieht als Kaufmann gen Konstantinopel; XIII bildet das Schlußstück. — Einem ernsten Sinn bleibt es unverständlich, daß mit dem Religiösen ein solcher Spott getrieben und daß die Geistlichkeit so satirisch verhöhnt werden konnte. Darin liegt schließlich das tiefste kulturhistorische Problem dieser Schwankdichtung. Im Schwanke war eben alles Mögliche erlaubt, außer einer unmittelbar gegen die Hinordnung auf Gott verstoßende Haltung; dies gehört zur mittelalterlichen Gradualität. 1 Und außerdem wird das Treiben des Pfaffen ja auch als Lüge, als Sündhaftigkeit erklärt und er selbst, zu besserer Einsicht gelangt, bekehrt sich zu einem frommen Leben. Immerhin bleibt in dieser Dichtung sowie in manchen andern dieser Schwanke und Erzählungen die öffentliche Meinung über den Weltpriesterstand erstaunlich. Als Quelle hat vielleicht eine französische Dichtung vorgelegen, die der Stricker frei bearbeitete; die Geschichten haben viel von der Art der französischen Fabliaux (Rosenhagen). Der Bau der Handlung, eine Aneinanderreihung von listigen Schwänken auf einer Fahrt durch die Lande, erinnert an die höfischen Ritterromane mit ihrer Aufeinanderfolge von Heldenabenteuern (Rosenhagen). Herrand von Wildonie Dieser steirische Minnesänger nimmt nach dem Stricker unter den Verfassern kleinerer Erzählungen die nächste, allerdings bei weitem nicht so hervorragende Stelle ein. 2 Seine vier Erzählungen gehören etwa in die Jahre 1257-75. In jeder nennt er am Schluß seinen Namen (von Wildonie Herrant oder Herrant von Wildonie). Sie sind anmutig erzählt, auch in der künstlerischen Form gut. Die treue Hausfrau (Diu getriu kone, 296 V., hgb. GSA. Nachtr. Bd. 3, 713-19; Kummer S. 129-37). Der Prolog V. 1-22 führt in den Sinn und den Zweck der ganzen novellistischen Dichtung Herrands ein: diese entspringt aus einem ernsten Gemüt; der Dichter hat die Traurigkeit der Welt erfahren, darum will er von angenehmen Dingen erzählen,welche fröhlich stimmen. Inhalt: Ein mißgestalteter Gatte lebt mit seiner Frau in inniger Gemeinschaft; im Turnier verliert er ein Auge, da beraubt sich die Frau ebenfalls eines 1 Günther Müller, Dt. Vjschr. 2,1924,689. v. Wildonje, neudeutsch, 1928; Schröder, H. 2 Siehe oben. — Ausg.: Jos. Bergmann, v. Wildon u. Ulr. v. Liechtenstein, Gott. 1841; maßgebend: Ferd. Kummer, Die poeti- Nachr. 1923, 33-62. — Lit.: Kummer; Piper, sehen Erzählungen des H. v. Wild, usw., 1880, Höf. Ep. 3, 410-20. — Hs. des Ambraser Hel- dazu Bartsch, GgA. 1881, 1234-^14, Osw. denb. (1502-16). Zingerle, Anz. 7, 151-64; Will Vesper, Der 110 Die erzählende Dichtung Auges, damit er sich nicht zurückgesetzt fühle; so wird die schon vorher körperlich schöne Frau noch schöner durch die Treue. Hier stellt also der Minnesänger das Idealbild einer Frau auf. Das Gedicht hat den gleichen Inhalt wie Daz ouge (GSA. Nr. 12, Bd. I, 24-56 u. S. CXXIV u. Nachtr. S. 709-13. II; Barth, Liebe und Ehe S. 270 f.; Stehmann, Studentenabenteuer [s. unten] S. 138f.). Ein Gegenstück dazu bildet Der getäuschte Ehemann (Der verkerte wirt, 296 V., hgb. GSA. Nr.43, Bd. 2, S. XLII ff., 337-43; Kummer S. 137-48; Lambel, Erzählungen und Schwanke, Nr.V S. 193-210; Barth, Liebe und Ehe S.265-67; Stehmann, Studentenabenteuer S. 167 -73). Eine Frau, die einen Liebhaber hat, überlistet ihren Mann auf allerlei Weise, einmal mit einem Esel, dann durch ihre Gevatterin, die sich an ihrer Statt zu dem Alten ins Bett legt. —■ III. Der nackte Kaiser (Von dem blözen Keiser, 668 V.), hgb. Kummer S. 148-68). Im Gegensatz zu II hat diese Geschichte einen moralischen Untergrund, sie ist eine Mahnung für Fürsten. Der sich über Gott erhebende römische Kaiser Gorneus wird gedemütigt. Als er im Bade sitzt, werden ihm seine Kleider von einem Doppelgänger weggenommen; dieser nimmt nun öffentlich seine Stelle als Kaiser ein, gibt sich ihm aber dann als Engel Gottes zu erkennen. Der Kaiser erhält die Herrschaft wieder, die er fortan fromm und gerecht führt. — IV. Die Katze (Von der Katzen, 302 V., hgb. Kummer S. 168-76). Der Kater geht auf Freiersfüßen — u. a. fragt er auch bei der Sonne an —, weil ihn die Katze zu gering dünkt; überall abgewiesen kehrt er zum Schluß zu dieser zurück. — Die gleichen Motive wie in I, III, IV behandeln auch die Gedichte „Daz ouge"; Strickers (oder diesem fälschlich zugewiesen?) König im Bade (Der nackte Kaiser), GSA. Nr. 71, Bd. 3, S. CXV ff., 411-26 u. Nachtr. S. 747, s. auch Reinhold Köhler, Germ. 2, 431-34, u. Kl. Sehr. 2, 1900, 207-13, Stehmann, Studentenabenteuer S. 165-67; und Strickers Kater Freier (Wackernagel, Ad. Leseb. 5 S. 801-06). Herrand kannte wahrscheinlich, trotz abweichender Ausführung, diese drei Versionen. Sonstige Erzählungen und Schwanke Aus der Masse der einzelnen, meistens namenlos überlieferten Erzählungen und Schwanke muß eine Auslese getroffen werden, besonders in Hinsicht auf v. d. Hagens Sammlung Gesamtabenteuer (GSA.), in der 90 Stücke vertreten sind. Unter diesen sind solche aus dem 14. Jahrhundert aufgenommen, die sich inhaltlich an die des 13. Jahrhunderts anschließen, oft auch sich gar nicht zeitlich auf das Jahrhundert hin bestimmen lassen. Auf Laßbergs Liedersaal und auf Adelbert v. Kellers Erzählungen aus altdeutschen Handschriften soll nur vorübergehend hingewiesen werden. a) Erzählungen Aus der früheren Literatur wurde das Motiv der unschuldig verleumdeten Königin in zwei Erzählungen erneuert, und zwar in der „Crescentia", Sonstige Erzählungen 111 1052 V. (GSA. Nr. 7, Bd. I, 129-64 u. S.Cff.; Lit.: Goedeke l 2 , 223; LG. II, 1, 274 Anm.2) und in „Die Königin von Frankreich und der ungetreue Marschalk, 678 V. (GSA. Nr. 8, Bd. I, 165-88 u. S. CIV ff.; Karg, GRM. 11, 1923, 328; einem alemannischen Dichter Schondoch, 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts, zugeschrieben: Goedeke aaO.). Einige Erzählungen bewegen sich noch in ritterlicher Umwelt. Aber es ist doch nicht mehr die alte, höfische Vornehmheit und Ausschließlichkeit vorhanden, wie schon Der Junker und der treue Heinrich 1 zeigt: Ein Jungherre hat sein Gut beim Turnieren vertan und zieht mit seinem Knecht Heinrich nach Zypern, wo ein Lanzenstechen angezeigt ist, dessen Sieger die Hand der Königstocher gewinnen soll. Nun spielt ein Märchen hinein. Der Junker hat einem Vogel den Wunderstein abgejagt, mit dem er sich selbst in einen Vogel verwandeln kann. Als solcher fliegt er zu der Prinzessin, und sie minnen sich. Dann siegt er dreimal im Turnier, und am letzten Abend findet die Vermählung statt. Von der höfischen Lebensauffassung hat diese Novelle schon weiten Abstand: es handelt sich vielfach um Geld, und in der Minne wird die Sinnlichkeit zu stark hervorgehoben, 2189 V. Der Ort der Entstehung ist Mittelfranken, die Zeit das 14. Jahrhundert. Durch eine bedenkliche Sinnlichkeit entfernt sich auch die Heidin 2 vom gut höfischen Geschmack: Ein Heidenkönig hat eine schöne Frau; ein überrheinischer Graf hört von ihrer Schönheit, begibt sich elf Jahre lang auf Abenteuer und lernt sie schließlich kennen. Er bittet um ihre Minne, sie ergibt sich ihm nach langem Weigern, dann fährt sie in Abwesenheit ihres Mannes mit ihm in seine Heimat und läßt sich taufen. DerBusant 3 (1074 V.; Sprache nördliches Elsaß, Zeit: um 1300), obgleich in hohen Kreisen spielend, hat insofern bürgerlichen Einschlag, als der Held 1 GSA. Nr. 64, Bd. III, 187-255 u. S. LXXI; Bartsch, Md. Gedichte S. XIV-XX. 40-72; K. Kinzel mit Einleitung u. Anmerkung hgb. Ludw. Pfannmüller, Kleine Texte Bd. 92, 1880 [Heidelberger Hs., 2189 V.], dazu Be- 1912; I. II. III hgb. Pfannmüller, Die vier haghel, Lbl. 1880,428, Martin, Anz. 7,205f., Redaktionen der Heidin, Pal. 108, 1911, dazu Busch, ZfdPh. 12, 494-96, Kummer, ZföG. Helm, Lbl. 1914, 195 f., Rosenhagen, DLz. 1882, 133-35; Seb. Englert [Dillinger Hs.], 1917, 1470-75. — Lit.: Piper, Höf. Ep. 3, hgb. 1892, dazu Kinzel, Anz. 19, 192-94, 525-28.; Abhandl.: Pfannmüllers Ausg.; Rosenhagen, ZfdPh. 26, 127-32, Wacker- K. Maeker, D. beiden ersten Redactionen des nell, Alem. 21, 294-97, Kochendörffer, mhd. Ged. von der Heidin, Berl. Diss. 1890; DLz. 1894, 12-14, Leitzmann, Lbl. 1894, Stehmann, Studentenabent. S. 23. 140 f.; 108 f.; v. Kraus, Dt. Ged. d. 11. u. 12. Jh.s Barth, Liebe u. Ehe S. 261-64; Karg, GRM. S. 148. — Lit.: Piper, Höf. Ep. 3, 522. — 11, 1923, 326. 335; Leitzmann, Beitr. 48, 67 Stehmann, Studentenabenteuer S. 136-38; -70; Naumann, Festschr. Ehrismann 1925 Leitzmann, Beitr. 48, 278-89). S. 95'; H.-Fr. Rosenfeld, Mhd. Novellenstu- 2 Das Gedicht ist in vier Redaktionen ver- dien S. 198. 201; Ders., Neuphilol. Mitteil. 31, schiedenen Umfangs erhalten aus der Zeit etwa 1930, 89 f. — Bolte-Polivka 3, 363. des späten 13. Jh.s bis zur Mitte des 14. Jh.s: 3 GSA. Nr. 16, Bd. I, 331-66 u. S.CXXXIII I. Die älteste und kürzeste Redaktion, 1172 V. ; ff.; Meyer-Benfey, Mhd. Übungsstücke 2 II. Erweiterte Fassung (in Püterichs Ehren- S. 112-31. — Alt. Lit.: Piper, Höf. Ep. 3, brief [ZfdA. 6, 51 Str. 107] ist diese betitelt als 537. — Abhandl.: Eugen Glaser, Üb. d. „Wittich vom Jordan" gedichtet von Meister mhd. Ged. „ Der Busant", Gott. Diss. 1904; Ruediger von Hindihofen [richtiger Hünch- Reinhold Köhler, Germ. 17, 62-64 u. Kl. hoven, s. „Der Schlegel"], 2628 V.). III. Auf- Sehr. 2, 1900, 351-55; Leitzmann, Beitr. 48, Schwellung von II, 4628 V.; IV. 1902 V., Ausg. 64-66. — Neues Brachst.: Priebsch, Beitr. GSA. Nr. 18, Bd. I, 383^*39 u. S. CXLIII ff.; 46, 45-51). 112 Die erzählende Dichtung ein Studierender auf der Hohen Schule in Paris ist. Ein Sohn des Königs von England nämlich wird zum Studium nach Paris geschickt und dort bei Hofe wohl aufgenommen. Die Prinzessin, die er liebt, wird dem König von Marokko verlobt, doch der Königssohn entführt sie. Im Walde lagern sie sich, sie schläft ermüdet ein; ein Busant (Falke) raubt ihr einen Ring, der Jüngling verfolgt ihn, verirrt sich und treibt sich, da er die Geliebte nicht mehr findet, wahnsinnig umher; die Prinzessin wird in einer Mühle, später von einem Herzogspaar aufgenommen. Den Verwilderten finden Jäger auf und pflegen ihn; wiederhergestellt trifft er am Hofe seine Geliebte; eine große Hochzeit im Beisein der Könige von England und Frankreich beschließt das Gedicht. Hier finden wir den Stoff der Magelone, verwandt ist auch „Die gute Frau" (s. oben). Bürgerlicher Umkreis greift auch in die Novelle Rittertreue (866 V.) 1 ein, die eine Verherrlichung ritterlicher Standestreue darstellt. Ein junger Graf nimmt zum Turnier fahrend Herberge bei einem Kaufmann, der früher einmal einen bei ihm verstorbenen Ritter im Mist verscharrt hatte, da ihm von dessen Erben seine Kosten nicht bezahlt worden waren; der Graf löst den Leichnam ein, welcher ehrenvoll bestattet wird. Dann kauft er von einem fremden Ritter ein Pferd zum Turnier und verspricht ihm als Lohn die Hälfte des Turnierpreises. Er erringt die Prinzessin als Lohn und traurig will er dem andern sein Wort halten; da offenbart sich dieser als Geist des von ihm bestatteten Toten und eritschwindet. Die Treuprobe war bestanden und die errungene Frau wieder sein. Die bürgerliche Wendung der Zeit spricht auch aus der sentimentalen Novelle Frauentreue (420 V.): 2 Ein Ritter, der in eine Bürgerin der Stadt sehr verliebt ist, veranstaltet ein Turnier, bei dem er schwer verwundet wird. Geheilt steigt er nachts ins Schlafgemach der geliebten Frau und preßt sie in Minne so ungestüm an sich, daß seine Wunde aufbricht und er verblutet. Als er beerdigt wird, bricht ihr das Herz. Ganz ins bürgerliche Leben übertragen ist diese empfindsame Geschichte in der Novelle Der Schüler von Paris, 3 die denselben Inhalt und den gleichen tragischen Ausgang hat. 1 GSA. Nr. 6, Bd. I, 101-28 u. S. XCVI ff.; Barth, Liebe u. Ehe S. 271; Stehmann, Stu- hgb. auch Pfannmüller, Mhd. Nov. II Rit- dentenabent. S. 157-62; Stammler, ZfdPh. tertreue, Schlegel, Kl. Texte Nr. 95, 1912; 53, 21; H.-Fr. Rosenfeld, Stammler, Ver- Herbert Thpma, Rittertreue, e. mhd. No- fasserlex. 1,655 f. velle, 1923, dazu Suolahti, Neuphil. Mitteil. 3 GSA. Nr. 14, Bd. I, 277-311 u. S. CXXVII 25, 1924, 33-35, Ehrismann, Lbl. 1926, 214 ff.; Rosenfeld, Mhd. Novellenstud., I. Der -16. — Abhandl.: v. Kraus, Z. Kritik der R., Hellerwertwitz, II. Der Schüler von Paris, ZfdA. 48, 103-28; Pfannmüller, Die Straßb. Pal. 153, 1927, Texte der verschiedenen Fas- Hs. der R.,Beitr. 40,381-95; R. KAPP(Metr.), sungen (698 V. 704 V. 792 V. 1116 V.). — s. ob. M. Helmbr.; Stehmann, Studenten- Abhandl.: Rosenfeld aaO., Die Novellen- abent. S. 146 ff.; Stammler, ZfdPh. 53, 21 f.; gruppe vom Schüler von Paris S. 163-524; Be- Leitzmann, Beitr. 48, 58. — Bolte-Poli'vka Ziehungen z. Frauentreue, Burchardt S. 109 3, 508. -16, Rosenfeld bes. S. 203 ff. 273 ff.; Stamm- 2 GSA. Nr. 13, Bd. 1,257-76 u. S. CXXIVff.; ler, ZfdPh. 53, 21; Leitzmann, Beitr. 48, Kurt Burchardt, D. mhd. Ged. von d. Fr., 61-63; Suolahti, Neuphilol. Mitteil. 30, 1929, Berl. Diss. 1911, dazu Helm, Lbl. 1914, 147; 144 f. Sonstige Erzählungen . 113 In die engere Gruppe von der Frauentreue und dem Schüler von Paris gehört auch Hero und Leander (486 V.). 1 Die klassischen Namen sind beibehalten, das Lebensgefühl aber ist mittelalterlich-christlich und weich; als Hero den Tod des Geliebten erfährt, sinkt sie entseelt zusammen. Von ernst-sittlicher Absicht eingegeben ist die Novelle Von zwein Kaufmannen von Ruprecht von Würzburg (946 V.). 2 Ihr liegt das Thema von Posthumus, Imogen und Jachimo in Shakespeares Cymbeline zugrunde: Ein Kaufmann, Bertram, der mit seiner Frau, Irmengart, in glücklicher Ehe lebt, macht eine Geschäftsreise. In der fremden Stadt gerät er in eine Gesellschaft bei einem Wirte Hogier und preist laut die Treue seiner Frau. Hogier wettet viel Geld, daß er diese für sich gewinnen werde. Trotz der Zureden aller ihrer Verwandten, das gewinnbringende Anerbieten anzunehmen, bleibt Irmengart standhaft. Sie überlistet den Zudringlichen, indem sie eine der Dienerinnen in ihr Bett legt und am andern Tage Hogiers Hereinfall aufklärt; so muß dieser ihrem Manne die verlorene Wette zahlen. Das Gegenteil von solcher Frauentreue erzählt die verbreitete Novelle vom Ritter Raso oder dem Ritter Rudolf von Schlüsselberg, welche im Nußberg des Heinrich Rafold zum Teil nachklingt. Ein Ritter von Nußberg macht in Kämpfen mit den Heiden deren König zum Gefangenen, seine Frau aber befreit ihn wieder und entflieht mit ihm. 3 Wenn die Ritter in direkten Gegensatz zu den Bauern gestellt werden wie in den nur in Bruchstücken erhaltenen, wie es scheint auf Ehebetrug hinauslaufenden Mittelfränkischen Ritternovellen (hgb. Priebsch,Festschrift Kluge 1926, 108-22), so wird damit ein Thema angeschlagen, das im höfischen Roman nicht einmal als Nebenmotiv erscheint. Auch hier findet man sich in dem sozialen Gefüge, welches für die Zeit nach der Blüte der höfischen Dichtung bezeichnend ist. Ein Symptom der neuen Gesellschaftsordnung zeigt Das Frauenturnier 4 (412 V.): Jenseits des Rheins in einer burk wohnen mehr als vierzig stolze burgcere; sie sind waffengewandt und ihre Frauen veranstalten ein Turnier. Hier treffen wir ein Bürgertum, welches sich ritterliche Manieren angeeignet hatte, den neuen Stadtadel, die Stadtaristokratie der herrschenden Geschlechter. Abseits von den individuellen, einmaligen Begebenheiten in den bisherigen Erzählungen wird eine allgemeine Lebens- und Klugheitslehre in dem 1 GSA. Nr. 15, Bd. I, 313-30 u. S. CXXVIII u. S. CXLVIII ff.; die Sage: Schönbach, ff. — Übersetzung: R. E. Ottmann, 1895. Wien. SB. 145, 1902; Vogt, Salman u. Morolf 2 GSA.Nr.68,Bd.III,351-82u. S.LXXXIII (s. LG. II, 1) S. LXV f. ff.; Grimm, Ad. Wälder 1, 35-71. 2, 181-84; 4 Der vrouwen turnei, GSA. Nr. 17, Bd. I, 367 Mor. Haupt (aus seinem Nachlaß hgb. v.Wil- -82 u. S. CXI ff.; Ad. Bl. 2, 398 f.; Eduard manns), ZfdPh. 7, 65-90; Meyer-Benfey, Heydenreich, Üb. e. neugefundenes mhd. Mhd. Übungsstücke 2 S. 97-111. — Stein- Hs.-Bruchst___u. üb. d. Ged. von der vrou- meyer, ADB. 29, 747; Piper, Höf. Ep. 3, 538. wen turnei, Arch. f. Lit.gesch. 13, 1885, 145 — Leitzmann, Beitr. 48, 289 f.; Stammler, -75; Ehrismann, Beitr. 22, 337 f.; Schröder, ZfdPh. 53,22; Günther Hahn, Rupr. v. ZfdA. 59,160.327; Leitzmann, Beitr.48,66 f.; Würzb., 1932. H.-Fr. Rosenfeld, Stammlers Verfasserlex. 3 GSA. Nr. 19, Bd. I, 441-47 (unvollendet) 1, 659 f. 8 Deutsche Literaturgeschichte IV 114 Die erzählende Dichtung Schlegel von Rüdiger von Hünchoven (Rüedeger der Hünchovcere) vorgetragen (1200 V.). 1 Es ist das Schicksal des König Lear, dem wir hier begegnen. Ein reicher Kaufmann, der im Alter sein Gut seinen Kindern gegeben hat, wird von diesen wie ein Bettler mißachtet und behandelt. Durch eine List weiß er sich bei ihnen wieder in Ehren und gute Behandlung zu setzen: er läßt sie merken, daß er noch eine große Kiste mit Geld bei einem Freunde aufbewahrt habe. Als nach seinem Tode die Kiste geöffnet wird, findet man darin einen Schlegel mit einem Zettel: wer so töricht ist, daß er alle seine Habe seinen Kindern gibt, dem soll man mit diesem Schlegel den Hirnschädel einschlagen. Der gleiche Gedanke wie im Schlegel liegt dem Kotzenmaere (Der Kozze, Die halbe Decke) 2 zugrunde. Hier ist es der Enkel des vernachlässigten Alten, der die Lösung bringt: er bittet seinen Vater um eine Decke (kotze) für den Großvater, sein Vater gibt ihm die Hälfte einer solchen, der Enkel bittet auch um die andere Hälfte, damit dereinst, wenn der Vater ebenso hilflos sei wie jetzt der Großvater, er ihm dieses Stück zum Schutz gegen die Kälte geben könne. Der Sohn geht in sich und hält nun seinen alten Vater in Ehren. Schließlich tritt ein fahrender Mann, so wie wir uns wohl manchen Verfasser solcher Erzählungen vorstellen dürfen, selbst auf, Meister Irregang (144 V., 14. Jahrhundert) : 3 Von stolzer äventiure will er sagen, und zählt nun alle seine Künste und Fertigkeiten auf: sagen unde singen, loufen unde springen .. . stechen unde striten, turnieren usw., aber auch einfaches Handwerk wie Tischtücher machen, einen Teig kneten, Faden zwirnen; Irregank heiz ich, manig laut weiz ich .. . ich gän in dem riche von lande ze lande . .. in eines hübschen knaben wise begdn ich mine spise. Es ist der gleiche Typus wie ihn Meister Trougemund darstellt (s. unt.); vgl. bes. Irreg. V. 141 f. und Trau- gemundslied MSD. I, 192 Str. 2, 5. Endlich sind die Novellen in Jansen Enikels Weltchronik als eine hierhergehörige Gruppe zu erwähnen (in GSA., Bd. II Anhang S. 487-650 u. Bd. 3 S. CXXVIII ff., dazu Bd. 3 Nr. 67, 337^19 u. Bd. I S. CXXIV f.). 4 1 GSA. Nr. 49, Bd. II, 401-51 u. S. LVIIIff.; Bolte-Poli'vka 2, 135 f. Pfannmüller, s. ob. — Übersetzung: Mor. 3 GSA. Nr. 56, Bd. III, 83-91 u. S. XXIV f.; Heyne, Fünf deutsche mittelalterl. Erzählun- LASSBERG,L.Nr.CXXVII,2,309-15;WACKER- gen in neuen Versen, 1902, 1-26. — Abhandl.: nagel, Leseb. 5 Sp. 1139^4. — Uhland, Reifferscheid, ZfdPh. 6, 38^11; Otto Lipp- Schriften 3, 194-98; Bartsch, Germ. 8,41-45, streu, D. Schi., Diss. Halle 1894; Pfann- s. Adelb. Keller, Fastnachtspiele 3, 1853, Müller, ZfdPh. 54, 231-39; Stehmann, pass.; 1135-38; Schaus, ZfdA. 42, 101 Anm. 2. 104; LEiTZMANN.Beitr. 48, 268; Stammler, ZfdPh. Leitzmann, Beitr. 48, 274 f. — Den Namen 53, 22. — Alt. Lit.: Piper, Höf. Ep. 3, 528; Irregang trägt auch einer der guten Gesellen weitere Lit. Pfannmüller, Ausg. u. ZfdPh. in dem Schwank „Irregang und Girregar", s. aaO. oben. 2 Fünf Fassungen: GSA. Nr. 48, Bd. II, 387 4 Leitzmann, Beitr. 48, 46. Zu Nr. 2 [Zaube- -99 u. S. LVff. III, 729-36 (Fass. I u. IV); rerVirgilius], GSA. 2,509 ff., s. auch Bartsch, Stehmann, Stud. S. 173-79; Pfannmüller, Germ.4,237^10.5,94 f.; J. V. Zingerle, ebda ZfdA. 239-17 (mit Text von Fass. III); Ro- 5, 368-71. Senfeld, Beitr. 54, 367-90 (mit Text V). — Sonstige Schwanke 115 b) Schwanke Das Inhaltsgebiet der Schwanke, sowohl was die Personen als auch was die Handlungen anbetrifft, ist ins Typische stilisiert. An Personentypen treten vor allem auf: der rohe Ehemann, der Ehebrecher und der betrogene Ehegatte; das böse Weib, die Ehebrecherin und das treue Weib; der buhlerische, geile Pfaffe; die Magd oder Gevatterin, welche Helfersdienste leistet, und schließlich der Säufer. Eine höchst unerfreuliche Gesellschaft, bei der kein behaglicher Humor aufkommen kann! Im Gegenteil, wir haben hier eine mehr oder weniger bewußte Satire auf das Geschöpf „Mensch". Solche rohen Vorführungen machten offenbar dem Publikum Spaß und lassen auf seinen Geschmack und seine Bildung schließen. Welch ein Abstand gegenüber dem Lebensgefühl der Poesie in der Blütezeit der höfischen Dichtung! Der durch jene Typen charakterisierte Inhalt bewegt sich fast durchgängig in der sexuellen Sphäre; es ist die „Minne" in ihrer vorweg geschlechtlichen Bedeutung, die hier in verschiedenen Schattierungen bis zum widerlich Obszönen auftritt: als harmlose, ja unerfahrene, natürliche Hingebung, als ehebrecherische Buhlerei und schließlich als gemeine Zote. Vorwegzunehmen sind zwei groteske Schwanke: Die böse Frau 1 und Der Weinschwelg. Die Erzählung tritt hier zurück und alle Handlung ist auf die Charakterisierung der Person gerichtet (Charaktertypen). Die böse Frau ist eine Icherzählung (820 V.). Der Dichter schildert seine Ehe mit einem Übeln wibe. Sein Leiden ist ärger als das eines heiligen Märtyrers (173 ff. 492). Zuerst wurden die Gegensätze zwischen Mann und Frau im allgemeinen dargelegt (z. B. swaz mir tuot wol daz tuot ir we . .. spriche ich swarz, si sprichet wiz, Swaz ich wil daz wil si niht [11—256]). Dann folgt die Schilderung von einzelnen Kämpfen, die ganz kunstgerecht verlaufen, unter Zuhilfenahme aller möglicher zum Prügeln geeigneter Gegenstände in der Stube, wobei dann der Stuhl als Schutzwehr dienen kann. Der Mann hat immer die Kosten der Prügelei zu tragen; halb totgeschlagen liegt er schließlich betäubt da und hält das Maul. Wenn man den Schwank Von der bösen Frau in die literarische Tradition einreiht, so wird man zu Neidharts höfischer Dorfpoesie geführt. Die innere Form des Gedichtes besteht in dem Kontrast zwischen der Schilderung der plumpen Prügelei im Bauernhause und dem guten höfischen Ton der Sprache. Hervorgehoben wird dieser Gegensatz noch durch den Vergleich mit Helden des Heldenepos (Aspriän 156, Dietrich, 1 Ausg.: Jos. Bergmann, 1841; Mor.Haupt, Lit. d. MA.s, Pal. 42, 1912, dazu Niewöhner, Von dem übeln Weibe, 1871; Edw. Schröder, ZfdA. 63, 269, Cbl. 1913, 1340, Pfannmüller, Die böse Frau, 1913, dazu Pfannmüller, DLz. DLz. 1914, 678-80, W. Richter, Arch. 131, 1914, 1258 ff., Wern. Richter, Arch. 134, 242 f., Helm, Lbl. 1915, 192-94, Bolte, Zs. f. 156-61; Schröder, 2. Aufl. 1919. — Ab- Volkskde. 23, 332. — In der Würzburger Hs. handl.: Schröder 2 S. 5 f.; hervorgehoben (s. oben) steht ein unbedeutendes Gedicht sei: Schröder, Gott. Nachr. 1913, 88-99; L. gleichen Inhalts (52 V) unter dem Titel Ditz Bock, Wolframs v. Esch. Bilder für Freud u. ist von einem ubeln wibe, das mit dem obigen Leid, QF. 33, 1879, 55-64; Helm, Beitr. 34, nichts zu tun hat, v. Bahder, Germ. 23, 220 f. 292-306; Schneider, Wolfdietr. S. 210. 272; 305 f.; Schröder, Die Gedichte d. Königs vom Franz Brietzmann, Die böse Frau in d. dt. Odenwalde (s. unten) S. 12 f. 116 Die erzählende Dichtung Witege 257 ff. 531 ff., Hildebrant 527, Dietleip 696) sowie mit berühmten Liebespaaren (Walther und Hildegunt 305, Pyramus und Thisbe 385, Erec und Enite 413, s. ferner V. 449 ff. 483 ff. 580). Der Schauplatz der Kämpfe ist die Hauptstube eines bäuerlichen Anwesens. Der so stark aufgetragene Kontrast wirkt wie eine Parodie auf die Helden- und die höfischen Epen. — Der Verfasser, der eine ziemlich umfassende Literaturkenntnis besaß und lesen konnte (408), ist unbekannt. Seine Heimat war Tirol (552 f.), die Zeit der Abfassung liegt bald nach der Mitte des 13. Jahrhunderts. Darstellung, Stil und Reimgebrauch sind gewandt und flott (Haupt, Ausg. S.4, Bock aaO. S.59. 62 ff.). Vielleicht von demselben Verfasser ist der in die gleiche Gegend und Zeit weisende Schwank Der Weinschwelg, 1 ein Selbstgespräch (416 V.), in dem ein gewaltiger Trinker den Preis des Weines in den höchsten Tönen besingt. Er rühmt seine tugent, seine kunst und meisterschaft; er ist der Freudebringer und begeistert zu hohen Taten. In 22 Abschnitten, die alle mit der dem Gedichte eigenen epischen Formel dö huob er üf unde tranc einsetzen, steigern die mächtigen Trünke sich immer mehr und mit ihnen erhebt sich immer mächtiger, je trunkener er wird, das Selbstbewußtsein: Wo findet man einen Mann, der trinke als ich trinken kan? (157 ff.) ruft er schließlich. Eine Art Heroismus stempelt so den Säufer zum Helden: diu werlt ist gar min eigen ; und als ihm schließlich das Hemd platzt, zieht er ein ledernes Koller an und darüber einen festen eisernen Panzer wie zum Kampfe. So klingt auch dieses Gedicht wie eine Parodie auf die höfische Dichtung, 2 besonders in seinem Spott auf die tumpheit derer, die tot von minne lägen, 324 ff, wie Paris wegen Helena, wie Dido, Grälant, Pyramus und Thisbe oder Cüräz. 3 Die Darstellung mit ihren grotesken Bildern, ihrem Stil und ihrer Reimfertigkeit hat die gleichen Vorzüge wie die der Bösen Frau. 4 Eine Verherrlichung des Weines gibtauchDerWeinschlund vom Stricker (s. oben). Ein lustiger Trinkerschwank ist Der Wiener Meerfahrt von dem Freudenleeren 5 (706 V.) : Wiener Bürger zechen auf einer Laube, in der Trunkenheit glauben sie auf einem Schiffe gen Ackers ins Heilige Land zu fahren; 1 Ausg.: J. Grimm, Ad. Wälder 3, 1816, 13- 4 Lucae S. 6 f. 34; Wackernagel, Leseb. 5 S. 911-22; Ver- 5 Ausg.: GSA. Nr. 51, Bd. II, 463-85 und naleken, Germ. 3, 210-21; K. Lucae (Text S. LXVIff.; Lambel Nr. V; R. Newald, u. Übersetzung), 1886, dazu Schröder, Anz. 1930, dazu Niewöhner, Anz. 50, 149 f., 13, 115-21; Schröder, Zwei ad. Schwanke Götze, Lbl. 1930, 342 f., Piquet, Rev. germ. (s. ob.). —K. Wolfskehl, Der Weinschw., Dt. 21, 1930, 295; E. Castle u. A. Walheim mhd. Umdichtung 1921. — Lit.: Schröder, Ausg.; u. nhd. übertragen, 1922. — Lit.: Piper, Höf. Ders., Gott. Nachr. 1913, 99-103. Ep. 3,533 f. — Abhandl.: v. Karajan, ZfdA. 2 Denkt man sich die beiden Schwanke als 5, 243-45; Heydenreich, Arch. f. Litgesch. Parodie auf die höfischen Romane, so geben 13,1885,145 ff.; Schröder, ZfdA. 29,354-57; sie zusammen eine einheitliche Einstellung: Uhl u. Schröder, ebda 41, 291-95; Bernt, Heldentum und Minne; die Böse Frau ist dann ebda 52, 246 ff.; Wallner, Beitr. 33, 544-46; eine Verkehrung des Minneideals, der Wein- Ders., ZfdA. 63, 185-90; Leitzmann, Beitr. schwelg eine solche des Heldentums. 48, 271; Rosenfeld, Stammlers Verfasserlex. 3 Siehe dazu Lucae S. 58; Schröder, Anz. 1, 675-77. 13, 119; auch Lucae S. 53. Sonstige Schwanke 117 einen ihrer Kumpane werfen sie aufs Pflaster hinaus, daß er Arm und Bein bricht. Am andern Morgen kommen die Nachbarn herbei, die Trunkenbolde erzählen ihnen von der nächtlichen Seefahrt, die Freunde des Beschädigten aber greifen zu den Waffen, bis schließlich eine Sühne erfolgt. (Dichter wahrscheinlich ein Fahrender aus Böhmen, Zeit zwischen 1254 und 1283.) — Der Luodercere s. ob. Stricker. — Unterliegt der Mann in der Bösen Frau der Herrschaft des Weibes, so bringt er in dem Schwank Frauenzucht von Sibote (628V.) 1 das böse Weib durch Einflößung von Respekt und Furcht zur Vernunft und zum Gehorsam. Der Stoff ist bekannt durch Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung": Ein Ritter wirbt trotz Warnung um die böse Tochter einer bösen Mutter. Als er die Braut abholen will, tötet er auf dem Wege nacheinander seinen Habicht, seinen Windhund und sein Roß, weil sie seinem Willen nicht folgen. Schließlich muß die Braut sich satteln lassen, damit er auf ihr heimreiten kann. Aus Furcht, es möchte ihr ergehen wie den Tieren, gehorchte sie und wird dann in der Ehe das fügsamste Weib. (Sibote war Thüringer, dichtete vor der Mitte des 13. Jahrhunderts.) — Ein von Natur und Erziehung böses Weib ist auch die schöne Königstochter in der Novelle von Heinz dem Kellner (nach dem gleichen, auch von Schiller verwendeten Motiv Turandot genannt) (228 V.): 2 Sie will nur den Freier zum Manne nehmen, der sie in drei Dingen durch seine Rede überbiete; schon manchem edeln Ritter war das Haupt abgeschlagen worden, da gelang es einem halb blödsinnigen Dorfrüpel mit schmutzigem Benehmen, die Antworten zu finden, und sie mußte ihn heiraten. Ein Schwank, der sich nicht mit dem sexuellen Thema beschäftigt, ist außerdem: Die alteMutter und Kaiser Friederich, eingemellichez mcere 3 (von V o 1 r ä t [ ?], 424 V .), wo dieser Recht sprechen muß bei der Anklage einer alten geizigen Frau gegen ihren Sohn und nun infolge ihrer Kurzsichtigkeit eine Verwechslung stattfindet zwischen ihrem eigenen Sohne und einem andern Ritter, dessen Mutter schon dreißig Jahre tot ist. — Im Märe vom Feldbauer (veltbüwcere — Bergmann) schwindelt ein Bergmann dem Dichter Geld ab durch die lügenhafte Schilderung des gewinnbringenden Bergbaues (512 V., um 1300, Obersachsen oder Böhmen). (Hgb. Pfeiffer, Germ.l, 346-56; Rosenhagen,Dt. Texte d.MA.s, Bd. 17, 36^4.) — Abhandlung: Bernt,ZfdA.52, 256-59; Wallner, ebda 63, 183-85; Gierach, Stammlers Verfasserlex. 1,196 f. 1 GSA. Nr. 3, Bd. I, 37-57 u. S. LXXXIIff.; der, Die Gedichte d. Königs v. Odenw. S. 13. Lambel Nr. IX. — Lit.: Piper S. 531 f. — 2 GSA. Nr. 63, Bd. III, 175-85 u. S. LXI ff.; Abh.: Schröder, ZfdA. 51, 154-56; Steh- Lassberg, LS. Nr. LXXIII, Bd. 1, 535^3.— mann, Studentenabent. S. 122-25; Brietz- Marcus Landau, Z. Quelle d. Turandot-Dich- mann, Die böse Frau, Reg. S. 235; Leitzmann, tung des Kellners, Zs. f. vergl. LG. 9, 1895, Beitr. 48, 52 ff. — Sprenger, ZfdPh. 26, 284 H. 4/5. (Stelle). — Eine Überarbeitung u. Erweite- 3 GSA. Nr. V, Bd. I, 85-100 u. S. XCVf.; rung von Sibotes Gedicht ist Der Zornbra- Haupt, ZfdA. 6, 497-503; Bech, Germ. 15, ten, Lassberg, LS. Nr. CXLVIII, Bd. II, 136 Anm. 3; Stehmann, Stud. S. 132; Leitz- 499-531 (984 V.), Steinmeyer, ZfdA. 18, mann, Beitr. 48, 56-61. 317 f.; v. Bahder, Germ. 23, 220-22; Schrö- 118 Die erzählende Dichtung Pikanter erschienen dem Geschmack dieser Gesellschaft die erotischen, meist obszönen Schwanke. Wirklich komisch, ohne solchen anzüglichen Beigeschmack, wirkt die Macht der Minne in Aristoteles und Phyllis 1 (554 V., von einem Alemannen): Der Erzieher Alexanders, der alte Aristoteles, verfällt der Minne, und das schöne Hoffräulein Phyllis macht ihn so kirre, daß er sich von ihr satteln läßt und auf allen Vieren mit ihr durch den Hofgarten reitet. Er erntet Spott und Hohn, so daß er sich davon macht und auf einer fernen Insel ein dickes Buch über die Listen der Weiber schreibt. — Ebenfalls von der minne meisterschaft, der gewalt und ir kraft erzählt ein mcere von Pyramus und Thisbe, 488 V. (Haupt, ZfdA. 6, 504-17; Paul, Beitr. 1, 208; s. Bartsch, Albr. v. Halberst. S. LX-LXVI [LXII f.]. — Lüsternheit liegt dem Schwank von Irregang und Girregar (Novelle vom Studentenabenteuer) von Rüdiger von Müner zugrunde (1450 V., südrhein- fränkisch). 2 — Er ist eine Komödie der Verwechslungen: Zwei Jünglinge übernachten auf einer Reise bei einem reichen Herrn, der eine schöne Tochter hat; der eine erwacht, steht auf, setzt die Wiege mit dem Kind an sein Bett und legt sich aus Versehen neben den Wirt; die Wirtin hört darauf das Kind schreien und legt sich aus Versehen neben den andern Gast. — Einen lehrhaften Sinn, durch den der verfängliche Stoff in den Hintergrund gedrängt wird, hat die Novelle Der Hellerwertwitz von Hermann Fressant 3 (aus Augsburg, um 1350 Stadtschreiber in Ulm; 746 V.): Ein junger Kauf- man hat eine tugendreiche Frau, daneben aber auch zwei Buhlerinnen; er geht auf eine Geschäftsreise, jede der beiden Damen wünscht sich als Reisegeschenk einen kostbaren Mantel, seine Frau aber bittet nur, er möge ihr für einen Heller Witz (Klugheit, Verstand) mitbringen. Solchen erhält er denn auch von einem Greis in Ypern. Zurückgekehrt erklärt er den Buhlerinnen, er sei beraubt worden und habe nichts mehr, jede mißhandelt ihn und sagt ihm ihre Gunst auf, seine Frau aber empfängt ihn liebevoll und will nun für sie beide nähen und spinnen. Da ist der Mann bekehrt und die Geschichte findet ein glückliches Ende. 1 GSA. Nr. 2, Bd. I, 17-35 u. S. LXXV ff.; D. mhd. Nov. Irreg. u. Girreg., Münchn. Diss. A. Borgeld, Arist. en Phyllis,Groningen 1903; 1924; Zwierzina, Festgabe Singer 1903,152ff. Hans Paul, Ulr. v. Eschenbach u. seine Ale- 3 GSA. Nr. 35 (Ehefrau u. Buhlerin), Bd. II, xandreis, Berl. Diss. 1914, 144 ff.; John L. 215-39 u. S. XIX ff.; neue Ausg.: H.-Fr. Ro- Campion, Mod. Philol. 13, 1915/16, 347-60; senfeld, Mhd. Novellenstudien I, Der Heller- Leitzmann, Beitr. 48, 49-52; Rosenfeld, wertw. (s. oben), S. 44-93 (782 V.) [ebda: Verfasserlex. 1,1931,123-25; s.auchW. Hertz, Der Pfennigwertwitz S. 93-107, Text 102 V., Gesammelte Abhandl. 1, 1-412 [Arist. im MA.]. Das Säcklein Witz S. 108-22], dazu Schröder, — Bildliche Darstellungen: Panzer, Neue GgA. 1928, 23-29; Niewöhner, Anz. 47, 110 Jahrb. 7, 1904, 140; v. d. Leyen u. Spamer, -21, Golther, Teuthonista 4, 290, Suolahti, Die ad. Wandteppiche im Regensburger Rat- Neuphilol. Mitteil. 29, 1928, 168-71, Bolte, hause, 1910, S. 9 f. Zs. f. Volkskde 37/38, 289 f., Piquet, Rev. 2 GSA. Nr. 55, Bd. III, 37-82 u. S. XIX ff.; germ. 19, 1928, 54 f., Ehrismann, Lbl. 1928, Ausg. der Fassung II: Stehmann S. 198-216 101-3, L. Wolff, DLz. 1929, 562-66, Stamm- (464 V.); Wilh. Stehmann, D. mhd. Novelle ler, Zs. f. Dtkde 1928, 815; Rosenfeld, Neo- vom Studentenabenteuer, Pal. 67, 1909, dazu philol. 1927/28, 14-16; Stehmann, Stud. GoLTHER.Lbl. 1913,97-99, Euling, DLz. 1914, S. 162-65; Barth, Liebe u. Ehe S. 269; 416-20; Barth, Liebe u. Ehe S.267-69; Leitz- Stammler, ZfdPh.53,22; Rosenfeld, Stamm- mann, Beitr. 48, 274; Hans Winterstetter, lers Verfasserlex. 1, 673 f. Sonstige Schwanke 119 Verführungsgeschichten sind die Sperbernovelle (370 V., erstes Viertel des 13. Jahrhunderts) und die zu ihr gehörige Gruppe: 1 Ein Ritter will einer jungen Nonne seinen Sperber, der ihr gefällt, im Austausch für ihre Minne geben. Sie weiß nicht, was Minne ist, und gibt ihm diese, verlangt aber dann, daß er sie ihr wieder zurückgebe. Das gleiche Motiv, nur in anderer Umgebung dargestellt, wird ausgeführt in den Schwänken Das Häslein (306 V., Ende des 13. Jahrhunderts) und Dulciflorie (lückenhaft, nach 1200). Eine Umkehrung im Verhältnis der Geschlechter, so daß das Weib der aktive Teil, der Verführte aber ein unerfahrener Mann, ein Mönch, ist, wird geschildert im Gänselein 2 (272 V.). Das gleiche Gaudium soll Der schwangere Mönch (des Mönches Not) von dem Zwingäuer 3 bereiten, eine Geschichte, die aber höchstens durch Blödsinn ergötzen kann (544 V.). Ebenfalls eine lüsterne Verführungsgeschichte ist Das Rädlein 4 von Johannes von Freiberg (516 V., Dialekt ostmitteldeutsch, nach der Mitte des 13. Jahrhunderts): Ein Schreiber malt dem schlafenden Mägdlein mit Ruß ein Rädlein auf den Leib usw. — Die Situation des Tageliedes steht im Mittelpunkt der Minnenovelle Die Nachtigall (264 V., GSA. Nr. 25, Bd. II, 71-82 u. S. XI f.): Die Kinder zweier reicher Ritter schlafen im Gartenhause und werden von der Sonne überrascht; der Vater der Tochter entdeckt sie und sagt zu der Mutter, das Töchterlein habe einen schönen Vogel gefangen; dann werden beide zur Ehe zusammengegeben. Bei weitaus der Mehrzahl der Schwanke handelt es sich also um ein sexuelles Thema. Die bisher besprochenen spielen außerhalb des Rahmens der Ehe. Dem rohen Geschmack des Publikums, dem diese Art von Mären gefallen sollte, entsprachen aber auch ganz besonders die geschlechtlichen Irrungen in der Ehe, die Ehebruchsgeschichten. Eheschwänke ohne diesen Hautgout sind selten: Frauenbeständigkeit (486 V., GSA. Nr. 27, Bd. II, 105 -21 u. S. XIII f.). — Die Teufelsnacht (324 V., GSA. Nr.28, Bd. II, 123-35 1 Sperber: GSA. Nr. 27, Bd. II, 19-35 u. 63, 176; Leitzmann, Beitr. 48, 261-63. S.Vf.;LASSBERG,LS.Nr.XXX,Bd.l,221-321; * GSA. Nr. 58, Bd. III, 105-24u. S.XXVIff.; Lambel Nr. VIII.— Alt. Lit.: Piper, Höf. Ep. Zacher, ZfdA. 13, 333-35; Walt. Buske, Die 3, 529; Hans Niewöhner, D. Sperber u. ver- mhd. Novelle „Das Rädlein" des Johann von wandte mhd. Novellen, Pal. 119, 1913 (darin Freiberg, Diss. Rostock 1912 (mit Text S. 68 Sperber, Häslein, Dulci florie), dazu Helm, -87 (524 V.), dazu W. Richter, Arch. 131, Lbl. 36, 131 f., W. Richter, Arch. 131, 243 f.; 243. — Über Heinr. v. Freiberg: Bech, Ur- Stehmann, Studentenabent. S. 135; Stamm- kundl. Nachweise üb. d. Geschlecht usw., ler, ZfdPh. 53, 21; Zwierzina, Festgabe Sin- Germ. 19, 420-24; Eduard Heydenreich, ger 1930, 135. — Das Häslein: GSA. Nr. 21, Mitteil, vom Freiberger Altert. Ver. 19, 1882, Bd. II, 1-18 u. S. V. —Alt. Lit.: Piper aaO.— 22-24; Buske S. 18 f. — L. Müller, ZfdA.24, Leitzmann, Beitr. 48,258-60.—Dulciflorie: 56 ff.; Bernt, ebda 52, 249 ff.; Schirokauer, Pfeiffer, ZfdA. 5, 426-31; Aug. Lütjens, Beitr. 47, 99; Leitzmann, ebda 48, 275-78; Herz. Friedrich v. d. Normandie, Münchn. Erich Mai, Das mhd. Gedicht vom Mönch Arch. 2, 1912, 65 ff. (s. oben); Niewöhner, Felix, 1919, 54 ff.; Rosenfeld, Novellenstud. ZfdA. 59, 305-7. S. 199. 367. — Stellen: Stosch, ZfdPh. 28, 2 GSA. Nr. 23, Bd. II, 37^8 u. S. VI ff.; 429; Wallner, ZfdA. 64, 89-91.— Denselben Pfeiffer, ZfdA. 8, 95-105; Wallner, ebda Stoff behandelt ein Gedicht von einem listigen 63, 182 f.; Leitzmann, Beitr. 48, 260 f. Pfaffen, L. Müller aaO.; s. auch „Der Maler 3 GSA. Nr. 24, Bd. II, 49-69 u. S. XXIV ff.; von Würzburg", Keller, Erzählungen aus Lassberg, LS. Nr.CXXXVI, Bd. 2, 389^108; ad. Hss. S. 251-59, und Schröder, ZfdA. 62, Pfeiffer, ZfdA. 5, 434-84; Schröder, ebda 37^40. 120 Die erzählende Dichtung u. S.XIV; Leitzmann, Beitr. 48, 264 f.). — Der wahrsagende Baum (der holboum, 132 V., GSA. Nr. 29, Bd. II, 137-44 u. S. XV). — Im übrigen bezeugen diese Geschichten von Ehebetrügereien eine erschreckende moralische Empfindungslosigkeit; diese Gesellschaft von Rittern, Geistlichen und Bürgern — denn die Schwanke waren wohl hauptsächlich die Unterhaltungslektüre der Männer — hatte eine zynische Freude an den Listen der ungetreuen Weiber und an der Verspottung der geprellten Ehemänner. Im wesentlichen kommt es auf den Witz an, und man muß bei der Beurteilung den Schwerpunkt auf die Pointe legen, auf den listigen Einfall. Erstaunlich reichhaltig sind die Variationen des einen Motivs, Untreue von Mann und Weib in der Ehe. Gewisse nähere Beziehungen in dieser Mannigfaltigkeit bringen einzelne Schwanke in eine stoffliche Zusammengehörigkeit. Der Borte (Der Gürtel) von Dietrich von der Glezze 1 zielt am Schluß auf eine moralische Wirkung. Die schöne Frau eines Ritters gewährt einem andern ein Minnespiel für den Preis eines siegverleihenden Gürtels. Ihr Gatte entfernt sich von ihr in ein anderes Land. Als Mann verkleidet zieht darauf die Frau auf Turniere aus und besiegt ihren eigenen, sie nicht erkennenden Gatten; beide machen als Freunde gemeinsame Heerfahrten und endlich gibt sie sich ihm zu erkennen, gerade als er im Heidenland einen Fehltritt begehen will, von dem sie ihn abhält. Beide leben fortan glücklich zusammen bis an ihr Ende. (Der Dichter aus dem Glatzer Lande, Abfassung vor 1290.) Ebenso hat Das warme Almosen einen moralischen Ausgang; hier wird der geizige Mann durch den Fehltritt der Frau von seiner Kargheit kuriert. (130 V., GSA. Nr. 36, Bd. II, 241-48 u. S.XXI; Singer, Schweiz. Arch. f. Volkskde 28, 1928, 227 ff.) Eine Variation des Themas wird dadurch erreicht, daß erzählt wird, wie die Eheleute sich alle beide verfehlen ,soz.B.inDiezweiBeichten 2 (84V.): Die Frau gesteht dem Mann ihre verschiedenen Fehltritte, der Mann verzeiht ihr, er soll ihr nun auch beichten, da hat er nur einen Fall auf dem Kerbholz, für diesen aber prügelt sie ihn durch. — Die gleiche Wendung nimmt die Sache in Alten Weibes List 3 (480 V.): Ein altes Kuppelweib preist einem Dom- 1 GSA. Nr. 20, Bd. 1, 449-78 u. S. CXLIXff.; schaftler Dichters Dietrich (D. v. Glatz), Glat- der Anfang auch bei Adelbert Keller, Alt- zer Heimat 5, 1921; Ders., D. Lit. der Landesdeutsche Gedichte 1846 S. 10 f.; Rich. Zooz- u. Volkskunde der Grafsch. Glatz, 2. Aufl., mann, Der Gürtel, übertragen, 1921. — Stein- Glatzer Heimatblätter, Jahrg. 10 H. 2, 1924; meyer, ADB. 9, 236; Reinh. Köhler, Germ. Ders., D. Glatzer Land in d. Dichtung, in: 31, 49-51 u. Kl. Sehr. 2, 471-73; R. Brendel, Monographien dt. Städte, Bd. 10, Die Graf- Üb. d. mhd. Ged. „Der Borte", Hall. Diss. schaft Glatz, 1927, S. 165-71. — Rosenfeld, 1906; Otto Rich. Meyer, Die Quelle des Bor- Stammlers Verfasserlex. 1, 426-28. ten, ZfdA. 59,36-46; Ders., D. Borte des Dietr. 2 GSA. Nr. 44 (Die Beichte), Bd. 11,349-55 u. von der Glezze (mit Text), Königsberg. Diss. S. XLIX; Lassberg, LS. Nr. XXXIII, Bd. 1, 1924, dazu D. v. Kralik, Anz. 42, 110-13; 245-19; Pfeiffer, ZfdA. 5, 448-52; Barth, v. Kralik, ZfdA. 60, 153-93; Baesecke, D. Liebe und Ehe S. 271 f.; Stehmann, Stud. Wiener Oswald, 1912, S. XCf.; Naumann, S. 182-84. Ausg. von Ludwigs d. Frommen Kreuzfahrt 3 GSA. Nr. 9, Bd. I, 189-205 u. S. CXII ff.; (s. oben) S. 195; Schwietering, Demuts- Bartsch, Md. Gedichte S. 84-97 u. S.XXI formel S. 50; Leitzmann, Beitr. 48, 70; Paul -XXIV; Barth, Liebe u. Ehe S. 264 f.; Steh- Klemenz, Zur Herkunft d. ältesten Graf- mann, Stud. S. 179 f. Sonstige Schwanke 121 herren eine schöne Frau an, sie treffen sich bei der Kupplerin, aber der Domherr wird in Geschäften abberufen. Da bringt die Alte einen andern Liebhaber, und diesmal ist es der eigene Ehemann der schönen Frau; sie haut ihm ins Gesicht, schließlich aber gibt es doch eine Versöhnung. Das mcere gibt sich fälschlicherweise für ein Werk Konrads von Würzburg aus {der arme Kuonrdt). Ein anderer Witz besteht darin, daß die Frau durch Frechheit den Verdacht ihres Mannes abzulenken sucht. Dieses Motiv gibt den Ausschlag in Der Ritter unter dem Zuber von Jakob Appet 1 (396 V.): Eine Frau hat ein Liebesverhältnis mit einem Ritter. Einmal, als der Mann mit drei Brüdern unerwartet heimkommt, versteckt sie den Ritter unter einem Zuber. Einer von den Brüdern setzt sich auf den Zuber, da sagt das Weib kaltblütig, es sitze ein Ritter darunter; die andern halten das natürlich für Spott und sehen nicht nach, um sich nicht zum Narren halten zu lassen und lächerlich zu machen. Der Dichter ist ein Schweizer, die Abfassungszeit das spätere 13. Jahrhundert. Durch eine andere Art von Vorspiegelung zieht sich die Frau aus der Klemme in Frauenlist 2 (618V.): Der Mann sieht oft den Liebhaber der Frau, einen Schüler, von ihr kommen und beruft sich auf seinen eigenen Augenschein; da führt sie ihn an einen Wasserzuber, wo er sich selbst im Wasser abgespiegelt sieht, und so überzeugt sie ihn von der Nichtigkeit des Scheins; die Sinne trügen. Das gleiche Thema wird in Der Ritter und die Nüsse etwas abgewandelt (196 V., thüring., GSA. Nr. 39, Bd. II, 257-82 u. S. XXVII; Steinmeyer, ZfdA. 18, 317 f.; Leitzmann, Beitr. 48, 265-68). Ähnliche Züge hat auch Die treue Magd (624 V., GSA. Nr.42, Bd. II, 309-31 u. S.XLIf.; Stehmann, Stud. S. 125 f.). Wie die Gelegenheit zum Stelldichein verschafft wird, erzählt der Schwank Die Meierin mit der Geiß 3 (164 V.): Ein Ritter und die Frau seines Meiers sind im Einverständnis; der Mann wird aus dem Bett gelockt, weil die Geiß immer schreit; die Frau sagt, es seien Wölfe im Stall, aber ein Schüler im Dienst des Ritters zwickt das Tier beständig in die Ohren. Während der Mann nach der Geiß sieht, geht der Ritter zur Meierin. — Kindermund verrät eine Pfaffenbuhlschaft in Berchta mit der langen Nase (174 V., GSA. Nr. 54, Bd. III, 29-35 u. S. VIII ff.; Ad. Blätter 1, 105-07). — Unter den Pfaffen- schwänken ist einer der übelsten die tolle Geschichte Die drei Mönche von Kolmar (404 V., der Dichter nennt sich „Niemand"; GSA. Nr. 62, Bd. III, 159-73 u. S. XXXV ff.; alt. Lit. bei Piper, Höf. Ep. 3, 540). — 1 GSA. Nr. 41, Bd. II, 293-308 u. S.XXXVI 2 GSA. Nr. 26, Bd. II, 83-104 u. S. XII f.; ff. — Briefwechsel zw. J. Grimm u. K. Goe- A. Borgeld, Vrouwenlist, Verbreiding en oor- deke, hgb. von Joh. Bolte, 1927, S. 64 (Brief sprong van een novelle nit den Decamerone, J.Grimms 1851); Bartsch, Reinfrid von Groningen 1926; Stehmann, Stud. S. 132 f.; Braunschweig, 1871, S. 809 f.; Baechtold, Leitzmann, Beitr. 48, 263 f.; Rosenfeld, Gesch. d. dt. Lit. in d. Schweiz, 1892, S. 135; Stammlers Verfasserlex. 1, 643 f. Singer, Litgesch. d. dt. Schweiz im MA., 1916, 3 GSA. Nr. 40, Bd. II, 283-91 u. S. XXXVf.; S. 49; Ders., Die mittelalterl. Lit. d. dt. Leitzmann, Beitr. 48, 268; Zwierzina, Fest- Schweiz, 1930, S. 84 f.; Rosenfeld, Verfas- gäbe Singer 1930, 158. serlex. 1, 1931, 99 f. 122 Die erzählende Dichtung Mit glücklichem Humor beschließt die Geschichte, in der ein Pfarrer fälschlich des Umgangs mit einer Frau beschuldigt wird: Der entlaufene Hasenbraten von dem Vriolsheimer 1 (130 V.). Zu den Pfaffenschwänken gehören u. a. auch Der geäffte Pfaffe vom Stricker (s. oben) und Der Maler mit der schönen Frau (A.v. Keller, Erzählungen aus ad. Hss. S. 173-76; Bartsch und R. Köhler, Germ. 18, 41-45 und R. Köhler, Kl. Sehr. 2); Des Fischers Rache von Heinrich von Pforzheim (LLS. 3, 215-28; Keller, Erzähl, aus ad. Hss. 350-64 [Von dem Pfaffen in der Reusen]). Nicht der Ehebetrug selbst, sondern seine Folgen sind Gegenstand der Erzählung im Schneekind (90 V., GSA. Nr.47, Bd. II, 379-85 u. S. LIII ff.; Stehmann, Stud. S. 181), ein Motiv, das schon aus dem Modus Liebinc (LG. I, 356 f.) bekannt ist. Im Stil und in der Lebendigkeit des Ausdrucks steht das mittelhochdeutsche Gedicht sehr hinter dem lateinischen zurück. Wohlbehagen an der bloßen Zote bezeugt die Pointe des sich als Werk Konrads von Würzburg ausgebenden Schwankes Diuhalbebir(Die halbe Birne): am Schlüsse V. 512 nennt sich der Verfasser von Wirzeburc ich Kuonrät, was gewiß nur eine Vortäuschüng (s. oben) ist, doch wird hier der Stil Konrads nachgebildet (514 V.). 2 Auch Der weiße Rosendorn ist schlechthin zotig (276 V., GSA. Nr. 53, Bd. III, 17-28 u. S.V ff.; Singer, ZfdPh. 52, 88). B. DAS HELDENEPOS Die mittelhochdeutsche epische Dichtung zerfällt dem Stoff und der Herkunft nach in zwei in der inneren Haltung verschiedene Gruppen: in das aus französischen Quellen stammende höfische Epos (Ritterroman), und in das Volksepos, das heimischen, deutschen Ursprungs ist, besser Heldenepos genannt, weil es eine „Geschichte aus heroischer Vorzeit" darstellt (Heusler, Nibelungensage und Nibelungenlied 1 S.6). Das Stoffgebiet des Heldenepos ist also die deutsche Heldensage, „Heldensage ist Heldendichtung" (Heusler aaO. S.226). Ihren Ursprung hat die Heldensage in der Geschichte, ihren Grundstock bilden wirkliche Ereignisse, aber diese sind oft 1 GSA. Nr. 30, Bd. II, 145-52 u. S. XV ff.; Ludw. Sig, Das K. v. Würzburg zugeschrie- Ad. Wälder 1,35-66; Haupt, ZfdA. 15, 469; bene Ave Maria S. 10 f. Anm.; Sievers, Fränkel, ADB. 40, 374; Bolte-Polivka 2, Sprachmelodisches, Leipz. Universitätspro- 129 f. gramm 1901; Zwierzina, ZfdA. 44, 108 f. 2 GSA. Nr. 10, Bd. I, 207-24 u. S. CXVI; 250 f. 367; Günther Müller, Dt. Vjschr. 1, Georg Arnold Wolff, Diu halbe Bir, ein 79; Singer, Die Schweiz im dt. Geistesleben, Schwank K.s v. Würzburg, 1893; Behaghel, 1930, 82 f. — Die Unechtheit hat endgültig Lbl. 1894, 355, Cbl. 1894, 248, dazu R. M. nachgewiesen Hans Laudan, D. Chronologie Meyer, DLz. 1895, 1357 f., Roediger, Arch. der Werke des K. v. Würzburg, 1906, S. 7 u. 91, 434 f.; Bech, Alem. 22, 90; frühere Ab- ZfdA. 50, 158-66. — Über verwandte Motive drücke s. Wolff S. XI. — Lit.: Sachse, Der s. Diez, Leben u. Werke der Troubadours, Welt Lohn (s. oben) S. 3; Wolff S. XI f.; 1829,12 f.; Gertr. Schoepperle, Tristan and später: Schröder, Rittermaeren 1 , 1894, S.L; Isolt, 1913, 227 ff. Das Nibelungenlied . 123 sehr verändert oder von der dichterischen Phantasie ausgemalt und durch weitere Motive bereichert; auch aus mythologischen oder märchenhaften Zügen erwuchsen zuweilen Heldensagen. Die dichterische Form war zunächst das Heldenlied. Das epische Lied (mythologischen Inhalts) erwähnt schon Tacitus (siehe diese LG. I 1 , 17-23. 1 2 , 15-22). Die Sänger waren Fahrende, die an den Höfen herumzogen und dort in hohem Ansehen standen. Der westgermanische Name war scop (ags. as.), ahd. sopf, scof (s. LG. I 1 , 62-71. I 2 , 62-71). Ein größeres Helden-Epos entstand im Angelsächsischen im Beowulf (7. Jahrhundert; s. Panzer, Studien zur germanischen Sagengeschichte - Beowulf, 1910), in Deutschland in dem lateinischen Waltharius (um 920-30). Das älteste deutsche Heldenlied ist das Hildebrandslied. Am Anfang unserer Heldenepen (Leseepen) steht das Nibelungenlied. Die Verfasser der Heldenepen waren ritterliche Dichter oder gehörten zu den Spielleuten. Die eigentlich klassische Zeit der Heldensage, also des Grundstoffs für Heldenlied und Heldenepos, ist die Völkerwanderung, das heroische Zeitalter der Germanen, also das 4. bis 6. Jahrhundert. Aus der Zeit der Völkerwanderung stammen die meisten der Persönlichkeiten und Ereignisse, welche den historischen Kern unserer mittelhochdeutschen Volksepen bilden, so Dietrich von Bern, Attila, die Burgundenkönige; die Personen der Gudrun gehören einer späteren Zeit an. So ergeben sich dem äußeren Umfang nach drei Formen der Heldendichtung : das Heldenlied, eine Erweiterung desselben: das Heldenepos, eine Sammlung von Heldendichtungen: das Heldenbuch. Die Sagenkreise des Heldenepos. 1. Die Nibelungensage, niederfränkisch und burgundisch. 2. Hilde-Gudrum, niedersächsich-friesisch. 3. Der ostgotische Sagenkreis, Amelungensage, Ermenrich und Dietrich von Bern, bei den Bayern überliefert. 4. Die Walthersage, alemannisch. 5. Die Ortnitsage (russisch, verknüpft mit den Gedichten der Dietrichsage). 6. Die Hug- und Wolfdietrichsage (desgleichen). 7. Die Wielandsage, niedersächsisch. 8. Die langobardische Rothersage (s. LG. II 1 , 290-313). a) DAS NIBELUNGENLIED An der Spitze der Heldenepen steht das Nibelungenlied sowohl der Bedeutung als auch der Abfassungszeit nach. Diese Bedeutung ist einmal historisch, da hier ein Bild entrollt wird von der Wesensart, der Denk- und Fühlweise unserer Vorfahren, wie sie die Sage aus der Zeit um 500 erkennen läßt und wie sie um 1200 im Leseepos einen Niederschlag fand; die zweite Bedeutung besteht im Methodisch-Wissenschaftlichen, indem die außerordentlich reiche Literatur über diese Dichtung zu einer eigenen, weitverzweigten Nibelungenwissenschaft herangewachsen ist. Die gesamte Literatur über das Nibelungenlied ist so unermeßlich, daß ihre vollständige Aufzählung bis auf die Gegenwart Bände beanspruchen würde. Bis zum Jahr 1909 ist eine solche vollständige Bibliographie von Theodor Abeling, Teutonia H. 7, 1907, S. 1-133 (von 1756, 124 Die erzählende Dichtung Bodmer, bis 1905 u. Nachträge) gegeben worden. Eine umfassende Bibliographie enthält auch Goedeke, Grundr. I 2 , 1884, 178-91, eine reichhaltige Zusammenstellung geben Zarncke und Piper bei ihren Ausgaben; Johannes Meyer, Einführung in die deutsche Literatur, 1905, 291-93; Herm. Fischer, Die Forschungen über das Nibelungenlied seit K. Lachmann, 1874; Rich. v. Muth, Einleitung in das Nibelungenlied, 1877, 1-12; Rosenfeld, Nibelungensage u. Nibelungenlied in der Forschung der letzten Jahre, Neuphilol. Mitteil. (Helsingsfors) 26, 1925, 145-78; H.Naumann, Der Stand der wissenschaftl. Forschung über Nibelungensage u. Nibelungenlied,ZfdtBildg2,1927, 405f.; Ders., Stand der Nibelungenforschung, ZfDtschkde 41, 1927, 1-17; Stammler, ebda S. 92-94; Friedr. Neumann, Das Nibelungenlied der gegenwärtigen Forschung, Dt. Vierteljahrsschr. 5, 1927, 130-71; F. Piquet, Oü en est l'etude du Nibelungenlied? Rev. germ. 18, 215-38. 316-37; Herm. Schneider, Germ. Heldensage I, 1928, 73-210 u. pass. — Abhandlungen: W. Grimm, Heldensage S. 63-128. 153-55; Uhlands Schriften 1, 1865, 426-50; Bartsch, Untersuchungen üb. d. Nibelungenlied, 1865; Müllenhoff, Zeugnisse u. Excurse zu der dt. Heldensage, ZfdA. 12, 253-386; Pfeiffer, Der Dichter des Nibelungenliedes, 1865; K. Vollmöller, Kürenberg u. die Nibelungen, 1874; Heinr. Rückert, Die Nibelungen, ihre Bedeutung für die Gegenwart und für immer, in H. Rückerts Kl. Sehr. 1,1877, 175 -80; W. Scherer, Zu der Nibelunge Not, ZdfA. 24, 274-79; Ders., Kl. Sehr. 1. Reg. S. 773, 2, 15; Wilhelm Scherer, Jacob Grimm, 2. Aufl., 1885, s. Reg. S. 358 „Nibelungen"; R. v. Muth, Excurse zu den Nibelungen, Beitr. z. dt. Philol., Jul. Zacher dargebr. 1880, 267-76; Herm. Fischer, Die Forschungen üb. d. Nibelungenlied seit K. Lachmann, dazu Scherer, ZfdA. 18, 150-53, Bartsch, Germ. 19, 352 ff., Schönbach, ZföG. 25, 253-58; H. Fischer, Entgegnung, Germ. 20, 111-22; Ders., Zur Kritik der Nibelungen, ebda 24, 201^3. 313-51; Paul, Zur Nibelungenfrage, Beitr. 3, 373-490 u. SA., dazu H. Fischer, Germ. 27, 233-54, Henning, Anz. 4, 44. 46-56; Paul, Nibelungenlied u. philolog. Methode, Beitr. 5, 428-47; Wilmanns, Beiträge zur Erklärung u. Gesch. d. Nibelungenliedes, 1877, dazu Henning, Anz. 4,44.56 ff., R. v. Muth, ZfdPh. 8, 485-93; Müllenhoff, Die alte Dichtung von den Nibelungen, ZfdA. 23, 113-73; H. Busch, Die ursprünglichen Lieder vom Ende der Nibelungen, ein Beitrag zur Nibelungenfrage, 1882, dazu Schönbach, DLz. 1882, 1249, Symons, Lbl. 1883, 168-71, Wilmanns, GgA. 1882 Nr. 59; Rich. v. Muth, Einleitung in das Nibelungenlied, 1877, dazu Henning, Anz. 4, 4. 76-80, 2. Aufl. 1907, dazu Martin, DLz. 1908, 2204-06, Lbl. 1907, 323 f.; R. v. Muth, Über eine Schichte älterer im Epos nachweisbarer Nibelungenlieder, 1878, Ders., Excurse zu den Nibelungen, Beitr. z. dt. Philol. Julius Zacher dargebracht, 1880, 267-74; Rud. Henning, Nibelungenstudien, QF. 31, 1883, dazu Schönbach, Anz. 10, 312-21, Wilmanns, GgA. 1883 Nr. 43; Max Roediger, Kritische Bemerkungen zu den Nibelungen, 1884, dazu Steinmeyer, Anz. 11, 31-35, Kettner, ZfdPh. 17, 255 f., Symons, Lbl. 1885, 447 f., Schönbach, ZföG. 36, 48 ff.; M. Ortner, Reinmar der Alte, Die Nibelungen, 1887; Martin, Zu den Nibelungen, ZfdA. 32, 380-86; Paul Cauer, Über das ursprüngl. Verhältnis der Nibelungenlieder XVI. XVII. XIX, ZfdA. 34, 126-46; W. Müller, Mythol. d. dt. Heldensage 1886,29-123, J. Stuhrmann, Die Idee u. die Hauptcharaktere der Nibelungen, 1886, dazu Schönbach, DLz. 1886, 1603, 2. Aufl. 1904, dazu Helm, Lbl. 1905, 268, 3. Aufl. 1910; H. Lichtenberger, Le poäme et la legende des Nibelungen, 1891, dazu Wilmanns, Anz. 18, 66-111, Vogt, ZfdPh. 25, 405-16, Seemüller, DLz. 1892, 883-85; W. Schulze, Einführung in d. Nibelungenlied, 1892; H. Badstüber, Charaktere aus d. Nibelungenlied u. der Kudrun, Progr. Pilsen 1893; Golther, Dt. Heldensage 1894; Schönbach, Das Christentum in der altdeutsch. Heldendichtung, 1897, 1-56; Ders. in: Stadt Wien, hgb. vom Altertumsverein zu Wien, 1897; E. Mogk, Die german. Heldendichtung mit besonderer Rücksicht auf die Sage von Siegfried u. Brunhild, N. Jahrbücher 1, 1897, 68-80; Emil Kettner, Die österreichische Nibelungendichtung, 1897, dazu Wilmanns, GgA. 1898, 19-36, Martin, Anz. 24, 278-89, Rosenhagen, ZfdPh. 31, 243-51, Panzer, Lbl. 1899, 115-22; Zwier- zina, Mhd. Studien, ZfdA. 44, 1 ff. u. Reg. Anz. 26, 352, ZfdA. 45, 19 ff. u. Reg. Anz. 27, 347 f.; H. Droege, Zur Geschichte des Nibelungenliedes, ZfdA. 48, 471-503; Ders., Die Vorstufe unseres Nibelungenliedes, ebda 51, 177-218; Ders., Das ältere Nibelungenepos, ebda 62, 185-207; Sandbach, The Nibelungenlied u. Gudrun in England u. America, London 1903, dazu Panzer, Das Nibelungenlied 125 Lbl. 1905, 6 f.; Rich. Laube, Die Schilderung der Hoffeste im Nibelungenliede, ZfdtUnterr. 18, 1904, 462-88; G. Brockstedt, Das franz. Siegfriedslied, 1908; Ders., Das franz. Nibelungenlied, GRM. 3 H. 5; Voretzsch, Zur Geschichte der Nibelungensage in Frankreich u. Deutschland, ZfdA. 51, 39-58; Strobl, Entstehung der Nibelungennot u. der Klage, 1911; Jos. Körner, Die Nibelungenforschungen der deutschen Romantik, 1911; Vogt, Volksepos u. Nibelungias, Festschr. Breslau 1911, Mitteil. d. Schles. Ges. f. Volkskde XIV, 1911, 484-516; Panzer, Studien zur germ. Sagengeschichte II, Sigfrid, 1912; Herm. Fischer, Üb. d. Entstehung d. Nibelungenliedes, SB. d. bayer. Akad. 1914, 7; Eugen Mogk, Deutsche Heldensage, Deutschkundl. Bücherei 1917; G. Neckel, Die Nibelungenballaden, Festschr. Braune 1920, 85-137; Singer, Eine Episode des Nibelungenliedes, Neujahrsblatt der lit. Ges. Bern 1917; J. Meyer, Das Nibelungenlied als Drama gewertet, ZfdtUnterr. 33, 1919, H. 7/8; J.Körner, D. Nibelungenlied, Aus Natur u. Geisteswelt 1921, dazu Wesle, Lbl. 1922, 232-34; Andreas Heusler, Nibelungensage und Nibelungenlied, die Stoffgeschichte des deutschen Heldenepos dargestellt, 1921, dazu Ehrismann, Anz. 41, 141^8, Panzer, ZfdPh. 50, 456-61, Wesle, Lbl. 1922, 234 f.; 2. Ausg. 1922, dazu Schneider, DLz. 1924, 278-83, Neckel, Neue Jahrb. f. Wissensch. u. Ju- gendbildg 2, 1926/27, 217-19; 3. Aufl. 1929, dazu Schröder, Anz. 48, 144, Behaghel, Lbl. 1931, 326 f.; Fr. v. d. Leyen, Die Nibelungensage u. das Nibelungenlied, in Fr. v. d. Leyen, Deutsches Sagenbuch, 2. Teil, Die deutschen Heldensagen, 2. Aufl. 1923, 253-315; Wesle, Brünhildlied oder Siegfriedepos?, ZfdPh. 51, 33^5; Franz Rolf Schröder, Nibelungenstudien, 1921, dazu Heusler, DLz. 1921, 728 f.; Franz Rolf Schröder, Nibelungenstudien, Rhein. Beitr. u. Hilfsbücher zur germ. Philol. u. Volkskunde 6, 1921; Vogt, Französischer u. deutscher Nationalgeist im Rolandslied u. im Nibelungenlied, Marburger Reden Nr. 40, 1922; Saran, Deutsche Heldengedichte des MA.s, Das Nibelungenlied, 1922; Leon Polak, Untersuchungen üb. d. Sage vom Burgenuntergang, 1922; Golther, Das Nibelungenlied, mit 74 Abbildungen, 1923; J. R. Dietrich, Der Dichter d. Nibelungenliedes, 1923, dazu Heusler, Anz. 44, 22, Roethe, GgA. 1926, 336ff.; Friedr. Neumann, Schichten der Ethik im Nibelungenliede, Festschr. Mogk 1924, 119^15; Wilh. Stapel, Vom Humor im Nibelungenliede, Dt. Vier- teljahrsschr. 1925, 104-13; Hans Delbrück, Das Werden d. Nibelungenliedes, Histor. Zs. 131, 1925, 409-20; Fr. R. Schröder, Bemerkungen z. Nibelungenlied u. z. Volksepos, Festschr. Ehrismann 1925, 102-111; H. Hempel, Nibelungenstudien I, Nibelungenlied, Thidrekssaga u. Balladen, 1926, dazu Droege, Anz. 47, 28-36, de Boor, ZfdPh. 52, 473-78, Gierach, DLz. 1927, 2099-2104; E. Tonnelat, La chanson des Nibelungen, Paris 1926, dazu de Boor, ZfdPh. 53, 250-55; Elisabet Simon, Höf.-ritterliche Elemente im Nibelungenlied, Diss. Münster 1926; Justus Lunzer, Kleine Nibelungenstudien, ZfdA. 69, 71-89; R. Uhl, Das Rätsel d. Nibelungenliedes in den Strophen 874-1001, Progr. Dramburg 1827, dazu Hempel, ZfdPh. 53, 239; F.Lun- zer, Des Todes Zeichen, ZfdA. 66, 101-15; Ders. s. auch ebda 65, 51 ff. (Arras); Hans Bork, Nibelungenlied, Klage u. Waltharius, GRM. 15, 1927, H. 11/12; Schneider, German. Heldensage, 1928, 73-210. 384-97; Fr. R. Schröder, Die nibelungische Erweckungssage, ZfDtschkde 1930, 433-49; Alfred Gerz, Rolle u. Funktion der epischen Vorausdeutung im mhd. Epos, Frankf. Diss. 1930; Eugen Kranzbühler, Worms u. die Heldensage, 1930; Aug. Arnold, Stud. üb. d. Hohen Mut, 1930, 33-37; Wilh. Gareis, Das Nibelungenlied, eine Zeitsatyre, 1932; Friedr. Neumann, Germanische Art, im Handbuch der Pädagogik hgb. von Nohl u. Pallat, o. J., S. 91 ff. 112; Fr. v. d. Leyen, Volkstum u. Dichtung, 1933, 47-61; Schröder, Beiträge zur Textform des Nibelungenliedes I, ZfdA. 70, 145-60. — Nibelungensage. W.Grimm, Die deutsche Heldensage, 3. Aufl., 1889;Uhlands Schriften 1, 56-75. 7, 518-36; Lachmann, Kritik der Sage von den Nibelungen, Rhein. Museum f. Philol. 1829, 435-64; Wilh. Müller, Über Lachmanns Kritik der Sage von den Nibelungen, Germ. 14, 257-69; Ders., Versuch einer mythologischen Erklärung der Nibelungensage, 1841; E. Sommer, Die Sage von den Nibelungen, wie sie in der Klage erscheint, ZfdA. 3, 193-218; Müllenhoff, Zur Geschichte der Nibelungensage, ZfdA. 10, 146-80; Max Rieger, Die Nibelungensage, Germ. 3, 163-98; J.No- ver, Ursprung u. älteste Gestalt der Nibelungensage, 1880; Heinzel, Über die Nibelungensage, Wiener SB. 109, 1885, 671-718 u. SA.; Golther, Norddeutsche u. süddeutsche Helden- 126 Die erzählende Dichtung sage u. die älteste Gestalt der Nibelungensage, Germ. 34, 265-97; Ph. Wegener, Zur Sage von den Nibelungen, Progr. Greifswald 1901; H. Keck, Deutsche Heldensagen, 2., vollst, umgearbeitete Aufl. von Bruno Busse, l.Bd.: Gudrun u. Nibelungen, 1903,2. Bd.: Dietrich von Bern, 1904; Wilmanns, Der Untergang der Nibelungen in alter Sage u. Dichtung, Gott. Abh. VII Nr. 2, 1903, dazu Seemüller, Anz. 30, 5-26, Kettner, ZfdPh.36, 526-31, Henning, DLz. 1906, 801-803; R. C. Boer, Untersuchungen üb. d. Ursprung u. d. Entwicklung der Nibelungensage, I. Bd., 1906, u. ZfdPh. 37, 289-348. 438-5,05; 38, 39-109, dazu Wilmanns, Anz. 31, 77-102, Golther, Lbl. 1909, 97 f., II. Bd. 1907, dazu Blöte, Museum 14, 331-35, III. Bd. 1909, dazu Neckel, Anz. 34, 135-39, Golther aaO., Uhlenbeck, Museum 16, 331; G.Holz, Der Sagenkreis der Nibelungen, 1907, 2. Aufl. 1914, 3. Aufl. 1921; Neckel, Beiträge zur Eddaforschung mit Exkursen zur Heldensage, 1908, Reg. S. 502; Voretzsch, Zur Gesch. der Nibelungensage in Frankreich u. Deutschland, ZfdA. 51, 39-58; Schneider, Wolfdietrich, 1913, S. 213. Jul. Goebel, The Evolution of the Nibelungensaga, The Journ. of Engl, and Germ. Philol. XVII, 1. Jan. 1918; Heusler, Nibelungensage u. Nibelungenlied, 1921, s. oben; Fr. R. Schröder, Nibelungenstudien, 1921, dazu Ranke, Anz. 42, 70 f., Heusler, DLz. 1921, 728 f., Golther, Lbl. 1922, 302f.; Horst Engert, Nibelungenprobleme in neuer Beleuchtung, Zf- Dtschkde 38, 1924, 352 ff.; Heusler, Unsere Stellung zu Lachmanns Nibelungentheorie, Forschungen u. Fortschr. 5, 1929, 383 f.; Fr. R. Schröder, Die nibclungische Erweckungssage, ZfDtschkde 1930, 433^9; Herm. Schneider, German. Heldensage I, 1928, 73-210 (mit Lit.); Max Buchner, Um das Nibelungenlied, ein Beitrag — keine Lösung, Ungar. Jahrbücher 9, 1929, 196-229; Otto Basler, Sagenkreis der Nibelungen, Deutscher Kulturatlas Bd. 1, 1931, S. 64. — Sigfridsage. Fr. Kauffmann, Zur Geschichte der Sigfridsage, ZfdPh. 31, 5-23; H. Patzig, Zur Gesch. des Sigfridmythus, Progr. Berlin 1898; Ders., Die Verbindung der Sig- frids- u. der Burgundensage, 1914; Vogt, Festschr. Weinhold 1896, 195 ff.; Bolte-Polivka 1, 434 ff. (Dornröschen); Leon Polak, Untersuchungen über d. Sigfridsaga, Berl. Diss. 1910, dazu Boer, ZfdPh. 44, 346-58 u. Mus. 19, 134 f.; Adolf Schullerus, Ein rumänisches Siegfriedmärchen, Festschr. Mogk 1924, 596-611; Dietr. Kralik, Zur Quelle für die Darstellung der Werbung um Brünhild im Nibelungenlied, Festschr. des germ. Ver. Wien 1925, 91-103; Heusler, Die Quelle der Brünhildsage in Thidreks saga u. Nibelungenlied, Festschr. Braune 1920, 47-84; Zimmer, Sigfridsage in Irland, ZfdA. 32, 289 ff.; A. von Löwis of Menar, Die Brünhildsage in Rußland, Pal. 142, 1923, dazu Panzer, DLz. 1924, 1915-20, Naumann, ZfDtschkde 41, 1 ff. — Burgundenuntergang. Heusler, Die Heldensage im Burgunden- untergang, SB. d. Preuß. Ak. 47, 1914, 1114-43; Leon Polak, Untersuchungen üb. die Sage vom Burgundenuntergang, Diss. Groningen 1922 (s. ZfdA. 54, 427-66. 55, 445-502. 60, 1-26 u. SA.); W.Matthias, Zur Deutung des Namens der Nibelungen, GRM. 7, 333-36. — Nibelungen in Bezug auf andere Sagen. Paul, Die pidrekssage u. das Nibelungenlied, SB. d. bayer. Ak. 1900, 297-338; K. Droege, Zur Gesch. der Nibelungendichtung u. der Thidrekssaga, ZfdA. 58, 1-48; G. Matthäi, Rüdeger von Bechelaren u. die Harlungensage, ZfdA. 43, 305-32; R. C. Boer, Finnsage u. Nibelungensage, ZfdA. 47, 125-60; Eugen Stricker, Floovant u. Nibelungensage, ZfdPh. 41, 31-58; Fr. R. Schröder, Günthers Brautwerbung u. die Gongu- Hrölfs Saga, Festschr. Mogk 1924, 582-95. — Die Hunnensage. Gedeon Petz, Die magyarische Hunnensage, Budapest 1885; Jacob Bleyer, Die germanischen Elemente der ungarischen Hunnensage, Beitr. 31,429-599; G. Matthaei, Die bairische Hunnensage in ihrem Verhältnis zu Amelungen-Nibelungensage, ZfdA. 46, 1-60; Joh. Hoops, Hunnen u. Hünen, Germanist. Abhandlungen H. Paul dargebracht 1902, 167 f. — Über das lateinische Nibelungenlied, Nibelungias, s. diese LG. I, 1. Aufl. S.405f., 2. Aufl. S.415. Die Handschriften des Nibelungenliedes. 1 Die Überlieferung des Nibelungenepos ist äußerst reichhaltig und die vielen Handschriften bzw. Bruchstücke sind ein Beweis für die außerordent- 1 Wackernagel, Sechs Bruchstücke einer Lbl. 1886, 355; Braune, Die Handschriften- Nibelungenhs. aus d. mittelalterl. Sammlung Verhältnisse des Nibelungenliedes, Beitr. 25, zu Basel, 1866; Ludw. Laistner, Der Arche- 2-222 u. SA., dazu Panzer, ZfdPh. 34, 529 typus der Nibelungen, 1886, dazu Behaghel, -42, Martin, DLz. 1901, 415-18; Zwierzina, Das Nibelungenlied 127 liehe Verbreitung und Beliebtheit des Gedichtes. Sie zerfallen in drei verschiedene Fassungen entsprechend den drei Haupthandschriften: Hs. A, die Hohenems-Münchener Hs., vom Ende 13. Jh.s, einst, noch um 1780 in Schloß Hohenems in Vorarlberg, seit 1810 in der Münchener Hof- u. Staatsbibliothek Cod. germ. 34 (Catalogus Codicum manu scriptorum Biblio- thecae Monacensis Tomi V pars I, 1920 [hgb. Erich Petzet], S. 58-60, mit vollst. Bibliographie), ist die kürzeste, oft flüchtig und gedankenlos geschrieben; 2316 Strophen. Hs. B, St. Galler Hs., Mitte 13. Jh.s, 2379 Strophen. Hs. C, die Hohenems-Laßbergsche Hs., früher ebenfalls in Hohenems, jetzt in der Fürstl. Bibliothek zu Donaueschingen, wohin sie durch den Freiherrn v. Laßberg, der sie 1816 kaufte, gekommen war, ist die umfangreichste; Mitte 13. Jh.s, 2439 Strophen. Alle drei Hss. stammen also aus derselben Gegend oberhalb des Bodensees; ihr Dialekt ist also alemannisch. A und B, Der Nibelunge Not, schließen mit: daz ist der Nibelunge not, C, Der Nibelunge Lied, schließt: daz ist der Nibelunge liet. A, B haben eine mehr volkstümliche, C hat eine mehr höfische Richtung. Lachmann hielt A für die ursprüngliche Hs. und legte sie seiner Ausgabe zügrunde, B und C faßte er als erweiternde Bearbeitungen auf. Bartsch richtete sich nach B, Holtzmann und Zarncke veröffentlichten den Text nach C. — Siehe A. Holtzmann, Die Nibelungenhandschrift C ... von R. v. Liliencron, Germ. 2, 122-28. Die Handschriften in ihrer Gesamtheit. 1. Vollständige Hss.: A Hohenems-Münchener Hs., B St. Galler Hs., C Hohenems-Laßbergsche Hs., D Münchener Hs. Cod. germ. 31 (Catalogus Codicum manu scriptorum aaO. S. 54-56; Zarncke, Germ. 1, 202-207). J Berliner Hs., Perg., erstes Drittel 14. Jh.s (Germ. 9, 381-84). — 15., 16. Jh.: a Wallersteiner Hs. in Maihingen, Pap. 15. Jh. (Zarncke, Berichte d. kgl. Sachs. Ges. d. Wiss. VIII, 1886, 245-63). b Hundes- hagens Hs., jetzt Preuß. Staatsbibl. in Berlin, Pap. um 1500 (Bartsch, Germ. 13, 196-201). d Ambraser Hs. in Wien, auf Befehl Kaiser Maximilians I. von Johann Ried 1504-15 geschrieben (Germ. 9, 381-84); h Meuselbachs Hs., Preuß. Staatsbibl. in Berlin, Pap. 15. Jh. (Röm- held, Über die Nibelungenhs. h usw., s. oben), k Wiener Piaristenhs., Pap. 15. Jh. (hgb. Adelb. v. Keller, Lit. Ver. 142,1879; Lunzer, Beitr. 20,345-505). — Bruchstücke: E von Rö- dersches Brachst., jetzt in Darmstadt, Perg. Mitte 13. Jh.s (abgedr. bei Könnecke). F Karlsburger (Siebenbürgen) Br., Perg. Mitte 14. Jh.s (abgedr. v. d. Hagens Germania 1, 1836, 337 f.; Könnecke). H Docens Bruchstücke, Perg., verschollen (v. d. Hagens Germ. aaO. S. 322-37). K (K I u. K II) Koblenzer Bruchstücke in Berlin, Perg. um 1300 (v. d. Hagens Germ. 3, 1839, 1-17; ZfdA.38, 289-303). L Görres' Bruchstücke in Berlin, Perg. Mitte 14. Jh.s (W. Grimm, Altdeutsche Wälder 3, 1816, 241-49, ZfdA. 1, 111-16). M Linzer Br., Perg. um 1350 (v. d. Hagens Germ. 5, 1843, 1-11. NP Würzburg-Nürnberger Bruchstücke, Perg. um 1300, in Würzburg u. Nürnberg (v. d. Hagens Germ. 7, 1846, 116-18; v. d. Hagen, Monatsber. der Berl. Ak. 1853, 402 ff.; Bartsch, Germ. 13, 195 f.). O v.d. Hagens Bruchstücke in Berlin, Perg. Ende 13. Jh.s (v.d.Hagen, Monatsber. aaO. 1852, 445-54; Herm. Schmidt, ZfdA. 54, 88-98). Mhd. Studien aaO., ZfdA. 44 u. Anz. 26 Reg. Braune, Beitr. 27, 542-65 u. 36, 540 f.; S. 352. 45 u. Anz. 27 Reg. S. 347 f.; Heinr. Schröder, ZfdA. 38, 289-303; P. M. Schnei- Römheld, Über die Nibelungenhs. h u. die derwürth, ebda 52, 356-60; Herm. Schmidt, Iweinhs. a, Greifswalder Diss. 1899. Victor ebda 54, 89-98; Herm. Menhardt, ebda 64, Michels, Handschriftenkritik des Nibelun- 211-35; Schröder, ebda 64, 282 f.; R. Wol- genliedes, Sachs. Ak. d. Wissensch. Bd. 39 kan, Beitr. 39, 321-24; C. Corves, Studien Nr. 4, 1928, dazu Heusler, DLz. 1929, 16-20, über die Nibelungenhs. A, ZfdPh. 41, 271-319. de Boor, Lbl. 1929, 323-26; E. Kettner, 437-70. 42, 61-97; Friedr. Wilhelm, Nibe- Zur Kritik des Nibelungenliedes VIII, Die lungenstudien I, Über die Fassungen B u. C Texte A u. B, ZfdPh. 20, 202-25; Ders., Die des Nibelungenliedes u. der Klage, ihre Ver- Plusstropher der Nibelungenhs. B, ebda 26, fasser u. Abfassungszeit, Münchn. Arch. H. 7, 433-48; Ders., Zu den Handschriftenverhält- 1916, dazu Ziesemer, DLz. 1918, 611-13; We- nissen d. Nibelungenliedes, ebda 34, 311-64; gener, Miniaturen-Hss. der Preuß. Staats- Schröder, Die Hss. des Nibelungenliedes u. bibl. zu Berlin, 1928, 43^6; Rud. Zimmerl, der Klage, Privatdruck 1901; Jos. Körner, Hans Rieds Nibelungenkopie, Wien. Diss. Das Nibelungenlied, 1921, 24 ff.; G.Holz, Der 1930. — Goedeke, Grundr. I 2 , 180-82; Sagenkreis der Nibelungen, 1907, 95-106; Castle, Merker-Stammler Reallex. 2, 276. 128 Die erzählende Dichtung Q Grieshabers Bruchstücke, Perg., 1. Hälfte 14. Jh.s, in Freiburg i. B. (Pfeiffer, Germ. 1, 207-13), in Rosenheim (Braune, Beitr. 27, 542-64). R Holtzmanns Bruchstücke im Germ. Mus. in Nürnberg, Perg. Anf. 13. Jh.s (Holtzmann, Germ. 3, 51-56). S Prager Bruchstücke, Perg. Anf. 13. Jh.s (Pfeiffer, Germ. 8,187-96). T Serrure's Bruchstücke, niederl. Übersetzung, Perg. 13. Jh., jetzt London, Brit. Mus. (Priebsch, Deutsche Hss. in England II, 1901, S. 87; früher: v. d. Hagens Germ. 1, 1836, 339-43; Pfeiffer, Germ. 1, 213-17). U Innsbrucker Br., jetzt Nürnberg Germ. Mus., Perg. 14. Jh. (KHULL,ZfdA. 25,77-79. V SterzingerBr., Perg. erste Hälfte 14. Jh.s (Forschungen u. Mitteil. z. Gesch. Tirols u. Vorarlbergs 1, 1904, 302-04). X Wiener Br., Perg. 2 Hälfte 13. Jh.s (Abeling, Teutonia VII Supplem., 1909, 25-32). Y Dülmener Bruchstücke in Dülmen, Perg. um 1300 (Schneiderwirth, ZfdA. 52,356-60). c Verse in des Wolfgang Lazius De gentium aliquot migrationibus (Abeling, Teut. VII, 181-86). g Heidelberger Bruchstücke, Pap. Anf. 15. Jh.s (v. d. Hagen in Büschings Wöchentlichen Nachrichten 1817; v. d.Hagens Germ. 1, 1836, 180-94). i Hoffmanns v. Fallersieben Br., jetzt Berlin, Pap. 15. Jh. (Ad. Blätter 1, 1835, 47-49). 1 Baseler Bruchstücke, Pap. 14. Jh. (Wackernagel, Sechs Bruchstücke einer Nibelungenhs., 1866). m Darmstädter Aventüren-Verzeichnis, in Darmstadt, Perg.-Blatt Anf. 15. Jh.s (Weigand, ZfdA. 10, 142^6). Ausgaben: Bodmer, Chriemhilden Rache und die Klage, 1757; Christoph Heinrich Müller (Myller), Der Nibelungen Liet, 1782; Fr. H. von der Hagen 1807 („Verjüngung", „in der Ursprache" 1810. 1816. 1820 u. ö.); Karl Lachmann, Der Nibelunge Not(h) und die Klage, in der ältesten Gestalt bzw. nach der ältesten Überlieferung und mit den Abweichungen der gemeinen Lesart hgb. (das ist Ausgabe nach A mit den Abweichungen von B) 1826. 1841. 1851, 4. Abdruck 1859 und darauf viele Ausgaben bzw. Abdrücke, 14. Abdr. 1927; Lachmann, Zu den Nibelungen u. zur Klage, Anmerkungen 1836; 0. F. H. Schönhuth, Der Nibelunge-Lied nach d. Abdruck der ältesten u. reichsten Hs. des Frhrn. Jos. v. Laßberg, 1834, 2. Aufl. 1846, dasselbe hgb. von Bendemann u. Hübner 1840; Laßbergs Hs. ist auch abgedruckt im 4. Bd. seines Lieder Saals 1846; Al. Jos. Vollmer, Der Nibelunge Not u. Diu Klage 1843,2. Aufl. 1902; K. A. Hahn, Die echten Lieder von den Nibelungen nach Lachmanns Kritik 1851; Adolf Holtzmann, Das Nibelungenlied 1857, Schulausg. 1858, Volksausg. 1874, Klage 1859; Friedr. Zarncke, Das Nibelungenlied 1856 (daneben auch eine Schulausgabe), 16. Abdr. 1920; Karl Bartsch, Das Nibelungenlied, Deutsche Classiker d. MA.s, 1866, 2. Aufl. 1869, ferner 1872. 1875. 1879. 1887. 1921, auch mehrere Schulausgaben; Ders., Der Nibelunge Not, mit den Abweichungen von der Nibelunge Liet, den Lesarten sämtlicher Hss. u. einem Wörterbuche, 1. Teil 1870, 2. Teil erste Hälfte 1876. 2. Hälfte (Wörterb.) 1880, 2. Aufl. 1926 (die wissenschaftlich umfassendste und gründlichste der Nibelungen-Ausgaben); Ludw. Laistner, Das Nibelungenlied nach der Hohenems-Münchn. Hs. (A) in phototypischer Nachbildung nebst Proben der Hss. B u. C, 1886; K. Holdermann, Das Nibelungenlied, Schulausg. 1888, 5. Aufl. 1897; Paul Piper, Die Nibelungen, 2 Bde (Kürschners Dt. National-Litt. (I. Große Einleitung u. Text der Klage, II. Text der Nibelunge Not) 1889; Golther, Nibelungen u. Kudrun in Auswahl u. mhd. Gramm, mit kurzem Wörterb., Samml. Göschen 1890, von der 3. Aufl. 1895 ab nur die Nibelungen, 7. Aufl. 1930; Bötticher u. Kinzel, Das Nibelungenlied im Auszuge 1892, 2. Aufl. 1895, 6. Aufl. 1903, 16., 17. Aufl. 1918; E. Sievers, Der Nibelunge Not, Küdrün, 1926 (Text nach der Sievers'schen schallanalytischen Methode.—Faksimile bei Könnecke. —Wörterbuch: Ernst Martin, Mhd. Gramm, nebst Wörterb. zu der Nibelunge Not, zu den Gedichten Walthers v. d. Vogelweide u. zu Laurin, 6. Aufl. 1876; A. Lübben, Wörterb. zu der Nibelunge Not (Liet), 3. Aufl. 1877; Leo Säule, Reimwörterb. zur Nibelungen Not usw., Münchn. Texte Ergänzungsreihe 3, 1925. Die Klage allein ist herausgegeben von Bartsch 1875; Ant. Edzardi 1857; Abeling (Teil), Teutonia Supplement 1909, 33-56. Übersetzungen. Goedeke S. 186f.; Johannes Meyer, Einführung in d. deutsche Lit. 1905, 292 f. — v. d. Hagen 1807. 1824; Ausg. Zeune 1814 u. ö.; Jos. v. Hinsberg 1812, 1833. 1837.1838.1841; Büsching 1815; Simrock 1827, 2. Aufl. 1839, neue Ausg. 1840, 40. Aufl. 1880, 58. Aufl. 1906, dann weitere Auflagen von verschiedenen Bearbeitern übernommen, so ist Das Nibelungenlied 129 Simrocks Übersetzung auch in der Schulausgabe von Rosenhagen 1895 und der mit Bildern versehenen Ausg. von Herm. Degering 1924 benutzt und wurde in Auswahl noch von K. Schulze 1929 hgb.; Bartsch 1867; L. Freytag 1879, 3. Aufl. 1896; Adalbert Schröter 1882. 1902; Osk. Henke 1884, 3. Aufl. 1905; Werner Hahn 1885; Heinr. Kamp 1884. 1885, 5. Aufl. 1908; Legerlotz 1892, bis 1908 viele Auflagen; Holdermann 1888, 5. Aufl. 1897; Rehorn 1899, 8. Aufl. 1902; Bornhak 1891, 2. Aufl. 1896. Auch eine Anzahl französischer und englischer Übersetzungen ist erschienen Die Geschichte der Nibelungenwissenschaft, der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Nibelungenlied (s. Scherer, Jakob Grimm, 2. Aufl., 1885, Reg. S. 358; die Bibliographie von Abeling [s. oben]) beginnt mit Johann Jakob Bodmer, seinen verschiedenen Abhandlungen von 1756 bis 1781 und besonders seiner Ausgabe: Chriemhilden Rache und die Klage, Zwey Heldengedichte Aus dem Schwäbischen Zeitpuncte, samt Fragmenten aus dem Gedichte von den Nibelungen und Aus dem Josaphat, Darzu kömmt ein Glossarium, Zürich (1757, nach der Hs. C). Ihm folgte der Züricher Christoph Heinrich Müller, Professor am Joa- chimstalschen Gymnasium in Berlin: C. H. Myller, Der Nibelunge Liet, ein Rittergedicht aus dem XIII. oder XIV. Jh., zum ersten Male aus der Handschrift ganz abgedruckt, Berlin 1782. Der oft angeführte Brief Friedrichs des Großen „Meiner Ansicht nach sind solche Gedichte nicht einen Schuß Pulver wert und verdienen nicht, aus dem Staube der Vergessenheit gezogen zu werden usw." bezieht sich auf den ihm 1784 übersandten Abdruck eines Stückes aus dem Par- zival, nicht auf das Nibelungenlied, ist aber charakteristisch für des großen Königs französischen Geschmack. Viel sympathischer lautet Goethes Urteil über die Nibelungen. Er hat sich eingehend mit dem Gedichte beschäftigt. Er nennt das Klassische das Gesunde und das Romantische das Kranke, „und da sind die Nibelungen klassisch wie der Homer, denn beide sind gesund und tüchtig" (Jubiläumsausgabe 36 S. LV), und in einem Brief an v. d. Hagen vom 18. Okt. 1807 stellte er die Nibelungen „dem Stoff und dem Gehalte nach neben alles, was wir poetisch Vorzügliches besitzen", und so sind noch viele andere rühmende Zeugnisse überliefert (s. Ernst Jenny, Goethes altdeutsche Lektüre, Basler Diss. 1900). — Den Anstoß zu einer Erklärung der Entstehungsweise des Nibelungenliedes gaben die Prolegomena ad Homerum von Friedr. Aug. Wolf (1795), die Liedertheorie, und diese Ansicht herrschte dann in den Kreisen der Romantiker. Von diesen ging dann die Hochschätzung des Nibelungenliedes, wie überhaupt der altdeutschen Poesie, auf das literarisch interessierte Publikum über. Friedrich Heinrich von der Hagen, ein Hörer der Berliner Vorlesungen Aug. Wilh. Schlegels (1801-04), brachte 1810 eine Ausgabe des Nibelungenliedes heraus (2. Aufl. 1816, 3. Aufl. 1820), nachdem er 1807 die erste vollständige Übersetzung veröffentlicht hatte. Jakob und Wilhelm Grimm schrieben in jenen Jahren nur einzelne Zeitschriftenaufsätze über das Nibelungenlied (1807 bis 1811 und in den Altdeutschen Wäldern 1813). Da trat Karl Lachmann auf mit seiner Schrift „Über die ursprüngliche Gestalt des Gedichts von der Nibelungen Noth, Berl. 1816; wieder abgedruckt in Lachmanns Kl. Schriften I, 1876, 1-80, wo er nachzuweisen sucht, daß unser Nibelungenlied in der Gestalt, wie wir es lesen, vom Anfang des 13. Jh.s aus einer Zusammensetzung einzelner mündlich umlaufender, romanzenartiger Volkslieder entstanden sei, die er auch genau abgrenzte (20 Lieder). 1 Lachmann nimmt auch an, daß jedes Lied durch sieben teilbar, also in Heptaden abgefaßt, sei (s. J. Grimm, Kl. Sehr. 7, 606). 1826 erschien die wissenschaftlich grundlegende Ausgabe von Lachmann: Der Nibelunge Noth mit der Klage in der ältesten Gestalt mit den Abweichungen der gemeinen Lesart. 1836 ließ Lachmann „Anmerkungen" folgen „Zu den Nibelungen und zur Klage" (s. auch Briefwechsel über das Nibelungenlied von C. Lachmann u. Wilh. Grimm", ZfdPh. 2, 193-215. 343-65. 515-28). Wilh. Müller erhob als erster Einspruch gegen Lachmanns Liedertheorie: „Über die Lieder von den Nibelungen", 1845. Das Jahr 1854 brachte Lachmanns Liedertheorie zu Fall, denn jetzt erklärte Adolf Holtzmann in seinem Buch „Untersuchungen über das Nibelungenlied" 1854 dieses für ein einheitliches Gedicht; 1855 erschien seine Abhandlung „Der Kampf um der Nibelunge Hort 1 Heinr. Fischer, Nibelungenlied oder Ni- lung zu Lachmanns Nibelungentheorie, For- belungenlieder? 1859; Heusler, Unsere Stel- schungen u. Fortschritte 5, 1929, 383 f. 9 Deutsche Literaturgeschichte IV 130 Die erzählende Dichtung gegen Lachmanns Nachtreter", womit hauptsächlich K. Müllenhoff („Zur Geschichte der Nibelunge Not" 1855 und „Die alte Dichtung von den Nibelungen I, Von Sigfrids Ahnen", ZfdA. 23,113-73, dazu Sijmons, Lbl. 1880,49-53) gemeint war. In derselben Zeit vertrat Friedrich Zarncke „Zur Nibelungenfrage" (1854) die gleiche Ansicht und erhärtete sie durch seine „Beiträge zur Erklärung und zur Geschichte des Nibelungenliedes" in den Berichten d. sächs. Akad. der Wissensch. 8, 1856, 152-260. Diese Erklärung des Nibelungenliedes als eines seiner Entstehung und Form nach einheitlichen Epos nahm auch Karl Bartsch in seinen „Untersuchungen über das Nibelungenlied" (1865) auf, und nun hatte die „Einheitstheorie" über die „Liedertheorie" Lachmanns gesiegt. Eine sorgfältige Prüfung von Bartschs „Untersuchungen" stellt Herm. Paul an in seinem Aufsatze „Zur Nibelungenfrage", Beitr. 3, 373^90. Die Liedertheorie hängt aufs engste zusammen mit der Frage nach dem Verhältnis zwischen LiedundEpos. (W. P. Ker, Epic and romance, 1897; Panzer, Lied u. Epos in german. Sagendichtung, DLz. 1908, 134-39; Roethe, Nibelungias u. Waltharius, SB. d. preuß. Ak. 1909, 649-91; Heusler, Lied u. Epos in germanischer Sagendichtung, 1905, dazu u. a. Seemüller, Anz. 34, 130-35; Heusler, Heliand, Liedstil u. Epenstil, ZfdA. 57, 1-48; Ders., Das Nibelungenlied u. die Epenfrage, Internat. Monatsschrift, f. Wissensch., Kunst u. Technik, 13. Jahrg., 1918, 96 ff. 224 ff.; Ders., Unsere Stellung zu Lachmanns Nibelungentheorie, Forschungen u. Fortschritte 5, 1929, 383 f.; H. Schneider, Das mhd. Heldenepos, ZfdA. 58, 97 ff.; Heusler, Die Epenfrage u. unsere Nibelungen, Münchn. Neueste Nachr, 26. Jan. 1931.) Es ist damit ein Wechsel im Stil verbunden. Die kurze Liedform ist germanisch (z. B. Hildebrandslied, Edda); das Epos verläuft in längerer Erzählung. Es erhebt sich die Frage: wie entsteht aus dem Lied das Epos? Entweder durch Zusammenfassung mehrerer Lieder (Sammeltheorie, Lachmanns Nibelungentheorie) oder es wird von vornherein durch ausführlichere Behandlung (Beowulf, das erste Leseepos) die Komposition des Themas umfassender angelegt. Liedhafte Knappheit und epische Breite stehen sich gegenüber; auf der einen Seite ein gedrungener, andeutender, springender Stil, die liedhafte Knappheit, auf der andern Seite ein gemächlicher, verweilender, ausmalender Stil, die epische Breite (Heusler, Lied u. Epos S. 22). Zeit der Entstehung des Nibelungenliedes Das verlorene Original unserer beiden Bearbeitungen, Not (AB) und Lied (C), entstand im 12. Jahrhundert (etwa 1160) und war noch in unreinen Reimen abgefaßt. Als Reinheit der Reime in der mittelhochdeutschen Literatur Erfordernis geworden war, wurde es am Anfang des 13. Jahrhunderts in genaue Reime gebracht (Bartsch, Große Ausgabe S. XVII f.). Die chronologischen Beziehungen zu Wolfram sind nicht ganz klar: Azagouc und Zazamanc stammen doch höchst wahrscheinlich aus Parzival, dagegen ist Rumoldes Rat im Parzival wohl aus den Nibelungen. 1 Der Name des Verfassers ist im Liede nicht genannt und überhaupt nicht überliefert. 2 Das Lied entstand in Österreich; denn es zeigt genaue Kenntnisse dieser Gegend, und es war für die höfische Gesellschaft bestimmt; zunächst mochte dabei der bischöfliche Hof in Passau (Wolfger von Ellenbrechtskirchen, 1191-1204 Bischof von Passau) und der herzogliche in Wien ins Auge gefaßt worden sein. Der Bischof Pilgerin von Passau wird in den 1 Wilhelm, Nibelungenstudien I, Münch. hielt den Kürenberger für den Verfasser, s. Archiv. 7, 1916: Rumoldes Rat kann eine auch Bartsch, Kleine Ausg. Einleitung u. sprichwörtliche Redensart sein, beweist also Liederdichter, 4. Aufl. besorgt von Golther nichts für die Priorität des Nibelungenliedes 1901 S. XXXIII; Vollmöller, Kürenberg u. vor Parzival. die Nibelungen, 1874; Heusler, Neues üb. die 2 Pfeiffer, Freie Forschung, 1867, 1-52, Nibelungen, Der Türmer 26, 1924, 594-98. Das Nibelungenlied 131 Str. 1296-99 genannt; er empfängt Kriemhilt auf ihrer Reise zu Etzel; später ebenso die Burgundenkönige, deren Oheim er war (Str. 1627-30). Einen Ehrenplatz erhält Wien (Str. 1162. 1164); hier wird die Hochzeit Kriemhilds mit Etzel gefeiert (Str. 1361-75). Der Dichter war ein an den Höfen herumwandernder Spielmann, wohlbekannt mit höfischer Art und mit der ritterlichen Dichtung. Was das Publikum, für welches das Gedicht bestimmt war, am meisten anziehen mußte, ist in der ersten Strophe ausgesprochen: Wunderbares mögt ihr erzählen hören von heleden lobebceren, von küener recken striten, also von der ritterlichen Haupttugend, der Kühnheit und Tapferkeit, aber auch vom höfischen Leben, von fröuden, hochgeziten. Und alles wird von der das Menschenleben beherrschenden Grundstimmung eingehüllt; von weinen und von klagen. Woher das Lied den Namen „Nibelungen" erhalten hat, darüber wird in seinem Verlaufe nichts gesagt. Es war der Name der Besitzer des Hortes, denen Sigfrid diesen abgenommen hatte (Schilbunc und Nibelunc, siehe unten). Im zweiten Teil des Liedes werden die Burgunden zuweilen so genannt, weil sie den Schatz nach Sigfrids Ermordung an sich rissen. Man nimmt an, daß der Name nach der Hortsage gegeben, oder umgekehrt, daß diese eine durch den Namen ausgelöste Fabelei sei. Übrigens war Nibelung als Geschlechtsname im 8., 9. Jahrhundert und später bei den Franken und bei andern deutschen Stämmen gebräuchlich (Mone, Untersuchungen zur Gesch. der teutschen Heldensage, 1836, 7 ff.; Ernst Förstemann, Altdeutsches Namenbuch, I. Bd. Personennamen, 1856, Sp.955f.); auch heutzutage findet sich der Name noch in der Form Niebeling, Nebelung usw. Inhalt des Nibelungenliedes Das Lied zerfällt in zwei Teile: I. Aventiure I — XIX. Kriemhild und Sigfrid; ihre Verheiratung; die betrügerische Verheiratung Brünhilds mit Günther; die daraus folgende Katastrophe: Sigfrids Ermordung. Str. 1-1142. II. Aventiure XX-XXXIX. Der Burgundenuntergang: Kriemhilds Rache. Str. 1143-2379. Die Sagenkreise. Der burgundische Kreis umfaßt die Königsfamilie und ihre Mannen sowie Sigfrid; der Schauplatz ist Worms, dazu kommt Brünhild mit dem Schauplatz Isenstein. — Der niederrheinische, niederfränkische Kreis: Sigfrid und seine Eltern, Schauplatz Xanten. — Der hunnische Sagenkreis: Etzel und die um ihn gescharten Personen, der Schauplatz ist Etzeln- burg, das heutige Gran. — Der ostgotische Sagenkreis wird durch Dietrich von Bern vertreten und hat ebenfalls Etzelnburg zum Schauplatz. Die einzelnen Aventiuren: Teil I, Av. I — XIX. 1. Av. Im Burgundenlande zu Worms am Rhein wächst eine schöne Jungfrau, Kriemhild, heran in der Obhut ihrer Brüder, der Könige Günther, Gernöt und Giselher und umgeben von einem Hofstaat trefflicher Recken. Inmitten dieser hohen Ehren träumte einst Kriemhilde, daß sie einen wilden Falken aufgezogen habe, den ihr zwei Adler zerhackten. Ihre Mutter Uote deutet den Falken auf einen edeln Mann, sie aber lehnt Mannes Minne ahnungsvoll mit den Worten ab: es ist an vielen Frauen offenbar geworden, wie liebe mit leide ze jungest Ionen kan. Damit spricht sie ihr eigenes Schicksal und die das ganze Gedicht durchziehende Grundstimmung im voraus aus, und auf diesen Gegensatz von Freude und Leid ist auch die Handlung eingestellt: von fröuden, hochgeziten — von weinen und von klagen ist sie erfüllt. 9* 132 Die erzählende Dichtung 2. Av. gilt der Vorstellung der zweiten Hauptperson Sigfrid (Sivrit). Er wächst in Nider- landen auf als eins edelen küneges kint, sein Vater heißt Sigemunt, seine Mutter Siegelint, ze Santen (Xanten). Seine Schwertleite (die erste „höchgezit" des Gedichtes) wird berichtet. 3. Av. Die Handlung entwickelt sich. Sigfrid vernimmt von Kriemhilds Schönheit und beschließt, um sie zu werben. Trotz Abmahnen seiner Eltern zieht er mit 11 Begleitern nach Worms. Dem Günther wird ihre Ankunft gemeldet. Niemand kennt sie, doch Hagen vermutet, daß Sigfrid der recke sei, der dort so herlichen gät, und er erzählt starke Wundertaten von ihm, die Gewinnung des Hortes von den Nibelungen nämlich. Sigfrid fand einst vor einem Berge die beiden Nibelunge, die Königssöhne Seilbunc und Nibelunc, mit dem Nibelunges horde, der aus dem Berge herausgetragen worden war. Sie baten ihn, den Schatz zu teilen und schenkten ihm das Schwert Balmunc, aber er geriet mit ihnen in Streit und schlug sie und 700 ihrer Recken tot. Den starken Zwerg Albrich, der seine Herren rächen wollte, besiegte Sigfrid ebenfalls und gewann ihm die Tarnkappe ab. Er ließ den Schatz wieder in die Höhle tragen und setzte Albrich als dessen Hüter ein. Noch weiter berichtet Hagen, daß Sigfrid einen Drachen erschlug, in dessen Blut badend er eine Hornhaut gewann, die keine Waffe zu durchschneiden vermag. — Nach Sigfrids anfänglichem barschen Verlangen, Günther solle ihm sein Reich Untertan machen, versöhnen sich die Burgunden schließlich doch mit ihm. Diese Av. III gibt in der Hortsage die Exposition. 4. Av. Die Episode des Sachsenkrieges. Der Sachsenkönig Liudeger und der Dänenkönig Liudegast kündigen Günther Krieg an und Sigfrid besiegt sie. Die Siegesbotschaft gelangt nach Worms und auch zu Ohren Kriemhilds. Die gefangenen Könige werden freigegeben. 5. Av. Wie Sifrit Kriemhilt erste gesach. Beim Pfingsfest erblickt er Kriemhild zum erstenmal. 6. Av. Beginn der tragischen Verwicklung und Eintritt Brünhilds in die Handlung. Günther will die schöne Brünhild, die Königin von Isenstein, freien (unter diesem Lokal ist Island, vielleicht Norwegen gedacht), aber nur der kann sie gewinnen, der sie in drei Spielen besiegt. Günther verspricht Sigfrid, ihm Kriemhild zur Frau zu geben, wenn er Brünhild für ihn gewinnen helfe. Günther fährt darauf, von Sigfrid, Hagen und Dankwart begleitet, über See. 7. Av. In Isenstein gewinnt Sigfrid mit Hilfe eines Betruges Brünhild für Günther, indem er sich, durch die Tarnkappe unsichtbar gemacht, in den Kampfspielen neben Günther stellt und Brünhild besiegt. 8. Av. Brünhild zieht mit Günther und den Seinen nach Burgundenland. 9. Av. Sigfrid wird als Bote nach Worms voraus gesandt und von Kriemhild empfangen. 10. Av. Fortsetzung und Krönung des Betrugs an Brünhild. Der Empfang der Brünhild in Worms und die Verlobung Sigfrids mit Kriemhild werden berichtet. Bei Tische sieht Brünhild Kriemhild neben Sigfrid sitzen und weint darüber, denn sie hält Sigfrid nur für einen Leibeigenen Günthers. In der Brautnacht wehrt sich Brünhild gegen Günthers Minne; sie bindet ihn und hängt ihn an einem Gürtel an die Wand. In der nächsten Nacht nimmt Sigfrid Günthers Stelle bei Brünhild ein, bezwingt sie, ohne von ihr erkannt zu werden und ohne sie ehelich zu berühren und nimmt ihr einen Ring und den Gürtel ab (der zweite Betrug). 11. Av. Episode. Sigfrid kehrt mit Kriemhild nach Niederland zurück, übernimmt von seinen Eltern Krone und Reich und verweilt dort mit Kriemhild zehn Jahre. Es war die glücklichste Zeit ihrer Ehe. 12. Av. Doch das aus dem doppelten Betrug hervorgegangene Unheil kündigt sich an. Brünhild dringt in Günther, Sigfrid, seinen Eigenmann, nach Hofe zu entbieten. Günther läßt Sigfrid zu einem Feste einladen. 13. Av. Sigfrid und Kriemhild fahren nach Worms, wo sie festlich empfangen werden. 14. Av. Das Unheil naht: Vor einer vesperzite huop sich groz ungemach. Kriemhild und Brünhild geraten in Streit über den Wert ihrer Männer. Beim Kirchgang ins Münster will Brünhild vor Kriemhild gehen, diese aber nennt sie Kebse, denn Sigfrid, nicht Günther, habe ihr die Jungfernschaft abgewonnen; zum Beweise zeigt sie ihr Ring und Gürtel, welche Sigfrid ihr abgenommen hat. Brünhild klagt Günthern die Beschimpfung, dieser wendet sich an Sigfrid, der die Rede Das Nibelungenlied 133 seiner Frau sehr bedauert. Hagen, entrüstet über den Schimpf, der seiner Herrin Brünhild angetan worden ist, gelobt ihr, daß Sigfrid dies büßen solle und faßt den Plan zum Tode Sigfrids; Günther widerstrebt anfangs, gibt aber dann dem Rate Hagens nach. 15. Av. Einfädelung des Mordplans. Eine Heerfahrt gegen die Sachsen wird zum Vorwand genommen; Hagen erlistet beim Abschied von Kriemhild die Kenntnis von Sigfrids verwundbarer Stelle; es war der größte Verrat, der je begangen wurde. Die Heerfahrt wird nun als unnötig abgesagt und eine Jagd im Wasgenwalde beschlossen. 16. Av. Die Katastrophe: Wi Sifrit erschlagen wart. Sigfrid nimmt Abschied von Kriemhild, die ihn zu bleiben bittet, denn sie hat zwei böse Träume gehabt: zwei wilde Schweine jagten Sigfrid über die Heide, zwei Berge fielen über ihm zusammen. Doch arglos nimmt dieser Abschied. Als er sich an einer Quelle zum Trinken bückt, durchbohrt ihn Hagen von hinten. 17. Av. Den Leichnam läßt Hagen vor Kriemhilds Tür legen, am Morgen findet ihn ihr Kämmerer. Kriemhild fällt in Ohnmacht. Als Hagen an die Bahre des Toten tritt, fließen die Wunden (das Bahrrecht). Kriemhild küßt den Toten, sie wird wiederum ohnmächtig, vor Leid hätte sie sterben mögen. Sigfrid wird begraben. 18. Av. Der Vater Sigfrids, Sigmund, fährt tiefbekümmert nach Hause zurück; Gernöt und Giselher, die keine Schuld an Sigfrids Tod tragen, beklagen liebevoll seinen Verlust. 19. Av. Giselher und Gernot holen den Hort aus der Nibelungen Land für Kriemhild. Da sie ihn reichlich ausspendet, nimmt ihr Hagen den Schatz und versenkt ihn in den Rhein bei Lorch. Erneutes Leid beschwert Kriemhilds Gemüt. Dreizehn Jahre verweilt sie in großem Jammer zu Hause, ohne den Tod Sigfrids zu vergessen. Teil II. Kriemhilds Rache und der Burgunden Untergang; Str. 1143-2379. In diesem zweiten Teil werden die Burgunden auch „Nibelungen" genannt. Nun ist Kriemhild die Erfüllerin des verderblichen Schicksals und zwei Motive liegen ihrem Handeln zugrunde: Rache für Sigfrids Tod an den Burgunden und die Suche nach dem Schatze. Die große Bedeutung des Schatzes liegt in seiner Wichtigkeit für den Machtwillen der germanischen Fürsten, die durch ihre Freigebigkeit (mute) ihre Mannen und das Volk an sich fesselten (s. LG. I, 1. Aufl. S. 13, 2. Aufl. S. 10). Der Schauplatz des II. Teils ist das Hunnenland (Ungarn) bzw. vorher der Reiseweg dahin durch Baiern und entlang der Donau. 20. Av. Etzels Gemahlin Helche ist gestorben. Auf Rat seiner Großen will er Kriemhild im Burgundenland zur Frau nehmen, und er sendet Rüedeger von Bechelaren als Brautwerber dahin. Sie sagt nach anfänglicher Weigerung in dem Gedanken zu, Rache für Sigfrids Tod mit Hilfe dieses großen Machtgewinns nehmen zu können. Abfahrt vom Rheinland. 21. Av. In Passau wird Kriemhild durch den Bischof Pilgerin empfangen, dann in Bechelaren durch Rüedegers Frau und Tochter. 22. Av. Etzel empfängt Kriemhild in Tuln. In Wien feiern sie Hochzeit an Pfingsten, 17 Tage dauert das Fest. Dann reiten sie weiter nach Etzelnburg (Gran). 23. Av. So lebt Kriemhild 13 Jahre mit Etzel hochgeehrt und gebiert in der Zeit ein Söhnchen, Ortlieb. Aber immer treiben sie ihre Rachgedanken. Sie bittet Etzel, ihre Verwandten zu einem Feste zu laden, welchen Wunsch ihr der Gutmütige, nichts Böses ahnend, bereitwillig erfüllt. Er sendet seine videloere Wärbel und Swemmelin als Boten zu den Burgunden. 24. Av. Die beiden Abgesandten richten dort ihre Botschaft aus. Hagen und der Küchenmeister Rumold raten ab, Hagen gibt nach, rät aber zu stark bewaffneter Heerfahrt. 25. Av. Die Burgunden reiten durch Ostfranken an die Donau. Beim Übergang über diese finden sie keinen Fährmann, dagegen trifft Hagen zwei Meerfrauen, die sich in der Donau baden. Sie verkünden ihnen, daß alle im Heunenland sterben müßten bis auf des Königs Kaplan. Mit dem Fährmann gerät Hagen in Streit und erschlägt ihn. Er setzt nun selbst das Heer über. Zur Probe für die Wahrhaftigkeit der Prophezeiung der Donauweiber wirft er den Kaplan ins Wasser, der aber tatsächlich nicht untergeht, sondern das Ufer erreicht und dann zu Fuß an den Rhein zurückkehrt. 134 Die erzählende Dichtung 26. Av. In Passau werden die Burgunden von Bischof Pilgerin, dem Oheim der Könige, gut aufgenommen. An der Grenzmark Baierns finden sie den Wächter Eckewart schlafend. Aufgeweckt warnt er sie vor der Fahrt zu den Hunnen und kündet dann Rüedeger ihre Ankunft an. 27. Av. Sie werden von Rüedeger, dessen Frau und Tochter aufs freundlichste empfangen. Giselher wird mit Rüedegers Tochter verlobt; es ist ein Sonnenblick in der Schwere der Ereignisse. 28. Av. Dietrich von Bern reitet den Gästen entgegen, warnt sie vor Kriemhild, die den helt von Nibelunge lant noch sehr beweine. Kriemhild begrüßt ihre Verwandten kühl und fragt nach dem Hort der Nibelunge; Hagen erklärt ihr, daß er in den Rhein versenkt sei. 29. Av. Hagen und Volker sitzen auf einer Bank vor dem Saal; Kriemhild geht vorüber und Hagen legt im Übermut Sigfrids Schwert über seine Knie; als Kriemhild dieses erblickt, beginnt sie zu weinen und erinnert Hagen daran, was er ihr getan, der es trotzig bekennt und sagt, Sigfrid habe es entgelten müssen, daß Kriemhild Brünhild beleidigte. 30. Av. Danach, am Abend, halten Hagen und Volker Schiltwacht bei den fremden Gästen, und Volker fidelt sie in Schlaf. 31. Av. Kirchgang, Buhurt. Kriemhild spricht Dietrich um Hilfe an gegen ihre Verwandten und gewinnt an seiner Stelle Blocdcl, Etzels Bruder, dafür. Bei Tische beleidigt Hagen Kriem- hilds Sohn Ortlieb. 32. Av. Eröffnung des Kampfes. Bloedel geht mit tausend Mannen in den Saal und beginnt den Kampf. Dankwart haut ihm das Haupt ab, alle neuntausend Knechte Dankwarts werden von einem neu heranziehenden Hunnenheer erschlagen, er selbst entkommt. 33. Av. Er verkündet im Saal der Burgunden: ritter unde knchte sint in der Herberge tot. Hagen schlägt dem Kind Ortlieb das Haupt ab. Kriemhild bittet Dietrich 1 um Hilfe. Günther erlaubt Dietrich, alle Hunnen aus dem Saal zu bringen; Dietrich führt Kriemhild und Etzel hinaus. 34. Av. Sie werfen die Leichen, 7000 Tote, aus dem Saal. Kriemhild verspricht dem reiche Belohnung, der ihr Hagens Haupt bringe. 35. Av. Irings Heldenkampf. Iring von Dänemark besteht Hagen, Volker, Günther, Gernot und Gselher im Streite, wird aber zum Schluß von Hagen erschlagen. Irnfrit von Thüringen und Hawart fallen. Alle Dänen und Thüringer werden von den Burgunden im Saale erschlagen. 36. Av. Das Gemetzel geht weiter. Kriemhild will die Brüder leben lassen, wenn sie ihr Hagen als Geisel geben; doch vergeblich! Sie läßt den Saal anzünden. In ihrem infolge der Hitze übermächtigen Durste trinken die Recken im Saale das fließende Blut. 37. Av. Kriemhild mahnt Rüedeger an seinen Treueid, und nach schwerem Seelenkampfe folgt er seiner Dienstpflicht. Rüedeger und Gernot fallen im Zweikampf. 38. Av. Dietrich schickt Hildebrand aus, den seine Recken begleiten. Es kommt zum Kampfe; Wolfhart und Giselher töten sich gegenseitig. Hildebrand erschlägt Volker, entflieht aber stark verwundet vor Hagen. Nun sind allein noch übrig Günther und Hagen, Dietrich und Hildebrand. 39. Av. Der letzte Kampf. Dietrich bezwingt zuerst Hagen, bindet ihn dann und bringt ihn Kriemhild. Diese verlangt von Hagen, wenn er ihr den Nibelungenhort wiedergebe, könne er lebende heim zen Burgonden komen, aber Hagen entgegnet, daß er den Hort nicht zeige, so lange einer seiner Herren lebe. Da läßt Kriemhild Günther das Haupt abschlagen und es vor Hagen bringen. Dann spricht dieser seine letzten Worte: du hast iz nach dim willen z'einem ende bräht, und ist auch rehte ergangen, als ich mir hdte gedäht... den scaz den weiz nu nieman man got unde min; der sol dich, vdlandinne, immer wol verholen sin. Kriemhild aber zieht das Schwert, das einst Sigfrids war, aus der Scheide und schlägt ihm das Haupt ab. Hildebrand aber haut sie mit einem schweren Schwerthieb in Stücke. Das Ende bildet die Klage Dietrichs und Etzels und ihrer Mannen. 1 Gegen die chronologisch unrichtige Zusam- sich die Kaiserchronik 14176 ff. (Edw. Schrö- menrückung Theodorichs mit Attila wendet ders Ausg. S. 337 u. Anm. 2. Das Nibelungenlied 135 Der höfische Einschlag Daß das Lied für höfische Kreise bestimmt war, das kommt auch in den dargestellten gesellschaftlichen Formen zum Ausdruck. Vieles erinnert an die höfischen Epen: Verfeinerte Sitten im Verkehr, glänzende Feste, Buhurt und Tanz; besonders der Minnedienst ist ein Motiv, das dieses Heldenepos in die höfische Umwelt zieht. Gleich der Eingang gibt diese Stimmung wieder, und oft wiederholen sich ähnliche Formeln wie: er leit ouch von ir minne dicke michel arebeit 137, 4, wan daz in twanc ir minne: diu gab im dicke not 324, 3 (weitere Stellen s. J.Körner, Nibelungenlied S. 113), ja die ganze Tragik des Liedes wird durch die Minne verursacht. Doch hat sich vieles Altepische, viel Herbes und Grausiges nicht ausrotten lassen; sonst wäre der Inhalt wesentlich umgestaltet worden. So ist Sigfrid zwar der höfische Minnewerber, aber ganz unhöfisch wirkt sein protziges Auftreten gegen Günther, dem er beim ersten Eintritt am Wormser Hof sein Land abfordert (Av. III) ; was im alten Liede ein Ausfluß seines Heldenmutes war, wird jetzt eine Beleidigung des freundlichen Gastgebers. Recht unhöfisch klingt auch, wenn gesagt wird, daß Sigfrid Kriemhilden den lip ... zerblouwen hat (Str. 837). Unhöfisch ist auch „Wie die küniginne ein ander schulten u Av.XIV; aber wie konnte dieser Vorgang, der doch die ganze Katastrophe herbeiführte, umgangen werden? Höfischer Sitte nicht gemäß sind gleichfalls Brünhilds Kampfspiele und so vieles andere, überhaupt der ganze zweite Teil, in dem Kriemhild zur vdlandinne wird. Hier tritt das Heidnische stark in den Vordergrund, während überhaupt das Christliche keine eingreifende Rolle spielt, obwohl das offiziell Kirchliche beobachtet wird. Die sittliche Idee 1 Folgerichtig und schicksalsgemäß entwickeln sich die Taten und Ereignisse. Es ist ein Schicksalsbild, wie es eine alte, rohe Sage gestaltet hat, in der die stärksten Leidenschaften ungebändigt sind, Liebe und Haß sind die Triebkräfte des Handelns. In unserm Gedichte ist die in der Zeit der höfischen Blüte herrschende Kultur mildernd darüber geglitten. Das Schicksal als führende Idee des Gedichtes tritt deutlich in Gestalt von Schuld und Sühne hervor; die Schuld der Burgunder liegt im Mord Sigfrids, die Sühne in ihrem Untergang, die Schuld Kriemhilds in der Vernichtung des eigenen Geschlechtes und ihre Sühne in ihrem Tod. Kriemhild kommt zu ihrer Vernichtungstat durch Treue zu Sigfrid; die Treue aber ist die größte Schicksalsmacht der Germanen. Die aus Treue geborene Rache erzeugt das tragische Geschick, aber auch die Möglichkeit zur Versöhnung mit dem Ungeheuerlichen beim Gesamteindruck. 1 Lit. zur Ethik. Außer den aufgezählten die Entstehung des Romans, 1919, 24-26; „Abhandlungen" sind speziell zu nennen: Al- Friedr. Neumann, Schichten der Ethik im bert Klapp, Das Ethische im Nibelungen- Nibelungenlied, Festschr. Mogk 1924, 119-45. liede, 1873; J. Stuhrmann, Die Idee u. die — Karl Helm, Schicksal u. Heldentum, Mar- Hauptcharaktere der Nibelungen, 3. Aufl., burger Rede 1926. 1910; Singer, Die Wiedergeburt des Epos u. 136 Die erzählende Dichtung Bei Kriemhilds Rachetat wirkt außer der Treue und Liebe zu Sigfrid noch ein wichtiges Motiv aus dem Sagenbestand mit, nämlich der Hort, die alte Hortsage. Als allgemein menschliches Schicksal zunächst erfüllt sich hier der Fluch, der am Golde haftet; aber speziell unter den Kulturbedingungen der damaligen Zeit ist das Gold das Symbol der Macht, ja überhaupt das Mittel zur Macht, und aus diesem Grunde wird der Schatz für die Fürsten unentbehrlich. In der nordischen Fassung, in den Eddaliedern, ist an Stelle der Schicksalsidee die Mythologie, die Göttersage getreten und als Abschluß eine rein politische Berechnung (Tötung der Burgunden durch Atli ihres Schatzes wegen). Schließlich gerechte Vergeltung, ausgeübt von der Schwester der gemordeten Brüder und Stammesgenossen durch die Tötung des Mörders). Es vollzieht sich hier alles viel mehr der Wirklichkeit gemäß. Auf der Treue also sind die Charaktere aufgebaut. Die Treue ist bei den Germanen das unverletzliche Band zwischen dem Herrn und dem Untergebenen; die Mannentreue, die Vasallentreue ist die Grundlage der sozialen Ordnung. Treue ist der Keim des schuldvollen Verderbens: Hagen vollbringt den Mord aus Treue zu seiner beleidigten Königin, und durch seine im ganzen Lied bewiesene Mannentreue tritt er uns auch menschlich näher. Die sympathischste Gestalt des ganzen Gedichtes ist Rüedeger; er fällt im Widerstreit zweier Pflichten: aus Pflicht gegen seine Herrin Kriemhild muß er mit seinen Freunden den Todeskampf bestehen, Mannentreue geht vor Freundestreue. In anderer Form tritt die Treue bei Kriemhild als Treubund und damit als ethisches Grundmotiv des ganzen Liedes auf. Die Freundestreue aber findet ihr leuchtendes Beispiel in der Beziehung von Hagen und Volker zueinander. Die nordische Gestalt der Nibelungensage 1 Die nordischen Quellen sind: 1. In erster Linie die Lieder-Edda (etwa 850-1050, gesammelt um 1240), 14 Lieder, die von dem Inhalt handeln, der in unserm Nibelungenlied erzählt ist, von Sigurd (Sigfrid), Gudrun (Kriemhild), Atli (Attila, Etzel). 2. Die prosaische Edda des Snorri Sturluson (um 1220). 3. Die Wolsungasaga (um 1260), die zumeist auf alten nordischen 1 Uhlands Schriften 1,1865, 80-88.452-55; dem Altisländischen übersetzt u. bearbeitet, J. Grimm, Jönakr und seine Söhne, ZfdA. 3, 1892; Heusler, Die Lieder der Lücke im Cod. 151-58; A-. Raszmann, Die Niflungasaga u. reg. der Edda, Festschr. Paul 1902; Eug. das Nibelungenlied, 1877; Ders., Wodan u. die Mogk, Gesch. der norweg.-isländ. Lit., 2.Aufl. Nibelungen, Germ. 26, 279-310; Wilh. Mül- 1904 u. Pauls Grundriß 2 ; Golther, Nordische ler, Siegfried u. Freyr, ZfdA. 3, 43-53; Ant. Literatur-Geschichte I.Teil, Samml. Göschen Edzardi, Die Sage von den Wälsungen u. Ni- 1905 (mit Lit.); Holz, Der Sagenkreis der Nibelungen, aus der altnord. Völsungasaga frei belunge, 1907, S. 1-95; Heusler, Die gelehrte übertragen, 1880. 1881; Golther, Üb. d. Ver- Urgeschichte im altisländischen Schrifttum, hältnis der nordischen u. deutschen Form der Abh.d. Preuß.Ak. 1908u. SA.; Gust.Neckel, Nibelungensage, SB. d. kgl. bayer. Akad. der Beiträge zur Eddaforschung mit Exkursen zur Wissensch. 18, IL Abt., 1888, S. 439-500; Heldensage, 1908; Axel Olrik, Nordisches Ders., Die nord. Volkslieder von Sigurd I. II, Geistesleben in heidnischer u. frühchristlicher ZfvglLitGesch. N. F. 2, 1889, 205-12. 269-97; Zeit, übertragen von W. Ranisch, 1908; PanKarl Kügler, Nordische Heldensagen aus zer, Stud. z. german. Sagengesch. II, Sigfrid Das Nibelungenlied 137 Heldenliedern beruht; Wölsungen (= Walisungen) werden nach König Walis, dem Vater Sigmunds, die Vorfahren Sigurds genannt. 4. Die Thidrekssaga, die Sage von Dietrich von Bern, welche von einem Norweger nach Berichten von deutschen Kaufleuten aus Münster, Soest und Bremen um 1250 verfaßt wurde. 5. Die färöischen Lieder; diese wurden auf den Faer-Oeer bei Festlichkeiten zum Tanze gesungen. In der nordischen Sagengestalt ist der Inhalt stark mit mythologischen Zügen verknüpft, aus der Göttersage steigt die Heldensage auf, das erste Motiv ist der Raub des Schatzes. Auf einer Wanderung der drei Götter Odin, Hoenir und Loki fängt dieser in einem Wasserfall den Zwerg Andvari, der ihnen seinen ganzen Goldschatz geben muß und einen Fluch über den Schatz ausspricht. Mordtaten knüpfen sich an den Besitz des Schatzes, der von einem über ihm lagernden Lindwurm gehütet wird. Sigurd, der Sohn des Königs Sigmund von Frankenland, tötet den Drachen und nimmt das Gold an sich; dann gelangt er zur Walküre Brynhild, die von Odin in Schlaf versenkt ist. Sigurd und Brynhild schwören sich Eide der Treue. Sigurd kommt zu Gjüki (im deutschen Gedicht Gibich; daher werden die Burgundenkönige in der nordischen Sage „Gjukunge" genannt, doch auch Niflungar), einem König am Rhein, schließt mit dessen Söhnen, den Gjukungen Gunnar, Högni und Gutthorm, einen Bund, und deren Schwester Gudrun (im Nibelungenlied Kriemhild) reicht ihm den Vergessenheitstrank, daß er die Erinnerung an Brynhild verliert und sich mit ihr vermählt. Im weiteren gleicht der Verlauf der nordischen Sage im großen und ganzen dem des deutschen Liedes: Sigurd gewinnt für Gunnar durch Gestaltentausch Brynhild, die Gunnars Weib wird; Zank der Königinnen Brynhild und Gudrun; Ermordung Sigurds durch Gutthorm ; Gudrun wird AtH vermählt; dieser lädt die Brüder der Gudrun ein; er will den Schatz von ihnen haben, aber sie offenbaren ihm nichts von diesem, worauf er sie töten läßt. Gudrun tötet Atli und springt ins Meer, wird aber gerettet. Der Schluß in der nordischen Fassung gibt der Tragödie ein von der deutschen völlig verschiedenes Ethos; im altgermanischen Sittengesetz sind die Bande der Blutsverwandtschaft stärker als die durch Heirat geschlossenen, durch das Christentum ist die Ehe zu einem Sakrament geworden. Daß Attila von seiner Gattin getötet wurde, stimmt ungefähr zu den histori- S. 189-42. Jan de Vries, Studien over färö- kevisern, Filologiska Samfundet i Göteborg ische Balladen, Amsterd. Diss. 1914; K. Lies- 1920, 45-54; Ders., Die faeröischen Dvörga- Tbl, Faeroske og norske folkeviser, Maal og moylieder, Ark f. nordisk filol. 36, 1920, 207 Minne, Norske Studier 1917, 81-110; Ders., -99; Ders., Der Zwerg in Skandinavien, Fest- De nordiske folkeviser om Sigurd svein, Overs, schrift Mogk 1924; Jos. Körner, D. Nibe- over vidensk. selsk. mater i 1917, Kristiania lungenlied aaO. S. 35-40; besonders: Herm. 1918; H. deBoor, Die färöischen Lieder des Schneider, German. Heldensage I, 1928, 64 Nibelungenzyklus, 1918; Heusler, Altnor- -71. 124-64 (mit Lit.) u. ö.; H.Sperber, dische Dichtung u. Prosa von Jung Sigurd, Heuslers Nibelungen u. die nordische Überlie- SB. d. Preuß. Ak. 1919, 162-95; Ders., Die ferung, Festschr. Jellinek 1929,123-38; Fried- deutsche Ballade von Kremolds Rache, ebda rich Neumann, Germanische Art, Handbuch 1921, 445-69; Neckel, Die Nibelungenballa- der Pädagogik hgb. von Nohlu. Pallat, o.J., den, Festschr. Braune 1920, 35-138; H. de S. 89 ff. — Goedeke, Grundr. I 2 , 170-72. Boor, Mythologisches aus den fEeröischen Fol- 138 Die erzählende Dichtung sehen zeitgenössischen Berichten (Priscus): er starb eines plötzlichen Todes an der Seite eines Mädchens namens Ildico (Hildico), aber wohl an einem Blutsturz im Jahre 453 } Vorgeschichte des Nibelungenliedes 2 Der Weg geht von der Sage zu den Liedern und von da zum Epos „Nibelungenlied" (der Nibelunge Not bzw. Der Nibelunge Lied), dem Leseepos. Der Inhalt des Nibelungenliedes, wie er vorher in seinen zwei Teilen Kriemhild bis Sigfrids Tod und Kriemhilds Rache entwickelt wurde, ist erst von dem Dichter des Nibelungenepos (am Anfang des 13. Jahrhunderts) zu einer Einheit verbunden worden. Diese beiden Teile beruhen auf zwei verschiedenen selbständigen Sagen, die Sigfridsage (oder Brünhildsage, s. Heusler) und die Sage vom Burgundenuntergang, waren also in ihrem Ursprung getrennt. Am wirksamsten bewahrten die am Niederrhein wohnenden Franken bedeutsame Ereignisse des 5.Jahrhunderts; von ihnen aus verbreitete sich die Sage von Brünhild und von Sigfrids Tod, aber diese früheste Fassung ist uns nicht in deutschen Liedern erhalten — die älteste Form, in der die Sagen verbreitet wurden, war das vom Skop (s. oben) gedichtete und vorgetragene Lied —, sondern gelangte nach Norwegen und Island (s. „Nordische Gestalt"). Auch hier waren zunächst seit der Wikingerzeit (10. Jahrhundert) Lieder im mündlichen Umlauf, die dann nach 1230 in der Lieder-Edda zusammengestellt wurden, und hier ist die älteste Form der Sigfrid-(Sigurd-)Brünhild-Sage bewahrt. In Deutschland gab es verschiedene Lieder von Sigfrid, von Brünhild, von Sigfrids Vorfahren (Walisungen), von seinem Drachenkampf, von der Gewinnung des Nibelungenhorts, von seinem Tod. Literatur über die einzelnen Personen und Namen. Müllenhoff, Zeugnisse u. Exkurse, ZfdA. 12, 253-386 pass., bes. S. 288-302; Heusler, Die Heldenrollen im Burgundenuntergang, SB. d. Preuß. Ak. 47, 1914, 1114-^19; L. Wolff, Die Helden der Völkerwanderungszeit, 1928, dazu Droege, Anz. 48, 65 f. — Die Frauen: Uhland 1, 314-22. — Kriemhild: Schröder, Die Kanone Kriemhild, Anz. 47,156; Wilh. Stapel, Kriemhild, Dt. Vierteljahrsschr. 10, 273-81. Sigfrid: Uhland, Sigemund u. Sigeferd, Germ. 2, 344-63; Müllenhoff, ZfdA. 23, 113-73, dazu Symons Lbl. 1880, 49-53; O. Sarrazin, Der Ursprung der Siegfriedsage, ZfvglLit- Gesch. 11, 113-24, Panzer, Sigfrid, 1912, dazu Naumann, ZfDtschkde 41, 1 ff.; Panzer, Siegfriedmärchen, Festschrift Braune 1920, 138 ff.; Heusler, Hoops Reallex. 4, 173-77; Rud. Pestalozzi, Sigmunds Schwert, ZfdA. 52, 259-69, Schneider, Zur Sigmundsage, ZfdA. 54, 339-43; Bolte-PolIvka (Sigfrids Erziehung beim Schmied) Nr. 60. 90. 92. 93. 94; Leon Polak, Untersuchungen über die Sigfridsagen, Berl. Diss. 1910; Behaghel, Sifrit der Sohn des Sige- munt und der Sigelint, Beitr. 43, 156-58; H. M. Rutgers, Bemerkungen üb. d. Verhältnis vom 1 Leon Polak, Untersuchungen über die Sage 265-97; R. C. Boer, Finnsage u. Nibelungen- vom Burgundenuntergang 1922 (aaO.), S.70ff. sage, ZfdA. 47,125-60; Ders., Untersuchungen (wo weitere Lit.). üb. d. Ursprung u. d. Entwicklung der Nibe- 2 Heusler, Nibelungensage u. Nibelungen- Iungensage, ZfdPh. 37, 289-348. 438-505; 38, Med aaO.; Georg Holz, Der Sagenkreis der 39-109; K. Droege, Zur Gesch. des Nibelun- Nibelungen, 1907; Jos. Körner, Das Nibe- genliedes, ZfdA. 48, 471-503; Ders., Die Vor- lungenlied, 1921, aaO. — Golther, Nord- stufe unseres Nibelungenliedes, ebda 51, 177 deutsche u. Süddeutsche Heldensage u. die äl- -218; Schneider, German. Heldensage aaO. teste Gestalt der Nibelungensage, Germ. 34, S. 80 ff. Das Nibelungenlied 139 Märchen und Sage, mit besonderer Rücksicht auf die Sigfridsagen, Amsterd. Diss., Groningen 1923; Ad. Schullerus, Ein rumänisches Siegfriedmärchen, Festschr. Mogk 1924. Brünhild. B. Sijmons, Sigfrid u. Brunhild I, ZfdPh. 24, 1-32; Heusler, Die Quelle der Brünhildsage in Thidrekssaga u. Nibelungenlied, Festschr. Braune 1920, 67-84; Bolte-PolIvka 2, 340; Dietrich Kralik, Zur Quelle für die Darstellung der Werbung um Brünhild im Nibelungenlied, Germ. Forschungen, Wien 1925, 91-103; C. W. v. Sydow, Brynhildepisoden i tysk tradition, Ark. f. nord. Filol. 44, 1928, H. 2; Braune, Brunhildenbett, Beitr. 23, 246-53; R. Petsch, Dornröschen u. Brynhild, Beitr. 42, 80-87; Singer, Brynhild, ebda S. 538^14; Naumann, Brünhilds Gürtel, ZfdA. 70, 46-48. Hagen. Uhland 1, 307-14; A. H. Krappe, Hagen et les Ondines, Neophil. 14, 1929, 42^19; Bolte-Polivka 3, 416 (Donauweiber). Rüedeger. Uhland 1, 285-89; R. v. Muth, Der Mythus vom Markgrafen Rüdiger, Wiener SB. 1877; Joh. Eibl, Ein Rüdiger von Bechlarn aus dem Jahre 1281, ZföG. 48, 1897, 270-78; H. Lämmerhirt, Rüdeger von Bechlarn, ZfdA. 41, 1-23; Georg Matthaei, Rüdiger v. Bech- laren u. die Harlungensage, ZfdA. 43, 305-32; B.A.Morgan, Rüedeger, Beitr. 37, 325-36; Rud. Much, Rüdiger von Pechlarn, Vortrag 1913; Naumann, Rüedegers Tod, Dt. Viertel- jahrsschr. 10, 1932, 387-403. Andere Personen und Namen. Burgonden: Schröder, ZfdA. 56, 240^6. — Uote: Uhland 1, 324-27; Schröder, ZfdA. 57, 126-29. — Helche, Uhland 1, 322-24. — Dietrich: Heusler, SB. d. Berl. Ak. 1914, 121 ff. — Rümoldes rät: H. de Boor, ZfdA. 61, 1-11;Ochs, GRM. 1921, 288 ff.; Wilhelm, Nibelungenstudien, Münchn. Arch. 7, 1916; Schröder, Der Name Rümolt, ZfdA. 61, 12; Leitzmann, ebda S. 50 (Rumold). — Pilgrim: Wilhelm, Beitr. 32, 331 (Pilgrim Fiktion); A. Hempel, Pilgerin u. die Altersschichten des Nibelungenliedes, ZfdA. 69, 1-16. — Siehe LG. I x 405 f. 1 2 415. — Iringes Weg: Meissner, ZfdA. 56, 77-98. — Alberich-Auberon: Q. Jungehülfing, Münst. Diss. 1925. Schilbung: Schröder, ZfdA. 61, 36 f.; Dietrich v. Kralik, Nibelung, Schildung u. Bal- mung, Wien, prähistor. Zeitschr. 19, 1932, 324-48 u. SA. — Werbel und Swemmel: Naumann, Dt. Vierteljahrsschr. 2, 792. — Attila: R. C. Boer, AttilasTod in deutscher Überlieferung u. die Hvenische Chronik, Beitr. 34, 195-266; Etzels Burg: O. v. Zingerle, Etzels Burg in den Nibelungen, Festschr. Weinhold 1897, 157-70; Attila = Väterchen s. LG. I Reg. unter Attila u. Etzel. — Statisten: Schröder, Statisten im Nibelungenlied, ZfdA. 61, 56. Die geschichtliche Grundlage der Nibelungensage 1 Den geschichtlichen Kern der Nibelungensage bildet der Untergang des burgundischen Reiches in Worms im Jahre 437 durch den Einfall der Hunnen unter Attila; seit 444 war Attila Alleinherrscher der Hunnen (f 453). Hiermit wird die fränkische (niederrheinische) Sage (Sigfrid) und die ostgotische Sage (Theodorich der Große, Dietrich von Bern) verwoben. 1 J. Grimm, Kl. Sehr. 4, 85-92; Gott- Kamp, Die Nibelungias u. die Passauer Urkun- ling, Über das Geschichtliche im Nibe- den, Hall. Diss. 1921; Herbert Hörl, Kritik lungenlied; Droege, Geschichtliches im Nibe- der histor. Grundlagen des Sachsenkrieges im lungenliede, ZfdA. 51, 178 ff.; Gudmund Nibelungenlied u. seines Verhältnisses zu den Schütte, The Nibelungen Legend and its Hi- nordischen Quellen u. zum afranz. Epos, Wien, storical Basis, The Journ. of Engl.and Germ. Diss. 1928; Jellinek, Eine historische Par- Philol. XX H. 3, Juli 1921; Balint Höman, allele zu der deutschen Erzählung vom Unter- Geschichtliches im Nibelungenlied, Ungari- gang der Nibelungen, Anzeiger der phil.-hist. sehe Bibliothek I. Reihe 9. Heft, 1924, u. Un- Klasse der Wiener Akad. 16. Nov. 1932. — garische Jahrbücher Bd. 3, 1925; Friedr. Jellinghaus, Arminius u. Siegfried, 1891; Appel, Die Betonung des Geschichtlichen in A. Beneke, Siegfried u. die Varusschlacht im der deutschen Forschung üb. Nibelungensage Arnsberger Walde, 1909. — Bes.: Schneider, u. Nibelungenlied von Joh. v. Müller bis Rieh. German. Heldensage I, 1928, 200-03. Wagner, Bresl. Diss. 1924; Walter van de 140 Die erzählende Dichtung Der in unserem Nibelungenlied gebotene Stoff ist in vier Stufen überliefert worden. Zugrunde liegt die Geschichte, diese wird aus dem Bereiche der tatsächlichen Wirklichkeit heraus durch die Phantasie ins Sagenhafte erhoben, die Sage festigt sich zu der bestimmten, im Gedächtnis oder der Schrift aufbewahrten Form des Liedes und schließlich zu der des Epos. Nebenwirkungen in diesem Entwicklungsprozeß verursacht das Eindringen von mythologischen Motiven; auch können Märchenzüge eingewirkt haben. Altertümer und Kulturgeschichte. 0. Härtung, Deutsche Altertümer aus dem Nibelungenlied u. der Gudrun, Progr. Neuhaldensleben 1882; Ders., Die deutschen Altertümer des Nibelungenliedes u. der Kudrun, 1894, dazu Henning, Anz. 24, 102 f., Bethge, DLz. 1895, 1298 ff. — Zeune, Über Erdkundliches im Nibelungenliede, v. d. Hagens Germ. 1, 1836, 99 -106, 309-21; C. Mehlis, Im Nibelungenlande, mythologische Wanderungen, 1877, dazu Henning, Anz. 4, 44. 74-76; K. Bohnenberger, Nibelungenstätten, Beitr. 42, 516-38; Herm. Neufert, Der Weg der Nibelungen, Progr. Charlottenburg 1892; Osk. Vinz. Ludwig, Die Nibelungenstraße, 1927; Rob. Sommer, Die Nibelungenwege von Worms über Wien zur Etzel- burg, Ein deutsches Wanderbuch, 1929; Roethe, Donau, Rhein und Nibelungenlied, Korrespondenzblatt d. Gesamtvereins der dt. Gesch. u. Altertumsvereine 64, 1926, Jan./März, u. Roethe, Deutsche Reden, hgb. von Jul. Petersen, 1927, S. 48-74; Leo Weber, Der schoene Brunnen. Ein topographischer Beitrag zur alten Nibelungennot, ZfdA. 63, 129-64; Justus Lunzer, Vorne Roten zuo dem Rine, ZfdA. 67, 140-44; C. Wesle, Der Donauübergang im älteren Nibelungenepos, Beitr. 46, 231-47; Eugen Kranzbühler, Worms und die Heldensage, 1930; Karl Weller, Die Nibelungenstraßen, ZfdA. 70, 49-66 (mit Lit.). Empfang der Gäste: Emil Kettner, ZfdPh. 15, 229^1; Die Hoffeste, Ders., ebda 16, 48-69; Abreise und Abschied, Ders., ebda 17, 129-73; Kleidung und Bewaffnung, Ders., ebda 19, 97 -114. — Zarncke, Die Jagd im Nibelungenlied, Beitr. 10, 384-402; E. Matthias, Die Jagd im Nibelungenlied, ZfdA. 15, 471-501; Ed. Hahn, Scheich im Nibelungenlied, Mannus 17, 1925, H. 1/2. — Martin, Zu den Nibelungen, ZfdA 32, 380-86 (über das Bahrrecht). — M. Schwarze, Die Frau im Nibelungenliede u. in der Kudrun, ZfdPh. 16, 385-470; O. Zallinger, Die Eheschließung im Nibelungenlied u. in der Gudrun, Wiener SB. 199, 1923; Ders., Heirat ohne „Trauung" im Nibelungenlied u. in der Gudrun, Festschrift Redlich 1928, 335-60; Elsbet Kaiser, Frauendienst im mhd. Volksepos, Germ. Abh. 54, 1921 (bes. S. 1-28). — Alb. Ilg, Beitr. zur Gesch. der Kunst u. der Kunsttechnik, 1896, 63-72.— Ganzenmüller, Naturgefühl, S. 285. 286 Anm. 1. — Anderes s. Goedeke, Grundr. I 2 , 189. Das Nibelungenlied im Verhältnis zu anderen Dichtungen. Droege, ZfdA. 51, 197ff. — Scherer, Nibelungenlied u. Ilias, Kl. Sehr. 1, 676-81. Roethe, Über Nibelungias (lat. Epos gegen Ende des 10. Jh.s) 1 u. Waltharius, SB. d. Preuß. Ak. 1906, 521; Droege, Nibelungenlied u. Waltharius, ZfdA. 52, 193-231; E. Roemer, Waltharius u. Nibelungenlied, Münst. Diss. 1912; Hans Bork, Klage u. Waltharius, GRM. 15, 1928, 395^415. — Scherer, Kürenberg, ZfdA. 17, 561-81 u. Vorträge u. Aufsätze, 1874, 101-23. — Paul, Die Thidreks- saga u. das Nibelungenlied, SB. d. kgl. bayer. Akad. d. Wiss. 1900 H. III, 297-338 u. SA.; Panzer, Stud. z. germ. Sagengesch. II, Sigfrid, S. 173-89. — Nibelungen und Biterolf: Kettner, ZfdPh. 16, 345-61; Jos. Körner, Das Nibelungenlied aaO. S. 34. — Kettner, Der Einfluß des Nibelungenliedes auf die Gudrun, ZfdPh. 23, 145-217. — Nibelungen und Hartmanns Iwein: Gust. Schmidt, Die natürlichen Bedingungen für die formalen Gegensätze des Kunstepos u. Volksepos desMA.s, aufgezeigt am Nibelungenliede u. Hartmanns Iwein, Rostock. Diss. 1875; J. Körner, aaO. S. 29. — Nibelungen und Wolfram: W. Grimm, Deutsche Heldensage, Reg.; Droege, ZfdA. 62, 173 f.; Herm. Fischer, Über die Entstehung aaO.; F. Körner, aaO. S. 29 (Azagouc, Zazamanc); Singer, Wolframs Stil S. 61. 107 (Azagouc im Nibelungenlied, s. 1 Über das lateinische Nibelungenlied s. oben Bd. I dieser LG., 1. Aufl. S. 405 f., 2. Aufl. S.415. Das Nibelungenlied 141 auch Martin, Wolfram-Ausgabe Bd. II Reg.); Heusler, Nibelungensage u. Nibelungenlied. 1. Ausg., S. 88. 127; Schröder, ZfdA. 59, 244; Leitzmann, ZfdA. 61, 49-56; Rumoldes Rat s. oben. — Sigfridsage und Tristansage: Sarrazin, ZfvglLitGesch. 1, 1887, 262 ff.; Singer, Anz. 14, 233-41. — Nibelungen und Rosengarten: J. Körner aaO. S. 34. — Nibelungen beim Marner: W. Grimm, Heldensage, Reg. unter Marner. — Im jüngeren Titurel ed. Hahn Str. 3312. In Hugos von Trimberg Renner V. 16188 ff. — Im Beowulf: Uhlands Schriften 8, 479-504; W. E. Leonard, Beowulf and the Nibelungen couplet, Univ. of Wisconsin studies Nr. 2, Madison 1919; J. Körner, aaO. S. 42. Sprache, Stil und Metrik im Nibelungenlied Die Sprachformen zeigen bayrisch-österreichische Merkmale. 1 Der Stil 2 der Heldenepen ist typisch, trägt eine ihnen allen gemeinsame Art, der Stil der höfischen Epen ist individuell, jeder einzelne der Dichter hat seine besondere Ausdrucksweise. So ist der Stil unseres Nibelungenliedes formelhaft, gewisse sprachliche Wendungen kehren beim Auftreten gleicher inhaltlicher Motive wieder, doch bleibt ihre Verwendung hier maßvoll im Gegensatz zu den Spielmannsepen wie Orendel (vgl. LG. II, 1, 345): Zweigliedrige Zwillingsformeln: liep unde leit, Hute unde laut, mdge unde man, riter unde frouwen, küene unde balt; stehende Epitheta: Günther der küene, Sifrit der küene, Hagene der küene, Hagene der starke, der grimme Hagene ; hyperbolische Wendungen: die schcenste die man flndet,man sach nie so riehen man, ein vil edel magedin daz in allen landen niht schoeners mochte sin; Ortsbestimmungen : in Burgonden laut, in Etzelen lant, da zen Burgonden; Zeitbestimmungen: an einem morgen vruo; formelhafte Zahlen: drei Burgundenkönige, zwölf Helden begleiten Sigfrid, inre tagen zwelfe, wol hundert siner man; Quellenberufungen : Uns ist in alten maren Wunders vil geseit, als uns diu äventiure seit, als ich vernomen hän, so wir hozren sagen ; Wahrheitsbeteuerungen: daz ist war, üf die triuwe min; Hindeutungen auf das Kommende: dar umbe muosen degene vil Verliesen den lip, sie stürben jämerliche sint von zweier edeln frouwen nit, daz muose sit beweinen vil manic woetlichez wip; Gleichnisse fehlen. Der Stil des Heldenepos ist viel einfacher als der des höfischen Epos. Zum festen Bestand der Heldenepen gehören, abgesehen von Kämpfen und Festen, gewisse andere Stoffgebiete, nämlich Schilderungen der Gestalt, der Kleider, der Waffen. Die ganze Darstellungsweise ist hier einfacher, eintöniger, 1 Zwierzina, Mittelhochdeutsche Studien, Die Litotes u. ähnliche Figuren im Nibelungen- ZfdA. 44 u. Reg. Anz. 26, 352.45 u. Reg. Anz. lied, Würzburg. Diss. 1913; J. Körner, Das 27, 347 f. Nibelungenlied aaO. S. 93-116; Naumann, 2 0. Vilmar, Reste der Alliteration im Nibe- Die jüngeren Erfindungen im Heldenroman, lungenliede, Marburger Diss. 1855; Esser, Die ZfDtschkde 1926, 22-34; Hennig Brink- Formen der Periode im Nibelungenliede, Progr. mann, Zu Wesen u. Form mittelalterlicher Weißenburg 1880; Friedr. Reinhardt, Die Dichtung, 1928, S. 95. 179 f. 182; Gottlieb Causalsätze u. ihre Partikeln im Nibelungen- Stolz, Epitheta ornantia im Kudrunlied, im liede, Hall. Diss. 1884; Georg Radke, Die Biterolf u. im Nibelungenlied, Tübing. Diss. epische Formel im Nibelungenliede, Kiel. Diss. 1930; Siegfried Beyschlag, Zeilen u. Haken- 1890; H. Kuhlmann, Die Konzessivsätze im stil, seine künstlerische Verwendung in der Nibelungenliede u. in der Gudrun, Kiel. Diss. Nibelungenstrophe u. im Hildebrandston, 1891; Julius Schmedes, Untersuchungen üb. Münch. Diss. 1933 u. Beitr. 56, 225-313. — d. Stil der Epen Rother, Nibelungenlied u. Siehe unten kleinere Heldengedichte. Gudrun, Kiel. Diss. 1893; Arthur Krause, 142 Die erzählende Dichtung herber; auf feinere Motivierung kommt es nicht an, wie denn die inneren Bewegungen sich wesentlich in den Taten und Handlungen der Personen aussprechen, während Schilderungen und Darlegungen des Seelenlebens und der Gemütsbewegungen gemieden werden. Der höfische Roman gibt dem inneren Leben seiner Personen großen Raum, lang ausgesponnene Schilderungen von Empfindungen, besonders Liebesklagen, hemmen das Fortschreiten der Handlung; die „Zergliederung seelischer Zustände" bildet also ein bedeutendes Moment in der Kunst der höfischen Epiker. Im Nibelungenlied dagegen ist alles in Handlung aufgelöst, die Empfindungen sind oft nur angedeutet; wenn aber einmal das Gefühl stark hervorbricht, dann findet die Leidenschaft erschütternde Worte. Die Metrik. 1 Das Nibelungenlied ist in Strophen abgefaßt (2316 B, 2439C). Die Strophe besteht aus vier Langzeilen, deren je zwei aufeinander reimen, alle stumpf. Die drei ersten Langzeilen haben sieben Hebungen, die vierte Langzeile ist um eine Hebung verlängert. Die Langzeilen sind durch eine klingende Zäsur nach der dritten Hebung in zwei Halbzeilen geteilt. Der Auftakt kann fehlen. Die vierte Langzeile ist, oft ohne den Inhalt zu bereichern, eigentlich nur nachgeflickt, um die Strophe vollständig zu machen. l.(x) |x x|x x|x x 11 (x) |x x|x x|x a 2.(x) |x x|x x|x x||(x) |x x|x x|x a 3.(x) |x x|x x|x x|| (x) |x x|x x|x b 4)(x)|xx|xx|xx||(x)|xx|xx|xx|xb Im allgemeinen ist der Bau der Verse in der Abwechslung von Hebung und Senkung ziemlich glatt, die Reime sind möglichst rein. Dieselbe Form hat die Kürenbergerstrophe, weshalb man diesen Dichter für den Verfasser des Nibelungenliedes gehalten hat (Pfeiffer, s. oben). Verändert tritt die Strophe in Walthers von der Vogelweide Elegie auf. Nachgeahmt haben sie mehrere spätere Heldenependichter. 1 Andreas Heusler, Deutsche Versgeschichte 10. Jahrg. der ZfdtUnterr. 1897, 180-90. 211 mit Einschluß des altenglischen u. altnordi- -24; 0. Brenner, Zum Rhythmus der Nibe- schen Stabreimverses, 2 Bde, 1925. 1927; lungen- u. Gudrunstrophen, Beitr. 19, 466-71; Franz Saran, Deutsche Verslehre 1907, 289 ff. Lunzer, Die Metrik der Nibelungenbearbei- u. Reg. S. 350, dazu Baesecke, ZfdPh. 41, tung k, Festschr. d. dt. akad. Philol.-Ver. in 100-02; Friedr. Kauffmann, Deutsche Me- Graz, 1896; R. C. Boer, De Nibelungen- trik, 1877,77-83. — W. Grimm, Zur Geschichte Strophe, Verslagen en Mededeelingen der K. des Reims, Kl. Sehr. IV; Zarncke in den Ein- Akad. van Wetensch. 5e Reeks deel II, 418 ff. leitungen zu seiner Ausgabe des Nibelungen- u. deel III, 208 ff.; Zwierzina, Anz. 26 Reg. liedes (VIII Metrisches); Simrock, Die Nibe- S. 352;v. Kraus, Der rührende Reim im Mhd., lungenstrophe u. ihr Ursprung, 1858; W. Cra- ZfdA. 56, 66 ff.; Holz, Das Nibelungenlied, mer, Die Nibelungenstrophe. Eine metrische 1907, 29ff.; Jos. Körner, Das Nibelungenlied, Untersuchung, Progr. Schlettstadt 1882. 1883; aaO. S. 116-20; Fritz Draeger, Die Bin- Heusler, Zur Geschichte der altdeutschen dungs- u. Gliederungsverhältnisse der Strophen Verskunst, Germ. Abh.8, 1891, 104 ff.; Rud. des Nibelungenliedes u. ihre Bedeutung für Hildebrand, Metrik des Nibelungenliedes, Quellenkritik u. Altersfragen, 1923; Haber- ZfdtUnterr. 5, 1891, 657 ff. 6, 104 ff.; Ders., mann, Merker-Stammler, Reallex. 2, 496-500. Beitr. z. dt. Unterr., Ergänzungsheft zum Die Klage 143 Schluß Der poetische Wert des Nibelungenliedes ist ungleichmäßig. Dem Dichter des Leseepos lagen schon ältere Schichten vor, hatte es doch eine schon Jahrhunderte alte Vorgeschichte. Es gelang dem Dichter nicht — und es war wohl überhaupt unmöglich —, die verschiedenen Teile der Überlieferung zu einer völligen Einheit zu verschmelzen und einen Aufbau zu gestalten, dessen Gliederung ebenmäßig verlief. So hat der erste Teil (Kriemhild-Sigfrid) hemmende, gedehnte Szenen wie den Sachsenkrieg, während der zweite Teil (die Kämpfe im Burgundenuntergang) dramatisch belebt ist. Die Tragik des zweiten Teils wird eingeleitet durch friedliche Szenen, welche einen wirkungsvollen Gegensatz bilden gegen das dann anhebende Verderben: die Freundschaft in Bechelaren (Av. 27), Volkers Saitenspiel, das den Helden die Ruhe des Schlafes bringt (Av. 30), der Kirchgang (Av. 31). Erst dann beginnt das Gemetzel. b) DIE KLAGE Literatur. Ausgaben: Bodmer, Chriemhilden Rache u. die Klage, 1757 (s. oben); LLS. Bd. IV, 1846, 579-710; 0. F. H. Schönhuth, Die Klage sammt Sigenot u. Eggenlid nach dem Abdruck der ältesten Hs. des Freiherrn Jos. v. Laßberg, hgb. 1839; Lachmann, Der Nibe- lunge Noth u. die Klage, 1826, u. weitere Ausgaben; Lachmann, Zu den Nibelungen u. zur Klage Anmerkungen, 1836 ff.; Al. J. Vollmer, Der Nibelunge Not u. die Klage, 1843; Fr. H. v. d. Hagen, Die Klage, Schlußgesang des Nibelungenliedes in der alten, vollendeten Gestalt, hgb. 1852; Ad. Holtzmann, Die Klage in der ältesten Gestalt usw., 1859; Bartsch, Die Klage mit den Lesarten sämmtlicher Hss., hgb. 1875; Ant. Edzardi, Die Klage mit vollständigem kritischen Apparat u. ausführlicher Einleitung, hgb. 1875 (dazu R. Henning, Anz. 1, 138-49, Entgegnung darauf Edzardi, Germ. 21, 235-48, gegen Edzardi: R. v. Muth, Zu der Nibelungenhs. d, ZfdA. 21, 87 f., desgl. R. v. Muth, ZfdA. 22, 75-77, Edzardi, Entgegnung u. Berichtigung, Germ. 23, 251-53, desgl. Zarncke, ZfdA. 22, 316-19); Piper, Die Nibelungen, erster Teil, Einleitung und die Klage (Ausg.), Kürschners Dt. Nat.-Litt. 6. Bd., o. J. (1889). Übertragungen ins Nhd.: v. d. Hagen 1852; Ostfeller 1854. Abhandlungen: W. Grimm, Heldensage S. 108-19. 155 f.; E. Sommer, Die Sage von den Nibelungen, wie sie in der Klage erscheint usw., ZfdA. 3, 193-218; Max Rieger, Zur Klage, ebda 10, 241-55; A. Edzardi, Über das Verhältnis der Klage zum Biterolf, Germ. 20, 9-30; R.v. Muth, Beiträge z. dt. Philologie, Jul. Zacher dargebracht 1880, 274-76; Kettner, Nibelungenlied und Klage, ZfdPh. 17,390^110; J. Bieger, Zur Klage, ebda 25, 145-63; Schönbach, Das Christentum in der ad. Heldendichtung, 1897, 57-107; Plaehn, Untersuchungen über die Entstehung der Klage u. des Biterolf, Progr. Altenburg 1898; Wilhelm, Über fabulistische Quellenangaben, Beitr. 33, 331 f.; Wilhelm, Nibelungenstudien I, Über die Fassungen B und C des Nibelungenliedes u. der Klage, Münchn. Arch. H. 2, 1918; H. Fischer, Verhältnis vom Nibelungenlied zur Klage, SB. d. bayer. Ak. 1914, Nr. 7; Vogt, Zur Geschichte der Nibelungenklage, Festschr. zur 52. Philologenvers, zu Marburg 1913; Jos. Körner, Die Klage u. das Nibelungenlied, 1920; Leitzmann, Nibelungenklage u. höfische Dichtung, ZfdA. 61, 49-56; H. Bork, Nibelungenlied, Klage u. Waltharius, GRM. 15, 395^115; Schröder, Zur Klage, ZfdA. 70, 66 f.; Leicher, Die Totenklage in der dt. Epik von der ältesten Zeit bis zur Nibelungen-Klage, Germ. Abh. 58, 1927, 134-60. — Siehe LG. II, 2, 222. An das Nibelungenlied schließt sich unmittelbar an, gleichsam als Fortsetzung, das Gedicht „Die Klage". Es sagt von sich selbst: Ditze liet heizet diu klage V. 4322. Zu verstehen ist die „Klage" aus der germanischen Totenfeier, bei welcher Kultus und Sitte geboten, dem Dahingeschiedenen Klage- 144 Die erzählende Dichtung worte oder einen Klagegesang zu widmen, ein Gebrauch, der in einigen deutschen Landschaften noch heute fortlebt (Ahd. LG. 1. Aufl., S. 36-45 u. Reg. S. 468, 2. Aufl. S. 35-44 u. Reg. S. 471). Zur Sitte gehörte es auch, daß dem Klagenden ein Klagehelfer oder ein Tröster gegenübertrat (die Stellen s. bei Leicher S. 134ff.). Die Klage ist in Reimpaaren abgefaßt (4360 Verse), nicht in Strophen, wodurch sich das Gedicht äußerlich vom Nibelungenlied unterscheidet. Es beruht ganz auf dem Inhalt des Nibelungenliedes und ist eine Fortsetzung desselben, dem Stoff nach eine Wiederholung und hat oft wörtliche Anklänge, aber auch einige Sagenzüge mehr. Der Verfasser war ein Bayer, der bald nach dem Nibelungenlied dichtete. V. 1-568 bilden den Eingang, sie geben eine Zusammenfassung vom Inhalt des Nibelungenlieds mit einigen Einschüben. Dann beginnen die Klagen an Etzels Hof, angestimmt von den allein noch Übriggebliebenen: Etzel, Dietrich von Bern und Hildebrand angesichts der Leichen. V. 569-2584: 569-758 Etzels Leid und Klage um Kriemhild; 759-797 Dietrichs Klage um Kriemhild; 798 f. Hildebrand klagt über Kriemhild; 800-882 wiederum Klage Etzels über Kriemhild; 883-1012 Klage Etzels über Bloedelin und die Burgunden und daß er den Christenglauben nicht angenommen; 1013-2360 Dietrich, Etzel und Hildebrand klagen über einzelne Helden (V. 2170 f. stammt aus Herzog Ernst B, Bartschs Ausgabe des Herz. Ernst S. 66, 2817 ff.); 2361-2430 Bestattung der Toten; 2431-2493 Dietrich tröstet Etzel; 2494-2584 auf Dietrichs Rat hin sendet Etzel die Waffen der Gefallenen den Hinterbliebenen nach Bechelaren. — Dann beginnt ein zweiter Teil, die Klagen in Burgunden Land: 2585-2660 auf Hildebrands Rat wird die Trauerkunde nach Burgunden-Land gebracht, der Spielmann Swemmelin ist der Bote; 2661-3286 zuerst ziehen die Boten nach Wien, dann nach Bechelaren, wo sie dem Rate Dietrichs folgend den Tod Rüedegers verschweigen, aber Rüedegers Frau und Tochter merken aus dem Gebaren der Boten, daß ihr Gatte und Vater tot sei und geraten in tiefstes Leid, Klage; 3287-3484 die Boten in Passau bei Bischof Pilgrim; 3485-4099 die Boten erzählen in Worms den Untergang der Burgunden; Brünhilds Klage; 4100-4113 Swemmel kehrt wieder zurück zu Etzel und erstattet Etzel und Dietrich Bericht; 4114-4294 Dietrich will trotz der Bitten Etzels Abschied nehmen; Etzel fällt beim Abschied in Ohnmacht und bleibt fortan geistesschwach, weder tot noch lebend; 4295-4322 Exkurs Bischof Pilgerin betreffend. 4323^360 Schluß, das Ende Etzels ist unbekannt. — Besonders hervorzuheben ist die Behauptung (V. 3459-3484 u. 4295^4322), der Bischof Pilgrim von Passau habe nach dem Bericht Swemmels das Nibelungenlied, diu grce^este geschiht diu zer werlde ie geschach (V. 3480 f.), lateinisch [in latinischen buochstaben, 4299)* durch seinen Schreiber Meister Kuonrät aufschreiben lassen (V. 4314), durch liebe der neven sin (V. 4296, der Burgundenkönige, Pilgrim war Bruder der Uote). Diese Erfindung beruht auf der Nachahmung eines Passus im Herzog Ernst (s. die Stelle bei Bartsch, Ausgabe des Herzog Ernst 1869, Einleit. S. II; Klage u. Herz. Ernst s. auch diese LG. II, 2, 1. Hälfte, S. 46 Anm. links). Aus der Klage, und zwar aus diesen beiden besprochenen Stellen, stammt die falsche Nachricht über ein lateinisches Nibelungenlied, Nibelungias (Lit. s. oben Nibelungenlied). Handschriften. 2 Die Klage folgt auf die Handschriften des Nibelungenliedes I. A, B, D, J, N, b, d, h; II. C. G, a. In ihr besitzen wir 2 Umarbeitungen eines verlorenen Originals, das um 1170 als Anhang zum Nibelungenliede verfaßt und gegen 1200 in reine Reime gebracht wurde. 1 C. v. Kraus, Die „latinischen Buochstabe" ebenso Edzardi in seiner Ausg. V. E. Mou- der Klage V. 2145, Sievers, In lateinischen rek, Prager Bruchstücke einer Pergament- Buochstaben, beide Artikel Beitr. 56, H. 1; handschrift der Klage, SB. d. kgl. böhm. Ges. K. Schiffmann, Nochmals die „latinischen d. Wissensch., 1887,1-24; Wilhelm, Beitr. 33, buochstabe" der Klage V. 2145 ff., Beitr. 56, 331; A. Ursinus, Die Handschriftenverhält- 1933, H. 3. nisse der Klage, Hall. Diss. 1908. 2 Bartsch, Ausgabe der Klage, Einleitung, Gudrun 145 c) GUDRUN Literatur. Gesamtübersicht: Pipers Ausgabe; Symons Ausgabe, 2. Aufl.; Fecamp aaO.; Schneider, German. Heldensage I, 371. 377. Ausgaben (verzeichnet bei Piper S. XLVII-LII): v. d. Hagen u. Primisser, Heldenbuch in der Ursprache, 1820. 1825; Ziemann 1835; Ettmüller 1841; Al. J.Vollmer 1845; K. Müllenhoff, Kudrun, die echten Teile des Gedichts, 1845; Ernst Martin, Kudrun hgb. u. erklärt, 1872, dazu Heinzel, Kl. Sehr. 1907, 240 ff., Hildebrand, ZfdPh.4, 356-64; Martin, Kudrun, 2. Aufl. besorgt von Edw. Schröder 1911; Bartsch, Kudrun, 1865, 2. Aufl. 1867, 3. Aufl. 1874; B. Symons, Kudrun, 1883, 2. Aufl. 1914; Piper, Kudrun, Kürschners Dt. Nat.-Litt. o. J. (1895); Sievers, Der Nibelunge Not, Kudrun, 1920. — Könnecke, Bilderatlas. Übertragungen ins Nhd. (s. Piper S. LH ff.; Symons, 2. Aufl., S. CIVf.). San Marte 1839; A. Keller 1840; Fr. Koch, Müllenhoffs echte Teile usw. 1847; W. v. Plönnies 1853; A. Niendorf 1855 u.ö.; Simrock 1859, 17. Aufl. 1906; Bacmeister 1860. 1886; Junghans (Reclam) 1873; G.L.Klee 1878; P.Vogt 1885; E. Engelmann 1885; L. Freytag, Progr. Berlin 1886; F. Lemmermayer 1887; H. Kamp 1890; Bornhack 1891; Löschhorn 1891. 1896; Legerlotz 1896; Martin, Kudrun, die echten Teile des Gedichtes nach K. Müllenhoffs Text übersetzt, 1903; B. Krichenbauer, Die Kudrunübersetzungen I. IL, Progr. Arnau 1900. 1901; Siegmund Benedict, Die Gudrunsage in der neueren deutschen Litteratur, 1902. — Roger de Rocmont, Gudrune, traduit d'Allemand, Paris 1905; M. Armour, Gudrun, done into English, New York 1928. Abhandlungen: W. Grimm, Heldensage S. 325-32; Ders., Einleitung zur Vorlesung über Gudrun, Kl. Sehr. 4, 1887, 530-76; J. Grimm, Allerhand zu Gudrun, ZfdA. 2, 1-5; Uhlands Schriften 1, 75-80.327-32.451 ff. 536-38; Gärtner, Holland, Zingerle, 3 Aufsätze, Germ. 4, 106 ff. 493 ff. 6, 44 ff.; Heinr. Rückert, Über das Epos von Gudrun, Kl. Sehr. 1, 181-211. — Die wichtigsten Werke über die Gudrun sind: Friedr. Panzer, Hilde-Gudrun, eine sagen- und literargeschichtl. Untersuchung, 1901, dazu Wilmanns, GgA. 164, 1902, 167-85, Ehrismann, ZfdPh.37, 515-27, Martin, DLz. 1901, 2327-30, Symons, Lbl. 1902, 321-28, Much, Archiv 108, 395-416, Piquet, Revue crit. NS.54, 1902, 210-12; Herm. Schneider, Germanische Heldensage I, 1928, 361-77. 381-84. — Bartsch, Beiträge z. Geschichte u. Kritik der Kudrun, 1865; Jos. Haupt, Untersuchungen zur deutschen Sage, l.Bd. zur Gudrun, 1866; Martin, Bemerkungen zur Kudrun, 1867; Bartsch u. Schröer, Das Fortleben der Kudrunsage, Germ. 14, 323-36; Wilmanns, Die Entwickelung der Kudrundichtung, 1873; Müllenhoff, Zeugnisse u. Excurse zur deutschen Heldensage, ZfdA. 12, 253-386 pass., bes. S. 315 ff.; Kirpicnicov, Kudrun, ein deutsches Nationalepos, Charkov 1874, dazu Heinzel, Anz. 9, 24144; Kaspar Schnorf, Der mythische Hintergrund im Gudrunlied u. in der Odyssee, Züricher Diss. 1879; Alex. Kolisch, Die Kudrun-Dichtung nach Wilmanns Kritik, Progr. Stettin 1879; C. Mar- tinius, Das Land der Hegelinge wiedergefunden im ostfriesischen Harlingerlande, 1880; Symons, Zur Kudrun, Beitr. 9, 1-100; Martin, Zur Kudrun, ZfdPh. 15, 194-222; Wilh. Müller, Mythologie der deutschen Heldensage, 1886, S. 215 ff.; M. Rödiger, Hildeburg u. Ortrun, ZfdA. 31,282-87; Rich. Müller, Beiträge zur Geschichte der mhd. Litt, in Österreich, 1. Zur Kudrun, ZfdA. 31, 82-95; Müllenhoff, ZfdA. 30, 226 ff.; Wilh. Müller, Mythologie d. dt. Heldensage, 1886, 215-46; Friedr. Neumann, Üb. d. Entwicklung der Kudrundichtung, Progr. Berlin 1888; Ludw. Beer, Zur Hildensage, Beitr. 14, 522-72; A. Fecamp, Le poeme de Gudrun, Paris 1892 (mit Lit.); H. Badstübner, Charaktere aus dem Nibelungenliede u. der Kudrun, Progr. Pilsen 1893; Sauer, Mahabhärata u. Wate, eine indogermanische Studie; Progr. Stuttgart 1893; Wolfg. Meyer, Zur Hildensage, Beitr. 16, 516-32; Schönbach, Das Christentum in der altdeutschen Heldendichtung, 1897, 109-208; W. Cramer, Kriemhild I.Teil, Kriemhiid-Gudrun nach den Quellen zur Heldensage usw., Progr. Colmar 1877; F. Piquet, La legende et le poeme de Gudrun, Rev. universitaire 1903, 268-74. 350-62; H. Keck, Deutsche Heldensagen I, Gudrun- u. Nibelungensage, 2. Aufl. von Bruno Busse, 1903; Panzer, Beiträge zur Kritik u. Er- 10 Deutsche Literaturgeschichte IV 146 Die erzählende Dichtung klärung der Gudrun, ZfdPh.34, 425-53 (die Nibelungenstrophen). 35, 28-46 (Erklärung des Textes); Francis E. Sandbach, The Nibelungenlied and Gudrun in England and America, London 1903; R. C. Boer, Untersuchungen über die Hildesage, ZfdPh.40, 1-66. 184-218. 292-346; Panzer, Deutsche Heldensage im Breisgau, 1904; J. Schatz, Ein Zeugnis zur Hildesage, ZfdA. 50, 341-45; Max Rieger, Zu Müllenhoffs Kritik der Kudrun, ZfdA. 51, 80-101; Heinzel, Kleinere Schriften, 1908, Register S. 452; O. L. Jiriczek, Kudrun u. Dietrich-Epen, Göschen, 4. Aufl. 1908; Th. Frings, Hilde, Beitr. 54, 391-418; Heusler, Hoops Reallex. II, 520 f. III, 113 f. IV, 488-90; Heusler, ZfdA. 52, 105; Schröder, Zur Überlieferung u. Textkritik der Kudrun I-VII, Gott. Nachr. 1917, 21-37. 1918, 506-16. 1919, 38-60. 159-69. 1920, 285-306; Meissner, Gustrate, ZfdA. 60, 129-47; Jellinek, Zur Kudrun, Beitr. 40, 446-67 (Herwigs Werbung, Hartmuts Werbung, Kudruns Lachen, Zur Sprache der Kudrun); Wilhelm, Ein wichtiges Regensburger Zeugnis für die Hildesage im 12. Jh., Beitr. 33, 570-72; Schneider, Wolfdietrich, 1913, S. 21.4; K. Droege, Zur Geschichte der Kudrun, ZfdA. 54, 121-67; Franz Saran, Kudrun, Handbücherei f. d. deutschen Unterricht 1. Reihe Bd. 3, 1922; Fr. v. d. Leyen, Deutsches Sagenbuch 2. Teil, Die deutschen Heldensagen, 2. Aufl. 1923, 232-52; Much, Der germanische Osten in der Heldensage, ZfdA. 57, 145-76; F. Brie, Zur Entstehung der Kudrundichtung, Arch. 142, 173-76; Frings, Zur Geographie der Kudrun, ZfdA. 61, 190 -96; K. E. Freitag, Wülpensand u. Morlant, Neophil. 13, 1927, 256-64; W. Jungandreas, Die örtlichkeit der Gudrunsage, Mitteil. d. Ver. f. Schles. Volksk.28, 19-38; Schneider, Festschr. Ehrismann 1925,118 f.; H. Repp, Das Problem des Tragischen in der Gudrunliteratur, Köln. Diss. 1928; Schneider, German. Heldensage I, 1928, 361-77; Sievers, Die stimmliche Gliederung des Küdrüntextes, Beitr. 54, 391-456; Martha Kübel, Das Fortleben des Kudrun- epos, 1929; Heinr. Schröder, Altnord. Hjdaningar — nhd. Hegelinge, ZfdPh. 54, 181-87; Jellinek, Kudrun, Festgabe Singer 1930, 20-28; Hertha Marquardt, Die Hilde-Gudrunsage in ihrer Beziehung zu den germanischen Brautraubsagen und den mhd. Brautfahrtepen, ZfdA. 70, 1-23; Dilthey, Das nationale Epos (Gudrun, Nibelungenlied) in Dilthey, Von deutscher Dichtung u. Musik, 1933, 145-87. — Siehe LG. II, 2, 222 f. Texterklärungen, Stellen. J. Grimm, Zu Gudrun, Kl. Sehr. 7, 92 ff.; G. L. Klee, Germ. 25, 396-402; Bech, Germ. 32, 116; Sprenger, ebda S. 330-32; O. Erdmann, ZfdPh. 17, 226 f.; O. v. Zingerle, ZfdA. 38, 194-98. 44, 137-46; Schröder, ZfdA. 38, 198-201; E.Joseph u. Edw. Schröder, ZfdA. 44, 232^10; Jellinek, Beitr. 15, 305; Baesecke, Kudrun 101 u. 102 und Heinrich der Löwe, ZfdA. 50, 129-32. — Panzer, Beiträge zur Kritik u. Erklärung der Gudrun 2. Zur Krit. u. Erkl. des Textes, ZfdPh. 35, 28-46 (s. oben). Unser zweites großes Heldengedicht neben den Nibelungen ist die Gudrun (Kudrun, Hilde-Gudrun); Nibelungen und Gudrun überragen an künstlerischer und überhaupt an literarischer Bedeutung alle andere Heldenepik. Sie stehen nebeneinander und ergänzen sich im geistigen Haushalt der Zeit. In den Nibelungen ist der Schauplatz das Inland, Rhein und Donau; in der Gudrun weht Meerluft. Die Nibelungen sind kraftvolle Heroendichtung, von gewaltigen Taten wird mit furchtbarem Ernst berichtet, übermenschliche Kräfte sind am Werk, wild dämonenhaft; das Ende ist Untergang. Das Gudrungedicht ist viel ruhiger, milder, bei allem Ernst doch heiterer; das Ende ist Versöhnung. Die beiden weiblichen Hauptgestalten verkörpern diesen Gegensatz: Kriemhild nach des Gatten Tode die vdlandinne, eine grandiose Vernichterin, die alles Menschliche abgetan hat; Gudrun, nicht von so schweren Schicksalsschlägen getroffen, geduldig ausharrend im Leiden, doch ihren Stolz als Fürstentochter bewahrend. Die bewegende sittliche Kraft ist in beiden Gedichten die Treue, in den Nibelungen die Gattentreue, in der Gudrun 147 Gudrun die Treue der Braut, die die ärgsten Demütigungen erträgt und dem Geliebten treu bleibt. Kommt man vom Nibelungenlied zur Gudrun, so ist es wie aus glühend verzehrendem Sonnenbrand in den beruhigenden Mondenschein. Das Gedicht ist verfaßt um 1210-20, nach dem Nibelungenlied, das die Voraussetzung der Gudrun bildet, nach der Klage und nach Wolframs Par- zival; doch scheint schon ein älteres Gedicht, im 12. Jahrhundert, bestanden zu haben, aus dem das Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht schöpfte. Die Heimat des Gedichtes ist, wie die des Nibelungenliedes, der Klage, des Biterolf, das bayrisch-österreichische Sprachgebiet, wohl dessen österreichischer Teil. Der Verfasser war ein österreichischer Fahrender. Das Gedicht ist in einer einzigen, zudem sehr jungen Handschrift überliefert: in der Ambraser Hs. in Wien (Ambraser Heldenbuch), die auf Befehl Kaiser Maximilians von dem Zolleinnehmer am Eisack in Bozen Hans Ried 1502-15 nach einer Vorlage vom Anfang des 13. Jahrhunderts, dem Heldenbuch an der Etsch, einer Sammelhandschrift, geschrieben wurde. 1 Inhalt: 32 Aventiuren, 1705 Strophen. Die Erzählung zerfällt in drei Teile: I. Hagen, Av. 1-4. Av. 1 Str. 1-66. Sigebant, König von Irland, vermählt sich mit Uote, der Tochter eines norwegischen Fürsten, ihr Sohn ist Hagen, der siebenjährig von einem Greifen entführt und in dessen Nest gebracht wird. Av. 2 Str. 67-113. Eines der Greifenjungen fliegt mit dem Knaben auf einen Baum, läßt ihn aber fallen. In einer Höhle findet der Knabe drei früher ebenfalls von dem Greifen geraubte Jungfrauen. Der Greif kommt wieder herangeflogen, aber Hagen tötet ihn und seine Jungen. Er zieht mit den drei Jungfrauen ans Meer; sie werden von einem Pilgerschiff aufgenommen. Av. 3 Str. 114-150. Der Herr des Schiffes, der Graf üz Garadie, der mit Hagens Vater verfeindet ist, will Hagen als Geisel behalten, aber dieser wirft dreißig seiner Leute ins Meer. Er zwingt die Schiffsleute, nach Irland zu fahren und sendet Boten voraus, seinen Eltern seine Ankunft zu melden. Av. 4 Str. 151-203. Hagen vermählt sich mit einer der drei Jungfrauen, Hilde von Indien, und übernimmt die Herrschaft. Hilde gebiert eine Tochter, die ebenfalls Hilde genannt wird. Als sie erwachsen ist, werben viele Fürsten um sie, aber Hagen läßt die Boten aufhängen. Teil II: Hilde, Av. 5-8. Av. 5, Str. 204-371. König Hetel von Hegelingen, der von Hildens Schönheit vernommen, sendet drei seiner Helden, um um sie zu werben, Horant, Fruote von Dänemark und Wate von Sturmland. Sie geben sich für Kaufleute aus, die von Hetel vertrieben seien; Wate zeigt seine Fechtkunst. J Av. 6 Str. 372-439 „wie suoze Horant sanc". Eines Abends singt Horand so schön, daß alle darüber entzückt sind. Die junge Königin läßt ihn heimlich kommen, wobei er Hetels Werbung ausrichtet. Die vermeintlichen Kaufleute bitten Hagen, mit der Königin und seiner Tochter die Waren auf ihren Schiffen zu besehen. Av. 7 Str. 440-486. Während der König ein Lastschiff betrachtet, segelt das Hauptschiff mit der jungen Hilde ab. Sie landen auf Waleis in Hetels Gebiet und werden festlich empfangen. Av. 8 Str. 487-562. Hagen verfolgt sie zu Schiffe, landet in Waleis und kämpft mit Hetel. Er gerät durch Wate in große Bedrängnis, Hetel befreit ihn auf Hildes Bitte und Wate stillt die Wunde Hagens. Versöhnung Hagens mit Hetel; Hetels Hochzeit mit Hilde. Teil III: Gudrun, Av. 9-32. Av. 9 Str. 563-586. Hilde gebiert einen Sohn Ortwin und eine Tochter Gudrun. Der König Siegfried von Morland wirbt vergeblich um diese. 1 Piper, Ausg. S. XLVI f.; Symons, Ausg. 2 denbuch: Schneider, Merker-Stammler, Real- S. LXXIII, beide mit Lit. — Ambraser Hei- lex. 1, 478 f. 148 Die erzählende Dichtung Av. 10 Str. 587-616. Hartmut von Ormanie (Normandie) wirbt durch Boten vergebens um Gudrun. Av. 11 Str. 617-629. Auch Herwig von Seeland wird abgewiesen. Nach einigen Jahren kommt Hartmut unerkannt an den Hof Hetels, Gudrun, der er sich zu erkennen gibt, ist ihm wohlgesinnt, rät ihm aber zu fliehen, da ihm von ihrem Vater Gefahr drohe. Av. 12 Str. 630-667. Herwig fällt in Hetels Land ein; Kampf; Gudrun führt einen Waffenstillstand herbei. Gudrun und Herwig werden verlobt, aber Gudrun soll noch ein Jahr zu Hause bleiben. Av. 13 Str. 668-724. Siegfried von Morland fällt in Herwigs Land ein, Hetel kommt diesem zu Hilfe; Siegfried zieht sich in eine Burg zurück. Av. 14 Str. 725-752. Hartmut rüstet gegen Hetel, er und sein Vater Ludwig fahren nach Hegelingen. Av. 15 Str. 753-809. Hartmut erneuert durch Boten seine Werbung um Gudrun, wird aber abgewiesen, da diese mit Herwig verlobt sei. Kampf; Hetels Burg wird erobert, Gudrun entführt. Av. 16 Str. 810-846. Heteln, der währenddem in Morland kämpft, wird die Nachricht überbracht; er schließt Frieden mit den Moren und fährt den Normannen nach. Av. 17 Str. 847-879. Kampf auf dem Wülpensand; auf dieser Insel treffen die Hegelinge Ludwig und Hartmut. Die Schlacht währt vom Morgen bis zum Einbruch der Nacht. Av. 18 Str. 880-918. Ludwig erschlägt Hetel, in der Nacht entrinnen die Normannen heimlich mit den gefangenen Frauen. Die Hegelinge begraben die Toten und gründen ein Kloster zum Andenken der Gefallenen. Av. 19 Str. 919-950. Die Hegelinge fahren nach Hause, Wate überbringt die Trauerbotschaft. Tiefes Leid und Klage der Königin Hilde. Av. 20 Str. 951-1040. Ludwig und Hartmut nähern sich ihrer Heimat Normandie; Gudrun äußert, sie wolle lieber tot sein als Hartmut ehelichen, da ergreift Ludwig sie bei den Haaren und schleudert sie ins Meer; Hartmut zieht sie wieder heraus. Als sie ans Land kommen, werden sie von der alten Königin Gerlinde und von ihrer Tochter Ortrun empfangen. Den Kuß der Alten verweigert Gudrun, gegen Ortrun aber zeigt sie sich freundlich. Gerlinde zwingt Gudrun drei und ein halbes Jahr lang zu niedrigen Diensten. Sie läßt sich nicht dazu bringen, Hartmuts Werbung zu erhören, trotz dessen rücksichtsvoller Haltung. Av. 21 Str. 1041-1070. Gudrun muß täglich am Strand die Kleider waschen; ihr hilft Hildeburg, eine der drei von den Greifen entführten Jungfrauen. Av. 22 Str. 1071-1141. Dreizehn Jahre nach der Entführung rüstet Hilde einen Heereszug gegen die Normannen, an dem Herwig, Wate, Fruote, Horand und der junge Ortwin teilnehmen, und kommen auf Umwegen nach Ormanie. Av. 23 Str. 1142-1164. Ortwin und Herwig gehen trotz Abraten Wates als Kundschafter in das Land. Av. 24 Str. 1165-1206. Ein von Gott gesandter weissagender Vogel verkündet den am Strande waschenden Gudrun und Hildeburg die Ankunft der Befreier. Die beiden mußten trotz des gefallenen Schnees auf Befehl der bösen Gerlind barfuß waschen. Av. 25 Str. 1207-1334. Herwig und Ortwin nahen in einer Barke, erkundigen sich bei den Wäscherinnen nach den Landesherren und den Gefangenen. Gudrun erkennt sie und sagt, um Herwigs Treue zu prüfen, Gudrun sei gestorben. Dann geben sich die Verlobten einander zu erkennen und Herwig will Gudrun sogleich mitnehmen. In ihrer Freude schleudert sie die Wäsche ins Meer. Als ihr von Gerlind Züchtigung' droht, geht sie zum Schein auf die Verbindung mit Hartmut ein. Av. 26 Str. 1335-1365. Auf Wates Rat ziehen die Hegelinge in der Nacht vor Ludwigs Burg. Der Wächter verkündet die Nähe der Feinde. Av. 27 Str. 1366-1440. Kampf von Hartmut und Ludwig gegen die Hegelinge. Av.28 Str. 1441-1493. Der Kampf geht weiter, Herwig erschlägt Ludwig. Gerlind will Gudrun töten lassen, Hartmut aber jagt den beauftragten Mörder weg. Wate bedrängt den Hartmut Gudrun 149 heftig und Ortrun fleht Gudrun an, den Kampf zwischen Wate und Hartmut zu beenden; Herwig unternimmt es auf Bitten Gudruns hin, die beiden zu trennen, wird aber, von dem tobenden Wate niedergeschlagen, von seinen Mannen wieder gerettet; Hartmut wird gefangen genommen. Av. 29 Str. 1494-1560. Wate wütet in der eroberten Burg, Gerlind wird getötet; die Hegelinge verheeren das ganze Land und mit den befreiten Frauen kehren sie nach Hegelingen zurück. Hartmut und Ortrun werden mit anderen Gefangenen auf das Schiff gebracht. Av. 30 Str. 1561-1666. Zu Frau Hilde werden Boten vorausgesendet mit der frohen Kunde; Hildes Glück über die Wiederkehr ihrer Tochter. Sie nimmt auch Ortrun freundlich auf. Hartmut wird von den Fesseln befreit und Hildeburg ihm als Braut empfohlen, Ortrun dem Ort- win; Siegfried der König von Morland wird mit Herwigs Schwester verlobt. Av. 31 Str. 1667-95. Glänzendes Fest, vierfache Hochzeit. Hartmut und Hildeburg kehren nach Ormanie zurück. Av. 32 Str. 1696-1705. Der König von Morland und Ortwin kehren mit ihren Frauen heim Gudrun nimmt Abschied von ihrer Mutter und zieht mit Herwig in sein Land. Zusammenfassende Übersicht und Motive. Die drei Teile des Gudrunlieds 1 sind genealogisch miteinander verbunden und auf alten Erzählungsmotiven begründet. I. Erste Generation Hagen (Av. 1^1): Hagens Eltern (von Ormanie), seine Entführung durch Greifen, seine Vermählung mit Hilde von Indien, Geburt der jungen Hilde. Motiv: Greifensage. Die Hagengeschichte ist freie Zutat des Dichters und gehört nicht zu der ursprünglichen Hilde-Gudrun-Sage. — II. Zweite Generation Hilde (Av.5-8): Entführung der Hilde durch Hetels Helden Wate, Fruote und Horand; Horands Werbung für Hetel; Kampf zwischen Hagen und den Hegelingen; Versöhnung, Hetels Hochzeit mit Hilde. Das Motiv der Hildesage ist die Brautraubsage, ein Thema der Spielmannsdichtung, der alte Sagenstoff der Hilde-Gudrun- Sage. — III. Dritte Generation Gudrun, die Tochter von Hetel und Hilde, wird mit Herwig von Seeland verlobt; Abweisung Hartmuts; Entführung Gudruns durch Hartmut; Kampf auf dem Wülpensand — dieser ist an der Scheidemündung gedacht — zwischen Hartmut und Hetel 2 (Normannen und Hegelingen); 3 Hetel fällt; Gudruns Gefangenschaft bei den Normannen, ihre Befreiung und Heimkehr. Motive der Gudrunsage sind die Brautraubsage und die Nebenbuhlersage (Herwigsage). Die Gudrunsage ist also eine Erweiterung der Hildesage durch die Nebenbuhlersage. In der Disposition des ganzen Gedichtes bilden die Hagengeschichte und die Hildedichtung eigentlich die Vorgeschichte zum III. Teil, der Gudrun; dieser dritte Teil ist das Ziel der ganzen Erzählung. — Der Name Gudrun ist niederdeutsch; ursprüngl. *Gunprün > Güprün, hd. Küdrün; ursprüngl. hd. wäre *Gundrün. Ursprung der drei Sagenkreise. I.Hagen. Die Greifensage ist orientalischen Ursprungs, angelehnt an das Gedicht vom Herzog Ernst und den 1 Die drei Sagenkreise: Piper S. IV ff.; Sy- (wülpe: ein Strandvogel). mons, Ausg. 2 S. IX ff.; die Sagenzüge und Ur- 3 Hegelinge sind ursprüngl. das Volk u. Ge- sprung derselben: Panzer, Hilde-Gudrun schlecht Hagens, = Haganinga, durch Dissi- S. 250-448. milation von n zu l: Hegelinge, Schröder, 2 Symons, Ausg. 2 S. XLIII. — Schröder, ZfdA. 65, 254-56. 66, 14 (schon Much, ZfdA. Wülpenwert u. Wülpensand, ZfdA. 43, 303 f. 57, 156 Anm.). 150 Die erzählende Dichtung Roman Apollonius von Tyrus. — II. Die Hildesage ist in verschiedenen Fassungen überliefert. Außer in der deutschen Gudrun in der altnordischen prosaischen Edda des Snorre Sturluson. 1 Hagen nord. Hogni, Hilde = Hildr, Hetel = Hedin. Der Schluß ist mythologisch. Auf einer Insel findet zwischen dem Vater und dem Räuber der Tochter ein Kampf statt, der den ganzen Tag über währt; in der Nacht erweckt Hildr die Toten auf der Walstatt, am andern Tag beginnt der Kampf wieder, und so geht es fort bis zur Götterdämmerung. Hildr ist eine Walküre, eine Schlachtjungfrau; der Kampf, die Geisterschlacht, heißt der Hjaäninge-vig, der Hegelinge-Kampf. — Nordische Quellen für die Sage sind auch Ragnardräpa, Lobgedicht auf König Ragnar LoSbrök; und Sorla pättr, eine Sage des 14. Jahrhunderts. Auch Saxo Grammaticus 2 in seiner dänischen Geschichte erzählt um 1200 von dem Kampf des Haginus und Hithinus um Hilda auf der Insel Hithinse, das ist Hiddensee (= Hedins 6, Hedins Aue, Hedins Eiland). Wanderung der Hilde-Sage: Sie ist entstanden in den östlichen Küstenländern Nordalbingiens, bei den Rugiern (Rügen), wanderte von dem heutigen Schleswig-Holstein mit den Angeln nach England (ags. Vidsicf, Deors Klage, s. unten) und kam durch dänische Wikinger zu den Niederfranken (Wülpenwerd, Scheidemündung). Die „Geisterschlacht" findet nach der dänischen Sage auf Hiddensee (der heutigen Insel Hiddensöe, unmittelbar westlich neben Rügen), nach der niederländischen Sage auf dem Wülpen- sande oder Wülpenwerde statt. — Hetels Reich umfaßte nach Str. 208 Diet- mers (Dietmarschen), Friesen (Friesland), Wäleis (von dem Flußnamen Waal in Holland abzuleiten), Dänemark, Niflant (Nebelland?) oder Niflant (Liv- land) — eine phantastische Geographie. — Die Gudrunsage ist Abkömmling und Weiterbildung der alten Hildesage. Personen und Charaktere. Die Personen des Gedichtes: l.Die Irlän- der: Hagen. 2. Die Hegelinge: Hetel, Hilde, Gudrun, Ortwin, Wate, Fruote, Horand. 3. Von Seeland: Herwig. 4. Die Normannen: Ludwig, Gerlind, ihr Sohn Hartmut. Auf die Ausprägung der Charaktere ist große Sorgfalt verwendet. Sie stellen sich im einzelnen folgendermaßen dar: Hagen führt Beiwörter wie der wilde, der küene und wird välant aller künege genannt, was auf seine Wildheit hindeutet. Doch der Dichter hat eine dem Guten zugeneigte Denkweise, und so schildert er den wilden Hagen als guten Familienvater. — Hetel ist als reicher, mächtiger und tüchtiger König gezeichnet. — Hetels Mannen: Fruote ist seinem Namen entsprechend ein kluger Ratgeber. Er gehört der dänischen Sage an, war König von Dänemark, im Gedicht ist er aber Vasall Hetels. In der mhd. Literatur ist er ein Typus der Freigebigkeit (2 Strophen beim Spervogel-Anonymus, MF. 25, 19 f.) — Horand bildet ein Gegen- 1 Altnordisch: Piper S. VI ff. LXVI ff. 2 Piper S. XI-XIV. LXVIII ff.; Symons 2 CXXXIV;Symons 2 S.XI-XXXIV.XXXVIII S. XXIII-XXVII u. ö.; v. d. Leyen, Deut- -XL; Schneider, German. Heldensage I sches Sagenbuch II. Teil, 2. Aufl., 1923, 320 f. 265 ff. Gudrun 151 stück zu dem durch Verstand sich auszeichnenden Fruote, er ist der künstlerische sanges meister. — Wieder eine andere Charakterfigur ist der alte Wate, der Typus des Kriegers; sein Element ist der Kampf, seine Kampflust geht bis zur Tobsucht, er ist ein Berserker. Sein Land ist Sturmland, Stürmen, das Land der Sturmi an der unteren Weser, Nachbar der Friesen. — Hartmut ist eine edle großmütige Natur. — Herwigs Persönlichkeit ist nicht ausgeprägt. — Gudrun ist eine Frauengestalt von hoher, sittlicher Größe. Bei ihrer Bedeutung im Plan der Handlung kommt die Entfaltung ihres Charakters in den verschiedenartigsten Lebenslagen zur Geltung; am hoheitsvollsten erweist sie sich im Unglück, sie ist eine Heldennatur und trotz ihrer Magddienste eine stolze germanische Fürstentochter, ein Bild der Hoheit in der Erniedrigung. — Hilde wird ganz allgemein „die schöne" genannt und wegen dieser Eigenschaft in ihrer Jugend viel umworben. Gudrun und andere Dichtungen. Die Gudrun setzt das Nibelungenlied voraus 1 (s. oben), sie ist von diesem beeinflußt und weist zahlreiche einzelne Parallelen zu ihm auf; aber auch ganze Szenen haben die Technik des Nibelungenliedes zum Vorbild wie Kämpfe, Feste, Vorgänge des höfischen Lebens; die „tiufelinne" Gerlind ist Nachbildung der „vdlandinne" Kriem- hild, u.a. (Metrik s. unten). Auch an die Klage nähert sich eine Szene an. 2 Mit Wolfram hat der Dichter schon durch seine Wesensart Berührungen; 3 bezüglich der Beziehung zu Gotfrid s. Schneider, Tristan u. Kudrun, ZfdA. 64, 298-300. 4 Im frühmhd. Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht 5 (s. LG. II, 1, 235-55) V. 1830ff. wird ein Kampf aus der Gudrun geschildert: Von einen volcwige höre wir sagen, der äf Wulpinwerde geseach, dar Hilden vater tot lach inzwischen Hagenen unde Waten ff. — Ähnlich auch in den angelsächsischen Gedichten Vidsid, Weitfahrer (um 700), und Deors Klage sowie in einem englischen Volkslied. 6 Altertümer in der Gudrun. Natürlich ist die Gudrundichtung auch eine Fundgrube für die Kenntnis von Sitten und Gebräuchen, des häuslichen Lebens usw., das zeigt die reichliche, zu diesem Gesichtspunkt erschienene Literatur: 0. Härtung, Die deutschen Altertümer des Nibelungenliedes und der Kudrun, 1894; K.Richter, Einige Züge altgermanischen und mittelalterlichen Lebens, dargestellt nach der Küdrun- dichtung, Progr. Prag-Altstadt 1899; M. Schwarze, Die Frau im Nibelungenlied und in der Kudrun, ZfdPh. 16, 385-470; Elsbet Kaiser, Frauendienst im mhd. Volksepos, Germ. Abh. 54, 1921, 29-59; Otto Zallinger, Die Eheschließung im Nibelungenlied u. in der Gudrun, 1 E. Kettner, Der Einfluß des Nibelungen- Biterolf: Symons 2 S. XLIVf.; Johanna liedes auf die Gudrun, ZfdPh. 23, 145-217; Maria Keyman, Kudrun en Biterolf, Diss. Panzer, Hilde-Gudrun S. 140 ff.; Symons 2 Groningen 1915. S.XCIf. B Piper S.CXXXIII; Symons 2 S. XLI f. 2 Symons aaO.; Panzer S. 144 ff. XLVI. — Beziehungen zu andern deutschen 3 Symons aaO.; Panzer S. 149 ff. Gedichten: Piper S. CXXX ff. 4 Wigaleis in der Kudrun: W. Jungandreas, 6 Piper S. XXVIII f. CXXVIII ff.; Schnei- ZfdA. 54, 23; König Rother: Panzer, Hilde- der, German. Heldensage 1, 367 ff. Gudrun S. 151 f.; Übereinstimmungen mit 152 Die erzählende Dichtung Wien. SB. 199, 1923; Zallinger, Heirat ohne „Trauung" im Nibelungenlied u. in der Gudrun, Festschr. Redlich 1928. — Max Herrmann, Forschungen zur deutschen Theatergeschichte S. 194 f. (Gesten); Alb. Ilg, Beiträge zur Geschichte der Kunst u. der Kunsttechnik, 1896,81-90. Sprache, Stil, Metrik. Piper S. LVII-LIX; Symons 2 S. LXXVI ff. XCVII-CI. CVII. Sprache. Bartsch, Beiträge z. Gesch. u. Kritik der Kudrun, Germ. 10, 41-91. 148-223; A. Neumann, Die Stellung des Attributs ohne Flexion in der Kudrun, 1886; Hans Kny, Der Gebrauch der Negation im Kudrunliede, Progr. Bielitz 1880; A. Ebner, Die Verba auxiliaria kunnen und soln in der Gudrun, Progr. Melk 1880; Emil Wangrin, Die Syntax der Kausalsätze in der Kudrun, 1887; H. Kuhlmann, Die Konzessivsätze im Nibelungenliede u. in der Kudrun, Kiel. Diss. 1891; O. Toifel, Einige ungewöhnliche Satzstellungen in der Kudrun, Progr. Salzburg 1897; Zwierzina, Anz.26 Reg. S.351. Anz.27 Reg. S. 345 f.; P. Ebeling, Der syntaktische Gebrauch der Partizipien in der Kudrun, Progr. Halle 1902; BEHAGHEL,Zur Kudrun, Beitr. 39, 134; Harald H. Bender, 'Aizb xotvoö in Gudrun, Journ. of Engl, and Germ. Phil. 11, 1912, 565-73; Jellinek, Zur Sprache der Kudrun, Beitr. 40, 462-67; Schröder, Zur Kudrun, Gott. Nachr. 1917, 21-37. 1918, 506. 1919, 38. 158 (Grammat. Formen im Reim u. im Versinnern); Gottlieb Stolz, Epitheta ornantia im Kudrunlied, im Biterolf u. im Nibelungenlied, Tübing. Diss. 1930. Stil. Im epischen Ausdruck ist ebenfalls das Nibelungenlied Vorbild für die Gudrundichtung. Im allgemeinen muß das Urteil über ihren Stil folgendermaßen lauten: Es besteht ein Mangel an Anschaulichkeit, es finden sich Widersprüche und Wiederholungen; Variationen werden gern als stilistisches Mittel angewendet. Der Dichter hat weniger Gewicht auf die sprachliche Form gelegt als auf den inneren Gehalt, und meisterhaft zeichnet er die Charaktere (Panzer, Hilde-Gudrun S.30-140). 1 Metrik. Die Gudrunstrophe hat sich aus der Nibelungenstrophe entwickelt, die Zeilen 3. 4 haben weiblichen Reim und die letzte Halbzeile hat eine Hebung mehr, also 5 Hebungen; die Zäsuren sind nicht gereimt, nur 401 Strophen haben Zäsurreime, 101 Strophen sind Nibelungenstrophen; Zäsurreime und Nibelungenstrophen sind das Werk von Bearbeitern. Müllenhoff hat in seiner Ausgabe 1845 (s. oben) als „echte Teile des Gedichtes" nur 415 Strophen in zwei Liedern angenommen; dieses Epos Hilde-Gudrun ist aus Liedern entstanden (Übertragung von Lachmanns Liedertheorie des Nibelungenliedes auf Hilde-Gudrun). 2 Der Dichter hat im Sinne der höfisch-ritterlichen Kunstübung eines der ' hervorragendsten Werke der mittelhochdeutschen Zeit geschaffen, in welcher das Ritterideal mit den hohen Werten der Tapferkeit und der Minne obenan stand. 1 Literatur zum Stil. Panzer, Hilde-Gudrun ZfDtschkde 1926, 22-34. S. 30 ff.; Schneider, German. Heldensage I, 2 Literatur zur Metrik. Symons 2 S. LXXVI ff. 371 ff. — Julius Schmedes, Untersuchungen — Symons, Zur Kudrun, Beitr. 9, 1-100; über den Stil der Epen Rother, Nibelungenl. Strobl, Über die Entstehung der Kudrun- u. Gudrun, Kiel. Diss. 1893; P. Steinhäuser, Strophe, ZföG. 27, 881-86; O. Brenner, Zum Die künstlerische Darstellung des Kampfes in Rhythmus der Nibelungen- u. Gudrunstroden echten u. unechten Teilen der Kudrun, phen, Beitr. 19, 466-71; Panzer, Hilde-Gud- Progr. Berlin 1899; H. Groth, Vergleich, Me- run S. 16 ff.; Panzer, Beiträge zur Kritik u. tapher, Allegorie und Ironie im Nibelungen- Erklärung der Gudrun I. Die Nibelungenstro- lied u. in der Kudrun, Progr. Charlottenburg phen, ZfdPh. 34,425-53; Schröder, Zur Über- 1879; W. Jungandreas, Die Doppelformen lieferung und Textkritik der Kudrun, Gott, in der Kudrun, ZfdPh. 53, 129-38; Naumann, Nachr., s. oben. Die kleineren Heldenepen 153 d) DIE KLEINEREN HELDENEPEN Literatur (außer Nibelungen u. Klage, Gudrun). Sammelhandschriften s. Goedeke, Grundr. I 2 , 174-76. Heldenbuch. Das Heldenbuch Kaspers von der Rhön. Dieser, geb. zu Münnerstadt in Ostfranken, war wohl nur der Zusammensteller und Schreiber (oder waren zwei Schreiber beteiligt?) der Hs., 1472. Die Hs. befindet sich jetzt in Dresden und wird daher das „Dresdener Heldenbuch" genannt. Abgedruckt in v. d. Hagen, Deutsche Gedichte d. MA.s II, 1811 (in einer modernisierten Überarbeitung), dazu W. Grimm, Kl. Sehr. 2, 41-51; v. d. Hagen u. Primisser, Der Helden Buch in der Ursprache, 2 Teile, 1820. 1825; Abhandl. zu Kaspar v. d. R.: Goedeke, Grundr. I 2 , 338; Ders., Deutsche Dichtung im MA. 2 , 1871, 530^7 (darin Abschnitte aus vielen einzelnen Heldenepen); Zarncke, Germ. 1, 53-63; Goedeke, ebda S. 239-41. — Das Ambraser Heldenbuch s. oben. Weitere Gesamtausgaben von Heldenepen, v. d. Hagen, Der Helden Buch, 2 Bde, 1. Bd. 1811, besprochen von W. Grimm, Kl. Sehr. 2, 41-51; u. s. Helmuth Assmann, Friedr. Heinr. v. d. Hagen u. seine Forschungen zu den deutschen Heldensagen, Rostocker Diss. 1922, Auszug u. SA. davon. — v. d. Hagen, Heldenbuch, Altdeutsche Heldenlieder aus dem Sagenkreise Dietrichs von Bern u. der Nibelungen, 2 Bde, 1855. — Ad. v. Keller, Das deutsche Heldenbuch nach d. mutmaßlich ältesten Drucke neu hgb., Lit. Ver. Nr. 87, 1867 (sog. Straßburger Heldenb., Druck Straßb. um 1477). — Deutsches Heldenbuch, 5 Teile, 1866-71, auch Berliner Heldenbuch genannt (I. Teil: Biterolf u. Dietleib, hgb. von Osk. Jänicke, Laurin u. Walberan [von Müllenhoff], dazu Heinzel, Kl. Sehr. S. 188-98; II. Alpharts Tod, Dietrichs Flucht, Rabenschlacht hgb. von Martin, dazu Heinzel aaO.; III. Ortnit u. die Wolfdietriche, hgb. von Arth. Amelung u. Osk. Jänicke; IV. Fortsetung zu III; V. Dietrichs Abenteuer von Albrecht von Kemenaten nebst den Bruchstücken von Dietrich u. Wenezlan, hgb. von Jul. Zupitza, dazu Heinzel aaO. S. 217-25, Steinmeyer, ZfdPh. 3, 237^14. — Emil Henrici, Das deutsche Heldenbuch, Auswahl mit verbindender Erzählung, Kürschners Dt. Nat.-Litt. Bd. 7, o. J. [1886] (aus 16 Heldenepen). — Heldenlieder übersetzt: Simrock, Das kleine Heldenbuch, 1844 (Walther u. Hildegunde, Alphart, Der hörnerne Siegfried, Der Rosengarten, Das Hildebrandslied, Ortnit); Dasselbe 1859, vermehrt um Hugdietrich u. Wolfdietrich. — H. Naumann, Frühgermanentum, Heldenlieder u. Sprüche, übersetzt u. eingeleitet, 1926 (Besprechungen dazu s. LG. I 2 , 15 § 7. — Otto Bremer, German. Heldenlieder, Deutschkundl. Bücherei 1925 (9 Lieder übertragen in Auszügen, meist nordische u. englische). — Eine Anzahl deutsche Heldenlieder, je einzeln nhd. übertragen, in Reclams Univers.-Bibl. Forschungen, Darstellungen und Abhandlungen über die Heldensage (außer Nibelungen, Klage, Gudrun). Wilhelm Grimm, Die deutsche Heldensage, 1. Aufl. 1829, 2. Aufl. von Müllenhoff 1867, 3. Aufl. von Reinhold Steig 1889; Uhlands Schriften zur Geschichte der Dichtung u. Sage Bd. 1, 1865, bes. S. 405 ff., Bd. 7, Sagengesch. der german. u. roman. Völker, Bd. 8, Schwäbische Sagenkunde; Schneider, Uhland u. die deutsche Heldensage, SB. d. Preuß. Ak. 1917 u. SA.; Franz Mone, Untersuchungen zur Gesch. der teutschen Heldensage, 1836; A. Rassmann, Die deutsche Heldensage u. ihre Heimat, 1857. 1858, 2. Ausg. 1863; Müllenhoff, Zeugnisse u. Excurse zur deutschen Heldensage, ZfdA. 12, 253-386 u. 15, 541; Osk. Jänicke, Zeugnisse u. Excurse z. dt. Heldensage (Zweite Nachlese), ZfdA. 15, 310-32; R. v. Muth, Untersuchungen und Excurse zur Geschichte und Kritik der dt. Heldensage u. Volksepik, Wien. SB. 91, 1878, 223 ff. u. sep., dazu Oswald Zingerle, Anz. 7, 410-16; Wilh. Müller, Mythologie der deutschen Heldensage, 1886; Ders., Zur Mythologie der griechischen und deutschen Heldensage, 1889; Georg Fraenkel, Niedere Mythologie im mhd. Volksepos, Bresl. Diss. 1903; Voretzsch, Das Merovingerepos u. die fränkische Heldensage, Festgabe Sievers 1896; Leo Jordan, Studien zur fränk. Sagengesch., Archiv 115, 354 ff. 116, 50 ff. 117, 304ff.; Friedr. v. d. Leyen, Deutsches Sagenbuch I.Teil: Die Götter u. Göttersagen der Germanen, neue Bearbeitung 1920, II. Teil: Die deutschen Heldensagen, 2. Aufl. 1923, III. Teil: Die deutschen Sagen des Mittelalters von Karl Wehrhan, 2 Hälften, 1919. 1920, IV. Teil: Die 154 Die erzählende Dichtung deutschen Volkssagen von Friedr. Ranke, 1910; Volkstum u. Dichtung von Fr. v. d.Leyen, 1933, 47-61; Heusler, Geschichtliches u. Mythisches in d. germ. Heldensagen, SB. d. Preuß. Ak. 37, 1909, 920^5; Herm. Schneider, Germanische Heldensage I, 1928 (Grundriß der Germ. Phil, begründet von H.Paul), dazu Heusler, Anz.48, 160-70, Golther, Lbl. 1929, 420-22, Suolahti, Neuphil. Mitteil. 99-101, Piquet, Rev. germ. 20, 1929, 156 f.; Schneider, Deutsche Heldensage, Sammlung Göschen 32, 1930, dazu Piquet, Rev. germ. 21, 1930, 292; Schneider, Studien zur Heldensage, ZfdA. 54, 339-69 (Sigmundsage, Ermanarichsage, Eckesage, Dietrichsage); Schneider, Das mhd. Heldenepos, ZfdA. 58, 97-139; Schneider, Deutsche u. franz. Heldenepik, ZfdPh. 51, 200-43; O. L. Jiriczek, Deutsche Heldensagen, 1898, dazu Kauff- mann, ZfdPh.32, 371-75; Jiriczek, Die deutsche Heldensage, Samml. Göschen Nr. 32, 1894, 2. Aufl. 1897, 3. Aufl. 1908, 4. Aufl. 1916. — E.A.W. Günther, Die dt. Heldensage d. MA.s nebst der Sage vom heil. Gral, 3. Aufl. 1884, dazu Martin, Anz. 10, 415 f.; Günther, Kurzer Leitfaden der dt. Heldensage d. MA.s nebst e. Überblick der Götterlehre der alten Deutschen, 3. Aufl. 1886; Golther, Dt. Heldensage, Deutsche Schulausgaben von Schiller u. Valentin, 1894; Eugen Mogk, Die germ. Heldendichtung mit besonderer Rücksicht auf die Sage von Siegfried u. Brunhild, N.Jahrbücher 1, 1897, 68-80; Ders., Deutsche Heldensage, Deutsch- kundl. Bücherei, 1917; M. Gorges, Dt. Heldensage, 1902, dazu Golther, Lbl. 1904, 53. — Felix Dahn u. Therese Dahn, Walhall, german. Götter- u. Heldensagen, für Alt u. Jung am deutschen Herd erzählt, 4. Aufl. 1884; Gotthold Klee, Die deutschen Heldensagen für Jung u. Alt wiedererzählt, 1883; Ders., Die dt. Heldensage (Samml. dt. Schulausgaben Nr. 75), 1897; "H. Keck, Deutsche Heldensagen, 2., vollst, umgearbeitete Aufl. von Bruno Busse, l.Bd.: Gudr. u. Nib. 1903, 2.Bd.: Dietr.v. Bern 1904; Panzer, Das altdeutsche Volksepos, ein Vortrag, 1903, dazu Seemüller, Anz. 34, 129 f., Behaghel, Lbl. 1905, 58, Ehrismann, ZfdPh. 38, 395; Panzer, Märchen, Sage u. Dichtung, 1905, dazu Reuschel, ZfdPh. 41, 541^4, Petsch, Arch. 118, 414-22; Panzer, Lied u. Epos in germ. Sagendichtung, 1908; Neckel, GRM. 5, 1913, 512 ff.; J. W. Bruinier, Die german. Heldensage, Aus Natur u. Geisteswelt 1915; Mogk, Deutsche Heldensage, Deutschkundl. Bücherei 1917, 2. Aufl. 1926; Heusler, Die altgerman. Dichtung, in Walzels Handbuch der Literat.-Wissenschaft, 1924; R. Weitbrecht, Deutsche Heldensagen (Kleine Ausg.), 1927; Leitzmann, Kleinigkeiten zum dt. Heldenbuch, Beitr. 50, 393-413; A. Wallner, Zeugnisse zur Heldensage, ZfdA. 65, 224; Dietrich Kralik, Deutsche Heldendichtung, in: Das MA. in Einzeldarstellungen S. 168-93, 1930; Dilthey, Das nationale Epos in: Dilthey, Von dt. Dichtung u. Musik, 1933, 145-87. — Goedeke, Grundr. I 2 , 1884, 170-99; B. Symons, Heldensage, in den verschiedenen Ausgaben von Pauls Grundriß 3 2 , 606 -734); Heusler, Heldensage, unter Heldensage und einzelnen Kennworten von Hoops' Real- lex. I-IV, 1911-19; Roediger in Ergebnisse u. Fortschritte der germanist. Wissensch. im letzten Vierteljahrhundert, im Auftrag der Gesellsch. f. dt. Philol. hgb. von R. Bethge 1902, 579-608; G. Baesecke, Wissenschaftl. Forschungsberichte, Deutsche Philologie, 1919, 84-93; Schneider, Heldenbuch, Heldenepos, Heldenlied, Merker-Stammler, Reallex. 1, 478-91. Einzelne Probleme des Heldenepos und der Heldensage. Wesen und Art des Heldenepos. Voretzsch, Epische Studien, 1900, S. 1^19; Axel Olrik, Die epischen Gesetze der Volksdichtung, ZfdA. 51, 1-12; John Meier, Werden u. Leben des Volksepos, 1909; Elise Wolfram, Die german. Heldensagen als Entwicklungsgeschichte der Rasse, 3. Aufl. 1922; Panzer, Deutsche Heldensage u. deutsche Art, Rede, 1925; H. de Boor, „Heldensage ist Literaturgeschichte", Zs. f. dt. Bildg 5, 1929,449-66. — Panzer, Märchen, Sage u. Dichtung, 1905; E. Bethe, Märchen, Sage u. Mythus [1922]; Ulr. Priebe, Altdeutsche Schwertmärchen, Kiel. Diss. 1906; Erich Hofacker, Über den Einfluß des deutschen Ritterepos auf d. Heldenepos, Tüb. Diss. 1924, Masch.-Druck. Landschaften. Panzer, Deutsche Heldensage im Breisgau, Neujahrsblätter der badischen histor. Komm. 1904; Jos. Sturm, Die Harlungensage in Bayern, Histor. Jahrb. 33, 1913, 742-57. —E. Castle, österreichische Literatur, Merker-Stammler, Reallex. 2, 575 f. — J. Schatz, Die Verbindung deutscher Heldensage mit Tirol, Veröffentlichungen d. Museum Ferdinandeum in Die kleineren Heldenepen 155 Innsbruck 8, 1929, 533-41; Lunzer, Arona, ZfdA. 53, 1-61 (Tirol). — Lunzer, Steiermark in der dt. Heldensage, Wien. SB. 204, 1. Abh. 1927, dazu L. Wolff, Anz. 48, 137 f. — Baechtold, Gesch. d. dt. Lit. in der Schweiz, 1892, S. 85 u. Anm. S. 25 f.; Singer, Lit.-Gesch. der dt. Schweiz im MA. S. 39 f. — R. Much, Der german. Osten in der Heldensage, ZfdA. 57,145-76. — Bleyer, Die germanischen Elemente der ungarischen Hunnensage, Beitr. 31, 429-599. — Reis- senberger, Siebenbürgen im deutschen Heldenbuch, Korresp.-Bl. f. Siebenbürg. Landeskde 1878, 126. — Voretzsch, Das Merovingerepos u. die fränkische Heldensage aaO.; Axel Olrik, Danmarks Heltedigtningen, 2 Teile, Kopenhagen 1903. 1910; G. Brockstedt, Von mhd. Volksepen französischen Ursprungs; Schneider, Deutsche u. franz. Heldenepik aaO. — Briem, Germanische u. russische Heldendichtung, GRM. 17, 1929, 341-55. — 0. Basler, Deutscher Kulturatlas Bd. 1 S. 64a, 1931. Perioden, Zeit. Friedr. Wolters u. Carl Petersen, Die Heldensagen der germanischen Frühzeit, 1921 (künstlerische Nacherzählung), dazu Ranke, Anz. 42, 66 f.; Schneider, Ursprung u. Alter der deutschen Volksballade, Festschr. Ehrismann 1925, 112-24; Naumann, Die jüngeren Erfindungen im Heldenroman, ZfDtschkde 40, 1926, 22-34; L. Wolff, Die Helden der Völkerwanderungszeit, 1928, dazu Droege, Anz. 48, 65 f., Piquet, Rev. germ.20, 1929, 42 f.; Schröder, Die Heldensage in den Jahrbüchern von Quedlinburg, ZfdA. 41, 24-32. Personen, Namen, Stand. Aug. Lütjens, Der Zwerg in d. dt. Heldendichtung d. MA.s, Germ. Abh. 38, 1911; Müllenhoff, ZfdA. 12, 307 f.; Heusler, Heldennamen in mehrfacher Lautgestalt, ZfdA. 52,97-107; s. Kluckhohn, ebda S. 163 ff.; Schröder, Wieland der Schmied, ein Excurs üb. Personennamen aus d. Heldensage, ZfdA. 53, 329-35; Justus Lunzer, Drei Namen der dt. Heldensage, Beitr. 49, 457-72; Panzer, Italische Normannen in deutscher Heldensage, 1925; Karl zur Nieden, Über die Verfasser der mhd. Heldenepen, Bonn. Diss. 1931. Sitten. Franz Kondziella, Volkstümliche Sitten u. Bräuche im mhd. Volksepos, 1912; A. W. Aron, Traces of matriarchy in germ. hero-lore, Univers, of Wisconsin Studies 9, 1920; Elsbet Kaiser, Frauendienst im mhd. Volksepos, Marburg. Diss. 1921, Germ. Abh. 54, 1921, dazu Schneider, Anz. 41, 194 f., Reuschel, ZfDschkde 36, 48; Neckel, Christliche Kriegerethik, ZfdA. 58, 233-38. Die Sagenkreise, denen die hier folgenden Heldenlieder angehören, sind besonders der ostgotische Sagenkreis oder die Amelungensage (Personen: Ermenrich, Dietrich von Bern); ferner die alemannische Walthersage; die Ortnitsage in loser Verbindung mit der ostfränkischen Hug- und Wolfdietrichsage; die niedersächsische Wielandsage; die bayerisch-langobardische Rothersage (s. LG. II, 1). Reichliche Einzelheiten (Stellen): Leitzmann, Kleinigkeiten zum deutschen Heldenbuch, Beitr. 50, 393^113. Stil, Metrik. J.Appl, Der Versschluß in den mhd. Volksepen, Progr. Bielitz 1888; Leo Wolf, Der groteske u. hyperbolische Stil des mhd. Volksepos, Pal. 1903, dazu Ehrismann, ZfdPh.37, 421-23; Rich. Hünnerkopf, Beiträge z. deskriptiven Poetik in d. mhd. Volksepen, Diss. Heidelberg 1913; Neckel, Metrik u. Gliederung des Heldenliedes, GRM. 1913, 523 ff.; H.Brinkmann, Zu Wesen u. Form mittelalterl. Dichtung, 1928, 177 ff.; Karl zur Nieden, Über die Verfasser der mhd. Heldenepen aaO.; Ernst Hüttig, Der Vergleich im mhd. Heldenepos, ein Beitr. zur vergl. mhd. Stilistik, Jen. Diss. 1930; Siegfried Beyschlag, Zeilen- u. Hakenstil, seine künstlerische Verwendung in der Nibelungenstrophe u. im Hildebrandston, Beitr. 56, 225-313. Die hier unter dem Namen „kleinere Heldenepen" zusammengefaßten Dichtungen gehören zum größten Teil dem ostgotischen Sagenkreise an. Die historische Grundlage für die ostgotische Heldensage ist bekannt. Anno 375 beginnt die Völkerwanderung damit, daß die Hunnen, ein mongolischer Volksstamm des inneren Asiens, über die Wolga vorrücken und sich über das Reich der Ostgoten an der untern Donau ergießen, deren König Ermanarik, aus dem Königsgeschlecht der Amaler, sich in sein Schwert stürzt. 156 Die erzälhende Dichtung 1. DIE ERMENRICHSAGE Die Ermenrichsage 1 entwickelte sich im Norden. An Ermannen knüpfen sich drei Sagen: a) Die Suanhild-Sage in der Edda. König Jormunrek (Ermanarich) ließ durch seinen Sohn Randwer um Swanhild, die Tochter Sigurds und Gudruns (das ist in der deutschen Sage Kriemhild) werben und heiratete sie, aber sein Ratgeber Bikki (hd. Sibeche) bezichtigte Swanhild und Randwer unerlaubten Umgangs. Da ließ Jormuhrek seinen Sohn hängen und Swanhild von den Hufen der Pferde zertreten. Gudrun trieb ihre Söhne, Hamdir und Sorli, die sie von ihrem zweiten Gemahl Jonakr hatte, an, Swanhilds Tod zu rächen. Diese drangen zu Jormunrek, als er beim Gelage saß, und hieben ihm Hände und Füße ab, wurden aber auf sein Geheiß gesteinigt. „Zu jeglichem Bösen ist Jormunrek fähig", heißt es in der Edda. b) Die Harlungen-Sage. Die Harlunge sind Embrika und Fritila, Er- manrichs Neffen, die unter der Hut des treuen Eckehard standen. Der ungetreue Sibika (Sibeche) reizte den König gegen sie auf. Dieser überfiel sie, nach ihren Schätzen gierig, auf ihrer Burg Breisach im Breisgau und ließ sie an den Galgen hängen. c) Das mittelniederdeutsche Lied „Von Koninc Ermenrikes döt" (24 Strophen im Hildebrandston, gedruckt als fliegendes Blatt um 1560, ein zweiter' Druck bald nach dem ersten [Müllenhoff, ZfdA. 12, 362]) verknüpft die Ermenrichsage mit der Dietrichsage: Dietrich zieht mit 11 Helden nach Freysack (d. i. Breisach) und erschlägt Ermenrich. 2. DIE DIETRICHSAGE Die Dietrichsage 2 ist in vielen einzelnen Dichtungen erhalten. Dietrich von Bern ist der in der Geschichte berühmte Theodorich der Große, der nach Besiegung des letzten weströmischen Herrschers Odovaker das Ost- 1 Uhland 1,303-05. Goedeke, Dt. Dichtung Dot hgb. 1851, Abdruck davon bei Th. Abe- i. MA. 2 , 1871, 557-62; Wilhelm Müller, ling, Das Nibelungenlied u. seine Lit., II. Teil, Mythologie der dt. Heldensage, 1886, Dietrich 1909; B. Symons, Das niederd. Lied von Kö- von Bern u. Ermenrich S. 148-89; Heinzel, nig Ermenrichs Tod u. die eddischen Hambes- Über die ostgotische Heldensage, Wien. SB. möl, ZfdPh. 38, 145-66 (mit Lit.); Ders., 119, III, 1889; Golther, Deutsche Helden- Pauls Grundriß 3,2. Aufl. S. 640.686; Schnei- sage, Dt. Schulausgaben Nr. 2, 1894, 10-12; der, ZfdA. 58,125 f., Ermenrichs Tod; Wesle, R. C. Boer, Die Sagen von Ermanarich u. Zur Sage von Ermenrichs Tod, Beitr. 46, 248 Dietrich von Bern, dazu Heusler, DLz. 1910, -65; H. de Boor, Das nd. Lied von Konink 3108-11; Frantzen, Museum 18, 419-25; Ermanrikes döt, Festschr. Siebs 1922, 22-38; Piquet, Rev. germ. 7, 98 f.; Schneider, Ger- Walther Kienast, Hamdismal u. Koninc man. Heldensage I, 378-97; Ders., Stud. zur Ermenrikes Dot, ZfdA. 63, 49-80; Jelling- Heldensage, Zur Ermanarichsage, ZfdA. 54, haus, Mnd. Lit. in Pauls Grundr. 3. Aufl., 343-54; Alex. Haggerty Krappe, The legend 1925,19; Naumann, Primitive Gemeinschafts- of Rodrick last of the Visigoth kings and the kultur, 1921, 135 f.; Hans Steinger, Stamm- Efmanarich cycle, 1923, dazu Golther, Lbl. 1er Verfasserlex. 1,585 f. (mit Lit.). — Walter 1925, 84. — J. Grimm, Ionakr u. seine Söhne, Benary, Die germ. Ermanarichsage u. die ZfdA. 3, 151-58. —■ M. Roediger, Die Sage franz. Heldendichtung, Beiheft der Zs. f. ro- von Ermenrich und Schwanhild, Zs. d. Ver. man. Phil. 1912. — Curt Teubner, Die Ed- f. Volkskde 1891, 241-50; Jiriczek, Deutsche garsage u. ihr Verhältnis zur Ermanarich- u. Heldensagen, 1898,55-118; Panzer, Deutsche Tristansage, Diss. Halle 1915. Heldensage im Breisgau, 1904; Heusler, 2 Ausgaben u. Übersetzungen s. LG. II, 1, Hoops Reallex. I 627-29 (mit Lit.); Neckel, 293 Anm. 1. — Abhandlungen: Uhlands GRM. 1913, 522 ff. — Goedeke, Ermenrikes Schriften Bd. 1. Bd. 8, 334-83; Müllen- Die kleineren Heldenepen 157 gotenreich in Italien begründete (er regierte 493-526) und seine Residenz in Ravenna (deutsch Raben) oder Verona (Bern) hatte. Das Königsgeschlecht der Ostgoten waren die Amaler (s. oben), danach die Dietrichsage auch Amelungensage, sein Land Land der Amelunge, er selbst König der Ame- lunge oder von Amelungeland genannt wurde. Theodorichs Vater war Theo- demir, in der Sage Dietmar. Die Dietrichsage ist eng mit dem Nibelungenlied verknüpft, in welchem Dietrich von Bern und sein Waffenmeister Hildebrand im letzten Teil, dem Burgundenuntergang, hervorragend beteiligt sind (s. oben Nibelungenlied). Den Rahmen für die vielen Gedichte des Dietrichkreises bildet seine Lebensgeschichte, die sich aus diesen zusammenstellen läßt. Ermenrich (dieser ist in der Sage, außer im alten Hildebrandslied, an die Stelle Odoakers getreten) wurde von seinem Ratgeber Sibeche aufgehetzt, auch Dietrich zu verderben; darum floh dieser vor Ermenrich zu Etzel und lebte bei ihm in der Verbannung. In der Schlacht von Ravenna (Raben) kämpfte er erfolglos gegen Ermenrich; erst nach 30 Jahren, nach dem Tode dieses bösartigen Tyrannen, kehrte er in sein Reich zurück und regierte lange, wobei er viele tapfere Taten vollbrachte. Nach der Kaiserchronik V. 14172 sahen manche, wie die Teufel den Ermenrich in den Berg Vulkan führten, wo er bis zum jüngsten Tag brennt. 1 Hier widersprechen sich Sage und Geschichte. Theodorich wurde nie aus seinem Reiche Italien vertrieben; im Gegenteil, er hat Odoaker vertrieben und getötet. Er war nie an Attilas Hofe, denn dieser starb 453, ein Jahr vor Theodorichs Geburt. Ermenrich war nicht der Oheim Theodorichs, da er schon 375 gestorben war. hoff, Die austrasische Dietrichsage, ZfdA. sage, Hist. Vjschr. 23, 1927, 433^15; Els- 6,435-59; Müllenhoff, ZfdA. 12, 118-35; bet Kaiser (s. oben), Frauendienst im mhd. Pfeiffer, Freie Forschung, 1867, 451 ff.; K. Volksepos S. 63-103; W. Jungandreas, Lebt Meyer, Die Dietrichsage in ihrer geschichtl. die Dietrichsage auch in Nordhannover, Zs. f. Entwicklung, 1868, dazu Germ. 14, 432-34; Ortsnamenforsch. 5, 1929, 60 f.; L. Silcher, Golther, Dt. Heldensage, Schulausg. 1894, Die dänischen Balladen aus d. Kreis der Diet- 12-23; Jiriczek, Kudrun und Dietrichsepen, richsage, Tüb. Diss. 1929; Alexander Hag- in Auswahl mit Wörterb., 3. Aufl., Samml. gerty Krappe, Der Tod der Etzelsöhne im Göschen, 1895; Keck, Dt. Heldensage, 2.Aufl. Dietrichepos, ZfdA. 69, 137^13; Ders., Diet- von Busse, 2. Bd.: Dietr. v. Bern, 1904; Pan- rieh von Bern als Führer der wilden Jagd, zer, Deutsche Heldensage im Breisgau, 1904; Mitteil. d. Schles. Ges. f. Volkskde 33, 1933; W. Treu, Abhandlung üb. die Entstehung des F. Sieber, Dietr. v. Bern als Führer der wil- Ortsnamens „Bern" der dt. Heldensage: den Jagd, ebda Bd. 31/32, 1931. — Bes. zu „Dietrich von Bern". 1908, dazu Helm, Lbl. nennen sind die Werke u. Aufsätze von Herm. 1910, 89 f.; Heusler in Hoops Reallex. I, 464 Schneider: Die Geschichte u. Sage von -68u.ö. (Ermenrich, Wülfingeu. a.); Walde- Wolfdietrich, 1913; Germanische Heldensage mar Haupt, Zur niederd. Dietrichsage, Pal. I, 1928, S. 211-331; Zur Dietrichsage, ZfdA. 129, 1914, dazu Golther, Lbl. 1917, 73-77; 54, 359-69. 58, 100-120 (97-139); Das mhd. v. d. Leyen, Die dt. Heldensagen 2 , Dt. Sa- Heldenepos, ebda 58, 97-139; Deutsche u. genbuch II, Dietr. v. Bern S. 217-32; Herm. französische Heldenepik, ZfdPh. 51, 200-43. Patzig, Dietrich u. sein Sagenkreis, 1917, Über Heldenlieder der Goten berichtet ihr Ge- dazu Golther, Lbl. 1919, 80f.; Heusler, schichtschreiber, der Ostgote Jordanes in Internat. Monatsschr. 13, 1918/19 Nov./Dez. seiner Gotengeschichte De Origine actibusque 1918, Jan. 1919; Wallner, Ein altbayr. Zeug- Getarum a. 552; er baut seine Geschichte stark nis zur Dietrichsage, ZfdA. 58, 152-54; Straß- auf solchen Liedern auf (LG. I, Reg. S. 465, burger Holzschnitte zu Dietrich von Bern usw. bes. S. 18 f. 36 f.). = Drucke u. Holzschnitte d. 16. Jhs., Bd. 15, * W. Grimm, Heldensage S. 38. 1922; Fr. v. Bezold, Zur Gesch. der Dietrich- 158 Die erzählende Dichtung Dietrich von Bern ist ein Wohltäter der Menschheit, ein Heilbringer, er bekämpft und vernichtet Menschenschädiger, böse Riesen, Ungeheuer, Dämonen . x Das umfassendste Werk über die Heldensagen, die sich an Dietrich von Bern knüpfen, ist die nordische Thidrekssaga (Prosa), 2 eine Sammlung von Heldenerzählungen von einem Norweger (um 1250). Nur die Sprache ist nordisch, der Inhalt ist aus der deutschen Heldensage, wie sie im 13. Jahrhundert in Liedern und Erzählungen in Nordwestdeutschland verbreitet war, übernommen. Speziell für die in der Sammlung inbegriffene Nibelungensage beruft sich der Sammler auf Männer aus Soest, Bremen und Münster, wahrscheinlich Kaufleute, die nach Skandinavien Handel trieben. Im Mittelpunkt des ganzen Zyklus steht Dietrich von Bern (diese LG II, 1, 293). Der größte Teil der Thidrekssaga handelt von den Nibelungen und von der Stellung Dietrichs in ihrer Geschichte. Die einzelnen Gedichte, die zur Dietrichsage gehören: Ortnit 3 ist die Geschichte Königs Ortnit (in der Thidrekssage Hertnid) von der Jugend bis zu seinem Ende. I. Ortnits Jugend Str. 1-69. Er war ein mächtiger König von Lamparten (Lango- 1 Hans Naumann, Primitive Gemeinschaftskultur, 1921, 136 f. 2 Ernst Martin, König Dietrich von Bern u. seine Genossen nach der Thidreksaga erzählt, 1867, dazu Scherer, Kl. Sehr. 1, 716f.; Jiriczek, Deutsche Heldensagen I, 1898, 34 -54; Paul, Die bidrekssaga u.das Nibelungenlied, SB. d. kgl. bayer. Ak. 1900 H. III, 297 -338 u. SA.; R. C. Boer, Die bidrekssaga u. d. Nibelungenlied, ZfdPh. 38, 48 f.; Holz, Der Sagenkreis der Nibelungen, 1907,54-60; Helm, Zur Kritik der Sage von Hertnits Kampf mit den Isungen, Beitr. 32, 113-19; W. Eckerth, Das Waltherlied, 1909 (s. unten), 129 ff.; Panzer, Sigfrid, 1912, S. 35-55. 173-89; H. Friese, Thidreksaga u. Dietrichepos, Pal. 128, 1914; Frantzen, Über den Stil der bidrekssaga, Neophilol. 1, 1916, 196-209. 267 -82; Jan de Vries, Nederduitsche Volkslie- deren in de bidrekssage, Neophilologus 3,1918, 36-47. 99-122. 191-94; R. C. Boer, Over den poetischen vorm van de brennen der bidrekssaga, Neophil.3, 1918, 194-204; W. Kienast, Altes Hildebrandslied, Thidrekssaga u. junges Hildebrandslied, Archiv 144, 1923, 155-69; de Boor, Die Handschriftenfrage der bidrekssage, ZfdA. 60, 81-112; H. Hempel, Nibelungenstudien I, Nibelungenlied, Thidrekssaga u. Balladen, 1926; Schneider, German. Heldensagen I, 1928,150 ff. u. ö.; Droege, Zur Thidrekssaga, ZfdA. 66, 33-46; Dietr. v. Kra- lik, Die Überlieferung u. Entstehung der Thidrekssaga, 1931, dazu Hempel, Anz. 51, 20-22, L. Wolff, DLz. 1931, 2377-82, Pi- quet, Rev. germ. 22,1931,429 f.; Karl Husz, Das Landschaftliche und Ungarn in der Thidrekssaga und die Entstehungsfrage von Nibelungenlied u. Klage, ZfdPh. 57, 105 ff. — Zur Thidreksage s. LG. II, 1 S. 293 Anm. 1 (Lit.). 3 Ausgaben v. d. Hagen u. Primisser, Das Helden Buch I, 1820; F. J. Mone, Ortnit, 1921, dazu Lachmann, Kl. Sehr. S. 278-311; L. Ettmüller, Künec Ortnides Mervart unde tot, 1838; v. d. Hagen, Heldenbuch Bd. 1, 1855, 1-69. 153-62; Amelung u. Jänicke, Ortnit u. die Wolfdietriche, Deutsches Heldenbuch (Berlin), 1. u. 2. Bd., 1871. 1872; Justus Lunzer, Ortneit u. Wolfdietrich nach der Wiener Piaristenhs., Lit.-Ver. 239, 1906; Auswahl: Emil Henrici, Das deutsche Heldenbuch, Kürschners Dt. Nat.-Litt. Bd. 7, o. J., S. 1-24. Übersetzungen: Simrock, Das kleine Heldenbuch, 1844. 1859; Pannier, Reclam 1878. 1927. — Abhandl. W. Grimm, Heldensage S. 226-28; Goedeke, Dt. Dichtung im MA. 2 , 1871, 430^0; Müllenhoff, ZfdA. 12, 348 ff.; Ders., Das Alter des Ortnit, ZfdA. 13, 185-92; F. Lindner, Über die Beziehungen des Ortnit zu Huon de Bordeaux, Rost. Diss. 1872; Ders., Über die Beziehungen des Ortnit zu Huon von Bordeaux, Stud. zur vgl. Lit. II, 1902, 284-87, dazu Voretzsch, DLz. 1902, 2659; F. Hummel, Üb. d. Beziehungen des Ortn. zu Huon v. Bordeaux, Arch. 60,295-342; A. Kirpicnikow, Versuch einer vergleichenden Theorie des westländischen u. russischen Epos, 1874, dazu Heinzel, Anz. 9, 245-56; Wilh. Müller, Mythologie der dt. Heldensage, 1886, 190-214 (Rother, Ortnit u. Wolfdietrich); Ph. Watznauer, Üb. Ortn. u. Wolf- dietr., Progr. Leitmeritz 1886, dazu Negele, Lbl. 1887, 318, Khull, ZföG. 1887, 319; W. Mushacke, Beiträge zur Gesch. d. Elfenreiches Dm kleineren Heldenepen 159 barden), hatte seinen Sitz in Garte (Garda). Nachdem er ein rüstiger Mann geworden, rieten ihm seine Mannen ein Weib zu nehmen. Sein Oheim, der König Yljas von den Reussen (Russen), preist die Tochter des Heidenkönigs Machorel, der in Jerusalem die Krone trägt und Tyrus als Hauptstadt hat, aber jedem das Leben nehmen läßt, der um die Jungfrau bittet. Ortnit beschließt, um sie zu werben. II. Alberich Str. 70-212. Ortnit reitet in das Gebirge bei Garda und trifft dort den Zwerg Alberich, der sich ihm als seinen Vater zu erkennen gibt. III. Wie Ortnit über Meer fuhr Str. 213-87. Von Messina aus gelangt Ortnit in zwölftägiger Meerfahrt nach Tyrus. Alberich, der heimlich mitgefahren ist, bringt die Werbung am Abend vor den Heidenkönig Machorel, der auf der Burgmauer sich ergeht; er kann Alberich nicht sehen und tobt gegen den Unsichtbaren wegen der Schmach, die ihm durch die Werbung angetan wird. IV. Die Eroberung von Tyrus (Str. 288-346) mit Hilfe von Alberichs List und des Ylias Kampfwut. V. Die Erwerbung der Braut Str. 347-83. Im Saale der Königsburg des Machorel auf Montabur (Mons Tabor) liegt die Prinzessin auf den Knien und betet zu ihren Göttern um Rettung der Ihrigen vor den Christen. Alberich schleicht heimlich zu ihr und wirbt bei ihr für Ortnit, wenn sie ihren Vater retten wolle. Darauf sagt sie zu, und Alberich zeigt ihr von der Zinne den glänzenden Helden, der dort unten kämpft. Ortnit und die Seinen erobern die Königsburg und ziehen mit ihrer Beute, der Braut, gen Tyrus und bald zu Schiff der Heimat zu. Die Jungfrau wird getauft und Ortnits Weib. VI. Die Rache des Sarazenenkönigs Str. 484-526. Dieser schickt Ortnit zwei „Abrahamskröten" zum Geschenke, das sind Eier, die ausgewachsen zu einem Edelstein und zu einem Elefanten werden sollen. Es waren aber Dracheneier, aus denen zwei Lindwürmer krochen. VII. Der Wurmkampf Str. 527-75. Ortnit zieht nach den Lindwürmern aus; nach langem Suchen schläft er vor Ermüdung ein, da kommt der Drache und verschlingt ihn. VIII. Die Klage der Königin Str. 576-97. Der Schluß verknüpft die Ortnitsage mit den Dietrichssagen: der Wurm wurde erschlagen von Dietrichs von Bern Urahn (d. i. Wolfdietrich). Das Gedicht zerfällt deutlich in zwei Teile, das Werbungs- oder Brautfahrtmotiv und den Drachenkampf. Die ursprüngliche Sage stammt aus Rußland; Hertnit oder Ortnit ist König von Gardareich (Nogarden = Nowgorod) in Rußland und wurde in der deutschen Sage durch ein Mißverständnis an den Gardasee versetzt, also ins Langobardenreich. Sein Verwandter Ilias ist ein berühmter Held der russischen Sage. Die Verbindung mit dieser zu dem deutschen Epos bildeten niederdeutsche Lieder; aus solchen wurde das obd. Epos von einem Ostfranken in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts 1 in Sage u. Dichtung, Progr. Crefeld 1891; El. Rolf Schröder, Nibelungenstudien, 1921, Hugo Meyer, Zum Ortnit, ZfdA. 38, 65-87 16 f.; Arnold Mock, Untersuchungen zu Ort- (s. auch ZfdA. 37, 346-48); Golther, Dt. Hei- nit u. Wolfdietr. A, Bonn. Diss. 1924; Franz densage 1894 aaO. S. 49-52; Alb. Ilg, Beitr. Härder, Ubergangsformeln am Schlüsse von z. Gesch. d. Kunst usw., 1896, 149-53; Paul, Kapiteln usw., Beitr. 48, 104 ff.; Naumann, bidrekssaga, Münch. SB. 1900 S. 314 ff.; Vo- Festschrift Ehrismann 1925, 91 f.; Ders., Ort- retzsch, Epische Studien I, 1901, Beitr. z. nit der edle Heide, ZfDtschkde 40, 1926, 28; Gesch. d. frz. Heldensage S. 250-74. 318-52, Schneider, Germ. Heldensage I, 1928, 351 411 ff.; W. Vogt, Ortnits Waffen, Festschr. -61; K. zur Nieden, Ortnit u. Wolfdietrich, Breslau 1902; Priebe, Altdeutsche Schwert- 1930. — Zwergensage: Seemüller, Die Zwer- märchen, Kiel. Diss. 1906; Baesecke, Münch- gensage im Ortnit, ZfdA. 26, 201-11; Lüt- ner Oswald 1907 Reg. S. 442 f.; Wilhelm, jens, Der Zwerg aaO. pass. u. Reg. — 16 Hss. Über fabulistische Quellenangaben, Beitr. 33, alter Druck: Amelung, Ausg. L. IX ff.; 332; Wilmanns, GgA. 1909 S. 122 Anm.; Kautzsch, Festgabe f. Sievers 1896, 292; Heusler, Hoops Reallex. (Dienstmannen- Lunzer, Alte Lesezeichen in einer Ortniths., sage); E.Mogk, Dt. Heldensage aaO. S. 42 f.; Beitr. 24, 545-47; Wegener, Bilderhss. d. Waldemar Lehnerdt, Die Anwendung der Heidelb. Univ.-Bibl., 1927, S. 19. Beiwörter i. d. mhd. Epen von Ortnit u. Wolf- r Sprache: Zwierzina, ZfdA. 44 Anz. 26 Reg. dietrich, 1910; Schneider, Wolfdietrich, 1913, S. 353. 45 Anz. 27 Reg. S. 348. Reg. S.416f.; Ders., ZfdA. 58, 127 f.; Fr. 160 Die erzählende Dichtung hergestellt. Der Zwergkönig Alberich ist als Auberon in die altfranz. Chanson de geste Huon de Bordeaux übergegangen. Metrik. Abgefaßt ist der Ortnit um 1225 im Hildebrandston (Nibelungenstrophe mit bloß dreihebiger, stumpfer, letzter Halbzeile); 597 Strophen. Der Stoff ist wie die Inhaltsangabe zeigt, mannigfaltig und abwechslungsreich, aber der Dichter hat es verstanden, den Eindruck der Einheitlichkeit zu wahren. Die Darstellung 1 ist gewandt, manchmal sogar zart stimmungsvoll, wie wenn die Schönheit der heidnischen Prinzessin, ihr Schmerz und das Mitleid Alberichs Str. 385 ff. beschrieben werden. Wolfdietrich 2 Der Wolfdietrich A steht in enger Beziehung zum Ortnit, auch die Darstellung und die Ausdrucksweise beider Gedichte ähneln sich so sehr, daß sie sich als Werk ein und desselben Verfassers kennzeichnen. 1 Waldemar Lehnerdt, Die Anwendung der Beiwörter in d. mhd. Epen von Ortnit u. Wolfdietrich, 1910, dazu Lunzer, Anz. 36, 39—42, Piquet, Rev. crit. 75, 186. 2 Ausgaben: v. d. Hagen u. Primisser, Der Helden Buch u. Das Heldenbuch Kaspars von der Roen 1. Teil, 1820; v. d. Hagen, Heldenbuch 1, 1855, 71-151. 163-278; Haupt, Haug- dieterich u. Wolfdieterich, ZfdA. 4, 401-62; Adolf Holtzmann, Der große Wolfdieterich, 1865, dazu Scherer, Kl. Sehr. 1, 634-36; Amelung u. Jänicke, Ortnit u. die Wolfdietriche, Deutsches Heldenbuch s. oben Ortnit; H.Schneider, Wolfdietrich, I.H.: Der echte Teil des Wolfdietrich der Ambraser Hs. (Wolfdietrich A) hgb., Ad. Textbibl. Nr. 28, 1931, dazu Schröder, Anz. 50, 85-87, v.Un- werth, ZfdPh. 46, 115-19, Behaghel, Lbl. 1932, 148, E. A. H. Fuchs, Mod. Philology 23, 3 (Febr. 1932); Auswahl: Emil Henrici, Das deutsche Heldenbuch, Kürschners Dt. Nat.- Litt. Bd. 7, o. J., S. 25-79. Übersetzungen: Simrock, Das kleine Heldenbuch 1844. 1859; W. Hertz, Hugdietrichs Brautfahrt, illustriert, 1870. Faks.: Könnecke, l.Aufl. S. 15. — Abhandlungen: W. Grimm, Heldensage S. 228-35; Müllenhoff, Die austrasische Dietrichssage, ZfdA. 6, 435-59; Ders., Zeugnisse u. Excurse, ZfdA. 12, 362 (Name); F. Neumann, Zur Gesch. des Wolfdietrich, Germ. 28, 346 -58; Pfeiffer, Hugdietrichs Brautfahrt, Freie Forschung, 1867, 149-63; F. Liebrecht, Zur Lit.-Gesch. des Hug- u. Wolfdietrich, Arch. f. Litt.-Gesch. 1, 48-62; Jänicke, Beiträge zur Kritik des großen Wolfd., 1871; Goedeke, Dt. Dichtung im MA. 2 , 1871, 463-72; J.V. Zin- gerle, Germ. 7, 101 f.; Pio Rajna, Le origini delP epopea francese, Firenze 1884, 95-100 (s. Germ. 30, 477); Wolfskehl, German. Werbungssagen I, Hugdietrich, Jarl Apollonius, 1893, dazu E. H. Meyer, Anz. 22,83 f., Mogk, ZfdPh. 28, 127, L. Fränkel, Lbl. 1895, 361 -63; E. H. Meyer, Zum Wolfdietr., ZfdA. 38, 87-95; Wilh. Müller, Myth. d. dt. Heldensage, 1886, 190-214, Rother, Ortnit u. Wolfdietrich ; S. Bugge, Den danske vise om Gral- ver kongens sön i sit forhold til Wolfdietrich sagnet, Arkiv f. nord fil. 12, 1-29; G. Sarrazin, Zur Wolfdietrichsage, ZfdPh. 29, 564; O. Dippe, Hugdietrich, Die Hugenlieder u. d. Wodanmythus, Progr. Wandsbeck 1902; Vo- retzsch, Epische Studien, 1901, s. Inhaltsübersicht S. 411 ff.; Ders., Einführung in das Studium der afranz. Lit., 1905, 105 f.; Wilhelm, Über fabulistische Quellenangaben, Beitr. 33, 332-34; Heusler, Geschichtliches u. Mythisches in der german. Heldensage, SB. der Preuß. Ak. 37, 1909, 920-45 (darin S.922); Ders., Wolfdietrich, Wülfinge, Hoops Reallex. 4, 564. 572; Franz Bernatzky, Über d. Entwicklung der typischen Motive in den mhd. Spielmannsgedichten, bes. in den Wolfdietrichen, Greifsw. Diss. 1909; Dexel, Üb. gesell- schaftl. Anschauungen, Greifsw. Diss. 1909 Reg. S. 75; Herm. Schneider, Die Gedichte u. die Sage von Wolfdietrich 1913 (Hauptwerk), dazu Baesecke, Anz. 38, 42-51, v.Un- werth, ZfdPh. 46, 115-19, Golther, ZfrzSpr. 41, II 175-79, Benary, ZfromPhil. 37, 622 f., Piquet, Rev. crit. 76, 512; Walth. Seehaussen, Michel Wyssenherres Gedicht „Von dem edeln hern v. Bruneczwigk" usw., Germ. Abh. 1913 S. 93 ff.; Jan de Vries, Rother en Wolfdietr., Neophilol. 5, 1920, 121-29; Schröder, Berchtung u. Berchter v. Meran, ZfdA. 59, 179 f.: Franz Härder, Übergangsformeln am Schlüsse von Kapiteln usw., Beitr. 48, 104ff.; v. d. Leyen, Dt. Sagenbuch, 2. Aufl., S. 201 -17; Steinberger, Münch. Mus. 4, 1924, 87 -95; Schneider, Germ. Heldensage 1, 344-61. 417-20; Singer, Handwörterbuch des dt. Aberglaubens 1, 1929, 793-96 (Else); P. Sche- ludko, Versuch neuer Interpretation des Wolfdietrichstoffes, ZfdPh. 55, 1^19; Schröder, Der Ambraser Wolfdietrich, Grundlagen u. Grundsätze der Textkritik, Gott. Nachr. 1931, 210-40. — Walker, Sachwörterbuch I, 1930, 271; Schneider, Merker-Stammler, Die kleineren Heldenepen 161 Die Wolfdietrichfrage 1 ist sehr verwickelt, denn es gibt mehrere Fassungen des Gedichtes, deren Verhältnis zueinander nicht leicht zu lösen ist. a) Wolfdietrich A. 2 606 Nibelungenstrophen (Hildebrandston), 16 Abschnitte, von denen die fünf letzten von einem geringeren Dichter sind. Uf Kunstenobel ze Kriechen (Zu Konstantinopel in Griechenland) sitzt ein gewaltiger König, trefflich, ruhmvoll, tapfer, aber Heide; er heißt Hugdietrich, seine Frau ist die Schwester Bote- lungs von Hunnenland. Sie haben drei Söhne, alle nannte man Dietrich, der dritte wird während eines Kriegszugs des Vaters geboren. Während desselben empfiehlt der König sein Reich dem Herzog Saben. Dieser aber ist ein treuloser Geselle, dessen Ränke das Schicksal des Königs beeinflussen. Er verleumdet die Königin, als sie das dritte Knäblein gebiert; dieses sei ein Sohn des Teufels. Auf das Betreiben Sabens hin beschließt der König, den Knaben zu töten und beauftragt damit den treuen Berchtung von Meran, der nur unter größtem Widerstreben dazu schreitet. Er führt den Knaben in den Wald. In der Nacht schart sich ein Rudel Wölfe um das Kind, ohne ihm etwas anzuhaben. Ob dieses Wunders um so mehr gerührt, beschließt Berchtung das Kind zu retten und bringt es einem Wildhüter; dieser solle es für sein eigenes aufziehen; dazu schenkt ihm Berchtung einen Hof und ein Dorf und nennt das Kind Wolfdietrich (Str. 113. 120). — Die Mutter erhebt große Klage, als sie am Morgen ihr Kind nicht findet; sie beschuldigt Hugdietrich der Ermordung des Sohnes. Weiteres Intrigenspiel Sabens, der die Schuld auf Berchtung wirft. Doch vor Gericht stellt sich nach langen Umschweifen heraus, daß Saben, der darauf verbannt wird, an allem Schuld ist. Hugdietrich stirbt. Saben kommt wieder zu Ehren und verleumdet Wolfdietrich bei seinen beiden älteren Brüdern. Die Königin und Wolfdietrich werden verstoßen und fliehen zu Berchtung. Berchtung und Wolfdietrich kämpfen gegen die beiden älteren Brüder und Saben (Str. 336). Sechs von den 16 Söhnen Berchtungs fallen, Wolfdietrich küßt die Toten in großer Liebe und will sich erstechen, aber Berchtung hält ihn davon ab. Sie fliehen vor den Feinden nach Berchtungs Burg; dort werden sie von den Feinden vier Jahre lang belagert. Wolfdietrich will ausziehen, um einen mächtigen Herrn zu suchen (Str. 413), dem er dienen kann und der ihm Hilfe leiste gegen seine Brüder; Berchtung weist ihn an König Ortnit von Lamparten. Schmerzlicher Abschied Wolfdietrichs von der Mutter und von Berch- . tung; er reitet durch das Heer der Feinde und weiter mehrere Tage lang unter Bestehung verschiedener Abenteuer. Am Gardasee angelangt, hört er auf einer Burg eine Frau jammervoll klagen über den Tod ihres Gatten Ortnit. Er sucht nach dem Wurme und findet seine Höhle. Mit einem Gebet Wolfdietrichs schließt die Ambraser Hs. Die Fortsetzung steht in der Bearbeitung der Dresdener Hs. 103 (Str. 108), die auch eine Bearbeitung des Ortnit enthält. Es ist ein wirrer Knäuel von Abenteuern, Wolfdietrich erschlägt den Drachen, begräbt Ortnit; Abenteuer bei einem Sarazenen, den er beim Messerwurf tötet; Abenteuer mit Riesinnen; er kehrt nach Lamparten zurück und vermählt sich mit Ortnits Witwe. Zug gegen Konstantinopel und Eroberung; er schmiedet seine Brüder in Fesseln und läßt Saben rädern; nach zwölfjähriger Ehe geht er ins Kloster, wo er noch einen Kampf mit Teufeln aufnimmt und dann stirbt. b) WolfdietrichB. 3 Wolfdietrich von Salnecke (Saloniki), behandelt König Hugdietrichs Brautfahrt. Hugdietrichs Vater, König Antzius von Griechenland, übergibt sterbend den jungen Sohn Hugdietrich in die Hut des treuen Herzogs Berchtung von Meran. Als Hugdietrich heiraten will, rühmt ihm dieser die schöne Hildburg, die Tochter des Königs Walgund zu Salnecke; aber der Reallex. 2, 136. — Stellen, Textkrit.: C. -42, Piquet, Rev. crit. 75, 186. v. Kraus, Vorschläge zum Wolfdietrich A, 1 H. Schneider, Die Gedichte u. die Sage Festschr. Leidinger, 1930, 135^44; Zingerle, von Wolfdietrich, Untersuchungen üb. ihre Germ. 7, 101 ff. u. ebda 17, 207f.; Schröder, Entstehungsgeschichte, 1913. Zum Ambraser Wolfdietr., ZfdA. 68, 274. — 2 In der Ambraser Hs., wie Ortnit, hgb. Stil: Waldemar Lehnerdt, Die Anwendung Amelung, Deutsches Heldenb.3,1871,79-163. der Beiwörter in den mhd. Epen von Ortnit u. 3 Ausg.: Jänicke, Dt. Heldenbuch 3, 1871, Wolfdietrich, 1910, dazu Lunzer, Anz.36, 39 S. 165-301. — Zeit um 1225. ii Deutsche Literaturgeschichte IV 162 Die erzählende Dichtung Vater hat sie in einen Turm eingeschlossen. Hugdietrich verkleidet sich als Mädchen und gibt sich in Salnecke für seine eigene Schwester Hildgund aus. Wegen ihrer großen weiblichen Fertigkeiten, die er vorher eingeübt hatte, wird sie zu Hildburg in den Turm gelassen. Diese gebiert einen Sohn, das Kind wird, um es zu verheimlichen, von den Turmwächtern an der Burgmauer in ein Gebüsch gelegt; ein Wolf kommt, trägt es in sein Versteck und bringt es seinen Jungen, die ihm keinen Schaden zufügen. Dort findet es der König Walgund auf der Jagd und bringt es nach Hause. Dann stellt sich heraus, daß es das Kind seiner Tochter und daß die vermeintliche Hildgund nicht die Schwester Hugdietrichs, sondern dieser selbst ist. Walgund ist versöhnlich gestimmt; großes Hochzeitsfest. Der Knabe wird Wolfdietrich genannt und durch Berchtung erzogen. Sein Vater Hugdietrich teilt sein Reich nach seinem Tode unter seine drei Söhne, aber die beiden jüngeren nehmen dem Wolfdietrich sein Erbe Konstantinopel. Kampf in der Stadt; Berchtung und Wolfdietrich müssen fliehen. Im Gebirge wird letzterer von einem Ungeheuer, der rauhen Eis, geraubt, die sich aber in einem Jungbrunnen in ein schönes junges Weib verwandelt; die beiden heiraten sich, sie bringt ihm ihr Reich „Elfentroja" bei und heißt nun wieder wie vordem Sigminne. Wolfdietrich zieht nach Garda, um mit Ortnit zu kämpfen; Zweikampf, Ortnit wird besiegt; Versöhnung. Wolfdietrich zieht ins heilige Land, dann, nach manchen Abenteuern, zurück an den Gardasee zu Ortnit, der von den Würmern getötet worden war. Wolfdietrich erschlägt den Drachen und seine Jungen. Beim Weiterreiten verirrt er sich im Gebirge und kommt vor die Burg Falkenis, deren Besitzer, der Heidenfürst Belian, ihn freundlich aufnimmt und ihm seine Tochter anbietet; aber diese ist nur eine Lockspeise für die Fremden, die der Vater zu töten und deren Köpfe er auf die Zinne zu pflanzen pflegt. Am nächsten Tage fordert der Burgherr den Wolfdietrich zum Messerwerfen heraus und mit dem dritten Wurf trifft Wolfdietrich den Heiden ins Herz. Er reitet nach Garda und heiratet Ortnits Witwe. Nach dem Tode seiner Frau geht er in ein Kloster. Drei Hss. Wolfdietrich B und D haben mehrere Berührungen mit Hartmanns Iwein (LG. II 2, 1 S. 173 Anm. 2). c) Wolfdietrich C und D. 1 C ist nur in Bruchstücken erhalten, mittelfränkisch, nicht vor 1250. D ist eine Verschmelzung von A, B und C, verfaßt gegen 1300; alemannisch; eine ausführlichere Erzählung des Hug- und Wolfdietrichstoffes; 2242 Nibelungenstrophen (Hildebrandston); 7 Hss. Die Fassung D nennt Wolfram von Eschenbach als den Verfasser, in der Ausg. Ame- lung u. Jänicke S. 61 Str. 133. Die historische Grundlage der Wolfdietrichsage liegt in der Geschichte der ältesten Merovinger. Hugdietrich ist der erste Frankenkönig Chlodovech (Chlodwig, 481-511), in Wolfdietrich sind seine zwei Nachfolger Theuderich (511-33) und Theudebert (534-48) zusammen sagenhaft geworden. Der mächtige Saben hat ganz die Stelle eines Majordomus. Die Wolfdietrichdichtung ist beeinflußt von dem afranz. Merovingerepos Floovent (12. Jahrhundert). Während Wolfdietrich A wie Ortnit eine mehr dem Stil und der edleren Darstellungsweise des Nibelungenliedes verwandte Form wahren, ist Wolfdietrich B und D spielmännisch oberflächlich, formelhaft dahingeworfen. Biterolf und Dietleib- Dieses Heldengedicht hat seine besondere Eigentümlichkeit darin, daß es das Gepräge eines Ritterromans trägt; höfischer Inhalt und Geschmack wer- 1 Holtzmann, Der große Wolfdietrich, 1885 S. 16-236. (= C+ D);C, Amelungu. Jänicke, Dt. Hei- 2 Ausgaben: v. d. Hagen u. Primisser, Der denbuch, 3. Bd., 1873, 13-15. .137-39. D, ebda Helden Buch und das Heldenbuch Kaspars von Die kleineren Heldenepen 163 den nachgeahmt, und der Verfasser, wohl ein Steiermärker, der in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts dichtete, war sehr belesen in der ritterlichen Literatur der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Inhalt: Biterolf, der König von Toledo, hat seine Gemahlin Dietlind und seinen kleinen Sohn Dietleib verlassen und ist auf Abenteuer ausgezogen. Als Dietleib herangewachsen ist, entfernte er sich heimlich, um den Vater zu suchen. Er kommt an den Rhein, wo er Günther, Gernot und Hagen begegnet, mit denen er zu kämpfen hat. Er zieht zu Etzel, bei dem er sich in dem Kriege gegen die Polen auszeichnet, in welchem auch sein Vater Biterolf mitkämpft. Nach der Rückkehr nach Etzelnburg erkennt Rüedeger die beiden als Vater und Sohn. Dann folgt als größtes Geschehnis die Heerfahrt an den Rhein, ein Rachezug für den früheren Überfall, wobei fast alle Helden der deutschen Heldensage beteiligt sind; Biterolf, Dietleib, Dietrich von Bern kämpfen gegen Günther, Gernot, Sigfrid und siegen. Die Hunnen und ihre Kampfgenossen kehren nach Hause zurück, Biterolf und Dietleib nehmen Abschied und ziehen heim nach Toledo. Das Gedicht ist stark vom Nibelungenliede beeinflußt und hat manche Stellen fast wörtlich daraus aufgenommen (Kettner, ZfdPh. 16, 345-61); auch mit der Klage hat es Berührungen. Häufig sind die Anspielungen auf das Epos Walther und Hildegunde. 1 Das Gedicht beruht auf einer älteren Vorlage, die schon an sich wenig echte, einheitliche Sage bietet, sondern im wesentlichen eine Zusammenstoppelung von bekannten Sagenmotiven ist. In der sprachlichen und stilistischen Darstellung und in der Versbehandlung ist der Dichter nicht ungewandt. 2 Dem Epos von Biterolf und Dietleib steht, soweit die erhaltenen Verse in Betracht kommen, inhaltlich nahe: Walther und Hildegund 3 der Roen, 1. Teil, 1820; v. d. Hagen, Heldenbuch I, 1855; Jänicke, Dt. Heldenbuch (Berlin), 1. Teil S. V-LVIII u. 1-197, dazu Scherer, Kl. Sehr. 1, 636f.; Auswahl: Henrici, Das dt. Heldenbuch aaO. S. 92-143. — Abhandle W. Grimm, Heldensage S. 123-28; Zinnow, Üb. die Entstehung der Sage von Biterolf u. Ditleib, v. d. Hagens Germ. 5, 1843, 25^3. 6, 181-83; E. Sommer, Die Sage von den Nibelungen, wie sie in der Klage erscheint nebst den Abweichungen der Nibelungen Noth u. des Biterolf, Germ. 20, 9-30; R. v. Muth, Alter u. Heimat des Bit., ZfdA. 21, 182-88; Ders., Biterolf u. Nibelunge, ebda 22, 382-87; Burdach, Klage u. Biterolf, in: Rein- mar d. Alte u. Walther v. d. V., 1880 (2. Aufl. 1928), S. 131 Anm.; E. Kettner, Nibelungenlied u. Biterolf, ZfdPh. 16, 345-61; Schön- bach, Üb. die Sage von Biterolf u. Dietleib, Wien. SB. 136, 1897, Nr. 9, 1-39, dazu Jiri- czek, Anz. 24,363-69; Plaehn, Untersuchungen üb. die Entstehung der Klage u. des Biterolf, Progr. Altenburg 1898; W. Rauff, Untersuchungen z. Biterolf u. Dietleip, Bonn. Diss. 1907; Eckerth, Das Waltherlied, 1909 (s. unten), S. 84-110; Helm, Beitr. 34, 102 f.; Panzer, Sigfrid, 1912, 58 f. (Biterolf u. Nibelungen); W.Haupt, Zur nd. Dietrichsage, Pal. 129, 1913, S. 1 ff.; Schneider, Wolfdietrich, 1913, 206 f.; Johanna Maria Keyman, Kud- run en Biterolf, Diss. Groningen 1915; W. v. Unwerth, Eine schwedische Heldensage als deutsches Volksepos, Arkiv f. nord. Philol. 35, 1918/19, 114-37; Sijmons, Taalkundige Bij- dragen 1, 300ff.; Justus Lunzer, Die Entstehungszeit des Biterolf, Euphorion Erg.-Heft 16, 1923, 8-34; Schneider, ZfdA. 58, 127; Leitzmann, Wolframiana imBiterolf, Festschr. Sievers 1925, 550-53; Lunzer, Humor im Biterolf, ZfdA. 63, 25^13; Hagemeyer, Die Quellen des Biterolf, Tübing. Diss. 1926; Lunzer, Arraz u. Arias, ZfdA. 65, 51-62; Bork, Stammlers Verfasserlex. 1, 238^10. — Stellen: Jellinek u. Kraus, ZföG. 44,1893, 694 u. ö.; Herm. Schmidt, ZfdA. 54, 87. — Die Jugend Dietleibs ausführlich in der Thidrekssage. 1 Siehe bes. Schneider, GRM. 13, 1925, 15-18. 2 Sprache: Zwierzina, ZfdA. 44 Anz. 26 Reg. S.346. 45 Anz. 27 Reg. S.342; Stil: Gottlieb Stolz, Epitheta ornantia im Kudrunlied, im Biterolf u. im Nibelungenlied, Tübing. Diss. 1930; Metrik: v. Kraus, Der rührende Reim im Mittelhochdeutschen, ZfdA. 56, 72 f. 3 Abdrücke: Th. G. von Karajan, Frühlingsgabe, 1839; Massmann, ZfdA. 216-22; 164 Die erzählende Dichtung Nur in zwei Bruchstücken in Graz und Wien erhalten; zusammen 39 zum Teil verstümmelte Nibelungenstrophen (vierte Zeile verlängert). Erstes (Grazer) Bruchstück: Hagen nimmt Abschied von Etzel und beschenkt reichlich „die do die ncesten wären"; Walther und Hildegund erzählt er: „ich stund dabei, als man euch verlobte". — Zweites (Wiener) Bruchstück: Die Heimkehr Walthers und Hildegundes und ihre Hochzeit. Volker geleitet sie vom Rhein durch den Wasichenwald (Vogesen) nach Lengres (Lang- res), wo Walthers Vater Alpher König ist. Auf Volkers Rat bleiben sie nicht in Metz, weil Ort- win sie dort bekämpfen würde, sondern ziehen durch Burgund. Sie senden einen Boten ihrer Ankunft voraus an Alpher, worüber bei den Eltern große Freude herrscht; der Bote erzählt auch, daß Walther von Etzel und Helche so geschieden sei, daß die Hunnen ihm fluchen, weil er viele ihrer Leute erschlug. Jetzt wird eine festliche Hochzeit gefeiert, wo Boten nach England, Navarra, Kerlingen, auch zu Etzel, gesandt wurden; Günther wäre gerne gekommen. Das mhd. Waltherlied setzt das Nibelungenlied voraus, auch das höfische Motiv der Festlichkeiten ist darin beliebt. Andererseits wird das Gedicht im Biterolf stark benutzt, besonders in den fünf ersten Aventiuren. Abgefaßt ist es am Anfang des 13. Jahrhunderts. In welchem Verhältnis das mhd. Gedicht zu dem Waltharius Ekkehards aus dem 10. Jahrhundert (s. LG. 1 , 384-97, I 2 , 395^406) und zu dem ags. Waldere (Bruchstücke, 8. Jahrhundert) steht, ist nicht geklärt; jedenfalls gehen die drei Dichtungen auf eine Sage zurück. Aus der Situation des zweiten Teils des Nibelungenlieds heraus entwickelt sich die Erzählung im Rosengarten 1 oder vielmehr in den Gedichten vom Rosengarten, denn es gibt mehrere Fassungen: A, österreichisch-bayerisch, 6 Hss.; D, thüringisch, 5 Hss. bzw. v. d. Hagen in v. d. Hagens Germ. 5, 114-21; gund, The Journ. of Engl, and Germ. Phil. 22, Müllenhoff, ZfdA. 12, 280 f.; Schönbach, 1923, 75-88; H.Schneider, Das Epos von ZfdA. 25, 181 f.; Heinzel, Über die Walther- Walther u. Hildegunde, GRM. 13, 1925, 14 sage, Wien. SB. 117, II, 1888; Weinhold, -32. 119-30 (Wiederherstellungsversuch); W. Mitteil. d. hist. Ver. für Steiermark 9, 51 ff.; Klöpzig, Ist die Walthersage eine einheitliche Goedeke, Dt. Dichtung im MA. 2 , 1871, 393 Sage?, ZfdtBildung 3, 1926/27, 156-63; -95; K.Strecker, Eckehardi Waltharius, Schneider, Germ. Heldensage 1, 1928,331—44. darin die mhd. Waltherdichtung abgedruckt; 1 Ausgaben: v. d. Hagen u. Primisser, W. Eckerth, Das Waltherlied, Gedicht in Der Helden Buch I, 1820 (Der große Rosen- mhd. Sprache, 1905, dazu Ehrismann, Lbl. garten); W. Grimm, Der Rosengarten (Der 1907, 270f.; Eckerth, Das Walterlied, Ge- gröze Rosengarten), 1836, dazu Kl. Sehr.2, dicht in mhd. Sprache, mit einem Anhange 470f.; jetzt gültige Gesamtausgabe: Georg über die Schriftdenkmale zur Walthersage u. Holz, Die Gedichte vom Rosengarten zu die Walthersage, 2., vermehrte Aufl. 1909, Worms, 1893, dazu Singer, Anz. 17, 35-43, dazu Golther, Lbl. 1910,394 f., Piquet, Rev. Leitzmann, ZfdPh. 28,261-63, Golther, Lbl. germ. 5, 600-2. — Übersetzungen: Sim- 1895, 146-49, Cbl. 1895, 1728 f., Schönbach, rock, Das kleine Heldenbuch, 1844, 1859. — Österreich. Litbl. 1895, 151, Boer, Museum II, Abhandlungen: J. Grimm, Kl. Sehr. 7, 12. — Abdrücke von Bruchstücken: W. 166-69; W.Grimm, Heldensage S. 85-96; Grimm, Kl. Sehr. 4, 468-523; Bethmann, Bartsch, Germ. 12, 88 f.; W.Müller, My- ZfdA. 5, 368-70; Bartsch, Germ. 4, 1-33 thologie der dt. Heldensage, 1886, 11-28; (Pommersfelder Text); Müllenhoff, ZfdA. Heusler, Hoops Reallex. IV, 476 f.; See- 12, 411-13; Ders., Bruchstücke des Rosen- müller, Lieder von Walther und Hildegund, gartens F, ZfdA. 12, 530-36; Bartsch, Bruch- Melanges Godefroid Kurth II, 365-73, Liege stücke aus dem R., Germ. 8,196-208; Bruno et Paris 1908; Leitzmann, Walther u. Hilt- Philipp, Zum Rosengarten, 1879 (darin Text gunt bei den Angelsachsen, 1917, dazu Imel- zum Rosengarten I), dazu Steinmeyer, Anz. mann, DLz. 1918, 1046-48. 1076-78; A. H. 6, 229-35, Edzardi, Lbl. 1880, 401 f.; Jos. Krappe, The Legend of Walther and Hilde- Neuwirth, Tischer Bruchstück des Roseng., Die kleineren Heldenepen 165 Bruchstücke; F, thüringisch, 3 Hss. (Bruchstücke); C, die gemischte Redaktion, aus A und D zusammengeschmolzen, rheinfränkisch, 1 Hs.; P ist eine kürzende Bearbeitung aus D, 1 Hs. (Pommersfelden), östliches Mitteldeutschland; ein niederdeutsches Bruchstück aus Westfalen, 1470. 1 Ein Abschnitt in der Thidrekssage geht auf eine Vorstufe der Rosengärten zurück. A, 390 Nibelungenstrophen (Hildebrandston). A und D nennen das Lied am Schluß selbst daz Rosengarten liet bzw.: und ist der Rösengarte genant. Inhalt (nach A): Abschnitt I Str. 1-92: Kriemhild hat zu Worms einen mit Rosen bekleideten, von einem seidenen Faden umspannten Anger, den zwölf kühne Recken hüten (Aufzählung derselben), unter ihnen Gernot, Günther, Hagen, Volker, Ortwin und Sigfrid, ihr Gatte. Sie hört von Dietrich von Bern viel Rühmenswertes und will erfahren, wer das Beste tue, Sigfrid oder Dietrich. Sie läßt durch einen Gesandten nach Bern verkünden, Dietrich solle zwölf Helden bringen, die den Ihren gleichen, als Siegespreis setzt sie einen Rosenkranz und einen Kuß aus. Dietrich nimmt die Herausforderung an und läßt dies zurückmelden. II. Str. 93-130: Der Berner befragt Hildebrand, welcher seiner Helden jeweils einen der Wormser bestehen soll; Hildebrand verteilt sie. III. Str. 131-64: Noch fehlt der zwölfte Auserwählte, da holt Hildebrand seinen Bruder, den streitbaren Mönch Ilsan aus dem Kloster; mit Erlaubnis des Abtes zieht er mit und verspricht jedem der 52 Mönche ein Rosenkränzlein. IV. Str. 165-91: Am elften Morgen kam das Heer der Berner nach Worms und wird von Kriemhild festlich empfangen; sie gibt drei Tage Waffenstillstand und trägt ihnen selbst Wein auf. Kriemhilds Ansprache an die fremden Recken; sie wird von Hildebrand beleidigt. Mit dem V. Abschnitt, Str. 192, beginnen die Zweikämpfe der Berner als Angreifer mit den Burgunden als Verteidigern des Rosengartens und gehen bis Abschnitt XVIII Str. 390 (Schluß). Es sind zwölf Kämpferpaare; also das beliebte Motiv vom Zwölfkampf, der auch im Biterolf uud Dietleib vorkommt. Regelmäßig siegen die Berner, auch Dietrich über Sigfrid, nur Walther vom Wasgenstein und Dietleib kämpfen unentschieden und schließen Brüderschaft (Abschnitt X Str. 262-77). Zuletzt als Nachspiel (Abschnitt XVII Str. 371-80) reitet der Mönch Ilsan in den Garten (zertritt die Rosen und wälzt sich in ihnen in D XVII) und besiegt 52 Gegner, so daß ihm Kriemhild 52 Kränze reicht und Küsse bietet, wobei er sie mit seinem struppigen Bart blutig kratzt; in seinem Kloster drückt er zweiundfünfzig seiner Ordensbrüder jedem ein Kränzlein aufs Haupt, und zwar so stark, daß ihnen die Köpfe bluten, hiemite endet sich daz Rosengarten liet. Das Gedicht hat eigentlich nur ein Motiv, den Zwölfkampf (s. Schneider, German. Heldensage I, 286 ff.). Es ist dem Dichter nur in wenigen Fällen gelungen, dieses zu variieren; die Gliederung besteht fast immer nur in ein- ZfdA. 28, 139-42; K. W. Titz, Fragmente II, 1889; E.Jakobs, Rosengarten im deut- eines tschechischen Rosengartens, ZfdA. 25, sehen Lied u. Brauch mit besonderer Bezie- 253-71; Mourek, Prager Bruchst. einer Perg.- hung auf die Thüring.-sächsische Provinz, Neu- Hs. d. Rosengartens, SB. d. böhmischen Ges. jahrsblätter der histor. Kommission für die d. Wissensch. 1890, 118-30. — Übersetzun- Prov. Sachsen Nr. 21, 1897; Suolahti, Mem. gen: Simrock, Das kleine Heldenbuch, 1844. de la soc. neo-philol. de Helsingfors 6, 1917, 1859; Junghans, Reclam Nr. 760. — Anzeige 109 ff.; Schneider, Wolfdietrich, 1913,207ff.; einzelner Hss.: Heinzel, Anz. 17, 95 (Prager Ders., ZfdA. 58, 120-25; Singer, Neidhart- Bruchst.); Kautzsch, Festschr. Sievers 1896, Studien, 1920, 42-45 (Fastnachtspiel); Ernst 293; Faks. Könneke, 1. Aufl. S. 95. — Ab- Fehrle, Garten, Rose u. Rosengarten im dt. handl.: W.Grimm, Heldensage S. 245-57; MA., Heidelberg. Diss. 1924, Masch.-Dr.; Lun- Uhland, Der Rosengarten von Worms, Schrif- zer, Rosengartenmotive, Beitr. 50, 161-213; ten 8, 504-52; J. V. Zingerle, Germ. 7,104; Carl Brestowsky, Der Rosengarten zu E. H. Meyer, Über die Rosengärten, Vortrag, Worms, Versuch einer Wiederherstellung der s. Germ. 17, 381; Goedeke, Dt. Dichtung im Urgestalt, 1929, dazu Lunzer, Anz. 49, 9-13, MA. 2 , 1871, 509-15; Edzardi, Rosengarten u. Golther, Lbl. 1930, 182 f. Nibelungesage, Germ. 26, 172-76; Holz, Zum 1 Die Hss. sind verzeichnet in der Ausgabe Rosengarten, Untersuchungen des Gedichtes Holz S. II ff. 166 Die erzählende Dichtung leitenden Reden und dem Gefecht. Eine Ausnahme macht die wichtigste Kampfszene, die zwischen Dietrich und Sigfrid (Abschn. XVI Str. 322-70). Trotz der Reizrede Sigfrids wagt Dietrich nicht, ihn zu bestehen, weil er hürnin sei. Da schilt ihn Hildebrand in hellem Zorn und schlägt ihn so heftig auf den Mund, daß er zu Boden fällt; auch Wolfhart schimpft ihn Feigling. Da verlangt Dietrich sein Roß und reitet in den Rosengarten. Die beiden Fassungen A und D weichen beträchtlich voneinander ab. Das Original der Rosenkranzdichtung kann nicht sicher hergestellt werden; die ursprüngliche Grundlage bildet ein episches Lied. Das erhaltene Leseepos bzw. die betreffenden Fassungen fallen nicht vor die Mitte des 13. Jahrhunderts. Die Darstellung hat manches Anerkennenswerte; die Neigung zum Burlesken unterbricht wirksam die Einförmigkeit des Stoffes. Die metrische Form ist ziemlich locker; Hildebrandston. 1 Die folgenden zwei Epen, die Ausschnitte aus Dietrichs Leben behandeln, sind damit inhaltlich verbunden. Dietrichs Flucht Das Gedicht besitzen wir in einer minderwertigen Bearbeitung eines sonst unbekannten Mannes, der sich Heinrich der Vogler nennt (V. 8000). Es zählt 10152 V., Reimpaare. 2 Verfaßt um 1280 von einem Dichter aus Tirol. Inhalt. Das Gedicht besteht aus zwei Teilen. Zuerst werden die Ahnen Dietrichs aufgezählt. Der Stammvater ist Dietwart, König von Rom, in dem das Idealbild eines tüchtigen Fürsten gezeichnet ist. Er nimmt auf Rat seiner Getreuen die Tochter des Königs Ladiner von Westenmeer, Minne, zur Frau; ihr Sohn ist Sigeher, der Amelgart von derNormandie heiratet, die Mutter Siglindens, der Gemahlin des Königs Sigmund von den Niederlanden, die die Eltern Sigfrids waren. Dann folgt Hugdietrich, dessen Söhne die Brüder Diether, Dietmar, Ermenrich, der schlechteste aller Menschen, sind. Zweiter Teil, von V. 2519 an; die Flucht. Kämpfe zwischen Dietrich von Bern, dem Sohn Dietmars, und Ermenrich. Schließlich muß Dietrich das Land räumen und flieht zu Etzel in das Hunnenland, wo er von Etzel freundlich aufgenommen manche Jahre weilt und Herrat, die Nichte der Helche heiratet; schließlich kehrt er nach Bern (Verona) zurück, nachdem er den schändlichen Ermenrich vertrieben hat. Das Gedicht heißt Das Buch von Berne, 10129. — Der Inhalt ist auch zum Teil in die Thidrekssage aufgenommen worden. Dietrichs Flucht ist immer zugleich mit der „Rabenschlacht" überliefert, und zwar in vier Hss., beide wurden früher oft einem Verfasser zugeschrie- 1 Sprache, Metrik: Holz, Ausg. S. LXXIV Peters, Heinrich der Vogler, der Verfasser -C; Stil auch: Brinkmann, Wesen u. Form von Dietrichs Flucht u. der Rabenschlacht, S. 78. 182. Progr. Berlin 1890; Baesecke, Münchener Os- 2 Ausgaben:v.D.HAGENu.PRiMissERaaO.; wald, 1907, Reg. S.440; Sprenger, ZfdPh. Martin, Dt. Heldenbuch (Berlin) II, 55-215, 27, 284 f. (Stelle); W. Eckerth, Das Walther- 1866. — Fragmente: Pfeiffer, Germ. 12, 52; lied (s. oben), 122-24; Götze, „Dietrichs v. Ottenthal, ZfdA. 23, 336-41. — Ab- Flucht",„Rabenschlacht"u.Wernhers„Helm- handl.: Goedeke, Dt. Dichtung im MA. 2 , brecht", ZfdPh. 51, 478. — Sprachliches, 1871, 461-63 (Dietrichs Ahnen u. Flucht); Metrisches s. Martin in seiner Ausgabe Wegener, Die Entstehung von Dietrichs S. XXXVIII-LIX; Zwierzina, Anz. 26 Reg. Flucht zu den Heunen u. der Rabenschlacht, S. 346. 27 Reg. S. 342. ZfdPh. Ergänzungsband 1874, 447-581; Emil Die kleineren Heldenepen 167 ben. 1 Für beide bestanden ältere, verlorene Vorlagen. Der Verfasser, Heinrich der Vogler, war ein Fahrender, der nur ein poetisch ganz geringwertiges Machwerk zustande brachte, das er durch Entlehnungen aus dem Nibelungenlied und aus anderen Heldenepen, aber auch aus höfischen Epen, aus Wolfram, aufzuputzen suchte. Die Rabenschlacht An Dietrichs Flucht schließt sich unmittelbar die Rabenschlacht an mit Wiederholung der Kämpfe zwischen Dietrich und Ermenrich. 2 Den Inhalt gibt das Gedicht selbst in der Eingangsstrophe: von großer Heerfahrt; wie der von Bern seine Länder verteidigte gegen Ermenrich, der sie ihm verwüstete. Am Hunnenhofe, wo er sich aufhielt, klagt Dietrich immer um seine Helden, die er im Kampfe verloren hat. Etzel rüstet ein Heer für Dietrich und die Hochzeit mit Herrat wird gefeiert. Dann zieht Dietrich mit dem Heer gegen Raben. Die jungen Söhne Etzels, Ort und Scharf, und der junge Bruder Dietrichs, Diether, ziehen mit, sollen jedoch nicht mitkämpfen, aber trotz aller Zurückweisung reiten sie ins Feld hinaus. Da begegnet ihnen der starke Witege, der sie heimschickt. Die Jungen greifen ihn trotz seiner Warnung an, werden aber nach tapferem Kampfe tot geschlagen. Im Kampfe mit dem mit den Hunnen verbundenen Berner wird Ermenrich besiegt. Da wird Dietrich die Nachricht von dem Tode der drei jugendlichen Königskinder gebracht. Er stürmt hinaus, wirft sich in heftigem Schmerz über die drei Leichen, jagt Witege nach und verfolgt ihn bis ans Meer, da zieht diesen ein Meerweib hinab in die Wellen. Dietrich verwüstet Raben, Ermenrich ist entflohen. Rüedeger meldet Helche und Etzel den Tod ihrer Söhne, den verzweifelten Schmerz Dietrichs und seine Unschuld, und die Eltern verzeihen ihm. „Dietrichs Flucht" hat die „Rabenschlacht" stark beeinflußt und beide stimmen auch in stilistischen Eigenheiten so eng miteinander überein, daß man sie früher für Werke eines Verfassers angesehen hat. Ihre Form ist verschieden; die Rabenschlacht ist in Strophen gebaut (1140 Str.: 6 Zeilen ac, bd, ef reimen, ac drei Heb. klingend, bd drei Heb. stumpf, ef drei Heb. und fünf Heb. klingend). Das Gedicht muß trotz seiner ungewandten Ausdrucksweise Eindruck gemacht haben, wegen der rührenden Szene von dem Tode der drei jungen 1 So von Emil Peters aaO., Wegener aaO. bes.: Martin, Dt. Heldenbuch (Berlin) Bd. II, — Dietrichs Flucht und Rabenschlacht zu- 1866; Jiriczek, Kudrun u. Dietrichsepen in sammen behandelt, ohne ausdrücklich als von Auswahl, Samml. Göschen Nr. 10, 1920; einem Verfasser angesehen zu werden: Mar- Pfeiffer, Bruchstück, Germ. 12, 52 f.; tin, Ausg. S. XLIV; Heusler, Hoops Real- Zwierzina, Seckauer Bruchstücke der Ra- lex. 1,464 ff.; W. Haupt, Zur nd. Dietrichsage, benschl., Beitr. 50, 1-16. — Übersetzung: Pal. 129, 1913, 212 ff.; Schneider, Wolfdiet- L. Rückmann, Reclama. 1890. — Abhandl.: rieh S. 200 f.; Ders., ZfdA. 58, 100 ff.; Leitz- W. Grimm, Heldensage S. 184-202. 207-13; mann, Dietrichs Flucht u. Rabenschlacht, Goedeke, Dt. Dichtung im MA. 2 , 1871, 502 ZfdPh. 51, 46-91 (endgültiger Beweis gegen -09; Eckerth, Das Waltherlied, 1909 (s. Verfassereinheit beider Gedichte); Götze, oben), S. 125-28; Schneider, ZfdA. 54, 359 Dietrichs Flucht usw. aaO.; s. auch Maurer, -69; A.H.Krappe, Notes on the Raben- ZfdPh. 56, 150. schlacht, Mod. Lang. Notes 38, 1923, H. 8; 2 Ausgaben: v. d. Hagen u. Primisser, Leitzmann, Dietrichs Flucht u. Rabenschlacht, Der Helden Buch Bd. 2, 1925; v.d.Hagen, ZfdPh. 51, 46-91 (s. oben); Götze, „Diet- Heldenbuch I, 1855, Die Ravennaschlacht; L. richs Flucht", „Rabenschlacht" u. Wern- Ettmüller, Daz Maere von Vrou Heichen hers „Helmbrecht", ZfdPh. 51, 478. Sünen aus der Ravennaschlacht hgb., 1846; 168 Die erzählende Dichtung Königskinder und der Darstellung des Schmerzes Dietrichs und der Eltern. Diese Episode war auf der prächtigen Haube des geckenhaften jungen Helmbrecht abgestickt, ,von frouwen Heichen kinden, wie die wilen vor Raben den lip in stürme verloren haben' ff., Meier Helmbrecht vonWernher dem Gar- tenaere V. 72-82. Alpharts Tod 1 Dieses Gedicht bildet einen Ausschnitt aus den Kämpfen zwischen Dietrich und Ermenrich. Nur in einer Hs. des 15. Jahrhunderts, in der eine Reihe von Blättern fehlen, schlecht überliefert; erhalten sind 467 Nibelungenstrophen (Hildebrandston). Den Titel nennt das Gedicht selbst in der Schlußzeile: Alphartes tot. Es bietet viele Unklarheiten, die nicht zu enträtseln sind, und die innere Einheit ist gestört. Der Inhalt wird also hier nicht der Reihenfolge der Hs. und der Ausgabe nach wiedergegeben. Ermenrich läßt durch seinen Degen Heime Dietrich den Krieg ansagen; Heime reitet nach Bern und überbringt die Botschaft; Dietrich hält Kriegsrat mit seinen Mannen; Alphart, der Neffe Hildebrands, rät, einen Kundschafter gegen die Feinde auszusenden, und erbietet sich, auf die Warte zu gehen; Wolf hart, Alpharts Bruder, und Dietrich selbst sowie der alte Hildebrand raten ab, und flehentlich bittet ihn seine Braut Amelgart, von seinem Plane abzustehen. Aber er reitet fort über das Gefilde. Da reitet ihm Hildebrand nach, Alphart, der den Gepanzerten nicht erkennt, hält ihn für einen Mann Ermenrichs, und so kommt es zwischen beiden zu einem Kampf, in dem er den Alten zu Boden schlägt, ihn aber, als er ihm den Helm abbindet, erkennt; der empfiehlt ihn der Gnade Christi. Auf der Warte besiegt Alphart den Herzog Wülfing und erschlägt ihn mit den meisten seiner 80 Genossen. Da sprengte Witege gegen ihn an. Alphart heißt ihn; der Dietrich den Treueid geschworen hat, einen Meineidigen. Nach einem Trutzgespräch beider geht es zum Kampf, in dem Alphart den Witege vom Pferde sticht und wehrlos macht; es wäre ihm ein Leichtes gewesen, ihn zu durchbohren, aber dagegen wehrte sich sein edler Sinn. Da kommt Heime und versucht den Streit zu schlichten, aber Witege erhebt sich wieder und so dringen die Zwei auf den Einen. Alphart schlägt sie beide zu Boden, aber schließlich hauen sie den Ermüdeten nieder, und Witege stößt ihm das Schwert in den Leib. Nach diesem eigentlichen Ende des Gedichtes folgen nach einer Lücke in der Hs. noch viele Kämpfe Str. 306-467. 1 Ausgaben: v. d. Hagen, Heldenbuch 1, Mühlhausen in Thür. 1891, dazu Kinzel, Zfd- 1855; Martin, Deutsches Heldenbuch (Ber- Ph. 24, 258, Behaghel, Lbl. 1893, 351, Höl- lin) II. Bd., 1866, 2-54, dazu Scherer, Kl. scher, Arch. 87, 257 ff.; Kettner, Die Ein- Schr. 1, 636 ff. — Übersetzung: Simrock, Das heit des Alphartliedes, ZfdPh. 31,24-39; Ders., kleine Heldenbuch 1844.1859; K. J. Schröer, Das Verhältnis des Alphartliedes zu den Ge- Reclam Nr. 546; G. L. Klee, Apharts Tod, dichten von Wolfdietrich, ZfdPh. 31, 327-35; neubearbeitet 1880, dazu Behaghel, Lbl. Schönbach, Das Christentum in der altdeut- 1880. 469.— Abhandl.: W.Grimm, Helden- sehen Heldendichtung, 1897,209^8; Rich. sage S. 236-44; Goedeke, Dt. Dichtung im Mansky, Untersuchungen üb. Alpharts Tod, MA. 2 , 1871, 492-502; R. v. Muth, Zur Kritik Gott. Diss. 1904; Piquet, Notes sur la le- des Alphart, ZfdPh. 8, 205-13; Fr. Neu- gende de Dietrich et de la mort d'Alphart, Le mann, Untersuchungen üb. Alpharts Tod, Havre 1904, dazu Minckwitz, Cbl. 58, 28; Germ. 25, 300-19; Rud. Löhner, Beiträge zu Eckerth, Das Waltherlied 2 1909 (s. oben) Alpharts Tod, Progr. Kremsier 1885; Jiri- S. 119-21; Schneider, Wolfdietrich, 1913, czek, Die innere Geschichte des Alphartliedes, 198; Ders., ZfdA. 58, 105 ff.; Rud. Knapp, Beitr. 16, 115-99; Martin, Zur Kritik des Das Problem der Einheit von „Alpharts Tod", Alphartliedes, Beitr. 16, 471-76; E. Kett- Tüb. Diss. 1925, Masch.-Druck; Hans Bork, ner, Untersuchungen üb. Alpharts Tod, Progr. Stammlers Verfasserlex. 1, 64-69. Die kleineren Heldenepen 169 Das Gedicht hat kein Lied als Grundlage, der Stoff begegnet auch in der Thidrekssage; das Originalepos ist verloren und die überlieferte Form ganz verdorben. Durch den rührsamen Inhalt hat das Gedicht jedenfalls Eindruck gemacht, auch hebt es die Rittertugenden stark hervor. Verfaßt ist es von einem Fahrenden aus Ostfranken um 1250. 1 Vier Gedichte, die im Dialekt (alemannischer Ursprung) und in der Metrik gleich sind sowie im Stil und in der ganzen Haltung, in der Einwirkung ritterlicher Dichtung, im Grundmotiv „dventiure suochen", und die zum Inhalt tirolische Zwerg- und Riesenmärchen haben, werden für Werke ein und desselben Verfassers, des Albrecht von Kemenaten (wahrscheinlich aus dem Thurgau) gehalten. 2 Es sind Virginal, Sigenot, Eckenlied, Goldemar; genannt ist Albr. von Kemenaten nur im Goldemar. Als Zeit der Abfassung ist etwa 1270-80 anzusetzen. Virginal ist in drei stark voneinander abweichenden Bearbeitungen vorhanden, die verschiedene Namen führen: Virginal, Dietrichs erste Ausfahrt, Dietrich und seine Gesellen. 3 Sie gehen auf ein Original zurück, das aber nicht erhalten ist. Virginal, genannt nach der Hauptperson, einer Zwergkönigin, ist um 1280 in Aleman- nien entstanden. Inhalt; nach der Fassung Virginal: Hildebrand fordert den jungen Dietrich zu seinen ersten Abenteuern auf. Ein Heide bedrängt die junge Königin Virginal von Tirol. Dietrich zieht, aufgefordert von Hildebrand, mit diesem aus; sie treffen im Walde eine lautschreiende Jungfrau, die die Not ihrer Herrin beklagt; der Heide kommt heran, in hartem Kampfe schlägt ihm Hilde- 1 Stil und Metrik: Martin, Einleitung S.Vff.; 36. — Abhandlungen: Martin, König Diet- Schönbach, Das Christentum aaO., 1897, rieh von Bern u. seine Genossen, 1867; Zu- 209-48; Jiriczek, Beitr. 16, 115-99; Kett- pitza, Verbesserungen zu den Drachenkämp- ner, ZfdPh. 31, 24-39. fen, Bresl. Diss. 1869, dazu Bartsch, Germ. 2 Ihn nennt Rudolf von Ems in seinen beiden 15, 249 f.; Wilmanns, Über Virginal, Dietrich Dichterverzeichnissen Willehalm V. 2244 f. u. seine Gesellen u. Dietrichs erste Ausfahrt, und Alexander V. 3252, aber nicht seine Ge- ZfdA. 15, 294-309; Jiriczek, Deutsche Heidichte. Über Albrecht von Kemenaten s. densage I, 1898, bes. S. 222 ff.; Lunzer, Üb. Steinmeyer, ADB. 15, 597; Schröder, ZfdA. Dietrichs erste Ausfahrt, ZfdA. 43, 193-257 u. 67, 234 u. Anm. — Für einen Verfasser tre- Anz. 25, 395; J. v. Lunzer, Zu „Virginal" u. ten ein Uhland, Schriften 8, 354 ff.; Haupt, „Dietrichs erste Ausfahrt", Progr. Wien 1900; ZfdA.6,520-29, dazu Müllenhoff.Zut Gesch. J. Lunzer, Die Virginal A u. Wolframs Wille- der Nibel. Not S. 9 Anm. ; J. V. Zingerle, halm, ZfdA. 52, 113-34; Ders., Arabische Germ. 1, 295 f.; Zupitza in seiner Ausgabe Worte in „Dietrichs erster Ausfahrt", ZfdA. Bd. V S. XLVII ff.; andere, bes. neuere For- 53, 197 f.; Ders., Arona, ebda S. 1-61; Ernst scher nehmen verschiedene Verfasser an. Schmidt, Zur Entstehungsgeschichte u. Verausgaben: Zupitza, Dt, Heldenbuch (Ber- fasserfrage der Virgenal, Prager dt. Studien lin) V, 1870, dazu Steinmeyer, ZfdPh. 3, 237 H. 2, 1906, dazu Martin, Anz. 31, 58, Rosen- -44. Bruchstücke: Haupt, ZfdA. 6, 308-10; hagen, ZfdPh. 41, 67-70, Pohl, ZföG. 58, 740 v.d.Hagen, Heldenbuch 1, 1855, S. LVff.; -42; C. v. Kraus, Virginal u. Dietrichs Aus- Lexer, ZfdA. 13, 377-81; Barack, Germ. 6, fahrt, ZfdA. 50, 1-123; Schneider, Wolfdiet- 25-28; Huber, Münchn. Mus. 1, 1911, 46-63; rieh S. 186 ff.; Schneider, Germ. Heldensage O. v. Heinemann, ZfdA. 32, 74 ff.; Schrö- I S. 269 ff.; Naumann, Festschr. Ehrismann der, ZfdA. 54, 412-19; Priebsch, Arch. 145, 1925, 93. — Anklänge u. Entlehnungen bei 30-34; Wallner, Anz. 37, 116; Wegener, Meister Altswert: Henrik Becker, ZfdPh. 53, Bilderhss. in d. Heidelb. Univ.-Bibl., 1927, 161 ff. 170 Die erzählende Dichtung brand den Kopf ab, währenddessen streitet Dietrich mit den Mannen des Heidenkönigs; Kampf mit einem Drachen. Virginal läßt Dietrich zu sich laden, er reitet dahin und unterwegs begegnen ihm viele Abenteuer. Er wird von einem Riesen gefangen; Kampf mit diesem im Gefängnis, Dietrich schlägt ihn tot. Dann ein Wust von Riesenkämpfen und mit Drachen. In Jeraspunt, der Burg der Königin Virginal, war große Freude, als sie ihren Befreier mit seinen Mannen empfing. Feste werden gefeiert mit Tanz und Turnier. Da kommt der Bote Ruoland von Bern; er verkündet, Dietrich müsse nach Hause kommen, sonst wäre das Land verloren, man will die Stadt belagern. Virginal beklagt diese Botschaft sehr; Dietrich und Hildebrand ziehen nach Bern und werden dort froh empfangen. Der Stoff des Originals der drei Fassungen ist aus Märchenmotiven und freier Erfindung zusammengesetzt, hat höfische und volkstümliche Bestandteile; manches Gefällige ist aber zu schwerfällig behandelt und lang gedehnt. Virginal hat Entlehnungen aus Wolfdietrich und Wolframs Willehalm (Lun- zer aaO.). Andererseits finden sich Entlehnungen und Anklänge bei Meister Altswert (s. Henrik Becker, ZfdPh.53, 161-66). Das Gedicht — in seinen drei Fassungen — besteht aus Strophen von 12 Versen in der Reimstellung aab aab cd cd ee, die Zeilen haben 4 Hebungen stumpf oder 3 Hebungen klingend; der letzte Vers ist um das doppelte verlängert, 8 Hebungen stumpf, die „Bernerstrophe", der „Bernerton". 1 Sigenot 2 ein Riesenabenteuer des jungen Dietrich, ist in zwei Fassungen erhalten, in einer älteren, kürzeren (um 1250 und in einer jüngeren, längeren (um 1350), die eine Bearbeitung der älteren ist. Der ältere Sigenot hat 44 Strophen, der jüngere 196. 199. 201. 203 Strophen (Einschübe). Der Wortlaut ist in beiden Fassungen sehr verschieden. Die metrische Form, zwölfzeilige Strophen, ist die gleiche wie in der Virginal und den andern dem Albrecht von Kemenaten zugeschriebenen Gedichten. Inhalt des älteren Sigenot: Dietrich findet im Walde einen schlafenden Riesen und weckt ihn auf; dieser erkennt ihn, wirft ihm vor, er habe seinen Neffen erschlagen, schlägt ihn mit 1 Stil, Metrik: Wilmanns, ZfdA. 15,294-309; 1490, mit vollständ. Bibliographie, 1894, dazu Zupitzas Ausg. Einleit. S. V ff.; C. v. Kraus Seemüller, Anz. 24, 294; P. Heitz, Dietr. aaO., ZfdA. 50, 1-123; Ders., Der rührende von Bern (Sigenot), 14 Straßburger Original- Reim im Mhd., ZfdA. 56, 73 f.; Ernst holzstöcke aus e. alten bibliographisch völlig Schmidt aaO.; Schirokauer, Beitr. 47 Reg. unbekannten Ausgabe des 16. Jh.s, 1894; A. S. 125; Brinkmann, Wesen u. Form S. 180 f. Clemens Schoener, Der jüngere Sigenot nach 184. — Eine Hs. und viele Bruchstücke. sämtl. Hss. u. Drucken hgb., 1928, dazu 2 Ausg.: v. d. Hagen u. Primisser, Der Hei- Schröder, Anz. 28, 27-33; Behaghel, Lbl. den Buch II, 1825, 117-42; v.d.Hagen, Hei- 1930, Sp. 8, Piquet, Rev. germ. 20, 384 f.; denbuch II, 1855, 1-17; J. v.Lassberg, Ein Bruchstück: Karajan, Zu Sigenot, ZfdA. 5, schoen und kurzweilig gedieht von einem Rie- 245-50; Wegener, Bilderhss. d. Heidelberger sen genannt Sigenot... zum ersten Mal ans Univ.-Bibl., 1927, S. 79. — Abhandl.: W. liecht gestellt... 1829 durch Meister Seppen Grimm, Heldensage S. 271-74; Das jüngere von Eppishusen ... 1830; O. F. H. Schön- Gedicht vom Riesen Sigenot in: Ad. Studien huth, Die Klage sammt Sigenot u. Eggenliet, von Jänicke, Steinmeyer u. Wilmanns, nach dem Abdruck der ältesten Hs. des Frei- 1871; Schneider, Wolfdietrich, 1913, 197. — herrn Jos. v. Laßberg, 1839, neue Ausg. 1846; Der ältere Sigenot ist hgb. bei Lassberg, Osk. Schade, Sigenot, nach dem alten Nürn- Schönhuth, Zupitza; der jüngere bei v.d.Ha- berger Drucke..., 1854; Zupitza, Dt. Hei- gen 1825, Schade, Schorbach, Schoener. — denbuch (Berlin) Bd. V, 1870, 205-15; K. Üb. die Wasserburg-Donaueschinger Hs. s. Schorbach, Seltene Drucke in Nachbildungen unter Sigenot. IL Dietrich von Bern (Sigenot), Heidelberg Die kleineren Heldenepen 171 seiner Stange, nimmt ihn unter die Achseln und wirft ihn in eine Steinhöhle. Der Riese, Sige- nöt geheißen, reitet darauf gegen Bern; da begegnet ihm Hildebrand, den er anrennt und am Bart faßt. Das kränkt den Alten sehr; er sieht am Eingang der Höhle Dietrichs Schwert hängen und erschlägt den Riesen. Hildebrand will dann den Berner aus der Grube herausziehen, indem er sein Gewand zu einem Seile knüpft, aber dieses reißt. Da findet er in einem Berge einen Zwerg, der ihm behülflich ist und eine Leiter verschafft. Der Zwerg heißt Herzog Eggerich. Die beiden kehren heim nach Bern. Der letzte Satz, Str. 44 (Zupitza S.215), lautet: sus hebet sich Ecken Liet. In der Hs. L. ist Sigenot dem Eckenlied als Prolog vorangestellt. Das Eckenlied 1 ist in verschiedenen Versionen überliefert (v. Kraus, Bayer. Ak. aaO.): L (Laßbergs Hs., nicht ganz vollständig, hgb. v. d. Hagen und Primisser, 2.Teil, 1825, S.74-116; Laßberg; Schönhuth; v. d. Hagen;Zupitza).- Adas (A hgb. v. Kraus, Bayer. Ak. aaO., da ebda; d Dresdener Heldenbuch, hgb. v.d. Hagen u. Primisser 1825; a Augsburger Druck von 1491, hgb. Schorbach; s. Straßburger Druck von 1559, hgb. Schade 1854 (n Nürnberger Druck von 1512, nur die 6 letzten Strophen, stimmt bei vielen Abweichungen mit dem von Schade hgb. Straßburger Druck). — B eine Strophe in den Carmina Burana (s. oben), hgb. von Schmeller S.71 Nr. CLXXXa, ist der Anfang des alten Eckenliedes, Zupitza S. 231 Str. 69, bei v. Kraus, Bayer. Akad. S.77 Str. 69. Der aus LAdas hergestellte Text des Eckenliedes: C.v. Kraus, Bayer. Ak. S.63-85. Das Urlied kam aus Tirol (altes Tiroler Eckenlied um 1200), wo noch heutzutage der Sturmriese im Volksglauben lebt. Es gelangte an den Rhein und wurde um die Mitte des 13. Jahrhunderts zu einem Epos ausgebildet unter Aufschmückung durch einen französischen Artusroman, den „Papageien- 1 Ausgaben: v. d. Hagen u. Primisser, Der Zingerle, Die Heimat der Eckensage, Germ. Helden Buch II, 1825, 74-116; J.v. Lass- 1, 120-23; Zupitza, Prolegomena ad Alberti berg, „Eggen-liet, das ist: der Wallsere von de Kemenaten Ekium, Diss. 1865; Wilmanns, Heinrich von Linowe ... zum ersten mal ans Zur Geschichte des Eckenliedes, in: Altdeut- liecht gestellt durch meister Seppen von Ep- sehe Studien von Jäncke, Steinmeyer u. pishusen, 1832; Schönhuth, 1839. 1846 (s. Wilmanns, 1871; Saran, Beitr. 21,419; Vogt, oben unter Sigenot); Schade, Ecken Aus- Zum Eckenliede, ZfdPh.25, 1-28; Jiriczek, fahrt, 1854 (nach d. alten Straßburger Druck Deutsche Heldensagen I, 1898, 182 ff.; Otto von 1559); Zupitza, Dt. Heldenbuch (Berlin) Freiberg, Die Quellen des Eckenliedes, Beitr. V, 1870, Ecken Liet, S. 217-64 (nach Laß- 29, 1-79; Priebe, Ad. Schwertmärchen, Kiel, bergs Hs.); Schorbach, Ecken Auszfahrt, Diss. 1906; Lassbiegler, Beiträge z. GeAugsburg 1491, Seltene Drucke in Nachbildun- schichte der Eckendichtungen, Bonn. Diss. gen 3, 1897. — Bruchstücke: Aus der Samm- 1907; R. C. Boer, Das Eckenlied u. seine lung des Freiherrn v. Hardenberg, ZfdPh. 9, Quelle, Beitr. 32, 155-259; Lütjens, Der 416-20 (gehört zu der von Schade hgb. Fas- Zwerg, 1911, S. 37-39 u. Reg. S. 112; Schnei- sung, mit vielen Abweichungen); C. v. Kraus, der, Zur Eckesage, ZfdA. 54, 354-59; Ders., Bruchstücke einer neuen Fassung des Ecken- Wolfdietrich, 1913, 192; Ders., German. Hel- liedes A, Abhandl. d. bayer. Ak. 32 Nr. 3. 4, densage I, 1928, 255 ff.; G. Boos, Stud. über 1926. — Sigenot u. Egge, Wasserburg-Donau- das Eckenlied, Beitr. 39, 135-74; Singer, eschinger Hs., bei Junk, Ausg. von Rudolfs Wolframs Stil, 1916, 124; H. de Boor, Zur von Ems Willehalm von Orlens, 1905, S. XVIII Eckensage, Mitt. d. schles. Gesellsch. f. Volks- ff.; Konr. Schiffmann, Zwei Bruchstücke d. künde 23, 1922, 29^13; Singer, Ruodlieb, Eckenliedes, ZfdA.42, 227 f.—Abhandl.: W. Konrad Zwierzina zum 29. März 1924; Hans Grimm, Dt. Heldensage S. 213-26; Uhlands Steinger, Dt. Vjschr. 8, 64 ff.; Ders., Ecken- Schriften 1, 407-11; Massmann, Kaiserchronik lied, Stammlers Verfasserlex. 1,490-94; Wall- HI pass.; Müllenhoff, ZfdA. 12, 375 ff.; ner, ZfdA. 65, 224. 172 Die erzählende Dichtung ritter", Chevalier du papegau; der Schauplatz wurde in die Nähe von Köln verlegt: die Anfangszeile (Zupitza S. 219 Str. 1) lautet: Ein laut daz hiez Gripidr (= Colonia Agrippina). Dann wanderte es nach Tirol zurück, das ist das jetzt in L A erhaltene Ecken-epos (ungenau Eckenliet genannt). Der Inhalt ist auch in die Thidrekssage aufgenommen worden. In mhd. Spruchgedichten wird es als Typus eines Volksepos erwähnt: Konrad von Würzburg in seinem satirischen Spruch auf den Meißner, den er als Bänkelsänger höhnt, sagt „alsus kan ich liren" sprach einer der von Eggen sanc (Bartsch, Liederdichter, 4. Aufl. von Golther S. 285 Zeile 95 f.), und der Marner in seinem Vortragsverzeichnis singt u.a. von hern Eggen tot (Ausg. Strauch Nr. XV, 14 S. 125). Inhalt, nach L (Zupitza, 245 Strophen): In der Hauptstadt des Landes Gripiär, Köln, sitzen drei Helden, Ecke, Fasolt und Eckenot, zusammen und sprechen von auserwählten Recken. Ecke äußert sich verärgert, daß man den Berner vor ihnen allen lobeundseineTaten ganzvergesse.Er wird bestärkt durch den Zuspruch einer der drei Königinnen auf Jochgrim, die den Berner gerne sehen möchte. Der zwanzigjährige Ecke zieht sofort nach dem Berneraus, zu Fuß, denn ihn trägt kein Pferd. Er sucht Dietrich in Bern, der aber war nach Tirol, dahin zieht ihm Ecke nach. Unterwegs trifft er einen verwundeten Mann, Helfrich von Lune, der im Kampfe von Dietrich schwer verletzt worden war; Ecke verbindet ihm seine Wunden. Als Ecke Dietrich gefunden, lehnt dieser den Kampf ab, aber Ecke nennt ihn einen feigen Wicht; nach tagelangem Ringen durchsticht schließlich der Berner den jungen Riesen und haut ihm das Haupt ab. Er will es den Königinnen bringen. Auf dem Wege dahin stürzt ein junges Weib auf ihn zu und bittet ihn um Hilfe gegen den grimmen Fasolt, den Bruder Eckes, der sie verfolge; sie pflegt Dietrichs Wunden. Am andern Tag kommt Fasolt wieder, Dietrich besiegt ihn und läßt ihn Gehorsam schwören. Dann bezwingt der Berner den Unhold Eckenot. Fasolt, der Dietrich verderben will, bringt ihn auf eine Wiese, wo Eckes Mutter Birkhilt, als sie den Tod ihres Sohnes hört, mit einem Baum auf Dietrich losgeht. Er erschlägt sie; ihre Tochter Uodelgart greift ihn ebenso an, Dietrich ergreift sie bei dem Haar... Hier endet L (das Fasolt-Abenteuer ist offenkundlich eine spätere Erweiterung); das weitere ist: Dietrich erschlägt die Tochter, dann auch den Fasolt selbst, der ihn zuvor durch zwei geharnischte Männer in Lebensgefahr bringt. Dann kommt ein Bote zu den drei Königinnen und wirft ihnen Eckes Haupt vor die Füße. Die Metrik, zwölfzeilige Strophe mit verlängerter Schlußzeile, ist die gleiche wie bei allen vieren, dem Albrecht von Kemenaten zugeschriebenen Gedichten. 1 Goldemar 2 In die Gruppe der dem Albrecht von Kemenaten zugeschriebenen Gedichte gehört schließlich, mit dem gleichen Versmaß, als viertes das Gedicht vom Zwergkönig Goldemar. Nur ein Bruchstück von 9 1 /« Strophen aus dem Anfang des Gedichtes ist erhalten. Hier nennt sich der Verfasser (mit Recht?): von Kemenaten Al- 1 Metrik. Zupitza, Dt. Heldenb. (Berlin) V 201-4. — Abhandl.: W. Grimm, Heldensage S. XXXIX ff. (ebda Stil); Saran, Verslehre S. 174. 338; Uhlands Schriften 8, 354 f.; Sin- S. 262. 296 f.; v. Kraus, Bayer. Ak. aaO. ger, Handwörterbuch des deutschen Aber- S. 60-62. glaubens, 1930, 926 f., wo noch weitere in die- 2 Ausgaben: Haupt, ZfdA. 6, 520-29; ser Richtung gehende Lit.; Eberhard Klaass, v.d.Hagen, Heldenbuch, 1855, II, 525-28; Stammler Verfasserlex. 2, 55-57. — Hs.Nürn- Zupitza, Dt. Heldenbuch (Berlin) V, 1870, berg Germ. Museum. Die kleineren Heldenepen 173 breht, der tihte ditze mcere (Str. 2). Eine kurze Inhaltsangabe des ganzen Gedichtes findet sich in dem sogenannten Anhang des Heldenbuches (hgb. v. d. Hagen, Heldenbuch I, 1855, S.CXXII), ferner wird es im „Reinfrid von Braunschweig V. 25274 ff. erwähnt (Ausg. Bartsch, 1871, S.735, s. oben). Zeit der Abfassung: zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts. Inhalt. Dietrich von Bern ritt eines Tages in die Wildnis und wollte die in dem Gebirge Trutmunt hausenden Riesen sehen. Da fand er einen Berg, den hatten wilde Zwerge besetzt, die eine schöne Jungfrau bei sich hielten. Sie wollten sie dem Berner nicht zeigen; ihr König Gol- demar verbarg sie. Dieser sprach zu Dietrich, er sei ihm im Streit nicht gewachsen, doch wolle er ihm von der Dame Kunde geben .... Hier bricht das Bruchstück ab. Aus diesem und dem Anhang des Heldenbuches läßt sich der Gesamtinhalt erschließen: Da Goldemar die Jungfrau nicht freigeben wollte, holte Dietrich die Wulfinge, welche die von Goldemar zu seinem Schutz herbeigerufenen Riesen besiegten und die Jungfrau befreiten, worauf Dietrich sie zum Weibe nahm. Laurin l Dieses Gedicht ist eine Tiroler Zwergensage. Es ist in mehreren Fassungen erhalten, die miteinander verwandt sind, aber oft stark voneinander abweichen. Holz in seiner Ausgabe hat sie abgedruckt als A, S. 1-50, V. 1-1596 (Reimpaare); Fortsetzung in K, V. 1567-1856 und liber secundus(Walberan), 1265 V.; Laurin D, S. 96-182, 2830 V., wo als Verfasser fälschlich Heinrich von Ofterdingen genannt wird (V. 2822). Das Originalgedicht ist um 1200 anzusetzen, die gemeinsame Grundlage für die abgeleiteten Fassungen gehört in die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts. Verfasser dieser Grundlage war ein tirolischer fahrender Spielmann. Es ist eine tirolische Zwergengeschichte. Der Name Laurin wird erklärt aus dem bayerischen laur schlauer, hinterlistiger Mensch, Schweiz, lür Schelm, Spitzbube, erhalten im heutigen „lauern". Mit seinem Nebentitel wird das Gedicht auch Laurin undWalberan genannt, außerdem Laurin oder der kleine Rosengarten. Von Walberan handelt das zweite Buch des Laurin K; er war Laurins Oheim (Holz S.61 V.57ff.). 1 Ausgaben: v. d. Hagen u. Primisser, Der Gedichten Waltherv.d.V.u.zu Laurin,6.Aufl. Helden Buch II, 1825, 160-87; L. Ettmüller, 1876. —Übertragungen: Ludw. Scharf, 1916; Künech Luarin, 1829; J. V. Zingerle, König Rich. Zoozmann 1924; L. Bückmann u. Laurin oder der Rosengarten in Tirol, 1850; H. Hesse, Reclam. — Abhandl.: W. Müllenhoff, Laurin und Walberan, Deut- Grimm, Heldensage, S. 274-78; Müllenhoff, sches Heldenbuch (Berlin) I. Bd., 1866, 199 Luaran, ZfdA. 7, 531; J. V. Zingerle, -257; Müllenhoff, Laurin, ein tirolisches Germ. 7, 106 f.; R. v. Muth, Untersuchungen Heldenmärchen, 1874, dazu Bartsch, Germ. u. Excurse zur Geschichte der dt. Heldensage 20, 94-104, Müllenhoff 2. Aufl. 1886,3. Aufl. u. Volksepik, Wien. SB. 91, 1878, 223 ff., dazu 1908, 4. Aufl. besorgt von M. Roediger, 1913, Osw. Zingerle, Anz. 7, 410-16; Wilhelm, 5. Aufl. 1926; Ad. v. Keller, Lit.Ver. 87, Beitr. 33, 335; Lütjens, Der Zwerg, 1911, 1867; Georg Holz, Laurin u. der kleine Ro- S. 43 f. u. Reg. S. 115. 119; O. v. Zingerle, sengarten, 1897, dazu Lambel, Anz. 25, 266 Die Verbreitung der Namen Laurin u. Rosen- -91,UHL,ZfdPh. 35,248-55, Vogt, DLz. 1899, garten in Tirol, Forsch, u. Mitteil. z. Gesch. 146^8, Golther, Lbl. 1898, 321, Cbl. 1898, Tirols u. Vorarlberg 15, 1918, 8-21; Güntert, 368 f.; Zacher, Laurin, aus d. Hs. des Dom- Kalypso, 1919, Reg. S. 276; Wallner, ZfdA. kapitelarchivs zu Zeitz, ZfdA. 11, 501-535; 65, 224; A. H. Krappe, Laurins Rosengarten, K. Schorbach, Seltene Drucke in Nachbil- Arch. 88, 163, 3/4, 1933. — Viele Hss., Holz düngen IV Laurin, 1904, dazu Piquet, Revue S. I ff. — Anklänge an Laurin bei Meister crit. 1905, 1, 269 f.; Martin, Mhd. Gramm. Altswert: Henrik Becker, ZfdPh. 53, 161 ff. nebst Wörterbuch zu der Nibel. Not, zu den 174 Die erzählende Dichtung Zwei Motive sind in der Dichtung von Laurin miteinander verknüpft: 1. Der Rosengarten, 2. Der Zwerg als Mädchenräuber. Das erste Motiv für sich ist das Thema im großen Rosengarten, das zweite Motiv für sich ist das Thema im Goldemar. Der Rosengarten in Worms ist eine sagenhafte Erfindung, der Rosengarten des Laurin in Tirol aber hat tatsächlich örtlichen Hintergrund, da dort eine Berggruppe diesen Namen trägt. Inhalt: Hildebrand erzählt in einem Gespräch der Helden von Laurin, dieser sei nur drei Spannen lang, aber wer mit ihm anbindet, der unterliege, er brauche nur nach Tirol zu gehen und seinen von einem Seidenfaden umgebenen Rosengarten zu beschädigen. Sogleich macht sich Dietrich auf; Witege begleitet ihn, sie kommen an den wonniglichen Garten. Witege schlägt die Rosen ab und tritt sie nieder; die Wonne ist zerstört. Da kommt zu Roß der Zwergkönig Laurin angerannt mit seinem Zaubergürtel, der ihm die Kraft von zwölf Männern verleiht; er sticht Witege nieder. Dietrich kämpft mit dem Zwerg, zerbricht ihm den Zaubergürtel und schlägt ihn nieder. Der Zwerg veranlaßt Dietleib, der unter Dietrichs Helden mitgekommen war, als seinen Schwager (er war der Bruder der Künhild, die er jüngst geraubt hatte), für ihn um sein Leben zu bitten. Die Bitte wird gewährt und Laurin bewirtet Dietrich und seine Helden köstlich, betäubt sie aber durch starke Getränke und wirft sie in einen tiefen Kerker. Doch Künhild befreit sie durch Mittel, die den Zauber brechen. Dietrich besiegt Laurin und führt ihn gefangen nach Bern. Auf Dietrichs Gebot hin läßt sich der Zwerg taufen; Dietleib zieht mit Künhild nach Steier und verheiratet sie dort; Dietrich gibt Laurin sein Land zurück und sie schließen Freundschaft. Der Walberan ist eine Fortsetzung des Laurin (liber secundus, s. oben), keine alte Sage, sondern eine armselige Erfindung. Der Zwergkönig Walberan herrscht über die Zwerge in Asien. Den Inhalt des Gedichts bildet die Treubewährung Laurins: Dieser will Walberan durch einen Boten abhalten, gegen Bern zu ziehen, erreicht aber nichts. Der Kampf zwischen Dietrich und Walberan wird durch Hildebrands und Laurins Dazwischentreten geschlichtet und beide Kämpfer reichen sich die Hand zur Versöhnung. Der Stil im Laurin (und Walberan) ist weitschweifig; breite Beschreibungen des Landschaftlichen, der Rüstungen, der Feste, wobei sich Einfluß der höfischen Poesie zeigt, herrschen vor. Die Reime sind nicht immer rein. 1 Zu Dietrichs Befreiungskämpfen gehört auch Etzels Hofhaltung oder der Wunderer 2 Drei Versionen sind zu unterscheiden: H, Etzels Hofhaltung, im Heldenbuch Kaspars von der Roehn (Dresdener Heldenbuch und in einem davon 1 Brinkmann, Wesen und Form S. 178. 181. Abhandl.: W. Grimm, Heldensage S. 277; 183. — Holz, Ausg. S. XI f. Franz Zimmerstädt, Untersuchungen üb. das 2 Ausgaben: v. d. Hagen u. Primisser II, Gedicht Kaspars von der Roen „Der Wunde- 1825, 55-73 (Etzels Hofhaltung, im Helden- rer", Progr. Berlin 1888; 0. Warnatsch, Die buch Kaspars von der Roehn); v. d. Hagen, Sage vom Wunderer u. den Saugen in ihrer li- Heldenbuch II, 1855, 529-34 (Etzels Hofhai- terarhistor. Gestaltung, Festschr. d. germanist. tung, alter Druck); Adalb. v. Keller, Erzäh- Ver.Breslau 1902,177-92; Reinhold Köhler, lungen aus ad. Hss., Lit. Ver. 35, 1855, 1-9 Germ. 14, 243-45 u. Kl. Schriften 2, 1909, 79 (K); Ders., Ein spil von dem Perner u. Wun- -83; Heinr. Hempel, Untersuchungen zum derer, Keller, Fastnachtspiele II,1853,Nr.62; Wunderer, Hall. Diss. 1914; Hans Naumann, Konr. Schiffmann, Ein Bruchstück des Wun- Primitive Gemeinschaftskultur, 1921, 139.— derers, ZfdA. 15, 416-20; Carl Brestowsky, Saran, Berliner JB. 1902, S. 84. Zum Wunderer-Bruchstück, ZfdA. 65, 63 f. — Die kleineren Heldenepen 175 vielfach abweichenden Druck von 1538); 28 Strophen im Hildebrandston. — K, Ain Spruch von aim konig mit namen Etzell (Regensburger Hs.); 295 V.; Reimpaare. — F, Ein Fastnachtspiel, Ein Spil von dem Perner und Wunderer (Wolfenbüttler Hs.); 134 V.; Reimpaare. K ist die älteste Fassung, geht auf ein Gedicht vom Anfang des 14. Jahrhunderts zurück; das Original aller drei Versionen war ein Gedicht in Reimpaaren aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Inhalt von H (Anfang fehlt). Zweikampf zwischen Dietrich und dem wilden Wunderer, der eine Jungfrau fressen wollte. Dietrich schlägt ihm das Haupt ab und bringt es in den Palast, in dem Etzel Hof hält; die Jungfrau dankt ihm; Mahlzeit bei Etzel, wobei viele Fürsten versammelt sind. Die Jungfrau nennt ihren Namen, Frau Seid (Sselde) und geht von dannen in ihres Vaters Land; die Fürsten nehmen Abschied von Etzel. Dem Titel „Etzels Hofhaltung" entsprechend hat die Schilderung viel Höfisches; wo der „Wunderer" auftritt, ist der Kampf, der in der gewöhnlichen Weise dargestellt ist, das herrschende Motiv. Dietrich und Wenezlan ist nur scheinbar von einem höfischen Dichter (aus Österreich) zur Verherrlichung des Königs Wenzel II. von Böhmen und Polen (1285-1305) um 1295/96 verfaßt, ein Stück aus der Heldensage. Es ist keine alte Sage, 1 sondern freie Erfindung des Dichters. Bruchstücke, 510 V., Reimpaare. Es behandelt einen Zweikampf zwischen Dietrich und dem König von Polen in der Zeit, als Dietrich am Hofe Etzels weilte. Der Zweikampf verläuft in höfischer Weise, ist eine tjoste vor Damen, wird unendlich breit in allen Einzelheiten beschrieben; beide verrichten die größten Heldentaten. Als es Abend ward, dachte Dietrich: ja herre, wie lanc sol ditze sin? Damit bricht das Fragment ab. Stil: Mischung von Höfischem und Volkstümlichem; die Reime sind nicht immer genau (Zupitza S. LH f.). Nicht unmittelbar zu dem Dietrichskreise gehörig, aber durch die Person des Helden demselben nahestehend ist Das jüngere Hildebrandslied 2 Das Zentralmotiv, der Kampf zwischen Vater und Sohn, ist aus dem ahd. Hildebrandslied bekannt (ahd. LG.I, 1. Aufl., S. 115-31, bes. S. 128, 2. Aufl., S. 121-37 bes. S. 134), aber die innere Form, die Gestalt, die Ethik sind 1 Ausgaben: Wackernagel, Ad. Blätter 1, Vorz. 1863, 439 f.; Müllenhoff u. Scherers 329-42; Zupitza, Dt. Heldenbuch (Berlin) V, Denkmäler, 3. Aufl., 2. Bd., S.26-30 jWacker- 1870, 265-74. — Abhandl.: Jiriczek, Dt. nagel, Ad. Lesebuch, 5. Aufl., 1873, 1422-28; Heldensagen I, 1898, 179 f.; Holz, Rosen- goedeke, Dt. Dichtung im MA. 2 , 1871, 548f.; garten (s. oben), Einleitung S. CHI Anm.; Henrici, Das dt. Heldenbuch, Auswahl, Lunzer, Dietrich u. Wenezlan, ZfdA. 55,1-40; Kürschners Dt. Nat.-Litt. Bd. 7, o. J.; K. Schröder, ZfdA. 70, 142-44; Leitzmann, Schorbach, Seltene Drucke in Nachbildun- Wolframianismen in „Dietrich u. Wenezlan", gen, I. Die Historien von dem Ritter Beringer Beitr. 50, 211 ff. (Druck Straßburg 1495), 1893 (darin von dem 2 Ausgaben: Brüder Grimm, Die beiden äl- „Edlen Hildebrand"). — Bartsch, Das niedertesten deutschen Gedichte usw., 1812, 53 ff.; deutsche Hildebrandslied (Übertragung aus v.d.Hagen u. Primisser II, 1825, 219-21; dem Hochdeutschen), Germ. 7, 284-91, vgl. Uhland, Alte hoch-u. niederdeutsche Volks- Goedeke, Weimarer Jahrbuch 4, 11 f. — lieder Nr. 132; Wagner, Anz. f. Kunde d. dt. Hss. u. Drucke: Müllenhoff u. Scherer, 176 Die erzählende Dichtung durchaus verschieden: das ahd. Hildebrandslied ist ein erschütterndes Schicksalslied, das mittelhochdeutsche ein humoristisch gefärbtes Unterhaltungsstück. Zwischen dem ahd. stabreimenden und dem mhd. in achtzeiligen Strophen abgefaßten Lied liegen gewiß verschiedene verlorene Fassungen; unsere zwei gehören dem 13. Jahrhundert an (nach 1220). Sie unterscheiden sich schon gleich äußerlich durch den Umfang: a das kürzere Gedicht, das Volkslied, hat 20 Strophen, b das längere 29 Strophen; das längere ist eine Erweiterung des kürzeren, die den Wortlaut oft beibehalten oder wenig geändert hat. Der Sohn heißt in a: „der jung her Alebrant", in b bloß „der junge". Meister Hildebrand will gen Bern ausreiten; 32 Jahre hat er Frau Ute nicht gesehen. Der Herzog Amelung sagt ihm: der junge Herr Alebrant wird dich anrennen; auch Dietrich warnt ihn vor einem Zweikampf mit Alebrant. Als er zum Rosengarten ausreitet, wird er von einem jungen Helden — es ist Alebrant — angerannt; nach einer Trutzrede geht das unblutige Ringen los, bei dem der Alte den Jungen ins Gras wirft. In dem folgenden Zwiegespräch enthüllt der Junge, daß seine Mutter Frau Ute heiße und Hildebrand sein Vater sei. Darauf das Erkennen. Der Junge führt den Vater nach Bern zur Mutter, wo die drei bei einem Mahle fröhlich zusammensitzen. — Das neun Strophen längere Gedicht ist erweitert dadurch, daß eine Episode vor dem Eintritt in das Vaterhaus eingeschaltet ist: Vater und Sohn führen einen Scheinkampf auf, wobei sie sich stellen, als ob der Junge den Alten besiegt hätte; er führt ihn gefesselt nach Haus; bei der Mahlzeit, die dadurch um einige Strophen erweitert ist, klärt der Junge den Hergang auf. Das kürzere Lied, a (20 Strophen) ist in vielen Drucken verbreitet gewesen (Müllenhoffu. Scherer, Denkm. S. 20 ff.); es ist ins Niederdeutsche übertragen worden (Bartsch, Germ. 7, 284-91). Die Erweiterung, 29 Str. (b) ist ein Beispiel für die Methode, wie aus einem Lied ein Heldenepos geschaffen wird: 1 der Kampf wird einfach wiederholt; die Szenen (hier die Mahlzeit) werden verlängert, nicht inhaltlich bereichert. Der Stil ist der des Volkslieds; Versmaß und Reime sind sehr gewaltsam behandelt, frei und oft unrein. Zum Schluß sei noch hingewiesen auf eine Sage, die zwar keine Bearbeitung in einem Liede gefunden hat, deren Inhalt aber häufig in den Dichtungen der Heldenepik berührt wird. Denkmäler, 3. Aufl.,2 Bd. S.20ff.; Goedeke, 0. Oelsner, Zeit u. Zeitgeist im älteren u. Grundr. I 2 , 249. — Abhandl.: W.Grimm, jüngeren Hildebrandslied, Zs. f. dt. Bildg. 7, Heldensage S. 257 f.; Müllenhoff, ZfdA. 12, 1931, H. 3; Walter Anderson, Der Schwank 362 (Name); Edzardi, Germ. 19, 315-26. 20, vom alten Hildebrand, eine vergleichende 320 f. 21, 51-53; H. C. Boer, De liederen van Studie, Dorpat, Acta et commentationes Univ. Hildebrand en Hadubrand, Verslagen en Me- Tart. 21, 1-23, 1, 1932; Naumann, Primitive dedeel. d. k. Akademie, 4. R., Amsterdam Gemeinschaftskultur, 1921, S. 135 f. 1909; Schneider, ZfdA. 58, 125; Walther * Das kurze Lied, 20 Str., bei Uhland, Volks- Kienast, Altes Hildebrandslied, Thidreks- lieder, Müllenhoff u. Scherer, Goedeke, saga, junges Hildebrandslied, Archiv 144, Dt. Dichtung im MA., beginnt „Ich wilzu land 1923, 155-69; de Boor, Die nordische u. deut- außreiten"; das längere Lied, 29 Str., bei sehe Hildebrandssage, ZfdPh. 50, 175-210; v. d. Hagen u. Primisser, in Wackernagels Schneider, Festschrift Ehrismann 1925, 112 Lesebuch, Henrici, beginnt „Ich soltzu land ff.; Heusler, Das alte u. das junge Hilde- ausreiten". brandslied, Preuß. Jahrb. 208, 1927, 143-52; Die kleineren Heldenepen 177 3. DIE WIELANDSAGE Es gibt zwei vollständige Berichte über diese Sage, das Wielands-Lied der Edda, Völundarkvicta und die Thidrekssaga. Die Edda erzählt: Im Wolfstal am Wolfssee, wo sie wilde Tiere jagten, wohnten drei Brüder, Söhne eines Finnenkönigs, Slagfidr, Egill, Wölund (Wieland). Eines Morgens trafen sie am Ufer des Sees drei Frauen, die Flachs spannen; in der Nähe lagen ihre Schwanenhemden, 2 denn sie waren Walküren. Die drei Brüder raubten ihnen ihre Schwanenhemden, wodurch die Walküren in ihre Gewalt kamen und ihre Gattinnen wurden, aber nach sieben Wintern ihnen entflogen. Die beiden älteren Brüder suchten nach ihnen; Wieland aber, der zu Hause geblieben war, wurde auf Befehl des Königs Nidhod von Schweden gefesselt und gelähmt und auf eine Insel gebracht, wo er für den König schmieden mußte. Aus Rache lockte er die beiden Söhne des Königs in seine Schmiede, und als dieselben in eine geöffnete Kiste hineinsahen, schlug er den Deckel zu und dadurch die Köpfe ab. Aus ihren Augen machte er Edelsteine und schickte sie der Königin, die Schädel faßte er in Silber und schickte sie dem König, die Zähne verarbeitete er zum Schmuck für die Tochter. Diese bewältigte er im Schlafe, nachdem er ihr einen betäubenden Trank eingegeben; dann hob er sich in die Lüfte. Aus andern Quellen wissen wir, daß die Königstochter einen Sohn gebar, dieser war Wittig, 3 Wielands Sohn. Die Wielandsage war weit verbreitet im Mittelalter: im Altnord., Ags. (s. Müllenhoff, ZfdA. 12, 265 ff.), Engl., in Deutschland, Frankreich (Ve- land le forgeron). Im Deutschen ist Wieland als kunstreicher Schmied bekannt und als Vater des Dietrichshelden Witige. Aus Bemerkungen in Literaturdenkmälern des 12. und 13. Jahrhunderts lassen sich Schlüsse ziehen auf verlorene Heldenlieder. So gab es solche a) über Witege, Heime und Dietrich, über Dietrichs Drachenkampf, ß) über Herzog Iron, y) ein Hildegrimlied, ein Ruodlieblied. 4 Hürnen Seyfrid 5 Der Zeitfolge nach bildet den Schluß der Heldenepen das nur in Drucken aus dem 16. und dem Anfang des 17. Jahrhunderts auf uns gekommene Lied vom Hürnen Seyfrid. Es gehört in den Bereich des Nibelungenliedes, erzählt Sigfrids Jugendabenteuer und gibt damit eine selbständige Erweiterung des Nibelungenliedes. 1 J.Grimm, Mythologie S. 349-52. 451 (4. Meyer, Mythologie d. Germanen, 1903,160 ff., Aufl. S. 312-14. 399); W.Grimm, Heldensage, s. Völundarkvida, Reg. S. 525; Schröder, Reg. unter Wieland; Müllenhoff, ZfdA. 12, Wiel. d. Schmied, ZfdA. 53,329-35; Ders., Ein 307 f. 367 f., s. Helm, ZfdA. 34, 295-97; Zeugnis zur Wielandsage, ZfdA. 57, 143 f.; Stieglitz, Die Sage von Wieland dem Schneider, Witege, Heime u. Dietrich, ZfdA. Schmied, dem Dädalus der Deutschen, 1835; 58, 126; A. H. Krappe, Zur Wielandsage I, Ferd. Wolf, Zu der Sage von Wieland dem Archiv 158, 1930, 9-23. Schmiede, Ad. Blätter 1, 1836, 34-47; K. 2 Schwanenjungfrauen auch in dem mhd. Meyer, Die Wielandsage, Germ. 14, 283-300; Gedicht Friedrich von Schwaben. Simrock, Handbuch der deutschen Mytho- 3 Der Witige der Sage ist der geschichtliche logie, 1874, Reg. S. 642; Zupitza, Ein Zeug- Widigoja in des Jordanes Gotengeschichte, nis für die Wielandsage, ZfdA. 19, 129 f.; W. De rebus Geticis, um 550; ahd. kommt der Müller, Mythologie d. dt. Heldensage aaO. Name in Chroniken vor als Witigo, Witigouuo, S. 124-47; Golther, Die Wielandsage u. die Müllenhoff, ZfdA. 12, 255-59. 307. Wanderung der fränkischen Heldensage, Germ. 4 a) Schneider, ZfdA. 58, 126 f.; ß) W. von 33, 449-80; P. Passler, Die Geschichte der Unwerth, Herzog Iron, Beitr. 38, 280-313; Heimesage, Progr. Hörn (Niederösterreich) y) Schneider, German. Heldensage I, 265 f.; 1893, dazu Seemüller, Anz. 31, 332-37; Ders., ebda S. 263. Heusler, Hoops RealLex.4,528f.; Jiriczek, 6 Ausgaben: v. d. Hagen u. Primisser, Dt. Heldensage I, 1898, 1-54; Elard Hugo Der Helden Buch II, 1825; Goedeke, Dt. 12 Deutsche Literaturgeschichte IV 178 Die erzählende Dichtung Inhalt. I. Str. 1-15. König Sigmund im Niederlande hat einen sehr unbändigen Sohn, Sey- frid. Der läuft davon und kommt zu einem Schmied, bei dem schlägt er den Amboß in den Grund; der Meister hofft, ihn los zu werden, und schickt ihn fort zu einer Linde, wo ein Drache haust. Sigfrid erschlägt diesen und viele andere Lindwürmer, verbrennt sie, bestreicht sich mit ihrer schmelzenden Hornhaut und wird hürnen; er vergißt aber eine Stelle zwischen den Schultern, wo er später den Tod erlitt. Er dient dem König Gibich seine Tochter ab. Er findet den Nyblingenhort bei dem Zwerg Nybling. König Gibich in Worms hat drei Söhne und eine Tochter. II. Str. 16-179. Ein Drache entführt Kriemhild auf einen Felsen, wo er sie bis in das vierte Jahr behält. Der König läßt Kriemhilden suchen. Seyfrid jagt in dem Wald und kommt vor den Drachenstein. Dann kommt ein langstieliger Kampf mit dem treulosen Riesen Kuperan (Str. 59-114), der Seyfrid mit einem Schlüssel den Stein aufschließen muß. In diesen Nöten erweist sich ihm oft der Zwergkönig Eugel hilfreich. Seyfrid wirft schließlich den Kuperan vom Stein herab, daß er zerschellt. Nachdem er auf dem Stein den Drachen zerhauen hat, wobei ihm Eugel gegen die Hitze Hilfe leistet, reitet er mit der befreiten Kriemhild nach Worms. Das Gedicht, von einem Verfasser, wie auch Stil und Metrik beweisen, zerfällt ersichtlich in zwei ursprünglich voneinander unabhängige Bestandteile, die nur ganz roh zusammengeflickt sind: I Sigfrids Jugendgeschichte (Str. 1 -15), die von der Darstellung des Nibelungenlieds abweicht (dagegen sich in der Thiedreksage findet). II Sigfrieds Befreiung der Kriemhild und Drachenkämpfe (Str. 16-179, Schluß). Teil I ist ein kurzer Auszug aus einem verlorenen längeren Gedicht, dessen Original noch ins 12. Jahrhundert zurückgeht. Teil II beginnt von neuem, als ob nichts vorausginge, und widerspricht oft dem ersten, ist Neudichtung; das Original ist nicht vor etwa 1230 entstanden. Das Lied vom Hürnen Seyfrid in seiner uns erhaltenen Gestalt fällt schon in die nhd. Periode, denn es ist in einer Anzahl von Drucken (11 sind festgestellt) aus der Zeit von etwa 1527 bis 1611 1 überliefert. Diese Überlieferung geht auf zwei verlorene Lieder aus dem Anfang und Ende des 13. Jahrhunderts zurück. Aus der Dichtung des 16. Jahrhunderts entsprang das Volksbuch vom gehörnten Sigfrid. Dieses ist wohl gegen Ende des 17. Jahrhunderts verfaßt worden und der erste Druck stammt aus dem Jahr 1726; Dichtung im MA. 2 , 1871, 549-57; Golther, ler, Die Entstehung u. sagengeschichtliche Das Lied vom Hürnen Seyfrid nach der Bedeutung des Seifridsliedes, Progr. Neuwied Druckredaktion des 16. Jh.s mit e. Anhange: 1914, dazu Baesecke, Anz. 37, 125-38; Hün- das Volksbuch vom gehörnten Siegfried nach nerkopf, Die Drachensage im Hürnen Sey- der ältesten Ausg. (1726), 1889, 2. Aufl. 1911. frid, Beitr. 44, 322-30; Lunzer, Beitr. 49, 457 Übersetzungen: Simrock, Das kleine Hei- -72; Bolte-Poüvka 1, 547. 2, 315; Straß- denbuch, 1844,1859; Pannier, Reclam [1913]. burger Holzschnitte zu Dietrich von Bern usw., Abhandl.:W. Grimm, Heldensage S. 258-61; Drucke u. Holzschnitte des 16. Jh.s, 1922; H. Müllenhoff, ZfdA. 12, 362 (Name), Sche- W. J. Kroes, Untersuchungen üb. d. Lied rer, Die Anfänge des dt. Prosaromans, QF. 21, vom Hürnen Seyfrid mit Berücksichtigung der 1897, 25 f.; M. Herrmann, Die Überlieferung verwandten Überlieferungen, Diss. Groningen der Lieder vom hürnen Seyfrid, ZfdA. 46, 61 1924, dazu Baesecke, Anz. 44,77 f., de Boor, -89; Chr. Aug. Mayer, Üb. das Lied vom Lbl. 1928, 265-69; Schneider, German. Hel- hürnen Seyfrid, ZfdPh. 35, 47-58. 204-211; densage I, 1928, 63 f. 115 ff. 123 f. (Lit.); Panzer, Seyfrid de Ardemont, Lit. Ver 227, Wallner, ZfdA. 65, 224; Heinr. Samson, 1903, S. CXII-CXIV; Elisabeth Bernhöft, Beiträge zum dt. Märchen im ausgehenden Das Lied vom hörnenen Sigfrid, Vorgeschichte MA., Köllner Diss. 1931. der Druckredaktion des XVI. Jh.s, Diss. Rost. 1 Sie sind aufgezählt in Golthers Ausg. 1910; Panzer, Sigfrid, 1913, 1-35; Schnei- S. V ff. der, Wolfdietrich, 1913, 211 ff.; Scheidwei- Die kleineren Heldenepen 179 seitdem wurde es bis ins 19. Jahrhundert oft gedruckt und auf Jahrmärkten verkauft. — Im jüngeren Titurel V.3312 wird gesagt, daß die Blinden singen, Seifrid wäre hürnen. 1 Die Sprache 2 ist frühneuhochdeutsch, die langen Vokale sind diphthongiert (Sifried > Seifrid!). Die Metrik verfährt mit der Sprache sehr willkürlich. Es sind Strophen im Hildebrandston, wie in der einleitenden Strophe, dem Vorwort, selbst gesagt wird; 179 Strophen von 8 Zeilen; Silbenzählung; in den ungeraden Zeilen 7 Silben, in den geraden 6 Silben; die ungeraden Zeilen (1. 3. 5....) reimen nicht, nur die geraden (2.4. 6....). Die Reime sind sehr frei. Die Darstellung ist ungeschickt und verworren, einiges wird zweimal gebracht und widerspricht sich. Vieles ist unklar und durcheinander; unanschauliche, schlechte Schilderung. 1 Alwin Schultz, Das höfische Leben I 2 , 204-11; Th. Lindemann, Versuch einer For- 1889, 564 Anm. 6. mcnlehre d. Hürnen Seyfried, 1913; Golther, 2 Sprache und Metrik: Chr. Aug. Mayer, Die l.Aufl. S.XVII-XIX, 2. Aufl. S.XXVII Reimtechnik des Hürnen Seyfrid, ZfdPh. 35, -XXIX. IL DIE LYRISCHE DICHTUNG A. ALLGEMEINER TEIL Minnesanc, Sang, Singen von Minne, ist schon der mhd. technische Ausdruck für diese eigenartige höfische Lyrik. 1 Meistersanc bedeutet ursprünglich allgemein „meisterhafter Gesang", erst später den Sang eines in der Kunst gelehrten Dichters, der den Titel „Meister" beanspruchen durfte. Literarhistorisch in engem Zusammenhang mit dem Minnesang steht die Spruchdichtung. Eine feste Grenze zwischen beiden ist schon deshalb nicht zu ziehen, weil die Gegenstände ineinander greifen. Doch gibt die Tendenz dem Spruch einen bestimmten Charakter, der ihn vom Lied trennt: es ist der lehrhafte Zweck. Die Spruchdichtung gehört zur didaktischen Poesie, die aus der irrationalen Welt des Gefühls emporsteigenden Gemütsstimmungen werden zu intellektuellen Problemen der Liebe, Freundschaft, Religion u. a. Der Minnesang beruht auf einem subjektiven Icherlebnis, wie wenig tief es auch zuweilen gedrungen sein mag, in der Spruchdichtung äußert sich ein objektives Gemeinschaftserlebnis. Die Literaturangaben. Bibliographie (s. auch LG. II, 2, 22 Anm. 1, 2) etwas eingeschränkt: Bartsch, Liederdichter; Vogt, MF.; Ergebnisse u. Fortschritte d. germ. Wissensch. im letzten Vierteljahrhundert, 1902, 289-300 (Kinzel); Schneider, Heldendichtung usw. S. 507 ff.; Castle, Reallex. 2, 570 ff.; Ehrismann, Die Kürenberg-Lit. usw., GRM. 15, 1927, 328-50; Günther Müller, Ergebnisse u. Aufgaben der Minnesangsforschg., Dt. Vjschr. 5,1927, 106-29; Ders., Reallex. 2, 224; Rosenhagen, ebda S. 353-65; Halbach, Sachwörterb. 1930, 365 f. 737. 739. 761 f. 799 f.; Fr. R. Schröder, Minnesang, I. Zusammenfassung der Forschung, GRM. 1933. — Sammlungen. Friedr. Heinr. v. d. Hagen, Minnesänger (abgekürzt MSH. od. HMS.), Deutsche Liederdichter des 12., 13. u. 14. Jh.s, 4 Teile 1838, anast. Nachdruck 1923; dazu Bildersaal ad. Dichter 1856. — Die älteren Minnesänger: Des Minnesangs Frühling, hgb. v. Lachmann u. Haupt, 1857, 2. Ausg. v. W. Wilmanns 1875, 3., 4. Ausg. v. Friedr. Vogt 1882. 1888, neubearb. v. Vogt, 1.-5. Aufl. 1911. 1913. 1920. 1923. 1930 (1923. 1930 unveränderter Abdruck), s. Bartsch u. Pfeiffer, Germ. 3, 1858, 481-508, Pfeiffer, Freie Forsch. S.413 ff., Haupt, ZfdA. 11, 563-93, zu Vogts Bearbeitung: Rosenhagen, GRM.4,1912,369-89; Julius Goebel, Beitr. zurTextkritik U.Erklärung von Des Minnesangs Frühling, Studiesinhonor ofH.Collitz 1930,207-1 I.K.Bartsch, Deutsche Liederdichter d.l2-14.Jh.s,l.,2.Aufl.l864.1878, 3.,4. Aufl. von W. Golther 1893.1901, dazu Kraus, ZföG. 45,1894,422-27, Schröder, Anz.27, 276f., 8. Aufl. 1928 von Golther; Fr. Pfaff, Der Minnesang d. 12.-14. Jh.s in Kürschners Dt. Na- tional-Litt. Bd. 8, 1. IL, 1892. — Bartsch, Meisterlieder der KolmarerHs., Lit.Ver. Bd. 68,1862. — Abhandlungen: J. Grimm, Beweis, daß der Minnesang Meistergesang ist, 1807, u. Kl. Sehr. 4,12-21, s.auch S.7f.; J.Grimm, Üb. d. ad.Meistergesang 1811; Uhland, D.Minnesang, Schriften 5, 113-282, MSH. Bd. 4; W. Wackernagel, Afranz. Lieder u. Leiche 1846, 193-251; Scherer, Dt. Stud. 1 u. 2, Wien. SB. 64, 1870. 1874, 2. Aufl. SA. 1891; Paul, Krit. Beitr. z. d. Minnesingern, Beitr. 2, 406-560; Emil Henrici, Z. Gesch. d. mhd. Lyrik, Jen. Diss. 1876; x Auch: von minnen singen Walther 66, 21; Hartmann aaO. V. 21, minnesenger MSH. 2, Parz. 587, 7; Hartmanns A. Heinr. 71 u. 173a; s. Mhd. Wb. II, 2, 304; Bartsch, Lie- Kreuzlied, MF. 218, 23; minneliet Neidhart 85, derdichter 4 S. X. 33, s. Grimm, DWb. 6, 2238; minnesinger Ursprung des Minnesangs. Die provenzalische Liebesdichtung. Die Trubadur 181 Wilmanns, Leben Walthers 1882, 4. Aufl. von Michels 1916, 16-60. 234-89 u. Anm.; Burdach, Reinm.d. Alte u. Walther v. d. V. 1880, 2. Aufl. 1928, dazu Halbach, DLz. 1928, 2204-08; Roethe, Die Gedichte Reinmars v. Zweter, 1887; Alfr. Jeanroy, Les origines de la poesie ly- rique en France pendant le m. äge, 1889,2.3. Aufl. 1904. 1925, S. 274-307; Schönbach, Walther v. d. V., 1890, S. 17 ff., ed. Schneider 1923, S. 1 ff.; Schönbach, Die Anfänge des dt. Minnesanges, 1898, dazu Golther, ZfdPh. 31, 510-12, Martin, DLz. 1898, 1555 f., Panzer, Lbl. 1901, 233-36, Piquet, Rev. crit. N. s. 48, 163-65 (260); Schönbach, Beiträge z. Erklär, ad. Dichtwerke I, Die älteren Minnesänger, Wiener SB. 141, 1899, II. Abh., dazu R.M.Meyer, Anz. 26, 133 f., Ehrismann, ZfdPh. 33,393-406, Panzer, Lbl. 1901,233-36; Eduard Wechss- ler, D. Kulturproblem des Minnesangs 1, 1909; K. Vossler, Die philosoph. Grundlagen zum „süßen neuen Stil", 1904; Elisabeth Haakh, Die Naturbetrachtung bei den mhd. Lyrikern, 1908; W. Ganzenmüller, D. Naturgefühl im MA., 1914; Martin Grabmann, Die Kulturphilosophie des Hl. Thomas v. Aquin, 1925; Franz Rolf Schröder, Der Minnesang. I. Die Forschung, II. Das Problem, GRM. 1933,161-87. 257-90; Elise Walter, Verluste auf d. Gebiet der mhd. Lyrik, 1933. Günther Müller, Stud. zum Formproblem des Minnesangs, Dt. Vjschr. 1, 1923, 61-103; Ders., Gradualismus, ebda 2,1924,705-10; Ders., Dt. Dichtg. d. Renaissance bis z. Ausgang des Barock, Walzels Handb.d.Lit.wissensch. 1927; Ders.,Lied, Reallex.2,211-14; Schneider, Kreuzzugslyrik, Reallex. 2, 137-40; Halbach, Kreuzzugsdichtung, Sachwörterbuch 1930, 674 f.; Friedr. Neumann, Hohe Minne, ZfDtschkde 1925, 81-91, Hof. Kultur, Buchreihe d. Dt. Vjschr. Bd. 17, 1929; Hennig Brinkmann, Entstehungsgesch. d. Minnesangs, 1926 (dazu Ehrismann, Lbl. 1927,406 ff., H. Wocke, Euphorion 28, 621-24); Brinkmann, Zur geistesgeschichtl. Stellung d. dt. Minnesangs, Dt. Vjschr.3,1925,615-41; Ders., Wesen u. Form s. oben; Naumann, Ritterl. Standeskultur um 1200, in: Höf. Kultur, Buchreihe d. Dt. Vjschr. 17, 1929, 15 ff.; Hellmuth Langenbucher, Das Gesicht d. dt. Minnesangs u. seine Wandlungen 1930, dazu Schneider, Anz. 50, 176-78, Halbach, DLz. 1931, 112-16, Ehrismann, Lbl. 1931, 248-50, Piquet, Revue germ. 22, 1931, 61 f.; Langenbucher, Idealismus u. Realismus im dt. Minnesang, ZfdtBildung 6, 1930, 441-49; Ders., Dt. Volkstum, Mai 1931, 337-45; Albert Nagel, Die Ideengrundlagen des Minnesangs, Heidelberg. Diss. 1929; Kurt Halbach, Minnesang und klassische staufische Lyrik, Literaturbericht, ZfdtBildung 1931, 534 ff.; Wilh. Dilthey, D. ritterliche Lyrik, in: Dilthey, Von dt. Dichtung u. Musik, 1933, S. 65-94. — Einzelne Themata: Paul Schulz, Die erotischen Motive in d. dt. Dichtung d. 12. u. 13. Jh.s, Greifsw. Diss. 1907; A. Freybe, Das Memento mori in dt. Sitte, 1909, darin Minnesänger S. 215 ff.; I. W. Bruinier, Die Liebe im Liede d. dt. MA.s, 1913; Wilh. Nickel, Sirventes und Spruchdichtung Pal. 63, 1907, S. 70 ff.; Ferd. Mohr, Das unhöf. Element in d. mhd. Lyrik von Walther an, Tüb. Diss. 1913; L. F. Clausz, Die Totenklage d. dt. Minnesänger, Freiburg. Diss. 1919, ungedruckt; L. Heinemann, Üb. Quellen, Entwicklung u. Gestaltung der lyrischen Totenklagen deutscher Dichter bis z. Ausgange d. mhd. Zeit, Marburg. Diss. 1928, ungedr.; Ph. A. Becker, Vom christlichen Hymnus zum Minnesang, Histor. Jahrb. 52, 1932, H. 1. — Übertragungen: Tieck, Minnelieder aus d. schwäb. Zeitalter, 1803; Simrock 1858; Storck 1872; Obermann 1891 (Reclam); Escherich 1901; Friedr. Wolters 1909 (dazu R. M. Meyer, Anz. 35, 158), 2. Ausg. 1922; Grünstein, Minnelieder aus Österreich, 1921; Graumann 1925; Wilh. v. Scholz 1925; Ders., Minnesänger d. Schweiz, 1928; Rich. Zoozmann 1927; Hans Naumann, Höf. Kultur, 1929, 15-34; K. Korn, Stud. üb. Freude u. Trüren, 1932; Lilli Seibold, Stud. üb. die Huote, 1932, dazu L. Wolff, Anz. 52, 135-37. Engl. Übersetzung: Frank C. Nicholson, 1907; Yetro Bithell 1909, dazu R. M. Meyer, Anz. 35, 158 f., Vogt, DLz. 1912, 2591 f. Ursprung des Minnesangs. Die provenzalische Liebesdichtung. Die Trubadur Die Minnelyrik, ritterliche Liebesdichtung, ist, wie die höfische Kultur überhaupt, romanischen Ursprungs. Südfrankreich ist die Heimat dieses eigenartigsten Ausdrucks mittelalterlicher Laienkunst und dieprovenzalischen 182 Die lyrische Dichtung Trubadur 1 sind die ersten Minnesänger im christlichen Abendlande. Sie haben dieser Liebeslyrik das System gegeben. Die äußeren, objektiven Bedingungen, das Feudalwesen und die Hofsitte, und die inneren, subjektiven der Geistesbildung waren historisch vorbereitet in den Zuständen Südfrankreichs. Hier war alter Kulturboden, hier wirkte die griechisch-römische Bildung des Altertums ununterbrochen nach im Schulbetrieb (s. LG. II, 2, 16f.), stärker als im gallo-fränkischen Norden Frankreichs, wo der antike Einfluß nicht so tief in das Volksbewußtsein eingedrungen war. Die Dichter, die Trubadur (trobaire, Akk. Sing, trobador, von trobar finden, also eigentlich Erfinder von Liedern und Melodien), gehörten den verschiedensten Ständen an. Sie waren nicht selten vornehme Herren; in der Mehrzahl freilich Hofdichter von Beruf und des Lebensunterhaltes wegen, also arme Ministerialen (ritterliche Dienstmannen). Vielfach waren sie jedoch auch niederer Herkunft, Bürgerliche und Fahrende (Spielleute, joglar), und selbst Geistliche. Die Zeit des provenzalischen Minnesangs erstreckt sich auf die zwei Jahrhunderte von etwa 1100 bis etwa 1300. Die altfranzösische Kunstlyrik der Trouveres 2 (vgl. prov. trobaire, plur. trobadors) ist keine französische Schöpfung, sondern eine Nachahmung der provenzalischen Trubadurpoesie. Eigenartiger sind einige Gattungen speziell französischen Ursprungs, kunstmäßige Fortbildungen des alten Volkstanzliedes (s. unter „höfische Dorfpoesie"). Auf den deutschen Minnesang hat die nordfranzösische Lyrik im Verhältnis zur provenzalischen nur wenig eingewirkt. Viel erörtert ist die Frage, ob der Minnesang auch in Südfrankreich entstanden ist oder ob die provenzalischen Ritter die Anregung von außen bekamen. An den moslimischen Höfen Spaniens während des 9. bis zum 11. Jahrhundert wurde die Dichtkunst eifrig gepflegt. Sie hatten ihre Hofdichter, die Fürstenpreis und Frauenhuldigung sangen. Auch vornehme Herren suchten dichterischen Ruhm zu erlangen. Diese arabische Liebeslyrik hat charakteristische und nebensächliche Züge mit der Poesie der Trubadur gemein. 3 1 Lit. bei Alb. Stimming, Gröbere Grundr. d. afrz. Lit., 1905 u. ff. Kap. V u. XI, 1 u. 2; II 2 , 2, 1 ff. — Friedr. Diez, Die Poesie der Jeanroy, Les origines aaO.; Gaston Paris, Troubadours 1826, Leben u. Werke der Troub. Journ. des Savants 1891, 674 ff. 1892, 155ff.; 1829. Aus der umfangreichen Lit. sei hier nur Faral, Recherches sur les sources latines des noch verwiesen auf K. Vossler, Der Trobador contes et romans courtois, 1913; Heyl, Theo- Marcabru u. die Anfänge des gekünstelten rie d. Minne, Klein, Afr. Minnefragen s. oben. Stiles, Münchn.SB. 1913,11. Abh.; Ders.,Peire — Siehe Roman. Jahresber. Cardinal usw., ebda 1916, 6. Abh.; Ders., D. 3 Konrad Burdach hat die für die GeMinnesang d. Bernh. v. Ventadorn ebda 1918, schichte des Minnesangs so bedeutungsvolle 2. Abh.; F. Gennrich, Zur Ursprungsfrage des arabische Theorie durch eingehende Unterdes Minnesangs, ein literarhist.-musikwissen- suchungen begründet: Üb. d. Ursprung d. mit- schaftl. Beitr., Dt. Vjschr. 7, 187-228; Wal- telalterl. Minnesangs, Liebesromans u. Frauen- ther Suchier, Reallex. 2, 708-33 (Lyrik ebda dienstes, SB. d. Preuß. Ak. 1918 Nr. 45. 47 u. Markwardt, 310-23). — Siehe Roman. Vorspiel 1, 1, 253-333; ferner Singer, Arab. u. Jahresber. europ. Poesie im MA., Abhandl. d. Preuß. Ak. 2 Wackernagel, Afrz. Lieder u. Leiche aaO. 1918 Nr. 13 u. ZfdPh. 52, 89-92 (zu Burdach S. 193 f.; Gröbers Grundr. II, 1, 659-85. u. Singer: W. Mulertt, Neuphilol. Mitteil. 935-71; Voretzsch, Einführung in d. Studium 22, 1921, 1-25); J. Hell, Islamica II, 1926, Ursprung des Minnesangs. Die provenzalische Liebesdichtung. Die Trubadur 183 Die mittellateinische Theorie 1 findet den Ausgangspunkt für den Minnebegriff und den Minnedienst in den lateinischen Huldigungsversen, die geistliche Poeten an fürstliche Frauen richteten, die ihre sozialen und seelischen Grundbedingungen in der mittellateinischen Epistolographie, dem brieflichen Verkehr von Geistlichen mit Nonnen haben. Doch kann diese Voraussetzung allein die Entstehung der Trubadurlyrik nicht erklären, sie ist aber wertvoll, weil sie den engen Zusammenhang zwischen dem Minnesang und der mittelalterlich lateinischen Literatur betont. Der Urgrund zum Trieb dieser neuen poetischen Herzensverkündigung muß in der Sache der südfranzösischen Sänger selbst gegeben gewesen sein, eine psychische Dynamik, die unserer Kenntnis verborgen bleibt. Die Macht der geschichtlichen Tradition, die in der Schule gepflegte Bildung ist die notwendige Voraussetzung dabei, zu der vollendeten Formgebung wurden die Trubadur von den lateinischen Dichtern erzogen, namentlich von Ovid. 2 Ovid war nicht mehr allein Lehrer zum Lateinschreiben, sondern zum Erlernen der Liebe. Seine ars amandi gab die Theorie, wie in der Praxis zu lieben sei, und mythologische Beispiele für Liebesverhältnisse brachten die Heroiden. Manche einzelne Motive Ovids waren, durch die Schule vermittelt, Gemeingut der klassischen Bildung der Zeit, z. B. der Minnen Pfeil, Liebe als Krankheit und Heilung davon, Sterben vor Liebe, Schüchternheit in Gegenwart der Geliebten, Fernliebe. 3 271 ff.; Georg Jacob, Arab. Berichte von Gesandten an german. Fürstenhöfen aus d. 9. u. 10. Jh., Quellen z. dt. Volkskde H. 1, 1927, 37 ff. (ein arabischer Gesandter singt einer nordischen Fürstin ein Minnelied vor); R. Erck- mann, D. Einfluß d. arab.-span. Kultur auf d. Entwicklung des Minnesangs, Dt. Vjschr. 9, 1931, H. 2; Brinkmann, Entstehungsgesch. d. Minnesangs S. 13 ff.; Friedr. Neumann, ZfDeutschkde 1925, 89 f.; Günth. Müller, Dt. Vjschr. 5, 1927, 115 ff. — Erik Rooth, Den provensalska Trubadurpoesiens upp- komst 0 gamla och nya teorier, Vetensk. Soc. i LundArsb. 1927 S. 1 ff.; Walth. Bücheler, Franz. Einflüsse auf d. Strophenbau u. die Strophenbindung bei d. dt. Minnesängern, Bonn. Diss. 1930, dazu Gennrich, Lbl. 1931, 150-52. 1 Hennig Brinkmann, Neophilol. 9, 1923, 49-60. 203-21; Ders., Gesch. d. lat. Liebesdichtung im MA., 1925 (dazu Schwietering, Anz. 45, 77 ff.); Ders., Entstehungsgesch. d. Minnesangs, 1926 (dazu Schwietering aaO., Günth. Müller, Dt. Vjschr. 5, 1927, 117 ff., Ehrismann, Lbl. 1927, 403-6, Wocke, Eu- phorion 28, 1927, 621-24, Piquet, Rev. germ. 17, 363-68, JB. 1926/27 S.304); J. J.A.A. Frantzen, Neophilol. 4, 1919, 358-71 u. Me- dedeel. K. Kkad. Amsterd. afdeel. Letterk. 53, 1922, 249 ff.; Alfred Pillet, Zum Ursprung d. altprov. Lyrik, 1928, dazu Scheludko, Lbl. 1930, 49-52; Scheludko, ZfrzSpr. 52, 1929, H. 1 ff. 2 Bartsch, Albrecht v. Halberstadt u. Ovid im MA., 1861 (s. LG. II, 2, 106); Herm. Unger, De Ovidiana in Carminibus Buranis quae dicuntur imitatione, Berl. Diss. 1894; Wilibald Schrötter, Ovid u. d. Troubadours 1908, dazu Vossler, Lbl. 1909, 63-65, Wechssler, Kulturproblem S. VIII-X; Ders., ebda Reg. S. 481 unter Ovid; Vossler, Venta- dorn S. 121-43; Faral, Sources latines usw.; Burdach, SB. d. Preuß. Ak. 1918 Sp. 1015f. u. Vorspiel I, 1, 278 f.; Frantzen, Neophilol. 4, 1919, 364-71; Günther Müller, Dt. Vjschr. 1, 1923, 64ff.; Heinr. Schulz, Zur Gesch. d. ältesten dt. u. ndl. Bearbeitungen von Ovids ars amatoria, Hamburg. Diss. 1924, Masch. u. Auszug; Schwietering, ZfdA. 61, 61-82; Ders., Anz. 45, 77-90; Brinkmann, Gesch. d. lat. Liebesdichtung Reg. S. 105; Ders., Entstehungsgesch. Reg. S. 169; K. Strecker, Ovidianische Verskunst im MA., Hermes 62, 1927, H. 2. — Der unmittelbare Einfluß Ovids auf den dt. Minnesang ist gering; auf Walther, Morungen s. Schwietering, ZfdA. 61, 67 ff. 3 Die Forderung der Heimlichhaltung der Minne {tougen minne) wie die Klage über Verleumder und Aufpasser (merker) beruht auf gemeinmenschlichen Lebensvorkommnissen ; zum offiziellen Bestand der Minnetheorie mögen diese Motive dann durch den Einfluß von Ovids Liebeskunst geworden sein (huote aus Ovid: Schwietering, ZfdA. 62, 68. 76). 184 Die lyrische Dichtung In der Liebeslyrik der Trubadur entfaltet sich ein traditionelles Schema für das Minnephänomen mit grundlegenden und ausweitenden Motiven, ein System von Regeln, eine Minnelehre, Minnedoktrin, Minnetheorie. 1 Wesentliche Bestandteile dieser Minnepsychologie und Minneethik sind schon in der Scholastik und Mystik, überhaupt in der geistlichen Literatur der Zeit vorbereitet, einzelne Vorstellungen sind aus Ovid entlehnt. Verhältnis des deutschen zum provenzalischen Minnesang. Wie bei der Einverleibung des französischen höfischen Epos hat das deutsche Gemüt auch die Stimmung der Liebeslyrik in seiner eigenen Geistesart erfaßt und in seiner nationalen Empfindungsweise erlebt. 2 Zwar die Grundform wurde festgehalten, die Minne als Frauenkult und Frauendienst, auch die ausstattenden Motive, in welche das Vorstellungs- und Gefühlsleben in der Poesie der Trubadur gekleidet ist, haben die deutschen Empfänger zum großen Teil übernommen. Der Unterschied besteht weniger im Stoff als in der Stilisierung. Das Temperament der Provenzalen ist lebhafter, feuriger und kräftiger, die Ausdrucksweise affektvoller, dramatischer; sie lassen ihre persönlichen und heimatlichen Beziehungen, historische und landschaftliche Anspielungen mitschwingen und auch in ihrer Gefühlswelt stehen sie dem Leben und seinen Realitäten näher. Die Äußerung des deutschen Lebensgefühls dagegen erscheint noch mehr in die Hofsitte gebannt und gedämpft durch die Forderungen der feinen Lebensart. Stärker überwiegen die reinen, gestaltlosen Liebeslieder mit der Idealisierung der Frau oder mit der Reflexion über das Minnephänomen. Darum ist die provenzalische Lyrik mannigfaltiger und abwechslungsreicher als die deutsche. Auch sind die Liebesverhältnisse der Trubadur viel durchsichtiger. Der Dichter enthüllt seine Persönlichkeit unbefangen, während aus den deutschen Minneliedern selten etwas für die wirklichen Schicksale ihrer Verfasser zu entnehmen ist; auch ist es Vorschrift, den Namen der Dame nicht zu nennen. 3 1 Theorie: Roethe, Reinmar S. 186 ff.; Veneris, Dt. Vjschr. 5, 37-64 pass.; Fr. W. Ferd. Michel, Heinr. v. Morungen u. die Strothmann, D. Gerichtsverhandl. als literar. Troubadours, QF. 38, 1880; Anna Luderitz, Motiv usw. 1930 S. 25 f.; Erich Bachmann, Die Liebestheorie der Provenzalen bei den Studien üb. Everhard von Cersne, Berl. Diss. Minnesingern der Stauferzeit, 1904; K. Heyl, 1891 S. 16-55 (Cersne hat den Tractatus amo- Die Theorie der Minne in d. ältesten Minne- ris poet. bearbeitet). romanen Frankreichs, 1911; Alex. Klein, Die 2 Wechssler, Esprit u. Geist, Versuch einer afrz. Minnefragen 1911; Emil Nickel, Studien Wesenskunde des Deutschen und des Fran- z. Liebesproblem bei Gottfr. v. Straßburg, zosen, 1927. — Selbständige Züge des dt. 1927; Hennig Brinkmann, Zu Wesen und Minnesangs gegenüber dem provenzal.: Voss- Form mittelalterl. Dichtung, 1928. — Das um- ler, Vom süßen neuen Stil S. 10 ff.; Kluck- fassendste System einer Minnelehre hat An- höhn, ZfdA. 52, 135-49; v. Kraus, H. v. Mo- dreas Capellanus, Hofkaplan des Königs rungen S. 112 f.; Schneider, Heldendichtung von Frankreich (spätestens 1220) aufgestellt, usw. S. 376-78. Ausg.: E.Trojel, Kopenh. 1892; s. Wechss- 3 Die mhd. Minnesingernovellen, die ler, Kulturproblem I Reg. S.476; Wein- sog. Dichterheldensage, sind ganz andern Ur- Hold, Die dt. Frauen 2 , 1882, Bd. I, 274 f.; Sprungs als die provenzalischen Biographien Hans Hofmann, Ein Nachahmer Hermanns der Trubadur, sie haben keinen oder nur ge- von Sachsenheim, Marburg. Diss. 1893 S. 47; ringen realen, biographischen Hintergrund, Heyl aaO. pass.; Klein aaO.; Singer, Fest- vielmehr bestehen sie aus verbreiteten Sagenschrift Ehrismann S. 61-65; Baethgen, Rota motiven, die an die betreffenden Dichter an- Wesen und Inhalt des Minnesangs 185 Wesen und Inhalt des Minnesangs Kultur der Frau. Jene ideelen und formalen Bedingungen im südfranzösischen Leben, die gesellschaftlichen Anforderungen und die gesteigerten geistigen Energien, schufen ein neues höfisches Lebensgefühl, in welchem die Frau, die Herrscherin im Reiche der Zucht und Sitte, eine überragende Stellung gewann. Aus dieser Stimmung heraus entwickelte sich, zunächst in Südfrankreich, ein hohes Frauenideal, das in der Minnedichtung eine Verklärung erhielt. Nicht die Totalität der Willensvorgänge, die im Epos als Heldentum und Minne zusammengefaßt sind, ist hier im Bilde geschaut, nicht die männliche, tätige, kräftige Seite des ritterlichen Charakters drängt hier zur Tat, 1 sondern ein gefügsam sich hingebendes Herz versenkt sich in ein einziges Wunschbild, die geliebte Frau. Der Kultus der Frau, die Frauenverehrung ist der seelische Urgrund des Minnesangs. Die Frau ist das Urbild der Vollkommenheit, fast ein überirdisches Wesen, dessen leibliche Schönheit ein himmlischer Glanz umschwebt. Minnesang und Religion. 2 Die denknotwendige Voraussetzung für diese eigenartig transzendente Auffassung der Minne, für die nahzu religiöse Huldigung der Frau, beruht auf der Erschließung jener Gefühlslagen, die das Christentum mit seiner Hinneigung zu den weichen Seiten des Menschengemüts, mit seinem betonten Eindringen in die Tiefen des Seelenlebens besonders zur Geltung bringt. Die christliche Ethik stellt selbst die Caritas, die übernatürliche Gottes- und Nächstenliebe in den Mittelpunkt der sittlichen Gesinnung. Die himmlische Liebe, dieCharitas, ist ein von der Gnade verliehene Kraft, amorDei, amor spiritualis; ihr gegenüber steht in der geistig-sinnlichen Realität des Menschen die irdische Liebe als physische Naturgewalt, amor mundi, amor carnalis. Die spirituelle Liebe, Charitas, ist eine der drei göttlichen Tugenden (virtus), die natürliche Liebe, Cupiditas, ist eine Leidenschaft (passio). geknüpft sind. Lit: Burdach, Abhandl. d. problem I Reg. S. 495; Ders., 49. Philol.-Vers. Preuß. Ak. 1918, 1023 u. Vorspiel I, 1, 288; in Posen 1907; Ders., Eros u Minne, Vorträge Singer, SB. d. Preuß. Ak. 1918, 15; Fritz der Bibliothek Warburg I; Vossler, Die gött- Rostock, Mhd. Dichterheldensage, Hermaea liehe Komödie l 1 , 1907, 100. 708 ff., 2. Aufl. Nr.15, 1925, dazu Niewöhner, Anz.45,20-23, 1925, S. 70. 484 ff.; Ders., Die philos. Grund- Ranke, ZfdPh. 51, 130 f., Bebermeyer, DLz. lagen z. „süßen neuen Stil", 1904; Burdach, 1926, 1653-55, Piquet, Revue germ. 1926 SB. d. Preuß. Ak. 1918 S. 1007 u. Vorspiel I, S. 104, Wulloughby, Mod. Lang. Rev. XXI 1, 269; Schwietering, Anz. 45, 83. 85; Ders., Juli 1926, Kip, Journ. of Engl, and Germ. ZfdA. 61, 81; Günther Müller, Gradualis- Phil. XXV, April 1926; Schneider, Festschr. mus, Dt. Vjschr. 1, 705-09; Brinkmann, Ent- EhrismannS. 119-24; Walther Seehaussen, stehungsgesch. S. 29-34; Heyl S. 168 ff.;— Michel Wyssenherre, 1913, 76 ff.; v. Kraus, Heinz Pflaum, Die Idee der Liebe. Leone Heinr. v. Morungen übersetzt S. 114-19; Fr. Ebreo, Heidelberger Abhandl. zur Philosophie Bader, D.Lied u.d. Sage vom edlen Moringer, usw. Nr. 7, 1926; Heyl aaO. S. 168 ff.; Ph. Bayerland 35, 1924, 142-47. — LG. II, 2, 56 Aug. Becker. Vom christlichen Hymnus zum Anm. 5. Minnesang, Histor. Jahrbuch d. Görres-Ge- 1 Vossler, Ventadorn S. 21 ff.; Ranke, Die sellsch. Bd. 52 H. 1, 1-39. 11, 145-77 u. SA.; Allegorie der Minnegrotte in Gottfrieds Tri- S. Singer, Die religiöse Lyrik d. MA.s (Das stan, 1925, 35-37. Nachleben der Psalmen, 1933). 2 Uhland 5, 172-74; Wechssler, Kultur- 186 Die lyrische Dichtung Der starken Ergriffenheit des Gefühlslebens in dem Jahrhundert, in dem der Minnesang entstand, entsprang die Inbrunst der Mystik, und manche Stellen in den Sermones in Canticum Canticorum des heiligen Bernhard oder in der ihm zugeschriebenen Abhandlung de amore Dei klingen wie Liebeslieder der schwärmenden, jubelnden und klagenden Seele. In dem sinnlichübersinnlichen Brautgesang des Hohen Liedes 1 war die spirituelle Liebe irdisch empfunden. Ganz menschlich und doch frei von sinnlicher Anwandlung wohnt aber in den heilsbedürftigen Herzen das Bild der heiligsten Frau, der Mutter Gottes. Liebe ist hier Verehrung, demütige und glaubensvolle Hingabe an das reinste Wesen. Den höchsten Grad der transzendenten Erhöhung hat die Frauenminne in dem italienischen Dolce stil nuovo, dem „süßen neuen Stil", erreicht. Der höfische Frauendienst geht zum religiösen Heiligenkult über. 2 Hier ist die Frauenminne mit der Gottesminne verquickt, die irdische Herrin ist ein Symbol für die himmlische Charitas. Minnedienst. Der reale Ursprung des Minnesangs aus der feudalen Gesellschaftsbindung des Abendlandes machte sich geltend in der charakteristischen Form des Minnedienstes, die dieser aristokratischen Standespoesie ihr besonderes Gepräge verlieh. 3 Aus den sozialen Verhältnissen des Feudalsystems kommt die eigenartige Vorstellung, wonach der Dichter der Frau dient. Es ist die dem Bewußtsein der Zeit innehaftende Standesschichtung, die in der Abstufung von Herr und Untergebenem besteht. Unmittelbar aber hatte der Minnedienst seinen Boden im Hofdienst der Berufssänger und der ebenfalls zum Hofstaat (ingesinde) gehörenden ritterlichen Dienstmannen (Ministerialen, die Mehrzahl der Dichter) und ebenso in der der Frau sich aus Galanterie unterordnenden kavaliermäßigen Werbung der Herren von freier Geburt. In diesen gesellschaftlichen Verhältnissen war es gegeben, daß die verehrte Dame eine verheiratete Frau war, eben die Gattin des Oberhauptes und Herrn des betreffenden Hofes, aber wohl auch sonst eine den 1 P. Rousselot, Du problfeme de l'amour au liede d. 12. Jh.s, Teutonia 11, 1908, S. 70 ff.; moyen äge, Beitr. z. Gesch. d. Philos. d. MA.s Walther Brecht, Ulr. v. Lichtenstein als Bd. VI H. 6, 1908; Arnold Oppel, D. Hohe- Lyriker, ZfdA. 49, 1-122; Lüderitz, Liederlied Salomonis u. die dt. religiöse Liebeslyrik, theorie aaO.; Michel, Heinr. v. Morungen Abh. z. mittl. u. neueren Gesch. H. 32, 1911; aaO.; Wechssler, Kulturproblem pass., s. LG. II, 1, 29 ff. Frauendienst u. Vassallität, ZffrzSpr. 24, 159 2 Vossler, Die göttl. Komödie 1 S. 837, -90; Kluckhohn, ZfdA. 52, 139-49; Elsbet 2. Aufl., S. 577. Kaiser, Frauendienst im mhd. Volksepos 1921, 3 Uhland 5, 138-74; Wilmanns-Michels, dazu Schneider, Anz. 41, 194 f.; Plenio, Leben Walthers S. 21-28. 246-89 u. Anm.; Beitr. 41, 118 ff.; C. v. Kraus, D. Lieder Rei- Burdach, Reinmar S. 143 ff.; Reinhold mars d. Alten II, 3 ff.; Ders., H. v. Morungen, Becker, D. mittelalterl. Minnedienst in Ausg. 1925, S. 109-20; Brinkmann, Lat. Lie- Deutschland, Progr. Düren 1895, dazu R. M. besdichtung S. 52 ff.; Friedr.Neumann, Hohe Meyer, Anz. 23, 163-67, R.Becker, ebda Minne, ZfDschkdel925,81-91; Hans Naumann, S. 398-400, R. M. Meyer S. 400 f.; Strei- Hof. Kultur, Buchreihe d. Dt. Vjschr. Bd. 17, cher, Verhältn. zw. Mann u. Frau u. dichte- 1929, S. 15 ff.; Myrrha Lot-Borodine, Sur rische Anschauung in d. mhd. Lyrik, ZfdPh. les origines et les fins du Service d'amour, Me- 24, 171-86; Otmar Schissel v. Fleschen- langes de linguistique et de litt. off. ä M. Alfred berg, D. Adjektiv als Epitheton im Liebes- Jeanroy 1928, 223 ff. Wesen und Inhalt des Minnesangs 187 Hofkreisen angehörende Dame hohen Standes. So tritt neben den Herrendienst der Frauendienst. So bestand ein Nebeneinander von Minne und Ehe. Aber in den höfischen Kulturbedingungen der Zeit konnten ungestört und unabhängig voneinander beide Bindungen jede in ihrem Bereiche ungehindert zur Geltung gelangen. Beide beruhen auf verschiedenen Ursachen: jene auf dem gesellschaftlichen Feudalverhältnis, diese auf dem kirchlichstaatlichen Recht. Das Ziel der Minnehuldigung für den im Hofdienst stehenden Dichter war, durch Preis des Ruhmes und der Ehre der Herrin Lohn zu erhalten, der vornehme Herr mochte wohl nach leibhafterer Gunst streben; die Ehe dagegen wurde geschlossen in Hinsicht auf Gründung einer Familie, war meist eine praktische, auch rein politische Vernunftheirat und fand ihren Mittelpunkt im Hauswesen, für welches die Frau Fürsorge trug. Um auch in der Wortbezeichnung beide zu scheiden, wählt man für das höfische Verhältnis die Benennung „Minne" (= amor), Liebe dagegen steht in Wechselbeziehung zu Ehe. 1 Darin liegt also der Gegensatz zwischen Idee (Minne) und Wirklichkeit (Liebe), Idealität und Realität, zwischen dem Übersinnlichen und dem Sinnlichen inbegriffen. Die höfischen Romane enthalten zahlreiche Beispiele für die Art des Liebesverkehrs und -dienstes, unmittelbare Kundgebung aus dem Leben heraus erhalten wir durch Wolfram und Lichtenstein. 2 Klar sehen wir aus dem Par- zival, daß die Minne .nur eine höfische Huldigung ist, die nichts mit dem Begriff von Liebe und Ehe zu tun hat. Aber doch ist es eine ernst genommene Angelegenheit, ein gleichsam offizielles Band, das Herrn und Dame zur Einhaltung von gegenseitigen Verbindlichkeiten verpflichtet (Wolframs Zorn über die missetät seiner frouwe 114, 5 ff.). Dem Einfluß einer vornehmen Frau schreibt er die Fortsetzung und Vollendung seines Parzival zu; also Dichtung als Huldigung (s. LG. II, 2, 296 f.). Was hatte nun der Dichter zu leisten, wenn er einer Dame diente? Worin bestand, abgesehen von der Huldigung, die er ihr durch seine Kunst darbrachte, der Dienst, dessen er sie versichert? Zunächst wohl hatte er ihr besondere Aufmerksamkeit bei allen möglichen Dienstleistungen zu erweisen, alle ihre Wünsche zu erfüllen, „Ehrerbietung" zu bezeugen. Er mußte ausgesprochen „ihr Ritter" sein, ihr zu Ehren an Turnieren sich beteiligen, abenteuerliche und wohl auch gefährliche Wagnisse unternehmen, zu den Hoffestlichkeiten beitragen. Für den Dienst war die Dame aber auch, gemäß der Gegenseitigkeit im feudalen Treuverhältnis, zu Lohn verpflichtet, sie mußte das Verhältnis ebenso stcete bewahren wie der dienende Ritter; erhört sie ihn nicht, dann kann er einen andern Dienst suchen (Lichtenstein 353, 2). Als Belohnung ersehnte er einen freundlichen Blick, Gruß, minnigliches 1 Friedr. Neumann, Hohe Minne aaO.; Schriften u. Hellmuth Langenbucher, Das Günther Müller, Dt. Vjschr. 2, 1924, 708ff. Gesicht des dt. Minnesangs u. seine Wandlun- 5, 1927, 110; Naumann, Höf. Kultur aaO. — gen 1930; Ders., Idealismus u. Realismus im Minne als Idee und Liebe als Natur, natür- dt. Minnes., ZfdtBildung 6, 1930, 441-49. liches Verlangen s. die eben angeführten 2 Plenio, Beitr. 41, 118 ff. 188 Die lyrische Dichtung Zulächeln, schon dreister war sein Wunsch um einen Kuß, eine Umarmung. Auch ganz sinnliches Verlangen wird zuweilen ausgesprochen. 1 Aber man kann nicht zu gleicher Zeit die tugent der Frau eines andern preisen und ihren lip verlangen, der Widerspruch zwischen Sinnenlust und Geistigkeit, zwischen dem natürlichen Begehren und übernatürlicher Entsagung, zwischen Wirklichkeit und Ideal in ein und derselben Liebesethik ist nicht zu überbrücken, und an dieser Unnatürlichkeit krankt die Verherrlichung der Frauenminne im Minnedienst. Der Grund hierfür liegt eben darin, daß der Minnesang reine Kunstdichtung ist, eine gesellschaftliche Form der Galanterie, deren Inhalt nach der idealisierenden höfischen Konvention stilisiert ist und nicht freie Schöpfung und unmittelbare Auslösung innerer poetischer Nötigung. Und nur unter den besonderen gesellschaftlichen Standesanschauungen der mittelalterlichen Feudalität konnte eine solche Minnevorstellung entstehen. Wie weit nun auch die Wünsche reichen mögen, des Dichters Sang gilt nur der hohen Minne, deren Wesenheit auf die tugent gegründet ist. Auch das irdisch Leibliche ist umhüllt von dem Zaubermantel überirdischer Vergöttlichung der Frau, der durch natürliches Verlangen nicht entstellt wird. Verworfen dagegen wird die niedere Minne, das ist die bäuerische, die unhöfische, bloß sexuelle Buhlschaft, die nicht wie der entsagungsvolle Dienst der hohen Minne den Mann zu höher wirde anspornt. 2 Pflichten und sittlicher Wert des Minnesangs. Indessen diese Minnekultur geht nicht auf in den Äußerlichkeiten des Umgangstons und gesellschaftlichen Verkehrs, in der Galanterie, Höflichkeit, sondern sie ist moralisch unterbaut durch sittliche Gesetze (LG. II, 2, 19 ff.). Die Minne hat sittlich erzieherische Kraft, sie ist Quelle aller Tugenden, fons et origo omnium bonorum (Kaplan Andreas, Wechßler, Kulturproblem S.42. 50. 429). Sie setzt Anstand, höfisch feine Bildung voraus, hövescheit, zuht (gute Erziehung), vuoge (passendes Benehmen), prov. cortezia, frz. courtoisie. Die Grundform der höfischen Tugenden ist die Mdze, prov. mezura, die Selbstbeherrschung, die Zurückdrängung der eigenen Person und gefällige oder wohlwollende Rücksichtnahme auf den andern. Die Kardinaltugend des Maßhaltens, die temperantia, ist so die Grundlage für die die Gesellschaft beherrschende Form, in Wechselwirkung von Individuum und Umgebung. Das Lebens- 1 Wilmanns-Michels S. 284 ff.; Burdach, == die ästhetische Kultur) = hohe Minne und Reinmar S. 148-50; Paul Schultz, Die erot. bäuerisch (Buhlschaft, der rohe Trieb) = nie- Motive aaO.; K. Heyl aaO. S. 10 ff.; Elsbet dere Minne zusammen (Wechssler, Kultur- Kaiser aaO. —• Der unverhüllte Anspruch auf probl. bes. S. 328 ff. Beides sind „Begriffe der gendde, Erhörung, der reinen guoten wibe bei Minnetheorie" und haben mit der „Liebe" als Walther 91,1, halsen, Muten, bi gelegen ist eine ehelichem Band nichts zu tun. •— Uhland 5, Stufenreihe der Gunstbezeugungen. 150-59; Wilmanns-Michels S. 22, 265 f.; 2 So nach Walther 46, 32 ff. Der Gegensatz Elsbet Kaiser S. 16 f.; Friedr. Neumann, hohe — niedere Minne kann entweder ethisch Hohe Minne aaO.; Günther Müller, Dt. (amor purus gegen amor mixtus) aufgefaßt Vjschr. 5, 110; Naumann, Höf. Kultur aaO. werden oder sozial, aber im allgemeinen fallen bes. S. 29. beide Unterschiede in höfisch (Minnedienst, Wesen und Inhalt des Minnesangs 189 gefühl aber, die Atmosphäre, ist die Freude, joi, auf Freude ist das gesellschaftliche Leben gestimmt, zur Freude 1 beitragen ist die Aufgabe jedes Mitgliedes, der Hofdichter ist geradezu darauf verpflichtet, und selbst der, dessen Herz kummerbeschwert ist, muß sich zur Scheinfreude zwingen. In der Ergründung des sittlichen Wesens der Minne hat sich die Reflexion vertieft und die Liebeslyrik schweift gar zu oft von dem unmittelbaren Gefühlseindruck, von dem seelischen Zustand, auf ein Nachgrübeln über diese Erscheinung ab und macht sie zum Gegenstand intellektueller Begrifflichkeit. Man suchte das Minnephänomen psychologisch und ethisch zu ergründen, indem man sich gedankenhaft in das Gefühlsleben versenkte (s. oben). So ist der Minnesang doch nicht bloß ein Spiel, sondern er hat veredelnden Wert, 2 er bedeutet die Gestaltung eines Lebensideals. In ihm liegen die Kräfte zu höherer Seelenbildung und zu feineren Lebensformen. Am Schluß der Schilderung des vollendeten Weltmannes, als welchen Hartmann den Herrn Heinrich von Aue darstellt, gibt er ihm den Preis: „und sanc vil wol von minnen (A. Heinr.71). Minnesang als Erlebnis- oder als Gesellschaftsdichtung. 3 Der Minnesang war eine gesellige Kunst, insofern die Lieder vor der Hofgesellschaft vorgetragen wurden; in diesem Betracht war er Gesellschaftsdichtung, in welcher Wortkunst und Musik und in manchen Fällen auch Tanzkunst vereinigt waren. Auch wenn das Lied der Dame unmittelbar zugestellt wurde, war doch ein Vortrag im höfischen Kreise nicht ausgeschlossen. 4 Wenn aber der Minnesang im wesentlichen auf die Gesellschaft und Geselligkeit hingerichtet war, wo bleibt dann das wirkliche erlebte Leben? Die Frage nach dem realen Gehalt kann nur im allgemeinen abgetan werden, denn die Wirklichkeit ist eben durch den abstrakten, typischen Stil möglichst ausgeschaltet und bei der konventionellen Blässe wird uns ein Lied nur in seltenen Fällen die wahre Seele des Dichters offenbaren. Den Künstler werden 1 Wechssler S. 34-41 u. Reg. S. 492 (joi); poesie, Bonn. Diss. 1908, dazu Schröder, Aug. Arnold, Stud. üb. den Hohen Mut, 1930, Anz. 31, 127; Wechssler S. 81-6. 154 f. 183 S. 7-21.60-68; Karl Korn, Stud.üb.„Freude -216. 417. 457 f.; Vossler, Ventadorn S. 35; u. Trüren" bei mhd. Dichtern, 1932, S. 30-61; Rosenhagen, GRM. 4, 380-83, Reallex. 2, LG. II, 2, 22 f. — Freybe, Das Memento 355 ff.; Plenio, Beitr. 42, 426 ff.; v. Kraus, mori in den Liedern der Minnesänger, in: Reimar II S. 4; Günther Müller, Dt. Freybe, Das Memento mori, 1900, 215-22. Vjschr. 1,85-8, Reallex. 2,212; Fr. Neumann, 2 Ez tiuret junges mannes lip, der suoze ZfDtschkde 1925, 81 ff.; Naumann, Höf. Kul- sprichet wider diu wip, Lichstenst. 9, 19 f. tur aaO.; Brinkmann, Dt. Vjschr. 3, 615 ff., 3 Wilmanns-Michels S. 20 ff. 24, Wil- GRM. 15,195 ff., Wesen u. Form S. 94,150 ff.; manns, Anz. 7, 164 ff.; Burdach, Reinmar Schneider, Heldendichtung usw. S. 216 ff. S. 153, SB. d. Preuß. Ak. 1918 S. 998 u. Vor- 378 ff. — LG. II, 2, 21. Langenbucher, Ge- spiel I, 1,258 f., Anz. 9, 350 f. 12, 190 (Minne- sieht d.dt. Minnesangs, 1930, u.ZfdtBildung 6, lieder „vor einer Gesellschaft gesungen" schon 1930,441^19; K. Korn, Studien über „Freude Bodmer: Burdach, Preuß. Ak. SB. 1918, und Trüren" bei mhd. Dichtern, 1932; O.Gör- 852 f. 865. 871 f. u. Vorsp. I, 2); Schönbach, ner, Liebes- u. Gesellschaftskasuistik im MA. Walther v. d. V. S. 54 ff., ed. Schneider u. Rokoko, Arch.f. Kulturgesch. 22,1932, H.3. S. 45 ff.; Schönbach, Üb. Hartm. v. Aue, 4 Spielmann als Bote: Bartsch, Liederdich- 371 ff.; Ders., Anfänge d. Minnesanges 120 ff.; ter Nr. 37; Wackernagel, LG. I 2 , 305 f. — Piquet, fitude sur Hartmann d'Aue S. 27 ff. Ulrich von Lichtenstein ließ seine niuwiu liet 340 ff.; Max Rieger, ZfdA.47, 96 ff.; Arn. jeweils durch einen Boten der Dame seines Schiller, D. Minnesang als Gesellschafts- Dienstes überbringen. 190 Die lyrische Dichtung wir wohl erkennen, vielleicht auch sein Temperament, aber nur schwer den Menschen. Der reale Erlebnisinhalt in dieser Kunst war nur gering. Die nicht eben häufigen Situationsbilder sind, wie jedenfalls beim Tagelied, erfunden. Und auch das Schwärmen und Schmachten und gar das Erhören sind nur Ausdruck übertriebener Wünsche, die sich an der Sachwelt stießen. Zwischen Dichtung und Wirklichkeit gähnte ein leerer Raum. Insofern kann man die Werbung, die eine Erhörung voraussetzt, eine Einbildung, Fiktion nennen, eine trügerische Hoffnung (wän, Wechßler S. 192 f.). Aber der idelle Erlebnisgehalt eines Liedes bleibt bestehen, wenn auch das Wunschbild nur als ein Erzeugnis der poetischen Phantasie existiert; die seelische Vorstellung trägt den Dichter über den Alltag in eine erhabene geistige Sphäre, sie erhöht sein Lebensgefühl und schafft in ihm den höhen muot, den Gotfrid zum Antrieb aller Tugenden macht. 1 Diesen idealen Gewinn stellt Albrecht von Johannsdorf als Lohn für den Dienst in Aussicht: daz ir deste werder sit und da bi höchgemuot (MF. 94, 14; vgl. Lichtenstein 9, 31). Und außer dem ethischen Erlebnis wirkt im Dichter das künstlerische Hochgefühl mit, durch seinen Sang die Herzen zu erheben und Freude um sich zu verbreiten: ich hän hundert tusent herze erlöst von sorgen; alse frö was ich, Reinmar, MF. 184, 31 (vgl. Walther 67, 22. 73, 9. 83, 6). Leidenschaftliche innere Ergriffenheit wird man selten in den Liedern spüren, schon die Tendenz als offiziell gesellige Dichtung läßt starke persönliche Gefühlsäußerung nicht aufwallen, wenn sie auch zuweilen im Innern verhalten bleiben mochte. In der Ästheti- sierung des Lebens findet der Minnesang auch seine Schranken: zu leicht gerät der Dichter in die Fesseln der Konvention und die Sprache des Herzens wird übertüncht von der traditionellen, gewohnheitsmäßigen Phrase. 2 Aber in seinem letzten, in dem seelischen Grunde ist ein Lied nicht mit rationellen Erwägungen zu erschöpfen. Jeder einzelne Dichter ist eine Persönlichkeit, die ihr So-sein hat. Dieses persönliche Moment wird bei aller Gleichförmigkeit der Gesamtlage doch in jedem einzelnen Erzeugnis zur Äußerung gelangen. Das Individuelle herauszuarbeiten wird Aufgabe der literaturgeschichtlichen Einzeldarstellung sein. 3 Der Dichter Die Standesverhältnisse. 4 Der Minnesang als aristokratische Standespoesie ist recht eigentlich des Gebiet des Adels und des Rittertums, selbst Fürsten huldigten dieser vornehmen Kunst. Weitaus die meisten Sänger aber 1 Ranke, Allegorie der Minnegrotte; LG. II, Gesicht d. dt. Minnesangs, 1930. 2, 314. 3 Siehe Korn aaO. 2 Man kann (s. ob.) einen Unterschied machen 4 Alois Schulte, Die Standesverhältnisse zwischen Minne und Liebe: Minne ist Idee, in der Minnesänger, ZfdA. 39, 185-251, vgl. Z. f. diesem Sinne ist Minnesang Idealisierung der Gesch. d. Oberrheins 7, 542-59; Fr. Grimme, Frau, des weiblichen Charakters, ein geistiges Neue Heidelb. Jahrbücher 4, 153-90 u. Alem. Erlebnis, Liebe ist der durch die Natur ein- 24, 97-141. — Wilmanns, Leben W.s 1 , 1882, gegebene Trieb des Herzens, herzeliebe, ein see- 296 f. (ed. Michels, 1916, S. 65); Alfred lisches Erlebnis, vgl. Friedr. Neumann, Schaer, D.ad. Fechter u. Spielleute, 1901, bes. ZfDtschkde 1925, 81 ff.; Langenbucher, Das S. 94-6; Frantzen, Neophil. 4, 360; Ant. Der Dichter des Minnesangs 191 gehören nicht jenem höheren, freien Geburtsadel an, sondern es sind, wie auch Hartmann und Wolfram, unfreie Dienstmannen, Ministeriale und Rittermäßige (niederer Adel). Gerade der Stand der Ministerialen war unter den Staufern zu Ansehen und Bedeutung gelangt, weil sie im Hof- und Ritterdienste wichtige Stellen einnahmen. Es folgen die geistlichen, bürgerlichen und spiel- männischen Minnesänger. Eigentlich gebührte der Titel „her" 1 nur dem Adel und den Geistlichen, wurde aber als Höflichkeitsbezeugung auch niedereren Mitgliedern der Hofgesellschaft zugeteilt. Auch hier ist in den Handschriften Verwirrung eingetreten, weil sie ihn öfter auch bürgerlichen Dichtern und Spielleuten beilegen. Hiermit ist eine soziale Scheidung zwischen ritterlichen und spielmänni- schen Dichtern gemacht, der im großen und ganzen die Gattungen Minnesang und Spruchdichtung entsprechen, indem die „Herren", die früheren durchweg, das Minnelied pflegten, den Spielleuten und Bürgerlichen mehr die lehrhafte Spruchdichtung zukam. Die Bildung 2 der Minnesänger bewegte sich im allgemeinen in den Grenzen der höfischen Erziehung überhaupt und erhob sich jedenfalls über den Gesichtskreis und die Manieren des bloßen Landadels. Viele der Spruchdichter und Fahrenden hatten aber auch ein gelehrtes Wissen von der Schule her oder eine weite Erfahrung durch ihr Wanderleben. Die landschaftliche Verbreitung 3 des Minnesangs (die folgende kurze Übersicht ist eine Zusammenfassung aus dem unten folgenden Paragraphen über die „einzelnen Dichter"). Wie die höfische Kultur überhaupt, so hat auch Wallner, Herren u. Spielleute im Heidelberg, ben: Fr. Grimme, Die rhein.-schwäb. Minne- Liederkodex, Beitr. 33,483-540; Paul Kluck- singer, 1897, dazu Schulte, Lbl. 1897, 260-66, höhn, Ministerialrat u. Ritterdichtung, ZfdA. Burdach, DLz. 1898, 271-78 u. Reinmar 52, 135-68; Ders., Arch. f. Kulturgesch. 11, S. 237 ff., R. M. Meyer, Anz. 24, 373 f., Gol- 389^110. — Wechssler, Reg. S. 498; LG. II, THER.ZfdPh. 30,396 f., Brunner, Hist.Vjschr. 2, 25. 1, 262-66; Grimme, Germ. 32. 33. 37, Alem. 1 Her und meister: Schulte, ZfdA. 39, 210ff. 22, 33^15; Ders., Die Schweizer Minnesänger, 232 ff.; Wallner, Beitr. 33, 522 ff.; Schwie- Germ. 35, 302-39, dazu Ad. Socin, ebda 311 tering, Demutsformel S. 51 ff. — LG. II, 2, -13, H. Herzog, ebda 29, 34-6; Franz Mone, Reg. S. 344. 346. Kritik d. Wappen der Minnesinger aus Schwa- 2 Wackernagel, LG. I 2 , 134 Anm. 34 f. ben, Diözesanarch. f. Schwaben 13, 1895, 12-4 136 Anm. 43-6; Wechssler, Reg. S. 486; usw. 15,140-44.19,21-3.42^*.—Österreich: Schneider, Heldendichtung usw. S. 210-15; R. Müller, Beitr. z. Gesch. d. höf. Epik in d. LG. II, 2, 25 u. Anm. Österreich. Landen, bes. in Kärnten, Carinthia 3 Jos. Nadler, Lit.Gesch. d. dt. Stämme u. 85, 1895; A. E. Schönbach, Dichtungen u. Landschaften l 2 , 1923. — Schweiz: Wacker- Sänger, d. Hof- u. Minneleben bis 1270, Gesch. nagel, Verdienste der Schweizer um d. dt. d. Stadt Wien 1, 1897, dazu R. M. Meyer, Anz. Litt., 1832; Bartsch, Schweizer Minnesänger, 24, 374 f., Lambel, Lbl. 1900, 4 f.; Jos. See- Baechtold, D. Züricher Minnesinger, Züri- Müller, Dt. Poesie v. Ende d. 13. bis in den eher Taschenbuch f. 1883; Ders., Lit.Gesch. d. Beginn d. 16. Jh.s, Gesch. d. Stadt Wien III, Schweiz S. 140-68 u. Anm. S. 40-4; Singer, 1903, dazu R. M. Meyer, Anz. 24,270; Schön- LG. d. dt. Schweiz S. 22 f. 26-8. 43 ff.; Ders., bach, Anfänge d. Minnesanges S. 78 ff. (Steier- Die Schweiz im dt. Geistesleben S. 131-61; mark); H. F. Wagner, Mittelalterl. Hofpoesie s. nachher Grimme. — Baden: Pfaff, Der in Salzburg, Mitteil. d. Gesellsch. f. österr. Minnesang im Lande Baden, 1908, dazu Landeskunde 1901. — Böhmen: s. Roethe, Schröder, Anz. 31, 199 f., Rosenhagen, Reinmar Reg. S. 635; Singer, Willehalm Ul- ZfdPh. 43, 395-97, Golther, Lbl. 1909, 146 f., richs v. d. Türlin S. LXX; Burdach, ZfdtBil- Panzer, Lit. Rundschau 36, 505 f. — Schwa- düng 2, 1926, 6 ff.; s. oben Ulr. v. Eschenbach. 192 Die lyrische Dichtung der Minnesang seinen Ausgang von Oberdeutschland und vom Rhein genommen und fand erst in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts Eingang in Mitteldeutschland und Niederdeutschland. Stammesgeschichtlich bedingt ist der „heimische" Minnesang des Kürenberger in Österreich, wo eine ritterliche Poesie aus dem Nationalcharakter entsprang, die auch das Nibelungenlied hervorbrachte. Im Südosten schließt sich eine Gruppe von Dichtern an, Dietmar, Regensberg, Rietenburg, Meinloh, die schon unter romanischem Einfluß stand (die frühromanisierende Richtung). Eine Generation später aber wurde am Hof zu Wien durch Reinmar vom Rhein her der höfisch- romanisierende Minnesang eingeführt und durch Walther von der Vogelweide zur höchsten Blüte gebracht. Im Westen, am Rhein, ist auf dem Wege der Kulturverbindung mit Lothringen und Frankreich die höfische Dichtung, Roman und Minnesang aufgenommen worden. 1 Eine unmittelbar räumliche Einwirkung ist an der Kunst des Schweizers Rudolf von Fenis (Neuenburg) zu beobachten, der dem zum römischen Imperium der Staufer gehörigen arelatischen Reich benachbart war. Der einzige Dichter, der in der früheren Zeit des Minnesangs landschaftlich außerhalb dieser Gruppen steht, ist der Thüringer Heinrich von Morungen. Direkte Nachahmung provenzalischer Lieder durch deutsche Minnesänger ist selten nachzuweisen, am stärksten eben bei Rudolf von Fenis, vereinzelt bei Hausen und Morungen. Noch geringer sind die Beziehungen zu nordfranzösischen Trouveres (je einmal bei Hausen, Bernger und Reinmar). 2 Die Minnesänger nach Walther gehören zumeist den oberdeutschen Landen an, aus Bayern-Österreich, Schwaben, der Schweiz, dazu auch, aber in geringerem Maße, aus Südrheinfranken und Ostfranken, sind uns die meisten Namen erhalten, gering beteiligt sind Mittelfranken und Hessen, in Thüringen hat Heinrich von Morungen Schule gemacht. Doch ist in Mitteldeutschland der Minnesang nicht heimisch geworden, nur einige Fürsten sangen Minnelieder, der feinen oberdeutschen Mode folgend. Niederdeutschland ist der höfisch-ritterlichen Dichtung überhaupt fremd geblieben, der Markgraf Otto von Brandenburg sang in hochdeutscher Sprache, und nur ein hoher Herr, der Fürst Witzlav von Rügen, hat sich in seiner niederdeutschen Mundart im Minnelied versucht. Walther von der Vogelweide ist der erste ritterliche Dichter, der mit dem Minnelied auch die Spruchgattung verband. Er hat damit die bis dahin geltenden Standesgrenzen durchbrochen und sich auf das Gebiet der Spielleute Castle, Reallex. 2, 570-75 (mit reicher Lit.). Österreich hin. — Niederrhein: Günter Rosendahl, Die 2 Bartsch, ZfdA. 11, 145 ff. u. Germ. 1, Verbreitung mhd. Lyrik am Niederrhein usw., 480-82; Schönbach, Anfanges.24-6; Friedr. Marburg. Diss. 1925, Masch.-Dr. u. Jahrb. d. Gennrich, Sieben Melodien zu mhd. Minne- philos. Fakultät zu Marburg 1922, 211-23. liedern, Zs. f. Musikwissensch. 7 H. 2 u. SA. 1 Schönbach, Anfänge des Minnesanges, 1924 S. 7 ff.; Heusler, Versgesch. 2, 246.— S. 24-34.77-92, weist auf die Möglichkeit einer Vogt, MF. 3 S. 328. 332 f. 354 ff. 376. 405. 417 Vermittlung der provenzal. Lyrik über Ober- (426). italien und Friaul nach Steiermark und Inner- Das Werk 193 begeben. Zwar blieben die adligen Minnesänger bei der Lyrik und nur selten wandte sich einer, wie Reinmar von Zweter, der Spruchdichtung zu. Aber umgekehrt drängten sich die oberdeutschen Spielleute und Bürgerlichen in das den ritterlichen Herren zustehende Gebiet des Minnesangs und traten somit als Wettbewerber der ritterlichen Hofdichter auf. Auch hier ein landschaftlicher Unterschied zwischen Süd und Nord, denn die mittel- und niederdeutschen Fahrenden blieben bis gegen das Ende des 13. Jahrhunderts bei der Spruchpoesie. 1 So trifft im allgemeinen die Scheidung zu, daß der Minnesang mehr oberdeutsch ist, die Spruchdichtung sowohl oberdeutsch als mittel- und niederdeutsch. Der Minnesang — nach dem Kürenberger — bewegt sich als typische Kunst in den durch die Tradition gegebenen Formen. Er ist keine Heimatkunst sowenig wie der höfische Roman. Darum lassen auch die Lieder—mit Ausnahme der Strophen des Kürenberger — selten eine landschaftlich angestammte Sonderart erkennen. Als Hofkunst war der Minnesang von der Kunst vornehmer Gönner abhängig. Die berühmtesten Kunststätten waren der Thüringer und der Wiener Hof (LG. 11,2, 18). Das Werk l.Lied, Leich, Spruch.Teils der Form, teils dem Inhalt nach sind diese drei Gattungen der mhd. Lyrik unterschieden. Lied und Leich 2 sind inhaltlich verbunden durch ihre rein lyrische Haltung, Lied und Spruch durch die Form. Daz liet bezeichnet die einzelne Strophe, Plur. diu liet, die Strophen zusammen machen das Lied aus. Vortragsweise. 3 Das Lied und der Leich sind bestimmt zum Singen. 4 Text (diu wort) und Melodie (diu wise; die Bezeichnung dön faßt die metrische Form und die Melodie zusammen) sind unlöslich miteinander verbunden, der Dichter war meist auch zugleich der Tonsetzer; die Musik verleiht dem Wortgebäude des Liedes erst das volle Leben. Man müßte also, wenn man in die Wirkung eines Liedes oder Leiches ganz eindringen wollte, immer auch die Melodie kennen. Da nun diese nur selten überliefert ist, entgeht uns der volle Eindruck eines Liedes oder Leiches. Auch der Spruch wird gesungen nach einer bestimmten Melodie, aber beim Liede gehört der Gesangsvortrag an sich zum wesentlichen Bestand. Lyrik und Musik wurzeln im Gefühlsleben, der Stoff des Spruches ist verstandesmäßig erfaßt und verarbeitet. 5 1 Burdach, Reinmar S. 134 ff. Beitr. 41, 66 Anm. 2. — Singen und sagen: 2 LG. I, 14-34 und in diesem Band unten Lachmann, Kl. Sehr. S. 461-79; Schwiete- ,,Gattungen". ring, Singen u. Sagen, Gott. Diss. 1908, 14 ff. 3 Siehe oben „Gesellschaftsdichtung", bes. 5 Simrock hat den Namen Spruch eingeführt Schönbach, Walther; Schneider, Helden- (Übersetzung von Walther, l.Ausg. 1833, dichtung usw.; Günther Müller, Reallex. 2, Bd. 1, 175), er auch hat zuerst Lied u. Spruch 210-25. getrennt. Man unterschied beide Gattungen 4 Doch konnte ein Lied natürl. auch gelesen dahin, daß das Lied gesungen, der Spruch gewerden: Heusler, Versgesch. 2, 163; Plenio, sprachen worden sei; auch sei das Lied mehr- 13 Deutsche Literaturgeschichte IV 194 Die lyrische Dichtung 2. Verskunst. Die ästhetisch-formale Wirkung eines Liedes liegt in der Verskunst, 1 in Rhythmus, Reim und Strophenbildung, in der Melodie und im Stil. Die historische Entwicklung geht im mhd. Minnesang von einfacher zu kunstreicher Formgebung. a) Der Rhythmus 2 ist in den Liedern der Frühstufe (s. unten) noch altertümlich freier, einsilbige Versfüße, beschwerte Hebungen sind erlaubt, erst mit dem romanischen Einfluß (seit Hausen, Veldeke) ist regelmäßiger Wechsel zwischen Hebung und Senkung geboten. b) Die Reime 3 sind die das Formsystem der Strophe gliedernden Klänge. In verschlungenen Reimgebilden wird die Mannigfaltigkeit des strophischen Baues zu harmonischer Einheit zusammengehalten. Besondere technische Reizmittel dienen zum Schmuck der Form, die sich bei den Späteren zu effekt- hascherischer Künstelei versteigt, was natürlich durch die begleitende Me- strophig, der Spruch nur einstrophig gewesen. In der mhd. Terminologie selbst ist diese Unterscheidung nicht gemacht, spruch wird nicht nur vom Sprechvortrag, sondern auch vom rhythmischen u. Singvortrag gebraucht, mhd. spruch u. sprechen, sanc u. singen sind als Vortragsweisen nicht genau auf Spruch u. Lied verteilt. Auch steht der Spruch nicht prinzipiell als ein vereinzeltes Gebilde, sondern es finden sich auch, besonders später, mehrstrophige Sprüche oder solche, deren Strophen korrespondieren, andrerseits ist das Lied in der ältesten Lyrik einstrophig. Mhd. Wb. II, 2, 539; Lachmann, Üb. Singen u. Sagen aaO. S. 467; Wackernagel, LG. I 2 , 305; Scherer, Dt. Stud. 1 (1891), 39 [45 ff.]; Roethe, Reinm. S. 258 Anm.; Wilmanns-Michels, Leben W.s S. 58 -60. —■ J. Rathay, Unterschied v. Lied und Spruch usw., 1875, dazu Strauch, Anz. 1, 182 ff.; Piper, Spielmannsdichtung S. 52 f.; Gerhard Salomon, Minnesang u. Spruchdichtung im dt. MA., Deutschkundl. Bücherei 1925. 1 Jac. Grimm, Üb. d. ad. Meistergesang; Uh- land 5, 184-202; W. Grimm, Zur Geschichte des Reims, Kl. Sehr. IV, 123-336, Reg. S.330 -36; Wackernagel, LG. I 2 , 297-305; Ders., Afranz. Lieder u. Leiche S. 213 ff.; Paul, Grundr. 2 , 1905, 66-83 pass. — Saran, Verslehre S. 271-89 u. Reg. S. 350; Kauffmann, Dt. Metrik § 97 ff.; Heusler, Dt. Versgesch. II Teil3,163 ff.; Ders. bei Hofstaetter-Panzer, Grundzüge z. Deutschkunde, 1925, 134-62; Bernouilli u. Saran, Rhythmik u. Melodik, in: Die Jenaer Liederhs. Bd. II, bes. S. 147 f.; Wilmanns-michels, Leben Walthers S. 342 -51 u. Walther Ausg. S. 338-50; Saran, Ergebnisse u. Fortschritte d. germanist. Wis- sensch. 1902, 158-87; Baesecke, Wissen- schaftl. Forschungsberichte 1914-17 (1919), 116-23; Michels, Festschr. Streitberg 1924, 496-500; Habermann, Reallex. 2, 342-51 (s. auch 1, 6 f. 1, 18-20. 1, 21 f.). — Wilmanns, Untersuch, z. mhd. Metrik, 1888; Heusler, Zur Gesch. d. ad. Verskunst, 1891, 91-103; Reinhold Becker,D. altheimischeMinnesang, 1882; Saran, Üb. Hartmann v. Aue, Beitr. 23, 1-108; Ders., Zur roman. u. dt. Rhythmik, Beitr. 24, 72-84; Plenio, Beitr. 45, 79 f.; Neckel, Deutsches und Fremdes in unserer Verskunst, ZfdUnterr. 31, 1917/18, 545-60; K. Pfeiffer, Chorisches Tanzlied bis z. Beginn d. 13. Jh.s, Köln.Diss. 1921 (ungedruckt); Günther Müller, Stud. z. Formproblem d. Minnesangs, Dt. Vjschr. 1, 1923, 61-103; Friedr. Gennrich, D. Formproblem d.Minnesangs, ebda9,1931, H. 2; s.unten die einzelnen Dichter; Hans Spanke, Romanische u. mittel- lat. Formen in d. Metrik von Minnesangs Frühling, ZfdPh. 49, 191-235. — Üb. die schallanalytische Methode zusammenfassend u. mit Lit.: W. Nowack, Die schallanalyt. Methode von Eduard Sievers, 1924; s. auch Habermann, Reallex. 2, 343 f. 2 Rhythmus, Takt im „sanglichen" Vers: Saran, Dt. Verslehre Reg. S. 351 f.; Heusler, Versgesch. 2,163-317. — Daktylischer Rhythmus (bes. bei den älteren Minnesängern): Heusler S. 206^12 (mit Lit.); Heinzel, Wien. SB. 134,1896; Burdach, Reinm. S. 18 ff. 157; Rosenhagen, GRM. 4, 1912, 374 ff.; Baesecke, GgA.4, 1927, 369 ff.; Juethe, Der Minnesänger Hiltbolt v. Schwangau, 1913, 59 -77 (mit Lit.). — Wortbetonung: Wilmanns, Gebrauch der Wörter mit kurzer Stammsilbe bei d. Minnesängern, in Wilm. Beitr. z. Gesch. d. älteren dt. Litt. H. 4, 1888, 91-194; Vogt, Von d. Hebung des schwachen e, Festschrift Hildebrand 1894, 150 ff. 3 Kauffmann S. 56 ff. 74-77; Saran S.271 ff.; Heusler 2, 1 ff. — W. Grimm, Zur Geschichte d. Reims, Kl. Sehr. 4, 125-336; Bartsch, D. innere Reim in d. höf. Lyrik, Germ. 12, 128-94; Giske, Körner, ZfdPh. 18, 57 ff. 210 ff. 329 ff.; v. Kraus, D. rührende Reim im Mhd., ZfdA. 56, 1-76. — Alliteration in der Minnedichtung: Berger, ZfdPh. 19,473 -85; Hellmut Werner, D. Alliteration, ein Stilmittel im Minnes., Bresl. Diss. 1922. Das Werk 195 lodie noch stärker hervortrat. Solche besonderen Kunstmittel sind: Waise, ungereimter Versschluß (reimloser Vers); Körner: ein Vers reimt erst wieder in einer der folgenden Strophen; Pausen: ein Wort am Anfang eines Verses reimt auf den Schluß der gleichen oder einer folgenden Zeile; verschiedene Arten von inneren Reimen, in denen, abgesehen von den erforderlichen Endreimen am Schlüsse der Zeilen auch Wörter im Inneren gebunden werden. c) Vers- und Strophenbau. 1 Die Strophenbildung ist überaus mannigfaltig. Die Vielseitigkeit der Strophengestaltung ist erreicht durch den Bau der Verse (Zahl der Hebungen, Versfüße, Takte), durch die Zahl der Verse (Zeilen) und durch die Anordnung der Verse nach der Stellung der Reime. (Die fortschreitende Entwicklung der Verskunst in der Zeitfolge der Stufen des Minnesangs s. unten bei den „Einzelnen Dichtern".) Charakteristisch für den Strophenbau der romanisierenden Liedkunst (dritte Stufe) ist die Dreiteiligkeit: 2 A zwei gleiche Teile, die Stollen, zusammen auch Aufgesang benannt, B ein von den Stollen in Bau und Melodie verschiedener Teil, der Abgesang. 3 Dieser ist meistens größer (hat mehr Zeilen) als je einer der Stollen und ist anders gereimt, wiederholt aber gern, und auch Verssystem aus den Stollen. 4 1 Kauffmann § 81-119; Saran S. 271-89 u. Reg.; Heusler 2, 242-341. — Bartsch, Der Strophenbau in d. dt. Lyrik, Germ. 2, 257-98; V. Valentin, D. Dreiteiligkeit in d. dt. Lyrik, ZfvglLitGesch. N. F. 2 H. 1/2; R. M. Meyer, Grundlagen d. mhd. Strophensystems, QF. 58, 1886, dazu R. Becker, Lbl. 1888, 110-13, Valentin, ZfvglLitGesch., N. F. 1, 265-68; Max Borheck, Üb. Strophen- u. Versenjambement im Mhd., Greifsw. Diss. 1888, dazu Behaghel, Lbl. 1889, 373 f.; Roethe, Reinmar S. 336-46. 352-78; Ders., Regelmäßige Satz- u. Sinneseinschnitte in mhd. Strophen, Prager dt. Stud. 8, 505-14; Saran, Beitr. 23, 1-108; Plenio, Beitr. 39, 290-319. 41, 47-128. 42, 255-87. 411 -502.43,56-99, Archiv 136,16-23; E. F. Koss- mann, D. siebenzeilige Strophe in d. dt. Lit., Groningen 1923 (Haag 1924); Günther Müller, Stud. z. Formproblem des Minnesangs, Dt. Vjschr. 1, 61 ff.; Kurt Halbach, Walther v. d. V. u. die Dichter von Minnesangs Frühling, 1927; Hans Spanke, Romanische u. mit- telalterl. Formen in der Metrik von Minnesangs Frühling, ZfromPhil. 49, H. 2/3; Walter Bücheler, Französ. Einfluß auf d. Strophenbau u. die Strophenform bei dt. Minnesängern, Bonn. Diss. 1930; C. v. Kraus, Über einige Meisterlieder der Kolmarer Hs.,Münchn. SB. 1929 H. 4; Habermann, Merker-Stammler Reallex. 3, 317-19; H. de Boor, Langzeilen u. Lange Zeilen in Minnesangs Frühling, ZfdPh. 58, 1-49; Walter Fischer, Der stollige Strophenbau im Minnesang, Götting. Diss. • 1933. 2 Entdeckt von J. Grimm, Üb. d. ad. Meistergesang S. 43 ff. — Nicht dreiteilig sind z. Teil die Tanzlieder Neidharts u. e. Anzahl Spruch- 13* formen. — In späteren Liedern u. Sprüchen ist manchmal die Einteilung anders: der erste u. letzte Teil sind gleich, der Mittelsatz verschieden („musikalische" Dreiteiligkeit, Da-capo- Form), Bernoulli, Jen. Liederhs. 2, 194; Günther Müller, Dt. Vjschr. 1, 1923, 92 ff. — Manche Lieder haben am Strophenschluß einen Kehrreim (Geleit, Refrain), Bartsch, Liederdichter 4 S. XXIX; Heusler, Vers- gesch. 1, 331; H. Freericks, D. Kehrreim in d. mhd. Dichtung I, Progr. Paderborn 1890; Brinkmann, Lat. Liebesdichtung S. 58 ff. 3 Die alten Kunstausdrücke wie Stollen, Abgesang, Körner usw. stammen großenteils von den Meistersingern. — Üb. lat. u. andere mhd. Bezeichnungen s. Kauffmann § 108. 4 Heusler, Versgesch. 2, 323 ff. Zuweilen kehren Klänge oder Wörter in einer Nachbarstrophe wieder. Reimentsprechung in verschiedenen Strophen: Strophenbindung. Ob solche Wiederaufnahmen beabsichtigt oder zufällig sind, ist oft schwer zu entscheiden; s. Heusler S. 323; v. Kraus, Die Lieder Reinmars d. Alten, Abhandl. d. Münchn. Ak. Bd.30 Abh. 4. 6. 7,1918. 19, dazu Vogt, Anz. 40, 119 -27; v. Kraus, Üb. einige Meisterlieder der Kolm. Hs. Münchn. SB. 1929 H. 4 S. 23-26; Vogt, Strophenbindung bei Reinmar v. Ha- genau, ZfdA. 58, 205-16; Schneider, Beitr. 47, 256 ff.; Günther Müller, Strophenbindung bei Ulr. v. Lichtenstein, ZfdA. 60, 38-69; Fritz Draeger, Die Bindungs- u. Gliederungsverhältnisse der Strophen d. Nibelungenliedes, 1923, dazu L. Wolff, DLz. 1923, 1390 -93; Walt. Fischer, Der stollige Strophenbau im Minnesang, 1932. 196 Die lyrische Dichtung Verschieden vom Lied im Strophenbau und demnach auch in der Melodie ist der Leich. 1 Im Lied sind alle Strophen gleich, es hat nur eine Melodie, die Strophen des Leichs sind ungleich gebaut, er hat eine Mannigfaltigkeit von Tönen, ist ein prachtvolles Tongebilde in großen Formen, zu dessen Schöpfung eine anerkannte Meisterschaft gehörte. Es herrscht aber doch eine gewisse Gesetzmäßigkeit: Wiederholung, „Gruppenwiederkehr", Symmetrie und häufig eine Zweiteilung. Der Umfang eines Leiches übersteigt den eines normalen Liedes, die einzelnen Gesätze haben eine lange Tonfolge. Die Leiche haben durchaus lyrischen Inhalt, Minne oder Religion. Die Minneleiche wurden später auch als Tanzbegleitung gesungen (Lichtenstein, Winterstetten) und aufgespielt (Tanzleiche). Die kunstreiche Form hat ihren Ursprung in dem lateinischen Kirchengesang, in der Sequenz (LG. I, 84.352ff. 359. II, 210. 213-17); aus ihr stammt auch die Zweiteilung, die zur ursprünglichen Einrichtung von Notkers Sequenzen gehörte. 2 Im Ahd. bedeutet Leich zunächst Tonstück, Melodie, womit über den Inhalt nichts ausgesagt wird, auch nichts über den Zweck dieses Tonstückes als Tanzmelodie (LG. I, 15. 28-34 u. Reg. S. 463). Auch die Leiche der Vaganten können im allgemeinen eingewirkt haben und bei einigen mhd. Dichtern auch die provenzalischen Descort (Minnegedicht in abweichenden rhythmischen Absätzen, vom lat.dis- cors zwiespältig). Die Tanzleiche gehen aber doch wohl auf volkstümliche Reigenformen zurück (Roethe), jedenfalls kommen einige Motive aus dem volkstümlichen Tanzlied, aus der Gemeinschaftsdichtung. Der Bau des Spruches unterscheidet sich nicht von dem des Liedes. Dem prosaischen Inhalt entsprechend neigt der Spruch mehr zu längeren Versen . 3 3. Stil. 4 Dem Sinn des Minnesangs als einer konventionellen Formkultur entspricht der stilistische Ausdruck: die Sprache ist typisch idealisiert, 1 Leich: Kauffmann S. 106-8; Saran S.280 4 Burdach, Reinmar S. 66 ff.; Roethe, ff.; Heusler 2, 332-41. — J. Grimm, Üb. d. Reinmar S. 258-351; Berger, ZfdPh. 19, 471 ad. Meisterges. S. 63-70; Lachmann, Üb. d. ff. — Streicher, Bedeutung der Formeln in Leiche der dt. Dichter des 12. u. 13. Jh.s, Kl. d. Sprache d. Minnes., ZfdPh. 24, 166-71; Jo- Schr. S. 325-40; Uhland 5, 199-202; Ferd. hanna A. Nijland, Gedichten uit het Haag- Wolf, Üb. die Lais, Sequenzen u. Leiche, sehe Liederhs., 1896, 39 ff.; Th. Lennich, Die 1841; Wackernagel, Afrz. Lieder u. Leiche epischen Elemente in d. mhd. Lyrik, Gott. S. 225-33. — Roethe, Reinmar S. 352-68; Diss. 1896; Kluckhohn, Arch. f. Kulturgesch. Bartsch, Liederdichter* S. XXIX-XXXI; 11, 1913, 389 ff.; Vera Vollmer, Minne u. Wilmanns-Michels, Leben Walthers S. 41-3. Sprache, Tüb. Diss. 1914; Minna Jacobsohn, 220 f.; 0. Gottschalk, D. dt. Minneleich im Die Farben in d. mhd. Dichtung der Blütezeit, Verhältnis zu Lai u. Descort, Marburg. Diss. Teutonia 22, 1915; Regine Strümpell, Über 1908; Plenio, Strophikv. Frauenlobs Marien- Gebrauch u. Bedeutung von scelde, soelic u. leich, Beitr. 39, 290-319; Walther Steller, Verwandtem bei mhd. Dichtern, Erlang. Diss. D. Leich Walthers v. d. V. u. sein Verhältnis 1917; Rich. Brodführer, Untersuchung üb. d. zum religiösen Leich, Beitr. 45, 307-404. — Entwicklung d. Begriffes „guot" im Minne- Singer, D. Schweiz im dt. Geistesleben S. 13ff. sang, Leipz. Diss. 1917; H. Naumann, Gesch. 19 ff. — Siehe LG. I, 28 ff. d. dt. Literatursprachen, Deutschkundl. Bü- 2 Wilh. Meyer, Fragmenta Burana, 1901, cherei 1926,17-9. — 0. Schisselv. Fleschen- 172; Paul v. Winterfeld, ZfdA. 45, 133 ff.; berg, D. Adjektiv als Epitheton im Liebes- Wilmanns-Michels, Leben Walthers S. 42 u. lied d. 12. Jh.s, Teutonia 11, 1908, dazu R. M. Anm. Meyer, Anz. 32, 234, Gierach, DLz. 1908, 3 Dagegen Scherer, Dt. Stud. 1, 42. 2267, Panzer, Lbl. 1910,228 f., Suolahti, Neu- Das Werk 197 eine maßvolle Wortkunst, nicht pathetisch gehoben oder rhetorisch prunkvoll. Eine feste Tradition hat sich gebildet, an der der einzelne Dichter eine Wortschulung erlangte und eine formelhafte Ausdrucksweise sich aneignete. Nicht aus leidenschaftlich bewegten Herzen entringen sich die gesellschaftlich gebundenen Gefühle, im Unsinnlichen, Allgemeinen ist die Sprache ent- körpert, eine Ausdrucksform im Stil der Hofgesellschaft. 1 Eine feste Terminologie 2 hat sich ausgebildet. Die Tugenden der Geliebten werden gepriesen: tugent, güete und schcene, Gott hat ein wunder an ir geschaffen, sie verleiht s&lde und durch ihre Minne wird der Dichter ein salic man. Er dient ihr und hat dadurch Anspruch auf Ion, er wirbt um ihre genäde. Wenn er sie nur sehen könnte, aber in ihrer Nähe versagt ihm das Wort, die Minne raubt ihm die Sinne. Er hat Hoffnung (wän, gedinge), tröst von ihr zu erlangen, einen gruoz, vielleicht einen Kuß von ihrem rosenfarbenen Munde oder sogar ein süßes Umarmen. Er versichert sie seiner triuwe und stcete, er ist frei von valsch, aber selten ist das Glück (scelde) dem Liebenden hold, häufiger ist leit als liep, trüren als fröude, darum so oft die Liebesklage (sivcere, kumber, not, sorge), Liebessehnen (senen, senedez herzeleit, senediu not). Scheiden und Getrenntsein beschweren das Herz des Liebenden, der von Minne betwungen oder verwundet ist, aber seine Gedanken weilen bei dem minnec- lichen wibe, er liebt sie von Kind auf, er trägt sie im Herzen, er träumt von ihr, 3 ihre Liebe macht ihn gesund, sie ist ihm liep wie sein lip und nur der Tod kann ihn von ihr scheiden. In ihr, der einen, ehrt er ellin wip, sie ist ihm das Einzelbeispiel für die ganze Gattung. Oft muß er durch heimliche Feinde leiden, die Aufpasser, die merker und Neider, die das Liebesverhältnis ausspionieren und zu vereiteln suchen. Unbedingte Verpflichtung ist, daß die Minne geheim bleibt (tougen minne). Zum Stil des Minnesangs gehört auch das Naturmotiv. 4 Das Gefühl für die Natur ist nicht stark genug, um für sich allein das Herz des Dichters aus- phil. Mitteil. 1910, 169 f., Piquet, Revue crit. Lehfeld, Friedr. v. Hausen, Beitr. 2, 383 ff.; 68, 6 f., Nickel, Aren. 121, 214 f.; Schissel Michel, Heinr. v. Morungen S. 21 ff.; Gorr- v. Fleschenberg, Zur Stilkritik d. dt. Liebes- schau, H. v. Morungen, Beitr. 7, 379 ff.; liedes im MA., Beitr. 36, 43-76; F. Heuck, D. Hornoff, Albr. v. Johannsdorf, Germ. 34, Temporalsätze u. ihre Konjunktionen bei den 75 ff.; Nickel, Sirventes u. Spruchdichtung Lyrikern d. 12. Jh.s, Berl. Diss. 1896; J. Hey- S. 99-105; C. v. Kraus, H. v. Morungen, hgb. mann, D. Causalsätze d. dt. Lyriker im 12. Jh., S. 110 ff. Berl. Diss. 1903; Ders., Üb. kausalen Ausdruck 3 Beispiele: Wilmanns-Michels, Leben W.s in Minnes. Frühl., ZfdPh. 35, 330^12; Suo- S. 397 f. Wechssler S. 230. lahti, Mem. de la Soc. neo-phil. 8, 1929, 28 f. 4 Uhland 3, 17-51 u. Anm. 5, 120 ff.; R. v. 43 ff. (Fremdwörter im Minnes.). Liliencron, ZfdA. 6, 69 ff.; Alfr. Biese, Die 1 Andeutung, Verhüllung: Burdach, SB. d. Entwicklung d. Naturgefühls im MA. u. in der Preuß. Ak. 1918, 997 u. Vorspiel I, 1, 257; Neuzeit, 1888; W. Ganzenmüller, D. Natur- Friedr. Neumann, ZfDtschkde 39, 81-91; gefühl im MA., 1914, bes. S. 241-94; Ders., Schwietering, Anz. 45, 84. — Individuelle Arch. f. Kulturgesch. 12, 1916, 195-228. — Sprachprägung bei den einzelnen Dichtern. Burdach, Reinmar, Reg. S. 233; R. M. Meyer, 2 Uhland 5, 113-282; Bartsch, Liederdich- ZfdA. 29, 191-222 (S. 207 Lit.); A. Berger, ter 4 S. XII f.; Wilmanns-Michels, Leben W.s ZfdPh. 19, 444-48; O. Zingerle, Anz. 7, 159 S. 234 ff.; Wechssler, Kulturprobl., Reg. unt. -62. — Bielschowsky, Dorfpoesie S. l^tO. cortezia, joi, largueza, mezura, Tugend u. a. — 143 ff. 234 ff. u. pass.; Kuno Francke, Lat. Erich Schmidt, Reinmar u. Rugge S. 79 ff.; Schulpoesie S. 60; K. Marold, Üb. d. poet. 198 Die lyrische Dichtung zufüllen, sie wirkt meist nur als Ausstattungsschmuck mit, besonders bei späteren Dichtern. Nur in wenigen Liedern (Morungen, Walther) zeigt sich das Lebensgefühl des Dichters mit der Natur verwachsen, ist ein ganzes Lied durchwoben oder in hervorragenden Momenten beherrscht von Naturempfinden, fast immer ist die Jahreszeit ein Begleitmotiv, stimmungseinleitender Akkord als Eingang zum Hauptteil des Liedes, der Minne. Beschränkt ist das Bild in den Natureingängen, eine beschreibende Aneinanderreihung formelhafter Dinge, aber es gewinnt Farbe und Tiefe, da in der Natur die Stimmung des menschlichen Innern mitschwingt: Sommerwonne und Liebeshof- fen, Winterweh und Herzensnot; und zuweilen gibt es eine Spannung zwischen Drinnen und Draußen, zwischen Gemütsverfassung und Jahreszeit, und im Sommer klagt der Liebende, der keine Erhörung findet, im Winter jubelt er beglückt. Auch die Troubadoure beginnen gerne ihre Lieder mit einem solchen Natursymbol, und von ihnen bzw. von denTrouveres haben die deutschen Minnesänger auch dieses Motiv übernommen. Seinen Ursprung aber hat es in der mittellateinischen Literatur, in dem Stil lateinischer Hymnen. Schon die Klerikerlyrik der Cambridger Hs. hat den Typus des Natureinganges (Anfang des 11. Jahrhunderts) 1 und in den erotischen Vagantenliedern der Car- mina Burana (s. unten) ist er ein beliebtes Stilmittel. Lebhafter, sprudelnder als die idyllische Naturszenerie des höfischen Huldigungsliedes ist der Auftakt zu den Tanzliedern und Tanzleichen in volkstümlicher Manier, 2 wie besonders in Neidharts Sommerliedern. Hier fordert der Dichter sein Publikum auf, den Sommer zu empfangen, der Mai wird begrüßt, die Jungen werden zum Reihen geladen und fröude ist das Schlagwort. Hier pulsiert noch das Leben der alten Tanzlustlieder des Volkes, ein Überrest der primitiven Gemeinschaftspoesie ist diese Bezeugung der Naturfreude, und auch die Vaganten huldigten dieser Art von Tanzkult. Verwertung d. Natur u. ihrer Erscheinungen 1925, Reg. S. 105; Ders., Entstehungsgesch., in d. Vagantenliedern u. im dt. Minnesang, Reg. S. 168; Ders., Wesen u. Form S. 198 f.; ZfdPh. 23,1-26, s. auch Nord u. Süd 52,334ff.; Schwietering, Anz. 45, 80; Meissner, ZfdA. Holm Süssmilch, D. lat. Vagantenpoesie, 64, 165 ff. 1918, 22-6 ff.; Nickel, Sirventes S. 112-14; 1 ZfdA. 14, 492 Nr. XXIX, 494 Nr. XXII, Schissel v. Fleschenberg, D. Adjektiv S. 80 s. jetzt Streckers Ausg. Vgl. LG. I, 232-34. -82. — H. Drees, D. poet. Naturbetrachtung 236. in d. Liedern d. dt. Minnesänger, Progr. Wer- 2 Siehe bes. Uhland 3, 30 ff. 389 ff. u. Anm.; nigerode 1888; Johanna A. Nijland aaO. Brinkmann, Lat. Liebesdichtung S. 56-72.— S. 57 ff.; Elisabeth Haakh, D. Naturbetrach- Die literarische Bedeutung des Maifestes u. der tung bei d. mhd. Lyrikern, Teutonia 9, 1908, Maitänze für die mittelalterl.-franz. Lyrik hat dazu Wallner, Anz. 34,157-60, Panzer, Lbl. Gaston Paris, Journal des Savants 1891 1910, 228 f.; Adele Stoecklin, D. Schilderg. S. 674 ff. 1892 S. 155 ff., hervorgehoben, wenn d. Natur im dt. Minnesang u. im älteren dt. auch mit zu weitgehenden Folgerungen. — Volkslied, Basel. Diss. 1913; B.Q.Morgan, Natureingänge in den Liedern anderer Völker: Nature in middle high germ. lyrics, Hesperia 4, Scherer, Anz. 1, 199 ff.; bei den arabischen 1912, dazu Frings, DLz. 1914, 735-37, H. Z. Hofpoeten in Spanien: Burdach, SB.d.Preuß. Kip, Journ. of Engl, and Germ. Phil. XII, Ak. 1918 S. 1078. 1084 u. Vorspiel I, 1 S. 304. 1913,646-52. — Plenio, Beitr. 43,67 f.; Gün- 312; Singer, Abhandl. d. Preuß. Ak. 1918 ther Müller, Dt. Vjschr. 1, 64. 74-6; Brink- Nr. 13 S. 28. mann, Gesch. der Lat. Liebesdichtung im MA., Das Werk 199 Das ist nicht die Salonmode der höfischen Rittergalanterie und andere Kräfte sind bei der Verbreitung dieser ungefüegen dcene am Werke, die Spielleute. 4. Der Minnesang als Objektivierung des Seelenlebens. In beschränkten Empfindungskreis ist die mhd. Lyrik gebannt, sie ist im wesentlichen Liebesdichtung, ein Singen von Minne. Das Gefühlserlebnis erstreckt sich nicht auf die Freundschaft, nur ganz vereinzelt klingen vaterländische Töne an, religiöses Empfinden ist beschränkt auf die zeitgenössische Bewegung der Kreuzzüge und das Gefühl für die Natur ist wohl rege, aber nicht zum Einzelerlebnis entwickelt. In sich versonnen, den Blick auf sein Idealbild und auf das unergründliche Wesen der Liebe gerichtet, baut sich der Dichter ein eigenes Reich mit einer unumschränkten Herrscherin, der Minne, in Gestalt der vollkommenen Geliebten und mit dem Gefolge der im Dienste der Minne stehenden Tugenden und Stimmungen. Das ist typische Auffassung des dichterischen Vorwurfs und typisch ist die innere Form zumal des deutschen Minnesangs. Individuelle Züge kommen da kaum auf und finden sich in der Tat selten in bestimmter Ausführung. So läßt sich auch eine typische Seelenstruktur des Durchschnittsminnesängers zusammenstellen: das Gefühlsleben ist trotz aller Schwärmerei nur mäßig gehoben, ohne den Wellenschlag des bewegten Herzens. Intensität und Mannigfaltigkeit der Phantasie, der schöpferischen Kraft, sind beschränkt. Die durch die Vorstellung angeregten Willenstrebungen mögen, je nach dem Charakter der Dichter, mehr oder minder stark sein, aber zumeist beharren sie in der durch das Verhalten der Dame bedingten schmerzlichen oder freudigen Gemütslage und gelangen nicht zu starken Entschlüssen oder energischem Handeln. Mit wenigen Ausnahmen ist die eigene schöpferische Kraft dieser dichtenden Ritter gering, das meiste beruht auf Überlieferung, die Kunst nähert sich dem Handwerk. Es ist ein monotoner Singsang, aber voll Sehnsucht und Seligkeit. 5. Musik. Die weltliche Musik tritt in Deutschland erst in Begleitung des Minnesangs auf. Die Liedkomposition war noch sehr einfach. Der Gesang war einstimmig. Er war mit Geigenspiel begleitet. Da jedes Lied einen eigenen Bau hatte, so mußte auch immer eine neue Melodie dazu verfaßt werden (ein höhez niuwez liet in süezer wise singen MF. 117, 25). Die Musik war eine mathematische Kunst, ars, und die Melodiefindung darum mehr eine berechnete Technik denn ein unmittelbarer Ausdruck des Gefühls; die Minnesänger und Spielleute werden sich mehr an ihr durch die Tradition beeinflußtes Gehör gehalten haben. Es galt als Gesetz, daß kein Dichter dön und wise (Melodie) eines andern aufnehmen soll. 1 Melodien sind nur in wenigen Handschriften auf uns gekommen. Die ältesten deutschen Vertonungen enthält das Münstersche Fragment von Walther, zu einigen Sprüchen und zum Kreuz- 1 Der Marner schilt Reinmar v. Zweter dorne- the, Reinmar S. 183; Heusler, Versgesch. diep, H.Fischer, Germ. 20, 113 ff.; Wil- 2,244. manns, Walther, 2. Ausg. 1883 S. 58; Roe- 200 Die lyrische Dichtung lied. 1 Die meisten sind in der Jenaer Hs. beigegeben (s. unten Hss.), aber eben, dem Inhalt dieser Hs. gemäß, fast nur zu Sprüchen. Außerdem sind noch einige Notierungen zu Liedern Neitharts und wenige sonstige Fragmente vorhanden (MSH. IV, 767-74). Somit ist unsere Kenntnis von der Musik der Minnesänger recht beschränkt. Die Musikliteratur des Minnesangs kann des mangelnden Raumes wegen hier nicht vollständig verzeichnet werden (verwiesen sei auf den Berliner JB.), nur die wichtigeren Werke sind notiert, andere finden sich unter einzelnen Dichtern (Winterstetten, Meist. Alexander, Zweter, Frauenlob). Hugo Riemann, Grundr. d. Musikwiss. 1919; Hans Joachim Moser, Gesch. d. dt. Musik, 2 Bde, 1920-22 (l 4 , 1926), dazu Günth. Müller, Anz. 43, 15-17; Guido Adler, Handb. d. Musikgesch. 1924; Franz M.Böhme, Gesch. d. Tanzes in Deutschland, 2 Teile, 1888, dazu Roethe, DLz. 1888, 668 f.; Böhme, Ad. Liederb. Volkslieder d. Deutschen... aus d. 12. bis 17. Jh.; Wilh. Meyer, D. Ursprung des Motetts, Gott. Nachr. 1898 u. Ges. Abh. 2, 1905, 303 -41. — MSH. IV, 853-62; Burdach, Musikal. Bildung d. dt. Dichter, in: Reinm. S. 174-82. — Holz, Soran u. Bernouilli, D. Jenaer Liederhs., 2 Bde, 1901; E. Lammers, Üb. d. Rhythmik u. Melodik d. Melodien d. Jen. Liederhs., Zs. f. Musikwiss. 7, 265-304; Jostes, ZfdA. 53, 348 ff. (Münster. Bruchstücke); R. Molitor, Die Lieder des Münst. Fragmentes, Sammelbände d. inter- nat. Musikgesellsch. 12, 1911, 475-500, dagegen Wustmann, ebda S. 247-50, Molitor S. 506; P. Runge, Die Sangweisen d. Colmarer Hs. usw., 1896, dazu Rietsch, Anz. 24, 167-77, Schnabel, Lbl. 1897, 365 f., Runge, Monatshefte f. Musikwissensch. 30, Beil.; P. Runge, Die Lieder u. Melodien der Geißler d. Jahres 1349 usw., 1900; Arnold Mayer u. Heinrich Rietsch, Die Mondsee-Wiener Hs., 1896, dazu Wilmanns, Anz. 24, 155-67, Vogt, GgA. 1899, 79-86.— Hugo Riemann, Die Melodik d. Minnesinger, Musik. Wochenblatt 28. 33. 36, 1897. 1902. 1905; R. v. Kralik, Poesie u. Musik d. Minnesänger, D. Musik 3, 1903/4, 36-41; H. Rietsch, D. dt. Liedweise, 1904; Karl Storck, D. dt. Minnegesang, Neue Musikzeitg. 48,1927, H. 4; H. J. Moser, Zur Rhythmik d. ad. Volksweisen, Zs. f. Musikwissensch. 1, 1920, 225-52; Ders., Minnesang u. Volkslied, 30 ad. Liedweisen des 11. bis 16. Jh.s usw., 1926; Alfr. Rottauscher, Das Taghorn, Dichtungen u. Melodien d. bayer.-österreich. Minnesanges, mit Klavierbegleitung, 3 Bde, 1922; J. Mantuani, D. Musik in Wien, Gesch. d. Stadt Wien III, 1907, 119 ff.; Riemann, Neidhard von Reuenthal, 10 Mailieder usw. 1897; O. Ursprung, D. Mondseer Liederhs. u. Hermann, d. Mönch von Salzburg, Arch. f. Musikwissensch. 5,11 ff.; K. Fromann, D. Münchener Liederb., ZfdPh. 15, 104-26; Runge, Hugo v. Montfort Lieder mit den Melodien des Burk Mangolt, 1906; J. Schatz u. Osw. Koller, Lieder d. Oswald v. Wolkenstein, Denkmäler d. Tonkunst in Österreich 9, 1903; G. Jacobsthal, Üb. d. musikal. Bildung d. Meistersänger, ZfdA. 20, 69-91. — Franz M. Böhme, Originalgesänge v. Troubadours u. Minnesingern d. 12.-14. Jh.s, 1885; Jean Beck, Melodien d. Troubadours, 1908; Ders., Corpus cantilenarum, 3 Bde, 1. Bd. Paris 1927; Friedr. Gennrich, Sieben Melodien zu mhd. Minneliedern. Ein Beitrag z. Frage d. Abhängigk. d. mhd. Minneliedes von d. Troubadour- u. Trouverekunst, Zs. f. Musikwissensch. 7, 1924, H. 2 (Nachahmung provenz. Melodien bei Fenis, Hausen, Horheim); Ders., D. dt. Minnesang in s. Verhältn. zur Troubadour- u. Trouvere-Kunst, ZfdtBildung 2, 1926, 536-66. 622-31; Ders., Zur Ursprungsfrage d. Minnesangs, e. literarhistor.-musikwissenschaftl. Beitrag, Dt. Vjschr. 7 H. 187-228; Ders., Trouverelieder u. Motettenrepertoire, Zs. f. Musikwissensch. 9, 1926, 8-39. K. Pfeiffer, Chorisches Tanzlied bis z. Beginn d. 13. Jh.s, Köln. Diss. 1921; Plenio, Beitr. 42, 455 ff., auch 39, 290 ff.; Günther Müller, Dt. Vjschr. 1, 70 u. 5, 12 f. 115 (mit Lit.); Stammler, ebda 1, 6 ff.; Rud. Ficker, D. Musik d. MA.s u. ihre Beziehungen z. Geistesleben, ebda 3, 501-25 (mit Lit.); Th. W. Werner, Merker-Stammler Reallex. 2,225 f.; H. Spanke, Eine neue Leichmelodie, Zs. f. Musikwissensch. 14, 1932, H. 8; Habermann, ebda S. 349 f.; Rosenhagen, ebda S.357f.; H. Spanke, Eine mittelalterl. Musikhandschrift, ZfdA. 69, 49-70. 1 Jostes, ZfdA. 53,348-57; Plenio, Beitr. 42, 455ff.; Wilmanns-Michels, Walther, Ausg. 4 , 1924, S. 19 (mit Lit.). Gattungen 201 Gattungen 1 In einer lat. Predigt aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts wird ein Schema von sechs Liedgattungen aufgestellt mit genauer Bestimmung des Inhalts: taglied, chlaglied, minnelied, loblied, scheltlied, vreuden- lied. z In einem Spruch, der in der kleinen Heidelberger Liederhs. Reinmar dem Videler zugeschrieben ist, 3 werden elf Arten aufgezählt, worunter fast alle sechse in der obigen Predigt vorkommen. Auch Ulrich von Lichtenstein gibt verschiedene Liedweisen an.* Das Tagelied. 5 Das Liebesempfinden, das im Minnelied sonst überzeitlich ausgesprochen wird, ist im Tagelied in einer bestimmten Situation sinnfällig geworden: die Liebenden werden durch den anbrechenden Tag überrascht; das lyrische Moment ist episch umkleidet und die Handlung ist in dramatische Bewegung aufgelöst. Im gewöhnlichen Tageliedschema ist das Gespräch auf drei Spieler verteilt: ein Wächter leitet die Szene ein, indem er vom Turm herab den Anbruch des Tages verkündet und die Liebenden vor der drohenden Gefahr des Entdecktwerdens warnt. Der Hauptteil fällt den beiden Liebenden zu, die in einem Wechselgespräch das Scheidenmüssen aus dem liebesseligen Zusammensein beklagen. — Der Wächter wurde nach romanischem Vorbild von Wolfram eingeführt (LG. II, 2, 295-97); in dem ältesten Tagelied, dem Dietmars (MF. 39, 18), ist ein Vögelein der Tagver- künder (vgl. MF. 34, 3). 6 In mancherlei Abwandlungen ist das obige Schema vervielfältigt, so besteht bei Morungen (MF. 143, 22) das Lied nur aus dem Zwiegespräch; zuweilen wird der Wächter auch in den Dialog einbezogen; Lichtenstein hält es für höfischer, wenn eine Dienerin die Rolle des bäuerischen Wächters übernimmt (509, 6 ff.); und Günther von dem Forste schickt dem Dialog seines 23strophigen Tageliedes eine lange balladenhafte Einleitung im 1 Mhd. Wb. 1, 984 f. liet, 1, 959 f. leich; ZfvglVolkskde 5, 225, Stengel, Lbl. 1895, Wackernagel, LG. I 2 , 291 ff.; Bartsch, 266-68, H. Springer, ZfromPhil. 20, 393-97; Liederdichter,Einleitung;WiLMANNS-MiCHELS, Voretzsch, ZfrzSpr. 18, 883-88; Th. Len- Leben W.s S. 30. 41-3. 58-60. 61 ff. 188-233; nich, D. epischen Elemente in d. mhd. Lyrik, Brinkmann, Lat. Liebesdicht. S. 38 f., Ent- Gott. Diss. 1896, S. 17-30. — Tagelied als stehungsgesch. S. 62-85. — LG. I, 14-62. Dialog: F. Brachmann, Germ. 31, 485 f.; 2 Schönbach, ZfdA. 34, 213 ff., dazu ebda Angermann, Wechsel S. 31. 38 ff. 125 ff.; F. 46,93 ff.; s. auch Alfr. Schaer, Die ad. Fech- Nicklas, Untersuch, üb. Stil u. Gesch. d. dt. ter u. Spielleute, 1901, 94-96. Tageliedes, 1929, dazu Halbach, ZfdtBildung 3 Wilmanns-Michels, Walther Ausg. 1924, 1931, 540; Theod. Kochs, D. dt. geistliche 428 f.; MSH. III S. 330 b . Tagelied, 1928, dazu O. Schumann, Anz. 49, 4 Wackernagel, LG. I 2 , 301 u. Anm. 33 f. 116-20; Rosenhagen, Reallex. 3, 337 f. — 6 Wackernagel l 2 , 301 f.; Koberstein l 6 , F. Norman, An Unknown Middle H. G. 232. — Uhland 5, 175-83; Lachmann, Anm. „Tageliet", The Mod. Langu. Rev. 17, Jan. zu Walther 89, 20; Scherer, Dt. Stud. 2, 1932. 104 ff.; Bartsch, Ges. Vortr. u. Aufs., 1883, 6 Scherer, Dt. Stud. 2, 104 ff.; Heimisches 250-317; Schönbach, Anfänge S. 15-24; im Tagelied: Roethe, Anz. 16,92 f.; das Vöge- Jeanroy, Les Origines 2 S. 61-83. 141^15; lein auch provenzal.: de Gruyter S. 3 ff.; Wilmanns-Michels, Leben W.s S. 30. 209 f. franz.: Jeanroy S. 68 ff. — Shakespeare, Ro- 404; Walter de Gruyter, D. dt. Tagelied, meo u. Julia 3, 5: „Die Lerche war's, die Tag- Leipz. Diss. 1887, dazu Roethe, Anz. 16, 75 verkünderin, nicht Philomele", vgl. Bartsch, -97, R.M.Meyer, DLz. 1888, 629 f., Giske, Ges. Vortr. S. 250 f.; L. Fränkel, Shakesp. ZfdPh. 21, 242 ff.; Georg Schläger, Stud. u. d. Tagelied, 1893. üb. d. dt. Tagelied, 1895, dazu R. M. Meyer, 202 Die lyrische Dichtung Bänkelsängerton voraus (MSH. II, 165-68, Pfaff, Die große Heidelberger Liederhs. Sp. 1016-20). Das deutsche Tagelied in seiner normalen Gestalt hat seinen Ursprung 1 in der provenzalischen Alba, so genannt nach dem im Kehrreim vieler pro- venzalischen Tagelieder wiederkehrenden Worte, das den weißen Streifen am Horizont bezeichnet, mit dem der Tagesanbruch sich ankündet. Aber die Provenzalen sind nicht die ersten, die das Motiv dichterisch verwendet haben, der geistliche Morgengesang berühmter lateinischer Hymnen des Am- brosius, Hilarius, Prudentius hat die Erhabenheit des tagverkündenden Weckrufes dem poetischen Empfinden längst nahe gebracht. 2 Überhaupt finden sich tageliedartige Strophen in verschiedenen Literaturen, so daß diese Dichtgattung als poetisches Gemeingut erwiesen ist und gleichsam bodenständig geworden sein kann. 3 Die Pastourelle* ist eine im Provenzalischen bekannte, besonders aber im Französischen beliebte Gattung unhöfischer, niederer Minne; eine Verführungsgeschichte, die einen typischen Verlauf nimmt: ein Herr trifft draußen auf der Heide ein Bauernmädchen, eine Hirtin — daher der Name prov. pastorela, pastoreta, Hirtengedicht —, die er zur Buhlschaft überredet. Der Ausgang ist gewöhnlich, nicht immer, dem Schmeichler günstig. Den Hauptteil nimmt auch hier meistens der Dialog ein. Die Pastourelle kann nicht volkstümliche Dichtung genannt werden, im Gegenteil, sie ist ein raffiniertes Aristokratenvergnügen und aus den sozial abgestuften Standesverhältnissen des Mittelalters zu verstehen. Am grellsten beleuchtet die Moral oder vielmehr Unmoral einer solchen Liebesgeschichte das Kapitel De amore rusticorum des Kaplan Andreas (Trojel S. 235 f.): naturaliter, wie ein Pferd oder Maulesel, werden die Bauern durch 1 Bartsch, Ges. Vortr.; Scherer, Dt. Stud. roy S. 1 ff. 128 u.ö.; Faral, Romania 49, 2, 104 ff., dagegen Paul, Beitr. 2,465 ff.: hält 204 ff.; Wechssler S. 132 Anm.; Otto Bö- volkstüml. Ursprung für nicht unmöglich, s. ckel, Dt. Volkslieder aus Oberhessen, 1885, auch Burdach, Reinmar S. 77 Anm.; R. M. S. CLXIIff.; Heinzel, Kl. Sehr. S. 104 f.; Meyer, ZfdA. 29, 232 ff.; Berger, ZfdPh. 19, Schönbach, Anfänge S. 16. 21. 101 f.; Ders., 444; RoETHE.Anz. 16,92f.; s.auch Schwiete- Wiener SB. 141, 1899, 144; R.M.Meyer, ring, ZfdA. 61, 64; Brinkmann, Entstehungs- ZfdA. 29, 222 f.; Bielschowsky, Dorfpoesie gesch. S. 129. 149. S. 283-94; Singer, Neidhart-Studien, 1920, 2 Scherer, Dt. Stud. 2,104 ff.; RoETHE.Anz. 9. 16; Brinkmann, Neophilol. 9, 1923, 204 ff.; 16, 86 ff.; de Gruyter S. 127 ff.; Singer, Ders., Entstehungsgesch. Reg. S. 169 u. bes. Mittelalter u. Renaiss., 1910, S. 12; Ganzen- S. 77 ff.; Schwietering, Ans. 45, 80; Piquet, Müller, Naturgefühl S. 21 ff. — Johannes L'fivolution de la pastourelle du XI Ie siecle ä Schmidt, Die älteste Alba, ZfdPh. 12, 333—41, nos jours, 1927; Habermann, Reallex. 2, 658f. ist ein geistliches Gedicht, lat. mit prov. Re- — Üb. d. Ursprung der Pastourelle s. Brink- frain, 10. Jh.; Laistner, Germ. 26, 415-20. mann, Lat. Liebesdichtung S. 77 ff.: Liebes- 3 Scherer, Anz. 1, 203; Erich Schmidt, dialoge, die die Aufforderung eines hohen Kle- ZfdA. 29, 119 f.; Roethe, Anz. 16, 85; Bur- rikers an eine Nonne zum Mittelpunkt haben, dach, SB. d. Preuß. Ak. 1918 S. 1015 Anm. schon im 10. Jh.; die eigentliche Pastourelle, 1088 f. u. Vorspiel I, 1,279 Anm. 318; Schlä- das Hirtengedicht, unter Einfluß von Ovids ger S. 82 ff.; Schwietering, ZfdA. 61, 64. — Heroiden V, dann das Heruntersteigen in die Arabisch: Burdach, SB. S. 1073. 78. 84 u. derbsinnlichen Niederungen bei den Vaganten, Vorsp. S. 299. 305, 312; Ovid, Epistel Heros in den Carmina Burana. — Die provenzal. u. Leanders XVII. XVIII. Pastourelle ist ein Unterhaltungsstück der ga- 4 Wackernagel, Afrz. Lieder u. Leiche lanten Gesellschaft, die franz. trägt meist der- S. 223 ff.; Burdach, Reinmar S. 11 ff.; Jean- bere Züge. Gattungen 203 den Naturtrieb zu den Werken der Venus (ad Veneris opera) veranlaßt, und dem Liebhaber wird geraten, ein solches Weib mit Lobreden zu erheben und wenn die Gelegenheit günstig ist, ihr Gewalt anzutun. Der deutschen Auffassung von der Minne war die Pastourelle, das Huldigungsgespräch eines Ritters zur Gewinnung einer Bauerndirne, nicht gemäß, nur je ein Lied Gotfrids von Neifen und des Herzogs von Brabant sind in Pastourellenart gehalten, und ganz höfisch umgeformt ist der pastourellen- hafte Entwurf von Morungens Lied MF. 113, 19. In der sozialen Einstellung mit der Pastourelle verwandt sind die volkstümlichen Lieder Walthers, in denen er seinen Sang „nieder wendet" ; und in der Dorfpoesie Neidharts und seiner Nachfolger ist eine ganze neue Gattung im Gegensatz zum höfischen Minnesang getreten, wo wieder mit anderen Grundbedingungen als bei der Pastourelle zu rechnen ist. Kreuzlied. 1 Die Zeit mahnte an große Aufgaben und in den Weltereignissen wurzelt eine besondere, inhaltlich bestimmte religiöse Liedgattung, das Kreuzlied. Wie die Kreuzzüge von der Kirche inspiriert wurden, wie die gewaltigen Predigten Bernhards von Clairvaux die Ritter zum Schutze der heiligen Stätten begeisterte, so entstand auch das Kreuzlied zuerst unter den Geistlichen, je nach den Schicksalen des heiligen Landes, klagend oder freudig, besonders aber als Aufforderung zur Fahrt. 2 In diesen lateinischen Liedern lag der Anstoß zur Kreuzzugslyrik. Die Trubadur brachten eine weltliche Tönung hinein, indem sie die Minne zur Herrin (Frauenminne) mit der Gottesminne verbanden, und darin folgten ihnen die deutschen Minnesänger. Die religiösen Leitgedanken mit der Zweckrichtung auf himmlischen Lohn kehren typisch wieder. Der Empfindungsgehalt kann verschieden sein. Zumeist sind die Gedanken des Dichters geteilt zwischen der Welt und Gott. Die Minne hält ihn gefangen und bitter wird die Trennung von der Geliebten und den Freunden beklagt (Hausen, Johannsdorf und andere). Dieses Hereinziehen des Minnedienstes in den Gottesdienst scheint fast eine Entweihung, aber der Frauenkult hat schon an sich eine sittliche Bedeutung und der Zwiespalt wird nicht empfunden, da die Frau selbst als ein Wesen höherer Art verehrt wird. Alle diese Kreuzlieder sind subjektiv lyrische Bekenntnisse, in denen eine weiche elegische Stimmung waltet, wenn zuweilen auch ein unmittelbarer Aufruf an die Ritter gerichtet wird. Aber die hinreißende, todes- 1 Uhland 5, 153-59; Bartsch, Liederdich- Reallex. 2, 137-40; Halbach, Sachwörterb., ter S.XXf.; Schönbach, Anfänge S. 110; 1930,674 f.; Singer, Die religiöse Lit.d.MA.s, Wechssler, Kulturprobl. S. 415-24 u. Reg. 1933, 69-79. S. 492; Wilmanns-Michels, Leben W.sS. 221 2 Volkstümlich einfach waren die Pilger- -27. 453 f. — H. Schindler, D. Kreuzzüge in lieder, die vor oder auf einer Palästinafahrt d. altprovenz. u. mhd. Lyrik, Progr. Dresden von den Teilnehmern angestimmt wurden; W 1889; Wolfram, Kreuzpredigt u. Kreuzlied ZfdA.30, 89-132; Lüderitz S.37. 91. 131 f. Nickel, Sirventes u. Spruchdichtung S. 36-8 Brinkmann, Entstehungsgesch. S. 70-6 Schneider, Heldendichtung usw. S. 395-98 u. winnen 387, 14 ff. Mettin, Die ältesten dt. Pilgerlieder, Festschr. Sievers 1896, 277-86; LG. I, 196 f. — Ulrich v. Lichtenstein will die heren gotes vart unternehmen, um die Huld der Geliebten zu ge- 204 Die lyrische Dichtung mutige und sieghafte, über alle Feinde und über den Teufel selbst triumphierende Glaubensstärke liegt nicht im Temperament der Minnesangskunst. Klageliet 1 sind Klagelieder auf den Tod verstorbener Fürsten und angesehener Männer. Totenklagen wurzeln in primitiven Volksgebräuchen. Als literarische Gattung in Form von Gedichten kennt sie das klassische Altertum, und ununterbrochen vererbte sich das Klagelied auf die lateinische Literatur des Mittelalters. Die Strophen des Spervogel Anonymus (MF. 25, 27 ff.) beruhen gewiß auf alter Spielmannstradition. Durch das Vorgehen der Trubadur mochten bei den Minnesängern Totenklagelieder höfische Geltung als literarische Gattung (Klageliet = prov. planh, planctus) erlangt haben, unmittelbar romanischer Einfluß auf die deutschen Stücke ist nicht nachzuweisen. Die Anzahl ist auch beschränkt und ein fester Typus hat sich nicht ausgebildet, doch kann man auch in den deutschen Stücken meist als Hauptmotive Klage und Preis unterscheiden, worauf dann eine kurze Fürbitte den Abschluß bildet. Ergreifend ist Reinmars Witwenklage, die Hartmann nachgeahmt hat (LG. II, 2, 148-50; Witwenklage schon im Beowulf, LG. I, 38). Walthers Klagestrophen auf Reinmar (82, 24. 37) beziehen sich hauptsächlich auf den Verlust seiner Kunst. Ihm folgten darin Ulrich von Singen- berg, später Frauenlob (Bartsch, Liederdichter 4 S. XXII f.). An diese unmittelbar dem dahingeschiedenen Kunstgenossen gewidmeten Totenklagen schließen sich dann die Sprüche späterer Dichter an, die als Nachrufe die Verdienste früherer berühmter Meister preisen und in deren Aufzählung gleichsam einen literarhistorischen Rückblick auf die hohe Kunst der Vergangenheit bieten. Tanzliet, tanzwise, reie. 2 Es ist anzunehmen, daß es in Deutschland schon in vorliterarischer Zeit primitive Chorgesänge gegeben hat, ursprünglich kultische Tanzgesänge, deren heidnische Spuren auch nach Einführung des 1 Schönbach, D. Christentum in d. ad. Hei- Böhme, Gesch. d. Tanzes; Weinhold, D. dt. dendichtung, 1897, S. 106 f.; Heusler, D. alt- Frauen l 2 ,159 f.; Alwin Schultz, Höf. Leben german. Dichtung, in Handbuch d. Literatur- 1, 544 ff.; Elard Hugo Meyer, Dt. Volkskde wissensch. hgb. v. 0. Walzel 1924; Rich. S. 158-63. 315; Böckel, Volkslieder S. CVIff. Leicher, D. Totenklage in d. dt. Epik von d. — MSD. II 3 , 155; Scherer, Anz. 1, 202 f.; ältesten Zeiten bis zur Nib.-Klage, 1927 (für Schönbach, ZfdA. 20, 153 f.; R.M.Meyer, d. lyrische Totenklage bes. S. 62 f.); Gust. ebda 29, 121 ff.; Heusler, Altgerm. Dichtung Keller, Tanz u. Gesang bei d. alten Germa- aaO. u. GRM. 10, 1922, 16-31. — Schuegraf, nen, Berner Diss. 1927 S. 56 ff.; J. F. Clauss, ZfdKulturgesch. 1856, 447-76; Konr. Gu- Die Totenklagen der dt. Meistersänger, Frei- sinde, Neidhart mit dem Veilchen, 1899; bürg. Diss. 1919, ungedr.; L. Heinemann, Üb. Mohr, D. unhöf. Element; Pfeiffer, Chori- Quellen u. Gestaltung d. lyrischen Totenklagen sches Tanzlied aaO.; Schröder, ZfdA. 61, 27 dt. Dichter bis z. Ausgange d. mhd. Zeit, Mar- -34; Naumann, Grundzüge d. dt. Volksk. bürg. Diss. 1923, ungedr.; Brinkmann, Ent- S. 127-32. Franz Rolf Schröder, Germanen- stehungsgesch. S. 76-8. — LG. I, 36^15 u. tum u. Hellenismus, 1924 S. 51 ff. 78 ff. — Reg. S.468 c . Franz. bes.: Gröber, Grundr. Reg. S. 1282 2 Uhland 3, 30 ff. u. Anm.; 207. 389 ff.; 5, „Tanzlieder"; Gaston Paris, Journ. des sa- 123 ff. u. Anm.; Lachmann, Üb. d. Leiche d. vants 1891 u. 1892; J. Bedier, Les fetes de dt. Dichter d. 12. u. 13. Jh.s, Kl. Sehr. S.325ff.; mai et les commencemens de la poesie lyr. au Wackernagel, LG. I 2 , 300 u. Anm. 28-30; moyen äge, Revue des deux mondes 134, 1896, Koberstein l 4 , 230; Bartsch, Liederdichter 8 146-72; Jeanroy, Origines 2 S. 177 ff. 387 ff. S. 17-20, Rud. Hildebrand, Materialien z. 479. 491-95; Wechssler S. 322 f.; Vossler, Gesch. d. dt. Volkslieds, 1900, S. 89 ff.; Ventadorn S. 44 f. — P. v. Winterfeld, Dt. Gattungen 205 Christentums in Volksvergnügungen fortlebten. Das älteste uns überlieferte bäurische, gesellschaftliche Volkstanzliedchen ist das der Tänzer von Kölbigk vom Jahre 1021, x dessen Mirakel auf romanischen Ursprung weist. Es handelt sich hier um wenige Verse epischen Inhalts mit Kehrreim, um „getanzte Kleinlyrik". Die älteste Schilderung eines tanzenden Paares der vornehmen Gesellschaft gibt der Ruodlieb (Seiler IX, 46 ff.); es ist ein mimischer Tanz, ein Vorgänger des Schuhplattlers (Schröder, ZfdA. 61, 29 f), mit scharf taktierender Harfenbegleitung. Das romanische Wort mhd. tanz, tanzen (frz. danser) erscheint am Ende des 11. Jahrhunderts in deutschen Glossen, als höfische Unterhaltung in der Literatur seit dem 12. Jahrhundert. Der reie war, wie schon die deutsche Benennung nahe legt, ein volkstümlicher Brauch, ein Bauerntanz. Der Tanz, in einzelnen Paaren oder kleinen Gruppen, gemessen in zierlichen Bewegungen, wurde getreten (geschritten; Beschreibung im Meier Helmbrecht 94 ff. 939 ff.); der Reie wurde von einer größeren Schar, in einer Kette oder paarweise hintereinander, ausgelassener und plumper, gesprungen. 2 Doch wurden die beiden Moden in der Bezeichnung nicht streng auseinandergehalten und die Tänze wurden bald auch ein Bauernvergnügen. Es gab in Deutschland, wie in Frankreich, im 12. Jahrhundert volkstümliche Tanzlieder, primitive Gemeinschaftslieder, 3 die zum Tanze gesungen wurden oder zum Tanze aufforderten. Deutsche Reste davon sind kümmerlich: das Mädchenreigenlied Carm. Bur. Nr. 129 a Swaz hie gät umbe usw. (wohl erst vom Anfang des 13. Jahrhunderts). Beizuziehen wären volkstümliche Formeln in deutschen Liedern der Carm. Bur., bei Neidhart, Winter- stetten. Deutsche volkstümliche Sommertanzliedchen mit normalem Schema besitzen wir nicht mehr. Es waren wohl Vierzeiler, die wie Ringelreihenliedchen immer wiederholt wurden, und es wurde in ihnen zum Empfang des Sommers oder des Maien 4 (Naturmotiv) und zu Tanz und Freude aufgefordert, oder auch waren es kurze Erzählungen (episch) wie bei dem Tanz von Kölbigk. Dichter d. lat. MA.s (S. 391 Ruodlieb); Carm. Schweiz. Id. 6, 1-9. 795-97. Bur. ed Hilka u. Schumann, 1930, Einl. u. 3 Primitives Tanzlied: Naumann, Grund- Spanke, Lbl. 1931, 112 ff.; Ders., Neuphilol. züge d. dt. Volkskunde S. 127. 131. — R. M. Mitteil. 31, 1930, 143 ff. u. 33, 1932, 1-22. — Meyer, ZfdA. 29, 177-92; Schwietering, LG. I, 28 ff. u. s. unten Neidhart, Lichten- Singen u. Sagen S. 18 u. ZfdA. 61, 71; Brink- stein. mann, Lat. Liebesdichtung S. 62-73 u. Ent- 1 Siehe LG. I, 239 ff., zur dort angeführten stehungsgesch. S. 65. 91. 167. — Vgl. Renner Lit. hier eingehender: Kögel, LG. 1, 10. 2, V. 381 sin stimme ziert vil wol den tanz. 650 ff.; Gaston Paris, Journ. des Savants 4 Maitanz, Maifeier (Maibuhle, Mailehen [das 1899; Frantzen, Neophil. 4, 1919, 369 f. u. Tanzpaar, das für den Sommer zusammen- Medeel. d. Kon. Ak. Afd. Lett. Deel 53 Ser. A, gehört]): Uhland 3, 30 ff. u. Anm. 3, 389 ff.; 1922,18 ff.; Schröder, ZfdA. 61, 29 f.; Heus- Hildebrand, Materialien zur Gesch. d. dt. ler, GRM. 10 aaO. u. Versgesch. 2, 257. 273 f. Volkslieds 1, 1900, S. 4 f.; El. H. Meyer, Dt. 322; Brinkmann, Neophilol. 9, 1923, 54; Volksk. S. 161; Bielschowsky, Gesch. d. dt. Naumann, Bayer. Heimatsschutz 23, 1927, Dorfpoesie pass.; Wechssler, Reg. S. 493 135 f. „Maitanzlieder". — Wittenweilers Ring: 2 Liliencron, ZfdA. 6, 79 ff.; Schröder, Bauerntanz S. 165,6 ff.; Mailehen S. 169,18ff. ZfdA. 61 aaO. Reie, Reigen, DWb. 8, 642 ff., 206 Die lyrische Dichtung Andere chorische Liedgattungen sind bezeugt durch die termini ivicliet Kampflied, brutliet, brutleich Hochzeitslied. 1 Beim Ritt auf dem Marsche oder zu Turnier und Tjost wurde im Chor die üzreise gesungen, die uns aus zwei kraftvollen Liedern Ulrichs von Lichtenstein bekannt ist (S.403. 456), eine Anspornung zu ritterlichem Kampfesmut im Dienste der Dame („Marschlied", Scherer, Dt. Stud. I 2 , 43). — Der Rest von einem Trinklied ist vielleicht in Wolframs Willehalm 326, 23 ff. erhalten (Singer, Wolframs Willeh. S. 102. 127). 2 Lob- und Scheltlieder, lopliet, scheltliet oder riiegeliet, das Streitgedicht 3 (prov. tenzone und joc partit, jeu jarti, geteiltez spil) und überhaupt die große provenzalische Gattung Sirventes — allgemeine Lehren oder persönliche Beziehungen umfassend — liegen außerhalb des Liedes und gehören der andern Hälfte der Lyrik, der Spruchdichtung, zu. Eine Sonderstellung in der Minnelyrik nimmt der Liebesbrief ein. 4 Die Briefliteratur ist eine kulturelle Erbschaft aus der Antike. Schon mit des Hieronymus Frauenbriefen beginnt die christliche Epistolographie und Briefe des Bonifatius an geistliche Frauen durchzieht ein sentimentaler Freundschaftskult. Berühmt wurden die poetischen Huldigungen, die im 11 ./12. Jahrhundert Marbod, Hildebert von Tours, Balderich an Fürstinnen und auch an Klosterfrauen richteten, die die Schönheit und Keuschheit der Verehrten ganz weltlich in einem von Ovid beeinflußten Stil preisen. Von den Klerikern lernten die Trubadur und darauf die nordfranzösischen Lyriker die Kunst des poetischen Liebesbriefes (prov. breu [= breve, brief], lettera, saluz., franz. Salut d'amour, Liebesgruß); dem lateinischen und romanischen Einfluß folgte die Brief literatur als Gattung in Deutschland. Der lat. Tegernseer Briefwechsel zwischen Mönch und Nonne, in dem deutsche Verse und Sätze eingestreut sind, bewegt sich in den Gedanken und Motiven eines Minneverhältnisses. Über seine Entstehung herrschen verschiedene Ansichten: ob wirk- 1 Weiteres s. LG. I, 23 ff. Jahrb. 7, 1904, 158; Ehrismann, ZfdPh. 33, 2 Vereinzelte Benennungen von Liedgattun- 369 f.; v. d. Leyen, Dt. Dichtung u. bildende gen: Mhd. Wb. 1, 984 f.; Wackernagel l 2 , Kunst, Festschr. Muncker 1916 S. 18; Anger- 291.301 Anm. 33 f.; Koberstein, Grundr. I 6 , mann, D. Wechsel S. 76 ff.; Singer, GRM. 13, 229 f.; Kolmarer Hs. ed. Bartsch S. 369-71 1925,192; Brinkmann, Neophil. 9,1923,49ff.; u. Anm. 376 f. 664 f. Ders., Lat. Liebesdichtung pass.; Ders., Ent- 3 Streitgedicht s. LG. I, 56 f. II, 2, 151 ff. stehungsgesch. S. 63 f. 118 f.; Schwietering, 4 Steinhausen, Gesch. d. dt. Briefes 1,1889, Anz. 45, 77 ff.; Baethgen, Rota Veneris, Dt. 8 ff.; Ders., Dt. Privatbriefe d. MA.s, 2 Bde, Vjschr. 5, 37-64; Rosenhagen, Reallex. 2, 1898. 1907. — Uhland 3, 261 ff.; Burdach, 209; Halbach, Sachwörterb. 1930, 737; Paul Reinmar S. 163 f.; Wilmanns-Michels, Leben Meyer, Le Salut d'amour dans les litteratures W.s S. 407; Ernst Meyer, D. gereimten Lie- prov. et. franc., Bibl. de l'Ecole des Chartes, besbriefe d. dt. MA.s, Marburg. Diss. 1898 (mit VI. Reihe, 3. Bd., 1867, 124-70; Michel, Mo- weiterer Lit.), dazu Panzer, ZfdPh. 32, 549 rungen S. 165-68. Das Muster eines prov. Sa- -53, Zwierzina, DLz. 1901, 468-72, Helm, luz, der Botenbrief von Arnaut de Maroill: Lbl. 1901,60-2; Alb. Ritter, Altschwäb. Lie- Diez, Leben u. Werke S. 122 f.; Bartsch, besbriefe, 1898, dazu E. Meyer, Anz. 25, 370 Chrest. prov. Sp. 91 ff.; Brinkmann, Ent- -79, Martin, DLz. 1898, 232 f.; Schröder, stehungsgesch. S. 114; H.-F. Rosenfeld, Zf- Ein gereimter Liebesbrief (14. Jh.), ZfdA. 63, dA. 67,41-4. — Für die Geschichte des Liebes- 224; Rosenfeld, Ein Liebesbrief, ebda 67, briefes ist auch zu erinnern an die Winileodosu. 41-4. — Schönbach, Üb. Hartmann v. Aue, an den Liebesgruß im Ruodlieb, LG. I 1 , 23-35. 1894, 395 f.; Panzer, ZfdPh. 31, 531 ff.; u. N. 235 f. u. Reg., 2. Aufl. S. 22-24.242f. u. Reg. Die Überlieferung 207 liehe Zustände zugrunde liegen können oder ob er nur als rhetorisch stilisierte Dichtung aufzufassen ist, gleichsam als Stilmuster. 1 Ein Prunkstück eines Liebesschreibens ist Gutenburgs Minneleich MF. 69, 1 (vgl. ZfdPh. 33, 397). Liebesbriefe, meist mit dem offiziellen, formelhaften Eingang des Dienst- oder Minnegrußentbietens sind schon im Rother 1947 ff. und im Straßburger Alexander 6525 ff. eingeschaltet (Henrici, Z. Gesch. der mhd. Lyrik, S. 68 f.), dann in einigen mhd. höfischen Romanen: Eneide, Parzival, Wigalois, Me- leranz, Herzog Ernst D, Johanns von Würzburg Wilhelm von Österreich (ed. Regel V. 1910-2136) und in dem Briefroman Der werden Minne lere 2 (s. unten Heinzelein von Konstanz). Zur feinen höfischen Bildung gehört brieve und schanzüne tihten, Gotfr. Tistan 8143 ff. (Ritter S. 90 f.). Die ersten für sich selbst bestehenden Liebesbriefe gehören noch dem Ende des 13. Jahrhunderts an (E. Meyer S. 59-66. 70), mit dem 14. Jahrhundert, besonders seit der Mitte desselben, nimmt der Liebesbrief mehr volkstümliche Züge an und wird zu einer beliebten poetischen Gattung. Es entstanden die deutschen Liebesbriefsteller, Sammlungen von Musterbeispielen nach der Art der ars dietandi. — Unter Büchlein verstand man einen umfänglicheren, aus mehreren Pergamentblättern zusammengehefteten Brief minniglichen Inhalts. 3 In der Minne-Allegorie ist die Minne personifiziert und in eine epische Situation gebracht. Diese Gedichte sind also dem Inhalt nach mit der Minnelyrik verwandt, gehören aber als literarische Gattung zur Epik oder zur Didaktik (s. unten „Minneallegorie"). Die Überlieferung i. Liederbücher Über die ersten Grundlagen unserer späteren Minnesängerhandschriften sind wir nicht genügend unterrichtet. Wahrscheinlich hat der Dichter selbst ein Lied jeweils nach der Abfassung aufschreiben lassen und sich eine Sammlung angelegt, die auch weiterhin abschriftlich vervielfältigt wurde, je nach der Beliebtheit der Dichtungen (Liederbuch). Auch mochten zunächst nur einzelne Pergamentblätter mit einem oder nur wenigen Liedern desselben Verfassers als „fliegende Blätter" in Umlauf gegangen sein, die dann zu Liederbüchern gesammelt wurden. Die Lieder, die uns unter einem Minnesängernamen überliefert sind, stellen wohl selten ein vom Dichter selbst ver- anstaltetes Liederbuch dar, sondern meist hat ein Sammler, Liebhaber oder Spielmann, die betreffende Liedergruppe zusammengetragen, manchmal nach sachlichen und sprachlichen Grundsätzen. 1 Ausg.: Vogt, MF. 3 S. 260-63. — Brink- 2 Ernst Meyer, pass.; Ritter S. 90 f.; mann, Entstehungsgesch. S. 92-103; Ganzy- Ehrismann, ZfdtWortforschg Bd. 1, 1903/4, niec, ZfdA. 63, 23 f.; Singer, GRM. 13, 1925, 134. 148. 201 f. u. ö. 191 ff.; Bernh. Schmeidler, Üb. d. Tegern- 3 Hartmanns Büchlein u. das zweite Büchseer Briefsammlung, N. Arch. f. alt. dt. Gesch. lein s. LG. II, 2,155 ff. Ulrichs v. Lichtenstein 46, 1926, H. 3. — Übersetzt: Gust. Freytag, drei Büchlein s. unten unter Ulr. v. L. Bilder aus d. dt. Vergangenh. I 11 , 1878,528-34. 208 Die lyrische Dichtung Liederbücher als ursprüngliche Quelle der großen Sammlungen hat als erster Benecke erkannt (Beytr. z. Kenntn. d. ad. Sprache u. Litt. II, 1832, 301 f.); s. auch Müllenhoff, Z Gesch. d. Nib. Not S. 19; Wackernagel, LG. I 2 , 307; Burdach, SB. d. Preuß. Ak. 1918, 871 ff. u. Vorspiel I, 2; Wilmanns, ZfdA. 13, 224-29; W. Wisser, D. Verhältn. d. Minneliederhss. A u. C zu ihren gemeinschaftl. Quellen, Progr. Eutin 1895; Plenio, Beitr. 41, 65 ff.; Schneider, ebda 47, 225 ff.; Schwietering, ZfdA. 61, 78 f.; Vogt, MF. 3 S. 329. — Müllenhoff erklärt an dem Beispiel Friedrichs von Hausen (ZfdA. 14, 133^13), die Liederbücher seien vom Dichter selbst veranstaltet worden, und zwar in chronologischer Reihenfolge, so wie sich das Liebesverhältnis zu der Dame entwickelt habe, dann hat Scherer den Nachweis historischer Folge der Lieder für eine Reihe der ältesten Minnesänger versucht, so daß diese Liederbücher „einen kleinen Roman" darstellen (ZfdA. 17, 574 f. u. Dt. Stud. 2); diesen Standpunkt nehmen auch ein: Siegfr. Pfaff, ZfdA. 18, 44-58; R. Becker, D. altheim Minnes. S. 77-104; 0. Baumgarten, D. Chronologie der Gedichte Friedrichs von Hausen, ZfdA. 26, 105-45; E.Joseph, ZfdPh. 32, 133 f.; R. M. Meyer, ZfdA. 55, 345 ff. Gegen die „chronologische Hypothese" wendet sich Paul (Beitr. 2, 437-87). Auch Burdach spricht sich gegen die „chronologischen Hypothesen" und gegen „autobiographische Romane" aus (Anz. 9, 351, SB. d. Preuß. Ak. 1918 S. 998 f. u. Vorspiel I, 1, 258). C. v. Kraus erkennt in den in den Hss. durcheinandergeworfenen Liedern Reinmars eine höhere Ordnung, einen Zyklus, einen Liebesroman und stellt eine chronologische Reihenfolge her (Die Lieder Reimars d. Alten, 1919 [s. unter Reinmar]). — Die Töne der Sprüche sind oft schon von den Dichtern sachlich geordnet, Wilmanns, ZfdA. 13, 225 ff.; Roethe, Reinm. S. 96-123; Strauch, Marner S. 10 ff. 2. Die Handschriften 1 Wie die Lieder gesammelt wurden, darüber haben wir nur eine ungenaue Notiz in einem Liede eines des spätesten Sängers, des Schweizers Johannes Hadloub (über die Hs. C, Bartsch, Schweizer Minnesänger S.296, 1 ff.): derManessin Zürich bemühte sich sehr um den meistersanc, darum hat er nun diu liederbuoch, auch sein Sohn betrieb dies. Rüederger Manesse ist urkundlich bezeugt als Ratsherr zu Zürich um 1300, sein Sohn war kuster (Domküster, später Chorherr). 2 Wir besitzen vier große Pergament-Liederhandschriften. Die drei ersten, ABC, entstanden in Alemannien. In ihnen überwiegt der eigentliche Minnesang, damit tragen sie ausgesprochen ritterlich-höfischen Charakter. Die vierte dagegen, die Jenaer Hs., in Mitteldeutschland zusammengestellt, enthält mitteldeutsche und niederdeutsche bürgerliche Meister, ist also im Gegensatz zu A B C eine meistersingerische Handschrift. A. Die kleine Heidelberger Liederhandschrift, 3 Cod. pal. germ. Nr. 357 (Bartsch, Katalog Nr. 184), die älteste, noch im 13. Jahrhundert sehr schön, aber nicht genau geschrieben, ist die unscheinbarste der großen 1 Hss.: J. Grimm, Kl. Sehr. 6, 82 f.; MSH. vellen die historische Lage mit dichterischen IV, 895-910; Lachmann, Walther, 8. Aufl. von Augen geschaut. C. v. Kraus, 1923, S. VIII ff. XXII ff.; Wa- 3 Strophenanfänge: Lachmann, ZfdA. 3, 308 ckernagel, LG. I 2 , 306 f.; Koberstein l 6 , -32; Abdruck von Franz Pfeiffer, Lit. Ver. 233 f.; G. v. Wyss, ADB. 20, 188 f.; Wil- Bd. 9, 1844. — Margarete Regendanz, Die manns-Michels, Walther Ausg. S. 13-9; Sprache d. kleinen Heidelb. Liederhs., Marbg. Vogt, MF. 3 S. X-XV u. LG. 3 , 1922, S. 137f.; Diss. 1912 (elsässische Merkmale); Ranke, v. Kraus, Übungsbuch, 2 289; Rosenhagen, ZfdA. 55, 406; Plenio, Beitr. 41, 65 f. — Die Reallex. 2, 228-30. kleine Heidelberger Liederhs. in Nachbildung, 2 Gottfried Keller hat in den Züricher No- mit Geleitwort usw. von C. v. Kraus, 1932. Die Überlieferung 209 Sammlungen (34 Dichter, ohne Bilder). Wahrscheinlich ist sie im Auftrag des Straßburger Bischofs Konrad von Lichtenberg abgefaßt worden; kleinere Sammlungen liegen zugrunde, die noch zu erkennen sind. Der Dialekt ist el- sässisch. Wie C gehörte sie dann der Kurpfälzer Bibliothek an und machte deren Schicksale zum Teil mit (1623 durch Tilly nach Rom geschleppt, von Napoleon nach Paris gebracht, durch die Friedensbedingungen von 1814 wieder nach Heidelberg zurückgeführt). B. Die Weingartner Liederhandschrift, 1 jetzt in Stuttgart (Landesbibliothek), Anfang des 14. Jahrhunderts in Konstanz geschrieben, kam im 17. Jahrhundert in das Kloster Weingarten in Oberschwaben. Sie enthält 31 Dichter mit 25 Bildern derselben, meist auch mit ihren Wappen. Das Prachtstück unter den Minnesängerhandschriften ist C. Die große Heidelberger Liederhandschrift, 2 Cod. pal. germ. 848, früher, seit Bodmer, Manessische Hs. genannt, nach den Liederbuchsamm- 1 Abdruck von Pfeiffer, Lit. Ver. Bd. 5, 1843; D. Weingartner Liederhs. in Nachbildung, Begleitwort von Karl Löffler, 1927.— Inhaltsverzeichnis: Graff, Diut. 1, 76-121. — Heimat: Vogt, Beitr. 33,373 ff. 48,302; Löffler, Konstanz d. Heimat d. Weing. Liederhs., Zs. f. Gesch. d. Oberrheins 82, 1930, 504-80; Anordnung der Strophen der einzelnen Dichter: Schneider, Beitr. 47, 225-60; Bilder: Vogt, Beitr. 48, 127; s. auch P. Ganz, Gesch. d. herald. Kunst in d. Schweiz im 12. u. 13. Jh., 1899, dazu Küch, Anz. 31, 123-26 u. Schröder, ebda 126-29; Wappen s. auch JB. 1884 S. 195 Nr. 1010. 2 Ausg.: Fr. Pfaff, D. gr. Heidelbg. Liederhs. in getreuem Textabdr. I, Heidelberg 1909, dazu Roethe, Anz. 25, 152-55, Ehrismann, ZfdPh. 32, 96-100 u. 45, 309-11, Baesecke, DLz. 1910,1824-26, Schönbach, Allgem. Lit.- Zeitung 8, 175 f., Wallner, ZföG. 62, 1911, 523 f., Piquet, Revue crit. N.s. 47, 328 f. u. Revue germ. 6, 224 f.; Die Manessische Hs., Faks. — Ausg. 1926 ff., dazu Roethe, Inselschiff 7, 277; Faks.-Ausg. Suppl.-Band mit Einl. von Sillib, Panzer, Haseloff, 1929. Frühere Ausg.: Bodmer 1758. 59 (s. unt.), mit Nachträgen: Benecke, Beiträge I, 1810. — Heimat u. Geschichte der Hs. C: J. Grimm, Kl. Sehr. 5, 359-62; Fr. Apfelstedt, Germ. 26, 213-29; J. Crueger, ZfdPh. 16, 197-21; K. Zangemeister, Zur Gesch. d. großen Heidelbg., sog. Maness. Liederhs., Westdt. Zs. 7, 1889, 325-71 (dabei Lit.), dazu Pfaff, Lbl. 1889, 247 f.; Trübner, Centralbl. f. Bibliothekswesen 5, 1888, 225 ff.; Baechtold, LG. S. 143 ff.; Vogt, Beitr. 33, 373-81 (mit Lit.); A. v. Oechelhäuser, Zur Entstehung d. Ma- nesse-Hs., N. Heidelbg. Jahrbücher 3, 1893, 152-89 (Grundstock: 110 Texte, Nachträge, 7 Schreiber, 4 Maler); Ernst Kiefer, Beitr. 47, 491-99, dagegen Vogt, ebda 48, 291-302; Rud. Sillib, Zur Gesch. usw., Heidelbg. SB. 14 Deutsche Literaturgeschichte IV 17, 1921, 3 Abt.; Ders., Auf d. Spuren Joh. Hadlaubs, ebda 1922; Ders., Die verlorene u. wiedergewonnene Maness. Hs., Inselschiff S. 140-44 (1928); Schröder, Münchn. SB. 1924 Nr. 3 S. 15; Alex. Cartellieri, Heinr. v. Klingenberg usw., in: Die Kultur der Abtei Reichenau, 1925; Alois Schulte, Die Rei- chenau u. der Adel, ebda, s. Baesecke, Anz. 46, 15; B. Hilliger, Die Manesse-Hs., Centralbl. f. Bibliothekswesen 43, 1926, 157-72; Singer, Die wiedergewonnene Manessische Liederhs., in: Der Lesezirkel, 15. Jahrg. 1927/ 28, H. 8, Hottingen, Zürich; Rud. Sillib, Friedr. Panzer, Artur Haseloff, Sonderdruck zu d. Facks.-Ausg. der Maness. Hs. (Gesch. d. Hs.; Lied u. Bild; Kunst), 1929; Panzer, D. Maness. Liederhs. u. ihre Nachbildung, ZfdtBildung 5, 1929, 169-76. — Über Manesse: Uhland 5, 269 ff.; G. v. Wyss, ADB. 20, 188 ff.; R.M.Meyer, Hadlaub u. Manesse, ZfdA. 44, 197-222; Schröder, Anz. 31, 127; Plenio, Beitr. 41, 66 Anm. — Anordnung der Dichter: Schulte, ZfGesch. d. Oberrheins NF. 7, 1892, 542-59; Grimme, N. Jahrb. 4, 1894, 53-90; Schulte, Standesverhältnisse, ZfdA. 39, 185-251; Grimme, Alem. 24, 98 ff.; Wallner, Herren u. Spielleute im Heidelbg. Liederkodex, Beitr. 33, 483 ff.; s. auch Kluckhohn, ZfdA. 52, 135-38; Anordnung der Strophen: Schneider, Beitr. 47, 225 -60. — Bilder: J. R. Rahn, Anz. f. Schweiz. Altertumskde 1877,Nr. 3,774-81; Ders., Kunst u. Wanderstudien aus d. Schweiz, 1886; F. H. Kraus, Die Miniaturen der Manesseschen Liederhs. usw. (Lichtdruck), 1887, dazu Pfaff, Lbl. 1887, 510 f.; A. v. Oechelhäuser, Die Miniaturen d. Univers.-Bibl. zu Heidelberg T. 2, 1895; Fritz Traugott Schulz, Typisches d. gr. Heid. Liederhs., Gott. Diss. 1899, dazu Oechelhäuser, DLz. 1901, 1804-A6, R. M. Meyer, Anz. 28, 289 f., Ehrismann, ZfdPh. 35, 114-20; Wallner aaO. S. 502 ff.; 210 Die lyrische Dichtung lern, die man auch für die Veranstalter dieser Handschrift hielt (Hadloub sagt nur, daß sie Lieder sammelten, nicht auch, daß sie eine Handschrift anlegten oder verfertigen ließen); oder auch, nach ihrem zeitweiligen Aufenthaltsort, Pariser Liederhs. Geschrieben in Zürich in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts war sie später im Besitz des Augsburger Patriziers Ulrich Fugger, der seine Bibliothek 1584 dem Kurfürsten Friedrich III. von der Pfalz vermachte. Die Familie des unglücklichen Winterkönigs verkaufte sie an Privatliebhaber nach Paris, wo sie dann der Kgl. Bibliothek einverleibt wurde (1657). Durch Bücheraustausch und Kauf kam sie 1888 nach Heidelberg zurück. Sie ist weitaus die reichhaltigste und vornehmste der drei alemannischen Handschriften, enthält 140 Sänger, nach dem Range geordnet, besonders ist, der Entstehung der Handschrift entsprechend, die Schweiz unverhältnismäßig stark vertreten. Den Liedern sind 138 Bilder der Dichter beigegeben mit nebenstehenden Wappen. Durch die sehr mannigfachen Illustrationen und deren feine Ausführung (französischer Stil des 13. Jahrhunderts) ist C auch für die Kunstgeschichte von großer Bedeutung. — B und C setzen eine gemeinsame Vorlage, BC, voraus, mit Bildern, um die Mitte des 13. Jahrhunderts. Der Inhalt von B ist etwa gleich dem ersten Teil von C, doch mit stark geänderter Reihenfolge. Eine gemeinsame Quelle für A und C ist für manche Strophen festzustellen. 1 Eine Sonderstellung gegenüber ABC nimmt die Jenaer Hs. ein; 2 sie ist die Hauptquelle für die Spruchdichtung bes. in der Zeit nach Walther. Sie ist prachtvoll geschrieben, hat keine Bilder, aber ein besonderer Eigenwert kommt ihr dadurch zu, daß den Texten die Melodien beigegeben sind. Sie ist damit ein unschätzbares Denkmal der mittelalterlichen Profanmusik. Abgefaßt ist die Handschrift etwa gegen die Mitte des 14. Jahrhunderts in Niederdeutschland in der dort geltenden mitteldeutschen Schriftsprache. Nach Erich Stange, D. Miniaturen der Man. Lie- Verhältn. d. Minneliederhss. B u. C usw., derhs. u. ihr Kunstkreis, Königsberg. Diss. Progr. Eutin 1889, dazu Vogt, ZfdPh. 24, 1909; Ders., Manesse-Kodex u. Rosenroman, 90-4; Behaghel, Lbl. 1891, 83. Anz. f. Schweiz. Altertumskde NF. 11, 1910, 2 Ausg.: Holz, Saran u. Bernouilli, Die H. 3, s. auch 12, 65. 165; R. Stettiner, Das Jenaer Liederhs., Bd. I Text, Bd. II Übertra- Webebild d. Mann. Hs., 1912; s. auch Schrö- gung, Rhythmik u. Melodik, 1901 (Nachtrag: der, Anz. 31, 127. — Die Wappen der Hss. Saran, Beitr. 27, 191.-99), dazu Wustmann, sind nicht immer historisch zuverlässig; K. GgA. 167, 1905, 866-78, Rietsch, Anz. 29, 62 Zangemeister, Die Wappen, Helmzierden it -69, Nagel, Lbl. 1902, 369 f., Riemann, Mu- Standarten d. Gr. Heid. Liederhs., 1892, dazu sikal. Wochenbl. 33, 1902,429 ff., s. auch oben Wunderlich, ZfdPh. 26, 119-22, Kochen- bei „Musik"; K.K.Müller, Photograph. dörffer, DLz. 1893, 174-76; Grimme, Lbl. Faksimilierung, 1896. — Karl Bartsch, Un- 1893, 235-38; Mone, Diözesanarch. f. Schwa- tersuch. z. Jenaer Liederhs., Pal. 140, 1923, ben 19, 1901, 21 ff. 42 ff.; Wallner aaO. dazu Schröder, Anz. 43, 152 f., Hübner, S. 491 ff. — Clara, Riecke, Die Vokalzeichen Arch. 148,150, de Jong, Neophil. 12,1926/27, in der gr. Heidelbg. Liederhs., Greifswalder S. 59 f.; Günther Müller, Dt. Vjschr. 5, Diss. 1917. 1927, 123; Karl G. Brandis, Zur Entstehung 1 W. Wisser, D. Verhältnis der Minnelieder- u. Gesch. d. Jenaer Liederhs., Zs. f. Bücher- hss. A u. C zu ihren gemeinschaftl. Quellen, freunde NF. 21, 1929, 108-11. — Wilh. Progr. Eutin 1895, dazu Schönbach, österr. Meyer, Gott. Abhandl. NF. 1, 1897, 103-7 Lbl. 1896, 235 f., R. M. Meyer, DLz. 1896, (die Schreiber von J.). 730, Ehrismann, Lbl. 1896, 401; Wisser, D. Geschichte der Minnesangsforschung 211 Jena kam sie 1548 aus Wittenberg mit der Kurfürstlichen Sächsischen Büchersammlung. Eine ziemlich umfängliche Sammlung, größtenteils von Sprüchen, ist die Heidelberger Hs. D, perg. H.Jahrhundert. 1 Sprachlich und kulturgeschichtlich beachtenswert ist die Haager Liederhandschrift, geschrieben im ersten oder zweiten Viertel des 15. Jahrhunderts in Holland, wohl für Angehörige des dort regierenden bayerischen Hofes. Es sind etwas über 60 Lieder, deutsche, holländische oder, zur Hälfte, holländisch-deutsch sprachgemischte. 2 Eine Sammlung mhd. Gedichte von 1240bis 1340, worunter Minnelieder höfischen Stils, die Rudolf Losse, gest. als Dekan des Mainzer Domkapitels 1364, veranstaltet hat, liegt auf der Kasseler Landesbibliothek: Vogt, Beitr.48, 124-28. 3 Eine sehr wertvolle Sammlung von Meisterliedern des 14., 15. Jahrhunderts enthält die Kolmarer Handschrift, s. unten Meistergesang. 4 Auch die Weimarer Hs. (F), 15. Jahrhundert, enthält zahlreiche Sprüche (Frauenlob), doch nur wenige Minnelieder. 5 Einzelne erhaltene Handschriftenbruchstücke weisen auf wertvolle verlorene Sammlungen. Hingewiesen sei hier auch auf die Würzburger Handschrift, E, jetzt in der Münchener Universitätsbibliothek, eine für die mhd. Literatur sehr wichtige Sammelhandschrift (MSH. IV, 901; Ruland, Arch. d. hist. Ver. f. Unterfranken 11, 1850, 1-66; v. Kraus, Lachmann 8 S. VIII; Vogt, MF. S. XII f.). — Wenige Blätter umfassen das Naglersche und das Troßsche Bruchstück in Berlin. 6 — Eine aus Hugos von Trimberg Renner „erschließbare Minnesängerhandschrift" erörtert Schröder, Anz. 43, 126 f. Geschichte der Minnesangsforschung Die ältere Geschichte der wissenschaftlichen Bemühungen um den Minnesang knüpft sich an die große Heidelberger Liederhandschrift. Der St. Galler 1 Bartsch, Katal. S. 102; Strophenanfänge: dt. Fastnachtspiele, QF. 77,1896,108 f.; Franz Lachmann, ZfdA. 3, 333^14. Hacker, Untersuch, zur Weimarer Liederhs., 2 Ausg.: Anton Kalla, Üb. die Haager Lie- Beitr. 50, 351-93. — Über die Münsterschen derhs. Nr. 721, Prager dt. Stud. 14, 1909 (mit Bruchstücke s. oben unter „Musik" und unten Lit.), dazu J. Franck, Anz. 35, 214—16, Kopp, unter Walther v. d. Vogelweide. ZfdPh. 42, 462-67, Helm, Lbl. 1913, 61 f., 6 H. Degering, D. Troßsche Fragm. einer Wallner, ZföG. 62, 1911, 523 f., Kossmann, Minnesängerhs. (Berlin), Nachbildung, 1927.— Museum 19, 252-54. — Zacher, ZfdA. 1, 227 Zum Naglerschen u. Troßschen Bruchst. s. -67; Johanna A. Nijland, Gedichten uit het Hans Wegener, Beschreibende Verzeichnisse Haagsche Liederhs., Diss. Leiden 1896; Erik d. Miniaturen-Hss. d. Preuß. Staatsbibl. zu Rooth, Ein neuentdeckter niederländ. Minne- Berlin Bd. V, 1928, S. 7. 22 (mit Lit.). —Viele Sänger aus d. 13. Jh., Lund 1928 S. 1 ff. Lieder u. Sprüche finden sich zerstreut in mhd. 3 Büdinger Bruchstücke, 14. Jh., s. Cre- Hss., s. Vogt, MF. 3 S. XII-XV; Lachmann, celius, ZfdA. 10, 274-82. Walther 8 ed. v. Kraus 1923 S. VI-XIV. XXII 4 Zur Wiltener Meistersängerhs. s. J. V. -XXIV; v. Kraus, Übungsb. 2 S. 289; Ders., Zingerle, Wiener SB. 1861. Festschr. Sievers 1925, 505-29. — Nachricht 5 Adalb. v. Keller, Fastnachtsspiele Bd. 3, der Zimmerschen Chronik: MSH. IV, 883; 1853, 1440 ff.; Michels, Stud. üb. d. ältesten Grimme, D. rhein.-schwäb. Minnesinger S. 64. 14* 212 Die lyrische Dichtung Jurist und Historiker Goldast veröffentlichte als erster einige Stücke aus dieser in seinen Paraeneticorum veterum pars I, 1604. An Stelle des antiquarischen Interesses, das Goldasts Tätigkeit bestimmte, trat dann bei Bod- mer (s. LG. II, 2, 213. 24) ein ästhetisches und sprachliches, wobei das Heimatsgefühl stark mitwirkte, und ihm verdankt die Germanistik die erste Ausgabe der Minnesinger der „Manesseschen" Handschrift: Sammlung von Minnesingern aus dem schwäbischen Zeitpunkte, Zürich 1758. 59. Rein dichterisch gefaßt wurden die Minnelieder durch Gleim in seinen mißlungenen Modernisierungsversuchen (1773. 1779) und zutreffender durch die anmutige Liedkunst des Göttinger Hainbundes. Aber zu neuem Leben erweckt wurden sie erst durch die gleichgestimmte Romantik, und Tieck übertrug zum erstenmal in seinen Minneliedern aus dem Schwäbischen Zeitalter 1803 den von Bodmer herausgegebenen „sogenannten Manessischen Codex" „wörtlich nach den Originalen" (s. J. Grimm, Kl. Sehr. 6, 233^0). Mit der Romantik beginnt aber auch die wissenschaftliche Erforschung des deutschen Mittelalters, somit auch des Minnesangs, und Jakob Grimm, Uhland und Lachmann sind ihre Begründer. 1 Vagantendichtung Literatur (Auswahl): Piper, Spielmannsdichtung 2, 273-90; Karl Strecker, Einführung in d. Mittellatein, 1928, dazu P. Lehmann, DLz. 1928, 1658-61, Schumann, Anz. 49, 105-10; Strecker, Mlat. Dichtung in Deutschland, Neophil. 2, 379-98; Frantzen, Beziehungen zw. mlat. u. dt. Lit.d.MA.s, ebda 4, 358-71; Alex. Baumgartner, Gesch. d. Weltlit. IV, 405-23; Strecker, Reallex.2, 393 ff.; Naumann, ebda 3, 253ff., Stud. z. lat. Dichtung d. MA.s,Ehrengabe f. Karl Strecker, 1931, dazu Schröder, Anz. 51, 81 f. — Sammlungen: Th.Wright, The latin Poems commonly attributed to Walter Mapes, 1841; Ders., The political songs of England, 1839; Edelestand du Meril, Poesies populaires latines anterieures au XII. siecle, 1843; Ders., Poesies pop. lat. du m. äge, 1847; Ders., Poesies inedites du m. äge, 1854. — J. Werner, Beitr. z. Kunde d. lat. Lit. d. MA.s aus Hss. gesammelt 2. Ausg. 1905 (s. auch N. Arch. 31, 1907, 575 ff. 32, 591), dazu Strecker, Anz. 31, 147 f.; Spiegel, Grundlagen der Vagantenpoesie, Würzb. Diss. 1908; Stephan Gaselee, The Oxford Book of Medieval Latin Verse, 1928, dazu Strecker, DLz. 1928, 1854-56; Lehmann, Die Parodie imMA., 1922, u. Paro- distischeTexte, 1923, dazu Brinkmann, Lbl. 1924, 193-98; s. Strecker, ZfdA. 62, 76-80. 63, 108-11; C.Corradino, Icanti dei goliardi o studenti d'el medio evo, Neudruck von F. Picco, 1929; vgl. auchW. Meyer, ZfdA. 50, 289-96.— Ausg. der Carmina Burana: J. A. Schmel- ler 1847. 1883. 1894. 1904, Neudr. 1927; Kritische Ausg. von Hilka u. Schumann 1930, I.Text, II. Kommentar, dazu Strecker, Anz. 50, 34-44, Spanke, Lbl. 1931, 112-20, Piquet, Rev. germ. 22, 1931, 302 f.; Wilh. Meyer, Fragmenta Burana, Gott. Festschr. 1901 (nachträgl. gefundene Blätter der Hs.), dazu Schönbach, DLz. 1902, 467-71, Suchier, Cbl. 1902, 229-32; Ehrismann, ZfdPh. 36, 396-408; Lundius, Carm. Bur. ausgewählt, 1924, 2. Aufl. 1926. — 1 Lit.: Rud. v. Raumer, Gesch. d. germ. d. Göttinger Dichter, insbes. G.A.Bürger, Philologie, 1870, S. 52 ff. 254 ff. 268 ff.; Paul, Ber. d. freien dt. Hochstifts H. 2, 1901, 31-79; Gesch. d. germ. Philol., Grundr. 2 , 1897, u. SA., Wilmanns-Michels, Walther Ausg. S. 1 ff.; pass.; Rud. Sokolowsky, D. Aufleben d. ad. Burdach, Die Entdeckung des Minnesangs Minnesangsind, neueren Litt., Jen. Diss. 1891 u. d. dt. Sprache, SB. d. Preuß. Ak. 1918 u. bes.: D. ad. Minnesang im Zeitalter d. dt. S. 845-73 u. Vorspiel II; Günther Müller, Klassiker u. Romantiker, 1906, dazu Franz Ergebnisse u. Aufgaben d. Minnesangsforschg., Schultz, DLz. 1907, 2949 ff., Fränkel, Cbl. Dt. Vjschr. 5, 106-29. 1906, 1277; R. Porsch, D. ad. Minnesang u. Vagantendichtung 213 Andere Hss.: Mone, Lieder aus d. Hs. von St. Omer, Anz. f. Kde. d. dt. Vorz. 8, 1838, 102 ff. 287 ff.; W.Meyer, Die Arundelsammlung, Gott. Abhandl. 1908; Herdringer Vagantenliedersammlung; Bömer, ZfdA. 49, 161-238; Lat. Klerikerdichtung aus Erfurter Hss., Frantzen, Neophil. 6, 130-36; Hans Walther, Festgabe Degering 1926, 296-315; Cod. Med. Laurentiana: Dreves, ZfdA. 39, 365-68; andere Hss.: Strecker, Reallex. S. 396a; B.Bischof, Vagantenlieder aus der Vaticana, ZfromPhil. 50, 1930, 76-97; andere einschlägige Lieder: Wattenbach, ZfdA. 18, 124-36; Dreves, ebda 39, 361-68. — Übersetzungen von Vagantenliedern: Ludw. Laistner, Golias, 1879; Pernwerth v. Bärnstein, Carm. bur. selecta (12. u. 13. Jh.), 1879; Ders., Ubi sunt qui ante nos (14.-18. Jh.), 1882; K. Mischke, Der fahrenden Schüler Liederbuch, 1893; H. R. Ulich, Vagantenlieder... übertragen u. eingeleitet, den lat. Text bearb. M. Manitius, 1927. — Abhandl.: Giesebrecht, Allgem. Monatsschrift f. Wissensch. u. Lit., Braunschweig 1853; Osk. Hubatsch, D. lat. Vagantenlieder, 1870; Burdach, Reinm. S. 155-69; Wilmanns-Michels, Leben W.s S. 38 f.; Kuno Francke, Zur Gesch. d. lat. Schulpoesie d. 12. u. 13. Jh.s, 1879; A. Heinrich, Quatenus carminumBur. auctores veteres Romanorum poetas imitati sunt, Progr. Cilli 1882; R.M.Meyer, ZfdA. 29, 177-222; E. Th. Walter, Germ. 34, 146-52; L. Ehrenthal, Stud. zu d. Liedern d. Vaganten, 1891; K. Marold, Üb. d. poet. Verwertung d. Natur u. ihrer Erscheinungen in den Vagantenliedern u. im dt. Minnesang, ZfdPh. 23, 1 ff., s. auch Nord u. Süd 52, 1890, 334-49; Ganzenmüller, Naturgefühl S. 230 ff.; Herm. Reich, Der Minus, 1903; Carlo Pascal, Poesia latina medievale, Catania 1907; Nie. Spiegel, D. Ursprung d. Vagantenordens, Würzb. Diss. 1888; Ders., D. Vaganten u. ihr Orden, Progr. Speyer, 1892; Ders., D. Grundlagen d. Vagantenpoesie, Progr. Würzburg 1908; Wilh. Meyer, Fragmenta Burana, pass. (s. unten); Siegfr. Jaffe, D. Vaganten u. ihre Lieder, Progr. Berlin 1908;Willib. Schrötter, Ovid u. die Troubadours, 1908; Herm. Unger, De ovidiana in Carminibus Buranis quae dieuntur imitatione, Berl. Diss. 1914; Frantzen, Neophil. 4, 358 ff. 5, 58 ff. 170 ff. 357 ff. 6, 130 ff. 7, 93, Mededeel. d. K. Ak. van Wetensk. Afd. Lett. Deel 53, Ser. A S. 249-72; Holm Süssmilch, D. lat. Vagantenpoesie des 12. u. 13. Jh.s als Kulturerscheinung, 1918; J. H. Hanford, The Progenitors of Golias, Speculum I, 1926, 38-58; E. Herken- rath, Scholaren usw., o. J. (1926/27); Schwietering, Demutsformel S.4f.; Plenio, Beitr. 42, 429 f. Anm.; Günther Müller, Formproblem, Dt. Vjschr. 1, 1923, 61 ff.; Brinkmann, Neophil. 9, 49-60. 203-21; Ders., Preuß. Jahrb. Jan. 1924, 33^4; Ders., Manerius, ZfdA. 60, 194-98 (Holthausen, GRM. 15, 48 f.); Ders., Lat. Liebesdichtung S. 31 ff.; Ders., Entstehungsgesch. pass. (s. Reg.); W. H. Moll, Üb. d. Einfluß d. lat. Vagantendichtung auf d. Lyrik W. v. d. Vogelweide usw., Amsterdam 1925, dazu Brinkmann, ZfdPh. 55, H. 3/4, Ehrismann, DLz. 1926, 2573-75, Piquet, Revue germ. 17, 368-71; Paul Engel, Die äußeren Stilmittel in vaganten- hafter Lyrik u. bei Gottfr. v. Straßburg, Kölner Diss. 1928; Günther Müller, Dt. Vjschr. 1, 63-69; P. Lehmann, Neophil. 9 H. 2; Ders., Preuß. Jahrb. 195, 1924, 33-44; Ders., Bayer. Blätter für d. Gymnasialwesen 59, 1924, H. 3; Ders., GRM. 12, 1924, H. 3/4; Ders., Stud. d. Bibl. Warburg H. 13, 1927; C. Corradino, I canti dei goliardi e studenti vaganti del med. evo, 1928; Jos. Klapper, Lat.-deutsches Bettellied Breslauer Studenten, ZfdPh. 47, 83 ff.; Hans Steinger, Fahrende Dichter im dt. MA., Nachwort von H.Naumann, Dt. Vjschr. 8, 1930, H. 1; E.K.Rand, A note on the Goliards, Speculum 5, 395; O. Dobiasche-Rojdevensky, Les po6sies des Goliards, 1931, dazu Faral, Rev. crit. 65, 4, April 1931; Stephan Gaselee, The Transition from the late Latin Lyric to the medieval Love Poem, Cambridge 1931, dazu Strecker DLz. 1932, 1210; W. Bulst, Zur Vorgeschichte der Cambridger u. anderer Sammlungen, Hist. Vjschr. 27,4,1933; Wolfram von den Steinen, Invitatio Amicae, ZfdA. 70, 281-87; Singer, Die religiöse Lyrik des MA.s 1933, 65-67. Die Entstehung der Universitäten im 12. und 13. Jahrhundert, Bologna, Padua, Paris u. a., brachte eine folgenschwere Änderung des Bildungswesens. 1 1 Kelle, LG. 2, 82-84. 289-93; H. Reuter, 1875,141 ff.; Specht, Unterrichtswesen, 1885, Geschichte der religiösen Aufklärung im MA., 195-202; Müllenhoff, Zur Gesch. der Nibe- 214 Die lyrische Dichtung An Stelle der Gebundenheit in den Kloster- und Domschulen trat die studentische Freizügigkeit. Es bildete sich eine eigene Klasse, die umherziehenden Studenten, die fahrenden Schüler und Kleriker, die clerici vagi, vagi scolares, die Vaganten. Die solideren führten ihr Wanderleben nur auf der Reise zu der von ihnen gewählten Universität, aber viele fanden Gefallen an dem Bummeln und bildeten es zu einem kürzer oder länger dauernden Beruf aus, der ihnen ihren Lebensunterhalt verschaffte, indem sie in Pfarrhäusern, Abteien, geistlichen Höfen herumschmarozten, wo sie ihre poetischen und sonstigen Unterhaltungskünste zum besten gaben. Aus der Schule bezogen diese wandernden Scholaren ihre klassischen Kenntnisse und ihre Stil- und Verskunst. Die Antike, die sie in der Schule kennen lernten, lieferte ihnen die mythologische Stilisierung. Ovid ist ihr Lehrmeister in der Liebeskunst, Vir- gil und Horaz trugen zu dem klassischen Kolorit bei. — Die Stimmung dieses Völkchens ist Lebenslust, Weltfreude. Da sie mit der Zeit zu einer Landplage und einem öffentlichen Skandal sich auswuchsen, wurde von geistlichen und weltlichen Behörden gegen sie eingeschritten (Konzilbeschlüsse und Landfrieden seit etwa Mitte des 13. Jahrhunderts). Die bedeutendste Sammlung von Vagantenliedern ist die Hs. aus dem Kloster Benediktbeuern in Oberbayern, nach diesem Carmina Burana genannt, in Bayern in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, nach 1230, 1 von mehreren Schreibern geschrieben. Als Vorlage wurden kleinere Sammlungen benutzt. Beigegeben sind 8 farbige Handzeichnungen. Die Sammlung besteht aus etwa 250 lat. Gedichten. Unter den Liebesliedern sind 55 deutsche Stücke. Verfasser werden nicht genannt, sie gehören Deutschland, Frankreich, England an. Den bunten Inhalt, der in der Hs. im ganzen nach Stoffkreisen geordnet ist, kann man mit Schmeller auf poetische Gattungen verteilen: A Weltliche Lyrik, Liebes-, Trink- und Spiellieder (Würfelspiele), amatoria, potatoria, lusoria; B Epik: antike Episoden; C Didaktik (Seria, ernste Gegenstände), allgemeine moralische und religiöse Belehrungen über Tugenden und Laster, über den Stand der Welt, über Fortuna, politische und Kreuzzuglieder, endlich auch Beschwörungsformeln, besonders aber Satire und Parodie, gerichtet gegen Priester und Prälaten, Rom und den Papst, gegen die Habsucht, Simonie und Fleischeslust der Geistlichen. D Dramen: ein Weihnachtsspiel und ein Passionsspiel; damit ist die BenediktbeuererHs. zugleich eine Hauptquelle für den Ursprung des mittelalterlichen geistlichen Schauspiels. lungennot, 1855, 20; Frantzen, Neophil. 5, 1907,75 ff.; P. Lehmann, Die Parodie im MA., 60 ff.; Brinkmann, ebda 9, 211 ff.— Die Be- 1922, Reg. unt. Vaganten, Goliarden ff. u. Zeichnung Goliarden gilt nicht ohne weiteres GRM. 12 H. 3/4; Leo Jordan, GRM. 13, 312 für die Vaganten, Goliardus erscheint erst seit -14; Meyer-Lübke, ebda 14,76; Brinkmann, Anfang des 13. Jh.s. Es stammt von dem Neophil. 9, 208 ff. u. GRM. 12, 120-23. 13, franz.gole,goule = lat. gula Schlemmerei. An- 102 ff.; Ders., Die Metamorphosis Goliae u. derer sprachlicher Herkunft ist Golias als Va- das Streitgedicht Phyllis u. Flora, ZfdA. 62, gantenname = Goliath, dieser galt als der 27-36, s. dazu Strecker, ebda S. 180. Teufel selbst, pueri Goliae, Söhne des Teufels, * Schumann, GRM. 14, 1926, 427, setzt die familia Goliae. Vgl. W. Meyer, Gott. Nachr. Hs. gegen 1300. Vagantendichtung 215 So geht in der Sammlung der Carmina Burana Heiliges und Unheiliges, Moral und Vergnügen nebeneinander. Die Vaganten freilich sind in der Emanzipation des Fleisches bis an die Grenze des Allzumenschlichen gegangen, so besonders in den Pastourellen. Als Motto für die eigentliche Vagantenlyrik könnte man den Kehrreim voranstellen: O vireat, o floreat, o gaudeat iuven- tus (Nr. 81). Um Wein, Weib, Würfelspiel dreht sich ihr Behagen. Das Rätsel der Liebe ist ihr Hauptstudium, der Venus huldigen sie, der Minerva kehren sie den Rücken (Nr. 31 Str. 3; Nr. 48 Str. 1 V. 1). Eines der anmutigsten Kunstwerke mittellateinischer Liebeslyrik ist das Streitgedicht de Phyllide et Flora (Nr. 65); hier ist in ein köstliches Rankenwerk der Streit gekleidet, ob ein Ritter oder ein Kleriker sich besser zum Geliebten eigne. 1 Eigentlich gebührt die Bezeichnung „Vagantendichtung" nur der weltlichen Genußlyrik. Nicht einmal alle Liebeslieder brauchen von jugendlichen Verfassern herzurühren, und andererseits trieben sich auch bemooste Häupter, Magister, ja selbst ältere Geistliche auf der Walze herum. 2 Die ernsten Lehren und großenteils die polemischen Stücke setzen reifere Männer voraus, die unter Magistern, Mönchen, seßhaften Geistlichen zu suchen sind, und können nicht Vagantenwerk genannt werden. Diese Kritik und Parodie, die sich gegen geistliche Personen und gegen sittenlose Zustände innerhalb des Klerus wendete und nicht gegen Einrichtungen der Kirche oder gegen das Dogma, war weit entfernt von Blasphemie. Mit dem Nachlassen des Vagantentums im 13. Jahrhundert fand das Studentenlied als selbständige literarische Gattung mit besonderem Inhalt und Stil keine durch das Leben getragene Pflege mehr. Literaturgeschichtlich ging es in das deutsche „Volkslied" des 14., 15. Jahrhunderts und in das Gesellschaftslied des 16., 17. Jahrhunderts auf. Zu einer neuen Blüte erstand es erst in unserem Kommersbuch. Das „Gaudeamus igitur" geht auf ein lateinisches Kirchenlied des 13. Jahrhunderts zurück. Zwei namhafte Persönlichkeiten ragen aus der namenlosen Menge dieser weltlichen Lyriker hervor. Nirgends ist der Optimismus des Lebens.rückhaltsloser ausgesprochen als in den Gedichten des Archipoeta. 3 Der Erzpoet 1 Phyllis u. Flora: E. Faral, Recherches sur 3 Ausg.: J. Grimm, Ged. d. MA.s auf König les sources lat. des contes et romans courtois Friedrich I., 1844, u. Kl. Sehr. 3, 1-102, du moyen äge, 1913, 191-303 u. Romania 41, Nachtr.: Wackernagel, ZfdA. 5, 293-99; 474 ff.; Bömer, ZfdA. 56, 217-39; Brink- Max Manitius, Münchn. Texte H. 6, 1913. mann, ebda 62,27-36; Strecker, ebda S. 180; Übersetzung: Bernh. Schmeidler, 1911. — Brinkmann, Entstehungsgesch. S. 1-12. 92 ff. Abhandl.: P. v. Winterfeld, Dt. Dichter des — Siehe LG. II, 2, 152 f. (daselbst auch das lat. MA.s S. 120 ff.; Jaffe S. 26-37; Schmeid- Liebeskonzil) und LG. II, 3 unt. Heinzelein. ler, Hist.Vjschr. 14,1911,367 ff.; W. Meyer, In diesem Ged. eine ganz ähnliche Schilde- GgN. 1914, 1 ff.; Lehmann, Parodie S. 1 39ff. rung eines Pferdes wie Enitens Pferd in Hart- 174; Frantzen, Neophil. 5,170-81; Strecker, manns Erec (LG. II, 2, 166 Anm. 2). Zu dem ZfdA. 58, 158-60, dazu Brinkmann, Anz. 44, Wundergarten der Minne vgl. das Liebespara- 148 f.; Strecker, Festg. Degering 1926, 244 dies beim Kaplan Andreas, Trojel S. 99 ff. Da- -52 (dazu Lehmann, DLz. 1927, 2588 f.); gegen der prosaisch materielle Tempel der Venus Strecker, Reallex. 2, 394 u. Lit. S. 395; in Carm. Bur. Nr. 49. Brinkmann, GRM. 13, 102-19; Ders., Lbl. 2 Ihre Geschichte s. bes. bei Lehmann, Par- 1924, 195 f.; Panzer, Italische Normannen in odie aaO. . d. dt. Heldensage, 1925, 73 ff.; Herkenrath, 216 Die lyrische Dichtung — sein Name ist unbekannt —, war kein Schüler mehr, aber doch noch ein jüngerer Mann und ohne feste Stellung, als er umhergetrieben durch selbstverschuldete Not sich seinen rheinischen Landsmann, den allmächtigen Kanzler Barbarossas, den Erzbischof von Köln, Reinald v. Dassel, zum Gönner erkor (die etwa zehn Gedichte erstrecken sich auf die Jahre 1160-65). In seiner „Beichte", der berühmten Confessio, einem seltsam ironischen Lebensbekenntnis, in dem er rückhaltlos seine Vergnügungen ausbreitet und um eine gelinde Absolution bittet, steht auch der Hymnus auf den Wein mit den trinkseligen Versen: Meum est propositum in taberna mori .. . tunc canta- bunt letius angelorum chori: ,,sit deus propitius huic potatori". In der Beichte des Archipoeta ist der Stoff der Vagantenlyrik gleichsam systematisch zusammengefaßt. Die Sammlung von St. Omer, die die gleichen Themata vereinigt wie die der Carmina Burana, enthält auch die Lieder des Walther von Chätillon, 1 in denen dieser mittelalterliche, klassisch gebildete Humanist seine echt vagantischen, weltfrohen, natursinnlichen Liebeslieder mythologisch stilisiert. Schließlich seien noch zwei charakteristische mittellateinische Denkmäler im Vagantensinn hier angeführt: Rota Veneris des Magister Boncompagno, ein Liebesbriefsteller des 13. Jahrhunderts; und die Apokalypse des Golias. 2 Die deutschen Strophen der Carmina Burana. 3 Einen besonderen Wert für die mittelhochdeutsche Lyrik erhält die Hs. der Carmina Burana dadurch, daß bei den Liebesliedern sehr oft hinter das lateinische Gedicht eine, seltener mehrere, deutsche Strophen angeschlossen sind. Diese 49 deutschen Strophen bzw. Lieder stehen meistens, in näherer oder fernerer Beziehung zu dem vorhergehenden lateinischen Gedicht, dem sie meist in der Form, seltener auch im Inhalt entsprechen. Die deutschen Strophen sind als Beispiele für Metrik und Musik den lateinischen beigegeben. Schwer zu bestimmen ist die Verfasserschaft der deutschen Lieder. Einige Male hat der Zusammensteller deutsche Originallieder als formale Muster zu den lateini- Neophil. 10 H. 4; Hanford aaO., dazu 395 f.; Hennig Brinkmann, Geschichte der Strecker, DLz. 1927, 262, Schumann, Anz. lateinischen Liebesdichtung im MA., 1925, 46, 99 f.; Wilh. Stapel, D. Archipoeten er- S. 36 ff.; Strecker, Ein Gedicht W.s v. Ch.? haltene Gedichte, Text mit Übersetzung 1927, Accademia degli Arcadi 1930. dazu Bömer, DLz. 1929, 418, s. Halbach, 2 Rota Veneris, hgb. von Friedr. Baethgen, ZfdtBildung 1929, 430; M. Buchner, Rainald 1927, dazu Schumann, Anz. 49, 111 ff. — K. v. Dassel u. der Archipoet in ihrer Beziehung Strecker, Die Apokal.d.Gol., hgb. 1928, dazu z. KanonisationKarlsd. Gr.,ZfrzSpr. 51, 1928, Schumann aaO.; Fedor Schneider, Texte z. 1-72; Schumann, Stammlers Verfasserlex. 1, Kulturgesch. d. MA.s, 1925, dazu Rheinfel- 1931, 107-19; Singer, D. relig. Lyrik d. MA.s, der, Lbl. 1928, 1^. — Brinkmann, Die Me- 1933, 65-67. tamorphosis Goliae, ZfdA. 62, 27-36; Stre- 1 Strecker, Die Gedichte Walthers v. Chä- cker, ebda 63, 111-15. tillonl, 1925; Ders., Walth. v. Chat., der Dich- 3 Lit. bei Lundius, ZfdPh. 39, 330 ff. (zu ter der Lieder von St. Omer, ZfdA. 61, 197- S. 331 Anm. 6 s. Burdach, Anz. 9, 357 u. 222; Ders., W. v. Ch. u. seine Schule, ebda 64, Reinm. 2 S. 316); Schumann, GRM. 14, 1926, 97-125; Ders., Moralisch-satirische Gedichte 418 ff.; Naumann, Reallex. 2, 167. — Fr. W.s v. Gh., hgb. 1929, dazu H. Walther, Anz. Lüers, Die dt. Lieder der Carm. Bur., hgb. 49, 121-26; Otto Schumann, Lbl. 1932, 92 1922. -98; Strecker, Merker-Stammler Reallex. 2, Vagantendichtung 217 sehen gefügt (von Dietmar, Morungen, Reinmar [?], Walther, Botenlauben, Neidhart, aus dem Eckenlied), möglicherweise stammt auch noch ein und die andere Strophe von einem Minnesänger und ist uns nur zufällig nicht auch sonst überliefert. So gehen nebeneinander in den deutschen Strophen zwei Stilarten, eine vagantische und eine höfische Lebensauffassung. Zum Beispiel in Nr. 100a gehören die Aufforderungsworte springe wir den reigen, vröun uns gegen den meigen der volkstümlichen Schicht, der Sprache des Volkstanzliedes an, dagegen die zweite Strophe ist minnesingerisch; oder 103a Str. 2: Tanzen, reien, springen wir gegen dem höfischen Min vrowe ist ganzer fügende vol; es sind volkstümliche Tanzliedchen mit höfischem Aufputz, ins Volk gedrungene Herrenmode. Das Sommerliebchenlied 129a, ein Ringelreihenliedchen, ist einer der wenigen Reste alter, volksmäßiger Tanz- Kleinlyrik, ein Trutzliedchen der Mädchen, die für diesen Sommer keinen Maibuhlen haben. 1 Fast alle übrigen deutschen Strophen hat der Zusammensteller selbst gemacht, wobei er in der Regel den Inhalt des lateinischen Gedichtes variierte. Diese Strophen kennzeichnen sich durch ihre ungewandte Sprache. Sehr mannigfaltig sind die rhythmisch-metrischen Formen der Benedikt- beurer Sammlung, die beiden Gattungen, Sequenz und gleichstrophiges Lied, sind in vielen Abwandlungen vertreten. Die mittellateinische Taktierungs- weise ist entweder metrisch, d.h. quantitierend in antiker Art nach Länge und Kürze, oder rhythmisch, d. h. akzentuierend, nach der natürlichen Sprechbetonung akzentuiert. Als besonders beliebte Versart ist die Vagantenzeile (trochäischer 13-Silber = 7 Silben stumpf+6 Silben klingend; vier gereimte Vagantenverse bilden die einfache Vagantenstrophe). 2 Das Klosteridiom der lateinisch-deutschen Mischsprache 3 paßt zu der Mischung von studentischer Schulgelehrsamkeit und volkstümlicher Neigung der Vaganten und ist mehrfach in den Liebesliedern der Carmina Burana angewendet, so in den Pastourellen Nr. 145. 146, auch in dem aus einem Volksrätsel umgedeuteten Liebesliedchen Nr. 138. 4 1 Wilmanns-Michels, Leben W.s S. 35. 57; hungsgesch. S. 17 f. 123; Lundius, ZfdPh. 39, Wilmanns, Anz. 7, 263; Hildebrand, Mate- 36CM82; Ehrismann, ebda 36, 403 ff.; Heus- rialien S. 4; Burdach, Reinm. S. 157 u. ZfdA. ler, Versgesch. 2, 245. 254 f. 268 f. 284 f. (mit 27, 352; R. M. Meyer, ZfdA. 29, 124. 126. 55, Lit.). 343; Schönbach, Walther 1890 S. 19, 4. Aufl. 3 Mischsprache in Carm. Bur.: Hoffmann von Schneider S. 3; Heusler, GRM. 10, v. Fallersleben, In dulei jubilo, 2. Ausg. 1922, 23. 29; Ders., Versgesch. 2, 252; Brink- 1861 S. 30 ff.; Schreiber, Vagantenstrophe mann, Lat. Liederdichtung S. 67; Naumann, S. 164 f.; Emil Henrici, Sprachmischung in Bayer. Heimatsschutz 33,1927, 136. — Vogt, älterer Dichtung Deutschlands I, 1913, 30. MF 3 S. 259. — Spott der Burschen auf die 4 Stetit puella: Naumann, Beitr. 42, 163-67 nicht tanzenden Mädchen beim Tannhäuser, u. Primitive Gemeinschaftskultur S. 138-47, ed. Singer III, 111. s. auch Ders., Grundzüge d. dt. Volkskde 2 Wilh. Meyer, Ges. Abhandl. Bd. I u. II; S. 134. — Manda liet Nr. 141 = Freudenlied: Ders., Fragmenta Burana S. 145-86; Heinzel, Wackernagel, LG. I 2 , 291 f.; Burdach, Wiener SB. 134, 1886, 99 ff.; J.Schreiber, Reinm. S. 163-65; Vogt u. Koch, LG; l 4 , D. Vaganten-Strophe der mlat. Dichtung usw., 94/95. Manda dürfte eher Imperat. von lat. 1894, dazu Marold, Anz. 22, 27-33, Wallen- mandare sein, auftragen, Botschaft überbrin- sköld, Lbl. 1895, 263-65; Gottschalk, D. dt. gen, = referre V. 4; Lied als Bote oft im Minne- Minneleich S. 14-20; Brinkmann, Entste- sang. 218 Die lyrische Dichtung Vorgeschichte des deutschen Minnesangs Die Auffassung von der Liebe in der altdeutschen Literatur vor dem Minnesang. Minne in dem ritterlich-höfischen Sinne und in der besonderen Form des Minnedienstes 1 ist erst eine Erfindung des romanischen Minnesangs, vorher geht der natürliche Liebesbegriff in Wechselbeziehung zu Ehe. Herzlich ist die gegenseitige Neigung der beiden Verlobten im Walthari- lied, doch in der Abstufung, daß das Mädchen den Helden als ihren Gebieter ehrt. Tief greift die Frau ein in den im Ruodlieb erzählten Lebensschicksalen : in wechselnden Bildern stellt sich die Liebe dar, als Jugendleidenschaft und Gattentreue, als Buhlerei und Ehe, leidenschaftlich oder als nüchternes Geschäft. Einförmig ist in den Spielmannsdichtungen die Liebe in eine politische Freiung gekleidet, bei der das persönliche Empfinden nicht mitspricht, und in der Ehe ist die Treue das feste Band. Das ist offizielle Sitte. Doch herrscht in den frühmhd. Dichtungen des 12. Jahrhunderts 2 im Verkehr der Gatten oder der Verlobten ein warmer Ton. Noch sind, wie im Waltharius, Demut und Gehorsam die Zierden der Frau und in der Lucretiaepisode der Kaiserchronik ist ein rührendes Bild hingebungsvoller ehelicher Treue entworfen; zugleich hier (4579-4618. 13109 ff., s. Schwietering, ZfdA. 61, 66) und im Straßburger Alexander (5384-86) ist die Minne zum Problem geworden. Das typische Motiv der Aufpasser (merkcere) und der huote begegnet schon vor dem Minnesang, und tougen minne war schon vorher ein geläufiger Begriff (schon im Lob Salomonis, MSD. XXXV Str. 17,3; Straßburger Alexander 2788, die stille Minne zum amis 3362-69; vgl. 6244). Die dem deutschen Minnesang vorangehende Literatur zeigt, daß das Problem der Frau und der Minne das ritterliche Laientum beschäftigte. Die Bedeutung der Frau für das soziale Leben wurde für die gebildete Oberschicht anerkannt. Aber das war doch nur die Empfindung feinerer Naturen, abstoßend ist daneben die Roheit des andern Teiles. In der Kaiserchronik 4431 -40 bzw. 4446 sind die beiden Typen einander lebensvoll gegenübergestellt, und wüst ist der Ton, in dem sich die Ritter über die Frauen unterhalten in Heinrichs von Melk Erinnerung 354-61. Älteste deutsche Liebeslyrik. 3 Eine Liebeslyrik vor dem Minnesang mit literarisch gepflegter Tradition, wo eine einzelne Persönlichkeit ihr Er- 1 Vor der höfischen Literatur des 12. Jh.s ist gesch. 11 aaO.). „dienen" (Ruodlieb 15, 55, Sailer S. 290, 55); 2 Emil Henrici, Zur Gesch. d. mhd. Lyrik Wernhers Marienleben s. Kluckhohn, ZfdA. 1876, dazu Steinmeyer, Anz. 2, 138-49, Kin- 52, 141) wirklich „Dienste des Untergebenen zel, ZfdPh. 7, 481-84; Kluckhohn, ZfdA. 52, leisten" bzw. eine Höflichkeitsbezeugung wie 139^19; Paul Schultz, Die erotischen Motive Rother 1955-57.2010 f. Der Dichter des Straß- aaO. — LG. II, 1, 252. II, 2, 20 u. Reg. S. 346. burger Alexander, der auch den franz. amis 3 Burdach, D. volkstüml. dt. Liebeslied, kennt, weiß aber wohl schon im westlichen ZfdA. 27, 343-67 u. Reinm. 2 S. 243-64; R. M. Minnedienst Bescheid (vgl. V. 2917-19). In der Meyer, ZfdA. 29, 121-236; Ders., Volksgesang Salutatio der Briefe ist das Dienstentbieten u. Ritterdichtung, ebda 34, 146-61; Arnold eine im Briefstil vorgeschriebene Formel, die E. Berger, ZfdPh. 19, 440-86; E. Th. Wal- keinen realen Inhalt hat, so auch Straßb. Alex, ter, Üb. d. Ursprung d. höf. Minnesangs u. s. 6525-30 (vgl. Kluckhohn, Arch. f. Kultur- Verhältn. zur Volksdichtung, Germ. 34, 1-74; Vorgeschichte des deutschen Minnesangs 219 lebnis in einer bewußten künstlerischen Form ausspricht, hat es nicht gegeben. Aber für das menschlich tiefste Gefühl, die Liebe, findet auch bei primitiven Völkern die Gemeinschaftsdichtung den Ausdruck im Wort, jedoch in allgemein gültiger, undifferenzierter Gleichartung als sog. „primitives Gemeinschaftslied". Und so wurde auch im deutschen Volke gesungen von Freuden und Schmerzen der Liebe, von Trennung und Sehnsucht; Liebesgeschichten, Liebesanträge, Spottverse und Tanzliedchen entstanden und verhallten mit der Augenblicksstimmung alles gefaßt in einfachen Strophen und überpersönlich im Ausdruck. Spärlich sind geschichtliche Zeugnisse für Liebesreimweisen vor dem Minnesang erhalten: die gegen die winileodos erlassenen Verbote (a. 789, LG. I, 23-25) setzen Lieder erotischen Inhalts voraus; der Liebesgruß im Ruodlieb (ebda S. 235 f.) ist ein solches Gesellen- oder Freundeslied, und zwar in traditionell formelhaftem Ausdruck; unter huorliet im Bamberger Glaube und Beichte (ebda S.27) sind weltliche Liebeslieder gemeint; das Tanzliedchen von Kölbigk erzählt in wenigen Versen eine Entführungsgeschichte (ebda S. 239-^2). — Die erste Nachricht von ritterlichen Liebesliedern ist überliefert in Heinrichs von Melk Erinnerung 603 ff. (um 1150 -60), wo trütliet (= Liebeslieder) singen als Huldigung für Frauen zu der höfischen Bildung eines feinen Ritters gehört. Die ältesten uns erhaltenen ritterlichen Liebeslieder gehören dem Kürenberger an. B. DIE EINZELNEN DICHTER Der Minnesang tritt im letzten Drittel des 12. Jahrhunderts in die Literatur ein, wird im ganzen 13. Jahrhundert eifrig gepflegt, geht aber künstlerisch allmählich zur Neige und verstummt mit den ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts. Die Geschichte des deutschen Minnesangs entwickelt sich in der Entfaltung des romanisch-höfischen Kunstgedankens, und zwar in drei Stufen : Frühstufe (Frühzeit), Frühromanisierende Richtung (auch „vorwelsche" genannt), Romanisierende (vollhöfische, welsche) Richtung. 1 „Des Minnesangs Frühling" 2 (MF.oder MSF.) nannte Lachmann und nach ihm Haupt die Sammlung der Minnesänger „aus der Frühlingszeit". Schönbach, Stückchen ältester volkstüml. — Die Lit. zu den einzelnen Dichtern ist verLyrik, ZfdA. 20, 152-54; Wilmanns, Anz. 7, zeichnet bei Vogt, MF. und Bartsch, Dt. 258; Wilmanns-Michels, Leben W.s S. 50 ff.; Liederdichter des 12. bis 14. Jh.s, 4. Aufl. von Schwietering, ZfdA. 61, 71, Anz. 45, 80. Golther, 1901. Im folgenden werden bei den 85; Brinkmann, Entstehungsgesch. S. 151; Literaturangaben nur diejenigen Schriften ver- Schneider, Heldendichtung usw. S. 366; zeichnet, die wie Vogt und Bartsch, v. Kraus Günther Müller, Dt. Vjschr. 5, 113-21, Übungsb. 2 ein reichhaltiges Verzeichnis der Reallex. 2, 211 (Lit. S. 224); Rosenhagen, Literatur geben oder dort nicht angeführt sind ebdaS. 360-62; Ehrismann, GRM. 15,331.— (also meist nach 1901 bzw. 1920 erschienen Naumann, Primitive Gemeinschaftskultur S. 6; sind) oder, wenn auch dort angegeben, noch Ders., Grundzüge d. dt. Volkskde S. 118 ff. besondere Erwähnung verdienen. Im übrigen 1 Zeitabschnitte des Minnesangs: Bartsch, also sei auf Vogt, Bartsch, v. Kraus ver- Liederd. 4 S. IX f.; Günther Müller, Real- wiesen. lex. 2, 211-14; Rosenhagen, ebda S. 353. 2 Lit. zur Frühzeit des Minnesangs: Vogt, 360-64; Ehrismann, GRM. 15, 328-33, Lbl. MF.; Bartsch, Liederd.;v. Kraus, Übungsb. 2 1927,405 f. — Heusler, Versgesch. 2,165-67. S. 288 ff.; Bühring, Das Kürenberg-Lieder- 220 Die lyrische Dichtung Sie umfaßt die Lyriker vom Kürenberger bis auf Hartmann von Aue. Vereinigt sind also hier die Dichter der ersten und der zweiten Stufe, der Frühzeit und der Frühromanisierenden Richtung, und von den Romanisierenden die Sänger von Hausen bis vor Walther. DIE FRÜHSTUFE Der Kürenberger Die erste Stufe, der einheimische Minnesang, der seinen Boden in Österreich hat, ist durch den Kürenberger 1 vertreten. Diese Liedchen, hervorgegangen aus der frühhöfischen Kultur und der noch nicht von der romanischen Mode beherrschten Kunst, stehen vereinzelt gegenüber dem ganzen sonstigen Minnesang (außer den altertümlichen Liedern Dietmars, s. unten). Für den Kürenberger also gilt die aus demTrubadur, Ovid oder der mittellateinischen Klerikerliteratur abgeleitete Minnetheorie noch nicht. Die charakteristischen Grundverhältnisse für diese Frühstufe liegen für die Empfindungsweise in dem Verhältnis der Geschlechter, indem die Frau die Liebe des Mannes sucht und der Mann ihr mit Selbstbewußtsein gegenübersteht (Inhalt); für die innere Form in der sinnfälligen Anschaulichkeit, mit der die Empfindung, das lyrische Element, in Bilder und Szenen des Lebens gekleidet ist und eine natürliche Frische erhält; für die äußere Form der meist einstrophigen Liedchen in der einfachen, im Zusammenhang mit dem Heldenepos stehenden Strophenbau und der Zulassung von Assonanzen. buch nach dem gegenwärtigen Stande der des dt. Minnesangs u. seine Wandelungen, Forsch. I. II, Progr. Arnstadt 1900. 1901; 1930; J. Goebel, Zu Minnesangs Frühl., Stu- Hans Bretschneider, Die Kürenberglite- dies in honor of Herrn. Collitz, 1930, 207 ff.; ratur, Würzburger Diss. 1908; Ehrismann, Albert Nagel, Die Ideengrundlagen des GRM. 15, 328-50. — Burdach, Reinm. 2 Minnesangs von den Anfängen bis Walther, S. 357 f. 359-72; J. Jansen, Die lyrische Heidelb. Diss. 1929; Horst Oppenheim, Na- Poesie in Deutschland bis auf Heinr. v. Vel- turschilderung u. Naturgefühl bei den frühen deke, Progr. Crefeld 1881/82; Reinh. Becker, Minnesingern, Greifsw. Diss. 1931; K. Korn, Der altheimische Minnesang, 1882, dazu Wil- Freude u. Trüren, 1932,30 ff.; Elise Walter, manns, GgA. 1883, 1473-83, Burdach, Anz. Verluste auf dem Gebiet der mhd. Lyrik, 1933, 10, 13-31 (u. Reinm. 2 S. 263 ff.), Erwiderung 10-25. — Für die einzelnen Dichter s. Vogt, Beckers, Germ. 29, 360-77, Henrici, ZfdPh. MF. 3 , 1920; im folgenden sind unter den ein- 15, 383 f.; Eug. Joseph, Die Frühzeit des dt. zelnen Dichtern nur die nach Vogt erschiene- Minnesangs I, Die Lieder des Kürenbergers, nen Abhandlungen verzeichnet. QF. 79, 1896, dazu Roediger, GgA. 1897, 1 Vogt, MF. Nr. II; Bartsch, Liederd. 748-52, Vogt, Lbl. 1898, 259, Cbl. 1897, 67f.; Nr. I; Wilmanns, ADB. 17, 411 f.; Bühring, Pralle, Die Frauenstrophen im ältesten dt. Das Kürenberg-Liederbuch aaO.; Bret- Minnes., Hall. Diss. 1892; P. Warnke, Zum Schneider, Die Kürenberglit. aaO. — Nach ältesten dt. Minnes., Progr. Schrimm 1902.— Vogt 3 erschienen: Ehrismann, GRM. 15, Schönbach, Walther v. d. V. S. 17 ff., 4.Aufl. 328-50; Singer, Beitr. 44, 428-31; Vogt, von H.Schneider S. 1 ff.; Wilmanns-Mi- ebda 45, 459-67; Burdach, Besprechung von chels, Leben Walthers S. 44-50; Ganzen- Strnadt u. von Hurch: DLz. 1890, 879-81 u. Müller, Das Naturgefühl im MA. S. 265 ff.; Reinmar 2 S. 357 f.; Th. Frings, Beitr. 54, Ludw. Fasolt, Stud. zu den ältesten mhd. 144-55 (zum Falkenlied), dabei Fußnote von Lyrikern, Diss. Graz 1921; Brinkmann, Dt. Sievers: Kürenberger aus dem Breisgau; Vierteljahrssch. 3,623 ff.; Kurt Halbach, Naumann, Höf. Kultur S. 16 ff.; C. v. Kraus, Walther v. d. V. u. die Dichter von Minnesangs Unsere älteste Lyrik, Münch. Ak. 1930; Lan- Frühl.,1927, dazu Ehrismann, Lbl. 1929,91 f.; genbucher, Das Gesicht ... aaO. S. 19 f.; Naumann, Höf. Kultur, 1929, 25. 38 f. 73-75; Korn, Freude u. Trüren aaO. S. 33 ff.; C. v. Kraus, Unsere älteste Lyrik, Bayer. C. Wesle, Das Falkenlied des Kürenbergers, Ak. 1930, dazu Halbach, ZfdtBildung 1931, ZfdPh. 57, 209-15. 537; Helmut Langenbucher, Das Gesicht Der Kürenberger 221 Der Dichter wird in C in der Überschrift genannt Der von Kürenberg. Er gehörte wahrscheinlich dem ritterlichen Geschlecht dieses Namens an, dessen Burg eine Stunde westlich von Linz an der Donau stand und von dem mehrere Mitglieder in Urkunden des 12. Jahrhunderts vorkommen. Die Lieder fallen etwa in die Zeit von 1150-70. Sie sind abgefaßt in der Nibelungenstrophe (Str. 7, 1 u. 7, 10 in einer Erweiterung derselben). Wahrscheinlich ist Kürenberg selbst der Erfinder der Nibelungenstrophe (Kürenberg als Erfinder des Nibelungenlieds, s. unten). Nach den redenden Personen zerfallen die 15 Strophen zunächst in zwei Gruppen, Frauenstrophen und Männerstrophen, die in der Handschrift von Str. 3 (7,19) an getrennt sind: in 7,19 -9, 20 spricht die Frau, in 9, 21-10, 17 der Ritter. Aber inhaltlich gehören als „Wechsel" 1 (oder „doppelseitigesMinnelied") folgende je zwei Strophen zusammen, indem die liebende Frau (wohl eine unverheiratete, ein Mädchen) und der Ritter abwechselnd in einem Strophenpaar ihre Gedanken aussprechen: 7, 1 die Frau, darauf unmittelbar antwortend der Ritter durch den Boten (Botenlied) 7, 10; in 8, 1 und 9,29 und vielleicht in 7, 19 und 9,21 Frau und Ritter, jede Person für sich redend, in Str. 8, 9 ist ein unmittelbares Zwiegespräch in eine Strophe zusammengefaßt. 2 Sehnsuchtsvoll klagen die Frauenstrophen; ihr einziger und immer wieder anders abgetönter Sinn ist das Leid um die Liebe des geliebten Ritters. Den lyrischen Höhepunkt erreichen die zwei Strophen des Falkenliedes 8, 33. 9, 5, das in dem verbreiteten Bilde vom entflogenen Falken die Sehnsucht der Verlassenen nach dem fernen Geliebten birgt. In den Männerstrophen treten verschiedene Charaktertypen auf. Herzlich besorgt ist die Erwiderung des Ritters an die Dame im Botenlied 7, 1-19, kühn entschlossen fordert ein anderer die Geliebte zur Flucht auf 9,21 (vielleicht in Antwort, Wechsel, auf 7, 19); die höchste dramatische Spannung erreicht die Wechselrede in den monologischen Strophen 8, 1 und 9, 29: die auf der Zinne stehende Herrin wird von der wlse des im Hofe singenden Ritters berückt wie durch ein Zauberlied, er aber weist sie schroff ab, Freiheit und Ritterehre ist sein Wille. Die dialogische Strophe 8, 9 ist ein Scherz. Die allein, nicht im Wechsel, stehenden drei Männerstrophen, die in den Handschriften den Schluß des Kürenberg-Liederbuchs bilden, geben Beispiele für Verhalten des Mannes in Liebesangelegenheiten : 10, 1 ist eine Mahnung zur Verheimlichung der Liebe, 10, 9 und 10, 17 sind Werbestrophen, in denen zwei verschiedene Verfahren gezeichnet werden, entweder rücksichtsvoll, durch einen Boten, der Geliebten einen Antrag zu stellen, oder höhnisch, sie zahm zu machen wie ein Federspiel. 3 1 Uhland 5, 147; Wilmanns-Michels, Le- 2 Die Frauenstrophen von Frauen verfaßt: ben W.s S. 29 f. 402-04; Fr. Brachmann, Scherer, ZfdA. 17, 573 ff. 18, 150-53; s. Germ. 31, 461-86; Angermann, Der Wechsel Bretschneider S. 23 f. 32 ff. Joseph, Frühin der mhd. Lyrik, Marb. Diss. 1910 (mit Lit.). zeit, nimmt ein ursprüngliches Liederbuch an, — Georg Pralle, Die Frauenstrophen im in dem die meisten Strophen, d. h. alle außer ältesten deutschen Minnesang, Hall. Diss. der Dialogstrophe 8, 9 und dem Falkenlied, 1892; C.v. Kraus, Akadem. Rede, München paarweise als Wechsel zusammenstanden. 1930. 3 Scherer, ZfdA. 17, 576 f. u. Joseph, Früh- 222 Die lyrische Dichtung Gesellschaftsdichtung, zum Vortrag bestimmt, sind die Kürenberg-Strophen. Soziologisch zu verstehen ist ihre Haltung aus der Kultur der Zeit, aus Lebensformen, wie sie die Kaiserchronik darstellt. Namenlose Lieder Unter dieser Bezeichnung sind in Minnesangs Frühling Strophen gesammelt, die in den Hs. ohne Verfasser stehen oder unter verdächtigen Namen. Sie gehören der Frühzeit an, außer Str. 6,5, die schon den Minnedienst voraussetzt, und dem dreistrophigen Lied 6,14. In Strophe 3,1 versichert die Schreiberin im Tegernseer Briefwechsel (s. oben „Liebesbriefe") den Empfänger ihrer Treue in bekannten Formeln: V. 1 ist ein weitverbreiteter Verlobungsspruch (noch heute), auch das Bild vom Herzensschlüsselein ist ein Gemeinplatz. 1 Aus der „Kleinlyrik der Fahrenden" stammt Str. 3, 7 Wcere diu werlt alliu min 2 (Carm. Bur. Nr. 108a S. 185). Der Sinn der Strophe ist umstritten, er hängt ab von der Überlieferung: ursprünglich stand im Text chunich, dieses Wort wurde von späterer Hand durchstrichen und darüber diu chünegin geschrieben. Das ursprüngliche „künic von Engellant" bedeutet Christus, 3 es ist das mystische Motiv von dem Seelenbräutigam (s. unter Geistl. Lit.). Lachmann und Haupt, Minnes. Frühl., stützen sich auf chünegin und erklären die Strophe als einen verwegenen Wunsch des Vaganten; die Königin von England sei die Königin von England Eleonore von Poitou, berühmt durch ihren Reichtum und ihre Schönheit (vgl. Carm. Bur. Nr. 51 Str. 2 S. 145). Eine Minnelehre (tougen minne) enthält Str. 3, 12 in trocken lehrhaftem Tone, ebenfalls in der Benediktbeurer Handschrift (Nr. 137a S. 209). Zart naturverbundene Weise durchzieht das Sehnsuchtsliedchen 3, 17; geringer an Stimmung drückt die in 4, 1 redende Frau ihre auf praktische Lebenskenntnis sich gründende Besorgnis um den abwesenden Geliebten aus. Altertümlich sind zwei unter Dietmar überlieferte Lieder in einfachen Reimpaaren mit starken Assonanzen (man könnte sie mit Dietmar I bezeichnen), die noch gar nicht den schon höfisch gewendeten Stil der andern Lieder Dietmars tragen. 4 Str. 37, 18 gleicht durch den Natureingang und in dem zeit, stellen den Charakter des Mannes ein- dein ...", Forschungen u. Fortschritte Jahrg. seitig ungünstig dar, jener als „stolz und hart, 8, 1932, Nr. 23/24. roh, begehrlich", dieser als blasiert, raffiniert, 2 Nachtrag zu Vogt: Heusler, Versgesch. 2, frivol, und Joseph findet in dem Liederbuch 276. — Singer, Beitr. 44, 426 f.; Ders., Die eine satirisch-parodistische Tendenz zur Be- Grundlagen der Pastourelle, A Miscellany of lustigung. Studies in Romance Languages and Litera- 1 Nachtrag zu Vogt 3 S. 259 ff.; Burdach, tures, Cambridge 1932 S. 474-80; Palgen, Reinm. S. 33, dazu Wilmanns, Anz. 7, 268; Beitr. 46, 301 ff.; Strauch, ebda 47, 171; Bolte, ZfdA. 34, 161-67 u. Anz. 17, 343; Günth. Müller, Dt. Vierteljahrsschr. 2,706; Strauch, ebda 19, 95; Bolte-PolIvka 2, 58; Brinkmann, Entstehungsgesch.S. 106f.; Schu- Bächtold, Schweiz. Arch. f. Volksk. 15, 1911, mann,GRM. 14,424;VossLER,VentadornS.126. 185 f.; Singer, Beitr. 44,426 u. GRM. 13,193; »Singer aaO.; Brinkmann aaO.; Schu- Brinkmann, Entstehungsgesch. S. 98 f.; Pet- mann aaO. zet u. Glauning, Schrifttafeln 2XVI b ; 4 Vogt 3 S. 37, 4 u. 37, 18, auf S. 32 f. — Ganszyniec, ZfdA. 63, 23 f.; Hadank, Über Wackernagel, Afrz. Lieder u. Leiche S.202; die Verbreitung der Verlobungsformel „Ich bin Burdach, Reinmar S. 75; R. M. Meyer, Namenlose Lieder. Dietmar von Eist 223 eifersüchtigen Empfinden der Frau der namenlosen Str. 4, 1; Dietmars Falkenlied 37,4 hat denselben Stoff wie das des Kürenbergers 8, 33, doch unterscheiden sich beide wesentlich in der Stimmung und in der Formulierung: beim Kürenberger ein unmittelbares Erlebnis (Ich zoch mir), eine gemütvolle Schlußwendung, das ganze ein Symbol (der Falke der entflohene Geliebte), unter dessen Verhüllung doch der Gedanke klar durchscheint; hier ein sprachlich konstruierter Vergleich (also V. 12, der Falke ein Beispiel der Freiheit), ein Gedanke (Eifersucht, wie 37, 18) unmittelbar in Worten ausgesprochen, der Eingang unpersönlich, epische Formel wie im späteren Volkslied „es war einmal", aber ein sehr stimmungsvoller Einleitungsakkord. DIE ZWEITE STUFE Die zweite Stufe, die frühromanisierende oder die vorwelsche Richtung, vertreten durch Dietmar, Meinloh, Regensburg, Rieten- burg, Kaiser Heinrich, bekundet Einflüsse der romanischen Kultur und Kunst. 1 Im Gegensatz zum heimischen Minnesang ist das Verhältnis der Liebenden umgekehrt und der romanische Minnedienst ist ethisches Erlebnis geworden. Die Darstellung ist losgelöst von der sinnlichen Umwelt und verflüchtigt in Reflexion und Minneergüsse. Es herrscht das Minnesystem, die Minnetheorie. Die Kunstform ist reicher ausgebildet in verschiedenen Strophensystemen, die aber immer noch auf einfachen Grundformen beruhen. Das Lied ist meist noch einstrophig (da.3 liet), im Wechsel zwei- oder (selten) drei- strophig. Der Umfang der Strophe ist im Verhältnis zum Inhalt weiter gedehnt als in der ersten Stufe; die Reime sind noch nicht unbedingt rein. In der Strophenbildung läßt sich eine von einfacherer zu kunstvollerer Behandlung aufsteigende Reihe bei den fünf Lyrikern dieser frühromanischen Richtung beobachten, und es besteht schon ein großer Reichtum an Tönen. Dietmar von Eist Dietmar von Eist 2 gehörte einem freiherrlichen Geschlechte an, dessen Stammburg an der Aist lag, einem kleinen Nebenflusse der Donau, nahe gegenüber der Ennsmündung. Er ist in Urkunden von 1139-71 bezeugt. So wäre er ein Landsmann und Zeitgenosse des Kürenbergers, die Verschiedenheit des Gehalts und des Stils spricht nicht ohne weiteres gegen Gleichzeitigkeit, alte und neue Formen können in Abschnitten eines neuen Werdens eine ZfdA. 55, 344; Plenio, Beitr. 42, 447 f.; schenberg, Das Adjektiv als Epitheton im Schwietering, ZfdA. 61, 77; C. v. Kraus, Liebesliede des 12. Jh.s, 1908, 98 ff.; Singer, Unsere älteste Lyrik, Festrede, Bayer. Ak. Beitr. 44, 431 f.; Schneider, ebda 47, 237 ff.; 1930, 12 f.; Schröder, ZfdA. 63, 2; Langen- Brinkmann, Entstehungsgeschichte des bucher S. 21-24. Minnesangs, 1926, Reg. S. 165, bes. S. 121-29; 1 Brinkmann, Entstehungsgesch. S. 123 ff. Langenbucher, Das Gesicht des Minnesangs nimmt starken Einfluß der Vagantendichtung aaO. S. 21-24; Kurt Rathke, Dietm. v. Aist, auf die Bereicherung der Kunstformen an. 1932, dazu Kaiser, ZfdPh. 58 H. 2, Piquet, 2 Vogt 3 S. 305 ff.; nach Vogt: Bartsch, Revue germ. 24, 1933, 53 f.; Wallner, Liederd. 4 S. XXXIVf.; Romain, Beitr. 37, Stammlers Verfasserlex. 1,415-17; Korn, 349—431; Ganzenmüller, Das Naturgefühl Freude u. Trüren S. 38 ff. im MA., 1914, 265 ff.; Schiszel von Fle- 224 Die lyrische Dichtung Zeitlang nebeneinander gehen. 1 Heinrich von dem Türlin schließt in die Klage um verstorbene Minnesinger auch den von Eist den guoten Dietmaren ein. Dietmar ist unter den fünf Sängern der frühromanischen Gruppe der vielseitigste und die ausgeprägteste Persönlichkeit. Er besitzt eine anschauende Vorstellungskraft, die an den Kürenberger erinnert, viele seiner Lieder sind episch erfaßt und treten aus einer bestimmten Situation heraus oder sind in einen erzählenden Rahmen eingekleidet. Gerne stellt er die Empfindungen der Liebenden in der Form des Wechsels einander gegenüber. Bei Dietmar kann man auch, eher als beim Kürenberger, den Grund für den häufigen Ge- brauchides „doppelseitigen Minneliedes" erkennen: es ist der Vortrag, die gesellschaftliche Unterhaltung, Herr und Dame tragen wechselseitig eine Strophe vor. Für unmittelbare Mitwirkung des Publikums spricht der Kehrreim in dem Wechsel 38,32. 2 In Wechselstrophen 3 zusammengefaßt sind die Stücke 32, 1-12 (in 32, 5-8 Tageliedsituation, eine Streitfrage, „geteiltes Spiel", über das Verhalten gegen die Minne); 32, 14-33,6 (Botenlied); 34, 3-18 (Erinnerung an eine Morgenszene, sog. „Tagelied-Erinnerung"); 4 35, 16-31. 40,3-18 (Winterfreuden); 36, 5-21 (Welt und Minne); 37, 30-38, 13 (Herbst- und Sommerbuhlschaft); 38, 32-39, 17 (Dienst); 39, 18-29 (Tagelied); 40, 19-41, 6 (Zwist). Dietmar hat zum erstenmal ein wirkliches Zwiegespräch 32,5; die Gattung des Botenliedes vertreten durch 32, 14. 38, 14, die des Tageliedes durch 39, 18. Die Minne, der gegebene Inhalt, ist empfunden als Erlebnis, das ist die rehte liebe, herzeliebe, die das Herz der Geliebten hingibt, 34,19; oder begriffen in Reflexion. In letzterem Falle wird ein Minnethema zuweilen unmittelbar als Lehre ausgesprochen, 5 32, 5-8. 33,7. 33, 31 (Ethik der Minne: stcete als Grundbedingung36,15.36,37.38,11.39,5; mdje 33,31.36,2 ;Minne als sittliche Kräftigung des Mannes 33, 22. 36, 24). Tritt die Minne als seelischer Zustand auf, dann kann sie sich äußern als Frauenpreis, Dienst und Werbung, Klage über Nichterhörung, über die Trennung und Unmöglichkeit, sich anzugehören, als einsames Sehnen oder als versöhnungsvoller Trostgedanke und als Glück, sich zu besitzen. Dabei ist oft die Frau die sehnsuchtsvoll Liebende, der Mann spricht von mehreren leichten Verhältnissen (35, 5), ihm ist die Minne sinnliches Begehren (35, 21. 36, 23. 38, 25. 40, 30), doch auch für beide Liebende (34, 11. 39, 18. 39, 30); er gerät in unhöfischen Zank mit der Dame, indem er sie an eine intime Stunde erinnert (40,19). 6 (Vorwürfe der Frau 35, 24.40,11.) 1 Doch werden die oben mit Dietmar I be- 2 Schönbach, Wiener SB. 141, 1899, 38 f.; zeichneten altertümlichen Strophen ihm ab- Ehrismann, GRM. 15, 1927, 349. zusprechen sein, zumal hier die handschriftl. 3 Angermann, Wechsel S. 13-15. Überlieferung zweifelhaft ist. — Scherer, Dt. 4 Schönbach S. 33 ff. Stud. 2, 95-104 nimmt zwei Liederbücher an, 5 C. v. Kraus, Unsere älteste Lyrik, Bayer, zurückgewiesen durch Paul, Beitr. 2, 457-71; Ak. 1930 S. 5 ff. Reinhold Becker, Der altheim. Minnesang "Vogt, MF. 3 S. 316 f.; Schönbach, Wiener S. 77-104: zwei Strophengruppen, zurückge- SB. 141, 40 f.; Jeanroy, Les Origines S.463f. wiesen durch Burdach, Anz. 10, 24 ff. — (Debat-Motiv); Angermann, Wechsel S.63f.; Warncke, Das sog. „erste Liederbuch" Diet- Brinkmann, Entstehungsgesch. S. 127, Geistesmars, Progr. Myslowitz 1905. geschichtl. Stellung, Dt.Vierteljahrsschr. 3,624. Die Burggrafen von Regensburg 225 Die Lebensfülle von Dietmars Liedern wird erhöht durch die viele seiner Strophen durchziehende Naturstimmung. 1 Die Natur ist bei ihm nicht bloß stilistische Dekoration oder technisches Mittel, sondern sie ist ihm gefühlseigen. Er ist naturverbunden; Frühling, Vogelsang und Rosenblumen sind ihm wirkliche Sehnsuchtswecker und Lebenskündiger. Das ist noch ein volkstümliches Erbstück; es ist die Freude, die die schöne Jahreszeit mit sich bringt, wenn der Winter aus dem Lande getrieben wird und die Maifeste nahen. Durch diese Stimmung ziehen leise Töne, wie sie später Walther von der Vogelweide in seinen volkstümlichen Liedern zu reichen Melodien entfaltet hat. Darum mutet uns auch Dietmars Tagelied 2 in seiner naturhaften Einfachheit wärmer an als die späteren, prunkhaften Wächterlieder. Die beiden Burggrafen von Regensburg Landschaftlich donauaufwärts reihen sich an Dietmar v. Eist die beiden Burggrafen von Regensburg an. 3 Sie gehören zu dem Geschlechte der Rietenburger, das bis um 1185 das Burggrafenamt innehatte. Unter dem Namen Burggrafvon Regensburg sind vier Strophen in zwei Variationen der vierzeiligen, paargereimten Langzeilenstrophe überliefert, zwei Frauenstrophen und ein Wechsel. Sie enthalten Gemeinplätze ohne Stimmung. Die Liebenden gehören sich in freier Wahl an, ihr Verhältnis ist noch nicht in die höfische Sitte des Frauendienstes gebunden. 4 Die Frau ist die sinnlich verlangende 16,4. 17, 1. An dem Geliebten rühmt sie sein gefälliges Benehmen, seine „Tugenden", durch die er sich der Welt lieb macht, wie auch die in jene Zeit fallende Lehre des „Heimlichen Boten" (s. oben) vorschreibt. Der Burggrafvon Rietenburg steht in seinen sieben Strophen, darunter zwei im Wechsel, auf einer vorgeschritteneren Stufe, aber seine Ausdrucksweise ist unbeholfen, auch muß er zu schleppenden Reimen greifen. Da von ihm mehr Verse überliefert sind als von seinem älteren Geschlechtsgenossen, bietet er auch mehr Anhaltspunkte für die Beurteilung. Der Leitgedanke in seinen Liedern ist Dienst und Treueversicherung, nicht wie bei Regensburg der Besitz der Liebesgunst. Er hat keine Phantasie. Bei ihm läßt sich auch zum erstenmal die unmittelbare Fremdquelle nachweisen: das Hauptmotiv in dem Lied von der Dienstkündigung durch die Dame 19,27 ist dem proven- zalischen Minnesang entnommen und findet sich ganz ähnlich bei Folquet von Marseille. 1 Uhland, Schriften 3, 419. 428. 467 f.; Chronol. Anordn. der Sprüche, zurückge- Schiszel v. Fleschenberg S. 100; Brink- wiesen von Paul, Beitr. 2, 455; Schneider, mann, Entstehungsgesch. S. 124 f. Beitr. 47, 234 f.; Priebsch, Mod. Lang. Rev. 2 Vogt, MF. 3 S. 314; ferner Bartsch, Ges. 12, 205 f. (zu 18, 1-16). Wechsel: Angermann Vortr. u. Aufs., 1883, 264 f.; Paul, Beitr. 2, S. 12 f.; Korn, Freude u. Trüren 37 f. 466; Jeanroy, Origines S. 70 f.; Sievers, 4 Mit undertdn 16, 2 ist nicht ein Dienstver- Rhythmisch-melod. Stud. 1912, 73 f.; Schrö- hältnis gemeint, sondern = ich bin ihm in der, ZfdA. 63, 102; s. oben unter Tagelied. Liebe ergeben, ich tue seinen Willen, wie z.B. 3 Vogt, MF. 3 S. 281-84; Bartsch, Liederd. Dietmar 40,6 sin wille derst ergangen, auch N. V u. VI; Burdach, ADB. 27, 550-52 u. 28, Reinmar-Rugge 110, 10 u. ö. Aber allerdings 591 f. = Reinm. 2 S. 359-63. — Scherer, ist der Ausdruck nicht höfisch gewählt. 15 Deutsche Literaturgeschichte IV 226 Die lyrische Dichtung Meinloh von Sevelingen Mit Meinloh von Sevelingen 1 begegnen wir dem ersten schwäbischen Minnesinger. Die von Sevelingen, heute Söflingen bei Ulm, waren Dienstmannen der Herren von Dillingen. Der Bau seiner zwölf Strophen ist altertümlich; er umfaßt drei Töne, die in ziemlich gleichen Abwandlungen der Langzeilenstrophe bestehen, in meist reinen Reimpaaren mit stumpfem Ausgang; darunter drei Frauenstrophen (13, 14. 13, 27. 14, 26), ein Botenlied (11, 14). Dagegen ist seine Anschauung von der Minne, also der Inhalt seines Sanges, schon ganz romanisierend-höfisch. Für ihn besteht die Minne in einem Dienstverhältnis; vom Gesichtspunkt des Frauendienstes aus geht sein Dichten. In sechs Strophen (Männerstrophen) spricht er sein persönliches Empfinden aus: 11,1. 11, 14. 11, 27. 13, 1. 14, 1. 15, 1. Das Ziel ist ein sehr reales: froh wird er nimmer, ehe er so recht gäetliche in ihrem Arme liegt 14, 11. Die beiden ersten Strophen leiten das Verhältnis als Werbung ein. 2 Der Ruhm ihrer Tugenden reizt ihn, die Ferne, nie Gesehene, zu schauen. 3 Die Tugenden rühmt er als das Liebenswerte an der gefeierten Frau und steigert sie in der letzten Strophe zu einem idealen Bilde. 4 Trüren, Schmachten, ist die herrschende Stimmung der Liebenden 11, 26, 12. 29. 14, 7. Die Frau ist der aktivere Teil, sie hat den Geliebten auserwählt 13, 27, sie äußert unverhohlen ihre Wünsche 14, 34, wenn sie auch ein andermal diesen letzten Schritt in Abrede stellt 13, 22, sie verwünscht die verleumderischen Geschichtenträger und wehrt sich gegen den Neid von Nebenbuhlerinnen 13, 29. — Drei Strophen haben unmittelbar lehrhaften Zweck: 12, 1. 12, 14. 14, 1. Seine Minnelehren, seneliche swcere tragen (also trüren), und zwar verholne, ein kiuschej (reines, sittsames) herze haben, tagende sind die im früheren Minnesang öfter begegnenden Grundsätze, die auch im „Heimlichen Boten" und in dem Minnebuch des Kaplan Andreas eingeschärft werden. Die belehrende Strophe 12, 14, statt lange zu werben dreist auf das Ziel loszugehen, fällt aus der sonst höfischen Minneauffassung Meinlohs heraus. 5 *Vogt, MF. 3 S. 276-81; Bartsch, Liederd. Diss. 1919 S. 33. Nr. IV; Burdach, ADB. 34, 72 f. u. Reinm. 2 4 Zul4, 14 Dri tagendes. Vogt S.279ff., auch S. 364 f.; Gerh. Kahlo, Münch. Mus. 4, 1924, kiusche 12,11: Kapl. Andreas, ed. Trojel 96-99. — Wechsel bei Meinl.: Wilmanns- S. 14 ff. (Ehrismann, ZfdPh. 33, 400 f.; Michels, Leben W.s S. 265 f.; Joseph, Wechssler S. 118. 350). ZfdPh. 32,133; Angermann S. 11 f.; Langen- 6 Nach Wilmanns-Michels Leben W.s S.265 bucher, Gesicht des Minnes. 1930 S. 31; (s. auch S. 403) u. Lüderitz, Liebestheorie Korn, Freude u. Trüren 31 ff. S. 47 stehen 12,1 u. 12, 14 im Wechsel (die 2 Scherer, Chronologisch geordnetes Lieder- höfische und die sinnliche Minne, Wilmanns, buch, Dt. Stud. 79 [16] ff., s. auch Joseph, Die höfische und die volkstümliche [vaganten- Verhandl. d. Bremer Phil.-Vers. 1900 S. 115ff. hafte], Lüderitz). — Vielleicht ist die Lehre u. ZfdPh. 32, 133 f., dagegen Paul, Beitr. 2, 12, 14 von der Frau oder im Sinne der Frau 452 ff.; Rosenhagen, GRM. 4, 383. — gegeben, sie wäre dann gleichsam eine Auf- Schneider, Beitr. 47, 235 f. forderung an den Ritter, was zu ihrem aktiven 3 Fernliebe: beim Kaplan Andreas (Vogt und begehrlichen Charakterwohl passenwürde, S. 278); Wechssler, Kulturprobl. S. 226; zugleich auch zu ihrem Ausfall gegen die Mer- Wilmanns-Michels, Leben W.s S. 487; Lotte ker in 13, 14 und gegen die neidischen Frauen Zade, D. Troubadour Jaufre Rudel, Greifsw. 13, 27. Meinloh von Sevelingen. Kaiser Heinrich 227 Meinloh ist nicht ursprünglich dichterisch veranlagt, ihm fehlt Phantasie und Anschauungskraft. Auch Beziehung zur Natur, die dem Minnesang so zarte Farben gibt, liegt ihm ferner (doch 14, 1). Seine Kunst ist überlegt, sie hält sich, auch stilistisch, 1 in konventionellen Formen, wobei jedoch sinnliches Empfinden unverblümt hervorbricht. Hinter Dietmar steht er an poetischer Begabung und an Vielseitigkeit der Gedanken und der Formgebung zurück. Kaiser Heinrich Unter dem Namen Kaiser Heinrich 2 sind drei Lieder überliefert. Das bei ihrer Erklärung herrschende Problem ist die Verfasserfrage: ist ein Kaiser, ist Heinrich VI. der Dichter? Sie wird gegenwärtig von der überwiegenden Mehrheit der Forscher bejaht. Das Lied 5, 16 läßt sich schwer als Illusion eines Dichters denken, der sich in die Rolle eines Kaisers hineinversetzt, da das Thema als Grundvorstellung sich durch drei Strophen 5, 22 ff. durchzieht und somit als reale Unterlage für den Empfindungsgehalt erscheint. 3 Die drei Lieder gehören zwei zeitlich verschiedenen Stiltypen an. Die zwei Wechselstrophen 4, 17 4 und die zwei Tageliedstrophen 4, 35 sind Abwandlungen der alten, paargereimten Langzeilenstrophe, das Tagelied mit künstlicherer Reimbindung. Dagegen kommt in dem ersten Lied schon die neue romanische Kunst völlig zum Durchbruch: ein Lied von vier innerlich zusammenhängenden Strophen, die durch zwei Stollen und den Abgesang die romanische Dreiteilung haben, dazu in dem ebenfalls der Trubadurlyrik entstammenden gemischt daktylischen Versmaß. 5 Es ist das erste Minnelied in Daktylen. Hier ist der Übergang von der früheren zur voll romanisierenden Stufe gemacht, und damit hat dieses Lied literaturgeschichtliche Bedeutung. In keinem der drei Stücke wirbt der Dichter um den Dienst — in einer der älteren Strophen ist die Frau „geselle" 5, 7; auch ist die Natur ausgeschlossen. Eine individuelle Färbung hat das vierstrophige Lied durch die Beziehungen auf die Machtstellung, die kröne, aber wie sonst geht es um kumber oder fröude. DIE DRITTE STUFE Die volle Entwicklung erreichte der Minnesang in der dritten Stufe. Jetzt ist die Kunst der Trubadur absolutes Muster. Dieser romanisierende Minnesang, die welsche Richtung, ist die Blütezeit. Über Hausen und 1 Stil: Scherer, Dt. Stud. II 83 [21 f.]; S. 318 ff. auch Berger, ZfdPh. 19, 455 f. Schissel v. Fleschenberg S. 86 f. s. auch Kaplan Andreas, Trojel S. 111 2 Vogt 3 S.318-24; Korn, Freudeu.Leid,50f. Singer, Abh.d. Preuß.Ak. 1918 Nr. 13 S. 17f. 3 Dem kaiserlichen Dichter fällt die gerade J. Haller, N. Jahrb. 24, 1921, 109-26 will seinem Gesichtskreis naheliegende Abwägung Heinr.VII., den Sohn Friedrichs IL, als Ver- zwischen Macht und Liebe ein, und er nimmt fasser erweisen, dagegen G. Salomon, ebda einfach das bekannte Bild stilistisch auf. Es S. 305-08, Margarete Paucksch, Beitr. 48, hat in seinem Munde dann auch einen tieferen 120-23; Wallner, Stamml. Verfasserlex. 2, Sinn als bei anderen Dichtern, da es in der 284-87. — Sievers, Beitr. 52, 460-62. Wirklichkeit begründet ist: ich, der ich ein 4 Angermann, Wechsel S. 9. Herrscher bin, fühle mich auch wirklich als 6 Zu Vogt 3 S. 322: Heusler, Versgesch. 2, solcher, wenn ich bei ihr bin. — Zu Vogt 3 209. 227. IS* 228 Die-lyrische Dichtung Veldeke und ihre Zeitgenossen (etwa 1170-90) steigt diese Kunst zum Höhepunkt in Reinmar und Walther. Der Typus ist vollendet, es treten die Epigonen ein, zugleich aber auch eine ganz neue Richtung, eine Parodie geradezu auf die überschwängliche Verhöfischung, die Dorfpoesie. Der so stark unter romanischem Einfluß stehende Minnesang der Blütezeit unterscheidet sich von der frühromanischen Lyrik durch den Reichtum an Formen, indem sich das Lied über mehrere Strophen erstreckt, die in ihrer Dreigliedrigkeit überaus mannigfaltig gebaut sind; und durch die weitere Ausspinnung der Gedanken und Reflexionen (Wesen und Inhalt dieses hochhöfischen Minnesangs ist oben im Allgemeinen Teil behandelt). Friedrich von Hausen Am Eingang dieser neuen in Form und Gedanken verfeinerten Hofkunst steht ein Dichter, der gesellschaftlich und politisch einen hohen Rang eingenommen hat, Friedrich von Hausen. 1 Über keinen Minnesinger besitzen wir so genaue urkundliche und chronikalische Nachrichten. Sie gehen von 1171-90. Er gehörte einem mächtigen freiherrlichen Geschlechte an, dessen Stammsitz bei Kreuznach lag. Wie sein Vater, der von dem sog. Spervogel (Anonymus) als Gönner der Fahrenden gerühmte Walther v. Hausen, stand er in nahen Beziehungen zum Kaiser, zu Friedrich I., 1175 und zehn Jahre später 1186. 1187 machte er die erfolgreichen Züge in Italien mit, das zweitemal in der Umgebung des jungen Königs Heinrich VI. 1189 fand der Dichter den Tod des Helden auf dem Kreuzzug Barbarossas, ein halbes Jahr vor dem Tod seines kaiserlichen Herrn: in dem Gefechte bei Philomelium, 5.Mai 1190, verunglückte er durch einen Sturz vom Pferde. Sein Dichterruhm ist auch im Gedächtnis der Späteren erhalten geblieben. 2 Friedrich v. Hausen hat die galante Poesie im Minnesang begründet, diesen „romantischen Idealismus des höfischen Liedes", 3 nach dem Muster der romanischen Lyrik. Unmittelbare Nachahmungen finden sich jedoch wenige bei ihm; eine Strophenform Bernhards v.Ventadorn hat er übernommen 48,32, Form und Motiv des Liedes 45, 37 von Folquet v. Marseille, des Kreuzliedes 48, 9 von Conon de Bethune. Auch die daktylischen Rhythmen des Liedes 43,28 (H e u s 1 e r, Versgesch. 2,220) deuten auf romanische Anregung. Seine Minnelieder 4 stehen auf der Höhe des rein höfischen Tones, in gewandter Sprache — jedoch mit vielen Reimfreiheiten und rheinfränkischen 1 Vogt 3 S. 324 ff.; Bartsch, Liederd. 4 Melodien (s. oben unter Musik) S. 24 ff.; Lan- S. XXXVIII-XL.; v. Kraus, Übungsb. 2 genbucher, Gesicht des Minnesangs, 1930, S. 290 f. — Wilmanns-Michels, Leben W.s 26-31; Korn, Freude u. Trüren 42 ff.; Schrö- S. 45 f.; Brinkmann, Dt. Viertelj. 3, 624-26; der, Kleinigkeiten zu Fr. v. Hausen, ZfdA. 69. Ders., Entstehungsgesch. S. 131-40; Schnei- 301 f. der, Merker-Stammler Reallex. 2, 138 f.; 2 Nachrufe: Bartsch, Ld. S. XXXIX; Leh- K. Korn, Stammlers Verfasserlex. 1, 682-88. feld, Beitr. 2, 350. — Stellen: Wolfram, Kreuzlied, ZfdA. 30, 3 Plenio. 89 ff.; Ehrismann, ZfdPh. 33, 402; Singer, 4 Müllenhoff, ZfdA. 14, 133-43 nimmt drei Beitr. 44, 432 ff.; Wallner, ZfdA. 64, 88 f.; Liederbücher an, deren einzelne Töne in chro- Patzig, ebda 65, 142-44; Gennrich, Sieben nologischer Ordnung aufeinander folgen; etwas Friedrich von Hausen 229 Mundartformen — entfaltet er die Lieblingsgedanken und -empfindungen des Minnesängers, Preis und Huldigung der Frau, Minnesorgen und -klagen, Reflexionen über den verliebten Zustand. 1 Viele seiner Lieder tragen den Stempel des Gemachten und sind kühle Gedankenarbeit mit Minnedialektik. Die Natur läßt er nicht mitsprechen. Doch bringt zuweilen ein sehnsüchtiges Gedenken des von der Heimat fernen Mannes an die Geliebte und die Freunde einen wärmeren Ton persönlichen Erlebens in seinen Sang, so 43, 1 und 45, 1. Und die Minne erhebt er über die sinnliche Sphäre, indem er sie als ein Geschenk Gottes ansieht 50, 19. 51, 13 und die Schönheit und Güte der Dame als Gottes Werk preist 44, 21. 31. 49,37. Charakteristisch für Hausens Stilisierung des Minnegedankens ist z. B. das Huldigungslied 42, 1: es beginnt mit der Erinnerung an ein Salongespräch, das er einmal mit der Dame führte, worin sie ihr gegenseitiges Liebesverhältnis mit dem des Aeneas und der Dido verglichen hatte; 2 die zweite Strophe zeigt den Dichter in Minnegedanken und -sorgen, die dritte erhebt sich zu einem Bilde und schließt mit der Versicherung der stcete; alle drei Strophen aber sind gebunden durch Wiederholung des Schlagwortes elliu wip, in welchem das Grundmotiv des Liedes zusammengefaßt ist: sie geht mir über alle andern Frauen {für alliu wip auch 43, 14. 54, 34). Kräftig in der trotzigen Sprache ist der Wechsel 48, 32, sein einziger; wirksam knapp sind die zwei Einzelstrophen: das entschwundene Traumbild 48, 23 und das „Epigramm auf zurückbleibende Kreuzfahrer" 53, 31. 3 Aber Hausens neue dichterische Tat liegt nicht allein in der Vollendung der Form und in der Verhöfischung des Minnebegriffs, sondern viel bedeutungsvoller ist es, daß er eine neue Idee in die Lyrik eingeführt hat, die Erhöhung der Frauenminne zur Gottesminne. 4 Die Kreuzzugsstimmung ist ihm zum inneren Erlebnis geworden. Sie birgt in sich die letzte Antithese des sittlichen Seins, Welt und Gott. In der Standesdichtung des Minnesangs lautet die Aufgabe für den Kreuzritter: Ausgleich zwischen Frauenminne und Gottesminne, und die Lösung Hausens ist: Gottesdienst geht vor Frauendienst. Dies ist der Grundgedanke in dem Lied 45, 37, in wörtlicher Gegenüberstellung ausgesprochen : Einer frowen was ich undertän, diu äne Ion min dienest nam — nu wil ich dienen dem der Ionen kan 46, 29. 38 und 47, 7 f. Es ist gradualistische Antithese, nicht absolute. abweichend Baumgarten, ebda 26, 105^15; Vossler, Bernh. v. Ventadorn S. 134; Schwie- Reinh. Becker, Germ. 28, 272-96; dagegen tering, ZfdA. 61, 78; Brinkmann, Ent- Paul, Beitr. 2, 443-50; s. Vogt S.326f.; stehungsgesch. S. 138. Rosenhagen, GRM. 4, 382. — Wilmanns- 3 Scherer, Dt. Stud. II 46 [53]. Die Trutz- Michels, Leben W.s S. 222 f.; Reihenfolge des Strophe 47, 33 gehört nicht zum vorhergehen- Sammlers: Schneider, Beitr. 47, 240-42. den Kreuzlied (Vogt 3 S. 331), steht also ein- 1 Die Motive des Inhalts bei Hausen: Leh- zeln (Scherer aaO.). feld S. 383 ff. — Stil: Burdach, Reinm., 4 Günther Müller, Dt. Viertelj. 1, 77; Reg. S. 232; Schissel v. Fleschenberg Brinkmann, ebda 3, 623 ff. u. bes. Ent- S. 101-03. stehungsgesch. S. 132 ff. 2 Bartsch, Albrecht v. Halberstadt S. XXI; 230 Die lyrische Dichtung Aus der rein persönlichen Sphäre heraus tritt der Dichter in die herrschende Idee der Zeit mit seinen drei Kreuzliedern. Sie sind die Krönung seines dichterischen Lebenswerkes, sie gewinnen eine tragische Höhe durch seinen Heldentod für die darin ausgesprochene Idee. In dem in der Form prunkvollen Entschlußmonolog 47, 9 hat seine Kunst das ihm höchstmögliche Ziel erreicht. Freilich die darin ausgedrückte Gesinnung, die dem Frauenkultus eine so wichtige Stelle einräumt und in den erhabenen Gedanken, für Gott zu kämpfen, die weltliche Minnesorge einflicht, nimmt dem hohen Ziel die erhabene Weihe. Dieser verstandesmäßig ausgeklügelte, einem französischen Kreuzlied entnommene Gegensatz zwischen Herz und Leib, in dem das Herz eine von dem Dichter getrennte Existenz führt, ist Poetenwerk und nicht rein menschliche Frömmigkeit. Einfacher und wahrer klingt das Lied des Scheidens von den lieben Freunden am Rhein in der ersten Strophe des dritten Kreuzliedes 48,3, männlich die zweite Strophe 48,13, und das „Epigramm" 53,31. Heinrich von Veldeke Heinrich von Veldeke, 1 der den höfischen Roman nach französischem Muster begründete, war auch der erste, der wenig früher als Hausen und außer allem Zusammenhang mit diesem, Minnelieder in der neuen kunstvollen Form, mit reinen Reimen, doch meist nur geringem Umfang (Einzelstrophen), verfaßte. Aber in der Lyrik war er nicht der bahnbrechende Meister wie im Epos, seine Lieder hatten keinen weitergehenden Einfluß, wenn auch Gotfrid v. Straßburg von ihm rühmte: wie wol sanc er von minnen Trist. 4726, und er auch noch von Späteren als Sanges Meister genannt wurde (Bartsch S. XXXVIII). Sie trugen seinen heimischen Dialekt, und ihre Sprache war deshalb einer Verbreitung hinderlich. Friedrich v. Hausen ist der Urheber der hochhöfischen Lyrik. Zwei verschiedene, fast gegensätzliche Charaktere treten uns in den Liedern der beiden Dichter entgegen: Hausens Gedanken schwingen sich auf zu hohen Idealen, diesseitigen und jenseitigen, die Minne ist ihm eine ernste Herzensangelegenheit, Veldeke haftet an der persönlichen Glückseligkeit, er macht sich keine belangreichen Liebessorgen. Dort Tiefe, hier heiteres Lebensbehagen. Sein Wahlspruch ist: Wer Frohsinn ohne Sorge hat in Ehren, der ist reich 60, 13, blitscap, Fröhlichkeit, ist sein Element. Veldekes Kunst hat doppelten Ursprung, sie wurzelt in einer gesunden Natürlichkeit und ist andererseits in romanische Hofkultur gekleidet; dort steht 1 Vogt 3 S. 335-47; Bartsch, Liederd. Liebesproblem bei Gotfr. v. Str. S.4; C. v. Nr. VII; Kalff, Geschiedenis I, 41 ff. 59 f.; Kraus, Unsere älteste Lyrik S. 14 f. — Wilmanns-Michels, Leben W.s S. 45 f.; Scherer, Dt. Stud. II, 121-24 (Chronol. Ord- Erik Rooth, Ein neuentdeckter niederl. nung der Lieder, ein Liebesroman), dagegen Minnesänger aus dem 13. Jh., Lund 1928, Paul, Beitr. 2, 471-75; Schneider, Beitr. 47, S. 1 ff. — Frantzen, Neophil. 5, 1920, 368; 236 f. (Ordnung des Sammlers); Korn, Freude Bouman, ebda 8, 270-79; Kroes, ebda 11, u. Trüren 20 ff. — Stellen: Schröder, ZfdA. 284 f.; Singer, Beitr. 44, 434 f.; Ehrismann, 67, 127 f. — Stil: Burdach, Reinm. Reg. ZfdPh. 33, 404; Vossler, Ventadorn S. 134f.; S. 233; Gottschau, Beitr. 7, 379 ff.; Schissel Schwietering, ZfdA. 61, 78; Gennrich v. Fleschenberg S. 103-06; Langenbucher, S. 31; Brinkmann, Entstehungsgesch. S.140ff. Gesicht des Minnes. 1930, 32 f. — Dactylen: u. Dt. Viertel)'. 3, 626 f.; Nickel, Stud. zum Heusler, Versgesch. 2, 220. Heinrich von Veldeke. Ulrich von Gutenburg 231 der Dichter in der Wirklichkeit des Lebens, hier in einer gesellschaftlichen Konvenienz. Die höfische Kultursphäre ist durchzogen von einer naturalistischen Unterströmung. Er sieht das Leben mit offenen Augen, seine Lieder haben oft realistische Züge, er liebt sinnfälligen, bildlichen Ausdruck, kann keck, ja derb sein; unter Umständen behandelt er die Minne humoristisch 64, 10 und schließt Liebesstrophen mit romantischer Ironie 63, 36. 64, 9. Aber das Minnephänomen ist höfisch erfaßt, und viele einzelne Motive hat er mit denTrubadur gemein ; x so wird auch bei ihm die Minne, die ethische Triebkraft für den höfischen Minnesinger, als Quelle alles Guten gepriesen 62, 1, und die lebensfreudige Stimmung, die blitscap, ist nicht nur persönliches Wohlbefinden, sondern auch die Forderung der höfischen Etikette (vröude). Minne und Natur sind die beiden Lebenskreise in Veldekes Lyrik. In seinen Frühlingsbildern liegt große Anmut, sie übertreffen das, was er über die Minne zu sagen weiß, an Empfindungsgehalt und poetischem Reiz und wirken manchmal für sich allein, die Minne ist dann fast nur ein Anhängsel. Die Natur dient nicht nur als stilistisches Schmuckmittel, sondern ist Ausdruck seines Lebensgefühls. Da er dem Dasein eine heitere Seite abgewinnen will, so sind ihm die Störer einer solchen Lebensführung zuwider, und in einer Reihe von einstrophi- gen Sprüchen wendet er sich gegen die Schädiger der Minne, die freudelosen Nörgler, die Neidigen, die Frauenscheiter (Scherer, Dt. Stud. I, 46 [53]), ja im Gegensatz zu seiner wirklichkeitsfrohen Weltbejahung verfällt er in einigen Sittensprüchen in einen ethischen Pessimismus und wird zum Lobredner der guten alten Zeit. Ulrich von Gutenburg. Rudolf von Fenis. Albrecht von Johannsdorf Von Hausen scheint Ulrich von Gutenburg 2 beeinflußt zu sein. Er hat eine Reihe sprachlicher Wendungen mit ihm gemein, deren einige wohl nicht bloß auf zufälliger Übereinstimmung beruhen. Er gehörte einem freiherrlichen Geschlechte im Oberelsaß an, ist urkundlich bezeugt von 1172 bis etwa 1200 und stand wie Friedrich v. Hausen bei Friedrich I. und König Heinrich in hohen Ämtern (der 1170 erscheinende Rheinpfälzer Ulrich von Gutenburg kommt wegen seines in den Handschriften B C abweichenden Wappens weniger in Betracht). Das Merkmal seiner literaturgeschichtlichen Stellung ist sein Leich, er ist der Verfasser des ersten uns überlieferten Minneleichs. 3 Bei der Beurteilung desselben muß von dem Wesen des Leichs ausgegangen 1 Die Stellen bei Wechssler, Kulturprobl. S. 49; Korn, Freude u.Trüren48 ff.; Steller, Reg. S.479. Die Tristrantstrophe 58, 35 ist Beitr. 45, 320; Schwietering, ZfdA. 61, 78. einem Gedicht Chrestiens v. Troyes nachge- 3 Der von Gliers rühmt ihn unter den Mei- bildet. — Einfluß der franz. Lyrik: Biel- stern des Leichs, unter diesen aber auch Hau- schowsky, Dorfpoesie S. 38 (110) f. sen (Pfaffs Abdr. von C. S. 196). Demnach 2 Vogt 3 S. 347-52; Burdach, Reinm. Reg. wäre Friedr. v. Hausen eigentlich der erste S. 232; Wechssler, Kulturprobl. Reg. S.483; Dichter eines Minneleichs gewesen. Andere Ehrismann, ZfdPh. 36, 395 ff.; Plenio, Beitr. Nachrufe: Heinr. v. d. Türlin Krone (s. oben), 42, 422 Anm. 1; Singer, ebda 44, 435 f.; Reinmar v. Brennenberg, MSH. 3, 334. Ders., Aufsätze S. 158 f.; Ders., Wolframs Stil 232 Die lyrische Dichtung werden (s. oben). Es liegt in der Form, die Form ist alles, Metrik und Melodie, Stil und Sprache beherrschen die Absicht des Dichters. Daher der kunstvolle Strophenbau (Daktylen s. Heusler S. 219 f.), der erhabene, geschmückte, wortreiche, schwülstige Stil. Der Inhalt ist demgegenüber einförmig, es ist eine stete Wiederholung von Minnefloskeln und Gemeinplätzen des Minnewesens. Man kann ihn durch einige immer wiederkehrende Schlagwörter zeichnen: der Dichter ist durch die Minne betwungen, er ist in der gewalt der Dame, er ist ihr undertdn, swie minfrowe wil, so solz mir ergän, usw., er beginnt mit dienest und schließt mit gendde. Er ziert den Inhalt durch Beispiele von Liebesgeschichten: Alexander und Candace, Flore und Blancheflur, Turnus und Lavinia, die Frau de la Roschi bise, zeigt überhaupt mancherlei Kenntnisse. Das Gedicht beginnt mit dem formelhaften Eingang eines Liebesbriefes und enthält auch in 74, 14 ff. wörtlich den in Liebesbriefen begegnenden Reim tröst in minem leide, des Wunsches ougenweide (Ernst Meyer, Die gereimten Liebesbriefe S. 11.52), wie denn der ganze Inhalt sich mit den Liebesbriefen nahe berührt. Der Dichter hat sein Ziel erreicht, eine überaus kunstvolle Form, hat wirklich in einem wj erkornen dön gesungen 77, 27, aber es ist nur ein Spiel mit Worten und Klängen ohne innere Wahrheit und Wärme, der prunkhafte Mantel der Rhetorik schlottert um einen mageren Inhalt. Von Gutenburg ist außer dem Leich nur noch eine Liedgruppe in sechs Strophen erhalten, die nicht durch fortlaufende Gedanken, sondern nur durch den gleichen metrischen Bau zusammengehalten werden. 1 Der Inhalt geht aus dem gleichen Minneverhältnis hervor wie der Leich. Das den Sommer verkündende merlikin 77, 36 ist aus Veldeke 59, 27 zugeflogen. Als Grenzlanddeutscher stand Rudolf von Fenis, 2 Graf von Neuenburg (in der Schweiz, urkundlich 1158-92), wie Heinrich von Veldeke, in unmittelbarer Verbindung mit der westlichen, romanischen Kultur, und kein mittelhochdeutscher Liederdichter hat so direkt provenzalisches Gut übernommen wie er, der erste Schweizer Minnesänger. In dreien seiner Lieder, 80, 1. 80, 25. 81,30, hat er Form und Inhalt von Strophen Folquets von Marseille, in einem vierten, 84, 10, desgleichen von Peire Vidal sich zu eigen gemacht bzw. frei übertragen. So ist sein Dichten ein typisches Minnesingen auf Grund des Minnesystems und seiner Terminologie in den Gegensätzen von stätem Dienst und Versagen des Lohns, von gewalt und gendde, von not sorge kumber und tröst, gedinge (Hoffnung). Tief ist ihm sein Liebesschmerz nicht gegangen : er würde seinen nutzlosen Dienst gerne lassen, wenn er es vermöchte 81, 26, er kokettiert mit seiner Minnenot: diu not ist diu meiste wunne min 81, 27. Er 1 Burdach, Reinm. S. 89; Schönbach, NF. 1, 1923, dazu Schwietering, Anz. 44, Wien. SB. 141, 1899, 80; Schneider, Beitr. 25-31, Günther Müller, Dt. Viertelj. 5, 122; 47, 229. Singer, Beitr. 44,436, Schweizerdeutsch 1928, 2 Vogt 3 S. 352-63; Bartsch, Liederd. 95 ff.; Gennrich S. 7 ff.; Schneider, Beitr. Nr. IX; Ders., Schweizer Minnesänger S.Xff.; 47, 230 f. 258; Langenbucher, Gesicht des v. Kraus, Übungsb. 2 S. 292. — Ernst Bal- Minnes. 1930 S. 31 f.; Korn, Freude u. Trüren dinger, Der Minnesänger Graf Rud. v. Fenis- 46 ff. Neuenburg, Neujahrsbl. d. Literar. Ges. Bern, Rudolf von Fenis. Albrecht von Johannsdorf 233 simuliert über die Minne, statt daß er sie empfindet. 1 So ist sein Gedankenkreis beschränkt, doch gewinnt seine Sprache Lebendigkeit durch Bilder und Vergleiche, die er freilich meist den Trubadur entlehnt. Die Natureingänge 82, 26. 83, 25. 83, 36 leiten die betreffenden Lieder stimmungsvoll ein. — Die Abhängigkeit von daktylischen bzw. „gemischt daktylischen" Vierhebern von dem provenzalischen Zehnsilbler liegt bei ihm unmittelbar vor (Heusler 2, 218 f.; Schwietering, Anz. aaO. S.30L). Über den allgemeinen Typus des Minnesängers erhebt sich Albrecht von Johannsdorf 2 (Ministeriale, ritterlicher Dienstmann, des Bischofs von Passau, urkundlich 1185-1209), der erste Sänger der vollhöfischen Richtung im östlichen Oberdeutschland. In ihm tritt uns eine in sich geschlossene Persönlichkeit entgegen, ein Charakter, der durchdrungen ist von der sittlichen Lebensaufgabe des Ritters, auch in Erfüllung weltlicher Anforderungen am Göttlichen zu haften; ein Dichter, dessen Lieder Abglanz seiner Seele sind, nicht bloß Verschönerung des gesellschaftlichen Umgangs. Eine wohltuende Wärme geht von ihnen aus; denn ihm war eine wahre Frömmigkeit beschieden. Sie kommt zum Ausdruck in den Liedern, die er im Hinblick auf seine Kreuzfahrt (1190) verfaßt hat. Hier gibt das Durcheinanderschwingen von diesseitiger und jenseitiger Minne die bewegende Stimmung: 86, 1. 87, 5. 87, 29. 89, 21. 90, 32. 92, 7 [Zusatzstrophe]. 94, 15; aber nur 89, 21 ist ein eigentliches Kreuzzugslied mit den Grundsätzen, die die Fahrt bedingen. Er empfindet wohl die Spannung zwischen der Frauenminne und der völligen Hingabe an Gott, aber er stellt die Lösung Gott anheim 90, 11; ja die Minne ohne Falsch ist sogar ein Mittel zur Sündentilgung 88, 32, und auch die Geliebte hat Teil an der Fahrt, sie soll die Hälfte des Gotteslohns erhalten 94,34. Amor ist zur Caritas geworden, die Minne zur Geliebten zum religiösen Erlebnis. So ist die Antithese Gottesminne und Frauenminne zur Synthese vereint in der Gnade Gottes. Eine solch hohe Weihe hat Hausen, sein Vorgänger in der Kreuzzugslyrik, nicht empfunden. Und diese Einheit von weltlichem Begehren und Sorgen um das Seelenheil ist so menschlich natürlich aufgefaßt, lebenswahr und lebensnah: Swie gerne ich vor, so jämert mich wie e^ noch hie gestS 88, 19. Diese Weltanschauung, die die transzendenten Gedanken an das immanente Blickfeld bindet, ist besonders im dritten Liede, 87, 29, ausgesprochen. — Auch in seinen Liebesliedern folgt Johannesdorf nicht lediglich der höfischen Manier. Zwar stellt auch er sich das Verhältnis von Ritter und Dame als einen Dienst vor, der auf Lohn und Gnade berechnet ist, ja sogar ein umbevähen als höchsten Wunsch wagt (92, 29), aber dieses Dienen ist kein Schmachten, und der Dichter schwelgt nicht in Zerfaserung seiner 1 Stil: Burdach, Reinm. Reg. S. 232; Schis- des Minnesangs Frühl., 1927, 28 ff. (will Jo- sel v. Fleschenberg S. 107 f.; Schwiete- hannsd. aus MF. als späteren Dichter ent- ring aaO. fernen); Schneider, Reallex. 2, 139; Gün- 2 Vogt 3 S. 363-70; Bartsch, Liederd. ther Müller, ebda S. 213; Schröder, ZfdA. Nr. XI. — Brinkmann, Dt. Viertel). 3, 630- 67, 272 (urkundl., Heimat Niederbayern); 32; Schneider, Beitr. 47, 231; Kurt Hal- Wallner, Stammlers Verfasserlex. 1, 1931, bach, Walther v. d. Vogelw. und die Dichter 49-51. 234 Die lyrische Dichtung inneren Zustände. Der Minnebegriff ist bei ihm von einer sittlichen Idee getragen, und in einer Allegorie faßt er als Schlußergebnis seine persönliche Anschauung von der Minne zusammen: die Lehrmeisterin zuht, die Sittsamkeit, bleibt in seinem Verhältnis zu der Dame Siegerin. Ein origineller Kunstgriff ist die Übertragung der Pastourellenart auf einen höfischen Liebesantrag in dem Liede 93, 12j 1 ganz unhöfisch ist der Ton, in dem die Dame, wie eine Bäuerin der Pastourelle, den minnekummerklagenden Ritter abfertigt. Aber auch diese Absage schließt mit einer ethischen Spitze: Der Lohn des Dienstes besteht in einem idealen Gute, in der Erhöhung der sittlichen Kraft. Es klingt wie eine Ironie auf die galante Theorie vom Minnedienst. Die Minne ist ihm nicht bloß Theorie, sie ist ihm Herzensangelegenheit: ej gät von herzen gar 88, 6. Darin beruht die Wahrheit seiner Empfindung, daß er für die Liebe einfach ungeschminkte, volkstümliche Worte hat: Swä zwei herzeliep gefriundent sich .. ., die sol nieman scheiden, danket mich 91, 29, oder: swenne si gedenket stille an sine not ,lebt min herzeliep, oder ist er tot?' 95, 11; diese sehnenden Scheidegedanken sind beide Male der Frau zugeteilt. Auch Johannsdorf hat im Grunde eine heitere Lebensanschauung, wie Veldeke, aber sie hat einen tieferen Ursprung, sie liegt in seiner Ausgeglichenheit mit dem Ewigen: Gott selbst ist der Schöpfer der Freude, der al der werlte fröide git, der troeste min gemüete 92, 14; mit dem Kehrreim vröide und sumer ist noch allej hie schließen die Strophen von 90, 16, mit dem Ausdruck der Freudebezeugung 91, 1. Die Sprache Johannsdorfs ist wirkungsvoll und gibt die Stimmung kräftig wieder. Entsprechend seiner frommen Gesinnung hat sie stark kirchliche Färbung. Sein Strophenbau, 13 Töne, ist kunstvoll ohne Uberkünstelung. Einige Male läßt er ungenaue Reime zu. 2 Heinrich von Rugge. Bernger von Horheim Auch der Inhalt der Lyrik des Heinrich vonRugge 3 (aus oberschwäbischem Geschlechte, das zu den Pfalzgrafen von Tübingen im Ministerialenverhältnis stand, urkundlich 1175-91) ist geteilt in die zwei idealen Werte, die Jenseitsstimmung des Gottesstreiters und den diesseitigen Frauenkultus des Minnesängers, aber Gottesdienst und Frauenminne greifen nicht ineinander ein wie bei Johannsdorf, auch stehen sie nicht in einem Gegensatz wie Leib und Herz bei Hausen, sondern sie werden gar nicht miteinander in Verbindung gebracht. Er ist ein klarer Kopf, zum Dichter fehlt ihm die Phantasie. Er beurteilt die Menschen und sich selbst unter intellektuellem Gesichtspunkt, 1 Vogt 3 S.369f.; Wilmanns-Michels, Leben Reimar", ZfdA. 65, 145-76. — Ehrismann, W.s S. 403. ZfdPh. 33, 405; Singer, Beitr. 44, 436; Stel- 2 Stil: Burdach, Reinm. Reg. S. 232; Hör- ler, ebda 45, 357 ff.; Schneider, ebda 47, noff, Germ.33,421 ff.; Schissel v. Fleschen- 242 f. u. Reallex. 2, 138; Brinkmann, Dt. berg S. 108 ff. — Metrik: Hornoff S. 398ff. Viertel]'. 3, 629 f. — Petzet u. Glauning, 3 Vogt 3 S.370-75; Bartsch, Liederd. Nr.X. Schrifttafeln 2, XXIV. — Stil: Erich Schmidt — Erich Schmidt, Reinmar v. Hagenau u. S. 6 ff.; Burdach, Reinm. Reg. S. 233; Schis- Heinr. v. Rugge, QF. 4, 1874; Halbach, Wal- sel v. Fleschenberg S. 110-12. — Metrik, ther v. d. V., Heinr. v. Rugge u. „Pseudo- Daktylen: Heusler 2, 220. Heinrich von Rugge. Bernger von Horheim 235 ob tump oder wise 100, 5. 102,16. 103, 35. 108,25, was im Eingang und Abschluß des Leichs als Humilitätsbezeugung im Sinne christlicher Tugendlehre gewendet ist. Seine Minnelieder bewegen sich in dem gewöhnlichen Geleise mit dem herkömmlichen Apparat von dienst und Ion usw., er huldigt damit der gesellschaftlichen Mode ohne innere Ergriffenheit. Er ist ein tüchtiger Mann, die Gesinnung (muot, guot sein) geht ihm bei der Frau über die Schönheit 105, 22. 107, 27. Und ein zweckhafter Tatsachensinn spricht auch aus seinem wertvollsten Gedichte, dem Kreuzleich. Rat will er erteilen, und der besteht in der Aufforderung zur Fahrt mit praktischer Begründung, indem die Teilnahme am Kreuzzug aufgefaßt wird im Verhältnis von Dienst und Lohn: wer jetzt Gott dient, der wird das Himmelreich erlangen. Das ist ein Hauptstück der Kreuzzugsreden, und der ganze Leich ist nicht von glaubensinniger Frömmigkeit eingegeben, sondern nach dem Schema einer Kreuzpredigt angelegt. Hervorgerufen ist die Kundgebung durch die weltbewegenden Nachrichten vom Tode des Kaisers Friedrich, und der Dichter selbst hat den Entschluß zur Fahrt gefaßt 99, 17. 102, 14. Persönliche Gefühle wie die Minne läßt er in diesem öffentlichen Aufruf nicht zu. Als geschickter Werber erweist er sich durch Einflechtung einer dramatischen Momentszene, eine Unterhaltung zweier Mädchen über einen feigen Liebhaber, der zu Hause bleiben und sich die Zeit mit Weibern vertreiben will; ein derbes Gegenstück gegen den gleichen Gedanken, den Hausen in seine fein höfische Art kleidet 48, 13. Auch in Minnelieder läßt Rugge den ernsten Ton einklingen von der Vergänglichkeit und Torheit der Welt 102, 14. 105, 32, und in einem anderen Liede geißelt er die gegenwärtigen Zustände, die Freudlosigkeit und das Trachten nach Gut 108, 22 (vgl. 102, 22). Zur handschriftlichen Überlieferung der Lieder Rugges ist zu bemerken, daß in C und A Strophen sowohl unter Rugge als unter Reinmar stehen. Zu bedauern ist, daß wir von Bernger von Horheim 1 (wahrscheinlich aus einem rheinfränkischen Geschlechte aus der Nähe von Frankfurt am Main, in zwei in Italien ausgestellten Urkunden 1196 bezeugt) nur so wenige Lieder besitzen (sechs), denn er setzt den minnesingerischen Stil Hausens, von dem er beeinflußt ist, und Gutenburgs in eigenartiger Auffassung fort. Er erlebt ein sein Minneempfinden ähnlich beschwerendes Schicksal wie Hausen: die Heerfahrt nach Pülle (Apulien) mit Heinrich VI. 1195/96. Auch er muß das Weh der Fremde erdulden, und fromm empfiehlt er die Geliebte Gott und allen seinen Engeln 114, 21; es herrscht hier eine Stimmung wie beim Aufbruch zu einer Kreuzfahrt. Sein Herzeleid ist so groß, daß er keine Worte dafür finden kann: auch diese Klage ist unter dem Eindruck der Italienfahrt gedichtet 115, 7. Aus der lebendigen Wirklichkeit sind die zwei Lieder 114, 21 und 115, 7 hervorgegangen. Seine Erfahrungen in der Minne sind schmerz- 1 Vogt 3 S. 375-78; Bartsch, Liederd. — Stil: Burdach, Reinm. Reg. S. 232; Nr. XII. — Schneider, Beitr. 47, 234; Schisselv. Fleschenberg S. 112; Wallner, Schwietering, ZfdA. 61,78; Schröder, ebda Stammlers Verfasserlex. 1, 198 f.; Schröder, 62, 232. 67, 196; Korn, Freude u. Trüren 51 f. ZfdA. 67, 252 (Stelle). 236 Die lyrische Dichtung lieh: Minne dünkt am Anfang gut, da doch das Ende sehr traurig ist 114, 9; er liebt die Dame herzlicher als Tristran, der den Trank getrunken, Isalde (das gleiche Motiv, aus Chrestien, s. oben bei Veldeke). Einen vorzüglichen Kunstgriff hat Bernger mit der Verwendung der bewußten Fiktion in seinem sog. „Lügenliede" getan 113, 1 (der Grundgedanke ist eine Erweiterung einer auch von Morungen gebrauchten Vorstellung 125, 21). Die Wirkung beruht auf der Überraschung: in drei Strophen malt er einen herrlichen Zustand seiner weltüberspringenden Freiheit, seiner übersprudelnden Freude und seiner beglückten Liebe aus, um am Schluß jeder Strophe zu widerrufen: das ist gelogen. Das letzte, einstrophige Lied 115, 27 ist ein Virtuosenstück mit grammatischen und inneren Reimen, in Daktylen, die er überhaupt liebt (113,1.113, 33. 114, 21. 115, 27, vgl. Heusler 2, 220). Er hat ein starkes künstlerisches Bewußtsein auf seinen „Sang" 112, 24. 113, 38. 115, 3. 6. 7. 115, 27 ff. Hartwig von Rute. Bligger von Steinach. Engelhart von Adelnburg Von Hartwig von Rute 1 (Heimat Oberbayern, Salzburg oder Oberösterreich) sind nur drei einzelne Minnestrophen erhalten, in deren dritter 117, 26 über die höfische Manier hinaus natürliche Sinnlichkeit ungeschminkt zu Worte kommt; und ein mehrstrophiges, unvollständiges Lied, in dem der Dichter in fremdem Lande, wo er, wie es scheint, im Dienste des Kaisers weilt, selbst in Todesgefahr statt seine Sünden zu beichten um die Gnade der Geliebten sich sorgt. Mit großen Erwartungen wird man an die Lyrik des Bligger von Steinach 2 gehen, ist er doch jener von Gotfrid wegen seiner glänzenden Sprache des wundersamen Sinnes so hoch gepriesene Verfasser des „Umbehanges" (LG. 11,2,321.323 Anm.3 und in diesem Band oben), aber man wird enttäuscht sein. Die unter seinem Namen überlieferten spärlichen Reste — zwei Minnelieder und ein Spruch — erlauben freilich kein abschließendes Urteil. Die Lieder erheben sich nicht über den Durchschnitt; immerhin ringt sich aus den allgemeinen Minnebegriffen eine faßbare Vorstellung los, da wo er seine gedrückte Stimmung mit der des Saladin um Damaskus vergleicht. Auffallend ist der Spruch: wie ein Fahrender mahnt der Dichter zum rechten Gebrauch (ze mä^e) des Gutes und macht die ere (das Geehrtwerden) abhängig von der mute (Freigebigkeit) und schäme (Ehrgefühl). Hier redet die Gesinnung eines Gehrenden, und der Spruch wird darum nicht von dem hohen adeligen Herrn, sondern von einem Spielmann herrühren. Bligger stammte aus dem freiherrlichen Geschlecht, dessen Burgen noch heute auf Neckarsteinach bei Heidelberg herabschauen. Sein Name tritt in iVocT 3 s. 378 f.; Ehrismann, ZfdPh. 33, 2 Vogt 3 S. 380-82; Bartsch, Liederd. 405; Schneider, Beitr. 47, 234; Brinkmann, Nr. XVII. — Stil: Burdach, Reinm. Reg. Dt. Viertelj. 3, 627; Günther Müller, Real- S.92; Schissel v. Fleschenberg S. 113 f.; lex. 2, 213. Stelle: Schröder, ZfdA. 67, 252; Schröder, ZfdA. 67, 252 (der Spruch MF. Wallner, Stammlers Verfasserlex. 2, 219 f. 119, 13 ff. gehört nicht Bligger an, sondern ist — Daktylen: Heusler 2, 237. Stil: Schissel später); Gierach, Stammlers Verfasserlex. 1, v. Fleschenberg S. 112 f. 248-50; Korn, Freude u. Trüren, 50. Hartwig von Rute. Bligger von Steinach. Engelhart von Adelnburg 237 vielen Urkunden von 1165 (1152?) bis 1209 auf. Saladin starb am 3. März 1193, vor diesem Jahr muß das obige Lied verfaßt sein. Nur vier Strophen sind von Engelhart von Adelnburg 1 (aus einem freiherrlichen Geschlecht der bayerischen Oberpfalz; von etwa 1180-1230 ist der Name urkundlich belegt). Das dreistrophige Minnelied besteht aus Gemeinplätzen, enthält aber doch beiläufig einen religiösen Gedanken, durch den die unbedingte Herrschaft der Dame eingeschränkt wird (148,15). In dem Spruch macht sich der Dichter darüber Gedanken, wie die Minne sich mit dem Seelenheil vereinen läßt; er hält auch irdischen Wert (werder lip), wozu die Minne gehört, gegenüber dem Seelenheil für ein Gut, ja er übt Kritik an der asketischen Härte, daß der Himmel irdischer Tüchtigkeit (biderbe) feind sei. Heinrich von Morungen In ihm 2 hat die Frühkunst des „welschen" Minnesangs ihren Höhepunkt. Im engeren Sinne ein Minnesänger, beschränkt im höfischen Frauenkultus, übertrifft er Reinmar durch die Stärke seiner Einbildungskraft und die Darstellungskunst unmittelbaren Erlebens und reicht damit selbst an Walther heran. Die Stammburg des Ministerialengeschlechtes, dem Morungen angehört, lag bei Sangerhausen im nördlichen Teile thüringischen Gebietes. Im späteren Leben besaß er eine angesehene Stellung am Hofe des Markgrafen Dietrich von Meißen, wie aus zwei Urkunden von 1217-18 hervorgeht. Die spätere Tradition des 15. Jahrhunderts erzählt, daß er „zu Leipzig gesessen" (Zimmerische Chronik, um 1560-70) und dort begraben sei (Konrad Grünenbergs Wappenbuch 1483). Der Boden für mittelhochdeutsche Dichtung war in Thüringen bereitet durch den Kunstsinn des Landgrafen Hermann (LG. II, 2 Reg. S. 344), und Morungen, angeregt durch die rheinische Lyrik Hausens, war der erste, der den Minnesang in Mitteldeutschland pflegte, im Geiste der Trubadurpoesie, der er jedoch, als urwüchsige Dichternatur, sein eigenes Gepräge verlieh. In der Entwicklungsreihe des Minnesangs steht er zwischen seinem wohl wenig älteren Zeitgenossen Reinmar und dem etwas jüngeren Walther, der in den gleichen Jahren sich am Thüringer Hofe aufhielt und zu Dietrich von Meißen Beziehungen hatte (s. unten). Morungens 1 Vogt 3 S. 408 f.; Brinkmann, Dt. Viertelj. 627-29; Kurt Halbach, Walther v. d. V. u. 3, 629; Schröder, ZfdA. 67, 272 (urkundl.); die Dichter v. MF. S. 44 ff.; Ders., Ein Zyklus Wallner, Stammlers Verfasserlex. 1, 577. von Mor., ZfdPh. 54, 401-37; Erich v. Dry- 2 Vogt 3 S.382^07 (383!); Bartsch, Liederd. galski, H. v. M. u. Ovid, Gott. Diss. 1928, Nr. XIV; v. Kraus, Übungsb. 2 S. 290; Ders., dazu Piquet, Rev. germ. 20, 1929, 163 f.; H. H. v. M. hgb., 1925, dazu Schneider, Anz. 45, v. Morungen, Die Denktafelweihe auf der 171-74, Günther Müller, Dt. Vjschr. 5, Morungsburg, Sangerhausen 1925; Langen- 127-29, Fr. R. Schröder, GRM. 14, 461, bucher, D. Gesicht des Minnesangs S. 35^0; Ranke, DLz. 1926, 899-902, Halbach, Ders., Oberdt.Zs. f. Volkskde 4,1929, 127-38; ZfdtBildung 1931,535.537 f. — Singer, Beitr. Ders., Arbeiten zur Volkskde, Festschr. Pan- 44, 436-47; Plenio, ebda 41, 125 f.; Neckel, zer 1930, 53-64; Korn, Freude u. Trüren, 101 ebda 46, 156-64; Schneider 47, 243-45; -107; Günther Weydt, Morungen 145, 1, Helm, H. v. M. u. Albr. v. Halberst., ebda 50, ZfdPh. 57, 367-69; Ders., Stamml. Verf.Lex. 143 ff.; Sievers, ebda 50 H.3; Schwiete- 2,304-12; Schröder, ZfdA. 67, 127 (Stelle); ring, ZfdA. 63, 63. 68, 78; Vossler, Venta- H. Menhardt, Zur Lebensbeschreibung H.s dorn S. 135; Günther Müller, Dt. Vjschr. 1, v. Mor., ZfdA. 70, 209-34 u. Forsch, u. Fort- 80 u. Reallex. 2, 212 ff.; Brinkmann, ebda 3, schritte 10, 1934, 111 f. 238 Die lyrische Dichtung Nachwirkung war nicht tiefgehend, nur für spätere thüringische Dichter war er vorbildlich. 1 Aber die Sage 2 hat seinen Namen durch die Jahrhunderte erhalten, und in einem späten Spielmannsliede aus der Mitte des 15. Jahrhunderts „Vom edelen Möringer" ist er zum Helden der Heimkehrsage geworden (LG. II, 2,128). Seine Sprache ist nicht mundartlich, sondern dem mittelhochdeutschen Gemeintypus angepaßt und nur etwas mitteldeutsch gefärbt. Morungen besaß von Natur die Anlagen zum Dichter: Phantasie, erregbares Gefühl und leidenschaftliches Temperament, lebhaftes Sinnesempfinden für die Außenwelt und vergegenwärtigende Anschauungskraft. Die Kunst ist ihm Erlebnis, und er besaß ein hohes Künstlerbewußtsein, singen, sanc kehrt immer wieder. Aber sie ist ihm in erster Linie Formgebung, in der Darstellung äußert sich die Stärke seiner Begabung, in dem Wie, nicht in dem Was. Der Inhalt bewegt sich in den konventionellen Schranken des höfischen Minnesangs mit typischen Grundzügen von unerwidertem Dienst, der keinen Lohn findet, daher das übliche Trauern und Klagen und das Schwanken zwischen gehobener und gedrückter Stimmung. Auch hat er dem Minnebegriff keinen neuen Gehalt gegeben, er hat ihn nicht wie Johannsdorf zu sittlicher Bedeutsamkeit erhoben, auch nicht wie Hausen den Zwiespalt zwischen Minne und Gottespflicht empfunden. Seine Lieder sind erdgebunden, sind reine Gesellschaftskunst. Einmal allerdings versteigt er sich, den Minnedienst ins Jenseits hineinzutragen, dort wird seine Seele der Seele des reinen Weibes dienen 147, 10, an Stelle des Herzens ist hier die Seele, das Unsterbliche, getreten. Aber das ist nicht eine Erhebung der irdischen Minne zur himmlischen Liebe, sondern umgekehrt, ein Herunterziehen des Heiligen ins Weltliche. Die Strophe klingt fast wie eine Profanierung von Matth. 10, 28. Zuweilen mildert er die Klage über das Mißgeschick seines Minnedienstes durch eine optimistische Aussicht (126,31.129, 11), und das eintönige Minneklagen unterbricht erfrischend ein Jubelsang, den er anhebt über ein ersehntes Wort aus ihrem Munde 125, 19. Seine Dame ist eine kalte Schöne, an die er ein reiches Gemütsleben verschwendet. In das Verhältnis zu der Dame spielt die Umgebung hinein und die Aufsässigkeit der Hofgesellschaft (Aufpasser, Verleumder 131, 9. 17. 131, 26. 133, 16. 137, 4. 143, 17. 140, 12), die ihm viel Verdruß bereitet. Das Bild seines Minnelebens, das sich so aus seinen Liedern ergibt, trägt die Züge des üblichen Schemas, aber es ist in einem ganz außergewöhnlichen Reichtum der Töne und in einzigartiger Farbenpracht ausgeführt. Das ist die Eigengabe dieses Lyrikers, daß er das Leben nicht nur in seinem Innern empfindet, sondern daß er zugleich die Welt sinnenhaft mit Augen schaut. Er reflektiert wohl über die Schönheit und Tugend der Geliebten, aber er sieht sie auch leibhaftig vor sich (133, 37. 136, 38. 145, 7 ff). Diese seine Kunst zu 1 Gottschau S. 402 ff.; Roethe, Reinmar 1901, 42 ff.; Bolte-Poli'vka 3, 522; Rostock, S. 177; s. auch H.-Fr. Rosenfeld, Mhd. No- Dichterheldensage S. 4-8; Schneider, Fest- vellenstud. S. 367. Schrift Ehrismann 1925 S. 112 ff. — Siehe LG. 2 Die Sage (Heimkehrsage): Vogt 3 S. 383. II, 1,56 Anm. 5.128 Anm. 4 u. in diesem Band 407; Mone, Diözesanarchiv f. Schwaben 19, oben. Heinrich von Morungen. Reinmar der Alte 239 schauen und im Bilde darzustellen entfaltet er am phantasievollsten in der zauberhaften Erscheinung der Geliebten 138,17 (s. besonders v. Kraus, Gott. Abh. NF. 16, 1, 1916, S. 40 ff. u. Ausg. S. 103 ff.): Wenn ich allein bin, leuchtet sie mir vor den Augen, sie kommt zu mir durch die Mauer, sie führt mich mit ihrer weißen Hand hoch über die Zinne, ich meine, sie ist eine hehre Venus, wenn es ihr gefällt, geht sie dort her zu einem kleinen Fenster, wie wenn die Sonne scheine. Bilder in Licht getaucht geben wie hier seiner Darstellung oft einen farbigen Glanz. Sein offener Blick führt ihn auch in das Reich der Natur: die kleinen Vögelein, die nach dem Tage ausschauen 126, 36; die Sitte der Nachtigall, die verstummt, wenn ihre Liebe zu Ende ist, wogegen die Schwalbe nicht in Lust noch Leid ihr Singen läßt 128, 34; die sprechenden Vögel Sittich und Star 127, 24. 132, 8; das Echo im Walde 127, 11; der flüchtige Wind 136, 9; dem lichten Maienschein und dem Ostertag gleicht die Geliebte 140, 15; er möchte ihr heimlich vertraut sein wie das kleine vogellin da.3 ir singet und ein lützel nach ir sprechen kan 132,35. So ist die Natur in das seine Lieder durchströmende Seelenleben verwoben, während er die typischen Natureingänge und Schilderungen meidet. Freilich steht auch Morungen unter dem Einfluß der Tradition. Manches hat er aus der geistlichen Literatur; die Kenntnis der antiken Literatur zeigt, daß er eine gewisse Schuldbildung genossen hat (die Grabschrift 129, 36 = Metam.9, Nachtigal und Schwalbe = Metam.6, Ascholoie 139, 9 a = He- roiden 15, auch Metam. 9, Amores 5; Narcissus 145,22 = Metam. 3). — Noch heben sich von den andern Liedern ab der Wechsel 130, 31 u. 142, 19-143, 3, der Tageliedwechsel 142, 22, endlich die höfisch stilisierte Pastourelle 139, 19, in der die Geliebte in drei Situationen vorgestellt wird. 1 Morungens Gedankenbildung ist stark antithetisch. Auch seine Empfindungsweise zeigt Polarität: energisches, ja heftiges Losbrechen und sentimentale Todesgedanken; helles Sehen und magische Vision; im Aufbau der Gedanken sprunghafte Einfälle und auskostendes Verweilen. In der Verskunst ist er Meister, von einfachen Reimbindungen zu graziösen Verschlingungen weiß er das Tönegewand dem Sinne anzupassen. 2 Reinmar der Alte Am reinsten hat den Typus des Minnesangs zum Ausdruck gebracht Reinmar der Alte. 3 Auch von den Zeitgenossen wurde er als Führer anerkannt; 1 Schönbach, Wiener SB. 141, 144 f.; 30, 188 f.; Sievers, Beitr. 50, 331-51. Dakty- Brinkmann, Entstehungsgesch. S. 149. — Die len: Heusler 2, 221 ff. Situation in Str. 2 u. 3, 139, 28. 140, 1 wird 3 Vogt 3 S. 409-37; Bartsch, Liederd.Nr.XV; wörtlich ebenso eingeleitet in Johannsdorfs v. Kraus, Übungsb. 2 S. 291. — Burdach, verhöfischter Pastourelle: ich vant si.. . eine. Reinmar d. Alte u. Walth. v. d. Vogelw. 1880, 2 Stil: Burdach, Reinm. Reg. S. 233; Gott- 2. Aufl. 1928, dazu Halbach, DLz. 1928, 2203 schau, Beitr. 7, 336 ff.; K. Schütze, Die Lie- -08, Schneider, Anz.49,148, Ehrismann, Lbl. der H.s v. M. auf ihre Echtheit geprüft, Kiel. 1929,247, Sparnaay, Museum 36,134 f.; Bur- Diss. 1890 S. 15 ff.; Schissel v. Fleschen- dach, ADB. 28, 93-97 u. Reinm. 2 S. 366-72; berg S. 114-22. — Metrik: A. Lohmann, Me- Ders., Beitr. z. Kritik d. Erklärung der Ge- trisch-rhythmische Untersuchungen über H. dichte R.s d. Alten, Leipz. Diss. 1880; Ders., v.M., Münchn. Diss. 1908, dazu Saran, DLz. Zu Reinm. u. Walth., Beitr. 8, 461 ff., u. 240 Dm lyrische Dichtung und Gotfrid von Straßburg gibt das allgemeine Urteil wieder, wenn er ihn, „die Nachtigal von Hagenau" (den Namen Reinmar nennt er nicht), als Bannerträger aller anderen Lyriker verherrlicht, dessen Nachfolge nun, nach seinem Verstummen, Walther von der Vogelweide angetreten hat (Tristan 4776-4818). Aus Gotfrids Worten erfahren wir auch Reinmars Herkunft: er meint mit Hagenau doch wohl die Stadt in seiner Heimat, dem Elsaß. 1 Die Handschriften nennen ihn Reinmar den Alten, zum Unterschied von andern Sängern des Namens, bes. Reinmar von Zweter. Urkundlich ist er nicht nachgewiesen, aus seinen und Walthers Liedern schließen wir, daß er lange Zeit am österreichischen Hofe eine gesellschaftlich angesehene Stellung, wohl als eine Art Hofdichter, eingenommen hat. Er hat einen Kreuzzug mitgemacht, wohl den von 1190, ins Frühjahr 1195 fällt die Totenklage (167, 31) auf Leopold V. von Österreich (1177-94), gestorben ist er vor 1210 (vor Gotfrids Tristan). Der Forschung bieten die Lieder Reinmars erhebliche Schwierigkeiten, weil in den Handschriften unter seinem Namen viel fremdes Gut eingemischt ist, hauptsächlich Vertauschungen mit Rugge. 2 Reinmars Minnedichtung ist der vollendetste Ausdruck feinster Hofkultur, ihre Wurzeln und Ziele sind bedingt durch den Geist der „Gesellschaft". Er hat den richtigen Ton der herrschenden Minnemode getroffen, der in Inhalt und Form für die Folgezeit mustergültig blieb: die Empfindung, die in Trauern und Klagen sich ergeht, gefaßt in eine fein gemeißelte Form. In engen Rahmen gespannt ist der Inhalt seiner Kunst, monoton klagt sein Sang von verschmähtem Dienst, und schon seine Umgebung hat sich über sein unaufhörliches Klagen ausgelassen. Und doch hat seine Dichtung erfüllt, was Reinm. 2 S. 280 ff.; C. v Kraus, Die Lieder Ders., Der Hohe Mut bei Reinmar von Hagen- Reinmars des Alten, Abhandl. d. Bayer. Ak. au, MSF. 179, 3, Journ. of Engl, and Germ. 30, 4. 30, 6. 30, 7, 1919, dazu Vogt, Anz. 40, Phil. 31, Juli 1932,360-94; Karl Korn, Stud. 119-27, Günther Müller, Dt. Vjschr. 5, üb. „Freude u. Trüren" bei mhd. Dichtern, 128 f. — C. v. Kraus, Neue Bruchstücke, 1932 S. 62 ff. —Stellen: Singer, Beitr. 44,426 Festschr. Sievers 1925, 522 ff.; Vogt, Stro- ff.; Jellinek, ebda 45, 71-79; Gennrich, Sie- phenbindung bei R., ZfdA. 58, 205-16, s. Gün- ben Melodien S. 18 f. — Stil: Burdach, Reinm. ther Müller, ebda 60, 40 ff.; Schneider, Reg. S. 233; Gottschau, Beitr. 7, 336 ff.; Beitr. 47, 245 ff. — Plenio, Beitr. 41, 125 f. Schissel v. Fleschenberg S. 122-31. 42,276-80.445 ff. 43,90 ff.; Brinkmann, Ent- 1 Einige Gelehrte denken an das oberöster- stehungsgesch. Reg. S. 169, Dt. Vjschr. 3, 634; reichische Hagenau am Inn oder an die Burg Friedr. Neumann, ZfDtschkde 1925, 81 ff.; bei St. Polten (Vogt 3 S.409f.). — Wilhelm, v. Kraus, Walther, Münchn. Universitätsreden Zur Frage nach der Heimat Reimars d. Alten Nr. 3, 1925, S. 7; Ders., Unsere älteste dt. u. Walthers v. d. Vogelw., Münchn. Mus. 3, Lyrik, 1930, pass.; E. Nickel, Stud. z. Liebes- 1-15. 231. problem bei Gotfr. v. Str. 1927 S. 33; Kurt 2 Auf Grund sorgfältiger Beobachtung schal- H. Halbach, W. v. d. Vogelw., Heinrich v. tet C. v. Kraus von den in MF. unter Rein- Rugge u. Pseudo-Reimar, ZfdA. 65, 145-76; mar gestellten Liedern 25 aus, so daß nur 35 Hellmuth Langenbucher, Liebe u. Geliebte als Reinmars Eigentum verbleiben, indem sie in d. Dichtung Reimars v. H., Zfdt.Bildung 4, die kritischen Merkmale für Echtheit zeigen, 1928, 456-63; Ders., D. Gesicht des Minne- nämlich Wiederholung (Responsion) von Wör- sangs, 1930, 41 ff.; H. W. Nordmeyer, Der tern, Wendungen, Reimen, also Bezugnahme Ursprung der Reinmar-Walther-Fehde, The unter den betreffenden Liedern. Durch pas- Journalof Engl, and Germ. Philology 28, April sende Anordnung ergibt sich dann eine fort- 1929, 203-14; Ders., Fehde u. Minne bei R. laufende chronologische Reihenfolge, die einen v. H., ebda 29. Jan. 1930, 18^0; Ders., Ein höfischen Liebesroman darstellt. Zugleich zeigt Anti-Reinmar, PublicationsoftheMod.Langu. diese Anordnung eine fortschreitende VerAssociation of America 45, Sept. 1930, 629-83; feinerung von Reinmars Kunst. Reinmar der Alte 241 Gotfrid als hohe Aufgabe der Minnesänger verkündigt: sie sollen so singen, daß sie zu Freuden bringen ihr Trauern und sehnendes Klagen (Tristan 4815), und Walther in seinem Nachruf preist ihn: Du kündest al der werlte fröide meren. Sein von der Nachwelt gefeiertstes Lied aber war der Frauenpreis mit dem zum geflügelten Wort gestempelten Vers So wol dir wip, wie reine ein nam (165, 28), in den Walther in seiner Totenklage seinen unvergänglichen Ruhm zusammengefaßt hat. Auch hatte Reinmar, trotz seiner elegischen Lyrik, nicht von Natur ein melancholisches Temperament, er ist zufrieden mit seiner äußeren Lage, er könnte heiter sein und guter Dinge, wenn ihn nur der Minnejammer nicht quälte. Das ist offen gesprochen, läßt aber durchblicken, daß er es auch anders könnte. Er ist von starkem Selbstgefühl, mit Künstlerstolz sagt er von sich: Wer je die Welt mehr erfreute als ich, dem mag es wohl ergehen 164,3. Auf den Beifall der Welt kommt es ihm an, über diesen Bereich hinaus in ewige Regionen reichen seine Lieder nicht. Wie der Inhalt seiner Dichtung, so ist überhaupt sein künstlerisches Vermögen einseitig, er besitzt keine Anschauungskraft und bildschöpferische Phantasie, er arbeitet mehr intellektuell in der Reflexion über seinen Zustand und über die Gesinnung seiner Herrin. Die Erscheinungswelt ist ihm Nebensache gegenüber der seelischen Spannung, auch die Natur läßt er nicht mitsprechen. Die Eintönigkeit seiner Klagen wirkt ermüdend, so empfanden auch seine Zuhörer, und er mußte manchen Tadel hören (158, 11. 165, 12. 167, 13. 175, 8. 188, 18. 197, 10). Aber bei tieferem Eindringen wird man gefesselt durch die Mannigfaltigkeit der Wendungen, durch die Untersuchungen von C.v. Kraus haben wir ein günstigeres Urteil über seine Eigenart gewonnen. Aus seinen Liedern erhalten wir auch einen Einblick in das Verhältnis des Sängers zur Hofgesellschaft, tiefer als bei den so stereotypen Klagen anderer über die huote. Häufig sind seine Klagen und Ausfälle gegen „die Leute, die Welt, die Vielen (manege), die Andern, die Neider, sie". Man blickt hinter die Kulissen; wie ihn die Hofwelt verspottet und anfeindet als einen Streber, der sich in die Gunst seiner hohen Dame einschmeicheln will. Sind das nur persönliche Schikanen, so hat ein anderer Kampf literaturgeschichtliche Bedeutung: sein Liederstreit mit Walther. 1 In einer Reihe von Liedern sowohl Reinmars als Walthers äußert sich die Gegnerschaft in mehr oder weniger verblümten Anspielungen und Beziehungen. Walther ist nicht eigentlich als Schüler Reinmars zu betrachten, wie das die frühere Ansicht war, sondern als Nebenbuhler. Die Konkurrenz ist die eigentliche Triebfeder ihrer Polemik. Der Tod hat seinen versöhnenden Schleier darüber gebreitet: dem dahingeschiedenen Rivalen hat Walther einen ehrenden Nachruf gewidmet. Die Einförmigkeit der Selbstanalyse wird unterbrochen durch einige Lieder, in denen die Frau das Wort ergreift: an einen Boten 177, 10.178, 1; Ant- 1 Burdach s. oben S. 282; v. Kraus, Die Berta Wagner, ZfdA. 62, 67-75; Halbach, Lieder Reinmars d. A. III, bes. S. 5-27; Vogt, Walth. v. d. V. u. die Dichter des Minnes. Anz. 40, 125 f.; Schneider, 4. Aufl. von Frühl., bes. S. 67 ff., u. ZfdA. aaO. — Reinmar Schönbachs Walther 1923 S. 79 ff. 94 f. 211 f.; u. Wolfram s. LG. II, 2, 221 f. 16 Deutsche Literaturgeschichte IV 242 Die lyrische Dichtung wort an den Ritter 186, 19; Wechsel 171, 32; die Totenklage 167, 31. Die auf eine Kreuzfahrt Bezug nehmenden Lieder 180, 28. 181, 13 sind ihm abzusprechen. Einmal ist ein provenzalisches Lied benutzt. Die rhythmische Formgebung und Reimweise entspricht den künstlerischen Grundsätzen des Dichters: sorgfältige Einzelausführung ohne Künstelei. 1 Hartmann und Wolfram In der zeitlichen Entwicklung des Minnesangs folgen Hartmann und Wolfram, die schon in LG. II, 2, 147-50 u. 295-97 besprochen sind. Hartmann führt weit hinaus über Reinmar, er huldigt zwar in der Mehrzahl der erhaltenen Lieder dem herkömmlichen Minnekultus, aber ein höheres sittliches Pflichtbewußtsein ist ihm mit dem Tode seines Herrn und mit der Kreuzzugsbegeisterung aufgegangen. Im Gegensatz zu den Minnesingern, die nur einem Wahne nachjagen, ergibt er sich einer höheren, beseligenden Minne. Wolfram mit seiner unbegrenzten Phantasie und glühenden Sinnenkraft ist der Meister des Tageliedes und hat diesem durch Einführung einer dritten Person, des Wächters, eine reichere dramatische Ausstattung gegeben. Spervogel Der Anfang der mittelhochdeutschen Spruchdichtung als überlieferter Literaturgattung ist geknüpft an den Namen Spervogel. 2 Aber unter diesem' sind in den Handschriften zwei verschiedene Dichter zweier aufeinanderfolgenden Generationen vereinigt; bloß der zweite, in den Hss. aber (und dementsprechend in MF.) an erster Stelle stehende (MF. 20, 1-25, 5) kann auf den Namen Spervogel Anspruch erheben, der ältere (MF. 25, 13-30, 34) wird von den Germanisten meistens Herger genannt, indem man diesen in einem Spruch vorkommenden Namen (26, 21) für eine Selbstzitierung des Dichters hält (über die hier in Frage kommende syntaktische Form s. C. Kraus, Dt. Gedichte des 12. Jahrhunderts, 1894, 196). Da aber die Identität jenes Herger mit dem Dichter selbst keineswegs erwiesen ist, nennen ihn andere „Spervogel Anonymus" (Scherer), „Spervogel I" oder „älterer Spervogel". Man spricht auch von einer Spervogel-Sippe, weil in den Hss. (A C) noch eine dritte Strophenreihe folgt, die in der Hs. A die Überschrift „der junge Spervogel" trägt. Beide Dichter waren bürgerliche Fahrende, 3 die von der Gunst der Herren lebten, an deren Höfen sie Aufnahme fanden, beide waren oberdeutscher Herkunft, aber genauer ist ihre Heimat nicht zu bestimmen. 1 v. Kraus, Die Lieder II, 43 ff.; Plenio, s. auch: Rodenwaldt, Die Fabel in der dt. Beitr. 43, 90 ff.; Heusler 2 pass.; bes. S. 321. Spruchdichtung, Progr. Berlin S. 9-11; Pan- 2 Vogt 3 S. 284-305; Bartsch, Liederd. zer, Freiburger Münsterblätter 2 H. 1 S. 17 S. XXXV f. XLIVf.; Piper, Spielmanns- u. Anm.; Singer, Die religiöse Lyrik d. MA.s dichtung 1, 315-28; Wilmanns-Michels, Le- 1933, 82-85. — Name: Strauch, Beitr. 53, ben W.s S. 395. Später: Ehrismann, Festschr. 464. Jellinek 1928 S. 7-21. —Stellen: Ehrismann, 3 H. Naumann, Dt. Vjschr. 2, 791, denkt ZfdPh. 33, 401 f.; Helm, Beitr. 47, 158-60 u. vielmehr „an Ministeriale, jüngere Söhne des ZfdA. 69, 122 f. Zu Vogt 27, 13 ff. u. S. 298 f. niederen Landadels". Spervogel 243 Der ältere Dichter ist ganz aufsein persönliches Leben eingestellt, seine Sprüche sind autobiographisch. Wir sehen ihn, wie er im Stegreif durch das Land reitet, wir hören seine Klage: kein Hüsung. Er preist die Ehre und die Tugenden der Herren, das heißt die Freigebigkeit, von deren Gunst er lebt, einen Walther von Hausen, Heinrich von Giebichenstein, einen von Staufen und besonders Wernhart von Steinberg (Steinsberg), dem er eine Totenklage widmet. Diese Höfe sind Reiserouten, und wir treffen ihn in Bayern (die Burggrafen von Regensburg nannten sich auch Staufer), am Rhein (Hausen), in Obersachsen (Giebichenstein), in der Pfalz (Steinsberg bei Sinsheim). Einen festen Anhalt zur Zeitbestimmung gibt die Erwähnung Walthers von Hausen, der bis 1173 urkundlich vorkommt. — Eine zweite Gruppe führt von den Gönnersprüchen (25, 13-26, 13) zu seinem Spielmannsleben (26, 14 -27,12). Hier sorgt der Heimatlose in bitterer Lebensnot um eine feste Wohnstätte. — In der dritten Spruchreihe (27, 13-28, 12) tritt der persönliche Gesichtspunkt in den Hintergrund, und in der Verkörperung von Tierfabeln werden Menschentypen mit verhüllter Lehre und Warnung dargestellt. — In anschaulichen Bildern faßt der Fahrende als Lehrer die Grundwahrheiten der Heilsgeschichte zusammen (vierte Gruppe) und macht sie in schlichter Frömmigkeit verständlich für das Gemüt der einfach Gläubigen, fern von der scholastischen Spitzfindigkeit der späteren „Meister" erzählt er von Christ und dem Teufel, vom Glanz des Himmelreichs und der dunkeln Trostlosigkeit der Hölle, von Weihnachten und der österlichen Erlösung und schließt mit einem Preis auf die Allmacht Gottes. Diese religiösen Sprüche (28, 13-29, 12 u. 30,13-33) werden unterbrochen durch eine fünfte Gruppe, die meist in Form von Beispielen (bispel) persönliche und allgemeine Lebenserfahrungen vorträgt (29,13-30,12). Die fünf Gruppen umfassen Stoffe, die auch zum Inventar der folgenden Spruchdichter gehören. Die einzelnen Sprüche der Gruppen sind zu verschiedenen Zeiten abgefaßt, bilden also nicht eine chronologische Einheit. Die 28 Stücke tragen einfachste Form: drei Reimpaare, 1 und 2 mit vier Hebungen männlich, das dritte mit der auch für das ältere epische und lyrische Strophenprinzip charakteristischen Verlängerung der Schlußzeile: vier + fünf Hebungen weiblich. Mit einer gewissen Berechtigung schließt man aus der dritten Strophe (20, 18) des jüngeren Dichters, daß er den Namen Spervogel trug: ein Sangesgenosse von ihm hat diese Strophe, eine Responsion und Erweiterung der vorhergehenden (20,9), verfaßt und nennt ihn seinen Gesellen. Ein anderer Charakter unter anderen Kulturverhältnissen spricht aus den Strophen Sper- vogels als aus denen des „Anonymus". Die Denkart beider ist verschieden, der ältere sieht die Dinge anschaulich, der jüngere arbeitet mehr begrifflich, jener gehört einer noch einfacheren, volkstümlicheren Kulturstufe an und lebt in bedrängteren Verhältnissen, der jüngere zeigt Züge einer fortgeschritteneren Epoche und steht in gesellschaftlich höherem Ansehen, er hat einen weiteren Horizont, seine Lehren erstrecken sich über sittliches Verhalten, 16* 244 Die lyrische Dichtung über Freundschaft, über Glück und Schicksal und zeugen von Menschenkenntnis und Lebenserfahrung. Auch auf ihm lastet das Los des Fahrenden, aber er tritt mit seiner Persönlichkeit zurück, wendet sich auch nicht mit Preissprüchen an bestimmte Gönner, sondern erteilt den Vornehmen allgemeine Lehren und Mahnungen, die er oft in die unbestimmten Formeln „wer" oder „man sollte" kleidet. Er wirkt nicht auf das religiöse Gemüt wie sein Vorgänger durch leichtfaßliche Glaubenserzählungen oder auf die Lebensführung durch unterhaltsame Tierfabeln, er beschäftigt den Verstand und zählt gern in der Kunstform des Priamel 1 einzelne Beispielsfälle auf, die wohlberechnet in einer Schlußspitze gipfeln. Spervogels Sprüche haben, wie die des älteren Dichters, nur einen Ton; die Strophe ist eine Abart von dem Typus des älteren Dichters in weiterer Ausbildung. Die Spruchdichtung hat erst Walther von der Vogelweide zu der großen Bedeutung erhoben, die sie in der Literatur-und Bildungsgeschichte des deutschen Mittelalters erlangte. Walther von der Vogelweide Die Literatur über Walther ist vollständig benutzt in Wilmanns-Michels, Leben u. Dichten W.s 1916 u. Ausgabe 1924; s. auch Goedekes Grundr. I 2 , 1884, 146 ff.; Willib. Leo, D. ge- sammte Lit. W.s v. d. V. 1880; Pauls Einleit. zu s. Ausg.; Schönbach-Schneider S. 205-10; für die Jahre 1920-30 hat C. v. Kraus eine vollständige Bibliographie der Walther-Lit. zusammengestellt: Die Waltherforschung des letzten Jahrzehnts, Zs. f. bayer. Bildungswesen, 4. Jahrg. 1930, 257-69; s. auch jeden Jahrg. des JB. Ausgaben (Verzeichnis in Wilmanns-Michels Ausg. 4 S. 41-55): Lachmann 1827, 8. Aufl. von C. v. Kraus 1923, dazu Leitzmann, ZfdPh. 50, 468-71, 9. Aufl. 1931; [W. v. d. V., Druck der Ernst-Ludwig-Presse zu Darmstadt, Text nach Lachmann 8 1927,75 bzw. 120 M.]; Wackernagel-Rieger 1862; Pfeiffer in Brockhaus' Klassikern d. MA.s 1864, 3. Aufl. von Bartsch 1869, 7. Aufl. 1929, Schulausg. 1875. 1885; W. Wilmanns, 1869, 4. Aufl. von V. Michels, 1924, Textausg. 1886, 1905; Simrock 1870; Paul, Ad. Textbibl. 1885, 5. Aufl. 1921. Die grundlegende Ausgabe ist die von Lachmann, die durch Einleitung u. Kommentar umfassendste ist Wilmanns- Michels. — Übersetzungen: Simrock 1833 u. ö.; Obermann 1886; Adalbert Schroeter 1881; Eigenbrodt 1898; Nussberger 1913; Hauser 1925; Pannier (Reclam) 1876; 3. Aufl. 1925; Bulst 1926; Agnes Vogel, Die Gedichte Walthers v. d. V. in nhd. Form, ein Beitrag z. Gesch. u. Technik der dt. Übersetzungskunst, Gieß. Beitr. 4, 1921. — Zusammenfassende Darstellungen: Uhlands Schriften 5, 3-109; Karl Lucae, Leben u. Dichten Walthers v. d. V. in seinen Grundzügen, 1867; Ders., Aus deutscher Sprache u. Literaturgesch. 1889; Wilmanns, Leben u. Dichten Walthers v. d. V., 1882, 2. Aufl. von Victor Michels, dazu Burdach, Rein- m/r 2 S. 299 ff.; Burdach, ADB. 41, 1896, 35-92; Ders., Reinmar der Alte u. Walther v. d. V., V880,2. Aufl. 1928; Ders., Walther v. d. V. 1, 1900; Ders., Vorspiel I, 1, 1925, 8-19 u. S. 334-400 (Der mythische u. der geschichtliche Walther); Ders., Eine Biographie Walthers (Besprechung von Wilmanns, Leben u. Dichten Walthers 1882 im Anz. f. dt. Altert. 9, 339-60) in Burdach, Reinmar u. Walther, 2. Aufl., S. 299-318; Ders., Zum zweiten Reichsspruch, ebda S. 319-25 u. 325-42; Ders., Walthers Palinodie, ebda S. 343; Ders., Der heilige Speer des Söldners, ebda S.344 -56; Ders., Walther v. d. V. und der vierte Kreuzzug, Hist. Zs. 145, 1931, 19^15; v. Kraus, Waltherforschung S. 261-64; Schönbach, W. v. d. V. 1890, 4. Aufl. von Herm. Schneider, 1 Euling, Das Priamel usw., 1905, 295. 464 f. 467. Walther von der Vogelweide 245 1923, dazu Günther Müller, DLz. 1925, 2484-88. — Abhandlungen (nach Wilmanns 1916): Ganzenmüller, Naturgefühl im MA., 1914, 278 ff. u. Reg. S. 304; C. v. Kraus, Die Lieder Reinmars d. Alten, 1919 (s. oben), bes. Teil III; Ders., Zu Walthers Elegie, K. Zwierzina zum 29. März 1924; Ders., Üb. W.s Lied Ir reinen wip usw., Festschr. d. Wiener akad. Germanistenvereins 1925; Ders., W. v. d. V. als Liebesdichter, Rede, München 1925; Ders., Neue Bruchstücke usw., Festschr. Sievers 1925, 504-29; Ders., Unsere älteste Lyrik, Bayer. Akad. 1930; Plenio, Metr. Stud. über W.s Palinodie, Beitr. 42, 255-76, Über W.s u. Reinmars Herkunft, ebda S. 276 -80, Bausteine z. ad. Strophik, ebda S. 411-502. 43, 56-99 (s. auch 42, 455 ff.); Ehrismann, ZfdA. 56, 152-71; Singer, Vortrag, Burgdorf 1920; Ders., Beitr. 44, 451 ff.; Aschner, Eine Nachwirkung Walthers v. d. V. in England?, Münchn. Mus. 2, 114 f.; Schwietering, Demutsformel S.60f.; Ders., ZfdA. 61, 69 f.; Schneider, Beitr. 47, 251-55; Friedr. Neumann, W. v. d. V. u. das Reich, Dt. Vjschr. 1, 503-28; Ders., ZfDtschkde 1928,26-28; Ders., W. v. d V., Rede 1929; Ders., W. v. d. V. u. d. dt. Minnesang, Wartburg-Jahrb. 1929; Günther Müller, Strophenbindungen, ZfdA. 60, 43 ff., Walther u. Zesen, Anz. 43, 33, Gradualismus, Dt. Vjschr. 1, 703, Dt. Dichtung, in Walzeis Handb. 1927 S. 10 ff., Ergebnisse usw. Dt. Vjschr. 5, 129, Reallex. 2,212 ff.; Naumann, Festschr. Ehrismann 1925,94 ff.; EmilÖhmann, Konr. von Fußesbrunnen Kindheit Jesu, 1929, 43 ff.; Berta Wagner, Vom Verhältn. W.s v. d. V. zu Reimar, ZfdA. 62, 67-75; Kurt H. Halbach, W. v. d. V. u. die Dichter von Minnes. Frühl., 1927, dazu Michels, DLz. 1928, 907-9, Piquet, Rev. germ. 20, 338 f.; Halbach, W. v. d. V., H. v. Rugge u. Pseudo-Reinmar, ZfdA. 65,145-76; H. W. Nordmeyer, Der Ursprung der Reinmar-Walther- Fehde, Journ. of Engl, and Germ. Phil. 28, 1929, 203-14; W. H. Moll, Üb. d. Einfluß der lat. Vagantendichtung auf die Lyrik Walthers v. d. V., 1925, dazu v. Kraus, Waltherforschung 5. 266 f., Rich. Wagner, Franz v. Assisi u. Walther v. d. V., N. Jahrb. 3, 1927, 477-80; Per- quin, De teolog. gedachtenwereld van Walther v. d. V., Neophil. 14,1929, Nr. 4, s. auch Tijdschr. voor godsdienst usw. 62, 1930, 405-18; Schwietering, Anz. 48, 80; R. Petsch, Nemt frowe disen kränz, ZfdPh. 56 H. 2/3; R. Meissner, Der Hoftag zu Nürnberg, zu Walther 84,14, ZfdA. 67, 66-70; Franz Rolf Schröder, Walther v. d. V., Festrede, GRM. 18, 1930, 323-36; Naumann, Das Bild Walthers v. d. V., 1930, dazu Halbach, Lbl. 1930, 420-26; Naumann, Walther v. d. V., ZfDtschkde 1930,305-16; Friedr. Neumann, Walth. v. d. V. u. der dt. Minnesang, Wartb.-Jahrb. 1929; Ders., Walther v. d. V., Festrede 1929; A. Oelsner, Mittelalterl. Naturgefühl im Spiegel der Naturgedichte Walthers v. d. V., ZfdtBildung 6 H. 11; Korn, Freude u. Trüren S. 62 ff.; v. Kraus, Unsere älteste Lyrik und Walther v. d. V., Rede in der Bayer. Ak. 1930; Ders., Die Waltherforschung des letzten Jahrzehnts, Bayr. Bildungswesen 4,1930,257-69; Friedr. Neumann, W. v. d. V., Schulreform 9, 1930, 317-23; Kurt Halbach, ZfdtBildung 1931, 538 f. (Bericht üb. die neuen Erscheinungen); J. G. Sprengel, Walther v. d. V. u.der staufische Staatsgedanke, ZfdtBildung 8,1932, H. 1; Aug. Amrhein, Die Walther v.d.-V.-Legende, 1933; Conrad Arnold Bergmann, Walther v. d. V., Lehrer u. Führer des dt. Volkes, 1933; Hans Teske, Walther v. d. V., Wolfger von Ellenbrechtskirchen u. der Martinstag 1203, Obd. Zs. f. Volkskde 6, 1932; Ders., Thomasin von Zerctere, 1933, Reg. S. 227; Singer, Die religiöse Lyrik d. MA.s, 1933, 85-91; Wilh. Dilthey, Von deutscher Dichtung u. Musik, 1933, 81-120; Joseph A. v. Bradish, Waltherforschung u. Waltherschrifttum unserer Tage, Reprint from Monatsheft f. deutschen Unterricht Vol. XXIII Nr. 7 and 8,1931, Univers, of Wisconsin, Madi- son (ausführt. Bibliographie der neueren Erscheinungen); Arnold Bergmann, Zur Frage der sinneinheitl. Erfassung W.s v. d. V., Forschungen u. Fortschritte 10 Nr. 8. — Stellen: C. v. Kraus, Als min ander hant (Walther 124, 6), Beitr. 54, 321-34; R. Petsch, Nemt frowe disen kränz, ZfdPh. 56 H. 2/3; Frings, Walther 33, 1, ZfdPh. 55, 313-16; Meissner, Zu Walther 64, 6, ZfdA. 65, 217-20; Ders., Walther 73, 31 ff., ZfdA. 65, 220-24; Walt. Bücheler, Walther v. d. V. Str. 56,5-13, The Germanic Rev. 4,277-83; K. v. Bahder, Guggaldei, Beitr. 54,138^13; Ders.,Walther33, 7-10, Beitr. 56, 347ff.; Schröder, Walthers Pelzrock, Gott. Nachr. 1932 H.2; Sparnday, Zu W.s "Drier slahte sanc" Meophil. 1933/34, 102-107; Walth. Steller, W. v. d. V., Der Leich, Nachr. aus d. Institut d. Univers. Breslau 4. H. 1934, 7-18. — Zahlreiche Jubiläumsaufsätze erschienen im Jahr 1930, s. Berl. Jahresber. 1930 S. 165-67. 246 Die lyrische Dichtung Hss.: Lachmann S. VIII ff.; Wilmanns-Michels Ausg. 4 S. 13 ff.; v. Kraus, Waltherforschung aaO. S. 257-60; eine neue Waltherhs. hat Degering in der Berliner Bibl. gefunden 1931 ; A. Römer, Entdeckung einer neuen Walther-Hs., Zentralbl. f. Bibliothekswesen 48, 1931, 10; v. Kraus, Berliner Bruchstücke einer Waltherhs., ZfdA. 70, 81-120; Ders., Die Bedeutung von Walther-Funden, Münchn. Neueste Nachr. 8. Jan. 1932. Wie aus einem wohlgepflegten Treibhaus in eine weite Landschaft voll reichen Lebens tritt, wer von Reinmar zu Walther von der Vogelweide sich wendet. Kein anderer Minnesänger entfaltet eine solche Fülle von Erlebtem, eine solche Mannigfaltigkeit von Gedanken und Eindrücken. Er ist der erste Dichter adeligen Standes, der außer dem ritterlichen Minnesang auch die bürgerliche Spruchdichtung gepflegt hat, seine Poesie gibt sein eigenes Selbst wieder als Lebens- und Weltanschauung von der Jugend bis zum Alter, vom Minnedienst bis zur Abkehr von der Welt, vom Genießen zum Entsagen. Über sein Leben 1 ist urkundlich nur eine Nachricht auf uns gekommen: in den Reiserechnungen des Bischofs von Passau Wolfger von Ellenbrechtskirchen, späteren Patriarchen von Aquileja, findet sich unter den Ausgaben der Reise von Passau nach Wien die Notiz, daß dem Sänger Walther von der Vogelweide, Walthero cantori de Vogelweide, 5 solidi zur Beschaffung eines Pelzrocks geschenkt wurden; solches geschah am 12. November 1203 in dem aus dem Nibelungenliede bekannten Zeisenmüre, Zeiselmauer an der Donau oberhalb von Wien. Von den Zeitgenossen und Nachfahren wird Walther mehrfach erwähnt: 2 von Wolfram im Parz. 297, 24, Willeh. 286, 19 (LG. II, 2, 216. 221 f. 277); von Gotfrid, Trist. 4796; in dem Nachruf Ulrichs von Sin- genberg (Lachm. 108, 6, s. auch 119, 11); vom Marner (ed. Strauch S. 113 V. 273; Hugo von Trimberg hat den denkwürdigen Spruch auf ihn geprägt: her Walther von der Vogelweide, swer des vergeze, der Ute mir leide (Renner 1188). Auf den ganzen folgenden Minnesang hat er entscheidenden Einfluß ausgeübt, oft wurde er nachgeahmt, zu seinen unmittelbaren Schülern sind Ulrich von Singenberg, Leuthold von Seven und Rubin zu rechnen. Die Meistersinger ehrten in ihm einen ihrer zwölf Stifter. 3 Walthers Sprüche. In seinen Liedern und besonders in seinen Sprüchen hat Walther eine Fülle äußerer Erlebnisse und innerer Erfahrungen niedergelegt, die zusammengefaßt in den hauptsächlichen Umrissen ein ausdrucksvolles Bild seines Lebens und Dichtens ergeben. 4 Sein äußerer Lebenslauf läßt sich an der Betrachtung seiner Sprüche verfolgen. Seine Heimat ist 1 Wilmanns-Michels, Leben W.s S. 61-184; f.; Schönbach-Schneider S. 200 ff.; Plenio, Paul, Einl. zu s. Ausgabe.— Ortner, D. Name Beitr. 42, 463 ff. W.s v. d. V., Münchn. Mus. 4, 1923, 230; Wil- 4 In den Liedern ist Walther der romantische helm, Zur Frage nach d. Heimat Reimars des Minnesänger, so ist sein Bild von Uhland und Alten u. Walthers v. d. V., Münctui. Mus. 3, seiner Zeit aufgefaßt. Seine eigentliche Natur 1-15. 231. Halbach aaO. S. 103 ff.; C. v. aber äußert sich in der Kraft, und diese löst Kraus, Das äußere Leben Walthers v. d. V., sich aus in dem Eingreifen in die großen poli- Bayerland 41, 1930, 130-36. — W. Grimm tischen Zeitereignisse, also in den Sprüchen, hielt Walther auch für den Verfasser von Frei- Über das Waltherbild Uhlands und das der danks Bescheidenheit, s. unter „Freidank". Gegenwart: H. Naumann, Das Bild Walthers 2 Siehe Mhd. Wb. III, 553, auch 478. v. d. V. 1930. 8 MSH.4, 182 ff.; Burdach, Walther S.113 Walther von der Vogelweide 247 nicht sicher zu bestimmen. Vogelweide, ein Flur- und Ortsname, ist eine Stelle, wo Vögel weiden, d. h. ihre Nahrung finden, auch als Jagdvögel gefüttert und zur Jagd abgerichtet wurden. Etwa 14 solcher Plätze sind nachgewiesen. Walther gehörte wohl dem niederen Adel an, einem Dienstmannen- geschlechte, das sich nach dem von ihm innegehabten Lehen, dem Vogelweidhof, benannte. Als sein Heimatland ist am ehesten das eigentliche Österreich anzusprechen. 1 Jedenfalls war Österreich das Land seiner ersten dichterischen Lehrjahre, 2 dort hatte er die Anregungen für seine Kunst empfangen: in Österrtche lernte ich singen unde sagen 32, 14. Um 1190 mag er seine Laufbahn als Dichter begonnen haben. Um 1185-95 war Reinmar Hofdichter in Wien, neben ihm trat Walther auf, was dann zu einem gespannten Verhältnis führte (s. oben Reinmar). Herzog Friedrich VI., 1194-98, war ihm gewogen, aber mit dessen Tode waren für ihn die glücklichen Jahre am Babenberger Hofe zu Ende, mit dessen Nachfolger, Leopold VII, 1198-1230, kam er in kein rechtes Verhältnis, und das Jahr 1198 bildete einen Wendepunkt in seinem Leben und seinem Schaffen, aus dem sichern Heimatboden entwurzelt wurde er ein fahrender Mann, nach dem Glücke wandernd in weiten Landen, deren Grenzen er selbst umschreibt: von der Seine bis zum Meer, vom Po bis an die Trave (31, 13). Aber immer zog es ihn nach Österreich zurück, und der wünnecliche hof ze Wiene(M, 10) war seine lange Sehnsucht, und wenn er auch dort keine bleibende Stätte mehr gefunden hat, so war er doch vorübergehend auch von Leopold günstig aufgenommen (Sprüche an Leopold: 20,31.24,33.25,26.28, 11.31,33.32,7.34,34.35,17.36,1.81,1.14). Von Wien geschieden wandte er sich zum König selbst, Philipp von Schwaben 1198-1208 (Sprüche, die König Philipp betreffen: 8, 4. 28. 9, 16. 16, 36. 17, 11. 18, 29. 19, 5. 17. 29. 25, 11). Jubelnd verkündet er: mich hat daz riche und ouch diu kröne an sich genommen (19, 29), er war anwesend bei der ersten Krönung Philipps in Mainz am 8. September 1198 (18,29) und beim Weihnachtsfest in Magdeburg 1199 (19, 5); ein Abglanz seines lyrischen Sanges liegt über diesen beiden Sprüchen. Aber schon war der Grund gelegt zu der unseligen Wendung, die die Geschicke Deutschlands für die ganze Zukunft unheilvoll gestaltete, der Zusammenstoß zwischen Papsttum und Kaisertum: „Da hob sich der größte Kampf, der je seitdem gewesen, als sich zu entzweien begannen die Pfaffen und die Laien, das war ein Not vor aller Not (9, 16), die pfaffen wellent leien reht verkeren (25, 11). Deutschland aber litt schwer unter inneren Kämpfen, unter der Zwietracht, die durch die Doppel- j wähl Philipps und Ottos die Fürsten in zwei feindliche Parteien spaltete. Da \ trat Walther mit der Macht des Wortes in die Politik ein. Seine ersten Kundgebungen sind die drei „Reichssprüche" 8, 4. 8, 28. 9, 16. Der tiefste 1 Am liebsten hat man den Vogelweidhof 2 Der Reim verwarren : pfarren 34, 18 ist oberhalb der Eisack in Tirol für seine Heimat allerdings kein unumstößlicher Beweis für angesehen, und in Bozen wurde ihm im Jahr österreichischen Dialekt: Zwierzina, ZfdA. 1889 durch Sammlungen in ganz Deutschland 44, 313. ein sinnvolles Marmorstandbild errichtet. „ 248 Die lyrische Dichtung und weiseste aller seiner Sprüche ist eingegeben von der Not des Vaterlands, die nur durch sittliche Lebenshaltung behoben werden kann: Ich saz üf eime .steine (8, 4). Alle Geschöpfe folgen der Weltordnung, nur das deutsche Volk ist uneinig in der Wahl seines Führers (8, 28). Mit gutem Verständnis für die Auffassung von Walthers Charakter hat der Maler der Manessischen Hs. für seine Darstellung die Situation dieses Spruches gewählt. Als durch Philipps Tod Otto der alleinige Herr war, schloß sich Walther ihm als dem nunmehrigen rechtmäßigen Reichsoberhaupt an. Als Otto sich durch seine Unbeständigkeit mit dem Papst entzweite, griff Walther unmittelbar in die große Reichspolitik ein. Er schleuderte gegen die Kurie die heftigsten Anklagen des Trugs und der Habsucht. 1 Aber für Ottos Persönlichkeit konnte Walther keine Sympathie gewinnen, er war geizig und lohnte nicht denen, die ihm Dienste leisteten (Sprüche betr. Otto IV: 11, 6. 18. 30. 12, 6. 18.30.26,23.33.33, 1. 11. 21. 31. 34, 4. 14.24). Er neigte viel mehr der großzügigen Persönlichkeit des jungen Staufers Friedrich II. zu und trat bald auf dessen Seite, als er 1212 zum Gegenkönig aufgestellt und gekrönt wurde (1215 Absetzung Ottos IV. durch den Papst). Durch seine kraftvollen Sprüche gewann er großen Einfluß auf die Öffentlichkeit und war ein wertvoller Parteigänger geworden. Jetzt gilt sein Wort hauptsächlich der Mahnung zum Kreuzzug, den Friedrich 1215 bei seiner Krönung angekündigt hatte und den der neue Papst Honorius III. (1216-27) eifrig betrieb. Nun war sein Stern im Steigen. Bald erhielt er von Friedrich ein, wenn auch schmales, Geldgeschenk (27, 7), er ließ mit weiteren Bitten nicht nach und erreichte endlich, etwa 1200, daß der Kaiser ihm ein Lehen erteilte, wahrscheinlich einen Hof bei Würzburg, und somit hatte er endgültig die ersehnte Heimstätte gefunden (10,1. 9. 17. 25.33. 13, 5. 12. 19, 26. 26, 33. 27. 7. 28, 1. 31. 29, 15. 84, 30, auf den zuchtlosen Sohn Friedrichs IL, König Heinrich, sind vielleicht die drei Sprüche 101, 23. 102, 1.15 berechnet). Die dauernde Ruhe fand sein bewegtes Leben im Kreuzgang des Neumünsters zu Würzburg, wo er, um 1230, bestattet wurde. Auf dem Grabstein waren vier lateinische Hexameter eingemeißelt: Der du im Leben gewesen bist die Weide der Vögel, o Walther, die Blume der Beredsamkeit..., wer dies liest, soll sagen, Gott erbarme sich seiner. So berichtet das um 1350 geschriebene Hausbuch des Würzburger Kanzlers Michael de Leone und die berühmte, von demselben angelegte Würzburger Handschrift (s. oben). Engere persönliche Beziehungen als zu den drei deutschen Reichsoberhäuptern verbanden Walther aber mit den beiden kunstsinnigenFürstenhöfen von Österreich und Thüringen. Im Dienste der kaiserlichen Regierung war seine Aufgabe hauptsächlich die politische Agitation, bei dem Babenberger Herzog Friedrich und bei dem Landgrafen Hermann von Thüringen galt 1 Thomasius vertritt gegen Walther den päpstlichen Standpunkt, Wälscher Gast 11091 ff., bes. 11191 ff. (s. unten). Walther von der Vogelweide 249 die Gunst dem Künstler, und hier lebte er in einer gleichgestimmten Gesellschaft, hier traf er mit Wolfram zusammen, 1202 oder 1204 (L. Wolf f, ZfdA. 61, 188 ff.) und verweilte wohl auch noch später mehrmals dort, er darf sich zu dem ingesinde des Landgrafen rechnen (35, 7). Für das geräuschvolle Treiben und Zechen der unhöfischen Soldateska am Hofe hat er bittere Worte (20, 4), worin ihm Wolfram beistimmt (Thüringer Sprüche: 20, 4. 35, 7. 105, 13, auch 103, 13. 29, an Hermanns Nachfolger Ludwig den Heiligen 85, 17. Zwei Spottsprüche auf Herrn Gerhard Atze, der Walther ein Pferd erschossen 82, 11. 104, 7). Auch bei dem Markgrafen Dietrich von Meißen, dem Schwiegersohn des Landgrafen Hermann, hat sich Walther aufgehalten (nach 1210) und ist dort wohl mit Heinrich von Morungen zusammengetroffen (105, 27. 106, 3, s. auch 12, 3. 18, 15). — Einige andere persönliche Sprüche stehen vereinzelt: Herzog Ludwig vonBaiern dankt er für huldvollen Gruß (18, 15); zwei etwas gereizte Sprüche sind an den Herzog Bernhard von Kärnten gerichtet (32, 13. 27); in dem Spruch auf die preiswürdigen Höfe (34, 34) rühmt er außer dem Herzog Leopold von Österreich dessen Vetter (Oheim) Herzog Heinrich vonMödling und den Patriarchen (von Aquileja); dem Erzbischof Engelbert von Köln, dem Reichsverweser, widmet er einen Preisspruch und nach seiner Ermordung (8. November 1225) eine Totenklage (84, 22. 37. 85, 9). Zwei Preissprüche gelten dem Grafen von Katzenellenbogen (80, 27. 35), ein Scheltspruch demKloster Tegernsee wegen seiner Ungastlichkeit (104, 23). Dichten war für Walther eine ernste, zu sittlichen Zielen leitende Aufgabe. Da mußte er es erleben, daß sich unhöfischer, zuchtloser Sang an die Höfe drängte, und da galt es, für die Würde der Kunst einzutreten. Der Angriff eines mißgünstigen Kunstgenossen, eines Herrn Wicman, wird vernichtend abgefertigt (18, 1), ein anderer, Stolle, wie es scheint ein unhöfischer Fahrender, gelegentlich gestreift (32, 7). Am schärfsten aber wendet er j sich im allgemeinen gegen eine neue, niedrigere, von den Bauern gekommene Richtung (64, 31), mit der er wohl die höfische Dorfpoesie treffen will (Burdach, Reinm. S. 169 ff.; Ders., Walther S. 100 f.; Seemüller, Prager dt. Stud.8, 337). Welch erhebende Worte findet er gegenüber solchen Entartungen für die edele kunst in der Klage um den dahingeschiedenen Reinmar, den einstigen Nebenbuhler (82, 24), dessen sü^er sanc nun verstummt ist! Als Spruchdichter hat Walther ein viel weiteres Feld als das der zeitgebundenen staatlichen und persönlichen Interessen: er ist ein Lehrer allgemeingültiger Werte, der Sittlichkeit und Religion. Hierher gehört die andere Hälfte seiner Sprüche, man kann sie unter dem gemeinsamen, aber dehnbaren Begriff der lehrhaften, didaktischen Dichtung zusammenfassen. Der lehrhafte Zug ist ein wesentlicher Bestandteil in Walthers Veranlagung, auch in seinen Liedern gerät er leicht in eine moralische Betrachtung über gute Sitte, Tugenden, rechte Minne u. a. So gibt er auch in Liedern Lehren für die Jugend 250 Die lyrische Dichtung (87, 1. 91,17, vgl. Spruch 22, 33. 24,3). Grundlage von Walthers Ethik 1 bilden die drei untereinander abgestuften Werte der Moralis philosophia (LG. II, 2, 23 u. Reg. S. 346): gotes hulde, ere und irdisch guot (8, 4. 20, 16. 22, 18. 33. 83, 27, vgl. 29, 27 f. 37, 29 f.). Die Umwelt, für die seine moralischen Betrachtungen berechnet sind, ist die höfische Gesellschaft. Im Mittelpunkt steht die ere; der mindere Wert ist das irdische Gut, diu ere geht vor dem guote 31, 17 f.; religiöse Sprüche (gotes hulde) sind selten (die Mariensprüche 36, 21. 31. 37, 4. 14 gehören kaum Walther an). Die etwa hundert Sprüche Walthers verteilen sich auf etwa 16 Töne, 2 deren einzelne Sprüche jedoch nicht alle jeweils zur gleichen Zeit verfaßt sind, auch oft inhaltlich nicht zusammengehören. Auch haben die Handschriften keine geordnete Reihenfolge. C Walthers Lieder. Mit Minneliedern hat Walther seine dichterische Laufbahn begonnen, aber mit den Jahren hat er seine Lyrik ausgedehnt zur gesamten Lebensstimmung. In der Jugend sang er konventionelle Minnelieder höfischen Stils in der Art, die Reinmar am Wiener Hofe eingeführt oder zur Blüte gebracht hatte. Diese traditionsgebundenen Frühlieder Walthers (auch Anklänge an Hartmann und Morungen finden sich) mit dem üblichen Dienen und Werben um die Gunst der Dame kommen nicht aus dem Herzen, sie sind mit dem Verstand gemacht, die Sprache ist logisch konstruiert, häufig mit Bedingungsantithesen . 3 Mit seinem Wanderleben aber schlug seine Lyrik neue Bahnen ein. Durch die neu erworbene, umfassendere Menschenkenntnis erweiterte sich sein Blick I über die Schranken ständischer Gesellschaftsformen zum Verstehen des allgemein Menschlichen; damit gewann auch seine Auffassung des Liebesproblems einen neuen Inhalt, das Minneideal stellte sich ihm nicht mehr nur in der Schönheit einer vornehmen Dame dar, der Sinn für angeborene weibliche Lieblichkeit ging ihm auf, die in dem schlichten Wesen eines einfach guten Naturkindes sich ungeschminkt zeigen kann. Leben und Bewegung, I Anschaulichkeit und Natürlichkeit, ein realer Sinn mit Humor gepaart ist das 'Element dieser „volksmäßigen Lyrik", 4 während das höfische Minnelied seiner Tendenz nach auf Empfindung und Gedanken zusammendrängt. Jetzt /beschäftigt ihn die Wertabstufung von „hoher" und „niederer" Minne. \ Sie beruht auf sozialem Grunde, da bei letzterer das Mädchen einfachen i Standes ist, doch Walther erhebt sie in die moralische Sphäre: die hohe Minne, 1 Wilmanns-Michels, Leben W.s S. 239-62; 120, 25; s. auch Wilmanns-Michels, Leben Burdach, Reinm. 2 S. 344-56; Ehrismann, W.s S. 194-97.197-204; v. Kraus, Reimar III ZfdA. 56, 152-71. bes. S. 22-25, auch v. Kraus, Rede S. 6-8; 2 Aufgezählt bei Plenio, Beitr. 42, 436; Wil- Schönbach-Schneider S. 211 f.; Halbach manns-Michels Ausg. S. 130f. — Priamelartige S. 67-79. Sprüche s. Euling, Das Priamel 1905, 466. 4 Erkannt von Burdach, Reinmar S. 11 ff. 3 Burdach hat Reinm. S. 100-23 durch Ana- Er zählt die dahin gehörenden Lieder auf S. 24: lyse der Gedanken, des Strophenbaus und des 39, 1. 39, 11. 49, 25. 50, 19. 51, 13-36. 65, 33. Stils zwölf vonReinmar abhängige SprücheWal- 72, 31. 73, 23. 74, 20. 75, 25. 94, 11. 110, 13. thers charakterisiert: 13, 33. 64, 13. 71, 19. 35. 111, 12. 112, 3. 114, 23. 95, 17.96,29. 109, 1.113,31. 118, 12. 119, 17. Walther von der Vogelweide 251 die Frauenverehrung, spornt zu hohem Streben an und verleiht das Selbstgefühl autonomer Würde, die niedere Minne ist unrühmlich, sie zieht zur Sinnlichkeit hinab (46, 32) . l Diu liebe, das Liebhaben, kommt aus dem Herzen und kennt keine Schranken des Standes, demgegenüber ist diu schoene, der äußere Glanz, selbst einer Königin geringwertig (49, 25. 111, 12). 2 Was man sonst „niedere Minne" nannte, zu einem Mädchen „niederen Standes", das erhebt er zu einer wonnevollen Glückseligkeit des Herzens. In dem Liede „Under der linden an der heide" 39, 11 hat er das natürliche Empfinden eines einfachen Mädchens, das Glück erfüllter Liebe, in solche Zartheit und rührende Anmut gehüllt, daß die sinnliche Situation ganz umsponnen ist von einer heimlichen Seligkeit. 3 An ein Mädchen einfachen Standes wendet sich ausdrücklich außer diesem Tanzliedchen nur noch 74, 20, eine Aufforderung zum Tanz an eine wolgetäne maget und zum Rosenbrechen auf der Heide. Aber alles ist nur ein Traum. Aber im übrigen ist meist kaum zu unterscheiden, wo Walther an Minnedienst einer Dame oder an ein einfaches Mädchen denkt (Wilmanns-Michels, Leben W.s S.213), so liegt der Unterschied gegen den vollhöfischen Sang in einer ungebundeneren Anschauung und Sti-/ lisierung, die nicht auf die übliche Minneterminologie beschränkt ist. In diese Gruppe „volksmäßiger" Minnelieder gehören 50, 19, ein Rat an das geliebte Mädchen, wie es sich gegen den liebenden Dichter verhalten soll; auch 112, 3 hat ein volkstümliches Motiv, das Rosenlesen; in 72, 31 versteigt sich Walther zu unhöfischem Schelten gegen eine Frau der Gesellschaft, der er Minnedienst leistet, wobei er seinen Dichterstolz hervorkehrt; charakteristisch für die volksmäßige Verbrämung höfischer Minneauffassung ist 65, 33, das: Halmorakel, wo er wie im Kinderspiel an einem Strohhalm abzählt, ob er bei seiner Dame genäde finden werde oder ob er von ihrem Dienste gehen soll: das Ergebnis ist tröstlich. Humoristisch ist auch 73, 23, wo er die Heilerin seiner Herzenswunde, die verehrte Dame, Hiltegunde nennt mit Anspielung auf die Sage von Walther und Hildegund. — Motive aus dem Volksleben, die an manche Strophen der Carmina Burana erinnern, weisen die lebensvollen Naturlieder 39, 1. 51, 13-36. 114, 23 in diese Gruppe des volksmäßigen Stils. Von köstlichem Humor eingegeben sind endlich das Vokalspiel 75, 25, wo in einer Fülle von Einfällen die Unbill des Winters gezeichnet wird, in fünf siebenzeiligen Strophen, die, einreimig, der Reihe nach auf die fünf Vokale ä, e, i, 6, ü ausgehen; und 94, 11, eine Vision („Traumglück"), 4 wo der Dichter sich in einem Traume auf dem Anger in den Himmel versetzt 1 Wilmanns-Michels, Ausg. S. 200; Bur- den, nicht als Dame von Stand. dach, Reinm. S. 12 f.; Paul, Beitr. 8, 171 ff.; 3 Der äußere Rohstoff ist wohl von der An- Jellinek, ebda 42, 4-11; Wechssler, Kul- tike, von Ovids Sappho-Epistel, eingegeben turprobl. S. 328 ff. (Schwietering, ZfdA. 61, 69 f.) und wird 2 Eine ähnliche Hebung des inneren Wertes Walther durch ein Vagantenlied vermittelt über den Wert der sozialen Stellung liegt in sein (Brinkmann, Entstehungsgesch. S. 158). dem Vorzug des Namens wip gegenüber i Einwirkung der Antike, Ovids: Schön- frouwe 48, 38. 82, 35, dem Geschlechtsnamen bach, Wiener SB. 141, 152; Singer, Beitr. 44, gegenüber der Standesbezeichnung: die Frau 470-72; Schwietering, ZfdA. 61, 69; Brink- hat ihren Wert wegen ihrer weiblichen Tugen- mann, Entstehungsgesch. S. 153 f. 252 Die lyrische Dichtung wähnt, aber durch das Geschrei einer Krähe aufgeweckt wird, worauf ihm ein altes Weib den Traum deutet mit der nichtssagenden Auslegung: zwei und eins sind drei und ein Daumen ist ein Finger. In keinem Liede ist die Herrlichkeit und Hoheit des Weibes in leuchtende- Iren Farben gemalt als in dem „Maifestliede" 45, 37: der Adel und die Schön- ) heit einer edeln Frau überstrahlt allen Glanz der Maienwonne, wir lasen alle bluomen stän und kapfen an daz werde wip. Uns Deutschen der Gegenwart aber steht Walther nirgends so nahe als in seinem Deutschlandsliede Ir sult sprechen willekomen 50, 14; in dem Preis deutscher Sitte und Art hat er uns eine heilige Mahnung zur Vaterlandsliebe hinterlassen. — Besondere Formen: ein Tagelied 88, 9; Frauenmonolog 111, 32. 113, 31; eine gewisse Vorliebe hatte Walther für die Wechselrede, besonders in seiner früheren Zeit: 43, 9. 70, 22. 71, 35. 82, 11. 85, 34. 100, 24. 119, 17; das Botenlied 112, 35 ist Walther abzusprechen. Ganz zurück tritt die Kraft des Persönlichen in Walthers religiösen Gesängen. In den beiden Kreuzliedern 14, 38. 76, 22 spürt man keine Begeisterung des Gottesstreiters; sie sind ganz auf religiöse Besinnung gestellt. In 14, 38 wird das Dogma von der Erlösung vorgetragen in den sieben Heilsstationen des Lebens Christi, zum Preis des Landes, in den er gewandelt; 76, 22 ist ein Gebet an den dreipersönlichen Gott, an Maria um Erlösung der Menschheit vom sündhaften Leben und um Befreiung des heiligen Grabes. Ganz dogmatisch ist der Leich 3, 1, eine Auslegung der Trinität und des Wunders der Magdgeburt. Auch im Heiligen verläßt ihn nicht sein Humor: auf einen ehrfürchtigen Preis Gottes und der süe^en maget richtet er selbstbewußt einen freimütigen Tadel gegen die drei Herren Erzengel, daß sie nichts gegen die Heiden tun 78, 24. Walthers Dichtung umfaßt sein ganzes Leben: Jugend, Wanderzeit, Alter. Aber die Ruhe hat er nicht erlangt, und es gibt nur eine Heimkehr, die ins himmlische Vaterland. Das ist das Ergebnis seiner Erfahrung im Alter: Ich bin einer, der nie einen halben Tag mit ungetrübter Freude hat vertrieben.... Niemand kann hier Freude finden, die nicht zergeht 41, 13; übel dankt die Welt dem, der ihr dient 117, 8 (vgl. 59, 37); in einem Zwiegespräch hält er unerbittlich Abrechnung mit Frau Welt, die im Wirtshaus des Teufels 1 mit den Gästen schön tut und sie mit Schmeicheleien betrügt 100, 24. Er kann sich in die neue Welt nicht mehr finden, und bitter beklagt er, daß die Freude unter der Jugend geschwunden ist (42, 31. 44, 35. 47, 36. 97, 34. 112, 10. 1116, 33. 117, 29. 118, 12. 120, 7. 124, 18). Er macht den Weg vieler Weltleute des Mittelalters von der Weltlust zu der Weltverneinung, zum schroffen Dualismus. 2 Vierzig Jahre und mehr hat er von minnen gesungen 66, 21, 3 es wäre hohe Zeit zur Buße 122, 24, und seine Lebensdichtung klingt aus in die 1 Güntert, Kundry 1928,33. — Stellen über 2 Brinkmann, Dt. Vjschr. 3, 634-36. die Welt: Wilmanns-Michels, Leben W.s 3 v. Kraus, Germanist. Forsch., Wien 1925. S.551. Walther von der Vogelweide 253 mein Leben ein Traum oder ist es wahr? Das Lied ist eine Aufforderung zum Kreuzzug, wohl an die österreichische Ritterschaft gerichtet (wahrscheinlich „Elegie" („Palinodie") 1 124,1 Owe war sint verswunden aüiu miniu jär, war 1227 gedichtet), aber es faßt die Stimmung von Walthers ganzem Leben zusammen, ein Rückblick im Alter auf die Jugend, eine bittere Enttäuschung in der Gegenwart, eine Hoffnung für die Zukunft. Das Leben ein Traum. Es ist die naturgegebene Auffassung vom Sinn und Wert des Lebens, die jeder Mensch im Alter naturnotwendig erlebt hat. Hier hat Walther das höchste Ziel abgeklärter Lebensweisheit erreicht und seine eigene Lebenserfahrung zu einem überzeitlichen Symbol gestaltet. Walthers Stil 2 ist der Ausdruck seiner Persönlichkeit und seiner Entwicklung. Solange er unter dem Einfluß von Reinmars Kunst stand, folgte er der minnesängerischen Tradition, als er durchs Leben zur Selbständigkeit erzogen wurde, schöpfte er aus dem Leben lebendige Anschaulichkeit und sinnenfrische Gestaltgebung; an Stelle von gedankenblasser Reflexion oder verschwimmenden Gefühlsschwingungen schafft nun bildnerische Phantasie leibhafte Personen, sehbare Situationen, belebte Handlung. Die Betrachtungen über die Weltlage kleidet er in den drei Reichssprüchen ein in Situationen: Ich saj äf eime steine, Ich horte ein wa3jer diesen, Ich sachmit minen ougen; die Welt ist eine Buhldirne im Wirtshaus des Teufels, das Königsrecht ein Braten, den die Köche (die Räte) zuzuschneiden haben (17, 11); Begriffe, Dinge werden personifiziert: frouwe Minne, frö Scelde, her Meie (46, 30), her Stoc (Opferstock 34, 14), frö Böne 17, 25. So vereinigt Walther eine epische und dramatische Begabung mit der bei ihm herrschenden dichterischen Grundfunktion, der lyrischen. Den Inhalt für seine Dichtung gibt ihm einerseits die wirkliche, geschichtlich-gesellschaftliche Welt der Politik und der Ethik, die Welt der Erfahrung, und andererseits die dichterische Welt der Phantasie, der Minnesang, verbunden mit dem Naturliede, denn die Natur ist ein wesentlicher Bestandteil seines Weltbildes, nicht bloß eine stilistische Dekoration und Formel. Der Formenreichtum seiner Verskunst 3 liegt wie die Metrik des Minne- 1 Nach Wilmanns-Michels Ausg. S. 413ff.: Diss. 1921, Masch.-Dr.; Brinkmann, Wesen u. v. Kraus, Rede S. 14 f.; Ders., K. Zwierzina Form 1928 Reg. S. 195. Euling, Priamel zum 29. März 1924; Meissner, ZfdA. 63, S. 466. — Dialekt: Zwierzina, ZfdA. 44 Reg. 165 ff.; Büscher, ebda 64, 267 f.; Walter S.356. 45 Reg. S. 351. Rehm, Todesgedanke S. 49 ff.; Güntert, 3 W. Grimm, Zur Gesch. d. Reims, Kl. Schr.4 Kundry S. 33. 43. Reg. S. 335 f.; Saran, Verslehre Reg. S. 354; 2 Burdach, Reinm., bes. S. 33-100, Walther Wilmanns-Michels, Leben W.s S. 338-50, S. 102-17. 122; Wilmanns-Michels, Leben Einzelnes u. Zitate S. 549-53; Burdach, W.s S. 350-88. 553. — Rich. Galle, Die Per- Reinm. S. 174-82 u. pass.; C. v. Kraus, Der sonifikation, Leipz. Diss. 1888; Erich Gärt- rührende Reim, ZfdA. 56, 75; Plenio, Beitr. ner, Die epitheta bei W. v. d. V., 1911; Adele 42, 255 ff. 411 ff. 43, 56 ff.; Steller, D. Leich Stoecklin, D. Schilderung der Natur im dt. W.s u. sein Verhältnis zum religiösen Leich, Minnesang, Basler Diss. 1913; Betti Jacob- ebda 45, 307 ff.; Sievers, ebda 50, 331 ff.; söhn, Farben, Teutonia 1922, 1915; Regine Kurt Halbach aaO.; Rosenhagen, Reallex. Strümpell, Gebrauch von Saelde, Erlanger 1,357-60; v. Kraus, Waltherforschung S. 266. Diss. 1917; Frieda Trey, Statistik der anti- 268. thet. Wendungen bei W. v. d. V., Greifsw. / 254 Die lyrische Dichtung sangs überhaupt in der Richtung des romanischen Einflusses. Melodien zu Waltherschen Gedichten sind nur in den Münsterschen Bruchstücken noch erhalten (s. oben). Über die Bildung, die Walther genossen, werden wir auch durch die Sprüche nicht unterrichtet. Das meiste hat ihn das Leben gelehrt. Aber eine gewisse Schulbildung muß er doch durchgemacht haben, die er in sein öffentliches Leben mitbrachte. Jedenfalls beweist er in seinem Leich dogmatische Kenntnisse, und so mag er vielleicht den Anfangsunterricht einer Klosterschule empfangen haben. 1 Suchen wir Walthers geistig-sittliches Wesen in seinem Kerne und den hervorstechenden Merkmalen festzuhalten, so werden wir in all dem Reichtum auf eine Quelle geführt: das Leben, die lebendige Erfahrung. Damit ist er zugleich als Willensnatur gekennzeichnet. Der Wille ist der herrschende Faktor in seiner seelischen Struktur. Stärke, Männlichkeit beweist er in seinem persönlichen und politischen Auftreten, mit stolzem Selbstbewußtsein reiht er sich, trotz seiner niederen Stellung, unter die werden, um werdekeit hat er von Kind an mit unverzagter Arbeit geworben 66, 21. Und er ist Aristokrat, trotz seiner Armut, die ihn als Spruchdichter zu bettelhaften Huldigungen zwingt — die übrigens im Urteil der Zeit nicht für erniedrigend galten. Ein solcher Willensmensch wird auch ein leidenschaftliches Temperament haben, und Walther wußte sich nicht immer in den Grenzen der mdje zu halten. Aber er ist nicht in beschränktem Standesgefühl befangen, er hat einen freien Sinn für reine Menschlichkeit, in tiefer Religiosität ruht sein Gemüt, im Gottesgebot der Nächstenliebe sind alle Menschen und Bekenntnisse gleich 22,3. Bildung des Innern, der Seele, ist Sinn und Aufgabe des Daseins. 2 Dabei ist ihm ein freundlicher, das Herbe ausgleichender Humor verliehen, der sich aber auch zu Ironie und Satire zuspitzen kann. Mit klarem Blick erkennt er die Welt der Erscheinungen und kämpft mit aufklärendem und belehrendem Wort, der Künstler und Sänger wirkt zugleich als Lehrer. Aber in dieser Erweiterung seines geistigen Gesamtorganismus liegt zugleich eine Einschränkung seines spezifisch künstlerischen Vermögens. Nicht aus den Gründen des Irrationalen, aus unbegreiflichen Tiefen des Gefühls quillt seine Poesie, sie ist geordnet durch die Formen der Anschauung und des Denkens. Darum ist er auch nicht reiner Lyriker, dessen Lied sich unmittelbar aus tiefer Ergriffenheit der Seele emporringt. Ja insofern Reinmar, auch Hausen, Mo- rungen die wenigen im höfischen Minnesang liegenden Elemente reiner und zutreffender darbrachten, haben sie dessen Wesen einen gleichgestimmteren Ausdruck verliehen. 3 1 Burdach, Walther S. 27 f., dagegen paul, „verfeinerte Menschlichkeit" dem ritterlichen Ausg. S. 3; Schönbach-Schneider S. 29 ff. Standesideal Wolframs gegenüber. Musikal. Bildung: Burdach aaO.; Plenio, 3 Schönbach-Schneider S. 121.198 f.; Gün- Beitr. 42, 426 ff. ther Müller, DLz. 1925, 2486, Dt. Vjschr. 5, 2 Burdach, Walther S. 97, stellt Walthers 129. Der Minnesang nach Walther 255 DER MINNESANG NACH WALTHER Walther von der Vogelweide hat die Kunst zu einem Bild von Welt und Leben ausgedehnt, das die irdischen Spannungen und ihre Synthese in der ewigen Heilswahrheit umfaßte. Kein Minnesänger nach ihm hat eine solche Weite der Welt- und Lebensanschauung besessen. Die dichterischen Mittel hierfür waren ihm Lied und Spruch. In der Folgezeit trennten sich Minnesang und Spruchdichtung nach sozialen Schichten, indem jener das Gebiet der Vornehmen blieb, diese mehr von den Bürgerlichen gepflegt wurde, jedoch nicht in strenger Verteilung. Mit der sozialen Kräfteverschiebung vom Adel zum Bürgertum nach der Mitte des 13. Jh.s breitet sich der Minnesang auch bei den vornehmen Stadtbürgern aus. In den hohen Ständen galt das Minnesingen als ein Zeichen von besonders feiner Bildung und groß ist die Zahl der „Herren", von deren Kunstübung die Minnesängerhandschriften zeugen. Sie zehren von dem überkommenen Gut, neue Stimmungsmittel oder neue Gedanken haben den Stiltypus nicht geändert, aber doch weiß mancher eine besondere Schattierung anzubringen, ein eigenes Motiv einzuflechten, und dem tieferen Einblick öffnet jeder seine Sonderheit, wie geringfügig sie auch sein mag. Der Schwerpunkt liegt auf der Form und der begleitenden Melodie und unerschöpflich sind die Dichtersänger in der Erfindung immer neuer Strophenbildungen. Der konventionelle Inhalt des Minneliedes war Gemeinbesitz der höfischen Kreise geworden, aus dem jeder schöpfen konnte, der sich berufen fühlte, im Lied zu dichten, ohne daß er dabei ein bestimmtes Vorbild, einen anerkannten älteren Sänger, nachzuahmen brauchte. Natürlich hatte auch mancher der Nachfahren einen besonderen Lieblingsautor unter den älteren Dichtern, dessen Einwirkung er dann nachfolgte. Am unumwundensten bekennen sich Ulrich v. Singenberg und Leuthold v. Seven zu Walter als ihrem Meister. Die Idee, die hohe Minne, steht immer noch im Mittelpunkt, aber mehr nur durch Tradition als aus seelischem Bedürfnis. Man glaubt nicht mehr an die alten Ideale, und neue Formen, die dem neuen Geiste entsprächen, haben sich nicht durchgesetzt. 1 Walther hatte in seinem offenen Sinn für alles Menschliche poetische Stimmung auch im volkstümlichen Lebensbereich gefunden und die natürliche Freude in schalkhaft zarter Weise ausgedrückt, er hat den Ton getroffen, der der harmlosen Maienlust ihre Natürlichkeit äne dörperheit wahrt (51, 13-36, auch 74,20). Aber nun kam, als er schon die Höhe seiner Kunst erreicht hatte, eine neue Richtung auf, die derbere Kost bot, den höfischen Sang entwürdigte und in der vornehmen Gesellschaft zu verdrängen drohte. Er klagt über un- gefüege dosne, die von den Bauern kommen und auch dorthin passen (64,31). Der Meister dieses Gegensatzes 2 zu dem edeln höfischen Kunststil war Neid- 1 Walther Rehm, ZfdPh. 52, 290 ff. 2 „Gegensang" von Uhland (5, 244-54) genannt. 256 Die lyrische Dichtung hart von Reuental. Die seit Lachmann mit dem Namen höfische Dorfpoesie bezeichnete Richtung hatte eine gewisse Berechtigung als Ausdruck eines neuen Lebenswillens, und diese Gegenbeleuchtung barg, trotz vieler Auswüchse, einen gesunden Kern in sich. Sie packt das Leben von einer anderen, realeren Seite an und weiß der niederen sozialen Schicht, den Bauern, drastische Reize abzugewinnen. Wie in der Bezeichnung „höfische Dorfpoesie" eine Antithese liegt, so ist tatsächlich die innere Form von Neidharts Kunst auf einen Kontrast aufgebaut. Gegenpole sind dabei der minnesängerisch idealisierende und und der bäuerlich, sich höfisch aufspielende Umkreis. Neidhart von Reuental Ausgaben: Mors Haupt, 1858, 2. Aufl. von Edm. Wiessner, 1923, dazu Patzig, Anz. 43, 121-30, Hübner, DLz. 1924, 2202-04, Franz R. Schröder, GRM. 12,316, Günther Müller, Dt. Vjschr. 5, 126 f.; Friedr. Keinz, Die Lieder Neidharts von Reuenthal auf Grund von M. Haupts Herstellung usw. hgb. 1889, 2. Aufl. 1910; Bartsch, Liederdichter Nr. XXV — Übersetzungen: Pannier, Reclam, 1928; Will Vesper, 1928 — Abhandlungen: R. M. Meyer, Die Reihenfolge der Lieder N.s v. R., Berl. Diss. 1883; Keinz, Beiträge zur Neidhartforschung, Münchner Ak. 1888 II H.3; K. Crfdner, Neidhartstudien I, Strophenbestand u. Strophenfolge, Leipz. Diss. 1897; E.Th. Walter, Zu den Dialogstrophen N.s V.R., Lund 1896; Braune, Helmbrechts Haube, Beitr. 32,555 ff.; Wiessner, ZfdA. 61,141-77 (Textkrit.); Ders., Helmbrecht u. Neidharts Strophen üb. Hildemar, Beitr. 49, 152-58; Ders., Neidhart u. Heinr. Wittenweiler, Festschr. Jellinek S. 191-208; Panzer, Meier Helmbrecht, 4 Aufl., S. XIV; Plenio, Beitr. 42,481; Roethe, Reinmar S. 33 ff.; Kluckhohn, ZfdA. 52, 155; Wallner, Beitr. 33, 532 f.; Wilhelm, N. v. R. ein Oberbayer, Münch. Museum 4, 1924, 228 f. (Nachweis eines Ortes Rewental im Bez. Freising); Osw. v. Zingerle, ZfdPh. 52, 98 f.; Burdach, Reinm. S. 130 f.; Schürmann, Die Entwicklung der parodistischen Richtung bei N. v. R., Progr. Düren 1898; Mohr, Das unhöfische Element in d. mhd. Lyrik, Tüb. Diss. 1913, 29-60; Singer, Neidhart-Studien, 1920, dazu Hübner, Arch. 142,1922,302; F. Günther, Minneparodie bei Neidh., Jenaer Diss. 1931; R. Alewyn, Naturalismus bei N. v. R., ZfdPh. 56 H. 1; Zwierzina, Festschr. d. Rainer-Real-Gymnas., Wien 1914; Hans Naumann, Zu Frideruns Spiegel (zu Neidh.25,14), ZfdA. 69, 297-99; Günther Müller, Dt. Vjschr, 1,86.5,126 f.; Ders., Walzeis Handb. S. 10,297-99; Ders., Merker-Stammler Reallex. 2,213 ff.; Brinkmann, Dt. Vjschr. 3,636 f.—Verhältnis zu Walther: Burdach, Reinmar S. 170 ff., s.auch S. 129 f.; Ders., Walther S.100; Wilmanns-Michels, Leben Walthers S.214ff.— Neidhart und Vaganten: Moll (s. Lit. zu Walther) S. 104-108; Johanna Osterdell, Inhaltl. u. stilistische Übereinstimmungen der Lieder Neiharts v. R. mit den Vagantenliedern der Carm. Bur., Köln. Diss. 1928; Korn, Freude u. Trüren S. 62 ff., 82 ff. — Sprache und Stil: K. Marold, Verwertung der Natur usw., ZfdPh. 23, 21 ff.; Vogt, schibe, ZdVerfVolkskde 3, 1893, 367; Alb. Mack, Der Sprachschatz N.s v. R., Tüb. Diss. 1910. Fremdwörter: Schröder bei Kraus, Veldeke u. die mhd. Dichtersprache, 1899, 188 ff.; Günther Müller, Zu N.s Reien-Strophik, Beitr.48,492-94; Grellmann, Merker-Stammler Reallex.2, 635. — Musik: Hugo Riemann, N. v. R. 10 Mailieder usw., 1897; Paula Stoy, Zu den Tanzformen N.s v. R., Leipz. Diss. 1923; Konr. Ameln u. Wilh. Rössle, N. v. R. Tanzlieder mit den gleichzeitigen Melodien hgb., 1927, dazu Halbach, ZfdtBildg 1931, 534-40; Alfred Rottauscher, Das Taghorn, Dichtungen u. Melodien des bayr.-österreichischen Minnesanges usw., 3 Bde, 1922; Wolfg. Schmieder, Die Melodien zu d. Liedern Neidharts, Denkmäler der Tonkunst in Österreich, 37. Jahrg. 1930, dazu Jos. Müller-Blattau, Anz. 50, 124-28; Schmieder, Studien z. Musikwissensch. Bd. 17. — Literaturangabe: Bartsch, Liederdichter aaO.; Keinz, Ausg. 2 S. 14-16; R.M.Meyer, ADB. 23, 395-99; Albert Bielschowsky, Gesch. d. dt. Dorfpoesie im 13. Jahrh., 1891; Rosenhagen, Merker-Stammler, Reallex. 1, 205-210. Neidhart von Reuental 257 Neidhart, der Realist, spricht viel von sich selbst, spielt selbst in seinen Liedern mit, aber es ist schwer, die Tatsachen seines Lebens aus der poetischen Stilisierung auszulösen. Schon der Name ist umstritten. Er selbst gibt nur seine Herkunft an, Reuental (Wießner, Ausg. S.356f.), die Zeitgenossen dagegen nennen ihn her Nithart (Wießner S. 324 ff.). Ein Ort Rewental ist im Bezirk Freising nachgewiesen (Wilhelm aaO.). Gegenwärtig neigt man dazu, Riuwental, „Sorgental" (mhd. riuwe Schmerz, Kummer) für eine vom Dichter in ironischer Absicht angewandte Bezeichnung zu halten, womit er auf die Armseligkeit seines Heimsitzes anspiele (s. bes. Seemüller, Prager dt. Stud. 8, 325-38; Wallner, Beitr. 33, 532 f.; Singer, Neidhartstud.; Schneider, Heldendichtg aaO.). Dafür wird mit nicht zu unterschätzenden Gründen auf die allegorisch gebrauchten Ortsbestimmungen Siuftenhein, Sorgenrein (Hadlaub), Trüebenhüsen (Gliers) hingewiesen. Indessen die Interpretation jener Strophen, in denen Neidh. sich am offenkundigsten über sein Schicksal ausspricht (74, 25-75, 8, vgl. Günth. Müller Dt.Vjschr. 5, 126), läßt doch nur die Deutung zu, daß Riuwental in der Tat sein Lehen war, nach dem er sich nannte. In zwei Liedern, 11,8.12, 8, spricht er von einem Pilgerzug, auf dem er sich bei den „Walhen" befindet, wahrscheinlich ist darunter die Fahrt Leopolds VII. nach Syrien 1217-19 zu verstehen. Einige Jahre darauf traf ihn ein schwerer Schlag, er verlor die Huld seines Herzogs (Ottos II. von Bayern) und mußte sich eine neue Existenz suchen. Er fand sie bei Friedrich IL, dem Streitbaren, von Österreich, der ihm in Melk eine Wohnstätte anwies und ihn mit reichlicher Gabe unterstützte (75, 3. 105, 5). Bis etwa 1237 lassen sich die zeitlichen Bestimmungen seiner Gedichte verfolgen: 31,5-14. 102,22 wird die Ankunft des Kaisers in Österreich erwartet. Neidharts Lyrik geht fast ganz im Tanzlied auf, er ist der Schöpfer des ländlichen, dörperlichen Tanzliedes, das wesentlich verschieden ist von dem höfisch-minnesingerischen (s. u. Lichtenstein). Während dieses wie das Minnelied rein lyrisch die individuelle Stimmung des Dichters ausdrückt, hat das volksmäßige Tanzlied schon an sich einen chorischen, für eine Tanzgemeinschaft bestimmten Zweck und enthält seiner Entstehung nach einen epischen Kern (s. Tanzlied, oben). Nach den Jahreszeiten und nach den durch diese gebotenen Tanzarten trennen sich Neidharts Gedichte in Sommer- und Winterlieder, die nach Inhalt und Form verschieden sind; jene gehören mehr seiner früheren, der bayerischen Periode an, diese mehr seiner späteren, österreichischen. Im Sommer vergnügt sich die tanzlustige Jugend beim Reigen auf dem Anger oder unter der Dorflinde, im Winter ist sie in die Stube gebannt zum Tanze. Der Reigen wird gesprungen in oft übermütigen Hopsern; der Tanz, auf engen Raum beschränkt, wird getreten; jedoch wird zwischen den Bezeichnungen reien und tanzen nicht scharf getrennt. Wie die beiden Tanzarten in verschiedenen Rhythmen sich bewegen, so sind auch die metrischen Formen unterschieden : die Sommerlieder haben meist kürzere, gedrungenere Strophen und 17 Deutsche Literaturgeschichte IV 258 Die lyrische Dichtung einfachen Bau, die Strophen der Winterlieder sind dreiteilig mit reicherer Reimgliederung. Tanzlust, die sich oft unbändig äußert, ist der Lebensnerv der Sommerlieder. Nach einem farbenprächtigen Natureingang, der mit seiner Maienlust den stimmenden Akkord zu der Tanz- und Liebesfreude anschlägt, folgt das Szenenbild, das dem betr. Liede seinen Inhalt gibt. Meist ist es eine Zwiesprache zwischen Mutter und Tochter: die Tochter will zum Reien hinaus, die Mutter warnt sie, mehr oder weniger handgreiflich, droht ihr wohl auch die guten Kleider einzuschließen. Manchmal unterhalten sich auch Gespielinnen und sprechen sich über Liebesfreud oder -leid aus. Als dritte Person steht immer der Dichter im Hintergrund, der oft auch als Ziel der Liebeswünsche genannt wird. Einige Lieder fordern, ohne Dialog, zu Sommerlust und Tanz auf. Wenige sind rein persönlich, wie die zwei Lieder aus Syrien 11,8.12,8und eine Klage über die traurige Gegenwart 32,6;31,5 nähert sich mit der Aufzählung der tanzenden Mädchen und Bauern dem Typus des Winterliedes ; ganz possenhaft ist das erste Lied mit der von der Tanzwut ergriffenen Alten, die von der Tochter gewarnt wird. Wenn so auch der Stoff dieser Sommerlieder beschränkt ist, so wird er doch mannigfach variiert, oft durch Schlußstrophen , die mit dem Vorhergehenden gar nicht oder nur lose zusammenhängen. In den Winterliedern treten noch viel stärker jene ungevüegen dcene hervor, die der bäuerischen Umgebung entsprechen. Hier ist Neidhart, „der Bauernfeind", wie er später genannt wurde, in seinem eigensten Bereich. Die Tänze, welche die getelinge, die Burschen, in den Winterstuben aufführen, schildert Neidhart mit naturalistischem Pinsel wie ein niederländischer Genremaler. Auch hier deutet ein Naturbild die Jahreszeit an, in dem kurz die Sommerformel negativ stilisiert ist, dann folgt manchmal eine in diesem Zusammenhang parodistisch klingende Minnestrophe. Nun beginnt das Hauptstück, das Tanzvergnügen. Zuerst wird zum Tanz in der Stube aufgefordert, die einer der Bauern zur Verfügung stellt und die nun ausgeräumt wird. Man holt die Tänzerinnen herbei, die mit Namen aufgezählt werden. Dann entfaltet sich die eigentliche Tanzszene, bei der es lebhaft zugeht und zu Händeln kommt. Das ist der normale Verlauf eines solchen Tanzvergnügens, aber in dem Verhalten der Personen bieten sich mannigfaltigste Variationen. Der von Reuental spielt dabei mit, er macht den Dorfschönen den Hof, die den vornehmen Herrn seinen bäuerlichen Nebenbuhlern vorziehen, wobei es zu nicht unbedenklichen Eifersuchtsszenen kommt. Ein solcher persönlicher Auftritt wird als das Hauptärgernis immer wiederholt: der ungevüege dörper Engelmar hat der Friderün, der wohlgetanen Dirne, der auserwählten Tänzerin des Ritters, den Spiegel von der Seite gerissen (Stellen: Wießner, Ausg. S. 353 Engelm. Vrid.). Satire ist der Grundton dieser Bauernschilderungen: Spott über ihr protziges Auftreten, ihren prunkhaften Anzug. Sie wollen es den Herren gleichtun und sind doch nur ungehobelte Tölpel. Aus kultursozialem Untergrund steigen diese Lebensbilder auf, es ist der Haß der armen Ritter gegen die herauf- Neidhart von Reuental 259 gekommenen, wohlhabenden Bauern, der von ihnen in ihrer Weise erwidert wurde, wobei sie ihm unter anderem sein Haus anzündeten (52,12). Nur in einem kleineren Teil der Winterlieder fehlt das Tanzmotiv der Menge. Auf den Ritter und die Geliebte beschränkt sind zwei Lieder der niederen Minne zu einem Bauernmädchen, 42, 34 und 48,1, das im Stil einer Damenhuldigung beginnt und dann in humorvollem Kontrast eine bäuerliche Bagatelle zu einer Wichtigkeit aufbauscht; außerdem die saftige Pastourelle 46,28. Einzelne Strophen gelten Friedrich IL, dem Streitbaren (73, 11. 85,14.22.30. 101, 6). Manche dieser Winterlieder haben keinen einheitlichen Inhalt (so z. B. 86, 31 in der Teilung, 86, 31-88, 12 und 88, 12 bis Schluß), und die Strophen, die manchmal erst später eingeschaltet oder angehängt sind, werden nur durch die gleiche Form zusammengehalten (vgl. Günther Müller, Dt.Vjschr.5,127). Man könnte da nur von „Tönen" reden. Auf wirklichem Erleben der bäuerlichen Umwelt beruhen diese Schilderungen. Daß ein Landjunker die Tänze der Bauern mitmachte, ihre Schönen hofierte und dadurch ihre Eifersucht erweckte, diese Vorgänge sind gewiß naturgetreu, wenn auch nicht jeder einzelne Fall genau abgezeichnet ist. Es ist schwer, eine zeitliche Entwicklung in Neidharts Dichten zu bestimmen. Doch gehören — wie schon erwähnt — die Sommerlieder wohl im allgemeinen mehr seiner früheren, bayerischen Periode an, die Winterlieder mehr seiner österreichischen. Überhaupt hat er wohl erst nach und nach den feindseligen Ton gegen die Bauern vergröbert (vgl. Haupt S.231 Gegenstrophe zu 97, 7), während seine früheren Lieder zur allgemeinen Tanzbelustigung dienten ohne starkaufgetragene Tendenz. Jene Wintertänze aber, besonders die, in denen er die Bauern des Tulnerfeldes verhöhnt, waren für die Unterhaltung der adeligen Gesellschaft gedichtet, nicht für die verspotteten Bauern. In kecker, kraftvoller Lebensstimmung tritt er hier vor seine Hörer. Aber daneben steht die Klage: es ist vor dreißig Jahren besser gewesen (32, Str. 18), die Welt hat die Freude verloren (33, 15. 85 Str. 14). Auch er hat also die besonders dem mittelalterlichen Menschen eigene Wandlung vom Selbstgefühl zur Weltmüdigkeit in sich erlebt, heftige Anklagen richtet er gegen seine vrouwe, die Werltsüeze (82,3). Er will nicht länger der Sänger der ehrlosen Herrin sein und bittet Gott um sein Seelenheil (86, 31); und gleich darauf in demselben Tone hat er es wieder mit den üppigen Bauern zu tun! Woher nimmt Neidhart die Motive 1 dieser „höfischen Dorfpoesie", in denen sich der neue Geist verkörpert ? Wie weit sind sie sein Eigentum ? Zunächst das Grundproblem, das sozialpsychologische Moment. Die spöttische Überlegenheit des Herrentums über das Bauernvolk ist schon die Grundstimmung in der provenzalisch-französischen Pastourelle und paßt auch in den 1 Ursprung der Motive: Wackernagel, Volkskunde S. 160; Jeanroy, Les Origines Afrz. Lieder u. Leiche S.233-7; R. M. Meyer, S. 42 ff., 165, 193, 203 ff. u. ö.; Schönbach, D. Reihenfolge der Lieder N.s S. 131 ff. (mit Anfänge S. 21 ff.; Frantzen, Neophil. 5,70 f.; Lit.); Ders., ZfdA. 29, 124ff.; Bielschowsky, Singer, Neidhartstud.; Rosenhagen, Real- Dorfpoesie, bes. S. 1 ff.; Elard Hugo Meyer, lex. 1,205-10; Günther Müller, ebda 2,213. 17* 260 Die lyrische Dichtung Ton der lat. Vagantendichtung. Doch das ist nur eine allgemeine kulturelle Bedingung und braucht für die Entstehung der deutschen Bauerndichtung im besonderen nichts zu bedeuten. Aber es finden sich in den Sommerliedern, weniger in den Winterliedern, auch einige stilistische Motive, die ähnlich in französischen Romanzen und Pastourellen, zum Teil auch in der lateinischen Vagantenpoesie vorkommen, wenn sie Neidhart auch in anderer Weise ausgeführt hat. Ganz aus eigenem Erlebnis hat Neidhart die Szenen in den Bauerntänzen der Winterlieder gebildet. Er ist der Schöpfer der Bauerntanzdichtung, mit der er das volkstümliche Tanzlied und die Neck- und Trutzstrophen einer „primitiven Lyrik" mit Kunstmitteln des Minnesangs zu einer stilisierten Gattung erhob. Dabei mögen ihm mimische Aufführungen von Spielleuten und in Volksbräuchen bei der Dramatisierung der Stoffe vorgeschwebt haben (s. Singer aaO.). Die Verwandlung kam dadurch zustande, daß er das alte primitive Bauerntanzlied, das man sich als einfachen Vierzeiler wie eine Art Schnadcrhüpferl oder auch als ein Gegröhle wie in Wittenweilers Ring (S. 172) vorstellen kann, in eine andere — rein eigene — Bildungsstufe hinübergenommen hat. Das Ergebnis war das höhere, volkstümliche Tanzlied mit Natureingang und Aufforderung zum Tanz; als „gesunkenes Herrengut" kehrte es, von Bauern gesungen, wieder zum Volke zurück (Wittenweiler S. 170, 40 f.). Thannhauser und Winterstetten haben in ihren Tanzliedern den ursprünglichen Charakter des volkstümlichen Tanzliedes reiner bewahrt. Doch erkennt man in Neidharts Winterliedern noch das Schema des volkstümlichen Tanzliedes: 1. Naturformel, 2. Aufforderung zu Frohsinn und Tanz, 3. Tanz mit Namennennung der Tänzerinnen. Neidhart hat den 2. und 3.Teil zu einer belebten Szene erweitert, indem er einen wirklichen Tanzvorgang in Einzelheiten berichtet; aber schon das primitive Tanzlied hatte epischen Inhalt. Auch seine Sommerlieder erzählen eine kleine Geschichte. Zwischen dem idealisierenden Minneempfinden und dem Naturalismus der Dorfpoesie darf man sich nun freilich keine unüberschreitbare Grenzlinie gezogen denken. Die höfischen Anschauungen vom Minnewesen schwangen auch im dörperlichen Stil gleichsam als Untertöne mit. Auch bildeten die Vertreter dieser Dorfpoesie keine zusammenhängende Gruppe, ja, nicht selten vereinigte ein und derselbe Dichter beide Richtungen in seiner Kunst. Groß muß die Wirkung von Neidharts Auftreten gewesen sein. Es entstand eine ganze Literatur „falscher Neidharte", Lieder in Neidharts Manier von unbekannten Verfassern. Ganze Lieder wurden in den Handschriften ihm fälschlich zugeschrieben, die sich oft nur wenig merkbar, etwa durch Übertreibung des Niedrigen, von den echten unterscheiden; auch wurden einzelne Strophen zu echten Liedern zugedichtet, in denen oft Gegner des von Neidhart Vorgebrachten ihren Widerspruch ausdrückten (Trutzstrophen). Diese wurden wohl durch von den Bauern bezahlte Berufsdichter oder auch von Widersachern am Hofe (Wien) ihm entgegengestellt. Neidhart von Reuental 261 Die Person des Dichters wurde im 14. Jahrhundert ins Sagenhafte gesteigert. 1 Man machte den „Bauernfeind", den man nun Neidhart Fuchs nannte, zu einem Spaßmacher, der am Hofe Ottos des Fröhlichen in Wien (f 1339) seine Schelmenstreiche zum besten gab, die er den Bauern spielte, von denen er aber auch andrerseits geprellt wurde. Im 14. und 15. Jahrhundert gab es eine beliebte Gattung der Neidharte. Das Schwankbuch „Neidhart Fuchs" (14./15. Jahrhundert), eine Sammlung von Neidhartschwänken in Liedform (3942 Verse), existiert in drei Drucken (Ende des 15. Jahrhunderts, 1537 und 1566). Auch Neidhartsdramen desselben Inhalts gab es im 14./15. Jahrhundert, so ist das Spiel von Neidhart mit dem Veilchen das erste deutsche Fastnachtspiel. Und im 15. Jahrhundert ist Neidharts Nachwirkung lebendig in den Liedern des Hans Hesseloher und in Wittenweilers Ring. Die neue Zeitströmung des Naturalismus im Minnesang, die Neidhart einführte, hat in der Folge stark auf die Lyrik eingewirkt. Die stofflichen Merkmale — Gespräch zwischen Mutter und Tochter oder zwischen Gespielinnen, die Bauernszenen — kennzeichnen die unmittelbaren Nachahmer Neidharts: Scharfenberg, Hohenfels, Stamheim, Goeli. Aber die „höfische Dorfpoesie" erschöpft sich in Neidharts Lyrik nicht, eine ganz andere Stellung zum „Volke'' nehmender Tannhäuser und Winter st etten, dazu auch Kilchberg,ein: ihren Volkstanzgesängen liegt gerade die Neidhartsche Würze der Bauernverspottung fern, auch haben sie nicht jene stofflichen Merkmale Neidharts. Eine dritte Gruppe ist ebenfalls von Neidhart zu trennen :Neifen, Friedrich der Knecht, Kol von Neunzen, der Taler, Joh. von Brabant beschränken ihre „unhöfischen" Lieder im wesentlichen auf die niedere Minne, die in die Bildungsstufe der Pastourelle herabsteigt und Tanz und Reigen gar nicht oder nur äußerlich berührt. Den Schluß in der unhöfischen Lyrik machen Steinmar und Hadlaub mit neuen naturalistischen Motiven, zu denen sich Buwenburg und Wizlav gesellen. Ganz direkt und nicht mehr bloß parodistisch verwerfen den Minnesang Geltar und Gedrut. Da die auf Walther und Neidhart folgende Lyrik auch zeitlich keine grundsätzlichen Wandlungen durchgemacht hat, so teilt man die Dichter, um die 1 F. Bobertag, Narrenbuch, Kürschners Dt. 37, 1908, dazu Wiessner, Anz. 33, 167-79, Nat.-Litt. Bd. 11,1884, 143-292; R. M. R. M. Meyer, ZfdPh. 41, 70-2, Piquet, Rev. Meyer, Die Neidhartlegende, ZfdA.31,64-82; germ. 5, 602; Wiessner, Ausg. S. 326 ff.; Osw. Zingerle, Zur Neidhartlegende, ebda Ders., N. u. das Bauernturnier in H. Witten- 32, 430-36; Schönbach, Ein altes Neidhart- weilers Ring, Festschr. Jellinek 1928,191-208; spiel, ebda 40, 368-74; Wegeli u. Durrer, Rostock, Dichterheldensage S. 8-12. — J. F. N.s Veilchenabenteuer gemalt, Mitteil. d. an- Rabbinowitsch, Probleme d. Neidhartforschg. tiqu. Ges. in Zürich 63, 1899; K. Gusinde, Eine Untersuchg. üb. d. Verhältn. zw. Neid- Neidh. mit dem Veilchen, 1899; Schröder, hartliedern u. Pseudoneidharten, Amsterd. Gott. Nachr. 1899, 49 ff.; Gusinde, Festschr. Diss. 1928, dazu Wiessner, Anz. 48, 175-9, d. germ. Ver. Breslau 1903, 219-25; Bolte, Michels, DLz. 1929, 177 f., Ehrismann, Lbl. Neidh., e. volkstüml. Personifikation des Nei- 1929, 169, Piquet, Rev. germ. 20, 1929, 161, des, Zs. f. Volkskde 15, 1905, 15-27; Seemül- Starnaay, Museum 36,152-54; Günth. Müller in: Gesch. d. Stadt Wien III Bd. I, 1907, ler in Walzels Handbuch S. 69. 25 ff.; R. Brill Die Schule Neidharts, Pal. 262 Die lyrische Dichtung Masse zu ordnen, in landschaftliche Gruppen. Aus dem bayerisch-österreichischen Stamme sind aber die beiden ausgeprägtesten Persönlichkeiten der Zeit nach Walther und Neidhart hervorzuheben, Ulrich von Lichtenstein in der rein höfischen Richtung, der Tannhäuser in der dörperlichen. Ulrich von Lichtenstein Literatur: MSH. 4,321-404; Bartsch, Liederd. Nr. XXXIII; Schönbach, ADB. 18,620-3; Petzet, Catal. Cod. man. Bibl. Monac. Tom. V pars I, 1920, 74 f. — Ausgaben: U. v. L. mit Anmerk. von v. Karajan hgb. v. K. Lachmann, 1841; Reinhold Bechstein, 2 Teile 1888, dazu Schönbach, DLz. 1888, 1112 ff. — Inhalt erzählt: Ludw. tieck, Frauendienst od. Gesch. u. Liebe des Ritters u. Sängers U. v. L. usw., 1812, neuer Abdr. v. Alfr. R. Ruhemann; Gust. Freytag, Bilder a. d. dt. Vergangenheit l 11 , 1878, 538 ff.; M. Baron Zois, Memorienbibl. 1924. — Leben: Karajan bei Lachmann; Weinhold, Anteil d. Steiermark an d. dt. Dichtg. d. 13. Jahrh., Almanach der Ak. d. Wiss. in Wien 1860; Haupt, ZfdA. 7, 168; Kummer, Die poet. Erzählungen des Herrand v. Wildonie, 1880, 21 ff. 47 ff. u. ö.; Schönbach, ZfdA. 26, 307-26; Ders., Anz. 29, 277 f.; Ders., Üb. d. steierischen Minnesang, Bettelheims Biograph. Blätter 2, 1896; Ders., Anfänge d. dt. Minnesanges S. 87-90, 115; Grimme, Germ. 32, A22-A; Kluckhohn, ZfdA. 52, 154; Ant. Becker, Der Weg d. Venusfahrt U.s v. L. in Niederösterr., Monatsbl. d. Ver. f. Landeskde v. Niederösterr. 24, 1925, 34-43. — Abhandlungen: K. Knorr, Üb. U. v. L., QF. 9, 1875, dazu Scherer, Anz. 1, 248-55; Reinhold Becker, Wahrheit u. Dichtung in Ulr.s v. L. Frauendienst, 1888; Ders., Ritterliche Waffenspiele nach U. v. L., Progr. Düren 1887, dazu Ehrismann, Lbl. 1888, 78-80; Wilmanns-michels, Leben Walthers S. 27 f.; Wilmanns, Anz 7, 273; Scherer, ZfdA. 17, 575; Paul, Beitr. 2,439 ff.; Seemüller, Stud. z. kleinen Lucidarius Wien. SB. 102, 1883, 85 ff.; Roethe, Reinmar Reg. S. 638; M. Ortner, U. v. L. u. Steinmar. Germ. 32, 120-25; Schröder, Herrand v. Wildon u. Ulr. v. L., Gott. Nachr. 1923 S.33ff. Lüderitz, Liebestheorie S. 110-20, 134 ff.; Walther Brecht, U. v. L. als Lyriker, ZfdA. 49 1-102; Singer, Mittelalter u. Renaiss., 1910, S. 15; Ehrismann, ZfdA. 56, 215; Werner Rust, Freud u. Leid in U.s v. L. Frauendienst, Greifsw. Diss. 1918; Franz Utz, D. Moralsystem bei U. v. L., Greifsw. Diss. 1920, Masch.dr.; Annemarie Bruder, Stud. zu Ulr.s v. L. Frauendienst Freibg. Diss. 1923; E. Castle, Merker-Stammler Reallex. 2,578; Günther Müller, Dt. Vjschr 1, 80f.; 2, 708, Merk.-Stamml. Reallex. 2, 212; Friedr. Neumann, Zs. f. Deutschkde 1926, 373-86; W. Rehm, ZfdPh. 52, 308; Otto Görner, Ulr. v. L. in Zerbst, Mitteidt. Bl. f. Volkskde 5, 1930, 33^18. — Stellen: Schönbach, ZfdPh. 28, 198-225; Sprenger, Germ. 37, 174-80 John Meier, Beitr. 15, 326-33; Schwietering, Demutsformel S. 65 f.; Schröder, Zur Text kritik U.s v. L., ZfdA. 69, 323-32; Franz Schmidt, Augsburger Fragm. d. Frauendienstes, ZfdA 69, 321 f. — Stil: Günther Müller, Strophenbindung bei U. v. L., ZfdA. 60, 33-69; Wilh Lucas, Das Adjektiv bei U. v. L., Greifsw. Diss. 1914; Hans Pusch, Klang u. Rhythmus bei U. v. L., Berl. Diss. 1921, ungedr.; L. Wolff, Das Wort Reim, ZfdA. 67, 267 f. Ulrich von Lichtenstein (etwa 1200-75) war der Sproß eines angesehenen Ministerialengeschlechtes der Steiermark und gehörte zu den führenden Männern unter dem Adel seiner Heimat. Tatkräftig und zielbewußt, genoß er das Vertrauen des Herzogs Friedrich des Streitbaren, des letzten Baben- bergers, und gelangte zu hohen Verwaltungsstellen. Uns scheinen die Gegensätze zwischen dem wirklichen Leben, dem dieser Ritter seine Berufsaufgabe gewidmet hat, unvereinbar mit dem Minnekult, als dessen Sklave er sich darstellt. Die Minne gewinnt in seiner romantischen Dichtung die Macht einer fixen Idee. Aus seinen eigenen Werken, dem (nur in einer einzigen Hs. in München erhaltenen) Frauendienst (verfaßt 1255) und dem Frauenbuch (1257, Ambraser Hs. vgl. LG. 11,2, Reg. S.340), erfahren wir nichts über Ulrich von Lichtenstein 263 seine Beamtenlaufbahn und öffentliche Tätigkeit, wohl aber gibt der Frauendienst mit chronologisch genauen Angaben einen Einblick in seine Privatverhältnisse, die sich vom Hintergrund der allgemeinen Zeitlage abheben. Diese aber ist charakterisiert durch das glänzende Ritterleben in den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts und der darauffolgenden Verwilderung nach dem Tode Friedrichs des Streitbaren, 1246. Die Bezeichnung Vrowen dienst hat Lichtenstein der Dichtung selbst gegeben, am Schluß 593, 17; am Anfang 2,13 nennt er sie ein mcere. Es ist ein Liebesroman in 1850 stumpf endenden Reimpaaren, die zu Strophen von 8 Zeilen gebunden sind, mit eingelegten Liedern und Büchlein. Der Dichter erzählt die Geschichte seines eigenen Minnedienstes und gibt damit ein Beispiel, wie ein rechter Frauenritter dienen soll. Er beginnt mit dem Grundsatz, daß niemand Wertschätzung erwerben könne, als wer guten Frauen zum Dienst bereit sei 3, 8. Schon als Kind hörte er aus dem Mund der Erwachsenen Frauenminne als Quelle alles frohen Mutes preisen; er erzählt weiter, wie er als Page von 12 bis 16 Jahren seine Herrin zur Dame erkoren habe, wie er dann bei dem Herzog von Istrien seine Lehrzeit als Knappe durchgemacht. Im Jahr 1222 erhält er die Ritterwürde bei Herzog Leopold in Wien. Jetzt nimmt sein Minnedienst groteske Formen an. Die Dame weist seine Huldigungen beständig zurück, aber weder ihre Launen noch ihre Demütigungen können ihn von seinem Wahn abbringen. Er läßt sich ihr zu Gefallen seinen durch eine Hasenscharte entstellten Mund operieren, einen steifen Finger abhacken und sendet ihr den Stummel. Als Venus verkleidet turniert er im Dienste der Dame durch die Lande. Sie erlaubt ihm ein Stelldichein, aber er muß sich, ehe er Einlaß erhält, unter den Aussätzigen vor der Burg verbergen und wird dann, als er in ihrer Kemenate die letzte Gunst von ihr erbittet, durch List hinausgeschafft, an einer Leine zum Erker hinaus in die Tiefe gelassen, kollert aber inmitten der Fahrt den Berg herab. Nach einer noch ärgeren Beschimpfung, die er verschweigt, sagt er sich von ihr los und nimmt eine andere Dame zur Herrin. Dies zweite Verhältnis ist nur eine matte Wiederholung des ersten. Ernste Zeitereignisse treten in den Vordergrund, der Tod des kräftigen Herzogs Friedrichs des Streitbaren; in den darauffolgenden Wirren wird er von einem seiner eigenen Dienstmannen ein Jahr lang in seiner eigenen Burg gefangengehalten. Lichtenstein hat in seinem Frauendienst nicht sein ganzes Leben, nicht seinen praktischen Beruf dargestellt, sondern nur einen nebensächlichen Teil, soweit es sich dichterisch in der Form des zeitlichen Minneideals verwerten ließ. Wahrheit ist mit Dichtung gemischt, aber die zugrunde liegenden Wirklichkeitszüge, die die festen Punkte bilden, lassen sich doch herausschälen. Die geschichtlichen Daten seiner Jugenderziehung hat er fast chronikalisch für die Erzählung benutzt. Auch seine beiden Ritterfahrten, so theatralisch der Venusaufzug erscheint, sind im großen und ganzen in Wirklichkeit so vor sich gegangen. Die Turnierteilnehmer sind authentisch; er hat dazu wahrscheinlich Reisetage- und Ausgabenbücher benutzt, die er auf jenen Fahrten anfertigen ließ. Aber auch die Lächerlichkeiten, die er als Großtaten seines Dienstes rühmt, haben gewiß einen wahren Kern, nur hat er den schiefen Mund nicht bloß der Dame zuliebe zurechtschneiden lassen, sondern aus Eitelkeit; und den steifen Finger ließ er sich abnehmen, weil er ihm hinderlich war. Am effektvollsten aufgeputzt ist das verunglückte Stelldichein. Es war wohl nichts anderes, als daß er bei einer verabredeten Zusammenkunft getäuscht wurde 264 Die lyrische Dichtung (Schönbach, ZfdA. 26, 317); der Aufenthalt bei den Aussätzigen scheint dem Tristan nachgebildet zu sein. Am fremdartigsten läßt er uns das Phänomen des Minnedienstes empfinden, wenn er mitten unter seinen Liebesbotschaften und Minneliedern erzählt, daß er zu seiner lieben Ehefrau (kone) ritt, die ihm nicht lieber sein könne, obgleich er zur Herrin (ze vrouwen) ein anderes Weib hatte (221,29 ff.318,21). Minne und Ehe sind getrennte Begriffe. Nirgends tritt uns die aristokratische Standessitte oder -mode des Minnewesens so ausgesprochen als gesellschaftliche Kultur, als Konvention, als Spielerei, als Sport entgegen als in diesem Werke des Lichtensteiners. Nicht aus dem Herzen, aus dem Kopfe entspringt die Minne. Die Minneethik ist letzten Endes ein Gebilde der Vernunft, der Dialektik. Am Schluß 586, 25 ff. stellt er seine Grundsätze in den Rahmen der allgemeinen ritterlichen Ethik. Er teilt die Werte in weltliche und religiöse Güter und wägt diese gegeneinander ab. Das größte Übel ist das versäumte Leben; das Schwanken zwischen Welt und Gott macht ihm Pein, aber er weiß die Spannung zu überbrücken in dem Glauben, daß Gott ihm seine Minnetreue anrechnet. So findet sich der Frauenritter mit seinem Gotte ab. Der Frauendienst ist ein verdienstvolles Werk vor Gott. Das Ende ist doch eine Huldigung für die Frauen. Als Kunstwerk ist Lichtensteins mcere nicht hochwertig, er ist ein Virtuos, der geringen Gedankengehalt in gebildeter Sprache vorzutragen weiß. Seine schwache Erfindungsgabe hat nur eine mäßige Anzahl von Motiven bereit. Die Komposition des Gedichtes wird erreicht durch Wiederholung der Darstellungsmittel, wobei die einzelnen Begebenheiten endlos gedehnt sind. Die zweite Minne ist nur eine matte Wiederholung der ersten, erweitert durch lehrhafte Betrachtungen, nur dringt hier auch die Wirklichkeit mit ernsten Ereignissen in die Wunschwelt der Minne. In der Erzählung verliert sich Lichtenstein allzu leicht in epische Breite; den engen Rahmen des Liedes weiß er eher zu beherrschen. Sein eigenstes Gebiet ist die Lyrik. Doch beruht auch hier seine Kunst in den äußeren Vorzügen eines wohlgebildeten Stils und einer gefälligen sprachlichen Form. Auch blendet er nicht durch Reimkünste und auffallende Rhythmen, er steht unter dem Einfluß der besten höfischen Tradition, seine Meister waren Rein- mar, Walther, Hartmann. Der Inhalt bewegt sich in den herkömmlichen Idealen des höfischen Minnesangs. Das Produzieren ging ihm leicht von der Hand, in guten Stunden gelang ihm auch ein Lied von Frische und Lebendigkeit. Die Lieder tragen Überschriften, die die Gattung angeben: ein sincwise, ein tagewise, 1 ein üzreise (Marschlied), meist aber ein tanzwise. Die Quintessenz des Tanzliedes 2 fand man in der fröude, dem die Melodie entsprach (der dön 1 Lichtenst. hat 2 Tagelieder, bemerkenswert durch charakteristische Züge von den persön- ist, daß er an Stelle des Wächters der Schick- liehen Minneliedern unterschieden. Scherer, lichkeit halber eine maget (Kammerfrau) einge- Anz. 1, 254; Schiller, D. Minnesang als Geführt hat, s. bes. Brecht, ZfdA. 49, 19 ff. sellschaftspoesie, Bonn. Diss. 1907 S. 32; 2 Das minnesängerische Tanzlied ist nicht Plenio, Beitr. 41, 79 f., 42, 445 Anm. 1. Der Tannhäuser 265 di Hut tet höchgemuot 564, 1-8). Der Reie 431, 19 hat mit seinen kurzen, hüpfenden Versen einen anderen Rhythmus. — Im Frauendienst hat Lichtenstein alle bis zu dessen Abfassung erschienenen Lieder (dcene), 58, aufgenommen (592,11 f. 19 ff.). Überliefert sind sie außerdem in der Hs. C, einige in A. Nach dem Frauendienst verfaßte Lichtenstein das Frauenbuch, 1257, im Dienste und als Verherrlichung seiner zweiten Dame. Es schließt sich in seiner lehrhaften Tendenz an die Richtung an, die das frühere Werk gegen Ende angenommen hat. Derfrowen puoch 660, 23 (etwa 1065 in der Mehrzahl stumpf endende, vierhebige Reimpaare) ist eine Minnelehre in Form eines Streitgespräches zwischen einem Ritter und einer Dame über den Verfall der höfischen Zucht, wobei jeder Teil dem andern den eingerissenen Mangel an höfischer Sitte bei Männern beziehungsweise bei Frauen vorwirft. Zur Schlichtung des Streites wird der dazukommende Dichter aufgefordert und er entscheidet dahin, daß die Männer die größere Schuld tragen. Der Tannhäuser Auf die Frage, wer war der Tannhäuser, 1 ist keine sichere Antwort zu geben. Ob er einem Ministerialengeschlechte von Tanhüsen, das im Salzburgischen und in Bayern urkundlich vorkommt, angehört, oder ob er seinen Namen von einem Orte Tannhausen trägt, deren es mehrere gibt: jedenfalls war er ein Sänger von Gewerbe, ein Fahrender und Gehrender und auf die Gunst der Herren angewiesen. Als Hofdichter hat er bei Herzog Friedrich dem Streitbaren von Österreich, dem er einen langen Preis widmete (Nr. I) und dessen Tod er beklagt (Nr. XIV, 28 ff. 37 ff.), gute Tage verlebt, aber nach dessen Ableben verlor er seine Lehengüter und mußte wieder zum Wanderstab greifen. Nach den Lebensdaten der von ihm gepriesenen Fürsten lassen sich etwa die Jahre 1230-70 als Zeit seines Auftretens bestimmen. Er ergötzt die Hofgesellschaft durch die ländliche Szenerie wie Neidhart, unterscheidet sich aber von diesem, von dem er überhaupt nur wenig beeinflußt ist, dadurch, daß er nicht die verhaßten Bauern verspottet, sondern sich mit dem Volke an der harmlosen Tanzlust freut. In seinen vier Tanzleichen 1 Lit. Ausg.: Singer, 1922, dazu Schröder, 64-7; Wallner, T.s Rätselspruch u. Toten- Anz. 41, 190 f., Rosenhagen, ZfdPh. 51, 351 klage, ZfdA. 64, 81-3; Schneider, Beitr. 49, -53, Singer, ZfdA. 59, 290-304, Günther 431 f.; Günth. Müller, ZfdA. 60, 47 (Stro- Müller, Dt. Vjschr. 5, 121. — Bartsch, phenbindung); Ders., Reallex. 2, 214; Schnei- LiederdichterNr. XLVII; Burdach, Reinmar der, ebda S. 138 f.; Rosenhagen, ebda 1, S. 130; Roethe, Reinm. S. 317; Ders., ZfdA. 209; Brinkmann, Dt. Vjschr. 3, 639; Ders., 30, 419; R.M.Werner, ebda 31, 363 f.; Wesen u. Form, Reg. S. 193; Moll S. 109-13; Kück, Anz. 17, 19; J. Siebert, Tannh., In- W. Sandweg, Die Fremdwörter bei Tannh., halt u. Form seiner Gedichte, 1894; Kummer, Köln. Diss. 1931, dazu Piquet, Rev. germ. Herrand S. 67 f.; Kluckhohn, ZfdA.52,152f.; 23, 1932, 266 f.; — Stellen: Strauch, Enikel, Mohr, Das unhöf. Element S. 60-8. — Max Anm. zu V. 13511, 13807, 16605; Suolahti, Fürst, Zur Heimatfrage T.s, 1910; Otto Mem. de la soc. neo-phil. de Helsingfors 6, Denk, D. Minnes. T. u. s. Heimat, Das Bayer- 1919, 109 ff.; Werner Lennartz, Die Lieder land 28, 1917/18; Friedr. Reischl, D. Buch u. Leiche Tannhäusers im Lichte der neueren von d.schönen Stadt Salzburg, 1923, S.134-47. Metrik, Köln. Diss. 1932; Melodien: Rottau- - Loewenthal, Stud. z. germ. Rätsel, 1914, scher (s. ob.). 266 Die lyrische Dichtung wirkt er durch den Kontrast, indem er höfische Bildung in volkstümliche Umwelt hineinträgt. Sie sind aus zwei Teilen, A, einem größeren höfischen und B, einem kleinen dörperlichen zusammengesetzt. Die ersten Teile (A) haben verschiedenen Inhalt: Nr. I ist ein Fürstenpreis auf Friedrich von Österreich, III eine Pastourelle, IV ein Vergleich der Geliebten mit berühmten Schönheiten aus der antiken und mittelalterlich-höfischen Literatur, V eine geographische Aufzählung von Gegenden, die er zum Teil selbst besucht hat. Ohne Zusammenhang mit dem ersten Teil (A), einer gelehrten geographischen Aufzählung, folgt der zweite (B), die volkstümliche Tanzschilderung: Aufforderung zum Reigen, Namensnennung der teilnehmenden Mädchen, die Schlußformel heia nu, hei! Durch Vorsetzung des ersten Teils wird die ganze Haltung verhöfischt, oder umgekehrt: durch den Zusatz des zweiten Teils bekam das Ganze den volkstümlichen Beigeschmack, der das Element der „höfischen Dorfpoesie" ist. Der besondere Reiz für die Hofgesellschaft bestand eben darin, daß sie mit dem volkstümlichen Reigen eine Art belustigender Maskerade (ohne Änderung des Kostüms) aufführte und damit einen kulturpsychologisch begründeten Gegensatz zwischen Kultur und Natur übersprang wie später das Schäferspiel der Spätrenaissance. An dem jungen Herzog Friedrich von Österreich rühmt der Tannhäuser unter anderem: Trüric herze frö wirt von im, swenne er singet denfrouwen den reien (I, 91, S. 4). Tannhäuser hat den ersten Teil, Minne, variiert durch andere Motive (I Fürstenpreis, III Pastourelle, IV berühmte Schönheiten, V geographische Gelehrsamkeit). Einfacher gebaut und stilisiert sind die drei Tanzlieder II, VII, XI. Paro- distische Absicht ist stark aufgetragen in den drei Minneliedern VIII, IX, X, wo die Geliebte unmögliche Dinge verlangt. 1 Aus dem Interessenkreis des Gehrenden heraus ist die Totenklage auf verstorbene Kunstmäzene angestimmt, die in einen Preis lebender Dichtergönner ausläuft. In seinen Gedichten läßt der Tannhäuser seine Persönlichkeit stark hervortreten. Seine Sprüche 2 besonders gewähren einen Einblick in sein Leben und in seine Sorgen. Mit seinem Herzog war ihm sein Halt dahingegangen. Als heimatlos Fahrender klagt er über sein irrendes Elend und der Glückverlassene macht sich tragikomische Vorwürfe über sein selbstverschuldetes Los: Wein und Weiber lassen ihn zu nichts kommen. Die Eindrücke der Welt, die er durchwandert, geben seinem Leben den hauptsächlichen Inhalt und mit Stolz spricht er in dem Leich I von den vielen fremden Ländern, die er gesehen hat; mit Grausen denkt er noch eines Seesturms, den er bei Kreta erlebte (Spruch XIII, 23-44). Er hat eine Pilgerfahrt „um Gottes willen" nach Jerusalem gemacht (XIII, 54), deren Weg — er ging zu Land über Bulgarien und Konstantinopel — sich aus den von ihm angegebenen Gegenden in V, 13-32 einigermaßen verfolgen läßt. Er besitzt das geschwollene Selbstgefühl des Fahrenden (I, 107), er prunkt mit seiner Gelehrsamkeit und mit Fremdwörtern, 3 die seinem Stil eine Art 1 Vgl.UHLAND3,213ff.;SiEBERTS.23f.,30f.; 2 Tannhäusers „Hofzucht", „Tischzucht" s. Ders., Der Dichter T., Leben, Gedichte, Sage, unt. Lehrhafte Dichtung. 1934. — In Sandweg, Fremdwörter: Arvid 3 Suolahti, Mem. de la soc. neo-phil. de Rosengvist, Neuphil. Mitteil.35,1934,41—64. Helsingfors 8, 1929, 29, 41. Die Minnesänger von Steiermark, Tirol, Bayern-Österreich 267 von Rokokozier verleihen. Oft kann man seine Arbeitsweise beobachten: wie er ein Gedankenzentrum variiert und in eine Häufung gleicher Vorstellungen auflöst. Die Verskunst übertreibt er auch in den Leichen nicht. Sein Leben ist Spielmannsschicksal, seine Kunst geht nach Brot. Wenn er vor den Fröhlichen aufspielt, muß er fröhlich sein, wenn er auf der Landstraße allein und obdachlos reitet, überkommt ihn der Jammer. Er versteht humoristische und elegische Töne aus seinen Saiten zu schlagen; zum Tanze singt er: da uns Gott das Leben hat gegeben, so sollen wir singen, fröhlich springen I, 150; in der Herberge, wenn er nichts hat um zu bezahlen, heißt es: wann soll mein dumpfer Sinn ein Ende der Trauer finden ? Wenige deutsche Lyriker des Mittelalters geben sich uns so lebensnah und besitzen so das Wort, ihr Inneres auszudrücken. Auch der Tannhäuser ist zum Helden einer Minnesinger sage 1 geworden, wie Morungen und Brennenberg. Sie hat, bei vielen sonstigen lokalen und literarischen Überlieferungen, ihre feste Form gewonnen im Tannhäuserlied, das seit 1515 nachweisbar ist. Das Märchenmotiv von dem durch einen Dämon in sein Reich verlockten Menschen liegt zugrunde (LG. II, 2, 135). Zur Tannhäusersage wurde das Märchen dadurch, daß es an die Person dieses Minnesängers angeknüpft wurde und durch bestimmte Motive eine Eigenart erhielt: das dämonische Wesen bekam die Gestalt der Frau Welt oder der Venus, der Genußmensch wurde zum reuigen Büßer, und sein Schicksal wurde an die Entscheidung des Papstes geknüpft. Die Anfänge der Sage werden noch im 13. Jahrhundert liegen. 2 Die Minnesänger von Steiermark, Tirol, Bayern-Österreich in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts Die steierischen Minnesänger 3 dieses Zeitraums stehen unter dem Einfluß ihres Landsmanns Lichtenstein. 4 1 Tannhäusersage: Lit. s. Bartsch, Liederd. S. 121 f.; v. Kraus, H. v. Morungen hgb. 1925, Nr. XLVII; Grässe, DerTannh. u. d. erwige S. 117f.; Güntert, Kalypso, 1919, Reg. S.279, Jude, 2. Aufl. 1861, dazu Zingerle, Germ. 6, s. auch Venus, Kyffhäuser; Schröder, ZfdA. 251; Erich Schmidt, Charakteristiken II, 61, 178; Singer, Handwörterbuch des dt. 1901, 24-50 (mit Lit.); E. Bernhardt, Jahrb. Aberglaubens 1, 1929,541-4. — R. M. Meyer, d. Akad. zu Erfurt NF 26, 1901, 89-112; Zs. d. Ver. f. Volkskde. 21, 1911, 1-31; Bolte- K. Reuschel, N. Jahrb. 7, 1 (1904), 653-67; Polivka 3, 471 f. Gaston Paris, Legendes du m. äge, 2. Aufl., 2 Gewisse Stellen in Tannhäusers Liedern, Paris 1904; Pfaff, 49. Philol.-Vers., Basel bes. auch die Lebensstimmungen, können 1907, s. ZfdPh. 40, 97; Golther, Ges. Auf- Veranlassung gegeben haben, daß die Sage auf Sätze 1911 S. 19-70 (mit Lit.); E. Elster, T. ihn übertragen und um ihn weitergesponnen in Gesch., Sage u. Dichtg., 1907; Fr. Kluge, wurde, aber die Analogien reichen nicht hin, Bunte Blätter 1908 S. 28-60; Kr. Nyrop, um mit voller Sicherheit die Sage aus seinen Tannh. i Venusbjaerget, Kopenh. 1909; V. Dichtungen abzuleiten. Stärker sind in der Junk, T. in Sage u. Dichtg., 1911; A. F. J. Sage die Anklänge an Lieder Morungens, Remy, The origin of the Tannh.-legend, Journ. deren Einfluß auf ihre Ausbildung darum sehr of Engl, and Germ. Phil. 12, 32-77; Ph. S. wahrscheinlich ist (v. Kraus aaO.). Barto, Studien in the Thann.-legend, ebda 3 Burdach, Reinmar 2 Reg. S. 436; Fr. Kum- 9, 293-320; Ders., T. and the Mountain of mer, Die poet. Erzählungen des Herrand v. Venus, Oxford 1916; dazu Götze, N. Jahrb. Wildonie u. die kleineren innerÖsterreich. Min- 1924, 57 f.; Rostock, Dichterheldensage nesinger, 1880, dazu Bartsch, GgA. 1881, S. 12-15; Schneider, Festschr. Ehrismann 1234-44, O. Zingerle, Anz. 7, 151-64, Kin- 268 Die lyrische Dichtung Herrand von Wildonie (3 Lieder), mit Lichtenstein befreundet, bekannt zugleich als Verfasser von Verserzählungen, Der von Stadeck und Der von Sun eck (je 3 Lieder) 1 besitzen die angenehme Kunstfertigkeit der Frauensänger. Den beiden ersteren gelingt wohl auch ein Lied von Frische und Anmut und das, leider unvollständige, Maienpreislied des Stadeckers, eine Aufforderung an die Jugend und an die kleinen Vögelein zu Freude und Sang, führt aus der Salonluft der Minnehuldigung in die freie Natur. — Der vierte der steierischen Lyriker, Der von Scharfenberg (2 Lieder), unterscheidet sich von den vorhergehenden Minnedienern durch eine Nachahmung von Neid- harts Sommerliedern (Zwiegespräch zwischen Mutter und Tochter oder Gespielen). — Ob Der von Obernburg 2 (7 Minnelieder) aus dem steirischen Ort dieses Namens stammt, ist unsicher. — Ebenso ist die steierische Heimat des Heinrich von der Mauer (Mure) umstritten; seine Gedichte (3 Lieder und ein Spruch) sind geteilt zwischen Minne und weltflüchtiger Stimmung. Zu einer engeren Gruppe des bayerisch-österreichischen Gebietes lassen sich die Tiroler Minnesänger zusammenfassen. 3 Rubin, 4 aus einem Ministerialengeschlecht beiMeran, hat keine poetische Innerlichkeit; wie blutleer ist sein Tagelied! wie wenig werden seine beiden Kreuzlieder — er nahm wahrscheinlich an der Fahrt von 1227 teil — der hohen Idee gerecht! Sein zweites Kreuzlied benutzt er dazu, um am Schluß den Frauen die Lehre zu geben, keine drei Minnediener zu haben. Bei diesen späteren Dichtern ist überhaupt die Kreuzzugsbegeisterung verflogen (22 Lieder sind von ihm erhalten). Mehr Eigenart hat Walther von Metze 5 (Burg an der Etsch unterhalb Bozen, urkundlich 1271). Zwar klagt auch er über verschmähte Minne ohne wirkliche Wärme, aber er führt eine kräftigere, zuweilen bildhafte Sprache. Er ist Verstandesmensch. Das alte Thema vom Streit zwischen Herz und Leib zel, ZfdPh. 12, 250-3, Wilmanns, Lbl. 1880, bei Reinmar v. Zweter s. Roethe, Reinm. Reg. 321-3, Lambel, ZföG. 33, 1882, 215-28; S. 638; in der Novelle Der Schüler v. Paris: Castle, Minnesang in Oesterreich, Merker- Rosenfeld, Novellenstud. S. 198. Stammler Reallex. II, 574 ff. — Herrand: 1 Stadeck u. Suneck: Burdach, ADB. 35, F. v. Krones, ADB. 12, 510-13; Kummer, 356-58 u. Reinm. 2 S. 386-88; ADB. 37, 157 f. Das Ministerialengeschlecht von Wildonie, u. Reinm. 2 S. 389 f. Arch. f. Österreich. Gesch. 59, 1879, 177-322; 2 Burdach, ADB. 24,102 u. Reinmar 2 S.420. Schönbach, Anfänge des Minnesanges S.78ff., 3 J. V. Zingerle, Tirols Anteil an d. poet. 85 ff.; Kluckhohn, ZfdA. 52, 154 f.; Nadler, Nationallitt, im MA., Progr. Innsbruck 1851; Lit.Gesch. der dt. Stämme l 2 , 1923, 162 f.; Kummer, Herrand S. 70 f.; Kluckhohn, Zfd.- Piper, Höf. Epik 3, 410 ff. — Schröder, A. 52, 154 f.; Nadler S. 160 f. Herrand v. Wildonie u. Ulrich v. Lichtenstein, 4 Ausg.: Jul. Zupitza, Rubins Gedichte Gott. Nachr. 1923,33-62. — Bartsch, Lieder- 1867. — Bartsch, Liederd. Nr. LI; v. Kraus, dichter: Scharfenberg Nr. LIV, Wildonje- Uebungsb. 2 S. 290; Roethe, ADB. 29, 432; Nr. LVIII, Suneck Nr. LIX; Burdach aaO.; Roethe, Reinm. S. 178. — Wallner, Beitr. Grimme, Alem. 22, 36-38. — Scharfenberg: 33, 524 ff.; Mohr, D. unhöf. Element S. 26 f.; Mohr, D. unhöf. Element S. 71 f.; Rosen- Schneider, Beitr. 47, 255; Ders., Reallex. 2, hagen, Merker-Stammler Reallex. 1, 209. — 138. Mure: Grimme aaO. S. 38-40; Schulte, ZfdA. 5 Bartsch, Liederd. Nr. L; v. Kraus, 39, 225; Roethe, Reinmar S. 179. — Elise Uebungsb. 2 S. 292; Wilmanns, ADB. 21, 529; Walter, Verlust auf d. Gebiet der mhd. Schönbach, ZfdPh. 5, 159-65; Roethe, Rein- Lyrik, 1933, Österreich. Minnesang S. 35-54. mar S. 178 f.; Günth. Müller, Reallex. 2, * Brecht, ZfdA. 49, 109. Verwandte Stellen 212. Die Minnesänger von Steiermark, Tirol, Bayern-Österreich 269 klügelt er besonders gescheit aus, und in dem vorletzten seiner etwa 10 Lieder benutzt er das lyrische Naturmotiv als psychologischen Maßstab für die Menschenkenntnis : ob einer lügende hat oder fügende vri ist, sei daran zu erkennen, wie er auf den Sang der kleinen vogelin reagiert. Vom Burggrafen von Lienz, 1 mhd. Lüenz (imDrautal),sind zwei Tagelieder erhalten. Das erste weicht von dem gewöhnlichen Typus darin ab, daß dem Zusammensein der Liebenden zwei Strophen vorangehen, in denen ein Kammerfräulein dem Wächter Maßregeln für die Einlassung des Ritters erteilt. Damit ist das an sich im Wächterlied liegende episch-dramatische Moment balladenhaft gesteigert. In einer angehängten Strophe wird an das Scheiden des Ritters ein Scheidegruß an die Freunde vor einer Fahrt ins Heilige Land geknüpft (Responsion scheiden Str. 4.5.6). Der von Scharpfenberg 2 gehörte einem Kärntner Geschlecht an, von dem mehrere Mitglieder von der Mitte des 13. Jahrhunderts an bis gegen das Ende urkundlich belegt sind, ohne daß der Dichter darunter zu erschließen ist. In seinen zwei Liedern schließt er sich Neidhart an, ist also zum „Gegensang" zu rechnen. Zu bedauern ist, daß von Hartmann von Starkenberg 3 (urkundlich 1260—76) nur drei Lieder erhalten sind, denn er hat originelle Gedanken: einen heiligen Mann will er bitten, seiner fromven seine swcere kundzutun; Schild und Speere müssen in ihrem Dienste verkrachen. Zweifelhaft steht es mit Leuthold von Seven, 4 sowohl hinsichtlich seiner Person als seines dichterischen Eigentums. Nach dem Hohnspruch von Rein- mardemFiedler 5 scheint er fruchtbar und in allen Sätteln gerecht gewesen zu sein, in erster Linie als Spruchdichter. In seinen drei Minneliedern (Hs.C) erhebt er sich nicht über den Durchschnitt, die Hs. A legt ihm eine Reihe von anderen Dichtern herrührende Sprüche bei. Man nimmt an, daß er dem Ministerialen- geschlechte Säben bei Klausen angehörte (doch s. Schatz, Wallner, Plenio). Aus einem bayerischen Ministerialengeschlecht stammte Reinmar von Brennenberg, 6 der 1276 in einer Fehde erschlagen wurde (von dem Illu- 1 Bartsch, Liederd. Nr. XXXV; Wilmanns, S. 373; Roethe, Reinm. S. 182 f.; Schönbach, ADB. 19, 617. — Ueber die Person des Burg- ZfdA. 34, 271 f.; Schatz aaO. S. 175 f.; grafen v. L. und sein Vorkommen in Lichten- Mohr, D. unhöf. Element S. 27; Wallner, Steins Frauendienst (u.a. als Parcifäl in der Beitr. 33, 536 f.; Plenio, ebda 42, 423 ff.; Artusfahrt) s. Kummer, Herrand S. 71 ff.; A. Haid, Untersuchungen zu d. Liedern, die Bechsteins Ausg. v. Lichtensein Reg. S.359. Leut. v. S. zugeschrieben werden, Innsbr. Diss. Die geistl. Wendung des Tageliedes s. Kummer 1921, ungedruckt. aaO.; Roethe, Reinm. S. 182u.Anz. 16,77 f.; 5 Her Reimär der Videler: Bartsch, Lie- Osw. v. Zingerle, ZfdA. 52, 102. derd. Nr. XXIX; Roethe, ADB. 28, 97f. u. 2 Bartsch, Liederd. Nr. LIV; Burdach, Reinm. S. 181 f. u. Reg. S. 639; Th. Kochs, ADB. 30, 774-77 u. Reinmar 2 S. 381-85. D. dt. geistl. Tagelied, 1928. 3 Jos. Schatz, Ferdinandeums-Zs. 3. Folge 8 Bartsch, Ld. Nr..XLVT; Wilmanns, ADB. H. 45, 1901, 177-81; Halbach, Stamml. Ver- 3, 307 f.;. Roethe, Reinm. Reg. S. 635; Wall- fasserlex. 2, 216—18. ner, Beitr. 33, 520 f.; Kopp, Brennberger- 4 Ausg.: Wackernagel u. Rieger, Walth. v. gedachte, Quellen u. Forsch, z. dt. Volkskde II, d. V. nebst Ulr. v. SingenbeTg u. Leut. v. S., Wien 1908. — Lit. z. Brennbergersage s. 1862. — Wilmanns-Michels, Walth., Ausg. ob. bei Konrad v. Würzburg Herzmaere; ferner S. 428 f.; Burdach, ADB. 34, 73 f. u. Reinm. 2 MSH. IV,; 281 ff.; Lambel, Erzählungen u. 270 Die lyrische Dichtung strator der Hs. C als Motiv benutzt). Seine Geliebte hat er in einer Reihe von Minnesprüchen besungen, die in ihrer bilderreichen Sprache von einer sinnenkräftigen Phantasie zeugen. Er wurde zum Helden einer Minnesängernovelle, indem die Sage vom gegessenen Herzen auf ihn übertragen wurde. Kunz von Rosenheim (Kluckhohn, ZfdA. 52, 154) mahnt in den zwei erhaltenen Strophen, die Frauen um des eigenen Seelenheils willen zu ehren. Der Markgraf von Hohenburg 1 mag dem mächtigen Geschlecht dieses Namens im bayerischen Nordgau angehört haben. Aber er ist literarisch eine zweifelhafte Persönlichkeit, weil seine 6 Lieder (darunter ein Tagelied) zwar in C unter seinem, in anderen Sammlungen aber unter verschiedenen anderen Namen gehen. Von jeher ist dem bayerisch-österreichischen Stamm ein volkstümlicher Zug eigen. In der Lyrik hat hier Neidhart stark eingewirkt. Eine Reihe von kleineren Liederdichtern dieser Lande huldigen der realistischen Auffassung des Lebens und treten damit in Gegensatz zu dem idealisierenden Minnesang. Der Niederösterreicher von Sachsendorf 2 (urkundlich 1249), vielleicht der in Lichtensteins Artusfahrt erwähnte Ulrich v. S., singt feine Minneweisen, aber sein Frauendienst hat ihm nichts geholfen, trotzdem er Bein und Fuß dabei gebrochen hat (wohl im Turnier). So singt er niuwiu liedel (ein neues Lied) für eine, die den Reigen springt, bei der er bessere Aussichten hat. Ein eigenwilliger Außenseiter ist Günther von dem Forste 3 (aus Bayern oder Österreich). In seinen Minneliedern macht er zwar die Mode mit, aber er erlaubt sich unreine Reime. Vollends in seinem langgedehnten Tagelied hat er den höfischen Schmelz mit einem volkstümlichen Firnis überzogen. Er erzählt eine Ballade vor dem Publikum, das er bänkelsängerisch anredet: Nu her, ob ieman kan vernemen, und stimmt einen Refrain an, der jedenfalls von den Zuhörern mitgesungen wurde. Es ist ein frühes Beispiel, wie die Kunstpoesie ins Volksliedartige herabsteigt. Ein burschikoser Geselle ist der ebenfalls in Bayern oder Österreich beheimatete Her Friedrich der Knecht. 4 Er schlägt den Ton von Neidharts Sommerliedern an, die Minne behandelt er schalkhaft volksmäßig. Ob ritter- bürtig oder bürgerlich, jedenfalls war er ein armer Teufel, der von der Gabe der Herren lebte (MSH. II S. 170"). Schwanke 1 S. 272 f.; A. Kopp, Bremberger Dt.Stud. 1,15f.[16f.]; Roethe,Aiiz. 16,78f.; Gedichte, Beitragz. Brembergersage, 1908; s. Heinzel, Kl. Sehr. S. 100; Schönbach, An- auch Seemüller, Gesch. d. Stadt Wien III fange des dt. Minnes. S. 14; Kummer, Herrand Bd. I, 1907, 68 f. — Brennenbergerlied: Uh- S. 64, 70 Anm. 4; Rosenhagen, Stammler, land, Volkslieder Nr. 75. Verfasserlex. 2, 111-13. 1 Bartsch, Liederd. Nr. XIX; v. Kraus, 4 Burdach, Reinm. S. 133; Roethe, Reinm. Uebungsb. 2 S. 200 ff., 293. S. 182 Anm.; Kluckhohn, ZfdA. 52, 154; 2 Bartsch, Liederd. Nr. XXXIX; Burdach, Wallner, Beitr. 33, 529 f.; Mohr, D. unhöf. ADB. 30, 146 u. Reinm. 2 S.379f.; Kummer, Element S.72f.; Halbach, Stammlers Ver- Herrand S.64f. fasserlex. 1, 691-93. 3 R. M. Meyer, ADB. 40, 311 f.; Scherer, Schwaben 271 Die niedere Minne übertreibt Der Kol von Neunzen 1 (Niederösterreich) anspielend, aber unmißverständlich ins Zynische. Geltar 2 geht weiter als alle die vorhergehenden „Gegensänger", er zieht mit Hohn gegen die Grundbedingung des Minnesangs los (4 Lieder), den Dienst für eine verheiratete Frau, und geißelt den Sang der minnewise. Die Sänger der Minne werden bei ihrer klagenden Not fett. Er hat alte Kleider nötiger, als daß er als Modegeck sich um die Damen reißt. Dem Herrendienst redet er das Wort statt dem Frauendienst. Und mit köstlicher Ironie schließt er den Neidhart nachgeahmten Streit zwischen Mutter und Tochter: ja, wenn er ein „Waleis" ist, das ist etwas anderes, dem kannst du Minnelohn gewähren. Eine Probe seiner natürlichen Art im Minnelied gibt das Sommertanzliedchen (Nr. 3). Er war jedenfalls ein Gehrender, ein Spielmann (der Titel her in C wird einige Male in dieser Hs. auch Spielleuten zugeteilt). Ungeklärt ist es, was es für eine Bewandtnis mit Hern Alram von Gresten und Hern Niuniu 3 hat, da deren Lieder in den Handschriften auch unter anderen Namen stehen. Unter dem sonst unbekannten Namen Von Mune- gür (= Munegiur) folgen in B und C auf Lichtenstein drei Minnelieder in herkömmlichem Stil. Auch Fuß der Buhler, aus einem bayerischen Adelsgeschlecht des 13. Jahrhunderts, von dem aber nichts erhalten ist, sei hier genannt. 4 Schwaben Hiltbolt von Schwangau 5 gehörte dem schwäbischen Ministerialengeschlecht an, dessen Burg am rechten Ufer des Lechs stand, jetzt Hohen- schwangau. Er wird in den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts gedichtet haben, gehört also streng genommen nicht zu den Minnesängern nach Walther, ist aber von ihm, Hausen und Reinmar beeinflußt. Er folgt dem traditionellen höfischen Sang. Auch sein Tanzlied ist eine Minnehuldigung, die nur durch den Refrain chorisch gestempelt ist. Ein Kreuzzugslied ohne inneren Drang bezeugt jedenfalls, daß er eine Kreuzfahrt mitgemacht hat. Mehrere seiner Lieder haben daktylischen Rhythmus. 1 Burdach, ADB. 23, 549; Reinm. 2 S.375; * Schröder, ZfdA. 61, 127; Karg, Stamm- Kummer, Herrand S. 64; Kluckhohn, ZfdA. lers Verfasserlex. 1, 784. 52, 154; Mohr S. 73 f. 5 Bartsch, Liederd. Nr. XX; Burdach, 2 Bartsch, Liederd. Nr. LVII; Wilmanns, ADB. 33,184; Grimme, Dierheinisch-schwäbi- ADB. 8, 552; Burdach, Reinm. S. 131 f.; sehen Minnesinger, 1897, dazu Burdach, DLz. Roethe, Reinm. S. 181. — Kummer, Herrand 1898, 271-78; Erich Juethe, Der Minne- S. 64; Wallner, Beitr. 33, 527 f.; Kluck- sänger H. v. Schw., Germanist. Abhandl. 44, höhn, ZfdA. 52, 154; Mohr S. 69 f.; Dre- 1913, dazu Keim, Anz. 38, 142-46, Helm, Lbl. scher s. unt. bei Stamheim; Karg, Stammler 1915, 142^16, Hübner, Arch. 132, 423 f.; Verfasserlex. 2, 14. — Der Name Geltar ist Schneider, Beitr. 47, 432-34 u. Merkerwohl ein angenommener, bezeichnender Spiel- Stammler Reallex. 2, 140; Günth. Müller mannsname, = geltcere Schuldner, einer der ebda 2, 213 f.; Elise Walter, Verluste auf Schulden zu bezahlen hat. d. Gebiet der mhd. Lyrik, 1933, 54-75; Stelle: 3 Wackernagel, Kürenbergii et Airami Ger- Vogt, MF. 2 S. 284. — Der Name Hiltbolt von stensis ... carmina ... 1827. — Burdach, Schwangau kommt urkundl. 1197-1256 vor, ADB. 23, 549 u. Reinm. 2 S. 375; Vogt, MF. 8 betrifft aber wohl verschiedene Personen des- S. 263 f.; Wallner, Beitr. 33, 526. selben Geschlechts. 272 Die lyrische Dichtung Die schwäbische Eigenart vertreten besonders drei Charaktergestalten: Neifen, Hohenfels, Winterstetten. Gotfrid von Neifen 1 (urkundlich 1234-55) aus angesehenem freiherrlichen Geschlecht, gehörte zu den Anhängern des jungen Königs Heinrich, des kunstliebenden, aber leichtlebigen Sohnes Friedrichs IL, der seine Empörung mit mehrjähriger Haft büßte (1235, f 1242). Neifens Dichtwerk ist vor allem Formkunst. In schwierigen Reimbindungen und überhaupt in der Beherrschung der Sprache ist er Meister; hier ist der Minnesang in seinem eigensten Wesen Klang und Rhythmus. Um so einförmiger ist der Inhalt seiner Minnelieder, schon der Bau ist stereotyp mit Jahreszeiteingang und darauffolgender Minneklage; die Minnerhetorik des Hauptteils mit dem durchgehenden Gegensatz von fröide und sorge (trüren, kumber, swcere) und mit so manchen schönen Worten vom roten, rosefarbenen Munde u. dgl. kann den Mangel an persönlichem Erleben nicht verdecken. Neifens Minnedienst ist nicht wie der Lichtensteins zugleich ethisch eingestellt, sondern bloß Gesellschaftsdichtung. Doch verspürt man auch in seinen Minneliedern eine volkstümliche Veranlagung. Bei den Natureingängen mit ihrer Maienfreude schwebt ihm, mehr oder weniger bewußt, das Volkstanzlied vor; ein unmittelbar volkstümlicher Einschlag ist das dreimal vorkommende Lob der Geliebten si kan dehsen, swingen (4, 13. 5, 13. 32, 12, vielleicht eine verblümte Anspielung) oder die Aufforderung zum Tanz megde, leigen, wir sun reigen (48, 34). Aber die Minnelieder zeigen den Dichter nur von der einen Seite, als Sänger der Hohen Minne. In unvereinbarem Gegensatz dazu steht seine zweite Art, die zur Niederen Minne in ihrer ungeschminktesten Form herabsteigt: die unverhüllte Zote vom Büttner 44, 20, die Pastourellen von der Garnwin- derin 34, 26 und von der Flachsschwingerin 45, 21, der Schwank vom Pilgrim 45, 8 (s. Uhland, Volkslieder Nr. 100), die Szene vom zerbrochenen Krug, durch den sonst höfischen Natureingang wie eine Parodie klingend 37, 2. Dieses Nebeneinander von feiner Gesellschaftsform und zynischer Roheit ist eine kulturpsychologische Frage und zeigt, wie unausgeglichen doch bis weit hinein ins Rittertum die Bildung wenigstens in der Epigonenzeit war. Man muß sich aber hüten, diese Produkte aristokratischer Herrenunterhaltung, 1 Ausg.: Haupt, 1851, aufs neue durchgese- N., Gott. Diss. 1912; Mohr S. 82 ff.; Brink- hen von Edw. Schröder, 1932, dazu Anz. 51, mann, Dt. Vjschr.. 3, 638; Schröder, Text- 237; Cornelia Maria de Jong, G. v. N., Neu- kritisches zu Neifen, ZfdA. 67, 128. — Lieder ausgäbe seiner Lieder, Amsterd. Diss. 1923 der Niederen Minne: Singer, Sprache u. Dich- (mit. Lit.), dazu Günth. Müller, Dt. Vjschr. tung 2, 32 Anm., Schweiz. Arch. f. Volkskde. 5, 122, Neophil. 9, 1924, H.3. — Bartsch, 28, 1928, 288; Strauch aaO. S. 249 f.; Nau- Liederd. Nr. XXXVI; Burdach, ADB. 23, mann, Merker-Stammler Reallex. 1, 86; Ro- 401 ff. u. Reinm. 2 S. 391-4, Reinm. S. 129. — senhagen ebda S. 209. — Metrik: Saran, Uhland 5, 263; G. Knod, G. v. N. u. seine Hartm. v. Aue als Lyriker S. 68 ff.; Plenio, Lieder, 1877, dazu Strauch, Anz. 5, 246-52; Beitr. 42, 414 f.; Günth. Müller, ZfdA. 60, Uhl, Unächtes bei N., 1888, dazu Vogt, 46 f. (Strophenbindung); Ders., Dt. Vjschr. ZfdPh. 24, 247-55, Seemüller, Lbl. 1890, 1, 87, 91, Merker-Stammler Reallex. 2, 214; 179-82, Cbl. 1890, 865 f.; Muchall, Zur Poesie Karg, Stammler Verfasserlex. 2, 64 f. — G.s v. N., Leipz. Diss. 1911 (Schallanalyse); Rostock, Dichterheldensage S. 8. Walt. Behne, D. Reihenfolge d. Lieder G.s v. Schwaben 273 wie sie wohl an dem liederlichen Hofe des jungen Königs Heinrich beliebt sein mochte, für „volkstümlich" zu halten. Sein reizendes Wiegenlied (52, 7) gibt Zeugnis, daß dieser Dichter ein vorzügliches Talent besaß, realistische Genrebilder in höfischem Stil zu zeichnen und zugleich, welch verjüngende Kraft einem Dichter aus dem natürlichen Leben sprießen kann. — In der Version, die die Zimmerische Chronik von der Moringersage überliefert, spielt als Nebenfigur auch „der jung von Neifen" mit (wohl in Erinnerung an sein in der Handschrift nicht vollständiges Pilgerlied). Burkart von Hohenfels 1 (urkundlich 1216-42) aus einem Ministerialengeschlecht bei Überlingen am Bodensee, wie Neifen zum Kreise des jungen Königs Heinrich gehörend, folgt in seinen Minneliedern ebenfalls der höfischen Tradition der Frauenidealisierung. Die eigentlich künstlerische Anschauung des Weibes ist ihm nicht gegeben, man empfindet zu leicht, daß seine Lieder aus den Gedanken, nicht aus dem Herzen kommen, z. B. die Minnezoologie Nr. 2, die Minnelehren Nr. 13. 14, auch 15. Er ist vor allem ein Mann, ein Ritter. Kräftig packt er das Leben an, Frohsinn und Freude ist sein Element, aber nicht lediglich die Freude, die von der Herrin abhängt, sondern die an der Fülle des Daseins. Was seiner Kunst immer wieder eine eigene Note verleiht, das ist die Ausdrucksweise, der Wortstil, der über die übliche Minneterminologie hinausgeht, besonders der Reichtum an Bildern. Diese entnimmt er oft dem unmittelbaren Leben, seiner Umgebung, seiner Tätigkeit als eifriger Jäger, als Ritter. Die Dame z. B. ist eine Königin in der Feste seines Herzens, dem festen Turm, aus dem sie durch keine Belagerungswerkzeuge vertrieben werden kann (Nr. 16). Zur Natur hat er ein ganz anderes Verhältnis als sonst die Minnesänger. Er gebraucht sie nicht zum schönen Schmuck, sie ist ihm notwendige Lösung innerer Spannung; da er keine Erhörung bei der Geliebten findet, begibt er sich in fremde Länder: durch Flüchten wähnte ich Frieden zu gewinnen, ich barg mich hinter hohe Berge, starke Wasser, weite Gefilde. Die unbetretene Natur, das Gebirge, bedeutet diesem Dichter Beruhigung wilder Gedanken. Es ist eine andere Gefühlsweise: sonst das minnesingerisch empfindsame Naturgefühl, hier das heroische. Dieser ritterliche Dichter, der nicht in der Konvention aufgeht, der auch in seiner Kunst seinen Wirklichkeitssinn zur Geltung kommen läßt, kann sein Bestes auch im Volkstümlichen geben. Unter seinen 18 Liedern behaupten die drei frischen, lebensprühenden ländlichen Tanzweisen den ersten Platz: der Wintertanz in der Stube Nr. 1; das Gespielenlied mit dem Kehrreim: mir ist ein Schapel (Hut) von Stroh und mein freier Mut lieber als ein Rosenkranz bei 1 Uhland 5, 263. — Bartsch, Liederd. 376 f., Panzer, ZfdPh. 36, 277-9, DLz. 1902 Nr. XXXIV; Wilmanns, ADB. 12, 673; Bur- 153, Schönbach, Oesterr. Lbl. 1902, 557 f. dach, Reinm. S. 127 f.; Pfaff, Minnesang im Mohr S. 78 ff.; De Jong, Neifen S. 102 ff. Lande Baden S. VIII. XIX f., 36-65 (mit Günth. Müller, ZfdA. 60, 44 f. (Strophen- Ausgabe). — Max Sydow, B. v. H. u. seine bindg.), Reallex. 2, 214; Brinkmann, Dt. Lieder, 1901, dazu R. M. Meyer, Anz. 28, Vjschr. 3, 638, Wesen u. Form S. 159. 18 Deutsche Literaturgeschichte IV 274 Die lyrische Dichtung strenger Hut Nr. 7; die höfisch gefärbte stadelwise, der Tanz in der Scheune (stadel), mit dem das ganze Lebensgefühl des Dichters bezeichnenden Kehrreim : fröide und vriheit. Der Schenk Ulrich von Winterstetten 1 (urkundlich 1241-80, 1258 als Kanonikus zu Augsburg, 1280 als Domherr, Sohn des Dichtergönners Konrad v. W.; seine Lieder fallen wohl in seine frühere Zeit, vgl. Nr. XX, 27) hat den schwäbischen Wirklichkeitssinn am stärksten zum Ausdruck gebracht. Seine Lieder (40 Nummern, darunter 5 Wächterlieder) sind auf den konventionellen Minneton gestimmt, doch manchmal mit neuen Zügen (Nr. X ist eine Gerichtsklage gegen die Hartherzigkeit der Dame). Einige darunter aber stehen dazu in grellem Gegensatz, es sind Parodien auf den hohen Minnestil: in einem Zwiegespräch nach Neidharts Art schilt die Alte die Junge aus, weil sie sich durch die Lieder des Schenken betören läßt (Nr. IV). Die höfischen Diensterbietungen des Dichters weist die Angebetete zurück als Lug und Trug, kräftig ist dabei der Kontrast zwischen der höfischen Ausdrucksweise des Ritters und der pöbelhaften der Dame (Nr. XI. XXXVI, auch XXXVII). Doch nicht in seinen Liedern, sondern in seinen Tanzleichen gibt er das Eigenste seiner Kunst: die ungemein lebhaft bewegten Rhythmen begleiten eine wirbelnde Melodik und tolle Reigensprünge. Seine Leiche sind ähnlich gebaut wie die Tannhäusers, von dem er wohl beeinflußt ist; der zweite, kleinere Teil enthält das ländliche Tanzlied mit den gleichen Motiven, im ersten aber erreicht er die Vielseitigkeit des Virtuosen Tannhäuser nicht, denn er kommt nie über eine lange Minneklage hinaus. Unvermittelt tritt neben diese sentimentalen Ergüsse das frische Treiben im Stile des alten Volkstanzliedes. Der von Buwenburg 2 (wahrscheinlich aus schwäbischem Freiherrngeschlecht) faßt selbst in seinen Minneliedern das Leben in ungeschminkter Wirklichkeit auf. In einem seiner 6 Lieder will er auch von den bösen Weibern reden und droht seiner frouwe, ein ihr unangenehmes Wörtlein zu sagen. In einem andern vergißt er nicht, mit einem Steinmar entlehnten Motiv neben dem Lenz auch die Herbstwonne und gutes Essen zu preisen. Er folgt nicht der konventionellen Sprache der Sentimentalität, sondern hat seine eigenen kräftigen Ausdrucksmittel. Weniger stark ausgeprägt ist die Eigenart der übrigen schwäbischen Lyriker, doch sticht auch in ihren Minneliedern manchmal ein besonderer Zug hervor. J Ausg.: Jak. Minor, Die Leiche u. Lieder Stud. üb. U. v. W. 1929; Günth. Müller, Schenken K. v.W., 1882, dazu Bartsch, GgA. ZfdA. 60, 45 f., Dt. Vjschr. 1, 80, Reallex. 2, 1882, 1062-79, Wilmanns, DLz. 1882, 1152, 214; Schröder, ZfdA. 67, 223 f. Burdach, Lbl. 1882, 451-3 u. Reinm. 2 S.399 2 Bartsch, Liederd. Nr. LXXXVIII, Schwei- -402. — Bartsch, Liederd. Nr. XXXVIII; zer Minnes. Nr. XXIII; Schulte, ZfdA. 39, Burdach, ADB. 31,68-73 u. Reinm. 2 S.403-8; 208; Wallner, Beitr. 33, 486; Singer, Lit- Roethe, Reinm. S. 354 ff. (zwei Klassen von Gesch. d. dt. Schweiz S. 51 f.; Mohr S. 94 ff.; Leichen); Schulte, Lbl. 1897,263 f.; Steller, Brinkmann, Wesen u. Form S. 158 f. Beitr. 45, 307 ff.; Mohr S. 85 ff.; A. Selge, Schwaben 275 Mehr auf die Art der zarten Lieder Neifens sind die 6 Stücke des Schenken von Limburg 1 (urkundlich 1255-68, in C 6 Lieder) gestimmt, doch tritt er mit seiner Persönlichkeit mehr hervor, und sein Empfinden kleidet sich eher in Anschauung. Im Traume sieht er leibhaftig die Geliebte; in der Fremde, durch Berge getrennt (er machte einen Italienzug mit 1267/68), leidet er Pein nach ihr, und sein Maienlied ist berührt von naiver, volkstümlicher Frische. Ähnlich weiß Wachsmut von Mühlhausen 2 (um 1250, in C 4 Lieder) im Minnelied einen gemütlichen Ton anzuschlagen. Wenn er die Minne seiner frouwe höher schätzt als Kronen, selbst als das Paradies, so folgt er begangenen Pfaden. Der von Stamheim 3 (um 1230) flicht in sein Maitanzlied (das einzige von ihm erhaltene Gedicht) einen Zank zwischen der tanzlustigen Tochter und der Mutter, nach Neidharts Beispiel. Den üblichen Bahnen folgt der Graf Konrad von Kilchberg 4 (urkundlich 1286 ff.) in seinen 4 Minneliedern und in einem ländlichen Maitanzlied. In diesem zeigt sich recht die Übertreibung des Epigonentums, denn nicht weniger als 53 Namen der Tänzerinnen werden hintereinander aufgezählt. Bei den 2 Liedern Heinrichs von Tettingen 5 (bei Überlingen) weiß man nicht, ob ihre Empfindsamkeit wirklich ernst gemeint ist, das zweite schließt jedenfalls parodistisch. Hug von Werbenwaag 6 (urkundlich 1258-79, 5 Minnelieder) will, ähnlich wie Winterstetten, eine Klage gegen die sceldenbcere anstrengen, weil sie seinen Dienst nicht lohnt. Er will es vor den König Konrad bringen, vor den Kaiser, vor den jungen König aus Thüringen (Heinrich Raspe), ja vor den Papst. Vom Grafen Albrecht von (Hohenberg und) Heigerloch 7 (um 1270) sind in C zwei Minnestrophen erhalten. Der Dürner, 8 ein Bürgerlicher, von dem ein zartes und farbenreiches Minnelied erhalten ist, wird ebenfalls nach Schwaben gesetzt, wo der Name öfter belegt ist. ' Bartsch, Liederd. Nr. XLIV; Burdach, Minnesinger 1897,109-14; Baechtold, Gesch. ADB. 31, 61 ff. u. Reinm. 2 S. 395-7. d. dt. Lit. in d. Schweiz S. 154; R. M. Meyer, 2 Bartsch, Liederd. Nr. LH; Wilmanns, ADB. 37, 592; Schröder, Anz. 31, 201. ADB. 22, 711; Schulte, ZfdA. 39, 227 f. «Bartsch, Liederd. Nr. XLIX; Pfaff, 3 Burdach, ADB. 35,427 u. Reinmar 2 S.398. Minnes. in Baden S. XX. 66-71 (Ausg.). — — Uhland 5, 259 f.; Stalin, Wirtemberg. R. M. Meyer, ADB. 41, 743 ff. Gesch. 2, 764; Grimme, Die rhein.-schwäb. 7 Siehe Pfeiffer, Heinzelein v. Konstanz Minnes. S. 198 ff.; R. Kraus, ZfdA. 41, 87 f.; S. VI ff. (s. unt. Didaktik); Schröder, Die Mohr S. 70 f.; Drescher, Konrad v. Kilch- Gedichte des Königs v. Odenwald, 1900, berg, v. Stammheim u. her Geltar, Berl. Diss. 18-33; Halbach, Stammler Verfasserlex. 1, 1921, Masch.dr.; Rosenhagen, Reallex. 1,209. 48. 4 Bartsch, Liederd. Nr. LXXXV; Wil- 8 Bartsch, Liederd. Nr. XC; zur Bibliogra- manns, ADB. 15, 789; Grimme S. 209-19; phie daselbst noch: Schulte, Lbl. 1897, 264; Mohr S. 77 f.; Drescher, Kilchberg usw.; er gehört schwerlich zu den Dynasten von Schröder, ZfdA. 67, 108 (mit Lit.). Durne (Schreiber, Neue Bausteine zu e. Le- 5 Bartsch, Schweizer Minnes. Nr. XVII; bensgesch. Wolframs v. Esch. 1922, 46). — Pfaff, Minnesang in Baden S. XV. XVIII. Karg, Stammler Verfasserlex. 1,463 (mit Lit.). 32 ff. (Ausg.); Grimme, Die rhein.-schwäb. 18* 276 Die lyrische Dichtung Die sentimentale Schwärmerei des Wachsmut von Künzich 1 gab schon einem Sangesgenossen, Gedrut, 2 Veranlassung zum Spott, wobei dieser ihm sein eigenes, weniger prüdes Verfahren empfiehlt. Von Bruno von Hornberg sind vier rhythmisch gewandte Lieder und ein Wächterlied erhalten. Er gehörte einem Freiherrlichen Geschlechte im badischen Schwarzwald an, um 1234 oder 1276. 3 Brunwart von Augheim (Auggen im Breisgau) ist in seinen fünf Liedern teils einfach, teils gekünstelt. Lebenszeit gegen Ende des 13. Jahrhunderts. 4 Die Schweiz (Steintnar. Hadiaub) Die Schweizer Minnesänger. 5 Sie stellen etwa ein Fünftel aller mhd. Lyriker, die wir kennen. Dies liegt nicht in einer stärkeren Sangesfreudigkeit, sondern ist rein äußerlich dadurch bedingt, daß die Hauptminnesingerhandschrift C in der Schweiz, in Zürich, verfaßt, naturgemäß aus heimischen Liederbüchern zusammengesetzt ist. Hervorragende Sänger oder produktive Kräfte sind unter den Schweizern nicht vertreten, doch stechen einige Individualitäten heraus, besonders unter den Spätlingen der dörperlichen Richtung. Etwa über ein Jahrhundert, von ungefähr 1220 bis etwa 1320, von der sinkenden Blütezeit bis zum Absterben der frohen Kunst, erstreckt sich die Reihe dieser meist an der Tradition haftenden Sänger, die aber doch wesentlich beigetragen haben zu dem staunenswerten Reichtum der mittelalterlichen deutschen Lyrik. Die Reihe eröffnet Ulrich von Singenberg, 6 der Truchseß von St.Gallen (urkundlich 1219-28). Singenbergs Vorbild ist Walther, den er seinen Meister nennt (Nr. 20.31) und dem er einen Nachruf gewidmet hat (Nr.24 Str. 4 f.). St. Gallen, dieser alte Sitz der Wissenschaft und Kunst, ist auch für die weltliche Lyrik des 13. Jahrhunderts ein Mittelpunkt gewesen, Dienstmannen des Klosters und auch geistliche Herren pflegten diese gesellschaftlich höfische Musik-Dichtung. Verwundert bemerkt Hugo v. Trimberg in seinem Renner 4245 ff., daß ein Abt von St. Gallen so recht schöne Tagelieder gedichtet habe. — In seinen Minneliedern (auch Tagelieder, Wechsel, Dialoge hat er gedichtet) 1 Bartsch, Liederd. Nr. LV; Wilmanns, Schweiz im MA. 1916, 22 f. 26-8. 43-6; Ders., ADB. 17, 405; Pfaff, Minnesang in Baden D. malterl. Lit. d. dt. Schweiz in „Die Schweiz S. VIII; Schneider, Beitr. 47, 255. im dt. Geistesleben", 1930, 7 ff. 131 ff., Reg. 2 Bartsch, Liederd. Nr. LVI; Burdach, S. 205ff.; Elise Walter, Verluste auf d. Ge- Reinm. S. 116; Mohr S. 74; Karg, Stammler biet der mhd. Lyrik, 1933. Verfasserlex. 2, 7. Ueber den Frauennamen 6 Ausg.: Wackernagel-Rieger, Walth. v. Gedrut s. Behaghel, Gesch. d. dt. Sprache 5 d. V. nebst Ulr. v. S. u. Leut. v. Seven, 1862; S. 370 u. ZfdA. 58, 240; Schröder ebda S.95 Bartsch, Schw. MS. Nr. II, s. auch Liederd. u. 240. N. XXX. v. Kraus, Übungsb. 2 S. 291 f., — 3 Halbach, Stammler Verfasserlex. 1, 303 f. Roethe, ADB. 34, 390-2, Reinm. Reg. S.640; mit Lit. Wilmanns-Michels, Leben W.s S. 368-70. 4 Halbach ebda Sp. 305 f. mit Lit. 458; Pinnow, Untersuch, z. Gesch. d. polit. 5 Hgb. von Bartsch, Die Schweizer Minne- Spruchdichtg. im 13. Jh., Bonn. Diss, 1906; Sänger, 1886, s. auch die betr. Dichter in W.Stahl, U. v. S., Rostocker Diss. 1908; Bartschs Dt. Liederdichtern. — Baechtold, Mohr S. 27 ff.; Singer, Schweizerdeutsch Gesch. d. dt. Lit. in d. Schweiz 1892, 140 ff. u. 1928, 84 ff., D. malterl. Lit. d. dt. Schw. S. 139. Anm. S.40ff.; Singer, Lit.-Gesch. d. dt. 145 ff. Die Schweiz (Steinmar. Hadlaub) 277 preist Singenberg die Dame in der allgemein üblichen Weise. Er kann es aber auch anders. In einem Zank droht er der frouive seines Herzens mit Rutenschlägen (Nr. 28), er macht seinen Sang davon abhängig, ob sie ihn weiter zum Narren haben will oder nicht (Nr. 27). Er ist nicht bloßer Nachahmer, sondern spricht auch, wenn es ihm darauf ankommt, aus eigener Erfahrung. Auch einzelne Einfälle treten aus dem sonstigen Minnestil heraus. Wie Walther behandelt er in Sprüchen allgemeine Fragen oder persönliche Verhältnisse, auch Zustände der Zeit. Bezeichnend für das Nebeneinander von höfischer Idealisierung und realistischer Auffassung ist Nr. 26, wo ein schwärmendes Minnelied durch eine derbe Auseinandersetzung des Dichters mit seinem Gelbschnabel von Sohn abgekühlt wird. In dem Vokallied Nr. 31, das Walther nachgeahmt ist, zeigt die einzige Zeile 28 in ihrer Derbheit den Abstand gegen Walthers feinen Sinn für gute Sitte. Den meisten Liedern der Schweizer gibt der naturgestimmte Anfang eine wohlgefällige Einleitung. In dreien seiner Lieder (11 Sommer-, 11 Winterlieder) unterbricht der Schenk Konrad von Landeck 1 (urkundlich 1271-1306, Thurgau) seine sonstige Einförmigkeit durch frische Maitanzlieder (Nr.3.8.12). Zwei seiner erhaltenen Lieder sind in der Fremde gesungen, in Wien bei der Belagerung Rudolfs v. Habsburg (Nr. 5); in einem anderen (Nr. 13) sehnt er sich aus dem winterlichen Frankreich nach Wonne und Vogelsang der Heimat Swdbenlant. Konrad von Altstetten 2 (Dienstmann von St. Gallen) hat in zweien seiner 3 Lieder einen mailichen Natureingang nach dem volkstümlichen Tanzlied. Ähnlich Wernher von Teufen 3 (bei Zürich, urkundlich 1220) in seinen 4 Liedern, in denen fröide das Schlagwort ist, die ihm aber von der Geliebten nicht zuteil wird; ein Spruch, Nr. 5, tadelt die „Mundes Minne", die nur im Munde geführt wird. Von Heinrich von Sax 4 (Hohensax im Rheintal oberhalb des Bodensees, urkundlich 1235-58) ist neben 4 Liedern ein schmucker Minneleich überliefert mit der üblichen Zweiteilung. Heinrich von Frauenberg 5 (wahrscheinlich Schweizer, urkundlich 1257-62, aus der Gegend von Pfäffers; 5 Lieder) und Jakob von Warte 6 (Thurgau; 6 Lieder) haben sich auch im Tagelied versucht, wobei der Frauenberger den Morgen durch den orion ankündigen läßt. Als Leichdichter ist Der von Gliers 7 bekannt (südl. Elsaß); er ist der Verfasser von 3 Leichen, in denen besonders seine literarischen und historischen Zitate und sein Nachruf auf frühere Leichdichter bemerkenswert sind, sowie einer Allegorie vom Baum der Tugenden, deren Frucht die Minne ist. 1 Bartsch, Schweizer Minnes. Nr. XXI, ADB. 37, 611; Roethe, Reinm. S. 180 Anm. Liederd. Nr. LXXI I ; Burdach, ADB. 31, 58 222; Singer, Malterl Lit. aaO. S. 147 f. -61 u. Reinm. 2 S. 409-12; Joach. Kirchner, 4 Bartsch, Schw. MS. Nr. XIV; Burdach, Greifsw. Diss. 1912; Brinkmann, Wesen u. ADB. 30,457 f. Form S. 156 ff. 159. 164; Singer, Malterl. 5 Bartsch, Schw. MS. Nr. XIII. Lit. aaO. S. 158 f. 6 Bartsch, Schw. MS. Nr. XXII. 2 Bartsch, Schw. MS. Nr. XXIV, Liederd. 'Bartsch, Schw. MS. Nr. XX; Singer, Nr. XCI. Malterl. Lit. aaO. S. 20; Ders., Stammler 3 Bartsch, Schw.MS. Nr. III; R.M.Meyer, Verfasserlex. 2. 278 Die lyrische Dichtung Freundlich mutet die Aufforderung an die Nachtigall, guot vogellin, an, der frouive von seiner Liebe ins Ohr zu singen. Mit demselben Motiv leitet Heinrich von Stretelingen 1 (Thuner See) eines seiner 3 Minnelieder ein. Ein anmutiges Lied von dem rosenfarbenen Mund der Geliebten und ihrem freundlichen Lachen ist dem Grafen KraftvonToggenburg 2 (Thurgau,um 1260?) gelungen. Unter den 6 Liedern Des von Trostberg 3 (Aargau) findet sich ein Zwiegespräch zwischen dem Ritter und der juncfrouwe, die ihm Belehrung über rechtes Benehmen in der Minne erteilt. Albrecht, Marschall von Raprehtswil 4 (Dienstmann der Herren v. R., urkundlich in den siebenziger Jahren des 13. Jahrhunderts) erklärt sich in dem ersten seiner 3 Lieder für einen Propheten, weil er in den Augensternen seiner Dame die Zukunft sehen kann (vgl. Walther 54, 31). Unter den Schweizern ist auch unterzubringen Rudolf von Rotenburg, 5 der jedenfalls Alemanne war, wenn auch vielleicht nicht auf Schweizer Gebiet zu Hause. Seine Gedichte sind Muster edler, höfischer Sitte, doch enthalten sie manche eigenartige Wendungen (bes. Nr. XII). Mit reichem Zierat ausgestattet sind, dem Stil dieser Gattung entsprechend, seine 5 Minneleiche (der sechste ist ein religiöser Leich auf Maria mit herkömmlichen Bildern), besonders durch Zitate literarischer Minnetypen und geographischer Örtlichkeiten. Der historisch berühmteste unter den Schweizer Minnesängern, ein auf Zügen in Italien zu hohen Ehren gelangter kriegerischer Herr, ist der an der Grenze der ritterlich-höfischen Kultur stehende Graf Wernher von Hohenberg 6 (urkundlich 1300 ff., f 1320; ein Klagegedicht auf seinen Tod ist vorhanden). In zwei seiner 8 Minnelieder nimmt er Abschied von der Herrin (Nr. I. III), in einem dritten bezieht er sich auf seine Fahrten außer Landes (Nr. II). Aus der Minnekonvention heraus tritt sein Haßlied gegen einen glücklichen Nebenbuhler, das von wirklichem Erleben eingegeben sein muß (Nr. VI). Otto zem Turne 7 (Luzern, urkundlich 1275) hat außer fünf mit einigen sonst ungewöhnlichen Wendungen ausgestatteten Liedern einen Leich hinterlassen in verschnörkelter, übertrieben höfischer Sprache und zweideutigen Anspielungen mit einer Art Revocatio: die Minne — oder die Dame — weist sein Benehmen, das man gegenüber einer Dirne sich erlauben könne, entrüstet zurück. Hier ist ein Übergang zur niederen, zur 1 Bartsch, Schw. MS. Nr. IX, Liederd. S. 413 f.; v. Kraus, Übungsb. S. 206-38. 291. Nr. LXI; R.M.Meyer, ADB. 36, 575 f.; 293. — Steller, Beitr. 45,371-80; Gott- Singer, Malterl. Lit. aaO. S. 150; Ders., schalk, Minneleich S. 52-60. — Über seine Stammler Verfasserlex. 2, 53 f. Heimat s. bes. Burdach, Reinm. 2 aaO.; 2 Bartsch, Schw. MS. Nr. VI, Liederd. Singer, Lit.gesch. d. dt. Schweiz S. 44 f., Nr.XLVIII; R.M.Meyer, ADB. 38, 410 ff.; Schweizerdeutsch S. 110 f., Malterl. Lit. aaO. Schulte, ZfdA. 39, 208. — Vom „Rosen- S. 19 f. lachen" s. Uhland 3, 420 ff. 513; Singer, M- ° Bartsch, Schw. MS. Nr. XXVI, Liederd. alterl. Lit. aaO. S. 148. Nr. LXXXVI, s. außer der dort. Lit.: Strauch 3 Bartsch, Schw. MS. Nr. XXV, Liederd. ZfdA. 23, 93 f.; Singer, Malterl. Lit. aaO. Nr. LXXV; R. M. Meyer, ADB. 38, 658. 7 Bartsch, Schw. MS. Nr. XXXI, Liederd. 4 Bartsch, Schw. MS. Nr. XXX; Liederd. Nr. XCVI; R. M. Meyer, ADB. 39, 23 f.; Nr. XCV; Singer, Verfasserlexikon I (1931). Gottschalk, Minneleich S. 60 ff. u. Anhang; 5 BARTscH.Liederd.Nr.XIX(stehtnichtSchw. Singer, Lit.-Gesch. d. dt. Schweiz S. 45 f. MS); Burdach, ADB. 29, 297-99 u. Reinm. 2 . . Die Schweiz (Steinmar. Hadlaub) 279 „kranken minne", gemacht. Weiter geht Der Taler 1 (wahrscheinlich aus einem Dienstmannengeschlecht von St.Gallen); außer einem Minneleich sind 2 Lieder von ihm erhalten. In dem ersten setzt er parodistisch den gut gekleideten Herrinnen seine in Fetzen gehende Geliebte entgegen und wünscht mit ihr in den Heuschober zu gehen. Auch das zweite Lied ist eine Verspottung des hohen Minnesangs. In dem gewöhnlichen Gedankenkreise bewegen sich die 2 Lieder des Hesse von Rinach 2 (Aargau, ein Geistlicher, urkundlich 1239 u.ö.,gest.um 1280) und die des Walther von Klingen 3 (Thurgau, 8Lieder). Ebenso die zweier bürgerlicher Dichter: Meister Heinrich Te schier 4 (urkundlich 1286-96, Zürich, 13 Lieder, darunter ein Tagelied) und der sonst nicht sicher nachzuweisende Winli. 5 Immerhin ist die Tageliedstrophe des letzteren (Nr. VIII) erwähnenswert: hier preist die Frau den Geliebten wegen seiner ritterlichen Mannheit, mit Schwert und Speer, unter Helm und Schild habe er sie erfochten — ein Motiv, das im Stil des Minnesangs ungewöhnlich ist. Auch Rost, der Kirchherr zu Samen 6 (Anfang 14. Jahrhundert?, 9 Lieder) wußte gar lieblich von weltlicher Minnenot und von Minnehoffen zu singen, wobei einige realistische Worte mit unterlaufen. Dagegen ist von einem geistlichen Kollegen Bruder Eberhart von Sax 7 (urkundlich 1309), nur ein frommes Preislied auf die reine Magd in den bekannten Marienbildern überliefert. Von den 3 erhaltenen Strophen des Herrn Pfeffel 8 (aus Baseler Stadtadel, urkundlich 1243) preist die erste den Herzog Friedrich v. Österreich mit Hinsicht auf Fürstenfreigiebigkeit, die zweite ist eine Lehre für den „jungen Mann", während nur die dritte von Minne und Dienst spricht. Nur Sprüche (3 Töne, 7 Nummern) besitzen wir von Dem von Wengen 9 (Freiherrngeschlecht im Thurgau, um 1246): politische und religiöse; einen auf den von Klingen, auf die Herren von Kiburc, einen gegen die riehen beesen im Vergleich mit der schönen Zeit am Artushof. Ebenso hat Johannes von Ringgenberg 10 (Freiherrngeschlecht im Thurgau) nur Sprüche hinterlassen, 1 Bartsch, Schw. MS. Nr. IV, Liederd. Nr. dach, ADB. 29, 271 f. u. Reinm. 2 S. 415 f. XXXVII; R.M.Meyer, ADB. 37, 362 f.; 'Bartsch, Schweiz. MS. Nr. XXVIII; Gottschalk, Minneleich S.70ff. u. Anhang; Roethe, ADB. 30,457; Burdach, ADB. 25, Mohr, D. unhöf. Element S.74ff.; Singer, 611 f. u. Reinmar 2. Aufl. S. 376-78; Singer, Malterl. Lit. aaO. S. 22 zweifelt, ob der Taler Mittelalterl. Lit. der dt. Schweiz S. 19; Ders., Schweizer oder Schwabe ist. Rosenhagen, Stammler Verfasserlex. 1, 474. Reallex. 2, 354. »Bartsch, Schw. MS. Nr. V; Burdach, 2 Bartsch, Schw. MS. Nr. X; A.Schumann, ADB. 25, 611 f. u. Reinmar 2. Aufl. S. 376 ff.; ADB. 28, 260; Schulte, ZfdA. 39, 227; Sin- Pfaff, Minnes. in Baden S. XIV; Kluck- ger, Malterl. Lit. aaO. S. 150. höhn, ZfdA. 52, 154; Wallner, Beitr. 33, 3 Bartsch, Schw. MS. Nr. XI, Liederd. 526. — Pfeffel, österreichischer Spielmann: Nr. LXIV; Wilmanns, ADB. 16, 189; Pfaff, Roethe, Reinm. S. 181, s. auch S. 37. Minnesang in Baden S. XIV f.; Singer, M- 9 Bartsch, Schw. MS. Nr. VII; Roethe, alterl. Lit. aaO. S. 148 f. Reinm. Reg. S. 642; Singer, Malterl. Lit. 4 Bartsch, Schw. MS. Nr. VIII, Liederd. aaO. S. 134. 139. Nr. LX; R. M. Meyer, ADB. 37, 584; Schul- 10 Bartsch, Schw. MS. Nr.XXIX; Roethe, te, ZfdA. 39, 212. 233; Singer, Malterl. Lit. ADB. 29, 759; Schulte, ZfdA. 39, 229 u. Lbl. aaO. S. 148 f. 1897, 262 f; Baechtold, LG. Anm. S. 45; 5 Bartsch, Schw. MS. Nr. XV; Gottschalk, Singer, Malterl. Lit. aaO. S. 138; Halbach, Minneleich S. 60 ff. Stammler Verfasserlex. 1, 337 f. (mit. Lit.). 6 Bartsch, Schw. MS. Nr. XXXII; Bur- 280 Die lyrische Dichtung die sich innerhalb der Durchschnittssphäre halten (17 Strophen in ein und demselben Ton), über Tugenden und Laster oder religiösen Inhalts. Nicht ganz sicher ist, ob der Hardegger 1 dem schweizerischen Ministerialengeschlecht von Hardegge angehört hat (St. Gallen, ein Heinr.v.H. urkundlich 1227-75); seine 15 moralischen und religiösen, auch politischen Sprüche (3 Töne) kennzeichnen ihn als einen ernsthaften, nachdenklichen und frommen Mann. Von dem bürgerlichen Spruchdichter Gast 2 sind 2 Sprüche vorhanden. Eine außerordentliche Stellung im ganzen Minnesang, nicht nur unter den Schweizern, nehmen Steinmar und Hadlaub ein: sie sind die stärksten Vertreter des Übergangs von der alten idealisierenden Kunst zur neuen Geistesform des Realismus, ja des Naturalismus und Materialismus. Bei ihnen ist das Ende der Blütezeit ritterlicher Romantik und der Beginn der Herrschaft bürgerlich praktischer Denkweise klar erkennbar, bei Steinmar noch mehr als bei Hadlaub. Schon bei einigen der vorhergehenden Lyriker haben wir Spuren der Zersetzung der alten Kunst getroffen. Steinmar, 3 Berthold Steinmar von Klingnau, war Ministeriale Walthers v. Klingen. Eine feste Datierung gibt die Erwähnung von Wien (III, 26), wo er wohl 1276 die Belagerung im Heere Rudolfs v. Habsburg mitgemacht hat; die Winterfahrt nach Meißen (XII, 35) kann sich auf Rudolfs Feldzug von 1277 oder 1289 beziehen. Seine Lieder (vierzehn) bewegen sich ethisch in einer absteigenden Linie. Von einer edeln, fast ehrfürchtigen Minne getragen ist das erste Lied seines Frauendienstes (Nr. 2), liebende Sehnsucht spricht aus Nr. 3, konventionell sind Nr. 6 und 13, aber in Nr. 10 schleicht sich schon ein barockes Bild im Kehrreim ein, in Nr. 4 und 9 werden die Bilder unhöfisch (4, 30. 9, 28), Nr. 12 schließt ironisch, und in Nr. 7.11.14 vollends besingt er Dienstmägde; die Parodie ist vollkommen, da die niederste Minne in höfische Ausdrucksweise gekleidet ist. Eine günstige Gelegenheit zur Lächerlich- machung des höfischen Kunstliedes gab ihm das Tagelied: rationalistisch zergliedert er die Vernunftwidrigkeit des Wächtermotivs (Nr. 5); sein stärkstes Stück aber ist das zweite Tagelied (Nr. 8), wo die Stelle der Liebenden ein Knecht und eine Magd einnehmen und die Situation dementsprechend ausgemalt ist. Endlich hat dieser urkräftige Dichter neue Bahnen eingeschlagen in seinem Herbstlied 4 (Nr. 1), wo an Stelle des Maien der Herbst gefeiert wird als Zeit der Schlemmerei und Völlerei; es ist ein köstliches Kneip-, Freß- und 1 Bartsch, Liederd. Nr. XLV; Burdach, Minnes. St., 1886; R. Meissner, Bertold Stein- Reinm. 2 S. 410; Loewenthal, Stud. z. germ. mar v. Klingnau u. s. Lieder, 1886. — Franz Rätsel S.69-71.147; Singer, Malterl.Lit.aaO. Schultz, Steinmar im Straßbg. Münster, ein S. 134, 139. Bartsch schließt den H. von den Beitr. z. Gesch. d. Naturalismus in Deutschi. Schweizer Minnes. aus und Wilmanns, ADB. 1922, s. ZfdPh. 49, 248 f., dazu Schröder, 10, 558 zweifelt an seiner Schweizer Herkunft. Anz. 42, 81 f.; Mohr S. 88 ff.; Stosch, ZfdPh. 2 Bartsch, Schw.MS. Nr. XVI. — Elisabeth 32, 138 f. (Stelle); Brinkmann, Dt. Vjschr.3, Karg, Stamml. Verfasserlex. 2,182 f. 638; Rosenhagen, Reallex. 1, 209; Singer, 3 Bartsch, Schw. MS. Nr. XIX, Liederd. Malterl. Lit. aaO. S. 26. 153 ff. 183. Nr. LXXVI; R. M. Meyer, ADB. 35, 746-8; i Über franz. „Speiselieder" s. Schönbach, Alfr. Neumann, Üb. d. Leb. u. d. Gedichte d. Anfänge S. 111. Die Schweiz (Steinmar. Hadlaub) 281 Zechlied. Damit hat Steinmar die später beliebte Gattung der Schlemmerund Martinslieder begründet (Neumann S. 85-94; Meißner S.94ff.). Johannes Hadlaub, 1 Bürger in Zürich (1302 kauft er ein Haus, war verheiratet, f vor 1340), ist geschichtlich in der Literatur bekannt durch seinen Bericht über die Liedersammlungen derManesse (Nr. 8, s.oben). Nachahmer Steinmars, doch eine weichere Natur, besitzt er nicht dessen urwüchsiges dichterisches Talent und auch nicht seine Sprachgewandtheit (54 Lieder, die größte Zahl, die wir von einem Schweizer besitzen). Er ist so recht ein Vertreter der nach dem Absterben der Ritterromantik zur Herrschaft gelangten bürgerlich-nüchternen Richtung. Er dichtete noch eine Masse konventioneller Minnelieder, wobei er doch oft eigene Eindrücke einfließen läßt: er sieht die Frauen in schönen Baumgärten oder auf der Straße gehen, den Winter beklagt er, weil die bergenden Gewänder den süßen Anblick verhüllen; auch tadelt er aus diesem Grunde die breiten Hüte, die in Österreich Mode sind (Nr. 11). Aber man spürt doch, daß ihm die ritterlich höfischen Formen nicht mehr innerlich geläufig sind. Seine 4 Tagelieder sind philiströs: si lät in käme varn, er sol si läzen weinen rät der furchtsame Wächter (14,14), wir suln uns län ge- nüegen, daz wir die naht warn frcelich sament gar tröstet die Frau (34, 20, s. ferner Nr. 33. 50, verwandt ist das Abendlied Nr. 51, in dem die Frau den Geliebten einläßt). Der Abstand der rohen Epigonenmanier gegen die zarte Kunst, den edeln Stil der Blütezeit tritt grell hervor in zwei Liedern (Nr. 35. 41), in denen Hadlaub Walthers „Unter der linden" nachahmt: der feine Duft ist weg und roh-sinnlich ist der Schluß. Aber in der Schilderung des Blumenbettes, in der er sich nicht genug tun kann mit der Aufzählung all des Schönen, womit er das Lager ausstatten will, kündet sich schon der Stil des späteren Volkslieds an. Und doch hat dieser Züricher Hausbesitzer in seiner Jugend einen Minneroman gehabt, wie es höfische Sitte war. Lichtenstein stellt Minneleben episch dar, Hadlaub flicht es in einen Liederkranz, und in diesen Liedern gibt er sein Bestes, seine individuellen Erlebnisse (Nr. 1-6). Sie sind harmlos, aber gerade die naive Wirklichkeit dieser Kleinmalerei hat besondere Reize. Als er vor der Geliebten stand und sie ihn hart behandelte, schwanden ihm die Sinne und er fiel ohnmächtig zu Boden; hohe Herren — er nennt sie mit Namen — baten die Geliebte für ihn, sie reicht ihm, ungnädig genug, ihr Nadelbüchschen. Als Pilger verkleidet, heftet er, als sie zur Messe geht, einen Liebesbrief an ihr Gewand. Er sieht sie ein Kind liebkosen, er umfängt es und küßt es auf die Stelle, die ihre Lippen berührt hatten. Aber diese schmerzlich süßen Gefühle hören in der folgenden Wirklichkeit auf. In schriller Dissonanz ertönt das Geschrei der Kinder, wenn der unbemittelte Ehemann Brot und Käse 1 Bartsch, Schw. MS. Nr. XXVII, Liederd. zerdeutsch S. 105 ff.; Naumann, Reallex. 1, Nr. LXXXVII, ADB. 10, 301 f.; Roethe, 86; Rosenhagen ebda 1,209. 2, 364; Singer, Reinm. S. 127 Anm.; Gottschalk, Minne- Malterl.Lit.aaO.Reg.S.206.;GüNTHERWEYDT, leich S. 72 ff. u. Anhang; Steller, Beitr. 45, Johannes Hadlaub, GRM. 21, 1932, 14-32; 307 ff.; E.Stange, ZfdA. 52, 276-9 (urkundl. Schröder, Hadlaub u. Manesse, ZfdA. 70, Nachweise); Mohr S. 96 ff.; Singer, Der 36-42; Singer, Stammler Verfasserlex. 2, Lesezirkel, 15. Jahrg. 1927/28 S. 75 ff., Schwei- 141^3. 282 Die lyrische Dichtung herbeischaffen soll, und die Frau klagt, daß sie je zu ihm ins Haus kam, weil kein Holz und Schmalz, kein Fleisch noch Wein da ist (Nr. 7). Und doch dient diese Erfahrung nur als Kontrast zu einer Liebesklage an seine frouwe. Der Zwiespalt zwischen der edlen Stilisierung des Lebens und der bitteren Welt der Tatsachen ist nicht ausgeglichen, wenn dies auch manchmal versucht wird. So ahmt Hadlaub auch Neidhartsche Dorfpoesie nach in einer Dörper- szene (Bauernhändel aus Eifersucht, Nr. 15). In dörflicher Umwelt spielen seine Erntelieder, eine ihm eigene Gattung: Aufforderung an die Mägde und Knechte zur Ernte und ihren massiven Freuden, wol üfin d'ern, diu hcehet muot, in höfischer Einkleidung (Nr. 22. 24. 43). In den Herbstliedern folgt er dem Vorgang Steinmars (Nr. 18. 20. 44), doch am Schluß verläßt er den groben Ton und beklagt in minnesingerischer Empfindsamkeit die verschwundene Sommerschönheit. Nachahmer Neidharts ist Goe 1 i 1 (Diethelm Goeli miles in Baseler Urkunden 1254-76) in seinen 4 Dörperliedern mit den üppigen,händelsüchtigen Bauern; nur daß er die Bauernszenen in Sommerreihen statt im Winter sich abspielen läßt, der Schauplatz ist der Wasen, nicht die Stube. Im vierten Lied klagt der Dichter, ebenfalls ein Neidhartsches Motiv benutzend, über einen geckenhaften Dorfhelden, der ihm eine Schlappe beigebracht hat. Die niederalemannischen Dichter Die niederalemannischen Dichter (südliche Hälfte von Baden und dem Elsaß) ragen über den Durchschnitt nicht hinaus und bieten nichts Bemerkenswertes, auch sind nur wenige Lieder von jedem erhalten. Im heutigen Baden: 2 Bruno von Hornberg (4 Lieder, darunter ein Tagelied); Brun- wart von Ougheim (jetzt Auggen im Breisgau, 5 Lieder); Von Buochein, der vielleicht bei Freiburg zu Hause war (3 Lieder, gehen zum Teil auch unter anderen Namen). Meister Walther von Breisach war Schulmeister daselbst, später in Freiburg (urkundlich 1256-1303, 2 religiöse Lieder und ein Tagelied, 6 Sprüche). Im Elsaß: 3 Hawart, vielleicht aus einer Stadtadelfamilie in Straßburg (4 Lieder), gibt in einer Klage über den Übeln Zustand der Christenheit und über die Heidenschaft im Heiligen Land (Lied 1) historische Anspielungen (Tod Konrads IV. 1254, Kreuzzug wahrsch. 1270), auch in Nr. 2 setzt er sich für die Befreiung des Heil. Grabes ein; Nr. 3 ist ein Wechsel Nr. 4 ein Minnelied. Goesli von Ehenheim (südlich von Straßburg, ur- 1 Bartsch, Schw. MS. Nr. XII; Herzog, Stammlers Verfasserlex. 1, 305 f. Buochein: Germ. 31,326; Pfaff, Minnes. in Baden S. Pfaff S. XIII u. 12 ff.; Roethe, Reinm. XIV; Mohr S. 68 f.; Suolahti, Mem. de la S. 179 Anm. 219; Halbach, Stammlers Ver- Soc. neo-phil. de Helsingfors 6, 1919, 109 ff.; fasserlex. 1, 328f. Walther v.Breisach: Pfaff Schröder, Anz. 38, 168; Rosenhagen, Real- S. XIII u. 16 ff. lex. 1,208; Singer, Schweizerdeutsch S. 117, 3 Hawart: Grimme, Die rhein.-schwäbi- Malterl. Lit. aaO. S. 151 f., Stammler Verfas- sehen Minnesänger, 1897, 69-75; Schulte, serlex. 2, 57 f. ZfdA. 39, 239; Halbach, Stamml. Verfasser- 2 Hornberg: Pfaff, Minnesang in Baden lex. 2, 228-30; Goesli: Grimme S. 65 f. u. S. XII u. 6 ff.; Schulte, ZfdA. 39, 226 f; Alem. 22, 34. Der Püller, Grimme S. 75-81; Halbach, Stammlers Verfasserlex. 1, 302 f. Schulte, Lbl. 1897, 265; Rosenhagen, Oughein: Pfaff S. XIII u. 26 ff.; Halbach, Stammlers Verfasserlex. 2, 59 f. DIE NIEDERALEMANN. DICHTER. RHEINFRANKEN. OSTFRANKEN 283 kundlich 1242-76), von dessen 2 Liedern eines mit innerem Reim geschmückt ist. Der Püller , ein adliger Dichter, der in einem seiner 5 Lieder seine Sehnsucht nach der Geliebten im Elsaß klagt, während er in Österreich weilt, wahrscheinlich bei dem Feldzug Rudolfs v. Habsburg gegen Ottokar, 1276. Rheinfranken. Ostfranken Geographisch reihen sich einige wenig hervortretende rhein fränkische 1 adlige Lyriker an. Der von Wizzenlö (Wiesloch, südlich von Heidelberg), von dem 4 wohlgebildete Tagelieder erhalten sind, dessen schönstes (Nr. 2) statt mit einer leidenschaftlich erotischen Abschiedsszene mit einem süezen segen der Frau schließt. Graf Friedrich von Leiningen (linksrhein. Pfalz), von dem ein Abschiedslied vor einer Apulienfahrt (wahrscheinlich 1210) überliefert ist, dem ebenfalls eine warme Innigkeit eingeprägt ist durch den Segenswunsch der Frau. Von Wilhelm von Heinzenbürg (wahrscheinlich Heinzenberg im Kreis Kreuznach, urkundlich 1263-81) gibt es 6 Minnelieder gewöhnlichen Stils. Rudolf der Schreiber, 2 ein bürgerlicher Minnesänger, ist aus seinen 3 Minneliedern (eines davon ein Walther nachgeahmtes Vokalspiel) dialektisch schwer zu bestimmen (leicht fränkische Färbung?). Ostfranken ist — außer durch Wolfram mit seinen Tageliedern und Konrad von Würzburg (s. oben) — nur durch einen Minnesänger vertreten, Graf Otto von Botenlauben 3 (bei Kissingen, urkundlich oft 1197 ff., darunter aus Italien und Syrien, gest. 1245). Seine Lieder fallen noch in die Zeit Walthers v. d. Vogelweide. Das Frauendienstlied ist nicht seine Sache, sein Sang von Minne ist überhaupt oberflächlich; langweilig in Inhalt und Form ist sein Minneleich. Meist faßt er sich kurz in einzelnen Strophen. Sein auf den Kreuzzug (1197) bezügliches Lied, ein Wechsel (Nr. 12), geht über eine Liebeserklärung der beiden Minnenden nicht hinaus und ist so fern aller religiösen Empfindung, daß er sich sogar zu blasphemischer Übertreibung versteigt: er stellt sie so hoch wie das Himmelreich, und sie hat ihn gar sich zum Gott erkoren. Empfindung liegt in dem Frauenlied Nr. 4; Nr. 9. 14.4 lassen sich zu einem kleinen Tageliedroman zusammenfassen; Nr. 13 ist ein selbständiges Tagelied. Ostfranken war wahrscheinlich auch die Heimat Des von Brauneck (von Brünecke), i von dem aber keine Lieder mehr erhalten sind und der nur durch Hugo von Trimberg bekannt ist, der ihn unter andern Minnesängern mitaufzählt (Renner ed. Ehrismann V. 1186). 5 1 Wizzenlö: Grimme S. 48-56; Pfaff S. " Burdach, ADB. 29, 569 u. Reinm. 2 S. 374. VIII u. 1 ff.; Schulte, ZfdA. 39, 228.— Lei- a Bartsch, Liederd. Nr. XXVI; v. Kraus, ningen: Bartsch, Liederd. Nr. XXXI Grimme S. 22-32; Roethe, Reinm. S. 583 Schröder, Zwei ad. Rittermaeren 1 S. XIII Übungsb. 2 S. 188-200. 292; ADB. 3, 193. — Saran, Berl. JB. 1898, VII, 132 (S. 103 f., Leich); Gottschalk, Minneleich; Steller, Karg, Stammlers Verfasserlex. 1, 693 f. — Beitr. 45, 307 ff.; Angermann, Wechsel S. Heinzenburg: Grimme S.81-92; Schnei- 185 f.; Schneider, beitr. 47, 231 f. u. Reallex. der, Beitr. 47, 235. Über Konrad v. Bicken- 2,140; Brinkmann, Dt. Vjschr. 3, 638. — bach s. Grimme S. 56-65. — Rudolf der Übersetzg.: J. Leusser, 1929. Schreiber: Burdach, ADB. 29, 569 u. Rein- 4 Halbach, Stammlers Verfasserlex. 1, 289f. mar 2 S. 374; Grimme S. 208 f. u. Alem. 22, 6 Ein Minnesinger Fuoz wird in einem Loß- 40-2. buch des 14./15. Jhs. genannt, Fuz der puler, 284 Die lyrische Dichtung In Thüringen scheint der Minnesang seit Morungen gepflegt worden zu sein. Die uns bekannten Sänger dieser Landschaft sind freilich, außer Hamle, von seinem Geist wenig berührt, doch sind ihre Daktylen („gemischte Daktylen", s. ob. bei Morungen) vielleicht durch Morungens Rhythmik bestimmt. — Dichterisches Talent besitzt nur Kristan von Hamle 1 (um 1225). Energisch in der Auffassung der umgebenden Welt hat er etwas von der Leidenschaft und Anschauungskraft Morungens. Hier treffen wir auch die Unterscheidung von Minne und Liebe: diu liebe hat die minne überwogen MSH. 1, 112a. Das letzte seiner 6 Lieder ist ein Tagelied, in dem der Dialog auf den Wächter und die Frau beschränkt ist. — Diese Thüringer lassen ihre heimische Mundart zu, während die Oberdeutschen die Literatursprache einhalten. Unbedeutend sind die späteren Kristan von Lupin (urkundlich 1292 -1312, 7 Lieder) und Hetzbolt von Weißensee (urkundlich 1312-45, 8 Lieder). Die drei vorhergehenden gehörten dem Dienstadel an, derTugend- hafte Schreiber war wohl bürgerlicher Herkunft. Er ist den Thüringer Minnesängern zuzurechnen, obgleich seine Lieder keine mitteldeutschen Merkmale aufweisen. Seine Lieder, zum Teil in Daktylen, sind ohne originelle Gedanken anmutig im Ausdruck. Als Thüringer ist wohl auch Der Dürinc anzusprechen, ein Minnesänger bürgerlichen Standes, der in seiner verkünstelten Art schon an das Ende des 13. Jahrhunderts gehört. Der von Kolmas, einem thüringischenMinisterialengeschlechte angehörend (urkundlich 1260ff.), nimmt den Vorhergehenden gegenüber eine Sonderstellung ein. Das einzige von ihm erhaltene Lied, in Daktylen, mahnt von tief religiösem Ernste getragen, wenn auch nicht originell, an die Unstäte des irdischen Lebens, in dem wir nur Pilgrime sind, und preist den, der mit Eifer um jenes Leben wirbt, wo niemand stirbt. Man fühlt Gedanken und Stimmung von Walthers Elegie, auch von dessen Absage an die Frau Welt hier mitschwingen. Der Osten. Niederdeutschland Im östlichsten Siedelungsboden und in Niederdeutschland hat die sentimentale Minnemode nicht Wurzel gefaßt, nur an fürstlichen Höfen fand diese hochdeutsche Gesellschaftsform Eingang. Der niederdeutsche Minnesang fällt also in den Bereich einer Gruppe von fürstlichen Dichtern. Die niederdeutsche Dichtersprache war „temperiertes" Mitteldeutsch (s. oben). In ihren Liedern herrscht der edle Stil einer vornehmen ritterlichen unter buoler ist „Minnesänger" gemeint. Es u. seine Beziehungen zum „Tugendh. Schreigab eine adelige Familie Fuoz in Baiern, ur- ber", Mitteil. d. Ver. f. Gothaische Gesch. u. kundl. belegt im 13. Jh., zuerst 204. — Schrö- Altertumsforsch. 1907-09. Der Dürinc: der, ZfdA. 61, 127. MSH. II, 25—8. IV, 318 f.; Pfaff, Heidelbg. 1 Hamle: Elise Walter, Verluste auf dem Liederhs. Sp. 757-62; Halbach, Stammlers Gebiet der mhd. Lyrik; Bartsch, Liederd. Verfasserlex. 1,462 f. (mit Lit.) Kolmas: Nr.XXXII! Wilmanns.ADB. 10,477. Lupin: Bartsch Nr. XIII; Das Lied war von Lach- Bartsch Nr. XCIII; R. M. Meyer, ADB. 41, mann u. Haupt in MF aufgenommen worden, 609f.;GoTTSCHAuaaO.Dertugendh.Schrei- ist aber jünger, Vogt hat den Dichter deshalb ber: Bartsch, Nr. XXIV; Simrock, Wart- in seinen Neuauflagen von MF. weggelassen.— burgkrieg (s. ob.) S. 284 f.; Roethe, Reinm. Schröder, ZfdA. 70, 120; Elisabeth Karg, S. 270; H. Hess, D. Mönchhof bei Manebach Stamml. Verfasserlex. 2, 290 f. Der Osten. Niederdeutschland 285 Kultur. Sie folgen der Tradition, ihre dichterischen Gedanken bewegen sich in dem herkömmlichen Kreise, wobei, wie das bisher überall zu beobachten war, einzelne eigene Züge aus der Fläche hervorstechen. Der Herzog von Anhalt 1 (Heinrich I., regierte 1212-45), des Landgrafen Hermann von Thüringen Schwiegersohn, zieht kräftig gegen die bösen Schalke los, die seine Minne anfeinden. Zart ist das zweite seiner beiden Lieder: Tritt weg, laß mich den Wind anwehen, der kommt von meines Herzens Königinne. Der Markgraf Heinrich (III.) von Meißen (lebte 1218 -88, Sohn Dietrichs von Meißen, des Gönners Morungens und Walthers, 6 Lieder) ist stark ethisch gerichtet; zuht verlangt er, die sich selbst bewahrt und keine Wächter und Hüter braucht. Auch der Markgraf Otto (IV.) von Brandenburg (reg. 1266-1308, 7 Lieder) hat eine hohe Meinung von der Minne: sie lehrt, von der Sünde zu lassen und macht ein frohes Herz. Leider besitzen wir von dem Herzog Heinrich (IV.) von Breslau (reg. 1270-90) nur zwei Minnelieder. Sie zeugen in ihrer lebendigen Verkörperung der Natur und in ihrer dramatischen Vorführung, dazu in ihrem kontrastwirksamen Abschluß von einem dichterischen Einbildungsvermögen. Unter König Wenzel I. und Ottokar herrschte am böhmischen Hof durchaus deutsche Sprache und Kultur, beide Fürsten wurden von deutschen Dichtern als Gönner gepriesen. König Wenzel II. von Böhmen (Sohn Ottokars, gest. 1305) übernahm den Kunstsinn seiner Vorfahren, wofür er ebenfalls das Lob verschiedener deutscher Dichter erntete. In dem dritten seiner 3 Lieder, einem Tagelied, bringt er eine eigene Auffassung an: es wird über die Ablohnung des Wächters verhandelt! Aber vereinzelt steht im Minnesang ein Vers wie: ich brach der rösen niht, unt hat ir doch gewalt (MSH. I, 9a). Mit dem schönen Spiel der Sangeskunst schmückten auch die norddeutschen Höfe ihr gesellschaftliches Leben, indem sie fahrende Spielleute vortragen ließen oder, wenn sie es vermochten, selbst produktiv waren. Der Fürst Wiz- 1 Anhalt: Bartsch, Liederd. Nr. XXVII; S. 164. 226. 349, Reimvorreden S. 60 ff. 66. Roethe, Reiqworreden S. 59. H. v. Meißen: 87; Roethe, Der Ungelehrte, ADB. 39, 280f.; Bartsch Nr.Till; Roethe, Reinm. S. 76; O. Knoop, Fürst W. v. R. u. d. Ungelarte, Rosenhagfn, Stamml. Verfasserlex. 2, 299; Balt. Stud.33, 1883, 272-89, s. auch ebda 34, Stelle: ÖHMANN,Neuphilol. Mitteil. 31, 1930, 277-308; Wallner, Beitr. 33, 540-2; Loe- 235 f. Otto v. Brandenburg: Bartsch wenthal, Stud. z. germ. Rätsel, 1914, 67-9, Nr. LXXX; Burdbach, ADB. 24, 661-63 dazu Wallner, Beitr. 44, 115; Günth. Mül- u. Reinm. 2 S. 417-19; Roethe, Reimvorreden ler, Dt. Viertelj. 1,1923, 90 ff.; Alb. Döl- S. 59. H.v. Bresslau: Bartsch Nr. LXXXI; ling, Die Lieder W.s III. v. Rügen, klangl. u. Heinr. Rückert, Kl. Sehr. 1,1877, 211-7; musikal.untersucht, Leipz. Diss. 1926, Masch.- Konr. Wuttke, D. Minnes. H. v. Pressela in dr. Joh. v.Brabant: BARTSCHNr. LXXXII; d. bish. Beurteilg., Zs. d. Ver. f. Gesch. Schle- H. Boerma, Tijdschr. f. nederl. Taalk. 15, siens 56, 1922, 1—32; Wenzel v. Böhmen: 1896, 220-381 teilt die Lieder in ursprüngl. Bartsch Nr. LXXXIII; s. auch Martin, mittelniederl. u. mhd.; Kalla, Haager Lieder- Anz. 3,108; Just. Lunzer, ZfdA. 53, 260-74. hs. (s. ob.) S. 10 f. zweifelt an d. Verfas- Wizlav: Bartsch Nr.LXXXIV; Pyl, ADB. sersch. Joh.s v. Brab. — Schröder, Stud. 43,684-8; Erich Gülzow, D.Fürsten Wizl.v. zu K. v. Würzb. V, Gott. Nachr. 1917, 126. R. Minnelieder u. Sprüche, in Pyls Ubersetzg. Kön. Konrad: Bartsch Nr. LXV; K. Wel- neuhgb. mit einer Einführg. in W.s Leben u. ler, Württembg. Vierteljahrshefte f. Landes- Dichten, 1922, dazu Günther Müller, Dt. gesch. NF. 34, 1928/29, H. 1/2. Vjschr. 5, 1927, 123. — Roethe, Reinm. 286 Die lyrische Dichtung lav(IIL) von Rügen 1 (reg. 1302-25) gebrauchte, wie die andern Niederdeutschen, das Mitteldeutsche als Dichtersprache, doch mit niederdeutschen Ausdrücken, besonders in den Reimen. Eine gewisse manchmal durchbrechende Natürlichkeit bringt uns seine sonst in dem herkömmlichen Geleise sich bewegenden Minnelieder (14) näher: Aufgeschlossen ist der Schrein, meine Fraue macht sich fein, sie tritt heran, als ob sie spräche: „Seht mich an, ihr Mädchen, Weib und Mann" (Nr. 11). Am besten gelungen sind ihm die fröhlichen Maitanzlieder; sein Herbstlied in der Manier Steinmars und Had- laubs ist nicht so wirtshausmäßig. Seine Stärke aber liegt in der Komposition; seine Lieder sind nur in der Jenaer Hs enthalten, mit Melodien. Auch das Formenspiel des Strophenbaus deutet auf Sangbarkeit. Entgegen der Gepflogenheit der vornehmen Minnesinger hat er auch Sprüche verfaßt (13). In diesen, meist religiösen, auch moralisierenden Inhalts (nur ein Huldigungsgedicht ist darunter, an den Grafen Erich von Holstein, und ein Rätsel), ist er nur Nachahmer, ja selbst Ausschreiber früherer Spruchdichter. Stark mundartlich gefärbt in Sprache und Wortschatz sind zum Teil die 7 Liederdes Herzogs Johann von Brabant (gest. 1294; er erscheint in Konrads von Würzburg Turnei von Nantheiz). Besonders anmutig ist die Pastourelle (Nr. 2), in der alles Anzügliche vermieden ist. — Hier sind anzuschließen die niederländischen Minnesprüche von einem ungenannten Berufsdichter aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. 2 König Konrad der Junge (Konradin, geb. 1252, gest. 1268) ist durch 2 konventionelle Minnelieder vertreten. Eine tiefere Bedeutung gewinnen die letzten Worte seines zweiten Liebeslieds für den, der das tragische Schicksal dieses Jünglings bedenkt: ich weiß nicht, was Minne ist, ich bin der Jahre ein Kind. 3 Die uns in den Handschriften überlieferten Lieder sind nur Bruchstücke aus dem reichen lyrischen Dichterwald des Minnesangs. Die meisten Gelegenheitsgedichte wurden gar nicht aufgeschrieben, viele in weiteren Umlauf gesetzten Lieder sind verloren. Wir besitzen noch einige Namen untergegangener Dichter (Wackernagel, LG. 1 2 , 306 Anm. 24, auch S. 296 Anm. 38). 1 Bartsch, Liederdichter Nr. LXXXIV; 617 f., Ehrismann, Lbl. 1930, 85 f., Piquet, Ausg.: Ettmüller, 1852; weitere Lit. bei Rev. germ. 20, 1929, 162. Bartsch ; dazu: Erich Gülzow, Der älteste 3 Der Verf. ist nicht Konradin, sondern Kö- pommersche Dichter, Unser Pommerl. 10, nig Konrad IV: Karl Weller, Württemberg. 1925, 451-55. Vierteljahrsschr.f.Landesgesch.NF.34,37^3; 3 Erik Rooth, Ein neuentdeckter niederld. Schröder, Anz. 50, 91 f.; Ders., GRM. 20, Minnesänger aus d. 13. Jh., Lund 1928, dazu 7/8, 1932. Schröder, Anz. 47,186, van Dam, DLz. 1929, III. DIE SPRUCHDICHTUNG A. ALLGEMEINER TEIL Lit.: Bartsch, Deutsche Liederdichter, 4. Aufl. v. Golther, 1901; Scherer, Spervogel, Dt. Stud. I, Wien. SB. 64, 1870, 283 ff., 2. Aufl., Dt. Stud. I u. II, besorgt von Heinzel, 1891; Burdach, Reinmar d. Alte u. Walth. v. d. Vogelw., 1880, 2. Aufl. 1928; Roethe, Die Gedichte Reinmars v. Zweter, 1887; Schneider, Reallex. 3,287-93; Stammler, ebda 4, Nachträge S. 58-65. LG. I, 53-55 u. Reg. S. 467; II, 1, 284 ff. u. Reg. S. 357; II, 2 Reg. S.348; s. diesen Band 11,3 oben S. 1 ff. — Die weitere Literatur s. in den folgenden Anmerkungen. Geschichte der Spruchdichtung Lebenserfahrung und religiöse Weltanschauung, in sprichwörtliche und auch in poetische Form gefaßt, gehört zu den Früherzeugnissen einer Volkskultur. Reich an solcher Spruchweisheit ist die altnordische Literatur, und Gedanken des Hävamäl kehren in der mhd. Spruchdichtung wieder. 1 Wandernde Sänger und auch Hofdichter mögen schon in der Frühzeit, in den germanischen Stammesreichen, mit den Heldenliedern auch solche in Verse gebundene Spruchweisheit vorgetragen haben. Auch aus der älteren mittelhochdeutschen Zeit haben sich einige Sprüche erhalten: 2 Die beiden Dichter, deren Sprüche die Handschriften unter dem Namen Spervogel überliefern (s. oben), sind die Ausläufer einer früheren Gattung der Spruchdichtung von einfacheren Formen und leicht faßlichem Gehalt. 3 Walther von der Vogelweide hat diese Kleindichtung zu einer literarisch anerkannten Wortkunst erhoben, er hat ihre Geschichte in neue Bahnen gelenkt. Er ist der erste, der Minnelied und Spruch zusammen beherrschte. Zugleich adligen Standes und doch ein Fahrender, hat erden Spruch sozial erhöht, sein Gebiet erweitert und hat ihn zu einem weltpolitischen Organ ausgebildet. Von ihm ist die ganze folgende Spruchdichtung abhängig, entscheidende neue Motive sind außer den gelehrten Strebungen nicht hinzugekommen, doch ist das dichterische Pathos geringer geworden. Um die Mitte des Jahrhunderts, als die Blütezeit des Rittertums abzusterben begann und das Bürgertum zu Machtmitteln und Ansehen gelangte, machten sich die Anzeichen eines neuen Kulturbewußtseins bemerkbar. Ein realistischer und praktischer Zug kommt in die Lebensauf- 1 Müllenhoff, Dt. Altertumskunde 5, 1883, welche sie gewiß auch im Lauf der Zeit be- 282; R. M. Meyer, D. altgerman. Poesie einflußt wurde (Nickel, Sirventes u. Spruch- nach ihren formelhaften Elementen beschrie- dichtg., Pal. 63, 1907, dazu R. M. Meyer, ben, 1889; H.Naumann, Dt. Vjschr. 2, 777 Anz. 32, 234 f.; Brinkmann, Entstehungs- -94. — Siehe LG. I, 53-5 u. Reg. S. 467. gesch. d. Minnesangs, 1926, 83 ff.). — Endlich 2 MSD. Nr. XLIX; Scherer, Dt. Stud. 1,35 ist bei den fahrenden Sängern und ihrer Vor- [39]; Übermuot diu alte, MSD. II 3 312 f.; Stellungswelt auch an die nahen Beziehungen Scherer, QF. 12,1875, 109; Schönbach, Zf- zu den latein. Vaganten zu erinnern, mit denen dA. 38, 136 f.; Hildebrand, ebda 39, 5; Bur- sie vom Schulwissen her manche Motive ge- dach, Walther S. 267 f., Vorspiel I, 1, 58 f. — mein haben (Moll, Einfluß d. lat. Vaganten- Kögel, Gesch. d. dt. Litt. I, 2, 191; LG. I, dichtg., s. ob.; Brinkmann, Entstehungs- 53-7. gesch. S. 76-85). — Elise Walter, Verluste 3 Die mhd. Spruchdichtung ist mit der pro- auf d. Gebiet der mhd. Lyrik, 1933, Spruch- venzal. Gattung Sirventes verwandt, durch dichtung S. 97-125. 288 Die Spruchdichtung fassung, auch eine Neigung zur wissenschaftlichen Wertung, zur Gelehrsamkeit. Auf solcher Grundlage aber beruhte eben die Spruchdichtung, die somit dem Geist der Zeit entsprach. Stand und Leben der Spruchdichter Regel ist es auch nach Walther, daß der Minnesang ein Vorrecht des Adels bleibt, während den sozial niederer geordneten bürgerlichen Berufsdichtern die Spruchdichtung als Arbeitsfeld zusteht; doch ist diese Scheidung durchbrochen : Adlige ahmten Walthers Spruchdichtung nach, Bürgerliche singen auch von Minne. 1 Allerdings vereinigt keiner so wie Walther die beiden Kunstweisen in gleicher Höhe, und das Minnelied behauptet immer den höhern Rang in der künstlerischen, besonders musikalischen Ausführung gegenüber dem mehr populären, formal weniger ornamentierten Spruch. Anders lagen die Kulturverhältnisse im östlichen Mitteldeutschland und in Niederdeutschland, hier bestand eine soziale Trennung auch nach Walther zwischen adligen Minnesingern und bürgerlichen Spruchdichtern, und um die Mitte des 13. Jahrhunderts entsproßte dort der Liebeslyrik in der Pflege der Fürsten eine zweite, bescheidene Blüte (s. oben). Die bürgerlichen Berufsdichter machten aus ihrer Kunst ein Gewerbe zum Unterhalt ihres Lebens. Dieses mag bewegt genuggewesen sein. Viele Gehrende zogen heimlos umher, nicht viel höher geschätzt als die Spielleute, die wandernden Musikanten und Mimen. Wir sehen den fahrenden Mann, wie er seine Straße ziehend auf seinem müden Klepper der fremden Herberge zutrottet, oder neue Hoffnung auf ein fettes Trinkgeld schöpft beim Anblick eines Herrenhauses, wie er vor der vornehmen Gesellschaft seine Kunst zum besten gibt, den hohen Gönner preist, oder auch dem Hörerkreise ernste Lehren erteilt, um nach getaner Unterhaltung, wenn er Glück hat, mit einem getragenen Gewand oder sogar mit einem Pferd beschenkt 2 seine Wanderschaft von neuem zu beginnen. Anderen wurde ein glücklicheres Los zuteil: die etwa schon durch bessere Herkunft und größere Bildung in höherem Ansehen standen, oder durch starke Kunstbegabung zu literarischer Berühmtheit gelangt waren, konnten an Fürstenhöfen eine dauernde Stellung erlangen. Der Beruf wirkt auf die Formung des Charakters: sie leben von der Gunst der Reichen und werden bettelhaft, sie suchen sich hervorzutun durch Prahlereien und Wichtigmachen, die Konkurrenz mit Standesgenossen erzeugt Neid und Schimpflust, ihr über 1 Adlige verfassen Sprüche: Reinmar Lob nehmen: Burdach, Reinm. S. 132; v. Zweter u. s. oben Tannhäuser, Seven, Ha- Hertz, Spielmannsbuch 1 S. XXXI f. — Lit. wart, Singenberg, Wengen, Ringgenberg, zu den fahrenden Spruchdichtern: Müllen- Teufen, Pfeffel, Hardegger, Wizlav; Bürger- hoff, Zur Gesch. d. Nibelunge Not S. 20; liehe singen von Minne: der Marner, der Kanz- Scherer, Dt. Stud. I; Burdach, Reinm. ler, Meister Alexander u. s. oben Konrad von S. 130-9 u. Reg. S. 231; Roethe, Reinm.; Würzburg, Teschler, Winli, der Dürner, Wal- Piper, Spielmannsdichtg., Kürschners Dt. ther v. Breisach, Rudolf der Schreiber, der Nat.Litt. 2, 37 ff.; Naumann, Dt. Vjschr. Düring (s. Roethe, Reinm. S. 178-83). 2,791 f. — LG. II, 1, 284 ff. II, 3, und im 2 Guot umb ere nemen, Lohn für gespendetes folgenden mit den einzelnen Spruchdichtern. Allgemeiner Teil 289 das Alltagsmaß hinausgehendes Wissen Eitelkeit und Protzentum. Doch in den meisten Sprüchen herrscht eine ehrenwerte Gesinnung. In den Namen einiger bürgerlichen Spruchdichter drückt sich die unadlige Herkunft aus. Sie lebten gerade in der Zeit des Aufkommens der Familiennamen im 13. Jahrhundert. So sind geographisch nach der Heimat genannt: der Hinnenberger (= Henneberger), Urenheimer, Litschouwer, Reinold von der Lippe, der Meißner, Heinrich von Meißen; nach dem Stand: der Schulmeister von Eßlingen, Bruder Wernher, der tugendhafte Schreiber, Rudolf der Schreiber. Schon richtiger Familienname ohne Beziehung auf den Stand sind die Namen Marner und wohl auch Kanzler sowie Stolle, Regenboge. Echte Berufsnamen vom Sängergewerbe tragen: Reinmar der Fiedler, Singüf, Rüm- zlant (Räume das Land, vom Fahrenden, der heimatlos immer wieder das Land verläßt), auch Frauenlob, Suchenwirt, Suchensinn. Stolze Namen tragen Sigeher, der Unverzagte, völlig spielmännisch klingt der Teufelsname Helle- viur, so etwas wie Teufelsbraten, den Berthold von Regensburg in seiner 10. Predigt (Pfeiffer 1,156) unter den Namen aufzählt, die den vermaledeiten Spielleuten gehören (s. auch Wackernagel, LG. 1 2 , 132 Anm.; Namen Uhland 3, 203 f. 306 f.; LG. II, 1, 285 Anm. 1). Eine Art der Abstufung ergab sich durch den intellektuellen Gehalt der Dichtungen. Eine bevorzugte, oder doch sich erhaben dünkende Klasse bürgerlicher Spruchdichter bildeten die „Meister", 1 die durch eine aufgetragene Gelehrsamkeit sich hervortaten und höhere Kenntnisse lehrten, Kunst im mhd. Sinne, wo ars als Wissenschaft aufgefaßt wird, aufgebaut auf den sieben freien Künsten (d. i. Wissenschaften). Ihre Kunsttheorie war, daß man Dichten lernen könne. Kunst ist Studium, Wissenschaft. Diese auf ihr scholastisches Wissen eingebildeten „Meister" sahen oft mit Geringschätzung auf die gewöhnlichen, handwerksmäßigen Fahrenden und Gehrenden herab. Inhalt und Gehalt der Spruchdichtung Das ideale Erlebnis des Minnesangs wurzelt in einer Verfeinerung des Gefühlslebens und bedeutet eine zarte Seelenbildung bei edler Formenpflege. Auch die Spruchdichtung hat starke Kulturwerte, aber sie dringen nicht in die Tiefe des Gemüts, sie ruhen auf rationalistischer Basis. Der Rahmen für den Minnesang ist die Hofgesellschaft eleganter Damen und Herren, der Spruchdichter richtet seine Regeln zugleich an die breite Öffentlichkeit. Er ist Lehrer und Ratgeber, Politiker und Popularphilosoph, Aufklärer und 1 Jakob Grimm, Beweis, daß der Minnesang tering, Demutsformel S. 51-70; Stammler, Meistergesang ist, 1807, Kl. Sehr. 4, 12-21; Die Wurzeln des dt. Meistergesangs, Dt. Vier- Ders., Über d. ad. Meistergesang 1811; Uh- teljschr. 1, 529 ff.; Naumann, ebda 2,787 ff.; land 2, 284 ff. 3, 204. 208. — Fr. Grimme, Günther Müller, Walzeis Handb. 1927 Die Bezeichnungen her u. meister in d. Pariser S. 14 ff. — Siehe diese LitGesch. Bd. 4 unter Hs. der Minnesinger, Germ. 33, 437^8; O. Meistersinger. Plate, Straßb. Stud. 3,1888,156 ff.; Schwie- 19 Deutsche Literaturgeschichte IV 290 Die Spruchdichtung Literat, auch er lebt von der Gunst der Hofherrschaften (s. den Spruch des Meißners, MSH. III, 101 b ), aber seine Absicht ist sozialethisch gerichtet. Er beurteilt die politischen Weltläufte, er belehrt über die sittlichen und religiösen Normen, aber es ist ihm auch um sein persönliches Wohlergehen zu tun. Danach läßt sich das Gebiet der Spruchdichtung in großen Umrissen ordnen in politische, moralische, religiöse und persönliche Sprüche. 1 Die Weltpolitik ist bestimmt durch das Verhältnis der zwei herrschenden Mächte Kaisertum und Papsttum. Auch in der deutschen Spruchdichtung hat der Gegensatz Widerhall gefunden, zumeist in einem matteren Nachklang von Walthers leidenschaftlicher Parteinahme zugunsten des Kaisers. Auch die Schäden in den inneren Zuständen des Reichs werden erkannt und ans Licht gezogen. Die Zeitgeschichte selbst entscheidet die Stellungnahme der Dichter: politische Kampfstimmung herrscht unter der Regierung Friedrichs II. und Konrads IV., Klagen über den Verfall des Reichs treten hervor in der Zeit des Interregnums, innere Reichspolitik beschäftigt die Dichter vor allem unter Rudolf von Habsburg, und das Zurücktreten äußerer Machtfragen läßt persönliche Angriffe gegen diesen sparsamen Haushalter aufkommen. Die bedeutungsvollste Aufgabe des Spruchdichters war die Sittenlehre. Hier konnte er seinen Beruf als sozial bildender Kulturträger am wirksamsten erfüllen, und die moralischen Sprüche, anfangs wohl mehr sprichwortähnlich, gehören zum alten Bestand der lehrhaften Kleindichtung. Wiewohl sich die Gediegenen unter den Spruchdichtern ihres hohen Berufs bewußt waren, zeigt das selbstbiographische Bekenntnis des Meißners: Ez vräget ma- niger waz ich kunne. Ich spriche: ich bin ein lerer aller guoten dinge Unt bin ein rätgebe aller tugent, ich hazze schände (MSH. III, 103 Nr. 4; Hertz, Spiel- mannsb. 1 S. XL und 305). Allgemeingültige Belehrungen über Tugenden und 1 Lit. über die Stoffe der Spruchdichtung: Kunsttheorie: Vie'tor, Beitr. 46, 85-124; Bartsch, Liederd. 4 S. XXII ff.; Roethe, Schwietering, Demutsformel S. 42 ff.; Reinmar S. 176-257; Nickel, Sirventes u. Brinkmann, GRM. 1927, 193 f., Wesen und Spruchdichtg; Johanna A. Nijland, Ge- Form S. 10 f. — Tierfabel: W. Grimm, Tierdichten uit het Haagsche Liederhs., 1896, 60 fabeln bei d. Meistersängern, Kl. Sehr. 4, 366 -70; Brinkmann, Entstehungsgesch. S. 76 -94 (15. Jh.); R. Rodenwaldt, D. Fabel in -85. Siehe oben (Gattungen). — Politik: d. dt. Spruchdichtg. d. 12. u. 13. Jhs., Progr. Karl Menge, Kaisertum u. Kaiser bei d. Berlin 1885, dazu Strauch, DLz. 1886, 223 f.; Minnesängern, Progr. Köln 1880; H. Drees, P. Sparmberg, Zur Gesch. d. Fabel in d. mhd. D. polit. Dichtg. der dt. Minnesänger seit Spruchdichtg., Marbg. Diss. 1919, dazu Walther v. d. V., Progr. Wernigerode 1887, Strauch, DLz. 1919, 356 f. — Lügenmär- dazu R. Becker, Lbl. 1888, 294; H. Pinnow, chen: Uhland3, 223-37u.Anm.; K.Müller- Untersuch. z. Gesch. d. polit. Spruchdichtg. Fraureuth, Dt. Lügendichtungen bis auf im 13. Jh., Bonn. Diss. 1906; Eugen Müller, Münchhausen, 1881. — Bispel: Schneider, Beiträge z. Kenntnis d. öffentl. Meing. wäh- Reallex. 3, 288. — Rätsel: Uhland 3, 203 rend des Interregnums, Heildelb. Diss. 1912; -22 u. Anm.; Fritz Loewenthal, Stud. z. W. Geisler, Fürsten u. Reich in d. polit. germ. Rätsel, 1914, dazu Ranisch, DLz. 1915, Spruchdichtg. d. dt. MA.s nach Walther 1599, Abt, Lbl. 1916,41-3; R. Petsch, Rätsel- v. d. V., 1921. — Philosophie: H. Lüdtke, stud., Beitr. 41, 332-46. — Streitgedicht: Stud. z. Philosophie der Meistersänger, Pal. LG. I, 56 f. II, 2, 152 ff. II, 3 Reg. — Toten- 107,1911, dazu E.Geiger, Anz. 35, 216-24, klage s. ob. — Spruchdichtung und bil- Götze, DLz. 1912, 424f.; Helm, Lbl. 1914, dende Kunst: Burdach, Vorspiel I, 1,76. 276 f.; s. Kiessling unt. bei Frauenlob. — Allgemeiner Teil 291 Laster werden vorgetragen. Beliebte Themata sind: Preis der reinen Frauen und der weiblichen Tugenden, der treue und der falsche Freund, das wandelbare Glück (Glücksrad, Burdach, Vorspiel I, 1, 79 f. mit Lit.), Aufklärung über Habsucht, Wucher, Verschwendung, Trunkenheit, Spiel, Verleumdung und Lüge. Großenteils aber bewegen sich diese moralisierenden Betrachtungen in der Umwelt der Fahrenden, dem Hof leben, und dann werden sie zu Standeslehren für die Herren. Gerechtigkeit und Barmherzigkeit werden gefordert, vor allem mäze und Ehre; edel ist nicht der adlig Geborene, sondern der, der edel handelt. Unmittelbar berührt sich der Spruch mit der höfischen Idealwelt, wenn er das Wesen der Minne auseinandersetzt und Vorschriften für die Minnenden erteilt. Auch stellt sich der pessimistische Zug der Epigonenzeit ein, die Klage über das Schwinden der guten alten Zeit. Im religiösen Spruch leitet der Dichter seine Hörer von der menschlichgesellschaftlichen Moral zu den transzendenten Fragen über Gott und Welt. In persönlicher Aussprache sucht sich das Gemüt dem Göttlichen zu nähern in kontemplativen Sprüchen: im Bittgebet an Gott, an die Trinität, an den Erlöser, an die Gottesmutter, oder im Marienpreis, im Weihnachtsspruch, in der Sündenklage. In manchen geistlichen Sprüchen erkennt man das besondere Merkmal der „Meister", die Gelehrsamkeit, wenn sie ihr dogmatisches Wissen und ihre biblischen Kenntnisse ausbreiten. Auch auf naturwissenschaftliche Erörterungen erstreckte sich die scholastische Gelehrsamkeit der Spruch- dichter, und aus dem Philologus bezogen sie geistliche Allegorien. Seltener sprechen sie sich über Begriff und Herkunft ihrer Kunst aus, über den Zweck, durch Gesang und Saitenspiel zu erfreuen. Das Hauptinteresse der Fahrenden und Gehrenden drehte sich aber doch um ihre eigene Person (persönliche Sprüche). Daher die häufigen Klagen über ihre Armut, die Hervorkehrung der Gegensätze von reich und arm, Wirt und Gast. Dienst und Lohn sind die Pole ihrer Wertordnung. Angewiesen auf die Gunst der Herren, schätzten sie diese je nach ihrer Freigiebigkeit oder ihrer Kargheit ein und sangen Lobsprüche auf die Gönner, auch Totenklagen auf ihr Hinscheiden, oder Scheltsprüche auf die, die sich nicht um sie bekümmerten. Nicht weniger unerfreulich als die Bettelei ist der Geschäftsneid, der sich in Hohnsprüchen auf Kunstgenossen gütlich tat. Doch eben der egozentrische Standpunkt dieser Dichtweise gewährt mancherlei autobiographische Anhaltspunkte. Eindrucksvoll durch Anschaulichkeit wirken die Sprüche, wenn sie in erzählende Form eingekleidet sind: ein bispel (nhd. umgedeutet in „Beispiel") ist eine Erzählung, spei, „bei der noch etwas zu verstehen ist" (Mhd. Wb. II, 2,491; LG. 1,60), also eine sinnbildliche Erzählung. So werden allgemeine Lehren in der Form einer Tierfabel oder einer Parabel versinnlicht. Die Personifikation von Tugenden und Lastern ist ein Schritt dazu. Auf Spannung hat es die Priame labgesehen. In dem auf Häufung beruhenden Bau ist mit ihr die Lügenstrophe verwandt, die durch die Sinn- und Zusammenhangs- 19* 292 Die Spruchdichtung losigkeit der Behauptungen verblüffend wirkt; man zerbricht sich den Kopf: was soll es bedeuten? Und damit steht der Lügenspruch dem Rätsel nahe. Ganz nach Art der mittelalterlichen Schule mit ihrer Disputationsmethode ist der Sängerwettstreit, in welchen das überlegene Selbstbewußtsein der Meister Triumphe feiern konnte. In der mittellateinischen und in der provenzalischen Literatur waren poetische Wettstreite beliebt (Tenzone und jocs partitz, franz. jeu parti, geteiltez spil). B. DIE EINZELNEN SPRUCHDICHTER 1 Die Masse der oft recht unbedeutenden Spruchpoeten läßt sich in zwei Gruppen einordnen, je nachdem sie bloß auf die allgemeine „Laienbildung" rechnen, oder wie die „Meister" sich auf gelehrte Ansprüche stützen. Reinmar von Zweter An der Spitze der langen Reihe steht Reinmar von Zweter, 2 zeitlich und nach der Bedeutung seines dichterischen Werkes. An Fruchtbarkeit übertrifft er alle andern Spruchdichter außer Frauenlob. Aus gelegentlichen Äußerungen in seinen Sprüchen erfahren wir über sein Leben: Von Rine so bin ich geborn, in Österriche envahsen, Beheim hän ich mir erkorn (Sp. 150). Die allgemeinen Umrisse seines Lebensgangs sind: geboren um 1200, kam er als Knabe aus seiner rheinischen Heimat nach Österreich, wo er am Wiener Hofe, auf Herrengunst angewiesen, seine dichterische Laufbahn um 1227 begann. Um 1234 (1236 ?) wandte er sich zu einem neuen Gönner, König Wenzel I . von Böhmen. Von 1241 an war er auf das Wanderleben eines Fahrenden angewiesen, das ihn an verschiedene mitteldeutsche Höfe führte. Bis 1247 sind seine Sprüche zu verfolgen. Nicht sicher erklärt ist der Name. Aus niederem Rittergeschlecht wird er wohl stammen. Die verläßlichste unter den handschriftlichen Überlieferungen bietet Zweter, das sich aber lautlich kaum mit Ziutern, heute Zeutern, 3 einem bei Bruchsal gelegenen Dorfe, wo ein Rittergeschlecht ansässig war, vereinigen läßt. 1 Da sich die Spruchdichter von den Minne- Gesch.forschg. 32, 1911, 225-48; Kochs, D. sängern nicht schematisch scheiden lassen, dt. geistl. Tagelied, 1928; Rätsel: Petsch, sind die adeligen Spruchdichter (außer Rein- Beitr. 41, 332-46; Wellner, ebda 44, 110 ff.; mar v. Zweter) schon oben unter dem Minne- Loewenthal S. 51-64. 144-6. 150. Leich: sang angeführt. Steller, Beitr. 45, 364 ff. Euling, Priamel 2 Bartsch, Liederd. Nr. XL;Roethe, ADB. S.440. 466 ff. u. ö. Bolte-PolIvka 2, 221 28, 98 ff.; Ders., R. v. Zw., Herkunft u. Auf- (Spruch bei Roethe S. 438 Nr. 54). — Zu enthalt in Österreich unt. Leopold VII, Leipz. Hss.: Scheel, Festg. f. Weinhold, 1896, 47f.; Diss. 1883. — Ausg.: Gust. Roethe, Die Ge- Roethe, ZfdA. 41, 243 f.; Bernt, ebda 47, dichte R.s v. Zw., 1887 (für die Spruchdichtg 237 ff.; Burdach u. Roethe, Preuß. Ak. das grundlegende Werk), dazu Strauch, Anz. 1921, 143; Wallner, Anz. 38, 116; zum 16, 97-108, Seemüller, DLz. 1887, 94-6, Cbl. „Kasseler Fund": Vogt, Beitr. 48, 124-8, 1887, 1570 f. (Paul.).— Lit. nach Bartsch 4 : Wallner, ZfdA. 64, 83 ff.; Rosenhagen, Edgar Bonjour, R.'v. Zw. als polit. Dichter, Stamml.Verfasserlex. l,513f. — Stellen:PAUL, 1922, dazu Rosenhagen, ZfdPh. 52, 478-83; Beitr. 43, 355 f.; Wallner, ebda 44, 110-5; E. Michael, R. v. Zw. u. s. Papstsprüche, Luise Berthold, Beitr. z. hd. geistl. Kontra- Zfkath. Theol.29,1905, H.3; Maximil. Buch- faktur, Marbg. Diss. 1918 Auszug S. 30. ner, Üb. d. Entstehg u. d. Dichter d. „Kur- 3 Gegen Roethes dahingehende Erklärung fürstenspruches". Mitteil. d. Inst. f. österr. s. Pfaff, Alem. 20, 1892, 293-5; Kluckhohn, Die einzelnen Spruchdichter 293 Reinmar führt gleichsam die Spruchdichtung Walthers fort. Sicher zugewiesen sind ihm ungefähr 230 Strophen, dazu kommen vielleicht auch noch 20 weitere. 157 Strophen in der Hs. D (Heidelberg Cod. Pal. 350,14. Jahrhundert) bilden eine einheitlich, sachlich geordnete Sammlung, die höchstwahrscheinlich auf Reinmar selbst zurückgeht. Sie umfaßt religiöse Sprüche Nr. 1-22, Minne 23-55, allgemeine Moral 56-124, politische Sprüche 125-147, Lobsprüche und Persönliches 148-157; die außerhalb der geordneten Sammlung, aber auch noch in D stehenden Nummern 158-229, die wohl später, nach dem böhmischen Aufenthalt, verfaßt sind, teilen sich in allerlei moralisierende Strophen, Bispel, Rätsel, deren manche auf ein vorgerücktes Alter des Dichters deuten. Reinmars Darstellung bleibt in den Grenzen faßlicher Verständlichkeit, er wirkt nicht durch Rhetorik, doch weiß er den Stil durch Bilder zu heben und durch Personifizierung zu beleben. Er prunkt nicht mit Gelehrsamkeit, auch hat er wohl nur eine mäßige Schulbildung genossen. In seiner Lebensauffassung tritt er uns als ein gewissenhafter und tüchtiger Mensch entgegen. Die persönliche Würde wahrend, läßt er sich nicht herab zu spielmannsartigen Bettel- und Scheltsprüchen. Nicht ganz geklärt ist sein Umschwung in der Politik und der Grund, weshalb er, der als eifriger Parteigänger des Kaisers heftige Angriffe gegenRom und den Papst geschleudert hatte, nachher sich gegen Friedrich II. wandte; er scheint darin einer unter den deutschen Reichsfürsten sich verbreitenden Mißstimmung gegen Friedrichs Regiment gefolgt zu sein. Reinmars dichterisches Werk ist getragen von einer stark ethischen Kraft. Die Gestalt der Frau Ehre (Roethe S. 215 ff.), die er als erster zu einer so fest bestimmten Persönlichkeit geschaffen hat, beherrscht sein sittliches System. Es ist die Personifikation des Honestum, der Moralphilosophie. Vorgestellt ist sie als junge Dame, begleitet von einem Hofstaat edler Gespielinnen, das sind die Tugenden des Honestum. 1 Ohne Ehre kann niemand Gott erreichen. Aber noch eine andere Macht ist seinem sittlichen Empfinden ein Leitstern, die Minne. Er ist ein Minnesänger in der Spruchdichtung. Die Ehre ist ihm unzertrennlich verbunden mit der Minne. So treffen in seiner Morallehre die beiden Idealziele des Rittertums, Ehre und Minne, als höchste Wertmaße zusammen. Die Lebensanschauung des Spruchdichters Reinmar ist ritterlichständisch orientiert. In dieser innigen Vereinigung von Ehre und Minne, wobei er diese echt minnesängerisch recht leibhaft auffaßt, ist der Schritt getan zu der sinnlich-spirituellen Liebe des „süßen neuen Stils". 2 ZfdA. 42, 155 f. Anm. 12; Bonjour S. 9-15, r Das Honestum besteht aus den vier Kar- dazu Rosenhagen, ZfdPh. 52, 478 ff. — Ur- dinaltugenden, die wieder in eine Reihe von kundl. über Zeutern: Alb. Krieger, Topogr. Teiltugenden zerfallen, s. LG. II, 2, 23 u. Reg. Wörterbuch d. Großherzogt. Baden, 1898, 933. S. 344. — Über d. Grab R.s: H. Grauert, Abh. d. 2 Vossler, Die philosoph. Grundlagen zum bayer. Ak. d. Wiss. 27, 1912, 499 f. — Ob R. „süßen neuen Stil", 1904; Wechssler, Kul- blind gewesen ist? Vogt, Beitr. 48 aaO., da- turproblem S. 438-46, 447 ff.; Ehrismann, gegen Wallner, ZfdA. 64 aaO.; auf die schon Ritterl. Tugendsystem, ZfdA. 56, 215 f. u. MSH. IV, 510 wahrgenommene Beziehung des ZfdPh. 45, 307 f.; Schwietering, ZfdA. 61, Bildes in der Hs. C zu dem Spruch 180 hat auch 81; Brinkmann, Dt. Vjschr. 3, 640 f.; Gün- schon Pfaff aaO. hingewiesen. ther Müller, Walzels Handbuch S. 16, 17. 294 Die Spruchdichtung Sein tiefstes religiöses Erlebnis ist Maria; aber eben in den geistlichen Sprüchen (1-22) besingt er die reine Magd und die Minne Gottes in irdischen Vorstellungen (z.B. 19.20.35.43.46.47). Und so klingt sein religiöserLeich,derwie Walthers Leich nach der Trinität geordnet ist, stark an einen Minneleich an. Außergewöhnlich einfach ist Reinmars Formsinn. Er hat, außer etwa 20 Sprüchen und dem Leich, nur eine Weise, den Fraun-Ehren-Ton. Danach wird er von den Meistersingern (seit Regenboge) Ehrenbote, 1 auch Ehrenbote vom Rhein genannt. Er wurde zu den zwölf alten Singern gerechnet. Bruder Wernher An Ernst der Gesinnung steht der BruderWernher 2 Reinmar von Zweter nahe. Auch er war wohl von Walther beeinflußt. Seine Heimat war Österreich. Dahin weisen verschiedene Herrensprüche, worunter einige auf Leopold VII. und Friedrich den Streitbaren sich beziehen. Andere zeugen von einem unsteten Wanderleben, das ihn nach Bayern, Schwaben, Ostfranken und an den Rhein führte; auch an König Heinrich, Friedrichs II. Sohn, und an Konrad IV. sind Preissprüche gerichtet. Vielleicht war er ein fahrender Kleriker, und die Titulierung „Bruder" würde so viel besagen als Wallbruder, Pilger. Er selbst war sich seines Dichterberufes bewußt. Er nennt sich einen künste- richen varnden man und seine Sprüche „siieze". In die Politik greift er ein durch Mahnsprüche an den Kaiser und an den Papst. Er ist Anhänger Friedrichs IL, entfremdet sich ihm aber dann, ähnlich wie Reinmar. Einige Male bezieht er sich auf eine Kreuzfahrt, wohl die von 1228/29. Seine ungefähr 70-80 moralischen, religiösen, politischen und Lobsprüche fallen etwa in die Jahre 1217-50. Sie gehören stilistisch durch Anschaulichkeit und Kraft des Ausdrucks zu den besten Leistungen der Spruchdichtung nach Walther. Den Zeitwandel zu wachsendem Pessimismus und schließlich zur Weltverachtung hat auch er mitgemacht. Die Meistersinger zählten ihn ebenfalls zu den zwölf alten Meistern (Zwierzina, Festschr. d. Rainer-Realgymn. aaO. S. 129 ff.). Meister Sigeher. Meister Friedrich von Suonenburg Ähnliche Politik wie Reinmar v. Zweter verfolgte Meister Sigeher, 3 der vielleicht mit jenem zugleich die Gunst des böhmischen Hofes genoß. Seine gelehrte, gespreizte Art und gekünstelte Versform unterscheidet ihn nicht zu seinem Vorteil von dem sittlichen Ernste Reinmars. 1 Gust. Rosenhagen, Der Ehrenb. vom W.s, Beitr. 44, 242-67; K. Bartsch, Unters. Rhein, Stammlers Verfasserlex. 1,513 f. z. Jenaer Liederhs., 1923, 96 ff.; Panzer, 2 Bartsch, Liederd. Nr. XLI; R. M. Meyer, Meier Helmbrecht 4. Aufl. S. X Anm. 1; ADB. 42, 74 ff.; Roethe, Reinm. Reg. S.642; Bolte-Polivka 1, 63 (Stelle); Schneider, Burdach, Reinm. S. 135. — Nach Bartsch: Reallex. 2, 138 (Kreuzlied); s. auch Pinnow, Schönbach, Die Sprüche d. Br. W. I Wien. Polit.Spruchdichtg. SB. 148, 1904, Nr. 7 und 150, 1905, Nr. 6 3 Bartsch Nr. LXIII; Burdach, Reinm. (Ausg. u. Erklärungen); Henry Doerks, Br. S. 134; Roethe, Reinm. S. 223, 346 f.; Vogt, Wernher, Progr. Treptow a. R., 1879; Holz, Beitr. 4, 97; Heinr. Pet. Brodt, Meister S., Ausg. der Jenaer Hs. Bd. 1, 12-31; Alois Germ. Abhandl. 42, 1913, dazu Ehrismann, Bernt, ZfdA. 47, 237 ff. (eine Strophe neu DLz. 1913, 980 f., Helm, Lbl. 1915, 73 f. gefunden); Hans Vetter, Die Sprüche Br. Die einzelnen Spruchdichter 295 In der herkömmlichen Tradition bewegt sich auch der Stoffkreis des schon der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts angehörenden Meisters Friedrich von Suonenburg 1 (jetzt Sonnenburg in Tirol), der zwischen 1247 und 1275 dichtete und vornehmlich die Gunst bayerischer Herzöge genoß. Doch tritt er uns in seinen Anschauungen als eine ausgeprägte Persönlichkeit entgegen. In auffallendem Maße liegen bei ihm die schätzenswerten und die bedauerlichen Eigenschaften des fahrenden Spruchdichters nebeneinander, seine objektiven Leistungen als Menschenberater und seine subjektiven Strebungen als Gehrender, der Sittenlehrer und der Bettelpoet. Er predigt erhabene Grundsätze der Religion, Gotteserkenntnis und Selbsteinkehr, und auch ihm ist die jungfräuliche Gottesgebärerin das größte Wunder. Er gibt beherzigenswerte Tugendlehren, namentlich den Herren, denen er vor allem mute empfiehlt, wobei ihm das wichtigste schließlich doch Gunst und Lohn ist. Und so ist auch sein Begriff von der Kunst erhaben zugleich und materiell. Er zieht leicht das Göttliche in die Sphäre des Irdischen hinab. Diese Immanenz Gottes in der Welt liegt auch seinen Sprüchen von dem Weltproblem zugrunde (IV, 1 ff., Zingerle S. 60 ff.). Es ist eine Polemik gegen die, welche die Welt schelten: swer dich beschiltet, weit, der schiltet got. Die Welt ist wertvoll (tiuriu weit), sie ist gotes Wundertat, der zarte gotes garte. 2 Freilich versteht er unter Welt zuvörderst die von Gott geschaffene Natur, nicht das weltliche Leben, aber durch den Leib sind wir eben doch an dieses gebannt. Im Mittelpunkt seines politischen Weltbildes steht der Papst, und so beurteilt er den Kaiser (Friedrich II.) ungünstig, feiert aber in begeisterten Worten den vom Papst empfohlenen Rudolf v. Habsburg. Doch kämpft er auch gegen die Schäden des Klerus. — Auch er galt als einer der zwölf alten Meister (Zwierzina aaO.). Meister Alexander Meister Alexander 3 (Hs. J), in C Der „wilde" Alexander genannt, der heimatlose, fahrende Mann, war ein Oberdeutscher bürgerlichen Standes 1 Bartsch Nr. LXII; Ausg.: Osw. Zinger- Berl. Diss. Teildruck 1916. — Kindheitslied: le, Fr. v. Sonnenburg 1878. — Burdach Reinm. S. 135 f.; Roethe, Reinm. Reg. S.640 Holz, Jenaer Hs. Bd. 1, 108-24. — Grimme Alem. 22, 34-6; Schulte, ZfdA. 39, 240 Kluckhohn, ebda 52, 152 f.; Behaghel Beitr. 45, 137; Loewenthal, Rätsel S. 104 f. W. Grimm, Kl. Sehr. 1, 398; J. V. Zingerle, D. dt. Kinderspiel im MA., 1873,30ff.; Schröder, Meist. Alex. s. Kindheitslied, ZfdA. 42, 371 f. (der Ursprung liegt in Virgils 3. Ekloge V. 92 f.); Wallner, Beitr. 33, 509 f., 34, 184 -8; Schissel v. Fleschenberg, ebda 35, Vietor, Beitr. 46, 117. 119; Brinkmann, Dt. 335-47; Wallner, Stammlers Verfasserlex. 1, Vjschr. 3, 639 f.; Fr. Karg, Friedr. v. Sun- 59-62; Ehrismann, Festschr. Petz 1933, 33 f., nenburg, Stammler Verfasserlex. 1, 697 f. (vgl. ClaudiansRaptus Proserpinae [Singer]). 2 Grabmann, Die Kulturphilosophie des heil. — Leich: Gottschalk, D. dt. Minneleich Thomas v. Aquin, 1925,154 ff. u. Anm. S. 210 S. 69 f, 122; Steller, Beitr. 45, 322 f.; behandelt die Idee des Schönen in der Welt- Günth. Hase, D. Minneleich M. Alexanders gestaltung, vgl. auch Grabmann, Thomas v. u. s. Stellung in d. malterl. Musik, 1921, dazu Aquin, Sammlung Kösel 1926 S. 100; Brink- Fr. Ludwig, Anz. 41, 191-3; Rosenhagen, mann, Dt. Vjschr. 3, 639 f. ZfdPh.51,353f.; Günth. Müller, Dt. Vjschr. 3 Bartsch Nr. LXXI; Burdach, Reinm. 5, 122; J. v. d. Andel, Neophil. 7, 311-3. S. 137; Roethe, Reinm. Reg. S. 634; Holz, — Rätsel: Loewenthal, Rätsel S. 90-100; Jenaer Hs. Bd. 1, 41-51; Mark Berger- Ders., Das Rätsel d. wilden AI., ZfdA. 57, Wollner, D. Gedichte d. wilden Alexander, 277-82. 296 Die Spruchdichtunc und ist in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, wohl bis etwa 1290, aufgetreten . Mit den Gehrenden hat er nichts gemein, nur ein Spruch auf ungastliche Herren ist von ihm vorhanden, der durch Ironie mehr wirkt als das sonstige Schelten auf den Geiz der Vornehmen. Mit Geringschätzung blickt er auf die niederen Gehrenden herab. Die Kunst ist für ihn von hoher Abkunft, von Fürsten, von David. Sie sank herab zu den armen Sängern, sie nimmt wieder einen Aufstieg, wenn die Vornehmen ihre Gabe den Kunstübenden zuwenden. 1 Überhaupt ist der Meister Alexander eine der eigenartigsten Erscheinungen unter den Spruchdichtern. Eine bildliche, in speziellem Sinne allegorische Auffassung der Dinge charakterisiert seine Dichtungen. Auch in seinen wenigen Minneliedern kommt er schwer zur reinen Lyrik. In seinem Minneleich, einer Lehre für den, der Dienstmann der Minne werden will, sagt er selbst, daß die Worte und die Materie (das ist die Beschreibung Amors als nacktes, blindes Kind mit Flügeln, Pfeil und Fackel 2 ) nichts sind ohne die „Glosse", d. h. das Ganze ist eine Allegorie, wobei die Auslegung das Haupterfordernis ist. Und sein „Kindheitslied", das in seiner lieblichen Sinnigkeit in der ganzen mhd. Lyrik einzig dasteht, ist doch bei aller zum Ausdruck gebrachten Erlebniswärme spiritualistisch gedacht: das reizende Spiel der blumenwindenden und erdbeersuchenden Jugend ist ein Symbol für die Vergänglichkeit der irdischen Güter und schließt mit der geistlichen Warnung, nicht wie die fünf törichten Jungfrauen die Zeit zu versäumen. Und so sind auch seine meisten Sprüche in „wilde rede", fremdartige, schwer verständliche Ausdrucksweise gehüllt, deren Sinn er dann löst wie „den Kern aus der Schale", um die Wahrheit ungekünstelt zu sagen. Auf diese Weise zerfällt eine Spruchreihe in zwei Teile, Bispel und Deutung; z. B. die Allegorie von den zwei Schwestern, buhlerischen Königstöchtern, die das geistliche und das weltliche Leben, Stole und Schwert mit Anspielungen auf die Gegenwart bedeuten (MSH. III S.29 Str. 17-21). Wo keine Erklärung beigegeben ist, wie in den politischen Rätseln, sind die dunkeln Beziehungen schwer zu entziffern. Andere Spruchdichter Eine wenig erfreuliche Erscheinung ist der Schulmeister von Eßlingen. 3 Im Schelten besteht seine Hauptleistung. In zänkischen Sprüchen mit stärksten Anpöbelungen schulmeistert er den König Rudolf wegen seiner Kargheit. Auch an Minnelieder hat er sich mit seinem gesunkenen Kunstgeschmack gewagt. Seine wahre Gesinnung offenbart er in einem obszönen Spruch, den er ironisch schließt: möhte ich nü win und guote spise hän, so wollte ich doch nicht ablassen, von meiner lieben Frauen zu singen. Eine seltsame Gestalt ist „Süßkint von Trimberg, ein Jude", 4 ein 1 J. Grimm, Üb. d. ad. Meistergesang S. 24; 3 Bartsch Nr. LXXIII; Roethe, ADB. 33, Burdach, Reinm. S. 137 f. 64 ff. u. Reinm. S. 228. 341; Grimme, Die 2 Vgl. Veldeke, Eneide 9911 ff.; Der Minne rhein.-schwäb. Minnesinger S. 202-8. — de Lehre (Pfeiffer, Heinzelein v. Konstanz Boor, Beitr. 55, 90 (Stelle). V. 202-597 [s. ob.]; „Wer nicht weiß, was 4 Bartsch Nr. LXXIV; Roethe, ADB. 37, rechte Lieb sei", Germ. 36, 319 f. 334-6u. Reinm. S.321; Burdach, Reinm. S. 135. Die einzelnen Spruchdichter 297 armer Teufel, dem zu Hause die Not aus allen Ecken sieht und die Kinder weinen. Die Herren wollen ihm für seine Kunst nichts geben, so will er demütiglich seine Straße ziehen als alter Jude, in langem grauen Bart, den Hut tief in den Kopf gedrückt. Hier haben wir einmal ein wirkliches Lebensbild von Jammer und Elend, und selbst wenn es nicht eigenes Erlebnis eines jüdischen Verfassers und die Überschrift und Abbildung („ein Jude") unglaubwürdig sein sollten, so ist es doch nicht Schablone, wenn auch die ganze Aufmachung an innerem Pathos verlieren würde. Mit den gewöhnlichen Gehrenden will der Kanzler 1 nichts zu tun haben, er rechnet sich zu den künsterichen gernden und zeichnet in zehn Typen die niedrigen Schmarotzer. Von den Edelleuten läßt er sich „her Kanzeler" titulieren, „ir kunnet Künste vir. Auch Minnesänger wollte er sein, aber seine Sommer- und Winterlieder sind bloß erdacht und laufen immer echt lehrhaft auf einen Preis der Frauen aus. Dietmar der Setzer und Reinmar der Videler sind wohl trotz der Titulierung her als Bürgerliche anzusprechen. Der erstere 2 bringt in seinen vier Moralsprüchen nichts Sonderliches, doch führt er eine kräftige, bilderreiche Sprache. Bemerkenswert ist eine Spruchreihe Reinmars des Fiedlers 3 mit der Mahnung zur Ehre, deren jede Strophe mit einem tageliedartigen Kehrreim schließt, mit der Aufforderung zu wachen und sich nicht zu versäumen. Seine Hohnstrophe auf Leuthold v. Seven ist literarhistorisch von Wert, da sie eine Aufzählung von Liedgattungen enthält (s. oben). Wie das Elend des Interregnums manche Spruchdichter bedrückte, so redet davon auch Meister Kelin 4 in einem Klagespruch über dahingegangene preiswerte Fürsten. Woher der Helleviur 5 seinen erschröcklichen Teufelsnamen hat, ist aus Sprüchen dieses in Sorgen alternden Fahrenden, die sich in dem gewöhnlichen moralisierenden, politischen und gabeheischenden Geleise bewegen, nicht erfindlich. Es ist eben nur eine von den Geistlichen den bösen Spielleuten angetane Brandmarkung. Das beliebte Thema vom Übeln Lohn der Welt und der immerwährenden Freude hat der Moralsprecher Guotaere 6 in Anlehnung an Konrads v. Würzburg Novelle in einer Spruchreihe ausgeführt. 1 BARTSCHNr.LXXVII; Wilmanns,ADB.15, Beitr. 33, 528 f.; Schönbach, ZfdA. 34, 217 f.; 98; Burdach, Reinm. S. 137; Roethe, Reinm. Plenio, Beitr. 42, 425; Loewenthal, Rätsel Reg. S.637;.Grimme, Rhein.-schwäb. Minnes. S. 71 f.; Schneider, Reallex. 2, 138. S. 182-7. 287f.; Rodenwaldt, Fabel aaO.; 4 Holz, Jen. Hs. Bd. 1, 31-8; Wilmanns, Harald Krieger, DerKanzler,e.mhd.Spruch- ADB. 15, 560; Burdach, Reinm. S. 135; u. Liederdichter um 1300, Bonn. Diss. 1932. Roethe, Reinm. S. 220. 347; Kummer, Her- 2 Roethe, ADB. 34, 84 f. u. Reinm. S. 181; rand S. 69; Grimme, Rhein.-schwäb. Minnes. Kummer, Herrand v. Wildonie S. 64; Wall- S. 173-6. 285, Germ. 32, 417; Loewenthal, ner, Beitr. 33,531 f. (mit Lit.);RicH. Müller, Rätsel S. 75-7, dazu Wallner, Beitr. 44, ZfdA. 31, 101; Kluckhohn, ZfdA. 52, 154; 116f.; Rodenwaldt, Fabel. — Baechtold, Halbach, Stammlers Verfasserlex. 1,417 f. Gesch. d. dt. Lit. in d. Schw. Anm. S. 216; 3 Bartsch Nr. XXIX; Roethe, ADB. 28, Singer, Lit.-Gesch. d. dt. Schw. S. 44. 97 f. u. Reinm. S. 181 f.; Burdach, Reinm. 5 Holz, Jen. Hs. Bd. 1,56-8; Karl Bartsch, S. 134; Wilmanns-Michels, Walth. Ausg. Untersuchungenz. Jen. Liederhs., 1923, HOff. S. 428 f.; Kummer, Herrand S. 70; Wallner, 6 Bartsch Nr. LXXXIV; Holz S. 66 f., 78. 298 Die Spruchdichtung Eine Anzahl von Spruchdichtern sind nur in der speziell für die Spruchliteratur bestimmten Jenaer Sammlung (J) überliefert und gehören zum Durchschnitt. 1 Ein ernster Mann ist Meister Stolle, 2 der viele fromme Sprüche gedichtet hat, auch eine scharfe Rügenstrophe gegen den Papst und eine ironisch gefärbte auf die Kargheit des Königs von Rom, Rudolf von Habsburg, dem er alle Tugenden nachrühmt, nur gibt er nichts (Dialekt rheinfränkisch, Sprüche datierbar zwischen 1256 und 1286). Typisch für die Gesinnung der Fahrenden sind die unter dem Namen Meister Gervelin 3 in den Handschriften stehenden Strophen. Der Beruf des Spruchdichters ist guot umb ere empfähen, darum folgerichtig der Inhalt der Moral: die muten varnt inz himelrich, die kargen in der helle grünt, oder: scelic sin die edelen vürsten, bi den trinket man guoten win. Die Fürstenlehre, Adel verpflichtet, hat der Unverzagte 4 zum Hauptthema seiner Sprüche gemacht, aber er wahrt dabei seinen Künstlerstolz: wen gehrend Leute gerne aufsuchen, der ist Ehren reich, wen sie verwünschen, der hat Treue und Ehre und Würde verloren; die mir um Gottes willen und umb ere geben, denen danke ich dafür mit meiner Kunst. Dem sanc, der Dichtkunst mit Gesangsvortrag, räumt er den Vorzug ein vor der bloßen Musik, jene belehrt, diese ergötzt. Die bierloter, die Possenreißer und Gaukler beim Biergelage, verachtet er. In einem seiner beiden weltflüchtigen Lieder legt der westfälische Dichter Reinolt von der Lippe 5 die biblische Parabel von den zehn Jungfrauen (Matth. Cap. 25) zugrunde, die höchzit als „Abendwirtschaft" darstellend, die der junge König von Sion hält, ebenfalls mit einer „Glosse" vom versümen und der Mahnung wachet und sldfet niht. Der Hinnenberger 6 (= Henneberger) hat ein eiferndes Temperament, wie ein Volksprediger fährt er sein Publikum an, Laien und Pfaffen; Erde und Luft sind verflucht, wo sie dich unreines Fleisch berühren, besinne dich, unseliger Mann; oder: sich, menschen tier, sich, tamber leie; oder: verflucht sei der falsche Mann, getoufter tiuvel, pfäch dich, satanas. Vom Litschouwer, 7 einem Österreicher, ist ein Lobspruch auf die werden Sahsen zu nennen, sie haben al meistec löuwen muot, als ihre Haupttugend hebt der Erwerbssänger natürlich hervor ir gäbe ist z'aller zit bereit. 1 MSH. Bd. III u. biographische Notizen Seine Sprache ist md.: Roethe, Reimvorreden Bd. IV; Holz, Jenaer Liederhs. Bd. 1; Karl S. 59. Seine Persönlichkeit ist auch durch Bartsch, Untersuchungen z. Jenaer Liederhs., H. Schönhoff, ZfdA. 50, 124-9 (mit Nachtr. Pal. 140, 1923. von Schröder) nicht nachgewiesen. — Die 2 Bartsch Nr. LXVIII; Roethe, ADB. 36, äbentivirtschaft ist = vesperie, Vorabend, Vor- 405-8, Reinm., Reg. S. 640; Burdach, Reinm. spiel vor dem Turniertag. S. 135. — Loewenthal S. 74 f.; K. Bartsch, 8 Holz S. 63-66. Jen. Liederhs. S. 109 f.; Rodenwaldt, Fabel. 7 Wilmanns, ADB. 18, 783; Holz S. 73 f. — 3 Holz S. 58-62; Burdach, Reinm. S. 138 f.; MSH. II, 386 f., III, 46 ff.; Crecelius, ZfdA. Roethe, Reinm. S. 185 f.; K. Bartsch, Jen. 10, 281 f.; Martin, Anz. 3, 108; Kummer, Liederhs. S. 110. Herrand S. 64; Kluckhohn, ZfdA. 52, 154; 4 Roethe, ADB. 39, 322 f.; Holz S. 68-72. Schröder, ZfdA. 69, 335. 6 Wilmanns, ADB. 18, 734; Holz S. 79-81. Die einzelnen Spruchdichter 299 In Niederdeutschland eröffnete sich den Fahrenden ein ergiebiges Feld für ihren Erwerb. In ausgesuchten Lobsprüchen erhebt der Goldener den Fürsten Wizlav von Rügen und den Markgrafen Otto den Langen von Brandenburg (Holz S. 81 f.) •— Gleichgültige Ware liefern der Urenheimer und Meister Zilies von Seyne (= Sayn? im Rheinland), 1 Roethe, ADB. 30,464; Eine strenge Scheidung zwischen den einfacher eingestellten Spruchdichtern und den gelehrten Meistern bestand im allgemeinen weder hinsichtlich des sozialen Ansehens noch im Stoffgebiet ihrer Dichtung. Was die Kunst dieser „Meister im Sang" kennzeichnet, das ist die Gelehrsamkeit. Sie bildeten sich etwas darauf ein, die Kunst vom Handwerk zur Wissenschaft zu erheben. Der Marner Der Marner 2 ist der älteste und einer der angesehensten dieser gelehrten Spruchdichter. In Schwaben gebürtig scheint er geistliche Bildung genossen zu haben, brachte es aber nur zum Vaganten. Seine Gedichte fallen in die Zeit von etwa 1230-70. Sein mühsames Leben endete traurig, als schwacher, blinder alter Mann wurde er ermordet: so beklagt seinen Tod Rümezlant, sein einstiger Gegner. Er war äußerst fruchtbar in Sprüchen jeglicher Art, der Minnesang jedoch entsprach nicht seiner Veranlagung. Seine Minnelieder, worunter zwei Tagelieder und ein Tanzlied sich finden, sind nur gemacht und und ohne Reiz und Tiefe; mit der Vagantendichtung verbinden ihn seine lateinischen Lieder. Fünf sind erhalten, von denen zwei in den verstiegensten Lobpreisungen um die Gunst vornehmer Prälaten werben. Überhaupt ist auch sein Grundsatz: ich lobe den, der mir mit seinem Gute gütlich hilft. Darum 1 In der Jenaer Hs. finden sich noch zwei dach, Reinm. S. 134. 136. 138; Roethe, Spruchdichter: Robyn (2 Sprüche, davon Reinm. Reg. S. 638 u. bes. S. 183 ff. — Nacheiner e. Klage auf dahingegangene Dichter) und träge zu Bartsch: W. Grimm, Dt. Heldensage auf diesen folgend Meister Ruodinger (3 S. 162 f. (= XV, 14 Strauch); Vogt, Beitr. religiöse Sprüche). Nun aber erscheint in C 4, 64 (s. auch Wallner, Anz. 38, 116); R. (Nachtrag) ein Rubin von Rvdeger (Pfaff, Kraus, ZfdA. 41,88; Schwietering, Demuts- Große Heidelbg. Liederhs. 1329 f., ähnl. im formel S. 61; Götze, ZfdPh. 53,184-86 (Name Dichterverzeichnis S. VI), neben dieser Über- Marner bedeutet Seemann, Berufsname als schrift (Sp. 1329) aber die kleine Vorschrift Familienname). — Lat. Gedichte: J. V. Zin- Rvbin vn Rvdeger, vn bedeutet aber doch gerle, Wien. SB. 54, 1866; Strauch, ZfdA. vnd. Wie sich der Dichter in C (denn es ist doch 22,254 f., 23, 90-4; Wilh. Meyer, Fragmenta nur einer) zu den zweien in J, die klar liegen, Burana, 1901, 25 ff.; Moll, Einfluß d. lat. verhält, ist fraglich. — Bartsch unter Nr. LI; Dichtg., 1925, 119 ff.; Brinkmann, Entste- Roethe, ADB. 29, 465; Holz S. 52 f. — Zu- hungsgesch. S. 152, Dt. Vjschr. 3, 639. — pitza, Rubins Gedichte (s. ob.) S. X; Wall- Euling, Priamel S. 470; Rodenwaldt, Fabel ner, Beitr. 33, 525 f. — Zilies v. Sayn: S. 16-18; Sparmberg S 25-30; Loewenthal, Roethe, ADB. 30, 464; A. Bach, Die Werke Rätsel S. 100-4; Bolte-Polivka 3, 350. — d. Verfassers der Schlacht bei Göllheim (Mei- Hugo v. Trimberg rühmt den Marner über ster Zilies v. Seine?), 1930 (s. unt. Geschichtl. andere Sänger: Doch rennet in allen der Dichtg.). — Gast, Gervelin, Goldener s. Marner vor, Der lustic tiutsch und Halbach, Stammlers Verfasserlex. 2, 3-5, scheene latin Alsam frischen brunnen 44-46. 57. undstarkenwingemischethätinsüezem 2 Ausg.: Phil. Strauch, QF. 14, 1876 (s. gedoene, Renner 1198 ff.; „ille egregius auch ZfdA. 20, 127), dazu Schönbach, Anz. dietator Mamarius" in e. lat. Chronik zum 3,118-29; Bech, Germ. 22,385 ff. — Bartsch Jahr 1281, ZfdA. 23, 90. Nr. XLII; Wilmanns, ADB. 20, 396; Bur- 300 Die Spruchdichtung ist er auf die modernen, geleckten Rheinländer, die doch nur auf ihren Profit sehen, nicht gut zu sprechen. Als Epigone bekennt er sich selbst in einem Spruch auf verstorbene Lyriker: ich muoz üz ir garten und ir Sprüchen bluomen lesen. Walther nennt er seinen Meister; dessen Vokalspiel ahmt er in einem lateinischen, auch in die Carmina Burana (Nr. 95 S. 174) übergegangenen, Liede nach (Strauch, ZfdA. 22, 254). Aber er mußte es bitter erfahren, daß er es mit seinem Sänge niemanden recht machen kann, denn jeder will etwas anderes. Widerwärtig ist die Künstlereifersucht in der heftigen Scheltstrophe auf den vornehm zurückhaltenden Reinmar v. Zweter, an die sich dann eine literarische Fehde gegen und für den Marner vom Meißner und Rümzlant einerseits, Gervelin andrerseits anschließt. — Von den Meistersingern wurde der Marner den zwölf alten Meistern zugerechnet. Der Meißner. Boppe. Rümzlant Der Meißner 1 führt eine echt gelehrte Kritik gegen den Marner, er nennt ihn Lügner, weil er falsche wissenschaftliche Behauptungen aus der Zoologie aufgestellt und die „Bücher" nicht recht gelesen habe und berichtigt nun exakt die Natur der betreffenden Tiere mit geistlicher Deutung in der Art des Physiologus. Er ist Schüler Reinmars v. Zweter, aber ein ganz gelehrter Mann. Konrad v. Würzburg ironisiert den Meißner, er solle lieber auf einem Jahrmarkt Heldengedichte vortragen, als hohe Töne singen. Am aufdringlichsten trägt Boppe 2 (Boppo C, Meister Poppe J), ein alemannischer Fahrender, sein dunkles Wissen zur Schau, und dieser trockenen Gelehrsamkeit entspricht auch sein Stil mit Einzelvergleichen, Aufzählungen und Häufungen: 31 Namen der von Josua erschlagenen Könige schreibt er aus Buch Josua XII aus; um vor den Fürsten von Baden seine Bitte um Unterstützung zu bekräftigen, führt er 28 Völker und Länder auf, wo er nichts bekommen hat. Aus der Bibel, der Zoologie (Physiologus), aus der höfischen Epik holt er besonders gern seine Kenntnisse. — Auch Boppe war einer der zwölf alten Singer. Rümzlant 3 (Rümelant J), von Geburt ein Niederdeutscher, Sachse, der sein Wandergebiet (etwa 1260-90) hauptsächlich in Norddeutschland hatte, 1 Burdach, Reinm. S. 138 f.; Roethe, Rein- 3, 637; H.-Fr. Rosenfeld, Neophilol. 13, mar Reg. S. 638; Holz S. 135-168. — A. 1927, 14-16; Zwierzina, Festschr. d. Rainer- Frisch, Untersuch, üb. die verschiedenen mhd. Real-Gymn. S. 129; Loewenthal, Rätsel Dichter, welche nach der Überlieferung d. S. 77-86. 147 f.; Karg, Stammlers Verfasser- Namen Meißner führen, Jen. Diss. 1888; Loe- lex. 1, 259 f. wenthal, Rätsel S. 86-9.148, dazu Wallner, 3 Bartsch Nr. LXVI; Roethe, ADB. 30, Beitr. 44, 115 f. — Der „alte" Meißner in C 97 ff.; v. Kraus, Übungsb. 2 S. 290; Burdach, mit 3 Sprüchen ist ein Anonymus. Reinm. S. 7, 135, 138, 139; Roethe, Reinm. 2 Bartsch Nr. LXX; Wilmanns, ADB. 3, Reg. S. 639, bes. S. 188, Reimvorreden S. 59 149 f.; Roethe, Reinm. Reg. S. 635; Schön- ff.; Panzer, Meister Rümzlants Leben u. bach, Wien. SB. 142 Nr. VII, 1900, 91 ff. Dichten, Leipz. Diss. 1893. — R. Köhler, („der starke Boppe"); Burdach, Ackermann Germ. 28, 185-7 u. Kl. Sehr. 2, 102-5 (Stelle); aus Böhmen S. 75 u. Anm. S. 382. — Sic, Vietor, Beitr. 46, 117; Loewenthal, Rätsel Poppes „Ave Maria", in „Das K. v. Würzbg. S. 72 f., 147; K. Bartsch, Jen. Liederhs. zugeschriebene AveMaria", 1903,76-81; Wall- S. 94 f. ner, Anz. 38, 116; Brinkmann, Dt. Vjschr. Die einzelnen Spruchdichter 301 kann es an gelehrtem Aufwand den vorher genannten Meistern nicht gleichtun, aber er hat recht scharfe Worte gegen die, die seine Töne schelten —, ist überhaupt ein streitbarer Herr. Den Marner verspottet er in einem Namenrätsel, das er gewiß für sehr sinnvoll hielt. Mit Singüf 1 führt er einen Rätselstreit und weist ihn in andern Strophen in seine Grenzen zurück. Rümelant von Schwaben. Hermann der Damen Von Rümelant sind nur 4 gleichgültige Sprüche in J überliefert. 2 Hermann der Damen, 3 ein Ostniederdeutscher (seine engere Heimat ist nicht sicher festgestellt) kam an vielen norddeutschen Fürstenhöfen herum (um 1280-1300). Seine Kunstweise führt zu Frauenlob. In manchen seiner Sprüche, besonders in dem über die Kunst und in Gönnerstrophen, will er durch blümende Worte und Reime blenden. Doch gerade sein religiöser Leich, wo solche leicht sich hätten einstellen können, ist nicht überkünstelt und geht in der Tradition von Walthers Leich. Seine religiösen Sprüche sind in ernster Einfachheit vorgetragen, und auch seine Zurechtweisung des jungen Frauenlob, den er vor Selbstüberhebung warnt und zum echten Lob der Frauen mahnt, ist aus wohlmeinender Absicht entsprungen. Bezeichnend für den Mangel an historischem Urteil ist es, daß er den Wartburgkrieg für eine glaubhafte Quelle hält und den Klinschor als verstorbenen Meister beklagt. In der Tradition der Meistersinger genießt Regenboge 4 ein großes Ansehen, und es hat sich an ihn die Dichterlegende geknüpft, er sei ein Schmied und sein Vorname Barthel gewesen. Viele Sprüche sind fälschlich auf ihn übertragen worden. Als Dichter steht er nicht hoch, es fehlt ihm die Phantasie für die Auffassung und für die Sprache. Frauenlob AmAusgangder mittelhochdeutschen Lyrik des 12.und 13. Jahrh. steht ein Dichter, der in seiner Kunstfertigkeit den Gipfel erreicht, nach dem der Geist dieser Kunstgattung im Laufe des 13. Jahrhunderts hinstrebte, Frauenlob. Lit. Ausg.: Ettmüller, 1843. — Bartsch, ADB. 7,321 ff.; Ders., Liederdichter Nr. LXXIX; Ders., Kolmarer Hs. S. 168-70. — Uhlands Schriften 2,292 ff. 302 f.; Simrock, Wartburgkrieg, 1858, 301 f. u. ö.; Müllenhoff, ZfdA. 16, 143^6; Ders., Dt. Altertumskunde 4, 1900, 115; Bech, Germ. 27,385 ff.; A. Frisch, Untersuchungen üb. die verschiedenen mhd. Dichter, welche nach der Überlieferung den Namen Meißner führen, Jen. Diss. 1887; Burdach, Reinmar S. 135. Bartsch Nr. LXVII; Roethe, ADB. 34, mutsformel S.60; PLENio,Beitr.43,63 (Leich); 389 f. Steller, ebda 45, 389-94; Karg, Stammlers 2 Bartsch Nr. LXVI; Roethe, ADB. 29, Reallex. 1,401. 674; Holz S. 107 f. 4 Bartsch Nr. XCIV u. Kolm. Hs. S. 175-79; 3 Bartsch Nr. LXXVIII u. ADB. 12, 163 f.; Roethe, ADB. 27, 54. — Abhandl.: Uhland, Roethe, Reinm. Reg. S. 635, Reimvorreden Schriften 2, 292 f.; Roethe, Reinm. Reg. S. 60.87. — Helena Onnes, De gedienten van S. 639; Bartsch, Erlösung S. 209 ff.; Schön- H. der Damen, Diss. Groningen 1913, dazu bach, Anz. 2, 169. 209; Schwietering, De- Keim, Anz. 39, 35-8, Helm, Lbl. 1914, 383 f.; mutsformel S. 57. 60 f.; Wallner, Beitr. 33, PaulSchlupkoten, H.D.,Marbg. Diss. 1914. 542-44 (Name); Herm. Kaben, Stud. z. d. — H. Hienz, Nochmals Klingsor bei H. Da- Meistersänger Barthel Regenbogen, Greifs- men, Korrespondenzbl. f. siebenbürg. Landes- walder Diss. 1930. — Goedeke, Grundr. I 2 , künde 34, 1911, 24 f.; Schwietering, De- 255 f. 302 Die Spruchdichtung 180 ff.; Roethe, Reinm. Reg. S. 636; Wilmanns-michels, Waltherausgabe S. 1 ff.; Martin, Anz. 3, 108; Jos. Krön, Fr.s Gelehrsamkeit, Straßbg. Diss. 1906; R. Biedermann, Die Einwirkung der Kolmarer Meisterliederhs. auf die Textgestaltung der Gedichte Heinrichs v. Meißen, Berl. Diss. 1897; Mordhorst, Egen von Bamberg usw., 1911, pass.; Lütcke, Studien z. Philosophie der Meistersinger, 1911, dazu Eug. Geiger, Anz. 35,216-24, Götze, DLz. 1912,424 f., Helm, Lbl. 1914, 276 f.; L. Pfannmüller, Frauenlobs Marienieich, QF. 120,1913, dazu Piquet, Rev. crit. 78,1914,425 f.; Pfannmüller, Frauenlobs Begräbnis, Beitr. 38,548 ff., Fortleben Fr.s in der dt. Lit., ebda 556-59; Frodewin Illert, Beitr. zur Chronologie der histor. Sprüche Fr.s, Hall. Diss. 1922, Masch.dr.; Helmut Kiessling, Die Ethik Frauenlobs, 1926, dazu Hübner, Anz. 47, 45-51, Ehrismann, DLz. 1928, 1555-57, Wocke, Lbl. 1929, 248, Piquet, Rev. germ. 18, 1927, 152 f., Günth. Müller, Dt. Vjschr. 5, 124 f.; O. Sächtig, Üb. die Bilder u. Vergleiche in den Sprüchen und Liedern Heinrichs v. Meißen genannt Frauenlob, Marbg. Diss. 1930; Schwietering, Demutsformel S. 60 f.; Vietor, Beitr. 46,117 f. (Fr.s Selbstgefühl); Ehrishann, ZfdA. 56, 216; Friedr. Neumann in „Zwischen Philosophie u. Kunst", 1926, S. 6; Günther Müller, Walzels Handbuch, 1927, S. 15 f.; Brinkmann, Dt. Vjschr. 3, 641; Ders., Wesen u. Form Reg. S. 190; Rehm, Todesgedanke S. 55 ff.; Rostock, Dichterheldensage S. 30 ff. 41 ff.; Singer, Die religiöse Lyrik d. MA.s, 1933, 103-107; Rosenhagen, ZfdPh. 53, 158-60; Ders., Stammler Verfasserlex. 1, 644-57; Herbert Kretschmann, Der Stil Frauenlobs, 1933. — Einzelne Sprüche u. Stellen: W. Grimm, Kl. Sehr. 4,23 f.; J. V. Zingerle, Germ. 6, 221; R. Mosen, Lobspruch auf Graf Otto v. Oldenburg, Jahrb. f. d. Gesch. Oldenburgs 10,1901,133-35; Roethe, Vogel Fulica, Anz. 23, 395 f.; Schröder, Gott. Nachr. 1909, 82 (Spr. Nr. 130); Ders., ZfdA. 67, 153; Frantzen, mhd. vimel, Neophil. 6, 1920, 47 f.; W.F.Kirsch, Frauenlobs Kreuzleich, Bonn. Diss. 1931. — Metrik: Plenio, Strophik von Frauenlobs Marienieich, Beitr. 39, 290-319; Steller, Leich, ebda 45, 394 ff.; C. v. Kraus, Münch. SB. 1929 H. 4 S. 10 f. Eigentlich hieß dieser Meister Heinrich von Meißen. Er erhielt seinen Ruhmestitel Frauenlob durch das Lob, das er in seinem Leich auf unsere Frau sang, oder weil er in dem Sängerstreit mit Regenboge für den Namen „Frau", statt „wip" eintrat und somit überhaupt von seinem Kultus der Frau. Die Beliebtheit des Sängerstreites ist bezeichnend für den Rationalismus der späteren Meister. In ihm können sie ihre tüftelnde Gelehrsamkeit leuchten lassen. Der Sängerwettstreit zwischen Frauenlob und Regenboge, der jenem vielleicht seinen Namen eintrug, ist wohl der berühmteste von allen. In ihm wird über das von Walther aufgebrachte Thema Wip muoz iemer sin der wibe höhste name und tiuret baz dan frowe (Walther 48, 38) disputiert. Auch Rümzlant greift ein und entscheidet, daß der ganze Streit nicht einen Hühnerfuß wert sei, da man die vrouwen wip und auch die wip vrouwen nennen könne (Ettmüller S. 114 Str. 163). In einem andern Streit huldigt Frauenlob der frouwen ere, Regenboge dagegen nimmt Partei für den mannes name (Mann). In der Kolmarer Handschrift S.351 (Bartsch) ist das Gedicht überschrieben Der kriec von Wirzburc. Dieses Gedicht ist nicht von Frauenlob und wohl erst in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts verfaßt. 1 Frauenlob führte von etwa 1275 an das Leben eines Fahrenden, das ihn an zahlreiche Höfe, besonders Norddeutschlands, führte. Von 1312 an war er seßhaft in Mainz, wo er am 29. November 1318 starb. Nach der Sage, die noch ins 14. Jahrhundert zurückgeht, soll er von Frauen zu Grabe getragen worden sein. 1 Bartsch, Kolm. Hs. S. 176; Emil Pflug, Suchensinn u. seine Dichtungen, Germ. Ab- handl. 32. H., 1908, 59-62. Die einzelnen Spruchdichter 303 In Frauenlob ist die Superklugheit der Meistersinger zur Hyperphantastik gediehen. So steht er auch am Ende der Reihe, die mit dem Marner begonnen hatte. Dieser ehrte Walther als seinen Meister, Frauenlob sagt sich direkt von Walther los. In wahnwitzig überstiegenem Selbstgefühl erhebt er sich über Reinmar, Wolfram, Walther: „jene haben nur von dem Schaum gesungen, meine Kunst kommt aus dem Grund des Kessels", „wer je sang und noch singt, so bin ich doch ihr Meister" ; so in dem Wettstreit mit Regenboge (vgl. auch Spr. 282,13 und Spr. 321). Er selbst hält sich für den Anbruch einer neuen Zeit, und damit hat er in der Tat recht. Die große Zahl seiner erhaltenen Dichtungen umfaßt das ganze Stoffgebiet der Lyrik, den lehrhaften Spruch in allen seinen Richtungen, Religion, Wissenschaft, Moral, persönliche Gönnerbitte, auch soziale Verhältnisse (Stände), doch liegt ihm Politik fern; auch den höfischen Minnesang beherrscht sein Können. Denn er besitzt eine große Virtuosität und ein erstaunliches Wissen, und vermöge dieser Eigenschaften kann er es machen. Nicht aus dem Gemüt quillt diese Dichtung, sondern sie ist mit dem Verstände, dem eine starke Einbildungskraft zu Hilfe kommt, gemacht. Und seine Kunst ist wirklich eine ars im mittelalterlichen Sinne, sie ist in der Hauptsache ars rhetorica. In der Form beruht die Wirkung seiner Kunst, im Stil, in der Metrik und in der Musik. Die dunkle Manier und die geblümte Rede, „der schwere Schmuck", die gesuchte, seltsam verschnörkelte barocke Ausdrucksweise und die aus gelehrten Musikstudien hervorgegangenen „doene" brachten den Formwillen der Zeit zu sonst nicht erreichter Höhe, ohne doch völlig ins Geschmacklose auszuarten wie später z. B. in der Minneburg oder beim Meister Egen (s. unten). Frauenlob ist Vollender einer ungesunden, überspannten expressionistischen Richtung in der Lyrik des 13. Jahrhunderts, die dunkles Raunen für hohe Wissenschaft, Wortemachen für Kunst hielt. So ist seine Dichtweise sozialpsychologisch begreifbar. Sie beruht aber auch auf einer individuell psychologischen Veranlagung, auf einem philosophischen Trieb. Das „Wort" ist bei ihm nicht nur eine ästhetische Form, wort hat wie name die logische Bedeutung von Begriff, Gattung, Art, gegenüber dem dinc der Erscheinung. Sein allgemein ethisches Prinzip — neben dem höfischen Standesideal der Minne — ist ere, soviel wie Tugend, das Honestum der Moralis Philo- sophia (s. LG. II, 2, 23 und Reg. S. 344), aber erweitert auf das höchste Gut, die Idee des Guten, also zur Moraltheologie. In den Leichen hat Frauenlob seine größten Kunstwerke geschaffen. In dem ersten, dem Marienieich, sucht er dem Wunder der jungfräulichen Mutter durch die Magie des Wortes nahezukommen. Wenn man diesem Wortkunstwerk aus des Dichters eigener Gesinnung heraus gerecht werden will, so steht man vor dem ergreifenden Schauspiel, einen Menschen darum ringen zu sehen, dem Wunderbaren in seiner Phantasie Worte zu verleihen. Aber der reale Gehaltwird stellenweise zu Ärgernis erregender Naturalistik, wenn die Liebe Gottes und der Jungfrau in erotische Sinnlichkeit ausartet. Da ist das Verhältnis 304 Die Spruchdichtung zum Weibe nicht zur spirituellen Minne des süßen Stils geläutert, sondern umgekehrt, das Heilige ist zum Menschlichen herabgezogen. An andern Stellen allerdings ist das Weib im süßen Stil zum Engel erhöht. Frauenlob ist ein Vollender in der dichterischen Darstellung schon vorhandener, im Zeitgeist liegender Strömungen. Er hat keine neue Bahnen eingeschlagen, nur alte meistersingerische Probleme zu nie dagewesener Höhe geführt, und damit ist er für die Folgezeit Führer geworden. Er hat die Denk- und Dichtweise der Meistersinger des 14. und 15. Jahrhunderts bestimmt in der Richtung auf das Begriffliche und Metaphysische, er ist Begründer des schulmäßig geübten Meistergesangs. Viele seiner Töne wurden von seinen Nachfolgern benutzt, und er genoß höheres Ansehen als Walther. Er ist der Mann der Zukunft geworden, verehrt als einer der zwölf alten Meister. Das Urteil der Wissenschaft über Frauenlob hat sich infolge eindringender historischer Analyse seiner Dichtungen gegenüber dem früherer Generationen geändert. Wir erkennen in ihm einen vorgeschobenen Vertreter des Zeitgeistes. Allerdings, wenn man die krausen Einfälle ohne historische Einstellung beurteilt, wird man oft leicht den Eindruck erhalten, als ob ein Geisteskranker phantasiere, undMüllenhoff hat,wie vor ihmDocen, Frauenlob allen Ernstes für verrückt gehalten (s. oben unter Literatur „Müllenhoff"). Neuerdings ist man ihm gerechter geworden, wir sind freilich auch durch den Expressionismus an starke Stücke gewöhnt. über Konrads v. Würzburg Lyrik, der in der Wortmacherei der gerühmte Vorgänger Frauenlobs war (Ettmüllers Ausg. S. 180, 313), s. oben bei Konr. v. Würzburg. IV. DIE LEHRHAFTE DICHTUNG Lit.: W. Grimm, Freidank 1. Ausg. 1834, Einl. S. LXXXVIII ff.; Ders., Kl. Sehr. 4, 19 ff.; Lachmann, Kl. Sehr. S. 482 f.; Scherer, Dt. Stud. 1, 55 ff.; 0. Grupp, Die dt. Didaktiker u. die Schulen des XII. u. XIII. Jhs., Progr. I. II, Brandenburg 1888.1889; Burdach, Centralbl. f. Bibliothekswesen 8, 1891, 439 ff., Vom Mittelalter zur Reformation I, 1893, 130-3 u. Vorspiel I, 2, 1925, 104-8; Wechssler, Kulturproblem I, 1909, 23-60; Kuno Francke, Kulturwerte, 1910, S. 104-6; Ehrismann, Die Grundlagen d. ritterl. Tugendsystems, ZfdA. 56, 137-216; Friedr. Naumann, Scholastik u. mhd. Lit., N. Jahrb. Bd. 49, 1922, 388-404; Ders., Schichten der Ethik im Nibelungenliede, Festschr. Mogk 1924, 119—45; H. Naumann, Germ. Spruchweisheit, übersetzt u.gesammelt, 1926;Walther Rehm, Kulturverfall u. spätmhd. Didaktik, ZfdPh. 52, 289-330; Ders., D. Todesgedanke in d. dt. Dichtg. vom MA. bis z. Romantik, 1928, 45 ff.; Wolfg. Stammler, D. bürgerl. Dichtg. des Spätmittelalters, ZfdPh. 53, 1-24; Naumann, Ritterl. Standeskultur um 1200, in Höf. Kultur, Buchreihe d. dt. Viertelj. Bd. 17, 1929; Ehrismann, D. mhd. didakt. Lit. als Gesellschaftsethik, Festschr. Panzer 1930; Halbach, Sachwörterbuch, 1930,386 f.; Aug. Arnold, Stud. üb. den Hohen Mut, 1930, S. 68 ff. — LG. II, 2,19-24. Die epische Dichtung stellt mittels der Phantasie das unmittelbare Leben dar, die Didaktik, die weltliche Sittenlehre, abstrahiert durch den beobachtenden Verstand. 1 Der Inhalt der Epik ist Leben, der der Didaktik Denken über das Leben, sie verhalten sich wie Praxis und Theorie. Das Epos haftet am konkreten einzelnen Fall, die Didaktik zieht aus vielen gleichen Einzelfällen allgemeine Ergebnisse. Jeder Vorgang, den das höfische Epos erzählt, trägt einen sittlichen Wert in sich, ist sittlich zu bewerten als ein ethisches Symbol und kann in dieser Hinsicht ein Beitrag zur Didaktik sein; die ritterlichen Helden sind ideale Vorbilder (s. unten Thomasin). Aber auch unmittelbar lehrhafte Stellen sind in den Gang der Erzählung eingeflochten, so im Parzival die Lehren der Herzeloyde, des Einsiedleroheims u. a., in Gotfrids Tristan die Lehren Markes bei der Schwertleite und die lere der möraliteit, der Krautzauber in Hartmanns Büchlein, die Ehrenlehre Gaweins im Iwein u. a., Gaweins Fürstenlehre im Wigalois. Selbst die mittelhochdeutsche Lyrik hat ausgedehnten lehrhaften Einschlag, so ist die Spruchdichtung eigentlich eine lyrischdidaktische Zwischengattung, und selbst in den Minneliedern liegt ein Keim der Minnedidaktik. Die gesamte mittelalterliche Literatur hat viel pädagogischen Gehalt. Die Didaktik erweitert sich zur Lebens- und Weltanschauung, sie stellt Sinn und Wert des Lebens fest und gibt Regeln darüber. Die lehrhafte Weisheit dieses Zeitraums ist das Ergebnis vieler Jahrhunderte kultureller Erziehung. Schon in der vorliterarischen Zeit gab es bei uns, wie bei den verwandten germanischen Stämmen, Sprichwörter, die im Volke einzeln umliefen und dann, literarisch in Dichtungen festgelegt, von Spielleuten verbreitet wurden (LG. I, 53-5). Eine umfangreiche und festgefügte lehrhafte Gattung brachte das Christentum; es lag in.der Aufgabe der Geistlichkeit, im Gottesdienst, in 1 Die didaktische Dichtung ist vom Stand- sehen Dicht- und Redekunst", Goethe, Üb. punkt der heutigen Poetik aus eine Zwitter- d. Lehrgedicht, Jubiläumsausg. 38, 71). In gattung („ein Mittelgeschöpf zwischen Poesie der mittelalterlichen Theorie soll echte Dich- und Rhetorik", eine Ab- und Nebenart „zwi- tung immer bessern, d. h. belehren. 20 Deutsche Literaturgeschichte IV 306 Die lehrhafte Dichtung Predigt und Schule Sittlichkeit zu lehren. Zum praktischen Lehrgebrauch in Kirche und Schule entstanden lateinische Sprichwörtersammlungen, die dann ihrerseits später deutsche nachzogen. Die von den Geistlichen begründete Sittenlehre war in Lehrsysteme gefaßt: die Moraltheologie (LG. II, 2, 23) ruht auf rein kirchlich dogmatischer Grundlage und belehrt den Menschen über sein Verhalten zu Gott als dem höchsten Gut; die Moralphilosophie 1 setzt zwar die Theologie voraus,hat aber die weltliche Lebensführung zum Gegenstand und beschäftigt sich nur mit den vier Kardinaltugenden ( = honestum,e/-g) und den irdischen Gütern (das Utile, bona corporis und bona fortunae); sie will die drei Werte got , ere und guot vereinigen; die Formel des Rittertums dafür ist: swer got und die werlt kan behalten, derst ein scelic man (Freidank 31, 18). Nach der äußeren Anordnung und Technik der mittelhochdeutschen lehrhaften Dichtungen lassen sich zwei Stilarten scheiden: der lehrhafte Stoff kann vorgetragen werden auf Grund eines Tugendsystems mit eingehender Behandlung der ethischen Gesichtspunkte, also traktatartig (Elmendorf, Thomasin); oder rein praktisch und unmittelbar belehrend in einzelnen Vorschriften (Winsbeke, Tirol), was dann noch mehr gekürzt zu Spruchsammlungen führt (Freidank, Cato u. a.). In das Gebiet der didaktischen Literatur gehören schon im 12. Jahrhundert die beiden Strafpredigten Heinrichs v.Melk, worin die Erinnerung an den Tod, bzw. „von dem gemeinen lebene", die verschiedenen Stände hernimmt, während das „Priesterleben" sich gegen diese einzelne Klasse, die Geistlichkeit, wendet. Laster und Tugenden bilden auch den Inhalt der Büß- und Sittenpredigten sowie der Sündenklagen des 12. Jahrhunderts (LG. II, 1, 175-206). Um 1170-80 hat der Kaplan Wernher von Elmendorf 2 im Auftrag 1 Das Systam der Moralis philosophia ist am Testamentes: die 10 Gebote, des Neuen klarsten disponiert in der Moralis philosophia Testaments: die Liebe zu Gott und dem Näch- des Wilhelm von Conches (Mitte des 12. Jhs.): sten); das natürliche Gesetz, Naturgesetz (in Quaestio I, das honestum, das sind die vier der Brust des Menschen, im Gewissen); das platonisch-ciceronianischen Kardinaltugenden menschliche Gesetz (des Staates), in der Reihenfolge prudentia, justitia, forti- 2 Ausg.: Hoffmann v. Fallersleben, ZfdA. tudo, temperantia, eine jede mit einer Reihe 4, 1844, 284-317. — Steinmeyer, ADB. 6, von Teiltugenden; Qu. II, Vergleichung der 59; Scherer, QF. 12, 124-7; H. V. Sauer- Kardinaltugenden; Qu. III, das Utile, bona land, ZfdA. 30, 1-58; Schönbach, ebda 34, corporis (pulchritudo, robur, magnitudo, valetudo), bona fortunae (opulentia, gloria) Qu. IV Vergleichung der nützlichen Güter 55-75; Wilmanns, Leben Walthers 1 , 1882, 69 f.; Ranke, Sprache u. Stil im W. Gast (s. unten Thomasin) S. 75. 124 (Stellen); Qu. V De pugna utilitatis et honestatis (es Schröder, Gott. Nachr. 1918 S. 163; Ehris- gibt keinen Gegensatz). Für die einzelnen mann, ZfdA. 56, 144 f. — 1 Hs. (bricht vor Sätze werden Zitate aus römischen Autoren d. Schluß ab); Bruchstücke s. Hofm. v. F., gegeben, bes. aus Cicero, Seneca, Ovid, Juve- Ad. Bl. 2, 207-10; Schröder, Gott. Nachr, nal, Lucan, Terenz. — Ausgabe der Moralis 1909 S. 86. — Propst Dietrich urkundl.: philosophia: Migne 171,1007-56; John Holm- Schröder, ZfdA. 47, 293. — Heimat: Schrö- berg, Das moralium dogma philosophorum der, Anz. 17, 78 f.; Schönbach, ebda S. 344; des Guillaume de Conches, lat., afrz. u. mittel- der Dialekt des Dichters stimmt zu dem des niederfrk. hgb., Uppsala 1929. Eichsfeldes (Nordthüringisch): Graef, Era- Die Moraltheologie faßt die sittliche Ordnung clius (LG. II, 2, 117) S. 30 f.; Sauerland in folgenden Gesetzen: Über allem steht die aaO. S. 5 (überholt); Behaghel, Schrift- lex aeterna, die göttliche Weltordnung; die spräche u. Mundart 1896 S. 37 f.; Roethe, dem Menschen speziell gegebenen Gesetze Reimvorreden S. 29 f. 33 f. 36. 64; Schröder, sind: das positive göttliche Gesetz (des Alten Gott. Nachr. 1909, 86. Der heimliche Bote 307 des Propstes Dietrich von Heiligenstadt im Eichsfeld die Moralis philosophia des Wilhelm v. Conches 1 in deutsche Reimpaare übertragen. 1211 Verse: V. 73-900 = De Honesto, davon prudentia 91-236; justitia 237-732; fortitudo 733-856; temperantia 857-900. V. 901-1198 = De Utili. Die letzten Verse 1199-1211 sind ein Ansatz zur Quaestio V. — Der deutsche Kaplan hat den eigentlichen Sinn des lateinischen scholastischen Werkes nicht ganz verstanden. Unter ere begreift er die deutsche Bedeutung von Ehre: persönlich ehrenhafter Lebenswandel, dem auch öffentliche Achtung gezollt wird; allerdings ist die tugent die dazu notwendige Beschaffenheit: Ouch wil ich dich Urin Dez du bedarft zu diner er in: alle tugent saltu minnen (237, vgl. V. 518. 557. 622. 649.664.890.900.915.960.979.1026.1176.1185.1195; s.ZfdA. 56,201 f.).— Die Übersetzung ist nicht geschickt, das Original ist gekürzt; es herrscht in diesem Kürzungsverfahren kein Verständnis für Wichtiges und Unwichtiges; die Bestimmtheit und Klarheit der Vorlage ist nicht annähernd erreicht. Die Verse sind ungleich und holperig, die Reime dialektisch unrein; freilich ist der Text der Handschrift sehr entstellt. Sonderliche Verbreitung scheint das Gedicht nicht gefunden zu haben; Eicke v. Repgouwe hat es gekannt, wie einige Parallelen im Sachsenspiegel wahrscheinlich machen. Die erste speziell ritterliche Tugendlehre ist „Der heimliche Bote" (meist „Ratschläge für Liebende" genannt), 2 um 1170-80 (wahrscheinlich alemannisch, 98 Verse). Das Gedicht zerfällt in 2 Teile: I (Reimpaar 1-28), der frowen rät (11), teilt die Männer nach ihrem Werte für die Minne in zwei Typen, den für die Minne nicht taugenden Mann, dessen Minne nicht heimlich ist, der nur durch äußere Vorzüge (Güter des Körpers und des Glücks) prahlt (12-23); den andern, den wol minnenden man, wie er durch das „Buch Phaset" bekannt sei (24-28). Der IL Teil (29^49) ist eine Unterweisung in der Höflichkeit und entwirft ein höfisches Musterbild, in dem die Tugenden gelehrt werden, die der Mann haben soll, damit ihn alle Welt minne und Gutes von ihm spreche und damit seine Ehre gruone und State sei. In der Form eines Büchleins, d. h. eines Briefes (der Brief ist der „heimliche Bote"), ist eine Minne- und Höflichkeitslehre gegeben, und zwar in der Theorie des Kaplans Andreas (siehe oben). Quelle ist das „Buch Phaset", d. i. ein lateinischer Facetus, jedenfalls steht der „Facetus .. . Moribus docet" (s. unten) nahe, der eine ausführliche Minnelehre enthält. 3 — Die Reimbindungen deuten, da sie noch manchmal, besonders im I.Teil, assonieren, auf eine frühhöfische Kunst. Quelle: Höfer, ZfdA. 26, 87-96; Sauer- Haupt, Büchlein 2 S.VII; Scherer, QF. 12, land aaO. S. 9-58; Schönbach, ZfdA. 34, 90, dazu Steinmeyer, Anz. 2, 238-40; Ernst 55-75 (Nachweis der Mor. Philos. d. Wilh. v. Meyer, Die gereimten Liebesbriefe, 1898,42f.; Conches als Quelle); Ders., Anz. 17, 344 u. Ehrismann, ZfdA. 64, 301-306; Brinkmann, Anfänge d. Minnesanges S. 40 ff.; s. auch Fr. Entstehungsgesch. S. 114; Arthur Witte, v. Bezold, Fortleben der antiken Götter im Stammlers Verfasserlex. 1, 270 f. — 1 Hs., s. malterl. Humanismus 1922, S. 109. Steinmeyer aaO.; Meyer-Benfey aaO. — 2 Ausg.: Docen, Mise. 2, 205-7; Meyer- LG. II, 2, 155 (Hartmanns Büchlein). Benfey, Mhd. Übungsstücke S. 30-2; die 3 CARLScHRÖDER,Derdt.Facetus,Pal.86,1911, erste Hälfte: Ottokar Fischer, ZfdA. 48, 298; Ehrismann, ZfdA. 56, 214; Edw. Schrö- 421-5. — Lachmann, Kl. Sehr. S.482; der, ebda S. 216; Ehrismann, ebda 64,304f. 20* 308 Die lehrhafte Dichtung Ebenfalls ins 12. Jahrhundert, etwa um 1170, zu setzen ist Diu Mäze; 1 in diese höfische Frühzeit weisen das Gedicht (obd., 216 V.) die vielen unreinen Bindungen und die Art des sittlichen Menschentypus, der zugrunde liegt. Die Lehre ist: Mäze 2 ist muoter aller tugende (V. 1). Eine Reihe von einzelnen Fällen des Maßhaltens werden aufgezählt für den Mann (in rechter Maße schweigen, sich nicht selbst rühmen u. a.), dann für die Frau (besonders hinsichtlich der Minne, vor allem tougen minne). Das Ziel dieser weltlichen Tu- gendlehre ist Beliebtheit bei Männern und Frauen. Die Ausdrucksweise und Reimerei ist sehr unbeholfen. Der Wälsche Gast des Thomasin von Zerclaere 3 Es ist das erste monumentale Werk der mhd. Lehrdichtung. In der Einleitung V. 1-140 nennt der Dichter seinen Namen, er ist ein Wälscher (Italiener), tvalich, und von Friaul 4 geboren (69ff. 97, s. auch 34ff. 1687ff.), darum betitelt er sein Werk: der welsche gast (89), der weihisch gast (14681 ff. 14709), der fremde Gast aus Welschland. Er ist urkundlich bezeugt als Kanonikus von Aquileja und vor 1238 gestorben. Er gehörte dem Geschlechte (Stadtadel) der Cerchiari (lateinisch de Cerclaria) an, war in Diensten des Patriarchen Wolfger von Aquileja, früheren Bischofs von Passau, der aus Walthers Leben bekannt ist, 5 1 Ausg.: Bartsch, Germ. 8, 97-105; Meyer- Benfey, mad. Übungsstücke S. 24-30; Rosenhagen, Kleinere mhd. Erzählungen usw., Dt. Texte des MA.s III, Die Heidelberger Hs. usw., 1909, 103-7. — Scherer, QF. 12, 89 f.; Schröder, ZfdA. 52, 56-60; Stammler, ZfdPh. 53, 18. — Hs.: Cod. pal. germ. 341 u. Koloczaer Cod. 2 Da die Maße, temperantia, crco9poaiivr), eine der vier Kardinaltugenden ist, so gehört das Gedicht in den Bereich der Moralphilosophie und steht dem Werke Wernhers v. Elmendorf nahe. Mit dem „Heimlichen Boten" hat das Gedicht noch mehr Züge gemein, so bes. den ganzen Typus des gebildeten Mannes. —■ Tougen minne s. oben. — Zum Bild von der Turteltaube V. 181-194 s. Burdach, Ackermann S. 7 u. Anmerk. 185-95, wo wörtliche Anklänge. 8 Lit.-Ausg.: Heinrich Zuckert, 1852.— Ältere Lit. s. Koberstein l 6 , 362. — Eschenburg, Denkmäler ad. Dichtkunst, 1799, 121 -44; Gervinus 2 5 , 7-21; Wilh. Grimm, Kl. Sehr. 2, 457-63. 4, 15. 406 f.; Th. v. Karajan, Thomasin von Zirclaere, ZfdA. 5, 241 f.; Wackernagel, ZfdA. 6, 292-94; Hugo Hildebrand, Didaktik, in Kürschners Dt. Nat.- Litt. Bd. 9, 120-48; Grupp, Die dt. Didaktiker aaO.; Schönbach, Anfänge des Minnesangs S. 34-78; L. Toretta, II Wälscher Gast de Tommasino di Cerclaria usw., Studi medie- vali I, 1904; Friedr. Ranke, Sprache u. Stil im W. Gast, Pal. 68, 108, dazu Behaghel, Lbl. 1910, 190 f.; Ehrismann, ZfdPh. 45, 312 -16; Ders., ZfdA. 146-50; Marie Gothein, Die Todsünden, Archiv f. Religionswissensch. 10,1907,467f. (zu Thom. V. 7137 f.); Petersen, Das Rittertum in der Darstellung des Johannes Rothe, QF. 106, 1909, S. 7 f., 144; Ehrismann, ZfdA. 49, 407 ff.; Walther Rehm, ZfdPh. 52, 302-305; Ders., Der Todesgedanke S. 46 f.; Friedr. Beyschlag, Zur Gesch. eines mittelalterl. politischen Schlagworts, Blätter z. Volkskde. 11, 16-18; Reinhold Köhler, Germ. 6, 306 ff. u. Kl. Sehr. 2, 479 ff.; Euling, Das Priamel, 1905, S. 435 -37; L. Wolff, ZfdPh. 67, 266; Hans Teske, Thomasin v. Zerclaere, Der Mann und sein Werk, 1933 (unentbehrlich). Etwa 20Hss. u. Bruchstücke bei Rückert 12, dazu Keller, Verzeichn. d. ad. Hss. usw. Nr. 9; Pertz, Arch. 9, 559; ZfdA. 10, 287-9. 26, 151-6. 27, 384. 32, 106-11; Burdach, Zur Kenntnis ad. Hss. u. z. Gesch. ad. Litt. u. Kunst, Centralbl. f. Bibliothekswesen 8, 1891, 11-21 u. Vorspiel 1, 2,108-21, s. auch ebda 1, 1, 77. 86 ff. 99 f.— Illustrationen: A. v. Oechelhäuser, D. Bilderkreis zum W. Gaste, 1890, dazu F. X. Kraus, Anz. 18, 111-4 u. DLz. 1891, 169; v. Oechelhäuser, Die Miniaturen d. Univers.- Bibl. zu Heidelberg 1895; Wackernagel, ZfdA. 6, 292^1; Burdach, Zur Kenntnis aaO.; Panzer, Freiburger Münsterblätter 2. Jahrg. H. 1, 18-20; Hans Wegener, Beschreibendes Verzeichnis d. dt. Bilder-Hss. usw. in d. Heidelberg. Univ.-Bibl., 1927, S. 9 f. 65 f.; Ders., Beschr. Verz. d. Miniaturen-Hss. d. Preuss. Staatsbibl. zu Berlin, 1928, S. 4; s. auch R. Köhler aaO. * Teske S. 1-12 6 Leben: v. Karajan, ZfdA. 5, 241 f.; Grion, ZfdPh. 2, 429 ff.; Schönbach, Anfänge d. Minnes. S. 34 f.; Teske, Wolfger S. 13 -40, Thomasins Leben S. 41 ff. Der wälsche Gast des Thomasin von Zercuere 309 und starb als Kanonikus von Aquileja. Mit Wolfger stand er auf der Seite der päpstlichen Partei (11091 ff.) und verurteilt Walthers Papstsprüche, durch die derguote kneht seinen sonst berechtigten, mit zuht und sin erwiesenen Dichterruhm geschmälert habe 11191-250 (s. Schönbach, Anfänge S. 63-72). Das Werk (min buoch 128. 140. 14681. 14739), 14742 (nicht 14752!) Verse, hat er verfaßt im Jahr 1215 auf 1216, noch nicht dreißig Jahre alt (2445), 28 Jahre nach dem Verlust des Heiligen Grabes durch Saladin (11709 ff., vgl. auch 12223-82). Es ist ein Stück adeliger Standespoesie, eine für die höfische Gesellschaft und das Rittertum bestimmte Tugendlehre, die sich aber nicht auf ausgesprochen höfische Auffassung beschränkt; sein Ideal ist vielmehr der christliche Ritter, der Kreuzfahrer, und der ethische Horizont erweitert sich zu einer allgemeinen Sittlichkeitslehre. Thomasin hat den Inhalt nach einem bestimmten Plan ausgeführt, den er auch in einer prosaischen Inhaltsangabe vor dem Gedicht ausführlich registriert. Das Werk ist in 10 Bücher geteilt, diese wieder in einzelne Kapitel, 1 sechs bis zwölf. Das I. Buch, 2 V. 141-1706, gleichsam die Einleitung zu den folgenden, bildet eine Abhandlung für sich. Es besteht aus zwei Teilen, deren erster, 141-1162, zunächst (141-772) eine Lehre für die Jugend (Junge Hute 147 u. ö., kint 168 u. ö.) enthält über zuht (221. 268. 657 u. ö.) und hüfscheit (182. 372. 657 u. ö.), eine Unterweisung zur hovezuht (302), zu edler Sitte und gesellschaftlichem Benehmen; darin (V. 405-70) eine Anstandslehre für Frauen und (V. 471-526) eine Tischzucht, eine Anweisung, wie man essen soll. V. 773-1022 sind wieder speziell für die Frauen bestimmt. Die letzten Verse des ersten Buches (1023-1162), waz diu kint suln vernemen unde lesen (10267), bringen einen für die Bildungsgeschichte der adeligen Jugend im 13. Jahrhundert sehr lehrreichen Beitrag: die Abenteuerromane werden als Erziehungsmittel angepriesen und die Heldinnen Enit, Penelope, Blanscheflör u. a., dann die Helden Gäwein, Clies, Erec, Iwein, Tristant, Parziväl u. a. als Vorbilder aufgestellt; jedoch mit der Einschränkung, die Abenteuer seien gut für die Ungelehrten und die, die tiefen Sinn nicht verstehen können, denn sie seien stark mit zierhaften Lügen verbrämt. 3 Der Kern der Lehre des ersten Teils ist zusammengefaßt in den V. 722-724: man sol die mdze wol ersehen an allen dingen ff. Das ist die Tugend der Temperantia, wie sie in der Moralis philo- sophia 4 gelehrt wurde, mit der Thomasin hier in vielen Punkten übereinstimmt. — Der zweite Teil des I. Buches (V. 1163-1704) ist ein Auszug aus einer früher von Thomasin in weihscher zunge (1554-ff. 1684 [italienisch oder wahrscheinlicher provenzalisch]) zu Ehren einer Dame geschriebenen Dichtung über die cortesia (cortezia, s. V. 1173); es ist eine Ritterlehre für Ritter 1 Rückert S. 403-15. Unter Hunt liumi hannes Rothe S. 7 f. 144; Vietor, Beitr. 46, (S. 403. 407. 408. 415) = liumunt liumet ver- 90 f. 107 f.; Brinkmann, Wesen u. Form steht Thom. Abteilung bzw. Inhalt einer sol- S. 27 f.; Rehm, ZfdPh. 52, 302. chen. 4 Migne 171, 1034-42; Holmberg S. 41-52; 2 Teske S. 118-36. Teske S. 179-82. 3 Docen, Mise. 2,295-9; Petersen, Jo- 310 Die lehrhafte Dichtuno und Frauen (1170. 1677). Die Kenntnis des Minnewesens hat Thomasin aus der provenzalischen Trubadurlyrik. 1 Mit dem II. Buch wendet sich der Dichter von der Jugend zu den Herren (1707 ff.) und damit zu der eigentlichen Morallehre, von der Sittsamkeit zu der Sittlichkeit. An die Spitze der Tugenden stellt er die stcete und ihr gegenüber als Urlaster die unstcete. In Buch III faßt er die stcete als Grundgesetz der ganzen Natur auf: ein ieglich dinc sin orden hat, daz ist von der natüre rat (2611), die statte ist also die gesetzliche Weltordnung Gottes, die lex aeterna. Aber, fährt er fort, äne alters eine der man der sinen ordn niht halten kan. Den größten Teil des III. Buches nimmt die Gefahr der irdischen Güter ein: Reichtum 2677, Herrschaft 3067, Macht 3285, Ruhm 3522, Adel 3855, allerlei Lust 3927. Buch IV fährt mit diesem Thema fort und erörtert die entsprechenden Laster. Im Mittelpunkt der ganzen Tugend- und Wertlehre steht Buch V, in dem die Grundlage von Thomasins Sittlichkeitslehre formuliert ist: es ist die Moralis theologia mit den drei Gütern: oberstez guot ist unser herregot;guotgar, d.h. durchaus gut, sind die Tugenden, als welche er speziell christliche aufzählt; übel unde guot sind die in Buch III besprochenen sechs Dinge. Buch VI ist eine Predigt über die sieben Todsünden. Buch VII gibt eine Abhandlung über die Wissenschaft, zuerst über Anthropologie (von der sele und von dem libe) und Psychologie, dann über die sieben freien Künste 8893, über Theologie und Naturwissenschaft 9063, Jurisprudenz 9151. Für die Kenntnis des geistigen Lebens der Zeit ist diese Darlegung des Systems der Wissenschaften sehr lehrreich. Nun kommt Thomasin wieder auf die Tugenden zurück und stellt in Buch VIII neben die statte die mäze, 2 ihre Schwester, als zweiten sittlichen Grundbestand, entsprechend die unmäze als zweites Urlaster neben die unstatte. Die rechte Maße hat ihre Stellung enzwi- schen liitzel unde vil (9938), jede Tugend hält die Mitte zwischen zwei Untugenden (9993). In V. 11091-830 macht Thomasin eine Abschweifung auf die Zeitlage : der Papst als Haupt der Christenheit (dabei der Ausfall auf Walther) und eine Kreuzrede zum Kampf um das Heilige Land. Zum Schluß bespricht Thomasin in Buch IX und X noch zwei andere, der statte und mäze verwandte Tugenden: Buch IX reht und Buch X mute (Freigebigkeit), 3 zwei soziale Pflichten. Die Quellen 4 für Thomasins Ethik sind nur teilweise bekannt. Eine einheitliche Vorlage hat er wahrscheinlich nicht gehabt, vielmehr wird er in der Zusammenstellung sehr selbständig vorgegangen sein. Im Prolog (V. 103 ff.) spricht er von seiner Arbeitsweise: er habe, was er sagt, nicht aus welscher 1 Schönbach, Anfänge S. 76 f.; Ders., Wien. 4 Die Quellenfrage ist noch nicht im einzelnen SB. 141, II S. 153 u. ebda 145, IX S. 56; Lü- gelöst, viele Nachweise in den Anmerkungen deritz, Liebestheorie der Provenzalen S. 111; von Rückerts Ausg.; ferner W.Grimm, Kl. Wechssler, Kulturproblem S. 32 f. Teske Sehr. 4, 15. 106 f.; Bezzenberger, Ausg. von S. 58-95.—Thomasins Weltanschauung Teske Fridankes Bescheidenheit S. 43 f.; bes.: S. 158-89. Schönbach, Anfänge S.40ff. u. Wien. SB. 2 Teske S. 170-89. 141, II, 153; Vietor aaO. S. 123 f. 3 Teske S. 182-86. Der wälsche Gast des Thomasin von Zercuere 311 Schrift genommen, sondern sein Werk aus ander vrumer Hute Ure zusammengefertigt. So zieht er sein Wissen aus der in der Schule vorgetragenen Morallehre, die ihrerseits auf die Bibel zurückgeht, und aus klassischen Autoren, Cicero, Seneca, Aristoteles (die mäze = [ascjott]?), Boethius, die zur Morallehre gehörten, besonders auch aus der Moralis philosophia des Wilhelm v. Conches; in geringerem Maße benutzt er andere mittellateinische Schriften: den Anti- claudianus des Alanus für den Abschnitt über die sieben freien Künste (8899-9062), auch für den Kampf der Tugenden und Laster (7385 ff.); die Psychologie (8789 ff., 9449-9594) hat er aus des Joannes Sarisberiensis De septem septenis gezogen und die Beschreibung der vier Elemente und der Planeten (2277-2422) aus der Philosophia mundi des Wilhelm v. Conches (Schönbach, Anfänge S.4CM9). Aus all dem ist zu ersehen, daß der Domherr Thomasin eine ausgebreitete Gelehrsamkeit besaß und sein Wälscher Gast auf wissenschaftlichen Studien beruht. Aber Thomasin war nicht nur Gelehrter, sondern auch ein Mann von Welt; bei seinen Büchern und der Studierlampe kehrte er in sich und seine Gedanken ein (er verdenket sich 12305), aber er lebte auch in der Gegenwart und verstand sich nach außen hin zu benehmen (gebären 12307-311). Lebhaftes Interesse nimmt er an den Zeitereignissen, wobei er sich in seiner Stellung gegenüber Papsttum und Kaiser als maßvoller Politiker zeigt (Buch VIII, s. oben). 1 Thomasins Wälscher Gast ist eine tüchtige Leistung, um so höher einzuschätzen, als er seine Gedanken in einer seiner Herkunft fremden Sprache auszudrücken hatte. Aber sein Werk ist keine künstlerische Leistung. Bis zu einem gewissen Grade mag einer freien Entfaltung der Ausdrucksweise der ihm, dem Ausländer, fremde Sprachgeist hinderlich gewesen sein, wodurch auch die Armut an stilistischen Mitteln, an poetischem Schwung, die geringe Reimkunst mit den vielen unreinen Bindungen eine einleuchtende Erklärung finden. Seine Entschuldigung (V. 33-74) wird man gerne gelten lassen. Jedoch liegt der tiefere Grund in seiner Veranlagung: er war mehr Gelehrter und Lehrer als Dichter. Den Ausländer merkt man in der Sprache des Gedichtes kaum; viele seiner von der mittelhochdeutschen Schriftsprache abweichenden Formen mögen aus einem seiner Heimat benachbarten österreichischen Dialekte stammen, in dem er die deutsche Sprache kennen lernte. 2 Der „Wälsche Gast" hat eine große Wirkung und Nachwirkung, besonders in dem Kapitel der höfischen Anstandslehre, ausgeübt; die große Zahl der Handschriften beweist, daß das Gedicht auch in den folgenden Jahrhunderten viel gelesen wurde. Dazu mag auch der Bilderschmuck der Hs. beigetragen 1 Thomasins politische Stellung: Teske Thomasin vermeiden: Schönbach, Anf. S. 74; S. 190-215. Singer, Wolframs Willen. S. 81; Kluge, Dt. 2 Über Th.s Sprache u. Stil s. bes. Ranke Sprachgesch. S. 284; Suolahti, Mem. de la aaO.; Schönbach, Anfänge S. 74-6. — Franz Soc. neo-philol. de Helsingfors 1929 S. 270; Härder, Ubergangsformeln am Schlüsse von Heusler, Verslehre 2, 132 f. — Th.s Kunst- Kapiteln oder Büchern in mhd. Schriftwerken, begriff: Vietor, Beitr. 46, 90 f. 107 f. 123 f.; Beitr. 48, 104-8; Baesecke, Festschr. Voret- Etjling, Priamel S. 298. — Bes.: Teske zsch 1928, 48 ff. pass. — Fremdwörter wollte S. 136-58. 312 Die lehrhafte Dichtung haben. — Diese Illustrationen sind vielleicht durch Thomasin selbst veranlaßt worden, jedenfalls stammen sie aus dem 13. Jahrhundert. Für die Geschichte der Handschriftenillustration sind sie von größter Bedeutung. Der Winsbeke Während Thomasins Wälscher Gast die ritterlich-höfische Standesanschauung unter allgemein menschlicher Sittlichkeitslehre begreift, gibt der Winsbeke 1 eine ausgesprochene Standeslehre für das ritterliche Leben. Den Namen „Der Winsbecke" führt das Gedicht in der Überschrift der Handschrift C, das ist „der Winsbacher". 2 Herren von Windesbach sind urkundlich belegt; 3 das heutige Städtchen Windsbach an der Rezat liegt in der bayerischen Provinz Mittelfranken, nahe bei Eschenbach, der Heimat Wolframs. Die Person des Dichters läßt sich nicht näher bestimmen; als Abfassungszeit ergibt sich, wenigstens für den ersten Teil, etwa das Jahrzehnt zwischen 1210 und 1220. Der Dichter dieses Teils steht unter dem Einfluß seines Landsmanns Wolfram, auf dessen Parzival Strophe 18, 5 deutet, auch bestehen einzelne Anklänge an Wolfram; vor allem aber setzt der innere Gehalt die Lebensauffassung Wolframs voraus, und zwar wie sie am geschlossensten in den Lehren Gurne- manz' und Trevrizents niedergelegt ist. Andrerseits scheint das Gedicht dem Verfasser der Bescheidenheit (um 1230) nicht unbekannt gewesen zu sein. 4 Die Überlieferung des Gedichtes in 80 Strophen ist nicht einheitlich: 5 1. Der Hauptteil, Strophe 1-56, enthält das ursprüngliche Werk, die Lehren (rehte tuon 1,3), die der Vater, unter dem ein Ritter von Windesbach zu denken ist, seinem Sohne erteilt. Mit dieser Einkleidung als Lehren, die ein Vater seinem Sohne erteilt, gehört das Gedicht zu dem didaktischen Typus „Cato" (s. unten). Aufgebaut ist das ritterliche Tugendsystem des Winsbeke auf der 1 Ausg.: Mor. Haupt, Der Winsbeke u. die Winsb. u. die Winsb., zwei mhd. Lehrgedichte, Winsbekin, 1845; Alb. Leitzmann, Kleinere Progr. Döbeln 1889; Harry Denicke, Die mhd. Lehrgedichte, l.Heft: Tirol u. Fride- malterl. Lehrgedichte W. u. W. in Kultur- brant, Winsbecke, Winsbeckin, 1. Aufl. 1888, geschichtl. Beleuchtg, Progr. Rixdorf 1900, dazu Kinzel, ZfdPh. 22, 242-4 (dazu Leitz- dazu Alwin Schultz, DLz. 1900, 2213. — mann, ebda 501 Berichtig., Cbl. 1888, 1522; 14 Hss. u. Bruchstücke, s. Leitzmann, Ausg. 2 2. Aufl. 1928, dazu Piquet, Rev. germ. 20, S. X-XII. XVIII-XX; Kopenhag. Fragm.: 1929, 423, Suolahti, Neuphil. Mitteil. 30, Rosenfeld, Zu Winsbeke, Winsbekin u. 1929, 161 f.; frühere Abdrücke s. Leitzmann 2 Winsbekenparodie, ZfdA. 67, 109-22. S. XVIII f. — Übersetzungen: Leitzmann 2 2 Personennamen zu Ortsnamen auf -bach S. XXVI f. — Lit.: Leitzmann, ADB. 43, werden gebildet mit dem Suffix -jon, was 461 f.; Ders., Einleitg der Ausg. 2 S. XVII ff., lautgesetzlich -becke ergibt. Hugo v. Trimberg Zur Kritik u. Erklärg usw., Beitr. 13, 248-77, nennt im Renner 1185 den Verfasser selbst Der Winsb. u. Wolfram, ebda 14, 149-52. 53, fälschlich von Windesbecke. Schröder 300 f., ZfdA. 66, 207 f.; H.-Fr. Rosenfeld, ZfdA. 61, 127. Zur Überlieferg u. Kritik des Winsb., ZfdA. 66, 3 Leitzmann, Ausg. S. XXII f. 149-70, Zu Winsbeke, Winsbekin u. Wins- i W. Grimm, Kl. Sehr. 4, 14 f. 104 ff. u. Frei- bekenparodie ebda 67, 109-22; S. Anholt, dank, 2. Ausg. S. XI; Pfeiffer, Freie Forschg. Z. Textgestaltg u. Texterklärg des Winsb., S. 173 f.; Leitzmann, Ausg. S. XXV, Beitr. ZfdA. 68, 129-36; Schröder, ebda 69, 96 14,149-52. Über spärliche Nachwirkungen (Name); Petersen, Johannes Rothe S. 8; s. Leitzmann, Ausg. S. XXV. Hildebrand, Kürschners dt. Nat.-Litt. aaO. B Haupt, Vorrede, dagegen Wilken, ohne S. 151 ff. — Früher: Berth. Gutzeit, Unter- Erfolg, Germ. 17, 410-6; Denicke aaO.; schiede des Stils im Winsb. u. d. Winsbekin, Leitzmann, Beitr. 13, 266-71, Ausg. S. XX Progr. Bromberg 1887; Norroschewitz, D. -XXII. Der Winsbeke 313 Welt und Gott in Ausgleich bringenden Standesformel rihte hie dtn leben also daz dort diu sele wol gevar 3, 6. Dies ist der Inbegriff der Lebensweisheit, die Parzival errungen hat (Parzival 827, 19 ff.), der lehrende Vater wiederholt sie mit der gleichwertigen, aus der Bibel stammenden Rittersentenz got und der werlte wert sein 50, 6, gotes lön, der werlte habedanc 51, 8 (vgl. ZfdA. 56, 175 f., 201 f.). Die Lehren betreffen: kirchliche Gebote Strophe 2-5; den Ritterstand 8-27; moralphilosophische Erörterungen 28^16 (dabei die drei Güter guot, werltlich ere, got 29); das tägliche, häusliche Leben (Hauswirt, Haushalt, die hüsire) 47-52; das Verhalten gegen die Obrigkeit (Papst, Kaiser) 53-55; Schlußstrophe 56 faßt die ganze Sittenlehre zusammen in drei Räte: gotes minne, wdrhaft und zühtic. Auch hier denken wir an Wolframs Parzival: der Einsiedleroheim lehrt Gott als die Minne und die Wahrheit, der Ritteroheim, der houbetman der wären zuht lehrt zühtic sein. Der II. Teil, Strophe 57-80, unterscheidet sich vom I.Teil ganz wesentlich in der Auffassung des Lebens: gegenüber der Erziehung zum edeln Rittertum von I ist in II die Tendenz ausgesprochen geistlich, von asketischem Entsagungsgefühl getragen, das in dem endgültigen Rat gipfelt, Vater und Sohn sollten ein Spital gründen, diesem all ihre Habe stiften und beide sich dahin zurückziehen (Strophe 61 und 80). Hier ist der Sohn der Lehrer des Vaters. Die Rollen sind umgekehrt, und es ist geschmacklos, wenn der Junge dem Vater Vorstellungen macht, daß der einst so Behende nun alt und müde geworden ist. Und der Vater ist erfreut über diese fromme Gesinnung des Sohnes, er selbst habe immer dieselben Gedanken zur Buße gehabt. Zum Schluß folgt auf den Entschluß der Buße mit Strophe 65-80 ein für sich bestehender Abschnitt, eine von dem Vater gesprochene Sündenklage (ich muoz dir mine sünde klagen 76, 3) mit dem üblichen Inhalt und Plan (s. LG. II, 1, 175-7). Ein solcher Lebensgang, vom Rittertum zur Weltentsagung, entspricht ja mittelalterlicher Seelenverfassung, und das Gedicht beginnt selbst mit dem Gegensatz von Gott und der trügerischen Welt (Strophe 1-5), aber daß ein und derselbe, zudem ritterliche, Dichter von vornherein und in einem Zuge diese sich in solchem Maße widersprechenden Anschauungen vorgetragen haben sollte, ist psychologisch schwer glaublich. 1 Der Verfasser von I war Ritter, der des II. Teiles wohl Geistlicher. Formale Kriterien aus dem Stil reichen bei dem beschränkten Umfang des Beobachtungsmaterials nicht aus. „Der Winsbecke" ist in Strophen 2 abgefaßt (8 stumpfreimende Verse, im 1 Man könnte sich vielleicht auf das Minne- Trojel S. 3), nicht wie Caritas eine Tugend der buch des Kaplan Andreas (s. oben) be- Seele. Also widerspricht das III. Buch mit der rufen, wo das III. Buch, die reprobatio amo- Verwerfung der Minne nicht den beiden ersten, ris, über die Minne geradezu das Gegenteil sondern der Kaplan hat seinem Auftraggeber behauptet, was in den beiden ersten Büchern Gualterus die Augen geöffnet über den wahren so hoch gepriesen wird: dort die Minne origo Wert — oder vielmehr Unwert —• dieser hö- omnium bonorum, hier in der Widerlegung die- fischen Minnephantastik und wirkt durch den selbe Minne Urgrund aller Laster. Aber die zur Kontrast der „Reprobatio" mit der amoris Höfischheit, curialitas, urbanitas, gehörende doctrina von B. I u. II nur um so stärker, aristokratisch gesellschaftliche Minne ist eine 2 Leitzmann, Ausg. S. XXV f. mit Lit. Leidenschaft des Herzens (amor est passio, 314 Die lehrhafte Dichtung vierzeiligen Abgesang zwei Langzeilen) und entfernt sich dadurch in der Form von den andern lehrhaften Dichtungen. Wie auf den Cato (s. unten), so hat es auch eine Parodie 1 (bayerischösterreichisch) auf den Winsbecke gegeben, wenigstens auf den I. Teil. Statt höfisch-ritterlichen Anstandes wird hier Frechheit und Ungezogenheit empfohlen. — Eingewirkt hat der Winsbecke auf Freidank, der etwa zwölf seiner Sprüche daraus entlehnt hat (andere Nachwirkungen s. Leitzmann S. XXV). Das weibliche Gegenstück zum Winsbecke Teil I, eine Erziehung zum Frauenideal, ist die Winsbeckin 2 (Der muoter lere, Handschrift C am Schluß des Winsbecken, Haupts Ausg. S .70 und Anfang der Kopenhagener Handschrift, ZfdA. 67, 115). Der Verfasser kannte den Winsbecke Teil I und ahmte ihn nach in der strophischen und dialogischen Form und vielfach im Inhalt (45 Strophen). Strophe 1-11 enthält eine Lehre der zuht (Höfischheit) und Tugend; Strophe 12-45 eine Minnelehre. 3 Technisch unterscheiden sich Wins- beke und Windsbekin dadurch, daß dort die Strophen regelrecht durch die jeweilige Anredeformel „Sun" gegeneinander abgeteilt sind, während in dem Dialog der Winsbekin sich eine fließende Unterhaltung abwickelt. Der ältere Dichter ist im Ausdruck etwas gewandter, auch faßt er die Gedanken fester zusammen, während der jüngere sich wiederholt und redselig ausbreitet. Tirol und Fridebrant Durch die Ungunst der Überlieferung ist es schwierig, ein unbedingt sicheres Urteil über die Bruchstücke, die den Namen Tirol und Fridebrant 4 tragen, zu gewinnen. Erhalten sind Fragmente dreier Gedichte in zwei Handschriften. C, die große Heidelberger Liederhandschrift, enthält unter der Überschrift Künik Tirol von Schotten unt Vridebrant sin sun: I 24 Strophen eines Rätselgedichts und II, mit eigener Überschrift: Der künig tyrol leret sinen svn, 1 Seemüller, ZfdA. 55, 438-44; Rosen- hervorzuheben: Müllenhoff, Ad. Sprach- feld, Zu Winsbeke, Winsbekin u. Winsbeken- proben, 1871,4. Aufl. 1885, 112 ff.; Ernst parodie, ebda 67, 115 ff. Begriff der Parodie Wilken, Die Überreste ad. Dichtungen von und parodistische Literatur: Paul Lehmann, Tyr. u. Fridebr., 1873, dazu Braune, Cbl. Die Parodie im MA. 1922. 1873, 974. 1433 f., Wilken, Germ. 19, 59-62; 2 Lit. s. oben unter Winsbeke; Leitzmann, Die ep. Fragmente allein zuerst v. J. Grimm, Ausg. S. XXI f. XXVI f.; Ders., Beitr. 13, ZfdA. 1,7-20, Kl. Sehr. 7,55-67, dazu Bartsch 248-57. 272-5. Der Name Diu Winsbekin, wie Germ. 12, 87 f.; Harry Maync (s. nachher); auch Der Winsbeke, nur in C. Meyer-Benfey, Mhd. Übungsstücke 2 S. 140 3 Str. 1-11 bilden gleichsam die Einleitung -4. — Übersetzungen s. Leitzmann S. XVII. zu dem Hauptthema Str. 12-48. Diu wehsei- — Lit.: Leitzmann S. IX-XVII; Maync rede ein ende habe 12, 1 bedeutet hier nicht S. 108 u. pass. — Abhandl.: Emil Olden- Dialog, denn der wird ja auch in der Folge bürg, Zum Wartburgkrieg, Rostock. Diss. fortgesetzt, sondern rede ist hier Gegenstand 1892, 36-51; Harry Maync, Die ad. Frag- des Gesprächs, die wechselnden (verschiede- mente von König Tirol u. Fridebrant, 1910, nen) Gegenstände, über die wir bis jetzt ge- dazu Baesecke, Anz. 37, 26-34, Wilhelm, sprechen haben, wollen wir nun lassen und zu ZfdPh. 43, 472-4, Helm, Lbl. 1912, 362^1, einem einzigen, bestimmten Thema übergehen. Nickel, Arch. 121, 241 f. — Scherer, Dt. — Minnelehre in Dialog gekleidet auch in Vel- Stud. 1,55; Singer, ZfdA. 35, 180 f.; Jant- dekes Eneide 9788-9990 (Mutter u. Tochter), zen, Streitgedicht S. 87; Petersen, Johannes in Hartmanns Büchlein u. a. Rothe S. 8. — Stellen: Ehrismann, Germ. 34, 4 Ausg.: Leitzmann, Kleinere mhd. Lehr- 492; Leitzmann, ZfdPh. 22, 501; Suolahti, gedichte 1. Heft, s. oben Winsbecke; frühere Neuphilol. Mitteil. 30, 1929, 143 f. Ausgaben: Leitzmann S. IX-XIII, darunter Tirol und Fridebrant 315 21 Strophen eines Lehrgedichts; III Bruchstücke epischen Inhalts, von Jacob Grimm gefunden und in ZfdA.l, 7-12 veröffentlicht, worin König Tirol und Vridebrant als handelnde Personen vorkommen (gegen 60, großenteils verstümmelte Strophen). Inhalt der drei Teile: I. Tirol gibt Fridebrant zwei Rätsel auf, die dieser löst, 2 Visionen des Propheten Daniel mit geistlichen Deutungen. Insofern in diesen zwei visionären Erzählungen ein geistiger Sinn liegt, sind sie bispel genannt (13,3.7). II. Die Lehren, die der König Tirol seinem Sohne, dem „jungen König", erteilt, betreffen in der Hauptsache die Pflichten des Fürsten gegen seine Vasallen und Knechte (26-38), dann auch allgemein menschliche Verpflichtungen und ritterlich-höfisches Benehmen (39^5). Das Gedicht (I und II) ist eine Fürstenlehre, wobei im Mittelpunkt die wichtigste Aufgabe des mittelalterlichen Landesherrn steht, die kriegerische. III. In den epischen Fragmenten spielen Tirol und Fridebrant die Hauptrolle: eine Königin, soviel läßt sich herauslesen, lädt fremde und Herren ihres eigenen Landes mit ihren Damen zu einem Hoffeste und Ritterspielen ein (es scheint, Fridebrant hat die Königin von Feinden, Riesen, befreit, und die fremden Herren sind mit ihm der Königin zu Hilfe gekommen). Einem Ritter Baldewin wird sein Lehen erteilt, König Tirol und Fridebrant vollziehen das Fahnenlehen. In einem weiteren Fragmente, wo auch der Name Gahmuret vorkommt, erscheint ein um Beistand bittender Fürst, der von „Halbleuten", halb schwarz, halb weißfarbigen Menschen, schwer geschädigt ist; dann ist von Tjosten die Rede, von Zwergen, Untieren und Meerwundern. Das sind alles Motive eines höfischen Abenteuerromans ohne tieferen Sinn. Schwierig ist eine Entscheidung zu treffen über das gegenseitige Verhältnis der Teile 1 . 11 . 111 . Es dürfte sich damit folgendermaßen verhalten: der Dichter arbeitete zuerst ein Epos im Stil eines höfischen Abenteuerromans aus, dessen Helden Tirol und Fridebrant waren. Von diesem sind Bruchstücke in III vorhanden ; es enthielt, wie andere höfische Epen (Maync S. 74 ff.) auch eine Erziehungslehre (Gurnemanz im Parzival, Marke im Tristan, Gawein im Wiga- lois, Jofrit in Rudolfs v. Ems Willehalm), eine Lehre des erfahrenen Mannes (hier Tirols an seinen Sohn Fridebrant). Aus dieser Episode des Tirolromans und neben oder nach ihr schuf der Dichter ein selbständiges Lehrgedicht auf die Weise, daß er jene Erziehungsregeln aus dem Roman herausnahm (vielleicht war ihr Umfang im Roman geringer, so daß er sie in seinem neuen Lehrgedicht erweitert haben mochte) und zu dieser weltlichen Sittenlehre II eine geistliche in dem Rätselgedicht I hinzufügte. Dieses didaktische Gedicht ist für sich herausgegeben worden und erhalten in der Handschrift C (über die verschiedenen Ansichten s. Leitzmann S.XIII). Über die Entstehung des Tirolepos (III) — und somit auch über das mit demselben zusammenhängende Lehrgedicht (I. II) — geben die kärglichen Reste keine Auskunft. 1 Nur das 1 Die frühere Annahme, es habe ein umfang- schöpft hätten, läßt sich nicht stützen, Leitz- reiches Heldengedicht von Tirol gegeben, aus mann S. XVII. dem sowohl Wolfram als der Tiroldichter ge- 316 Die lehrhafte Dichtung eine ist sicher, daß der Verfasser Wolfram kannte; das zeigen einige Wendungen und Eigennamen, besonders der Name Fridebrant. 1 Aber die Masse des Stoffes hat er wohl selbst aus gangbaren Motiven zusammengetragen. — Von der weiteren Verbreitung des Tirolstoffes zeugt eine Spruchreihe Boppes (siehe oben), worin dieser sich auf des küniges Tirols buoch beruft, worunter das Rätselgedicht gemeint ist; im jüngeren Titurel wird einiges von Fridebrant erzählt; dabei spielt ein zauberkräftiger Rubin eine Rolle, ebenso, aber in anderer Aufmachung, im Wartburgkriege. 2 Die Tirolstrophe trägt die gleiche Grundform wie die des Winsbeken, ist aber weniger reich ausgebildet; der Abgesang ist einfacher, so daß das ganze Strophengebäude nur 6 Verse hat (Literatur: Leitzmann S. XVII). Die Heimat des Gedichtes war, wie aus den Reimen hervorgeht, Thüringen oder das östliche Hessen. Die schon stereotypen Abenteuer weisen den Roman in die Zeit nach den großen Epikern, von 1220 bis 1250. Nach dem Rätselgedicht scheint der Verfasser die Bildung der Spruchdichter gehabt zu haben mit der Wichtigtuerei geheimnisvoller Weisheit, weshalb er auch von Boppe so hoch gestellt wurde. Das lateinische lignumaloe (Rätselgedicht Strophe 15) statt des in Wolframs Parzival und Willehalm mehrfach vorkommenden lign aloe könnte auf Lateinkenntnis schließen lassen. Die knappste Form der Lehrmethode, die Spruchsammlung, hat auf die Erziehung am stärksten eingewirkt, und diese Gattung hat auch die weiteste Verbreitung gefunden. Weitaus die erste Stelle hält in dieser Gruppe Freidanks Bescheidenheit Lit.-Ausg.: (Christoph Heinr. Müller, Sammig. dt. Gedichte aus d. 12., 13. u. 14. Jh. 1, 1784), Wilh. Grimm, Vridankes Bescheidenheit, 1834, dazu GgA. 1835, 402-24. 445-8 u. Kl. Sehr. 2, 449-68 (Selbstanzeige), 2. Ausg., Freidank, 1860 (doch ohne die wertvolle literatur- geschichtl. „Einleitung"); H. E. Bezzenberger, Fridankes Besch., 1872 (mit reichhaltigen erklärenden und Parallelen verzeichnenden Anmerkungen), dazu Paul, ZfdPh. 4, 478-80; Franz Sandvoss 1877, dazu Paul, Jenaer Lit.-Ztg. 1877 Nr. 34, Steinmeyer, Anz. 4, 125-34, Behag- hel, Germ. 23, 239-41 (alle ablehnend). — Übersetzungen: Baumeister 1861, Simrock 1867, Pannier (Reclam) 1878, mittelnd. s. Jellinghaus, Gesch. d.mnd. Lit. 3 , 1925, 29. — Abhandl.: J. J. Eschenburg, Denkmäler ad. Dichtkunst, 1799, 83-118. W. Grimm, Freidanks Grabmal, ZfdA. 1, 30-3 u. Kl. Sehr. 4, 1-4, Üb. Freidank, Berl. Ak. 1850 u. Kl. Sehr. 4, 5-92, Nachtrag 1851,.zweiter Nachtr. 1855 u. Kl. Sehr. 4, 93-116, Üb. Bernhard Freidank (gegen Pfeiffer, Germ. 2, 129 ff.), Cbl. 1857, 413 f. u. Kl. Sehr. 2, 508 f., Zurechtweisung (geg. Pfeiffer, Germ. 3,367 f.), Cbl. 1858,771 f. u. Kl. Sehr. 2,509 f., Zum Freid., ZfdA. 11,209 f. u. Kl. Sehr. 4,117f.; Nochmals üb. Freid., ZfdA. 11, 238-43 u. Kl. Sehr. 4, 119-24. Franz Pfeiffer, Üb. Freid., Zur dt. Lit.gesch. 1855 u. Freie Forschg. 1867, 163-219, Üb. Bernhard Freidank, Germ. 2, 129-163 u. Freie Forsch. S. 220-72, Entgegnung (gegen W. Grimm, ZfdA. 11, 238 ff.), Germ. 3, 367 f. — Friedr. Reinhardt, Walther v. d. V. u. Fridank, Progr. Aschersleben 1878; Albert Freybe, 1 Bartsch, Germanist. Stud. 2, 1875, 129 f.; Gudrun: Panzer, Hilde-Gudrun S. 108. 188; Oldenburg, Wartburgkr. S.48ff.; Maync Maync S. 68 ff. S. 26-9. 68-71; Leitzmann S. XVI. Über den 2 Dieses Motiv scheint im Tirolroman entNamen Tirol s. Maync S. 68. — Die Frage, halten gewesen zu sein, aus dem der j. Titu- ob es eine Fridebrantsage gegeben habe, führt rel und der Wartburgkrieg unabhängig vonganz ins Dunkle, bekannt ist nichts von ihr, einander entnahmen. — Oldenburg, Wart- Baesecke aaO. S. 31 f. Frideschotten in der burgkr. aaO. S. 36-51; Maync S. 77-85. Freidanks Bescheidenheit 317 Christoforus, Blätter f. Kenntnis u. Pflege dt. Art u. Sitte 1882, darin S. 202-23: Christi. Ethik in Vridankes Besch.; E. Neidhardt, Üb. Freid.s Besch., Vortrag 1885; Rodenwaldt, D. Fabel in d. dt. Spruchdichtg., Progr. Berlin 1885 S. 12-15; May, D. Spruchged. Freidanks Bescheidenheit nach seinem sittlichen Werte beurteilt, Progr. Neiße 1887; Gelbhaus, Mhd. Dichtung in ihrer Beziehung z. biblisch-rabbin. Litt. 1, 1889, dazu Leitzmann, Lbl. 1890, 298 f.; P. Hildebrandt, Freidank u. Walther, ZfdA. 34, 6-18; B. Peretz, Altprovenzal. Sprichwörter mit e. kurzen Rückblick auf Freidank, Roman. Forsch. 3, 415-57; J. Martin, Die Proverbes au Conte de Bretaigne nebst Belegen aus german. u. roman. Sprachen, Progr. Erlangen 1892; Hugo Hildebrand, Kürschners Dt. Nat.-Litt. Bd. 9,251 ff.; Um., Die deutsche Priamel, 1897, S. 282 ff.; Euling, Das Priamel, 1905, 431-35; Ders., Kleinere mhd. Erzählungen, Fabeln u. Lehrgedichte, Dt. Texte des MA.s 14, Reg. S. 225 1908, pass.; P. Schlesinger, Ein Beitrag z. Lösung der Frage nach der ursprüngl Anordnung von Freidanks Besch., Progr. Berlin 1895, dazu R. M. Meyer, DLz. 1896, 184 f.; Köberle, Die sittlichen u. religiösen Anschauungen in der „Bescheidenheit" usw., Programm Memmingen 1912. — Friedr. Neumann, Neue Jahrb. f. d. klass. Altert., Gesch. u. dt. Lit. 25,1922,388-404; Walther Rehm, ZfdPh. 52, 289-330 pass.; Ders., Der Todesgedanke, Reg. S. 475; Schröder, ZfdA. 67, 234-39; Schneider, Merker-Stammler Reallex 3, 290. — Stellen: Haupt, ZfdA. 3, 278 f.; Steinmeyer, ZfdA. 18, 455 f.; Reinhold Köhler, Germ. 5, 220-26; Lambel, Germ. 10,339-42; Sprenger, Germ. 24, 419 f.; Stosch, ZfdPh. 28, 429 f.; Schröder, ZfdA. 61, 38 f.; Niewöhner, ZfdA. 67, 80; Bolte-Polivka 1, 378. 3, 350. — Gegen 40Hss. u. Bruchst.: W. Grimm, 1 S. V-XIV, 2. Ausg. S. III-XI, s. auch Kl. Sehr. 4, 25-37; Bezzenberger S. 48-52; Steinmeyer, ZfdA. 18,455 f.; Euling, Kleinere mhd. Erzählungen aaO.; Pfeiffer, Quellenmaterial I, 1867, 56-58; Reifferscheid, ZfdPh. 8, 180-86; O. v. Heinemann, ZfdA. 32, 80-90; Wilhelm, ZfdA. 53, 83-87; Ders., Münch. Mus. 3, 234; Schatz, Zs. d. Ferdinandeums 3. Folge H. 41; Priebsch, Deutsche Hss. in England I, Reg. S. 349. II, Reg. S. 336. — Die Schlußverse der Bescheidenh. als „Messegesang" selbständig: Steinmeyer, ZfdA. 18, 455 f., s. ebda 17, 425-27; MSD. II», 272; Lambel, Germ. 21, 347 f., 22, 384. Lit. über Sprichwort: MSD. Nr. 27 u. II 8 , 133-52; Piper, Älteste dt. Litt. II [1884], 206, Höf. Epik III [1894], 706-9, Nachtr. z. älteren dt. Litt. [1897], 206; Graff, Diutiska 1, 323-26; Wackernagel, Salomonis proverbia, ZfdA. 3, 128-30; Rud. Peiper, Beitr. z. lat. Cato-Litteratur, ZfdPh.5,165-86 (Ethica Ludulphi); Ernst Voigt, Üb. d. ältesten Sprichwörtersammlungen d. dt. MA.s, ZfdA. 30,260-80; Hoffmann v. Fallersleben, Die ältesten deutschen Sprichwörtersammlungen, Weimarer Jahrb. II, 1855, 173-86. — Carl Schulze, Die biblischen Sprichwörter der dt. Sprache, 1860; Ders., ZfdA. 8, 376-84; J. V. Zingerle, Die deutschen Sprichwörter, 1864; F. Seiler, Dt. Sprichwörterkunde, Handbuch d. dt. Unterrichts an höheren Schulen IV, 3, 1922 (wichtig); Ders., Das deutsche Sprichwort, Grundr. d. dt. Volkskunde II, 1918; Ders., Die Entwicklung der dt. Kultur im Spiegel des deutschen Lehnworts V. Das dt. Lehnsprichwort, 1921; Ders., Deutsche Sprichwörter in mittelalterl. lateinischer Fassung, ZfdPh. 45, 236-91; Ders., Mittellateinische Sprichwörter, Zs. f. Deutschkde. 35, 1921 H. 5-8. — Zarncke, Cato S. 2; Jak. Werner, Auswahl lat. Sprichwörter, 1912; Gröber, Übersicht üb. d. lat. Litt, in Gröbers Grundr. II, 381-84. — Hugo v. Trimberg hat in seinem Registrum multo- rum auetorum eine Reihe mittellat. Sprichwortsammlungen verzeichnet, s. Huemer, Wien. SB. 116, 1888, S. 179-88. Die einzelnen Sprüche sind hier leicht faßlich und einprägsam formuliert. Auch durch den Inhalt hebt sich „der Freidank" über alle andern Lehrgedichte hinaus, da hier in umfassendster Weise notwendige und allgemein geltende religiöse und weltliche Sittlichkeit und Lebensführung gelehrt wird, also die Schranken einer ritterlich-aristokratischen Standesbildung nicht gezogen sind. Im Vorspruch Vers 1^ nennt das Werk sich und den Verfasser: Ich bin genant Bescheidenheit . .., mich hat berihtet Fridanc. In dem Titel ,Beschei- 318 Die lehrhafte Dichtung denheit' ist eine hohe sittliche Aufgabe begriffen; mittelhochdeutsch Bescheidenheit" ist das intellektuelle Vermögen zu scheiden, zu unterscheiden, hier mit ethischem Ziele: das Gute und das Schlechte zu unterscheiden. 1 Über Person und Leben des Dichters fehlen unmittelbare und sichere Nachrichten von Zeitgenossen und Späteren. 2 Nach der jetzt herrschenden Ansicht war Freidank ein Fahrender bürgerlichen Standes, alemannischer oder schwäbischer Herkunft. Den einzig sicheren Anhaltspunkt über sein Leben bietet das Kapitel „Von Akers" 154, 18 ff., das sich auf den Kreuzzug Friedrichs II. 1228-1229 bezieht. Die hier geschilderten Eindrücke hat er offenbar in eigener Erfahrung gesammelt, war also selbst in Syrien. Danach ist die Abfassungszeit der Bescheidenheit bald nach 1230 zu bestimmen. Für einen bürgerlichen Fahrenden spricht auch der Name. Die in den Sprüchen aufgespeicherten Kenntnisse setzen eine höhere Bildungsstufe voraus. Als Familienname 3 ist Freidank seit Anfang des 13. Jahrhunderts belegt, ist dann besonders häufig in Tirol und begegnet noch heutzutage. Als Dichter stand er in seiner Zeit und in den folgenden Jahrhunderten in hohem Ansehen. Rudolf v. Ems 4 preist meister Fridanc im Willehalm 2206 und im Alexander (der sinneriche Frigedanc) 3235 und zitiert ihn mit einem Spruch (der aber in der Bescheidenheit nicht vorkommt) als meister Frigedanc, Alexander 20632; Seifrid Helbling führt drei Sprüche an unter der Bezeichnung her Fridanc II, 147, Bernhart Fridanc VI, 186. VIII, 488. Die Notiz in einem Exkurs der Kolmarer Annalen 1 Friedr. Neumann, Neue Jahrb. aaO. Germ. 23,241; H. Simonsfeld, Abhandl. d. S. 395: es ist die ratio, wie sie Thomasin bayer. Ak. 19, 1890, Abt. 3, 543-638 u. SA., V.8800deutet: Ratio bescheiden sol waz ste übel dazu Leitzmann, Anz. 17, 125-7; Osw. v.Zin- oder wol 8827, ratio diu kraft kan bescheiden gerle, Freidanks Grabmal in Treviso, 1914, daz übel vomme guot 8841 (Neumann: das dazu Schröder, Anz. 39, 170 f. — W. rechte sittliche Urteil, die „praktische Ver- Grimms Annahme, Freidank sei niemand an- nunft"). — In dem Tugendsystem der Moralis ders als Walther v. d. Vogelweide, hat eine um- philosophia ist die Kraft, die mala a bonis et fangreiche Gegenliteratur hervorgerufen, be- bona et mala mutuo discernit, die Prudentia, sonders von Seiten Franz Pfeiffers. Sie ist Wilh. v. Conches, Migne 171, 1011 B (auch verzeichnet von Bezzenberger, Ausg. S. 3 ff., discrecio). Über die geschichtliche Entwick- und in P. Hillebrandts auf Grund von lung dieses Begriffes der ratio bis auf Melan- Sprach- u. Reimgebrauch angestellter Wider- chthon s. Dilthey, Weltanschauung u. Ana- legung W. Grimms, ZfdA. 34, 6-18. lyse des Menschen ed. Misch 1914 S. 194. 3 Ob wirklich der Dichter mit seinem Fa- 2 Lit. üb. Person u. Leben Freidanks: die miliennamen Fridanc geheißen hat, oder ob er oben genannten Schriften W. Grimms und ihn als Spielmannsnamen trug, ist nicht sicher Pfeiffers; W. Grimm, Ausg. 1 S. XXXVII zu entscheiden. Wo er Frigedanc genannt -XLII; Bezzenberger S. 3-26, dazu Paul, wird, ist wohl an freie, niemanden schonende ZfdPh. 4, 478 f. — Außerdem speziell Name: Meinungsäußerung gedacht. Wenn ihm Sei- W. Grimm, Ausg. 1 S. XLI; Pfeiffer, Fr. frid Helbling den Vornamen „Bernhart" gibt Forschg. S. 230 ff.; Schröder, Anz. 39, 170 f. (mit welcher Gewähr?), so hielt er „Fridanc" — Heimat: Schröder, Gott. Nachr. 1918, jedenfalls für den angestammten Familien- 384, Münch. SB. 1924,3. Abh. S. 4 (Schwabe); namen. — W. Grimm, Kl. Sehr. 2, 508 f. 4, Schirokauer, Beitr. 47 Reg. S. 123 (Schwa- 25-30; Pfeiffer, Germ. 2, 136 ff. u. Freie be?); Osw. v. Zingerle, ZfdPh. 52, 93-110 Forsch. S. 220-72; Rud. Grupp, Die dt. Di- (mit Lit.; Tirol, Pustertal;) Schröder, ZfdA. daktiker u. die Schulen des XII. u. XIII. Jhs., 67 aaO. — Sprache: Zwierzina, ZfdA. 44 Progr. Brandenburg 1888. 1889; Schröder, Reg. S. 348. 45 Reg. S. 344 (Dialekteigentüm- ZfdA. 67, 238 f. lichkeiten fehlen). — Grab in Treviso: 4 W. Grimm, Ausg. 1 S. XXXVIII f., Kl. Pfeiffer, Freie Forsch. S. 199-202; Bezzen- Sehr. 4, 17 f. 31. 105; Pfeiffer, Freie Forsch. berger, Ausg. S. 19-25 (mit Lit.); Justus S. 182-5 u. ö.; Leitzmann, ZfdPh. 43, 315 f. Grion, ZfdPh. 2, 172-7. 408-40; Behaghel, Freidanks Bescheidenheit 319 (13. Jahrhundert) aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts: „Frydanckus vagus fecit rithmos theutonicos gratiosos" ist zwar kein gültiges historisches Zeugnis, spricht aber doch dafür, daß er im 15. Jahrhundert im Elsaß als Fahrender galt. Der Eintrag in den Annalen des Klosters Kaisersheim (Kaisheim bei Donauwörth) „1233 Freidankus magister moritur" 1 ist ebenfalls unzureichend,denn es kann damit auch ein anderer Freidank als unserer gemeint sein. Der in Treviso begrabene Freidank, von dessen Grabstein der Nürnberger Arzt Hartmann Schedel in seinen „Antiquitatibus" berichtet (um 1466), ist nicht unser Dichter. Die Handschriften haben die Sprüche in verschiedener Reihenfolge überliefert, in einigen herrscht völliges Durcheinander, in andern ist eine Ordnung zu erkennen; 2 W. Grimm beschreibt Ausg. 2 S. XIII ff. neun verschiedene Arten; er selbst folgt den Texten AB, in denen eine Ordnung des Inhalts in 53 Kapiteln (etwa 4700 Verse) mit entsprechenden Überschriften eingehalten ist. Freilich ist auch hier kein ganz folgerichtiger Plan eingehalten, auch sind oft zusammengehörende Einzelsprüche zerstreut, aber es läßt sich doch auf Grund dieser Anordnung eine Inhaltsangabe in entwickelnder Übersicht aufstellen. Es lassen sich etwa folgende Gruppen bilden: A. I. Religion, Gott und Welt: Kapitel 1. 4. 5. 6. 9. 29. 43. 49. 50. 51. 52. 53. II. Religiöse Ethik, Tugenden und Untugenden: Kapitel 7. 8.10. 12. 13. 14. 16.18. 21. 24. 25. 26. 28. 34. 35. 40. 41. 44. 47. 48. B. I. Stände und Berufe: Kapitel 15. 23. 30. 31. II. Lebensverhältnisse und Lebenstypen: Kapitel 11. 17. 19. 20. 22. 27. 32. 33. 36. 37. 39. C. Zeitgeschichte: Kapitel 45. 46. D. Ungeordnetes Allerlei: Kapitel 38 (nach Schlagwörtern. 42). — Von den Gedanken an das Ewige ist diese Schatzkammer sprachgeformter Lebensordnung umschlossen, sie beginnt mit dem Anfang aller Weisheit: Swer gote dienet äne wanc, deist aller wisheit anevanc (1,5) und endet mit dem Tode und dem jüngsten Tage. So enthält Freidanks Bescheidenheit eine Erkenntnislehre Gottes und des eigenen Selbst 3 — das Schlußgebet 180, 8 beginnt mit der Bitte: Got herre gip mir daz ich dich erkennen müeze und ouch mich —, also eine mittelalterliche Metaphysik und Psychologie, und indem sie Grundsätze für das Leben auf- 1 Leidinger, Münch. SB. 1910, 7, 29; Wil- S. 121 Anm. ; Paul, Üb. d. ursprüngl. An- helm, Münch. Mus. 1, 1911,45. 368; Osw. Ordnung v. Freidanks Besen., Leipz. Diss. v. Zingerle, ZfdPh. 52, 94: „1233 magister 1870, dazu Bartsch, Germ. 17, 248 f. JÄ- Fridancus obiit"; Schröder, ZfdA. 67,235 f. NiCKE,ZfdPh.4,103-7; Wilmanns, Üb. Freid., 2 Die völlig planlose Aneinanderreihung ist ZfdA. 28, 73-110; Paul Schlesinger, E. Beiwahrscheinlich die ursprüngliche: Paul, trag z. Lösung d. Frage nach d. ursprüngl. Münch. SB. (s. nachher) S. 288, „Freidank hat Anordnung v. Fr.s Besch., Progr. Berlin 1894, offenbar alles in ein Buch zusammengetragen, dazu Seemüller, Anz. 23, 270-2, R. M. vermutlich in der Reihenfolge, wie es ihm ein- Meyer, DLz. 1896, 184 f.; Paul, Üb. d. urgefallen ist oder wie er es gefunden hat" (vgl. sprüngl. Anordnung v. Fr.s Besch., Münch. die Entstehung von Egberts v. Lüttich Fe- SB. 1899 H. II, 167-294; Roethe, Reinm. eunda ratis, ed. Ernst Voigt 1889, auch S. 111 Anm. 153. Bartsch, Germ. 18, 311; Zarncke, Cato 3 Fr. Neumann, Freidanks Lehre von der S. 121 Anm.: eher wird man ein Chaos in Seele, Festschr. Jellinek 1928 S. 86-96; Ders., Ordnung gebracht haben als umgekehrt). — Freidanks Auffassung der Sakramente, Gott. Anordnung: W. Grimm, Ausg. 2 S. XIII ff.; Nachr. 1930,363-80; Ders., Stamml. Verf. lex. Bezzenberger S. 53 ff.; Zarncke, Cato 1,660-70. 320 Die lehrhafte Dichtung stellt, ist sie Lebensanschauung oder Ethik. So ist die Gesamtheit der Pflichten des sittlichen Menschen in den Bereich dieses Lehrgedichtes gezogen, in noch weiterem Ausmaße als in Thomasins Wälschem Gast. Und zwar ist das für das Leben und für das Seelenheil Wissenswerte unter dem Gesichtspunkt der Laienmoral beurteilt: swer got und die werlt kan behalten, derst ein scelic man, got nieman des engelten lät, ob er der werlde hulde hat (31,18 ff.) - 1 Im Zusammenhang mit dieser Vereinigung von Gott und Welt, der Zulassung des Humanuni neben dem Divinum, dem mittelalterlichen Humanismus, steht Freidanks Humanität, die ausgesprochen ist in dem Satz: Got hat drier leie kint, daz kristen Juden beiden sint (10, 17). In diesen Bereich des mittelalterlichen, hier speziell ritterlichen Humanismus gehört auch seine Schätzung der Frau (Kapitel 37), die mit den Anschauungen, die im höfischen Epos von der Minne herrschen, in manchen Punkten übereinstimmen, aber frei sind von dem verstiegenen Minnedienst und auf der Wertschätzung der natürlichen Gaben der Frau beruhen. Soziologisch ist der Lehrgehalt der Bescheidenheit in das mittelalterliche Feudalsystem eingeordnet: Got hat driu leben geschaffen, gebäre ritter unde pfäffen (27, 1). Aus dem allgemein verbindlichen sentenzenhaften Inhalt heraus treten die Abschnitte Von Rom und Von Akers (Kapitel 45. 46). Es sind Satiren auf bestimmte Zustände der Zeit, aber die Form fällt nicht aus der sonstigen spruchhaften Stilart des Werkes heraus. In der Satire auf Rom erinnert die Stellung Freidanks an die Sprache der Vaganten und an Walther; wie dieser gehörte er der kaiserlichen Partei an. 2 Seine Vorwürfe gelten nicht dem Papsttum und der Person des Papstes, sondern der Kurie, dem römischen Hof, besonders richtet er sich gegen die Habsucht Roms und gegen den Ablaß. Ein düsteres Bild liefert die Spruchreihe über Akers (Accon) und die Zustände in Syrien: Alles ist dort verderbt, untreu sind Christen und Heiden, jeder wird dort betrogen; alles, die Christen, die Wälschen, die Geistlichkeit, feindet die Deutschen an, und Seuchen raffen die Menschen weg: swer ungerne lange lebe, dem rate ich daz er z Akers strebe (156, 4). Eine bittere Enttäuschung, offenbar hervorgegangen aus der Politik des Papstes, der die Erfolge des gebannten Kaisers zu hindern suchte und abschwächte, spricht aus diesen Anklagen. Die Gesamthaltung von Freidanks Bescheidenheit ist strafend-satirisch, der Schwerpunkt liegt auf dem Bösen, die Laster werden eingehend behandelt, die Tugenden höchstens als Folie. Die Welt ist schlecht. Durch diese negative Tendenz der Abschreckung unterscheidet sich Freidanks Sprichwortsammlung 1 Rudolf von Ems faßt im Alexander 3229 ff. Gesch. d. polit. Spruchdichtg. im 13. Jh., Bonn waz der sinneriche Vrigedanc lerte zusammen: Diss. 1906. — Im mittelalterl. Wissenschafts- tumpheit strafen unde spot, die weit erkennen, System gehörte zur praktischen Philosophie minnen got, des libes und der sele heil, weltlicher (Moral) auch die Philosophia politica, die das erenteil. — Freid. bei Rud. v. Ems: Schröder, ganze Staatswesen und die Staatslenker be- ZfdA.67, 234-9. traf, s. Isidor Etymol. II, 24, 10 f. 16; Hugo 2 W. Grimm, Kl. Sehr. 4,103 f. 117 f., Ausg. 2 v. St. Victor Eruditio didascalica II,20,Migne S. XVIII f.; K. Pinnow, Untersuchungen z. 176 Sp. 159 C ff. Freidanks Bescheidenheit 321 vom Cato und vom Winsbeke, wo dem zu erziehenden Sohn in direkter Anrede positive Lehren gegeben werden. Quellen. 1 Freidank gibt keine eigene Erfindung, er hat alte Sprüche aufgenommen oder alte Spruchweisheit in faßliche und einprägsame Form gebracht, viele auch aus dem Lateinischen übersetzt. Der Ursprung der religiösen Sprüche liegt in der Bibel und in kirchlichen Schriften; die zur Fabel gehörenden Stellen stammen aus Äsop, dem Physiologus; die Lebensregeln sind in lateinischen Spruchsammlungen (z. B. Cato) und deutschen Sprichwörtern als Gemeingut der Schulbildung und des Volkes verbreitet. Einiges hat er der deutschen Zeitliteratur (Walther, Hartmann, Thomasin u. a.) entnommen. Es hat aber überhaupt schon vor Freidank deutsche Sprichwörtersammlungen gegeben, wie ja eine solche in MSD. Nr. XXVII, 1 erhalten ist, und auch aus diesen mochte er geschöpft haben. 2 Etwa ein Dutzend Sprüche sind aus dem Winsbeke, einige auch aus der Winsbekin entlehnt. 3 Etwa 80 Zeilen der Bescheidenheit stimmen inhaltlich und oft auch wörtlich überein mit Stellen der 32 Spruchstrophen, die im Anhang der Heidelberger Freidankhandschrift überliefert sind. 4 Freidanks Spruchsammlung hatte einen großen Einfluß in der deutschen Gedankenwelt des 13.14.15. Jahrhunderts. „Freidank" wurde fast zu einem Gattungsnamen für Sprichwortweisheit. Im 14. Jahrhundert entstand ein lateinisch-deutscher Freidank, 5 eine kraftlose lateinische Übersetzung etwa eines Drittels oder Viertels der Verse mit den deutschen Sprüchen zusammen, pro pueris. Sie ist in mehreren (etwa 6) Handschriften vorhanden und wurde, wahrscheinlich schon im 15. Jahrhundert, gedruckt. — Eine niederdeutsche Übersetzung ist aus dem Jahr 1460 6 erhalten, auch in niederländische Spruchsammlungen sind Freidankverse in großer Zahl übergegangen. 7 Und bis in die Zeit vor der Renaissancedichtung des 16. Jahrhunderts behielt die unverwüstliche Kraft dieser Moralsprüche ihre Beliebtheit: Seba- 1 W. Grimm, Ausg. 1 S. LXXXVIII-CXI, (Pfeiffer). Sie rühren wohl von verschiedenen Kl. Sehr. 4, 59-92. 104 ff.; Pfeiffer, Freie Verfassern her und dürften Teile aus einem Forsch. S. 170 ff.; Bezzenberger S. 5. 37-48. Spielmanns-Liederbuch sein: Sie sind nicht 281-469. — S. Gelbhaus, Mhd. Dichtg. in Sprichwörterdichtung, sondern Spruchdich- ihrer Bezieh, zur bibl.-rabbinischen Lit. I. tung. „Freidanks Besch.", 1889; Carl Loewer, Pa- 5 Hss.: W.Grimm 2 S. XI. XII f.; Bezzen- tristische Quellenstudien zu Fr.s Besch., Leipz. berger S. 52. — Eschenburg, Denkmäler Diss. 1901. S. 111-7; W. Grimm, Kl. Sehr. 4, 35-7; Paul, 2 Schönbach, ZfdA. 20, 151 f. Münch. SB. aaO. S. 250-5; Hugo Lemcke, 8 W. Grimm, Kl. Sehr. 4, 14 f. 104 ff. 109; Fridangi discrecio, Freidanks Besch. lat. u. dt. Pfeiffer, Freie Forsch. S. 173 f.; s. ob. Wins- aus d. Stettiner Hs. (1868), dazu Jänicke, beke. ZfdPh. 4, 106 f.; R.Joachim, Neues Lausitz. 4 Abgedr. MSH. III, 4689-168*; Pfeiffer, Magaz. 50, 1873, 217-334 (Görlitzer Hs.); Fr. Forsch. S. 204^19; Müllenhoff, Sprach- Schönbach, Mitteil. d. hist. Ver. f. Steier- proben 4 , 1885, 109-12; Meyer-Benfey 2 mark H. 23, 1875; Bartsch, Katalog d. ad. S. 32-40. — Lit.: Vogt, MF. 3 S. 301 f. — W. Hss. d. Univ.-Bibl. in Heidelberg, 1886, 75*; Grimm, Ausg. 1 S. IX, 2. Ausg. S. XI; Pfeif- Leitzmann, Anz. 17, 126 f. fer aaO. S. 174-81 u. Germ. 2, 146-50; Sche- « Goedeke, Grundr. I 2 , 479. Rer, Dt. Stud. 1, 30-2. 35-9. 55 f.; Bezzen- 7 W. Grimm, Ausg. 2 S. XII; Bezzenberger berger S. 44. — In diesen Strophen erinnert S. 52; Xanthippus (Sandvoß), Spreu fünfte manches in Form und Inhalt an Spervogel Hampfel, 1885, S. 29-31. zi Deutsche Literaturgeschichte IV 322 Dm lehrhafte Dichtung stian Brant 1 dichtete eine Umarbeitung, die 1508 in Druck ging und bis 1583 siebenmal wiederholt wurde. Freidanks Sprüche wurden zum allgemeinen Gut. Eine Anzahl ostmitteldeutscher Handschriften (erstes Drittel des 15. Jahrhunderts) trägt den Namen Proverbia Fridanci. 2 Es ist eine Sammlung von Sprichwörtern für Geistliche zu praktisch-kirchlichen Zwecken, besonders für Predigten. Sie besteht aus lateinischen Sprichwörtern, die ins Deutsche übersetzt sind, auch aus original-deutschen, darunter solche aus Freidank. Ausgangspunkt ist eine lateinische Sprichwörtersammlung. Die große sogenannte Wolfenbüttler Priamelhandschrift, 3 eine überaus reiche Sammlung deutscher Gnomik des 13. 14. 15. Jahrhunderts, enthält unter vielen andern Sprüchen und anderer Kleinkunst auch eine Folge von Versen aus Freidank. Verstreute Sprüche, siebenzig, finden sich in einer Sammlung Etlicher maister und lerer sprüch, die unter den Namen von Propheten, Kirchenvätern, mittelalterlichen Theologen, mittelhochdeutschen Spruchdichtern eingetragen sind. 4 In einem Brevier von St.Lambrecht sind am Rande 6 zweizeilige Sprüche aufgezeichnet, darunter 4 von Freidank. 5 Sehr häufig sind Freidanksprüche von andern Dichtern mit — zuweilen auch ohne — Nennung seines Namen in ihre Werke aufgenommen worden. 6 Große Verehrung zollt Hugo von Trimberg im Renner 7 dem Freidank. Er nennt ihn gegen 40mal, darunter meister, öfter her, der werde, tugenthqfte, der heilige, selige man, der wise man, des Sprüche nieman vol prisen kan u. dgl. und hat etwa 170 Stellen aus ihm entlehnt. Ein fünfstrophiges Lehrgedicht (120 Verse) Oswalds von Wolkenstein 8 ist aus Freidankschen Versen zusammengesetzt, unter Erweiterungen an die metrische Form des Gedichtes angepaßt. — Viele Sprüche der Bescheidenheit haben in den Spruchsammlungen des 15. und 16. Jahrhunderts fortgelebt, manche gehen noch heute im Volke um. Und auch als Inschriften wurden 1 Eschenburg, Denkmäler S. 93-111; W. in unsern Freidankhss. Freidanksprüche bei an- Grimm, Ausg. 1 S. X f., 2. Ausg. S. V; Zarncke dem Dichtern s. W. Grimm, Ausg. 1 S. XXXVII Seb. Brants Narrenschiff, 1854, S. XXXV. -XL. 182, 2. Aufl. S. XII u. Anhang S. 115-7, 164-68; Goedeke, Grundr. I 2 S.391; A. Kl. Sehr. 4, 11-9. 31 f. 104-9; Bezzenberger Tiedge, Seb. Brants Freidankbearbeitg. u. S. 242^1. - Pfeiffer, Fr.-Forsch. S. 233; ihr Verhältn. z. Original, Hall. Diss. 1903. Stosch, ZfdPh. 28, 429 f. — Bei den Überein- 2 Jos. Klapper, Die Sprichwörter der Frei- Stimmungen zwischen Freidank und Rudolfs dankpredigten Proverbia Fridanci, 1927, dazu v. Ems Gutem Gerhard (W. Grimm, Kl. Sehr. Paul Lehmann, ZfdPh. 54, 116 f., Götze, 4, 17. 105) müßte Freid. der Entlehnende ge- Lbl. 1929, 10, Stammler, ZfDtschkde. 1928, wesen sein, daderG.Gerh.vorderBescheidenh. 817, Hoffmann-Krayer, Schweizerisches abgefaßt ist (die beiden Parallelen G. Gerh. Arch. f. Volkskde. 29, 265. 6670 u. 6741 mit Freid. 1, 2 u. 4, 7 können als 3 Hgb. v. Karl Euling, Kleinere mhd. Er- formelhaft auf Zufall beruhen). Zählungen, Fabeln u. Lehrgedichte II. Dt. 7 W. Grimm, Ausg. 1 S. XXXIX f., 2. Ausg. Texte des MA. s. Bd. 14, 1908 (S. 55-8 u. Reg. S. XII; Bezzenberger S. 52; Jänicke, Germ. S. 225 a ). — Eschenburg, Denkm. S. 387- 2,418-24; Leitzmann, Beitr. 45, 116-20. Die 432; W. Grimm, Ausg. 1 S. X, 2. Ausg. S. XII; Stellen s. in d. Ausg. des Renner v. Ehris- Bezzenberger S. 52. mann Bd. 4 Reg. S. 255 u. Leitzmann aaO. 4 Ed. Pfeiffer, Germ. 2, 140-4, gegen W. 8 W. Grimm, 2. Ausg. S. XII; Bezzenber- Grimm, Kl. Sehr. 4, 27-9. ger S. 52; Leitzmann, Ein Cento aus Frei- 5 Schönbach, ZfdA. 20, 150-4. dank bei Osw. v. Wolkenstein, Festschr. 0 Manche, die von anderen Dichtern unter Braune 1920, 255-9. Freidanks Namen zitiert sind, finden sich nicht Der deutsche Cato 323 Freidanksprüche angebracht, so 19 Sprüche als Umschriften von Brustbildern auf hölzernen Scheiben, die sich auf dem Rathause zu Erfurt 1 befinden (14. Jahrhundert), ferner Hausinschriften auf Balken eines Hauses in Hannover 2 (vom Jahr 1541), sowie eine Schwertinschrift in Graz 3 (16. Jahrhundert). In der Formgebung, der Einkleidung der übernommenen Gedanken, besteht Freidanks Eigenschöpfung. Gewiß hat er viele Sprüche schon in fester Form vorgefunden, aber auch ohne dies besaß er eine eigene Treffsicherheit des Wortes. Das Schlagwort einer Sentenz tritt kräftig hervor. Meist besteht ein Spruch aus zwei Zeilen, einem Reimpaar, seltener aus mehreren Zeilen, in denen der Gedanke weiter ausgeführt wird. Auch wird dann manchmal eins, zwei, drei gruppiert. Der Ausdruck gibt entweder die Tatsache einfach wieder, oder auch bildlich in einem Gleichnis. Etwa zehnmal ist eine Lehre in die aneinanderreihende Form der Priamel gehäuft; selten begegnet die Form des Rätsels; Fabeln haben ihre Stelle in dem Abschnitt 43, von Tieren. 4 Der Bau der Verse bewegt sich mit der Senkungsfüllung in den üblichen Grenzen ohne strengen Wechsel von Hebung und Senkung. In den Reimen begegnen einige Kürzungen (wie beriht = berichtet: niht). 5 In Sprichwörtern, 6 Gnomen, Memorierversen ward von jeher die Volkserfahrung und -lehre bewahrt, aber auch die Geistlichen pflegten dieses Mittel zur festen Einprägung religiöser und moralischer Kenntnisse. So finden sich kürzere Sammlungen und vereinzelte Sprüche lehrhafter Ermahnung sehr häufig in Handschriften verstreut, derart wie oben schon einige angeführt wurden. Ein erwähnenswertes Beispiel sind auch die „Spruchverse der Tugenden und Laster" aus einer Handschrift des 14. Jahrhunderts, die Bartsch, Beiträge zur Quellenkunde S. 268-74, abgedruckt hat. 7 Der deutsche Cato Wie Freidanks Bescheidenheit hat auch der Cato 8 die Form einer Spruchsammlung, und wie jene gibt er allgemeine, nicht auf einen bestimmten Stand 1 W. Grimm, Kl. Sehr. 2, 466. 4,25; E. 7 Zur Einprägung der Tugenden und Laster Neidhardt, Üb. Freid.s Besch., s. oben Lit. gab es auch bildliche Darstellungen, vgl. die 2 Goedecke, Reinfrid von Braunschweig (s. Zeichnung des Arbor vitiorum und Arbor vir- ob. S. 109-12); Bezzenberger S. 51. tutum bei Hugo von St. Victor, Migne 176 3 Wallner, ZfdA. 64, 96. Sp. 1007-10; auch an Wänden von viel be- 4 W. Grimm, Ausg. 1 S. CXXII f. LXXVII suchten Gebäuden angebracht und in Schul- -LXXXII; Bezzenberger S. 32 f.; P. Hil- klassen (11. Jh., Häufler, Arch f. österr. Ge- debrandt, Freidank u. Walther aaO.; Uhl, Schichtsquellen 5, 1850, 583 ff.). Die dt. Priamel, 1897,282 ff.; Euling, Priamel 8 Ausg.: Fr. Zarncke, Der deutsche Cato, aaO. 286-94.431-5.470; Loewenthal, Rätsel 1852. — Abhandl.: Zarncke, Beiträge z. mlat. S. 105 f. Spruchpoesie, Ber. d. kgl. sächs. Gesellsch. d. 5 W. Grimm, Kl. Sehr. 4,45-59; Pfeiffer, Wissensch. Bd. 15, 1863. — Euling, Kleinere Fr.-Forsch. S. 187-91, Germ. 2, 152-8; Bez- mhd. Erzählungen, Fabeln u. Lehrgedichte, zenberger S. 33-6. 1908, pass.; Uhl, Die deutsche Priamel 6 Lit. Wackernagel, LG. I 2 Reg. S.497; S.299f.; J.NEVE.Catonis Disticha.Facsimiles, Koberstein I 6 Reg. S. 476; Kögel, LG. 1, 2 Notes, liste des editions du XV e siecle, Liege S. 171 ff.; Ehrismann, LG. I, 54 f. 375 ff.; 1926 (Bibliographie), dazu Schröder, Anz. W. Uhl, Die deutsche Priamel, 1897, 221-235 46, 77; Walther Mitzka, Die dt. Catodich- (lat.). 266 ff. (Lit.). — Siehe unten. tungen des MA.s, ZfdPh. 54, 1929, 1-20; 21* 324 Die lehrhafte Dichtung berechnete Sittenlehren. Der deutsche Cato ist eine Übersetzung der spätlateinischen Disticha Catonis (hgb. Zarncke S. 170-186), die nach der jetzt herrschenden Ansicht im 4. Jahrhundert n.Chr. verfaßt worden sind; bei lateinischen Autoren seit dem 6. Jahrhundert finden sich sichere Beziehungen darauf, die älteste Handschrift stammt aus dem 9. oder 10. Jahrhundert. 1 Der Verfasser ist unbekannt; der Name des Cato 2 konnte leicht deshalb aufgeprägt werden, weil der ältere Cato (priscus, superior) Unterweisungen für seinen Sohn geschrieben hat. Die Disticha Catonis (manchmal auch unter dem Namen „Dionysius Cato") waren neben dem Donatus das gebräuchlichste Lehrbuch 3 für den Lateinunterricht der Anfänger. Sie wurden auch in anderen abendländischen Sprachen bearbeitet. Die älteste deutsche Übersetzung ist die verlorene des Notker III. Labeo, um das Jahr 1000(LG. 1,421 f.,2.Aufl. S.431). Die älteste mittelhochdeutsche Übersetzung (578 V.) entstand nach Freidanks Bescheidenheit — denn es sind aus diesem Stellen und Anklänge in den mittelhochdeutsche Cato übergegangen —, und zwar nicht lange nachher. Der Verfasser (unbekannt) war wahrscheinlich ein Geistlicher, dem der Jugendunterricht oblag. Nur zwei Drittel des Originals sind übersetzt, auch ist die in diesem bestehende Reihenfolge nicht eingehalten. Die ziemlich freie Wiedergabe steht hinter der lateinischen Vorlage an Anschaulichkeit zurück. In der Form gehören die Disticha Catonis zu dem Typus der Vater-Sohnes- Lehren wie der Winsbeke und das Lehrgedicht Tirol. 4 Doch ist in diesen beiden das persönliche und dramatische Element stark herausgearbeitet, die Vorstellung, daß der Vater den Sohn anredet, wird ständig aufrechterhalten, während der lateinische Cato ausdrücklich zum Lesen bestimmt ist. 5 — Inhalt des deutschen Cato (älteste Fassung). Der Form nach zerfallen die Sprüche in zwei Arten: V. 53-116, die „Breves sententiae", sind kurze, nur auf die notwendigsten Worte beschränkte, ein- oder zweizeilige Forderungen, im Imperativ oder mit du solt (je einmal man sol, si niht); V. 117-571, „Disticha", die über 2 oder 4 Zeilen, seltener über 6, 8 oder gar mehr sich erstrecken. In der Einleitung ist das Programm aufgestellt: zuht und ere lire ich dich, und der Zweck: guot und ere gewinnen (44 ff.); Günth. Müller, Walzels Handb. S. 25; Dialogus super auctores sive Didascalon (ed. Stammler, ZfdPh.53,17; Ders., Gesch.d.mnd. Schepss 1889 S. 31 f.) und Hugos v. Trim- Lit. 1920 S. 47, s. LG. 1, 375.377.415.421 f. — berg Registrum multorum auctorum (Huemer, Etwa 50 Hss. u. Brachst., Zarncke S. 12-26. Wien. SB. 116, 1, 1888, S. 180 V. 679). 69-75; nach Zarncke: Anz. 5,95; ZfdA. 34, 3 Johannes Müller, Quellenschriften u. 246-51; 44, 119-23. 48, 425-35; ZfdPh. 15, Gesch. d. deutschsprachl. Unterrichtes bis z. 289-96. 21, 390-3; Germ. 30, 120-4. 32, 78 Mitte d. 16. Jhs., 1882, 213; Moll, Einfluß d. -92. 36, 267-74; Priebsch, Dt. Hss. in Eng- lat. Vagantendichtg, 1925, 120 f. land I, Reg. S. 348. II, Reg. S. 332; s. oben 4 Scherer, Dt. Stud. 1,56 f. Neve. 5 Pros. Vorwort: fili karissime ... praecepta 1 Manitius, Gesch. d. lat. Lit. d. MA. s. I, mea ita legito, ut intellegas. Auch im deut- 1911, Reg. S. 732. sehen Cato ist nur im allgemeinen gesagt, daß 2 Über den „Rigidus Cato" in Notkers Boe- ein weiser Heide seinen Sohn lehrte (V. 10), thius und der Kaiserchronik s. Schröder, unmittelbare Anrede sun nur V. 45. 224. 568. ZfdA. 61, 37-9; s. auch Conrads v. Hirsau Lateinische Sprichwortsammlungen 325 das Gedicht ist also ein Erziehungsbuch zu guter Sitte (zuht) und zu ehrenhaftem Handeln (ere), um irdisches Gut und Ehre bei den Menschen, Geehrtsein, zu erlangen (also zwei Güter des Utile). Es werden also hauptsächlich praktische Lebensregeln für den Verkehr mit den Menschen, für das persönliche Verhalten in der Gesellschaft (die Hute) gegeben (tägliches Leben, Verwandte, Eltern, Ehe, Freunde); dabei auch einige Maßregeln für die eigene Sittlichkeit (wie Meidung von Lastern, Trägheit, Zorn, Haß, Neid, Habsucht, Trunkenheit): daz din gemüete si von schentlichen dingen vri (427). Mit dieser Begrenzung auf die Sinnenwelt erreicht der Cato bei weitem nicht die Höhe Freidanks, der hinausführt über die alltägliche Erfahrung zum All und zu der ewigen Weltordnung Gottes. Der Cato ist eine nüchterne Fibel für Schüler, der Freidank erhebt sich zu einem Erbauungsbuch, das den suchenden Menschen hinauf weist zu den Ideen von Gott und Unsterblichkeit. Der Cato bleibt am Utile haften, der Freidank führt zum Summum bonum. Die älteste Übersetzung des Cato, die nur zwei Drittel des lateinischen Gedichtes bot, wurde später auf das ganze lateinische Gedicht erweitert; diese vollständige Übersetzung ist wieder durch zwei Stufen vertreten, eine ältere und eine jüngere Gesamtbearbeitung; dazu kommen eine niederrheinische, eine mittelniederländische, eine ostmitteldeutsche, zwei niederdeutsche 1 und eine hochdeutsch-niederdeutsch gemischte. 2 Endlich aber gibt es noch eine Version mit großen Umordnungen und vielen Einschüben, in der besonders drei selbständige Gedichte eingeschaltet sind: von den Männern, von den Frauen- und eine Tischzucht, die auch anderweitig erhalten ist und auf des Tanhausers Hofzucht beruht. Eine parodistische Bearbeitung, 3 wie auf den Winsbeke so auch auf den Cato, entstand am Anfang des 15. Jahrhunderts. Mit Grobheit und Derbheit, doch ohne Witz, wird alle gute Lehre gerade umgedreht und das Urbild eines Grobianus aufgestellt. In der künstlerischen Formgebung befolgt der Dichter der ältesten deutschen Fassung die Regeln der höfischen Zeit, im Versmaß Freiheit der Senkungen, Reinheit des Reims.* Etwa 250 Jahre nach der ältesten mittelhochdeutschen Übersetzung erschien , dem Geschmack und Stil der Zeit angemessen, eine neue von Sebastian Brant im Druck, 1498, die bis 1517 siebenzehn Auflagen fand. 5 Lateinische Sprichwortsammlungen c Von den lateinischen Disticha Catonis hängen zunächst ab zwei lateinische Übertragungen, 7 der Novus Cato in 145 leoninischen (Cäsur und Versende 1 Jellinghaus, Gesch.d.mnd.Lit. 3 ,1925,29. 131-7. 470 ff.; Goedeke, Grundr. I 2 , 388. 2 Lit. s. Mitzka aaO. S. 3; Saul, Stud. zu 6 Fortsetzung zu LG. I, 375 f. u. s. oben Meister Stephans Schachbuch, Progr. Mün- Freidank. ster 1926 S. 3(K34. 7 Zarncke, Beiträge z. mittelalterl. Spruch- 3 Paul Lehmann, Die Parodie im MA. S. 82. poesie, Kgl. Sachs. Ges. d. Wiss. 1883 u. SA.; 4 Priameln: Uhl S. 299 f.; Euling S. 296 ff. Rud. Peiper, ZfdPh. 5, 170 f.; Priebsch, Dt. 6 Zarncke, Seb. Brants Narrenschiff 1854, Hss. in England 11,45. 326 Die lehrhafte Dichtung reimenden) Distichen und Cato rhythmicus in 161 vierzeiligen gleich- gereimten Vagantenstrophen. Hieran schließen sich die beiden unter dem Titel Facetus gehenden Sammlungen (s. unten). Zur lateinischen Catoliteratur gehören auch die Ethica Ludulphi, 1 ebenfalls Lehren des Vaters an den Sohn (Verfasser vielleicht Ludulfus, Canonikus von Verden und Lübeck, urkundlich 1226-36), die inhaltlich den Disticha Catonis sehr nahe stehen (264 zweizeilig reimende Vagantenverse). Berühmt war, schon durch den Namen des Verfassers, der Liber parabulorum des Alanus de Insulis (gest. 1203), etwa 330 Distichen in der blühenden, in Bildern und Vergleichen prangenden Sprache dieses Autors, die am Ende des 15. Jahrhunderts gedruckt und auch ins Deutsche übersetzt wurden. Auf dem Cato und älteren Sammlungen beruht das Göttinger Florilegium 2 (Hs. vom Jahre 1366, 739 V., leoninische Distichen und Hexameter-paare) mit schleppender Erweiterung jener Quellen. — Im 14. Jahrhundert dichtete Meister Stephan, bekannter durch sein Schachbuch (s. unten), einen Cato in mittelniederdeutscher Sprache. 3 „Facetus" Zwei an Inhalt und Form verschiedene lateinische Spruchsammlungen, beide viel gebraucht, gingen unter dem Namen Facetus; die Handschriften beider Gedichte geben in den Über- oder Schlußschriften die Bezeichnung Facetus oder Moralis (liber de moribus), auch Facetus de moribus. Beide sind auseinandergehalten als Facetus cum nihil utilius und Facetus moribus et vita (auch Facetus moribus docet), entsprechend dem ersten Verse. Im Mittelalter war es üblich, literarische Denkmäler, wenn ihnen ihr Verfasser nicht selbst einen Titel beilegte, nach den ersten Textworten zu kennzeichnen. So verfährt Hugo v. Trimberg in seinem Registrum multorum auctorum (ed. Huemer, Wien. SB. 116, 1888, 145-90), wo er die zwei ersten Verse des „Cum nihil utilius" zitiert (V.848), gibt aber als wirklichen Titel dieses „Morum libellus" V. 847 an: „Catonis supplementum" ; dies ganz mit Recht, denn der Verfasser dieses „Facetus cum nihil utilius" sagt selbst, er werde das, was in dem morosum dog- ma 4 Catonis weniger ausgeführt sei, ergänzen (supplebo V. 3 f., C. Schroe- der S. 14). Den „Facetus moribus et vita quisquis vult esse facetus" macht er ebenfalls durch diese Anfangszeile kenntlich und betitelt ihn, eben nach dem Schlagwort der ersten Zeile, „Facetus" (dieses auch in der Schlußzeile 510). So gibt Hugo den beiden Gedichten sachlich begründete Titulierungen: „Catonis supplementum" und „Facetus". Die Literaturgeschichte wird sich an 1 Peiper aaO. S. 165-86; daselbst auch ein phans mnd. Cato, ebda 25, 1-33; W. Schlü- Lehrgedicht für Scolares: Laus et honor pueris Ter, Verhandl. d. gel. estnischen Ges. zu Dor- solet euenire (S. 179). pat, 1899,63-8; siehe unten. 2 Hgb. v. Ernst Voigt, Roman. Forsch. 3, 4 Morosus mlat. sittlich, in der Grundbedeu- 281-314. 462 ff. tung von mos, morosum dogma = Sitten- 3 Paul Graffunder, Mittelniederd. Cato I, lehre. Nd. Jahrb. 23, 1898, 1-50; Ders., Meister Ste- „Facetus" 327 den wissenschaftlich durchgebildeten Gelehrten Hugo halten, demgegenüber die Bezeichnungen der Schreiber keine Gewähr geben. 1 I. Das Supplementüm Catonis (Facetus cum nihil utilius) 2 ist die weiter verbreitete und auch ältere der beiden Spruchsammlungen, in der zweiten Hälfte oder gegen das Ende des 12. Jahrhunderts verfaßt; einige Handschriften schreiben sie dem berühmten englischen Gelehrten Johannes de Garlandia zu, der aber erst im 13. Jahrhundert lebte. In 192 Strophen paarweise reimender Hexameter sind Regeln für das praktische Leben und für das religiöse, für den Dienst Gottes, gegeben; sie sollen dem menschlichen Heil dienen, humanae saluti. Für die deutsche Literatur hat das Supplementüm Catonis größere Tragweite als der Facetus moribus et vita. Zahlreiche Übersetzungen, in Handschriften und Drucken erhalten, zeugen von seiner Verbreitung als Schulbuch, und es ward neben dem Cato zum gebräuchlichsten Lehrmittel. Wie beim Cato entstand zuerst eine Teilübersetzung (alemannisch, wohl zwischen 1350 und 1400), die dann verschiedenartige Erweiterungen erfuhr, zu denen auch neue selbständige, darunter niederdeutsche, Übersetzungen des lateinischen Originals gehören. Auch der „Facetus" wurde von Seb. Brant getütschet (gedruckt 1508 u. ö.). 3 II. Im Unterschied von dem Supplementüm Catonis, das allgemeine Sittenlehren gibt, wendet sich der Facetus (moribus et vita) 4 an einzelne Stände und gibt Ermahnungen über artiges Benehmen, gute Bildung, Höfischkeit (courtoisie), also über äußere Formen im Rahmen der höfischen Kultur in 255 Distichen. 5 Auf einige allgemein übliche Sentenzen folgen Regeln, wie die jungen Kleriker sich verhalten sollen, ebenso dann für die Knaben, die einen Laienberuf ergreifen, Arzt, Schreiber, Richter, Soldat oder Kaufmann werden wollen; dann für Körperpflege und Kleidung; die Hälfte etwa des Gedichtes nimmt eine unter dem Einfluß Ovids stehende ars amatoria ein, woran sich eine Ausführung über die Freundschaft anschließt; am Ende werden Standespflichten für die Richter, Ärzte, Soldaten eingeschärft. Der Verfasser ist unbekannt, wie der des Supplementüm (s.den letzten Vers und Gröber 1 Über diese Benennungsfrage s. Zarncke, lex. 1, 600-602. — Zu den Hss. bei Schroeder: Beitr. z. mlat. Sprachposie, Sachs. Ges. d. Priebsch, Dt. Hss. in England II, 45 f.; P. Wiss. 1863 S. 53-8 u. Cbl. 1854, 335; C. Crain, ZfdA. 51, 218-26. Schroeder, Ausg. S. 3-6. 8 Zarncke, Narrenschiff S. 137-42. 470 ff.; 2 Ausg.: Carl Schroeder, Der deutsche Goedeke, Grundr. I 2 , 389; Suringar, Van Facetus, Pal. 86, 1911 (Teil 1 u. 2 als Berl. Zeden S.XII-XIV. Diss. 1909), dazu Helm, Anz. 36, 251-5, Eu- 4 facetus ist = curialis, urbanus, hubisch, ling, ZfdPh. 46,295-9, Habel, DLz. 1913, hövesch, hovelisch, Germ. 30, 284 f.; ZfdA. 64, 423-6, Cbl. 1912,1428; veraltet: Wiggert,2. 303. Scherflein, 1836, 5-28. — Eine sehr freie Über- 5 Ausg.: Morel-Fatio, Romania 15, 192 Setzung: Lassberg LLS. 1,559-73 (Zarncke, -235, mit einer altkatalanischen Übersetzung Cato S. 197; C. Schroeder S. 221). — (quivol esser cortes, 2.Hälfted. 14. Jhs. ?).- Zarncke, Beitr. z. mlat. Spruchpoesie S. 53 Gröbers Grundr. II, 1, 383 f.; Goedeke, -8; Suringar, Die Bouc van Zeden, 1891, Grundr. I 2 , 388 f.; Kaemmel, Gesch. d. Schul- S. XXII-XXV; Ders., Van Zeden, 1892; wesens S. 171 f.; Suringar, Die Bouc van S.X-XXI; Gröber, Grundr. II, 1, 383 f.; Seden S. XXIII-XXV; Ehrismann, ZfdA. Günther Müller, Walzeis Handb. I 25; 64, 303. — Peiper, ZfdPh. 5,170 (Hs.); Ehrismann, ZfdA. 64, 303; Bebermeyer, Voigt, Kleinere lat. Denkmäler der Tiersage, Reallex. 1,341; Mitzka, Stamml. Verfasser- QF. 25,1878, 7 (Hs.). — Siehe oben Phaset. 328 Die lehrhafte Dichtung aaO. S.383); Zeit: 13. Jahrhundert. Der Facetus (moribus et vita) wurde ebenfalls von Seb. Brant übersetzt, als „Liber Moreti"; gedruckt 1499 u.ö. 1 Der Magezoge Eine Spruchdichtung ist auch „Der Magezoge" 2 (404 V., Reimpaare) aus der Mitte des 13. Jahrhunderts von einem unbekannten österreichischen Verfasser. Die Eingangsverse nennen den Titel: Ich heize ein Spiegel der fugende unde ein magezoge (Erzieher) der jugende. Der Erzieher ist der Vater, dise lere sol der vater geben sime sun, 8. Es ist eine Sittenlehre für einen ritterlichen Jüngling, einen jungen Edelmann. Tischzuchten Einen Ausschnitt aus den Anstandsregeln, die in den Bereich des Facetus moribus et vita fallen, bilden die Tischzuchten, 3 welche die bei den Mahlzeiten zu beobachtenden guten Formen lehren. Auch diese Gattung wurzelt in der mittellateinischen Literatur und ist von da in eine Anzahl abendländischer Literaturen verbreitet worden. 4 Das erste Beispiel ist der Abschnitt De modo comedendi, den die Disciplina Clericalis des Spaniers Petrus Alfonsi (um 1120) 5 in das Exemplum XXVI eingeflochten hat. Eine Masse Tischregeln sind ohne Zusammenhang im Supplementum Catonis eingestreut. 6 Das erste selbständige Gedicht über Tischregeln ist der lateinische Phagifacetus 7 oder Thesmophagia, Reineri Phagifacetus (440 Hexameter), von einem sonst unbekannten deutschen Magister Reiner, wohl gegen Ende des 12. Jahrhunderts verfaßt. In der deutschen Literatur, wo Tischzuchten vom 13. bis 16. Jahrhundert begegnen, gibt Thomasin im Wälschen Gast zum erstenmal ein Beispiel in B. I Abschn.2 bei den Lehren über hovezuht, V. 476-526. Die älteste selbständige deutsche Tischzucht ist Tanhausers Hofzucht 8 (13. Jahrhundert, 1 Zarncke, Narrensch. S. 142-7. zuchtenlid, S. 3-5, Reallex. aaO.; Rückert, 2 Hgb. v. Haupt, Ad. Blätter 1, 88-105 (als Welsch. Gast, Ausg. S. 521 f. „Spiegel der lügende"); Rosenhagen, Klei- 6 C. Schroeder, S. 290 f.; Merker, Tischz., nere mhd. Erzählungen, Dt. Texte d. MA. s lit. S. 5-7. Bd. 17, 1909, 21-9. — Schröder, ZfdA. 62, 7 Hugo Lemcke, Reineri Phagifacetvs sive 221-6; Niewöhner, ebda 63, 269 f. — Eu- de Facetia comedendi libellus addita versione ling, Priamel S. 299 f. Seb. Brantii, 1880; Merker, Tischz.lit. S. 7 3 Moritz Geyer, Ad. Tischzuchten, Progr. -ll,woweitereLit.,u.Reallex.aaO.; Rückert, Altenburg 1882, dazu Martin, Anz. 8, 309 f., W. Gast, Ausg. Anm. S. 522; Suringar, Die Lichtenstein, DLz. 1882, 1216; bes.: Paul Bouc van Seden S. XXVII f. — Hugo von Merker, Die Tierzuchtenliteratur des 12. bis Trimberg im Registrum V. 850-6 nennt diesen 16. Jhs., Mitteil d. dt. Ges. in Leipzig 11,1913, Phagifacetus „Novus Facetus". 1-52 u. SA.; Ders., Reallex. 3, 370-3; Nie- 8 Hgb. von Haupt, ZfdA. 6,488-96; Geyer wöhner „Der zühte lere", ZfdA. 71,42-48.— S. 9—12 (Überschrift in der Hs., a. 1393: Daz Franz Fuhse, Sitten u. Gebräuche der Deut- ist des tanhawsers getiht vn ist gut hofzucht, am sehen beim Essen u. Trinken von d. ältesten Schluß: der Tanhusceregemachethät die rede .. . Zeiten bis z. Schlüsse des XI. Jhs., Gott. Diss. — Merker, Tischz.lit. S. 15-7; Leitzmann, 1891; Willy Pieth, Essenu. Trinken im mhd. Beitr.46, 320-7; Euling, Priamel S.296; Epos d. 12. u. 13. Jhs., Greifsw. Diss. 1909. Rehm, ZfdPh. 52,303; Bebermeyer, Reallex. 4 In die mittelalterl. Morallehre, Philosophia 1, 522 f. — Andere Hofzuchten (Tischzucht): moralis, eingereiht gehören die Tischzuchten Adalbert v. Keller, Ad. Gedichte Nr. 5 zur Abstinentia, einer Teiltugend der Tempe- (1868), mit Lit., Geyer S. 33 f.; Merker rantia (Migne 171, 1040 Äff.); Holmberg, S. 17f. — Ovids ars amatoria und die Hof- Moralium dogma philos., 1929, S. 50 f. zucht: Schönbach, Wien. SB. 141, II, 153, 6 LG. II, 2 Reg. S. 346". — Merker, Tisch- 1899. Der Magezoge. Tischzuchten. Der Cornutus 329 260 V.), worin die höfische Sitte gegen die bäurische stark hervorgehoben wird. Der guten Handhabung der Sprache nach könnte der Verfasser wohl mit dem lyrischen Dichter Thannhäuser identisch sein. In den Tischzuchten des 14. und 15. Jahrhunderts tritt, der nun herrschenden Kultur entsprechend, ein mehr bürgerlicher, derberer Ton in unbeholfenerer Sprache auf. Hierher gehören die Rossauer, Karlsruher und Ulmer Tischzucht 1 (H.Jahrhundert), die von Tanhausers Gedicht ausgehen. Verwandt damit ist die Version, die zu jenen drei eingeschobenen Gedichten der erweiterten Fassung des deutschen Cato gehört. 2 Nahe steht ein niederdeutsches Lehrgedicht, das sich am Schluß als Der kindere hovescheit bezeichnet. 3 Auch die Tischzucht im Liederbuch der Clara Hätzlerin 4 aus dem 15. Jahrhundert hat jenes in den Cato eingeschaltete Gedicht zur Voraussetzung. Mit dem Ende des 15. Jahrhunderts erscheinen dann gedruckte Tischzuchten, 5 eine Thes- mophagia (De moribus et facetiis mense) von Seb. Brant 1490, 6 der in seinem Narrenschiff auch eine grobianische Parodie „Von disches Unzucht"'' eingefügt hat; von dem Oppenheimer Stadtschreiber Jacob Köbel erschien 1492 eine „Tischzucht". 8 Unter den einschlägigen Drucken sind noch hervorzuheben die verschiedenen Tischzuchten des Hans Sachs 9 1534. 1542. 1543.1563. Der Cornutus Ebenfalls als Schulbuch weit verbreitet, jedoch von minderem literarischen Ansehen als die Facetus betitelten Spruchsammlungen war der Cornutus 10 des Johannes de Garlandia (1. Hälfte des 13. Jahrhunderts); 21 Strophen von je zwei Hexametern. Dies Spruchbuch gab Lehren der Sittlichkeit und populärer Lebensklugheit und diente zugleich zur Einübung der lateinischen Grammatik. Das lateinische Original erlebte im 14. 15. Jahrhundert eine Reihe deutscher (hd.und nd.) Übersetzungen in Strophen von jeweils zwei, seltener drei Reimpaaren. Ein zweiter lateinischer Cornutus, der Novus Cornutus 1 Hgb. v. Haupt, ZfdA.7, 174-7 (dazu F. 7 Zarncke S. 109-11; Merker, Tischz.lit. M. Wagner, ebda 19,210); Adalbert v. Kel- S. 46 f. ler, Erzählungen aus ad. Hss. S. 531-46 u. 8 Hgb. v. Geyer S. 22-7; s. auch Hoffmann, Ad.Gedichte5.Heft,1868,S.9-11. —Priebsch Ad. Blätter 1, 111 f.; Friedländer, ebda Dt. Hss. in Engl. 2, 152 f. u. Beitr. 46, 19-21. S. 278-81; Zarncke, Cato S. 137. 43-5; Leitzmann, ebda S. 327-32; Euung, 9 Gedr. auch bei Geyer S. 29-33. Priamel S. 296 ff. 10 Hans Liebl, Die Disticha Cornuti, auch 2 Zarncke, Cato S. 126. 136-40; Priebsch, Cornutus od. Distigium des Jo. v. Garlandia Hss. in Engl. 2 aaO. genannt, u. d. Scholiast Cornutus, Progr. 3 Hgb. v. Sievers, ZfdA. 60-5; Geyer Straubing 1880; Edwin Habel, Der Deutsche S. 12-4. — Priebsch aaO. Zwei andere mnd. Cornutus I Der Com. d. Joh. de Garlandia e. Exemplare s. Merker, Tischzlit. S. 28-8. Schulbuch d. 13. Jhs. in den dt. Uebersetzun- Siegburger Tischzucht hgb. v. Ad. Schmidt, gen des MA.s hgb., 1908, II Der Novus Cornu- ZfdA. 28, 64-7. Mnd. Prosa: Lübben, Germ, tus des Otto v. Lüneburg in d. dt. Über- 21, 424-30, dazu Rud. Schulze in: Nieder- Setzungen des MA.s hgb. 1909. — Priebsch, Sachsen 19, 1914, 257 f. (Stellen); Leitzmann Dt. Hss. in Engl. 2, 46. — Cornutus, der Ge- aaO. S. 328. hörnte, nach Grimm, DWb. 5, 1831 f.: Kornut 4 Hätzlerin (s. unt.) hgb. v. Haltaus 1840 „Lehrjung, der seine Lehrjahre zwar geendet, S. 276-8. aber noch nicht zum Gesellen gemacht ist und 5 Die „bürgerlichen" Tischzuchten des 15./ deswegen unter den andern Hörner tragen 16. Jhs. s. Merker, Reallex. 3, 371. muß" usw. 6 Zarncke, Narrenschiff S. 147-53. 470 ff. 330 Die lehrhafte Dichtung von einem Deutschen, Otto von Lüneburg (wohl im 14. Jahrhundert), der auch eine Rhetorica, ars dictandi, schrieb, wurde ebenfalls ins Deutsche übertragen (nd. und hd., Reimpaare), in fünf verschiedenen Fassungen. „Der Jüngling" von Konrad von Haslau Eine Anstandslehre ist auch „Der Jüngling" von Konrad von Haslau; 1264 Verse (Reimpaare). 1 Der Name dieses Dichters ist uns nur bekannt aus Seifrid Helbling 2,440 ff. (ed. Seemüller S. 81, s. unten): von Haslou meister Kuonrät (Zeit etwa 1270; 1264 Verse), eine Strafrede gegen die unzuht. Lernet zuht, ir kint 62; eine Erziehungslehre für Jünglinge aus dem Herrenstande (herrenkint 7, edel kneht 35 u. ö.), für die jungen Männer, aber auch zur Beherzigung der Erzieher. Im wesentlichen wird äußeres Auftreten: Pflege der Hände, Haare, Nägel, Kleidung, Benehmen bei Tisch, beim Reiten behandelt und unsittliches Leben, buhlen, spielen, Wirtshauslaufen, lügen verboten; richtiger Gebrauch des Reichtums wird anempfohlen. Keine Vertiefung zu einer Tugendlehre, aber doch wird die ganze Moral zusammengefaßt in den Satz: er bedarf wisheit und fugende wol, dersele und ere behalten sol (1093). Der Stil, nicht mehr bloß der einer Zusammenstellung von Lernsprüchen, hat ausgeprägtere Formen: umfangreichen Wortschatz, seltene Worte, Bilder, Häufungen von Synonyma, Reihenbildung, kräftigen und lebendigen Ausdruck. Die Abschnitte schließen formelhaft: sivd des niht tuot ein jüngelinc, der gebe mir einen pfenninc u. ä. Die Warnung In weiterem Begriff läßt sich auch das Gedicht ,,Die Warnung" 2 in die Lehrdichtung einbeziehen, insofern es als Straf- und Bußpredigt Belehrung über das Böse und Gute gibt. Dieses geschieht durch die Warnung vor dem Tode. So lautet denn auch in der Handschrift der Titel: Daz buch heizzet dei war- nunge und das Wort warnen kehrt mehrmals wieder (102. 179, der ungewarnte tot 102, daz er ungewarnet stirbet 3111 [Haupt]). Der Verfasser, der seinen Namen nicht nennt, war Geistlicher, der Sprache nach aus dem österreichischen Gebiete; Zeit: wohl vor der Mitte des 13. Jahrhunderts. 3 Auf den Tod ist die ganze Bußpredigt zugespitzt. Alles muß ein Ende nehmen, was der Welt angenehm ist: Freude und Wonne, Schönheit und Kraft verkehrt sich in ein Nichts, zu schlechter Erde; Kot wird zu Kot 1 Hgb. v. Haupt, ZfdA. 8, 550-87. — See- Steinmeyer, Anz. 2, 139. 238; Borinski, Müller, Studien z. kleinen Lucidarius, Wien. Germ. 35, 286-302; W. Jansen, Progr. Essen SB. 102, 1882, 85 ff.; Ders., Seifrid Helbling, 1890; Ant. Wallner, D. Entstehungszeit d. Ausg. 1886 S. XXXIII f. XXXVII f. u. ö\; mhd. Memento mori Die Warnunge, Progr. Merker, Tischz.lit. S. 19f. u. Reallex. 3, 371. Laibach 1896, dazu Helm, Lbl. 1897, 366 f.; — Euling, Priamel S. 299; Schröder, ZfdA. Walther Rehm, Todesgedanke S. 34 ff. — 69, 334 f. (Stellen). Zum Text: Wallner, ZfdA. 42, 93-6; Schrö- 2 Hgb. v. Haupt, ZfdA. 1, 438-537, dazu der, ebda 59,46 f. 66,140; Leitzmann, Beitr. K. Borinski, Eine Ergänzung der Warnung, 56, 447 ff. (Stellen). — Eine Hs. (Wien). ZfdA. 33, 402-12 (trägt 2 von Haupt über- 3 Schröder, D. Lz. 7, 882 f.; Borinski, sprungene Blätter nach); Leop. Weber, Germ.aaO. S. 288 ff.; Wallner, Entstehungs- Münch. Diss. 1914 u. Arch. H. 1, 1912, dazu zeit S.36ff.; Weber aaO.; Schröder, ZfdA. Behaghel, Lbl. 1915, 130 f. — Abhandl.: 59,46. „Der Jüngling." Die Warnung. Das Buch der Rügen 331 (V. 1 ff.). Hölle und Teufel werden an die Wand gemalt, um zur Buße anzuspornen. Doch nicht nur negativ durch Enthüllung der Sünden wirkt der Strafprediger, sondern durch Mahnung zum Guten, Aufstellung der Tugenden, der mäze, kiusche u.a. Aber der durchgehende Zug ist erbarmungslose Askese: Alles Schöne vermaledeit dieser Eiferer, er warnt vor Naturfreude und Minne (1835—2428), der Grundakkord ist immer: nu gedenket balde an den tot (2371), die Verfallsstimmung: nu ist diu werlt verdorben (1700), edele Herrn sint alle tot (1692). Die „Warnung" ist eine Satire auf die Welt, die Menschheit. Sie hat zu Vorgängern das Memento mori und Heinrichs von Melk „Erinnerung" im 12. Jahrhundert (LG. 11,1,184—94), mit der sie nicht nur die Grundanschauung, den Contemptus mundi, gemein hat, sondern auch manch einzelne Vorstellungen; auf direkte Benutzung weist jedoch keine Stelle hin, der Verfasser hat ohne bestimmte Quellen 1 aus dem allgemeinen Gedankenkreis der geistlichen Literatur geschöpft; Bibel, patristische Literatur, Predigt, geistliche Dichtung sind die Hauptquellen seines Wissens, auch kannte er das Volksepos und die Lehrdichtung, von der höfischen Dichtung besonders Hartmann und Thomasin. Die Ausdrucksweise ist anschaulich und lebendig, der Predigtstil tritt hervor in den Anreden an ein Publikum: Nu vernemel (1), nu merkt (101), warnet iuch (179), von diu habt muot (193) usw. Die gewaltige Beredsamkeit Heinrichs von Melk besitzt dieser Prediger nicht, auch versteigt er sich nicht zu jener schonungslosen Verdammnis, zu dem fast wollüstigen Wühlen in der menschlichen Verderbtheit. — Die Reime und die Verstechnik (3932 Verse) folgen der guten mittelhochdeutschen Zeit. 2 Ein ähnliches Thema der Vergänglichkeit ist angeschlagen in der Klage des alten Mannes, der der Frohmut des Jungen entgegengesetzt ist. 3 Das Buch der Rügen ist eine gereimte Strafpredigt, 4 eine Übersetzung der lateinischen Reimpredigt Sermones nulli parcentes, gerichtet an die fratres praedicantes (lat. Karajan S. 16 V. 1 ff. S. 44 V. 1037; s. auch V. 85): Hcert, ir bruoder (S. 46,47); die pruoder . .. die predigen schulten vnd lern die crislenhait (S. 90, 1600). Das Buch ist also eine gereimte Mönchspredigt und wohl aus dem Orden der fratrum praedicatorum, dem Predigerorden, hervorgegangen. Das lateinische Original wird demnach nach 1220 entstanden sein, die deutsche Übersetzung 1 Borinski, Germ. aaO.; Weber aaO. 6-92 (lat. u. deutsch). — Bruno Wiesotzky, 2 Borinski, Germ. aaO.; Wallner, Entste- Untersuchungen üb. d. mhd. „Buch der Rü- hungszeit aaO.; Weber aaO. — Schröder, gen", QF. 113, 1911, dazu Ziesemer, DLz. ZfdA. 59, 46. 66, 140. 1914, 98 f., Helm, Lbl. 1914, 279, Piquet, 3 „Der Alte und der Junge", hgb. Haupt, Rev. germ. 9, 105 f. — Euling, Das Priamel, Ad. Blätter 1, 29-34. — Hugo v. Trimberg, 1905, S. 438^40; Schröder, Anz.49, 162 f. Renner, Ausg. d. Lit. Ver. IV S. 1-3. (Stellen); Niewöhner, Stammlers Verfasser- 4 Hgb. v. Theod. v. Karajan, ZfdA. 2, lex.l,314-17. — ZweiHss.: Wiesotzky S.2-6. 332 Die lehrhafte Dichtung 1276/77 (bdbst Johan 168. 257)^ Der Sprache nach stammte der deutsche Mönchsprediger aus dem nördlichen gegen Ostfranken gelegenen Bayern. 2 Die Strafpredigt ist durchaus sozialethisch eingestellt, freimütig werden alle Stände von der höchsten geistlichen Würde bis zu den Bauern gerügt in den ihnen eigenen herrschenden Lastern, meist nach der allgemein üblichen moralischen Satire der Zeit, in der Weise, wie sie in den Carmina Burana (s. oben) gegen die Geistlichen gerichtet ist. 3 Rückhaltslos werden Mahnungen gegeben an die Kardinäle, Patriarchen, Bischöfe, Ordensritter, Laienbrüder, Weltpriester, Pfaffen, Nonnen; dann an die weltlichen Stände, den Kaiser, die Könige, Ritter, Knappen, Bürger, Kaufleute, Bauern. — Der poetische Wert ist gering. Versbau und Reim 4 sind nicht zu beanstanden. Als Predigt ist das Gedicht auch im Predigtstil gehalten, in dem durch die formelhaften Anreden immer die Verbindung mit einem zuhörenden Publikum aufrechterhalten wird. Minnelehren Eine besondere Gruppe von Lehrgedichten, die diese Gattung mit der Lyrik verbindet, bilden die Minnelehren (s. oben). In höfischen Romanen und in bisher besprochenen lehrhaften Dichtungen (s. oben Phaset) werden auch mehr oder weniger eingehend Vorschriften für die Minne, in weiterem Sinne für das gegenseitige Verhalten von Männern und Frauen, gegeben. Ein selbständiges lehrhaftes Minnegedicht tritt in der Mitte des 13. Jahrhunderts auf, das sich selbst Der Minne Fürgedanc 5 (= der Minne Rat V. 5) nennt und sich als ein minne büechelin(V. 1) vorstellt. Die 610 Verse sind in zwei Teile gegliedert: der Hauptteil, S. 172-184, ist eine Tugendlehre, er erklärt die zehn Tugenden (zehen gebot der Minne S. 174, 26), die derjenige Mann haben muß, der minne lönes gert (173,19); es sind Tugenden der Moralis Philosophia. Der zweite Teil, S. 184 bis Schluß, ist eine Huldigung an die Geliebte, indem der Dichter an ihr das Ideal einer Frau darstellt. Damit enthält dieses minne büechelin die beiden Bestandteile eines „Büchleins": allgemeine Minnelehre und persönliche Wendung an die Dame (s. Hartmanns Büchlein, LG. II, 2 155). — Der Verfasser kennt, wie stilistische Wendungen und einige Anspielungen zeigen, Iwein, Parzival, Tristan, Freidank. Gegenüber der didaktischen und lyrischen Haltung dieses „Minnebüchleins" ist DerMinne Lehre mehr episch und dramatisch gestaltet (2250 V.). 6 Der ungenannte Dichter, Alemanne, 7 wohl nach der Mitte des 13.Jahrhun- 1 Der bäbst Johan d. 21., erwählt 1276, gest. 519. — Abh.: Pfeiffer S. Vff.; Friedr. 1277, Karajan S. 10-12. Höhne, D. Gedichte des Heinzelein v. Kon- 2 Wiesotzky S. 30-2, mit Lit. stanz u. die Minnelehre, Leipz. Diss. 1894, dazu 3 Paul Lehmann, Die Parodie im MA. S.43ff. Kraus, Anz. 22, 234-6; Kurt Matthaei, D. 4 Wiesotzky aaO. weltliche Klösterlein u. d. dt.Minne-Allegorie, 5 Ausg.: Docens Mise. 2, 171-88. — 1 Hs. — 1907, S. 16 f. Fürgedanc etwa = Vorgedenken für die Minne, 'Wahrscheinlich aus Konstanz (Sprache!); Grundsätze für den Minnenden. Zwierzina, ZfdA. 45, 58, s. auch 44 Reg. 6 Ausg.: Franz Pfeiffer, Heinzelein v. Kon- S. 351. 45 Reg. S.347; dahin führt auch die stanz, 1852, S. Vff. 3-98. 137^6; ältere Aus- Herkunft der beiden wichtigsten Hss., der gaben (einzelne Hss.) s. Piper, Höf. Ep. III, Weingartner Liederhs. u. Lassbergs Hs., diese Minnelehren 333 derts, kündigt im Prolog (V. 1—41) Inhalt und Zweck seiner lere an: er will eine schcene rede von minnen sagen (V. 3), wie man nach liebe werben sol (11). Der Titel des Gedichtes ist am Schlüsse angegeben: Der werden minne lere (2546; s. 2532). Es zerfällt in zwei Teile: 1. Der Dichter im Reiche der Minne, V. 42-1046: Er erzählt die Geschichte seiner Minne; er hat eine Traumvision: er kommt auf ein wünnckliches Feld, darin ein See von Blut, dessen Ufer brennen. Bei dem See steht eine goldene Säule, darauf ein schönes Kind sitzt, Cupido. Dies Kind der Frau Venus wird beschrieben: es hat Flügel, Speer und Fackel, ist blind und nackt. Da kommt Frau Minne auf einem von Tauben gezogenen Wagen; auch sie wird beschrieben. Sie schießt ihn mit ihrem Pfeil; er bittet sie, seine Wunden zu heilen; sie rät ihm, seiner Dame einen Brief zu schreiben. Der II. Teil, 1047-2214, ist ein Liebesbriefsteller, fünf Paare von Briefen zwischen dem Dichter und der Geliebten. Der letzte Brief der Dame lädt zu einem nächtlichen Stelldichein ein. — All die süßen Worte an das herzeliebe vröuwelin enden mit einer schmutzigen Verführungsgeschichte. Seit der Zeit waren die Wunden des Erzählers der werden minne lere geheilt. Der I.Teil — Cupido und seine Mutter mit den antiken Symbolen — führt ins Reich der Allegorie 1 und eröffnet die im 14.15. Jahrhundert beliebte Gattung der Minneallegorien, 2 der II. Teil, der Minneroman, spielt sich in Liebesbriefen ab. Der Dichter besaß gelehrte Bildung; sein Latein bringt er in den lateinischen Sprüchen an, die in dem Reiche des Cupido und der Venus angeschrieben sind. Einzelne Stellen zeigen Kenntnis der höfischen Romanliteratur. Für den I. Teil scheint er eine lateinische Quelle gehabt zu haben, die Liebesbriefe (II) sind im Schema dieser Gattung gehalten (V. 1071-9 sind aus dem Wigalois entlehnt). Sie wurden später ausgiebig nachgeahmt, ja ausgeschrieben. 3 — Die sprachliche Darstellung ist gewandt, der Dichter liebt Wort- und Reimspielereien. Reim- und Verskunst sind der guten Zeit nachgebildet, doch zeigt sich schon Neigung zur Silbenzählung. 4 Seit Pfeiffer hat man die Minnelehre lange für ein Werk des Heinzelein von Konstanz gehalten, aber der Stil und besonders die Verstechnik stimmen nicht zu den beiden sicher von Heinzelein herrührenden Gedichten. 5 mit einer, allerdings an sich nichts beweisenden sprächen: in Frauenlobs „Minne und Werlt", Schreiberbemerkung am Schluß (Pfeiffer ed. Ettmüller S. 235-42 (s. Jantzen, Streit- S.Vf.). — 4 Hss.: Pfeiffer S. XIV-XVI; gedieht S. 50 f.; Kurt Matthaei, Das welt- Piper aaO.; Hans Wegener, Beschreibendes liehe Klösterlein, Marbg. Diss. 1907 S. 15; s. Verzeichnis der Bilder-Hss. ... d. Heidelb. unten Allegorie im 14. 15. Jh.). — Die alle- Univers.-Bibl. S. 98. gorische Anschauungsform ist allgemein üblich 1 Eine in vielem ähnliche Beschreibung des bei der Vorstellung der Tugenden und Laster Aussehens der „Rechten Liebe" gibt das Ge- und begegnet darum in vielen lehrhaften Dich- dicht „Wer nicht weiß, was Rechte Lieb sei" tungen. (75 V.), Germ. 36, 319 f.; s. auch „Von der 3 Ritter, Altschwäbische Liebesbriefe S. 92 Mynne Kraft", Adelb. v. Keller, Ad. Ge- f.; Ernst Meyer, Die gereimten Liebesbriefe dichte Nr. 6, 1877. S.8ff. 51 ff. 2 Die früheste deutsche Minneallegorie ist die 4 Höhne aaO.; Kraus aaO. Minnegrotte in Gotfrids Tristan (s. LG. II, 2, B Höhne aaO.; Kraus aaO.; Roethe, Reim- 314). Personifiziert ist die Minne in Streitge- vorreden S. 19; Schröder, Anz. 31, 200. 334 Die lehrhafte Dichtung Heinzelein von Konstanz 1 ist der Verfasser zweier Streitgedichte: 1. Von dem Ritter und von dem Pfaffen 2 (388 V.). In einer Winternacht belauscht der Dichter durch ein verborgenes Fenster zwei schöne Frauen, die sich über die Frage unterhalten, wo ein Weib ihre Minne am besten hinwenden soll. Die eine, die einen Ritter liebt, gibt diesem den Preis, die andere spricht für den Pfaffen. Da keine die andere trotz aller Redekünste überzeugen kann, beschließen sie, an die Minne als Richterin zu „appellieren", diu Minne sol ez rihten üz; damit schließt das Gedicht, die Entscheidung bleibt offen. Es ist das bekannte Vagantenmotiv von Phyllis und Flora (LG. 11,2, 152). 3 2. Von den zwein Sanct Johansen. 4 Dieses religiöse Gedicht (80 sechs- zeilige Strophen mit gekreuzten Reimen, a 4 Heb. stumpf, b 3 Heb. kling.) führt in ein Nonnenkloster. Zwei Nonnen „disputieren", die eine für Johannes Baptista, die andere für den Evangelisten, ohne sich gegenseitig zu einigen. Da erscheint in der Nacht der einen, die für den Evangelisten eintritt, dieser, ihr Freund, und beweist ihr durch die Lebensgeschichte des Täufers, daß jener der viel würdigere sei; zur selben Zeit geschieht der andern Nonne das Gleiche von Seiten des Täufers. Am Morgen beichten beide vor der Oberin unter Zuströmen vieler Leute das Erlebte und bitten einander um Verzeihung. Der auch sonst belegte Stoff, welcher von den beiden Sankt Johannes der bessere sei, ist hier einer Erzählung des Cäsarius von Heisterbach (s. LG. II, 2 Reg. S. 341) entnommen. In keinem der beiden Gedichte nennt der Verfasser seinen Namen; überliefert ist er durch die Schreiber: Ciain Haintzelin von Costentz Von dem Ritter vnd von dem pfaffen (Pfeiffer S. 101); ähnlich die Überschrift vor den Zwein S. Johansen in Hs. B.C; in A ausführlicher: klein heinze graue Albrehtes von hohenberg küchenmeister (Pfeiffer S. 115). Heinzelein war Küchenmeister, also ein Hofbeamter; sein Herr Graf Albrecht von Hohenberg ein einflußreicher schwäbischer Großer (gest. 1298), dessen Ottokar, Johann von Würzburg, Konrad von Ammenhüsen rühmend gedenken und der als Minnesinger selbst der Kunst 5 huldigte. 1 Ausg.: Pfeiffer, Heinz, v.K., 1852; ältere H. Walther, Altercatio de utroque Johanne, Ausgaben (Hss.abdrucke): Piper, Höf. Ep. Quellen u. Untersuch, z. lat. Phil. d. MA.s III, 520 f. — Lit.: Goedeke, Grundr. I 2 , 265; V, 2, 129^14 (s. Schröder, ZfdA. 64, 266). — Piper aaO. — Abhandl.: Pfeiffer S. V-XVII Heinzelein hat für dieses Gedicht Konrads v. Höhne aaO.; Ernst Meyer, Die gereimten Würzburg Klage der Kunst benutzt, s. ob. Liebesbriefe, Marbg. Diss. 1898 passim; Kurt — 3 Hss.: Pfeiffer S. XVI; Haupt, ZfdA.6, Matthaei, Das „weltliche Klösterlein" usw., 530; Schröder, Gott. Nachr. 1899, I, 49-71. Marbg. Diss. 1907 S. 16 f. — Streitgedichte: 6 Für den 1359 als Bischof von Freising ver- LG. II, 2, 151 ff. storbenen Enkel des obigen, den Grafen Al- M Hs.: Pfeiffer S. XVI; Ant. Ruland, brecht VI. v. Hohenburg, früheren Chorherrn D. Würzburger Hs. d. k. Univers.-Bibl. zu in Konstanz, dann Bewerber um den Bischofs- München, Arch. d. hist. Ver. f. Unterfranken sitz in Würzburg, liegen keine solchen Anzei- 11, 1850, 1-66; Schröder, ZfdA. 53, 395-8. chenvor. Das Ansehen, das dieser Albrecht VI. 3 Jantzen, Gesch. d. dt. Streitgedichtes im in Würzburg hatte, mag allerdings Veranlas- MA., 1896, 44 f.; Höhne S. 50-6 (Lit. S. 61 f. sung gewesen sein, daß Michael de Leone seine Anm.); Brinkmann, Entstehungsgesch. S.l-12. Gedichte in die „Würzburger Hs." und in das 4 Abh.: Reinh. Köhler, Germ. 24, 385-91; „Hausbuch" aufgenommen hat. Die Original- Heinzelein von Konstanz. Die Satire: Seifried Helbling 335 Heinzelein steht in Stil und Technik unter dem Einfluß von Konrad von Würzburg, besonders von dessen Klage der Kunst. Die Verse sind glatt, die Reime rein, doch oft nur durch Apokope des schwachen e. 1 Wenn ihn auch sein metrisches Gefühl von dem Dichter der Minnelehre unterscheidet, so gehören beide doch der gleichen Richtung an, die die gelehrte lateinische Klerikerdichtung zur Voraussetzung hat. Entstanden sind die beiden Gedichte Heinzeleins in Konstanz, wohl gegen den Ausgang des 13. Jahrhunderts. Die Satire: Seifried Helbling Die Satire ist nicht unmittelbar lehrhaft, aber indirekt dient sie zur Belehrung, indem durch die Kritik der Zustände und die Aufdeckung der Gebrechen das Augenmerk auf deren Heilung gelenkt wird. Darum läßt sich auch das hervorragendste Denkmal dieser Gattung im 13. Jahrhundert, die Zeitsatire Seifried Helbling, 2 hier anreihen. Dieser Titel kann irreführen, denn der Verfasser heißt nicht so, sondern nur eine der Personen, welche in dem XIII. Gedichte (Seemüller S. 14-21) als Schreiber eines Briefes eingeführt wird, ein hovegumpelman, also ein niederer Spielmann. Der erste Herausgeber, Th. v. Karajan, meinte, der Dichter selbst nenne sich so 3 und gab dem Ganzen diesen Namen. Der Dichter war vielmehr, wie aus seiner ganzen Haltung und aus seinem oft zur Schau getragenen Standesbewußtsein erhellt, ein Ritter (seinen Namen nennt er nirgends). Standesbewußtsein und Heimatsgefühl sind die beiden diesen ritterlichen Dichter bewegenden Lebenskräfte, seine ganze Dichtung ist von diesen treibenden Willensbewegungen durchzogen. Er ist Österreicher aus der Gegend von Zettl (Niederösterreich). Die 15 hier vereinigten Gedichte hat er im Alter geschrieben, etwa in den Jahren 1282-1300, fast alle tragen den Charakter der Zeit, ja sie gehen zumeist aus hs. mit den Gedichten Heinzeleins kann in dem 56-8, Lambel, ZföG. 1885, 755-61, Schön- Besitze der Familie Albrechts v. Hohenberg bach, DLz. 1883, 963; Seemüller, Zu Helb- (gest. 1298) sich weiter vererbt haben, auch ling, ZfdA. 33, 439 f.; Karl Raab, Ueb. vier auf den Enkel Albrecht (VI.), den späteren allegorische Motive, Progr. Leoben 1885,34 f.; Bischofskandidaten von Würzburg, und auf Heitzeler, Ueb. die Gedichte des sog. Seifr. diesem Wege dem Matthias v. Neuenburg be- Helbl., Progr. Reutlingen 1888; H. Hilde- kannt geworden sein. Pfeiffer S. Vff.; brand, Didaktik in Kürschners Dt. Nat.-Litt. Schröder, Gott. Nachr. 1899, 1, 49-71 u. Bd. 9, 195 ff.; Petersen, D. Rittertum in d. ZfdA. 53, 395-8. Darstellg. des Joh. Rothe, 1909, 85. 90. 133; 1 Stil u. Metrik: Höhne aaO.; Brinkmann, Marie Gothein, Arch. f. Religionswissensch. Wesen u. Form S. 145 f. — Roethe, Reim- 10, 1907, 468 f.; Walth. Rehm, ZfdPh. 52, vorreden d. Sachsenspiegels S. 19 f. 304. — J. Seeber, Leben u. Treiben der öster- 2 Ausg.: Jos. Seemüller, 1866, dazu Mar- reich. Bauern im 13. Jh. nach Neidhart, Helb- tin, Anz. 13, 152-5, Kinzel, ZfdPh. 20, ling u. Wernher Gartenäre, Histor. Jahrb. d. 126-8, Bartsch, Germ. 33, 235, Schönbach, Görres-Ges. 3, 1882, 416-44; O. Grupp, Die DLz. 1887, 306, Paul, Lbl. 1887, 153-8, Cbl. dt. Didaktik, s. ob. — Textkritik, Stel- 1887, 1569; ältere Ausg.: Th. v. Karajan, len: Pfeiffer, ZfdA. 5, 471; Jänicke, ZfdA. ZfdA. 4,1-284. — Abhandl.: v. Karajan, Ad. 16, 402-19; Bech, Germ. 28, 385-88; Ehris- Blätter 2, 2-17; Martin, ZfdA. 13, 464-6, mann, Germ. 33, 370-79; Martin, ZfdA. 27, Grenzboten27,1868,321-38; Th.v. Karajan, 382 f.; Schröder, ZfdA. 47, 100; Euling, Zu Seifr. Helbl. u. Ottacker v. Steiermark, Priamel S. 440-42; Suolahti, Memoires de la Wien. SB. 1870 u. SA., dazu Lambel, Germ. soc.neophilol.deHelsingforsö, 1917,109 ff.— 17, 358-67; Seemüller, Stud. zum Kleinen Eine Hs. u. Bruchst. einer zweiten, Seemül- Lucidarius, Wien. SB. 102, 1882, dazu Mar- ler, Ausg. S. LXXVI ff. tin, GgA. 1883, 897-901, Schröder, Anz. 10, s ZfdA. 4,243 ff.; Seemüller, Ausg. S. IV f. 336 Die lehrhafte Dichtung bestimmten Zeitereignissen hervor, so daß sie im einzelnen ziemlich genau zu datieren sind. Herangewachsen noch in den letzten Jahren der Babenberger, erscheint ihm im Alter jene Periode als die Idealzeit österreichischen Staatslebens und österreichischer Ritterschaft; mit dem Habsburger Regiment verträgt er sich erst allmählich. Sein Dichten ist Offenbarung seiner Lebenserfahrung. Wir blicken vorübergehend in seine Privatverhältnisse: er war verheiratet (I, 1398), Vater und Großvater (X, 56). Er tritt politisch stark hervor, aber sein Interesse gilt nur Österreich, von der Reichspolitik hält er sich fern. Für die Zeitsatire war in Österreich ein günstiger Boden, hier herrschte eine rege Teilnahme an den Vorgängen des wirklichen Lebens. So haben diese Gedichte bestimmten historischen Hintergrund, wie er im Meier Helmbrecht, in Enenkels und Ottokars Chroniken gezeichnet ist, und stehen innerhalb einer literarischen Tradition, die durch den Stricker, Ulrich v. Lichtenstein, Konrad v. Haslau vertreten wird und in der noch die alten konventionellen ritterlichen Lebensideale anklingen. Die Kenntnis Wolframs, Walthers (Vokalspiel!), des Wälschen Gastes wirkt nach, aber auch Neidharts Bauernsatire. Doch nicht die rationalistische Beobachtung der Wirklichkeit allein gibt die Szenerie ab, später, in vorrückendem Alter, wendet sich der Dichter dem Ewigen zu. Der Tag ist verrauscht, die Schatten des Abends umlagern ihn, er löst sich vom Leben, er erkennt dessen Nichtigkeit, und religiöse Stimmungen erfüllen ihn, der Gedanke an den Tod und das Gefühl der Sehnsucht nach der Barmherzigkeit Gottes. Die 15 Gedichte lassen sich nach Technik und Inhalt in zwei Reihen teilen: A. solche mit Rahmenerzählung, einem Gespräch zwischen dem Dichter und seinem Knecht; dieser stellt Fragen, der Herr antwortet. Diese Gesprächsform ist dem Lucidarius (s. unten) nachgeahmt, wo in gleicher Weise der Meister und der Jünger sich über wissenschaftliche und moralische Gegenstände besprechen. Danach gibt der Dichter den Titel (I, 30): so nenne wir daz buoch alsus den kleinen Lucidarius. Zu dieser „Lucidarius"gruppe gehören I. II. III. IV. VIII. IX. X. XV, Seemüller S. 21-233. 1 — A. Gedicht I (Seem. S. 21-66, 1402 V.). Allgemeine Fragen: was ist Reichtum, Alter? Dann die Landessitten in Österreich: die Raubgesellen, Tracht, Typen von schlechten und rechten Männern und Frauen in einzelnen Bildern aus dem Leben. — II (Seem. S. 67-115, 1516 V.) In allegorischer Form; die Tugenden Treue, Wahrheit usw. nehmen an der Unterhaltung von Herrn und Knecht teil, Laster werden mit spezieller Hinsicht auf Österreich gebrandmarkt; am Schluß wird gegen die Juden und die lotersinger losgezogen. — III (Seem. 115-128, 404 V.) Über österreichische Sitten, ähnlich wie in I u. IL — IV (Seem. S. 129-57, 872 V.) betrifft einen Vorfall in der österreichischen Geschichte: die Verschwörung von vier adeligen Dienstmannen gegen Herzog Albrecht 1295/96. — XV (Seem. S. 157-85, 854 V.) Klagen über den Verfall des Rittertums; Erzählung des Ungarnkrieges.— VIII (Seem. S.185-225,1246V.) Über den „rechten Dienstmann" (26. 114. 118. 141); dem König (Rudolf v. Habsburg) wird Rat erteilt bezüglich des Landes Frommen und Ehre (1034 ff.). — IX (Seem. S. 225-30,167 V.) Den Dichter bedrückt das Alter, er gedenkt des Endes, „miserere mei deus" (75). Bis hierher geht die Gesprächsform, also „der kleine Lucidarius". Durch die Erwähnung des Knechtes wird auch X (Seem. S. 230-33, 87 V.), wo der Dichter im Gedanken an sein Alter die Himmelskönigin und die Dreieinigkeit anruft, an den Bereich des „kleinen Lucidarius" angeschlossen. 1 Erschwert ist die Übersicht dadurch, daß nologisch) als v. Karajan eingeführt, dessen Seemüller eine andere Reihenfolge (bes. chro- NumerierungderGedichteaber beibehalten hat. Hugo von Trimberg: Der Renner 337 Der zweiten Reihe, B, die sich durch das Fehlen dieser äußeren Stilisierung von der ersten Reihe, A, unterscheidet, gehören an die Gedichte V. VI. VII. XI. XII. XIII. XIV. XVI. (Seem. S. 1^, 86 V.) Der Dichter übermißt ieglichen lantsit (V. 3), der Charakter der Leute in Österreich ist wintschaffen, sie ahmen die Sitten der andern Landschaften, der Böhmen, Meißner, Bayern, Kärtner usw. nach; Lob der neuen Herrschaft (der Habsburger). — V (Seem. S.4-7,107 V.) Des landes klage (V. 2) über die Großen und Herren in der Regierung, die das Land bedrücken und aussaugen (die einzelnen werden aufgezählt), wird dem König vorgetragen. —VI (Seem. S. 7-14, 204 V.), daz ist von der sam(n)unge (V. 2), fordert die Lehensleute des Herzogs Albrecht, des Sohnes Rudolfs v. Habsburg, auf, dem Heerbann Folge zu leisten (Aufzählung der einzelnen). — XIII (Seem. S. 14-21, 194 V.) Brief des alten Spielmanns Sifrit Helblinc (ich armer Helblinc Sifrit 11, auch V. 116. 124. 194) an seinen Genossen Julian; es sind zwei hofgumpelman, niedere Spielleute; Klage über die heruntergekommene Stellung der Spielleute, über die Roheit der jetzigen Ritter und das Gebaren der Schnapphähne; Preis der früheren edeln Dichtergönner und Aufzählung solcher mit Beschreibung ihrer Wappen (dieser Teil gehört also zur Wappendichtung). — Es folgen zwei religiöse Stücke: XI (Seem. S. 233-236,108 V.) Ein Ave Maria in 12 neunzeiligen Strophen. — XII (Seem. S. 237f., 50V.) Vokalspiel, fünf Strophen mit den Reimen a e i o u; Anrufung der Jungfrau Maria und Gottes mit Hinblick auf das zukünftige Leben. — Endlich VII (Seem. S. 238-279, 1263 V.) Die Vorführung der Haupttugenden und -Laster, eingekleidet in die Allegorie vom Kampf der Tugenden und Laster, 1 der in österreichisches Lokal versetzt ist, schließt als eine Lehre für Jugenderzieher und die ihnen anvertrauten Junkherren. Der sprachliche Ausdruck hat nichts mehr von dem poetischen Reiz des Stils der Blütezeit; er ist alltäglich, ohne Eigenart. Doch ist die Darstellung, entsprechend dem realistischen Inhalt, anschaulich, eine Fülle lebensvoller Szenen breitet sich aus, oft ins Detail ausgemalt, ohne Weitschweifigkeit. Geschickt werden einzelne Typen der Satire durch die Namen gekennzeichnet. Die landschaftliche Farbe kommt auch in der Sprache zur Geltung in mundartlichen Anklängen. Dieses ist auch im Reingebrauch der Fall, wo sich viele mundartliche Bindungen finden. 2 Hugo von Trimberg: Der Renner Am Ende der lehrhaften Literatur des 13. Jahrhunderts steht der Renner des Hugo von Trimberg, eine Morallehre auf Grund der bürgerlichen Lebensanschauung im Gegensatz zu der Ritterethik Thomasins, des Wins- beken, Tirols u. a., sowie der allgemeingültigen Lebensweisheit des Freidank, ein Alterswerk; es trägt auch darin den Stempel eines solchen, daß der Dichter gern von seiner eigenen Vergangenheit redet und einen Blick in sein Leben tun läßt; am Schluß (V. 24560-81) macht er einige Angaben über seine Person (er nennt sich in seinen lat. Werken Hugo de Wem: Seemann, Solsequ. S.27.68) und die Abfassungszeit seines Renners. Daselbst nennt er seinen Namen, Hüc von Trimperc245Q3 (Michael de Leone: der renner .. . meister Huges von Trimberg, Ausg. d. Lit. Ver. Bd. IV S.4). Er war Ostfranke, geboren in dem Dorfe Wernfa] im Bistum Würzburg (auch Trimberg liegt daselbst); seine Lebenszeit fällt in die Jahre von etwa 1235 bis nach 1313, über 40 Jahre war er Schulmeister in der Teuerstadt, einer Vorstadt von Bamberg 24561 f. Am Renner arbeitete er in den Jahren 1290-1300, machte 1 K. Raab, Üb. vier allegor. Motive in lat. u. dt. Lit. des MA.s, Progr. Leoben 1885 S. 34. 2 Stil u. Metrik: Seemüller, Stud. S. 75-85, 22 Deutsche Literaturgeschichte IV 338 Die lehrhafte Dichtung aber nachträglich, bis 1313, noch umfängliche Einschaltungen. Er besaß ein umfassendes Wissen, das er in seinen Werken ausgiebig zur Geltung brachte; seine Schulung beruhte auf den septem artes, eine Universität hat er nicht besucht (13950). Lit.,Ausg.: Histor. Verein in Bamberg, 2 Hefte, 1833. 1834 (Abdruck der Erlanger Hs. v. 1347, u. Faks.-Druck 1904); Krit. Ausg.: G. Ehrismann, Lit. Ver. 4 Bde, Nr. 247. 248. 252. 256, 1908-11. — Lit.: R. M. Meyer, ADB. 39, 762-5; Seelmann, Solsequium (s. unt.) S. 1 ff. — Abhandl.: P. C.Conz, Beitr. für Philos., Gesch. u. Lit, 1786, 1, 81-131 (Verfasser u. Werk); C. Höfler, Bericht d. hist. Ver. zu Bamberg 18, 1855, 41 ff.; K. Janicke, Üb. H.s v. Tr. Leben u. Schriften, Germ. 2, 363-77; Ders., H.s v. Tr. Weltanschauung, ebda 5,385-401; Rud. Grupp, D. dt. Didaktiker u. d. Schulen d. 12. u. 13. Jhs., Progr. Brandenburg II, 1889, 2-6; E. J. Wöl- fel, Untersuch, üb. H. v. Tr. u. seinen Renner, ZfdA. 28, 145-206; Euling, Kleinere mhd. Erzählungen usw. passim (s. Reg.); Erich Seemann, Hugo v. Tr. lat. Werke I Das Solsequium, Münch. Texte, 1914; Ders., H. v. Tr. u. die Fabeln seines Renners, Münch. Arch. H. 6, 1923; Seemüller, Gesch. der Stadt Wien Bd. III, 1, 1907, S. 48; Ehrismann, Hugo v.Tr.s Renner u. das mittelalterl. Wissenschaftssystem, Festschr. Braune 1920, 211-36; Johannes Müller, Die Bibel u. der biblische Gedankenkreis und Hugo v. Trimbergs Renner, Greifsw. Diss. 1924 Masch.- dr.; Leo Behrendt, The ethical teaching of Hugo of Trimberg (mit reicher Lit.), The Catholic Univ. of America 1926, dazu Ehrismann, Anz. 47, 143 f., Piquet, Rev. germ. 19, 1928, 290 f.; Stammler, Dt. Vjschr. 1, 1922, 557; Ders., ZfdPh. 53,18 f.; W. Rehm, ZfdPh. 52,300 ff. pass.; Else Schlicht, Das lehrhafte Gleichnis im Renner des H. v. Tr., Gießen. Diss. 1928; Ehrismann, Festschr. Panzer 1930,41^13. — Einzelnes: Uhl, Priamel, 1897, 287 ff.; Euling, Priamel, 1905, 301-13. 442-50; G. Schmidt, Gevatter Tod, ZfdPh. 12, 144-49; Lambel, Erzählungen u. Schwanke 1 S. 215; Schröder, ZfdA. 29, 354 f. 357-60 u. 61, 126 f.; Priebsch, ZfdPh. 36, 37 f.; Schwietering, Demutsformel S. 7; Helm, Beitr. 42, 552-55; Vietor, Beitr. 46,109 f. 120 (Kunstbegriffe); Bolte-Polivka 1, 377 ff. 3, 293 ff. (Gevatter Tod); L. Kohler, Progr. Mähr.- Ostrau 1909 (Fabel von der Stadt- u. Feldmaus in der dt. Lit.); Franz Brietzmann, Die böse Frau, 1912, Reg.; Franz Götting, Der Renner Hugos v.Trimberg, Stud. zur mittelalterl. Ethik in nachhöfischer Zeit, 1932, dazu Ehrismann, Anz. 51, 192-95, Piquet, Rev. germ. 24, 1933, 102. — Etwa 60 Handschriften u. Bruchstücke: Zwei Klassen, die zweite besteht in der Redaktion Michaels de Leone (Michel von Würzburg), die statt der Einteilung Hugos in 6 Distinktionen eine solche in 42 Kapitel macht (Janicke aaO.;WÖLFELaaO.); Bartsch, Quellenkunde S. 229-45; Ehrismann, Germ. 30,129-53; Ders., Ausg. des Lit.Ver. Bd. IV, 1911; nach 1911 erschienen: Petzet, Catalogus S. 356; A. Kübler, ZfdA. 64,190; Schröder, Anz. 48, 205; Wegener, Bilderhss. d. Universitäts-Bibl. Heidelberg S. 24; Fritz Behrend, ZfdPh. 54,277-83; Stammler, ZfdPh. 53, 18 f.; Johannes Mallach, Der Auszug des Renners von H. v. Tr., Greifs- walder Diss. 1910; Wilh. Dobbek, Untersuchungen zur Würzburger Liederhs., Greifsw. Diss. 1910; Paul Warlies, Der Frankfurter Druck des Renner, Greifsw. Diss. 1912; Paul Göttsching, Frankfurter Rennerbruchstücke, ZfdA. 70, 127 f. — Der Veranlasser der berühmten Würzburger Hs. (W b , um 1350, jetzt in München), die eine große Zahl wichtiger mhd., bes. ostfränkischer Schriften enthielt, war Michael de Leone, zum Löwenhof in Würzburg, protonotarius des Bistums, gest. 1355. Lit. über ihn: Ruland, Arch. d. histor. Ver. f. Unterfranken 11, 1851, 1-66; Roethe, Reinmar S. 91 f.; Schröder, ZfdA. 53, 395 ff. (mit Lit.), s. auch Gott. Nachr. 1917, 164; Plenio, Beitr. 42, 482-85; Lachmann, Walther, 8. Ausg. 1923 S. XXIII. — Leben s. Anm. 1 , Beruf s. Anm. 2 . 1 Leben: Janicke, Germ. 2, 363 ff.; Wölfel gen, als rector scolarum, scolarium, puerorum aaO.; Jäcklein (s. unt.); Seemann, Solsequ. in Teuerstadt, od. S. Gangolf (Jäcklein (s. unt.) S. 8 ff. — Hugo macht im Renner S. 11 f.). Der Schreiber der Hs. G (a. 1437) am viele historische Anspielungen, s. Wölfel Schluß: Explicit Breviloquium ... magistri S. 157 ff. Hugonis de Trimberg Rector scolarium olym 2 In 4 Urkunden erscheint er unter den Zeu- in Tewrstat, Ausg. Lit. Ver. IV S. 104 Nr. 39. Hugo von Trimberg: Der Renner 339 Hugo war ein sehr fruchtbarer Schriftsteller. Er gibt selbst die Zahl seiner Werke an im Prolog des Renner (V. 25-29) und etwas abweichend am Schluß des Registrum multorum auctorum (V. 1019-30): sieben deutsche Bücher und fünftehalb lateinische (Renn. 16647 zählt er insgesamt zwölf). Die Namen der deutschen Werke nennt er nicht, erhalten ist nur der Renner; der „Samener" (Sammler), den er 34 Jahre vor dem Renner verfaßte, hatte den gleichen Inhalt wie dieser, war aber kürzer; demnach war der Renner eine starke Erweiterung des Samener. Von den lateinischen Werken 1 sind drei erhalten: das 1280 geschriebene Registrum multorum auctorum, eine kurze Literaturgeschichte (1032 V.) alt- und mittellateinischer Autoren; die LaureaSanctorum,ein Kalendergedicht (Cisiojanus), Leben der Kalenderheiligen; das Solsequium, eine Sammlung von kleineren Erzählungen und Legenden in Pros'a, die zur Einflechtung in Predigten als Exempla, Predigtmärlein (s. LG. 11,2, 199), geeignet waren. Den Titel „Renner" hat Hugo seinem Werke nicht selbst gegeben, er findet sich in dem Register Michaels de Leone (Lit. Ver. IV S. 4) und als Überschrift in Handschriften der Gruppe Michaels: Renner ist ditz buch genant Wanne ez sol rennen durch diu laut (Lit. Ver. I S. 1 Var.). Das liegt aber nicht in Hugos Sinn: er versteht unter „rennen" das Hin- und Herrennen, seine willkürliche, von einem zum andern fahrende Darstellungsweise; er vergleicht sich einem Reiter, der von seinem wild gewordenen Roß über Stock und Stein fernab vom Ziele getragen werde (13899-964. 15147-149, auch die häufige Formel Nu sül wir aber vürbaz rennen usw.). Der Renner ist eine Moralpredigt (über 24600 V.) gegen die Lasterhaftigkeit. Der Hauptteil (V. 269-20346) ist gegliedert nach den sieben Todsünden, den Abschluß ( V . 20 347-24 587) bildet das Heilmittel dagegen: Reue, Beichte, Buße; so ist die Sündenpredigt zur Bußpredigt geworden. Diese Moralpredigt hat aber einen tieferen Sinn; sie ist eine moralische Erkenntnislehre, die zum Ziel die Erkenntnis Gottes hat, wie auch in der Fortsetzung der obigen Formel und unsern herren baz erkennen ausgedrückt ist. Zugleich aber gibt sie auch eine Ermahnung zur Selbsterkenntnis (10381. 22631. 22645. 22669 [Nothis elythön = yvw&i. cteäutov]). Im Aufbau des Stoffes entfaltet sich die religiöse Geschichte der Menschheit, die mit dem Sündenfall beginnt (133) und 'MÄnicke, Germ. 2, 367 ff.; Jäcklein, H. v. hgb. v. Grotefend, Anz. f. Kunde d. dt. Tr., Verfasser einer „Vita Maria? rhythmica", Vorz. 1870Sp. 279 ff. 301 ff., 1871 Sp. 308 ff.; Progr. Bamberg 1901 S. 12 ff.; Erich See- Abh.: Latendorf, ebda 1871 Sp. 65 ff.; älter: mann, H. v. Tr.s lat. Werke I Das Solsequium, v. d. Hagen u. Büsching, Museum f. ad. Lit. Münch. Texte H. 9, 1914, 23-6; Ders., Fabeln u. Kunst 1, 1809, 586. — Jäcklein will Hugo aaO. S. 8; Behrendt S. 14 f. — Registrum: auch eine in mehreren Hss. überlieferte Vita hgb. v. Haupt, Bericht üb. d. Verhandl. der Maria; rhythmica zusprechen, doch wohl mit k.Ak.inBerlin,1854,142-64(Auszug); vollst.: Unrecht; s. auch P. Lehmann, Münch. SB. Joh. Huemer, Wien. SB. 116, 1888, Bd. I 1916 Nr. 4. — Lat. Metrik Hugos: Haupt, Nr. 8 u. SA.; Carl Schroeder, Der dt. Berl. Ak. aaO.; Wilh. Meyer, Ges. Abhandl. Facetus (s. ob.) S. 5; P.Lehmann, GRM. zur mlat. Rythmik I, 1905, 251^1. 280; Ders., 4, 1912, 573; Edw. Schröder, ZfdA. 59, Gott. Nachr. 1908,79; MaxPäpke, D.Marien- 329-34; Hilka, ebda S. 335 f. Solsequium: leben des Schweizers Wernher, Pal. 81, 1913, hgb. v. Seemann aaO. Laurea sanctorum: 26 Anm. 1. 340 Die lehrhafte Dichtung mit dem jüngsten Gericht endet (24397-483). Da die Abschweifungen sich auf verschiedene Wissenschaftsgebiete (u. a. besonders Zoologie [Physiolo- gus] 19161-20346, 1 Sprache 22237-352) erstrecken, so ergibt sich zugleich eine mittelalterliche Wissenschaftslehre, 2 eine Enzyklopädie. Eingeleitet wird diese Sündenpredigt durch eine Allegorie: die Früchte eines Birnbaums fallen auf den umliegenden Grund an verschiedene Stellen, in einen Dornbusch, eine Lache, einen Brunnen, gemeint sind die in verschiedene Todsünden fallenden Menschen. 3 In die Moralpredigt sind eine große Zahl anschaulicher, epischer Bestände eingelegt, einzelne kleinere Geschichten, Anekdoten Fabeln, 4 Bilder aus dem alltäglichen Leben; dadurch und durch die Erzählung vieler persönlicher Erlebnisse gewinnt der Vortrag eine unmittelbare Nähe. Auch hierin folgt Hugo der Methode der Predigt, wo gern solche Predigtmärlein alsExempla, Beispiele, eingelegt werden 5 (s.oben Solsequium). — Sehr häufig zitiert 6 Hugo klassisch-lateinische Autoren (Cicero, Ovid, Horaz, Lucanus u. a.), lateinische Kirchenväter (Augustin, Gregor, Hieronymus, Ambrosius), selten Kirchenlehrer (S. Bernhard), aber keine Scholastiker, auch keine deutschen Prediger. Er wollte gerade die dem deutschen Volk nicht zugänglichen lateinisch-kirchlichen Autoritäten nahe bringen (24545-551). Sicher besaß Hugo ein erstaunliches Wissen, aber die Schriften die er zitiert, hat er nicht alle selbst gelesen, sie waren ihm wohl zum Teil aus einem Florilegium zugänglich. Am häufigsten bringt er Sprüche aus Freidank bei. 7 Die Hauptquelle ist die Bibel: diu heilige schrift muoz immer sin doch aller künste keiserin (13407); und zwar sollen wir das Wort Gottes ehren, ohne darüber nachzugrübeln (13445 ff.). In einfacher Frömmigkeit ruht seine Weltanschauung. 8 Sein Grundsatz ist: wol si, die des mittein walten Und lip undsele in got behalten (8603). Welt, Leben und Ich mißt er ab nach der Stellung zu Gott; wertlos sind sie, wenn sie nicht auf Gott gerichtet sind. Das Ziel ist das Himmelreich, das Leben nur der Weg dahin; Got müeze unsfrist und hilfe geben, daz wir bi im sinfrö (22986 ff.), die Erde ist ein Jammertal gegenüber der Freude im Himmelreich (229 ff. 23002 f.). Aber völlige Weltentsagung liegt ihm ferne, er ist kein Asket, er hat Freude an der Schönheit der Natur, sie ist eine Offenbarung von Gottes Größe und Herrlichkeit (207-34. 18146 ff. 18703 ff. 22989 ff. 23655 ff.); an solchen Stellen wird der 1 LG. II, 1, 227. 4 Janicke, Die Fabeln u. Erzählungen im 2 Ehrismann, Festschr. Braune aaO. Renner, Aren. 32, 161-76. 3 Die Allegorie vom Menschenbaum hat ihren 5 LG. II, 3, 196. — Schröder, Anz. 43, 98. Ursprung in den im Mittelalter allgemein be- 6 Wölfel S. 161 f.; Grupp aaO.; Seemann, kannten Lastertafeln. Solche waren, mit Tu- Fabeln S. 10 ff. gendtafeln zusammen, in Schulen aufgehängt. ' Janicke, Freidank bei H. v. Tr., Germ. 2, Eine Abbildung findet sich in Hugos v. St. 418-24; Leitzmann, Freid. im Renner, Beitr. Victor De fructibus carnis et Spiritus, Migne 45, 116-20. — W. Grimm, Freidank 1 S. CXVI 176, 997 ff., der Tafel mit den Früchten des f.; Pfeiffer, Germ. 2, 138; Bezzenberger, Vetus Adam (vgl. Renner V. 107) entspricht Freidank S. 11. 52; Grupp, Didaktiker aaO.; die Allegorie Hugos (s. auch Alcuin, Migne Ehrismann, Festschr. Braune S. 220 f. 101, 640). Verbunden damit ist die Parabel 8 Janicke, Germ. 5, 385-401; Wölfel aaO.; vom Sämann, Matth. 13, 4, Mark. 4, 3, Luk. Seemann, Solsequium S. 10-22; Behrendt 8, 5. S. 24 ff. Hugo von Trimberg: Der Renner 341 Moralprediger zum Dichter. So ist der Dualismus zwischen Gott und Welt, Gott und den Menschen scharf herausgearbeitet, aber geht nicht ins Extreme, indem er die Schönheit der Erde anerkennt, denn sie ist ja eine Schöpfung Gottes. Aber im Renner, der eine Altersarbeit ist, sehen wir doch bittere Erfahrungen überwiegen, einen ethischen Pessimismus, der ja schon an sich zu dem Stil einer Lasterpredigt gehört. Daher auch die vielen Klagen über die schlechte Gegenwart gegenüber der guten alten Zeit. Damit liegt über dem Werke die Verfallsstimmung, die in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts überhandnahm im Gegensatz zu der Ritterromantik der höfischen Zeit. Als auf speziell bürgerlicher Gesinnung beruhende Morallehre ist der Renner soziologisch gerichtet eine Satire auf alle Stände. Er betrachtet die Menschen als gesellschaftliche Gruppen, und in den Standes- und Berufskreisen spielt sich das gesamte Leben der Zeit ab. 1 Und da tritt nun die neue bürgerlich-städtische Auffassung gegenüber der früheren ritterlich-höfischen am schärfsten hervor in seiner Mißachtung der Ritterideale Tapferkeit und Minne: Turnier und andere Kraftproben sind Affenheit und lächerlich, die Minne machet kluoge Hute ze narren (11793). 2 Die Ritterromane sind lügenvoll und haben manchen um Leib und Seele gebracht (21637-96); s. auch 1221-32. Dagegen preist er die alten Minnesänger, wohl besonders wegen des Gesanges (wise), am meisten allerdings doch den gelehrten Spruchdichter Marner (1179-1220). Der Stil 3 ist der einer gereimten Moralpredigt und entspricht somit dem Zweck des Werkes. Hugo ist schon an sich kein poetisches Talent, sondern Lehrer, Schulmeister, dessen Gedanken auf den praktischen Erfolg gerichtet sind, und so ist auch seine Ausdrucksweise ohne dichterischen Schwung. Wo er Kunstformen anwendet wie Wortwiederholungen, Anapher, da geschieht es in rhetorischer Absicht. Die häufigen Wendungen an das Publikum, besonders bei Übergängen, eignen dem Predigtstuhl. Ebenso ist die Metrik 4 kunstlos, der Versbau fließend, frei, nicht streng an regelmäßigen Wechsel von Hebung und Senkung gebunden. Nachwirkung. 5 Der Renner war einer der beliebtesten und einflußreichsten deutschen Werke des späteren Mittelalters, 6 davon gibt die starke 1 Behrendt S. 32 ff.; Ehrismann, Festschr. Teuthonista 7, 177 f., Piquet, Rev. germ. 19, Panzer S. 42. 1928, 290 f. 2 Seemann, Solsequ. S. 43 u. S. 17; Ehris- 6 Lit. Seemann, Solseq. S. 1-6. Zu Lessing: mann, Festschr. Panzer S. 43 und in Stamm- Danzel-Gubrauer, Lessing Bd. II 2 S. 334 f.; lers Verfasserlex. Erich Schmidt, Lessing II, 89. 94; Seemann, 3 Sprache (ostfränkisch): Lit. Ver. IV S. 52 Fabeln S.23; Behrendt S.4. — Heinr. -70; Zwierzina, Anz. 26, Reg. S. 355. 27 Rückert beabsichtigte eine kritische Ausgabe, Reg. S.351; Ders., Festschr. Luick 1925 s. Amelie Sohr, H. Rückert in s. Leben u. S. 122 ff.; Johannes Iwer, Zur Moduslehre Wirken, 1880, S. 185 f.; Bartsch, Anz. d. des Renners, Tüb. Diss. 1914. germ. Mus. 1858 Sp. 213. 4 Franz Diel, Reimwörterbuch zum „Ren- 6 Nachzuweisen bei Johann v. Morsheim; in ner" des H. v. Tr., Münch. Texte Ergänzungs- Priamelhandschriften (Anz. f. Kunde d. dt. reihe H. 7, 1925/26, dazu Wesle, ZfdPh. 54, Vorz. 1859, 328), bei Rosenblüt (ebda); Ren- 454-57, Behaghel, Lbl. 49, 256 f.; Hübner, neru. Steinhöwel: Drescher, Lit.Ver. Bd. 205 342 Die lehrhafte Dichtung Vervielfältigung durch die Handschriften Zeugnis, und literaturgeschichtlich lebte Hugo von Trimberg auch im 16. 17. 18. Jahrhundert fort; besonders durch den Frankfurter Druck 1549 erhielt sich sein Andenken. Gottsched und Geliert haben sich mit ihm beschäftigt, und Lessing plante eine Ausgabe, für die er schon Vorarbeiten gemacht hatte. Volmars Steinbuch Wie auch die Naturgeschichte in die praktische Morallehre Eingang fand, zeigt der Renner, da die Zoologie (Physiologus) darin so ausgiebig verwendet ist (s. auch Freidank 109, 14 ff. 111,6). Ein speziell wissenschaftliches, aber doch für praktische Lebensfragen berechnetes Lehrgedicht ist Volmars Steinbuch, 1 das die Edelsteine beschreibt und ihre Kräfte und deren Wirkung für den Menschen ausführt. Es ist ein Lapidarius. 2 Der dichterisch wenig begabte Verfasser war Alemanne und schrieb die 1008 Verse um die Mitte des 13. Jahrhunderts. Zum Bestiarius der Minne s. unter Prosa. S. XXXVIII; Hugo u. Albrecht v. Eyb: Max röder Lapidarius, ZfdPh. 46, 255-68. — Vgl. Herrmann (s. unt. 15. Jh.), S. 34. 410; in „Das himmlische Jerusalem", LG. II, 1, 139; Rollenhagens Froschmäusler, Wackernagel, Diemer, Dt. Ged. Anmerkungen S. 89 ff. — LG. II 2 , 64. Andere mhd. Steinbücher bei Lambel S. 95 1 Hgb. Hans Lambel, Das Steinbuch, 1877, -134. — Zwei mnd. Gedichte Von edlen Stei- dazu Martin, Anz. 5, 224 f., Bartsch, Germ, nen: Jellinghaus, Gesch. d. mnd. Lit. 3 S. 25. 23, 109-12, Cbl. 1880, 495 f. — Abh. Bü- 2 Die berühmtesten mlat. Lapidarien: Alber- sching u. v. d. Hagen, Museum für ad. Lit. tus Magnus, de Mineralibus (s. Büsching u. Kunst 2, 1811, 52-145; Lambel, Einl.; aaO.); Marbodus (gest. 1123) über lapidum, Bartsch, Quellenkunde S. 95 ff.; Ehrismann, Migne 171 Sp. 1735-78; Thomas v. Chatim- ZfdA. 65,62 f.; E. Brodführer, Der Wernige- pre, Liber de Natura (um 1240). V. DIDAKTISCHE KLEINDICHTUNG Wie neben dem großen Epos, so ging auch neben der umfangreicheren, über weite Gebiete des sittlichen Lebens sich verbreitenden Didaktischen Poesie eine Kleindichtung her, die in Fabel, Rätsel, Lügendichtung, Quodlibet ihren gattungsmäßigen Ausdruck fand. Auch sie gewann vor der Mitte des 13. Jahrhunderts einen bedeutenden Aufschwung und war auch in den beiden folgenden Jahrhunderten des ausgehenden Mittelalters sehr beliebt. Von der epischen Kleindichtung sind diese Gattungen, namentlich die Fabel, nicht prinzipiell zu scheiden, denn auch diese stellt erzählend einen Vorgang dar; andrerseits sind auch Erzählungen, ja selbst Schwanke, oft von lehrhafter Absicht eingegeben. So hat die Aufstellung einer gesonderten didaktischen Kleindichtung ihre Berechtigung darin, daß hier die lehrhafte Zwecksetzung, wenigstens meistenteils, im Vordergrund steht. Die Fabeldichtung Lit. zur Fabel (ausschließl. Stricker). Die Fabel gehört der Weltliteratur an; ein umfassendes Verzeichnis gibt Leop. Hervieux, Les Fabulistes Latins depuis le Siecle d'Auguste jusqu'ä la Fin du Moyen Äge, 3 Bde. 1884. 1894 u. 2. Aufl. 1893/94; Adelbert v. Keller, Erzählungen aus ad. Hss., 1855, 459-587; George C. Keidel, A Manual of Aesopic Fable Literature, 1896 f.; s. auch Reissenberger, Des Hundes not S. 1 ff. (s. unten); Ewert, Rabe u. Fuchs (s. unt.); Voretzsch in Baeseckes Ausg. des R. Fuchs S. V-XXVIII. — Docen, Mise. 1, 1807, 49 ff.; 2, 1807, 209-27; Wackernagel, LG. I 2 , 360 f.; Goedeke, Grundr. I 2 , 15. 32. 70-72. 109-12. 374 f. 480-84; Koberstein l 6 ,267 f.; Oesterley, Nd. Dichtg. in Goedekes Dt. Dichtg. im MA. 2 S. 22-28; Piper, Spielmannsdichtg. 1,45-48.230-315 u. Reg. Bd. 2,335; C. v. Kraus, Übungsb. 2 S. 279-87; Strecker, Merker-Stammlers Reallex. 2, 388 ff.; LG. ob. Bd. I 1 , 364 ff., 2. Aufl. S. 374 ff. — Abhandl. J. Grimm, Reinh. Fuchs Ausg. 1834, Einl., dazu Scherer, Jakob Grimm, 2. Aufl. 1885 S. 289-96; Uhlands Schriften zur Gesch. der Dichtg. u. Sage 3,52.180; W. Grimm, Kl. Schriften 4, 361-427; Wackernagel, Kl. Sehr. 2,212-326; H. Leo, ZfdA. 3, 186; Scherer, Dt. Stud. 1, 49 [57] (mit Lit.); Roethe, Reinm. S. 241 ff.; R. Rodenwaldt, D. Fabel in d. dt. Spruchdichtg. d. XII. u. XIII. Jhs.,Progr. Berlin 1885; Schröder, ZfdA. 37,255 ff.; Voretzsch, J. Grimms dt. Tiersage u. die moderne Forschg., Preuß. Jahrb. 80, 1896, Juni; A. Wünsche, D. Pflanzenfabel in d. malterl. dt. Lit., Zfgl. LitGesch. 11, 373-441; K. Eichhorn, Mitteldeutsche Fabeln, hgb., Progr.Meiningen 1 1896. II 1897. III 1898; Ders., Untersuch, üb. die von Fr. Pfeiffer in 7 Bdn. von Haupts Zs. hgb. Fabeln, Progr. Meiningen 1899; G. Silcher, Tierfabel, Tiermärchen u. Tierepos, Progr. Reutlingen 1906; P. H. Gotzes, D. Tiersage in d. Dichtg., 1907; Martin, Zur Gesch. d. Tiersage im MA., Prager dt. Stud. 8, 273-87; Franz Brietzmann, Die böse Frau in d. dt. Litt, des MA.s, Pal. 42, 1912; Vossler, La Fontaine u. sein Fabelwerk, 1919; Paul Sparmberg, Zur Gesch. der Fabel in d. mhd. Spruchdichtg. (mit Lit.), Marbg. Diss. 1918, dazu Strauch, DLz 1920, 356 f.; K. Wache, D. Tierfabel in d. Weltlit, Zfddtösterreich. Gymn. 69,1921, H. 5/6; Erich Seemann, Hugo v.Trimberg u. die Fabeln seines Renners, Münch. Arch. 6, 1923; Emil Winkler, Festschr. Phil. Aug. Becker 1922, 280 ff.; Voretzsch in Baeseckes Ausg. des Reinh. Fuchs 1926; W. Kühlhorn, Tierdichtg., Zs. f. Dtschkde. 1924, 424-8 u. Reallex. 3, 360 ff. — Einzelnes, Verfasser: W. Grimm, Tierfabeln bei den Meistersängern, Kl. Sehr. 4, 366-94; Roethe, Reinmar S. 241 ff. u. Reg. S. 636; Strauch, Marner (s. ob.) S. 28 f.; Vogt, MF. 3 1920, 298 f.; Seemann, Hugo v. Trimberg aaO. — Einzelne Fabeln: Massmann, Fuchs u. Krebs, ZfdA. 1, 393^100; Des Vögeleins drei Lehren, Adelb. Keller, Ad. Gedichte, 1846, 12-14; G. W. Dasent, De Vos vn de Hane, ZfdA. 5, 406-412, dazu Wallner, ZfdA. 64, 95 f.; Rochholz, D. Tiermärchen vom gegessenen Herzen, ZfdPh. 1, 181-98, dazu 344 Didaktische Kleindichtung Scherer, Kl. Sehr. 1,182-87; K. v. Bahder, Des Hundes Not, Germ. 31,105-109; K. Reissen- berger, Des hundes not, Progr. Bielitz 1893, Nachtrag ebda 1895 (s. Reissenbergers Ausg. v. R. Fuchs S. 7) u. Xenia Austriaca 1893 u. SA., dazu Ferd. Schultz, ZfdPh. 27, 136-38, Sprenger, Lbl. 1894, 355, Dialect ostfränk., Beitr. 22, 338; Max Ewert, Üb. d. Fabel „Der Rabe u. d. Fuchs", Rostock. Diss. 1892, dazu Glöde, Lbl. 1895, 132-34; L. Kohler, Die Fabel von der Stadt- u. Feldmaus in d. dt. Lit., Progr. Mährisch-Ostrau 1909; Alfons Hilka, Die Wanderung einer Tiernovelle (Der undankbare Mensch u. die dankbaren Tiere, Mitteil. d. Schles. Ges. f. Volkskde. 17, 1915; Bolte-Polivka 1, 517 (des Hundes Not), 3, 351 (Fuchs u. Krebs); Friedr. Panzer, Zur Tiersage (der Wolf in der Schule), Obd. Zs. f. Volkskde. 6, 1932, 120-23. — Ausgaben von Fabelsammlungen: Leitzmann, Kleinere mhd. Erzählungen, Fabeln u. Lehrgedichte I, Dt. Texte des MA.s Bd. 4, 1904; Euling, ebenso II, Dt. Texte Bd. 14, 1908; Rosenhagen, ebenso III, Dt. Texte Bd. 17, 1909; Vetter, Lehrhafte Litt. d. 14. u. 15. Jh.s, 2 Teile, Kürschners Dt. Nat.-Litt. Bd. II, o. J., S. III—VII. 7-88. — Übersetzung: Wolfg. u. Hildegard Stammler, Alte dt. Tierfabeln 1926. Eine speziell „äsopische" Fabelsammlung ist der niederdeutsche Magdeburger Aesop, 1 102 Fabeln, dem Dechanten Gerhard von Minden zugeschrieben (1402); in anderer Fassung: der Wolfenbüttler Aesop, 2 125 Fabeln. Die Magdeburger Version ist ausführlicher in der Erzählungsweise und in der Moral am Schluß.— Der Leipziger Aesop, mitteldeutscher Aesop (Hs. Leipzig), um 1420-50. Eine mitteldeutsche Fabelsammlung, thüringisch, um 1450, 3970 V., ist auf Grund lateinischer Fabelsammlungen (Avian u.a.) zusammengestellt. 3 Die rein lehrhafte Dichtung als selbständige Gattung gegenüber dem Epos trägt den rationalen Stil einer Abhandlung (Beispiel: Thomasin) einer Spruchsammlung (Freidank), einer predigtartigen Tugend- und Lasterlehre (Renner). Eine Lehre kann aber auch symbolisch in eine Erzählung eingekleidet sein, also didaktische Epik oder epische Didaktik. Dies ist der Fall in der Fabeldichtung. So ist die Fabel ein sinnfälliges Beispiel, ein Symbol für einen moralischen Gedanken. Dieser praktische Zweck kann auch tatsächlich noch unmittelbar didaktisch in einer Lehre oder Nutzanwendung am Schluß ausgesprochen sein (das Epimythion). Insofern ist jede Fabel ein bi-spel* eine 1 Hgb. W. Seelmann, Gerh. v. M., 1878, dazu (in Pauls Grundriß), 1925, 28 f.; Oesterley Strauch, Anz. 5, 239-46; L. Wolff, Stamm- in Goedekes Dt. Dichtung des MA.s 2 , 1871, ler Verfasserlex. 2, 23-26. 26-28; Goedeke, Grundr. I 2 , 481. 2 Hgb. Leitzmann, Die Fabeln Gerhards v. 3 Hgb. K. Eichhorn, Mitteldeutsche Fabeln, M., 1898, dazu Borchling, GgA. 1909, 292 Progr. I. II. III Meiningen 1896.97.98, dazu -315, Seelmann, Nd. Kbl. 20, 47, Tümpel, Bech, Anz. 25, 61-67; Sprache: Zwterzina, Cbl. 1898,1832 f., Behaghel, Lbl. 1899,300f.; Festschr. Ehrismann 1925, 56-60. Hoffmann von Fallersleben, Nd. Aesopus, i Bispel speziell, abgesehen von Fabel, als 20 Fabeln u. Erzählungen aus e. Wolfenbüttler parabolische Gattung: Foerster u. Burdach, Hs. des 15. Jhs., 1870. — Stellen zu 1 u. 2: Die Nikolsburger Bispelhandschrift, Prager dt. Lübben, Festgabe f. Crecelius 1881, 108-111; Studien 8, 363-85; Rosenhagen, Aufgaben Leitzmann, Nd. Kbl. 23, 6 f. 24, 35. 78. 25, d. Bispelforschg., Verhandl. d. 50. Philol.- 28. 26, 57. 35, 28. 42 H. 2; Sprenger, Progr. Versammlung zu Graz, 1909; Roethe, Rein- Northeim 1879; Ders., Nd. Kbl. 5, 24. 61 f. mar S. 241; Strauch, MarnerS. 28 f. — Pfeif- 8, 45; Damköhler, ebda 29, 2. 42, 14. 46 fer, Altdeutsche Beispiele, ZfdA. 7, 318-82 H. 1; Rud. BÜlck, ebda 42, 56 f.; Tamm, (42 Beispiele, nicht [oder nur einige?] vom Beitr. 9, 361-64; Seelmann, Nd. Jb. 53, 57 Stricker, 13. Jh.);-J. Grimm, Ad. Wälder 3, -59; s. auch ebda 33, 136 ff. 46, 41 ff. — 167-238 (25 Beispiele, z. Teil vom Stricker, s. Jellinghaus, Gesch. d. mnd. Lit. 3. Aufl. Lachmann, Auswahl S.V. VI. — Lit. zu Die Fabeldichtung 345 Erzählung (spei), bei (bi) der noch etwas zu verstehen ist, ein Vorgang, bei dem noch eine allgemeine Idee mitgeht (auch Parabel, Gleichnis, lehrhafte Novelle, selbst der Schwank, können einen belehrenden Beisinn, ja sogar eine moralische Schlußformel haben); überhaupt ist keine feste Grenze zwischen der Fabel'und diesen Sondergattungen zu ziehen. Psychologisch betrachtet ist Fabel, bispel, in erster Linie Verstandeserlebnis, mit Reflexion gearbeitet, und erst bei der epischen Einkleidung kommt die Phantasie in Bewegung. Oft sind Bispel als „Predigmärlein" in Predigten eingelegt (LG. 11,2, 199), auch in religiöse oder Lehrdichtungen wie in Rudolfs von Ems Barlaam, im Renner. Ihrem Sinn nach gehört die moralisierende Fabel in das Gebiet der Satire, die Moral der Fabel beruht auf dem Kontrast des Ideals und der Wirklichkeit. Je nach dem Temperament ist die Satire, somit auch die moralisierende Fabel, bitter, strafend (pathetisch) oder spottend und mehr nachgiebig. 1 Die Handlung einer Fabel tragen Tiere oder Menschen oder Menschen und Tiere, Pflanzen, unbelebte Dinge. Der Inhalt ist sehr verschieden, es kann wirklich „Fabelhaftes" vorgeführt werden, ein phantastisches Gebilde, andrerseits kann der Stoff der Wirklichkeit entnommen, ganz realistisch sein. Der Ursprung der Fabel liegt in Indien, von wo sie ins Abendland und nach Griechenland kam. (Doch hatten auch die Germanen schon Tiergeschichten.) Unsere Fabelliteratur stammt aus der Antike, zuvörderst aus der äsopischen Fabel. In der lateinischen Klosterdichtung fand die Fabelliteratur ihre mittelalterliche Weiterbildung, von hier aus wurde sie durch die Spielleute, die Fahrenden, volkstümlich, ebenso durch ihre Verwendung als praktisches Lehrmittel in den Schulen. Die erste Fabel in deutscher Sprache bringt die Kaiserchronik (vom gegessenen Hirschherzen, 6854-6921); dann folgen der Zeit nach die fünf Tierfabelndes Spervogel Anonymus (Herger), ohne Nutzanwendung. 2 Der Stricker 3 hat Fabel und Bispel zur Höhe erhoben, kein Strickers Bispel s. unten Anm. — Bispel waren, Stricker und seinen Bispel: C. v. Kraus, wie die Tierfabeln, oft weit verbreitet. Ein Übungsb. 2 S. 279-87 (Zwierzina); L. Frän- Beispiel gibt „Des Vögeleins drei Lehren", das kel, ADB. 36,580-7. — K. A. Hahn, Kleinere im lat. pros. Barlaam und Josaphat vorkommt Gedichte von dem Stricker, 1839 (Ausg. von und in den lat. Gesta Romanorum (Oester- 13 Gedichten); Bartsch, Ausg. von Strickers ley, Gesta Romanorum, 1872, S. 554-56 u. Karl 1857 S.XLVIIIff.; L. Jensen, Üb. ds. 739); in den deutschen Gesta Romanorum ed. Stricker als Bispel-Dichter, 1886, dazu See- Keller, 1841, S.40; verschiedene Fassungen Müller, DLz. 1886, 1526-8, Cbl. 1886, 1328; dieses Bispels: Ad. Wälder aaO.; Lassbergs Piper, Höf. Ep. 3, 94-164. — Franz Brietz- Liedersaal 2 Nr. CLXVII S. 653-57 (Der Jäger mann, Die böse Frau in d. deutsch. Litt. d. u. die Nachtigall); Pfeiffer aaO. S.343-45; MA.s, Palaestra 42, 1912; A. Blumenfeldt, Keller, Ad. Ged., 1846; K.Roth, Dichtungen Die echten Tier-u. Pf lanzenfabeln des Stricker, des dt. MA.s, 1845; Aretins Beiträge IX, Berl. Diss. 1916; H. Badstüber, D. dt. Fabel 1247; Boner Nr. 92. — Schröder, Das gol- von ihren ersten Anfängen bis auf d. Gegen- dene Spiel von Meister Ingold, 1882 (s. unten wart 1924; Naumann, Reallex. 1, 145 f. (mit Schachbücher), S. 87. — J. Grimm, Reinh. Lit.);ZwiERZiNA, Festg. Singer 1930,144 ff.— Fuchs S. CCLXXXI; Uhland, Germ. 3, 140. Stellen: Ehrismann, Germ. 31, 314; Marie 1 Schiller, Über naive u. sentimentalische Gothein, Arch. f. Religionswissensch. 9,1906, Dichtung. 354 f. — Vollständiges Verzeichnis der Hss., 2 Siehe ob., Scherer, Dt. Stud. 1, 49 f.; die Strickers bispel enthalten: v. Kraus, Rodenwaldt S. 9-11; Sparmberg S. 7-17. Übungsb. 2 S. 279-85; s. auch Piper, Höf. Ep. 3 Eine Gesamtausgabe der Kleineren Ge- 3, 94-9; Naumann, Reallex. aaO. (auch Nie- dichte des Stricker fehlt noch. — Lit. zum wöhner, ZfdA. 63, 99-102. 269 f.). — Ver- 346 Didaktische Kleindichtung Dichter hat in dem Umfang wie er das Bispel gepflegt, und diese Gattung ist mit dem Namen des Stricker, den wir als Ependichter kennen (s. oben), eng verknüpft. Das seiner Veranlagung und Sinnesrichtung eigenste Gebiet ist die epische Kleindichtung, die Novelle und der Schwank, und die ihm als Fahrendem besonders nahe liegende erzählend-moralisierende Gattung, Bispel und Fabel. Die (169) echten bispel des Stricker sind in den Handschriften oft mit fremden, anonymen Stücken vermischt, die, ganz in seiner Art gehalten, sich meist nicht leicht von seinem wirklichen Eigentum unterscheiden lassen. Der Umfang der Bispel ist sehr verschieden, zwischen etwa 50 und 600 Versen. Über den Typus der rein lehrhaften, in einem Punkt zusammengefaßten Fabel oder des Bispels hinaus sind einige Stücke zu motivenreichen Gedankenzusammenhängen erweitert. So das Gedicht von den Edelsteinen, das sich gegen die Überschätzung ihres Wertes wendet (Hahn S. 44-52). Herbe Sittenbilder sind entrollt in Zeitsatiren: in der „Klage" (Hahn S.52-70) „klagt" der Dichter über den Schwund der fröude und die allgemeine Unsittlichkeit der Generation; in dem Märe von den Herren von Österreich (u.a. bei Meyer-Benfey, Mhd. Übungsstücke S. 63-8) werden in der Gegenüberstellung von Einst und Jetzt die Habsucht und der Geiz als Grundübel des gegenwärtigen Adels gebrandmarkt, gegenüber den früheren Sitten an den Höfen, wo Gesang und Saitenspiel, Frauenhuld und Turnier das Leben verschönten. Hier setzt schon Verfallsstimmung ein. Auch das Märe von den Gäuhühnern zeichnet lokale Zustände, nämlich wie die Bauern sich gegen die Herren auflehnen. 1 Strickers Bispel und Fabeln bewegen sich in der sozialen Umwelt und bilden also zusammengefaßt eine Sitten- und Ständesatire nach einzelnen Lebensformen. Da treten auf der König und seine Ratgeber, der Ritter, der reiche Mann und sein Knecht, die Pfaffen, die Bauern, die Handwerker, der Wirt und die Gäste, Mann und Weib in der Ehe, das häusliche Leben; viele Gedichte sind religiös gewendet, aber das fromme Ethos fehlt diesem praktischen, poesielosen Kopfe. Und so läßt er auch die Minne, für die er keinen Sinn hat, wohlweislich aus dem Spiel. zeichnis der Stellen, an denen Strickersche 2, 220. — In manchen Hss. wurde die darin bispel, Fabeln u. Erzählungen gedruckt sind: befindliche Sammlung von bispel und von v. Kraus aaO. S. 285-7 (s. auch, nach diesem mceren genannt: „die Welt" (um 1300 u. spä- erschienen, Rosenhagen, Reallex. 1, 209 f.). ter), danach hatte man für Strickers Bispel — Stellen, an denen andere kleinere lehrhafte als Gesamttitel früher auch „Strickers Welt", Gedichte dem Stricker zugewiesen u. abge- so Docen, Ad. Wälder 2, 1-7; v. d. Hagen, druckt sind: Pfeiffer, Germ. 6, 457-66, GSA. III, 765; s. Niewöhner, ZfdA. 63, ZfdA. 7, 478-521, Übungsb. S. 27-38 (S. 39 99-102. -41 nicht vom Stricker); Bartsch, Germ. 8, 1 Göu, Gau, das flache Land gegenüber der 46 f.; Strauch, Enikel I, 336 Anm. 2; Kum- Herrenburg. Die Bauern werden so genannt, mer, ZfdA. 25, 290-301; Singer, ebda 31, weil sie Zinshühner abliefern mußten, Pfeif- 358-60; Lambel, Symbolae Pragenses, Festg. fer, Germ. 6, 457-66; Meyer-Benfey, Mhd. z. 42. Phil. Vers, in Wien 1893, dazu Rosen- Übungsstücke 2 , 1921, S. 68-73. HAGEN, ZfdPh. 27, 131 f. — BOLTE-POLiVKA Die Tierdichtung (Reinke de Vos) 347 Nach dem Stricker ist die Fabeldichtung ein Arbeitsfeld der Spruchdichter, die, wie Reinmar vonZweter, derMarner und eine Reihe anderer, vereinzelte Stücke hervorgebracht haben. 1 Die Tierdichtung (Reinke de Vos) Die T i e r f a b e 1 ist ein Teil der Tierdichtung. Innerhalb dieser Dichtart sind verschiedene Begriffe zu unterscheiden; der umfassendste von ihnen ist der der Tiersage, eine Bezeichnung dafür, daß hier von Tieren etwas Sagenhaftes berichtet wird. Die einzelnen Formen sind: dieTierfabel (belehrend, mit Überlegung erdacht) ;das Tiermärchen (unterhaltend, volkstümlich ,von der Phantasie erdichtet ; z.B. bei den Grimmschen Märchen: Rotkäppchen und der Wolf, der Wolf und die sieben Geislein, die Hochzeit der Frau Füchsin); das T i e r e p o s steht unter den Bedingungen des Epos, ist also gegenständliche Dichtung, Erzählung von Begebenheiten mit Handlung, Schilderung, Personen. Doch belehrenden Gehalt hat die Tierallegorie mehr oder weniger immer, wenn er auch oft ganz verdeckt liegt. Die Grundlage der Tierepik bilden volkstümliche Tiersagen und Tiermärchen, dazu literarisch überlieferte Fabeln (Äsop und seine lateinischen Nachahmer und Übersetzer). Das Tierepos ist also ein Kunstprodukt, aufgebaut auf Volksüberlieferung und gelehrten Zutaten. Das älteste eigentliche Tierepos des Mittelalters ist die Ecbasis Captivi (LG. I, 370-4), 2 um 930-40; etwa zweihundert Jahre später erschien das größte und für Inhalt und Bau des gesamten Tierepos grundbildende Werk, der lateinische Ysengrimus (früher Reinardus vulpes genannt) von Magister Nivardus, um 1150, enthaltend ein Dutzend Geschichten mit dem Mittelpunkt der Heilung des Löwen durch den Fuchs, deren Ursprung in einer äsopischen Fabel liegt, die ihrerseits aus Indien stammt (Löwe und Schakal). Die Namen der Tiere, Isengrimus (Isengrim = der mit dem eisernen Helm), Reinardus (Reginhard, Reinhard, von althochdeutsch ragin Rat, deutet auf Klugheit), Bruno (der Bär) sind deutsch; in dem Grenzgebiet Deutschlands gegen Frankreich, Lothringen oder auch Flandern dürfte durch Zusammenfassung traditionell im Volke und in den Klöstern umgehender Tiergeschichten das lateinische Tierepos entstanden sein, und zwar als Kunstdichtung von gelehrten Klosterleuten entworfen. Nach den lateinischen Tierdichtungen entstanden auch solche in den Volkssprachen, zunächst in Frankreich der berühmte Roman de Renard. Dieser 1 Scherer, Dt. Stud. I S. 52; Roethe, Rein- J. Grimm 2 S. 289-96; Ders., Kl. Sehr. 1, 143. mar; Rodenwaldt aaO.; Sparmberg aaO. 182-7. 187 f.; Voigt, Ysengrimus, hgb. 1884, 2 Lit. üb. Ursprung u. Verbreitung einzelner dazu JB. 1884 Nr. 1681; L.Willems, ßtude Fabeln u.Entstehung des Tierepos :Voretzsch sur l'Ysengrinus, Gent 1895. — Kaarle Einführung in d. Stud. d. afrz. Lit. Kap. XI, Krohn, Bär (Wolf) u. Fuchs. Vergleichende 2; Ders., Preuß. Jahrb. 80, 1895, 417 ff. (mit Studie, Helsingfors 1888, andere Artikel s. Lit.); Reissenberger, Reinh. Fuchs, Ausg. Reissenberger aaO. S.7 Anm. 3; Leopold 1908, Einl. (mit Lit.); Voretzsch in d. Ausg. Sudre, Les sources du roman de Renart, des Reineke de vos von Leitzmann u. in d. Paris 1893, dazu Singer, Anz. 20, 248-51, Ausg. des Reinh. Fuchs von Baesecke. — Voretzsch, Lbl. 1895, 15-25, Martin, Zfrom- J. Grimm, Reinh. Fuchs S. V u. Kl. Sehr. 5, Phil. 18, 286 ff.; Walther Suchier, Tierepik 455-66; Wackernagel, Kl. Sehr. 2, 212 ff. u. Volksüberlieferg., Arch. 143, 1922, 223-36. 234ff.;MÜLLENHOFF,ZfdA. 18,1-9; Scherer, 348 Didaktische Kleindichtung jedoch ist keine einheitliche Schöpfung, sondern besteht aus einer Anzahl einzelner Erzählungen, contes oder branches — in den ausführlichsten Handschriften des 13. Jahrhunderts sind es etwa 27—, die von verschiedenen Verfassern, geistlichen und Volksdichtern, herrühren, welche verschiedenen Provinzen angehörten. Die ältesten Branchen waren vor dem deutschen Reinhart Fuchs, also vor 1180, vorhanden, der ebensolche, etwa sechs, zur Grundlage hat; doch stellen diese eine ältere Textfassung als die des uns überlieferten Roman de Renard dar. Aus dem französischen Renard stammt die niederländische Bearbeitung, der Reinaert von Willems, zwischen 1235 und 1250, der dann in den folgenden Jahrhunderten wiederum verschiedentliche Erneuerungen erfuhr, von denen die des Hinrek van Alckmar (um 1480, Antwerpener Druck) dadurch literaturgeschichtliche Bedeutung gewann, daß sie ins Niederdeutsche übertragen wurde: Reinke de vos (Lübeck 1498), der dann, ins Hochdeutsche übersetzt, Gemeingut des ganzen deutschen Volkes geworden ist. Verfasser des mittelhochdeutschen Reinhard Fuchs war Heinrich der Glichezäre 1 (der Gleißner), um 1180, ein elsässischer Kleriker (oder Fahrender?). Aber diese ursprüngliche Fassung ist nur in vier Bruchstücken 1 Lit. zu Reinhart Fuchs. Ausg.: Jacob Grimm, R. F., 1834, dazu Kl. Sehr. 4, 52-64. 5, 172-6. 7, 12^1; J. Grimm, Sendschreiben an Karl Lachmann Ueber Reinhart Fuchs, 1840 (Ausgabe der ältesten Bearbeitung, Hs. S, diese auch bei Reissenberger u. Bae- secke); K. Reissenberger, 1886, dazu Cbl. 187 f., 1534, Sprenger, Lbl. 1887, 473-5; Reissenberger 2. Aufl. 1908; Georg Bae- secke, Heinrichs des Glichezares Reinhart Fuchs, Ad. Textbibl. Nr. 7,1926, dazu Schröder, Anz. 45, 93-6, Wallner, DLz. 1926, 2475-77, W. Suchier, DLz. 1927, 1306 f., Maurer, Teuthonista 3, 82 f., Piquet, Rev. germ. 17,1926,397 f., J. W. Müller, Museum 34,151-5. — Übersetzung: Baesecke, 1926, dazu W. Suchier, DLz. 1926, 1306 f. — Wackernagel, LG. I 2 , 228-30; Koberstein, Grundr. I 6 , 161; Piper, Spielmannsdichtg. 1, 287-315. — Abhandl.: Hoffmann, Fundgr. 1, 1830, 240-2; Wackernagel, Kl. Sehr. 2, 212-33; Liebrecht, Germ. 4,371-3; Braune, Beitr. 13, 585 f.; Panzer, Freiburger Münsterblätter Jahrg. II H. 1 S. 15 f.; Leitzmann, Beitr. 42, 18-38; Georg Mauch, D. Reinh. F. H.s d. Gl., Hambg. Diss. 1921, Masch.dr.; Bernh. Schulz, Vergleichende Studien zum dt. Tierepos, Jen. Diss. 1922, Ausz.; A. Graf, Grundlage des Reinecke Fuchs, Würzbg. Diss. 1922; Wallner, Reinhartfragen, ZfdA. 63, 177-201; Baesecke, ZfdPh. 52, 1-30; Wallner, ZfdPh. 52, 259-70; Naumann, Höf. Kultur 1929,25.68 f.; Kühlhorn, Merker-Stammler Reallex. 3, 365 f. — Textkritik u. Stellenerklärung: J. Grimm, Ad. Blätter 1, 1836, 417-19; Ferd. Wolf u. Haupt, Ad. Bl. 1, 1-10; W. Grimm, Graf Rudolf 2 , 1844, 13 f. C. Höfler, Germ. 4,109-11; Fel. Liebrecht ebda S. 371-3; Haupt, ZfdA. 15, 254 f. Schönbach, ebda 29,47-64; Reissenberger Beitr. 11, 330^16; Sprenger, Lbl. 1887 473-5 u. Germ. 36,195 f.; K. v. Bahder, Beitr 16, 49-63; John Meier, ebda 18, 205-7 Steinmeyer, ZfdA. 45, 314-6; Leitzmann Beitr. 42, 18-38; Wallner, ebda 47, 173-220 48, 141; Schröder, Gott. Nachr. 1926, 22-50 Wallner, ZfdA. 63, 201-16. 64, 237-59; Baesecke, ZfdPh. 52, 1-22. 22-30; Wallner ebda S. 259-70; Schröder, Anz. 46, 121 f. G. de Vries, Einige Tiernamen im „Reineke de Vos", Nd. Korrbl. 45, 1932, H. 1/2. — Der dt. Reinh. Fuchs u. der franz. Roman deRenard:REissENBERGER, Ausg. S. 22-8. — Voretzsch, Einführg. Kap. XI u. XI, 2. XII 4. — Ders., D. Reinh. Fuchs H.s d. Glich, u. d. Rom. de Renart, Hall. Diss. 1890; Ders., ZfromPhil. 15, 124ff. 16, 1 ff.; Reissenberger, Ausg. S. 22-8 (mit Lit.); Voretzsch in d. Einleitg. der Ausg. v. Baesecke (mit Lit.) u. in d. Einl. des Reinke de vos v. Leitzmann. — Martin, Observations sur le rom. de Renart, 1887; Jul. Lange, Les rapports du rom. de Renard au poeme allemand, Progr. Neumark (Westpreußen), 1888; Ders., H.s d. Gleißners Reinh. u. d. Rom. de Renart, 2.Teil, ebda 1889, dazu Voretzsch, Lbl. 1890, 70-2; Herm. Büttner, D. R. Fuchs u. s. franz. Quelle, 1891, dazu Singer, Anz. 18, 244-8, Reissenberger, DLz. 1892,1108, Voretzsch, Lbl. 1892,156-60; Martin, Pragerdt. Studien; aaO.; Lucien Foulet, Le Roman de Renard, Paris 1914; Singer, Wolframs Stil S. 124; Die Tierdichtung (Reinke de Vos) 349 einer Handschrift (S, Kassel, Ende 12. oder früheres 13. Jahrhundert) erhalten, zusammen 685 Verse, die etwa ein Drittel des vollständigen Gedichtes ausmachen. Seinen Namen 1 nennt der Dichter Vers 1784-90 (in der Handschrift verstümmelt), der jüngere Dichter bringt ihn ebenda und in seiner Schlußnotiz Vers 2249 ff. Reim und Versbau gehören noch der vorhöfischen Zeit an: 2 manche Freiheiten in den Senkungen, zu lange und zu kurze Verse, Assonanzen, doch alles dies mit Maß. Der Stil ist dürftig und mager. Die Quelle für den Dichter war ein französischer Roman de Renard in Branchen; aber wie dieser beschaffen war, läßt sich aus der Überlieferung nicht ermessen. Jedenfalls ist die Übertragung, 3 wenigstens stellenweise, sehr frei, indem der deutsche Bearbeiter manches aus seiner eigenen Beobachtung hinzugetan hat: Zeitverhältnisse, Erwähnung des Nibelungenhortes (662), belehrende Stellen, deutsche Rechtsformeln. Vollständig erhalten (2266 Verse) ist der mittelhochdeutsche Reinhart Fuchs in einer Bearbeitung 4 der alten Dichtung des Glichezäre. Der Verfasser dieser Version (wohl ein Fahrender) nennt sich nicht; Heimat 5 (Bayern?) und Zeit (vor der Mitte des 13. Jahrhunderts?) sind umstritten. Der Zweck dieser Erneuerung war, die veraltete, freiere Form in die dem herrschenden Geschmack entsprechende geregelte umzusetzen. Der Umdichter glättete den Versbau und stellte — freilich nicht ausnahmslos — reine Reime her. Sein Verfahren hat er selbst am Schluß, Vers 2249-2261, dargelegt. Er war einer poetischen Darstellung nicht gewachsen und hat nur eine unbedeutende Mache geliefert. Sein Stil ist unbeholfen und öde. Erich Klibansky, Gerichtsszene u. Prozeß- 2 ZurMetrik: W.Grimm, Graf Rudolf 2 S. 13; form, 1925, 41-56. Schönbach, ZfdA. 29, 47 ff.; Leitzmann, 1 Zum Namen des Dichters: Wallner, Beitr. 42, 22ff.; Schröder, Gott. Nachr. ZfdA. 63, 214-6; Schröder, Gott. Nachr. 1926 S.26ff. (Reime); Baesecke, ZfdA. 62, 1926, 22; Baesecke, ZfdPh. 52, 25-7; Wall- 251-60. ner, ebda S. 266-9. Wallner liest die betr. 3 Reissenberger, Ausg. S. 26 f.; Baesecke, Stelle V. 1786, die verderbt ist; der von dem ZfdPh. 52, 5-22. glichezäre iu künde git gewärlich, er ist geheizen 4 Hss.: Heidelberg. Hs. 341 (P), Kalocsaer Heinrich, wonach Heinrich der Name des Ver- Koderl (K). Schönbach, ZfdA. 29, 47 ff.; fassers ist, glichezäre aber den Fuchs meint. Reissenberger, Ausg. S.28; Wallner, Der jüngere Bearbeiter, der den Epilog anfüg- ZfdA. 63, 178-207; Baesecke, ZfdPh. 52, te, ist durch den Fehler der Hs. V. 1786 zu 22-7; Wallner, ebda S.264-70; Baesecke, seiner falschen Auffassung verleitet worden. — Ausg. S. XXXII (wo weitere Angaben üb. die Titeides Werkes „Reinhart Fuchs": Brau- beiden Hss.); Schröder, Gott. Nachr. aaO., ne, Beitr.J3, 585 f.; Baesecke, ZfdPh. 52, s. ob. Textkritik. — Die Streitfrage, ob bei 7-9. 26. „Isengrines not" nehmen als Titel an: den handschriftlichen Verhältnissen (Alte Wackernagel, LG. I 2 , 230; Martin, Prag. Übersetzung vertreten durch die nur bruch- dt. Stud. 8, 273 u. a. (Lit. s. Reissenberger, stückweise erhaltene Handschrift S, Bearbei- Ausg.S. 16Anm. 4), und neuerdings Wallner, tung durch P K) die Urfassung wiederher- Beitr. 47, 196 ff., ZfdA. 63, 177. 216, ZfdPh. zustellen sei, wird von Schröder u. Wallner 52, 266 ff.; s. auch Naumann, Hof. Kultur bejaht. S. 68 f. Jedenfalls ist Reinhart Fuchs der Held 6 Heimat. Die Merkmale der Mundart reichen des Gedichtes, als solchen faßt ihn auch der nicht aus, zumal die Reime nicht unbedingt Prolog der jüngeren Fassung V. 1-10, und die rein sind. v. Bahder, Beitr. 16, 51; Zwier- Schreiber der beiden Hss. benennen danach zina, ZfdA. 44,306 Anm. 2; anders Baesecke, das Gedicht, was zeigt, daß man jedenfalls im Ausg. S.XLII; Schröder, Gott. Nachr. 14. Jh. dieses für den Titel hielt. S. 45 f.; Wallner, ZfdA. 63, 177 ff. — Zeit: 350 Didaktische Kleindichtung Inhalt. Der Kern des Tierepos ist die Feindschaft zwischen Fuchs und Wolf. Der Aufbau ist klar. 1 Er zerfällt in drei Teile. I. V. 11-384 — Der betrogene Betrüger — ist gleichsam das Vorspiel. Es enthält vier Abenteuer Reinharts mit kleineren Tieren, die er zu prellen sucht, wobei er aber schließlich selbst hereinfällt: 1. R. u. der Hahn Schantecler, V. 11-176. — 2. R. und die Meise, V. 177-216. — 3. R. und der Rabe Diezelin, V. 217-312. — 4. R. und der Kater Diepreht, V. 313-384. II. Reinhart als erfolgreicher Betrüger. Die zwischen Reinhart und isengrin sich abspielenden Abenteuer, V. 385-1238. 1. Der ungetreue Hauswart. R. und isengrin schließen Gevatterschaft, Is. zieht auf Beute aus und empfiehlt R. seine Frau Hersant zur Hut; dieser sucht sie zu verführen, V. 385^148. — 2. Das Bachen- (Schinken-) Abenteuer, V. 449-504. In den folgenden Szenen verlockt R. jeweils den Is. zu gefährlichen Streichen, wobei dieser den Schaden davonträgt, während R. sich herauszieht.— 3. Die Zecherei im Mönchshof, V. 505-550. — 4. R. und der Esel Baldewin; Lücke, V. 551-562. — 5. Der mißlungene Fischfang, V. 563-822. — 6. Das Brunnenabenteuer, V. 823-1061. — 7. Auf den Rat des Luchses wird wegen der Fehde zwischen R. und Is. ein Gerichtstag der Tiere angesagt, der aber scheitert, da R. davonläuft. Dann vergewaltigt er die Hersant, V. 1062-1238. III. Die Krankheit des Löwen, V. 1239-2248. — 1. Vrevel der Löwe, König der Tiere, ist krank, da ihm eine Ameise ins Ohr gekrochen ist. Er gebietet einen Hoftag. Is. klagt gegen R. 1239-1510. — 2. Die Heilung des Löwen und Schluß, V. 1511-2248. Der König sendet nacheinander drei Boten nach R., Brun (Bär), V. 1511-1646, Diepreht (Kater), V. 1647-1759, Krimel (Dachs) V. 1760-1834, diesem folgt R. an den Hof, dort erscheint er als Arzt und heilt den König. Er verordnet eine Schwitzkur, dazu wird zur Umhüllung auf seinen Befehl dem Bären, dem Wolf und dem Kater das Fell abgezogen. Dann kriecht die Ameise aus dem Ohr. Noch andere seiner Feinde bringt R. in Schaden. Seinen Freunden verschafft er hohe Reichsstellen: der Elephant wird mit der Krone Böhmens belehnt, das Kamel wird Äbtissin in Erstein im Elsaß. Seine Schandtaten krönt er durch den größten der Frevel: er vergiftet den König. In dieser Tierwelt entwirft er mit satirischer Tendenz das Bild eines Staates. Die Tiere sind maskierte Menschen in ihren gesellschaftlichen Zuständen, eingeordnet in Stände und Berufe: die Geistlichkeit, Mönche, die Ritterschaft, Vasallen, Burgherren, Hofleute, zuoberst der König. Spott ist die innere Form des Ganzen, dazu eignet auch der äußere Bau, die Masse und Beweglichkeit der Motive, die Wandelbarkeit der Szenerie. Aber in der in den Gaunerstreichen sich ausspielenden Satire liegt ein bitterer Hohn auf die Verderbtheit und Dummheit der menschlichen Natur, die schließlich zum Untergang aller gesetzlichen Ordnung führt, zur Tötung des Oberhauptes und dem Triumph der Untreue. Das Gedicht scheint keine sonderliche Wirkung gehabt zu haben, worauf auch die geringe handschriftliche Verbreitung deutet. Der Geschmack des literarisch gebildeten Publikums, der, von den vornehmen Kreisen geleitet, ritterliche Abenteuer und Frauenverehrung verlangte, konnte, trotz einzelnen formelhaft höfischen Aufputzes, an diesen burlesken Schelmenstreichen und unsauberen Spaßen keinen Gefallen finden. Eine große Zukunft dagegen hatte die niederdeutsche Übersetzung des niederländischen Reinaert, der Reinke de Vos. 2 Sie ist in Lübeck etwa 1498 Baesecke, Ausg. S. XLII f. nimmt e. späteren Inhaltsangabe: J. Grimm, Ausg. S. CIII-CXV; Zeitpunkt an. Piper, Spielmannsdichtg. 1, 292-315. 1 Komposition: Baesecke, ZfdPh. 52, 1-7. a Ausgaben: Hoffmann 1852; Aug. Lüb- Die Tierdichtung (Reinke de vos) 351 im Druck erschienen, der Verfasser nennt sich nicht und ist auch nicht sicher ermittelt (vermutet werden der Sekretär Nicolaus Baumann, der Buchdrucker Hermann Barkhusen). Es folgten dann im 16. 17. Jahrhundert eine große Zahl von Drucken; 1544 eine hochdeutsche Übersetzung, ebenfalls oft wieder gedruckt (21mal bis 1617); ein mehrfach gedrucktes Volksbuch; eine lateinische Übersetzung in vierfüßigen Jamben 1567, ebenfalls mehrfach gedruckt; eine dänische Übersetzung 1555 u.ö.; eine schwedische 1621 u.ö.; eine englische 1706. In der neuhochdeutschen Literatur lebte der niederdeutsche Reineke weiter durch Gottscheds Prosaübersetzung (1752), Goethe aber verlieh dem Reineke Fuchs, diesem „Hof- und Regentenspiegel", dieser „unheiligen Weltbibel", durch seine „zwischen Übersetzung und Umarbeitung schwebende Behandlung" (1793) von Gottscheds Prosa Unsterblichkeit. Das Verhältnis des niederdeutschen Reinke de Vos zu dem Original, dem niederländischen Reinaert, ist nicht sicher festzustellen, weil die unmittelbare Quelle, der Antwerpener Druck um 1480, nur in Bruchstücken erhalten ist. Doch läßt die Vergleichung immerhin erkennen, daß die niederdeutsche Übertragung eine musterhafte Arbeit ist und ein Glanzstück der niederdeutschen Literatur. Von dem alten mittelhochdeutschen Reinhart Fuchs unterscheidet sich der Reinke de Vos doch wesentlich. Die Szene ist auf ei n Lokal zusammengedrängt, den Hof des Königs Nobel (Löwe). R. wird bei dem Hoftag, den der König geboten hat, vom Wolf und vielen Tieren angeklagt, zum Gericht geboten, schwindelt sich durch, und seine Feinde werden bestraft (I. Buch). Das II. Buch wiederholt das Motiv, wobei auch die Vögel Kläger sind. III. Buch: R. wird wieder zu Gnaden angenommen. IV. Buch: Isegrim klagt wieder; Zweikampf zwischen ihm und R.; R. siegt durch List und steht bei Hof in hohen Ehren. Ausgefüllt ist dieser Rahmen mit Listen und Trügereien. Das Ganze, 6844 Verse, ist lang gedehnt, aber die Lust an Fabeleien, die der Zeit eigen war, läßt die Beliebtheit begreifen. Dazu kam aber vor allem der lehrhafte Zweck, denn die im Eingang des niederdeutschen Reinke übersetzte Vorrede des Hinrek van Alckmer (so!) besagt, daß die fabele van Reynken deme vosse ... is ok vul van wyßheyt vndeguder exempel vnde lere. Und diese lehrhafte ben 1867; Karl Schröder 1872; Friedr. overssettelse of Reinke de Vos, 2 Bde., 1915. Prien 1887, 2.Ausg. von Leitzmann, mitEin- 1917; Rich. Dohse, „Reinke de Vos" u. die leitung von Voretzsch, 1925, dazu L.Wolff, plattdeutsche Tierdichtung, Progr. Parchim Anz. 45, 103-5, J. W. Müller, Museum 34, 1919; Müller-Suderburg, Tiernamen im 151-55, Piquet, Rev. germ. 17, 1926, 130; Reineke Fuchs, dazu Breuer, Riegler, Nie- E. W. Grashoff, Reynke voß de olde nyge dersachsen 24, 1920, 95 f. 139, 26, 14; Fanny gedrucket, 1923 (Prachtausgabe der Rostocker Kessler, Joh. v. Morsheim, Spiegel des Regi- Ausg. von 1549). — Die älteren Drucke bei ments, Germ. Abhandl. 53,1921, 89 ff.; Seel- Prien, Einleitung. — Abhandl.: Janssen, mann, Zum Rostocker Reineke Fuchs von Gesch.d.dt.Volkes, 19.20.Aufl. 1930,215-19; 1650, Nd. Korrbl. 38, 1922, 4f.; E. Dam- Prien, Zur Vorgeschichte des Reinke Vos, Köhler, ebda 42,47.43 Nr. 2; Stammler, Von Beitr. 8, 1-53; Loersch, Zs. d. Aach. Ge- der Mystik zum Barock, 1927, 188-91; Ders., schichtsver. 2, 1880, 117-26; Heydenreich, Gesch. der nd. Lit., 1920, 54-57; Ders., Mnd. Arch. f. Litgesch. 13, 1885, 145 ff.; Heinr. Leseb.Nr. 56 S. 87-90 u. Anm. S. 142 f. (Lit.); Borgmann, Üb. d. Wert der hd. Reinke- Jellinghaus, Gesch. der mnd. Lit. 3 , 1925, Übersetzung v. J. 1541, Straßbg. Diss. 1908; 28 f. — Goedeke, Grundr. I 2 , 480-84. N. Möller, En Raeffue Bog, Herman Weigeres 352 Didaktische Kleindichtung Absicht wird noch dadurch unterstützt, daß an den Text der meisten Kapitel eine oft recht umfangreiche prosaische Auslegung, Glosse (eyne körte vthleg- ginge, in der Vorrede), angefügt ist (ebenfalls schon von Hinrek van Alckmar), so daß der Verstext mit Prosa abwechselt. Die ursprüngliche Glosse ist von katholischem Standpunkt aus geschrieben, und diese sogenannte „katholische Glosse" ist in den Ausgaben von 1498 und 1517 noch enthalten, dann aber wurde sie, von der Ausgabe 1539 an, in protestantischem Sinne umgearbeitet („protestantische Glosse"). Das Gedicht steht durchaus unter sozialer Auffassung der menschlichen Verhältnisse; das ist in der zweiten Vorrede ausgesprochen: um das Buch zu verstehen, muß der Leser sich merken, daß die Menschen, beziehungsweise hier die Tiere, in vier Stände geteilt sind: 1. Arbeiter und Bauern; 2. Bürger und Kaufleute; 3. die Geistlichen; 4. die Fürsten, Adel, Ritter und Schildknechte; über allen steht als Oberhaupt der König; so handelt das Buch von einem Fürsten und seinem Hofe. In dieser sozialen Einstellung, die in dem mittelhochdeutschen Reinhart Fuchs gar nicht betont ist, liegt der große Unterschied der Lebensauffassung der höfisch-ritterlichen Kultur des 12./13. Jahrhunderts von der bürgerlichen, die hundert Jahre später zur Vorherrschaft gelangt. Es ist der gleiche Schritt vom Rittertum zum Bürgertum wie von der Lehrdichtung zur Zeit Thomasins zum Renner: dort eine Erziehung zur feinen höfischen Standesbildung, hier eine Satire auf alle Stände; ein Abwelken von der Sommerblüte zum Herbst. Das Rätsel Verwandt mit bispel und Parabel ist das Rätsel. 1 Es ist, noch unmittelbarer als jene, „auf Deutung berechnet" (Scherer, Dt. Stud. aaO.). Ein besonderer Reiz liegt in ihm durch das Überraschende der Fragestellung und durch die Spannung auf die lösende Antwort. Zur althochdeutschen Zeit sind nur Rätsel in lateinischer Sprache (Prosa) aufgezeichnet worden, in der mittelhochdeutschen Literatur ist das Rätsel zu einer literarischen Gattung geworden, teils als Rätselspruch, teils als Rätselgedicht. Das umfangreichste Rätselgedicht istdasTrougemundslied (etwa 90 Verse) , 2 1 Lit.: Uhland, Schriften3,181 ff.; Wacker- rätsei S. 199-278); R.Wossidlo, Mecklen- nagel, ZfdA. 3, 25-34; Hoffmann v. Fal- burgische Volksüberlieferungen I, 1897; Rob. lersleben, Die älteste Rätselsammlung, Petsch, Stud. üb. d. Volksrätsel, Würzbg. Weimarer Jahrbuch II, 1855, 231-235; Wil- Diss. 1898 u. Pal. H. 4; Erk-Böhme, Deut- manns, ZfdA. 20, 250ff.; Scherer, Dt. Stu- scher Liederhort S.6ff.; Uhl, Die deutsche dien I 2 , Wien 1891, 54 (mit älterer Lit.); Priamel, 1897, 276ff.; Bolte-Poli'vka 2, Weinhold, Die deutschen Frauen in dem MA. 349-373. — Uhland, Volkslieder Nr. 2. 3 II 2 , 1882, 129 ff. — MSD. II 3 , 305-312; Kö- S.7-13 u. Schriften 4, 6-12 (Kranzsingen); gel, LG. I, 2 S. 165-171, Grundr. 2 S.45f. H.Naumann, Stetitpuella, Beitr.42,163-167 (zur ahd. Lit.); Ehrismann, Lit.-Gesch. I, u. Primitive Gemeinschaftskultur 1921 S. 138 55 f. 374 f. (ahd.); 2. Aufl. S. 55 f. 384-86; -147; Stammler, Ein Rätsel als Blattfüllsel, Fritz Loewenthal, Stud. zum germ. Rät- ZfdPh. 54, 377. sei, 1914. — Simrock, D. dt. Räthselbuch, 2 Ausg.: Br. Grimm, Ad. Wälder 2, 1815, Frankf. a. M., gedruckt in diesem Jahr; E. 8-30; Uhland, Volkslieder Nr. 1; MSD. I 3 L. Rochholz, Alemannisches Kinderlied u. Nr. 48 S. 192-195 u. II 2 , 305-312 (daselbst Kinderspiel aus d. Schweiz, 1857 (Kinder- ältere Ausgaben S. 305). Abhandl.: Uhland, Das Rätsel 353 das aber erst dem 14. Jahrhundert angehört. 1 Man hat es früher in das 12. Jahrhundert gesetzt, und es gehört auch seinem Inhalt nach in den Kreis von Orendel und Oswald (s. LG. II, 1, 328 ff., 337 ff.; schwankhafte Rätselfragen im Spruchgedicht von Salomon und Markolf ebenda S.326). Im Orendel (ed. Berger Vers 103 ff.), im Wiener Oswald (ed. Baesecke Vers 42 ff.) und im Münchener Oswald (ed. Baesecke Vers 193 ff.) wird die Figur des fahrenden Mannes gezeichnet, der als Pilger durch die Welt zieht und zweiundsiebenzig Länder kennt. Tragemund heißt er im Orendel und im Wiener Oswald, Wärmund im Münchener Oswald; in formelhafter Weise wird er dargestellt: ein edeler pilgerin wolgetän (ein armer wallender man Orendel 103), der was geheizen Wärmunt (Tragemund, Orendel 109), zwei und sibenzig laut (künigriche Orendel) wären ime kunt (Münchener Oswald 194). Durchaus auf Formeln ist das Lied aufgebaut. Die 12 Strophen bestehen in Fragen des Dichters (oder einer fingierten Person) und Antwort des fahrenden Mannes; die meisten Strophen (Strophe 2-11) beginnen abwechselnd mit den Formeln: Nu sage mir, meister Trougemunt, zwei und sibenzec laut diu sint dir kunt vom Frager und: Des (Daz) haste gefraget einen man der dirz wol gesogen kan von seiten des antwortenden „meister Trougemunt". Je zwei Strophen bilden zusammen eine Gruppe, die erste enthält die Fragen, die zweite die Antworten, jeweils in je einer Zeile. So zerfallen die 10 Strophen 3-12 in folgende 5 Abteile nach den Schlagworten, I. Strophe 3. 4: Einschränkung, das „ohne Etwas sein", z. B. welcher Vogel ist ohne Zunge? der Storch. II. Strophe 5. 6: Vergleichung (komparativisch): Was ist weißer als der Schnee, was ist schneller als das Reh, was ist höher als der Berg, was ist finsterer als die Nacht? Antwort (Strophe 6): Sonne, Wind, Baum, Ruß (Schmutz, räme). III. Strophe 7.8: Fragen nach dem Grund mit der Anapher „durch waz?" : Wovon ist der Rhein so tief, wovon sind die Frauen lieb, wovon sind die Matten grün, wovon sind die Ritter kühn ? Antwort: von den vielen Quellen, von der Minne, von Kräutern, von Wunden. IV. Strophe 9.10: Desgleichen anaphorisch „durch waz?" : Wovon ist der Wald grau usw.?: vom Alter. V. Strophe 11. 12: Vergleiche: Was ist so grün wie der Klee, was ist weiß wie der Schnee?: die Elster ist grün wie der Klee und weiß wie der Schnee und schwarz wie die Kohle. Der Inhalt dieser Fragen ist der Natur, Pflanzen und Tierwelt, entnommen, zum geringen Teile dem Menschenleben. Der Name Tragemund, Trougemund ist volksetymologische Umdeutung von arabisch targoman, schon im Mittellateinischen: Dragumannus, Droga- mundus u. a. 2 Der Verfasser war ein Fahrender 3 und hat in den beiden ersten Schriften 3, 190-194. 198f. 293-296. 4, 3-6; 1 Wackernagel, LG. I 2 , 123A.21 ;Bartsch, Wackernagel, ZfdA. 3, 25; Scherer, Dt. Germ. 9, 66. Stud. I 2 , 54; Wilmanns, ZfdA. 20, 250 ff.; 2 Grimm, DWb. II, 1327; Du Cange-Hen- Burdach, Berliner SB. 1918 S. 1081 u. Vor- schel III, 192b; Mhd. Wb. 3, 80 f.; Lexer spiel I, 1, 309; K. Wolfskehl u. Fr. v. d. II, 1489; Wackernagel, ZfdA. 3, 25 Anm. Leyen, Älteste dt. Dichtungen übersetzt u. 3 Alemannischer Ursprung des Gedichtes: hgb., 1920,22-25.196 f.; Roediger, ZfdA. 33, MSD. II 3 , 308. 423 (Stelle); Petsch, Beitr. 41, 337. 23 Deutsche Literaturgeschichte IV 354 Didaktische Kleindichtung Strophen ein mit poetischer Phantasie geschmücktes Selbstbildnis entworfen. Der Stil ist bedingt durch den Inhalt: eine Aneinanderreihung von lauter einzeiligen Sätzen. Die Verse, vierhebig ohne Unterschied ob stumpf oder klingend, sind frei gebaut, darunter auch mehrere assonierend, einige reimlos. Der ganze Ton ist volksmäßig. Ganz anderer Art als das Trougemundslied, das aus einzelnen, auf volkstümlicher Denkweise beruhenden Fragen und Antworten besteht, ist das Rätselspiel des Wartburgkrieges, eine epische Abart, und die zehn Rätsel breiten eine tiefsinnige, theologische und kosmologische Gelehrsamkeit aus (118zehnzeilige Strophen, Simrocks Ausg. des Wartburgkrieges [s. unten] S.52-143). 1 — Ausführlicher als die volkstümlichen Rätselfragen sind auch die Rätsel der Spruchdichter, 2 die immer eine ganze Strophe einnehmen. Die eigentliche und einfache Form des Rätsels liegt, wie im Trougemunds- liede, darin, daß eine Person eine Frage über irgendeine Vorstellung aufgibt, die eine andere Person beantworten (erraten) soll: „rat, rat, was ist das?" Eine Abweichung, Erweiterung dieser Grundform, ist es, wenn eine Antwort nicht geheischt wird. Noch weiter ab steht die rätselhafte Verhüllung: eine merkwürdige Vorstellung, ein seltsames Ereignis wird vorgebracht, das nur verstanden werden kann, wenn man den Sinn kennt. Der Art sind manche Rätsel der Spruchdichter, und so auch die „Rätsel" im Freidank (19, 7 ff., 109, 8 ff.). 3 Dem bürgerlich volkstümlichen Sinne des 14./15. Jahrhunderts entsprach das Rätsel, und in Handschriften jener Zeit sind eine ziemliche Anzahl gereimter, aber noch mehr prosaischer Rätsel überliefert.* Auch der Lotterspruch verlangt ein Erraten. 5 Weidsprüche der Jäger, gegenseitige Fragen über die Jägerei, reihen sich hier an, weil oft darin auch Rätselfragen gestellt und beantwortet werden. 6 Sie gehören wohl erst dem 15. Jahrhundert u.ff. an. Die Lügendichtung Der Rätseldichtung ist die Lügendichtung 7 verwandt, beiden gemeinsam ist das Gefallen am Seltsamen, Überraschenden; das Rätsel aber verlangt 1 Es sind „keine wirklichen Rätsel mehr, son- würdigen Gesinnung. MSD. II 3 , 310-12; dem Gleichnisse", Loewenthal aaO. S. 51. Uhland, Schriften 3, 231. 335. 2 Roethe, Reinmar S. 150 ff.; Loewenthal 6 J. Grimm, Ad. Wälder 3, 97 ff.; Uhland S. 51-122; Wallner, Beitr. 44, 110-17. 3, 200-02. 302; Reinh. Köhler, Weimarer 3 W. Grimm, Freidank 1 S.CXXII; Loewen- Jahrbuch 3, 329 ff. u. Kl. Sehr. 3, 452-99; thal S. 105 f. Weidsprüche u. Jägerschreies. J. M.Wagners 4 Lit. bei Wackernagel, LG. I 2 , 344 Anm. 5; Archiv S. 133-60; MSD. II 3 , 308; Uhl, Die GoEDEKE,Grundr.l 2 ,304f.;LoEWENTHALpass. deutsche Priamel, 1897, 277-79. 6 Gaukler, Landfahrer zogen mit dem loter- 7 Uhland 3, 223 ff. 324 ff.; Wackernagel, holz umher. Sie geben es einer Person zwischen LG. 1 2 ,282 (Lit.). 328 Anm. 30; Karl Müller- beide Hände und wetten mit dieser, ob es Fraureuth, D. deutschen Lügendichtungen herabgehe oder nicht, in jedem Fall hat der bis auf Münchhausen, 1881; Pfeiffer, Ad. andere verloren. Der einzig erhaltene Lotter- Uebungsb. S. 153 f.; MSD. II 3 , 305; Uhl, Die Spruch (noch aus dem Ende des 12. Jhs.?) deutsche Priamel S. 280 ff.; Euling, Das Pri- besteht aus ein Paar Sätzen allgemeinen In- amel bis Hans Rosenplüt S.35; Schröder, halts, die zum Schluß verbrämt sind mit einer Anz. 50, 214. Die Lügendichtung 355 Lösung, die Lügengeschichte (lüge,lügene) ist an sich unmöglich, widersinnig, und der Reiz besteht in der überraschenden Phantastik, die solche närrischen Erfindungen unbedenklich als Tatsachen wiedergibt. Die einfachste Form ist die Lügenstrophe. 1 „Ein toller Einfall wird unvermittelt an den andern gereiht." Die Form ist gleich der des Trouge- mundsliedes, eine in sich abgeschlossene Vorstellung folgt satzweise auf die andere. Etwas ausgedehnter sind die sogenannten Lügenmärchen, haben aber dieselbe Form: Aneinanderreihung unsinniger oder unzusammenhängender Behauptungen. 2 Sie gehören dem 13./14. Jahrhundert an und waren auch später noch im Gange. Mit größerem Rechte kann man die zusammenhängenden Lügenerzählungen, die eine erlogene Geschichte in epischer Form enthalten, „Lügenmärchen" nennen. Die älteste Lügenerzählung dieser Art in der deutschen Literatur ist der Modus florum (LG. I, 355f.), den der Dichter selbst als Mendosam quam cantilenam ago usw. einführt, um bei den Hörern Lachen zu erregen. Eine solche Lügenerzählung ist auch „Weiggers Lügen" (lateinisch, überschrieben Lugin; und kürzer deutsch, überschrieben Aliud mendacium, Martin, ZfdA. 13, 578 f. [„Weigger, der Vorgänger Münchhausens"]). Der Gipfel der Tollheit ist erreicht in dem Wachtelmaere; die Erfindungen sind hier erstaunlich, das verknüpfende epische Band ist die Schilderung eines fabelhaften Landes Gugelmiure (Kurrel murre) ; hinter allem Unsinn liegt das Leben der Zeit (14. Jahrhundert). 3 Damit ist der Schritt zum Lügenlied vom Schlauraffenland getan, 4 das ganz ähnlich von einem wunderlichen land erzählt (Uhlands Volkslieder Nr.241 S. 632ff.). Von dem, was wir heute unter „Schlaraffenland" 5 verstehen, einem glücklichen Lande der Faulheit, handelt zuerst „Ein hubscher spruch vom schlauraffen lanndt" (167 Verse), nach Seb. Brants Narrenschiff (1494) erschienen; 6 dann folgten Schwanke des Hans Sachs usw. 1 Lügenstrophen bei Spruchdichtern, bei 3 Ausg. Massmann, Denkmäler deutscher Reinmar v. Zweter: Roethe S. 248-50; beim Sprache u. Lit. 1, 1828, 105-12; Wacker- Marner: Strauchs Ausg. VI, 2.3 S. 89. XI, 3 nagel, LB. 6 Sp. 1149-56. — Uhland 3, S.97. XIV, 12 S. 110; Kolmarer Liederhs. 228-31. 329 ff. (ed. Bartsch) Nr. XCVI (äventiure), CXLII 4 Zu slür m. das Herumstreifen, Faullenzen, (äv.), s. auch XXII. LXXVII (lügene). persönl.: eine träge Person, Faullenzer, ähnl. 2 Uhland 3, 223 ff. 324 ff.; Wackernagel, slüderer m. einer, der nachlässig arbeitet. ZfdA. 2, 560-69. 3, 40 f.; Pfeiffer, Ad. 5 Johannes Poeschel, D. Märchen vom Übungsb. Nr. XVII S. 153 f. (Lügenpredigt); Schlaraffenlande, Beitr. 5,389^127, bes. S.415 Hoffmann v. Fallersleben, Ad. Blätter 1, ff. — Hoffmann, Ad. Blätter 1, 163-73; 163-73 (I So ist diz von lügenen); Lassberg, Wackernagel, ZfdA. 2, 564-69 (v. J. 1611); LS. 2, 383-88; Keller, Fastnachtspiele I, J. Grimm, Kl. Sehr. 3, 78 Anm.2. „Das Mär- 91-96; Ders., Erzählungen aus ad. Hss. S. 487 chen vom Schlauraffenland", Grimms Mär- -89. 490-94; Primisser, Suchenwirt Nr. 45 chen Nr. 158, ist kein Schlauraffenmärchen, S. 148 f. (Ein red von hübscher lug); Uhland, sondern das Lügenmärchen = Ad. Blätter 1, Volkslieder Nr. 4 S. 14-17 (Eitle Dinge) u. 163 ff. (s. oben). Schriften 4, 12 f., Volkslieder Nr. 240. 241 8 Zarncke, Narrenschiff S. CXXII f. 104-06. S. 629-36 (Lügenlieder). — Koberstein l 6 , 455-59. 430 Anm.71. 23* 356 Didaktische Kleindichtung Quodlibet. „Klopf an" Haben die Lügendichtungen den Reiz der Überraschung, der Behauptung „unmöglicher Dinge", so ist beim Quodlibet 1 die Phantasie viel weniger in Bewegung gesetzt; die Wirkung liegt nur in der „Zusammenhäufung un- verbundener, unvermittelter Einzelheiten", es ist ein Gemisch, ein Allerlei (Wackernagel, ZfdA. 3, 40). In dieser Form gehört das Quodlibet auch zusammen mit vielen „Reimreden". Es war alte Sitte, daß am Neujahr „Leute verschiedenen Geschlechtes, Alters und Standes" an die Türe klopften und ihre guten Wünsche vorbrachten. Solche in gereimte Spruchform gefaßten Neujahrswünsche nannte man „Klopfan", nach dem Anfangsworte, z. B. Klopf an ! klopf an ! Ein säligs neus jar ge dich an\ Als literarische Gattung gehört der „Klopfan" erst dem 15. Jahrhundert an und wurde hauptsächlich von Hans Rosenplüt und Hans Folz geübt (s. unten). 2 — Die gereimten Neujahrswünsche im Liederbuch der Hätzlerin S. 196-201 sind an die Geliebte gerichtet; es sind Glückwünsche und Liebesversicherungen, Liebesgedichte, mehr dem Liebesbrief verwandt, keine „Klopfan". 3 1 Uhland 3,231; Wackernagel, LG. I 2 , 153 Anm. 37. 331 Anm. 21; Zacher, ZfdA. 1, 251; Euling, Das Priamel S.29ff.; Ehrismann, Anz. 25, 164 ff. — Das Quodlibet in Wackernagels LB. 5 Sp. 1155-60 (146 V.; = Lassberg LS. 3, 559-64, s. auch Schaus, ZfdA. 42,101; Schröder, Anz. 50, 214) bringt unter ganz gleichgültiger Rednerei auch Erfahrungssätze, Moralsprüche. — In dem von Euling, ZfdPh. 22, 312-317 (s. auch Uhl, Die dt. Priamel S. 280) veröffentlichten Quodlibet {ditz haist ain geplerr) sind Sprichwörter und sprichwörtliche Redensarten eingestreut. — Der von Wackernagel ZfdA. 3, 40 f. abgedruckte „Cento" (20 V.) ist ganz sinnlos. — Wegen der Form, die in,,Aufzählung" besteht, kommt hier auch bes. die Priamel in Betracht (s. Wilh. Uhl, Die deutsche Priamel, ihre Entstehung u. Ausbildung, 1897; Karl Euling, Das Priamel bis Hans Rosenplüt, Germ. Ab- handl. 25, 1905; Adelbert v. Keller, Alte gute Schwanke, 2. Aufl. 1876). Eine besondere Form, Kettenreim, hat das Mischmaschgedicht in Wackernagels LB. 5 Sp. 1147-1150 („Kettenreime der Kinder", 52 V. = Graff, Diutiska 1, 314 f.; Keller, Alte gute Schwanke S. 57.58; J. V. Zingerle, D. dt. Kinderspiel im MA., 2. Aufl. 1873, 61-63; Wackernagel, LG. I 2 , 331 Anm. 2; Bartsch, Germ. 25, 335-39; Uhl, Priamel S. 281): je 2 Zeilen gehören zusammen, in der ersten wird ein analytisches Urteil aufgestellt, in der nächsten wird der Satz grammatisch umgedreht, das Subjekt wird zum Prädikat, dabei ist eines der beiden Urteile, oder sind beide unvollkommen, z. B. ein wider ist ein schäf, ein schäf ist ein wider, oder: ein stücke ist ein fleisch unde ein fleisch ist ein stücke (s. auch MSD. II 3 , 310). 2 Lit. Wackernagel, LG. I 2 , 347 Anm. 231; Schade, Weimarer Jahrbuch 2, 75-147. 3 Anhangsweise sei hier das von J. Grimm, ZfdA. 8, 542-44 veröffentlichte Gedicht „In welchem Zeichen man Freunde kiesen solle" (49 V.) erwähnt: es werden Ratschläge gegeben der Reihe nach für jeden Monat, ob derselbe günstig oder ungünstig sei für die Wahl eines Freundes. — Eine prosaische Spruchfolge gibt für jeden Monat kurz in je einer Zeile an, was man in dem betreffenden Monat essen soll (Schönbach, ZfdA. 20, 180-4). VI. DIE GEISTLICHE LITERATUR DES 13. JAHRHUNDERTS A. DIE GEISTLICHE DICHTUNG In der Literaturgeschichte des 13. Jahrhunderts überragt die ritterliche Dichtung die geistliche an künstlerischer und allgemein kultureller Bedeutung (LG. II, 2, 24-27). 1 Im 14. Jahrhundert, nachdem der Glanz des höfischen Lebens verblichen war, nahm das geistliche Schrifttum wieder eine bevorrechtigte Stellung ein, entsprechend dem verwandelten Zeitgeist, der nun durch die bürgerlich-realistische Gesinnung geleitet wurde. Biblische Dichtung Das Alte Testament wurde als Teil der Weltgeschichte angesehen und fiel deshalb in das Gebiet der Weltchroniken (s. ob. Rud. v. Ems); selten sind im 13. Jahrhundert poetische Bearbeitungen einzelner Stücke des Alten Testaments. So sind Bruchstücke einer gereimten Bibelübersetzung aus der Geschichte Davids und dem Buch Judith (Holofernes) erhalten (Original wohl 13. Jahrhundert), die nicht zu einer Weltchronik gehört zu haben scheinen (W. Gemoll, Germ. 19, 339^13). Ein Gedicht Hester, mit dem der Verfasser des Passionais sich auch zum Alten Testament gewendet hat, 2010 Verse (Karl Schröder, Bartschs Germ. Stud. 1, 247-315); Ein Segen Jakobs in Versen (K. Schröder aaO. S. 291-5), eine Erneuerung des betreffenden Stücks der frühmittelhochdeutschen Genesis (LG. II, 1, 78 ff.). Alt- testamentliche Stoffe in der Deutschordensdichtung s. unten. Für die Literaturgeschichte wichtiger sind die selbständigen Dichtungen geistlichen Inhalts, zuvörderst die epischen. Nur wenige derselben beruhen auf dem Alten Testament. Das jammervolle Schicksal der Eltern des Menschengeschlechtes, das für die ganze Menschheit die unheilvoll entscheidende Wendung brachte, erregte besondere Teilnahme. So entstand die auch wegen ihrer rührenden Stimmung dem Volke zusagende LegendevonAdamundEva, das Adambuch : die lateinische Legende Vita Adae et Evae (3 .JA. Jahrhundert, die Sage ist wahrscheinlich hebräisch, vorchristlichen Ursprungs), die im Abendlande weit verbreitet war, auch in den Landessprachen. Das Leben der beiden aus dem Paradiese Verstoßenen erreicht hier manchmal erschütternde Tragik, und das Ganze ist reich an Klagen. Nach dieser lateinischen Legende arbeitete Lutwin sein geistliches Epos Adam und Eva (3942 Verse). 2 Er nennt seinen Namen Vers 59 und 1253 und war, aus den Reimen zu schließen, Österreicher; 1 Hübner, Reallex. 1, 420-26; Castle, ebda Gesch. d. Stadt Wien III. Bd. I. Hälfte, 1907, 2, 579 f. 582 f. S. 9; A. C. Dunstan, The Middle High German 2 Ausg.: Konr. Hofmann u. Wilh. Meyer „Adam and Eva" by Lutwin and the Latin aus Speyer, Lit.Ver. 153, 1881 (Textkritik „Vita Adae et Evae", The Mod. Lang. Rev. Münch. SB. 1880 S. 598-616), dazu Stein- 24, 191-99. — Haupt, ZfdA. 15, 265; Kelle, meyer, Anz. 8, 222-30, Sprenger, Lbl. 1881, Gesch. d. dt. Litt. 2,1896,151 u. 355. — Piper, 259. — Bartsch, ADB. 19, 21; Seemüller, Geistl. Dichtg. 2, 44. 358 Die geistliche Dichtung des 13. Jahrhunderts obgleich erst dem 14. Jahrhundert angehörend, darf das Gedicht doch schon hier genannt werden wegen seiner Bedeutung für den Stoffkreis der geistlichen Dichtung und seiner stilistisch rückwärts gewandten Haltung. Als Dichter ist der Verfasser unselbständig, er hielt sich an höfische Muster und ist stark abhängig von Wirnts Wigalois, von dem er auch die Dreireime an Abschnittsschlüssen übernommen hat; auch kennt er Konrads v. Heimesfurt Himmelfahrt; 1 Handschrift. Die Klage Adams und Evas ist auch Gegenstand einer kleineren Verserzählung (ostfränkisch, 426 V., GSA. Band I, 2-16 und S. LXIX ff.). 1 — Ein prosaisches deutsches Adambuch enthält viele Stellen, die aus einer Schwellhandschrift der Christherre-Chronik umgesetzt sind. 2 Die unversiegbare Kraft des Hohen Liedes, das in der symbolischen Denkweise des Mittelalters zu einer Heilslehre erweitert wurde (s. LG. II, 1, 22), fand in diesem Sinne eine Darstellung in dem Hohen Lied des Brun von Schonebecke. 3 Das ist schon deutlich in der Einteilung angezeigt. Das Gedicht (12719 V.) ist in drei „Stücke" geteilt (V. 38. 426. 1054), I und II gehören zusammen und machen die Erzählung des Inhalts aus: Teil I, erster erzählender Teil, V. 62^128, Salomos Weisheit, Schönheit, Reichtum; Teil II, zweiter erzählender Teil, 429-1055, Ankunft der Braut, Hochzeit. — Teil III, 1056-12719 (vgl. 1026 ff. 12543 ff.), auslegender Teil, bringt die Auslegung und ist zehnmal so umfangreich als die beiden erzählenden Teile: I.Abschnitt 1056-6956 (s. V. 6952): Salomo wird auf Gott gedeutet 1153-2004; die Braut auf Maria 2034-6956. IL Abschnitt: der Bräutigam ist Gott, die Braut die Seele 6957-10427 (darin vom Kreuzesbaum 9727 ff.). Zuletzt, im III. Abschnitt, 10428-12557, werden in Ausdeutung der letzten Braut Salomos, Mandragora (Alraun, Mhd. Wb. 2, 53), die den Antichrist 1 Herm. Fischer, Germ. 22, 316-41, 338; Jahrb. 30, 1904, 81-146 (hier mit Abdruck [Die Buße Adams u. Evas]; Ehrismann, Beitr. von kürzeren Gedichten Bruns); Mart. Göbel, 22; Leitzmann, ebda 48, 46 f.; Jan van Dam, Die Bearbeitungen des H. Liedes im 17. Jh., Verfasserlex. 1, 1931, 4-8. — Das Gedicht ist nebst e. Rückblick üb. d. Beschäftigg. mit d. auch in mehreren Hss. von Rudolfs v. Ems H. L. in früheren Jahrhunderten, Leipz. Diss. Weltchronik eingeschaltet (Wackernagel, 1913; Schröder, ZfdA. 60, 151; Burdach, LG. I 2 , 199 Anm. 5); Vilmar, Die zwei Rezen- Br. v. Seh. Hohes L. u. bildende Kunst, Vor- sionen S. 30-32 (s. ob. Rud. v. Ems). spiel 1, 1, 78; Golther, Parz. u. der Gral in 2 Hgb. Hans Vollmer, Progr. Hamburg d. Dichtg des MA.su. d. Neuzeit, 1925,259 ff.; 1908, dazu Strauch, DLz. 1908, 2847 f., R. Plenzat, Die Theophiluslegende in d. Helm, Lbl. 1910 Sp. 6 f. — Zum Adambuch Dichtungen des MA.s, 1926, 45 ff.; Ludw. s. auch Max Förster, Adams Erschaffung u. Wolff, Das Magdeburger Gralfest Bruns Namengebung, Arch. f. Religionswissensch. v. Seh., Nd. ZfVolksk.5, 1927, 202ff.; Schrö- 11, 1908, 477-529. der, Nd. Korrbl.42, 1928/29 S.4f.; Ludw. 3 Hgb. Arwed Fischer, Lit.Ver. 198, 1893. Wolff, Stammlers Verfasserlex. 1, 296-303 — Abhandl.: Roethe, ADB. 33, 1892, 484 f. (mit Lit.). — Stellen: Bech, ZfdA. 40, 63-101; u. Reimvorreden S. 37; Arw. Fischer, Das Leitzmann, ebda 53, 61-69. — 1 Hs.; 2 zu- Hohe Lied des Brun v.Schonebeck, Germa- sammengehörende Bruchst.: Fischer, Ausg. nist. Abhandl. VI, 1886, dazu Schröder, S. XX-XXIV u. Germ. Abhandl. S.8-17; DLz. 1887, 163-65, Cbl. 1886, 1363; Behag- Bartsch, Quellenkunde S. 168 ff. 386; W. hel, Lbl. 1887, 7f.; Wolter, D. hohe Lied Norlind, Neu aufgefundene Bruchstücke des des Br. v. Seh., Geschichtsblätter f. Stadt u. „Ave Maria" Bruns v. Schonebeck, Nd. Jb. Land Magdeburg, 1892; Fritz Breucker, Ge- 53, 59-87; Jellinghaus, Gesch. d. mnd. Lit. dichte Bruns v. Seh., Berl. Diss. 1904 u. Nd. 3. Aufl. S. 10. Biblische Dichtung 359 bezeichnet (10654), dieser, das jüngste Gericht und die letzten Dinge erörtert. Von 12458 bis zum Schluß 12719 folgen persönliche Bemerkungen und Gebet. — Im Mittelpunkt des auslegenden Teils steht das mystische Motiv von Gott und der mannenden Seele, in dem die ganze christliche Lehre als Heilsweg (s. bes. die fünfzehn Grade des Aufstiegs zum himmlischen Jerusalem, der Seligkeit, V. 12125-12406) begründet ist. Eingeschaltet sind wissenschaftliche Exkurse: von den sieben Planeten (1406-67), von den zwölf Edelsteinen (1382-1819), von den fünf Fingern (3715-62), wie denn der Dichter gern mit seinem Wissen hervortritt, auch das klassische Altertum herbeizieht und den Text mit lateinischen Prosasätzen ausstattet. Er hat es auf Belehrung abgesehen, darum ist der stilistische Ausdruck meist nüchtern, redselig und weitschweifig. Noch am Schluß hält er eine belehrende Rede über das Schlußwort „Amen" 12634-709. Brun von Schonebecke nennt seinen Namen in der Einleitung V. 31; die „rede 11 (den Inhalt seines Werkes) hat ihm Heinrich von Huxere (Höxter), Prediger und Lesemeister in Magdeburg (V. 12458) gegeben, 1 zu Ende gekommen ist er 1276 (V. 12533). Über die Person des Dichters berichtet die Magdeburger Schöppenchronik (14. Jahrhundert) 2 zu den Jahren 1280-83: er war Konstabel, einer jener Bürger aus angesehenen Familien, die die öffentlichen Schauspiele zu leiten hatten. Auf Bitten seiner Genossen machte er einen „Gral" (ein ritterliches Festspiel mit Tanz und Turnier) und sandte höfische Briefe an niederdeutsche Städte, in denen die Kaufleute, die Ritterschaft üben wollten, eingeladen wurden. Er war ein gelehrter Mann und machte viele gute Gedichte, wie Can- tica canticorum (also unser Hohes Lied), ein Ave Maria und andere. Außer dem Hohen Lied hat Brun noch ein großes Werk, Ave Maria, 3 verfaßt, das in einem ziemlich umfassenden Bruchstück noch erhalten ist und wozu auch Fragmente einer Theophilus-Legende und einer geistlichen Dichtung Van der almissen (Almosen, 216 Verse) gehören. Nur bruchstückweise sind kürzere geistliche Gedichte erhalten: über die Minne (137 V.), Messe (116 Verse), Seligpreisungen (551 V.), Leib und Seele (145 V.). Einige ganz kurze Stücke haben teils geistlichen, teils weltlichen Inhalt. 4 Das Gesamturteil über den Dichter und sein Werk kann nicht günstig lauten ; er hat keine poetische Begabung, die Vortragsweise ist kunstlos und langweilig, doch bricht an einzelnen Stellen warme Empfindung durch. Versbau und Reim handhabt er ungeschickt, ohne Sinn für Form. 5 1 Eine einheitliche lateinische Vorlage hat Wolff, D. Magdeburger Gralfest aaO. der Dichter nicht gehabt, er hat aus verschie- 3 A. Bauers, Zur Frage nach d. Quellen der denen theologischen Quellen geschöpft, Fi- „Ave Maria" Bruns v. Schönebeck, Nd. Korr- scher, Germ. Abh. S. 95-99. bl. 45, 1932, H. 1/2, Festschr. Borchling. 2 Abgedruckt:v.d.HAGENsGerm.4,121f.;Fi- 4 Fischer, Ausg. 8-10. 381-87; Breucker, scher, Ausg. S. VII u. Germ. Abh. aaO. S. 1; Nd. Jahrb. aaO.; Nordlind aaO.; Plenzat Stammler, Mnd. Leseb., 1921, 25 u. Anm. aaO. S. 135. — Über den „Gral", Gralspiel s. Gol- 5 Sprache: Fischer, Ausg. S. XXIV-LV u. ther, Parzival u. der Gral, 1925, 259-66; L. Germ. Abhandl. aaO. S. 17-67; Roethe, 360 Die geistliche Dichtung des 13. Jahrhunderts Bruchstücke eines umfangreichen Gedichtes des 14. Jahrhunderts, worin Beziehungen zum Alten und zum Neuen Testament vorkommen, sind herausgegeben von Schröder, ZfdA.69, 300 f. Das Leben Jesu und der Jungfrau Maria Die gesamte Heilsgeschichte vom Sündenfall bis zum jüngsten Gericht ist zusammengefaßt in dem Gedichte „Die Erlösung". 1 Inhalt: Prolog Vers 1-104. — V. 105-348: Durch den Sündenfall haben die Menschen Gottes Zorn verschuldet. 349-504: Gott sitzt zu Gericht auf seinem Thron, dessen Pracht beschrieben wird, umgeben von den himmlischen Heerscharen, um zu beraten, was der Mensch für seine Missetat leiden soll. 505-1156: Da treten die Töchter Gottes, Barmherzigkeit und Friede, für den Menschen ein; Wahrheit und Gerechtigkeit sprechen dagegen. 2 Der Streit wird endgültig geschlichtet dadurch, daß der Sohn aus Liebe Mensch werden und für den Menschen leiden will. Gott entsendet Boten in alle Länder, daß ein Erlöser kommen werde. 1157-2389: Folgen die Patriarchen und Propheten, die Christus weissagten. 2390-2477. Dann beginnt das Neue Testament: Zacharias und Elisabeth, Preis der Gottesmutter, Verkündigung des Engels, Geburt des Johannes, Zacharias' Lobgesang, die Geburt Jesu (2897), die drei Könige, Flucht nach Ägypten und Rückkehr, der zwölfjährige Jesus, Taufe im Jordan. 2478-5613. Die weitere Geschichte Jesu wird nur kurz berichtet; der Schwerpunkt wird auf die Erlösungstat gelegt: Christi Leiden, Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt. 5614-5811: Marien Himmelfahrt. Den Schluß 5812-6567 machen die letzten Dinge: der Antichrist, die fünfzehn Zeichen Reimvorreden des Sachsenspiegels S.27. 33. -37. 6, 223; C. Schmidt aaO.; Leitzmann, 87; Leitzmann, ZfdA. 53,62 f. Beitr. 38, 542-47 (zu Elisab. u. Erlös.); Mau- Stil: Fischer,. Germ. Abhandl. S. 67-78. Be- rer, Überlieferung u. Textkrit. der Erlösung, einflußt ist Brun von Wolfram, aus dessen ZfdA. 68, 196-214; Ders., Stammlers Verf.lex. Parz. u. Willeh. er viele Stellen wörtlich aus- 1, 582-85; — 6 Hss., 1 Bruchst.: Maurer, geschrieben hat, Fischer Ausg. S. XIX; Überlieferung u. Textkrit. aaO. (vollständ. Breucker, Diss. S. 44-48 u. Nd. Jahrb. aaO. Aufzählung u. textkrit. Bewertung). S. 124-28; Leitzmann S. 63-66. Metrik: Fi- 2 Der Stoff war beliebt. Ein thüringisches scher, Ausg. S. LV-LVII u. Germ. Abhandl. Gedicht, zweite Hälfte 13. Jh., 485 V., ist hgb. S. 78-88. von Bartsch, Erlösung S. VIII-XXI. Auch 1 Ausg.: K. Bartsch, 1858; Friedrich in einem mittelfränk. Gedicht von der Minne Maurer, 1932; älterer Auszug: Massmann, Jesu, das dessen Leben erzählt (923 V.) und ZfdA. 2, 130-58. — Abhandl.: Bartsch, Der am Schluß die Mynnenrede genannt ist, Dichter der Erlösung, Germ. 7, 1-43; Zwier- hgb. von Heinzel, ZfdA. 17, 1-43 mit einem zina, ZfdA.44, 1 ff. 345 ff. 45, 19 ff.; Carl „Excurs üb. den Mythus von den vierTöch- Schmidt, Stud. z. Textkritik der Erlösung, tern Gottes" S. 43-51; s. hierzu Scherer, Marburg. Diss. 1911; Leitzmann, Elisabeth ZfdA. 21, 414-16; ein lat. Gedicht „Scheirer u. Erlösung, Marburg Diss. 1911; Leitzmann, Rhythmus der Erlösung" hgb. von Aug. Elisabeth u. Erlösung, Beitr. 38, 529-47. 43, Hartmann, ZfdA. 23, 173-89, beginnt mit 28; Sievers, ebda 54, 308-12; Fr. Maurer, den 4 Töchtern; s. auch Carl Klinke, D. Üb. Gleichsetzung der Verfasser bei anonymen volkstüml. Paradiesspiel, Germ. Abh. 19, ad. Dichtungen u. die Einheit von Erlösung 1902, 3 f.; Matthaei, Das „weltliche Klöster- und Elisabeth, ZfdPh. 56, 146-83; Erich lein"... 1907 (s. unten unter Allegorien); Klibansky, Gerichtsszene u. Prozeßform, Strothmann, Die Gerichtsverhandlg. als lit. 1925, 30 f.; Georg-Karl Bauer, Erlösung u. Motiv, 1930, 45-58 u. 58-69. — Die Quelle Elisab., Würzbg. Diss. 1929; Schröder, Gott, des Streites der 4 Personifikationen ist Ps. 84, Nachr. 1931, 12 f. — Textkritik u. Stellen: 11. Bartsch, Germ. 7, 38^3; Bech, ebda 3, 328 Das Leben Jesu und der Jungfrau Maria 361 des jüngsten Tages, das jüngste Gericht. Epilog; insgesamt 6593 Verse. Den Namen „Erlösung" hat Bartsch dem Gedichte gegeben (Ausg. S. II). Als Quellen benutzte der Dichter die Bibel, die Historia scholastica des Petrus Comestor, Ev. Nicodemi und Ev. Pseudomatthaeus. Die Heimat des Gedichtes ist, aus der Mundart zu schließen, Hessen. Viel umstritten ist die Verfasserfrage. Früher hat man im Anschluß an Bartsch angenommen, die Erlösung und das Gedicht von der heiligen Elisabeth (ed. Rieger) seien das Werk ein und desselben Dichters. In der Tat bestehen starke Übereinstimmungen. Nach den neuesten Untersuchungen von Maurer werden aber doch wohl zwei verschiedene Verfasser anzunehmen sein. 1 Da die heilige Elisabeth nach 1277 entstanden ist (s. unten Elisabeth bei „Legendenromane") und zeitlich wohl vor die Erlösung fällt, so wäre die Entstehungszeit des letzteren Werkes in die ersten zwanzig Jahre des 14. Jahrhunderts zu setzen (Maurer, ZfdPh. 56, 183). Der Dichter war ein Geistlicher, ein kenntnisreicher Mann, auch in der weltlichen Literatur belesen (vgl. Vers 6506 ff.); er bezieht sich auf den Gral, Iwein, Parzival, Tristan und ist von Gotfrid stilistisch beeinflußt. 2 Er hat den Aufbau seines groß angelegten Werkes selbständig mit Auswahl und dogmatischen Erörterungen geordnet. Im Anfang des 14. Jahrhunderts wurde die Erlösung zu einem We ihn ach ts- spiel bearbeitet, von dem aber nur ein Bruchstück erhalten ist. 3 Der Blütezeit der höfischen Dichtung gehört Konrad von Fussesbrun- nen, der Dichter der Kindheit Jesu, 4 an. Beheimatet in der Gegend von 1 Zwei verschiedene Verfasser: C. Schmidt, Leitzmann, Bauer, Maurer; die Frage ist in bezug auf die verschiedenen Ansichten eingehend behandelt von Maurer, Über Gleichsetzung aaO. — Für Einheit: Bartsch, Rieger, Ausg. der Elisabeth, Zwierzina, Sievers, Bauer, Schröder. Zur gleichen Literaturgruppe wie Erlösung und Elisabeth gehört das Gedicht von Marien Himmelfahrt der Gießener Hs. (s. unten) Schröder, Gott. Nachr. 1931, 12 ff. 2 Sprache: Bartsch, Ausg. S. XX f., Germ. 7,2ff.; Zwierzina, Anz.26, Reg. S.347. 27, Reg. S.343; Krauss, Dt. Gedichte des 11. 12. Jhs. S. 148; Leitzmann, Beitr. 38, 529 ff.; Maurer, ZfdPh. 56, 167-80. — Metrik: Bartsch, Germ. 7, 9 ff.; Maurer aaO. S. 173 f. — Zum Stil sind Beispiele von „ge- blümet rede" (V. 85) zu bemerken und Vierreime (im Prolog). — H. Lichtenberg, D.Architekturdarstellungen in d. mhd. Dichtg., 1931, 24-26. 3 Bartsch, Germ. 7,35 f.; Mone, Ad. Schauspiele S. 12; Koberstein 1 5 ,385 f. u. Anm.24. 25. 4 Ausg. K. Kochendörfer, Die Kindheit Jesu, QF.43, 1881 (nach allen Hss.), dazu Strauch, Anz. 8, 217-22, Schönbach, DLz. 1882, 605, Cbl. 1882, 1593, s. Schönbach, ZfdA. 27, 65-70; Hahn, Gedichte d. 12. u. 13. Jhs., 1840, S. 67-102 (Hs. B); Jul. Fei- falik, 1859 (Hs. A), dazu Bartsch, Germ.5, 247-56; Emil öhmann, Zur Kindheit Jesu Konrads v. F., Annales Universitatis Aboen- sis Ser. B. Tom. VIII, 1929 (Ausg. von Bruch- st. L), dazu Schröder, Anz. 48, 124-26 u. s. ZfdA. 66,141-47, Ehrismann, Lbl. 1930,4. — Abhandl. Öhmann, Reinbots Heil. Georg u. d. Kindh. Jesu, ZfdA. 68, 270-73. — Heimat: Pfeiffer, ZfdA. 8,160 f.; Diemer, Wien, SB. 18, 1856, 260-69 = Diemer, Kleine Beitr. 3, 66; M.A.Becker, Blätter d. Ver. f. Landeskde. von Niederösterreich 1886, dazu Kochen- dörffer, Anz. 13, 299f.; Leitzmann, ZfdA. 67, 169-73; Schröder, ebda S. 174-76. — Stand: Kluckhohn, ZfdA. 52, 162. — Verfasserfrage: Aug. Gompert, De tribus car- minibus theotiscis, Diss. Halle 1861, dazu Bartsch, K. v. Fussesbrunnen u. K. v. Heimesfurt, Germ. 8, 307-30; Kochendörffer, Ausg. S. 2. — 3 Hss. u. 9 Bruchst.: Kochendörffer, Ausg. S.4-25. 56-58; Feifalik S.6f.; öhmann S.5; Gompert, De tribus carm. aaO. u. Progr., Königsberg in d. Neumark, 1866; Schröder, ZfdA. 48, 125. — Bruchst.: Leyser, Anz. f. Kunde d. dt. MA.s II, 1833, 96 ff.; Mones Anz. 8, 1839,200-203; Haupt, ZfdA.3,304-8;BARTSCH,Germ.24,200; 362 Die geistliche Dichtung des 13. Jahrhunderts Krems in Niederösterreich (urkundlich genannt zwischen 1182 und 1186), schuf er sein Werk vor 1210, nach Hartmann von Aue, von dessen höfischer Kunst er beeinflußt ist. Er war kein Geistlicher, wie aus der Haltung seines Prologs hervorgeht; seinen Namen nennt er am Schluß V. 3023. Rudolf v. Ems 1 gedenkt Des von Vuozesbrunnen in seinem literarischen Katalog des Willehalm zwischen dem Dichter Absolon (siehe oben) und Konrad Flecke (Junk, Ausg. von Rudolfs Willehalm von Orlens V. 2215-18). 1 Zahl der V.3031 (Kochendörffer); Hahn (Hs. B) 3016 V.; Feifalik (Hs. A) 1838 V.; Donaueschinger Hs. 3048 V.; Öhmann, Bruchst. 1143 V. Seiner Quelle, dem apokryphen Evangelium Pseudo-Matthaei, folgt der Dichter ziemlich genau. 2 In der früheren deutschen Literatur ist dasselbe bekannt durch die Drei Lieder von der Jungfrau vom Priester Wernher, der ebenfalls nach dieser Vorlage arbeitete (s. LG. II, 1, 217-224), und vielleicht kannte Konrad v. Fussesbrunnen das Gedicht Wernhers. 3 Inhalt: V. 1-90 Prolog; zuerst religiös, dann spielt der Dichter bedauernd auf seine früheren weltlichen Verse an. Teil I, 139-1315, bis zur Flucht nach Ägypten, wird eingeleitet durch den Hinweis auf ein Lied des „Meister Heinrich" über Anna, die Mutter der Maria und über deren Jugend, V. 91-138. V. 139-692: Vermählung Marias und Josephs; die Botschaft des Engels; Zacharias und Elisabeth; die Heimsuchung; Argwohn der Juden; ihre Gehässigkeit; die Aufklärung des Wunders der Magdgeburt; die Geburt des Kindes in Bethlehem; nach zwei Jahren kommen die drei Könige; die Flucht nach Ägypten. — Teil II, 1316 bis Schluß: In Ägypten und Nazareth; die Mühsale auf der Flucht; das Kind gebietet dem Baume, sich zu neigen, so daß sie sein Obst brechen können (V.1450). Die Räuberepisode, V. 1503-1924: die Flüchtlinge geraten in die Hände von Räubern; aber den einen erbarmen das schöne Kind und die Eltern, er nimmt sie in sein Haus auf; er und sein Weib sorgen rührend für sie, am nächsten Tage bringt er sie auf den rechten Weg. Der Sturz der Götzenbilder, V. 1955-2067: als sie in den Heidentempel der Hauptstadt treten, fallen die 350 Abgötter auf den Boden und brechen in Keinz, ebda 25, 194-98. — Donaueschinger mann S. 33-46. Auch die Vita beatae Virginis Hs.: Hahn S. 136-46, Pfeiffer, ZfdA. 8 et Salvatoris rhythmica (hgb. Vögtlin, Lit. 156, Junk, Rud v. Ems Willen., Ausg. S. Ver. Nr. 180) hat Konrad gekannt: Singer, XVIII ff.; Scheel, Festg. Weinhold 1896, 41 Prager dt. Stud. 8, 303 f.; Max Päpke, Das (Berl. Blatt); Schröder, Anz. 41, 94 (Ka- Marienleben des Schweizer Wernher, Pal. 181, loczaer Bruchstücke). — Textkritik, Stellen: 175ff.; Ders., Ausg. des Schweizer Wernher Bartsch, Germ. 8, 320-30; Schönbach, (s. unten) S. V; Öhmann S.33f.; Rob. ZfdA. 27, 67-70; Sprenger, Germ. 30, 153 Reinsch, Die Pseudo-Evangelien v. Jesu u. -70, dagegen Kochendörffer, ZfdA. 39,280 Maria's Kindheit in d. roman. u. germ. Lit., -95; Sprenger, Germ. 37, 173; Ders., ZfdPh. 1879. 26, 284. 342-70; Niejahr, Euphorion 5, 444; »Kochendörffer S. 36 ff.; Schönbach, Jellinek u. Kraus ZföG. 44, 1893, 693 f. ZfdA. 27, 65-67; Öhmann, Die Kindheit Jesu u. ö.; Singer, Prager dt. Stud. 8,304; Schrö- Konrads v. F. u. Priester Werners Maria, der, Anz. 48,126. ZfdA. 65, 195-200; Schröder, Anz. 48, 126. 1 Pfeiffer, Freie Forsch. S. 156 f.; Leitz- — K. v. F. und das Anegenge; Öhmann S.37 mann, ZfdPh. 43, 316 f.; Schröder, ZfdA. 67, -40; Schröder, ZfdA. 66, 141-47. — Bezie- 245 f. hungen der Kindheit Jesu zu älteren Dich- 2 Quelle: Kochendörffer S. 26-^41; Öh- tungen: Öhmann S. 33-46. Das Leben Jesu und der Jungfrau Maria 363 Stücke. Rückkehr nach Nazareth, V. 2068-3031 (Schluß). Der Engel verkündet Joseph den Tod des Herodes und fordert ihn zur Heimkehr auf. Episode: Der freundliche Gastwirt wird auf einem Raubzuge schwer verletzt, sein Weib heilt ihn mit dem Schwamm, den sie von dem Bade des Jesuskindes aufbewahrt hatte. Joseph und die Seinen kehren auf dem Heimweg bei ihm ein - und werden köstlich bewirtet. Der Wirt aber war jener Schacher am Kreuze neben Christus, der ihn bat, seiner im Paradiese zu gedenken, V. 2103-2534. Die acht Wundertaten des Jesusknaben: er bringt ein verschnittenes Holz wieder zurecht; er holt seiner Mutter Wasser im Mantel; einen seiner Gespielen, der zu Tod gefallen war, macht er lebendig; er erweckt einen von einer Terrasse zu Tod gefallenen Knaben; er gebietet im Spiel mit anderen Kindern den Fischen, in eine von ihm gegrabene Furche zu gehen; er kommt in eine Löwenhöhle und spielt mit den Löwen; im Spiele mit seinen Kameraden macht er Vögel aus Lehm und läßt sie fliegen; Jesus in der Schule. Konrad von Fußesbrunnen ist geschult an der höfischen Kunst, 1 besonders Hartmann von Aue (Erec, Gregorius) ist sein Vorbild in der Ausdrucksweise und in der metrischen Behandlung. 1 Er ist der erste österreichische Dichter, der geistliche Epik in höfischer Sprache vorgetragen hat. Ist er auch im Stoffe nicht originell, so hat er doch denselben zu einem wohlgegliederten Ganzen zusammengefaßt, und einzelnes ist sehr ansprechend erzählt, so die anschauliche und lebendige Schilderung des Anwesens und Gartens bei dem guten Schacher, der Verkehr des Jesusknaben mit seinen Gespielen, in deren Kreis er seine Wunder vollbringt. 2 Auch in der folgenden Literatur hat das Gedicht Nachwirkungen hinterlassen: bei Konrad von Heimesfurt, in Rudolfs v. Ems Barlaam und Willehalm, in Reinbots heiligem Georg, imPassional, in Bruder Philipps Marienleben. 3 Der gleichen Richtung wie Konrad von Fußesbrunnen, geistlichen Stoff in die zu der Zeit herrschende höfische Ausdrucksweise zu bringen, folgt der Geistliche Konrad von Heimesfurt in seinen beiden Epen Die Himmelfahrt Maria und Die Urstende. 4 Der Dichter gibt seine Namen an in der Himmelfahrt V. 20 f.: ich armer pfqffe Kuonrdt geborn von Heimesfürte ; in der Urstende ist sein Name in einem Akrostichon der Abschnittsinitialen versteckt: Curat Jon Heimesvurt hat diz buch gemachet des raten unde turt guten samen swachet. amen. 5 Heimesfurt ist das 1 Stil: Kochendörffer S. 42-51; Öhmann bots heil. Georg u. die Kindh. Jesu, ZfdA. 68, S.40ff.; Schröder, ZfdA. 66, 141 f., 67, 176. 270—73. — Sprache (Mundart): Zwierzina, Anz. 26 * Steinmeyer, ADB. 11,1880,331 f.; Piper, Reg. S.348f. 27, Reg. S.345; Leitzmann, Geistl. Dichtg. 1, 266-74; Gompert aaO. — ZfdA. 67, 169-73; Schröder, ebda S. 174-76; Verfasserfrage: Pfeiffer, ZfdA. 8, 158 f.; Öhmann S. 26-33. Sprenger, Die Legende vom Judenknaben, 2 Urteil über den Dichter: Kochendörffer Germ. 27,129-44, dagegen Steinmeyer, Ist S. 42-56, bes. S. 56. K. v. H. der Verfasser des Jüdel? ZfdA. 27, 3 Bartsch, Die Kindh. Jesu in dem Pas- 83-88. sional, Germ. 5, 432-44; Schröder, Anz. 46, 5 Akrostichon: Wülckeru. Bartsch, Germ. 96. — Konr. v. Fussesbr. und Konr. v. Heimes- 15, 157-61; Singer, Prager dt. Stud. 8, 304 f. fürt: Schröder, ZfdA. 67, 176;Öhmann, Rein- 364 Die geistliche Dichtung des 13. Jahrhunderts heutige Hainsfarth bei Oettingen, bayerischer Kreis Schwaben. Urkundlich 1 belegt als Laienzeuge ist ein Chünrat de Heimesfurt mehrmals 1198-1212; dies kann unser Dichter sein, der dann nach 1212 in den geistlichen Stand getreten wäre. Eingereiht ist er auch von Rudolf v. Ems in das Dichterverzeichnis im Alexander, Einleitung zu Buch II. 2 Die Abfassungszeit der Himmelfahrt wird um das Jahr 1225,' die der Urstende um 1230 fallen. 3 Die Himmelfahrt Maria, 4 Von unser vrouwen hinvart (V. 64). Inhalt: Zwei Jahre nach dem Tode Jesu stirbt Maria zu Jerusalem, wie ihr der Engel Gabriel verkündigt hatte (V. 181), umgeben von den zwölf Aposteln (317), die sie zu Grabe tragen (508); Christus erscheint an der Bahre (793), erweckt die Tote (882) und beide fahren vereint gen Himmel (937). Als die zwölf Apostel sich trennen wollen, kommt Thomas herangelaufen: Gott hat ihm das Glück beschert zu sehen, wie die himmlische Heerschar die Königin empfing und sie ihm ihren Gürtel zufallen ließ (980); Schlußwort (1109); 1130 V. Die Quelle 5 ist ein griechisches Werk des Bischofs Melito von Sardes (spätestens 4. Jahrhundert?), ins Lateinische übersetzt: De transitu Mariae virginis; den Bischof „Milto von Sardania" nennt Konrad selbst als Urheber V. 77-118. Die Urstende 6 erzählt Christi Leidensgeschichte, Kreuzigung, Höllenfahrt, Auferstehung (urstende), das Eingreifen Josephs von Arimathia und des Nicodemus, die Zeugnisse der Söhne Simeons, Leoncius und Karicius, die tot waren und wieder lebten (2162 V.). Quelle 7 ist das Evangelium Nicodemi, wobei lehrhafte und moralische Erörterungen eingeflochten sind. Den tiefsten Ausdruck für die von ihm hochgehaltene ritterliche Kultur seiner Zeit hat Konrad in seinem ethischen Bekenntnis gefunden (Himmelfahrt V. 909 ff.): Gott und der Welt wert sein, Gottes Huld behalten und der Welt Lob nicht lassen, das ist ritterlicher Humanismus, wie er in der höfischen Dichtung Formel geworden ist; so faßt besonders Wolfram den Sinn und Wert des Lebens zusammen am Schluß seines Parzivals (827,19 ff.): seine Seele bewahren und der Welt Huld behalten. 8 1 Haupt, ZfdA. 15, 468 Nr. 56; Ludw. schrift u. Auszug im Jahrb. d. philos. Fakult. Steinberger, Münch. Mus. 4, 1924, 99 f. Schröder, ZfdA. 67, 232 f. 2 Leitzmann, ZfdPh. 43,314 f.; Junk, Beitr 29, 424 u. Rudolf Alexander, Ausg. Einl zu Buch II. 8 MSH. 4, 866; Pfeiffer, ZfdA. 8, 158 1921, 2, 149; Alban Stöckli, ZfdA. 65, 177 -88. — Textkritik: Jellinek u. Kraus, ZföG.44, 1893, 691 f.; Singer, Prager dt. Stud. 8, 304-6; Leitzmann, ZfdA. 67, 273-81. 6 Franz Kramm, Üb. Konrads v. Heimesf. Sprache u. Verskunst. Seine „Himmelfahrt Gompert S.34; Bartsch, Germ. 8, 327. Mariae" im Verhältnis zu ihrer Quelle, Diss. 4 Ausg. Pfeiffer, ZfdA. 8, 156-200. — Freiburg i. B. 1882 (S. 66-80), s. dazu E. F. 3 Hss.: Pfeiffer, Ausg. S. 156 f.; Schön- Kossmann aaO. S. 219 f.; Stöckli aaO. bach, ZfdA. 17, 519 ff. (Grazer Hs.); Stein- S. 180. meyer, ebda 18, 743 Anm. (Berlin. Hs.); 6 Ausg.: Hahn, Ged. d. XII. u. XIII. Jhs., Junk, Ausg. von Rudolfs v. Ems Willehalm 1840, 103-28; Erich Klibansky, Gerichts- S. XVIII ff. (Donauesch. Hs.). Bruchstücke: szeneu.Prozeßform, 1925,9-16. — Textkritik: Schönbach, ZfdA. 18,143 f.; v. Grienberger, Bartsch, Germ. 8, 328; Sprenger, ebda Germ. 31, 93-96; v. Kraus, ZfdA. 55,296-98; S. 85-88; Leitzmann, ZfdA. 67, 281 f. E. F. Kossmann, Frankfurter Bücherfreund 7 R. Wülcker, D. Ev. Nicodemi, 1872; Lit. 12, 1919, 217-20; Lotte Kunze, Stud. zu s. Piper, Geistl. Dichtg. 1, 268 f. Konr. v. Heimesf., Gott. Diss. 1921, Masch.- 8 ZfdA. 56, 175 f. 201 f. Das Leben Jesu und der Jungfrau Maria 365 Hinsichtlich der Kunst des Verfassers ist ein Fortschritt im zweiten Gedicht zu bemerken. Die Himmelfahrt gibt Gelegenheit zu poetisch warmen Stellen, die Urstende ist mehr dogmatisch. Für den Stil sind ihm Muster: Hartmann, Gotfrid und Konrad von Fußesbrunnen. 1 Sein Wortschatz ist nicht eben groß, das zeigt sich auch in den Reimen, bei denen die gleichen Bindungen öfter wiederkehren. Beide Gedichte sind mit Reimhäufung geschlossen. In der Himmelfahrt fand die Verehrung der heiligen Jungfrau die höchste Weihe, und so sind noch mehrere Gedichte Mariae Himmelfahrt gewidmet. 2 Eine rheinfränkische Fassung 3 aus der Gegend von Mainz, später als Konrads von Heimesfurt Werk, beginnt mit einer kurzen Aufrollung der sechs Weltalter, um dann auf David zu kommen, aus dessen Geschlecht Maria stammte. Rasch schreitet die Erzählung vorwärts: Geburt Jesu (V. 127), Mariens Klage am Kreuz (V. 231); der Engel Gabriel erscheint und verkündet ihr ihren Tod (V. 557), die weiteren Ereignisse bis zur Himmelfahrt gleichen denen von Konrads von Heimesfurt Gedicht (1844 V.). Die Darstellung ist warm und gemütvoll. Ein ostmitteldeutsches „Büchlein von der Himmelfahrt Mariae" 4 vom Ende des 13. Jahrhunderts geht, wie Konrads von Heimesfurt Gedicht, von dem apokryphen Liber de transitu Mariae aus (586 V.). Die Darstellung ist nicht ohne poetischen Wert, die Form zum Teil Prosa, die zweite Hälfte gereimt. Mittelniederdeutsche Gedichte (15. Jahrhundert) über Marien Himmelfahrt: 5 in der Sammlung geistlicher Dichtungen „Hartebok" (Ph. Wackernagel, Das deutsche Kirchenlied 2, 309 ff.); „Van der himmelvart unser leven vrouwen, wo se in den overtsen tron quam" (herausgegeben im Auszug von Hoffmann v. Fallersleben, Germ. 15, 369-74); Marienleben in einer Königsberger Handschrift (ZfdA. 13, 524). In den weitesten Rahmen stellt Gundacker von Judenburg das Leben Christi in seiner Erlösungsgeschichte „Christi Hort". 6 Das Gedicht (5320 V.) beginnt mit der Weltschöpfung (V. 1) und dem Sünden- 1 de Boor, Festschr. Ehrismann 1925, 144; 453-65. Leitzmann, ZfdA. 67, 280 — Sprach-, Laut- 4 Breslauer Hs., hgb. Klapper, ZfdA. 50, u. Formenlehre: Kramm aaO., Dialekt: Zwi er- 172-82 (daselbst sind S. 172 alle Gedichte und zina, Anz. 26 Reg. S. 350. 27 Reg. S. 346. Gedichtteile verzeichnet, die die Himmelfahrt 2 Lit. s. Klapper, ZfdA. 50,173. Mariae zum Gegenstand haben). 3 Hs. Gießen. — Hgb. Weigand, ZfdA. 5, 5 Jellinghaus, Pauls Grundr. II 2 , 367. 515-64. — Bartsch, Erlösung S.XXII-XXIV 6 Ausg.: J. Jaksche, Gundackers v. Juden- u. Germ. 7,1; Zwierzina, ZfdA. 45, 22 f.; bürg Christi Hort, Dt. Texte des MA.s Bd. 18, Schröder, Die Gießener Hs.876 und die 1910, dazu Junk, Anz. 35,140^2, Wallner, rheinfränk. Himmelfahrt Mariae", Gott. DLz. 1910, 3107 f. — Pfeiffer, Ad. Übungs- Nachr. 1931 S. 1 ff., bes. S. 12-20. — Siehe buch S.73-90; Schönbach, Anz. 2, 204-06; auch F. Normann, Notes on a mhg. „Marien Kurt Stübiger, Untersuch, zu G. v. J., 1922, Himmelfahrt", Mod. Lang. Rev. 23, 1928, dazu Schröder, Anz. 42, 81; Erich Kli- 366 Die geistliche Dichtung des 13. Jahrhunderts fall (157). Die Minne nötigte Gott, der Menschheit Heilung zu gewähren, da nahm er menschliche Form an; Maria und die Verkündigung Gabriels (269); weiter die Geschichte Jesu nach den Evangelien. Mit 3106, „von Nichodemo", setzt das Ev. Nicodemi ein; den Schluß macht die vereinigte Pilatus-Veronica-Legende (4045). — Der Dichter, der sich nach der Stadt Judenburg in Steiermark benennt (V. 188 f.), ist weiter nicht bekannt. Um der Erzählung einen besonderen Nachdruck zu verleihen, gibt er dem Vortrag eine persönliche Note, was diesen aber unnötig schleppend macht und den unmittelbaren Eindruck der Erhabenheit des Evangeliums abschwächt. Ganz den Evangelien folgend erzählt Johannes von Frankenstein 1 in seinem Kreuziger (11475 V.) die Leidensgeschichte Christi, di mere von der marter Jesu Crist. Johannes stammte aus Frankenstein in Schlesien (über seine Person: V. 11442 ff.), gehörte dem Johanniterorden an und wurde in das Ordenshaus zu Wien gesendet, wo er auf Bitten seines Ordensbruders Seidel (des hüses schqffere, Schaffner, Verwalter) den Crüzigere (Kreuzträger) im Jahr 1300 schrieb. Es ist eine Übersetzung und Erklärung des Bibeltextes, ohne Selbständigkeit, aber mit warmem Gefühl für die Leiden des Erlösers. Der Stil ist, entsprechend den beiden Auffassungsweisen, der rein erzählenden und der dogmatisch-erklärenden, zum Teil einfach berichtend, zum Teil stilisiert und gekünstelt. Die Quelle, noch nicht nachgewiesen, war ein gelehrt theologisches lateinisches Werk ohne poetischen Zweck. Der Dichter jedoch kannte auch die mittelhochdeutsche Profanliteratur, Wolfram, Ulrich v. d. Türlin, den Jüngern Titurel, Konrad v. Würzburg. Die spärlichen Nachrichten, welche die Evangelien über Judaslscharioth bringen, wurden im Mittelalter durch einzelne Züge bereichert, aber auch zuweilen zu einer ganzen Lebensgeschichte des verhaßten Verräters erweitert. 2 Sehr bekannt war die Pilatuslegende, wie ihr Vorkommen in lateinischer, französischer, englischer, holländischer und deutscher Sprache und die in vielen mittelhochdeutschen Dichtungen und Prosaschriften vorkommenden bansky, Gerichtsszene u. Prozeßform, 1925, d. Joh.v. Fr., Progr. Graz 1880, dazu Strauch 23-27; Wesle, Stammler, Verfasserlex. 2, Anz. 7,95, Roediger, DLZ. 1880, 371. — 108 f.; Stellen: Leitzmann, Beitr. 43, 540- 1 Hs.: Khull, Üb. d. Sprache S. 3 u. Ausg.; 44. — Hs. Wien, Jaksche S. Vff.; Bruch- Piper, Geistl. Dichtg. 2,136 Anm. ; Strauch, stücke: Mencik (Schröder), ZfdA. 50, 386 Anz. 7, 95; Crüger, Anz. 10, 277 f. -89; Helm, Beitr. 35, 329 ff. 2 W. Creizenach, Judas Ischarioth in Le- 1 Ausg.: Ferd. Khull, Lit.Ver. Nr. 160, gende und Sage des MA.s, Beitr. 2, 177-207; 1882. — Abhandl.: Seemüller in Gesch. d. Anton Büchner, Judas Isch. in d. dt. Dichtg. Stadt Wien III. Bd. 1. Hälfte, 1907, S.7; vom MA. bis zur Gegenwart, 1920; Paul Zwiesemer, Die Lit. d. deutschen Ordens in Lehmann, Jud. Isch. in der lat. Legenden- Preußen, 1928, 38. — Baesecke, Wiener Os- Überlieferung des MA.s, Studi Medievali, wald (s. LG. II, 1 S. 337) S. XCI, dazu Keim, Nuova Serie 2, 1929, 289-346; Alfred Hein- Anz.36, 245; Naumann, Ausg. von Landgraf rich, Johannes Rothes Passion, 1926, darin Ludwigs Kreuzfahrt (siehe oben) S. 195. — Vita Pilati u. Vita Judae traditoris. Mundart (schlesisch): Khull, Üb. d. Sprache Das Leben Jesu und der Jungfrau Maria 367 Motive aus der Pilatussage bezeugen. 1 Weniger verbreitet war die Legende vom Schweißtuch der Veronica. 2 Nur in Bruchstücken erhalten ist eine poetische Bearbeitung des Pseudo- matthäus vom Ende des 12. Jahrhunderts. 3 Ein Bruchstück einer gereimten Passion (Jesus vor Pilatus, 64 V.) fällt ebenfalls an das Ende des 12. Jahrhunderts. 4 Eine besondere Darstellung fand auch die Offenbarung Johannes durch ein Gedicht Von den fünfzehn Zeichen vor dem jüngsten Tage (321 Verse, wohl aus dem Ende des 12. Jahrhunderts). 5 Das markanteste Beispiel für diese eschatologische Dichtung ist ein Gedicht, das die Überschrift trägt: „Ditz ist von dem jungesten tage Da man hoeret jamers klage". 6 Das jüngste Gericht ist verbunden mit dem Streit zwischen Seele und Leib (Visio Philiberti); aus Franziskanerkreisen, bayerisch, um 1270-80 (758 V.). Eine zweite, niederdeutsche, Fassung ist gekürzt (330 V.). Zur Gattung der „Himmelsbriefe" gehört Die vrone Botschaft an die Christenheit: ein Brief Christi über die Sonntagsheiligung kommt auf den Altar S. Petri in Jerusalem herab. Der Verfasser war wohl ein Mönch im Kloster Weihenstephan und schrieb ohne poetisches Talent das Gedicht (890 V.) um die Wende des 12. und 13. Jahrhunderts. 7 Dem Lebensgange der Gottesmutter sind mehrere geistliche epische Dichtungen gewidmet, die Marienleben. Quelle war meist die Vita beatae Mariae virginis et Salvatoris metrica (um 1200), die in vier Bücher zerfällt: Buch I (V. 1-1478): die Eltern der Maria, Joachim und Anna; Maria Geburt; Jugend (Tempeldienst); Vermählung mit Joseph. Buch II (V. 1479-3622): Verkündigung von Jesu Geburt; Flucht nach Ägypten; bis zu Jesu zwölftem Jahre. Buch III (V. 3623-6062): Taufe im Jordan; Christi Wunder; Leiden; Marien Klage. Buch IV (V. 6063-8031): Auferstehung und Himmelfahrt; Maria Tod und Himmelfahrt. 8 Da die „Marienleben" stofflich eng zusammengehören, sollen die des 13. und 14. Jahrhunderts miteinander behandelt werden. iLG.II.lSTf.Cm.LitOiaSf.jfernerGoEDEKE, 6 Pfeiffer, ZfdA. 1, 117-26; Schade, Grundr. I 2 , 469; Hugo v. Kleinmayr, Hand- Creszentia S. 42-52; Nölle, Die 15 Zeichen schriftliches zur Pilatuslegende, ZfdA. 62, vor d. jüngsten Gerichte, Beitr. 6, 413^76; 241-50 (Budapester Bruchstücke eines Pila- LG. II, 1,121. — Lat.: Sommer, ZfdA. 3, tusgedichtes, s. auch JB. 1925 S. 175). 523-30. — Lit.: Piper, Geistl. Dichtg 2, 46 2 Eine Veronikalegende wird Regenboge -49. zugeschrieben, hgb. Euling, Arch. 81, 381- 6 L. A. Willoughby, Von dem jungesten 404, ins Niederdeutsche übersetzt 1490 (Jel- Tage, a middle high germ. poem of the 13. cent. linghaus, Grundr. II 2 , 367). Über die Legende edited, Oxford 1918. von Joseph von Arimathias. LG. 11,2, 248 f. 7 Ausg.: Haupt, Ad. B1.2, 241-64; Rob. u. bes. Zarncke, Beitr. 3,309 f. Priebsch, Diu vrone botschaft ze der chri- 3 Klapper, ZfdA. 50, 167-72. stenheit, 1895, dazu Michels, GgA. 1897, 4 Hgb. Bartsch, Germ. 4,245 f.; Kelle, 744 f., Rosenhagen, ZfdPh. 29, 126-31, Gesch. d. dt. Litt. 2, 153. 356. — Eine pro- Leitzmann, DLz. 1895,1453, Cbl. 1895,1530f., saische Passion: Passie ons heren Jhesu chri- Helm, Lbl. 1896, 258 f., Zwierzina, ZföG. 48, sti, Kölner Druck: P. Norrenberg, Kölnisches 52-57. — Haupt, ZfdA. 4, 580. Literaturleben im ersten Viertel d. 16. Jhs., 8 Hgb. Voegtlin, Lit.Ver. 180, 1888/89; s. 1873, S.4; Prosa, 14. 15. Jh. mittelfränk.: Max Päpke, D. Marienleben des Schweizers Birlinger u. Crecelius, Ad. Neujahrsblätter Wernher (s. unten) S. 8-29. 119-82; Schrö- für 1874 S. 1-52. der, ZfdA. 68 ,243-48. 368 Die geistliche Dichtung des 13. Jahrhunderts Grazer Marienleben 1 in einer Grazer Handschrift, bayerisch-österreichisch, Mitte des 13. Jahrhunderts. Der Text der Handschrift ist uneinheitlich, die benutzte Vorlage war verstümmelt, hatte Lücken und Umstellungen. Quelle ist die oben angeführte Vita beatae Mariae virginis et Salv. metr. Die Metrik ist sehr glatt. 2 Der Dichter hat Erinnerungsstellen an Mai und Beaflor. Der Abfassungszeit nach folgt Das Marienleben Walthers von Rheinau, 3 Ende des 13. Jahrhs, vielleicht auch erst ganz am Anfang des 14. Jahrhunderts anzusetzen. Der Verfasser nennt sich am Schluß (Keller B. IV S.58, 35 ff.): Von Rinouw Waltherus, Von Bremgarten bi der Rius (Reuß) geborn. Er war also der Heimat nach Schweizer aus dem Aargau, von Stand vielleicht ein verarmter Sprößling des Geschlechtes von Rheinau; er mußte durch Schreiben seinen Unterhalt verdienen (Keller aaO.). Das Werk, etwa 15000 V., zerfällt in 4 Bücher. Quelle ist ebenfalls die Vita beatae Mariae virginis et Salv. metrica, 4 der Walther ziemlich genau folgt. Er hat keine originelle Begabung, doch gute theologische Kenntnisse und vermag wirkliche Frömmigkeit anschaulich zur Geltung zu bringen; ohne daß er selbst eigentlich poetischen Schwung besitzt, weiß er, geschult an dem Stil 5 Rudolfs v. Ems und Konrads v. Würzburg, seiner Ausdrucksweise eine gefälligere Form zu verleihen, als er in seiner Quelle gefunden hat; beeinflußt ist er auch vom Passional und anderen deutschen geistlichen Dichtungen. 8 Die Verskunst handhabt er nicht pünktlich, der Versbau ist ziemlich frei, die Reime sind nicht selten unrein. Viel größere Bedeutung in der Literaturgeschichte hat DasMarienleben von Bruder Philipp dem Karthäuser. 7 1 Hgb. Schönbach, ZfdA. 17,519-60. — bilder oder Königsbilder? 1905, 141 ff. Lambel, Germ. 20, 71-81. — Piper, Geistl. Schwietering, Demutsformel S. 60; Ziese Dichtung 1, 281. mer, Lit.d. dt. Ordens S. 39; Agnes Geering 2 Schönbach S. 521, Lambel aaO. Die Figur des Kindes S. 83-88. — Merker 3 Ausg.: Heinr. Adelb. Keller, (bzw. Dr. Reallex. 2, 182. — 2 Hss. 3 Brachst.: Voegt Keller, Adelbert v. Keller) in 4 Tübinger lin, Diss.; Hauffen, Anz. aaO. S. 35 f. Universitätsprogrammen 1849. 1852. 1853. Brachst.: Keller, Ausg. B. IV S. 59 (Zürich) 1855. — Auszüge: Mone, Anz. 5, 1866, 322 ff. Seemüller, Zs. d. Ferdinandeums III. Folge u. Schauspiele des MA.s 1, 181 ff.; Goedeke, 40.H.; Bartsch, QuellenkundeS. 176(Berlin) Dt. Dichtg. im MA. 2 S. 125 f. — Abhandl.: Menhart, Klagenfurter Bruchstücke von Brud Schröder, ADB. 28, 378 f.; Rob. Reinsch, Phil. Maria, ZfdA. 69, 304. Die Pseudo-Evangelien von Jesu u. Marias 4 Schade, Liber de infantia Mariae et Christi Kindheit usw., 1879, 117 f.; A. Voegtlin, W. Salv. 1869 S. 8b f.; Reinsch aaO. S. 117; H v. Rhein, u. seine Marienlegende, Straßb. Diss. Dederich, Zur geistl. Dicht, des MA.s, 1877 1886, dazu Ad. Hauffen, Anz. 14, 35^12; Voegtlin, Diss. aaO.; hauffen, Anz. 14, 40 Ad. Hauffen, W. v. Rh., seine lat. Quelle u. 5 Stil u. Metrik: Voegtlin, Diss.; Hauffen sein dt. Vorbild, ZfdA. 32, 337-79; Max ZfdA. 32, 337-79 u. Anz. 14, 35-42. Sprache Päpke, D. Marienleben d. Schweizers Wernher Voegtlin, Diss.; Zwierzina, Anz. 26 Reg. S. 43-47; Baechtold, Gesch. d. Lit. in der S. 353. 27 Reg. S. 349. Schweiz, 1892, 138 u. Anm. S.40; Singer, 6 Hauffen, ZfdA. 30, 356-79. Lit.Gesch. der dt. Schweiz, 1916, 25. 50; 7 Ausg.: Heinr. Rückert, 1853; Fel. Bo- Ders., Die malterl. Lit. d. dt. Schweiz, 1930, bertag, Kürschners Dt. Nat.-Litt. Bd. 11, 41. 186; Ders., Wolframs Willehalm, 1918, 27; 1886, 1-92; Auszug: Docen, Mise. 2, 68-98; K. Heldmann, Rolandspielfiguren, Richter- Bruder Ägidius, Phil. d. Karth., Marienleben, Das Leben Jesu und der Jungfrau Maria 369 Der Verfasser nennt sich selbst im Epilog (V. 10122) Bruder Philipp und den Ort der Abfassung: in dem orden von Carthüs ... ze Seitz ; er gehörte also dem Karthäuserorden an und dichtete am Anfang des H.Jahrhunderts (oder Ende des 13. Jahrhunderts?) in dem Kloster Seitz in Steiermark. 1 Die Mundart seiner Reime aber weist nicht nach Österreich, sonaern nach Mittel franken. 2 Er stammte also aus dem Mittelfränkischen und dichtete in Seitz. Er hat das Buch (Marienleben 10082, vgl. V. 9 ff.) den Brüdern von dem deutschen Haus gesendet, weil sie Maria verehren und den Christenglauben verbreiten (V. 10089 ff.). Die Quelle des Gedichtes ist ebenfalls die Vita beatae Mar. Virg. usw. ; 3 die Übersetzung ist ziemlich frei; der von Rückert herausgegebene Text umfaßt 10131 V. Die Darstellung des heiligen Gegenstandes ist trocken, der Versbau nachlässig, 4 doch war das Gedicht sehr beliebt, wie die vielen Handschriften zeigen. 5 Am Ende des 14. Jahrhunderts, nicht lange vor 1382 (Abfassung der Heidelberger Handschrift), ist Das Marienleben des SchweizersWernher ge- neu hgb. mit 20 Kupfertiefdrucken. — Übersetzung: Wilh. Sommer, 1859. — Abhandl.: Schröder, ADB. 26. 71 f.; Massmann, Hei- delb. Jahrbücher 1826, 1184; Pfeiffer, Nicolaus v. Jeroschin, Ausg. 1854 S.XV. XXXf.; Jos. Haupt, Br. Philipps Marienleben, Wien. SB. 68, II, 1871, 157-218; J. P. Siller, Br. Philipps Mar.leben u. die Marienlegenden in „Der Heiligen Leben", Wagners Arch. f. Gesch. d. dt. Sprache u. Dichtg. 1, 1874, 497- 506; Reinsch aaO. S. 116 f.; Dederich aaO.; K. Reissenberger, Zu Br. Philipp v. Seitz, Beitr. 41, 184-87; Helm, ZfddtUnterr. 30, 1916, 296 f.; Ziesemer, D. Lit. d. dt. Ordens, 1928, 38 f. — Wahnschafte, Enjambement pass.; Agnes Geering, Die Figur d. Kindes S.83ff. — Goedeke, Dt. Dichtg. im MA. 2 128-32; österley, ebda (Nd.) S. 11-13. — Piper, Geistl. Dichtg. 1, 281 f.; Merker, Reallex. 2, 184. — 40 Hss. u. Bruchstücke: Rückert S. 276 ff.; Jos. Haupt, S. 177-214, 215-18; Goedeke, Grundr. I 2 , 228; zu Piper: Sieber, Progr. Leitmeritz 1883; V. E. Mou- Rek, SB. d. K. böhmischen Ges. d. Wissensch. 1888, s. Heinzel, Anz. 17, 95; P.Mitzschke, Germ.37, 183-85; Conr. Schiffmann, Progr. Linz 1895 u. 1897, dazu C. Kraus, Anz. 22, 321 f., Helm, Lbl. 1896, 260; C. Kraus, Anz. 22, 322; Scheel, Festg. Weinhold 1896 Nr. 49; Singer, Prager dt. Stud. 8, 311; Priebsch, Dt. Hss. in England II, 106; Joh. Franck, ZfdA.44, 117 f.; Schiffmann, ebda 47, 242-46; Franz Pennerstorfer, Progr. Leoben 1913; Max Päpke, D. Marienleben des Schweizer Wernher S. 30 ff.; dazu Strauch, Anz. 41, 41-55; Schröder, Anz. 41, 94; P. Hagen, ebda 43, 27 f. Heinr. Rauscher, Weißkirchner Bruchstück von Philipps Marienl., ZfdA.69,125-28; Herm. Menhardt, 24 Deutsche Literaturgeschichte IV Klagenfurter Bruchstücke von Br. Phil. Maria, ebda S.304. — Vier nd. Hss.: Jellinghaus, Pauls Grundr. II 2 , 367; Goedeke, Grundr. I 2 , 228 f.; F. Göbel, Nd. Jahrb. 31, 36-38. — Eine Prosaauflösung von 1471, das sog.Volksbuch von Jesu Kindheit, s. Päpke aaO. S. 30 Anm.2 u. S. 182. 1 Dieses ist die fast allgemein gültige Ansicht (s. Rückert im Vorwort seiner Ausg.). Jos. Haupt hat dagegen eingewendet: 1. die Sprache sei ursprüngl. mittelniederfränk., 2. das Kloster ist nicht Seitz, sondern am Niederrhein gelegen, denn 4 Hss. haben statt Seitz andere Benennungen (s. Rückert, Ausg. S. 323); daraus schließt er auf Selem bei Diest (in der heutigen belgischen Prov. Limburg); der älteste mnfrk.Text ist verloren, unsere Hss. gehen auf einen md.Text zurück. Jos. Haupt findet unter den Hss. 4 verschiedene Gruppen. 2 Jos. Haupt S. 157-76: Philipp hat höchst- wahrscheinl. niederrheinisch, ungefähr wie Heinr. v. Veldeke (!) gedichtet (S. 174). Zwierzina, ZfdA.45, 84 (Mittelfranken); Alfr. Juvet, Beitr. 29, 129-74 (Mittelfranken); Schröder, ADB. aaO. u.Münch. SB. 1924 S.4 (Mittelrhein); Reissenberger aaO. (Mittelfranken); Ziesemer, D. Lit. d. dt. Ordens, 1928, 38 f. (ebenso). — Pfeiffer, Nikolaus v. Jeroschin S.XV. 3 Quelle: Schade, Liber de Inf. Mariae et Christi Sah/., Progr. Königsberg 1869 S. 11 ff.; C. v. Tischendorf, Evangelia apocrypha; Schönbach, ZfdA. 17, 523 ff.; Singer, Prager dt. Stud. 8, 304. 4 A. Juvet, Üb. d. Reimgebrauch in Br. Philipps Marienl., Beitr. 29,127-74. 5 Siehe Hans Vollmer, Materialien zur Bibelgeschichte Bd. I, 1912, unter Gruppe III b, Hss. Nr. 65-77. 370 Die geistliche Dichtung des 13. Jahrhunderts dichtet. 1 Seinen Namen gibt der Dichter im Prolog bekannt: ich, genant Wernhir, V. 10, daselbst auch den Inhalt seines Werkes: Dis buch von unserer frowe leben V. 33 (14914 V.). Seiner Sprache 2 nach war seine Heimat die nordöstliche Schweiz. Seine Quelle war ebenfalls die Vita Mariae Rhythmica, 3 die er freier benutzt als Walther v. Rheinau, wobei er Neigung zur Verbreiterung zeigt. Seine Darstellung ist wohl die tiefgehendste unter den Marienleben, sie zeugt von innerer Teilnahme; das Werk ist ein religiöses Erbauungsbuch, während Walther v. Rheinau, mehr auf Unterhaltung ausgehend, und auch Bruder Philipp in seiner schwunglosen Art dem großen Gedanken der Heilsgeschichte nicht gerecht werden. — Die Metrik 4 ist ziemlich regelmäßig; dabei ist ein Streben nach Reinheit der Reime zu erkennen, wobei allerdings Mundartformen mithelfen müssen. In einer Königsberger Handschrift ist ein verstümmeltes Gedicht überliefert, welches handelt: Van unser vrowen vnd van der bort sente marien der Joncvrwen, worauf folgt: Dit is van der hiemelvart vnser vrowen sinte marien, niederrheinisch, Mitte 13. Jahrhundert. 5 Ein mittelrheinisches Marienleben des 14. Jahrhunderts geht über eine bloße Übersetzung der Vita Mariae rhythmica nicht hinaus und ist nur in Bruchstücken erhalten (225 V.). 6 Marienlegenden Die Innigkeit, mit der man die heilige Jungfrau als Mittlerin zu ihrem Sohne, als Helferin in Nöten verehrte, wob einen reichen Legendenkranz 7 um die gefeierte Gottesmutter. Der Bischof Bonus 8 (gestorben in Clermont 709) war ein eifriger Diener 1 Ausg.: Max Päpke, zu Ende geführt von s. Schröder, Göttinger Nachr. 1931, 1-27. Arthur Hübner, Dt. Texte d. MA.s Bd.27, ' Texte: Hahn, Das alte Passional, 1845, 1920; Auszug: v. d. Hagens Germ. 8, 239-64. S. 126-54; Pfeiffer, Marienlegenden, 1846, — Abhandl.: Max Päpke, D. Marienleben des neue Aufl. 1862 (25 Marienlegenden aus dem Schweizers Wernher, Pal. 81, 1913, dazu alten Passional); v. d. Hagens Gesamtaben- Strauch, Anz. 41, 51-55, Werner Richter, teuer Nr. 72-90, Bd. III, 427-623 u. S. CXX Arch. 134,454; Reinsch aaO. S. 118; Baech- -CXXVII. — Abhandl.: Mussafia, Stud. zu told, Gesch. d. dt. Lit. in d. Schweiz S.139u. d.mittelalterl. Marienlegenden I-V, Wien. SB. Anm. S.40; Singer, Lit.gesch. d. dt. Schweiz 113,1887.115,1888.119,1889.123,1891.139, im MA., 1930, 41. 194; Wahnschaffe, En- 1899; Keinz, Bruchstücke von Marienlegen- jambement pass.; Piper, Geistl. Dichtg. 1, den, Germ. 25, 82-88 (12./13. Jh., bayer.); 282; A. Schwinkcwski, Pr. Wernhers Maria, H. Schnell, Zu den Münch. Bruchstücken eine Stiluntersuchung, Kieler Diss. 1933. — von Marienlegenden, Germ. 32, 427-32, weist 1 Hs. (Heidelberg, geschrieben 1382): Päpke, den näheren Inhalt und die mutmaßliche Ausg. S. VI-XVII u. Pal. S. 2 ff. Quelle von zweien der von Keinz abgedruckten 2 Päpke, Pal. S. 61-118. Stücke nach; Joh. Bolte, Marienlegenden des 3 Päpke, Ausg. S. 1 f. u. Pal. S. 119-82; da- 15. Jh.s, Alem. 17, 1888, 1-25 (46 prosaische durch Beziehungen zu Konrad v. Fußesbrun- Marienlegenden); Franz Bär, Die Marien- nen: Päpke, Pal. S. 175-82 (s. auch oben legenden der Straßburger Hs. 863 u. ihr lite- Konr. v. Fußesbr.). rarhistor. Zusammenhang, Straßb. Diss. 1914. 4 Päpke, Pal. S. 61-70. — Goedeke, Grundr. I 2 , 230 f. u. Dt. Dichtg. B Steffenhagen, Königsberger Hss., ZfdPh. im MA. 2 S. 132-56; Günther Müller in 13,524; Schade, Liber de infantia Mariae et Walzeis Handbuch der Lit.-Wissensch. S. 23; Christi salvatoris, Progr. Regimonti (Königs- Merker, Reallex. 2, 182-85; Hübner, ebda berg) 1869 S. 8c. — Noch nicht herausgegeben. 2,332-34. 8 Hgb.FRiEDR.GÜNDEL,ZfdA.68,233^13.— 8 Hgb. Haupt, ZfdA. 2, 208-15; Goedeke, Die„rheinfränkischeHimmelfahrtMariae" Mittelalter 2 . S. 158-60; Schröder, Gott. Marien legen den. Geistliche Lehren 371 der Jungfrau Maria. Heilige, Apostel und die Mutter Gottes selbst erscheinen ihm in der Nacht von Maria Himmelfahrt und Engel reichen ihm ein prachtvolles Meßgewand. Diese deutsche Legende entstand wohl noch im 12. Jahrhundert (oberdeutsch, 238 V., Abschnitte schließen mit Dreireim). Das Jüdel, die Legende vom Judenknaben. 1 Ein Judenknabe wird in eine christliche Schule geschickt, lernt darin die Jungfrau Maria verehren und nimmt unter den andern Schülern am Abendmahl teil. Der Vater entsetzt sich darüber, die Juden stecken das Kind in einen geheizten Backofen, aber durch Marias Schutz leidet der Knabe keinen Schaden und will nicht mehr zu seinen Angehörigen herauskommen, dagegen folgt er dem Geheiß des Bischofs, der ihn und viele Juden tauft (12. Jahrh., 458 V.). Die Marienlegende von Heinrich dem Klausner. 2 Ein Schüler trägt eine hohe Verehrung für die heilige Jungfrau Maria, die er oft kundtut. Da erscheint sie ihm und überläßt ihm zwei Dinge zur Wahl, entweder 30 Jahre Bischof zu sein oder jetzt in drei Tagen zu sterben und den Himmel zu erwerben. Er wählt das letztere, und so geschieht es. — Der Dichter nennt sich (V. 45) Heinrich Clüzenere, den Stoff erhielt er von Pilgerim von Görlitz (V.54) und verfaßte diz mere auf Geheiß des Königs von Böhmen (V. 1352, Wenzel IL, 1278-1305). Er ist beeinflußt vom Passional (wie dieses haben die Abschnitte Dreireim. Ostmitteldeutsch, 1364 V.). Von den in GSA. abgedruckten Marienlegenden sind folgende noch anderweitig literarisch behandelt, abgesehen von Pfeiffer in seinen Marienlegenden: Frauentrost von Sigfrid dem Dorfer (Sifrit Dorfcere V. 637 ff.) 3 und Marien Ritter (Unser lieben Frauen Ritter) (90 V.). 4 Geistliche Lehren Vom Dichter selbst ausdrücklich auf Nutzen (Vers 66 ff.), also auf Belehrung, eingestellt ist Das Vaterunser des Heinrich von Krolewiz. 5 Es ist eine Nachr. 75,1924, 1-12 (Krit. Text). — Das lat. 287-90. Gedicht, das Haupt ZfdA. 3,299-304 (s. auch 2 Hgb. Bartsch, Mitteldeutsche Gedichte, Hoffmann, Ad. Bl. 1, 327 f.) herausgegeben 1860 S. 1-39. —Lit.: Piper, Geistl. Dichtg. 1, hat, liegt vielleicht dem deutschen Gedicht 284-86. — Schröder, ZfdA. 67, 152-54. zugrunde. —Abh.: Goedeke aaO. u. Grundr. 3 GSA. Nr. 72, Bd. III, 429-50 u. S.CXXf.; I 2 , 42 f.; Piper, Geistl. Dichtg. 2,49-51. Pfeiffer, ZfdA. 7, 109-28; Schröder, Anz. 1 Hgb. Hahn, Gedichte d. XII u. XIII. Jh.s, 43,98; Goedeke, Dt. Dichtg. im MA. 2 , 145- 1840, 129-34; Müllenhoff, Sprachproben 3 , 50; Roethe, ADB.34, 262. 1878, 107-12; Meyer-Benfey, Mhd. Übungs- * GSA. Nr. 74, Bd. III, 465-68; F. W. E. stücke 2 , 1921, 84-96; eine jüngere Bearbeitg. Roth, ZfdPh. 28, 38 f., gekürzte Form, 47 V. in Pfeiffers Marienlegenden Nr. 25 S. 237-60 gegen 90 V. in GSA. — Altes Passional, Hahn (568 V.). — Eug. Wolter, Die Legende vom S. 142,75-143,65; Pfeiffer, .Marienlegenden Judenknaben, Hall. Diss. 1879; Th. Pelizeus, S. 34-39. Beiträge z. Gesch. d. Legende vom Juden- Ferners. Herbert Röhnert, Von dem armen knaben, Hall. Diss., dazu Hilka, Arch. 133, Ritter, e. Marienlegende aus der ersten Hälfte 187-91. — Sprenger, Germ. 27, 129-44; da- des 13. Jh.s Jenaer Diss. 1922 u. Beitr.48, gegen Steinmeyer, ZfdA. 27,83-88; Schön- 472-85; J. Dohner, Die mhd. Versnovellen bach, ebda 29, 350-52. — Hs.abdrücke: Marien-Rosenkranz, München. Diss. 1928. Graff, Diut. 3,399 f.; Franz Schmidt, Se- 6 Ausg. Ge. Chr. Friederich Lisch, 1839. rapeum III, 1842, 343-54; Schönbach, ZfdA. — Abhandl.: Steinmeyer, ADB. 17, 179; 47, 277-80. — Lit. : Piper, Geistl. Dichtg. 1, Goedeke, Dt. Dichtg. im MA. 2 ,1871,234-37; 24* 372 Die geistliche Dichtung des 13. Jahrhunderts umfassende Auslegung des Vaterunsers, angeordnet nach der Reihenfolge der Bitten. Der Umfang der weitläufigen Erklärung ist noch angeschwellt durch Einflechtung von gelehrten Erörterungen über die Edelsteine (1312-1798, beim Waisen wird Herzog Ernst zitiert V. 1334 ff. [vgl. LG. II, 38. 44. 45. 57]), bei Tieren (nach dem Physiologus) wird besonders über die List der Schlange (4159^321) und über die Turteltaube (4322^489) gesprochen; außerdem mancherlei allegorische Auslegungen. Der Dichter gibt selbst Auskunft über sich: er ist genannt Heinrich von Krolewiz üz Missen lant (V. 4000 ff., s. auch V. 4562) und dichtete diz mere in drei Jahren 1252-55 (V. 4755^786). Sein Geburtsort ist Kröllwitz an der Saale bei Halle (Cröllwitz bei Merseburg: Thümmler S. 18 ff.). Er war wohl Geistlicher, denn er benutzte lateinische Quellen. 1 — Der Stil des Gedichtes ist schwerfällig und weitschweifig (4889 V.). Die Abschnitte schließen drei- reimig. Die Sprache ist mitteldeutsch. 2 Der Kampf der Tugenden und Laster war im Mittelalter seit der Psycho- machie des Prudentius (etwa 348-410) ein beliebtes Thema, in der mittellateinischen Literatur „conflictus virtutum ac vitiorum". Auch im Mittelhochdeutschen liegt es mehreren Dichtungen zugrunde: 3 Der Sünden Widerstreit, 4 von einem thüringischen Dichter in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts verfaßt (3524 V.), ist eine geistliche Allegorie, eine Personifizierung der Laster und Tugenden. Die Sünde nimmt immer mehr überhand und sendet ihre Boten, die Untugenden, in die Lande und zieht mit ihrem Heere ein. Wer Gott liebt, muß ein Gottes Ritter sein und gegen die Sünde streiten 436ff. Von dieser süßen Ritterschaft will der Dichter reden, 503 ff. (die gotliche, die gute Ritterschaft 2516 ff.). 5 Vermöge der Tugenden, dem Heer der Minne, kann ein solcher Streiter den Kampf gegen die Laster aufnehmen, und bald hat die Sünde ihre besten Kämpfer verloren. Die neue Ritterschaft (3466), die gegen die groß gewordene Sünde kämpft, ist gleichsam Curt Thümmler, Leipz. Diss. 1897. - Stellen: f. Religionswissensch. 10, 1907, S. 468. Haupt, ZfdA.7, 263; H. Lichtenberg, D. 4 Hgb. Victor Zeidler, Der Sünden Wider- Architekturdarstellungen in d. mhd. Dichtg., streit, e. geistl. Dichtung des 13. Jh.s, 1892, 1931, S. 21-24.—2 Hss. 3 Bruchst.: Lisch dazu Wunderlich, ZfdPh. 26, 415-17, S. 1-6. Goedeke, Grundr. I 2 , 130; Thümm- Strauch, Anz. 23, 272-80, Schröder, DLz. ler aaO. S. 5-17; Ad. Hofmeister, Hein- 1892, 497; Zacher, ZfdA. 13, 329-32 (Bruch- richs v. Krolewitz Vaterunser niederdeutsch, stück). — Abhandl.: Gervinus, Gesch. d. dt. Nd. Jahrb. 17, 1892, 84-88 (Fragmente einer Dichtg. II B , 1871, 302 f.; Raab, Üb. vier Rostocker Hs.). allegor. Motive aaO. S. 33 f.; Petersen aaO. 1 Thümmler aaO. S. 29-76. S. 113; Helm, Zs. f. dt. Unterricht 30, 1916, 2 Lisch S. 9-22; R. Bechstein, Germ. 8, 303 f.; Ziesemer, Lit. d. Dt. Ordens in Preu- 355-62; Zwierzina, Anz. 26 Reg. S.350. 27 Ben, 1928, 49; Schröder, Gott. Nachrichten Reg. S. 347. 193 S.4ff. — Sprache: C. Kraus, Dt. Ge- 3 Siehe bes. Karl Raab, Üb. vier allegori- dichte d. 11. u. 12. Jh.s S. 148; Zwierzina, sehe Motive in d. lat. u. dt. Lit. d. MA.s, Progr. Festg. f. Luick 1925, S. 134 f. Leoben 1885, 25 ff.; Seemüller, Seifried 5 Der miles christianus und seine Rüstung Helbling S. 364-66; Petersen, D. Rittertum stammt aus Epheser VI, 11-17. (Das gleiche in d. Darstellung des Johannes Rothe, QF. Motiv im Wälschen Gast 7419 ff.) Kleidung auf 106, 1909, 113; von der Leyen und Spamer, Tugenden gedeutet weltlich (Kleiderallegorie): Die ad. Wandteppiche vom Regensburger Rat- Herbort v. Fritzlar 3131 ff., Gotfrids Tristan hause, 1910, S. 33 ff.; Marie Gothein, Arch. 4561 ff., jung. Titurel 5497 ff.; Petersen aaO. Geistliche Lehren 373 als ein geistlicher Ritterorden aufgefaßt, und tatsächlich besteht eine Reihe von Beziehungen zum Passional (Wortschatz, drei- und vierfache Reime), also zur Literatur des Deutschordens. Der Dichter gehörte wahrscheinlich zum Kreise der Deutschordensritter. Den Titel des Gedichtes gibt er selbst an (3424): „der Sünden widerstrit", aber sein rechter Name soll sein „des lieben Cristes büchelin". Sein Zweck ist eine Mahnung, die unermeßliche Liebe Christi zu erkennen (3455). Es hat Anklänge an die Mystik. Warme Frömmigkeit ist hier verbunden mit ritterlicher Gesinnung. — Versbau und Reim folgen der besseren Technik der Zeit. Schon dem folgenden Jahrhundert gehört an Der geistliche Streit, 1 ein allegorisches Gedicht von 1025 Versen, um 1320, elsässische Mundart. Wer ein reines Herz haben will, um zu Gott zu gelangen, der muß gegen sieben böse Weiber kämpfen (die sieben Todsünden) und sie alle totschlagen. Er muß gut gerüstet sein (Allegorie der Rüstung: Schwert = Gottes Wort, der Halsberc = rechter Glaube usw.) und muß eine Schar von sieben Helferinnen haben, sieben Jungfrauen, die sieben Tugenden; Schilderung des Kampfes, in dem der Teufel den Lastern hilft. Sie werden getötet, aber der Teufel ficht bei Tag und Nacht weiter. — Das Gedicht ist wohl von einer Nonne für Nonnen verfaßt. Der Kampf der Tugenden und Laster ist auch der Kern des VII. Gedichtes bei Seifrid Helbling. 2 — Ein „Streit zwischen Tugenden und Lastern", mittelhochdeutsche Handschrift: Heinrich Hemmer, D. Str. zw. T. u. L., mitgeteilt und übersetzt, Jahrb. f. els.-lothring. Gesch. 24, 1908. Die Note wider den Teufel, eine allegorische Schilderung der 7 Haupttugenden und Sünden, jede Tugend und Sünde gewappnet auf einem Tier reitend. Mitte 15. Jahrhundert. Abgedruckt: J. V. Häufler, Archiv f. die Kunde Österreich. Geschichtsquellen 5, 1850, 583-606. Hierher gehört auch die Visio Philiberti, der Streit zwischen Seele und Leib, s. oben. Das Gedicht Der Tugenden Kranz 3 will den Weg zu Gott und zum Himmelreich lehren. Es beginnt mit dem Sakrament der Buße und zählt dann die Tugenden auf, unter dem Bilde eines Kranzes von Blumen; zuerst die Kardinaltugenden mit ihren verschiedenen Teiltugenden (das Honestum), dann die drei göttlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung; 342 Verse (doch in einer Handschrift große Zusätze). Das Gedicht fällt in das 13. Jahrhundert, der Dialekt ist mittelfränkisch. Des Zusammenhangs wegen sei hier eine Prosaschrift eingefügt, eine Anleitung zur Vollkommenheit für Klosterleute bestimmt: Die heilige Regel für 1 Hgb. Graff, Diut. 1, 292-301 (nur Anfang und Schluß); vollständig: Pfeiffer, Ad. Übungsb. S. 141-52; Fritz Hoepfinger, Der geistl. Streit, e. mhd. Ged. hergestellt u. erläutert, Straßbg. Diss. 1907 (mit Lit. S. 42 f.). — Raab aaO. S. 31 f.; Marie Gothein, Arch. f. Religionswissenschaft 10,1907,468. —2Hss. 2 Seemüller S. 238 ff. u. Anm. S. 364 ff. 3 Hgb. Schade, Geistl. Gedichte d. 14. u. 15. Jh.s vom Niederrhein; Krit. hgb. von Milchsack, Beitr. 5, 548-69 (unter dem Titel Der Sek Cranz), dazu s. Bartsch, Quellenkunde S. 246-62. — Etwa ein Dutzend Handschriften (eine aus dem 13. Jh.). 374 Die geistliche Dichtung des 13. Jahrhunderts] ein vollkommenes Leben, 1 um bzw. nach 1250, mittelfränkisch. Als Vorbild wird aufgestellt die Gottesmutter Maria in ihren hohen Tugenden. Die Schrift ist hervorgegangen aus dem Cisterzienserorden und ist zunächst bestimmt für Nonnen dieses Ordens. Es ist ein geistlicher Traktat mit kleinen Erzählungen, Exempeln. Ein beliebtes Motiv war Der Streit der vier Töchter Gottes. 2 Die Quelle ist eine Predigt des heiligen Bernhard über den Bibeltext Psalm 85,10: Gott hat den Menschen bei seiner Erschaffung ausgestattet mit vier Tugenden, Wahrheit und Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Friede; sie sind Töchter Gottes. Sie bringen den Sündenfall vor das Gericht Gottes, das erste Paar ist für Bestrafung des Menschen, das zweite bittet Gott um Gnade für ihn. Christus entscheidet: der Mensch soll einen guten Tod erleiden, das ist möglich, wenn ein anderer freiwillig für ihn stirbt. Diese Erzählung war auch in der deutschen Literatur des Mittelalters sehr verbreitet, oft eingeflochten in andere geistliche Dichtungen. Am geschlossensten ist die Darstellung in dem Gedicht „Sich hüb vor gotes trone" 3 (2. Hälfte des 13. Jahrh., thüringisch, 485 V. Reimpaare). Beispiel und Lehre geben will die Vorauer Novelle 4 durch die Erzählung von zwei Jünglingen: In kindlichen Jahren in ein Kloster gegeben, befreunden sich zwei Klosterbrüder, aber sie entfliehen der strengen Zucht auf eine hohe Schule, wo sie nigromancie und Zauberbücher studieren und ein üppiges Weltleben führen. Da erkrankt der eine Genosse schwer, der andere, dadurch erschreckt, will ihn zur Buße führen, aber jener stirbt ohne Reue und erleidet die Höllenstrafe, der andere geht in ein Kloster und lebt in frommer Askese, die ihn zum himmlischen Tore führt. Das Gedicht, alemannisch, 13. Jahrhundert, 649 Verse, ist eine Bearbeitung der ersten der beiden Reuner Relationen (zwei lateinische Prosanovellen). 5 1 Hgb. Rob. Priebsch, Die heil. Reg. f. e. Gottes Zukunft, Seemüller, Gesch. d. Stadt vollk. Leben, eineCisterzienserarbeit des XIII. Wien III 1. Hälfte, 1904, S. 15, s. Heinzel Jh.s, Dt.Texted. MA.s 16,1909, dazu Strauch aaO. S. 45; mehrfach in geistlichen Spielen.— GgA. 173, 757-61, K. Rieder, Anz. 34, 261 Priebsch, Prosaauflösung von „Sich hüb vor -64, Behaghel, Lbl. 1910 Sp.3 f.; Strauch, gotes tröne", ZfdPh. 35, 364-68; Stammlers . Germania Festschr. Sievers 1925, 542 f. — Verfasserlex. 1, 511. — Siehe auch das latein Naumann, Ad. Prosaleseb. S. 69-77. Gedicht: „Scheirer Rhythmus von der Erlö 2 Lit. Piper, Geistl. Dichtg. des MA.s 1, 239 sung", Aug. Hartmann, ZfdA. 23, 173-89 f.; Heinzel, ZfdA. 17, 43-51; Scherer, ebda Burdach, Die Schlußscene in Goethes Faust 21, 414-16; Joh. Franck, ZfdA. 24, 389; SB. d. Preuß. Akad. 1931, 592 ff. — Lit. s Schröder, ebda 25, 128; Herm. Jantzen, auch ob. Bartsch, Erlösung. Gesch. des dt. Streitgedichtes im MA., 1896, 3 Bartsch, Erlösung S.IX-XXII; s. Mou- S.57 f.; Fr. Wilh. Strothmann, D. Gerichts- rek, SB. d. böhm. Ges. der Wiss. 1890,410 ff. verhandig. als literarisches Motiv in d. dt. Lit. (Hs., abgedr.). des ausgehenden MA.s, 1930, 45-58; H. Wal- 4 Schönbach, Wien. SB. 140, IV, 1899, dazu ther, D. Streitgedicht in d. lat. Lit. des MA.s Helm, Lbl. 1899, 367-69. S. 85 ff. 190 (s. auch ZfdA. 23, 176 ff. 221 ff.); 6 Schönbach, Wiener SB. 139, V, 1898. — Helene Luther, Von Gottes Barmherzigkeit, Hs. aus dem steiermärkischen Stifte Reun. Frankf. Diss. 1924. Masch.dr. — Das Motiv Die zweite Novelle, De juvene regio a socio ist auch behandelt im Anegenge, s. Schröder occiso: Ein Königssohn macht eine Pilgerfahrt S. 55-57 (LG. II 1, 58-62); in der Erlösung ins Heil. Land. Unterwegs trifft er einen andern (Bartschs Ausg. V. 521 ff.); in der „Minne- Pilger, sie schließen Genossenschaft, aber im rede", Heinzel, ZfdA. 17, 12-43, vgl. auch Gebirge stürzt ihn dieser aus Habsucht nach Kurt Matthaei, D. weltl. Klösterlein, 1907, seinem Gute in den Abgrund. S. 14 f. (siehe oben); in Heinrich v. Neustadt Geistliches Lied 375 Eine Lehre für Nonnen gibt der Geistliche Rat, ein alemannisches Reimpaargedicht (oberrheinisch, Breisgau? mit vielen unreinen Reimen, 178 Reimzeilen, wohl 14. Jahrhundert). Es ist eine Lehre, wie man die Körperteile, Ohren, Mund, Hände, Knie, Füße im Dienste Gottes gebrauchen soll, besonders aber das Herz. Es soll ein Palast Christi sein; mystische Anklänge sind vorhanden. Das Gedicht ist eine Allegorie wie die Wunderburg der Tugend in Reinbots v. Durne Heiligem Georg (V. 4751 ff.). 1 Geistliches Lied Religiöse Lieder in deutscher Sprache, 2 die, von Geistlichen verfaßt, dem Volke unmittelbar zugänglich waren, mußten bei einem poetisch begabten Volke schon mit dem Beginn seiner literarischen Tätigkeit sich einstellen. Für die althochdeutsche Zeit ist dafür das Petruslied ein Zeugnis (LG. I, 195-99, 2. Aufl. 203-07), elementarer waren die Leise, das Kyrie eleison, Rufe, die die Menge bei gemeinsamen Unternehmungen anstimmte (s. ebenda). Mit dem 12. Jahrhundert entfaltete sich das deutsche religiöse Lied zu höherer Blüte, besonders in der Marienlyrik (LG. II, 206-16). Im 13. Jahrhundert gelangte es zur erlesensten Form durch einige Minnesänger, vorab Walther, am Ende des Zeitraums durch Frauenlob; bei den Spruchdichtern waren die religiösen Sprüche eine eigene Gattung. Gegenüber dieser Kunstpoesie ist das religiöse deutsche Lied volkstümlicher Haltung im 13. Jahrhundert wenig gepflegt worden. 1 Ausg.: Wackernagel, Hauptu,Hoffmanns dazu G. Balke, Anz. 6, 71-76; Johannes Ad. Blätter 1, 1836, 343-47; Hs. Zürich, Janssen, Gesch.d.dt.Volkes 1, 19.u.20.Aufl., 14. Jh., s. Wackernagel, Ad. Predigten u. 1913 S. 289-99 (14. 15. Jh.); A. H. Kober, Gebete S. 271 Anm. *. — Abhandl.: Scherer, Gesch. d. religiösen Dichtung in Deutschland, QF. 12, 1875, 116 f. u. ZfdA. 20, 341-46; 1919; Klapper, ZfdA. 50, 199-202; Emil Schröder, ZfdA. 70, 124-27 (Schröder Henrici, Sprachmischung in älterer Dichtg. möchte das Gedicht lieber „geistlicher Reim- Deutschlands, 1914; Ders., Barbarolexis, 1914. brief" nennen). — Goedeke, Grundr. I 2 , 286; Koberstein 2 Philipp Wackernagel, Das deutsche Kif- l 6 , 368-81; Götzen, Kirchenlied, Reallex. 2, chenlied von der ältesten Zeit bis zu Anfang 72-82. — Einzelnes: H. Dederich, Zur geistl. des 17. Jh.s, 5 Bände, 1864-77 (13. Jh.: Bd. 2 Lit. des MA.s, 1877; Paul Küchenthal, Die S.41-104. 127-86 = Nr. 34-189. 214-317); Mutter Gottes in d. ad. schönen Litt, bis z. Ders., Bibliographie des deutschen Kirchen- Ende d. 13. Jh.s, Gott. Diss. 1898. — W.Met- liedes, 1854-55; Hoffmann v. Fallersleben, TIN, Die ältesten deutschen Pilgerlieder, Festg. Gesch. d. deutschen Kirchenliedes bis auf Sievers 1896 S. 277-86. — Wackernagel, Ad. Luthers Zeit, 1832, 3. Ausg. 1861; Ders., In Bl. 2, 121 ff.; Haupt, Marien Himmelfahrt, dulcijubilo, e. Beitrag zur Gesch. d. dt. Poesie, ZfdA. 5,515-64,13. Jh., rheinfränk.; Pfeiffer, 2. Ausg. 1861, auch angebunden an Gesch. d. Gedicht auf Maria, ebda 8,298-302; Bartsch, dt. Kirchenliedes; Uhland, Schriften 2, 404 Deutsches Kyrie eleison, Quellenkunde S. 302 -17; Bartsch, Die Erlösung, 1858, S. 187-331 -04 (12./13. Jh.); Das Blümel (Dichtung zum (Auswahl geistlicher Dichtungen vom XII. Lob Mariens, 800 V.), Gierach, Stammlers bis XV. Jh., meist aus Nürnberger Hss.) u. Verfasserlex. 1, 250; Priebsch, Mittelhoch- Germ. 7, 276-78; Wilh. Bäumker, D. kathol. deutsches aus e. Hs. des Merton Coli, in Oxford deutsche Kirchenlied in seinen Singweisen von (Das Mensch gewordene Wort, Der Weise u. d. d. frühesten Zeiten bis gegen Ende des 17. Jh.s, Tor), 13./14. Jh., ZfdA. 38, 21 f.; H. Men- begonnen von Karl Severin Meister, l.Bd. hardt, Dt. Bearbeitung des Veni Sancte Spiri- 1862, 2. Bd. von W. Bäumker 1883, l.Bd. tus aus Millstatt, Anz. 41, 201 f. (13. Jh.); von W. Bäumker 1886; Karl Aug. Beck, H.Vollmer, Ungedruckte geistl. Gedichte Gesch. d. kathol. Kirchenliedes von seinen aus d. MA., Christi. Welt 22, 1908, Nr. 50. 51. ersten Anfängen bis auf d. Gegenwart, 1878, — Singer, Die religiöse Lyrik des MA.s, 1933. 376 Die geistliche Dichtung des 13. Jahrhunderts Der Kirchengesang 1 als Bestandteil des Gottesdienstes war das ganze Mittelalter hindurch lateinisch und darum Aufgabe der Geistlichen. Schon seit alters waren die Leise, Rufe, bei Umzügen, Bittgängen, Fahrten, kriegerischen Märschen üblich. Ein eigentlich liturgisches Kirchenlied in deutscher Sprache ist erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts aufgekommen, zuerst in dem Ostergesang,,Christ ist erstanden". Doch wurden schon im H.Jahrhundert, oder gelegentlich schon im 12. 13. Jahrhundert, von der Gemeinde in der Kirche deutsche Lieder vorgetragen. Diese aber blieben doch im wesentlichen auf die Privatandacht beschränkt. Erst am Schlüsse des 15. Jahrhunderts, im Jahr 1492, wurde durch Beschluß einer Provinzialsynode (Schwerin) der Schritt getan, den Geistlichen es zu überlassen, statt der herkömmlichen lateinischen Stücke nach der Messe ein deutsches Lied zu singen. 2 Sündenklagen 3 haben in der Literatur des 13. Jahrhunderts nicht die Bedeutung wie im Frühmittelhochdeutschen (LG. II, 1, 175-84). Mariendichtung, Marienlied' Schon im 12. Jahrhundert sprach das fromme Gemüt in der Verehrung und Liebe der Mutter Gottes sein innigstes Erlebnis aus (LG. 11,1, 206 ff.). Die künstlerisch wertvollen Mariendichtungen brachte das 13. Jahrhundert: Walthers Leich, Konrads von Würzburg Goldene Schmiede, Pseudo-Gotfrids Marienpreis. In allen Dichtgattungen erscheint auch die Marienliteratur: als Epos (Marienleben), prosaische Erzählung, Marienlied (Ave Maria, Ave prae- clara maris Stella, Salve regina, Stabat mater, Mariengrüße, Lobgesänge, mit dem Christusleiden vereinigt als Marienklage), als Mariengebet, als Marienlegende (Novelle), als Traktat, im geistlichen Schauspiel. Aus der großen Fülle dieser Dichtungen mögen hier folgende verzeichnet werden: Das niederrheinische Marienlob, 5 13. Jahrhundert, gegen 5300 Verse. Der Dichter ist im Stil beeinflußt durch Gotfrids Tristan, sein Werk ist getragen von Wärme und Hingebung, der Aufbau planvoll: Einleitung 1, 1-3-8, Anrufung Jesu und Mariae in vierzeiligen, einreimigen Strophen. Der Hauptteil ist in Reimpaaren verfaßt: 3, 9-51, 30 Gleichnisse, Bezeichnungen der 1 Lit. zur Gesch. des dt. Kirchengesangs: Hymnenpoesie des MA.s, 7 Hefte, 1886-93. Koberstein l 6 , 368-75. — Goedeke, Grundr. I 2 , 238; Piper, Geistl. 2 Hoffmann S. 192-94. Dichtg. 1,293 ff.; Hübner, Reallex. 2,332-34. 8 Eine solche des 13. Jh.s, bayer., 215 V., ist 5 Hgb. W. Grimm (Marienlieder), ZfdA. 10, abgedruckt von Steinmeyer, ZfdA. 18, 137 1-142; s. Scherer, QF. 12,118; Nörrenberg, -44. Beitr. 9, 412-21 (Heimat: Kloster Marienthal 4 Lit. Ph. Wackernagel pass.; Hoffmann a. d. Ahr); John Meier, ebda 16, 99; Köhn, S. 60-70; Goedeke, Dt. Dichtg. im MA. 2 ZfdA. 34,40-47. — Artur Müller, D.nieder- S. 112-56; Bethmann, ZfdA. 5, 419-21 (An- rhein.Mar.lob., Berl.Diss. 1907; Wilh.Prön- fänge verschiedener Marienlieder); Paul Kü- necke, Studien über das niederrheinische Ma- chenthal, Die Muttergottes in d. ad. schönen rienlob, Göttinger Diss. 1904 (mit älterer Lit. Litteratur aaO.; A. Kober, Zur Gesch. d. dt. S. 5 f. 12 f.); Rob. Stroppel, Liturgie u. geistl. Mariendichtg., ZfdtUnterr. 28,1914, 595-619. Dichtung, 1927, S. 167 ff. 172. — Piper, Geistl. 691-700; s. auch Anselm Salzer, Die Sinn- Dichtg. 1, 293-300. bilder u. Beiworte Mariens in d. dt. Lit. u. lat. Mariendichtung, Marienlied 377 Maria, sie versinnbildlicht die Erde, Gestirne usw.; Bedeutung des Namens; die sieben Freuden Mariae; 51, 31-133, 12 Mariens himmlische Kleider und Kronen, der Thron, Überreichung des Buches an Maria und Bitte, es in Schutz zu nehmen. Schluß 133, 13 wieder in Strophen wie die Einleitung, Schlußgebet zu Jesus. An Wärme der Empfindung tritt dagegen zurück ein kürzeres Marien lob , 564 V., mitteldeutsch, Ende des 13. Jahrhunderts (oder Anfang des 14. Jahrhunderts?), das im Grundplan auf eine Häufung von Sinnbildern und Symbolen Mariae beruht (hgb. Adalb. Jeitteles, Germ. 31, 291-310; s. J. V. Zingerle, ZfdPh. 6, 377 f.; H.-Fr. Rosenfeld, Beitr. 53, 419-31 [neu aufgefundene Handschrift; das Gedicht tritt in bewußte Konkurrenz zur Goldenen Schmiede]). — „Das Blümel" ist genannt (im Schlußvers) ein Gedicht eines Zisterziensermönchs in Nepomuk in Böhmen (V. 399), verfaßt Ende des 13. oder im 14. Jahrhundert. 1 — Ave Maria (Bech, Germ. 6, 22f. [Akrostichon]; Klapper, ZfdPh.47, 83-87; s. Bruno Schönbeck). — Gereimte Mariengebete: Hoffmann v. Fallersleben, Ad. Bl. 1, 374-76 (Brachst.) ;Th. Jacobi, ZfdA.3, 130-34 (mfrk.); Gereimtes Mariengebet einer Frau, Pfeiffer ebda 8, 298-302. Der Leidenszug, der im Christentum liegt, findet seinen höchsten Ausdruck in den Marienklagen, 2 der Klage der heiligen Mutter beim Anblick der Leiden, des Kreuzestodes und des Begräbnisses des Sohnes. Der Verfasser von „Unser Frauen Klage" 3 kann sich nicht genug tun, diesen Jammer bei jeder neu eintretenden Leidenspein des Herrn immer zu wiederholen (1657 Verse; südrheinfränkisch?). Der Dichter, der Wolfram und Hartmann, Walther und Freidank kannte, hat aber den richtigen Ton getroffen, denn sein Werk war sehr beliebt (15 Handschriften); es gehört noch dem 13. Jahrhundert an. Die lateinische Quelle war die Interrogatio sancti Anshelmi de passione Domini. Das Gedicht war die Grundlage für die Oster- und Passionsspiele (Schönbach aaO.; Piper, Geistl. Dichtg. 1,308 f.). — Auf das niederrheinische Marienlob folgt in der Handschrift eine ebenfalls niederrheinische Marienklage, wahrscheinlich ein Jugendwerk des Verfassers. 4 — Zur Aufführung waren bestimmt die niederdeutschen Marienklagen, die Wolfen- büttler Marienklage (464 Verse) 5 und die Marienklage aus Bordesholm, 6 1 Hgb. Jos. Haupt, Wien. SB. 68,1871,205. XV. Jh.s vom Niederrhein aaO. S. 203-35; 208-14. — Gierach in Stammlers Verfasser- Schröder, Anegenge S.57. — Piper, Geistl. lex. 1, 250. Dichtg. aaO. 2 Schönbach, Üb. die Marienklagen, 1874, * Hgb. W. Grimm, ZfdA. 1, 34-39; Prön- dazu Jos. Haupt, ZfdPh. 6,250. — Pfeiffer, necke, Niederrhein. Marienlob S. 95-104. Ad. Bl. 2, 373-76; P. Norrenberg, Kölni- 5 Hgb. Schönemann, 1855. — Schöne- sches Literaturleben im ersten Viertel d. 16. mann, Nd. Korrbl. 25, 72; Oesterley, Nd. Jh.s, 1873 S. 4; Singer, Wolframs Willehalm Dichtg. in Goedeke, Dt. Dichtg. im MA. 2 , S.27. — Piper, Geistl. Dichtg. 1, 305-9. — 1871, S.75f.; Jellinghaus, Pauls Grundr. 2 Marien Klage als geistliches Spiel: Hoffmann, 373; Stammler, Gesch. d. nd. Lit., 1920, S.67f. Fundgruben 2, 259-83. 6 Hgb. G. Kühl, Nd. Jahrb. 24, 1899, 1-75 3 Hgb. Gust. Milchsack, Unser vrouwen u. Musikbeilage 1-14. — Jellinghaus aaO.; Klage, Beitr. 5, 193-257, Nachtr. ebda 7, Stammler aaO. S.68. 201 f.; Schade, Geistl. Gedichte d. XIV. u. 378 Die geistliche Dichtung des 13. Jahrhunderts diese von dem Mönch Reborch in dem Kloster Bordesholm bei Kiel 1475 verfaßt. Gebete Dem religiösen Bedürfnis dienten am stärksten, weil als persönlichste und unmittelbarste Verbindung mit Gott, die Gebete; 1 sie sind deshalb in den Handschriften mit Vorliebe aufgenommen. Prosaische Form erscheint erst nach dem 13. Jahrhundert, das noch mehr Formsinn hatte, in den beiden absteigenden Jahrhunderten des Mittelalters durchgehends. Besonders häufig sind die Mariengebete. Über Tagzeiten s. bei Geistl. Lit. d. 14. 15. Jahrhunderts. Legenden 2 Legende 3 ist Heiligengeschichte, Darstellung des Lebens und Märtyrtums eines Heiligen oder einer heiligen Frau. Die Heiligenlegende ist die Heldendichtung des Gottesstaates. Ein Unterschied besteht unter den einzelnen Er- 1 Allgemeine Lit. s. LG. II, 1,167-69.— Einzelne Stücke: Wackernagel, Ad. Predigten u. Gebete S. 211-48; Schönbach, Klagenfurter Gebete, ZfdA. 48,87-98 (Bruchstücke, 12.Jh., bayerisch, Reimpaare), s. auch Schönbach, Üb. einige Breviarien von St. Lambrecht, ZfdA. 20, 129-97 (12. Jh.); Bartsch, Gebet d. Xll.Jh.s, Germ. 25, 393 f. (gereimt); Psilander, Mhd. Frauengebete in Upsala, ZfdA. 49, 363-75 (z. Teil gereimte Prosa, z. Teil überhaupt Prosa, 12. 13. Jh., bayer.). — J. V. Zingerle, Zwei Travestien, 1. Der pater noster, 2. Das ave Maria, Germ. 14, 405-08 (gereimt), 13. Jh. (?), die beiden Gebete sind in weltlichem Sinne auf die irdische Minne von Nonnen übertragen, Klosterminne, was auch im Stil sich ausprägt, der minnesängerischen Einschlag hat. — Hedwig Müller, Das Gebet in d. mhd. erzählenden Dichtung, Marbg. Diss. 1924, Masch.dr. — Das Buch der 7 Grade (des Gebetes) vom Mönch von Heilsbronn s. oben. 2 Lit. zu Legenden: Die Acta Sanctorum hgb. von den Bollandisten, Antwerpen seit 1643. Dr. Andreas Räß, Bisch, v. Straßburg. u. Dr. Nikolaus Weis, Bisch, v. Speyer, Leben der Heiligen Gottes, neu bearbeitet von J. Holz- warth, I.Bd. 13. Aufl. 1854, II. Bd. 11. bis 13. Aufl. 1901 (Lit. Bd. II, 738); Goedeke, Grundr. I 2 , 43^15. 230-36. 467-69 (nd.); Wackernagel, LG. I 2 , 451 f. — Jos. Reinkens, Religiöse Parabeln, 1863; Ernst Lucius, Die Anfänge d. christl. Kirche, 1904; R. Reit- zenstein, Hellenistische Wundererzählungen, 1906; Friedr. Wilhelm, Deutsche Legenden u. Legendare 1907; Ludwig Zopf, Das Heiligen-Leben im 10. Jh., 1908; Burdach, Dresd. Philol.-Vers. 1902 S.29; Ders., Vom MA. zur Ref.1,1,21 ff.; A.Bellesheim, Kleines Leben der Heiligen, 1906; P. Merker, Studien zur nhd. Legendendichtung, 1906; H. Günter, Legendenstudien, 1906; H. Delehaye, Die hagiographischen Legenden übersetzt, 1908; Sparnaay, Verschmelzung legendarischer u. weltlicher Motive in d. Poesie des MA.s, Groningen 1922; Goswin Frenken, Wunder u. Taten der Heiligen, 1925 (mit Lit. S. 185-232). — Jellinghaus, Grundr. 2 2 (1901) S.367f. — Heinr. v. Eicken, Gesch. d. mittelalterl. Weltanschauung, 1887, S. 680-90; Wilhelm, Beitr. 33, 303ff.; Zwierzina, Der Pelägia- typus der fabulosen Märtyrerlegende, Gott. Nachr. 1929, 130-56; Agnes Geering, D. Figur des Kindes in d. mhd. Dichtung, 1899, darin „Das Kind in der Legende" S. 77-117; Ehrismann, Festschr. Kelle 1908, 319 ff. — Geschichtliche Verbreitung von Legenden: Heinr. Watenpfuhl, Die Geschichte der Marienlegende von Beatrix der Küsterin, Diss. Göttingen 1904; Leitzmann, Die Quellen zu Gottfr. Kellers Legenden, 1919, dazu Carl Beck, Anz. 41,104 f.; Friedr. Zoepfl, Mittelalterl. Caritas im Spiegel der Legende, 1929.— Goedeke, Grundr. I 2 , 43^5. 230-36. 260 ff. 467-73 (nd.); Piper, Geistl. Dichtg. 2 S. 1- 85; LG. II, 1, 143, s. auch S. 63. 172-75; Merker, Reallex. 2, 177-200 (Lit.); Kurt H. Halbach, Sachwörterbuch der Deutschkunde Bd. I, 1930, 398 f. — Deutschordenslegende s. unter „Deutschordensliteratur". Mehrere Legenden zusammen behandeln: Schade, Geistliche Gedichte des XIV. u. XV. Jh.s aaO.; Schönbach, Miscellen aus Grazer Hss., Mitteil. d. hist. Ver. f. Steiermark 46, 1898 (Prosalegenden); Warnatsch, Schlesi- sche Legenden, Mitteil. d. schles. Ges. f. Volkskde 3 (5), 1896, 69-71. 6, 1899, 20-29; H. Reidelbach, Die frommen Sagen u. Legenden des Königreichs Bayern, 1897; R.Benz, Alte deutsche Legenden, 1910 (20 Legenden aus dem i. J. 1471 zu Augsburg gedruckten Leben der Heiligen); Friedr. Wilhelm, Das Jenaer Mar- tyrologium u. die Unterweisung zur Vollkom- Gebete. Legenden. Legendensammlungen 379 Zeugnissen hinsichtlich des Verhältnisses von Legende zur Geschichte, von Dichtung und Wirklichkeit. Ein historischer Kern, eine wirkliche Persönlichkeit, ist wohl meistenteils der Ausgangspunkt, aber die fabulöse Ausschmük- kung umhüllt mehr oder weniger die Tatsachen mit dem Wunderbaren, wobei die Darstellung in einer typischen Technik mit Wiederholung hergebrachter Motive verläuft. Etymologisch bedeutet Legendse, neutr. pl., das was gelesen werden soll, kirchlich: Lesung von ausgewählten Stücken, speziell, zum fem. si. geworden, Vorlesung der Geschichte eines Heiligen beim öffentlichen Gottesdienst oder in Klöstern. Die früheren Legenden waren in poetischer Form abgefaßt; im 13. Jahrhundert kam auch Prosa auf, die im 14. 15. Jahrhundert mehr und mehr zur Anwendung kam; auch wurden Verslegenden in Prosa aufgelöst. Die gereimten Legenden hielten Schritt mit der Verskunst der Zeit. Die früheren Legenden, bis in das 12. Jahrhundert, haben einfachere Stilart; im 13. Jahrhundert wurde die höfische Kunst auch von Einfluß, der Geschmack ist feiner geworden, sowohl hinsichtlich der Form als des Inhalts; damit ist die Erzählungskunst gewandter, die Legende ist zur geistlichen Novelle geworden. Mit dem Sinken der Kunst im 14. 15. Jahrhundert wird auch die Legendendarstellung roher, besonders auch die geistige Auffassung. — Mit Zunahme der geistlichen Spiele, vereinzelt schon im 13. Jahrhundert, kamen auch Legendenstoffe auf die Bühne. Die Aufzeichnung der Legenden geschah entweder in Sammlungen (Legendare) oder in einzelnen Exemplaren, demnach besteht auch unsere Überlieferung aus Legendensammlungen, die eine Reihe von Legenden enthalten, oder in einzelnen Denkmälern. Weit verbreitet war die Legendensammlung „Legenda aurea" von Jacobus de Voragine, 1 1230-98, Erzbischof von Genua, verfaßt zwischen 1263 und etwa 1288, eine Hauptquelle der spätmittelalterlichen Legendenliteratur. Legendensammlungen Zwei der umfangreichsten Legendenwerke gehören der Literatur des Deutschordens an: DasPassional 2 und das Väterbuch; jenes, um 1300 gedichtet, faßt in 100000 Versen die Legendenliteratur zusammen unter den drei Ab- menheit, Münch. Mus. 5,1928,1-105 (14. Jh.). Helm, Beitr. 43, 341-45; Schröder, ZfdA. — Andre Jolles, Einfache Formen, 1930; 44,421; Ders., Beitr. 43, 545-48; Strauch, Petsch, Die Lehre von den „einfachen For- ebda S. 549; Baumgartner, Archivum Fran- men", Dt. Vjschr. 10, 1932, 335-69. ciscanum V, 1912, 210 f.; E. v. Steinmeyer, [Des inneren Zusammenhangs wegen sollen Die historia apocrypha der legenda aurea, im folgenden die Legenden in Reim und Prosa Münch. Mus. 3, 155-66; Wilhelm, ebda 4, 76. des 13. 14. u. 15. Jhs. ungetrennt behan- — Die Leg. aurea wurde verdeutscht, elsäß., delt werden.] Hs. v. J. 1362: Birlinger, Legenda aurea, 3 Begriff der „Legende": Zopf, Das Heiligen- elsäß., Alem. 13,65-131.14,113-82; Wilhelm, Leben S.62ff.; Merker aaO. S. 177; Du Legenden S. 135^5; Petzet, Catalogus S. 11 f. Cange-Henschel Bd. V S. 59 f. — LG. II 1, (mit Lit.). 143. — Im folgenden werden die deutsch ab- 2 Ausg. K. A. Hahn, D. alte Passional, 1845 gefaßten Legenden zu besprechen sein. (die beiden ersten Bücher), daraus: Pfeiffer, 1 Hgb. Joh. Georg Theod. Grässe, 1846; Marienlegenden, 1846, 2. Aufl. 1862 (s. auch übersetzt v. R. Benz, I 1917. II, 1921. — v. d. Hagen, GSA. Nr. 83 ff.); Fr. Karl 380 Die geistliche Dichtung des 13. Jahrhunderts schnitten: Leben Jesu und Mariae mit zahlreichen, zum Teil sehr poesievollen Marienlegenden; das Leben der Apostel und Evangelisten, Johannes des Täufers und der heiligen Magdalena; das Leben von fünfundsiebenzig Heiligen in der Reihenfolge des Kalenderjahres, darunter ebenfalls Perlen der Legendenliteratur wie die Legenden der heiligen Katharina, des heiligen Franziskus. Als Hauptquelle liegt zugrunde die Legenda aurea des Jacobus de Voragine. 1 Das Passional ist eine Dichtung von hohem Werte, sowohl in der sprachlich freien Beherrschung der Form 2 als in der Wärme des Gehalts und zeugt noch von guter höfischer Art. Die Masse zerfällt in einzelne Heiligengeschichten, die für sich Anteil erwecken und doch durch das gemeinsame Band eines christlichen Heldenstaates zusammengehalten werden. Der Verfasser, jedenfalls Geistlicher, nennt sich nicht. 3 Die Sprache 4 weist ins Preußische Ordensland, der Wortschatz hat manche Verwandtschaft mit der sonstigen Deutschordensdichtung. Man nimmt an, daß der Dichter ein Mitteldeutscher war (vom Mittelrhein), der längere Zeit im Ordenslande lebte; er hat auch die spätere Ordensdichtung stark beeinflußt. — (Ein Prosa- Passional, 15. Jahrhundert, in einer Tübinger Handschrift, s. Wackernagel, Leseb. 5 Sp. 1397-1400.) Köpke, D. Passional, 1852 (das dritte Buch). — Lit.: Goedeke, Mittelalter 2 S. 208-19. Piper, Geistl. Dichtg. 2, 128-33; Ziesemer, Lit. d. Dt. Ordens S. 39^9. — Abhandl.: Pfeiffer, Vorw. S.Vff. u. ZfdA. 8, 159 f.; J. V. Zingerle, Wien. SB. 64; Bech, Spicilegium verborum usw., Progr. Zeitz 1859; Bartsch, Mitteldeutsche Gedichte, 1860, XII f.; Rob. Reinsch, Die Pseudo-Evangelien von Jesu u. Maria's Kindheit, 1879, 115 f.; Osw. Zingerle, Üb. e. Hs. d. Passionais u. Buches der Märtyrer, Wien. SB. 105 H.l, 1883, dazu Strauch, Anz. 11, 233-35; Karl Schröder, Bartschs Germanist. Stud. 2, 159-97; Wilhelm, Deutsche Legenden u. Legendare, 1907, 59 ff.; Erich Mai, D. mhd. Gedicht vom Mönch Felix, 1912,63 ff.; Stroppel, Liturgie u. geistl. Dichtg., 1927, 44 ff.; G. Prochnow, Mhd. Silvesterlegenden, Marbg. Diss. 1901, 36-51; R. Latzke, Ueb. die Proömien u. Epiloge z. mhd. Pass., Progr. Korneuburg 1902/3; Hans Vollmer, Materialien zur Bibelgesch. I, 1912; Schröder, Zwei Editionen d. Pass., ZfdA. 40, 301 ff.; Helm, ZfdUnterr. 30, 1916, 298 ff.; Agnes Geering, Die Figur des Kindes, darin Die Heiligen des Passionais S. 95-98; H. Lichtenberg, D. Architekturdarstellungen in d. mhd. Dichtg., 1931, S.27. 57; Maria Oesse- nich, D. mhd. Ged. v. der heil. Elisabeth, Bonn Diss. 1921 ungedr., darin die Elisabethlegende im Pass.; Dies., ZfdPh. 49, 181-95; Hübner, Reallex. 2, 653 f.; Merker, ebda S. 185. — Einwirkg. auf die Martina des Hugo v. Langenstein: Helm, ZfdPh. 46, 479. — Hss.: 7 und viele Bruchstücke, Goedeke, Grundr. I 2 , 262; Piper aaO., Kläden, v. d. Hagens Germ. 7, 249-72; Steffenhagen, ZfdA. 13, 504 f.; Lambel, Mitteil. d. Ver. f. Gesch. d. Deutschen in Böhmen 22, 33-44; Alfred Neumann, ZfdPh. 22, 321-24; Schröder, ZfdA. 40, 301 -4. 49, 159 f. 54, 423; G. Wolff, Münch. Mus. 3, 344-50; P. Zimmermann u. Zwierzina, S. Margareta u. Daniel, ZfdA. 42, 179-85; Polheim u. Zwierzina in: Glückwunsch für Ferd. Eichler, 1920; Scheel, Festg. f. Weinhold S. 45 f.; Stoll, Beitr. 50, 302-5. — Veröffentlichte Bruchstücke: Bruchstücke aus e. unbekannten Passional in Versen: Zimmermann u. Zwierzina aaO.; Heigel, Germ. 20, 444-48; Johannes Meyer, Alem. 9, 1-5; Friedr. Ranke, E. neue Hs. des gereimten Passionais, Königsberger Beiträge, Festgabe usw. (1929), 301-15. 1 Hgb. Grässe, 1850. — Quelle: Jos. Haupt, Üb. d. Väterbuch, Wien. SB. 69, 71-146. 70, 101-88; Jos. Wichner, D. Legenda aurea, Quelle des Alten Passionales, ZfdPh. 10, 255 -80; Ernst Tiedemann, Passional u. Legenda aurea, Pal. 87,1909; s. auch Wilhelm, Legenden aaO. Einfluß der Liturgie: Stroppel, Liturgie u. Geistl. Dichtg., 1927, pass. 2 Reimhäufung: Strauch, Anz. 23, 276; Wortwiederholung: de Boor, Festschr. Ehrismann, 1925, 145 f. — Zum Stil s. Adolf Hauffen, ZfdA. 32, 337-79 pass. 3 Schwietering, Demutsformel S. 31 f. — Heimat: Schröder, Münch. SB. 1924 S.5. 4 Franke S. 57-75, Stil S. 75-85, Metrik S. 85-97. Legendensammlungen 381 Das Väter buch 1 (Leben der Altväter), 41 540 Verse, fällt vor das Passional, etwa um 1280: Zumeist hält man den Verfasser des Passionais auch für den Hersteller des Väterbuches, 2 wonach er etliche 140000 Verse zusammengebracht hätte. Das Väterbuch erzählt das Leben der sogenannten Altväter, der ersten Mönche, der Einsiedler in der ägyptischen Wüste in den ersten christlichen Jahrhunderten und bildet mit dem Passional zusammen eine nahezu vollständige Vereinigung der wichtigsten Heiligenlegenden. Quelle 3 für das Väterbuch sind die Vitae patrum (Vitas patrum), 4 die durch den heiligen Hieronymus begründet wurden, dazu auch die Legenda aurea. — Für Stil und Metrik gilt das gleiche wie für das Passional. 5 Eine ähnliche Legendensammlung wie das Passional, jedoch von geringerem dichterischen Werte, ist Das Buch der Märtyrer, um 1300, von einem ungenannten, dem westlich-ostfränkischen Sprachgebiete angehörenden Verfasser. 6 Auch dieser folgt der Legenda aurea des Jacobus de Voragine. Unter den Legendensammlungen in Prosa ist zuerst das Heiligenleben von Hermann von Fritzlar zu nennen. 7 Das Werk trägt insofern einen lite- J Ausg.: K. Reissenberger, Dt. Texte d. MA.s Bd. 22,1914, dazu Strauch, DLz. 1915, 2150-2, Behaghel, Lbl. 1917, 225 f. (Verf. ein Niederdeutscher, der hd. schrieb), Frantzen, Museum 24, 132 f. — Abhandl.: Wackernagel, D. ahd. Hss. der Basler Univ.bibl., 1835, 57 f.; Carl Franke, Das Veterbüch, 1. Lief. 1880 (mehr nicht erschienen, Einl. u. Text V. 1-4958), dazu Schönbach, Anz. 7, 164-71, Schröder, DLz. 1881, 890. —Jos. Haupt, Üb. d. md. Buch d. Väter, Wien. SB. 69, 71-146. 70, 101-88; J. G. Müller, Germ. 25,409-15; K. Hohmann, Beitr. z. Väterbuch, Hermäa 7, 1909; Erich Mai, D. mhd. Gedicht vom Mönch Felix (s. oben) S. 63 ff.; Erich Klibansky, Gerichtsszene u. Prozeßform, 1925, 35 f. — Stellen: Bech, Germ. 28, 386 -89; Schwietering, Demutsformel S.82; H.- Fr. Rosenfeld, ZfdA. 67, 46f.; Bruno Schier, Das Braunauer Bruchstück des Väterbuchs, Jahrb. d. Riesengebirgsvereins 18, 1930, 77-82; Merker-Stammler, Reallex. 2, 183. — 1 vollständige Hs., viele Fragmente: Jos. Haupt aaO.; Franke S. 17-54;Bartsch Quellenkunde S. 196 ff.; Piper, Geistl. Dichtung 2, 131 f.; Schröder, Anz. 41, 94; Zie- semer, ZfdA. 71,102; E. Caflisch-Einicher, Beitr. 57, 284-98; Reissenberger, Ausg. — Eine Prosaübersetzung der Vitae patrum, 14. Jh.: Franz Bär, Die Marienlegenden der Straßbg. Hs. 863, Straßbg. Diss. 1914. 2 Pfeiffer, Marienlegenden S. XIV; Zin- gerle, Findlinge, Wien. SB. 55, 1867, 633 ff. 64, 1870, 143 ff.; Franke S. 1. 54-7; dagegen Schneider, LG. S. 306 f. — Eine Reihe von Stellen stimmen in beiden Gedichten fast wörtlich überein. 3 Franke S. 2-17. 4 Eine deutsche Prosaübersetzung der Vitas patrum, (14. Jh., südl. Rheinfränk.?) ist hgb. von Palm, Der Väter Buch, Lit. Ver. Nr. 72, 1863. — Nebert, ZfdPh. 35, 371-96; Pekka Katara, Bruchstücke eines mnd. Buches der Altväter, Neuphilol. Mitteil. 28, 1927, 89-106; Merker, Reallex. 2, 186. 6 Stil: Franke S. 75-85; Metrik: ebda S. 85 -95. — Zur Mundart: Schirokauer, Beitr. 47, 84. 6 Ausg.: Erich Gierach, Das Märtyrerbuch, Dt. Texte d. MA.s 32, 1929, dazu Behaghel, Lbl. 1930, 178 f., Piquet, Rev. germ. 20,1929, 385 f. — Abhandl.: Jos. Haupt, Üb. d. mhd. Buch d. Märtyrer, Wien. SB. 70,1872,101-88; Osw. Zingerle, Ueb. e. Hs. d. Pass. u. Buches d. Märt., Wien. SB. 105, 1883, H. 1, 3-110, dazu Strauch, Anz. 11, 233-35; Wilhelm, Deutsche Legenden u. Legendare 183 ff.; Th. Längin, Karlsruher Bruchst. d. mhd. Buches d. Märt., o. J., dazu Behaghel, Lbl. 1925, 152. — Bartsch, Die dt. Hss. d. Univ.-Bibl. in Heidelberg, 1886, 93-95. — Goedeke, Grundr. I 2 , 232; Piper, Geistl. Dichtg. 2, 134 f.; Merker, Reallex. 2, 183; Gierach in Stammlers Verfasserlexikon 1, 311-14. 7 Ausg. Franz Pfeiffer, Deutsche Mystiker des 14. Jh.s I, 1845 S. XIII-XXII. 3-258. — Lit.:KoBERSTEiN l 6 ,434f. — Preger, Gesch. d. dt. Mystik im MA. II 1881, 103-107; Jos. Haupt, Wien. SB. 76, 1874, s. auch Wien. SB. 94. — Strauch, Anz. 9,123 ff.; Wilhelm, Deutsche Legenden u. Legendare S. 146-74; Gertr. Lichenheim, Stud. zum Heiligenleben H.s v. Fr., Hall. Diss. 1916, dazu Götze, Lbl. 1918, 354-56; Boucke in Hoffstätter-Panzer, Grundzüge d. Deutschkde., 1925, S. 93; Merker, Reallex. 2, 186 b. 382 Die geistliche Dichtung des 13. Jahrhunderts rarischen Charakter, als es eine Persönlichkeit erkennen läßt, so schwer auch die Leistung derselben zu beurteilen ist. Der Name des Verfassers ist am Schluß, S.258, 31, genannt mit der Angabe der Zeit der Niederschrift, 1349; der Prolog wurde gemacht 1343 (S.4, 13); als Datum der Herstellung ist also 1343^19 anzusetzen. Der Prolog erörtert auch die Entstehungsweise: „Dies Buch ist zusammengelesen aus viel anderen Büchern und aus viel Predigten und aus viel Lehrern" (4, 15. 63, 22). In der Tat kommt dem Verfasser kein größeres Verdienst zu als das eines belesenen Sammlers, selbst die so persönlich klingenden Berichte über örtlichkeiten in Spanien und Italien, die ihn als einen weitgereisten Mann erscheinen lassen, sind aus Pilgerbüchlein und Ablaßkatalogen zusammengetragen (Wilhelm aaO.). In der Anlage stellt sich das Werk als eine Predigtsammlung auf die Heiligentage des ganzen Jahres dar. Stark ist der mystische Einschlag (vgl. u. a. 63, 20. 129, 39). Die Prosa ist gewandt gehandhabt in lebendiger Darstellung. Hermann v. Fritzlar hat auch selbst einen aus mystischen Aussprüchen und Predigten zusammengestellten Traktat geschrieben, Blume der Schauung (vor dem Heiligenleben, s. 109, 12), der doch wohl eins ist mit dem Buch, das heißet „plum der beschauung und der geistlichen ubung (Preger 1, 321. 2, 426-34; Wilhelm aaO. S. 146). Andere prosaische Legendensammlungen (Passionale, Vita Sanctorum) sind zahlreich in Handschriften verbreitet. Das umfangreichste ist „Der Heiligen Leben", gedruckt Augsburg 1471. Es zerfällt in einen Winterteil und einen Sommerteil ; x zuweilen ist in den Handschriften nur ein Teil überliefert. Christuslegenden 2 Eine hervorragende Stelle in der Heiligenliteratur nimmt das Gedicht Der Saelden Hort ein, 3 von einem alemannischen Dichter, Ende des 13. oder Anfang des 14. Jahrhunderts. Das Werk erzählt im ersten Teil das Leben Jo- 1 Bartsch, Die ad. Hss. d. Univ.-Bibl. in AuchdiegedrucktenHandschriftenkatalogeent- Heidelberg, 1886, Nr. 86 (Cod pal. germ. 144 halten Notizen über Legendare und Legenden, vom J. 1419) S. 36. — Von Wilhelm, Legen- 2 Im altenPassional ed. Hahn 1845, S. 1-119. den (S. 174-212 u. Texte S. 20*-33*) „Wenzel- 3 Ausg. Heinr. Adrian, Der Saelden Hort, Passional" genannt. Das Legendär wurde zu alemann. Ged. vom Leben Jesu, Johannes d. Nürnberg während der Regierung König Wen- Täufers, der Magdalena, Dt. Texte d. MA.s, zels zwischen 1391 und 1400 verfaßt (S. 177). Bd. 26, 1927, dazu Singer, Anz. 47, 127-32, — Schröder, Anz. 44,48 f. — Andere Legen- Strauch, DLz. 1927,2207-09, Behaghel, Lbl. dare: Tübinger Hs., Wackernagel, Leseb. 6 1929, 172 f., Piquet, Rev. germ. 19, 52 f., S. 1398 f.; Klosterneuburger Hs. (Ad. Bl. 2, F. R. Schröder, GRM. 16, 486. — Adrian, 86 f.); Heidelberger Hs. Cod. pal. germ. 342, D. alem. Ged. v. Joh. d. Täufer u. Maria Mag- Bartsch, Katal. Nr. 170 S. 93-95; Wiener dalena, Straßbg. Diss. 1908; Singer, D. Hs. 2694, Hoffmann, Verzeichnis d. ad. Hss. malterl. Lit. in d. dt. Schweiz, 1930, 39-41. der k. k. Hofbibliothek zu Wien, 1841,124-29; 194; Jos. Haupt, Wien. SB. 34,1860,279-306 Das Bebenhausener Legendär im Cgm. 257, (hier ist trotz des Zitates S.283 V. 9 „Der Wilhelm, Legenden S. 213-34 u. Texte S. 37* Saelden Hort" noch nicht als Titel gewählt); -39*, ja nicht zu vergessen sind die Lektionen Heinr. Lichtenberg, Architekturdarstellun- des Heiligenfestes des Breviarium Romanum. gen aaO. S. 94 f. Christuslegenden 383 hannes des Täufers, wobei Ereignisse aus dem Leben Jesu eingeflochten sind, im zweiten die Legende von der Maria Magdalena, mit Beiziehung von Jesu Lehrtätigkeit, Leiden, Tod und Auferstehung. So sind Anfang und Schluß des Lebens Jesu miteinander verbunden, und das Ganze ist zugleich eine Darstellung desselben. Das Eigenartige des Stils liegt darin, daß der Dichter seine Schilderungen oft nach der Mode und den Sitten seiner Zeit, auch in der drastischen Sprache, einrichtet, so daß er lebendig und gegenwärtig wirkt. Sein Gott und der heiligen Jungfrau geweihtes Buch soll den Auserwählten wohlgefällig sein, mehr als „Wigoleis" und „Tristand". Grundlage ist die Bibel, dazu sind Kirchenväter beigezogen, auch die Legenda aurea. Der Verfasser war Geistlicher und besaß ein erhebliches Wissen (Zeit: bald nach 1298, Dialekt alemannisch, der Dichter war wahrscheinlich aus Basel). Die Legende vom Kreuzesholz 1 geht in den Mittelpunkt des christlichen Glaubens, das Kreuz ist das Symbol der Erlösung. Die Legende davon hat an sich nichts von diesem religionsgeschichtlichen Werte; sie ist nur eine Sage von der Geschichte des Kreuzesbaumes. Als solche enthält sie zunächst die Erzählung von der Sendung Seths ins Paradies durch Adam, dann die von der Königin von Saba und Salomo, weiterhin ist sie verbunden mit Sibyllen Weissagung (s. oben Sib. Weiss.). Durch die Beziehung zu Adam hängt die Kreuzholzlegende zusammen mit der Legende von Adam und Eva (siehe oben Lutwin), auch mit dem Feste der Kreuzerfindung (Entdeckung des heiligen Kreuzes). Auch im Deutschen wie in den andern abendländischen Sprachen ist sie mehrfach behandelt worden; an erster Stelle ist zu nennen Heinrichs v. Freiberg Gedicht vom heiligen Kreuz (siehe oben), das die Schicksale des Paradiesesholzes erzählt bis auf Salomo und die Königin von Saba mit Ausblick auf Christus. Einen noch weiteren historischen Umkreis umschließt Helwigs Märe vom heiligen Kreuz, 2 in dem die Abschnitte Adam, Moses, David, Salomo, Christus, Constantin, Eraclius ausgiebig erörtert werden. Der Verfasser nennt sich im Eingang von Waldirstet Helwic, die Sprache ist thüringisch, die Zeit um 1350; 980 V. Helwig hat nach einer lateinischen Quelle gearbeitet, doch nicht mechanisch; sein Stil ist schlicht, ohne besondere Kunstmittel. 1 Mussafia, Sulla leggenda del legno della C. von Kraus, Über d. Kreuzesholz, Münch. Croce, Wien. SB. 63; C. Schröder, Van deme SB. 1929, IV, 12 ff. Nd.: Oesterley in Goede- holte des hilligen crüzes, 1869; A. Zöckler, kesDt.Dichtg. imMA. 2 S. 10 f. — Lit.: Piper, D. Kreuz Christi, 1875, darin S. 235 u. 275 ff. Geistl. Dichtg. 2, 41-44. — Friedr. Ranke, die Kreuzholzlegende des MA.s; Arturo Graf, Der Erlöser in der Wiege, 1911, dazu Panzer, La leggenda del paradiso terrestre, Torino Anz. 38, 137 ff. — Siehe oben Geistl. Lit. d. 1878; Franz Kampers, Malterl. Sagen vom 14. 15. Jh.s. Paradies u. vom Holz des Kreuzes Christi, 2 Paul Heymann, Helwigs Märe vom heili- 1897; Wilh. Meyer, Vita Adae et Evae, gen Kreuz hgb., Pal. 75, 1908, dazu Bernt, Münch. Abh. 14, 1879 u. 16, 1882; Ders., Die Anz. 33, 278-82, Strauch, DLz. 1909 Nr. 15; Geschichte des Kreuzholzes vor Christus, ebda Ehrismann, ZfdPh. 45, 305 f.; Zwierzina, 16, II, 1881. — W. E. Peukert, D. Leg. vom Festschr. Ehrismann 1925, 56 ff. (sprachl.); Kreuzholz Christi im Volksmunde, Mitteil. d. Schröder, ZfdA. 69, 124 (aus Freiburg i. B., schles. Ges. f. Volkskd. 28, 1926/27, 164-76; Anf. 14. Jh.). 384 Die geistliche Dichtung des 13. Jahrhunderts Eine niederdeutsche Kreuzholzlegende ist Van dem holte des hilligen cruces, 770 Verse, eine fast wörtliche Übersetzung des niederländischen Gedichtes Boec van dem houte (hgb. Karl Schröder, 1869). Eine andere niederdeutsche Fassung: Van dem holte darane starf Marien sone, 807 Verse. Weitere Bearbeitungen der Kreuzlegende: Passional, Köpke S.265-90; Herrn, v. Fritzlars Heiligenleben S. 126-30; Schade, Sibillen Boich, Geistl. Gd. S. 291-332; Frauenlob hat sie seinem schwülstigen Kreuz- leich zugrunde gelegt (Ettmüller S. 16-24); Heslers Evangelium Nicodemi (ed. Helm V. 2914 ff.). Gegenüber der Legende vom Kreuzesholz ist die Legende von der Kreuzerfindung (Kreuzauffindung) geschichtlich bezogen und wird als Tat der Kaiserin Helena oder des Kaisers Eraclius (LG. II, 2, 117 ff.) dargestellt. — Goedeke, Grundr. I 2 , 234. Legende von den heiligen Drei Königen. Das mittelniederdeutsche legendarische Epos Zeno erzählt, wie die toten Körper der heiligen Drei Könige aus dem Morgenland nach Mailand und von da nach Köln gebracht wurden, wo sie als Reliquien verehrt werden. Um 1300, 1636 Verse. — Aug. Lübben, Zeno oder die Legende von den Heil. Drei Königen, Ancelmus vom Leiden Christi; 1869; Wilhelm, Zur Dreikönigslegende, Münch. Mus. 2, 146-190; Stammler, Geschichte d. nd. Lit. S. 20 f.; Ders., Mnd. Leseb. S. 70 u. Anm. S. 140; Stellen: Sprenger, Nd. Jb. 17, 1891, 92 f. — Druck einer anderen Fassung nd. von 1509: Goedeke, Grundr. I 2 , 468; Norrenberg, Kölnisches LiteraturlebenaaO.S. 14-16.39-54; Nd.: Oesterley in Goedekes Dt. Dichtg. im MA. 2 S. 17 f.— H. Kehrer, Die Heil. Drei Könige in Lit. u. Kunst, 1909, 1, 82-95, Abdruck einer 1475 geschriebenen Dreikönigsieg. — Eine obd. Drei- Königs-Leg. von 1389 s. Wackernagel, Die ad. Hss. der Basler Univers.- bibl., 1835, 58 u. LG. I 2 , 451 Anm. 207; rheinisch: Karl Peusqueus, Zeno, ein rhein. Spielmannsged. von d. heil, drei Königen, Köln. Diss. 1923. An die Christuslegenden schließt sich auch an Die Sultanstochter im Blumengarten, eine in Deutschland, Holland, Skandinavien häufig behandelte, auch in viele deutsche Volksliedsammlungen übergegangene Legende von der Entführung einer heidnischen Jungfrau durch Christus. Die älteste mittelhochdeutsche Fassung, Handschrift Ende 15. Jahrhunderts, hat folgenden Inhalt: die Tochter des Sultans von Babylon geht im Blumengarten des Schlosses spazieren, wird verzückt von der Pracht der Blumen und von Verehrung für deren Schöpfer hingerissen. Da sendet ihr Gott einen Engel, der bringt sie in ein Kloster und empfiehlt ihr Keuschheit; sie wird getauft und Äbtissin und nach dreißig Jahren von dem Engel in das Himmelreich abgeholt. Hier erscheint nicht Christus selbst, sondern sein Engel. Es ist eine Lehre für Nonnen, die als erste Forderung Keuschheit verlangt. 1 1 Hgb. (400 V.) J. Bolte, ZfdA. 34, 18-31 sionen und neueren Volksliedern, alles zusam- (mit Aufzählung aller erhaltenen älteren Ver- men 34 Nummern und mit Lit.). Die Heiligenlegenden im einzelnen 385 Die Heiligenlegenden im einzelnen Selten nennen die Verfasser von Legenden ihre Namen, doch haben auch höfische Dichter dieser religiösen Gattung sich zugewendet: so gehören hierher Veldekes Servatius, Hartmanns v. Aue Gregorius, Rudolfs v. Ems Barlaam, Reinbots v. Durne Heil. Georg, Konrads v. Würzburg Alexius, Silvester, Pantaleon (zugeschrieben wird diesem auch eine Legende von Nicolaus) und Wolframs Willehalm, welcher ein der Geschichte angehöriger Heiliger ist. Die Gestaltung der Heiligen ist ausgesprochen typisch, 1 ihr Leben und damit auch ihr Sterben, ihre ganze seelische Verfassung bewegt sich in den gleichen Gedankengängen, Gefühlserregungen und Willensstrebungen, geht aus der gleichen seelischen Struktur hervor. Die höchste Verehrung, die Siegespalme, haben die Märtyrer errungen, sie gehören den frühesten christlichen Jahrhunderten an; im Urchristentum erlitten als Glaubenszeugen den Tod Ste- phanus der Protomartyr, die Apostel Andreas und Thomas, Dionysius; zur Zeit der römischen Christenverfolgungen Julianus, Sebastian, Mauricius, Georg, Gallicanus, St. Veit, durch die sarrazenischen Heiden Pelagius. Die völlige Hingabe an Gott fanden die asketischen Heiligen in der Aufgabe aller Erdenlust, der Ehren und des Reichtums: Alexius, Ludwig v. Toulouse, die Einsiedler Abraham, Aegidius, Antonius, Paulus; durch Entsagung und Kasteiung erlangten die hohe Gnade die Büßer Albanus, Gregorius (ödipussage), Theophilus (Faustsage); von Gott selbst zum Christentum berufen wurden Christophorus, Eustachius; endlich wurden mit der Glorie des Heiligenscheins umgeben besonders fromme und um die Kirche verdiente Geistliche: Hierony- mus, Hilarius, Silvester, Servatius, Nicolaus, Gallus, Gebhard, Ulrich, Anno, Patricius, Brandan, Dominicus, unter den Laien Karl d. Große, Wilhelm v. Toulouse. — Sind so einzelne Typengruppen nach einem einheitlichen Plan schematisiert, so bringen doch immer Einzelstilisierungen Abarten hervor, wie z. B. die Steigerung der allen Naturgesetzen widersprechenden Wunder bei den Folterungen der „Märtyrer von unzerstörbarem Leben" (Zwierzina, Die Legenden der Märtyrer von unzerstörbarem Leben, Innsbrucker Festgruß dargebracht der 50. Philol.-Vers. in Graz 1909). Nach sozialer Abstufung ergibt sich die Legendenreihe: Päpste, Bischöfe, Äbte, Mönche, Einsiedler; Kaiser, Fürsten, Ritter und Krieger, vornehme Bürger. Der heilige Abraham, ein Einsiedler, in Edessa geboren, entsagte sofort nach den Zeremonien der Eheschließung der Welt und ging in eine einsame Zelle. — Mones Anz. 3, 38 ff. 8, 339 ff. Der heilige Adelbert, s.oben Deutschordensliteratur, Legenden (Heinr. v. Hesler). Aegidius, frommer Einsiedler, wird entdeckt von Kg. Flavius bei der Verfolgung einer Hirschkuh, wird Abt, vollbringt Heilungen und Wunder. 1 Nach Heiligen-Typen geteilt ist Heinrichs Litanei, Hoffmanns Fundgruben 2, 215 ff.; s. LG. II, 1, 172-75. 25 Deutsche Literaturgeschichte IV 386 Die geistliche Dichtung des 13. Jahrhunderts Seine Seele wird von Engeln in den Himmel getragen. — Passional, Köpke S. 453-57. — LG. II, 1, 153-55; Goedeke, Dt. Dichtg. im MA. 2 S. 158. Der heilige Albanus, christl. Ödipussage, s. LG. II, 1, 155-57; Typus: fürstlicher Büßer. — Siehe Andreas Kurzmann unter 14. 15. Jahrhundert und Albrecht v. Eyb, Ehebuch 14. 15. Jahrhundert. Alexius, 1 sehr beliebte Legende seit dem 12. Jahrhundert. Typus: Selbst- und Weltentsagung. Grundlage eine syrische Vita. Der Sohn eines vornehmen Mannes in Rom wird mit einer vornehmen Jungfrau verheiratet; sie geloben Keuschheit und Entsagung von allem Irdischen. Er pflegt die Armen, geht nach Syrien und Jerusalem, kommt nach Rom zurück und lebt im Hause seines Vaters unerkannt, hat seinen Aufenthalt unter der Treppe. Als er stirbt, läuten alle Glocken. Anno, Heil., Bischof, LG. II, 1, 144-51. Sanct Anseimus ist eigentlich keine Heiligenlegende, sondern eine Leidensgeschichte Christi: Der heilige Mann Anseimus befragt Maria, was ihrem Kinde zu Leide geschehen. Sie erscheint ihm und beantwortet ihm seine Fragen um Christi Tod. Also Dialogform. — Niederrhein. Gedicht Anseimus Buch (1235 V.), Druck, Original ist verloren, wohl 2. Hälfte 14. Jahrhundert.— Köln 1514, überschrieben Sent Anseimus vrage tzo marien, 1242 V., herausgegeben Schade, Geistl. Ged. S. 237-90; Mittelniederd. Ged. Ancelmus vom Leiden Christi, 14. Jahrhundert, 1253 V., Ausg. Lübben, Zeno oder die Legende von den heiligen Drei Königen. Ancelmus vom Leiden Christi, 1869, 2. Ausg. 1885; Oesterley in Goedekes Dt. Dichtg. im MA. 2 S. 13-15; Jel- linghaus, Grundr. II 2 , 366 Lit. Anm. 7; Stammler, Gesch. d. nd. Lit. S.20; Schade, Interrogatio Sancti Anshelmi de passione Domini, 1870, dazu Karl Schröder, Germ. 17, 231-35; P. Norrenberg, Kölnisches Literaturleben aaO. S. 5; Schröder, ZfdA. 68, 249-54. Der heilige Antonius, einer der ersten Einsiedler unter den Altvätern in der ägyptischen Wüste, hat schwere Kämpfe mit dem Teufel zu bestehen; darum hat er Gewalt über das höllische Feuer. — Bruchst., Ad. Bl. 2. 91; Franke, Das Veterbüch I, 103-23. St. Brandan. Wunderbare, siebenjährige Seefahrt eines Mönches mit märchenhaften Erlebnissen. — LG. II, 1, 165-67 (Übersetzung des Joh. Hartlieb s. unten); nd. Oesterley in Goedekes Dt. Dichtg. im MA. 2 S. 15 f.; 1 Lit.: Piper, Geistl. Dichtg. 2, 57-61 (auch bürg; Der Mönch v. Heilsbronn. — Zwei ge- franz., engl.). — Massmann, St. AI. Leben in reimte Alexiuslegenden von benannten Ver- acht gereimten mhd. Behandlungen, 1843. — fassern: Georg (Jörg) Zobel, etwa 1455; Georg Hoffmann, Ad. Bl. 2,89-91; Bartsch, Germ. Breining aus Augsburg 1488 (s. Massmann 4, 463; Schönbach, ZfdA. 18, 82-89; M. Fr. aaO.). — Im Väterbuch (gegen 900 Verse): Blau, Zur Alexiusleg., Germ. 33, 181-219.34, J. G.Müller, Germ. 25,413 f. —Dem Mönch 156-87; Marg. Rösler, Die Fassungen der v. Heilsbronn wird fälschlich ein St. Alexius Alexiusleg. mit besonderer Berücksichtigung zugeschrieben, der bei Massmann aaO. S. 77 der mittelengl. Versionen, 1905; Agnes Gee- -85 u. bei Merzdorf, Der Mönch v. Heilsbronn ring, D. Figur des Kindes S. 98 f. — Bruch- S. 145 ff. (456 V.) abgedruckt ist (s. ob. Mönch, stücke: Ad. Bl. 2, 89-91; Toischer, ZfdA. 28, v. Heilsbr.). 67-72. — Alexiuslegenden s. auch K. v. Würz- Die Heiligenlegenden im einzelnen 387 Jellinghaus, Pauls Grundr.IP S.367f.; Stammler, Gesch.d.nd.Lit. S.22; L. S. Hammerich, Stammlers Verfasserlex. 1, 273-76; Bruno Claussen, Van Sunte Brandanus, ein Lübecker Druck (1481), Nordisk tidskr. för bokväsen 1, 1913, 33-37. St. Christophorus. Offorus zieht in die Welt, um dem seine Dienste anzubieten, der der Höchste sei. Auf dieser Wanderung trifft er einen Einsiedler, der ihn anweist, um Gotteswillen die Wanderer über das vorbeifließende Wasser zu tragen. Einmal trägt er ein siebenjähriges Kind hinüber, aber inmitten des Flusses wird es ihm so schwer, als trüge er Himmel und Erde. Das Kind war der Heiland und es taufte ihn „Christophorus". Typus: der ohne Marter durch ein Wunder zum Christen gewordene Heilige. — Ausgabe eines Sanct Christophorus, bayer.-Österreich., 13. Jahrhundert,2002 V.: Schönbach,ZfdA. 26, 20-84; ein erst dem 14. Jahrhundert zugehörender, ebenfalls bayer.- Österreich. S. Chr., der wohl auf einer älteren Vorlage (12. Jahrhundert) beruht: Schönbach, ZfdA. 17, 85-141; im Passional: Köpke S. 345-53. — K. Richter, D. dt. S. Christoph, 1897, dazu Schönbach, Anz. 23, 159-63, Hauffen, Euphorion 6, 582-84; B. Schröder, D. heil. Christophorus, Zs. d. Ver. f. Volkskunde 35, 1925, 85-98. — Ad. Bl. 2, 94 f.; Goedeke, Mittelalter 2 S.225f.; Piper S. 71-73, mit Lit. Corbinianus: Jos. Schlecht, Die Corbinianus-Legende nach d. Hs. des Klosters Weihenstephan v. J. 1475, 1924. S. Dyonisius, von Paulus in Athen getauft, glaubt an den von diesem geoffenbarten „unbekannten Gott", wird von Paulus als Bischof von Athen zurückgelassen, zieht nach Frankreich und predigt das Christentum, wird von dem heidnischen Vogt in Paris gemartert und getötet. —Hrotsvitha, LG. I, 380; Passional, Köpke S. 544-54. Heil. Dominicus, Stifter des Dominikanerordens (geboren in Spanien 1170). Typus: Heil. Ordensstifter ohne Marter. — Fritz Bangemann, Mhd. Dominikuslegenden und ihre Quellen (3 dt. Leg.), Hall. Diss. 1920; Petzet, Catalogus S. 338^10: Dietrichs v. Apolda Leben des hl. Dominicus aus d. Lat. ins Deutsche übersetzt (Cgm. 186, 15. Jh.); Passional, Köpke S. 353-74; Wackernagel, LG. I 2 , 452. Die Eustachius-Legende. Der Feldherr verfolgte auf der Jagd einen Hirsch, da erschien strahlend zwischen dem Geweih desselben das heilige Kreuz, und Jesus Christ sprach zu ihm, er solle sich taufen lassen. In der Taufe erhielt er den Namen Eustachius (byzantinisch-griechisch; vor 700). Typus: der durch ein göttliches Wunder Christ gewordene Krieger. — K. Roth, Mones Anz. 6, 59; Karl Roth, Denkmähler d. dt. Sprache, 1840, S. 57-61; Ders., Dt. Predigten, 1839, S. 3 (von Georg Zobel); Franz Roth, Germ. 11, 406 ff.; J. G. Müller, Germ. 25, 413 (im Väterbuch, gegen 1400 V.); Zenker, Ivain- studien S. 170 f.; Carl Pschmadt, D. Sage von der verfolgten Hinde, Greifsw. Diss. 1911 S.45 ff.; s. Rud. v. Ems; Lit.: Goedeke, Grundr. I 2 , 233; Ders., Mittelalter 2 S. 228 f.; Piper, Geistl. Dichtg. 2, 83 f. 2 5 * 388 Die geistliche Dichtung des 13. Jahrhunderts Gallicanus, Feldherr Constantins, übt asketischen Verzicht auf die Kaisertochter und alle irdischen Ehren; Märtyrer unter Julian. Drama der Hrots- witha, LG. 1,382. St. Gallus, Typus: Mönch (irischer), Missionar, Klostergründer. — Rat- perts Lobgesang auf den heil. Gallus, LG. 1, 208-12. Der heilige Gebhard von Konstanz (Graf), Bischof von Konstanz unter Kaiser Otto IL, Gründer des Konstanzer Münsters. Er errichtet auch andere Kirchenbauten in Konstanz, denen er seine Besitztümer stiftet und vollbringt viele Wunder und Heilungen. — Birlinger, Alem. 17, 193-210. Der ritterlichen Lebensauffassung des Mittelalters stand unter allen Heiligen am nächsten der St. Georg, der Patron der Ritter. Georg, der Markgraf (von Palästina), bekennt sich auf dem Gerichtstag vor dem Kaiser Tatian (Tacianus) in Konstantinopel als Christ, erleidet und erträgt die unglaublichsten Martern. — Ahd. Georgslied, LG. I, 212-19, 2. Aufl. S. 220-28; Mhd.: Der heilige Georg Reinbots v. Durne, s. oben; prosaische Georgsieg.: Bachmann u. Singer, Dt. Volksbücher, Lit. Ver. Nr. 185, 1889. — Volkstümlicher ist die Legende von Georg dem Drachentöter. Der Ritter Georg befreit das Land von einem verwüstenden Drachen, wird aber, weil er die Leute zum Christenglauben bekehrt, gemartert und getötet. Der Kampf mit dem Drachen: Herrn, v. Fritzlar S. 119 f.; s. auch Passional, Köpke S. 253-65; O. Knoop, D. heil. Georg in d. pommerschen Volkssage, Balt. Stud. 34, 1884, 248-53; E. Begemann, Zur Leg. v. hl. Georg, Festschr. d. Christianeums zu Altona ..., 1906; Michael Huber, Festschr. z. Neuphilologentage in München 1906. Die Gregoriuslegende, am bekanntesten durch Hartmanns Gregorius, die Geschichte des guten Sünders, gibt das Beispiel, daß Reue auch die größte Missetat sühnt und lehrt, daß man nicht dem Zweifel verfallen und an Gott verzweifeln dürfe. — LG. II, 2, 184 ff., der Sagentypus von ödipus S. 189ff.; Paul, größere Ausg. S. XIV ff., kleinere Ausg. S. VI-VII; Passional, Köpke S. 192-215. — Prosaübertragung s. LG. aaO. S. 188. Legende des heiligen Hieronymus. Der Heilige, geboren in Pannonien a. 331 von christlichen Eltern, geht nach langjährigen Studien in ein Kloster in Aquileja, dann nach Rom; später zieht er sich in die Einsamkeit zurück. Typus des gelehrten Mönchs. Die Legende erzählt nur sein heiliges Leben, nur ganz vorübergehend und nebensächlich seine Beschäftigung mit biblischen Schriften. — Mones Anz. 8,341 ff.; Anton Benedict, D. Leben d. hl. Hieronymus in der Übersetzung des Bischofs Johannes VIII. vonOlmütz, 1880 (gest. 1380, Kanzler Karls IV.), dazu Martin, Anz., 6,313-17, Behaghel, Lbl. 1880, 233, Cbl. 1880, 1549; Passional, Köpke S. 505-14; J. Klapper, Festschr. f. Max Koch, 1926, 255-82. — Goedeke, Mittelalter 2 S. 197 f. Der heilige Hilarius, Bischof von Poitiers a. 353, wurde von seinem Bischofstuhl verbannt, konnte aber später wieder zurückkehren; Heiliger Bischof. Im Buch der Märtyrer: Zingerle aaO. S.64-69. Der heilige Jodocus. — Jost Trier, D.h. J., sein Leben und seine Ver- Die Heiligenlegenden im einzelnen 389 ehrung, zugleich ein Beitrag zur Gesch. d. dt. Namengebung, Germ. Abhandl. Nr. 56, 1924. — Lateinisch, vielleicht von Alcuin. Legenden von Johannes dem Täufer und den Aposteln: im alten Passional ed. Hahn S. 154 ff. (der apostelen buoch); im mittelfränk. Legendär, s. LG. II, 1, 151 f.; Andreas, Bruchst.: Joh. Meyer, Alem. 9, 3 f. — Nd. Bruchstücke aus dem Leben der Apostel (Thomas, Jacobus, Philippus, Matthäus, Symon und Judas): v.d.Hagens Germ. 10, 125-37. Der heiligejulianus, einer der Schüler des Bischofs Cyprian von Karthago, wurde mit andern Genossen daselbst hingerichtet. Julianus verläßt seine Eltern wegen einer Prophezeiung, er werde ihr Mörder werden. Er nimmt fremde Kriegsdienste. Unwissend tötet er seine Eltern. Mit seiner Gattin gründet er ein Spital und tut viele Wohltaten. So büßt er seine Schuld. — Tobler, Archiv Bd. 100, 1898, 293-310 u. 102, H. 1/2; Passional, Köpke S. 147-61 (verschiedene Julianus). Karl der Große: U. Kletzin, D.Buch vom heiligen Karl, eine Züricher Prosa, Beitr. 55, 1-73. S. Laurentius, Seelmann, St. L., Mnd. Ged. des 13. Jhs., Nd. Jahrb. 46, 73-76. Der heilige Ludwig von Toulouse verschmäht den Königsthron seines Vaters, wird Mönch, dann Bischof von Toulouse. Typus: Fürst, Demut, Wundertaten, keine Martern. — Jeitteles, Germ. 32, 99-116 (Assonanzen, 15. Jh., österreichisch). Auch die alttestamentlichen Makkabäer wurden unter die Legendenheiligen aufgenommen: „die sieben heil. Mackabäischen Brüder". Sie legten vor dem König Antiochus Epiphanes ein unerschrockenes Zeugnis für ihren Glauben ab und mußten unter schweren Martern sterben. Ihr Tod ist ein Bild des Leidens unseres Herrn (Schade S. 367, 27). Die Gebeine der Makkabäer sind im 12. Jahrhundert durch Kaiser Friedrich aus Mailand nach Köln überführt worden. — „Passio der hilger Machabeen",.Schade, Geistl. Ged. S. 361-95; Norrenberg, Kölnisches Literaturleben aaO. S. 18 f. St. Mauricius, Herzog von Theben, der Thebäer (Ägypten), die Christen waren. Unter der Christenverfolgung Diokletians und Maximinians stand Mauricius mit seiner thebäischen Legion in des Maximinians Diensten in Gallien, folgt mit den Seinen nicht dem Befehl des Maximinians, das Christentum abzuschwören, wird erschlagen und empfängt die Märtyrerkrone. — R. Berg, D. heil. Mauritius und die thebäische Legion, 1895; Passional, Köpke S.485 -91; Kaiserchronik V. 6466 u. 6486 ff. St. Meinrad, s. Wackernagel, LG. I 2 , 452. St. Nikolaus, Bischof von Myra in Kleinasien, geboren um 300, wohltätig gegen die Armen; Patron der Kinder und der Schiffahrer. (Volkstümlich geworden als der Pelznickel.) — Gereimte Legende, Bruchstücke: Diemer, Germ. 2, 96-98; Bartsch, ebda 4, 241-44. 29, 36-42. — Lit. Piper, Geistl. Dicht. 2, 83; Schnell, S. Nicolaus, der heil. Bisch, u. Kinderfreund, 1884; 390 Die geistliche Dichtung des 13. Jahrhunderts K. Bohnstedt, St. Nile., Progr. Malchin 1900; Joh. Meyer, Alem. 9, 4 f.; Passional, Köpke S.6-25; K.Meisen, Nikolauskult und Nikolausbrauch im Abendlande, 1932. Nonnus, Bischof zu Heliopolis in Syrien, gest. Ende 5. Jahrh., bringt durch seine Predigt die sündige Pelagia (die heil. Pelagia pönitens, eine andere, als die oben gelegentlich des Pelagiatypus genannte Heilige) zur Buße. — Kleines Bruchstück, Mones Anz. 8, 338 f. S. Oswald, s. das frühmittelhochdeutsche Spielmannsepos Sankt Oswald LG. II, 1,328 ff. (wo Lit.), die Legende S. 329-31. Typus: Heiliger König, milde, Heidenbekehrer ohne Marter. — Siegmar Schulze, Entwicklung der dt. Oswaldleg., Hall. Diss. 1888; Haupt, ZfdA. 18, 466-91; Edzardi, Die Stuttgarter Oswaldprosa (mit Lit.), Germ. 20, 190-206.21, 171-93; Mourek, Prager Perg.-Fragmente der Oswaldlegende, SB. der Kgl. böhm. Ges. d. Wiss. 1890 S. 275-82 (1 Fragm. in Versen, das andere in Prosa). Patricius, Bischof, Bekehrer; Patricii Fegefeuer, Purgatorium Patricii. Patricius sieht in einer Grube, einem Erdloch oder einer Schlucht ein Fegfeuer; wer freiwillig da hineingeht, wird nimmer Pein erleiden; viele Leute in Irland wandten sich zu dieser Fegfeuergrube und büßten ihre Sünden. Apostel von Irland, um 1160 heilig. — Köpke, Passional S. 232^0. Brandan und Patricius zusammen: LG. II, 1, 162; Max Voigt, Beiträge zur Gesch. d. Visionenliteratur im MA., 1924, S. 122 ff.; Louis L. Hammerich, Eine Pilgerfahrt des 14. Jhs. nach dem Fegfeuer des heil. Patrizius, ZfdPh. 53, 25-40. Die kurze Legende von Paulus dem Eremiten berichtet das Leben dieses ersten Einsiedlers (Altvaters) in der Thebäischen Wüste (mittelniederd., Grenze des Niederländ., 2. Hälfte 15. Jh.). — Joh.-Mich. Toll, Paulus der Eremit, Paulus des eersten heremiten leven,dat Iheronimus bescrevenhevet, 1929,dazu Piquet, Rev.germ.20, 1929,422; Carl Franke,das Veterbüch, S. 125-28.141^4. Über den heil. Pelagius s. Die Passio Sancti Pelagii der Hrotsvitha, LG. I, 380, 2. Aufl. S.391. Die niederdeutsche Historie van Sent Reinolt enthält die Geschichte der vier Haimonskinder, gehört also zur Karlssage. Reinolt (Renaut) stirbt den Märtyrertod, erschlagen von seinen Mitarbeitern beim Kirchenbau zu Köln. — Reifferscheid, Historie van Sent Reinolt, ZfdPh. 5, 271-93. Die Bekehrung eines Sünders durch Buße ist Gegenstand der Robertsage, Robert der Teufel; diese wurde durch die religiöse Wendung legendenhaft. Das Königspaar von Frankreich hatte keinen Erben, da rief die Königin den Teufel an und gebar einen Sohn. Der ward ein böser Mensch und führte von Kind an und später als König von Frankreich ein teuflisches Leben. Als er vernahm, daß er ein Kind des Teufels sei, tat er Buße, kam schließlich zu einem Einsiedler und lebte bei diesem in großer Heiligkeit bis an sein Ende. — Prosa des 15. Jh., bayer., hgb. Borinski, Germ. 37, 44-62; nd. „De verlorne Sone", hgb. Steph. Waetzold, Flos unde Blankflos (als Anhang: De verloren Sone [Robert der Teufel] und De Segheler) 1, 1880; K. Borinski, E. ältere deutsche Die Heiligenlegenden im einzelnen 391 Bearbeitung von Robert le diable, Germ. 37, 44-62. 201-203; Jellinghaus, Pauls Grundr. II 2 , 378. Sebald, Wackernagel, LG. I 2 , 452. Sebastian, Offizier der Leibwache Diokletians, Märtyrer; wegen seines Christentums an einen Baum gebunden und von Pfeilen durchbohrt. In der deutschen Literatur selten. Wilhelm, Peter Grieninger, Münch.Mus. 1,1911, 235-40: ein Spruch von S. Sebastian, um 1460; Passional, Köpke S. 100-111. Servatius, Bischof von Tongern, der Heilige von Maastricht; das Bild des heiligen Kirchenfürsten, Heidenbekehrers, Predigers. Ihm sind zwei umfangreichere deutsche Legenden gewidmet: Veldekes Servatius (s. LG. II, 2, 83-86, daselbst Inhalt und Lit.), sowie ein obd. (bayer.) Gedicht aus dem Ende des 12. Jhs. (über 3548 V., herausgegeben von Haupt, ZfdA. 5, 75-192); Bruchstücke: Frommann, Germ. 18, 458 f.; Legband, ZfdA. 46, 305 ff.; O. Greifeid, Servatius, e. obd. Legende d. 12. Jhs., Berl. Diss. 1887; Schröder, Münch. SB. 1924 3. Abt. S. 14 f.; Goedeke, Mittelalter 2 174-80. — Sprache: Zwierzina, Anz.26 Reg. S.354. 27 Reg. S.349 f.; Stil: W. Grimm, Athis, kl. Sehr. 3, 244; Reime: v. Kraus, ZfdA. 56, 64f. — Weitere Lit.s. Goedeke, Grundriß l 2 , 45; Piper, Geistl. Dichtg. 2, 32-37; LG. II, 2, 83 Anm. 1, wo bes. Wilhelm, S.Serv. od. wie das erste Reisusw., 1910 (s. auch Wilh. Levison, DLz. 1932, 2047). S. Silvester, Papst, Aussatzsage; Einführung des Christentums und die Disputation auf der Synode. — Siehe LG. II, 1, 152 f. 273; Piper, Geistl. Dichtg. 2, 31; das mhd. Gedicht von Konrad v. Würzburg s. oben; Schröder, Kaiserchron. S.60f. u. V. 7806-10633; Wackernagel-Stadler, Arm. Heinr. S. 177 ff. 224. 227 ff.; V. Ryssel, Arch.95, 1-54; G. Prochnow, Mhd. Sylvesterlegenden u. ihre Quellen, ZfdPh. 33, 145-212; Singer, Willehalm S. 43 ff. 96; Passional, Köpke S. 62-93. St. Stephanus, erster Märtyrer (Protomartyr). Apostelgesch. 6 u. 7. — Piper, Geistl. Lit. 2, 31; Reginald J. McClean, Havich der Kellner, St. Stephans Leben aus d. Berl. Hs. hgb., Dt.Texte d. MA.s, 1930 (bayer., 14. Jh.), dazu Schröder, GgA. 1931, 61-66 u.Anz.50, 160 (Havich = Hauch, Haug, Hugo), Piquet, Rev. germ.22, 1931, 305 f., A.C.Dunstan, The Mod. Langu. Rev. 26, 2, Apr. 1931; Emil Baumgarten, Lat. u. deutsche Stepha- nuslegenden, Hall. Diss. 1924. Masch.dr.; McClean, Sprachliche u. metrische Untersuchungen zu St. Stephanus Leben, Königsberger Diss. 1928; Pfaff, Md. Stephanusleg., Alem. NF. 6, 225-27; Heigel, Germ. 20, 448; Priebsch, Dt. Hss. in England 1 S. 113. 289-95; Passional, Köpke S. 37-53; Ruth Westermann, Stamml. Verfasserlex. 2, 230 f. Zu den am nachhaltigsten wirkenden Legenden gehört die vonTheophilus, dem Teufelsbündler, die älteste Gestalt der Faustsage. Theophilus, Vizedomi- nus der Kirche von Adana in Cilicien im 6. Jahrhundert, ergibt sich, um diese Würde, die ihm genommen wurde, wieder zu erhalten, dem Teufel, erlangt jedoch nach strenger Buße durch Maria die Gnade Gottes wieder. Am 4. Februar 392 Die geistliche Dichtung des 13. Jahrhunderts ist sein Heiligentag als Theophilus Pönitens. — Mhd. Gedicht GSA. Bd. III Nr. 87, 540-50 u. S. CXXV, 522 V.; Sommer, De Theophilo cum diabolo foedere, 1844; K. Plenzat, D. Theophilusleg. in d. Dichtgen d. MA.s, 1926, dazu Petsch, ZfdPh. 53, 406 ff., Golther, Euphorion 28, 1927, 624 f., Stammler, ZfdPh. 53 H.3/4 u. Zs. f. Deutschkde. 1928, 815 f.; J. Rollauer, D. Sage von Doktor Faust, die Theophiluslegende, Lemberg 1927; L. Radermacher, Griech. Quellen zur Faustsage, Cyprianus, Theophilus, Wien. SB. 206, 1928, IV; Lit.: Goedeke, Grundr. I 2 , 235 f.; Piper 2, 65 f.; Goedeke Dt. Dichtg. imMA. 2 S. 141^4; LG. 1, 380, 2. Aufl. S.391 (Hrotsvitha, Lapsus et conversio Theophili vicedomini). Der hl. Thomas, der Apostel. Die Legende erzählt von dem Zweifel des Thomas an der Auferstehung Jesu (Ev. Johannis 20). Der Apostel predigt nach dem Tode Jesu im Orient, bekehrt Indien, das nach ihm Thomasland genannt wird, erleidet dort den Tod des Märtyrers; biblischer Heiliger. — Wilhelm, Dt. Legenden u. Legendare. Der hl. Thomas, Erzbischof Thomas Becket von Canterbury, 1117-70, gerät in Streit mit seinem König Heinrich II. (1154-89), wird von den Anhängern des Königs ermordet, 1173 vom Papst heilig gesprochen. Typus: der Erzbischof als Märtyrer, historische Persönlichkeit der Zeit. — Passional, Köpke S. 53-62. — GSA. Bd. 3, 573-86, Thomas v. Kandelberg = Canterbury (s. unten bei „novellistische Legenden") ist keine Legende, sondern religiös gewendete Erzählung; an den Thomas v. Canterbury ist im Deutschen die Erzählung von Th. v. Kandelberg geknüpft. Die Legende vom Erzbischof Udo von Magdeburg (804 Verse), entstanden nach 1325, hat eine historische Grundlage: die Fehde des die Stadt schwer bedrückenden Erzbischofs Burchard III. von Magdeburg (1307-25) und seine Erschlagung durch seine Untertanen. Die Legende weiß zu berichten, daß er von den Teufeln geholt wurde. Das Gedicht ist das Gegenstück einer Heiligenlegende, eine Warnung, wie verdammenswert der schlechte Lebenswandel eines Prälaten sei, wie er also nicht sein soll. — Ausg.: Helm, Die Legende von Erzbischof Udo v. M., Neue Heidelberg. Jahrb. 7, 1896, 95-120; Schönbach, Wien. SB. 144, 1902, II, dazu Helm, Lbl. 1903, 51 f.; Schönbach, Die Gesch. des Rud. v. Schlüsselberg, Wien. SB. 145, 1902, 78 ff.; Er. Kli- bansky, Gerichtsszene u. Prozeßform, 1925, 36-40. St. Ulrich , Bischof von Augsburg, a. 923-978. Von ihm werden viele Wunder erzählt. Er hat kräftig in die politische Geschichte eingegriffen, indem er Augsburg gegen den Ungarneinfall verteidigte und diese im Verein mit Kaiser Otto 955 (Schlacht auf dem Lechfelde) besiegte. Typus: Kirchenfürst und Wohltäter. Das Gedicht ist Ende des 12. Jahrhunderts verfaßt, übersetzt aus der lateinischen Vita des Abtes Berno v. Reichenau (um 1030); der Dichter nennt sich in einem Akrostichon der Einleitung Albertus; er war wohl Geistlicher in Augsburg. — J. A. Schmeller, St. Ulrichs Leben, lat. beschrieben durch Berno v. Reichenau und um das Jahr 1200 in deutsche Reime gebracht Die Heiligenlegenden im einzelnen 393 durch Albertus, 1844 (1605 Verse); Steinmeyer, ADB. 1,207; Faksimile: Petzet u. Glauning 2, XXI; Piper, Geistl. Dichtg. 2, 53-57. — Scherer, QF. 12, 95; Ders., Dt. Stud. 1, 1891, 14; Weinhold, ZfdVolkskde. 5, 1895, 416-24; Wilhelm, Dt. Legenden S. 135. 137; Alb. Hirsch, Die deutschen Prosabearbeitungen d. Legende v. heil. Ulrich. Münch. Arch. 1915 H.4. — NachZwierzina,ZfdA.45,62, war der Dichter Rheinfranke oder Oberfranke; s. auch Schirokauer, Beitr. 47, 10. St. Veit. Als Kind schon fromm; sein heidnischer Vater, ein mächtiger Mann in Lucania (oder Liciä), züchtigte ihn wegen seiner christlichen Frömmigkeit. Der Kaiser zu Rom ließ das fromme Kind einkerkern, das seine Tochter von dem bösen Geiste geheilt hatte, und mit den heil. Modestus und Crescentia zusammen martern. Typus: Das heilige Kind. — Herrn, v. Fritzlar S. 134-36; Passional, Köpke, S.301-5; s. auch Kaiserchronik V.6470. — LG. II, 1,155; Piper, Geistl. Dichtg.2, 51-53; Jellinghaus, Grundr. II 2 , 367. Den heiligen Wilhelm kennen wir aus Wolframs Willehalm als den herre sanct Willehalm, dessen Heiligkeit Wolfram anruft im Prolog seines Epos 4, 13 ff. — v. Eicken S. 684-87; Singer, Wolframs Willehalm S. 2 f. SanZeno, nd., Jellinghaus 2 367; Stammler, Gesch. d. nd. Lit. S.20; Ders., Mnd. Leseb. S.70 u. Anm. S. 140 (Lit.). Die weiblichen Heiligen 1 in dem oben umschriebenen Literaturkreis (deutsche Legenden) sind zumeist durch die höchste Stufe der Heiligkeit, durch das Märtyrertum, ausgezeichnet, welches gewöhnlich durch einen heidnischen Richter über sie verhängt wird. Auch diese weiblichen Märtyrerlegenden haben ihren historischen Boden in der Zeit der Christenverfolgungen: Agathe, Afra, Agnes, Barbara, Cäcilia, Columba, Dorothea, Euphrosyne, Juliana, Katharina, Kumernus, Lucia, Margarethe, Ursula. Ein besonderer Zug ist es, wenn die peinigenden Machthaber vorher um die Hand der Heiligen angehalten haben und von ihr zurückgewiesen worden sind, wie bei Agathe und Agnes. — Ein gottseliges Leben in Weltentsagung und Keuschheit bewahrten Brigida, Brigitta, Gerdraut, Hedwigis, Jolande. Duldende Ehefrauen: Crescentia, Ge- novefa, Ida v.Toggenburg. Büßerinnen: Maria Magdalena, Maria aegyptiaca. Ein besonderer Legendentypus ist die Geschlechtsverwandlung: Kummernus, Marina (der Pelagiatypus, Zwierzina, D. Pel.typus der fabulosen Martyrer- legende, Gott. Nachr. 1927, 130-56). S. Afra war eine öffentliche Sünderin (in Augsburg), aber sie empfindet Reue über ihren schlechten Lebenswandel und läßt sich taufen. Der heidnische Richter (unter Diocletianus) fordert sie vergeblich auf, ihren Christenglauben zu verleugnen; darauf wird sie verbrannt. — Fr. Wilhelm, Sankt Afra, Reimlegende, krit. bearbeitet, in Analecta german. H. Paul dargebracht S. 47-85, 1906 (1244 V., schwäb., um 1400); Br. Krusch, E. Salzburger Le- 1 Weibliche Heiligentypen auch im St. Trudperter Hohen Lied ed. Josef Haupt, 1864, 16 f.; s. LG. II 1,35 f. 394 Die geistliche Dichtung des 13. Jahrhunderts gendar der ältesten Passio Afrae, N. Aren. d. Ges. f. alt. dt. Gesch. 33, 1907, H. 1; A. Bigelmair, D. Afralegende, bei Schröder, Arch. f. d. Gesch. d. Hochstiftes Augsburg I u. SA. 1910. Typus: Bekehrte Sünderin (Jungfrau). Die hl. Agathe ist ein Vorbild der Keuschheit und Christusliebe. Sie spottet jeder Verführung und Verkuppelung durch den heidnischen Statthalter von Sizilien (unter der Christenverfolgung durch Kaiser Decius). Sie bleibt trotz der unausdenklichsten Martyrien ihrem Glauben treu und wird von Gott aus ihnen erlöst. — Jos. Strohschneider, Progr. Prag 1893; LG. II, 1,35; Passional, Köpke S. 176-85, auch im Buch der Märtyrer. Die hl. Agnes ist das Vorbild der Keuschheit: der Sohn des Präfekten zu Rom bat um ihre Hand, sie aber war dem himmlischen Bräutigam vermählt. Der Präfekt zur Zeit der Christenverfolgung unter Diokletian ließ sie martern und führte sie in ein Haus der Schande, doch ihr Schutzengel stand bei ihr und bewahrte ihre Keuschheit. Zum Schluß wurde sie unter Martern hingerichtet. Ihr Emblem ist das Lamm. — Ausg. Jos. Strohschneider, Eine mittelfränk. Agneslegende, Progr. Prag 1891 (Prosa), dazu Khull, ZföG. 44, 667; Passional, Köpke S. 111-119; Passio d. heil. Agnes von Hrotsvitha s. LG. I, 380, 2. Aufl. S.391. „Das Buch von der heil. Anastasia", Prosa ist veröffentlicht in Bachmann und Singer, Dt. Volksbücher, Lit. Ver. 185,1889. Die hl. Barbara wird von ihrem eigenen Vater, der Heide ist, unter Kaiser Maximinian dem Richter überliefert. Weil sie die Abgötter nicht anbetet, wird sie grausam gemartert. Ausg.: Schade, Geistl. Gedichte S.31-69, niederrhein. 14. Jh.; in Köln genoß sie große Verehrung; Docen, Ad. Wälder 3, 157; Ph. Wegener, Drei mnd. Ged. d. 15. Jhs., 1878, dazu Schönbach, Anz. 6, 172 f.; Jellinghaus, Pauls Grundr. II 2 , 367 (mnd.); Schönbach, ZfdA. 20, 181 ff.; Jos. Strohschneider, mittelfränk. Prosalegenden, Progr. Prag 1893 (Ausgabe); verloren ist eine bei Jeroschin erwähnte gereimte Barbaralegende von dem Deutschordenshochmeister Luder von Braunschweig (Steffenhagen, ZfdA. 13,505.568). — Norrenberg, Kölnisches Literaturleben S. 10; Elisabeth Hübener, Stammlers Verfasserlex. 1, 162-66 (mit weiterer Lit.). Die hl.Brigida; Jungfrau und Einsiedlerin aus Schottland, große Wundertäterin an Kranken. Im Buch der Märtyrer: Zingerle aaO. „Von sand Breide" S. 70-82. Brigitta, die Heilige von Schweden (geb. 1302, gest. 1373), lebte mit ihrem Gatten, einem schwedischen Fürsten, in Frömmigkeit, gab sich nach dessen Tode strenger Buße und Kasteiung hin und opferte sich auf für die Armen und Kranken; sie gründete das Kloster Wadstena. Typus: Die heil. Witwe. — Knut B. Westman, Brigittastudier, Uppsala Univ.-ärsskr. 1911, I, 1-304; Maria Hehn, Deutsche Brigittentexte aus Hss. des 15. Jhs., Münch. Mus. 3, 248-55. St. Cäcilie, Jungfrau und Märtyrerin, geboren in Rom, hängt schon in Die Heiligenlegenden im einzelnen 395 zarter Jugend dem Herrn an. Auch ihr Bräutigam und durch ihren heiligen Eifer noch Hunderte von Personen lassen sich taufen. Der römische Statthalter läßt sie den Märtyrertod sterben. Sie ist die Patronin der Musikanten, denn sie begleitete ihre frommen Lobgesänge mit dem Instrument. — Ausg.: Schönbach, ZfdA. 16, 165-223 (1778 V., eine gereimte Predigt, alemannisch, erste Hälfte des 14. Jhs.); Passional, Köpke S.629-42. — Schröder Anz. 7, 189; Schönbach, ZfdA. 25, 213 f.; Piper S.70f.; Stroppel, Liturgie aaO. St. Columba, Märtyrerin unter Kaiser Aurelianus. — Mittelfränk. Prosa, Druck Köln. Ausg.: P. Norrenberg, Kölnisches Literaturleben im ersten Viertel d. 16. Jhs., 1873, S. 14. 55-59. Diehl. Crescentia. Das älteste deutsche Crescentiagedicht ist die Erzählung in der Kaiserchronik V. 11381-12812 (Schröder); Massmann, Kaiserchr. 3, 893-917 (noch andere Fassungen); s. LG. II, 1, 273 Anm. 4. 10. — Kolmarer Crescentia, Mitte 12. Jh., Martin, ZfdA. 40, 305-31; Schröder, ebda 41, 92 f.; Leitzmann, Kl.geistl. Ged. S. 3-5.30 (LG. II, 1, 274A. 1).— Eine dritte Fassung ist das niederrhein. Gedicht aus d. 12. Jh., Schade, Crescentia, ein niederrhein. Gedicht aus d. 12. Jh., 1853. — Eine vierte, Ende 13. Jh., in der Heidelberger Hs. 341 u. dem Koloczaer Kodex, GSA. 1, 129-64 u. S. C-CIV. — Prosalegende: Haupt, Ad. Bl. 1, 300-8; Wackernagel, Leseb. 5 S. 1399-1410;Teubert, Crescentia-Stud., Hall. Diss. 1910, 73-77.— Lit.: Goedeke, Mittelalter 2 S. 160f.; Ders., Grundr. I 2 , 43. Crescentia, die Gemahlin des Herrschers von Rom, wird von diesem, als er einen Kriegszug unternimmt, seinem Bruder anvertraut. Jener ist der schwarze häßliche Dietrich, dieser, der weiße schöne, sucht sie vergeblich zu verführen; da verleumdet er sie bei dem zurückgekehrten Gatten. Dieser überläßt sie dem Betrüger, der sie ins Wasser wirft. Beide Dietriche werden mit dem Aussatz bestraft. Crescentia wird von einem Fischer gerettet und kommt in die Dienste eines Herzogs. Ihr Schicksal wiederholt sich. Des Herzogs Vizedom verleumdet sie, tötet das Kind des Herzogs und beschuldigt Crescentia der Tat. Sie wird ins Meer versenkt, der Herzog und sein Hofverwalter werden miselsüchtig. Crescentia wird durch St. Peter gerettet, und mit dessen Gnade heilt sie den Herzog, der nun den Verbrecher ins Wasser werfen läßt. Dann kommt Crescentia nach Rom, heilt ihren Mann und dessen Bruder; ihr Gatte erkennt sie. Sie geht in eine Klause, er entsagt der Krone. Crescentia trägt den Typus der demütigen, alles duldenden und verzeihenden Frau. Sanct Dorothea, geboren in Cäsarea in Kappadozien. Der Hauptmann der Stadt will sie zur Ehe; sie verschmäht den Heiden, er läßt sie unter Dio- cletianus martern und töten. Reliquien von ihr wurden in Köln aufbewahrt, dort entstand auch Dorotheen Passie (15. Jh., niederrhein., Druck 1513), aus dem Lateinischen übersetzt. — Ausg.: Schade, Geistl. Ged. S. 1-29; nd., Stammler, Passio S. Dorotheae, Mnd. Leseb., 1921, 75-79 (373 V.) u. Anmerkungen S. 140 f. — Docen, Ad. Wälder 3, 157; Diemer, Wien. SB. 11, 43 ff. 798-809; Steinmeyer, J. M. Wagners Archiv f. d. Gesch. deutscher 396 Die geistliche Dichtung des 13. Jahrhunderts Sprache 1, 1874, 332-34; Ph. Wegener, Drei mnd. Gedichte d. 15. Jhs., 1878, dazu Schönbach, Anz. 6, 172 f. (ein nd. Druck von 1500); Jos. Strohschneider, Mittelfränk. Prosalegenden (II), Progr. Prag 1892; Priebsch, ZfdPh. 36, 375-84 (nd. Ged. 14. Jh.); L. Busse, D. Leg. d. heil. Dorothea im dt. MA., Greifswalder Diss. 1930, dazu Menhardt, ZfdPh. 55, 447 f.; Dorotheaspiel (15. Jh.): Hoffmann, Fundgruben 2, 284-95; H. Schachner, ZfdPh. 35, 157-96; Dorothea v. Montau s. Deutschordensliteratur. — Lit. Piper, Geistl. Dichtg. 2, 66 f.; Jellinghaus, Grundr. II 2 , 367. — Steffenhagen, ZfdA. 13, 532. 539-46; Norrenberg, Kölnisches Literaturleben aaO. S. 10. — Lotte Busse, Stammlers Verfasserlex. 1, 448-52. St. Eufrosyna, Jungfrau und Märtyrerin. — K. Roth, Mones Anz. 6, 59; Karl Roth, Denkmähler, 1840, S. 50-55; Mourek, SB. d. Kgl. böhm. Ges. d. Wiss. 1890, 131 ff.). Die hl. Genovefa, Patronin von Paris, geboren in England 454; als liebliches Kind Christin geworden, vermählt sie sich dem himmlischen Bräutigam, führt ein gottseliges, asketisches Leben zu Paris, wo sie den Bau einer Kirche für den hl. Dionysius veranlaßte und 512 starb. Verschieden von der Legende ist die Genovefasage, s. LG. 11,2,124 u. Anm. 1. — G. Kentenich, Genovefa- legende, Text 1472, o. J., dazu Stammler, Zs. f. Deutschkde. 1928, 816. Sant Gerdraut, Tochter des Königs Pippin von Frankreich, gelobt Weltentsagung und Keuschheit, führt nach dem Tode ihres Vaters mit ihrer Mutter ein weitabgewandtes gottseliges Leben.— J. V. Zingerle, Von Sant Gregorio auf dem Stein und von Sant Gerdraut, aus dem Winterteile des Lebens der Heiligen hgb., 1873 (Prosa, S. 24-26). Hl. Hedwigis, Tochter des Herzogs von Andechs, Gemahlin Herzog Heinrichs von Schlesien und Polen, gründet das Kloster Trebnitz, in das sie sich nach dem Tode des Herzogs als Nonne zurückzieht, stirbt 1244; 1266 heilig gesprochen wegen ihres gottseligen Lebenswandels. —■ Dt. Übersetzung von Rud. Wintnawer, 1380, Prosa (Priebsch, ZfdPh. 35, 363 f.); eine andere von 1424 (Bruno Obermann, Das lebin sent hedewigis, Progr. Schleusingen 1880); eine dritte von Peter Freytag aus Brieg 1451 (F. H. Seppelt, Mittel- alterl. Hedwigslegenden, Zs. d. Ver. f. Gesch. Schlesiens 48, 1913, 1-18); Wernicke Fragm., ebda 15, 1881, H. 2; Alice Dehmelt, Sprachliche Beurteilung einer Hs. der Hedwigslegende von 1451, Berl. Diss. 1920, Ausg. (Lautstand schles.); Klapper, Stammler Verfasserlex. 1,670 f. u. 2, 233-40. — Druck von 1504. Ida vonToggenburg. Eigentlich eine in Legendenweise gekleidete Novelle: Itta, Gemahlin des Grafen von Toggenburg, wird bei ihrem Manne des Ehebruchs verleumdet. In einem Wildbach geworfen, wird sie durch Gottes Gnade gerettet. Sie geht in eine Klause und lebt in ständigem Dienste Gottes. — Birlinger, Legende von S. Idda v. Togg., Alem. 12, 173-77; L. M. Kern, Die Ida v. Toggenburg-Leg., Thurgauische Beitr. zur Vaterland. Gesch. 64/65, 1929, 1-136. Die Heiligenlegenden im einzelnen 397 Juliana s. LG. II, 1, 159 f., dazu E. Brunöhler, Üb. einige lat., engl., franz. u. deutsche Fassungen der Julianenlegende, 1912. — Auch im Buch der Märtyrer. — Goedeke, Grundr. I 2 , 233; Ilse Wimmerer, ZfdA.70, 237-56. Sehr verbreitet war die Legende von der hl. Katharina, der Jungfrau und Märtyrerin. Als Tochter des Königs von Alexandrien und dessen Thronfolgerin läßt sie sich taufen und gelobt Gott ihr Magdtum. Der römische Kaiser, der den Götzen zu opfern gebietet, läßt ihr nach schweren Martern das Haupt abschlagen. — Die Legende von der hl. Katharina ist im Deutschen mehrfach poetisch behandelt worden, über die verschiedenen Fassungen s. Schade S. 110 ff. (dort auch ein Katharinenlob und ein Katharinengebet, beide in Reimen); Lambel S. 132 ff. zählt 7 Bearbeitungen auf; Hilka, Archiv aaO.; Bobbe aaO. Ausg.: Schade, Geistl. Ged. vom Niederrhein S. 101-60 (Katherinen Passio, nach 2 Drucken, 531 V.); Lambel, Germ. 8, 129-86 (md., 3250 V., nach Lambel 2. Hälfte 13. Jh., nach Schröder, ZfdA. 59, 328, um 1250); Will. Edw. Collinson, Die Katharinenlegende der Hs. II, 143 der Kgl. Bibl. zu Brüssel (hgb. 1915, die mnd. Fassung, 1908 V. [s. auch Priebsch, ZfdPh. 36, 384-87] und die Bruchstücke der md. Fassg.), dazu Schröder, Anz.38, 109 f., Behaghel Lbl. 1916, 222 f.; Passional, Köpke S. 667-91. — Bobbe, Mhd. Katharinenlegenden in Reimen, eine Quellenuntersuchung, 1921. — Bruchstücke: Ad. Wälder 3, 156; Ad. Bl. 2, 92 f.; Zimmermann, Germ. 25, 198-209; Gerß, ZfdPh. 10, 488 f.; Steffenhagen, ZfdA. 13, 505. 539 ff. (Deutschordenhs.); Herrn. Knust, Gesch. der Legenden der hl. Katharina v. Alexandrien u. der hl. Maria Aegyptiaca, 1890; Hilka, Zur Katharinenlegende: die Quelle der Jugendgeschichte Katharinas, insbesondere in der mittelniederdeutschen Dichtung und in dermittelniederländ. Prosa (hgb. Collinson aaO.), Archiv 140, 1920, 171-84 (mit Lit.); auch im Buch der Märtyrer. — Lit.: Goedeke, Grundr. I 2 , 233 f.; Piper, Geistl. Dichtg. 2, 81 f.; Jellinghaus, Grundr. II 2 S. 367. — Norrenberg, Kölnisches Literaturleben aaO. S. 12-14. Eine seltsame, noch nicht aufgeklärte, auch von der Kirche nicht offiziell anerkannte Heiligengestalt ist die heilige Kumernus (auch Kümmernis) oder Wilgefortis, Tochter eines heidnischen Königs in Niederland. Sie war heimlich Christin und sollte auf Befehl ihres Vaters einen heidnischen Prinzen zum Mann nehmen; auf ihre Bitte entstellte Gott ihre Schönheit, und es wuchs ihr ein mächtiger Bart, darauf wurde sie als Zauberin gekreuzigt. Ihr Kultus, der einer männlichen Heiligen, war in vielen Gegenden verbreitet, besonders am Rhein. Sie ist bildlich — bärtig mit Krone, auch mit Kranz — dargestellt. — Kern und Sloet, De heilige Ontkommer of Wilgefortis, 'sGravenhage 1884; K. Rehorn, Der heil. Kumernus od. die heil. Wilgefortis, Germ. 32, 461-80; J. H. Gallee, Zur Legende der heil. Kumernus od. Wilgefortis, ebda 33, 311 f.; Sepp, Altbayr. Sagenschatz zur Bereicherung der indogerm. Mythologie, 1893; Fr. Plant, Eine Volksheilige (St. Kumernus), 1895; Weinhold, Zs. f. Volkskde. 9, 1899, 322 ff.; Sankt Kümmernis in Schlesien, Mitt. 398 Die geistliche Dichtung des 13. Jahrhunderts d. schles. Ges. f. Volkskde. 6, 1899, 81-84; Kümmernis, Egerland 9, 24, 1906; Klapper, Festschr. Siebs 1922 S. 5 ff. St. Lucia, die Heilige von Syrakus, legte schon in frühem Alter das Gelübde der Keuschheit ab und gab später mit ihrer Mutter alles Vermögen den Armen. Als Christin ließ sie der heidnische Richter martern und töten. — M. Höfler, St. Lucia auf germ. Boden, Arch. f. Rel.wissensch. 8, 1906, 253-61; Joh. Meyer, Alem. 9, 1 f.; Passional, Köpke S. 25-31. Sente Lüthilt, Einsiedlerin auf dem Lüftelberge im Kölnischen, daher lat. Lufthildis, ist eine Lokalheilige, 13. Jahrhundert. Von ihr gibt es eine nicht vollständig erhaltene Reimlegende, 14. Jh., ripuarisch, in welche die Merlinsage eingewoben ist. — Joh. Franck, Westd. Zs. f. Gesch. u. Kunst 21,1902, 284-316. Die Legende von der hl. Maria Magdalena beruht ganz auf der biblischen Geschichte. Der Hauptschritt zur Legendenbildung wurde damit getan, daß die namenlose „Sünderin", die im Hause des Pharisäers Jesu Füße salbte, mit Maria Magdalena, einer der drei Frauen am Kreuze und Grabe Christi, identifiziert wurde, was dann andere legendarische Züge mit sich brachte und romanhaft erweitert wurde. Typus: die sündige Büßerin; die Kraft der Buße. — Eine Fassung in alemannischem Dialekt, 14. Jahrhundert: Mone, Anz. f. Kunde d. dt. Vorz. 8, 1839, 481 ff.; Jos. Haupt, Wien. SB. 34, 1860, 279 ff. Eine andere, Bruchstück des 13. Jhs., md.; Steinmeyer, ZfdA. 19, 159-64 u. Anz. 6, 111; Heigel, Germ. 20, 445-47; C. E. Eggert, The middle low germ. version of Mary Magdalen (800 V.), dazu Borchling, Anz. 29, 243-38; Franck, Nd. Jahrb. 29, 31-35 (gegen Eggert); Wolfenb. Hs.: Goedeke, Grundr. I 2 , 468. Im alten Passional Hahn S. 367-91. Im Buch der Märtyrer Zingerle aaO. S. 94-110. Prosa 15. Jh., Hs. Priebsch, Dt. Hss. in Engl. I S.53. — Lit. Goedeke, Grundr. I 2 , 234 f.; Piper, Geistl. Dichtg. 2, 82 f.; nd., Jellinghaus, Pauls Grundr. II 2 , 367. Maria aegyptiaca, Büßerin. Bruchstück, Heigel, Germ. 20, 447 f.; im Passional: Zingerle aaO. S. 82-94. S. Marina, als Knabe in ein Kloster gebracht (Geschlechtswandel), muß Leiden erdulden. — Nd. 329 V., hgb. Bruns, Gedichte in altplattdeutscher Sprache, 1798; K.Schröder, Nd. Gedichte, 1869; Goedeke, Grundr. I 2 , 469; Jellinghaus, Pauls Grundr. II 2 , 367; Oesterley in Goedekes Dt. Dichtg. im MA. 2 2 S. 16 f. Kein Heiligenleben ist in der mittelhochdeutschen Literatur so oft behandelt worden wie das der heiligen Margarethe. Die Legende ist ein Erzeugnis des Orients und war von da aus weit im Abendland verbreitet. Sie war in Antiochien von einer christlichen Mutter geboren, die früh starb; ihr Vater, Heide, trieb das Kind aus dem Hause, es ward von einer Amme auf dem Lande aufgezogen. Als Margarethe 12 Jahre alt ist, begegnet sie auf dem Wege nach Antiochien dem Grafen Olibrius, dem Richter des Landes, einem eifrigen Christenverfolger, der sie ihrer Schönheit wegen zur Ehe nehmen will, sie aber Die Heiligenlegenden im einzelnen 399 hat Gott Keuschheit gelobt und weist ihn ab. Sie wird in den Kerker geworfen und nach grausamen Martern enthauptet. Eine besondere Ausschmückung bilden die aus orientalischen Erzählungen stammenden Teufelsszenen im Kerker, bei denen die Heilige immer als Siegerin hervorgeht. — Sie ist Helferin zur Erleichterung bei Geburten (die „Kindelbetts Fraue", Schade S. 73). — Lit. Am wichtigsten: Fr. Vogt, Üb. die Margaretenlegenden, Beitr. 1, 263-87; ferner Piper, Geistl. Dichtg. 2, 18-21; Wackernagel, LG. I 2 , 452; LG. II, 1, 158 f. Die älteste mittelhochdeutsche Fassung der Legende ist Sanct Margreten Büchlein, noch aus dem 12. Jahrhundert (hgb. Haupt, ZfdA. 1, 151-93, 762 V., thüring.). Wohl ebenfalls noch vom 12. Jahrhundert her rührt das Bruchstück von einem mitteldeutschen sente Margareten buch (Bartsch, Germ. 24, 294-97). Erst ins 14. Jahrhundert zu setzen ist eine Sante Margareten Marter, die aber wohl auf eine Vorlage aus dem 12. Jahrhundert zurückgeht (hgb. Bartsch, Germ. 4, 440-71, 680 V., Österreich.; eine zweite Niederschrift davon: J. M. Wagner, Germ. 6, 376-79; Schönbach, ZfdA. 18, 88 f.). Den Anfang dieser Fassung kannte auch der wohl ebenfalls erst dem 14. Jahrh. angehörige Dichter der niederrheinischen Margareten Passie, Schade, Niederrhein. Gedichte S.71-99 (437 V.), nach 2 Köln. Drucken von 1513. 14. Ein nd. Druck vom Jahre 1500: Wegener, Drei mnd. Ged. d. 15. Jhs. hgb., 1878, dazu Schönbach, Anz. 6, 172 f.; Norrenberg, Köln. Literaturleben aaO. S. 10-12; Jellinghaus, Grundr. II 2 , 367. Endlich zeigt auch das mitteldeutsche (thüring.) Büchelin der heiligen Margareta, die verbreitetste der Margaretenlegenden, die Sprache und Reimtechnik des 14. Jahrhunderts (gegen 10 Hss. u. Drucke, 776 V.), hgb. K. Stejskal, Büchelin v. d. h. M., 1880, dazu Strauch, Anz. 7,255-58 u. DLz. 1881, 322; v.d.Hagens Grundriß, 1812, S.279; Docen, Ad. Wälder 3,156; Bartsch, Anz. f. Kde.d.dt. Vorz., 1861, 331. Bruchstücke der Erfurter Hs.: W. Schum, Germ. 18, 98-109. Bruchstücke der nahe verwandten Stettiner Hs.: R. Hasenjäger, ZfdPh. 12, 468-79, md., 14. Jh. Ein ebenfalls nahestehendes „Klappersberger Bruchstück": Osw. Pautsch, ZfdPh. 38, 242-44. Diese mitteldeutsche Fassung der Margaretenlegende, das Büchelin . . ., wurde auch ins Niederdeutsche umgesetzt, Vogt, Beitr. 1, 266-73. Niederdeutsche Margaretenlegende: Jellinghaus, Grundr. II 2 , 367; niederdeutscher Druck von 1500: Goedeke, Grundr. I 2 , 468. Die Trierer Bruchstücke einer mitteldeutschen (thüring.) Margarethenlegende enthalten eine selbständige Wiedergabe derselben Fassung: Strauch, ZfdA. 32, 423-40. 33, 394-402. 37, 13-20. Zu einer von den bisherigen Fassungen verschiedenen Legende der heil. Margareta gehören Fragmente einer Wolfenbüttler Hs. „größten Formats", eines Passionais (md., thüring.): Zimmermann und Zwierzina, ZfdA. 42, 179-85. Passional, Köpke S. 326-32; Väterbuch: J. G. Müller, Germ. 25, 413. Anfang einer Margaretenlegende in einer Berner Hs: Vogt, Beitr. 4, 50. — Prosabearbeitungen: Grazer Hs. 14. Jh., Diemer, Wien. SB. 7, 1851, 315 ff. — Diemer, Kleine Beiträge I, 121-28; der 400 Die geistliche Dichtung des 13. Jahrhunderts Eingang ist gereimt, Pfeiffer, ZfdA. 8, 157. Herrn, v. Fritzlar S. 155-58. In einer Verdeutschung der Legenda Aurea, 15. Jh., Vogt, Beitr. 1, 280 f. Auch im Buch der Märtyrer, Goedeke, Mittelalter 2 S. 161-63. Hartwig von dem Hage, der Dichter eines Tagzeitengedichtes, 14. Jahrhundert (s. oben), hat auch eine Margaretenlegende verfaßt (1738 V., alemannisch), Museum f. ad. Lit. u. Kunst von v. d. Hagen usw. 1812 ff. Bd. 2,265, Jan van Dam, Stammlers Verfasserlex. 2, 218 f.; Docen, Ad. Wälder 3, 148-59; Schönbach, Anz.7, 247-52; A. Bode, Üb. d. Margaretenleg. des H. v. d.H., Kieler Diss. 1890; Albert Bock, Üb. die Marg.-leg. d. H. v. d. H., Kieler Diss. 1893, dazu Be- haghel, Lbl. 1893,351. Eine der älteren Fassungen ist die Wallersteiner Margarethenlegende (santMargreten buoch V.24), V. 637unvollendet abgebrochen (alemann., 13. Jh.); der Verfasser nennt sich nicht (hgb. v. Bartsch in seinen Germanist. Stud. 1, 1872, 1-30, s. dazu Vogt, Beitr. 1, 265). Er gibt im Eingang als Veranlasserin der Dichtung die Herzogin Clemende an. Diese war die Gemahlin des Herzogs Berthold V. von Zähringen, f 1218, sie überlebte ihren Gatten mehrere Jahrzehnte. Die Abfassung des Gedichtes setzt Bartsch zwischen 1235—40. Bartsch hat diese Fassung für das Werk des von Rud. v.Ems in der literarischen Stelle des Alexander 3259 mit den Worten sante Margareten leben hat uns gevuoge vür gegeben min vriunt her Wetzet, des gihe ich erwähnten Dichters Wetze 1 gehalten. Jedoch hat Zwierzina im Jahre 1888 in einer Konstanzer Handschrift das wirkliche Werk Wetzeis entdeckt ADB.42, 260 f., ZfdA. 37, 130 f.; Schröder, ZfdA. 51, 109. 67, 227 f.; Baechtold, Gesch. d. dt. Lit. in der Schweiz, Zusätze S. 207; Singer, LG. d. dt. Schweiz im MA., 1916, 47 u. D. malterl. Lit. in d.dt. Schweiz, 1930, 37f.; Wilhelm, Das Margarethenleben Wetzeis von Bernau, Münch. Mus. 3, 340^43. Dieser Wetze 1 von Bernau ist also der von Rudolf von Ems gerühmte Freund. Unter den verschiedenen alemannischen Bernau hält man das schweizerische im Kanton Aargau für das zuständige, s. Schröder, ZfdA. 67, 227 f. Ausg.: Bartsch, Wetzeis heilige Margarete, Bartschs Germanist. Stud. 1, 1872, 1-30. — Zwierzina, Ad. Bl. 42, 260 f.; Schröder, ZfdA. 51, 109. 153. 67, 227 f.; Johannes Schmidt, Beitr. 3, 169, dagegen Bartsch, Germ. 24, 4 ff.; H. Herzog, Min friunt her Wetzel, Germ. 29, 31-33; Baechtold, Gesch. d. dt. Lit. in d. Schweiz S. 109 u. Anm. S. 31 f. und Zusätze u. Verbesserungen S.207. Sprachliches: Zwierzina, Anz.26, Reg. S.346.27 Reg.342. — Hss.: Wallerstein, Bartsch aaO. S. 1; Konstanz, Zwierzina, ZfdA. 37, 130. SanctMechtild, „De sancta Mechtelde et fratre eius Alexandra qui fuit monachus cisterciensis", eine niederdeutsche Prosalegende, 15. Jahrhundert, erzählt wie diese schottische Königstochter und ihre vier Brüder auf atye weltliche Ehren verzichteten und zum Teil ein asketisches Leben führten. — Stammler, Mnd. Leseb., 1921, 50 f. u. Anm. S. 138 u. Nachtr. S. 147 (Quelle: Thomas Cantimprat. De apribus). Heil. Theodora. — Bruchstücke K.Roth, Mones Anz.6, 59; K.Roth, Denkmähler, 1840, S. 62-65; Goedeke, Grundr. I 2 , 233. Die Heillgenlegenden im einzelnen 401 Die heilige Ursula, eine britische Königstochter, wird auf einer Fahrt nach Armorica mit vielen Tausend (elftausend) Jungfrauen an den Rhein verschlagen ; vor Köln, das die Hunnen belagern, werden sie von diesen erschlagen. Sie ist ein Bild jungfräulicher Reinheit. — Das niederrheinische Gedicht hgb. nach einer Hs. des 14. Jhs. von G. Friedländer, Ad. Bl. 2, 41-50 (395 V.); Prosa: ebda Hoffmann S. 50-56; nach drei kölnischen Drucken von Schade, Geistl. Ged. S. 161-202 (448 V.). Bruchstücke: Fritz Burg und Edw. Schröder, ZfdA. 42, 108-12 (Anf. 14. Jh., niederfränk., Original ober- rhein., späteres 13. Jh.); andere Bearbeitungen der Sage von Ursula und den 11000 Jungfrauen s. Schade S. 168 ff. — Goedeke, Grundr. I 2 , 469.— Abhandl.: Schade, Die Sage von der Heiligen Ursula und den elftausend Jungfrauen, 1854; Norrenberg, Kölnisches Literaturleben S. 6-10; A. Müller, D. Martertum der thebaischen Jungfrauen in Köln (die heilige Ursula und ihre Gesellschaft), 1896 (s. die Kritik JB. 1896 S. 145 Nr. 119); P. Beck, Ein St. Ursula-Lied von Dr. Johannes Gäßler in Weißenau-Ravensburg aus d. 15. Jh., im Diözesanarchiv von Schwaben 23, 1905, 43 f.; J. Brühl, D. heil. Ursula in Geschichte, Legende u. Dichtung, 1906; Zopf, Das Heiligenleben im 10. Jh. aaO. S. 64-70; W. Levison, Das Werden der Ursula- Legende, Bonner Jahrbücher H. 132 u. SA. 1928, dazu Schröder, Anz. 47, 21-23; Stroppel, Liturgie u. geistl. Dichtg.; Guy de Schoutheete deTervarent, La legende de Sainte Ursule dans la litterature et l'art du moyen äge, 2 Bde., Paris 1931. Passional, Köpke (11000 Jungfrauen) S. 565-74. Ein gereimtes Legendenwerk von der Verherrlichung heiliger Frauen ist eine alemannische Dichtung des 15. Jahrhunderts, Der Maget Kröne (Titel am Schluß des Werkes): es ist das Leben der Maria, der Krone ob aller Frauen, dem andere Legenden angeschlossen sind (hl. Barbara, Dorothea, Margareta, Ursula, Agnes, Lucia, Cäcilia, Christiana, Anastasia, Juliana). 1 Eine gesonderte Betrachtung gegenüber den vulgären Legenden beanspruchen die Legendenromane, die sich schon durch ihren Aufbau und ihre biographisch ausgeführte Handlung von jenen unterscheiden. Eine neue Heilige hat Hugo von Langenstein in Deutschland bekannt gemacht, die heilige Martina. 2 Am Schluß seines umfangreichen, 33000 Verse zählenden Gedichtes (287, 79 ff., Keller S. 723) berichtet er, natürlich unter den üblichen Demutsbezeugungen: Martina, die reine Magd, ward in 1 Hgb. auszugsweise: J. Zingerle, Wien. SB. 1912; Erich Wiegmann, Beitr. z. H. v. L. u. 47, 1864, 489-564; Birlinger, Zs. f. vergl. seiner Martina, Hall. Diss. 1920; Helm, Zfddt- Sprachforschg. 14, 448 f.; Schröder, ZfdA. Unterr. 30, 1916, 297 f.; Ziesemer, D. Lit. 67, 48. — Piper, Geistl. Dichtg. 2, 84 f. d. dt. Ordens in Preußen, 1928, 36 f.; Er. 2 Ausg. Adelb. v. Keller, Litt. Ver. Nr. 38, Klibansky, Gerichtsszene u. Prozeßform, 1856 (daselbst S. 737 Lit. bis 1856). — Ab- 1925, 31-35. — Stellen: Bech, Alem. 18, 53 handl.: Steinmeyer, ADB. 17, 673 ff.; -61; Lauchert, ebda 18, 61 f.; Bech, ebda Wackernagel, Die ad. Hss. d. Basler Uni- 19, 19-28; Schneider, Wolfdietrich S.308. vers.bibl., 1835, 39 ff.; P. Dold, Untersu- 326; Lichtenberg, Architekturdarstellungen chungen z. Martina d. H. v. L., Straßbg. Diss. S. 26 f. — 1 Hs. (Basel), Keller S. 738. 26 Deutsche Literaturgeschichte IV 402 Die geistliche Dichtung des 13. Jahrhunderts Deutschland zuerst einer Klosterfrau in einem Traumgesicht geoffenbart, in dem ihr ein schöner alter Mann von der Jungfrau und Märtyrerin erzählte. In einem Martyrologium hat dann diese Nonne gefunden, daß die Heilige ihren Jahrestag am Tag der Beschneidung Christi (1. Jan.) hatte. Sie war in Rom aus höchstem Adel geboren, zwanzig Martern hat sie erduldet; er selbst, der Dichter, hat nur elf kennengelernt und in Reime gebracht; schließlich nennt er seinen Namen: Huc von Langenstein, ein Bruder im Deutschen Hause; im Jahr 1293 hat er das Buch vollendet. 1 Die heilige Martina wurde unter Kaiser Alexander Severus an einem 1. Januar hingerichtet und ist in Rom als eine Schutzheilige der Stadt besonders verehrt. Die Kirche begeht ihren Gedächtnistag am 30. Januar. Die Legende trägt den gewöhnlichen Märtyrertypus: die Jungfrau will den heidnischen Göttern nicht opfern und wird durch den Kaiser, der sie durch die Martern zum Abfall von Gott zu zwingen sucht, zu immer grausameren Qualen verurteilt; sie wird ins Gefängnis geworfen, mit Ruten geschlagen, nackt an einen Pfosten mit eisernen Nägeln gebunden, mit Harz beschmiert, mit scharfen Schwertern geschnitten, die Glieder werden ihr zerrissen, sie wird einem Löwen vorgeworfen, im Feuer verbrannt, im Amphitheater den wilden Tieren preisgegeben, aber immer wieder durch die Gnade Gottes gerettet. Die Wunder veranlassen viele Heiden, zum Christentum überzutreten. Aus diesem Grundstock der Legende hat Hugo v. Langenstein ein großes Erbauungsbuch mit vielseitiger religiöser Belehrung geschaffen. Die Martern werden kurz abgetan — der Dichter scheint nur eine gedrängte Quelle dafür gehabt zu haben —, sie geben eigentlich nur die Veranlassung dazu, die Heilige als ein Vorbild unerschütterlichen Gottvertrauens zu zeichnen. Weit über die persönlichen Schicksale der Heiligen hinaus ist der Rahmen gespannt: das Gedicht ist eine christliche Heilslehre, es beginnt mit Schöpfung und Sündenfall, demgegenüber als Gegenpol steht die Geburt Christi aus der Jungfrau und die Erlösung durch seinen Tod; dann, besonders gegen den Schluß, folgen Berichte über Antichrist, jüngstes Gericht, Auferstehung der Welt, Teufel und Engel und die Freude des Himmelreichs. Großen Raum nehmen die zwi- schenhinein verstreuten belehrenden Partien ein: aus der Bibel, aus dem Physiologus von des Menschen Natur und Gebrechlichkeit (über dritthalb- tausend Verse), von den Eheleuten, von den christlichen Tugenden in der über viertausend Verse zählenden Kleiderallegorie. Der durchziehende Grundgedanke ist der Gegensatz zwischen der vergänglichen Welt und den ewigen Freuden des Himmels. Hugo selbst stellt sein Programm am Schlüsse auf (291,91, Keller S. 733) : 2 Das Buch redet nicht von Ritterschaft und irdischer 1 Urkundl. 1257-98. Hugos Familie war im er in der Ordensbailei Elsaß. — Wacker- Hegau, nördl. vom Bodensee, ansässig. Mit nagel aaO.; Haupt, ZfdA. 7, 169. — Hugo seinem Vater und drei Brüdern trat er um 1270 von Langenstein nicht Verfasser der Mainauer in den deutschen Orden ein, dem sie die Insel Naturlehre, Wackernagel S. 50; anders Mainau im Bodensee geschenkt hatten und Schirokauer, Beitr. 47, 124. wo eine Komturei gegründet war. Später lebte 2 Schwietering, Demutsformel S. 82. Die Heiligenlegenden im einzelnen 403 Minne, die die törichten Kinder der Welt blind macht für Gottes Dienst, nicht von weltlichen Abenteuern, die den Leuten Kurzweile bereiten, ez ist der weite widerstrit. Dieser Polemik gegen das ritterliche Epos stellt er die Marter der heiligen Martina gegenüber, die ihr zarter Leib in der Minne Gottes empfing, und die Wunder, die Gott mit ihr beging. Die Quelle, 1 die Hugo für die Legende, also für den historischen Grundstock, vorlag, ist erhalten in den Acta Sanctorum der Bollandisten Bd. I (gedr. 1734). Die weit ausgeführten Einschübe bezog er hauptsächlich aus dem vielgelesenen Compendium veritatis und der bekannten Schrift des Papstes Innozenz III. De contemptu mundi. Unendliche Redseligkeit ist die kennzeichnende Eigenschaft des Stiles. Doch ist die Ausdrucksweise nicht ungewandt. 2 Der Dichter hat Rudolf v. Ems, Reinbot v. Durne, auch das Passional gekannt, sein Vorbild aber ist Konrad v. Würzburg und besonders dessen Goldene Schmiede, die er in der häufigen Anwendung von gezierten Reimen nachahmt. Die Schlüsse der Abschnitte sind markiert und geschmückt durch zwei gleiche Reimpaare. Seinen alemannischen Dialekt 3 läßt der Dichter auch in die Reime dringen. Eine würdige, ausführliche Darstellung ist dem Gründer des Bruderordens der Minoriten, dem heiligen Franz, gewidmet in dem Sanct Francisken Leben des Lamprecht von Regensburg 4 (üb. Lampr. v. R. s. oben). Das Gedicht, 5049 V., ist eine getreue Übersetzung der Vita S. Francisci des Thomas v. Celano (um 1228-30). Der Dichter nennt sich selbst mehrere Male: Lampreht ist genant sin name, 304, ein knappe, heizet Lampreht, 376, öwe du armer Lampreht, 3244, er nennt sich werltlich, 3253, der arme Lampreht, 4017. Er war also noch nicht in den Franziskanerorden eingetreten, aber mit mehreren Brüdern befreundet, unter anderem mit bruoder Berhtolt, d.i. Berthold v. Regensburg, V. 1750 ff. Danach fällt die Abfassungszeit des „Francisken Leben" nach dem Jahr 1237, etwa 1240. Nur 1 Hs. Die Legende Heinrich und Kunegunde von Ebernand von Erfurt. 5 Seinen Namen und seine Heimat hat der Dichter in einem Akrostichon ver- 1 R. Köhler, Quellennachweise zu H.s v. L. Nr. 20. — Abhandl.: Geo. M. Priest, Eber- Mart., Germ. 8, 15-35 u. Kl. Sehr. 2, 118-46. nand v. Erfurt. Zu seinem Leben und Wirken, 2 Wortwiederholung: de Boor, Festschr. Diss. Jena 1907, dazu Ehrismann, ZfdPh. 42, Ehrismann 1925, 144 f. 361 f.; Priest, Beitr. 29, 368; Ders., The re- 3 Lauchert, Alem. 17, 211-38; Zwierzina, lation of Ebern, v. Erfurt to his sources, Anz. 26 Reg. S. 351. 27 Reg. S. 347. Princeton Univers.bulletin XV, 1904, 1,1-24; 4 Ausg.: Karl Weinhold, Lampr. v. R., Ders., Journal of Engl, and Germ. Philol.V Sanct Francisken Leben u. Tochter Syon, Nr. 4, 505ff.; Ders., ZfdA. 53, 87-99; Schrö- 1880, dazu Bech, GgA. 1881, 490-501, der, ZfdA. 51, 143-51; Wesle, Stammlers Strauch, Anz. 8, 1-8, Kinzel, ZfdPh. 12, Verfasserlex. 1,477-80.—v. Eicken, Malterl. 491-94, Rödiger, DLz. 1880, 233; Pfeiffer, Weltanschauung S. 686; Lichtenberg, Archi- Ad. Übungsb. S. 60-72 (Auszug), nd. Prosa tekturdarstellungen S. 33f. — Stellen: Bech (Auszug) S. 200-6. — Jellinek u. Kraus, aaO.; Bartsch aaO.; Priest, Journ. of Engl. ZföG. 44 (1893), 688 (Stelle). and Germ. Phil. aaO.; Jellinek, ZfdA. 43, 5 Ausg. Reinhold Bechstein, 1860, dazu 391 f. — 1 Hs.: Bechstein S.U. VII ff.; Bech, Germ. 5, 488-507, Erwiderung Bech- Priest, Diss. S. 41-43; Schröder aaO. S. 143. steins, ebda 6, 422-34; Bartsch, Cbl. 1861 150; Ders., ZfdA. 69, 112. 26* 404 Die geistliche Dichtung des 13 Jahrhunderts steckt, auf das er V. 4447 ff. selbst hindeutet: Die Anfangsbuchstaben der Abschnitte ergeben den Satz: Ebernaut so heizzin ikh die Erfurtere irkennint mikh Keisir unde Keisirinn. 1 Der Dichter ist wahrscheinlich der in Erfurter Urkunden 1212 und 1217 vorkommende Bürgersohn aus angesehener Erfurter Familie. Als Veranlasser nennt er seinen Freund Reimbote, der Küster in Bamberg und später Laienbruder im grauen Kloster zu Sankt Georgental bei Gotha war (V. 4103. 4517^2). Zeit der Abfassung: nach dem Tode Papst Innozenz' III. (V. 4311 ff.) a. 1216, also etwa um 1220. 2 Den Inhalt des Gedichtes bildet die Legende, die sich um Kaiser Heinrich II. (1002-24) und seine Gemahlin Kunigunde gewoben hatte, welche im Jahre 1201 heilig gesprochen wurden. Der Zweck als Heiligengeschichte brachte es mit sich, daß vor allem das religiöse Leben der beiden Personen betont wurde, wobei aber das weltliche Regententum doch den Faden für die Geschichte abgab. Quellen 3 sind die Vita Heinrici imperatoris des Adal- bertus und die Vita sanctae Cunegundis, denen der Dichter mit sklavischer Abhängigkeit folgte, den lateinischen Urtext nur mit mehr Worten wiedergebend. So ist die Darstellung trocken und redselig. Die Metrik ist im allgemeinen glatt ; 4 4752 V. Von dem Gedichte wurde im 14. Jahrhundert ein prosaischer Auszug 5 gemacht — Bruchstücke sind vorhanden —, der dann auch in den Sommerteil der heiligen Leben (s. oben) aufgenommen wurde. Die wärmste und innigste Verehrung unter allen heiligen Frauen ist wohl der heiligen Elisabeth 6 zuteil geworden, und heute wieder, in dem siebenhundertsten Gedächtnisjahr ihres Todes, ist eine reiche Literatur über sie in wissenschaftlichen Werken und in Tagesschriften erschienen. Die Barmherzigkeit und Menschenliebe, die in der Legende die Krone ihrer Frömmigkeit ausmacht, hat ihr die Herzen gewonnen ohne Unterschied des Bekenntnisses. Der mittelhochdeutsche Legendenroman läßt, der Tradition des Legendenstils 1 Danach ist der vom Dichter selbst gegebene 6 Ausg.: Max Rieger, Das Leben der heil Titel „Kaiser und Kaiserin", Schröder, Gott. Elisabeth vom Verfasser der Erlösung, Lit. Nachr. 1917, 161. Ver. 90, 1868, dazu Osk. Jaenicke, ZfdPh. 1, 2 Abfassungszeit: Priest, Diss. S. 36-40; 376-78; früherer Auszug: Graff, Diut. 1, 344 Schröder, ZfdA. aaO. bes. S. 149f. -489 (Darmstädt. Hs.).— Abhandl.: s. Lit. 3 Quelle: Bechstein S. 2; Priest, ZfdA. 53, zur Erlösung; Bartsch, Germ. 7, lff.; bes. 88-99. — Die Vita Heinrici und die Vita Cune- Friedr. Maurer, Über Gleichsetzung der gundis wurden 1511 von Nonosius, Küster Verfasser bei anonymen ad. Dichtungen und des Klosters auf dem Mönchsberg (Bamberg), die Einheit von Erlösung u. Elisabeth, ZfdPh. ins Deutsche übersetzt. Spätere und neuere 56, 146-83; Merker, Reallex.2, 184f.; Deut- Bearbeitungen der Legende von Heinrich u. sehe Prosa 15. Jh.: Krebs, Stammlers Verf.- Kunigunde s. Priest, Ebern, v. Erf., 1907, lex. 1, 418-20. H.Mielke, Zur Legende der 70-82. 86-102. heil. Elisabeth, Landgräfin v. Thüringen, Ro- 4 Sprache: Bechstein S. XVIII-XXVIII stocker Diss. 1888; F. G. Schmidt, Journ. of u. Germ. 6, 425-34; C. Kraus, Dt. Gedichte Engl, and Germ. Philol. V, 161-79; Rostock, des 12. Jh.s S. 148; Zwierzina, Anz. 26 Reg. Dichterheldensage S. 21. 25 (über die Wart- S. 348. 27, Reg. S. 343; Ders., Festgabe für burgkrieg-Sage in der heil. Elisabeth); Friedr. Luick S. 130. Metrik: Bechstein S. XXVIII- Maurer bei Stammler aaO. 1, 551-53.— XXXV. 3 Hss., 3 Brachst.: Rieger S.3-10; Stein- 6 Steinmeyer, ZfdA. 16, 474-76; Priest, meyer, Anz. 14, 291; Schröder, ZfdA. 54, Diss. S. 54-70. 295f. 425f. Die Heiligenlegenden im einzelnen 405 entsprechend, die Heilige als fleckenloses Ideal erscheinen. Der Roman ist durchaus Legende, und die Geschichte dient nur zur Folie für die fromme Heldin. Ihr Heroismus ist nicht der einer Märtyrin, sondern der der reinen Menschenliebe sich hingebenden Dulderin. Der Dichter freilich ist diesem erhabenen Inhalt nicht gerecht geworden, sein Stil ist nicht durch besonderen Schmuck gehoben. Versbau und Reim sind glatt. 1 Die Heilige wurde 1207 als Tochter des Königs Andreas II. von Ungarn geboren und als Kind von dem Landgrafen Hermann von Thüringen mit seinem Sohne Ludwig, dem nachherigen Landgrafen, verlobt, 1220 vermählt; Ludwig starb schon 1227 auf der Kreuzfahrt, nach seinem Tode lebte sie in Marburg, wo sie am 17. November 1231 starb. Zum Andenken der 1235 Heiliggesprochenen wurde in Marburg die Elisabethkirche gegründet (1236). Das Gedicht ist nach 1297 geschrieben, der Verfasser 2 folgte genau seiner lateinischen Quelle, der Vita S. Elisabethae des Franziskaners Dietrich v. Apolda, die zwischen 1287 und 1297 entstand. 3 Es zerfällt in 8 Bücher, von denen aber das erste und letzte nicht numeriert sind; 11050 V. Hundert Jahre später, nach 1421, verwendete Johannes Rothe, Domherr zu Eisenach, seine bescheidenen Kräfte auf ein gereimtes St .-Elisabethen- Leben (s. unten). Auf der Grenze zwischen Chronik und Heiligenleben steht Das Leben des heiligen Ludwig, Landgrafen von Thüringen, das Friedrich Köditz von Saalfeld, 4 Rektor der Klosterschule zu Reinhardsbrunn, aus der zwischen 1308 und 1315 verfaßten lateinischen Vita Bertholds, des Kaplans des Landgrafen, und aus Dietrichs v. Apolda Leben der heil. Elisabeth zwischen 1315 und 1323 übertragen hatte; Prosa in sechs Büchern. Im ersten Buch wird von dem Landgrafen Hermann, Ludwigs Vater, erzählt und von der Geburt Ludwigs, dabei die Sage vom Wartburgkriege; im zweiten und dritten Buch wird von Ludwigs Regierung und von seiner Gemahlin, der heiligen Elisabeth, berichtet, im vierten Buch von seiner Kreuzfahrt, im fünften von seinem Tod. Landgraf Ludwig wurde nicht von der Kirche heiliggesprochen, aber von der öffentlichen Meinung als Märtyrer und Heiliger verehrt, und im 6. Buch werden die Zeichen und Wunder aufgezählt, die er am Schluß des 13. Jahrhunderts an denen vollbrachte, die ihn in Krankheiten und in Nöten anriefen. Die Geschichte endigt also wie eine Märtyrerlegende. — Das vierte Buch, die 1 Sprache: Bartsch, Germ. 7, lff.; Rieger 2 Über die Verfasserfrage s. „die Erlösung". S. 27-51; Zwierzina, ZfdA.44, Reg. S.347. »Quelle: Rieger S. 53-58; Maria Oesse- 45 Reg. S. 343. Kraus, Dt. Gedichte des nich, Das mhd. Gedicht von der heil. Elisa- 12. Jh.s S. 148. Metrik: Bartsch aaO.; Rie- beth u. seine Quelle, Bonn. Diss. 1921, unge- ger S. 11-27; Ilse Siegel, Reimuntersuchun- druckt; Maurer, ZfdPh. 56, 159. gen zum Leben der Heil. Elisabeth, Heidelberg. 4 Hgb. Heinr. Rückert, Das Leben des Diss. 1923, Masch.dr., Maurer, ZfdPh. 56, heil. Ludwig, Landgrafen in Thüringen, Ge- 173f.; Sievers, Beitr. 54, 308ff.; F. W. E. mahls der heil. Elisabeth, 1851. — Naumann, Roth, Das Gebetbuch der heil. Elisabeth hgb., Ad. Prosaleseb. S. 113-16. 1886. 406 Die geistliche Dichtung des 13. Jahrhunderts Kreuzfahrt, berührt sich mit dem Gedichte „Die Kreuzfahrt des Landgrafen Ludwig des Frommen von Thüringen" (s. oben). Leben der Gräfin Jolande von Vianden 1 von Bruder Hermann. Geboren 1231 in Vianden in Luxemburg, will sie schon als Kind Braut Christi werden, geht nach langem Widerstreben der Eltern ins Kloster Marienthal in Luxemburg, wo sie 1283 als Priorin stirbt. — Das Gedicht, 5963 V., Luxemburger Dialekt, wurde von einem Dominikanerbruder Hermann bald nach dem Tode der Jolande verfaßt. Er nennt seinen Namen Vers 395: brüder Hereman. — Es ist kein Heiligenleben, sondern eine historische Erzählung, unmittelbar unter dem Eindruck der Ereignisse entstanden. Legendenhafte Erzählungen Eine besondere Gruppe bilden die legendenhaften Erzählungen (GSA. Nr. 72-90, Bd. III, 427-623 u. S. CLXVI ff.). Ihr Gehalt ist Frömmigkeit, das Ziel zumeist Preis der barmherzigen Gottesmutter, die ihre Gläubigen aus Nöten befreit. Die handelnden Personen sind turnierende Ritter, Geistliche, besonders Mönche, Schüler; Typen, individualisiert auf bestimmte Persönlichkeiten, sind Theophilus, der Teufelsbündler, bekannt aus der Faustsage (s. unten, Legenden), und Thomas von Kandelberg 2 (der Erzbischof Thomas v. Canterbury); 346 V. Das Märchenmotiv vom Verschlafen langer Zeitfristen ist in verschiedensten Dichtgattungen verbreitet, so auch in Legendenform: Die sieben Schläfer. Sieben vornehme Jünglinge in Ephesus wurden wegen ihres Christentums von Kaiser Decius bedroht, sie flohen in eine Höhle, dort ließ sie der Kaiser einmauern, unter Gebet zu Gott entschliefen sie. Nach 248 Jahren wurde die Höhle eröffnet, da erwachten sie. Der Kaiser Theodosius selbst ■— das Reich war mittlerweile christlich geworden — kam auf die Kunde von dem Wunder herbei. Darauf sanken die frommen Schläfer hin und gaben in Gott den Geist auf. Im Deutschen ist die Legende in einem Gedicht Von den siben släfceren erzählt, Ende des 13. Jahrhunderts, mitteldeutsch, 935 V. Schon vorher hatte die Kaiserchronik eine kurze Notiz von den sieben Brüdern aufgenommen, V. 6417-42; in einem Prosa-Passional des 15. Jahrhunderts: Wackernagel, Leseb. 5 Sp. 1397-1400. Die Legende hat eine ausgedehnte Geschichte. Zuerst im Griechischen (5./6. Jahrhundert) schriftlich fixiert, wurde sie im Mittelalter besonders verbreitet durch die lateinischen Fassungen, des Vin- cenz von Beauvais Speculum historiale (um 1250) und des Jacobus a Voragine !Ausg.: John Meier, Bruder Hermanns 2 GSA. Nr. 87, Bd. III, 573-86 u. S. CXXVI; Leben der Gräfin Jolande von Vianden, 1889, Rich. Scholl, Th. v. K., 1928, dazu Nie- dazu J. Franck, DLz. 1891, 417, Behaghel, wöhner, Anz. 47,169-74, Stammler, ZfDtsch- Lbl. 1891 Sp. 3f. — Pfeiffer, Ad. Übungsb., kde. 1928, 815f., Ehrismann, Lbl. 1930 ,8f.; 1866, 103-13; Joh. Franck, zu Br. H.s. Jol., Schröder, ZfdA. 61, 233-36; Ders., Anz. 44, ZfdA. 35, 379-88; Frings, Teuthonista 3, 98; 98 f. — s. unter Legenden. de Boor, Festschr. Ehrismann 1925, S. 144. Legendenhafte Erzählungen 407 legenda aurea (vor 1280), und gelangte so ins Französische, Englische, Italienische, Spanische, Altnordische. 1 Derselbe Stoff vom Durchleben ganzer Zeiträume im Schlafe findet sich legendarisch gewandet auch im Mönch Felix. Einem Mönche Felix verkündete ein Vögelein in der Morgenfrühe die Herrlichkeit des Himmelreichs mit so süßem Gesang, daß er wähnte, im Himmel zu sein. Als er in das Kloster zurückkam, kannte ihn niemand. Er war hundert Jahre fort gewesen, das dünkte ihn eine Stunde. — Lit.: Ausg.: GSA. Bd. III Nr.90, 609-23 und S.CXXVII; neue Ausgabe mit umfassendem Kommentar: Erich Mai, Das mhd. Gedicht vom Mönch Felix, Acta germanica N.R. H. 4, 1912 (Kap. I— III als Berliner Diss. 1903), dazu Leitzmann, ZfdPh. 47, 113 f., Pfannmüller, DLz. 1913, 1250-53; Piquet, Rev. germ. 9, 489, s. auch Jos. Klapper, D. Legende vom Armen Heinrich, Progr. Breslau 1914 S. 12 Anm. 2; Fritz Müller, D. Legende vom verzückten Mönch, den ein Vöglein in das Paradies leitet, Diss. Erlangen 1913. Das Felixgedicht ist mitteldeutsch, speziell thüringisch, Mitte oder 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts, 380 Verse; der Verfasser war seinen Kenntnissen nach Geistlicher, und zwar Zisterzienser. 2 Außer dieser gibt es noch einige andere mittelhochdeutsche Fassungen: W. Grimm, Ad. Wälder 2, 70 ff.; Pfeiffer, ZfdA. 5, 433 f. (Brachst.); F. W. E. Roth, ZfdPh. 28, 35-38 (Kürzung); das mittelhochdeutsche Gedicht vom zwibelcere; V.Hardenberg, Germ.25, 339^4 (md. erste Hälfte des 13. Jh.s, 178 V.). 3 Die Sage ist verbreitet in mancherlei Darstellungen. 4 Eine anmutige Mönchslegende ist Das zwölfjährige Mönchlein. 5 Ein Knabe, der sieben Schwestern hat, wird von seiner Mutter sechsjährig dem Kloster übergeben. Die Erzählung von der Geburt des Heilands erfüllt das kindliche Herz, und er hat nur die Sehnsucht, das Christkindlein zu sehen. Da erscheint es ihm — er ist 12 Jahre alt — mit einem Apfel in der Hand, 1 Ausg. des mhd. Gedichtes: Th. v. Karnjan — s. Piper aaO. S. 39 Anm. Von den siben slafaeren, 1839.— Abhandl.: 2 Pfeiffer hielt das Ged. vom Mönch Felix Massmann, Kaiserchron. S. 776-78; Aug. für einen Teil des Väterbuchs, Münch. Ge- Reinbrecht, Die Legende von den sieben lehrte Anzeigen 1851, 735ff., s. Mai S. 63ff. Schläfern, Diss. Göttingen 1880; John Koch, 3 Frühere mhd. Behandlungen der Legende: Die Siebenschläferlegende, ihr Ursprung.und Mai S. 168ff. ihre Verbreitung, 1883, dazu Varnhagen, 4 Massmann, Kaiserchr. 3, 777; Pfeiffer, GgA. 1883, 438^5, Reinh. Köhler, Cbl. Germ. 9, 260; Mai S.205ff. (Herkunft und 1883, 1348-50; F. M. Huber, Beitrag zur Entwicklung des Stoffes). Visionsliteratur, zur Siebenschläferleg. des 8 Hgb. Maurer v. Constant, 1842, dazu MA.s I, Progr. Metten 1902/03; II, ebda 1905; Pfeiffer, Münch. Gel. Anz. 1843 Stück 156; Ders., Die Wanderlegende von den Sieben- Theod. Kirchhofer, Die Legende v. 12jähr. schläfern, 1910. — Zöckler, Herzogs Real- Mönchlein, Diss. Schaffhausen 1866, dazu encyclopädie f. protest. Theologie 14, 1884, Lambel, Germ.12,106-08.Übersetzung :Ferd. 217f.; Goedeke, Grundr. I 2 , 235; Goedeke, VETTER,BaslerNachrichten,Sonntagsbl.,1913. Dt. Dichtg. im MA. 2 S. 226-28; Piper, Geistl. — Baechtold, Gesch. d. dt. Lit. in d. Schweiz Dichtung 2, 37^1; Merker, Reallex.2, 185. S. 139f. u. Anm. S.40; Singer, Die malterl. — Abgedruckte Bruchstücke: Mone, Anz. 7, Lit.d.dt. Schweiz, 1930, S.42 u. Anm. S. 194; 287; J. V. Zingerle, Wien. SB. 64, 143ff. Ders., GRM. 17, 1929, S. 90. 65, 633ff; Franz Roth, Germ. 11, 407-11. 408 Dm geistliche Dichtung des 13. Jahrhunderts mit dem sie zusammen spielen. Dann verkündet es dem Knaben, daß er noch heute mit ihm in seiner Freude sein werde. Und Gott selbst kommt und führt unter Gesang der Engel die Seele des Kindes mit sich. Die naive Kindergeschichte ist lieblich erzählt, unter dem Einfluß von Konrads v. Würzburg Stil (alemannisch, Anfang des 14. Jh.s, 305 V.). Heinrich Clüzenere (Klausner) 1 erzählt ein ähnliches Wunder unserer lieben Frau: ein Klosterschüler diente in Frömmigkeit unsrer lieben Frau. Seine Mutter war so arm, daß sie ihm keine Schuhe anschaffen konnte. Das betrübte ihn sehr deshalb, weil er barfuß nicht zum Chor gehen konnte. Er bat die heil. Jungfrau um ein Paar Schuhe, sie erscheint ihm selbst, versagt ihm aber seine Bitte und läßt ihn statt dessen wählen, ob er einst Bischof werden wolle, oder in drei Tagen sterben und sofort ins Himmelreich kommen. Er wählt das letztere. — Der Dichter nennt seinen Namen (V. 45); der Bruder Pilgerim von Görlitz erzählte ihm diese Geschichte (V. 54 ff.), und der junge König von Böhmen veranlaßte ihn zu dem Gedicht (V. 1355). Er war wahrscheinlich Schlesier, die Beziehungen zu Görlitz und auch seine Sprache weisen dahin. Die Abfassung dürfte in die achtziger Jahre des 13. Jahrhunderts fallen, in die Jugendzeit Wenzels II. von Böhmen (1364 V.). Die äußerste Spannung hat die Jesuminne erreicht in der Legende Von dem Beginchen von Paris. Eine reiche Jungfrau in Paris gibt aus Liebe zu Gott Gut und Ehren auf, verläßt ihre Mutter und geht in den Orden der Beginen. Aber Jesus hat ihr Herz so ganz eingenommen, daß sie die einer Be- gine obliegenden Arbeiten, Nähen, Spinnen, ja selbst zur Kirche gehen verweigert. So wartet sie sieben Jahre in ihrer Kammer ohne irdische Speise und Trank auf Jesus, bis er sie in sein Himmelreich abholt. Das Gedicht ist wohl ein Erzeugnis des 15. Jahrhunderts, das Original ist nicht erhalten, nur zwei verschiedene Fassungen desselben, eine kölnische in einem Druck vom Anfang des 16. Jahrhunderts 2 (137 vierzeilige Strophen) und eine westniederdeutsche in einer Handschrift des 15. Jahrhunderts (554 V.). 3 Die Legende vom Engel und vom Waldbruder. Ein Einsiedler ist Zeuge eines Todschlages, da wird er irre an Gottes Gerechtigkeit und geht wieder in die Welt hinaus. Gott sendet ihm einen Engel als Begleiter, der aber tötet Menschen und stiehlt. Der Einsiedler hält ihn deshalb für den Teufel, aber der Engel klärt ihn auf: Alles sei zum Seelenheil der Betroffenen geschehen, denn er habe sie vor Sünden bewahrt, die sie zur Hölle geführt hätten. Die Erzählung ist jüdischen Ursprungs und in verschiedenen orientalischen 1 Bartsch, Md. Gedichte, Lit. Ver. 53, 1860, lers Verfasserlex. 1, 183-85 mit Lit. S. 1-39 u. Einl. S.VIII-XIII; Martin, Anz. 8 Hgb. Lübben, Mnd. Gedichte, 1868.— 3, 108. 110. Jellinghaus, Gesch. d. mnd. Lit. 3 S. 8; 2 Hgb. Schade, Geistl. Ged. vom Nieder- Stammler, nd. Jahrb. 45, 1920, 121; Ders., rhein S. 333-60. — O. Norrenberg, Köl- Gesch. d. nd. Lit. S. 37f. — Borchling, Nd. nisches Literaturleben S.24f.; Anz. f. Kunde Jahrb. 23, 114; Norrenberg aaO. d. dt. Vorz. 1833 Sp. 63; L. Wolff, Stamm- Legendenhafte Erzählungen 409 Versionen umgegangen, dann aber auch im Abendlande sehr verbreitet gewesen. So wurde sie auch in die Gesta Romanorum aufgenommen (Cap. 80, Ausg. von Herrn. Oesterley, 1872, Cap. 80 S.396-99. 724f.; in der Übersetzung von Grässe, 3. Ausg. 1905 S. 137-41 [Von des Teufels Arglist und wie Gottes Gerichte verborgen sind]; Wilh. Dick, Die Gesta Romanor. usw., hgb. 1890). Im Mittelhochdeutschen ist die Legende bearbeitet in einem bayerisch-österreichischen Gedicht um 1300 oder später, etwa 500 V. 1 Ferner im Väterbuch von Heinr. Kaufringer, in den deutschen Gesta Romanorum, in Hans Vintlers Blumen der Tugend. 2 Auf historischen Gegenwartsboden gestellt ist die Legende „Die Jakobsbrüder" von Kunz Kistener. 3 Der Stoff besteht aus der Freundschaftssage in Verbindung mit dem Aussatzmotiv, also in dem Thema von „Amicus und Amelius", von Konrad v. Würzburgs Engelhart (Lit. Euling S. 41). Ein bayerischer Grafensohn begegnet auf der Pilgerfahrt zum heil. Jakob von Compostela einem ebendahin wallenden Schwaben aus einer armen Ritterfamilie in Haigerloch. Beide reisen nun zusammen. Unterwegs stirbt der Bayer, der andere behandelt den Toten, als ob er lebte, führt den Leichnam in einem Ledersack mit sich auf einem Pferde und versieht ihn täglich bei Tisch mit Speise. In Compostela in der Kirche wird der Tote wieder lebendig; Rückfahrt in die Heimat. Der Schwabe wird in seiner Heimat vom Aussatz befallen und geht zu seinem Freunde nach Bayern. Dieser schneidet ohne Wissen des Aussätzigen seinem Kinde die Kehle ab. Durch Bestreichen mit dessen Blute wird der Sieche wieder gesund, der Knabe aber wird wieder lebendig durch Fürbitte des heil. Jakob bei Gott. Die Erzählung besteht deutlich aus zwei Teilen: die Reise mit der Erweckung des Toten in Compostela und die Heilung vom Aussatz. Beide Teile haben auch ursprünglich als selbständige Geschichten bestanden (Euling S. 41. 44 f.; Sparnaay S. 122 f.). Der Dichter nennt sich selbst Kuonze Kistener, V. 9. 1195. 1205. Der Sprache nach war er Elsässer in Straßburg. Abfassungszeit des Gedichtes (1230 V.) Mitte des 14. Jahrhunderts, demgemäß es auch den Typus der x Hgb. Schönbach, Wiener SB. 143 Nr. 12, skript in 100 Exemplaren gedruckt); Felix 1901, dazu Strauch, Anz. 28, 55-58. — Otto Bobertag, Kürschners National-Litt. 11,1886, Rohde, Die Erzählung vom Einsiedler u. 237-75; Arth. Witte in Stammlers Verfasser- Engel in ihrer geschichtl. Entwicklung, Ro- lex. 1, 568-70.— Abh.: Wackernagel, A. stock. Diss. 1894, dazu Euling, Anz. 23, 54- Heinrich ed. Toischer, 1885 S. 291, ed. Stadler, 56. 1911 S.227; R. Köhler, Die Legende von 2 Kaufringer ed. Euling (s. unten); Der den beiden treuen Jacobsbrüdern, Germ. 10, Römertäthgb. v.Adelb. v.Keller (s. unten) 447-55 u. Kl. Sehr. 2, 163-73; Richard S. 103f.; Vintler V. 3058-3167. — Arth. Wülcker, Germ. 17,55-61; Birlinger, Alem. Witte, Stammlers Verfasserlex. 1, 568-70. 13, 42-45; Paulus Cassel, Die Symbolik des a Hgb. Karl Euling, Germ. Ab. 16, 1899, Blutes u. der arme Heinrich, 1882; Sparnaay, dazu Schröder, GgA. 1901, Panzer, ZdfPh. Verschmelzung legendarischer und weltlicher 34, 74-81, Ehrismann, Anz. 27, 36-41, Helm, Motive aaO. S. 122ff.; Otto Böckel, Volks- Lbl. 1901, 10f., Seemüller, Archiv 111, 192- lieder aus Oberhessen, 1885 S. VHIf. — Stel- 194, Khull, ZföG. 52, 614, Cbl. 1900, 492f.; len: Leitzmann, ZfdPh. 32, 422-30. 557-63; frühere Ausg.: Goedeke, 1855 (als Manu- Helm, Beitr. 26, 157-66. — LG. II, 2 S. 198. 410 Die geistliche Dichtung des 13. Jahrhunderts aufblühenden, bürgerlichen Kunst trägt, die weniger farbig ist als die ritterliche. Doch folgt Kistener, zumal in der Verskunst, Gotfrid von Straßburg und Konrad von Würzburg, dessen Engelhard ihm ja schon wegen der Gleichheit der Fabel Vorbild war. Seine Erzählungsweise ist lebhaft, ein gefühlvoller Zug erwärmt die Darstellung. Sie steht in Zusammenhang mit der elsässischen Literatur, hat Anklänge an Peter von Staufenberg, Parsifal, wird in vielem nachgeahmt von Hans v. Bühel. Eine späte Bearbeitung erlebte das Gedicht durch den Baseler Drucker und Schriftsteller Pamphilus Gengenbach am Anfang des 16. Jahrhunderts. 1 Erhalten ist auch eine Prosabearbeitung der Legende. 2 Durchaus geschichtlich aufgebaut, doch mit legendenhaften Zügen ausgestattet ist das Gedicht vom Spitale zu Jerusalem. 3 Es ist verfaßt zum Preis des Spitals des heil. Johannes zu Jerusalem, der Geburtsstätte des Johanniterordens; es gibt eine Geschichte des Spitals, beschreibt die kriegerische Tätigkeit der Johanniter, ihre Sitten und Gebräuche, Ordensstatuten. Die Gründung des Spitals 350 Jahre vor Christus wird geschildert, dann die Kreuzigung Christi; nach derselben bis zur Himmelfahrt erscheint Christus oft im Spital. Die Darstellung ist ungeschickt, eine trockene Aufzählung von Ereignissen. Der Verfasser war wohl Capellan des Johanniterordens, Hoch- alemanne, vielleicht im Elsaß lebend, vor Konrad v. Würzburg; 1420 V. Jenseitsvisionen 4 Beschreibungen der Freuden der Seligen im Himmel bzw. die Qualen der Verdammten in der Hölle. Solche Darstellungen des Jenseits sind im 12. Jahrhundert die Visio S. Pauli, S. Patricii Fegefeuer (s. auch oben Heiligenlegenden, die Vision des Tundalus. 5 Visionen des Spätmittelalters: Visio Lazari (Voigt S. 1-118; Hamm'erich, ZfdPh. aaO.), Lazarus schildert die Peinen der Hölle. Der Stoff ist mehrfach bearbeitet in verschiedenen Sprachen, im Mittelhochdeutschen in einem Gedicht um 1400, oberbayerisch, 778 V., ein unbedeutendes Machwerk. Die Visionen des Ritters Georg aus Ungarn. 6 Dieser ungarische Ritter machte eine Pilgerfahrt in das Purgatorium St. Patricii, die Patriks- höhle auf Irland, anno 1353. Von dieser lateinischen Prosa von der Vision des Ritters Georg gibt es vier deutsche Bearbeitungen, Prosa, aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, die nach Österreich weisen. 1 Hgb. Goedeke, Pamphilus Gengenbach, heil. Patrizius, ZfdPh. 53, 25-40. 1856. — Euling S. 31 ff 6 Für die Visio Tundali ist zu bemerken, daß 2 Prosa: Pfeiffer, Ad. Übungsb. S. 197-99. zu den LG. II, 1, 162-64 genannten Bearbei- 3 Hgb. Arnold Küster, Diss.. Straßburg tungen für das 15. Jh. eine nd. Prosa hinzu- 1897. — Schröder, ZfdA. 58, 300 (mit Lit.). tritt. — Pfeiffer, Germ. 9, 274-78. 4 Siehe LG. II, 1, 160-64; Max Voigt, Bei- 6 Voigt aaO. S. 119-245; Der lat. Text hgb. träge zur Geschichte der Visionenliteratur im L. L. Hammerich, Visiones Georgii, Visiones MA., Pal. 146, 1924, dazu Schröder, GgA. quas in Purgatorio Sancti Patricii vidit 1925, 179-83, Jost Trier, Anz.44, 176-180; Georgius miles de Ungaria a. d. MCCCLIII, Gierach, DLz. 1925, 1063-65, Piquet, Rev. Kopenhagen 1931, dazu Schröder, Anz. 50, germ. 16, 472; L. L. Hammerich, Eine Pilger- 156f. (mit. Lit.); Hammerich, Eine Pilgerfahrt des 14. Jh.s nach dem Fegfeuer des fahrt aaO. Die Predigt des 12. und 13. Jahrhunderts 411 B. GEISTLICHE PROSA Im 13. Jahrhundert hatte sich der künstlerische Drang, das künstlerische Bewußtsein, mächtig entfaltet, so daß die Dichtung eine prosaische Literatur auch in der Darstellung geistlicher Stoffe nicht aufkommen ließ. Darum sind aus dem 13. Jahrhundert nur wenige Bibelwerke in Prosa zu verzeichnen. Zu den LG. II, 1, 142 f. angeführten Psalmenübersetzungen des 12. Jahrhunderts sind noch hinzuzufügen : x die Windberger Psalmen , 2 Interlinearversion, eine Erneuerung der Psalmen Notkers (Wiener Handschrift), s. LG. II, 1, 140. 142. 143. 163. Eine nochmalige Erneuerung erfuhren diese im 14. Jahrhundert (Docen, Mise. 1, 32 ff.). Ebenfalls noch im 12. Jahrhundert, vielleicht in die Zeit vor den Windberger Psalmen, sind anzusetzen die sog. „Wiggertschen Psalmen". 3 Den Windberger Psalmen nahe stehen die Trierer Psalmen (13. Jahrhundert). 4 Die Schrift von Bruchstücken einer Interlinearversion des Psalms 118 weist ebenfalls noch ins 12. Jahrhundert. 5 Die Predigt des 12. und 13. Jahrhunderts 6 Wesentlich für die Predigt ist es, daß sie als gesprochenes Wort zum Vortrag bestimmt ist, womit ihre Form als prosaisch und ihr Stil, der dem Inhalt gemäß abwechselt, auf den Ton der Erzählung und Belehrung oder der 1 Die ältesten Psalmen (Fragmente) nach Notker sind hgb. von Horst Kriedte, Deutsche Bibelfragmente in Prosa des XII. Jahrhunderts, 1930, dazu Piquet, Rev. Germ. 22, 1931, 64. 2 Hgb. Graff, Dt. Interlinearversion der Psalmen, aus einer Windberger und einer Hs. zuTrier hgb., 1839, dazu Schmeller, ZfdA. 8, 120-45. Faks. bei Petzet und Glauning, Schrifttafeln 2 Nr. XIX. — Kelle, LG. 2,80. 288; P. Wallburg, Über die Windberger Interlinearvers, der Psalmen, Straßb. Diss. 1888; H. Lewarth, Zur dt. Interlinearvers, der Psalmen aus dem Kloster Windberg, Marburger Diss. 1913, dazu Berl. JB. 1914 S. 147; Wilhelm, Münch. Texte H.8, Denkmäler dt. Prosa, Kommentar 1. Hälfte, 1916, S.45. — Walther Bibelübersetzung Sp. 557-634, mit Faks. — Windberg, ein im J. 1125 gestiftetes Prämonstratenserkloster, liegt im bayrischen Oberfranken. 3 Nach dem Entdecker und Herausgeber Wiggert so benannt: F. Wiggert, Scherflein zur Förderung der Kenntnis älterer deutscher Mundarten und Schriften, vier Fragmente einer altd. Interlinearversion des Psalters, 1832, dazu J. Grimm, Kl. Sehr. 5, 160-63; Haupt, ZfdA. 3, 236-39; Rich. Loewe, Die Wiggertschen Psalmenfragmente, Beitr. 16, 369-451; W. Prönnecke, Neue Bruchstücke der Wiggertschen Psalmen, ZfdA. 57, 136-40. — Von einem niederfränk. Mönche in einem thüringischen Kloster noch vor der Mitte des 12. Jh.s geschrieben. 4 Hgb. Graff, s. oben; Dorothea Ebert, Die Sprache des Trierer Psalters, Marbg. Diss. 1915. — Walther Sp. 587. 6 Leyser, ZfdA. 3, 136-39. — Einzelnes: Birlinger, E. alemann. u. bayr. Gebrauchsanweisung zu den Psalmen aus dem 12. 13. Jh., Alem. 12, 82-96; Schönbach, Bruchstücke einer fränkischen Psalmenversion (12. Jh.), ZfdA. 45, 177-86. 6 Alanus de Insulis, Summa de arte praedi- catoria, Migne Bd. 210 Sp. 111-98; Wackernagel, Altdeutsche Predigten und Gebete, 1876 (Auswahl verschiedener Stücke von verschiedenen Verfassern vom 12. bis 15. Jh., Abhandl. über die ad. Pred. S. 291^45, Lit. S. 131 f.), dazu Steinmeyer, ZfdA. 20,215-34; R. Cruel, Gesch. der dt. Pred. im MA., 1879, dazu Schröder, Anz. 7, 172ff.; Ant. Linsenmayer, Gesch. der Pred. in Deutschland von Karl d. Gr. bis zum Ausgange des 14. Jh.s, 1886; F. R. Albert, Die Gesch. der Pred. in Deutschland bis Luther, 3 Teile, 1892-96; A. Lecoy de la Marche, La chaire franijaise au moyen äge, 2. ed. 1886. — Piper, Älteste dt. Lit. S. 455ff. Nachtr. S.238; Schönbach, Studien z. Gesch. der ad. Predigt: Stück I, Üb. Keiles Spec. eccl., Wien. SB. 135, dazu Bech, ZfdPh. 30, 226-37, Stück II ebda 142, Stück III ebda 147, Stück IV ebda 151, Stück V ebda 152, Stück VI ebda 153, Stück VII 412 Geistliche Prosa des .13. Jahrhunderts Ermahnung und Zurechtweisung festgelegt wird. Gereimte Predigten wie die Büß-und Sittenpredigten LG. II, 184 ff. sind keine offiziellen Gemeindepredigten. In bezug auf die Form der Predigt unterscheidet man zwei Gattungen: die Homilie ist im wesentlichen Erklärung des Predigttextes, Sermo behandelt mit oder ohne Text einen besondern Gegenstand. Eine zweite Art der Einteilung ist die in Sermones de tempore, die Predigten der Sonntage des Kirchenjahres von Advent an, und in Sermones de Sanctis an den Feiertagen der Heiligen. Die älteren Predigten, aus dem 12. Jahrhundert, sind im Inhalt noch unfrei, insofern sie sich an lateinische Muster anlehnen, weshalb sie häufig Anklänge aneinander haben. Erst mit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts und hauptsächlich mit Berthold von Regensburg gewinnen die Prediger eine eigene Haltung und persönliche Sprache. Dieser Aufschwung geschah durch die sog. Bettelorden, die Franziskaner oder Minoriten und die Dominikaner oder Predigerorden. Ein gutes Beispiel für die Unselbständigkeit der Predigt des 12. Jahrhunderts gibt das Speculum ecclesiae 1 (die Benediktbeurer Sammlung), eine Predigtsammlung aus der Mitte oder der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Sie geht stellenweise eng mit des Honorius Augustodunensis Speculum ecclesiae (Migne 172, 80-1108; s. LG. II, 1, 75 Anm.4) zusammen, nach dem der Herausgeber Kelle auch die deutsche Sammlung benannt hat. Aber überhaupt sind lateinische Predigten die Quellen dieser wie aller älteren deutschen Predigten. Unsere Sammlung, die als liturgisches Hilfsmittel dienen sollte, beginnt und schließt mit liturgischen Stücken, Glaubensbekenntnis, Beichte ebda 154, Stück VIII ebda 155 (Stück 2-8 Die Bibelzitate in den ad. Predigten, Greifsw. über Berthold v. Regensburg); s. auch Schön- Diss. 1907. bach, ZfdA. 35, 411-15; R. M. Werner, * Vollst. Lit. Catalogus cod. manuscript. Predigtbruchstück, ZfdA. 35, 335-60. — P. Bibl. Monacensis V pars I, Erich Petzet, D. Keppler, Zur Passionspredigt des MAs, deutschen Perg.hss., 1920, S.66f. — Hgb. Joh. Hist. Jahrb. d. Görresgesellsch. III, 285-315. Kelle, Speculum Ecclesiae altdeutsch, 1858, IV,161-88; L.Pfleger, Zur Gesch. des Predigt- dazu Bech, Germ. 4, 493-501. — Petzet und wesens in Straß.bg. vor Geiler v. Kaisersberg, Glauning, Schrifttafeln 2, XXII. — Cruel 1907; M. Bihl, Zur Predigtgesch. der Domini- S. 167-81; Linsenmayer S. 250-56; Schön- kaner und Barfüßer in Mühlhausen in Thürin- bach, Üb. Keiles „Speculum ecclesiae", Stud. gen, Mühlhauser Geschichtsbl. 10, 1910; H. z. Gesch. d. ad. Pred., 1. Stück, Wien. SB. 135 Rinn, Kulturgeschichtliches aus dt. Predigten Nr. 3, 1896; Bech, Bemerkungen zu Schundes MAs, Progr. Hamburg 1883; Bruno bachs Studien z. Gesch. d. ad. Pred., ZfdPh. Kunze, Beitr. z. mhd. Predigtforschg., Jahrb. 30, 226-37 (s. oben); Schönbach, ZfdA. 24, d. phil. Fakultät d. Univers. Halle-Wittenb., 87-93 (Collation von Keiles Ausg. mit der 1921/22 I, 10-12; L. A. Willoughby, Von Hs.); Pfeiffer, ZfdA. 1, 285-94 (= Kelle dem jungesten Tage, 1918 (s. oben) S. 23-36; Ausg. S.39ff. 104ff.); Bartsch aaO. (Ver- LG. I, 333-36. II, 1, 142f. Ernst Wolf- wandtschaft mit Grieshabers Predigten); gang Keil, Deutsche Sitte und Sittlich- Strauch, ZfdA. 38, 206-8; Schröder, Ane- keit im 13. Jh. nach den damaligen Pre- genge S. 54 Anm.; Wilh. Schaper, Zur Laut- digern, 1931, dazu Piquet, Revue germ. 24, und Flexionslehre des Speculum ecclesiae, 1933, 159f.— Stil der Predigt: A. Hass, Das Hall. Diss. 1891 (Dial. alemann); Naumann, Stereotype in den ad. Predigten, Greifsw. Diss. Ad. Prosaleseb. S. 16-22. — Hs. München 1903, dazu Ehrismann, ZfdA. 36, 513f.; H. Cgm.39 aus Benediktbeuern): Kelle, Ausg. Hasse, Beiträge zur Stilanalyse der mhd. S. XI ff.; Petzet, Catalogus aaO. Pred., ZfdPh. 44, 1-37. 169-98; H. Schmeck, Die Predigt des 12. und 13. Jahrhunderts 413 usw., Hauptsünden, Vaterunser usw. Die Predigten sind Sermone, sind also über einen lateinischen biblischen oder liturgischen Text gehalten und fallen auf die Fest- und einige Heiligentage des Jahres von Advent bis Kirchweih. Wohl noch der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts (Handschrift Anfang 13. Jahrhundert) entstammt Die erste Grieshabersche Sammlung (Handschrift, 2 Pergamentdoppelblätter, Anfang 13. Jahrhundert), 7 vollständige Reden und 5 in Bruchstücken, kurze Heiligenpredigten. Erst um die Wende des 12./13. Jahrhunderts entstand Die zweite Grieshabersche Sammlung, Fest- und Heiligenpredigten (4 Pergamentdoppelblätter, Handschrift 12./13. Jahrhundert). Hiermit zusammen gehören die von Adalbert Jeitteles, Germ. 17, 335-54, mitgeteilten acht „mitteldeutschen Predigten". 1 Geringen Umfang haben Hoffmanns Bruchstücke, 2 Teile von 4 Predigten des 12. Jahrhunderts aus zwei verschiedenen Sammlungen. Größer und reichhaltiger dagegen ist die Hoffmannsche oder Wiener Sammlung (um 1150?), 3 hat aber doch viele Lücken durch Abhandenkommen von Blättern; im ganzen sind 33 Nummern erhalten, Sonntags- und Festtagspredigten, teils Homilien, teils Sermone. Unter den Parallelen zu andern deutschen Predigten sind besonders solche zum Speculum ecclesiae zu nennen. Die umfangreichste mittelhochdeutsche Sammlung ist Das Leipziger Predigtwerk 4 (Handschrift Leipzig, 14. Jahrhundert). Die 259 Predigten verteilen sich in sechs Jahrgänge, davon die erste Gruppe dem 13. Jahrhundert zufällt, die 5 andern noch dem 12. Jahrhundert angehören. Die sechs Sammlungen lassen durch den Bau und den Grad der Selbständigkeit verschiedene Verfasser erkennen. EinPriesterKonrad, wohl in der Gegend des Bodensees zu Hause, stellte in den letzten Jahrzehnten des 12. Jahrhunderts ein deutsches Predigtbuch zusammen, 5 dessen Sonntagspredigten einfache Homilien über Epistel und 1 Erste Sammlung: hgb. Grieshaber, Germ, gehen [S. 1-26] neun Sonntagspredigten aus 1, 441-54; zweite Samml., Ders., Ältere noch einer andern Leipz. Hs., Anf. 13. Jh.), s. auch ungedruckte Sprachdenkmale religiösen In- Leyser, Ad. B1.2,178ff.; Haupt, ebda S.376 halts, 1842, u. Vaterländisches aus den Ge- -382; K. Hildebrand, ZfdA. 16, 281-87 bieten der Lit., der Kunst und des Lebens, (Leipz. Stadtbibl.); von Heinemann, ZfdA. 1842, S. 257-334. — Freih. v. Hardenberg, 32, 119-23; vollständ. Ausg.: Ant. E. Schön- ZfdPh. 15, 257-69. — Cruel S. 146-55; bach, Altdeutsche Predigten I. Bd., 1886; Linsenmayer S. 247-50. Schröder, Gott. Nachr. 1927,103-8. — Cruel 2 Hoffmanns Fundgr. 1, 66-68 und 68-70 S. 181-90; Linsenmayer S. 264-85. (diese beiden = der Oberaltaicher Sammlung 6 Sieben Stücke aus einer Wiener Hs., hgb. s. unten). von Johann Schmidt, Progr. Wien 1878 3 Ebda S. 70-126; Cruel S. 155-67; Linsen- (s. Berl. JB. 1879 S. 133 Nr. 544); Regens- mayer S. 256-64. — Dazu gehören nach Cruel burger Bruchstücke, 30 Nummern von Karl S. 155f. auch zwei Doppelblätter der Prager Roth, Deutsche Predigten des XII. u. XIII. Bibl. (hgb. von Diemer, Germ. 3, 360-67; Jh.s, 1839 (Bruchstücke aus Regensburg), Steinmeyer, ZfdA. 24, 93-95), während Lin- vollständig hgb. Schönbach, Ad. Predigten senmayer S. 314-17 sie als Überreste einer Bd. III, 1891, dazu Bech, ZfdPh. 25, 256-64, andern selbständigen Sammlung betrachtet. Strauch, DLz. 1892, 1559-61, Joh. Schmidt, 4 Ausg.: Herm. Leyser, Deutsche Predigten Lbl. 1893, 352-58. — Cruel S. 191-94, Lin- des XIII. u. XIV. Jh.s, 1838 (nur eine Aus- senmayer S. 285-91, Naumann, Ad. Prosawahl der großen Leipz. Sammlung, voran leseb. S. 30-34. 414 Geistliche Prosa des 13. Jahrhunderts Evangelium mit Erklärung der betreffenden Perikope sind und dessen Heiligenpredigten sich an die Erzählung der betreffenden Legende halten; beide Male ist es also auf leichte Verständlichkeit des Inhalts angelegt. Die Oberaltaicher Sammlung 1 (Handschrift München Cgm. 74 aus Kloster Oberaltaich), 13.14. Jahrhundert, enthält 63 Predigten, die meistens nach einer Vorlage des 12. Jahrhunderts überarbeitet sind; für Sonntage, einige für Fest- und Heiligentage. Die Weingartner Predigten, 12. Jahrhundert (Handschrift M.Jahrhundert); 28 Homilien für die Sonntage nach Ostern und Pfingsten. Dialekt alemannisch, schweizerisch; sie sind bemerkenswert durch ihre Kürze. 2 Die Züricher Predigten 3 (Handschrift Ende 12. Jahrhundert), 13 Predigten aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts (2 noch früher), sind nach lateinischen Vorlagen bearbeitet. Die St. Pauler Predigten 4 (Handschrift Benediktinerstift St. Paul in Kärnten, 13. Jahrhundert, Abschrift einer älteren Vorlage des 12. Jahrhunderts) geben sich als homiletische Hilfsmittel dadurch zu erkennen, daß oft mehrere Predigten für ein und denselben Tag gegeben sind; Heimat Bayernösterreich. Sechsundsechzig Sonn- und Feiertagspredigten enthält die Kuppitsch- sche Sammlung (so benannt nach dem Besitzer Antiquar Kuppitsch in Wien). 5 Bruchstücke einer Allerheiligenpredigt des 12. Jahrhunderts. Schröder, Gott. Nachr. 1927, 103-108. Alemannische Predigtbruchstücke aus dem 12.Jahrhundert, dabei der entsprechende lateinische Text; Inhalt: Offenbarung Johannis (Strauch, ZfdPh. 30, 186-225). Übersetzungen aus des Honorius Speculum ecclesiae sind die Frankfurter Bruchstücke einer Handschrift des 13. Jahrhunderts, ab- gedr. Diefenbach, Germ. 19, 305-14. — Cruel S. 203-5. Grazer Fragmente. Schönbach, ZfdA. 19, 181-208; Ders., 12 Predigten aus d. Wiener Hs. 1262, ZfdA. 20, 223-50; Ders., Einige Breviarien aus St. 1 Ausg.: Einige Stücke in der Sammlung von -232. Karl Roth (s. oben), vollständig hgb. von 3 Hgb. Wackernagel aaO. S. 1-32. — Schönbach, Ad. Predigten Bd. II, 1888; Cruel S. 201-3; Linsenmayer S. 302-7. Cruel S. 191; Linsenmayer S. 291-97; Pet- 4 Hgb. Adalbert Jeitteles, Ad. Predigten zet, Catalogus V pars 1 S.123(Lit.). — Alfred aus d. Benediktinerstift St. Paul in Kärnten, Heidenreich, Die Übersetzungstechnik der 1878, dazu Schönbach, Anz. 5, 1-40. 7, 327 Oberaltaicher Predigtsammlung, Erlanger -29; Bech, ZfdPh. 10, 238^12; Kummer, ebda Diss. 1923. 11, 244-56; Bartsch, Germ. 24, 111-14; 2 Hgb. zum Teil durch Pfeiffer (14 Pr.), Hoffmann, Ad. Blätter 2, 159 f.; Sprenger, Ad. Übungsb. S. 182-90; zum Teil durch Germ. 24, 418f. 26, 105 (Stelle). — Cruel Wackernagel, Ad. Predigten S. 63-68; die S. 205f.; Linsenmayer S. 312-14. noch übrigen durch Schönbach, ZfdA. 28, 6 Abgedruckt: 20 Nummern von Mone, Anz. 1-20. — Cruel S. 194-200; Linsenmayer für Kde. d. teutschen Vorz. 8, 1839, 405ff.; S. 297-302. — Verwandtschaft mit den Wein- K. A. Barack, Dt. Predigten d. XII. Jh.s, gartner Predigten zeigen die Predigten aus dem Germ. 10, 464-73 (4 Pred. aus der Donau- Kloster Metten, Cgm. 88, s. Linsenmayer, eschinger Bibl.). — Cruel S. 206; Linsen- S.297 Anm. 6; Petzet, Catalogus V pars 1 mayer S. 307-12. S. 156; Schönbach, Wien, SB. 94, 1879, 187 Die Predigt des 12. und 13. Jahrhunderts 415 Lambrecht, Anhang, ZfdA., 20,193-97 (Predigtkonzept); Ders., Der Prediger von St. Lambrecht, Miszellen aus Grazer Hss., Beitr. zur Erforschung steier. Gesch. 33, 1903. Kleinere Bruchstücke. Cruel S. 207. — Wackernagel, Ad. Predigten Nr. 14-26; Graffs Diutiska 3, 394. — Betrachtg. üb. d. Vaterunser, Ad. Bl. 2, 33. — v. Heinemann, Wolfenbüttler Hss., ZfdA. 32, 119 ff. (eine sonst unbekannte Osterpredigt, die andern Stücke s. Steinmeyer, ebda S. 119 und oben). — Predigt von der Minne zu Gott, Pfeiffer, Ad. Ubungsb. S. 179-81. — Bethmann, ZfdA. 5, 421-23. — Pfeiffer, Drei Predigten aus d. 13. Jh., Germ. 7, 330-50. — Diemer, Predigtentwürfe aus d. XIII. Jh. (Prag), Germ. 3, 360-67, Kollation Steinmeyer, ZfdA. 24, 93-95. — Schönbach, ZfdA. 27, 305-07. — Zacher, ZfdPh. 11, 418-23 (11. Jh. u. 14. Jh.); V.Hardenberg, ZfdPh. 15, 257-76, u. Zacher, ebda S. 272-76. — Zacher, ZfdPh. 11, 418-20 (11. Jh.). — Jeitteles, Pred. auf Johannes d. Täufer, Germ. 35, 170-81. — E. v. Ottenthai, ZfdA. 34, 36-39 (Pred. od. Traktat, 13. Jh.). — Strauch, Alemann. Predigtbruchstücke (13. Jh.), ZfdPh. 30, 186-225. — K. Schiffmann, Neue Predigthandschriften, ebda 34, 127-31, s.Strauch, ebda S.421. — R. Nebert, E. alemann. Fronleichnamspredigt, ebda S. 50-62. — Drei ermahnende Ansprachen für die Fastenzeit, hgb. J.M.Wagner, ZfdA. 15,439^12.16, 466 (2 Perg.bl. Klosterneuburg, 12. Jh.). — Jos. Haupt, ZfdA. 23, 345-53 (12. Jh.). — O.Zingerle, ebda 399-408 (12. Jh.). — J.Schatz, Bruchstücke einer bayerischen Predigths. des 12. Jh.s, Beitr. 52, 345-60 (wahrscheinl. aus Regensburg stammend). — Strauch, ZfdA. 41,364-69 (Münch.).— Ders., Kölner Klosterpredigten d. 13. Jh.s(mfrk.), Festschrift Ch. Walter 1911, 21^8. — Polheim u. Zwierzina, Neue Bruchstücke ad. Texte aus Österreich. Bibliotheken, Glückwunsch f. Ferd. Eichler 1920 S. 1 f. (aus Stift Schlägl in Obersösterreich); K. Polheim, Schlägler Bruchstücke ad. Predigten, Beitr. 50, 18-59 (12. Jh.). — Schröder, Ein alemannisches Predigtfragment, ZfdA. 66, 31 f. — Siehe Cruel S.207. Der Fortschritt, den die Predigtweise im 13. Jahrhundert 1 machte, liegt in der geistigen Bewältigung des Stoffes durch die Verfasser, in ihrer Selbständigkeit und Unabhängigkeit von lateinischen Mustern; die Disposition wird freier, ein Thema wird einheitlich durchgeführt. Zwei von innerem Feuer durchleuchtete bayerische Franziskanermönche waren die Führer zu dieser höheren Predigtstufe und der Stilisierung der Prosa. Der Franziskanerbruder David von Augsburg 2 (geboren zwischen 1210 und 1220) war Novizenmeister und Professor der Theologie in Regensburg, 1 Cruel S. 290-370; Linsenmayer S.317-90. Bruder David v. Augsbg., ein deutscher My- 2 Pfeiffer, Dt. Mystiker 1 S. XXVI-XLIV. stiker aus dem Franziskanerorden, 1915. — 309^105 u. ZfdA. 9, 1-67; Preger, Gesch. Strauch, Anz. 9, 117ff.; Hugo Hildebrand, d. dt. Mystik 1, 268-83, 2, 20f.; Ders., Das Kürschners dt. Nat.-Litt. Bd. 9, 14ff.; Nau- Traktat des Dav. v. Augsb. über die Waldesier, mann, Ad. Prosaleseb. S. 88-90; Petzet, Cata- Abhandl. d. Münch. Ak. 1878; Denifle, Anz. logus S. 317; Linsenmayer S. 391 f. —B. Jel- 9, 117ff.; Ed. Lempp, Zs. f. Kirchengesch. 19, linegg, David v. Augsbg., dessen dt. Schriften 1898, 15^16. 340-60; Dagobert Stöckerl, auf ihre Echtheit untersucht usw., Progr. 416 Geistliche Prosa des 13. Jahrhunderts wo er Bertholds Lehrer war, dann in Augsburg, begleitete Berthold von Regensburg oft auf seinen Missionsreisen und starb 15. November 1271. Seine lateinischen Schriften überwiegen bedeutend; es sind Traktate wie: Formula de exterioris hominis reformatione, Formula de interioris hominis reforma- tione, De Septem processionibus religiosi usw. Wie schon aus den Titeln hervorgeht, sind es Abhandlungen über die religiös-sittliche Regelung des Lebens, Anweisungen zu einem Gott wohlgefälligen, tugendhaften Wandel. Über die Zahl bzw. Echtheit der ihm zugehörenden deutschen Schriften besteht Unsicherheit. Pfeiffer schreibt ihm sechs zu (Dt. Mystiker 1, 309--405); sicher sind nur drei nach Preger 1, 268 ff.: „Die sieben Vorregeln der Tugend", „Der Spiegel der Tugend" und „Von der Erlösung des Menschengeschlechts" (Nachbildung von Anselms von Canterbury „Cur Deus homo", Weshalb ist Gott Mensch geworden ?). Deutsche Predigten hat Bruder David nicht verfaßt. Tiefe des Gemüts, innige Frömmigkeit, eine Friede verbreitende Milde gepaart mit Klarheit wirken wohltuend in seinen Schriften, in denen auch manchmal mystische Züge begegnen, die in der Vereinigung der Seele mit Gott gründen und enden. Fast in psychologischem Gegensatz dazu steht die Leidenschaftlichkeit, die Strenge, ja Härte der Kämpfernatur seines Schülers und Freundes Berthold von Regensburg. Berthold von Regensburg Literatur. Ausgabe: Franz Pfeiffer, Berthold von Regensburg I. Bd., 1862; II. Bd. hgb. Jos. Strobl, 1880, dazu Bartsch, GgA. 1881, 129-82 u. Quellenkunde S. 107-56, Schönbach, Anz.7,337 ff., s.Birlinger, Germ.26,381 f.; veraltete Ausgabe: Kling, Predigten B.sv. R., 1824, dazu J. Grimm, Kl. Sehr. 4, 296-360. — Franz Göbel, Die Predigten des Franziskaners B. v. R. übersetzt u. vollständig hgb., 1850-51 (die späteren Auflagen haben z. Teil einen andern Titel), 5. Aufl. 1929; H. Hering, B. v. R., ausgewählte Predigten, 1893; Otto H. Brandt, B. v. R., Dt. Predigten übertragen, 1924; Naumann, Ad. Prosaleseb. S. 83. — Wackernagel, Verdienste der Schweizer S. 14 ff.; R. Schmidt, B.v. R., Theolog. Studien u. Kritiken, 1864,1-82; B. Greiff, B. v. R. in seiner Wirksamkeit in Augsburg, Progr. Augsb. 1865; Johann Schmidt, Üb. B. v. R., Progr. Wien 1871; Ahlfeld, Bruder B. v. R., 1874, Vortrag, s. Bartsch, Bibliographie der Germania 20,484; Ch.W.Stromberger,B. V.R., der größte Volksredner des dt. MA.s,1877;K.Unkel, B.v.R., 1882, dazu Schönbach, Anz. 10, 31 ff.; Schönbach, Studien z. Gesch. der ad. Predigt, II. Zeugnisse B.s v. R zur Volkskunde, Wien, SB. 142 (1900); III. D. Wirken B.s v. R. gegen die Ketzer, ebda 147, 5 (1904); IV. D. Überlieferung der Werke B.s v. R., ebda 151; V. Teil 2 zu IV, ebda 152, 7; VI. Teil 3 zu IV, ebda 153, 4; VII. Üb. Leben, Bildung u. Persönlichkeit B.s v. R., ebda 154; VIII. Teil 2 zu VII., ebda 155; s. auch Wien. SB. 140,4 (Vorauer Novelle); Singer, Prager dt. Stud. 8, 314. — Einzelne Predigten: Ad. Blätter 2, 160-63; Wackernagel, Ad. Predigten S. 351-71; G. Schmidt, ZfdPh. 12, 129-39; Zacher, ebda S. 183-88; Schönbach, ZfdA. 35, 209-15; Lambel, Prager dt. Stud. 8, 514-53; Bruno Schweizer, B. v. R., die vier Stücke des Teufels, Bruchstück einer bisher unbekannten Perg.hs. der Predigten, 1923; s. Schröder, Anz. 43, 31. — Lit.: Goedeke, Grundr. I 2 , 207; Klapper in Stammlers Verfasserlex. 1, St. Paul 1904. 1905; H. Lehmann, Stilist. FranciscanaNeerlandica, 1927,171-203.Ältere Untersuch, zu David v. Augsbg., Leipz. Diss. Lit.: Koberstein l 6 , 274 Anm. 13. — Über 1922 u. Beitr. 51, 383^62; Crispin Smits, Bruder David s. auch Schwabenspiegel unter David v. Augsbg. en de inoloed van zyn Pro- Rechtsprosa, fectus on de moderne Devotie, Collectanea Berthold von Regensburg 417 213-23; Steinmeyer, Realencyklopädief. protest.Theologie3,1896,649-52; Hamberger, ADB. 2, 546-49. — Cruel S. 306-22; Linsenmayer S. 333-54; Preger, Gesch. d. dt. Mystik im MA. 1, 275-77. Bertholds lateinische Predigten: Georg Jacob, Die lateinischen Reden des seligen Bertholds v. R., 1880, dazu Schönbach, Anz. 7, 385-401, s. auch P. Hölzl, Hist.-polit. Blätter 86, 1880, 958-61; Hoetzl, Beati fr. Bertholdi a Ratisbona sermones ad religiosos XX, 1882, dazu Schröder, GgA. 1883 Nr. 23; Schönbach, Anz. 10, 31 ff., Strobl, DLz. 1883 Nr. 8, Joh. Schmidt, Lbl. 1884,52-54; Denifle, Zu Br. Berth., ZfdA. 27,303 f.; Strobl, Über e. Sammlung lat. Predigten Bertholds v. R., Wien. SB.84, 1877; Johann Schmidt, Progr. Wien-Landstraße 1870/71 (eine lat. Pred.); Schönbach, DieVorauer Novelle, Wien. SB. 140 Nr. 4, 1899; Ders., Über e. Grazer Hs. lateinisch-deutscher Predigten, 1890; Jos. Strobl, Lat. Predigten B.s v. R. Beiträge z. dt. Litgesch. aus d. Kreuzensteiner Bibl. 1909. Person Bertholds: Pfeiffer, Ausg. Bd. 1 S. XX-XXXII; C. Hofmann, Neue Zeugnisse üb. B. v. R., Münch. SB. 1867,2,3,374-94; Wackernagel, Bruder Berthold u. Albertus Magnus, ZfdA. 4, 575 f.; K. Rehorn, Die Chronistengeschichte üb. Bruder Bertholds Leben, Germ. 26, 317-38; Leitzmann, ZfdA. 52, 279-84; Karl Unkel, B. v. R., 1882, dazu Schönbach, Anz. 10, 50 f.; K. Föste, Zur Theologie B.s v. R., 1890; M. Kohn, B. v. R. ein Sozialethiker d. MA.s, Wochenschrift „Deutschland" 1890 Nr. 26-28; H. Greeven, D. Predigtweise d. Franziskaners B. v. R., Progr. Rheydt 1892. — Komposition der Predigten: Adolf Korn, Tauler als Redner, 1928, 52 ff.; M. Scheinert, D. Franziskaner B. v. R. als Lehrer u. Erzieher des Volkes, Leipz. Diss. 1896; Otto Geiger, Stud. üb. Bruder B., sein Leben u. seine dt. Werke, Freiburger Diöze- sanarchiv 48,1-54; R. Piffl, Einiges üb. B. v. R. auf Grund seiner Predigten, Progr. Prag 1892; K. Rieder, D. Leben Bertholds v. R., Freibg. Diss. 1901. — Kulturgesch.: E. Bernhardt, Brud. Berth. v. R., ein Beitrag z. Kirchen-, Sitten- u. Litgesch. Deutschlands im 13. Jh., 1905; M. Bihl, E. unediertes Leben Brud. Bertholds v. Reg., Hist. Jahrb. 29, 1908, 590; Th. Wieser, Brud. B. v. R., e. Kulturbild aus der Zeit d. Interregnums, Progr. Brixen 1891; H. Gildemeister, D. dt. Volksleben im 13. Jh. nach d. Predigten B.s v. R., Jen. Diss. 1889; Th. Gärtner, B. v. R. üb. d. Zustände des dt. Volks im 13. Jh., Progr. Zittau 1890; T. Paul, B. v. R. u. d. bürgerliche Leben seiner Zeit, Progr. Wien 1896; Schönbach, Zeugnisse B.s v. R. zur Volkskunde aaO.; R. Schleich, D. Humor in d. Predigten B.s v. R., Progr. Weißkirchen 1892; Ganzenmüller, Naturgefühl S. 180 ff. — Sprache: Hub. Roetteken, D. zusammengesetzte Satz bei B. v. R., QF.53, 1885, dazu Tobler, GgA. 1884,885-88, Strobl, Anz. 11,232f., O. Erdmann, ZfdPh. 17, 128, Rud. Löhner, DLz. 1885, 10, Klinghardt, Lbl. 1885, 139-43; Ed. Eckhardt, D. Präfix ge- in Verbalzusammensetzungen bei B. v. R., 1890, dazu Roetteken, Anz. 17, 172 f., Toma- netz, DLz. 1890,1234-36; Zimmert, D. artikellose Subst. in d. Pred. B.s v. R., Beitr. 26,321-66; J. Kjederqvist, Untersuch, üb. d. Gebrauch d. Konjunktivs bei B. v. R., Lund 1896; O. Toifel, Üb. einige besondere Arten der Satzstellg. bei B. v. R., Progr. Ried 1900/01; H. Fassbender, D. Stelig. d. Verbums in d. Predigten d. B. v. R., Bonner Diss. 1908; A. C. Bouman, De Zinsbouw van B. v. R.s Predigten, Neophil. 5, 1921, 218-30. 309-15; Otto Koch, Die Bibelzitate in d. Predigten B.s v. R., Greifswalder Diss. 1909; Armin Lebsanft, Die religiösen u. ethischen Ausdrücke bei B. v. R., Tübing. Diss. 1923; Kluge, Dt. Sprachgeschichte, 1920, 305; Boucke in Hoffstätter-Panzer, Grundzüge der Deutschkunde, 1925, 92; Ernst Wolfg. Keil, Dt. Sitt. u. Sittlichk. im 13. Jh. nach d. damaligen dt. Predigern, 1931, dazu Schröder, Anz. 51, 68. — Stellen: Birlinger, Germ. 26, 381 f.; Leitzmann, ZfdA. 54, 279-84; Schröder, ebda 59, 336 Schneider, Wolfdietrich S.205. — Hss.: Pfeiffer-Strobl, Ausg. Bd. 2, Einleitg. S. XI ff. Zacher, ZfdPh. 12, 183-88; Keinz, ZfdA. 38, 145 ff.; Lambel, Prager dt. Stud. 8, 514-53 s. Schweizer aaO. — Zu Berthold v. Regensburg s. auch „Schwabenspiegel" unter Rechtsprosa. In den Predigten des Franziskanerbruders Berthold von Regensburg hat die deutsche geistliche Beredsamkeit des Mittelalters ihren Höhepunkt erreicht. Er war ein geborener Redner, er besaß die Macht des Wortes, er lebte unmittelbar in ihm. Er kennt seine Zuhörer bis in die innersten Falten des Herzens, mit 27 Deutsche Literaturgeschichte IV 418 Geistliche Prosa des 13. Jahrhunderts einem sprühenden Temperament erlebt er ihre Gesinnung und damit die ganze sittliche Haltung der Zeit. Und aus solchem alles durchdringenden Seelenverständnis heraus hält er seine Bußpredigten. Denn in erster Linie erstrebt er praktisch sittliche Wirkung, nicht so sehr dogmatische Kenntnisse; er will den sittlichen Willen stärken, das Wissen der christlichen Lehre ist ihm die selbstverständliche Grundlage und das sittliche Vorbild. In der unmittelbaren Treffsicherheit beruht die Kraft seiner Rede, er geißelt das Laster, indem er direkt den Lasterhaften apostrophiert, eine bestimmte Person aus seinen Zuhörern anredend. „Pfl gitiger, du bist allenthalben an .. . dem boesern teile", 1 S.343, 32; Du irügener, du velscher! da muost dich dines amtes äbe tuon ..., 1 S. 16, 30; einzelne Personen als Vertreter ihres Berufes: Müller, du tuost dinem amte ouch unrehte . .., Du schuohewürke (Schuster), Du Zapfenzieher (Wirt) ...Du diep unde du velscher, 1 S. 17, 4.10. 14. 32" u. ö. Oder auch umgekehrt: er läßt sein Publikum innerhalb seiner Rede ratfragend sich an ihn, den Redner, wenden: „Owebruoder Berhtolt, wie suln wir dar umbegetuon?" 1 S. 46, 18; „Owe, bruoder B., wie suln wir uns danne vor in allen behüeten?" So ist seine volkstümliche, lebendig und dramatisch bewegte Sprache der passende Ausdruck für die Umstände, unter denen er seine Predigten hielt: es sind Missionspredigten, Wanderpredigten; meist im Freien redete er, vor ungeheurem Volkszulauf, ein Raum hätte schwerlich jeweils die Menge fassen können. So führte ihn sein Beruf als Volksprediger durch ganz Ober- und Mitteldeutschland. Seine Klosterpredigten vor einer geistlichen Zuhörerschaft treten an Zahl und Bedeutung gegen die Volkspredigten weit zurück. Gestorben ist Bruder Berthold, der wohl vor 1220 geboren war, in Regensburg am 14. Dezember 1272. Er hat die Predigten nicht selbst niedergeschrieben und gesammelt herausgegeben, sondern dies taten Zuhörer und geistliche Begleiter; von solchen Zwischenpersonen also gehen unsere schriftlich überlieferten Predigten Bertholds aus. Manche sind auch Rückübersetzungen aus seinen lateinischen Predigten. Dem vorwiegend auf die sittliche Regelung, auf Unterlassung der Sünden und Pflege der Tugenden, gerichteten Inhalt seiner Predigten entsprechend sind sie für das allgemeine Verhalten der Menschen bestimmt, somit nicht an einzelne Zeiten des Jahres gebunden, sind keine Sermones de tempore oder de sanctis, sondern Sermones communes. In seinen Büß- und Sittenpredigten geißelt er die Laster in allen ihren Arten, besonders aber die Habsucht (gitigkeit) mit ihrem Lug und Trug, das Hauptübel der Zeit. Ja, er ist bis zur Härte erbarmungslos, asketisch verurteilt er auch erlaubte Weltfreuden. Die Wirkung seines Wortes auf die Hörer war erschütternd: ein Ritter gibt sein geraubtes Kirchengut dem Kloster zurück, Buhlerinnen entsagen ihrem sündigen Leben, Wundergeschichten knüpfen sich an sein Auftreten. Durch sein Eingreifen in die unmittelbaren Zustände seiner Zeit sind seine Reden auch eine Fundgrube für die Kulturgeschichte. Ungemein zahlreich Der Schwarzwälder Prediger. Der St. Georgener Prediger 419 sind die historischen und fabulösen Berichte, die über ihn aufgezeichnet wurden (Pfeiffer, Ausg. S. XX-XXIII; Rehorn aaO.). Frauenlob hat ihn lange Jahre später in einem Gedichte verherrlicht, in dem er ihn als wahren Verkünder des Verfalles der Sittlichkeit rühmt, und noch später zitiert der Teichner Aussprüche Bertholds (Pfeiffer S. XXX f.). Der Schwarzwälder Prediger Bekanntschaft mit Bertholds Predigten zeigt an einigen Stellen der Schwarzwälder Prediger, 1 so genannt nach seinem alemannischen Dialekt des badischen Oberlandes. Die Predigten, ein Jahrgang von Sonntagsvorträgen nach dem Kirchenjahr, waren, wie die vielen Handschriften erweisen, recht beliebt, denn der Ausdruck war populär, frisch, mit Personifikation und Apostrophe, dazu gemütvoll und herzlich. Quelle der „Grieshaberschen" Predigten war das lateinische Predigtwerk „Sermones de Tempore" des Franziskaners Konrad von Sachsen. Der „Schwarzwälder Prediger" war ein gelehrter Mönch, wie er denn Thema und Disposition in lateinischer Sprache gibt, in der Disposition meist gereimt. Der „St. Georgener Prediger" Mit Bertholds Texten stimmen vier Stücke einer umfassenden Predigtsammlung vom Ende des 13. Jahrhunderts überein, deren Verfasser bzw. Redaktor, ein Mönch, unbekannt ist und den man nach der Herkunft der ältesten Handschrift (St. Georgen im badischen Schwarzwald, jetzt in Karlsruhe) „St. Georgener Prediger" nennt. 2 Das Werk ist eine Sammlung von 86 Stücken (die vielen Handschriften sind darin sehr verschieden), Predigten und Traktaten für Nonnenklöster, ursprünglich für oberrheinische (darum auch die „oberrheinischen Klosterpredigten" genannt). Das Werk ist aus mehreren Quellen zusammengetragen. Die Anlage der einzelnen Stücke ist sehr verschieden, der Vortrag ist lebendig und anschaulich, von mystischer Empfindungs- 1 Franz Karl Grieshaber, Deutsche Pre- Üb. d. Stil bei dem alemannischen anonymen digtendesXIII. Jh.s,2Abteilungen 1844.1846. Prediger aus dem XIII. Jh., Berliner Diss. —PETZETund Glauning, Schrifttafeln Nr. 48. 1897. — Petzet, Catalogus S. 15-17. — Cruel S. 322-36; Linsenmayer S. 354-64; 2 Ausg.: Karl Rieder, Dersog. St.Georgener Wackernagel, Ad. Predigten S. 372-75; Prediger, Dt. Texte des MA.s. Bd. X, 1908, Weigand, ZfdA. 6, 393-97; Pfeiffer, Germ, dazu 0. Simon, ZfdPh. 42, 356, Strauch, 1, 483; Wackernagel, ebda 7, 139-59. — DLz. 1912, 103-6, Behaghel, Lbl. 1910, 1-4, Johannes Daehring, Die Überlieferung der Cbl. 1909, 206, Piquet, Rev. germ. 6, 223f. — Grieshaberschen Predigten, Hall. Diss. 1909; Cruel S. 355-61; Linsenmayer S. 364-68. — Georg Buchwald, Deutsche Heiligenpredig- Wackernagel, Ad. Predigten S. 384ff. 517- ten nach der Art des „Schwarzwälder Pre- 21. 522-44; Preger, Gesch. d. dt. Mystik 2, digers", Mitteil. d. dt. Gesellsch. in Leipzig 11, 9-11. 32-39, dazu Strauch, Anz. 9, 120f.; 1913, 52-111; Adolf Franz, Drei deutsche Rieder, Anz. 34, 263 f.; G. Buchwaldt, Minoritenprediger aus d. XIII. und XIV. Jh., Theol. Stud. u. Krit. 95, 151-54; Strauch, 1907 (darunter Konrad von Sachsen), dazu Germanica Sievers — Festschr. 1925,530-49; Helm, Lbl. 1909, 5f.; Harald Kaesberger, Osk. Steigerwaldt, Die transzendente Rich- Üb. Grieshabers Schwarzw. Prediger, Tübing. tung im sog. St. Georgener Prediger und die Diss. 1924, Maschdruck. — Sprache: H. Auflehnung dagegen im Ackermann aus Böh- Brendicke, Laut- und Formenlehre in d. men, Würzburg. Diss. 1924, Maschdruck. — Griesh. Pred., Jen. Diss. 1876; Leitzmann, O. Roloff, Die Stellung des Verbums in den Zur Laut- und Formenlehre von Griesh. Pred., Predigten des sog. St. Georgener Predigers, Freiburg. Diss. 1889 und Beitr. 14, 473-521; Greifsw. Diss. 1923, Auszug. Kauffmann, Beitr. 13,468f.; Rich. Sensche, 27* 420 Mystik in der deutschen Literatur des 12./13. Jahrhunderts weise durchzogen und war damit von Einfluß auf Susos und Taulers Sprache. Der bekannteste Traktat der Sammlung ist die Allegorie vom Palmbaum und seinen Ästen, die auf die Tugenden gedeutet werden („Von des balm bomes bezeichenung"), s. Rieder S. 260-76, wo Anm. 1 weitere Lit.; Preger 1, 48-53; Strauch, Beitr. 48, 335-75 u. Festschr. Sievers 1925 S. 537. — Von einem Ulrich Engelbert, auch Ulr. v. Straßburg genannt, 2. Hälfte 13. Jh., existierte eine mfränk. Predigt; Hans Neumann, Stammlers Verfasserlex.i, 574-76. C. MYSTIK IN DER DEUTSCHEN LITERATUR DES 12./13. JAHRHUNDERTS 1 Dreifach ist die Stufenfolge der mystischen Erkenntnistheorie: Cogitatio, die sinnliche Wahrnehmung; Meditatio, das verstandesmäßige Denken; Con- templatio, die Anschauung, die Intuition. Dieses Schauen des Göttlichen ist die oberste Stufe der Mystik, und deren Gipfel ist die Ekstase, in der der Mensch ganz aus seinem Selbst heraustritt, um allein mit Gott vereint zu sein. Diese innere Betrachtung hat ihre dichterische Verklärung in der Liebe des Freundes und der Freundin im Hohen Liede gefunden; das Symbol für die innige Vereinigung mit Gott ist die Vorstellung von der Seele als Braut Gottes, von Jesus als dem Seelenbräutigam f Brautmystik. Die praktische Mystik des Mittelalters ist ausgegangen von St. Bernhard und Hugo von St. Victor; 2 sie hat in der mittelhochdeutschen Literatur ihren ersten Ausdruck im St.Trudperter Hohen Lied gefunden (LG. II, 1, 29-39). 3 Im dreizehnten Jahrhundert und im Anfang des vierzehnten ist die min- nende Seele — als Tochter Syon aufgefaßt, d. h. als Tochter von Jerusalem, der heiligen Gottesstadt (schon im Alten Testament), — in zwei Gedichten entwickelt (Tochter Syon in der Mystik des 14. Jahrhunderts s. unten). Die Tochter von Syon von Lamprecht von Regensburg 4 Nachrichten über das Leben des Dichters enthält sein früheres Werk, das Francisken Leben (s. unten Legenden). Er war der Sprache nach Bayer, er- 1 Phil. Wackernagel, Das deutsche Kir- in den Predigten über das Hohe Lied, De dili- chenlied Bd. 2; Hoffmann v. Fallersleben, gendo Deo; bei Hugo v. St. Victor (1096- Gesch. des deutschen Kirchenliedes S. 86-130; 1141) im Soliloquium de arrha animae (Migne Bartsch, Erlösung S. 187-331; Ders., Quel- 176, 951 ff.), De Amore sponsi (Migne 176, lenkunde S. 311-33; Preger 2, 48-66; P. Ro- 987ff.), Miscellanea lib. VI tit. 81 (Migne 177, muald Banz, Christus und die Minnende Seele 849f.). (mit. Lit.), 1908, dazu Strauch, Anz. 34, 3 Die Seele als Braut Gottes begegnet in der 255-61, Bihlmeyer, DLz. 1909, 1821-23, Lit. des 12. Jh.s außerdem noch in der Summa Bernt, ZföG. 1910 H.7, Helm, Lbl. 1913 Theologiae Str. 27, 1, MSD. I 3 , 123 u. Anm. S. 5f.; Raab, Über vier allegorische Motive in II 3 , 216, und Diemer, Dt. Ged. d. XI. u. der lat. und deutschen Lit. des MA.s, Progr. XII. Jh.s, 1849, S. 102Z. 1 f.; auch in Priester Leoben 1885 S. 16-19; Arnold Oppel, Das Arnolds Siebenzahl, Diemer aaO. S. 335,13ff. Hohelied Salomonis und die deutsche religiöse * Ausg.: Karl Weinhold, Lamprecht v. Liebeslyrik, 1911; Maria P. Pieler, Deutsche Regensburg, Sanct Francisken Leben und Frauenmystik im 13. Jh., Wien. Diss. 1928; Tochter Syon, 1880, dazu Bech, GgA. 1881, R. Egenter, Die Lehre von der Gottes- 490-501, Strauch, Anz. 8, 1-8, Kinzel, freundschaft in der Scholastik und Mystik des ZfdPh. 12, 491-94, Roediger, DLz. 1880, 12. und 13. Jh.s. — Siehe unten Mystik des 233; Auszug: Hoffmann, Fundgruben 1, 307 14. und 15. Jh.s. -17. — Preger, Gesch. d. dt. Mystik l,283ff.; 2 Bei Bernhard v. Clairvaux (1091-1153) bes. Strauch, ADB. 17, 581 ff.; Wiltrud Wich- Die Tochter von Syon von Lamprecht von Regensburg. Der Mönch von Heilsbronn 421 zogen in Regensburg, Franz. V. 313, seinen Namen führt er ebda V. 1344. 2103 an; auch Püterich in seinem Ehrenbrief Strophe 113 (s. oben) verzeichnet die „Tochter von Syone" von „Bruder Lamprecht von Regens- purg". Die Tochter Syon dichtete er um 1250 (Schröder, ZfdA. 42, 321) auf Veranlassung des „Provincialis minister der minnern brüeder Gerhart", V. 50 ff. 292. 3184 (4312 V.). Er war kein begabter Dichter, aber eine ruhig fromme Natur. Das Gedicht ist eine Allegorie von der Vereinigung der Seele mit Gott, Jesus. Die Tochter Syon, d.i. die Seele, die aus Liebe zu Gott von der Welt zum Himmel strebt, sendet als Boten nach etwas Liebenswertem die Cognitio (bekantnisse), diese aber findet in der Welt nur Eitles und Vergängliches. Die Tochter Syon wird über diese Auskunft ohnmächtig; Fides und Spes sind die ersten Führer zu Jesus, dazu Sapientia und Caritas, Minne, der die mdze nötig ist, endlich Barmherzigkeit. Die in dem mystischen Bild von der minnenden Seele liegende poetische Wärme kommt nur vorübergehend zur Geltung, da die verstandesmäßig ersonnene Allegorie der Tugenden, die zudem meist in ihren lateinischen Namen auftreten, dem Ganzen zu sehr den Charakter einer Belehrung aufprägen. Auch manche nicht zum eigentlichen Thema gehörenden christlichen Bestimmungen sind beigezogen, wie die Trinitätsformel Augustins, memoria, intelligentia, voluntas (V. 794 ff.). Quelle des Gedichtes ist eine lateinische Prosa, Filia Syon (abgedruckt bei Weinhold S. 285-91), die Lamprecht aber nach Belieben bedeutend erweitert hat. Der lateinische Prosatraktat wurde auch in deutsche Prosa übersetzt. Der Mönch von Heilsbronn Kürzer (596 Verse) und ohne die ausgedehnten Erklärungen und Abschweifungen Lamprechts ist die alemannische Tochter Syons, 1 die den gleichen Inhalt hat, denn sie ist ebenfalls eine, aber von Lamprechts Gedicht unabhängige, jüngere Bearbeitung des lateinischen Traktats vom Ende des 13. oder Anfang des 14. Jahrhunderts. Der Dichter ist unbekannt, früher hielt man dafür den Mönch von Heilsbronn, 2 dem man auch einen St. Alexius zuschrieb (s. unter Legenden). Nach den Untersuchungen von Albrecht graf, Der Tractat von d. Tochter von Syon u. 2 Ausg.: Th. Merzdorf, Der Mönch von seine Bearbeitungen, Greifsw. Diss. u. Beitr. Heilsbronn, 1870 (Tochter Syon, Alexius, die 46, 173-231 (Abdruck des Prosatraktats sechs Namen, die sieben Grade).— Gervinus, S. 176-81); Schröder, ZfdA. 42, 321; Rü- LG. II 5 , 303 ff.; Pfeiffer, Dt. Mystiker 1 gamer, Die Lehre von den drei Wegen in d. S. XLII f.; Preger, Gesch. d. dt. Mystik 2, Litgesch. d. MA.s I, Progr. Münnerstadt 1909 12-27. 40-48; Albr. Wagner, Üb. d. Mönch S. 52 ff.; Josef Quint, Merker-Stammler v. Heilsbr., QF. 15, 1876, dazu Denifle, Anz. Reallex. Bd. 4 (Nachträge), 72. — Jellinek. 2, 300-13; Wagner, Zum Mönch v. H., ZfdPh. u. Kraus, ZföG. 44, 1893, 692. 694; Niejahr, 20,92-113 (Hs.); J. B. Wimmer, Beitr. z. Krit. Euphorion 5, 444 (Stellen). — Sprache: u. Erklärg. d. Werke d. Mönchs v. H., Progr. Zwierzina 45, 68, Anz. 26 Reg. S.353. 27 Kalksburg 1895; Carl Böckl, Wer ist der Reg. S.348. — Piper, Geistl. Dichtg. 2, 211 f. Mönch v. H.?, Z. f. kathol. Theol., 1928, — 3Hss. 230-39, dazu Schröder, Anz. 53, 67 f.; 1 Hgb. Graff, Diutiska 3, 3-21; Osk. Scha- Priebsch, Dt. Hss. in England I S. 139; de, Daz buochlin von der tohter Syon, 1849; Wiltr. Wichgraf aaO. S. 206-10; Schröder, Merzdorf, Der Mönch v. Heilsbronn S. 127 Gott. Nachr. 1931, 23-27; Petzet, Catalogus -44; Goedeke, Dt. Dichtg. im MA. 2 , 1871, cod. manuscript.V pars I S. 104 f. 176; Piper, 244-49. — Übersetzt von Simrock, Die Toch- Geistl. Dichtg. 2, 118-20. ter Sion od. d. minnende Seele, 1851. ' 422 Mystik in der deutschen Literatur des 12./13. Jahrhunderts Wagner und Preger, sowie Denifle gehören diesem Verfasser nur die Sechs Namen des Fronleichnams und die Sieben Grade an. Er war Mönch in dem zwischen Ansbach und Nürnberg gelegenen Cistercienserkloster Heilsbronn und verfaßte dort die genannten Werke in den ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts, als Konrad von Brundelsheim des Klosters Abt war (1303 -06 und 1317-21), denn er benutzte stark dessen lateinisches Predigtwerk (Soccus, Sermones Socci). Die Sprache 1 seiner beiden Werke ist mehr thüringisch als ostfränkisch, er mag also wohl aus Thüringen stammen. Seinen Namen gibt er nur an am Schluß: „Mönch von Halsprunne". 2 1. Das Buch von den sieben Graden, 3 Gedicht. Die sieben Stufen sind sieben aufsteigende Arten des Gebetes, von dem Gebet des trockenen Herzens zu dem der Reue und Buße, dann der Minne, der Gnade; auf der fünften Stufe ist die Andacht schon zum notwendigen Bestand der Seele, zur Gewohnheit geworden, auf der sechsten folgt die Vereinigung der Seele mit Gott, auf der siebenten Stufe wird das Gebet vor Gott selbst gesprochen. Eingeleitet wird das Gedicht mit der Vision des Ezechiel vom neuen Tempel Kap. 40; der Tempel bedeutet das Himmelreich (et septem graduum erat ascensus ejus, Ez. V.22, et in gradibus septem ascendebatur ad eam [portam], V.26). — Der Verfasser ist nicht genannt. 4 Die Verse sind glatt (2218 V.). Später ist der gleiche Aufstieg des Gebetes in einem prosaischen Traktat behandelt worden, „Die sieben Staffeln des Gebetes", der mit dem Gedichte des Mönchs eine gemeinsame Quelle hatte. 5 2. Das Buch von den sechs Namen des Fronleichnams, 6 Prosa mit gereimtem Vor- und Nachwort (zusammen 150 V.). Hier nennt sich der Verfasser in den Schlußversen (s. oben). Der Eingang der Prosa gibt den Inhalt des Ganzen an: Der Fronleichnam Gottes, den er seinen Kindern zu einer Speise gemacht hat, hat sechs Namen: Eucharistia Gnade, Donum Gabe, Cibus Speise, Communio Gemeinsamkeit, Sacrificium Opfer, Sacra- mentum Heiligkeit. Das heilige Abendmahl wird systematisch erklärt nach den Kategorien Ursprung, Wesen, Ziel und Umfang, Inhalt, Wirkung. Quelle ist die Predigtsammlung des Soccus, der der Verfasser genau folgt. Die vielen Handschriften (15) beweisen die Verbreitung des Werkes. Die Münchener Handschriften haben viererlei Textrezensionen: 7 A und B lateinisch und 1 Wagner aaO. (md.); Ehrismann, Beitr. 22, Mönches von Heilsbronn erwiesen. 338. 6 Pfeiffer, Dt. Mystiker I S. XLIII u. 387 2 Halesprunnen urkundl. bis ins 14. Jh.: -97; Wagner S. 43-52; Denifle S. 309-12. Scheins, ZfdA. 18, 153-55; Wagner S. 14. 6 Hgb. Merzdorf S. 1-60; Pfeiffer, Ad. 3 Hgb. Merzdorf S. 69-125. — Preger Bl. 2, 350-59; Birlinger, Alem. 3, 108-19. S. 17-21. 46 f. — Stellen: H. Niewöhner, 205-34. — Wagner aaO.; Preger aaO. 2, ZfdA. 64, 235 f.; Suolahti, Mem. de la soc. 12-17. 21-24. 40^6; Strauch, Anz. 9, 117 f.; neophilol. de Helsingfors 6, 1919, 109 ff. — K. Tomanetz, ZfdA.29,318-25(Bruchstücke); 2 Hss. — Über die Siebenzahlen s. LG. II, 1, Petzet, Catalogus S. 176. 66 ff. ' Wagner S. 9; Preger 2, 12-17; Denifle 1 Wagner hat das Gedicht als Werk des S. 301-6; Strauch, Anz. 9, 117. Hildegard von Bingen. Mechthild von Magdeburg 423 deutsch, aber verschieden gemischt; C vollständig deutsch; D Fragmente, durchgängig lateinisch. Das Verhältnis ist so, daß der deutsche Teil des Werkes der ursprüngliche, der lateinische daraus übersetzt ist (Denifle; dagegen Wagner und Preger umgekehrt: der Mönch habe den Traktat zuerst lateinisch abgefaßt, dann ins Deutsche übertragen). — Traktate in Prosa vom Mönch von Heilsbronn: Birlinger, Alem. 3, 97 ff. 205 ff. Hildegard von Bingen Besonders die Frauen waren empfänglich für mystische Empfindungen und leicht in visionäre Zustände erhoben, und so entstand die feinste Blüte dieser Frühmystik in Deutschland durch das Wirken dreier geistlicher Frauen. Hildegard von Bingen, 1098-1179, war Äbtissin des Benediktinerinnenklosters auf dem Rupertsberge bei Bingen; sie wurde später heilig gesprochen. Ihre religiösen Schriften sind lateinisch: Scivias (= Sei vias erkenne die Wege des Herrn) und die von warmem Naturgefühl getragenen Sequenzen auf den heiligen Maximin und auf die heilige Jungfrau. 1 Diese Verbundenheit mit der Natur war wohl schon durch die Klosterschule in ihr begründet worden, denn die Benediktiner pflegten die Naturkunde. Und diesem Boden erwuchs ihre wissenschaftliche Haupttätigkeit: sie war Ärztin und verfaßte das berühmte Buch „Hildegardis causae et curae". 2 Benachbarter Gegend entstammte Elisabeth von SchÖnau, 3 1129-64, aus der Benediktinerabtei Schönau bei Bingen. Auch sie hat nur lateinische Werke veröffentlicht, LiberviarumDei, LiberVisionum,Liber Revelationum, Epistolae. Mechthild von Magdeburg Die glühendsten Worte für die bräutliche Minne hat Mechthild von Magdeburg 4 gefunden. Aus Frauenherzen kommt die Minne zu Gott dem 1 F. W. E. Roth, Stud. z. Lebensbeschrei- stikertexte, Elisabeth von Schönau u. Mech- bung der heil. Hildegard, Stud. u. Mitteil, aus tild von Magdeburg, ZfdA. 64, 277-81 u. Anz. d. Benediktinerorden 39, 68-118; Herm. Fi- 47, 156; Engelbert Krebs, Stammlers Ver- scher, Die heil. Hildegard v. Bingen, die erste fasserlex. 1, 554-56 mit Lit.' deutsche Naturforscherin u. Ärztin, ihr Leben 4 Vollständige Lit.: Josef Quint, Mystik in u. Werk, 1927 (mit Lit.). — Die Gedichte: Merker-Stammler Reallex. Bd. IV (Nachträge) Paul v. Winterfeld, Dt. Dichter des lat. S.70. — Ausg.: P. Gall Morel, Offenbarung MA.s, 1913, 438-40; Fischer S. 399^101; Der der Schwester Mechthild von Magdeburg oder heil. Hildeg. v. Bingen Reigen der Tugenden das fließende Licht der Gottheit, 1869; Über- (Ordo virtutum, ein Singspiel, hgb. v. d. Abtei Setzung: Meta Escherich, 1909, dazu H. S.Hildegard, 1927); Jos. Bernhart, H. v. Haupt, Lbl. 1913,190 f.; W. Oehl (Auswahl), Bingen, Arch. f. Kulturgesch. 20, 1930, 249 1911; H.A. Grimm (Auswahl), 1917/18; Rich. -60; H. Liebeschütz, D. allegorische Welt- Ziegler, 1927. — Preger, Gesch. d. dt. My- bild bei der heil. Hild. v. Bingen, 1930. stik 1, 91-112; Ders., Herzogs Realencyklo- 2 Übersetzung: Hugo Schulz f, DerÄbtissin pädie f. Protestant. Theologie 9, 1881, 453; Hildegard von Bingen Ursachen U.Behandlung Strauch, ADB. 21, 154-56; Ders., ZfdA. 27, der Krankheiten, Causae et curae, 1932. — 368-73; A. Rügamer, Lehrevond. drei Wegen, Naturwissenschaftlich, ebenfalls lateinisch, aaO. S. 42-52; Jeanne Ancelet-Hustache, sind ihre „Physica". Mechtilde de Magdebourg, Paris 1927, dazu 3 Ausg.: F. W. E. Roth, Die Visionen der hl. Pahnke, DLz. 1929, 1948-50; Grete Lüers, Elisabeth u. die Schriften der Äbte Ekbert u. D. Sprache der dt. Mystik im Werke der Emecho von Schönau, 1884, dazu Strauch, Mecht. v. Magdeb., 1926, dazu Strauch, Anz. 12, 25-37; W. Oehl, Neuentdeckte My- ZfdPh. 52, 170-75, Pahnke, DLz. 1927, 311 424 Mystik in der deutschen Literatur des 12./13. Jahrhunderts Bräutigam unmittelbar; beim Manne muß sie, wenn sie poetisch ausgedrückt werden soll, zuerst durch das Medium einer weiblichen Vorstellung hindurchgehen, das ist die personifizierte Seele. Mechthild, um 1212 geboren, war Begine in Magdeburg von 1235 an, trat um 1270 in das Zisterzienserinnen- kloster zu Helfta bei Eisleben und starb nach 1280. Ihre Offenbarungen, denen sie selbst die mystische Bezeichnung „Das fließende Licht der Gottheit" gab, hat sie niederdeutsch aufgeschrieben; sie wurden als Revelationes ins Lateinische übersetzt. Der niederdeutsche Text ist verloren, das Werk ist nur in der hochdeutschen Übertragung des Heinrich von Nördlingen, um 1344, erhalten. Die äußere Form ist Prosa, gemischt mit Versen. Hier hat die frühere Mystik den glänzendsten Ausdruck gefunden. In ihren Visionen erblickt Mechthild Wunderbares: mit ihrer Seele Augen schaut sie die heilige Dreifaltigkeit, Jesus Christus, ihren Engel. Sie glüht in Sehnsucht nach der unmittelbaren Gemeinschaft mit Gott, nach der bräutlichen Vereinigung mit Jesus. Sie gewährt einen tiefen Einblick in ihr Seelenleben, in die Verzückung einer mystischen Gemütsart. Sie kämpft gegen die Sinnlichkeit, gegen die durch die Sinne vermittelte Welt, und übt freimütige Kritik an den Zuständen der Kirche und dem verweltlichten Klerus. Ihr Sinn ist ganz auf das innige Verhältnis zu Gott gerichtet, „ich stürbe gern von Minne", und sie besitzt die mystische Ausdrucksweise, die auch auf Eckhart gewirkt hat, um diese mystische Grundrichtung zu vertreten: das Fließen der Seele in Gott, das Verbranntsein der Seele in der Minne, das Bloßsein der Seele. Andere mystische Dichtungen Ihre mystischen Verzückungen und Visionen offenbart die Nonne Gertrud von Hackeborn 1 (Nonne im Zisterzienserinnenkloster Helfta bei Eisleben, lebte 1241 bis 1298) in ihrem lateinisch abgefaßten „Liber specialis gratiae". Eine mystische Allegorie ist Die Lilie, 2 eine religiöse Deutung der Blätter und Blüten, so daß die Pflanze zu einem Symbol für geistliche Andacht wird. Die Lilienallegorie geht auf eine verlorene lateinische Vorlage zurück. Das tiefempfundene Gedicht ist das Werk eines Kölner Priesters und Seelsorgers. Die Form ist frei, rhythmisch gehobene Prosa. -14, Götze, Theol. Lit.-Zeitg. 58, 180; Elisa- v. Magdeb. das Urbild von Dantes Matelda? beth Rotten, Festschr. Buber 1927, 64-66; * Vollständige Lit. bei Josef Quint aaO.; Günther Müller in Walzels Handbuch S. 40 Strauch, ZfdA. 27, 373-76 (Gertrud von f.; Ders., Aufriß der dt. Lit.Gesch., 2. Aufl. Hackeborn ebda S. 376-81). 1931, 51; E. Zinter, Zur myst. Stilkunst 2 Ausg.: Paul Wüst, Die Lilie, e. mittel- Mechthilds von Magdeb., Jen. Diss. 1931; fränk. Dichtg. in Reimprosa, Dt. Texte d. Singer, D.relig. Lyrikd.MA.s, 1933, S.96-98; MA.s Bd. 15, 1909, dazu Polheim, Anz. 35, Heinz Tillmann, Studien zum Dialog bei 45-47, Strauch, DLz. 1912, 994-97. — Hoff- Mecht. v. Magd., Marbg. Diss. 1933, dazu mann von Fallersleben, Germ. 3, 56-58; Korn, Anz. 52, 103-5; s. unten Mystik des John Meier, Beitr. 16, 89 Anm. 2. — In der 14. 15. Jhs. — Über die Meinung, Dantes Ausgabe von Wüst folgen anhangsweise eine Matheida in den letzten Gesängen des Purga- „Predigt über die Lilie" (Hs. 14./15. Jh.) und torio sei Mechthild V.Magdeburg, S.E.Böhmer, vier kleine geistliche Gedichte in mittelfränk. Jahrb. der dt. Dantegesellsch. 3, 101 ff.; Pre- Mundart: Die 3 Blumen des Paradieses; Der ger, Münch. SB. 1873 H. 2; Ders., Gesch. d. dreifache Schmuck der seligen Jungfrauen; dt. Mystik 1, 103; Erich Rosendahl, Nieder- Das himmlische Gastmahl; Warnung vor der Sachsens Frauen, 1919, darin S.45-53 Mechthild Sünde. Andere mystische Dichtungen 425 Von dem Verfasser der Lilie rührt wahrscheinlich auch die gereimte „Rede von den fünfzehn Graden" her, 1 der mystische Aufstieg der Seele zu Gott in fünfzehn ihm immer näher führenden Zuständen. Dann allerdings würde die Lilie erst im 14. Jahrhundert anzusetzen sein. Das mystische Thema vom Weg der Seele bis zu der Umarmung des liebenden Jesus, des Bräutigams, durch fünfzehn Stufen ist genauer ausgeführt in dem Prosatraktat: Die Rede von den fünfzehn Graden, nämlich vom ersten Grad, der Erkenntnis, cognitio, zum zweiten und dritten, der Liebe und des Begehrens, zum vierten, dem Vorschmack der göttlichen Gnade, zur Geduld (5), wisheit(Q), Trost (7), Demut (8) usw. bis zum 15. Grad, dem Schlaf, der Rast von aller Mühe. — Der Traktat hat mittelfränkische Mundart und ist wahrscheinlich eine Arbeit des Verfassers der Lilie. 2 Unmittelbar an das Hohe Lied, das „Minne Buch", knüpft an der mystische Prosatraktat (zuletzt Reimprosa) Salomönis hüs (13. Jahrhundert), 3 eine allegorische Deutung von Höh. Lied 3 V. 9. 10 auf den Weg zur ewigen Minne. Auf Salomos Haus folgt in der Handschrift eine Darstellung und Deutung der Meßliturgik, „ein bezeichenvnge der heiligen messen" : geistige Bedeutung der Glocken, Kleidung des Priesters, Introitus, die zwei Lichter auf dem Altar usw. Die für die mystische Literatur charakteristische Stilform der Aufzählung ist angewendet in einigen weiteren Prosatraktaten. Den Wunne Baum der minnenden Seele 4 (eigentlich der „Minne Baum") soll die Seele aufsteigen, bis daß sie kommt zu ihrem Lieb. Vier Wurzeln des Baumes, an denen noch jeweils Würzelein hangen, dann zwölf Äste werden gedeutet auf die fortschreitenden Minnegrade; damit verbunden ist eine Anweisung zum vollkommenen geistlichen Leben. Andere Baumallegorien sind Der Baumgarten von Konrad von Weißenburg (Elsaß, 13. Jahrh.?), eine Deutung von sieben Bäumen eines Baumgartens: Baum der Reue, Barmherzigkeit, Geduld usw.; auf jedem Baum ein Vogel, unter dem Baum eine Blume, die ebenfalls auf Tugenden gedeutet werden. Eine Variation des „Baumgartens" ist Der Palmbaum, indem statt des Baumgartens mit sieben Bäumen der Palmbaum mit sieben Ästen gesetzt ist. 5 1 W. Dolfel, Germ. 6, 144-60; Wüst S. II; 4 Preger, Gesch. d. dt. Mystik 2, 48 ff.; Ab- Strauch, DLz. aaO.; Ders., Nd. Korrbl. 10, druck des Textes einer Gießener Hs. bei 49 (vgl. Nd. Jahrb. 10, 18). Adrian, Mitteilungen aaO. S. 456-67 mit drei 2 Teilweise abgedruckt von Dolfel aaO; s. in der Hs. darauffolgenden Prosaabhandlun- die Ausgabe der Lilie von Wüst S. II; Strauch, gen; Petzet, Catal. S. 241 (eine Münchener DLz. aaO. u. Nd. Jahrb. aaO. (Hs.); J. B. Hs.). Schoemann, Die Rede von den 15 Graden, 6 Abdruck: Bormann, v. d. Hagens Germa- 1930, dazu Strauch, Anz. 49, 131 f. nia 2, 303-8. — Preger 2, 51-53; Strauch, 3 Hgb. J.V.Adrian, Mitteilungen aus Hand- Palma contemplationis, Beitr. 48, 335-75; Schriften u. seltenen Druckwerken, 1846, 417 Palmbaumallegorie, Strauch, Konrad von -42. — Schröder, Die Gießener Hs. 876 u. Weißenburg, Euphorion, Ergänzungsheft 16, die rheinfränk. „Himmelfahrt Mariae", Gott. 1923, 34-42 (darin noch andere mystische Nachr. 1931, 1-27 S.3. 7 f. Stücke); s. oben St. Georgener Prediger. 426 Mystik in der deutschen Literatur des 12./13. Jahrhunderts Die segensreichen Wirkungen des Abendmahls für den, der unseres Herrn Leib recht und mit Verständnis nimmt, werden aufgezählt in einem Prosatraktat Von zwölferlei Frucht und Nutzen von unseres Herren Leichnam (Abendmahl). 1 Mystische Lieder. Die Seele als Braut Christi Nach Lamprechts von Regensburg Tochter Syon und dem alemannischen Gedicht hat „Christus und die minnende Seele" (MS.) am meisten Stoffbestand. 2 Es ist ein Dialog zwischen Christus und der Seele (2112 V., niederalemannisch, erste Hälfte des 15. Jahrhunderts): Warnung vor der Welt, Kasteiung des Leibes, die Seele muß ganz bloß, aller andern Gedanken ledig sein, um Christus anzugehören. Dann schießt sie ihn mit der Minne Strahl, schließlich setzt er ihr eine Krone auf, mit der sie den ewigen Lohn besitzt und das Ende ist Christus' Wort: Lieb, ich und du sind all ain, alsus wirt ains us uns zwain. Durch Weltentsagung zu Gott zu gelangen, das ist der religiöse Grundgedanke dieser Mystik. Der Inhalt bewegt sich in den bekannten mystischen Empfindungen und Vorstellungen, Eigenes hat der Verfasser nicht dazu getan. Die künstlerische Gestaltung ist gering, die Sprache eintönig, doch eben durch ihre Natürlichkeit anschaulich. Diesem größeren Gedichte geht in den zwei Haupthandschriften (Einsiedeln, Überlingen) ein bedeutend kürzeres voran (18 vierzeilige Strophen): Die kreuztragende Minne: 3 Wer zu mir in min rieh wel kommen, Der sol sin erütze uff sich nemmen, ein Dialog, in welchem abwechselnd Strophe für Strophe der Herr und „Sy" (die gesponcz) sprechen, er gibt ihr Anleitung zu seiner Nachfolge, die Lehre ist Entsagung. 4 In zwei Handschriften folgt ein Prosadisput zwischen der mannenden Seele und unserm Herrn. Eng verwandt damit ist, wie schon die Eingangszeilen „Hebe auf dein Kreuz, meine Braut, du allerliebste, folge mir nach" zeigen, das Gespräch zwischen Jesus und der Seele „Von der innigen Seele" oder „Jesus und die Braut" 5 (17 Strophen zu 4 Zeilen, 15. Jahrhundert). In naher Beziehung zu MS. steht Die minnende Seele bei Bartsch, Erlösung S. 216-24 (Bartschs „Minnende Seele"), 6 beginnend: Bin langer släf wil dich versümen (222 V.). In dramatischem Aufbau wird die Seele durch Leiden und Peinigungen, die ihr der Herr auferlegt, zur Brautschaft mit ihm erzogen, zur mystischen Vereinigung, ich du, du ich, wir zwei sin ein, V. 189. 1 Pfeiffer, Ad. Bl. 2,354-59; Anz. f. Kunde 6 Hoffmann v. Fallersleben, Aufseß Anz. d. dt. Vorzeit 1861, 310. 1834 Sp. 27 f.; Alois Hruschka, ZfdA. 22, 2 Banz, Christus u. die minnende Seele (das 78-80. — Niederdeutsch: Hoffmann v F., ganze Buch; Text S. 259-363). — Mnd.: Germ. 15, 366-69; Jellinghaus, Jahrb. d. Stammler, Mnd. Leseb., 1921, Nr.62S.98-100 Ver. f. nd. Sprache 7, 3 ff.; Stammler, Mittel- u. Anm. S. 143 f. niederdt. Leseb. S. 98-100 u. Anmerk. S. 143f. 8 Franz Hotzy, ZföG. 63, 1057 ff.; Bantz (mit reicher Lit.); Banz S. 3 f. 47. S. 1 ff. 47, hgb. S. 253-58. « Banz S. 43-47. 4 Abgedr. Banz S. 364-68. Mystische Lieder. Die Seele als Braut Christi 427 — Weit an poetischer Empfindung überragt die sonst hier genannten Gedichte „Der Minne Spiegel" 1 Ein sei vorgotes füezen lac (Bartsch S. 242-77, übersetzt von A. Freybe, 1870), ein langes Gespräch in 131 achtzeiligen Strophen (1058 V., 14. Jahrhundert) zwischen Gott und der Seele, die strophenweise redend abwechseln: die Reue der Seele und die Gnade Gottes, der die Seele, min turteltübe, min liehte himmelrose, das üfgende morgenröt, die tohter von Syon, zum gemahel annimmt. Vier (fünf) charakteristische Gedichte dieser Art sind herausgegeben von Franz Pfeiffer, Ad. Blätter 2, 359-73: I. Swer gerne hiet ein guot leben, dem ist hie ein rät gegeben (268 V.); die Seele muß sich den Sinnen versperren und den eigenen Willen aufgeben, Gott den Willen anheimgeben; glühende Liebe zu Jesus, der sie gerne annimmt. 2 IL Ein höher werder pin hat mich in trüren bräht (159 V. in 33 verschieden gebauten Strophen), a) Zuerst Selbstgespräch der Seele, Aufgeben der Welt, Gedenken an Christi Kreuzestod; V. 1-44. b) V. 45-52, zwei anders gebaute Strophen, über die Minne, c) V.53 bis Schluß: Vil werde sele halt dich wert, bekenne wol din edelkeit, Der Seele Würdigkeit: die Seele ist die Form, die Gott nach seinem Bilde geschaffen hat; die Minne hat Christus zum Opfer am Kreuze geführt. 3 III. Zuo der rehte Minnenden sele sprichet der himelische herre (57 V.). Christus erinnert die minnende Seele, daß sie ihn für seine um ihre Minne erlittenen Leiden wieder minnen und die Welt aufgeben soll. 4 IV. Ein Kind ze tröste ist vns gesant (59 V., deutsche Verse wechseln mit lateinischen ab), Weihnachtslied, Preis des Christkindes und seiner Mutter, Christi Liebe zu uns. 5 Der Seele Liebesgarten, niederdeutsches Gedicht (35 vierzeilige Strophen) in Volksliedweise, Selbstgespräch, Entschlußmonolog der Seele. Anfang: Ik (die Seele) byn van sorghen drovich, darum will ich Gesellschaft suchen und spazieren gehen in meines Lieben Garten. Mein Lieb wird mich von Sünden gesund machen, wir wollen in diesem Garten die feinen Blümlein pflücken und ein Kränzlein machen, das will ich dem Liebsten mein aufsetzen. 6 Ein Gebet der Seele zu Gott und seine Erhörung ist das Gedicht „Gott und die Seele" 7 bei Bartsch, Erlösung S.214-16: Ach starker got von himel- rich, verlä mich niht, fleht die Seele, pis mir mit diner helf bereit ; Gott erhört sie: zem gmahel hän ich dich erweit. Es sind sechs Strophen (64 V.); die drei Preger 2, 62-66; Banz S. 47 f. S. 8; Petzet S. 267 f. (mit Lit.). 2 Pfeiffer S. 359-66; Preger 2, 59-61; 6 Pfeiffer S. 371-73; Petzet S. 269. — Banz S. 50 f.; Petzet, Catal. S. 241. Diese vier Gedichte auch bei Ph. Wacker- 3 Pfeiffer S. 366-70; Schmeller, S. Ulrichs nagel, Kirchenlied 2, 290 ff. Leben (s. oben Legenden) S.VIII-XII; Pre- «Schröder, Nd. Jahrb. 15, 1889, 24-26; ger 2, 58; Banz S. 51; Petzet S. 165. 270. Banz S.51 f. Pfeiffer S.370f.; Adrian S.452-55; ' Preger2,61 f. ;Ph.Wackernagel Nr.446; Banz S.48; Schröder, Gott. Nachr. 1931 Banz S.48f. 428 Mystik in der deutschen Literatur des 12./13. Jahrhunderts ersten spricht die Seele mit dem Kehrreim: wan an din helfpin ich verlorn, die drei Antwortstrophen des „obersten Gutes" haben einen vierzeiligen Kehrreim : ach lä die weit usw. Auch hier, wie immer in diesen Gedichten, die Mahnung zur Weltentsagung. Vier kurze, drei- bzw.zweistrophige Klageliedchen Owe des smerzen den ich arme trage weinet her^e, weinent ougen usw., haben die Jesuminne zum Grundgefühl. 1 Passio einer minnender sele s. Banz S.51. 1 Wackernagel, Ad. Bl. 2, 129-31, s. auch S. 125; Ph. Wackernagel aaO.; Banz S.51. VII. GESCHICHTLICHE DICHTUNG Reimchroniken 1 Schon in der Kaiserchronik des 12. Jahrhunderts (LG. II, 1, 271 f.) ist ein geschichtlicher Stoff in poetischer Form und Darstellung als Selbstzweck, eben zur Kenntnis der geschichtlichen Tatsachen, literaturgeschichtliches Ereignis geworden. Doch ist die chronikalische Stilart noch verwandt mit dem Roman durch den stark fabulistischen Einschlag von Sagen, Novellen, Legenden. Im 13. Jahrhundert erhielt die Kaiserchronik eine Überarbeitung und Fortsetzung. Durch die erstarkende wissenschaftliche Auffassung des Geschehens erlebte die chronikalische Reimdichtung einen bedeutenden Aufschwung. Die Weltchronik Rudolfs v. Ems mit ihrem großen Erfolg ist ein Ausfluß dieser Geistesströmung. Die historische Dichtung bildet innerhalb der weltlichen Epik eine eigene Gattung. Schon durch ihre Form erweisen sich die Reimchroniken als Dichtungen; bei ihnen wird also das künstlerische Moment in Sprache, Metrik und Gesamtdarstellung gegenüber dem historisch-wissenschaftlichen Inhalt abzuwägen sein. In manchen der Verschroniken besteht immerhin noch ein ritterlich-höfischer Geist hinsichtlich der Idealisierung und Poetisierung, in andern überwiegt das historische Interesse, das dann in den Prosachroniken des 14. 15. Jahrhunderts allein maßgebend ist. In dieser deutschsprachigen Geschichtsliteratur geht zeitlich und räumlich ein Zug vom Weiteren ins Engere, von der allgemeinen Weltchronik und der römischdeutschen Kaisergeschichte, der Kaiserchronik, zu enger begrenzten Lokalgeschichten und zu noch spezielleren Stoffen, zu einzelnen Ereignissen der unmittelbaren Gegenwart (die historischen Volkslieder). Das älteste deutsche gereimte Geschichtswerk nach der Kaiserchronik ist die Gandersheimer Reimchronik, 2 abgeschlossen vor 1218, also noch vor der Sächsischen Weltchronik. Das Buch wurde nach verlorenen lateinischen Quellen ins Deutsche gewendet von einem papen, de heil Everhart, V. 879; urkundlich belegt ist ein Everhardus Diaconus 1204 und 1207. Aus politischer Absicht hat Eberhard unternommen, die Geschichte des Klosters zu schreiben von der Gründung an bis zu seiner Zeit (Friedrich IL, gegen Ende gekürzt), um die altbegründeten, rechtmäßigen Ansprüche des Klosters aus dessen Geschichte zu erweisen. Die Übersicht ist klar (1955 V.), der Stil schmucklos, 1 Auch die Heiligenlegenden sind historische reden S. 48-52 u.ö.; Schröder, Zur Über- Werke, gehören aber ihrem Inhalt entspre- lieferg. d. Eberh. v. G., Neues Archiv f. ältere chend in das Kapitel „Geistliche Dichtung", dt. Geschichtsk. 45, 1924, 119-26; L. Wolff, 2 Ausg.: Ludw. Weiland, Mon. germ. hist. Sprachliches, Textkritisches u. Stilistisches Dt. Chroniken II, 1877, dazu Roediger, Anz. z. Eb. v. G., ZfdA. 64, 307-16; Ders., Stamm- 4, 265-9; L. Wolff, D. Gandersheimer Reim- lers Verfasserlex. 1, 470; Stammler, Mnd. ehr. des Priesters Eberhard, Ad. Textbibl. Leseb. S. 67 f. (Auszug) u. S. 139 (Lit.). — Nr. 25, 1927, dazu Agathe Lasch, Anz. 48, Stellen: C. H. F. Walther, Nd. Jahrb. 46, 1929, 33 f., Borchling, Nd. Kbl. 40, 63, 1920, 76 f.; Heinr. Lichtenberg, D. Archi- Stammler, ZfDschkde. 1928, 814, Piquet, tekturdarstellungen in d. mhd. Dichtg., 1931, Rev. germ. 19, 1928, 190 f., Behaghel, Lbl. 34-36. 1929, 405 f. — Abhandl.: Roethe, Reimvor- 430 Geschichtliche Dichtung unbeeinflußt von der höfischen Poesie; die niederdeutsche Sprache 1 ist mit hochdeutschen Zügen vermischt. Der Versbau nähert sich in üblicher niederdeutscher Verstechnik mit den vielsilbigen Takten dem Sprechvortrag. Hundert Jahre später, um 1300, verfaßte ein Geistlicher namens Bruno, zeitweise herzoglicher Kaplan (urkundlich 1301-20), eine Lokalchronik von Braunschweig. Diese Braunschweiger Reimchronik 2 ist eine Ruhmesgeschichte des weifischen Fürstenhauses und gipfelt in der Verherrlichung Heinrichs des Löwen und Albrechts I., des Großen (gestorben 1279), an dessen Hof der Kaplan bestellt war und dem er eine poetisch gehobene Totenklage widmete. Die Gandersheimer und die Braunschweiger Chronik, zwei Geschichtsdenkmäler der gleichen Gegend, vertreten zwei verschiedene Stilarten, jene die ältere, heimische Form, diese die hochdeutsche, höfische. Hier gilt jenes hochdeutsch gefärbte Niederdeutsch und der Versbau ist durch die mittelhochdeutsche Kunstepik beeinflußt. 3 Es finden sich Stilentlehnungen aus den höfischen und Heldenepen. Die Abschnitte werden durch dreifachen Reim geschlossen (über 9300 V.). Die ganze Haltung des Gedichtes ist begründet in seiner Bestimmung für die ritterliche Hofgesellschaft. Unter anderen politischen und sozialen Verhältnissen als die Braunschweiger Reimchronik entstand Gottfried Hagens Chronik von Köln. 4 Der Braunschweiger Geistliche huldigt in treufester Ergebenheit dem angestammten Fürstenhaus, der Kölner Stadtschreiber steht mitten in den politischen Wirren seines Gemeinwesens; zwei Kontrastbilder der inneren und engeren Verhältnisse des Reiches. Unmittelbar unter dem Eindruck der Begebenheiten beschreibt der Chronist den Streit der Bürgerschaft mit den Bischöfen zwischen 1250 bis 1270 (am Schluß gibt er seinen Namen und die Abfassungszeit an) und wiederum der Geschlechter, auf deren Seite er steht, gegen die Handwerker, in einfacher, doch nicht ungewandter Vortragsweise (in kölnischem Dialekt) und in sorglosem Versbau (Reimpaare von 4 Hebungen bei mehrsilbigen Senkungen; über 6000 V.). Am Ausgang der Periode ragen zwei dem österreichischen Stammesgebiete angehörende Chronisten hervor, Enikel und Ottokar. Jansen Enikel, 5 der Jansen eraTce/(Weltchronik 83 ff.; Fürstenbuch 19 ff.), der Enkel des Jans (= Johannes; enikel, Enkel, wurde zum Familiennamen 1 Sprache, Stil, Metrik: Roethe aaO.; Emil Eberh. v. Groote, 1834; H. Cardauns, Chro- Henrici, Die Nachahmer von Hartmanns niken deutscher Städte Bd. 12,1875. — Fr.W. Iwein, 1890, S. 93 f.; Wolff, Ausg. S. XIII ff. Vleugels, Meister G. Hagens, des Stadt- XXIII ff. u. ZfdA. 64, 307-16. Schreibers, Buch v. d. Stadt Köln, ins Nhd. 2 Lit. s. bei Stammler, Mnd. Leseb. S. 139 übertragen, 1921. — Abhandl.: EmilHenrici, (zu S. 69 f.); Schröder, ZfdA. 60, 151 f.; Die Nachahmer aaO. S. 12 f.; Ernst Dorn- Stammler, Gesch. d. nd. Lit. S. 23 f. — 2Hss. feld, Textkrit., sprachl. u. metr. Untersu- 3 Sprache, Stil, Metrik: Roethe, Reimvor- chungen zu G. H.s Reimchr. d. Stadt Köln, reden S. 38-45; Behaghel, Schriftsprache u. Marbg. Diss. 1911 u. Germ. Abhandl. H.40; Mundart, 1896, 35 f.; Roediger aaO.; Rud. John Holmberg, E. mittelniederfränk. Über- König, Stilist. Untersuchungen zur Braun- tragg. des Bestiaire d'Amour, 1925 (Sprache schw. Reimchr., Hall. Diss. 1911. pass.). — 1 Hs. 1 Bruchst. 4 Lit.: Piper, Hof. Ep. 3, 662 f. — Ausg.: 5 Ausg.: Phil. Strauch, Jansen Enikels Reimchroniken 431 und ist bis heute in Wien als Enenkel erhalten), war Bürger in Wien und besaß daselbst ein Haus (Weltchronik 84 f.). Zwei historische Werke hat er nach 1277, also in den achtziger Jahren des 13. Jahrhunderts, verfaßt, davon das ältere, die Weltchronik, das umfangreichere (28928 V. und zwei Anhänge mit zusammen 1644 V.), das jüngere aber, das Fragment gebliebene Fürstenbuch, das künstlerisch fortgeschrittenere ist. Die Weltchronik 1 erzählt die Geschichte von der Schöpfung bis zum Tode Friedrichs II. in der üblichen Einteilung der 6 Weltalter (s. nach V. 10166 und 16933), die aber nicht recht übersichtlich hervortritt (1 = 497-1670. 2 = 1671-3560. 3 = 3561-10166. 4 = 10167-16932. 5 = 16933-21800. 6 = 21801 bis Schluß). Der erste Teil (V. 139-21 800), bis zu den römischen Kaisern, enthält, der christlichen Weltgeschichtsschreibung entsprechend, die Geschichte des Volkes Israel und die der gleichzeitigen heidnischen Reiche, also u. a. auch den Trojanischen Krieg (13495-16932) und Alexander den Großen (18 923-19 658). Als Quellen sind benutzt die Bibel, die Historia scholastica des Petrus Comestor und die Imago mundi des Honorius Augusto- dunensis. Für den zweiten Teil (21 801 bis Schluß) — die römischen Kaiser bis auf Konstantin, dann die deutschen bis auf Friedrich II. — dient hauptsächlich die Kaiserchronik in der Bearbeitung C als Vorbild, 2 wobei auch Honorius Aug. benutzt wurde; manches geht auf mündliche Berichte zurück, oder ist eigene Erfindung und willkürliche Entstellung. Der Verfasser hat nur eine wirre Vorstellung von den Ereignissen, die er erzählt; manches ist auch ganz mißverstanden abgeschrieben. Er, der Stadtbürger, arbeitete nicht in der Gunst eines reichen Herren, sondern weil die Zeit Interesse für geschichtliches Wissen hatte. Er mochte es dabei aufs Geldverdienen abgesehen haben, denn er besaß einen kräftigen Geschäftssinn (Strauch, ZfdA. 28, 38 ff.), auch die Gnade Gottes schätzt er naiv auf ihren Geldeswert ein: si hilf et baz dan täsent marc (32). Auch in der Anlage der Erzählung hat ihm die Kaiserchronik als Muster vorgeschwebt, er mischt fabulistische Partien ein, Erzählungen, Sagen, Fa- Werke.Mon. Germ. hist.Dt.ChronikenBd.il! Julie Deuschle, D. Verarbeitg. biblischer Abt. 1,1891, Weltchronik, dazu Rosenhagen, Stoffe im dt. Roman des Barocks, Amsterd. ZfdPh. 27,126-9, Cbl. 1892,787; Abt. 2,1900, Diss. 1927 S. 7 ff. u. ö. — Stelle: Schröder, Fürstenbuch, dazu Rosenhagen, ZfdPh. 33, ZfdA. 67, 73 f. — Siehe LG. II, 1 Reg. S. 352. 505-8, Cbl. 1902, 1294, Schönbach, Histor. — 36 Hss.u. Brachst., Strauch, Ausg. S. VII Vierteljahrsschr. 5, 95 ff. — Lit.: Piper, Höf. f.; Piper aaO.; Wilhelm, Strickers Karl Ep. 3, 658-62. — Abhandl.: Strauch, Stud. (s. ob.) S. 266 f.; H. Lichtenberg, D. Archi- üb. Jans. En., ZfdA. 28, 35-64, dazu Lampel, tekturdarstellungen in d. mhd. Dichtg., 1931, Mitteil. f. österr. Geschichtsforschung 1884, 57 f. 107. 111. — Miniaturen: Panzer, Frei- 656-8; Seemüller, Gesch. d. Stadt Wien burger Münsterblätter II H. 1 S. 29; We- III. Bd. 1. Hälfte 1907, 1 ff.; Günther Mül- gener, Bilderhss.d.Heidelberg.Univers.-Bibl., ler, Walzels Handbuch S.20; Georg Lei- 1927, 6-9; Petzet u. Glauning, Schrifttafeln dinger, Münchener Dichter d. 14. Jh.s, Bayer. III, 1912. Akad. (Münch.) 1930. a Schröder, Kaiserchr. S. 75 f. — Die Epi- ^usg.: Strauch aaO. — Abhandl.: Mass- sode von Kaiser Focas und Eraclius (20411 mann, Kaiserchr. 3, 103-13; Walth. See- -942. 21951-22182) ist aus Ottes Eraclius Haussen, Michael Wyssenherre S.80ff. (Sage (s. LG. II, 2, 117-23) geschöpft (Schröder, von Karl d. Gr., Heimkehrsage); Martha Münch. SB. 1924, Abh. 3 S. 16 f.). 432 Geschichtliche Dichtung beln, Possen, und diese überwuchern weit die historische Grundlage. 1 Es fehlt die Würde, die Auffassung ist unhöfisch. Es ist mehr auf Unterhaltung als auf Bildung und Belehrung abgesehen, die großen historischen Ereignisse treten zurück hinter der Kleinmalerei. So spiegelt sich im Gesichtskreis des Stadtbürgers um 1300 die Geschichte ab. Auch der Stil entspricht dieser gesellschaftlichen Stufe, er ist kunstlos ohne literarische Muster aus der ritterlichen Epik. Nachgewirkt hat Enikel wenig. In der Weihenstephaner Chronik (s. oben Stricker; Otto Freitag, Weihensteph. Chron., Hermaea 1905) sind längere Partien aus Enikels Weltchronik in Prosa aufgelöst. Nach der Weltgeschichte wandte sich Enikel der Lokalgeschichte seiner engeren Heimat zu. Das Fürstenbuch, 2 eine Chronik von Österreich und Steiermark, beginnt mit der Gründung Wiens und endigt mit den letzten Babenbergern (unvollendet, 4258 V.). Die Kenntnisse schöpft er aus historischen Quellen, aus mündlichen Berichten (2298. 2338), aus der Tradition; die letzten Jahrzehnte kannte er aus eigener Erfahrung. Er nennt seinen Namen und den eines Verwandten (19 ff. 2434). Das heroische Moment wirkt hier stärker, Kriegstaten und ruhmreiche Regierungen werden geschildert, aber doch spielt auch das Anekdotische herein. Künstlerisch steht das Fürstenbuch etwas höher als die Weltchronik. Weit übertroffen wird Enikel durch Ottokar (von Steiermark) 3 sowohl an historischem Sinn als an sprachlicher Begabung. Seine österreichische Reimchronik ist ein wirkliches, auf Tatsachen ausgehendes Geschichtswerk ohne Ausschmückung durch unterhaltende Histörchen. Im Gegensatz zu dem Stadtbürger Enikel steht er in Beziehung zum Adel, war im Dienste von Otto von Lichtenstein, dem Sohne Ulrichs von Lichtenstein, und lernte die Dichtkunst; als seinen „Meister" nennt er meister Kuonrät v. Rotenberc (322 ff.), einen aus dem Schwärm der Spielleute, Sänger und Fiedler, mit dem sich seiner Zeit der König Manfred (Mehtfrid) in Unteritalien umgab (270-376). Vor der österreichischen Chronik hat er, wie er in der Einleitung berichtet (14-22), eine — nicht mehr erhaltene — Kaisergeschichte abgefaßt, die mit den Gewaltigem von Assyrien, Griechenland und Persien begann, dann zu den Römern überging und mit Friedrich II. abschloß. Seine österreichische Chro- 1 Siehe dazu die Anmerkungen Strauchs ;v.d. wof, Mitteil. a. d. hist. Litt. 22,152-7. — Lit.: Hagen, GSA. II, Anhang S. 487-650. III Seemüller Bd. 2; Piper, Höf. Ep.3,663 f.— Nr. 67 S. 337-49 u. S.CXXVIII-CLXVI. Abhandl.: Seemüller Bd. 2; Ders., Fest- 2 Ausg.: Strauch aaO. — Lit. s. Strauch, sehr. f. P. Hugo Mareta 1892; Milos Vystyd, Abt. I S. 309, Anm. — Abhandl. Jos. Lampel, D. steier. Reimchr. u. die Königsaaler Chron., D. Einleitg. zu Jans Enenkels Fürstenbuch, Mitteil. d. Instituts f. österr. GeschForsch. 34, Wien. Diss. 1883, dazu Lichtenstein, DLz. 1913, 218-95; Hans v. Voltelini, Ottokars 1884, 769. — 4 Hss. österreich.Reimchronik,Z.d. Savigny-Stiftung 3 Ausg.: Joseph Seemüller, Ottokars öster- f. Rechtsgesch. 50, 1930, 385-88. — Stellen: reich. Reimchronik, Mon. Germ. Dt. Chroniken Bech, ZfdPh. 27, 27-51; Sprenger, ebda Bd. V, 1. u. 2. Teil, 1890. 1893, dazu Rosen- S.427f.; Götze, ebda 51, 478; Wallner, hagen, ZfdPh. 27, 129-31, Bech, ebda S. 27 ZfdA. 64, 92-95; Lunzer, ebda 65, 51 ff. — -51, Behaghel, Lbl. 1894, 389 f., Cbl. 1894, 9 Hss., Seemüller 1 S. III; Ders., ZfdA. 38, 1146 f., Heinzel, ZföG. 42, 620-2 u. Kl. Sehr. 368-76; Piper aaO. S. 395-8, Loserth, Hist. Zs. 74, 282-92, II- Historische Kleindichtung 433 nik, auf historischen Quellen beruhend, setzt diese allgemeine Kaisergeschichte fort, beginnt mit der kaiserlosen Zeit (V.77), dem Kampf Konrads IV. gegen Karl von Anjou, behandelt die Geschichte Österreichs und Steiermarks, die Beziehungen zu Böhmen und Ungarn während der Regierungen Rudolfs von Habsburg, Adolfs von Nassau und Albrechts bis 1309 — wobei die Partei des Reiches gegen alle fremden Eingriffe vertreten wird, so daß die Lokalgeschichte in die Reichsgeschichte hineingeflochten ist — und erreicht einen Umfang von über 100000 Versen. Es weitet sich aber der geschichtliche Horizont aus auf die ganze Christenheit und das Weltringen zwischen Christen und Heiden wird zu dem geschichtlichen Höhepunkt der ganzen Chronik, dargestellt an den Kämpfen von Acco (Akers; 44 579-53 866). Wohltuend bei diesen Glaubenskämpfen ist die humane Gesinnung Ottokars, der hier ganz seinem Vorbilde Wolfram folgt (45310 ff.). 1 Ottokar ist in erster Linie Historiker, sein Werk hat wissenschaftlichen Wert trotz vieler Unrichtigkeiten. Aber es kommt ihm auch eine literarische Stellung als Dichtwerk zu, denn er hat seine Sprache gebildet an höfischen Mustern; in vielen Einzelheiten schwebt ihm Hartmanns Iwein vor, Wolframs Willehalm (45310 ff.) leiht ihm die Färbung der Auffassung für seine Episode von Akers, er kennt auch Gotfrids Tristan, Fleckes Floire, Walther, Freidank, Nibelungenlied, Rabenschlacht, Enikel. 2 Die Darstellung ist anschaulich, realistisch; 3 trotz der höfischen Vorbilder ist aber seine Ausdrucksweise kunstlos, 4 doch zuweilen kräftig; großes Gewicht liegt in den zahlreichen Reden, die die Gesinnungen der sprechenden Personen und die geschichtlichen Umstände näher beleuchten. Historische Kleindichtung Schon zur historischen Kleindichtung, zum Teil auch zugleich zur Wappendichtung des 14. 15. Jahrhunderts, leiten einige kürzere Texte vom Ende des 13. Jahrhunderts über. Ein mittelrheinischer Dichter faßte in sechs getrennten Stücken zwei geschichtliche Ereignisse und vier in Rittertum und Minne sich ergehende Stoffe zusammen (nur in Bruchstücken von im ganzen 1450 V. erhalten): 5 1. Die Böhmenschlacht mit dem Siege Rudolfs von Habsburg 1 Naumann, Festschr. Ehrismann S. 96. 4 Sprache: Zwierzina, Anz. 26 Reg. S. 353. 2 Seine Belesenheit: Seemüllers Anmerkun- 27 Reg. S.348; Schirokauer, Beitr. 47, 84; gen; Massmann, Kaiserchr. III, 240-2; Emil O. Frauscher, D. Einfluß des Reimes auf d. Henrici, Die Nachahmung des Iwein in d. Gebrauch d. Fremdwörter in O.s österr. Reim- steier. Reimchr., ZfdA. 30, 195-204; Ders., ehr., Beitr. 43, 169-76; Wahnschaffe, En- D. Nachahmer v. Hartmanns Iwein S. 13. jambement, pass. 14-16. 21; Haupt, ZfdA. 3, 278 f.; Wilh. 5 Hgb. Massmann, ZfdA. 3, 1-25 u. Mass- Grimm, Dt. Heldensage 3 S. 189 f. (Nr. 73); mann, Kaiserchr. 2,676-85; R.v. Liliencron, Martin, Dt. Heldenbuch II S. LUIf.; Pan- Die historischen Volkslieder der Deutschen zer, Lohengrinstud. S. 53. vom 13. bis 16. Jh. Bd. 1, 1865, Nr. 2 S. 4-9 3 Seine sinnenfrische Vorstellungskraft tritt (Böhmenschlacht), Nr. 3-5 S. 11-30 (Schlacht scharf hervor in der Beschreibg. des Steinmetz- bei Göllheim); Adolf Bach, Die Werke des bildes von Rud. v. Habsburg V. 39125 ff., s. Verfassers der Schlacht bei Göllheim (Meister Lamprecht, Einführg. in d. histor. Denken, Ziliesv. Seine?) untersucht u. hgb. 1930, dazu 1912, 140 f. Schröder, GgA. 1930 Nr. 6,209-16, Maurer, 28 Deutsche Literaturgeschichte IV 434 Geschichtliche Dichtung (Schlacht auf dem Marchfelde, Schlacht bei Dürnkrut, 1278); 2. Die Schlacht bei Göllheim (am Hasenbühel, 1298) mit dem Tode Adolfs von Nassau. Die vier andern Gedichte 1 (und schon die Schlacht bei Göllheim) gelten dem Preis der um 1300 blühenden rheinischen Ritterschaft und wollen diese als Ideal der Tapferkeit und Minne verherrlichen; viele dieser Herren werden mit Namen genannt, und insofern tritt auch hier ein historisches Element hinzu; 3. Minnehof: die Minne führt einen Heereszug gegen eine Dame, die ein Minnegesetz verletzt hat; 4.Turnier; 5. Ritterfahrt; 6. Ritterpreis 2 (so genannt von W. Grimm): die Minne verteilt Ehrenschwerter als Preis an zwölf rheinische Ritter. Im Gegensatz zu dem obengenannten Gedicht stellt Hirzelln, 3 ein Fahrender aus der Bodenseegegend, den Kampf von der Seite der österreichischen Partei dar, weniger lebhaft und mit mehr Kleinmalerei der Wappenbeschreibung. Als ältestes historisches Volkslied gilt „Bern und Freiburg", eine allegorische Fabel auf das Bündnis der feindlichen Städte Bern und Freiburg in der Schweiz, 1243. 4 — Noch dem 13. Jahrhundert gehört das historische Lied auf den Streit des Herzogs Rudolf I . von Bayern mit dem Bischof von Augsburg an, 1296. 5 Anz. 50, 50-53; W. Ribbeck, ZfdA. 36, 204 lahti, Neuphil. Mitteil. 30, 1929, 146 (zu -25; Ders., Bruchstücke mittelrheinischer Hof- Massmann, ZfdA. 3,19). — Eine zweistrophige dichtung, ZfdA. 36, 204-25; s. auch Albert Totenklage auf Ottokar, 13. Jh., abgedr. von Schott, Closeners Straßbg. Chronik, 1842, Böhmer, ZfdA. 4, 573 f.; Uhland, Volkslieder S. XIII f. 47; Bach, Ein neues Bruchstück der S.951, s. S. 1041. „Ritterfahrt", ZfdA. 69, 90-96. — J. Grimm, » W. Ribbeck, Bruchstücke mittelrhein. Hof- Kl. Sehr. 7, 499-512; Bartsch, Quellenkunde dichtg., ZfdA. 36, 204-25 u. Anz. 19, 276; S. 176 ff.; Arnold Busson, Der Krieg von Martin, ZfdA. 13, 364-73; Bartsch, Quellen- 1278 u. die Schlacht bei Dürnkrut, Arch. f. künde, 1886, S. 176-95; Bech, ZfdPh. 19, österr. Geschichtsforsch. 62, 1. Hälfte, 1881; 381 f.; John Meier, Anz. 15, 218-20; Wall- Schönbach, ZfdA. 29, 353 f.; Seemüller, ner, ebda 38, 116; Bach aaO. Festgruß aus Innsbruck usw., 1893, S. 43-86; 2 W. Grimm, Dt. Heldensage S. 280, 3. Aufl. Ders., Zu d. Gedicht von d. Böhmenschlacht, S.312; J. Grimm, Kl. Sehr. 7, 509 f. ZfdA. 39,396-9; Jan te Winkel, Neue Bruch- 3 Hgb. v. Massmann, Kaiserchr. 2, 672-6; stücke der Böhmenschlacht, Beitr. 19,486-94; Liliencron Bd. 1 Nr. 4 S. 11-21. Emil Schmidt, D. Frage nach d. Zusammen- 4 Liliencron, ebda Nr. 1 S. 1-4; Baechtold gehörigkeit der poet. Fragmente von dem S. 195; Singer, Schweizerdeutsch S. 119ff.; Minnehof, der Böhmenschi., der Göllh. Schi. Ders., D. malterl. Lit. d. dt. Schweiz, 1930, u. dem Ritterpreis, Marbg. Diss. 1908. — Zu 108 (setzt d. Lied in d. 14. Jh.). Teil I Minnehof: Weinhold, Die dt. Frauen 2 5 G. Leidinger, Forsch, z. Gesch. Bayerns 1, 275 f.; E. Trojel, Middelalderens Elskovs- IX, 1901, 159-64. hoffer, Kopenh. 1888, 177-82. — Stelle: Suo- VIII. DIE^PROSA Die Geschichte der deutschen Prosa 1 Die Anfänge des Gebrauches der Prosa im deutschen Schrifttum sind dem praktischen Bedürfnis entsprungen. Die ältesten in deutscher Prosa geschriebenen Denkmäler dienen dem christlichen Kultus. Nach den Verordnungen (Capitularien) Karls d. Gr. mußten die Grundstücke der christlichen Lehre, Vaterunser und Glaubensbekenntnis, auswendig gelernt werden. Daran schlössen sich dann andere kleinere katechetische (für den christlichen Unterricht bestimmte) Prosastücke an, Gebete, aus dem Lateinischen übersetzte Predigten. Doch schon in der Anfangszeit des deutschen Schrifttums, um 800, entstand in der Übersetzung des Isidor eine wissenschaftlich theologische Prosa und später in der Übersetzung desTatian eine umfassende Bibelverdeutschung. Zwei Ubersetzungsmethoden lassen sich erkennen, eine freiere, selbständigere und eine sklavische, die sich von dem lateinischen Text nicht losmachte; als die Vertreter der beiden Richtungen können der Verfasser der Isidorüber- setzung, der ein gutes Deutsch schreibt, und der ungewandte Tatianübersetzer gelten. Aber erst Notker Labeo am Ende der althochdeutschen Zeit hat, begabt mit sprachbildender Kraft, einen eigenen Stil geschaffen aus dem Gefühl des deutschen Sprachgeistes heraus. Damit war die Sprache zu einem auch für schwierigere Gedanken fügbaren Ausdrucksmittel erhoben worden, und in der frühmhd. Zeit beherrschen Williram und der Verfasser des St.Trudperter Hohen Liedes die Sprache vollkommen genug, um die gefühlserregte Stimmung wiederzugeben. Doch auch in der Blütezeit, im 13. Jh., kamen Poesie, gebundene Rede, Versliteratur und Prosa für gesonderte Inhaltsgebiete in Anwendung. Das Stoffgebiet der deutschen Prosa war beschränkt auf wissenschaftliche, geschichtliche, geistliche und Rechtsdenkmäler. Besonders die Predigtliteratur hat einen hervorragenden Anteil an der Ausbildung der deutschen Prosa, und Berthold von Regensburg, frei von der Nachahmung lateinischer Vorbilder, steigerte die Sprache zu gewaltiger Kraft. Im 14. und 15. Jh. gelangte die Prosa zu voller Blüte und war nun wirklich die sprachliche Wiedergabe der herrschenden Geistesart, einerseits der realistischen Zeitströmung, andererseits der mystischen Verinnerlichung. In der ritterlich-höfischen Dichtung hat die Prosa keinen Platz gehabt. Nur nach französischem Vorgang wurde ein Ansatz zu einem deut- 1 Eine Spezialgeschichte der deutschen Prosa 1919, 81 f. — Auch fürs 14. 15. Jh.: Hans fehlt, dafür sind die bekannten Literaturge- Naumann, Ad. Prosalesebuch, 1916; Ders., schichten und Grundrisse von Gervinus, Merker-Stammler Reallex. 2, 272 f.; Alfr. Scherer, Koberstein, Wackernagel, Goe- Götze, Frühneuhochdeutsches Leseb., 2.Aufl. deke, Vogt, Golther, Nadler, Schneider 1925; Stammler, Prosa der deutschen Gotik, und die vorhergehenden Bände dieser Lit- 1933; B. Schmeidler, Vom patristischen Stil Gesch.nachzusehen. Ferner: BEHAGHEL,Gesch. in der Geschichtschreibung des MA.s, Ge- der deutschen Sprache 5, 1928, pass.; Friedr. schichtl. Studien Albert Hauck dargebracht, Wilhelm, Denkmäler deutscher Prosa des 1916; Ewald A. Boucke, Der Prosastil, in 11. u. 12. Jh.s Münchn. Texte H.VIII u. Hofstaetter u. Panzer, Grundzüge der Kommentar 1914.1916, dazu Ehrismann, Lbl. Deutschkunde, 1925, 71-133. 28* 436 Die Prosa sehen Prosaroman gemacht mit dem Prosa-Lanzelot (s. oben). In das Gebiet der Minneprosa gehört auch die mittelniederfränkische Übersetzung des französischen Bestiaire d'amour des Richard du Fournival (Mitte des 13. Jh.s). Dies ist eine Minneallegorie, bestehend aus einer Masse von einzelnen Beziehungen, in denen die Liebesempfindungen eines Minnenden auf die Natur einer Reihe von Tieren (fünfundzwanzig) gedeutet werden. 1 Der Lucidarius Eine alles Wissen, weltliches und geistliches, zusammenfassende christliche Weltkunde ist der Lucidarius. 2 Entstanden etwa 1190, ist das Buch Lucidarius in zwei Rezensionen überliefert: A, die nur Buch I und II enthält (Buch III war schon im Archetypus unserer Handschriften verloren), B, mit Buch I, II und III. A ist die Fassung des Braunschweiger Originals, in niederdeutscher, hochdeutsch temperierter Sprache; B ist eine bayerische Redaktion, die ebenfalls noch dem 12. Jh. angehört. A und B haben Reimvorreden 3 verschiedenen Textes. Nach dem Prolog in A (44 V.) gab der Herzog Heinrich seinen Kaplanen den Auftrag, das Buch zu dichten, so wie es im Lateinischen geschrieben war; der „meister" (das ist wohl der eigentliche Redaktor) nannte es lieber „Lucidarius" (wart ez ist ein lühtere, V. 3, Erleuchter, Lichtbringer) als „Aurea gemma", wie der Herzog wollte. Der gereimte Prolog des B-Textes (36 V.) entbehrt des Hinweises auf den Herzog Heinrich als Veranlasser und auf den Verfasser und nennt beide Titel „Lucidarius" und „Aurea gemma" als gleichberechtigt. Die Methode dieses Lehrbuches ist die der Schule, das heißt eines Dialoges zwischen dem Jünger, der fragt, und dem Meister, der Antwort gibt, wie im Elucidarium des Honorius Augustodunensis. Der Lucidarius war für das Hoch- und Spätmittelalter eines der wichtigsten Lehrbücher, er wurde ins Französische, Provenzalische, Italienische, Englische Wallisische übersetzt, der deutsche L.* seinerseits ins Niederländische, Däni- 1 Ausg.: John Holmberg, E. mittelnieder- 53, 11 f.; diese LG. II, 1, Reg. S. 354. — Etwa fränk. Übersetzg. des Bestiaire d'amour (mit 50 Hss., von etwa 1200 an u. mehr als 80 altfranz. Paralleltext), Uppsala, Universitets Drucke von 1473 bis, mit Ausläufern, etwa Ärsskrift, 1925, dazu L. Wolff, Anz. 53,174f. 1800; Schorbach S. 19 ff.; Heidlauf aaO.; 2 Ausg.: Felix Heidlauf, Dt. Texte d.MA.s Schröder, Reimvorreden aaO.; Stammler Bd. 28, 1915, dazu Helm, Anz. 39, 42 f., Be- aaO. — A. Archangelsks, ZfdA. 41,296-300; haghel, Lbl. 1917, 77 f., Ehrismann, DLz. Wilhelm, Die ältesten Lucidariusbruchstücke, 1915, 2487-9. — Abhandl.: Wackernagel, Münchn. Texte VIII, 115-31 u. Kommentar D. ad. Hss. d. Basler Universitätsbibl., 1835, 2. Hälfte S. 239 f. — Wegener, Bilderhss. d. 19 ff.; Scherer, QF. 12,1875,60; Doberentz, Heidelbg. Univers.-Bibl., 1927, S. 20. — Liepe, Benutzung der Imago mundi des Honorius in Merker-Stammlers Reallex. 3, 482. dem dt. L., ZfdPh. 12, 387 ff.; K. Schorbach, 3 Reimvorreden: Schröder aaO. — Hoff- Stud. üb. d. dt. Volksbuch Lucid., QF. 74, mann, Ad. Bl. 1,326f.; Karl Schröder, Germ. 1894, dazu Schröder, Anz. 23, 107-9; Heid- 17, 408 f.; Doberentz aaO.; Schorbach lauf, D. mhd. Volksbuch Lucid., Berl. Diss. S. 133 ff.; Schwietering, Demutsformel 1915; Naumann, Ad. Prosalesebuch 1916, 23 S. 66. -30; Schröder, Die Reimvorreden des dt. 4 Auch Wolfram schöpfte Fremdkundliches Lucidarius, Gott. Nachr. 1917, 153-72 (mit aus dem Lucid.: Singer, Wolframs Willeh., Lit.); Karg, Hiez-Formel u. hiez-Satz im 1918, 17. Lucid. A, Beitr. 54,268-80; Stammler, ZfdPh. Der Lucidarius. Die Sächsische Weltchronik 437 sehe, Tschechische; er ist für unsere heutige Kenntnis der gesamten mittelalterlichen Weltanschauung ein unschätzbares Hilfsmittel. Buch I (Heidlauf S. 2-31) beginnt, gleichsam einleitend, Von unserme herren Gote und mit der Schöpfung der Welt, der Engel (dazu Lucifer und die Hölle). Der Hauptteil des Buches I ist eine Weltbeschreibung; Geographie: die drei Erdteile mit den einzelnen Ländern, wobei besonders das Wunderbare über Menschen und Tiere berichtet wird; dann die Inseln. — Kosmographie und Astronomie: die Elemente, Winde, Sonne, Sterne, Planeten, Kometen, Mond, Wetter- und Lufterscheinungen. — Physiologie: der Mensch, Embryo, Kind. — Den Schluß macht das Ende aller Dinge, das Reich Gottes. Hauptquelle ist des Honorius Augustodunensis (etwa 1100-50) 1 Imago mundi (Migne 172 Sp. 115-164), die sich enge berührt mit der Philosophia mundi des Wilhelm von Conches (Migne, ebda Sp. 39-102), die ebenfalls beigezogen ist. Buch II (Heidlauf S. 32-58): Christenlehre; Theologie: Trinität, der Sohn als Erlöser vom Teufel, die Sünden. — Liturgie: die Tagzeiten, Messe, Kirchenfeste. Hauptquelle ist die Gemma animae des Honorius Aug. (Migne 172 Sp. 541-738). Buch III. Das Ende (Heidlauf S. 59-78): Von den Toten, Fegefeuer, Hölle, Höllenstrafen, Lohn der Guten, Endekrist, Auferstehung der Toten, jüngstes Gericht, jüngster Tag, Ende der Welt, Freude der Heiligen, Pein der Verlorenen. Hauptquelle ist das dritte Buch des Elucidarium von Honorius Aug. (Migne 172 Sp.1157-76). Der Verfasser hat nur einen Auszug aus den Quellen 2 gegeben. Buch I ist eine Philosophia mundi, weltliche Wissenschaft, Buch II und III ist Theologie, geistliche Wissenschaft, die dem Grundplan einer theologischen Summe folgt. Der deutsche Lucidarius hat eine Geschichte, 3 die in den fortdauernd wiederholten Handschriften und Drucken sich abwickelt und in den Drucken sich den Fortschritten der Wissenschaft anpaßt. Neu erscheinende Kosmo- graphien wurden hineingearbeitet, so wurde auch der Titel verändert, z. B. „Meister Lucidarius, Elucidarius", „Der neue Lucidarius", „Kleine Cosmo- graphia". Die Bezeichnung „Volksbuch" gebührt speziell den Drucken. Die Sächsische Weltchronik Die Geschichte war im 13. Jh. von der erzählenden Dichtung noch nicht durch die Form geschieden. Das erste historische Werk in Prosa war die Sächsische Weltchronik oder Repgauische Chronik. 4 Der Verfasser 1 Siehe LG. II, 1 S. 5 Anm. u. Reg. S. 352. stein u. Stammler. — Abhandl. (nach Ko- 2 Quellen: Doberentz; Schorbach; Heid- berstein): Roethe, Reimvorreden, bes. S. 68 lauf, Diss.; Naumann; für B. I s. bes. Do- ff.; H. Ballschmiede, Nd. Kbl. 33,1912,22 f. berentz u. Nd. Jahrb.40,1914, 81-140; Naumann, Ad. 3 Schorbach; Schröder, Anz. 23, 108; Prosaleseb. S. 40-5. 50-67. 109 f. (mit Lit.); Archangelsks aaO. — Simrock, Volksbü- Stammler, Gesch. d. nd. Lit., 1920, S. 16-20; eher Bd. 13. Ders.,Mnd.Leseb.,1921, S.23 f.u. Anm. S.134 4 Lit.: Koberstein l 6 ,278; Stammler, Mnd. (mit Lit.); H. Voltelini, D. Verf. d. Sachs. Leseb. S. 134 f. — Ausgaben s. bei Kober- Weltchr. Wien. SB. 201 Abh. 4; Marc. Neu- 438 Die Prosa nennt sich in einer gereimten Vorrede: dat is des van Repegowe rät. Es ist Eicke von Repgow, der Abfasser des Sachsenspiegels. 1 Er war ritterlichen Standes, urkundlich bezeugt als Schöffe von 1209 bis 1233. Beheimatet war er im Anhaltischen. Der Sachsenspiegel ist das ältere Werk, um 1222, die Chronik in ihrer frühesten Gestalt erschien wohl bald nach 1225. Die Sprache ist niederdeutsch, etwas hochdeutsch gefärbt. Eike war in der hochdeutschen Ausdrucksweise völlig zu Hause, wenn auch auf die Färbung sein Niederdeutsch leicht eingewirkt hat; die gereimte Vorrede ist als Dichtung hochdeutsch geschrieben. Der Sachsenspiegel und die sächsische Weltchronik sind die ersten Werke in mittelniederdeutscher Sprache. Daß gerade der niedersächsische Stamm nun eine reiche juristische und historische Prosaliteratur hervorbrachte, ist psychologisch in seinem praktischen Tatsachensinn und sozial in der Bedeutung des Bürgertums begründet. Eike wollte eine Darstellung der wichtigsten Ereignisse vom Beginn der Welt bis auf seine Zeit geben, wie er selbst in der gereimten Vorrede sagt. Er fängt mit der Schöpfung an und erzählt dann die Geschichte der Israeliten, der alten Welt, des römischen Reiches, die deutsche Reichsgeschichte. Als Quellen benutzte er die Bibel, lateinische Historiker und besonders die Chronik des Ekkehard v. Aura. Die Überlieferung (27 Hss., dabei Druck von 1492; eine lat. Übersetzung) stellt nicht einen einmalig festgelegten Text dar, sondern eine Entwicklung, die in drei Stadien verläuft: A endet mit dem Jahr 1225, B ist eine Fortsetzung mit Lokalnotizen von etwa 1232 bis 1235, C, um die Mitte des 13. Jh.s, ist durch Interpolationen noch stärker ausgedehnt; 2 auch unterscheiden sich die drei Fassungen im Gehalt und in der Tendenz; für Eike ist Geschichte Wissenschaft, C hat es mehr auf Unterhaltung abgesehen und fügt darum Sagen, Märchen, Novellen, Abenteuer ein. Die Sachsenchronik hatte, wie aus der Geschichte der Überlieferung hervorgeht, einen bedeutenden Einfluß auf die Geschichtskunde im 13. 14. Jh., auch im oberen Deutschland; der Dichter des Lohengrin hat sie seiner geschichtlichen Darstellung zugrunde gelegt. Rechtsdenkmäler 3 (Sachsenspiegel, Schwabenspiegel u. a.) Das geltende Recht wurde in Deutschland vor dem 13. Jh. fast nur mündlich fortvererbt (schriftliche Denkmäler in der ahd. Periode s. LG. I Reg. mann, Die sog. „Erste bairische Fortsetzg." d. Vita Karoli magni, die aber nur in Bruch- Sächs. Weltchr. u. ihre Beziehungen z. Ober- stücken erhalten ist, s. ob. unter Strickers rhein, Greifsw. Diss. 1925; Th. Palmer, Eike Karl. v. R. als religiöse Persönlichkeit, Münst. Diss. 1 Ballschmiede aaO. — Sprache: Roethe, 1925; Naumann, Höf. Kultur, 1929, 61. — Reimvorreden; Behaghel, Gesch. d. dt. Spra- Hss. (26), Massmanns u. Weilands Ausgaben; che 6 S.41; Naumann, Reallex. 2, 273. A. Bernouilli, Germ. 28, 30 ff. u. Anz. f. 2 Unter anderm aus der Kaiserchronik: Schweiz. Gesch. NF. 13, 1882, 25 ff.; Udo Schröder, Kaiserchr. S. 76; Teubert, Cres- Illig, D. Salzburger Fragm. d. Sachs. Welt- centia-Stud., Hall. Diss. 1916, 59-72; Nau- chr. 1924, dazu Schröder, Anz. 44, 74. mann, Ad. Prosaleseb. S. 50. Ein zweites historisches Prosawerk im 13. Jh. 3 Allgemein rechtsgeschichtl. Lit.: Brunner, war die deutsche Bearbeitung von Einharts Dt. Rechtsgesch.; Rich. Schröder, Lehrbuch Rechtsdenkmäler 439 S.466), mit dem 13. Jh. trat eine neue deutsche juristische Literatur ins Leben, an deren Spitze Der Sachsenspiegel 1 steht. Der Verfasser, Eike von Repgow (s. oben), hat hier ein Werk geschaffen, das für die deutsche Rechtsgeschichte und zugleich für die deutsche Sprache von bahnweisender Bedeutung wurde. Es wurde vorbildlich für die Abfassung der Rechtsbücher, ja unmittelbar Grundlage für die bedeutendsten derselben, es wurde ein Muster für die mit ihm begründete mittelniederdeutsche Prosa. Seine Wirkung erstreckte sich nicht nur über Niederdeutschland, sondern auch auf den Süden. Die beispiellose Zahl der Handschriften, gegen zweihundert, zeugt von seinem kulturellen Einfluß. Dem Werke sind zwei Vorreden beigegeben, die erste in Strophen; die zweite in Reimpaaren gibt das Persönliche: Eyke von Repgowe hat das Buch zuerst lateinisch geschrieben 2 und dann auf Bitte des Grafen Hoyer v. Falkenstein verdeutscht. Er nennt es „Spiegel der Sachsen", er will das von alters her geltende Recht der Vorfahren (d.h. in Ostfalen) abspiegeln, so daß die Sachsen es wie in einem Spiegel schauen können. — Es zerfällt in zwei Teile, Landrecht und Lehensrecht. Um 1222-25 liegt seine Entstehungszeit. Es wurde später vielfach überarbeitet, abgeändert, erweitert. Eine Bearbeitung, im zweiten Teil bloß Übersetzung des Sachsenspiegels, unter Beiziehung noch anderer Quellen ist der Deutschenspiegel oder „Spiegel deutscher Leute", 3 der die Aufgabe verfolgt, anstatt eines spe- der dt. Rechtsgesch. (neueste Aufl. von Eber- geschiente, SB. d. Preuß. Ak. 201, 1924, hard v. Künßberg); J. F. v. Schulte, Lehrb. 4. Abh. S. 61-136; Steffenhagen, Die Ent- der dt. Reichs- u. Rechtsgesch.; Karl v. Wicklung der Landrechtsglosse des Sachsen- Amira, Rechtsgeschichte in Pauls Grundriß spiegeis, Denkschriften d. Wiener Akad. 65, I, II 2 ; Ders., Die Dresdener Bilderhs.d. Sachsen- 1926; v. Schwerin, Stammler Verfasserlex. spiegeis, 2 Bde., 1926; Hans Fehr, Kunst u. 1, 516-20. — Stellen: Nd. Jahrb. 18, 1893, Recht Bd. II, Das Recht in der Dichtung, 1931, 61-67; Behaghel, Festschr. Ehrismann 1925, dazu Borchling, Zs. d. Savigny-Stiftung f. 191 ff.; K. Simon, ZfdPh. 52, 112-18; Ferd. Rechtsgesch. Bd. 52 Germ. Abt. 1932, 350-55. Mentz, ZfdPh. 54, 272-77 (altvil). — H. Sam- — Jahresberichte der Geschichtswissenschaft; son, D. Bedeutung des Sachsenspiegels zur ausführliche Berichte bringen die Zs. der Sa- Lösung kirchlicher u. kulturgeschichtlicher vigny-Stiftung f. Rechtsgeschichte u. die Fragen, Hist.-polit. Bl. 112, 1893, 305-23; Histor. Vierteljahrsschr., Jahresbericht über Zum Judeneid im Sachsensp. s. LG. I, 345 f. die Erscheinungen auf dem Gebiete der Ger- 2. Aufl. S. 357 f. — Teske, Ein falscher Text man. Philologie (Berliner JB.) bis Jahrg. 1908 wird Grundlage geltenden Rechtes, Wörter u. unter „Recht", dann unter „Prosa". Sachen Bd. 14, 1932, 85. — Zu Hss.: Arno 1 Sachsenspiegel. Ausg.: K.G.Homeyer, Ullrich, Aus d. Oschatzer PergHs. des Sach- 3 Bde., 1835-44, Sachs. Landrecht im Bd. 1, senspiegels von 1382, farbige Nachbildg. usw., 3. Aufl. 1861; Lübben, 1879; Landrecht: 1925; Erika Sinauer, Eine Lüneburger Sach- Weiske (hgb. v. R. Hildebrand), 6. Aufl. senspiegelhs., Zs. f. Rechtsgesch. 46, 1925, 1882; Borchling, 1925 (mit Lit.), dazu 410-13; Rosenhagen, Geist des dt. MA.s, Frings, Aren. 152 H. 1/2. — Abhandl.: 1929, 212ff. Roethe, Die Reimvorreden des Sachsenspie- 2 K. Zeumer, Üb. d. verlorenen lat. Urtext d. gels, Gott. Abhandl. NF. II Nr. 8,1899; Ball- Sachsenspiegels, Festschr. Gierke 1911, 455 schmiede, Nd. Korrbl. 33, 1912, 22 f. u. Nd. -74. Jahrb. 40, 1914, 81-140; Stammler, Gesch. 3 Ausg.: J. Ficker, 1859; K. A. Eckhardt d. nd. Lit., 1926, 16-20; Ders., Mnd. Leseb., u. A. Hübner, Deutschenspiegel mit Augsbur- 1921, S. 9-11 u. Anm. S. 133; F. Frensdorff, ger Sachsenspiegel u. ausgewählten Artikeln Der rechtshistorische Gehalt der Sachsen- der obd. Sachsenspiegelübersetzung hgb., 1930 spiegelvorreden, GgN. 1921, 131-62; Hans (Schulausgabe). — Eckhardt, Zur Schulaus- Voltelini, Der Sachsenspiegel u. die Zeit- gäbe des Deutschenspiegels, Zs. d. Savigny- 440 Die Prosa ziellen Stammesrechtes, wie des Sachsenspiegels, ein gesamtdeutsches Recht darzustellen. Der Verfasser war wahrscheinlich Augsburger Geistlicher und arbeitete um 1260. Der Deutschenspiegel wurde in den Schwabenspiegel 1 aufgenommen, und hier wurde er in jenem zweiten, bloß übersetzten Teil ebenfalls umgearbeitet. Die Bezeichnung „Schwabenspiegel" wurde erst im 17. Jh. (Goldast) eingeführt, in den Handschriften gilt der Name „Land"- oder „Lehenrechtsbuch" oder „Kaiserrecht". Unter den Quellen, die der Verfasser, wahrscheinlich ein (ostfränkischer?) Geistlicher (um 1270-80?) in der Umarbeitung benutzte, sind besonders hervorzuheben die Predigten Bertholds von Regensburg und die Schriften Davids von Augsburg. 2 Gegen 350 Handschriften mit mancherlei Umbildungen sind erhalten und bezeugen die Verbreitung. Von demselben Autor rührt vielleicht auch das Buch der Könige alter und niuwer e, 3 des Alten und Neuen Testamentes, her, das als Einleitung mit dem Schwabenspiegel verbunden ist. Es ist eigentlich eine Weltchronik, die die jüdische Geschichte des Alten Testamentes bis auf Esther und Judith umfaßt, dann (diu niuwe i) die Weltreiche, das römische Reich, die römischen und deutschen Kaiser. Diu alte e ist eine Bearbeitung der Bibel mit Beiziehung der Historia scholastica des Petrus Comestor, diu niuwe e eine Prosaauflösung der Kaiserchronik. Es ist das erste oberdeutsche geschichtliche Prosawerk (um 1270-80). In der Mitte des 14. Jh.s wurde es in schlechte Reimpaare gebracht (eine Hs., Bruchst.). Stiftg. f. Rechtsgesch. 50, 1930, 115-70; Ders., hardt, Vorarbeiten zu e. Parallelausgabe des Heimat u. Alter des Deutschenspiegels, ebda Deutschenspiegels u. Urschwabenspiegels, Göt- 45, 13-150. — Eugen v. Müller, Der Deut- ting. Abhandl. NF. XX, 2, 1929; die Ausgabe schenspiegel in seinem sprachl.-stilistischen wird in den Mon. Germ, erscheinen; Hans Verhältnis zum Sachsenspiegel u. zum Schwa- Voltelini, Bericht üb. d. Arbeiten an d. benspiegel, 1908; Naumann, Prosalesebuch Schwabenspiegel-Ausg., Anz. d. Ak. d. Wis- S. 86-82; v. Schwerin, Stammlers Verfasser- sensch. in Wien Phil. Kl. 63, 1926/27, 123-36. lex. 1, 410-13. 65, 1-15. 224-72; K. Weckel, Studien zu d. 1 Ausg.: Wackernagel, 1840; Freih. von Fassungen u. Hss. d. Schwabenspiegels, Mit- Lassberg, 1840. — Laband, Üb. d. Verf. und teil. d. österr. Inst. f. GeschForsch. 44. H. 2 u. die Handschriftengenealogie des Schwaben- 3, 1931; Voltelini, Bericht üb. d. Fortgang spiegeis, 1861; Ficker, Üb. d. Entstehungs- der Arbeiten an der Schwabenspiegelausg., zeit des Schw., Wien. SB. 77, 1874, 795 ff.; Wien. SB. 1932. L. Rockinger, Zur näheren Bestimmung der 2 Man hat deshalb früher den einen oder den Zeit der Abfassung des sog. Schwabenspiegels, andern dieser Genannten für den Verfasser ge- Münch. SB. 1867, 408 ff.; Ders., Üb. d. Ver- halten, s. obige Lit. hältn. d. Schwabenspiegels zu d. Predigten d. 3 Ausg.: Massmann, Rechtsdenkm. d. dt. Bruders Berchtoldu. zur Summa des Raimund MA.s X, 1858; Ficker, Spiegel deutscher Leu- v. Pennaforte, ebda 1876; Ders., Der Könige te (Ausg.), 1859. — Massmann, Kaiserchron. Buch u. der sog. Schwabenspiegel, Abhandl. d. 3,43. 53-75; Schröder, Kaiserchron. S. 9-12. bayer.Ak. 17, I, 1883; Ders., D.Deutschensp., 76 f.; Leonh. Kandziora, D. gereimte Bruchsog. Schwabensp. u. Bertholds v. Regensburg stück des Buches der Könige u. die entspre- dt. Predigten ..., ebda 22, II, 1904. 23, 211 chende Prosa, Greifsw. Diss. 1910; Alfred -300. 24, 475-536; J. Strobl, Wien. SB. 91, Hübner, Vorstudien zur Ausgabe des Buches 1878, 205-22; Pfeiffer, ZfdA. 9, 3-6; Rich. der Könige in der Deutschenspiegelfassung u. Schröder, D. Alter des Schwabenspiegels, sämtlichen Schwabenspiegelfassungen, Gott. ZfdPh. 6, 418-22, s. auch ebda 1, 273 f.; Abhandl. 3. Folge Nr. 2 u. Sonderabdruck, E. Klebel, D. älteste dt. Schwabenspiegelhs. 1932 (maßgebend). — Hans Steinger, Stamm- usw.,Wien. SB. 211, 1931, H. 5. 6; Naumann, lers Verfasserlex. 1, 306-11. Prosaleseb. S. 90. — Neue Ausg.: K. A. Eck- Glossensammlungen 441 Ebenfalls gesamtdeutsches Recht, oder sogar mit übertriebener Verallgemeinerung „das Recht der gesamten Christenheit", will das weit verbreitete „Kleine Kaiserrecht" darstellen, das indes erst in die erste Hälfte des 14. Jh.s fällt. Zu den im 13. Jh. in deutscher Sprache abgefaßten Rechtsbüchern gehören ferner: Der Mainzer Reichslandfriede 1 von 1235 und der Bairische Land friede von 1256. Für das älteste deutsche Reichsrechtsbuch wird neuerdings das Mühlhäuser 2 vom Anfang des 13. Jh.s gehalten. Glossensammlungen Die in ahd. Zeit so eifrig betriebene Glossierungsarbeit wurde in den Glossarien und Vokabularien der folgenden Jahrhunderte 3 bis an das Ende der mhd. Periode fortgesetzt, um dann in die alphabetischen, lateinisch-deutschen bzw. deutsch-lateinischen Wörterbücher überzugehen. Wegen seiner literaturgeschichtlichen Bedeutung ist hier besonders anzuführen das Summarium Heinrici, 4 das noch in die frühmhd. Zeit fällt, 11./12. Jh., rheinfränkisch (Worms?), ein sachlich geordnetes Glossar auf Grundlage von Isidors Etymologien. Ebenfalls sachlich geordnet ist auch ein lateinisches Glossar (Ende 10. Jh.s?), das in 150 leoninischen Hexametern die Nomina lignorum (Bäume), avium, piscium, herbarum enthält, in die deutsche Interlinearglossen eingetragen wurden; schon in ahd. Zeit, aber auch in Hss. der mhd. Zeit überliefert. 5 Eine lat. Hs. zu Schlettstadt (12. Jh.) ist mit deutschen Interlinear- und Randglossen versehen: Die Schlettstädter Glossen. Sie stammen schon aus ahd. Zeit. 6 Seltsam sind die Glossen der heiligen Hildegard von Bingen 7 (f 1179): eine Sammlung einigermaßen nach Gegenständen geordneter lateinischer bzw. deutscher Wörter (etwa 900); jedes hat neben sich die Übersetzung in eine rätselhafte Sprache. Diese „Ignota lingua per simplicem hominem pro- lata" ist offenbar eine mysteriöse Erfindung der Mystiker in Hildegard, die ihr, wie ihre Werke überhaupt, der göttliche Geist diktierte; zum Teil Ver- 1 Naumann, Prosaleseb. S.46-8 (mit Lit.); ad Moenum 1857 (S. I-XXII) und in „Novum Wolfg. Schnellbögl, Die innere Entwick- Glossarium latino-germanicum med. et inf. lung des bayerischen Landfriedens des 13. Jhs., aet. von Lorenz Diefenbach, Frankf. a. M. 1932. 1867, S VII-XXIII. 2 Ausg.: Herbert Meyer, D. Mühlhauser 4 LG. I, l.Aufl. S. 250, 2. Aufl. S. 260. — Reichsrechtbuch aus d. Anfang d. 13. Jhs., Rud. v. Raumer, Die Einwirkung des Chri- Deutschlands ältestes Rechtsbuch, 1923. — stentums auf die ahd. Sprache, 1845, S. 131. Rich. Scheithauer, Swigger I v. Mühlhau- 135); Wilh. Grimm, Ad. Gespräche, Kl. Sehr, sen, Mühlhäuser Geschichtsblätter 25/26,1926, 3,476.479 f. — Älteste Fassung hgb. von Max 1-26. Rieger, Germ. 9, 13-29; Schröder, ZfdA. 3 Siehe Wackernagel, LG. I 2 , 119 f. Eine 66, 32. möglichst vollständige Aufzählung aller lat.- 6 Weigand, ZfdA. 9, 388-98. — Bartsch, deutschen Glossarien u. Vokabularien der spä- Germ. 8, 47 f. teren Jahrhunderte, bes. des 15., gibt Lorenz 6 Hgb. v. Wackernagel, ZfdA. 5, 318-68. Diefenbach in seinem Glossarium latino- 7 Hgb. Wilh. Grimm, Wiesbadener Glossen, germanicum mediae et infimae aetatis con- ZfdA. 6, 321-40. cinnavit Laurentius Diefenbach, Francoforti 442 Die Prosa drehungen lateinischer Wörter. Sie befindet sich in einer Wiesbadener Hs. ihrer vollständigen Werke (Liber divinorum operum, anno 1147). Die Glossen in dem Hortus deliciarum der Herrad von Landsberg, 1 Äbtissin des Klosters Odilienberg bei Straßburg (1167-95), einer Sammlung von Stellen der Bibel, der Kirchenväter und geistlicher Gedichte, betreffen die verschiedensten Gebiete des für die Zeit Wissenswerten. 1 Christian Moriz Engelhardt, Herrad v. Staufenberg, 1828 [s. ob. höf. Epos], S. VII; Landsperg u. ihr Werk Hortus deliciarum, Vergleichung u. Ergänzung dazu: Graff, 1818 (s. auch Engelhardt, Der Ritter v. Diutiska 3, 212-21). SPÄTMITTELHOCHDEUTSCHE LITERATUR 14. UND 15. JAHRHUNDERT I. ÜBERSICHT Konrad Burdachs Forschungen, in deren Mittelpunkt sein großes Werk „Vom Mittelalter zur Reformation" steht, sind unten unter „Humanistische Literatur" verzeichnet. — Jacob Burckhardt, Kultur der Renaissance, 13. Aufl. 1922; Wilh. Dilthey, Weltanschauung und Analyse des Menschen seit Renaissance u. Reformation, Diltheys Gesammelte Schriften II. Bd., 1914; Johannes Janssen, Gesch. d. dt. Volkes seit dem Ausgang des Mittelalters, I. Bd. Die allgemeinen Zustände des deutschen Volkes beim Ausgang des MA.s, 19. u. 20. Auflage 1913; Martin Grabmann, Mittelalterl. Geistesleben, Abhandlungen zur Gesch. der Scholastik u. Mystik, 1926. — Fritz Karg, Die Wandlungen des höf. Epos in Deutschland vom 13. zum 14. Jh., GRM. 1923, 321-36; J. Huizinga, Herbst des Mittelalters, übersetzt von T. Jolles-Möncke- berg, 1924 (dazu A. Hübner, DLz. 1925,2344-48), 2. Aufl. 1927; Willi Andreas, Deutschland vor der Reformation, eine Zeitenwende, 1932, dazu Otto Brandt, DLz. 1933, 511-19; Alfred v. Martin, Dt. Vjschr. 5, 1925, 485-500; Rud. Stadelmann, Vom Geist des ausgehenden MA.s, Stud. z. Gesch. der Weltanschauung von Nicolaus Cusanus bis Seb. Franck, 1929 (dazu Hübner, DLz. 1930, 54-60); Lamprecht, Deutsche Geschichte, 2. Aufl. Bd. IV, 1896, S. 175 ff.: Soziale u. polit. Entwicklung bis in die 2. Hälfte des 14. Jh.s, Bd. V, 1, 1896, S. 49-116, Wirtschaftl. u. soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jh. S. 117-217, Entwicklung der individualistischen Ge- sellsch.; Hans Fehr, Kunst u. Recht Bd. II: Das Recht in der Dichtung, 1931, dazu Borchling, Zs. d. Savigny-Stiftung f. Rechtsgesch. 52 Bd. Germ. Abt. S. 350-55; Günth. Müller, Das Zeitalter der Mystik, in: Aufriß der dt. Literaturgesch. nach neueren Gesichtspunkten hgb. v. H. A. Korff und W. Linden, 1931, 40-60; Paul Merker, D. Zeitalter des Humanismus und der Reformation, ebda S. 61-92. — Günther Müller, Dt. Dichtung von der Renaissance bis z. Ausgang des Barock, in Walzeis Handbuch der Literaturwissenschaft; Wolfg. Stammler, Von der Mystik zum Barock 1400-1600; Ders., Die Wurzeln des Meistergesangs, Dt. Vjschr. 1, 1922, 529-46; Ders., Die bürgerliche Dichtung des Spätmittelalters, ZfdPh. 53, 1-24; Walther Rehm, Kulturverfall u. spätmittelhd. Didaktik, ZfdPh. 52, 289-330; Ders., Der Todesgedanke in der dt. Dichtung vom Mittelalter bis zur Romantik, 1928 (S. 73-137); Ders., Zur Gestaltung des Todesgedankens bei Petrarca u. Johann von Saaz, Dt. Vjschr. 5,1927, 430-55; Erna Döring-Hirsch, Tod u. Jenseits im Spätmittelalter, 1927, dazu Strauch, DLz. 1927, 1564-66; Alwin Schultz, Deutsches Leben im XIV. u. XV. Jh., 1892; G. Bebermeyer, Die deutsche Dicht- u. Bildkunst im Spätmittelalter, Dt. Vjschr. 7, 1929, 305-28; Emil Ermatinger, Dichtung u. Geistesleben der deutschen Schweiz, 1933,35-98; Hilde Hügli, Der deutsche Bauer im MA., dargestellt nach den deutschen literarischen Quellen vom 11. bis 15. Jh., 1929; Aug. Arnold, Studien üb. den hohen Mut, 1930, dazu Witte, Lbl. 1933, 98-101; Ferd. Siebert, Der Mensch um Dreizehnhundert im Spiegel deutscher Quellen, 1931 (etwa 1275-1350); Rosenhagen, Der Geist des deutschen Mittelalters, 1929. — Diese LitGesch. II, II, 1 S. 26 f. u. Vorwort S. VII. Nur kurz, zwei Generationen lang (s. LG. II, 2, 26f. und oben Rudolf v. Ems), währte die hochhöfische Kultur der feineren Lebensformen, des romantischen Ritterideals und dessen Erscheinung in der weltlichen Dichtung. Schon um die Mitte des 13. Jahrhunderts kündigt sich eine neue Einstellung zur gesellschaftlichen Wirklichkeit an. Der innerste Grund dieses Wandels liegt in der seelischen Struktur der Menschen: die Phantasie weicht einer verstandesmäßigen Denkweise, die freie Energie der irrationalen Kräfte im Organismus des geistigen Lebens tritt zurück hinter einer rationalistischen Gebundenheit. Damit aber ist schon das Werturteil über die Dichtung dieser mhd. Spätzeit gefällt: wenn die schaffende Kraft, die Phantasie, erlahmt, dann kann auch keine wirkliche Poesie gedeihen. Im „Herbst des Mittelalters", im 14. und 15. Jahrhundert, ist ein Dichtwerk oft nicht mehr innerlich erlebt, 446 ÜBERSICHT sondern gemacht und rein traditionell nachgeahmt. Das ist der allgemeine Charakter dieser gesunkenen Kunst; natürlich ist auch jetzt noch manches Werk ein seelisches Bekenntnis, aber im wesentlichen ist diese innere Wahrheit auf die Mystik und das Volkslied beschränkt. Mit der psychologischen Wandlung ging eine soziale Hand in Hand, ein neuer Stand kam in die Höhe. Die wirtschaftlichen Verhältnisse wurden mannigfaltiger. Das Feudalwesen haftete am Grundbesitz, durch stärkeren Verkehr mit dem Ausland, auch durch die Kreuzzüge entwickelten sich Handel und Gewerbe, besonders am Rhein; neben die allein geltende agrarische Wirtschaft trat mehr und mehr die Geldwirtschaft; diese ökonomischen Verschiebungen brachten einen neuen Stand zur Blüte, das Bürgertum in den Städten. Und während in den Städten der Wohlstand stieg und damit dem Bürgertum sich die Möglichkeit einer höheren Kultur eröffnete, erlitten die Mittel eines großen Teils des Adels und des Rittertums Einbuße in den fortwährenden Kriegen und Fehden; die feine Gesittung und die höfischen Formen, zuht und mäze, wurden weithin mißachtet, und eine bäuerische Roheit machte sich breit. Das Ideal der Ritterehre verblaßte, und ungemein mehren sich die Klagen über das Dahinschwinden der guten alten Zeit (s. LG. II, 2, 26 Anm. 1; Walther Rehm, ZfdPh. 52, 305 ff. 317 f.). Das ethische Fundament bestand für das Rittertum in einem ideellen Lebenswert, die Ehre war Kernbegriff des ritterlichen Tugendsystems; im Bürgerstand herrschte als Triebkraft des Handelns ein Materielles, der Gelderwerb, — der Gegensatz von Idealismus und Materialismus ist hier verkörpert. Auf diesen sozial-psychischen Gründen ruhte der Übergang von der ritterlichen zur bürgerlichen Kultur, und die Literatur des Spätmittelalters, die man die bürgerliche' nennt, ist eine Erscheinungsform dieses neuen Lebensgefühls. Doch waren damit die Lebensformen der ritterlich-höfischen Gesellschaft nicht völlig aufgegeben, vielmehr wurden sie von den Stadtbürgern, so gut es ging, aufgenommen und nachgeahmt, wenn auch wohl in etwas gröberer und derberer Ausführung. Die bürgerlich-städtische Kultur ist von oben ins Volk gedrungene Ritterkultur. Die Geschichte selbst zeigt klar und deutlich die Wende. Es ist die Zeit, da das deutsche Reich keine Universalgewalt hatte, in der die Verfassung keine Kraft mehr hatte, die „kaiserlose" Zeit, das sog. Interregnum. In den ritterlichen Gestalten der Stauferdynastie mit dem starken Willen, der heldenhaften Gesinnung und der Weltmachtsidee ist die hochhöfische Zeit verkörpert, mit dem sparsamen verstandesmäßigen Berechner Rudolf v. Habsburg und seiner nüchternen Haushaltungspolitik beginnt die „bürgerliche" Geistesrichtung. Man kann die zeitlichen Grenzen dieses Prozesses näher bestimmen: die Vorbereitung zum literarischen Realismus beginnt mit der Mitte des 13. Jh.s; von da an bis zur Mitte des 15. Jh.s ist der Realismus die herrschende An- ÜBERSICHT 447 schauungsweise; mit der Mitte des 15. Jh.s dringt der neue Geist des Humanismus in die Literatur, es entsteht eine Renaissanceliteratur, deren Anfänge schon vereinzelt in frühere Jahrzehnte zurückreichen. Die weltliche Literatur der Zeit ist in ihrer realistischen, phantasielosen Lebensauffassung eine Wiederspiegelung der allgemeinen Grundlage der geistigen Beschaffenheit, aber die des Dichtens Beflissenen besitzen nicht das psychologische Verständnis und die Vorstellungskraft, die Lebensidee der „bürgerlichen" Kultur in ihrem eigenartigen Wesen zu erfassen und zur Darstellung zu bringen, so wie etwa Rudolf v. Ems in seinem guten Gerhard den ritterlichen Kaufmann gezeichnet hat. Der Charakter der spätmittelhochdeutschen Gesellschaft hat in der Literatur nicht den entsprechenden Ausdruck gefunden, und die Dichtung bringt nicht das Musterbild eines vornehmen Stadtherrn oder Bürgers, Kaufmanns oder Handwerkers, nicht den städtischen Rat oder die Zünfte, das gesamte Leben in der Stadt mit den diesen Gesellschaftskreisen eigentümlichen Sitten und Gebräuchen, mit den moralischen Anschauungen oder herrschenden Lebenswerten und dem bewegenden Gefühlskomplex, kurz die Welt- und Lebensanschauung des Standes, zur Darstellung. Noch bleibt das stoffliche Interesse am liebsten beim ritterlichen Leben; wie stark es in diesen zwei letzten Jahrhunderten war, beweisen die überaus reichen Vervielfältigungen der höfischen Romane durch die Handschriften. Auch standen die Dichter dieser Periode noch vielfach in den Diensten des Adels, oder arbeiteten für die aristokratische Gesellschaft, und gerade einige der beachtenswertesten Autoren gehörten dem Ritterstande an. Aber die schöpferische Armut zeigt sich darin, daß diese abblühende Zeit keine führenden Persönlichkeiten, keine anerkannten Meister hervorbrachte. Der realistischen Sehweise entspricht das Stoffgebiet der weltlichen Literatur dieser Zeit: sie ist gegenwartsnahe, aus der Umwelt schöpft sie ihre Wahrnehmungen, nicht aus der romantischen Vergangenheit der Artussage oder aus der Kraftquelle des deutschen Heldentums. In der Lyrik wurde das alte Minnelied zwar noch spärlich fortgepflegt, aber, außer bei einigen begabteren Dichtern, hausbacken und nüchtern. An seiner Statt war der Meistergesang in den Singerschulen ein echtes Gewächs der Zeit; doch eine hohe neue Errungenschaft war das Volkslied. In den epischen Sonderzweigen waren Tierfabeln, Satiren, Schwanke, komische Epen beliebt, für größere romanhafte Erzählungen trat nun die Prosa auf in den Prosaromanen und Volksbüchern. Bei der starken Lehrhaftigkeit dieser Generation wurde die Didaktik in großen Werken oder in Kleinliteratur sehr gepflegt. Die Prosa ist überhaupt ein viel stärkeres Mittel für die Form literarischer Erzeugnisse geworden. Eine neue Errungenschaft war das Drama, das geistliche, seltener weltliche, Spiel. Den Höhepunkt aber erreichte die Zeit mit der Mystik, in der die höchste Stufe deutschen Denkens und Empfindens in einer wundersamen Sprache in die Erscheinung trat. 448 Übersicht Der im Gradualismus der mittelalterlichen Seinslehre höchste Stand, die Geistlichkeit, verändert, gemäß der christlichen, theozentrischen Weltgeschichtsanschauung, ihre Stellung nicht, weder in psychologischem Betracht noch sozial. Ihr Wirken in der Literaturgeschichte des Zeitraums wird im folgenden in dem Kapitel: Geistliche Literatur des Spätmittelalters besprochen werden. So war diese Literatur des ausgehenden Mittelalters keineswegs lediglich unschöpferischer Verfall, sie hat auch aus ihren eigenen Zeitanschauungen heraus Kräfte gefördert und zur Geltung gebracht. Am schlimmsten war es mit dem künstlerischen Formsinn bestellt. Wie im geselligen Verkehr die guten Formen der Schicklichkeit und höfischen Zucht schwanden, so auch im literarischen Stil der Sinn für eine gewählte, vollendete sprachliche und metrische Form. Alles ist derber, nachlässiger, doch in einem Fall tritt gerade das Gegenteil auf: die Sprache ist schwülstig überkünstelt und darum erst recht geschmacklos; also wiederum gesunkener Formsinn: die sog. „geblümte Rede". Auch die einheitliche mhd. Dichtersprache, die in der höfischen Wortkunst ein höheres Idiom darstellte, hörte auf, seitdem die Urkundensprache deutsch geworden war und die Sprachen der einzelnen Territorialkanzleien (Landeskanzleien) im offiziellen Verkehr für das Publikum maßgebende Geltung gewannen (LG. II 2, 27ff.). Wir haben keine Renaissance im Sinne der sogenannten Wiedergeburt, die das ganze Volk durchdrungen hätte; der Humanismus, der in Deutschland seit dem 15. Jahrhundert aufkam, blieb auf gelehrte Kreise beschränkt und hatte keinen Einfluß auf die Nationalpoesie. In diesen zwei letzten Jahrhunderten des Mittelalters nimmt auch Niederdeutschland regen Anteil an der Literatur. Sie wird dort ebenfalls zu einem wichtigen Faktor des geistigen Lebens. Deshalb ist die niederdeutsche Literatur auch hier immer mit in Betracht zu ziehen; Zusammenfassung der nd. Literatur s. unten im Anhang. IL EINZELNE DICHTER Für die weltliche Dichtung des 13. Jahrhunderts war eine feste Gruppierung schon durch die in ihrer besonderen Eigenart scharf hervortretenden Persönlichkeiten innerhalb der großen literarischen Gruppen Epik, Lyrik, Didaktik gegeben, auf der gesunkenen Ebene der spätmittelhochdeutschen Dichtung ist eine streng durchgeführte Einteilung nach den Verfassern nicht mehr tunlich. Im folgenden sollen deshalb zunächst einige wenige einzelne Dichter für sich genannt werden, dann soll die Einteilung nach den Stoffen, wie sie sonst die mittelhochdeutschen Literaturgeschichtswerke für das 14. 15. Jahrhundert haben, Platz greifen. Den nachhöfischen Rittergeist des sinkenden Mittelalters vertreten durch die Eigenart ihrer Persönlichkeit und das Lieblingsthema ihrer Dichtung, die Minne, drei adelige Herren: Hugo von Montfort, Oswald von Wolkenstein, Hermann von Sachsenheim. Hugo von Montfort, 1 über dessen äußeres Leben (1357-1423) zahlreiche Urkunden (Bartsch S. 20-24), auch stellenweise seine Dichtungen Auskunft gewähren, gehörte dem mächtigen Adelsgeschlecht der Grafen von Montfort in Vorarlberg an. Er besaß großes Ansehen in der Politik und Staatsverwaltung der österreichischen Herzöge Leopold und Albrecht III., nahm teil an der Preußenfahrt des letzteren im Jahre 1377 und an dem Zug nach Oberitalien 1381/82, wurde 1388 zum österreichischen Landvogt im Aargau und Thurgau eingesetzt, 1415 zum Landeshauptmann von Steiermark. Er war dreimal glücklich verheiratet, wobei er seinen Familienbesitz auch durch Güter in Steiermark vermehrte. Der Tod seiner ersten Frau 1390/91 bringt eine innere Umwandlung in ihm hervor, er will sich vom Frauendienst und überhaupt von weltlicher Gesin- 1 Ausg.: Bartsch, Lit. Ver. Bd. 143, 1879, Lit. Denkmäler d. 14. u. 15. Jh.s, Sammlung dazu Kummer, Anz. 6, 317^12 u. Lbl. 1880, Göschen 1903, 29ff.; Seemüller, Gesch. d. 283-86; J. E. Wackernell, 1881 (mit aus- Stadt Wien III. Bd. I.Hälfte, 1907, S. 63; führlicher Abhandlung), dazu Bartsch, GgA. Wackernell, Nachlese zu H. v. M., ZfdA. 50, 1882 Nr. 15, Emil Henrici, Anz. 8, 231-34, 346-65; Walth. Rehm, ZfdPh. 52, 315; Dens., Kinzel, ZfdPh. 13, 492-95; Lichtenstein, Der Todesgedanke in der dt. Dichtg, 1928, DLz. 1882,1217 f., Brandl, Lbl. 1882, 92-96, S. 105; Günth. Müller, Reallex. 2, 214; Cbl. 1882, 479, Bötticher, N.Jahrbücher Ders., Im Aufriß der dt. Lg., 1931, S.45; Hel- 1883, 443^7; ältere Abdrücke einzelner Ge- muth Langenbucher, Das Gesicht d. dt. dichte s. Koberstein l 6 , 364. — Abhandl.: Minnesangs, 1930, S. 87ff. — Stellen: Leitz- Uhland, Schriften 2,210-17; Jos. Bergmann, mann, Beitr. 44, 307-9. — P. Runge, H. v. Wien. SB. 9, 812ff.; Weinhold, Über den M., Lieder mit den Melodien des Burk Man- Dichter Hugo VIII. v. Montfort, Mitteil. d. golt, 1906. — Hss.: die einzig vollständige Hs. hist. Ver. f. Steiermark H. 7, 1857; Jos. in Heidelberg, Weinhold aaO. S. 38 f.; v. Bergmann, Landeskde von Vorarlberg, Bartsch S. 1-3; Wackernell S. CXII- 1868; Jos. Zösmair, Über die Burgen Alt- u. CXLIV; Wegener, Bilderhss. in der Heidelbg. Neu-Montfort, Schriften d. Ver. f. d. Gesch. Univ.-Bibl., 1927, S. 4. — Die Heidelbg. Hs. d. Bodensees 10, 1880,123^4, s. auch S. 115f.; ist „wenigstens in ihrer zweiten Hälfte streng Jos. Wastler, Mitteil. d. k. k. Centralkommiss. chronologisch geordnet und direkt auf Ver- z. Erforschung u. Erhaltung der Kunst- u. anlassung des Dichters angefertigt" worden, hist. Denkmale 16, 1890, H. 3; H. Jantzen, Roethe, Reinmar S. Ulf. 29 Deutsche Literaturgeschichte IV 450 Einzelne Dichter nung abwenden. Aber hier zeigt sich dann doch ein Haften an weltlicher Bindung, indem er neben moralischen Sprüchen und „Reden" trotzdem das Liebeslied weiter pflegte, allerdings im Dienste der eigenen Frau. Seine Dichtungen teilt er selbst ein in Reden, Briefe, Lieder. 1 Die Lieder (zwölf) sind teils Tanzlieder (vier), die den alten Minneliedern entsprechen, auch in der Form, von diesen aber sich durch einen stark realistischen Ton abheben, teils moralisierende (drei), die also so recht dem Sinne der lehrhaften Zeitrichtung entsprechen, teils Tagelieder (tagwise), weltliche (zwei) und geistliche (drei). — Liebesbriefe (acht), 2 in denen ebenfalls Lehrhaftes und Geistliches mitspricht (vierzeilige Strophen). — Die Reden (rede), die den größten Teil der Gedichte ausmachen, gehören der Spruchdichtung an und haben didaktischen, religiösen und auch erzählenden Inhalt, sind aber länger als Sprüche, Reimpaare oder Strophen von einfachem Bau. Als besten Sänger von goit und von den wappen (also von „Reden") rühmt er den Suchenwirt (Nr. II, 135 ff.). Seine Literaturkenntnis ist nicht gering, und er macht gern Gebrauch davon; er führt Aristoteles und Phyllis an (Nr. XV, 72. XXIV, 49. XXXIII, 29. XXXVIII, 45), die Zerstörung von Troja (XXIV, 22 ff.), Karl d. Großen (VII, 24. XV, 76), die Heldensage (Nibelungen XXIV, 53), Dietrich v. Bern (XXIV, 61), Eckenlied (VII, 28), Artus (XV, 84), Parzival und den Gral nach dem jüngeren Titurel (V, s. oben; XV, 92 ff. 160. XVIII, 200). Als Beispiele mögen einige Reden hier vorgeführt werden. Nr. V (Bartsch S. 46-58; Wackernell S. 18-30), 388 V.: In der Jugend hat mich ein Leiden bezwungen, das waren selige Frauen; dreißig und vierthalb Jahre war ich alt, da dacht ich erst an Gott und dieTrügnis der Welt. Ich lief in den Wald, da kam der Held Parzifal. —• Beide führen darauf ein religiöses Gespräch über Gott, und dann erklärt der Dichter den schlimmen Lauf der Welt, das Schisma, die Wahl des jungen Wenzel zum König von Böhmen, er klagt über die Herrschaft des Geldes, den Wucher der Geistlichkeit (simoni), der Ritterschaft, Bürger und Bauern; doch findet man immer noch manchen biderman, priester und och leien wolgetan. — Nr. XXV (Bartsch S. 118-124; Wackerneil S. 73-79), 202 Verse, dise rede heiszt der tron (Traum): Er kommt in ein Totenhaus, wo viele Gebeine liegen, die zarten münd die roten die warent gar verblichen . . ., die röselochten wangen, die warent gar dahin; zwei Köpfe reden ihn feindselig an, ein Weib und ein Herr, die ihre Verworfenheit beklagen; zwei sprechen gütlich zu ihm, ein Weib und ein Herr, die rechtschaffen gelebt haben ; der Mann sagt unter anderm: und hatt gar lieb min elich xvib. Ähnlich in Nr. XXVIII Vers 298 ff.: „sag an, was ist das liebst uff erden?" ich sprach: „das sag ich dir: ein wolgerätni e, da mag nicht liebers werden" (Bartsch S. 147, 297 ff.; Wackerneil S. 100 Vers 297 ff.). — Nr. XXXI (Bartsch 1 In Nr. XXXI, Bartsch S. 180 V. 161 ff.; 2 Ernst Meyer, Die gereimten Liebesbriefe Wackernell S. 132 V. 161 ff.; Wackernell des dt. MA.s, Marburg. Diss. 1898 S. 71-74, S. CCLIII-CCLX. sieht Einfluß des Briefstils in 10 Nummern. Hugo von Montfort 451 S. 175-84; Wackernell S. 126-35), 260 Verse: Im Traum hat der Dichter ein Zwiegespräch mit einem Priester, sie stimmen überein, daß die Welt „ein narrenspü" ist, wer Gott diente, das wäre recht; damit verwirft der Dichter auch seine Frauenlieder. Dann spricht er über sein „buoch' ': den sechsten Teil hat er zu Roß in Wald und Au gemacht, er zählt auf: 17 Reden, 3 Briefe, 10 Lieder; die Weisen zu den Liedern hat sein treuer Knecht Burk Mangolt gemacht; diese red hat er gemacht im Jahr 1401. — Die letzte 'Rede' (Nr. XXXVIII, Bartsch S. 209-16; Wackerneil S. 155-62), 192 Verse, hat er vollbracht im Jahre 1414, 57 Jahre alt; die Rede beginnt als ein Liebesgedicht an seine Frau, zugleich als Vertreterin aller Frauen; als Grund der Sittlichkeit stellt er auf: rechter Liebe mit Ehren walten, vor allen Dingen Gott lieb haben. Das Liebeslied (siehe oben) wurde von diesen Rittern des 14. 15. Jahrhunderts traditionell weitergeführt, aber gerade hier tritt der Unterschied in der Lebensführung und Auffassung von dem Geist der Blütezeit stark hervor: die Mode des Minnedienstes als Huldigung für eine fremde Herrin wird aufgegeben zugunsten des Preises der eigenen ehelichen Gattin. Der Minnesang ist aus einer höfischen Gesellschaftskunst zu einer Privatsache des Familienlebens geworden, ganz im Geiste der Verbürgerlichung und Realisierung. Der Dichter entrollt die Entwicklung seines inneren Lebens in seinen Dichtungen s Von dem Dienst der Minne und der Welt zum Dienste Gottes und der Erkenntnis der Nichtigkeit der Welt. Es ist das innere Erlebnis des mittelalterlichen Menschen, wie es in der Dichtung auch der Blütezeit vielfach niedergelegt ist (z. B. in Walthers dichterischer Entwicklung, in Hartmanns Gregorius). So kennen wir ihn als einen mitten im praktischen Leben wirkenden Kriegs- und Staatsmann von guter Wissensbildung, der doch als tief angelegter Charakter von nachdenklicher Jenseitsstimmung beseelt ist. Seine dichterische Begabung ist sehr mäßig, er besitzt keinen höheren Schwung und ist ungewandt in der Form, er sieht die Kunst in der Künstelei des Stils, er spricht selbst öfter von geblüemten worien, besonders in Nr. XXXI (Bartsch S. 175, 5 ff.; Wackerneil S. 127, 5 ff.): gebluemie wehe wort (wcehe fein, zierlich, kunstreich), mit geflorierten worten, mit silmen (Silben), rimen cluog, spehi wort (spaehe fein, schön, kunstvoll); den wirklichen Kunstwert ersetzt er also durch die geblümte Rede, den schweren Schmuck. Glätte der Versmessung ist nur erreicht durch mundartlich gekürzte Formen (Wegfall der schwachen e) ; die Reime sind auch unter Zulassung solcher Kürzungen nicht immer rein. 1 Die Weisen, Melodien der Lieder, hat er nicht selbst gemacht, die hat gemachen Bürk Mangolt, unser getrüwer knecht (s. oben). 1 Sprache: Weinhold aaO. S. 33-38; S. LXXIX-CXI; Mayer u. Rietsch, Die Wackernell S. CXLV-CLXXXIX; Ew. Mondsee-Wiener Hs. II, 1896, S. 142; Ehris- Frey, Die Temporalconjunctionen d. dt. mann, Beitr. 22, 323; Ferd. Mohr, Das unSprache in der Übergangszeit vom Mhd. z. höfische Element in der mhd. Lyrik von Wal- Nhd. besprochen im Anschluß an Peter ther an, Tübing. Diss. 1913 S. 102ff.; Brinck- Suchenwirt u. H. v. Montfort, 1893; Gilbert mann, Zu Wesen und Form S. 147. 160. 163. Helmer, Zur Syntax Hugos v. Montfort, das 169. — Metrik: Weinhold aaO. S. 29-33; Verbum, Progr. Pilsen 1897 u. SA., dazu John Bartsch S. 5-20; Wackernell S. CXC- Ries, Anz. 24, 208-10. — Stil: Wackernell CCLII; Euling, Priamel S. 346f. 29* 452 Einzelne Dichter Oswald von Wolkenstein, 1 1377-1445, gehörte einem angesehenen Rittergeschlechte an, dessen Burg Wolkenstein im südlichen Tirol, im Grödener Tale, stand. Seine Lieder sind Erlebnisdichtung, sind „lyrische Selbstbiographie" (Roethe). Er ist eine durchaus andere Natur als Hugo von Montfort: diesem ist das Leben der Raum zur Erfüllung eines Berufs, einer Pflicht, für Oswald v. Wolkenstein ist das Leben ein Abenteuer. Jener war Beamter, dieser ungehemmter Willensmensch. Jedes seiner Gedichte ist ein Niederschlag seiner unbändigen, selbstwilligen Persönlichkeit, wenn nicht immer in Gehalt und Sinn, so doch in der Form, dem sprachlichen Ausdruck. Mit 10 Jahren, 1386/87, lief er von zu Hause weg und schlug sich 14 Jahre lang bis zum Tod seines'Vaters (1399 oder 1400) in der Fremde herum, in niederen Diensten als Reit-, Stall- oder Ruderknecht. Auf diese Weise — doch wohl aber auch, als er erwachsen war, in besseren Stellungen — bereiste er zu Land und übers Meer Ostdeutschland (Preußen, Livland), den Norden (Schweden), Rußland und die Türkei, Asien bis in die Tatarei, Persien, Arabien. Dazu kam er dann später, seit er in Kaiser Sigismunds Diensten stand, nach Paris, England, Portugal, Spanien, Italien (er zählt die von ihm besuchten Länder auf in den Liedern Nr. 36.64.65. 107); 10 Sprachen 1 Ausg.: Beda Weber, 1847; Osw. v. Wölk., Geistliche und weltliche Lieder, ein- und mehrstimmig, bearbeitet: der Text von Josef Schatz, die Musik von Oswald Koller, 1902, dazu Wustmann, Anz. 29, 227-33, Behag- hel, Lbl. 1903, 367-69, Ladendorf, N. Jahrb. VII, 1,398-100; 2. Aufl.: J. Schatz, Die Gedichte Osw.s v. Wölk., 1904, dazu Michel, Arch. 115, 192 f., J. Hammer, Mitteil. d. Inst. f. österr. Gesch. 28, 1908, 164-66; Piquet, Rev. germ. 1, 1908,353; H. Jantzen, Lit.-Denkmäler, Sammig. Göschen, 1903; einzelne Lieder schon früher gedruckt, s. Kober- stein l 6 , 364 Anm. 15; Wernike, Findling, Anz. f. Kunde der dt. Vorz., 1881, 80. 144; Haltaus, Hätzerlin S. XI u. pass.; Walt, de Gruyter, Das dt. Tagelied, 1887, S. 42ff. u. Roethe, Anz. 16, 86. — Übersetzungen: Johannes Schrott, 1886, dazu Bartsch, Germ. 33, 237f., W. Hertz, Lbl. 1887, 386 -88, J. V. Zingerle, ZfvglLG. NF. 2, 1889, 375-81; L. Passarge, Reclam, 1891. — Abhandle Schatz, ADB. 44, 137-39. Uhlands Schriften 2, 205ff. 217-19; J. V. Zingerle, Wien. SB. 1870, 619-96; Otto Ladendorf, Literaturgeschichtl. Skizze, SA. aus den Jahrb. f. d. klass. Altert. 41,1901, 133-59, dazu R. M. Meyer, Anz. 18, 377; Brill, Die Schule Neidharts, Pal. 37, 1908, 229-32; Leitzmann, Ein Cento aus Freidank bei O. v. W., Festschr. Braune 1920, 255-59; Roethe, Anz. 16, 80 (Tagelied); Ders., Dt. Rundschau 197, 1923, 143-58, wieder abgedruckt in Dt. Reden von Gustav Roethe 1927,108-33 (der ganze Mensch aufs lebensvollste entwickelt); Ottokar Stauf von der March, Der Wolkensteiner, 1924; Brinkmann, Dt. Vjschr. 3, 1925, 638; Ders., Wesen u. Form Reg. S. 193; Fritz Karg, ZfDtschkde 1926, 458-67; Werner Marold, Kommentar zu den Liedern O.s v. W., Gott. Diss. 1927, Teildruck; Günth. Müller, Dt. Vjschr. 5, 1926, 108; Ders., Walzels Handbuch S. 79f.; Ders., Aufriß der dt. LG., 1931, S.45; Stammler, Von der Mystik zum Barock, 1927, S. 11; Ziesemer, Die Lit. des Dt. Ordens in Preußen, 1928, 118; Rehm, ZfdPh. 52, 289-330 pass.; Ders., Der Todesgedanke, 1928,105. Otto Mann, O. v.W. u. die Fremde, Deutschkundliches, Friedr. Panzer überreicht 1930, 44-60; Helmuth Langenbucher, Das Gesicht des Minnesangs, 1930, 87ff.; Schatz, Sprache u.Wortschatz der Ged. O.s v. W., Denkschr. der Ak. d. Wiss. in Wien 69, 2, 1930, dazu Schröder, Anz. 49, 179-81; Otto Mann, 0. v. W.s Natur u.Heimatdichtung, ZfdPh. 57, 243-61; Artur Graf v. Wolkenstein-Rodenegg, O. v. Wol- kenst., 1930 (Biographie), dazu Ranke, ZfdPh. 57, 398f.; Herbert Loewenstein, Wort und Ton bei O. v. W., Königsb. Diss. 1932, dazu Werner Marold, Anz. 52, 44-52; Singer, Die religiöse Lyrik d. MA.s, 1933, 123-26. — Stellen: Elvira Sever, Beitr. 32,296f.; Leitzmann, Beitr. 44,309-11. — Goedeke Grundr. I 2 , 305f. (Lit.); Könnecke, Bilderatlas l.Aufl. S. 25; Rosenhagen, Merker-Stammler Reallex. 1, 209. 2, 364; Castle, ebda 2, 584 f. (mit Musiklit.). — 3 Hss., mehrere Lieder sind auch einzeln überliefert: Schatz S. 21-58. Oswald von Wolkenstein 453 hat er gesprochen. Eine solche geographische Kenntnis hat seinem Leben und seiner Sprache einen besonderen Stempel aufgedrückt und seiner Welt einen weiteren Horizont gegeben. In seinen Liedern allerdings wirkt sich diese Fernsicht mehr als literarisches und sprachliches Motiv aus (wie in den genannten Liedern) denn als eine Eigengestaltung seiner Lebensauffassung, von der aus er wie von einer hohen Warte das Menschendasein überschaut und gewertet hätte. — Nach seiner Heimkehr, vielleicht 1401/2, kam er in Beziehungen zu den Mitbesitzern seines Hauensteiner Erbteiles, der Frau Sabine Hausmann, einer geborenen Jäger, die er nach dem Tode ihres Mannes, etwa 1408, heiraten wollte. Auf ihre Veranlassung hin machte er eine Fahrt ins Heilige Land, wohl 1409/10. 1414/15 trat er in das Gefolge Kaiser Sigismunds, für den und zum Teil mit dem er die obengenannten Länder besuchte. Im Jahre 1417 vermählte er sich mit Margarete von Schwangau. Dann war sein Leben jahrelang getrübt durch den Erbschaftsstreit um die Ansprüche auf die Besitzung Hauenstein mit der Familie Jäger, der bis 1427 dauerte. Es kam so weit, daß er dreimal von den Jägerischen gefangen gesetzt wurde (1421/22. 1423. 1427). Bis 1432 war er wieder bei Kaiser Sigismund (Nürnberg, Italien, Basler Konzil). Von 1432 bis zu seinem Tode 1445 blieb er zu Hause und verwaltete seine Güter. 1 Die Richtung seiner 125 Lieder ist teils weltlich, teils geistlich. Die ersteren "überwiegen. Es sind Liebeslieder, die durch seine zahlreichen Liebschaften veranlaßt sind; von längerer Dauer ist sein Werben um Sabine (Lieder) 1401-08; die schönsten Lieder sind die, die er seiner Frau Margarete vor der Ehe und nach der Verheiratung widmete (oft sind sie durch Andeutung ihres Namens gekennzeichnet, auch manchmal bloß maid, freulin, denn die Sabine konnte er damit nicht meinen, da diese ja verheiratet bzw. verwitwet war). Er lebte gut mit seiner Frau, obgleich er auch Seitensprünge machte. Eine solche Extratour in Ungarn, wo er einer Kupplerin in die Hände fiel, bekam ihm aber übel, er wurde durchgeprügelt und kam zerbleut zu seiner Frau nach Haus, die ihn ausschalt, aber verständnisvoll hinzufügte, „das sein hie alte mär", das sind hier alte Geschichten; er aber tröstete sich damit, daß sein Hereinfall Zauberei und Kuppelspiel eines alten Weibes gewesen sei (Nr. 114). 1 Leben: Schatz, Ausg. S. 3-21; Schatz, Schwangau, Gemahlin O.s v. W., Anz. f. Kde Urkundl. Zeugnisse zu O. v. W., Zs. d. Ferdi- d. dt. Vorz. 27, 1880, 75-80; Ders., O. v. W. nandeums III. Folge H.45, 1901; Roethe (zwei dt. Dokumente zur Gesch. d. Dichters), aaO.; Marold aaO. S. 23-34. — Beda We- ebda 1881, 99f.; Ders., Ordnung und Gewalt ber, 0. v. W. u. Friedrich mit der leeren des Minnesingers O. v. W. usw., ebda 28, 1882, Tasche, 1850; Ign. Zingerle, Margaretha 296-99; M. Herrmann, Die letzte Fahrt O.s v. Schwangau, Germ. 16, 75-78; Osw. Zin- v. W., Vjschr. f. LG. 1890, 3 (4); A. M. Motz, gerle, Ein Geleitsbrief für 0. v. W., ZfdA. 24, 0. v. W., Leben und Dichtung mit Rücksicht 268-74; Ant. Noggler, W.s Erbschaftsstreit, auf ihre ungarischen Beziehungen (ungarisch), Zs. d. Ferdinandeum III. Folge H. 29, 1882, Budapest 1915; R. Marsoner, Ein Brief O.s 101-80; Ders., Eine unbekannte Reise O.s v.W., Der Schiern 9, 1928, 104f., s. Arch. 154, v. W.,ebda 1883, 1-22; Ders., Hat O. v. W. 136; Artur Graf v. Wolkenstein-Rodenegg, im Jahr 1424 Tirol verlassen?, ZfdA. 27, 179 Osw. v. Wolkenstein, Schiern-Schriften 17, -92; L. Schmid, Mitteil. d. Ver. f. Gesch. u. 1930. — Sein Bild: Vogt und Koch, Gesch. Altertumskde in Hohenzollern 13 und 14, d. dt. Lit. I, 1919, S. 273. 1879. 1880. 1881; H. Bosch, Margareta v. 454 Einzelne Dichter In seinen Liedern wirkt die Tradition des Minnesangs nach, so auch in der Terminologie: dienen, erhören, gnad, trost, kumer, staete minne, minnekliches weib, höchster hört, seneliches scheiden, maie, voglin, roter munt, öfter mündlin rot. Aber der volksmäßige Ton änderte die innere Form und färbte sie um in das Kolorit der Zeit, z.B. das Zwiegespräch Nr. 38: „0 herzenlieber Nickel mein, Vergiß mein nicht aujf alle treu! . . . Ach Nickel, Nickel, trauter schöner Kleusli, hals mich, küß mich." Oder in dem Margaretenlied Nr. 76: „Gedenk, liebs Öselein (Verkleinerung von Oswald), an mich, dein Gredlin sol erfreuen dich." Neben dem starken Hervortreten des Volkstons macht sich im Gegensatz dazu, aber ganz im Geiste der Gesellschaft des 14. 15. Jahrhunderts, ein gelehrter Aufputz geltend mit Erfahrungen und Wörtern, die er aus der Erinnerung an seine weiten Reisen nimmt. Seine Tagelieder sind von Wolfram beeinflußt (Nr. 6 ff., s. Roethe, Anz. 16, 80; Theod. Kochs, D. dt. geistl. Tagelied 1928). Die an sich sinnliche Situation wird bei Wolkenstein noch gröber und lüsterner beschrieben, überhaupt faßt er die Liebe rein sinnlich auf, wird oft derb und obszön. Das ist nicht die ideale, den Mann veredelnde Huldigung des Minnesangs, es ist nur Fleischeslust, nur solche kann der wilde Sinnenmensch verstehen. So ist ein Hauptmotiv seiner Liebeslieder die Beschreibung der äußeren Gestalt mit einer Reihenaufzählung der Körperteile, die manchmal zu viel enthüllt. 1 Ganz ins grob Burleske fallen die Kneiplieder wie Nr. 41. 42. 43. 47, wobei auch das Buhlen nicht fehlt: Der wirt ml uns nicht porgen, das ist mein gröste klag; Heb auff und lass uns trinken; Her wirt uns dürstet also sere, trag auff wein! Am besten gelungen ist ihm sein Fehdelied (Nr. 78) gegen die Bauern, darin konnte er sein trotziges Rittertemperament austoben. Die ersten seiner geistlichen Gedichte fallen in die Zeit seiner Palästinafahrt 1409/10 (Nr. 50-55 und die Monatsheiligen [Cisiojanus] Nr. 56. 57), die späteren vielleicht in die Zeit seiner Gefangenschaft 1421-27 (Nr. 88-98), die letzten (Nr. 103-06. 108.117.120-25) jedenfalls in sein Alter, da er sich von den Torheiten der Welt abwendet und seine Sünden bereut. Lediglich moralisierende, spruchartige Gedichte liegen ihm fern. Der Untergrund seiner Lieder, der sie auch als kulturgeschichtliche Zeugnisse wertvoll macht, liegt in ihrer Lebenswahrheit. Aus dem Erleben heraus sprudeln ihm die Gedanken und Worte; man kann seine Biographie daraus zusammenstellen. In einem in seinem achtunddreißigsten Jahre, anno 1415, geschriebenen Gedicht (Nr. 64) faßt er die Erinnerungen, die Reisen (die überhaupt einen wichtigen Bestandteil seines Motivenschatzes ausmachen, vgl. Nr. 6. 17. 36. 63. 64. 65. 99. 100. 101. 102. 107. 109. 111. 113) und inneren Wandlungen, zusammen; am Abschluß seines dichterischen Schaffens legt er seine Lebensanschauung dar (Nr. 121, 120 V.) in einem Auszug aus Freidank. 2 Da dieses Gedicht ein 1 Wolkensteins naturalistische Beschreibungs. 2 Leitzmann, Ein Cento aus Freidank bei kunst s. H. Brinkmann, Zu Wesen u. Form Osw. v. Wolkenstein, Festschr. Braune, 1920, malterl. Dichtung, 1928, 170ff. 255-59. Oswald von Wolkenstein 455 Alterswerk ist, so gehört es auch diesem Gedankenkreise an, in dem ihn im wesentlichen das Heil der Seele beschäftigt und damit die Sünde und die Torheit der Welt (die Weisen und die Toren), wie denn gerade das folgende Gedicht (Nr. 122) die Welttoren aufmarschieren läßt. So hat dieser eigenwillige, unbändige Mann im Alter einen Ruhepunkt gefunden in dem Gedanken an die Ewigkeit. Sondergeartet und unstet wie der Mensch ist seine Sprache; 1 sein Stil ist die Physiognomie seines Geistes. Er geht sehr willkürlich mit der Sprache um. Der Wortschatz kennzeichnet den vielgereisten Weltwanderer, mit Stolz rühmt er sich der Kenntnis von zehn Sprachen; einem Liebeslied (Nr. 77) gibt er die Übersetzung in Französisch, Lateinisch, Ungarisch, Windisch, Flämisch, Welsch bei (anderes s. auch noch besonders in Nr. 17), zwei Gedichte hat er flämisch gesetzt (Nr. 25. 26 2 ), und köstlich ist es, wenn er in dem Mailied Nr. 45 die Voglin singen läßt: cu cu cu cu cu cu spricht der gauch (Kuckuck), zeisel, mais, lerch singen oci oci.. .. fl. fldeli fldeli fl o ciereri ci... . usw. — Unstet wie der Mensch in seinen stürmischen Mannesjahren ist auch der Bau seiner Sätze, sie sind zerhackt, herausgestoßen, zersplittert, oft bloße Aufzählungen, asyndetische Reihen und unverständliche Wortschwelgerei, z. B. in dem Tagelied (Nr. 12): Lunzlocht, munzlocht, klunzlocht und zisplocht, wisplocht; — zendlin (Zähnlein) . . . trielisch, mielisch, vöslocht, röslocht. Oder in dem Mailied Nr. 36: Zissli müssli flssli füssli Henne klüssli kumpt ins hüssli Werffen ain tüssli susa süssli, Niena grüssli well wir sicher han usw. usw. Der Dichter besitzt viel Humor, und so hat möglicherweise auch solches Gesprudel einen humoristisch gewollten Zug. Vor allem aber kann der Satzbau nur im Zusammenhang mit seinem Versbau verstanden werden, der sehr abwechslungsreich ist und oft in kurzen Versen und Schlagreimen sich bewegt und abhängig ist von der musikalischen Begleitung und den Melodien, die er meistens selbst gemacht hat. Oswald v. Wolkenstein besitzt unter den Dichtern seiner Zeit, des 14. und 15. Jahrhunderts, die stärkste Eigenart. Unter den früheren Sängern läßt er wegen seines Herrenbewußtseins sich am ehesten zu Neidhart stellen und als Darsteller des eigenen, abenteuerlichen Lebens zu Ulrich von Lichtenstein; mit dem Tannhäuser verbindet ihn seine Wanderlust und sein Hang zu fremden Wörtern. ' * 1 Sprache: Jos. Schatz, Sprache u. Wort- 1896 S. 143; Johannes Beyrich, Unterschatz der Gedichte O. v. Wölk., Ak. d. Wiss. suchung über den Stil O.s v. Wölk., Leipz. in Wien, philos. hist. Kl. Denkschriften 69.Bd. Diss. 1910; Ferd. Mohr, Das unhöf. Element 2.Abhandl., 1930, dazu Schröder, Anz.49, aaO. S. 102ff.; Wilh. Türler, Stilist. Studien 179-81; Piquet, Rev. germ. 22, 1931, 67f.; zu 0. v. Wölk, nebst einem Anhang: Krit. Friedr. Maurer, Beitr. z. Sprache O.s v. Bemerkungen zu der Textausgabe von J. Wölk., Gießener Beitr. z. dt. Philol. III, Schatz, Berner Diss., Heidelberg 1920; Ma- 1922. — A. M. Motz, Über d. ungarischen rold aaO. S.34^6. Zum Versbau s. auch Sprachbrocken bei O. v. W., Zs. Magyar Schatz aaO. — Musik: Rottauscher aaO. Nyelv 9, 1913, 424 (ungarisch); Leo Spitzer, (Allgemeines über Minnesang, Abteil. Musik); Romanisches bei O. v. W., Neuphilol. Mitteil. J. Wolf, Gesch. der Mensuralnotation von 21, 1920, 72-77. 135. — Stil: Mayer und 1250-1460 Bd. II, 139 f. Bd. III, 184 ff.; Rietsch, Die Mondsee-Wiener Liederhs. II, s. Castle aaO. 456 Einzelne Dichter Wenn Wolkenstein auch unter den Dichtern der gesunkenen Zeit als starke Kraft hervorragt, so zeigt sich eben doch die Unfähigkeit eben dieser Zeit, einem Gegenstand einen reinen, in sich selbst ruhenden poetischen Ausdruck zu verleihen, auch bei ihm und gerade recht bei ihm. 1 Hermann von Sachsenheim Soweit die Standesbedingungen in Betracht kommen, schließt sich an die beiden vorhergehenden „letzten Minnesinger" Hermann von Sachsenheim an, der sich hauptsächlich auf epischem Gebiete betätigte, doch aber in den ritterlich-höfischen Stoffkreisen von Minne und Abenteuer sich bewegte. Der Dichter, dem schwäbischen Geschlechte der Herren v. Sachsenheim (an der Enz) angehörig, auch in württembergischen Diensten als Rat stehend, ist, wie sein Geschlecht, öfter in Urkunden vertreten und lebte von 1365 bis 1458. Seine Gedichte verfaßte er in höherem Alter, die Mörin mit 90 Jahren (s. Gold. Tempel V. 1228). [Seinen Namen nennt er nur im Gold. Tempel V. 1239, ferner steht er in der Überschrift der Grasmetze und in der Überschrift der Mörin im Straßburger Druck.] 2 Sein Hauptwerk und das bedeutend umfangreichste seiner Werke (6081 V.) ist Die Mörin, 3 ein Prozeßepos, verfaßt im Jahre 1453 (V. 6042 ff., s. auch V.5452) für den Pfalzgrafen (Friedrich den Siegreichen) und dessen Schwester Mechtilt, die mit Graf Ludwig von Württemberg (f 1450), dann mit Erzherzog Albrecht VI. von Österreich (f 1463) verheiratet war. 4 Inhalt: An einem Sommertag im Wald spazierengehend trifft der Dichter auf ein 1 Ein dürftiger Minnesinger mit dem über- an Homeyer 1871; Hans Hofmann, Ein Nach- kommenen minneglichen Apparat ist der ahmer Hermanns v. Sachs., Marburg. Diss. Graf Heinrich von Wirtenberg, der 1893, dazu Wunderlich, Lbl. 1895, 78f.; schon dem Ende der Periode angehört (1448 Strauch, Pfalzgräfin Mechthild S. 7. 13; -1519). Als getrüiver dienet trägt er sein Leid Priebsch, Dt. Hss. in England II Reg. S. 345f. verborgen und leidet als armer undertän große Matthaei, Das weltliche Klösterlein, 1907, Pein durch dm vil schickerlich person. 4Lieder. pass.; Burdach, Vorspiel I, 2, 83; W. Rehm, Ausg. W. Holland u. A. Keller, Lieder ZfdPh. 52,289-330 pass.; F. W. Strothmann, Heinrichs Grafen von Wirtenberg, 1849. Die Gerichtsverhandlung als literar. Motiv 2 Spiegel und Schleiertüchlein sind als seine des ausgehenden MA.s, 1930, 21 ff. (Zusam- Arbeiten nachgewiesen durch Übereinstim- menhang mit den „Liebeshöfen" S. 25-27); mung von einzelnen Stellen, Goedeke, Germ. Schröder, Gott. Nachr. 1931, 196-209. — 1, 361 f.; Jesus der Arzt steht in der Londoner Die einzelnen Gedichte u. ihre Hss.: Goedeke, Hs. mit anderen Gedichten Sachsenheims zu- Grundr. I 2 , 292-94; Martin, Ausg. der Mörin sammen '(Priebsch, Dt. Hss. in England II S. 2-10. — Stellen zur Mörin: Goedeke, S. 99), und zwar nur in dieser, auch spricht Germ. 1, 361 f.; Bech, ebda 28, 388; Uhl, nichts gegen seine Autorschaft. ZfdA. 36, 368; Ehrismann, Beitr. 20, 78f.; 3 Ausg.: Ernst Martin, Lit. Ver. 137, 1878 Ernst Ochs, GRM. 11, 185, s. auch ebda 12, (Mörin, Der goldene Tempel, Jesus der Arzt; 123-25. 190. — Hss. der Mörin: 6; u. 5 alte die Ausgaben der andern Werke Sachsen- Drucke bis 1560, von denen der älteste 1512 heims s. jeweils unter diesen). — Abhandl. im Titel und in der ersten Kapitelüberschrift zu Sachsenh. im allgem. und zur Mörin: den Namen des Dichters „Herr Herman von Uhlands Schriften 2,219-55; Roethe, ADB. Sachsenheim Ritter" enthält. — Uberliefe- 30, 146-52; Martin, Ausg. Einl. S. 1-45; rung: Martin, Ausg. S. 2-10; Priebsch, Dt. Haltaus, Hätzlerin S. XI u. pass.; Geuther, Hss. in England II S. 99. Stud. z. Klara Hätzl. pass.; Goedeke, Germ. 4 Über das Leben H.s v. Sachsenheim: Mar- 1, 361 f.; Scherer, Anfänge d. dt. Prosa- tin, Zs. d. hist. Ver. zu Freiburg i. Br. 2, 1871, romans, QF. 21, 1871, Reg. S. 102; Hugo 147-272 u. Ausg. S. 10-14; s. auch Wolkan, Loersch, Der Prozeß in d. Mörin, Festgruß Beitr. 39, 526 Hermann von Sachsenheim 457 schönes Zelt von blauem Samt, davor steht ein Mann mit grauem Bart, der Eckhart, bei ihm ein kleiner Zwerg. Sie haben schon auf ihn gewartet, fesseln ihn und fliegen mit dem Zelt in die Lüfte übers Meer gen Orient auf eine paradiesische Insel zu ihrer Herrin, der Königin Venus (deren Reich man in der Zeit auf Zypern lokalisierte). Dort wird er von Scharganten in einen Stock geschmiedet. Da erscheint eine Mörin, die ihn vor Gericht ladet. Am andern Morgen wird er zur Gerichtsverhandlung in das Zelt der Frau Venus geführt, wo auch ihr Gemahl, der König Tannhäuser, anwesend ist. Gerichtsprozeß: Die Anklage führt die Mörin — ihr Name ist Brinhilt — wegen seiner Untreue in Minnesachen, Eckhart ist sein Verteidiger, 12 Ritter sind Schöffen. Das Urteil derselben ist geteilt und der Ritter appelliert an die Kaiserin Abenteuer. Darauf findet in Eckarts Zelt eine Bewirtung verschiedener Teilnehmer statt, an die sich ein Turnier mit folgendem Tanz anschließt. Der Zorn der Venus hat sich allmählich beschwichtigt, und sie schenkt dem Angeklagten auf Bitten aller an dem Gericht Beteiligten die Freiheit. Durch Zauber wird er durch die Lüfte wieder an derselben Stelle niedergesetzt, von der aus er sein Abenteuer begonnen hat. Die Grundlage für den Inhalt ist die Sage vom Venusberg, von Tannhäuser 1 und von dem treuen Eckart; Tannhäuser und Venusberg sind vereinigt im Volkslied vom Tannhäuser. Der treue Eckart ist eine bekannte Persönlichkeit aus der deutschen Heldensage, der Hüter und Warner der Harlunge, die von ihrem Oheim Ermenrich bedroht werden. Die „Moerin" hat der Dichter Wolframs Parzival entnommen, es ist Belacäne im I. Buch des Parzival 16, 7 u. ö., die eine Moerin war 19, 18 diu swarze Moerinne 35, 21. Der Eingang, der Sommerspaziergang in den Wald V.4 ff., ist in erzählenden Dichtungen des 14./15. Jahrhunderts eine übliche Formel. — Der poetische Wert des Gedichtes ist gering; es ist weitläufig, und oft geht der Zusammenhang verloren. Der Gedanke, den der Dichter in seinem Werke versinnbildlichen wollte, scheint der gewesen zu sein, daß Unbeständigkeit in der Minne bestraft wird. Insofern ist Venus die Hüterin der Staete in der Minne, also noch eine Hinterlassenschaft minnesängerischer Einstellung. Die Charakterisierung Eckarts ist mißlungen, er ist der treue Hüter, aber seine Rolle ist zwiespältig: einmal, als Hüter der Minnetreue, bringt er den Dichter vor Gericht, dann aber verteidigt er ihn. Wenn die „Mörin" auch als Kunstwerk abzulehnen ist, so bietet sie doch viel Material für die Kenntnis der Kultur der Zeit, Sitten der Geistlichen und Laien, der Ritter und der Städte, Rechtsaltertümer. Oft bringt H. v. S. aus seiner großen literarischen Belesenheit Anspielungen und Zitate bei; aus Parzival: Mör. V. 481 ff. 1223. 1342. 3708 ff. 4112 ff.; aus dem Willehalm: Mör. V. 637 ff. 4850 ff.; aus dem (jüngeren) Titurel: Mör. 1902 f. 3807; aus Iwein: Mör. 3493 ff.; aus Wigalois: Mör. 2702; Neidhart wird erwähnt 201.3716.4667. 5759; Wolkenstein 5324. Viel Gebrauch machte Sach- 1 Tannhäusersage s. Fritz Rostock, Mhd. Herm. Schneider, Festschr. Ehrismann, Dichterheldensage, Hermaea 15, 1925, 12-15; 1925, 121 f. — Uhland, Volkslieder S.761. 458 Einzelne Dichter senheim von dem Gedicht „Der Tugenden Schatz" (s. unten Meister Altswert), aber es ist ihm nicht gelungen, die allegorische Novelle in das weite Gefüge eines Romans zu dehnen .Die ritterliche Romantik vollends ist ganz verschwunden, statt Heldenabenteuern und Kämpfen Wortgefechte, Disputationen und höchstens ein Turnier mit Tanz. 1 Der Mörin schließen sich inhaltlich folgende drei weltliche Gedichte an: 2. Des Spiegels Abenteuer, 2 nach 1451 (etwa 2300 V.), ist ebenfalls zum Preis der „Pfalzgräfin" verfaßt (S. 100, 12 ff.; Titel S. 202, 18). Inhalt: Auf einem Waldspaziergang hört der Dichter eine Frau klagen, es ist Frau Treue. Sie ist ausgesandt von ihrer Herrin, der Kaiserin Aventiure, Treue unter den Menschen zu suchen 139, 35. Den Hof der Aventiure bilden die Tugenden, ihnen werden die Laster entgegengestellt. Der Dichter rühmt sich, seine Treue sei so groß, daß er damit tausend Elefanten beladen könnte. Ein Zwerg kommt auf einem Bache angefahren, Frau Triuwe und der Dichter fahren mit ihm zur Kaiserin Aventiure. Der Zwerg trägt einen Spiegel auf der Brust, darin sieht der Dichter die schönsten Frauen, von deren einer ist der Dichter ganz verzückt, und so ist seine Treue zu seiner Frau zuschanden geworden. Lange Beratung der Aventiure und der Tugenden über diesen Frevel. Es wird ihm ein Buch gebracht, in dem er den schlechten Charakter der schönen Frau liest und die Treue seiner eigenen Frau. Zuletzt wird ihm Sühne gewährt, und der Zwerg bringt ihn wieder heim. Die langgezogene Erzählung ist mit einer Menge von Anspielungen auf höfische und Heldenepen gespickt. 3 3. Das Schleiertüchlein (1984 V.), 4 eine rührende Liebesgeschichte. Inhalt : Auf einem Waldspaziergang trifft der Dichter einen vor Weh verzweifelnden jungen Ritter. Er findet bei dem Ohnmächtigen ein blutgetränktes Tüchlein. Wieder gekräftigt erzählt dieser ihm seine Geschichte: seine Heißgeliebte hat ihm ein mit ihrem Blut getränktes Tüchlein auf seine Fahrt ins Heilige Land mitgegeben. Beschreibung seiner Reisen dort (wahrscheinlich genau nach einem mündlichen oder schriftlichen Bericht erzählt). Zurückgekehrt findet er seine Geliebte tot. 4. Eine Parodie auf die Minnedichtung ist das schmutzige Gedicht Von der Grasmetzen, eine Art Pastourelle (s. oben), ein Gespräch zwischen einer Dirne und einem Alten, der um ihre Minne buhlt und ihr seinen Dienst in Phrasen des höfischen Minnesangs anträgt, wobei die „Grasmetze" (sie holt Gras 1 Ein Abschnitt der Mörin, nach 6032, ist Urheberin der Freude und des hohen Mutes. in der Ausgabe Sachsenheims, die unserer Der Dichter hat einen Traum: ein Kaufmann Überlieferung zugrunde liegt, durch Blatt- schenkt ihm einen stählernen Spiegel, darin Verwechslung in den Goldenen Tempel ge- man die Guten und Bösen erkennen kann, raten, wo er die Verse 1224-80 einnimmt, s. Eine schöne tugendhafte Dame sieht mit ihm unten Gold. Tempel. in den Spiegel, die er um ihre Minne anfleht. 2 Abgedruckt bei Keller, Meister Altswert, Da erwacht er. Huldigung an seine Dame. Lit. Ver. 21, 1850 S. 129-202. — Goedeke, 4 Abgedruckt bei Keller, Meister Altwert Germ. 1, 361 f. S. 203-55. — Goedeke, Germ. 1, 361 f. — 3 In der Ausgabe des Meisters Altswert (Kel- Hs.: Martin, Ausg. S. 9; Priebsch, Dt. Hss. ler S. 117-28 geht ein Gedicht vorher, das in England II S. 99. heißt der spiegel (128, 14): Preis der Minne als Hermann von Sachsenheim 459 für das Kalb ihrer Herrschaft) ihm stets derbe Antworten gibt und ihn zum Narren hält. 308 V. — Der Humor liegt in dem Kontrast zwischen dem höfischen Ton und der bäurischen Roheit. Den Namen des Dichters enthält die Überschrift im Liederbuch der Hätzlerin. 1 Eine Gruppe gegenüber den weltlichen Gedichten [Nr. 1-4] bilden die beiden religiösen Allegorien: 5. Der goldene Tempel. 2 Der Dichter will der edelnMaget einen Tempel bauen (V. 12 f.). Er schildert diesen in seinen Teilen: die vier Tore sind die vier Himmelsrichtungen (Orient, Westerwind, meridion, septemptryon), an die sich je vier Mauern (Wände) anschließen (die vier Elemente ignis, aer, aqua, terra), die zwölf Türme sind die zwölf Monate und die zwölf Sternzeichen; beim Chor kommt er auf das Alte Testament; die Orgeln sind die hohen Schulen (London, Paris, Wien, Padua, Monpellier, Köln, Heidelberg, Erfurt, Leipzig); die Glocken sind vier Kirchenväter (Augustinus, Ambrosius, Hiero- nymus, Gregorius). Zum Schluß wird Maria als Fürbitterin angerufen; den Titel des Gedichtes nennt er dort ebenfalls (1178 f.): „der guldin tempel, der ist durch dichgebut." So wie das Gedicht überliefert ist, hat es 1321 Verse, aber die V. 1224-1280 gehören zur Mörin (s. oben). Das Abfassungsjahr ist in dem echten Schluß des Tempels V. 1291 ff. angegeben: 1455. Der „Goldene Tempel" steht unter dem Einfluß von Konrads v. Würzburg Goldener Schmiede, aber der Stil, die geblümte Ausdrucksweise, ist geradezu eine Nachahmung der „Minneburg", aus der besonders im Eingang viele blumigen Redensarten direkt wörtlich entlehnt sind. 6. Jesus der Arzt ist in 20 achtzeiligen Strophen abgefaßt. Die durch Eva in die Welt gekommene Sünde ist eine nie verheilende Wunde, der Arzt ist Jesus Christ, V. 50. 3 7. Des Dichters selbstgedichtete Grabschrift ist noch erhalten. 4 Die Sprache 5 Sachsenheims hat eine hervorstehende Eigenart in dem volkstümlichen Ton, der sich ausprägt in Worten und Redensarten der gemeinen Umgangssprache, auch in Dialektismen, in Redensarten und Sprichwörtern. Der Stil als Kunstsprache steht manchmal dazu im Gegensatz, so ergeht er sich besonders im Eingang des goldenen Tempels in einer lächerlich gespreizten Anwendung der geblümten Rede, des schweren Schmucks. Gedruckt bei Haltaus, Liederbuch der Keller, Altdeutsche Gedichte, 1846, S.4-10). Clara Hätzlerin, 1840 (s. unten), S. 279-83. — 2 Ausg.: Martin S. 232-71 .—2 Hss. : Martin Hoffmann, Ad. Bl. 2,64f.; Singer, Neidhart- S. 9; Priebsch, Dt. Hss. in England II S. 99. Studien, 1920 (s. bei Neidhart) S. 9; Rosen- 3 Ausg.: Martin S. 272-76.— 1 Hs.: Martin hagen, Reallex. 1, 209. — Stelle: Ehrismann, S. 9; Priebsch, Dt. Hss. in England II S. 99. Beitr. 20, 79. 4 In der Hs. des Liederbuchs der Clara Durch den Titel und durch den niederen Hätzlerin, abgedruckt bei Haltaus S. 278 gesellschaftlichen Stand klingt an dieses Ge- V. 209-18. — Martin, Ausg. S. 10. 13 f. dicht Sachsenheims an ein anderes, Die Gra- 5 Sprache, Versbau: Martin S. 33^5 (s. serin, von einem unbekannten Verfasser, auch S. 13f.); Ders., Anz. 5, 224; Roethe, Hier preist ein Knecht seine glückliche Ehe mit ADB. aaO.; Hofmann, E. Nachahmer S. 52 einer Magd (Graserin) und die Liebesfreuden -69; Stil: Brinkmann, Wesen u. Form S. 16. der niederen Minne (213 V.). Es ist eine Pa- 148f. 160. — Fritz Walter, Die Flexion bei rodie auf die hohe Minne (hgb. Adelbert H. v. S., Tübing. Diss. 1924, Masch.druck. 460 Einzelne Dichter Seine Verse sind auf doppelte Art gebaut: Mörin, Grasmetze, Jesus der Arzt haben die übliche Zahl von 4 bzw. 3 Hebungen; Spiegel, Schleiertüchlein, Goldener Tempel klappern die Verse in 3 Hebungen stumpf ab. Dabei ist in Betracht zu ziehen, daß durch den mundartlichen Abfall vieler schwacher e mittelhochdeutsch klingende Reime zu stumpfen geworden sind. Hermann von Sachsenheim ist ein echter Typus des spätmittelalterlichen Rittertums; die Ideale des hochhöfischen Ritters sind zum bloß äußerlichen Stoffseiner Dichtungen geworden, sie sind nicht mehr ein eigenes inneres Erlebnis. Auch fehlt ihm die poetische Erhebung, er ist plump und platt. Solche Mängel kann sein recht umfassendes Wissen * nicht ersetzen. Er besaß Kenntnisse in Theologie, Jurisprudenz, Naturkunde, Geographie, hat wohl studiert und ist durch eine Fahrt ins Heilige Land (Schleiertüchlein) weit herumgekommen. Seine Belesenheit in der deutschen Literatur bringt er an, wo es möglich ist, so daß solche Reminiszenzen geradezu zu seinem Stil gehören (s. oben). 2 Als angesehener Dichter seiner Zeit hat er auch Nachahmer 3 gefunden, so Mich. Beheim und Hans Folz, den Verfasser von „Der neuen Liebe Buch" (s. Hans Hoffmann aaO.) und vom ,,Minneturnier". Johannes Rothe Eine fruchtbare und vielseitige Tätigkeit entfaltete Johannes Rothe* auf verschiedenen Gebieten der Literatur, in der Didaktik und Tugendlehre, biblischen Erzählung und Legende, Chronikschreibung. Er war geboren zu Kreuzburg in Thüringen und lebte in Eisenach, war daselbst Priester und zeitweise Stadtschreiber, danach (etwa 1421-34) Domherr und Scholastikus (Lehrer) am Stift unserer lieben Frauen. Gestorben ist er 1434. Er begegnet mehrfach in Urkunden, aber die Kenntnis über seine Person schöpfen wir aus den Akrostichen einiger seiner Werke: 5 die Anfangsbuchstaben der 8 Eingangsstrophen und der folgenden Abschnitte seines Ritterspiegels ergeben den Satz Johannes von Cruzceborg Rothe genant; 5 im Leben der heil. Elisabeth ebenfalls in den Anfangsbuchstaben Johannes scolast. .. Rothe; 5 am ausführ- 1 Martin S. 14-33; Schröder, Gott. Nachr. Rothes Passion, Germ. Abh. H. 26, 1906; a. a. O. Ders., Joh. Rothes Lehrgedicht Des rätis 2 Martin S. 26-32; Schröder, Gott. Nachr. zeucht, Progr. Berlin-Tempelhof 1913 (darin 1931,204. neuere Lit. S.3f.); Priebsch, Dt. Hss. in 3 Schröder, Gott. Nachr. aaO. S. 209. England I S. 238-41: aus Rothes Gedicht von 4 Wegele, Joh. Rothe, ADB. 29, 350 f.; der Keuschheit; Karl Zander, Joh. Rothe, MSH. 4, 875-77; Bech, Germ. 6, 45-80. 257 Diss. Halle 1923; Günth. Müller in Walzeis -87. 7, 354-67. 9, 172-79; Bechstein, Zur Handb. d. Lit.wissensch. S.59; REHM,ZfdPh. neueren Lit. über Joh. Rothe, Zs. d. Ver. f. 52, 322-28 pass. — Goedeke, Grundr. I 2 , thür. Gesch. u. Altertumskde 9, 1879, 259-67; 290f.; BoBERTAG.KürschnersDt.Nat.-Litt.ll, Michelsen, ebda 3, 23ff.; H. Helmbold, 217-36. — Siehe die Lit. bei den einzelnen J. Rothe u. die Eisenacher Chroniken des Werken hier im folgenden. 15. Jh.s, ebda 29, 1913, 393^52. — Jul. 6 Bech, Germ. 6, 45-53. 9, 172; Petersen Petersen, Das Rittertum in der Darstellung S. 13 ff.; Heinrich, Joh. Rothes Passion des Johannes Rothe, QF. H. 106, 1909, dazu S. 101; Aug. Witzschel, Leben d. heil. Eli- Götze, Anz. 35, 93 f., Kluckhohn, Hist. sabet.Zs. d. Ver. f. Thür. Gesch. u.Altertums- Viertelj. 14, 2; Alfr. Heinrich, Johannes künde 7, 1869, 359ff. 493ff. Johannes Rothe 461 lichsten in der Thüringer Chronik; auch in Schreiberversen in dem Gedicht „Von der Keuschheit" und in der, wohl nicht von Rothe herrührenden, prosaischen Einleitung zur Passion. Aus seinem umfassenden Berufsleben gehen seine Arbeiten hervor. Seine angeborene Lehrhaftigkeit kommt zur Erscheinung in zwei sozialethischen Werken: Im Ritterspiegel 1 {DU is nu der ritter spigil, am Schluß V.4101) hält er den Rittern einen Spiegel vor, wie sie sein sollen und wie nicht, wer also zum Ritter taugt. Er belehrt über ritterliche Sittlichkeit, Sitte, Benehmen, Kleidung, Wappen, Abzeichen, die sieben Heerschilde, Verhalten für den Kampf und stellt oft diesem ritterlichen Rechttun die zu vermeidenden Untugenden gegenüber. Dieses Rittertum Rothes ist nun sehr verschieden von dem der Blütezeit und steht weit tiefer. Außer dem Bericht über den Ursprung des Ritterordens (V. 725-908) ist das Gedicht ohne erzählende Partien rein lehrhaft, die Behauptungen werden mit vielen Sprüchen aus lateinischen und christlichen Autoren bekräftigt. Die Form des 4108 V. zählenden Gedichtes ist insofern etwas gekünstelt, als die ersten 72 V. in 9 achtzeiligen Strophen gebaut sind, während der Hauptteil aus vierhebigen, sehr freitaktigen Versen mit Reimkreuzung besteht. Verfaßt nach dem Jahr 1410. Das andere, von dem Herausgeber Von der stete ampten und von der fursten ratgeben genannte Gedicht 2 besteht aus drei Teilen (bei Vilmar im ganzen 1293 Verse): I. V. 1-282 Die Vorrede, Vergleich der Organe der Stadtverwaltung mit den Gliedern des Körpers; U.V. 283-677 Des rätis zeucht, sittliche Vorschriften für die Ratsleute; unterscheidet sich von I und III durch die Form: leoninische Hexameter (Versschluß und Cäsur reimen); III. V. 678-1293 Von der fursten ratgeben. — Ein drittes Sittengedicht Rothes, „Von der Keuschheit" (5699 Verse), enthält auch kulturgeschichtliche und historische Abschnitte. 3 Mit Rothes geistlichem Beruf hängt zusammen Die Passion (nach 1418 oder 1421). 4 Dieses Gedicht, 2051 Verse, ist nicht etwa die biblische Erzählung von Christi Leiden, von denen es nur beiläufig berichtet (V. 960-1170), sondern es ist zusammengesetzt aus den Legenden von Judas und von Pilatus : 5 Judas' Geburt und Erziehung; er war Diener des Pilatus, ehe er Jesu Jünger wurde; von der Erfindung der ersten Münze nach der Sintflut. Pilatus 6 war der Sohn 1 Ausg. Bartsch, Mitteldeutsche Gedichte, beiden Hss.), dazu Ehrismann, ZfdPh.41,75f. Lit. Ver. Bd. 53, 1860, 98-222. — Abhandl.: 3 Auszug: Alfr. Heinrich, ZfdPh. 48, 269 Bartsch, Einl. S. XXIV-XXXVI; Petersen -86. — Bech, Germ. 7, 366f.; Heinrich, Joh. aaO., bes. S. 13. 24. 32-49 u. öfter in den Rothes Passion aaO. S.4-6; Petersen S. 23f.; folgenden Abschnitten. Priebsch, Dt. Hss. in England I S. 97.238—41; 2 Ausg.: Vilmar, Progr. Marburg 1835. — Joh. Neumann, Das Lob der Keuschheit, ein Abhandl.: Bech, Germ. 6, 45-80. 257-87 u. Lehrgedicht von Johannes Rothe, Teildruck, 7, 354-67; an letzter Stelle wird Vilmars nach Berl. Diss. 1932; ders., Das Lob der Keusch- der Fuldaer Hs. besorgte Ausgabe durch heit, hgb. Dt. Texte d. MA.s Bd. 38, 1934. Bechs Beiziehung der Berliner Hs. um etwa 260 4 Ausg.: Alfred Heinrich aaO. (mit Lit.), Verse erweitert; Petersen S. 22f.; Alfred dazu Helm, Lbl. 1908, 368-70; Ehrismann, Heinrich, Johannes Rothes Lehrgedicht Des ZfdPh. 41, 75f., Cbl. 58, 307f. rätis czucht, Progr. Berlin-Tempelhof 1913 5 Heinrich S. 59-100. 165-74. (mit einer krit. Ausgabe dieses Gedichts nach 6 Siehe LG. Bd. II, 1, 157f. 462 Einzelne Dichter des Königs Artus und einer Müllerstochter bei Mainz. Nach Christi Tod wird er von Kaiser Tiberius verbannt und ersticht sich selbst. Quelle ist die Legenda aurea sowie die Judassage und die Pilatussage, beide nach lateinischen Fassungen in den Volkssprachen verbreitet. Aus Rothes geistlichem Beruf und zugleich aus seinem historischen Lokalinteresse geht hervor seine gereimte Heilige Elisabeth 1 (nach 1418 oder 1421). Das Leben der Heiligen bearbeitete er umständlich und nüchtern auf Grund der lateinischen Vita des Dietrich v. Apolda und einheimischer Überlieferung. Wahrscheinlich benutzte er auch seine eigene Thüringische Chronik — in derselben begegnen viele gleichartige Stellen—, so daß die Elisabeth also erst nach der Chronik verfaßt wäre. Die „Düringische Chronik", 2 Prosa, ist in zwei verschiedenen Fassungen geschrieben, die eine, aus dem Jahr 1421, ist der Landgräfin Anna gewidmet (s. oben das Akrostichon der Vorrede); die andere richtet sich in der Vorrede an den landgräflichen Amtmann auf der Wartburg, Bruno von Teutleben (nach 1421), ist aber nicht sicher Johannes Rothe zuzusprechen. — Die Darstellung geht aus von der Weltgeschichte, beginnend mit der Schöpfung, den Griechen und Römern (auch die Pilatussage ist verwertet) und entfaltet von der Stammsage an ein anschauliches Geschichtsbild des Thüringer Landes. Rothe lebte mit den Geschicken seines Volkes und wußte sich in die leitenden Persönlichkeiten hineinzudenken. Das sind nicht bloß annalistische Notizen, die Erzählung ist in den Thüringen betreffenden Teilen fesselnd, auch im sprachlichen Ausdruck wohlgeordnet, wobei die Personen wirklich in Lebensnähe treten. Über die Sprache Johannes Rothes s. Alfred Heinrich, J. Rothes Passion aaO. S. 11-59; K. Klecka, Lautlehre der Reime in „Ritterspiegel", Progr. Znaim 1911; Zwierzina, Festschr. Ehrismann 1925 S. 56-60. Johannes von Indersdorf Wegen des verwandten Inhalts mit Johannes Rothes Hauptleistungen, dem Ritterspiegel und Von der Stete Ampten, sollen hier zwei spätere Werke folgen: Lehren speziell für Fürsten (für „den edeln Fürsten"), Anweisungen zu einem tugendhaften Regiment, was einem jeglichen frummen kristenlichen fursten geziemt, sind Die Fürstenlehren des Johannes von Indersdorf für Herzog Albrecht III. von Baiern-München (1436-1460) und seine Gemahlin Anna. 3 Der Verfasser war Beichtvater des Herzogs und der Herzogin. Das 1 Hgb. in Menken, Script, rer. Germ. II, stein, Germ. 4, 172-82; Witzschel, Die erste 2033, eine kritische Ausgabe fehlt. — Abhandl.: Bearbeitung der Düringischen Chron. v. Joh. Witzschel aaO.; Petersen aaO. S. 28-30; Rothe, Germ. 17, 129-69, s. Anz. f. Kunde der Paul Riesenfeld, Heinr. v. Ofterdingen in dt. Vorz. 1874, 251-54; Helmbold, Eisender dt. Lit., 1912, S. 106ff.; Marie Homrich, acher Chroniken aaO.; Stammler, Von der Stud. über d. handschriftl. Überlieferung des Mystik zum Barock, 1927, 249. 490; s. auch „Lebens der heil. Elisabeth" v. Joh. Rothe, H. Rückert, Das Leben des heil. Ludwig, Frankfurt. Diss. 1924, Masch.druck. Einleit. 2 Hgb. von v. Liliencron, Thüring. Ge- 3 Eugen Gehr, Die Fürstenlehren des Jo- schichtsquellen Bd. III, 1859, dazu Bech, hannes v. Indersdorf usw., Diss. Freiburg Germ. 5, 226-47. — Petersen aaO. S. 13-18. i. Br. 1926; s. E. R. Curtius, ZfromPhil. 52, 24-27; Heinrich, Passion aaO. S. 3. — Bech- 1932, 149 Anm. 1 (Fürstenspiegel). Johannes von Indersdorf. Johann von Morsheim. Heinrich von Mügeln 463 Werk ist in der Hauptsache eine Prosaübersetzung von Roger Bacos „Aristoteles Secretum secretorum" (s.oben), eines sehr verbreiteten lateinischen Fürstenspiegels. Johann von Morsheim Ein abschreckendes Bild der Hofgesellschaft entwirft Johann von Morsheim in seinem Spiegel des Regimen ts. 1 Die Fortsetzung dieses Titels in der Überschrift: „inn der Fürsten Höfe, da Fraw Vntrewe gewaltig ist", gibt schon das Grundmotiv dieser bitteren Satire an. Es ist eine Schilderung der an den Höfen herrschenden Übelstände, deren Ursache die Königin Frau Untreue ist mit ihrem großen Hofstaat. Der Verfasser will den Fürsten über die Intrigen der Hofleute die Augen öffnen. Dafür stand ihm eine reiche Erfahrung zu Gebote. Er stammte aus einem vornehmen Adelsgeschlecht der linksrheinischen Pfalz, war 1487 Vogt zu Germersheim, dann 1500 Hofmeister des Pfalzgrafen Ludwig und eine wichtige Persönlichkeit in Kurpfalz; gestorben ist er 1516. Sein Buch (957 Verse) trägt das Datum 1497 (V. 50), veröffentlicht aber wurde es erst 1515 in einem Druck; es war sehr beliebt, denn bis 1617 folgten noch sieben Drucke. 2 Der Dichter ist unselbständig. Am stärksten hat er Ammenhausens Schachbuch, oft wörtlich, ausgezogen, weniger Sebastian Brants Narrenschiff, auch den Renner hat er gekannt. Er zitiert klassische und kirchliche Schriftsteller, auch einmal Petrarca (V. 910). Andrerseits wurde auch sein Buch später benutzt, so ausgiebig in der protestantischen Glosse des Reinke de Vos. — Die Sprache liegt, der Entstehungszeit entsprechend, auf der Grenze des Mittelhochdeutschen und frühen Hochdeutschen. Der Versbau folgt der mittelhochdeutschen Regel, ist aber ziemlich frei, ebenso die Reime, in denen Assonanzen und Mundartliches zugelassen sind. Der Stil erhebt sich nicht über die natürliche Rede. 3 Heinrich von Mügeln 4 Einen dritten Typus neben dem des freien Ritters (Montfort, Wolkenstein, Sachsenheim) und dem des Geistlichen (Johannes Rothe) stellt der bürger- 1 Ausg.: Goedeke, Lit. Ver. Bd. 37, 1856. — 3 Kessler S. 21-78. Abhandl.: Goedeke, Grundr. I 2 , 392 f.; 4 Steinmeyer, ADB. 22, 454; Wilh. Mül- Bartsch, ADB. 22, 327; Reinhold Köhler, ler, Fabeln u. Minnelieder von H. v. M., Gott. Germ. 20, 383f. 21, 66; Sievers, Beitr. 12, Stud. 1847 u. SA. 1848; Karl Jul. Schröer, 503; Fanny Kessler, Joh. v. Morsheims Die Dichtungen H.s v. Mügeln (Mogelin) nach Spiegel des Regiments, Germanist. Abhandl. den Hss. besprochen, Wien. SB. 55, 1867, H. 53, 1921, dazu Götze, Lbl. 1922, 168f. — 451-520; Ders., Zu Heinr. v. Mogelin, Germ. W. Münch, Gedanken über Fürstenerziehung 13, 212-14; Martin, Anz. 3, 112f.; Ders., aus alter u. neuer Zeit, 1909; Hans Heim, Mitteil. d. Ver. f. Gesch. der Deutschen in Fürstenerziehung im 16. Jh., 1919; Walther Böhmen Bd. 16; Ottokar Lorenz, Deutsch- REHM,ZfdPh.52,317. 319.328; E. R.Curtius lands Geschichtsquellen im MA., 2. Aufl. aaO. — 8 Drucke, 1515 u. später: Goedeke, 1876,1,284ff.; Roethe, Reinmar, Reg. S.638; Ausg. S.31-33 u. Grundr. aaO.; Kessler S. 1 K. Helm, Beitr. 21, 240-47. 22, 135-51; See- -21. MÜLLER, Gesch. d. Stadt Wien Bd. III 1. Hälf- 2 Goedeke, Ausg. S. 31-33 u. Grundr. aaO.; te, 1907, S. 51; Heinr. Lütcke, Stud. zur Kessler S. 1-21. Philosophie der Meistersänger, Pal. 107, 1911, 464 Einzelne Dichter liehe, im Hofdienst dichtende Heinrich von Mügeln dar; die drei ersten sind die Vertreter der nachklingenden ritterlich-höfischen Poesie, Rothe ist der Diener Gottes und Lehrer der göttlichen und menschlichen Ordnung, Mügeln der im Hofdienste stehende Lehrer weltlicher Wissenschaft und Meistersinger. Heinrich aus Mügeln bei Pirna (Meißen) schrieb am Prager Hofe für Karl IV. „Der Meide Kranz" (schon vorher ein Lobgedicht auf König Johann von Böhmen, gestorben 1346), war dann am Hofe Herzogs Rudolfs IV. von Österreich (1358-65); nach dessen Tode genoß er die Gunst des Hertnit von Petau, Adelsmarschall von Steier; wahrscheinlich hielt er sich auch eine Zeitlang in Ungarn auf (1352/53). Gestorben ist er nach 1371 (Erscheinungsjahr der Psalmenübersetzung). A. Selbständige Schöpfungen. Der Meide Kranz 1 ist zum Preis Karls IV. und seiner Freigebigkeit verfaßt: Das buch das heißt der meide kränz, die got gebar . . . (Meid ist also hier die Jungfrau Maria). Es ist ein allegorisch-didaktisches Gedicht. Das erste Buch (Prolog V. 1-68), V. 69-1356, handelt von den 12 Künsten (= Wissenschaften, ars). Die „Meide" (V. 722. 864a. 867. 896a. 897 u. ö.) treten vor den Kaiser und je eine Wissenschaft erklärt ihm in 50 Versen ihre Kunst (ars = Wissenschaft) und deren Vorzüge (119); sie fragen ihn um sein Urteil, welche von ihnen die Würde haben solle, in der Krone der maget (Mutter Gottes) zu stehen, der Reihe nach: Philosophie, Grammatik, Logik (Loica), Rhetorik, Arithmetik (Arismetica), Geometrie, Musik, Astronomie, Physik (Phi- sica, Medizin), Alchimie, Metaphysik, Theologie. Die sieben freien Künste sind hier auf zwölf erweitert, zum Trivium gehören vier, indem die Dialektik geteilt ist in Philosophie und Logik; zum Quadrivium sechs, indem noch Physik (Medizin) und Alchimie dazukommen, die beiden letzten Wissenschaften, Metaphysik und Theologie, fallen überhaupt außerhalb des Kreises der weltlichen Wissenschaften; Metaphysica ist die Lehre von den Engeln und von Gott, Theologie lehrt den christlichen Glauben, das Dogma, gemäß der Offenbarung. Der Kaiser (719) beruft zur Entscheidung über den Wettstreit der meide seine Räte, und nach deren Verzicht befragt er den meister dises buches von Mögelin Heinrich (771 ff.); als auch dieser ablehnt, erteilt er selbst der Theologie den Preis zu (789). Er beschenkt die Meide reich und sendet sie in S. 6-28 u. pass.; H. Brinkmann, Zu Wesen 1908. — Helm, Beitr. 21, 24CM7. 22, 135-51; u. Form malterl. Dichtung, 1928, Reg. S. 191; Schwietering, Demutsformel S. 97f.; Gün- Walther Rehm, ZfdPh. 52, 289-330 pass.; ther Müller in Walzeis Handb. S. 17; Ulr. Kube, 4 Meistergesänge von H v. M., Wegener, Bilderhandschriften d. Heidelber- 1932, dazu Ehrismann, Anz. 51, 139 f. — ger Univers.-Bibl., 1927, S. 5.— Ant. Bene- Bartsch, Meisterlieder d. KolmarerHs., 1862, dict, Über die Sprache in H.s v. M. „Der 180f.; Gervinus, Gesch. d. dt. Dichtg. 2 5 , meide Kranz", Progr. Smichow 1889, dazu 369-72; Goedeke, Grundr. I 2 , 270f. u. Dt. Khull, ZföG. 41, 378; Benedict, Die Metrilf Dichtg. im MA. 2 S. 676f. — Siehe im folgen- in H.s v. M. „Der meide Kranz", Progr. den die Lit. der einzelnen Werke. Smichow 1890, dazu Khull, ZföG. 42, 938; 1 Ausg.: Willy Jahr, H. v. Mügeln, Der Zwierzina, Festg. f. Luick, 1925, S. 132f. — Meide Kranz hgb. u. eingeleitet, Leipz. Diss. 2 Hss., 2 Fragm., Jahr S. 80-90. Heinrich von Mügeln 465 der Naturen laut, die die von ihm bestimmte Meid krönen möge. Sie kommen in das Haus der Natur, auf daß sie die Theologie kröne, die Natur aber ruft die Tugenden dazu herbei, die auf einem Wagen anfahren, dessen Teile allegorisch ausgelegt werden und den Vernunft vorwärts treibt. Die Natur krönt die Theologie. Nun fängt der Dichter das zweite Buch an (1357), aber eigentlich hat der zweite Teil schon mit dem Wechsel des Schauplatzes und der Personen begonnen, also mit V. 865, denn von da an spielt die Szene im Palast der Natur, und diese und die Tugenden führen die Handlung; war der erste Teil (bis V. 864) eine Wissenschaftslehre, so ist der zweite Teil von V. 865 an eine Tugendlehre: Disputation der Natur mit den Tugenden; sie will beweisen, daß jene ir wesen uß ir han; dagegen beweisen die Tugenden, daß sie edler sind als die Natur; Theologie soll entscheiden (1437), welcher der zwölf Tugenden die Würde gebühre. Theologie fragt jede Tugend, was ihr Wesen, ihre Tätigkeit ist, sie legen der Reihe nach ihr Wirken dar (1453): die vier Kardinaltugenden Weisheit, Gerechtigkeit, Stärke, Mäßigkeit, dann Milde, Demut, Wahrheit, Barmherzigkeit, Friede, schließlich die drei göttlichen Tugenden Liebe, Hoffnung, Glaube. Theologia gibt das Urteil (2221): von Gott kommt jede Tugend und nicht von der Natur, die Natur verkündet (2289) ihre Wirksamkeit als Grund der Dinge, der Erde, der Himmelszirkel, der Sterne. Der Dichter entscheidet: Gott hat die Natur geschaffen, diese soll sich nicht der Tugend gleichen, Gott selbst ist die Tugend. Schluß Vers 2592. H. v. Mügeln hat zur Herstellung dieses Werkes den Anticlaudianus des Alanus de Insulis (gestorben 1203; ed. Migne 210 Sp. 487-594) und das darauf beruhende Gedicht Von Gottes Zukunft des Heinrich v. Neustadt benutzt (s. bes. Helm, Beitr. 22, 135 ff.). In weiteste Kreise ist Heinrichs v. Mügeln Ruhm gedrungen durch seine Meisterlieder und Fabeln; 1 die Meistersinger zählten ihn zu den zwölf alten Meistern, und seine „Töne" wurden nachgeahmt. Die 7 Minnelieder sind in einem schwülstigen, blumigen Stile geschrieben und mit Gelehrsamkeit gespickt, dürftige Nachklänge der ritterlichen Dichtung ohne innere Teilnahme. Ein Kuriosum darunter ist eine Nachahmung von Kürenbergs Falkenlied, worin der Dichter seine Gefühle ausspricht: Ach, hete ich einen bldfuz vor den falken! Ab er nicht wer so risch, Doch hiebe er stdn üf mines herzen balken. Die Fabeln, 15 Sprüche (14 Tier fabeln) in seinem langen Ton (18 Verse), sind kurz gefaßt und schließen mit einer Lehre. 2 Genannt seien noch 2 Sprüche x Wilh. Müller, Fabeln u. Minnelieder aaO.; u. S. 357; Bartsch, Meisterlieder der Kol- Ulr. Kube, Vier Meistergesänge von Heinr. marer Hs., 1862, S. 180. 495f.; Roethe, Rein- v. Mügeln, Der tum (s. Lambel, Das Stein- mar S. 154 A. 157f. 162f. 203 A. 204 A. — buch von Volmar, 1877,94. 128-34; 0. Marx, Goedeke, Grundr. I 2 , 270f.; v. d. Hagens, „Vom Dom umzingelt", Mitteil. d. Schles. Museum f. ad. Lit. u. Kunst Bd. 2, 1811, 180. Gesellsch. f. Volkskde 33, 1933), Von allen 2 Wilh. Müller aaO.; Zingerle, Zwei Fa- freien Künsten, Der guldin Schilline, Von der beln des H. v. M., Germ. 5, 286-88; Sparm- Kunst Astronomie, Marbg. Diss. 1932, dazu berg, Zur Gesch. d. Fabel in d. mhd. Spruch- Ehrismann, Anz. 51, 139f.; Bartsch u. dichtg, Marbg. Diss. 1918 S. 56-75. — Viele Golther, Deutsche Liederdichter Nr. XCVII geistliche Sprüche sind noch nicht heraus- 30 Deutsche Literaturgeschichte IV 466 Einzelne Dichter über Edelsteine und 13 ebensolche Strophen in seinem Marienliede „Der Dom" 1 ; ein Gedicht auf den Zauberer Virgilius, 5 Strophen. 2 B. Übersetzungen. Er dichtete eine ungarische Chronik in lateinischen Versen (Fragment) 3 etwa 1352/53 für König Ludwig von Ungarn und verdeutschte eine darauf beruhende lateinische Ungarnchronik (die von ihm selbst herrührte?) in Prosa für Herzog Rudolf IV. von Österreich. Der römische SchriftstellerValeri us Maximus verfaßte in den Jahren 28-32 n. Chr. seine Factorum et dictorum memorabilium libri novem, merkwürdige Taten und Reden von Römern, welches Werk im Mittelalter viel gelesen, auch in die Volkssprachen übersetzt wurde. Diese Berühmtheit und vielleicht auch die schwülstige Sprache waren wohl Veranlassung der — freien — Übersetzung Heinrichs v. Mügeln, der sie dem Hertnit von Petau 1369 widmete. 4 Prosaübersetzung des Psalmenkommentars (Glossa) des Nicolaus von Lyra (1325). 5 Heinrich von Mügeln besaß eine große Gelehrsamkeit, die er auch nach Kräften zur Schau trug. Seiner Kunstanschauung nach ist er am ehesten dem Meistergesang verwandt. Allegorie ist das hervortretende Mittel seiner Darstellung, seine Ausdrucksweise ist beherrscht von jener schwülstigen Manier, die in der Spätzeit so beliebt war, der geblümten Rede, dem schweren Schmuck; darin trifft er mit Alanus, dem Verfasser der Quelle für seinen „Kranz der Meide" zusammen. 6 — Der Versbau ist regelmäßig alternierend, die Reime sind nur stumpf. 7 Er ist beeinflußt von Konrad von Würzburg. Hans von Bühel Als ebenfalls im Hofdienst stehend, doch zu dem Adel gehörig kann unter dieser nach Verfassernamen zusammengestellten Gruppe noch Hans von Bühel 8 aufgeführt werden. Er gehörte wahrscheinlich zu dem Ministerialengeschlecht gegeben, so die Strophenreihe „Von der heil. Strauch, Anz. 26, 214; Schröer, Germ. 13, Dreifaltigkeit", deren erste Strophe gedruckt 213 f.; Ferd. Khull, Beiträge zum mhd. ist bei Schröer, Germ. 13, 104. Wörterbuche, Progr. Graz 1884 (Wörter aus 1 Hans Lambel, Das Steinbuch von Volmar H.s v. M. Psalmenübersetzg.). (s. oben), 1. Ausg. 1877 S. XXIX-XXXIII. 6 Sprache (Mundart): Anton Benedict, Üb. 126-34; Kube aaO. S. 55-91. d. Sprache in H.s v. M. „Der meide kränz", 2 Zingerle, Germ. 5, 368-71. Progr. Smichow, 1889. — Stil: Wilh. Müller 3 Wilmanns, ZfdA. 14, 155-62; Schröer, aaO. S. 7 f.; Brinkmann, Üb. Wesen u. Form Germ. 13, 212f.; Roethe, Reinmar S. 157f.; S. 102. 160. Ders., ZfdA. 30, 345-50; Helm, Beitr. 21, 7 Metrik: Benedict, D. Metrik in H.s v. M. 241 ff. „Der meide kränz", Progr. Smichow 1890; 4 Schönbach, Miscellen aus Grazer Hss. Lütcke, Stud. aaO. S. 6 f.; Günther Müller I. Heft, Mitteil. d. hist. Ver. f. Steiermark 46, in Walzels Handbuch S. 77. 1898, 3-22, dazu Strauch, Anz. 26, 212 ff. — 8 Fritz Seelig, Der elsässische Dichter Hans Hoffmann, Verzeichnis der Wiener Hss. S.202. von Bühel, Straßbg. Stud. 3, 1888, 243-335, 214; Schröer, Wien. SB. aaO. S. 457; Goed- s. dazu Behaghel, Germ. 36, 241^16; Katha- eke, Grundr. I 2 , 271. — Burdach, Festschr. rina Büschgens, H. v. B., neue Untersuchun- Mogk, 1924, S. 248-50. — Auch Vintler hat in gen üb. Überlieferung, Reimgebrauch, Persön- den „Blumen der Tugend" Mügelns Ausg. des lichkeit, Bonn. Diss. 1921, Masch.schrift; Val. Max. benutzt, Zingerles Ausg. von Bolte-Poli'vka, Kinder- u. Hausmärchen 3, Vintler (s. ob.) S. XIX-XXI. 1918, 397 ff.; Günth. Müller in Walzels- 6 Schönbach, Miscellen aaO. II. Heft, Mit- Handbuch S. 60 f. — Piper, Höf. Ep. 2, 373. teil. d. hist. Ver. f. Steierm. 47, 1899, dazu 3, 250. Hans von Bühel 467 von Bühel, das seinen Sitz in Niederbühel bei Rastatt (Baden) hatte. Seine Sprache 1 ist niederalemannisch (Elsaß oder südliche Hälfte von Baden). Seine Lebenszeit ergibt sich aus der Datierung seiner beiden Werke 1401 und 1412. Um 1412 stand er in Diensten des Erzbischofs von Köln, Friedrichs von Saarwerden, in Poppeisdorf bei Bonn. Seinen Namen nennt er Diocl. 9437: Hans von Bülhel (so!) man mir giht; bloß der Büheler (-osre): Königst. 1236. 3746, Diocl. 9478. Mit der Königstochter von Frankreich 2 hat Hans von Bühel einen weitverbreiteten, auch das deutsche höfische Epos des 13. Jahrhunderts beschäftigenden Stoff aufgenommen, denn seinem Roman liegt die gleiche Sage 3 zugrunde wie der Erzählung von Mai und Beaflor (s. oben). Der Büheler hatte keine Kenntnis von dem Gedicht des 13. Jahrhunderts, auch spielt seine Geschichte nicht in Rom und Griechenland, sondern in Frankreich und England, aber der Verlauf weicht nicht wesentlich ab. Vollendet im Februar 1401 (s.V. 8221); 8258 Verse. 4 Das Urteil über des Bühelers Dichtweise (von „Kunst" kann man hier nicht sprechen) kann nicht eben günstig lauten. Sein Stil ist volksmäßig, ohne Kunstmittel, im Aufbau ist oft die richtige Folge nicht getroffen, rührselige Szenen gehören zur Volksmäßigkeit. Der Versbau ist ziemlich regelmäßig, auch die Reime sind rein, wobei natürlich mit mundartlichem Schwund der schwachen e zu rechnen ist. 5 Sein zweites Werk, die Bearbeitung der Sieben weisen Meister (Dio- cletianus) wird besser in dem Zusammenhang der großen Erzählungssammlungen zu besprechen sein (s. unten). 1 Sprache: Seelig S. 299-306; Behaghel Germ. 36, 246-57. — Seelig S. 245 ff., Les- aaO.; Zwierzina, Anz. 26 Reg. S. 346.27 Reg. arten S. 263-76. S. 342. 6 Stil: Seelig S. 314-18; Jos. Weller, Üb. 2 Ausg. Theod. Merzdorf, Des Büheler's d. Stil u. die Stilist. Vorbilder der „Königs- Königstochter von Frankr., 1867, dazu Strobl, tochter v. Frankreich", Bonner Diss. 1921, Germ. 12,109-14; Ernst Scheunemann, Mai Masch.schrift; K. Euling, Die Jakobsbrüder u. Beaflor u. H. v. Bühels „Königstochter von von Kunz Kistener, 1899, Reg. S. 129 (Kunst, Frankreich", 1934. — Ältere Lit. s. Kober- Stil, Metrik, Nachahmer Kunz Kisteners); stein l 6 , 323 Anm. 11 ff. Euling, Stud. üb. Heinr. Kaufringer, 1900, 32 3 Sage s. Mai u. Beaflor. — Seelig S. 328 (Lesenovellen); Büschgens aaO. (Metrik). — -35. Hinrich Fitschen, Anrede, Titulierung u. 4 Überlieferung: 2 Straßburger Drucke 1500 Grußformen in d. Romanen Hans v. Bühels, u. 1508: Merzdorf, Vorwort; auch in Görres' Greifsw. Diss. 1913. Volksbücher; Bruchst. einer Hs.: Bartsch, III. ERZÄHLENDE LITERATUR i. DAS RITTERLICHE EPOS Der Abstand von der hochhöfischen Bildung des 13. Jahrhunderts zeigt sich augenfällig bei einem Vergleich der erzählenden Dichtung dieser beiden letzten Jahrhunderte mit dem Epos der Blütezeit. Die wenigen umfangreicheren Epen bestanden jetzt in Verbreiterung von solchen des 13. Jahrhunderts oder aus Sammlungen einzelner kleinerer Erzählungen, die durch einen Rahmen zu einem Ganzen zusammengefaßt wurden. Im übrigen reichte es nur zu kleineren Erzählungen und Schwänken. Das stoffliche Interesse an den Kampf- und Minneabenteuern der gefeierten Helden des 13. Jahrhunderts blieb auch in den beiden ausgehenden Jahrhunderten erhalten, nachdem längst der romantische Geist erloschen war: in den Handschriften wurde jene Literatur durch die Generationen hindurch weiter erhalten und hat ein großes Publikum gefunden. Die Zeit der Schöpfung hatte um die Wende des 13 ./H.Jahrhunderts aufgehört, es kam die des Sammeins. So ist eine der reichhaltigsten mittelalterlichen Bibliotheken Deutschlands, die Heidelberger Universitätsbibliothek, aus dem Sammeleifer des pfalzgräflichen Hauses hervorgegangen. 1 Karlmeinet 2 Nahezu ein Fremdkörper in der deutschen höfischen Epik ist der Karlmeinet durch seinen Ton, der durch Derbheit, ja Roheit niedriger steht. Erzählt wird in diesem Sammelwerk die Lebensgeschichte Karls des Großen von der Jugend bis zum Tode; das Ganze (etwa 35000 Verse) ist eine Kompilation, bestehend aus sechs einzelnen, untereinander lose verbundenen Gedichten, die in der Hauptsache auf niederländische und französische Originale zurückgehen. K Karlmeinet (Keller S. 1-326,9; Piper aaO. S.92-99). Karls Jugend, Flucht nach Spanien und Rückkehr. Als zwölfjähriger Knabe wird Karl von seinem sterbenden Vater Pippin zwei von diesem eingesetzten Reichsverwesern zur Pflege übergeben, diese aber zwingen ihn zu niederen Diensten und wollen ihn beseitigen. Mit Hilfe eines Dieners und treuer Ritter flieht er nach Spanien, wo er im Dienste des heidnischen Königs Galafer einen andern, diesen angreifenden Heidenherrscher besiegt und das Ritterschwert erhält. Er gewinnt die Minne der Königstochter Galia. Dann zieht er nach Frankreich und erringt durch Vernichtung der ungetreuen Reichsverweser die angestammte 1 Hans Wegener, Beschreibendes Verzeich- Charlemagne, 1865 (Neudruck 1906) S. 125-30. nis der dt. Bilder-Handschriften in d. Heidel- 485-90; C. Jecklin, Verhältn. des Karl zum berger Univers.-Bibl., 1927 (Vorwort von R. Karlmeinet, Germ. 22, 147-53; Arendt, Der Sillib). Riese, 1923, 17 f.; Günther Müller, Walzels 2 Ausg. von Adelbert v.Keller, Litt. Ver. Handbuch S. 18. — Hss.: Keller S. 855-7; Nr. 45, 1858. — Abhandl.: Bartsch, Über Piper, Spielmannsdichtg. 2, 91 f. Anm.; Karlm., 1861; Ders., Germ. 6, 28^3. Käntz- Kalff, Tijdschr. v. nederl. taal-en letterk. 4, ler, Annalen d. hist. Ver. f. d. Niederrhein, 196-250; L A. Haas, Neophil. 8, 259-70. 1862; Gaston Paris, Histoire poetique de Karlmeinet 469 Krone, kehrt nach Spanien zurück und entführt die geliebte Galia, die sich in Paris taufen läßt. — Karlmeinet bedeutet „der kleine Charlemagne" (-et romanische Verkleinerungssilbe). Nach dieser nur für das erste Gedicht berechtigten Bezeichnung hat der Herausgeber A. v. Keller den ganzen Zyklus benannt. Dieses erste liet ist aus einem niederländischen Gedichte übertragen, das ein französisches zur Quelle hatte. II. Morant und Galie (S. 326, 10-450, 38; Piper S. lOOf.) ist im Stil und Versbau verschieden von I. Das alte mittelfränkische Gedicht von etwa 1200 s. LG. II, 2, 123-7. 1 III. Ausfüllendes Zwischenstück des Kompilators (S.450, 39-575, 64, Piper S. 101-107), ist ein inhaltlich und formal dürftiges Machwerk: Karls siegreiche Kriege gegen die Sachsen, Langobarden, die Heiden im Heiligen Land und in Spanien. Die Hauptquelle ist Vincentius Bellovacensis Speculum historiale um 1250, dabei auch die mittelniederländische Chronik „Die Brabantsche Yeesten" des Jan de Clerc oder Jan [van] Boendale (abgeschlossen 1316/17). 2 IV. Karl und Elegast (S.575, 65-606, 49; Piper S. 107 f.). Auf Befehl eines von Gott gesandten Engels zieht Karl wider seinen Willen auf Diebstahl aus. Er trifft dabei mit dem Ritter Elegast zusammen, der durch Räubereien sein Leben fristet. Beide treiben dann gemeinsam das Diebeshandwerk; die sittliche Erklärung des seltsamen göttlichen Auftrags ergibt sich am Schluß: Elegast hat bei einem solchen Raubzug Gelegenheit, einen Anschlag auf den Kaiser zu entdecken und rettet ihm dadurch das Leben. Die Sage ist niederländischen Ursprungs und ist auch in einem niederländischen Gedicht behandelt. 3 V. Die Ronceval-Schlacht (S. 606, 50-821, 12; Piper S. 108-13). Quelle ist Konrads Rolandslied mit Benutzung jüngerer erweiterter Rezensionen des franz. Rolandsliedes; viele Abweichungen und Einschübe. 4 VI. Machwerk des Kompilators (S. 821, 13-833, 49; Piper S. 113). Karls Ende. Quelle: Vinc. Bellovacensis. Die Person des Kompilators ist nicht bekannt, er arbeitete um 1320. 1 Dazu jetzt auch Frings, Der Eingang von u. Elegast, nach der Zeitzer Hs. hgb., 1927, Morant u. Galie, Teuthonista 3,192 f., 97-119. dazu Schröder, Anz. 46, 148-53; Schröder, 2 Bartsch S. 53 ff. 385 f. Zum Text des md. K. u. E., ZfdA. 67, 208. — 3 Niederländ. s. Hoffmann v. Fallers- Elegast in der deutschen Lit. u. Volkskunde: leben, Horae Belgicae IV; Kalff, Geschie- J. Grimm, Kl. Sehr. 6, 34-40. 81; Müllen- denis der nederl. Letterk. I, 1887, 118-20; hoff, ZfdA. 13, 182-5; R. Köhler, Germ. 28, Jan te Winkel, Pauls Grundr. l.Aufl. II 187 f. 29, 58 f. u. Kl. Sehr. 2, 1900, 304-7; S. 457,2. Aufl. S. 425; Marie Ramondt, Karel Lunzer, Beitr. 51, 149-95; Bolte-Polivka ende Eleg. oorspronkelijk? Utrechtsche Bij- 3, 127. 379-406; Walth. Benary, „Karl u. dragenXII, 1917, dazu Frings, Anz. 42,144f.; Eleg." in Pommern, Zs. d. Ver. f. Volkskde. R. van der Meulen, De sage van Karel en 23, 1913, 299-302. Elegast bij de Litauers, Tijdschr. v. nederl. 4 Über die Quelle s. Wilhelm, Gesch. d. hand- taal-en letterkde. 32, 1913. — Außer dem schriftl. Uberlieferg. von Strickers Karl d. Gr., mittelniederl. Gedicht und dem mfrk. im Karl- 1904, S. 12-7 (gegen Bartsch S. 87-208, bes. meinet gab es eine abweichende md. (westl. S. 91 ff.); Üb. die Quellen des Karlmeinet: Rheinfranken) Version aus dem 14. Jh., Bech, L. A. Haas, Neophilologus 8, 1921, 259 ff. Germ. 9, 320-27; Jos. Quint, Der md. Karl 470 Erzählende Literatur Die mittelfränkische (kölnisch-rheinische) Sprache 1 hat in sämtlichen Gedichten des Cyklus den gleichen Typus, aber doch läßt sich in den einzelnen Stücken die Verschiedenheit der Verfasser erkennen; auch im Versbau. Der Kompilator war ein in der Literatur, der französischen, niederländischen und deutschen, belesener Mann; er muß eine lateinische Schulung durchgemacht haben. Aber er war kein schöpferisches Talent und besaß weder poetischen noch sprachlichen Sinn. Seine Übersetzungsweise besteht in unselbständiger Wiedergabe der Vorlage, seine Arbeit beschränkt sich auf Umsetzung in die ihm geläufige mittelfränkische Mundart. In den selbstgemachten Teilen (III und VI) zeigt er sich als unbeholfener Reimer mit wenig eigenen Gedanken. Die feine Ritterkultur, aus der das höfische Epos hervorgegangen ist, besaß er nicht. Hier sei ein erst der zweiten Hälfte des 14. Jh.s zugehörender Ritterroman angeschlossen, der noch auf höfischem Geiste aufgebaut ist: Johan üz dem Vir giere. 2 Es ist die Bearbeitung einer — verlorenen — mittelniederländ. Dichtung von einem Rheinhessen, der in der Einleitung V. 27 selbst angibt, daß er das Buch aus dem Flämischen ins Deutsche gebracht habe. Er war wohl ein Fahrender, der für höfische Kreise schrieb. Den Titel nach dem Namen des Helden, der im Text in dieser Form einige Male vorkommt, hat der Schreiber in der Überschrift gegeben. Der Stoff gehört einem weiten Literaturkreise an, der besonders in der altfranzösischen Literatur Verwandte hat (Priebsch S. 1-29). Inhalt. Der Kaiser Sigemunt findet in seinem Garten (baumgarten, virgiere [viridiariumj V. 49ff) ein wunderschönes Knäblein, daneben ritterliche Kleidung und Rüstung. Er läßt es höfisch erziehen zu einem ritterlichen Jüngling. Einmal, im Zorn, nennt ihn die Kaiserin einen Findling (377). Auf Bitten des Kaisers bleibt der schwer Gekränkte doch bei ihm und leistet ihm durch tapfere Taten große Dienste; die Kaiserstochter liebt ihn. Im Kampfe mit einem Grafen Ruprecht von Artois erkennen sich beide als Vater und Sohn (2524). Auf des Vaters Rat geht er in die Dienste des Königs von Frankreich, wo er weitere Heldentaten vollbringt. Am Schluß gibt ihm der Kaiser Tochter und Krone. 3129 Verse. Hinsichtlich der Form ist das Gedicht geringwertig; der Versbau ist nachlässig, die Reimtechnik ärmlich. Anklänge an Wolfram und Konrad von Würzburg lassen auf Belesenheit in höfischer Literatur schließen. Der Stoff ist noch in einer zweiten Fassung vorhanden, in einem niederländischen Volksbuch, Prosa, das am Ende des 16. Jh.s gedruckt wurde (Priebsch S .60 f. und in Faksimile abgedruckt in der zweiten Hälfte der Ausgabe). 1 Sprache: Bartsch S.217-384; Frings, Teu- die Hs. ist jetzt in der'Berliner Staatsbiblio- thonista aaO. ■— E. Müller, Stiluntersuchg. thek. Ausg.: Rem. Priebsch, Germ. Bibl. des „Karlmeinet", Bonn. Diss. 1931. II. Abteil. 32, 1931, dazu Ludw. Wolff, Anz. 2 Aufgefunden von R. Priebsch in einer 51, 195-97; Schröder, DLz. 1931, 2176-79; Hs. von Cheltenham, s. Priebsch, Dt. Hss. Piquet, Rev. germ. 23, 1932,42f. in England I, 1896, 98 u. 241-83 (Auszug), Parzifal 471 Parzifal von Claus Wisse und Philipp Colin 1 Etwa fünfzig Jahre nach der Abfassung des Lohengrin, 1331-36, machten sich zwei Straßburger Bürger daran, Wolframs Parzival zu vervollständigen. Dieser „neue Parzefal" von Claus Wisse und Philipp Colin ist eine Zutat von 36420 Versen zwischen dem Buch 14 und 15 von Wolfram, wozu noch kleinere Einschaltungen besonders im 14. und 15. Buche kommen. 2 Über die Entstehung dieses Monstrums berichtet ausführlich ein Epilog des Philipp Colin (V. 36420-984). Dieser, ein cluogergoltsm.it von Straßburg, hat das Buch von Wälsch in Deutsch gereimt, Claus Wisze dichtete den Anfang (also fiel dem Colin die Hauptarbeit zu); den Gönner, Ulrich von Rappoltstein (aus mächtigem oberelsässischem Geschlechte) bettelt Philippe^ Colin der goltsmit an, seine freigebige Hand zu öffnen, auf daß er wieder Goldschmied werden könne. Der Jude Samson Pine war Dolmetscher. Fünf oder mehr Jahre sind ob diesem Buch verzehrt; Colin hat berechnet, daß es zweihundert Pfund kosten kann. Ganz naiv gibt hier der biedere Bürger seinen Lebensinhalt zum besten; auch ein Standpunkt, nur kein poetischer! Die ritterliche Dichtung ist nur noch bloßer Unterhaltungsstoff, die einstige Idealromantik nur mehr äußerer Behang, auch in den vielen frostigen Minnegesprächen; keine Spur mehr von gleichgestimmtem innerem Miterleben. Ein sprechendes Beispiel für den veränderten und verödeten Ungeist der Zeit! Das französische Buch, das dem Herrn Ulrich v. Rappoltstein zukam, die Quelle, war jene große Fortsetzung von Chrestiens Perceval, die von drei Nachahmern veranstaltet wurde. 3 Die Übersetzung schließt sich dem Original eng an; die Verse sind nachlässig, es kommt nur darauf an, daß gereimt ist. 4 Für die Tochter des Pfalzgrafen Ludwig III., die Erzherzogin Mechthild von Österreich zu Rottenburg am Neckar, Gemahlin des Erzherzogs Albrecht VI. (von Vorderösterreich), dichtete der bayerische adelige Landrichter Jakob Püterich von Reichertshausen (1400-69) im Jahr 1462 seinen Ehrenbrief 5 in 148 Titurelstrophen nach der Anordnung der mhd. Privat- 1 Lit.: Piper, Wolfram 1,119; Panzer, Wolf- Weston, The Legend of Sir Perceval Bd. 1. ram-Bibliographie S. 27. — Ausg.: Karl 43f. Schorbach 1888, dazu Stosch, Anz. 19, 3 Siehe LG. II, 2, 233. 300-07; Schröder, DLz. 1888, 1039; Be- 4 K. Marquardt f, Die Verskunst des Neuen haghel, Lbl. 1890, 136f. — Abhandl.: San- Parzifal, hgb. v. Else Habering 1916, dazu Marte, ZfdPh. 22, 287-311. 427-54; Gol- Habermann, DLz. 1918, 501-03; Götze, ther, Gralb. S.254-57; Ders., Parz. in der dt. Lbl. 1918, 170f. Lit. 1929, 39; K. Heller, Studies on the 6 Hgb. von Th. v. Karajan, ZfdA. 6, 31-59; Alsatian Parzival, The Germ. rev. 5, 1930, Arthur Goette, 1899, auch Straßb. Diss. 109-26; s. LG. II, 2 Reg. S. 341*». 346 c ; Alb- (Ausgabe mit Abhandlungen: Leben, Inhalt, Wilder Thompson, The Elucidation a pro- Verskunst, Sprache, Texterklärung), dazu logue to the conte del graal, New York 1931; Strauch, Anz. 28, 58-60. — Uhland, Schrif- dazu Golther, Lbl. 1933,375f., 2 Hss. (davon ten 2, 250-55; Scherer, Die Anfänge des dt. eine, Donaueschingen, wahrscheinl. das Ori- Prosaromans, QF. 21, 1877, S. 16ff.; E. Mar- ginalmanuskript); Schorbach S. IX-XVIII. tin, Die Erzherzogin Mechthild, Zs. d. Ges. 2 In das 2. Buch Wolframs ist ein ,Prologus' z. Ford, der Geschichtskunde, Freiburg i. Br. von 500 Versen von Claus Wisse eingeschaltet, 1870, u. Ausgabe des „Hermann v. Sachsen- Schorbach S. LVII-LXX; s. auch Jessie L. heim" (s. daselbst) S. 11; Ph. Strauch, Pfalz- 472 Erzählende Literatur briefe: 1. Str. 1-29 Gruß (salutatio) mit Dienstentbietung in den Formeln des Briefstils; diese gehen über in die Formen höfischer Galanterie, aus denen aber der der Durchleuchtig. Hochgebornen Fürstin untertänige Diener die Töne des Frauendienstes gewaltsam zurückdrängt, denn Ein man von Sechczig Jaren soll Amorschaft vermeiden. 2. Str. 30-144 der Hauptteil des Briefes, die Mitteilung (narratio): a) Aufzählung der turnierfähigen bayerischen Adelsgeschlechter (es sind 129), woran sich wieder persönliche Berichte an die Erzherzogin reihen, sowie die Überreichung eines Paars Schuhe, die er in Rom für ihre kleinen Füße gekauft hat (31-91). b) Ein literaturgeschichtlicher Abschnitt (92-144): 164 Bücher besitzt er im ganzen, Ritterromane und Legenden; davon zählt er eine große Anzahl auf, außerdem noch 23 Bücher, die er unter den von der Herzogin leihweise ihm angebotenen Werken nicht selbst zu eigen hat. Am höchsten verehrt er Wolfram, den er auch für den Verfasser des jüngeren Titurel hält; um die Stätte von Wolframs Begräbnis zu sehen und daselbst für dessen Seelenheil zu beten, reitet er zwanzig Meilen nach Eschenbach, und hier nun beschreibt er das Epitaphium des Dichters, c) Der Briefschluß (conclusio) mit Datum, Unterschrift, Adresse (Str. 145-148); Widmung in einem Akrostichon (Str. 5-47). Aus Wolframs eigenartigem Stil ist durch den jüngeren Titurel hier ein manieriertes Kauderwelsch geworden. Dits gemächt (Str. 145) ist nahezu unverständlich, aber das galt wohl gerade als ein besonderes Zeichen von Kunst. Ulrich Füetrer Gegen Ende des 15. Jh.s trat eine Neubelebung der Idee des Rittertums ein; Symbol dafür ist die Gestalt Kaiser Maximilians I., des „letzten Ritters". Sie kommt zur Erscheinung in äußeren Formen, wie in Regelung des Turnierwesens; in der Literatur findet sie den monumentalsten Ausdruck in dem „Buch der Abenteuer" des Ulrich Füetrer. 1 Dieser, aus Landshut gebürtig, seines Zeichens fürstlicher Wappenmaler in München, stellte für Herzog Albrecht IV. von Baiern um 1490 in dem genannten Werke einen Zyklus von Abenteuerromanen zusammen im Anschluß an den jüngeren Titurel 2 und in der gleichen strophischen Form (Widmung in einem Akro- gräfin Mechthild in ihren litterarischen Be- manns Iwein, Progr. Berlin 1890 S. 6-8; Ziehungen, 1883, dazu Anz. 9,309; Schiller, Fritz Kübler, Ulr. Füetrers Yban u. Hartm. ZfdA. 27, 278-83; Burdach, Centralblatt f. v. Aues Iwein, Tübing. Diss. 1924, Masch.- Bibliothekswesen V, 1888, H.3 S. 122f.; Ders., druck; Alice Carlson, Ulr. Füetrer u. sein Vorspiel 1,2,70ff.; Ältere Lit.: Roethe, ADB. „Iban", Münch. Diss. 1927, dazu Alfr. Hüb- 26,744-46; Wackernagel, LG. 2 , Reg. S.493; ner, Anz. 50, 205f.; R. Zenker, ZfrzSpr. 51, Goedeke, Grundr. 2 S. 333 f. 484-91; Über Füetrers Lanzelot s. oben Ulr. 1 Lit.: Bartsch, ADB. 8, 217; Koberstein, v. Zatzikhoven; Emil Öhmann, Die franz. Grundr. I 6 , 324f.; Piper, Höf. Ep. 3, 118f.; Wörter in Ulr. Füetrers „Iban", Neuphil. Panzer, Bibliogr. zu Wolfram S. 29f.; Erich Mitteil. 32, 1931, 71-84, — 4 Hss.: Panzer, Petzet, Catalogus cod. manu Script. Bibl. Merlin S. VII-XXIII; Singer, ZfdA. 38, Monac. Tom. V pars I S. lf. — Abhandl. 205f.; Henrik Becker, Das Epos in der dt. s. oben Albrecht v. Scharfenberg: Panzer, Renaissance, Beitr. 54, 201-68; R. Newald, Stiller, Hamburger, Probst; Emil Hen- Stammlers Verfasserlex. 1, 783-89. rici, Ulr. Füetrers Löwenritter, ZfdA. 34, 2 Inhalt: Panzer, Merlin S. XXIII-XXXIII 170-78; Ders., Die Nachahmer von Hart- Petzet aaO. Ulrich Füetrer. Ritterliches Epos des 15. Jahrhunderts 473 stichon Str. 10-29). Begonnen wird kurz mit dem Anfang der Templeisen, worauf ein längerer Abschnitt aus dem Trojanerkrieg und Aeneas (nach Konrad v. Würzburg) erzählt wird; die einzelnen Romane sind dann nach dem Inhalt als Gral- und Artusdichtungen aneinandergereiht: Merlin (von Albrecht v. Scharfenberg) als Vorgeschichte des Gral, Wolframs Titurel, Parzival, die Krone, Lohengrin und Parzivals Gralkönigtum; als zweite Gruppe: Wigalois (nach der Prosa von 1472), Seifrid de Ardemont (von Albr. v. Scharf.), Meleranz, Iwein, Persibein, Poytislier, Flordimar, Lanzelot vom See. Den Lanzelot hatte Ulrich Füetrer schon vorher in Prosa bearbeitet; außerdem schrieb er eine bayerische Chronik in Prosa, a. 1478-81. Als Verehrer Wolframs ahmt er dessen Stil und den des jüngeren Titurel nach; Jakob Püterich kannte und schätzte er persönlich. Die Originale, nach denen er seine Sammelarbeit herstellte, übertrug er zum Teil genau, andrerseits auch wieder nur in allgemeinen Umrissen; oft auch bringt er eigene Einschiebsel an. Im Ausdruck ist er schwerfällig; das schwierige Versmaß kann er nicht beherrschen. Durchaus unselbständig, hat er doch einen offenen Sinn für die höfische Vergangenheit. 1 Sein historisches Interesse bezeugt auch die Herstellung einer bayerischen Chronik, Beschreibung vom Herkommen des Hauses Bayern, Prosa, die er auf Rat des Herzogs Albrecht von Bayern in den Jahren 1478-81 schrieb. 2 Ritterliches Epos des 15. Jahrhunderts Dem karolingischen Sagenkreis gehören, wie der Karlmeinet, einige spätere um die Mitte des 15. Jh.s verfaßte Rittergedichte an:Reinolt von Mont- alban (oder Die Haimonskinder), Malagis, Ogier von Dänemark. 3 1 Paul Hamburger, Untersuchungen über ZfdPh. 5, 271-93. — Jos. Hansen, Die Rei- Ulr. Füetrers Dichtg von dem Gral und der noltsage u. ihre Beziehung zu Dortmund, Tafelrunde, I. Zur Metrik und Grammatik, Forsch, zur dt. Gesch. 26, 104-21; Ders., Stil und Darstellungsweise, Straßbg.Diss. 1882. Germ. 32, 381 f., dazu Pfaff, ebda 32, 507f. 2 v. d. Hagens Grundriß z. Gesch. der dt. Bruchstücke aus diesen Romanen sind Poesie, 1812, 170 f.; Kluckhohn, Über die schon früher gedruckt worden, s. Koberstein bayer. Geschichtsschreiber Hans Ebran von l 6 , 322 Anm. 2, die franz. Romane s. ebda Wildenberg u. Ulr. Füetrer, Forsch, zur dt. Anm. 3; Bobertag, Gesch. d. Romans I, 80 Gesch. 7. H. 1. u. Reg. II, 207; Mackensen, Die dt. Volks- 3 Veröffentlicht ist bis jetzt nur der Reinolt: bücher, 1927, 72f. u. Reg. S. 148. Fr. Pfaff, Rein. v. Montelban oder Die Hei- Das deutsche Volksbuch von den Haimons- monskinder, Litt. Ver. 174, 1885; Gust. kindern, 1535, stammt aus der franz. Prosa. Schwab, Buch der schönsten Geschichten, In der neuen deutschen Literatur sind die 1836; Ders., Volksbücher des Lahrer Hinken- Haimonskinder bekannt durch Tiecks Volks- den Boten Nr. 684-93,1888; Alb. Bachmann, märchen 1797 und durch die Dichtung von Die Haimonskinder in dt. Übersetzung des Ludwig Bechstein 1830. — Görres 1807, 99 16. Jh.s hgb., Lit. Ver. 206, 1895; Heinz -131; Simrock; Gust. Schwab, Buch der Kindermann, Dt. Lit. in Entwicklungsreihen, schönsten Gesch., 1836ff.; Fr. Pfaff, Das dt. Reihe Volks-u. Schwankbücher I, dazu Schrö- Volksbuch von den Heymonskindern nach der, Anz. 48, 210f. — Kochendörffer, Die dem Niederländ. bearbeitet von Paul v. d. Hss. des Reinolt v. Montelban, Anz. 12, 253- Aelst, 1887; Pfaff, Der Verf. des dt. Volksb. 56.13,397-410; Bobertag, Gesch. d. Romans von den Heymonskindern, ZfvglLitGesch. 1, I, 61 ff. u. Reg. II, 199; Pfaff, Germ. 32, 1887, 167-69; Kindermann, Dt. Dichtg in 49-65.33,31-33 (Stellen). 34-45. — Eine mit- Entwicklungsreihen, Volks- und Schwank- telfränk. Prosa „Historie van Sent Reinolt" bücher I, 1928; Herm. Braun, Sprache u. (wohl 15. Jh.) ist hgb. von Reifferscheid, Vers in der Heidelberg. Hs. des Ogier, Heidelb. 474 Erzählende Literatur Zugrunde liegen französische Chansons de geste, die ins Niederländische übertragen wurden, 1 wobei noch niederländische Reimwörter stehenblieben. Die älteste Nachricht von diesen Romanen besitzen wir in Püterichs Ehrenbrief (1462) Str. 98. 99 (s. oben), der erwähnt, daß sich in der Büchersammlung der Pfalzgräfin Mechtild, Tochter des Pfalzgrafen Ludwig III., Gemahlin des Erzherzogs Albrecht VI. von Österreich, 2 Malagis, Reinhart (d. i. Reinalt!), Margareth von Lünburg (d. i. Limburg!) befanden. In die Heidelberger Bibliothek kamen zwei Malagis-Hss. (Bartsch, Katalog S. 75 f. u. S. 82 [diese, gezeichnet 1474, aus dem Besitz des Grafen Eberhard von Württemberg, des Sohnes der Mechtild]), zwei Reinalt (Bartsch S.82 [= der eben genannten Malagis-Hs.] und S. 130, geschrieben 1480) sowie eine Ogier- Hs. (geschrieben 1479, Bartsch S. 108). Die Sage von Reinolt (Gervinus 25, 219-23), bekannter unter dem Namen „die Haimonskinder", gehört zu den Kämpfen Karls d. Gr., eigentlich Karl Martells. Karl kämpft gegen aufrührerische Vasallen, vier Söhne Hai- mons von Dordogne, deren einer, Reinolt von Montelban, das treffliche Roß Bayard besitzt. Der Roman Malagis (Gervinus 2 5 , 218f.) ist inhaltlich verbunden mit dem Reinolt, indem Malagis ein Vetter der Haimonskinder ist, ein Zauberer wie Merlin, der mit List wunderbare Künste verrichtet. — Der niederländische Roman von Ogier (Gervinus 2 5 , 223f.) zerfällt in zwei Teile: 1. Ogiers Kindheit und seine Heldentaten gegen die Sarazenen; 2. ein Abenteuerroman: Kämpfe gegen Karl d. Gr.; Ogier kommt in den Kerker und wird befreit, weil er allein Karl gegen den sächsischen König beschützen kann. Der in diesen niederländischen Dichtungen herrschende Ton ist roh, ja oft gemein und steht weit ab von der früheren ritterlichen Maße. Die deutschen Übersetzungen waren, aus der des Reinalt zu schließen, ungeschickt, im Stil und in der Metrik verlottert. Das mittelniederdeutsche Gedicht (Mitte 14. Jh.? 2645 V.) Valentin und Name los 3 hat die gleiche Entwicklungsgeschichte wie die eben genannten spätritterlichen Epen. Die Quelle ist ein verlorenes französisches Gedicht; aus Diss. 1925, Masch.druck. Über die verschie- Valentin u. Orson, 1884, dazu Schröder. denen Meinungen betr. den Urheber aller drei Anz. 11,116-22, J. Franck, DLz. 1884, 1914f. deutschen Übersetzungen s. Koberstein l 6 , Sprenger, Lbl. 1885, 9-11. — Seelmann, 322Anm.4. Nd. Jahrb. 10, 1884, 160-62; Ders., Nd. 1 Die niederländ. Romane s. Jan te Winkel, Korrbl. 16, 1892, 95; E. Beta, Untersuch, zur Geschiedenis der Nederlandsche Letterkunde I, Metrik des mnd. Val. u. Nam., Leipzig. Diss. Haarlem 1887: Renout van Montalbaen of 1907; Stammler, Hansische Geschichtsblätter De vier Hoemskinderen S. 136-39; Maleghijs 1919 S. 44; Ders., Gesch. der nd. Lit., 1920 S. 139f.; Ogier S. 133f.; Valentijn en Namelos S.48; Ders., Mnd. Leseb., 1921 S. 79-82 u. S. 208-12; Roman van Heinric ende Margriete 141 (Lit.). — Stellen: Sprenger, Nd. Jahrb. vanLimborch S. 218-29. 19, 1893, 108f.; Damköhler, ebda 21, 1895, 2 Martin, Erzherzogin Mechtild, 1871; 125f. — Bobertag, Gesch. des Romans I, Strauch, Pfalzgräfin Mechtild in ihren litterar. 68 f.; Goedeke, Grundr. I 2 , 463; Wacker- Beziehungen, 1883, dazu Anz. 9, 309 f. nagel, LG. I 2 , 454; Koberstein l 6 , 321 s Grundlegend: W". Seelmann, Valentin und Anm. 1 (Lit.); Jellinghaus, mnd. LG. in Namelos. Die nd. Dichtung. Die hd. Prosa. Pauls Grundr. II 2 , 1901, 378 (andere mnd. Die Bruchstücke der mndld. Dichtung nebst Ritterromane s. ebda); Diepering, Stud. zu Einleitg. Bibliographie u. Analyse des Romans Valentin u. Namenlos, Haarlem 1933. Ritterliches Epos des 15. Jahrhunderts 475 dem Mittelniederländischen ist es übertragen, aber diese Vorlage ist nur in Bruchstücken erhalten. Das niederdeutsche Gedicht wurde ziemlich wörtlich ins Mitteldeutsche übersetzt, von diesem md. Valentin ist aber nur 1 Pergamentblatt erhalten, während eine md. Prosabearbeitung (Hs. 1465) vollständig ist. Das mnd. Gedicht wurde in schwedische Prosa übertragen, 1 15. Jh. Eine besondere Gruppe bildet das Volksbuch Valentin und Orson, entstanden gegen Ende des 15. Jh.s in Frankreich, und von da aus übertragen ins Englische, Niederländische, Italienische, Isländische sowie ins Deutsche von Wilhelm Ziely aus Bern 2 1511,1521 bis 1605 fünfmal gedruckt. König Pipins Schwester Phyla wird Gattin des Ungarnkönigs Crisostomus und wird von dessen Mutter und einem Bischof verleumderisch des Mordes ihrer Zwillinge beschuldigt. Die Knäblein werden einer Dienerin zur Tötung übergeben, diese aber setzt das eine in einem Kästchen in einen Teich aus, das andere bringt sie in den Wald. Pipins Tochter Clarina findet das Kästchen, zieht das Knäblein auf und nennt es Valentin. Phyla wird zur Verbannung verurteilt, aber von einem treuen Ritter begleitet. Valentins tapfere Taten: er befreit den König von einem bösartigen Tier, das sich als ein verwilderter Mensch herausstellt und Namelos getauft wird. Folgen eine Reihe von abenteuerlichen Erlebnissen der beiden Brüder Valentin und Namelos bei dem König von Arabien und sonstwo. Die abwechslungsreiche Geschichte schließt mit der Hochzeit Valentins und der Wiedervereinigung des Namelos mit seiner Geliebten. Das zuletzt zu nennende, aus dem Niederländischen bearbeitete spätritterliche Epos, Margarete von Limburg oder Die Kinder von Limburg, gehört seinem Inhalt nach der Geschichte einer anderen Zeit an: es ist eine Episode aus den Kreuzzügen. Der Held des Romans ist Heinrich von Limburg, d. i. Herzog Heinrich IV., der 1227-30 im Kreuzzug Friedrichs IL Oberbefehlshaber des christlichen Lagers war; seine Schwester ist Margarete. Geschichtliche Tatsachen werden frei vorgebracht. Der Stoff ist ein Sammelsurium aus einer Anzahl anderer Romane. Margarete wird durch Seeräuber an den Grafen von Athen verkauft; Liebe zwischen ihr und dem Sohn des Grafen; die böse Schwiegermutter; ihr Bruder Heinrich vollbringt alle möglichen Abenteuer; Schluß: die Heiraten Heinrichs und Margaretens (23610 V.). — Der deutsche Übersetzer ist Johann von Soest, mit seinem Geschlechtsnamen Johann Grumelkut. 3 Über sein Leben sind wir unterrichtet durch eine gereimte Selbstbiographie (1696 V.). Er war 1448 als Sohn eines Steinmetzen in Unna in Westfalen geboren: Herzog Johann I. von Cleve nahm ihn in seine Singschule auf, dann ging er mittellos auf die Wanderschaft, fand 1 Fritz Karg, Die altschwed. Erzählg von Heidelberger Hss. S. 22; Wegener, Bilderhss. Val. u. Nam., Festschrift Mogk 1924, 197-230. d. Heidelberg. Univ.-Bibl., 1927, 98; Wilh. 2 Baechtold, Gesch. der dt. Lit. in der Wirth, Johann von Soest, Sängermeister in Schweiz S. 440-42; Bobertag aaO. Heidelb. u. Bearbeiter des Romans „Die Kin- 3 Lit. s. Koberstein l 6 , 322 Anm.4. 324 der v. Limburg", Heidelberger Diss. 1928 Anm. 4. 324 Anm. 17-19. — Gervinus 2 5 , (mit vollständ. Lit.). — Jan te Winkel, Ge- 224-26; Pfaff, Allg. conserv. Monatsschr. schiedenis d. nederl. Letterk. I, 218-29. 1887. 147ff. 247ff.; Bartsch, Katalog der 476 Erzählende Literatur Anstellung in Kassel, wurde dann Singermeister in Heidelberg, wo er von 1472 bis 1495 am Hofe der kurpfälzischen Fürsten Leiter der Hofkapelle war, wurde später Arzt in verschiedenen Städten, zuletzt in Frankfurt, wo er seine gereimte Lebensbeschreibung verfaßte und 1506 starb. Die Kinder von Limburg (niederländisch von Heinric van Aken, 1280 bis 1317) widmete er dem Kurfürsten Philipp von der Pfalz frühestens 1476. Er verfaßte außer den Kindern von Limburg und der Lebensbeschreibung noch: Dy gemein Bicht (einen Beichtspiegel, hgb. K. v. Bahder, Germ. 33, 129-58); ein Gedicht von der unbefleckten Empfängnis; „Wie man wol eine Stadt regieren soll"; (Anz. f. Kunde der dt.Vorz. 1865, 468); ein Spruchgedicht „Zu lob und eer der Statt Franckfortt"; ein Gedicht zur Erklärung des Textes der Evangelien auf die meisten Sonn- und Feiertage des Jahres (die Lebensbeschreibung und das Spruchgedicht sind abgedruckt in v. Fi- chards Frankfurt. Arch. I, 1811). — Die Darstellung ist realistisch, doch besitzt der Dichter poetische Fähigkeiten; die Sprache ist hochdeutsch, doch stark mitteldeutsch gefärbt; Versbau alternierend, Verse vierhebig, weiblich wie männlich endende (23610 V.). Zum Abschluß der epischen Dichtung des 15. Jahrhunderts möge noch ganz kurz der beiden Romane des Kaisers Maximilian L, des letzten Ritters (1459-1519), gedacht sein. Die Dichtung „Teuerdank" stellt die Brautwerbung des Kaisers um Maria von Burgund in allegorischer Einkleidung dar, indem die Personen Fürwitig, Unfalo und Neidelhart seine Brautfahrt hemmen. Zum Nachteil der Darstellung ließ der Kaiser das Gedicht durch Marx Treizsaurwein und später durch den Kaplan Melchior Pfinzing überarbeiten. Die Prosaerzählung „DerWeißkunig" ist eine Selbstbiographie der früheren Jahre Maximilians (umfassend die Zeit 1450-1513), die Treizsaurwein ebenfalls durcheinander brachte. 1 2. VERDEUTSCHUNG VON NOVELLENSAMMLUNGEN DER WELTLITERATUR Diokletians Leben Im 14.15. Jahrhundert wurden die großen, der Weltliteratur angehörenden Novellensammlungen verdeutscht, als deren erste Diocletianus Leben des Hans von Bühel 2 anzuführen ist. Das Buch ist, wie der Dichter am Schluß (V. 9478 ff.) mitteilt, im Jahr 1412 abgefaßt, als er am Hofe des Erzbischofs 1 Der Teuerdank; ist gedruckt 1517. 1519. Mystik zum Barock S. 186-88. 484 (Lit.); 1537; neue Ausgabe: K. Haltaus, 1836; Castle, Merker-Stammlers Reallex. II, 587ff. Goedeke, 1878; der Weißkunig ist erst 1775 Weißkunig hgb. A. Schultz, Jahrbuch der gedruckt.—O. Bürger, Beiträge zur Kenntnis kunsthistor. Sammlungen des Kaiserhauses des Teuerdank, 1902; Jos. Strobl, Kaiser Bd. 6, 1887. Maximilians I. Anteil am Teuerdank, 1907; 2 Hans v. Bühel s. oben. — Ausg.: Adelbert Ders., Studien über die literarische Tätigkeit Keller, Dyocletianus Leben von H. v. B., Kaiser Maximilians L, 1913 (Weißkunig); 1841. — 1 Hs. (Basel): Keller S. 5. 37; Clemens Biener, Die Fassungen des Teuer- Seelig, Straßburg. Stud. 3, 1888, 243-335, dank, ZfdA. 67, 177-96; Stammler, Von der Hs. S. 251 ff. — Siehe unten Volksbücher. Diokletians Leben 477 von Köln, Friedrichs von Saarwerden, in Poppeisdorf bedienstet war. Als eine deutsche Bearbeitung der Sieben weisen Meister, der Historia Septem Sa- pientum, betrifft es einen Stoff der Weltliteratur. 1 Eine lateinische Prosa wurde in deutsche Prosa übersetzt, und diese letztere hat der Büheler in Verse gebracht (V. 9443 ff.) und den Namen Diocletianus nach dem Helden der Rahmenerzählung gegeben. 2 Diese Einkleidung schickt voraus: Diocletianus, der Sohn des Kaisers in Rom, wird von sieben weisen Meistern (Lehrern) erzogen. Erwachsen kehrt er an den Hof zurück, wo er sich einem Sternenorakel folgend stumm stellt. Die Kaiserin, seine Stiefmutter, sucht ihn zu verführen, und, da er ihr nicht zu Willen ist, beschuldigt sie ihn, er habe ihr nach der Ehre getrachtet. Er wird zum Tod verurteilt. Die sieben Meister schieben die Vollziehung dadurch sieben Tage hinaus, daß jeder eine Geschichte, ein bispel, erzählt, der die Kaiserin jeweils eine andere gegenüberstellt; eine fünfzehnte, die der Sohn, Diocletianus, sein Schweigen brechend vorträgt, beschließt die ganze Erzählungsreihe, wonach also der Hauptteil des Gedichtes eine Novellensammlung ist. Der Sohn erweist die Kaiserin als Ehebrecherin, indem er ihre Lieblingskammerfrau als Mann entlarvt (durch Auskleiden), worauf beide verurteilt werden. — 9494 Verse. Der Grund zur tragischen Verwicklung in der Rahmenerzählung ist der gleiche wie in des Bühelers Königstochter: die Verleumdung durch eine Frau, dort durch die Schwiegermutter, hier durch die Stiefmutter. Der Dichter bittet wegen dieser kränkenden Darstellung der Frau die lieben frowen gut um Entschuldigung (Diocl. V. 9457 ff.). Außer dem Gedicht des Bühelers gab es noch ein anderes von einem unbekannten Verfasser, ebenfalls aus dem Lateinischen übertragenes Werk, das überschrieben ist: Hie heut Sich an eyn puoch das man nennt gesta Romanorum, das sprich (t) ...der Sitte ader die getatt der Romer, und spricht auch de Septem sapientibus usw. Es ist kürzer (etwa 7300 Verse enthaltend) als das Werk des Hans v. Bühel und minderwertiger. 3 Aber die Erzählung von den „Sieben weisen Meistern" war im Deutschen weit verbreitet durch eine Prosa, die in verschiedenen Versionen umlief. 4 Endlich sind die „Sieben weisen Meister" unter die Volksbücher aufgenommen worden (Bobertag, Gesch. d. Romans I.Abteil. l.Bd., 1876, 118-24; modernisierte Ausg.: R. Benz, 1912). 1 Die Heimat ist Indien, von wo aus sich die Gedicht von den sieben weisen Meistern, Bresl. Erzählung ins Persische, Arabische, Türkische, Diss. 1891. — Ältere Lit. s. Koberstein, Hebräische, Griechische, Lateinische und von Grundr. 1°, 341 Anm. 24. hier aus ins Italienische, Spanische, Französi- 4 Keller, Diocletianus Leben S. 37-42; sehe, Englische, Skandinavische, Deutsche Goedeke, Grundr. I 2 , 348-51; Piper, Höf. verbreitete (Keller, Ausg. S.7-42, dazu Ep. 3, 250f.; Gervinus 2 2 , 329; M. Murko, Seelig S. 280-94; Keller, Li romans des Beiträge z. Textgeschichte der Historia sept. sept sages, 1836; Carl Leo Cholevius, Gesch. sap., ZfvglLittGesch. NF. 5, 1892, H. 1 u. 2; d. dt. Poesie nach ihren antiken Elementen I, Jakob Schmitz, Die ältesten Fassungen des 1854, 259 ff.). deutschen Romans von den sieben weisen 2 Also endet sich Dyocletianus leben, 9434. Meistern, Greifsw. Diss. 1904; W. K. Zülch, 3 Ausg.: Keller, Ad. Gedichte, 1846 S. 15 Hans Dirmstein, Stammlers Verfasserlex. 1, -241. — Paul Paschke, Üb. d. anonyme mhd. 439 f. 478 Erzählende Literatur Buch der Beispiele der alten Weisen Eine andere der Weltliteratur angehörende Sammlung von kleinen Erzählungen, Novellen, Fabeln (bispel) ist das Buch der Beispiele der alten Weisen, 1 das Antonius von Pforr, Kirchherr zu Rottenburg am Neckar, für den Grafen Eberhard von Württemberg (1482-96) aus dem Lateinischen in gewandter schwäbischer Sprache übersetzte. Er nennt seinen Gönner und dann sich selbst in einem Akrostichon der Anfangsbuchstaben der ersten Absätze (Holland S. 1-31 u. 54-68 [od. 69]): Eberhard Graf zu Wirtenberg attempto Anthonyus von PforfeJ, attempto (attento) ist der Wahlspruch des Grafen; Anthoni von Pforr, aus einer angesehenen Breisacher Patrizierfamilie stammend, begegnet urkundlich mehrfach zwischen 1455 und 1477. 2 — Das Buch der Beispiele der alten Weisen hat seinen Ursprung in Indien und ging von da über ins Persische (Fabeln des Bidpai), Arabische (Kaliiah ve [und] Dimnah), Türkische, Griechische (um 1100), Hebräische (vor 1250), Lateinische (Johannes v. Capua um 1270), von da in die abendländischen Volkssprachen; 3 das deutsche Buch hatte eine lateinische Vorlage, Johannes v. Capua oder eine verlorene. Gesta Romanorum Die verbreitetste solcher Sammlungen von Erzählungen sind die lateinischen Gesta Romanorum, 4 die in 138 vollständigen, in dem Bestand oft sehr x Ausg.: Wilh. Ludw. Holland, D. Buch der Beispiele der alten Weisen nach Hss. u. Drucken hgb., Lit. Ver. Nr. 56,1860; Das Buch der Weisheit, gedruckt durch Lienhart Hollen zu Ulm 1483, Faksimile hgb. von R. Payer vonThurn, 1925. —Abhandl.: G.H.B[ode], GgA. 1843, 73-75 S. 721^2; Gervinus 2 5 , 331-34; Hans-Joach. Potratz, Das „Buch der Beispiele", eine Überlieferungsstudie, Zfd- Ph. 57, 313-32; Burdach, Vorspiel 1, 2, 84; Pfaff, ZsfvglLitGesch. NF. 1, 453; Stammler, Von der Mystik zum Barock, 1927, 33. 465 f. — Goedeke, Grundr. I 2 , 366. — Stil: Wenzlau, Zwei- u. Dreigliedrigkeit in d. dt.Prosa des 14. u. 15. Jh.s, 1906; Stammler, Festschr. Ehrismann, 1925, 183. — Der Titel ist angegeben am Anfang des Buches (Holland S. 8, 22): Dis ist das buch der byspel der alten wysen. 2 Bech, Germ. 9, 226-28; Barack, Germ. 10, 145-47; Holland S. 249 ff. — 4 Hss. u. 22 alte Drucke seit 1483 bis an das Ende des 16. Jh.s; Holland S. 192-220; Goedeke aaO. 3 Geschichte des Buches; Cholevius aaO. S. 239 ff.; Holland S. 242 ff.; John Dun- lops Gesch. d. Prosadichtungen od. Gesch. der Romane, Novellen, Märchen usw., übersetzt v. Felix Liebrecht, 1851, S. 194-96; Wackernagel, LG. I 2 , 457; Koberstein, Grundriß l 6 , 339 f. Anm. 5-11; H. Wegener, Bidpai, Das Buch der Beispiele alter Weisen, eine altind. Fabel- u. Novellensammlung nach d. deutschen Übersetzung einer Hs. des 15. Jh.s bearbeitet u. mit e. Teil ihrer Bilder hgb., 1926; H. Wegener, Bilderhss. der Heidelbg. Univ.- Bibl., 1927, S.91f. 95. — Alph. Hilka, E. lat. Übersetzung der griech. Version des Kaiila- Buches, Gott. Abhandl. NF. XX Nr. 3, 1928. 4 Ausg. Adelbert Keller, Gesta Romanorum l.Bd., Lit. Vei. 1842 (2. Bd. ist nicht erschienen); maßgebend: Hermann Oester- ley, Gesta Romanorum, 1872, dazu Felix Liebrecht, Germ. 18, 357-66. Neuhochdeutsche Übersetzung (ohne die Moralisatio- nen): Joh. Georg Theod. Grässe, 1842, 1. u. 2. Hälfte in 3. Ausg. 1905. — Lat. Hss.: Oesterley S. 5-241; Drucke: Grässe, 2. Hälfte 3 S. 307-14. — Verfasser u. Zeit: Oesterley S. 253-69; Grässe, 2. Hälfte 3 S. 286-306; Dunlop-Liebrecht aaO. S. 198 ff.; Dron- cke, Mones Anz. 1836, 454; Roth, Germ. 4, 271; Goedeke, Every-Man, Homulus u. He- kastus, 1865; frühere Ansichten s. Koberstein, Grundr. 1 6 , 340 Anm. 14. — Nachweisungen vom Ursprung und sonstigen Vorkommen der einzelnen Stücke: Oesterley S. 714 -49; Ders., Germ. 14, 82 f. 15, 104; K. Roth, ebda 4, 271 f.; Schneller, ZfdA. 1, 408-16; Liebrecht S. 362-66; Grässe, 2. Hälfte 3 S. 254-85; Bobertag, Gesch. des Romans, Register S. 198 (s. bes. S. 129 f.). Keinz, ZfdA. 38, 145-53. — Goedeke l 2 , 351 f.; Wackernagel, LG. I 2 , 456 (Leipziger Novellensammlung). Buch der Beispiele der alten Weisen. Gesta Romanorum 479 von einander abweichenden Handschriften und zahlreichen Drucken (seit 1472-75) überliefert sind, wobei jedoch einzelne Stücke in größerer oder geringerer Zahl in noch vielen andern Hss. begegnen. Es sind fast dreihundert Erzählungen, Novellen, Fabeln, in der Ausgabe von Oesterley 283; sie haben die Form von Parabeln, indem einer jeden eine Moral, Moralisacio, Moraliter, folgt. — Der Verfasser oder Kompilator ist unbekannt; ohne Gewähr hat man als solchen den Petrus Berchorius (Pierre Bercheur), Prior eines Benediktinerklosters in Paris, gest. 1362, angenommen, oder den Helinandus, der auch sonst als lat. Schriftsteller bekannt ist (um 1220). Entstanden sind die Gesta Romanorum höchstwahrscheinlich in England am Ende des 13. oder am Anfang des 14. Jahrhunderts. Sie wurden ins Französische, Englische (Oesterley S. 237-41; Goedeke, Grundr. I 2 , 352), Niederländische und Deutsche übersetzt (Grässe S. 314-18). Ins Deutsche wurden sie im 14. Jahrhundert übersetzt, erhalten sind 23 Hss., 1 die sehr voneinander abweichen, und zwei alte Drucke (der älteste 1489); sie sind viel kürzer als das lateinische Original. 3. KLEINERE ERZÄHLUNGEN UND SCHWANKE Der größte Teil dieser „Kleinepik" ist schon bei der Literatur des 13. Jahrhunderts behandelt; der Anteil der beiden späteren Jahrhunderte ist davon nicht zu trennen, schon weil bei vielen dieser Erzeugnisse die Abfassungszeit gar nicht bekannt ist. Hier sollen gleichsam als Fortsetzung einige Stücke der Spätzeit besprochen werden. Schondoch, Die Königin von Frankreich und der ungetreue Marschall Der Stoff der von Hans von Bühel behandelten Königstochter von Frankreich wurde schon vorher, in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, in eine Versnovelle gebracht von Schondoch, einem nicht weiter bekannten Autor: Die Königin von Frankreich und der ungetreue Marschall. 2 Der Marschall des Königs von Frankreich verleumdete die Königin bei ihrem Gemahl, weil sie ihm nicht zu Willen war. Der König befahl einem Ritter, sie in den Wald zu führen und zu töten. Der Marschall ermordete den x Ausg. Adelbert Keller, Gesta Romano- ZfdA. 3, 434; C. Rassek, „Der Littauer" u. rum, Das ist der Roemer Tat, 1841 (nach einer die „Königin v. Frankreich", zwei Gedichte Münchener Hs.), — Oesterley S. 230; Pet- von Schondoch, Diss. Breslau 1899; Franz zet, Catal. S. 89 (Gesta Romanorum, deutsch Hotzy, ZföG. 63, 1912, 1057-70 (Bruchst. von dem Esse), 14. Jh. — Bartsch, Katal. d. einer Hs.); Wolfg. Liepe, Elisabeth v. Nas- Hss. d. Univers.-Bibl. zu Heidelberg, 1886, sau-Saarbrücken S. 176 ff. 273 ff.; Günth. S.25 Nr. 61 (Cod. pal. germ. 101). Müller in Walzeis Handbuch 1, 75. — Zur 2 Hgb. GSA. I Nr. 8 S. 165-88 (678 V.) u. Sage s. LG. II, 2, 124 Anm. 1. S. CIV-CXII; Graff, Diutiska 3, 378-97; Der Name Schondochs als des Verfassers ist H. Heintz, Sch.s Gedichte, untersucht u. hgb., nur bekannt durch die Liste einer Wiener Hs., Germ. Abh. 30, 1908. — Roethe, ADB. 32, s. Primisser, Peter Suchenwirts Werke, 1827, 284 f. — Hoffmann, Ad. Blätter 2, 95-97; S. L. — Erhalten sind 1 Dutzend Hss.: Heintz Mones Anz. 4,44; Wackernagel, Die ad. Hss. S. 56 ff.; Rassek aaO. der Basler Univers.-Bibl., 1835, 51. 56; Reuss, . . 480 Erzählende Literatur Ritter im Walde, die Königin entkam zu einem Köhler. Aber der Hund des Ermordeten lief zu Hofe und zerbiß den Marschall so grimmig, daß der in der Todesangst sein Verbrechen bekannte. Es ist die Sage von der Genovefa verbunden mit der Sage vom Hund des Aubry. — Das Gedicht wurde auch später in Prosa aufgelöst (niederschlesisch). Von Schondoch ist noch eine Dichtung vorhanden: Der Littauer, 1 die Bekehrung eines heidnischen Königs der Litauer. Durch die Erzählung eines seiner Ritter veranlaßt, nimmt der König selbst an einer Messe teil und wird durch diesen Akt so ergriffen, daß er sich taufen läßt. Es ist eine Verherrlichung des Messesakraments. — Der Dichter nennt sich am Schluß: Schondoch mäht dise rede; 324 Verse. Des von Wirtemberg Buch In „Des von Wirtemberg Buch" (14. Jh.) 2 wird erzählt, daß ein Ritter des Grafen Hartmann von der Burg Wirtemberg namens Ulrich sich auf der Jagd im Wald verirrend einem Zug von 500 Männern und Frauen begegnet, die seinen Gruß nicht erwidern; eine zuhinterst alleingehende Frau sagt ihm: wir sind alle tot und leiden Pein. Nach Hause gekommen, macht er mit dem Gatten jener Frau, der sein Gevatter ist, eine Fahrt ins heil. Land. Es waren die Seelen der zur Hölle verdammten Toten, die er erblickt hatte. — Das Gedicht ist in drei Fassungen vorhanden: 1. Des von Wirtemberk puch (436 V., der Dichter nennt sich hier Her Wolfram von Ejjenbach, V.426); 2. Der Wirtemberger (650 V.); 3. Der Ritter mit den Selen (713 V.). Augustin von Hatnersteten Einige Züge mit Des von Wirtemberg Buch hat gemein die Prosaerzählung des Augustin von Hamersteten, Die Hystori vom Hirs mit den (so!) guldin ghurn und der Fürstin vom pronnen. 3 Der Eingang wie in einer Minneallegorie : der Ritter hat einen Traum; dann Ritt in den Wald; er erlebt, was er geträumt hat, trifft eine trauernde Frau, eine Fürstin; langes Zwiegespräch, zuerst streitend, dann versöhnt; sie fordert ihn zu einer ritterlichen Fahrt ins heilige Land auf. Zurückgekehrt genießt er die Gnade der Fürstin. — Hamer- stetten stand in kaiserlichen Diensten, wurde im Wiener Aufstand gefangen genommen und schwebte in Lebensgefahr. 4 Wendet sich 1490 nach Sachsen, wo er 1496 als Cancellarius in Torgau die obige History dem Kurfürsten Friedrich dem Weisen widmete. 1 Hgb. von Lassberg, Ein schoen u. anmuetig Wirtemberk puch, 1845. — Brüder Grimm, Gedicht, wie ein heidescher Küng, genannt Dt. Sagen 2.Bd. 2. Aufl., 1866, Nr. 533 S. 233 der Littower, wunderbarlich bekert und in -36: Ritter Ulrich, Dienstmann zu Wirtenberg. Prüssenland getoufft ward, ans Liecht gestellt 3 Erich Busse, Aug. v. Harn., Marbg. Diss. durch Maister Seppen von Eppishusen, 1826; 1902, mit Ausgabe der „Hystori"; Kratoch- Ausg. von Heintz s. aaO. — Wackernagel, wil, Germ. 34, 339 ff.; Stammler, Verfasser- Ad. Hss. aaO. S. 51; Rassek aaO.; Heintz lex. 1, 147. aaO.; Ziesemer, Lit. desDtsch.Ordens, 1928, 4 v. Karajan, Michael Beheim's Buch von S. 37 f. den Wienern, 1867, S. 53, 10-12. 2 Hgb. Heinr. Adelb. Keller, Des von Des von Wirtemberg Buch. Augustin von Hamersteten. Heinrich Kaufringer 481 Heinrich Kaufringer Fruchtbar in der Verfertigung von Reimerzählungen (etwa 30) war Heinrich Kaufringer, 1 ein bayerischer Dichter aus Landsberg am Lech um die Wende des 14./15. Jahrhunderts. Er entsprach damit der Lebensauffassung der damaligen Gesellschaft, daß er sowohl ernste als heitere Stoffe dichterisch verwertete. Als „heiter" empfand der Geschmack der Zeit derbe, anzügliche, unzüchtige Schwanke, besonders Eheschändungen und Buhlschaften, wie sie oben beigezogen sind. Daneben beabsichtigte er sittliche Wirkung bei seinen erbaulichen Erzählungen und Spruchgedichten. Hier griff er meist bekannte und weitverbreitete Themata auf, so in den legendarischen Geschichten „Der Einsiedler und der Engel", deren Quelle verwandt ist mit einer Erzählung der Gesta Romanorum, oder „Der bekehrte Jude", ein Stoff der gerade bei den Judenverfolgungen des 14. Jahrhunderts lebendig war. Eine Dorfgeschichte ist „Der verklagte Bauer". Lehrhafte Spruchgedichte, bei denen zuweilen die Lehre am Schluß direkt ausgesprochen ist, sind „Die uneinigen Kaufleute" gegen die Uneinigkeit, oder „Von Schälken und Lek- kern", Klage darüber, daß diese an den Höfen zu Ehren gelangen. Religiöse Belehrungen gibt „Von den guten Werken", wo der dreifache Nutzen solcher vorgehalten wird, oder „Von sieben Krankheiten, den sieben Todsünden und den sieben Gaben des Geistes", also Siebenzahlen; „Von der Welt", wo die Welt mit dem Schachspiel verglichen wird; die bekannte Parabel von den vier Töchtern Gottes (s. oben). Endlich hat er Stücke aus geistlichen Prosawerken in Verse gesetzt: „Von den drei Nachstellungen des Teufels" nach einer Predigt Bertholds v. Regensburg, die „Fromme Müllerin", einen mystischen Traktat, „Vom Adel des zeitlichen Leidens", ein Kapitel aus Seuses Buch der Weisheit. In seiner stilistischen Tönung ist Kaufringer stark beeinflußt von Konrad v. Würzburg und vom Teichner. Er ist nicht ungewandt im sprachlichen Ausdruck, anschaulich, stark volksmäßig. Seine Verse baut er meist vier- hebig mit stumpfem Ausgang. 2 — Über seine kulturelle Stellung kann man sagen, daß seine Haltung ganz unritterlich, über sein dichterisches Vermögen, daß es nur gering ist. Die Neidharte Die bekanntesten Schwanke des 14. 15. Jahrhunderts sind die, die an den Namen des Minnesängers Neidhart anknüpfen, die Neidharte (s. unter 1 Ausg.: Karl Euling, Heinr. Kaufringers Univ. of Chicago, Germanic Studies 3, 1897, Gedichte, Lit. Ver. Nr. 182, 1888 (darin Lit. dazu Euling, Anz. 24, 296-99; Barth, Liebe S. 3-5). —Abhandl.: Euling, Stud. üb. H.K., u. Ehe usw., Pal. 97, 1910 pass., bes. S. 10; Germ. Abhandl. 18, 1900, dazu Panzer, Zfd- A. L. Stiefel, Zu den Quellen H. Kaufringers, Ph. 36, 410 f.; Ders., Üb. Sprache u. Vers- ZfdPh. 35, 492-506; Bolte-Polivka 1, 526. kunst H. Kaufringers, Progr. Lingen 1892; 2,136; Alfred Schröder, Heinr. Kaufringer, Ders., D. glückl. Ehepaar, Euphorion 6, 462 ZfdA. 65, 213-17; W. Rehm, ZfdPh. 52, 315. -65; Ders., Zu H. Kaufringers 22. Ged., Beitr. 2 Euling, Üb. Sprache u. Verskunst aaO.; 26, 575 f.; Ders., Zs. f. Volkskde. 11, 464 ff.; poetische Technik, Stil: Euling, Studien H. Schmidt-Wartenberg, Inedita v. H. K, S. 8^17. 31 Deutsche Literaturgeschichte IV 482 Erzählende Literatur Neidhart von Reuental). Das Schwankbuch Neidhart Fuchs (15. Jh.) faßt den Jnhalt folgendermaßen zusammen (V. 3897): wie er (Neidhart) so mengen klugen list mit den paaren hat angefangen und kennzeichnet damit die Geschichten als Bauernschwänke. Vorher (V. 3887ff.) heißt es: Derpfaff vom Kallen- berg vnd er hand sellich abenteir verbracht, die sünst kein man nie hatt erdacht. Dieser Pfarrer vom Kaienberg ist ebenfalls zum Träger einer Reihe von Schwänken geworden, die Philipp Frankfurter in Wien in Verse gebracht hat, 1 frühestens gegen Ende des 14. Jhs., vielleicht erst in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts (2180 Verse). Der Pfarrer lebte wie Neidhart Fuchs zur Zeit des österreichischen Herzogs Otto des Fröhlichen (V. 20ff.). Der Verfasser nennt sich am Schluß V. 2178ff. Er erzählt (V. 32), wie der Pfarrer begann sein Glück zu machen dadurch, daß er als Student dem Herzog Otto einen großen Fisch als Geschenk brachte; dabei spielte sich eine Prügelei mit dem Türhüter ab, die den Herzog so ergötzte, daß er für den Schwank dem Studenten die Pfarrei des Kaienberges anwies (215). Folgen nun seine Possen (242), die er in seinem Amt als Pfarrer mit den Bauern treibt; dann (704) spielt er dem Bischof seine Streiche, wobei die Unsittlichkeit der Geistlichen erschreckend offenbart wird (die Buhlerei des Bischofs mit der Kellnerin, während deren der Pfarrer unter dem Bett alles beobachtet, ist zugleich bildlich dargestellt!). Dann (940) führt er bei der Herzogin und dem Herzog seine Streiche aus. Zuletzt (1909) kommen die Bauern wieder dran (Ende 2121). Zu Steiermark nahm er eine neue Pfarrei an, wo er gestorben und begraben ist. Der Dichter selbst charakterisiert den Pfarrer von dem Kaienberg: der vil schamliche werg getriben hat Spot vnde frue und bittet, Gott möge ihm vergeben. Mit den Schwänken des Pfaffen Amis haben die des Kalenbergers keine stoffliche Verwandtschaft; nur die allgemeine Tendenz, die Satire auf die Geistlichkeit, ist ihnen gemeinsam. Vollends aber sind sie im sittlichen Gehalt unterschieden. Hier tritt die ganze Roheit des Spätmittelalters gegenüber der Zucht und Maße der Blütezeit hervor. Die Zotigkeit in den Schwänken des Kalenberger Pfarrers ist oft widerwärtig, abscheulich. Erzählungsweise und Metrik sind glatt. 1 Ausg.: Bobertag, Narrenbuch, Kürschners Ausgaben des Pf. v. K., Sammlung bibliothek. Dt. Nat.-Litt. 2 [1884], 1-86; K. Schorbach, Arbeiten 6,1893,62-66; W. Koppen, Die alten D. Gesch. des Pfaffen vom Kaienberg, Seltene Kalenbergdrucke u. Übersetzungen, Nd. Jahr- Drucke in Nachbildungen 5, 1905; in erneuter buch 20, 1895, 92-105; Priebsch, Dt. Hss. in Sprache: v. d. Hagen, Narrenbuch, 1811, England II, 1901, S. 149; Jellinghaus, Mnd. 269-352u. Anhangs. 515-39,dazu W. Grimm, Lit. in Pauls Grundr. II 3 , 1901, 26; Seemül- KI. Sehr. 2, 52 ff. — Abhandl.: Goedeke, ler, Gesch. d. Stadt Wien III. Bd. I.Hälfte, Grundr. I 2 , 343 f.; W.Mantels, Aus e. nieder- 1907, 18 ff.; Th. Chalupa, Zur Gesch. des sächs. Pfarrherrn v. K., Nd. Jahrb. 1, 1876, Pfarrers v. Kahlenberg, ZföG. 66, 1915, 7-14; 66-71; Ders., E. drittes Blatt aus d. nieder- Günth. Müller in Walzels Handbuch S. 69. sächs. Pf. v. K., ebda 2, 1877, 145-48; Edw. — Goedeke l 2 ,343 f. — Hss. sind keine über- Schröder, Der Parson of Kalenborow u. seine liefert, dagegen 8 Drucke, die ältesten mit nd. Quelle, ebda 13,1888,129-52; R. Priebsch Holzschnitten, vom Ende des 15. od. Anfang E. viertes Blatt aus d. niedersächs. Pf. v. K., des 16. Jh.s bis 1620. ebda 18, 1893, 111-13; Karl Meyer, Zwei Die Neidharte. Bruder Rausch. Salomon und Markolf 483 Viel gelesen war das Schwankgedicht im 16. und 17. Jahrhundert, wie die Drucke (s. oben) und die Erwähnungen bei Schriftstellern des 16. Jahrhunderts (auch in Brants Narrenschiff) erweisen. Auch ins Niederdeutsche wurde es umgeschrieben und daraus in niederländ. und englische Prosa übersetzt (s. oben unter Lit. u. Bobertag aaO. S.4 u. Anm.). Im 16. Jahrhundert erlebte der Kalenberger eine Nachbildung in dem Gedicht Peter Leu, der andere Kalenberger, „in Reimen verfaßt durch Achilles Jason Widmann von Hall", um 1550 (Schade, Weimarisches Jahrbuch 6, 417-76; Bobertag S. 87-140, mit Lit. — v. d. Hagen, Narrenbuch, 1811, dazu W. Grimm, Kl. Sehr. 2, 52 ff.). Bruder Rausch Weit verbreitet war der gereimte Schwank vom Bruder Rausch 1 in Drucken, deren ältester, niederdeutsch (428 V.), am Ende des 15. Jahrhunderts, etwa 1488, herauskam, worauf hochdeutsche Texte folgten (572 V.), in Drucken von 1515 an, eine dänische und schwedische Bearbeitung (im 16. und 17. Jh. gedruckt), eine niederländische (Prosa, Volksbuch, 16. Jh.); diese wurde ins Englische übertragen (Prosa, 16. Jh.). — Ursprünglich wohl eine Teufelslegende mönchisch frommer Richtung wurde sie zu einer Satire auf die Mönche. Bruder Rausch (nd. Rüsche, von rüs Lärm, Gepolter, verwandt mit mhd. raschen rauschen), ursprünglich ein Poltergeist, ist der Teufel. In Gestalt eines Jünglings ging er in ein Kloster, dessen Mönche ein liederliches Leben führten, wo er zum Klosterkoch und Bruder vorrückte und dem Abt und den Mönchen auf deren Wunsch feine Fräulein zubrachte, dabei aber auch allerlei Possen spielte. — Verse freigebaut, Reime unrein.- Salomon und Markolf Das schwankhafte Epos Salomon und Markolf von Gregor Hayden, Mitte bzw. 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts (1871 V.), ist schon bei dem deutschen Spielmannsgedicht Salman und Morolf besprochen worden (LG. II, 1, 328). 2 Der Dichter nennt sich am Schluß (V. 1858 ff.), seinen Gönner, den Landgrafen Friedrich von Leuchtenberg, am Anfang (V. 5ff.) und am Schluß 1 Hgb. Simrock, Deutsche Volksbücher 28; 2 Nochmals sei hier hingewiesen auf: Drei Osk. Schade, Weimarisches Jahrbuch 5,1856, Kölner Schwankbücher aus dem XV. Jahr- 357-414 (nd. u. mhd. in neuhochdeutscher hundert: Stynchyn van der Krone, Der boiffen Erneuerung); Bobertag, Narrenbuch S.363 orden, Marcolphus, hgb. v. J. J. A. A. Frant- -381 (nd. Text); H. Anz, Nd. Jahrb. 24, 76 zen u.A.Hulshof, Utrecht 1920, dazu Schrö- -112 (nd. Text); Rob. Priebsch, Br. Rausch, der, Anz. 40, 93 f. — Im Stynchyn van der Faksimileausg. des ältesten nd. Druckes (A), Krone (Original um 1420, mittelfränk., achteingeleitet u. mit Bibliographie versehen, 1920. zeilige Strophen) belauscht der Dichter die — Abhandl.: H. Anz, D. Dichtg. vom Br. R., Anträge, die vier Bewerber diesem kölnischen Euphorion 4, 1897, 756-72; R. Priebsch, Die Konditorfräulein vorbringen, aber abgewiesen Grundfabel u. Entwicklungsgesch. d. Dichtg. werden.—Auch hgb. v. d. Hagen, Narrenbuch vom Br. R., Prager Dt. Stud. 8, 1908, 423-34; aaO.; Simrock, Dt. Volksbücher; Ad. Neu- L. Wolff, Stammlers Verfasserlex. 1, 292-94, jahrsblätter für 1874 von Birlinger u. Crece- wo weitere Lit. — Goedeke l 2 , 347 f.; Jel- lius 75-88. 109^t8. — Bobertag, Gesch. d. linghaus, Gesch. d. mnd. Lit. 3. Aufl. S. 26. Romans I, 1876, 186 f. 31* 484 Erzählende Literatur (V. 1851 ff.). — Zum Volksbuch von Salomon und Markolf s. unter „Volksbücher". Eine schwankhafte Rittererzählung ist Die Historie von dem Ritter Beringer, alemann., Ende 14. Jahrhundert, 400 Verse. Ein feiger Ritter, der sich großer Heldentaten rühmt, wird durch List seiner Frau entlarvt. 1 Stefan Vohpurk (aus Österreich, noch 14. Jh.) lieferte einen fabelartigen Spruch, worin ein Wolf einem Pfaffen viele Schlechtigkeiten nachweist. 2 Sammlungen Zum Schluß sei hier auf die Sammlungen von Erzählungen und Schwänken oder Gedichtsammlungen, in denen sich solche befinden, hingewiesen: Von der Hagen, Gesamtabenteuer (GSA.), s. oben; Lieder Saal, das ist Sammlung altteutscher Gedichte, hgb. vom Reichsfreiherrn von Lassberg (LLS.), 4 Bände, 1846; Liederbuch der Clara Hätzlerin, hgb. von Carl Haltaus, 1840; Adelbert v. Keller, Altdeutsche Gedichte, 1.846, auch später „Ad. Gedichte von A. v. Keller", Einzeldrucke, Tübingen; Adelbert v. Keller, Erzählungen aus ad. Handschriften, 1855; s. auch Ad. Hss. verzeichnet von Heinr. Adelb. v. Keller, 1864 ff.; Verzeichnis altdeutscher Hss. von A. v. Keller, hgb. von Eduard Sievers, 1890; Goedeke, Grundr. 1 2 , 300 ff.; besonders sei nochmals erinnert an die Melker und die Heidelberger Hs. cod. Pal. germ. 341, die die von Leitzmann und von Rosenhagen in den Dt. Texten des MA.s herausgegeben sind (s. oben). Sieben md. Prosaerzählungen hat Haupt veröffentlicht in den Ad. Blättern I, 1836, 113-63. — Einen „Novellenstrauß des XV. Jahrhunderts", lat., doch mit deutsprachlichen Beziehungen, hat R. Köhler unter dem Titel „Ich schätz nein" hgb. ZfdPh. 4, 304-13. — Zwölf niederdeutsche Erzählungen, Prosa, aus der Chronik des Hermann Korner (15. Jh.). Bei „Erzählungen" ist auch der Seelen-Trost (Prosa) zu erwähnen (s. Geistl. Lehren); auch die Predigtmärlein (LG. II, 2, 199) fallen unter die Gattung „Erzählungen". Die neueste Sammlung ist: Kindermann, Volks- und Schwankbücher in: Deutsche Lit. in Entwicklungsreihen, Reihe 12, bis jetzt 2 Bde erschienen; Rosenfeld, Beitr. 54, 106 f. Der Ring von Heinrich Wittenweiler All diese Kleinliteratur und Schwanke überragt an äußerem Umfang und an Reichtum des Inhalts das grotesk-komische Bauernepos Der Ring von 1 Erhalten nur in e. Straßbg. Druck von 1495, 50 f. — In der Heidelberg. Hs. wird der Dichter hgb. Karl Schorbach, Seltene Drucke in „der Velschberger" genannt. Goedeke, Grund- Nachbildungen I, 1893, dazu R. M. Werner, riß l 2 , 303, Bartsch, Katal. d. Hss. d. Univ.- Anz. 21, 145^7, Schröder, Euphorion 2, Bibl. in Heidelbg. (Cod. pal. germ. 367) S. 110; 825 f. J. Grimm, Reinh. Fuchs S. CCXI. In einem 2 Roethe, ADB. 40, 196; Mones Anz. 4, Spruch von bösen Weibern wird der Velczper- 1835, 181; Keller, Fastnachtspiele S. 1375f.; ger genannt, Keller, Erzähl, aus ad. Hss. Keinz, Münch. SB. 1891, 657 ff.; Seemüller, S. 193. 195; s. auch J. Grimm, Reinh. Fuchs Gesch. d. Stadt Wien Bd. III I. Hälfte, 1907, S. CCXI. Sammlungen. Der Ring von Heinrich Wittenweiler 485 Heinrich Wittenweiler. 1 Bei aller Fülle der äußeren Geschehnisse ist hier doch die lehrhafte Absicht der treibende Bestand. Im Prolog, V. 1-54, werden der Inhalt im allgemeinen, der Zweck und der Titel des Buches angegeben: Es heißt „Der Ring", weil es rings um uns der Welt Lauf berichtet und auch lehrt, was man tun und lassen soll; nutz und tagalt (Zeitvertreib, Spiel, Scherz = kurzewile) soll es bringen, V. 50. In drei Teile ist es geteilt (Inhalt): der erste lehrt Turnieren, Sagen und Singen nach der Hofkunst (hofleren, hübischait und mannes zucht) ; der zweite, wie man sich an sei und leib halten schol, das ist das Beste (tugend) ; der dritte, wie man im Krieg und Kampf verfahren soll (frümchait). Aber der Mensch mag nicht allweg ernste Dinge hören ohne scherzhaften Einschlag, darum ist hier unter die Lehre das bäurische Treiben gemischt. Teil I, V. 55-2622 (Lehre der Höfischheit). Ort: das Dorf Lappenhausen. Vorstellung der Hauptpersonen: Bertschi Triefnas und seine Geliebte, die krumme, kropfige Bauerndirne Mätzli Rüerenzumpf. Zwei Bauernturniere. Der Minnedienst Bertschis für Mätzli. Teil II, V. 2623-6457. Liebesgeschichte des Brautpaars; Tugendlehren, religiöse und praktische Lehren (Hofzucht, Haushalt); Hochzeit und Hochzeitsfraß, Tanz, Prügelei. Daraus entwickelt sich ein Krieg zwischen den Dörfern Lappenhausen und Nissingen. Teil III, V. 6458 bis Schluß 9699. Lappenhausen wird erobert und gebrandschatzt. Bertschi wird auf einem Heuschober belagert, kann aber nicht zur Übergabe gezwungen werden. Er zieht sich als Einsiedler in den Schwarzwald zurück. Auf Kontrast ist das Gedicht aufgebaut, nutz und tagalt; die eigenartige Auffassung des Ergötzlichen gibt dem Ganzen seinen charakteristischen Ausdruck; dieser aber ist einfach Unflat und Zote, es wird nur so im Kot gewühlt; der groteske Witz ist die Würze, die die Lehre schmackhaft machen soll. In der beabsichtigten Richtung ist der Ring eine Verspottung der Bauern 1 Ausg.: Ludwig Bechstein, Der Ring von 1908, 198-201; Jos. Nadler, Wittenweiler? H. v. W., Lit. Ver. 23,1851; neue, maßgebende Euphorion 27, 172-84; Günther Müller, Ausg.: Edmund Wiessner, H. v. Wittenwei- Walzels Handbuch d. Lit.-Wissensch. [1927], lers Ring nach der Meininger Hs., Dt. Lit., 68 f. 73 f.; Ders., Aufriß S.47f. — Baech- Sammlung literarischer Kunst- u. Kulturdenk- TOLD, Gesch. d. dt. Lit. in d. Schweiz, 1892, mäler, Reihe Realistik des Spätmittelalters 182-90 u.Anm. S. 47, Zusätze S. 208; Singer, Bd. 3, 1931, dazu Schröder, Anz. 52, 82 f., Schweiz. Arch. f. Volkskde 6, 1902, 184 ff.; Ehrismann, ZfdPh. 56 H. 4, Götze, Lbl. 1932, Ders., LitGesch. der dt. Schweiz, 1916, 28-36. 296f., Singer, Literar. Beilage des „Bund" 52;Ders.,Neidhart-Studien, 1920,26.41.44f.; Bern 11. Okt. 1931, H. W. Nordmeyer, Mo- Ders., Schweizerdeutsch, 1928, 86 ff.; Ders., dem Langu. Notes 48, 5, 1933. — Abhandl.: Die mittelalterl. Lit. in d. dt. Schweiz, 1930, Uhlands Schriften 8, 368 ff.; L. Fränkel, 125 ff. 187.201; Wiessner, Urkundliche Zeug- ADB. 43, 616; J. Baechtold, Germ. 20, nisse üb. Heinrich v. Wittenwil, Festg. Singer 66-68; E. Bleisch, Zum Ring H.s v. W., Hall. 1930, 98-114. — Stellen: Bolte, Zs. d. Ver. f. Diss. 1892; Geuther, Stud. zum Liederbuch Volkskde 33/34, 85 ff.; Elard Hugo Meyer, der Klara Hätzlerin, 1899 pass.; Wiessner, Volkskunde, 1898, 61 (Tanzlied); Euling, ZfdA. 51, 245-79. 64, 145-60; Ders., Festschr. Priamel, 1905, 377; Banz, Christus u. die Jellinek 1928, 191-208 u. Festgabe f. Singer Minnende Seele, 1908, 149-51; Joh. Janssen, 1930, 98-114; Konr. Gusinde, Neidhart mit Gesch. d. dt. Volkes 19.20. Aufl. 1913 S. 61.— dem Veilchen, Germ. Abh. 17, 1899, S.92-97; Lit. s. bei Wiessner, Ausg. S. 15 f.; Rosen- Rich. Brill, Die Schule Neidharts, Pal. 37, hagen, Merker-Stammler Reallex. 1, 210. 486 Erzählende Literatur und gehört in die von Neidhart eröffnete Gattung der Dorfpoesie, geht aber weit über diese hinaus in der Parodie, denn nicht nur die Bauern werden verspottet, sondern zugleich wird vielfach das höfische Ideal mitgenommen. Das Gedicht liegt ganz im Sinne der „bürgerlichen" Literatur der Spätzeit. Heinrich Wittenweiler (Hainreich Wittenweilär V . 52) war Schweizer; seine Familie, zum niederen Ritterstand gehörig, stammte aus dem thurgauischen Ort Wittenweil, siedelte aber im 13. Jahrhundert in das St. Gallische Städtchen Wyl über, wurde also stadtbürgerlich. Der Dichter besaß ausgebreitete Kenntnisse, ist bewandert in der höfischen und Heldenepik, der didaktischen Literatur, der Rechtskunde. Die Sprache ist dem Gegenstand entsprechend ganz volkstümlich, die pöbelhafte Ausdrucksweise nachahmend. Abfassungszeit: erste Hälfte des 15. Jahrhunderts, vor 1453. Da nur eine Hs. vorhanden ist (Meiningen), so dürfte das Gedicht doch nicht in weite Kreise gedrungen ein. Die Erfindung des Stoffes ist nicht Wittenweilers Eigentum, es lag ihm schon ein ähnliches, viel kürzeres Gedicht vor, das er aber selbständig sehr erweitert hat. Von diesem gab es zwei verschiedene Fassungen:'eine kürzere, 416 Verse, Von Meyer Betzen, 1 und eine längere, 672 Verse, Metzen Hochzeit, 2 von denen die kürzere die ursprünglichere ist. Beide Fassungen haben alemannischen Sprachcharakter. Hans Heselloher Gegen die Bauern richtet auch Hans Heselloher seine Satire. Von ihm, einem Landrichter in Oberbayern (urkundl. 1450-83), sind 7 Gedichte (einige nicht vollständig) bekannt, in denen er zumeist in Neidharts Weise und dieses Vorbildes nicht unwürdig die Bauerngecken verspottet. — Ein Bauerntanz mit wüster Prügelei ist Gegenstand eines verbreiteten Liedes, das Uhland in seine Volkslieder aufgenommen hat (Nr. 249 S. 653-61, dazu S. 1026). 3 Der Bauern Kirchweih geht auf die Lehre aus: ein kluger Mann soll seine Frau nicht der Versuchung anheimgeben (K. Pohlheim, Stammlers Verfasserlex. 1,177 f.). Ein Bayer, der sich Durst nennt, hat ein satirisches Lehrgedicht Der bawren hofart gemacht, 180 Verse, wohl im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts (Hartl, Stammlers Verfasserlex. 1, 464 f.). — Ein Spottlied auf die Bauern, 1 Abgedr. Graff, Diutiska 2, 78-91; Lieder- der Bauernhochzeit u. H. Wittenwylers buch der Hätzlerin Nr. 67 S. 259-64; das Paar „Ring", ZfdA. 50, 225-79. heißt Betz und Metz. — Günth. Müller in 3 Spiller, ZfdA. 27, 283 f. 293 f. — Einige Walzeis Handbuch S. 69. Lieder sind abgedruckt bei Bolte, Der Bauer 2 Abgedr. Lassbergs Lieder Saal Bd. 3, 397 im deutschen Liede, 1890; und bei A. Hart- -417; hier heißt das Paar Bärschi und Metzi.— mann, Festschr.-Konr. Hofmann = Roman. K. Wehrhan, Nd. Korrbl. 37, 18 f. (Spuren Forsch. V, 1890, 449-518 u. SA., dazu Zwier- im Nd.). — Über 1 u. 2: Uhland, Germ. 1, zina, Anz. 17, 213-20, Vogt, ZfdPh. 25, 125; 333 ff. u. Schriften 8, 375 ff.; Brill, Die Brill, Die Schule Neidharts S. 192-97. 232 f. Schule Neitharts, 1908, 137. 200 f.; Geuther, — Goedeke, Grundr. I 2 , 298; Rosenhagen, Stud. z. Liederbuch der Clara Hätzlerin, 1899, Reallex. 1, 209. 149 f.; besonders Wiessner, Das Gedicht von Hans Heselloher. Der König vom Odenwald 487 15. Jahrhundert, Ei paivrlein, wolst nicht vppig werden: S. M. Prem, ZfdA. 41, 177-79. Die Schwanke Eulenspiegel, Schildbürger, Laienbuch s. unter „Volksbücher". 4. REIMREDEN. SPRUCHDICHTUNG Die Reimrede ist eine für die Bildung des späteren Mittelalters charakteristische Literaturgattung; auch sie zeigt den Rückgang des künstlerischen Geschmackes. Während die Spruchdichter des 13. Jahrhunderts, auch des späteren, den geschulten Formwillen der Blütezeit aufrechterhielten, hatten die Reimsprecher des 14. 15. Jahrhunderts keinen Sinn für die Form; die Reimreden sind mit wenigen Ausnahmen in Reimpaaren abgefaßt, nicht in künstlichen Strophen verschiedenen Baues, sie wurden „geredet" und nicht musikalisch vorgetragen. Der Inhalt ist äußerst mannigfaltig: Religion, Moral, Sitten der Zeit, Politik, persönliche Beziehungen, Fürstenpreis, höfisches Leben, Minne, Alltag, Fabel, Rätsel, Allegorie. Die Verfasser sind die minderen Nachfolger der Spruchdichter des 13. Jahrhunderts. 1 Der König vom Odenwald Als seltsamste und fragwürdigste Gestalt unter diesen „Spruchdichtern" tritt uns der König vom Odenwald entgegen. 2 „König" hieß er wohl als Vorstand einer Spielmannszunft, 3 „Vom Odenwalde" entweder, weil er dorther stammte oder weil er Vorstand der Odenwälder Spielmannszunft war. Sein Wesen trieb er in Ostfranken, im Erzbistum Würzburg, um 1340. Seine Gedichte (12 Nummern, zusammen 830 Reimpaare) sind, stark mundartlich, ostfränkisch, gefärbt. 4 In allen Gedichten (mit Ausnahme von XII) führt er sich selbst ein, teils in den Schlußversen, im Prolog, im Text, als der künig 1 Aufzählung von Hss. von Spruchgedichten; Jantzen, Gesch. d. dt. Streitgedichtes im MA., Geuther, Stud. z. Liederb. d. Kl. Hätzlerin, 1896, 36 f. — Stelle: Möller, Germ. 23, 313. 1899, S. 30 ff.; Kleinere mhd. Erzählungen, —Hs.: Würzburger Hs. des Michael de Leone Fabeln u. Lehrgedichte, Dt. Texte d. MA.s: in München (s. ob. Renner); je ein Gedicht I. Leitzmann, D. Melker Hs., Dt. Texte auch in einer zweiten Hs. (Gotha, Wolfenbüt- Bd. IV, 1904; II. Euling, D. Wolfenbüttler tel): v. Bahder, Diss. S. 2 f.; Schröder S. 4 Hs. .. Dt. Texte Bd. XIV, 1908; III. D. Hei- -12; Bartsch, QuellenkundeS.263-67; Schrö- delbg.Hs.. .Rosenhagen, Dt.TexteBd. XVII, der, Vom mangelnden Hausrat, ein Gedicht 1909. — Kleine Lehrdichtungen üb. d. ver- des K. v. O., ZfdA. 71, 107-114. schiedensten Gegenstände: Goedeke l 2 , 393 f. 3 König als Betitelung eines Vorstands der (15. 16. Jh.). Spielleute: Wilh. Hertz, Spielmanns-Buch, 2 Ausg.: K. v. Bahder, Germ. 23, 292-314; 1886, S. XLI-XLVI u. Anm. S. 305 f. (Zeug- Edw. Schröder, Die Gedichte des Königs nisse: in der Provence zum J. 1175 ein „rex vom Odenwalde, Arch. f. hess. Gesch. u. Alter- super histriones universos", in Frankreich der tumskunde NF. III H. 1 u. SA., Darmstadt Titel „Roy des menestreuls" 1321, in Deutsch- 1900, dazu Helm, Hess. Blätter f. Volkskde 1 land wird 1355 ein „Rex omnium histrionum" H. 1; frühere Abdrucke einzelner Gedichte: [vom Kaiser verliehener Titel] erwähnt); v. Bahder, Diss. S. 2; Schröder S. 3. — v. Bahder, Diss. S. 24; Schröder S. 23-34 Abhandl.: Bartsch, ADB. 21, 146; K. v. (Hofkoch und Verfasser des Buchs von guter Bahder, D. König vom Odenw., Heidelbg. Speise). Diss. 1878 (S. 2 die ältere Lit.). — Baech- 4 v. Bahder, Diss. S. 3 ff.; Zwierzina, ZfdA. told, Gesch. d. dt. Lit. in d. Schweiz S. 193 f.; 44, 284. 290. 305. 488 Erzählende Literatur oder der künig vom Otenwalde, öfter auch sowohl im Text als im Schluß, viermal nennt ihn die Überschrift (VIII. IX. XI. XII). 1 Der Widerstreit zweier Zeiten spiegelt sich in diesen „Reden". Den Idealen des Rittertums setzt dieser Spielmann des 14. Jahrhunderts mit einem gewissen Wohlbehagen die nackte Materie gegenüber. So in Nr. I : Er beginnt Maniger lobt sins hertzen trut und hebt dann seine Rede vom Nutzen der Kuh an. Nr. II fängt minnesingerisch an: Der lichte sumer nahet, Der winter hinnan gahet, der Dichter jubelt in Frühlingsfreude: Oheim unde vetern, Basen unde miimen, Frauwet üch der blümen, und nach dieser lieblichen (!) Einleitung heißt es: Nu wil ich ällez abetün. Ein ahper vogel ist ein hün\ Von dem hm kumt daz ey, dann folgt eine lange Aufzählung (die stilistische Form der meisten Gedichte des Königs), was man alles aus dem Ei zubereiten kann. Nr. III ist überschrieben „Der gense lob" und preist „wie nutzber vogel ein gans ist", den Gänsebraten, die vielfache Verwendbarkeit der Federn. In den gleichen materiellen Niederungen bewegen sich die Reden vom Nutzen des Badens, des Strohes, des Schafes, des Schweins. Diese völlig jeder Poesie baren Auslassungen haben doch für uns kulturhistorischen Wert (ich lichte iviez in der werlde stat XI, 3, Schröder S. 75), so wie auch die Rede von den langen Barten (Nr. VII), die für unsere heutige Mode von zeitgemäßem Interesse ist. Der Gehalt der meisten dieser zwölf „Reden" geht nach zwei Richtungen, Parodie des höfischen Geistes und rein praktische Auseinandersetzung gewöhnlicher und alltäglicher Nutzmittel. Oft kann man im Zweifel sein, ob es auf die praktische Belehrung oder auf die Parodie abgesehen ist. Mit dem Zug zum Materiellen wird der Ton fortgesetzt, der schon von den späten Minnesängern Hadlaub und Steinmar angeschlagen worden war. Mehr Gehalt haben die zwei Tierfabeln, der Plan der Mäuse (Nr. VIII) und die Beichte der Tiere (Nr. X). Die Fabel von den beichtenden Tieren, hier Wolf, Hund und Esel, mit der Moral Also get gewalt nu vür daz recht, V. 115, ist weit verbreitet 2 und in der mhd. Literatur wohl am bekanntesten durch Renner V. 3455 ff. (Wolf, Fuchs und Esel). Otto Baldemann von Karlstadt. Lupoid Hornburg von Rotenburg Mit dem König vom Odenwald sind landschaftlich und durch die literarische Überlieferung verbunden zwei weniger hervortretende Spruchdichter: Otto Baldemann von Karlstadt (am Main, Bistum Würzburg), Pfarrer in Ostheim (bei Aschaffenburg), der im Jahr 1341 Von dem Romschen Riche eyn clage (V. 2) verfaßte (492 [506] Verse im geblümten Stil), eine freie Übersetzung eines lateinischen Gedichtes des Lupoid von Bebenburg, Bischofs von Bamberg (gest. 1363); steht in dem Manuale des Michael de Leone (s. oben Renner). Am Schluß gibt er seinen Namen an und als Zeit das 1 Schröder S. 12. Fabeln seines Renners, Münch. Arch. H. 6, 2 Erich Seemann, Hugo v. Trimberg u. die 1923,139-172. Otto Baldemann von Karlstadt. Lupold Hornburg von Rotenburg 489 Jahr 1341, in dem dise rede von dem Romischen Rieh und dise derbermeliche clage geschrieben wurde. 1 Den Ostfranken Lupoid Hornburg von Rotenburg (Rothenburg ob der Tauber) kennen wir aus der Würzburg-Münchener Handschrift des Michael de Leone. Seine fünf Gedichte sind: 1. Die Landpredigt (266 Verse) gibt eine Aufzählung der Plagen, die Gottes Zorn über die Habsucht und Ungerechtigkeit der weltlichen und geistlichen Fürsten in den Jahren 1347 und 1348 hat hereinbrechen lassen. — 2. Die Rede von des Reiches Klage hat Lupoid aus Otto Baldemanns gleichnamigen Gedicht mit geringen Auslassungen und größeren Zusätzen wörtlich übernommen (590 Verse). — 3. Der Zunge Streit richtet sich gegen Karl IV., den Begünstiger des falschen Waldemar (138 Verse). — 4. Die Ehrenrede, eine Preis- und Leichenrede auf den fränkischen Reichsfreiherrn Konrad III. von Schlüsselberg (70 Verse). — 5. Von allen Singern, drei Strophen, gibt eine kurze Charakterisierung von zwölf Minnesängern und Spruchdichtern des 13. Jahrhunderts. Lupoid Hornburg war Laie und läßt sich knappe anreden (in Nr. 2). In den meisten seiner Gedichte nennt er sich. Die Nummern 1-4 fallen in das Jahr 1347/48, Nr. 5 jedenfalls vor 1355. Gedruckt sind bis jetzt nur Nr. 3 und Nr. 5. 2 Heinrich der Teichner. Peter Suchenwirt Viel stärker als die Genannten greifen zwei ebenfalls im 14. Jahrhundert wirkende Spruchdichter in die deutsche Literaturgeschichte ein, Der Teichner und Suchenwirt. Heinrich der Teichner 3 war Österreicher; seine Heimat war wohl Wien (Karajan S. 18 ff.); zweimal nennt er Wien in seinen Gedichten und in 1 Hgb. J. M. Peter, Progr. Würzburg 1842 wald S. 8. (deutsch u. lat.). — Ruland, Die Würzburger 3 Es gibt noch keine Gesamtausgabe. — Ab- Hs. d. k. Univers.-Bibl. zu München, Arch. d. handl.: Th. G. v. Karajan, Üb. Heinr. d. T., histor. Ver. f. Unterfranken 11, 1851, 32; Denkschriften der k. Akad. d. Wissensch. ZfdA. 3, 441 f.; Massmann, Anz. f. Kunde d. phil.-hist. Kl. Bd. 6, 1855, dazu Pfeiffer, dt. Vorz. 7, 1838, 235 f.; Ehrismann, Beitr. Germ. 1, 375-81; v. Karajan, Üb. H. d. T., 22, 332; Zwierzina, Lupoid Homburgs Ge- Vortrag 1854; Seemüller, ADB. 37, 544-47; dichte (s. unt.) 118-24; Ders., Festg. f. Luick, Ders., in Gesch. d. Stadt Wien III. Bd. I.Hälf- 1925, 122 ff.; J. van Dam, Stammlers Ver- te, 1907, S.34ff.; Ders., ZfdPh. 19, 378; fasserlex. 1,155. Wackernhell, Hugo v. Montfort (s. oben) 2 Die maßgebende Untersuchung über Lup. S. CCLIV f.; Euling, Stud. üb. Heinr. Kauf- Homburg ist: Konrad Zwierzina, Lup. Hörn- ringer, 1900, Reg. S. 126; Brinkmann, Dt. burgs Gedichte, Festschr. d. K. K. Erzherzog- Vjschr. 3, 1925, 639; W. Rehm, ZfdPh. 52, Rainer-Real-Gymnasiums in Wien 1914 (mit 289-330 pass.; Ders., Der Todesgedanke in d. Lit.); MSH. 4, 881 f.; Bartsch, ADB.; Ru- dt. Dichtg., 1928, S. 82 u. ö. — Castle, Öster- land aaO.; Schönbach, Wien. SB. 145 Nr. 6, reich. Lit., in Merker-Stammlers Reallex. 2, 1902,37f.;PLENio, Beitr. 42,481.485. —Von 583; Schneider, ebda 365 f. — Einzelne allen Singern ist abgedr.: Docen, Mus. f. ad. Spruchgedichte, besprochen od. abgedruckt: Lit. u. Kunst II, 1811, 18-29 u. MSH. IV, Anz. für Kunde d. dt. Vorz. 7,494 ff.; Aretins 881 f.; s. Haupt, Minnesangs Frühl. 2 S. 288 Beitr. 9, 107 ff.; Graffs Diut. 3, 188. 367; Anm.; Zarncke, Beitr. 7, 586; Roethe, Rein- Lassbergs Lieder Saal 1, 395-502; Karajan, mar, Reg. S. 637, dazu Zwierzina S. 129. — Üb. H. d. T. S. 8 ff.; Haltaus, Liederb. d. Der Zungen Streit ist abgedr.: v. d. Hagen, Clara Hätzlerin S. XXIII f.; Geuther, Stud. Märkische Forschungen 1841, 1, 113, s. W. z. Liederb. d. Klara Hätzlerin S. 42 f. u. ö.; Grimm, Heldensage 3 , 1889, 308 f. (Zwierzina Keller, Erzählungen aus ad. Hss.; Docen, S. 124 nachträgt.); Schröder, König v. Oden- Mise. 2,228-38 (3 Sprüche abgedr.); Zarncke, 490 Erzählende Literatur Wien ist er begraben (Pfeiffer, Germ. 1, 380). Am Anfang des 13. Jahrhunderts geboren, fällt er mit seiner Wirkungszeit besonders in die Jahre von etwa 1350-1377; um 1377 war er gestorben. Suchen wirt 1 hat ihm einen warmen Nachruf gewidmet, der ihn, so wie er sich auch selbst in seinen Gedichten darstellt, als einen ehrenhaften, gottesfürchtigen Charakter (Karajan S.43 ff. 91) zeigt: er hat mit keusche seinen leib untz an sein end behalten; im liebet in dem hertzen gotfür alle weltleich er; gotleich er und weltleich schäm liebt im in dem hertzen, er war ein schlichter Laie, sein Leben war rein und gut. Diese Charakteristik bleibt bestehen, auch wenn man berücksichtigt, daß sie in einem offiziellen Preislied gegeben ist. Mit der Bezeichnung „ein schlichter Laie" hat Suchenwirt seinen Gesichtskreis richtig getroffen: der Teichner ist Moralist, die Mehrzahl seiner Gedichte sind durchaus unpersönliche Sittenreden, die belehren über das Leben der Geistlichen, Ritter, Bauern, Handwerker, auch praktische Winke geben, oder religiöse Sprüche, die Gott, Himmel und Hölle, die Sünden, Leib und Seele betreffen. Er ist ausgesprochen bürgerlicher Laie, der keinen Sinn für die höfische Kultur hat und gegen das Fechten und die Turniere eifert. So liegt ihm alle Romantik fern; er ist hausbacken und nüchtern. Er besaß gediegene Kenntnisse und allgemeine Bildung (Karajan S. 21 ff.). Der Teichner war ein außerordentlich fruchtbarer Dichter, er hat über 700 Reimreden (etwa 70000 Verse) zusammengebracht. Er nennt sich jeweils, meist am Schluß (Karajan S.5ff.). Die metrische Formung erstrebt regelmäßigen Wechsel, doch ohne Zwang. 2 Dem Teichner steht Peter Suchenwirt 3 in einem Teil seiner Gedichte nahe. Auch er hat moralische und religiöse Sprüche verfaßt, ganz in der Art Narrenschiff S. LXI-LXIII (1 Spruch abge- Brinkmann, Zu Wesen u. Form mittelalterl. dr.); K. Pickel, Zwei dt. Cisio-Jani, ZfdA. 24, Dichtg., 1828, Reg. S. 194. 132-35; Pfeiffer, Ad. Übungsb. S. 158-64 3 Ausg. Alois Primisser, Peter Suchenwirts (3 Ged. abgedr.); Bolte, Zehn Gedichte auf Werke aus d. vierzehnten Jahrhundert, Wien d. Pfennig, ZfdA. 48, 18-56 (davon drei vom 1827. — Abhandl. Uhl, ADB. 37, 774-80; Teichner); Steph. Teubert, Crescentia-Stu- v. Liliencron, Üb. d. Inhalt d. allgem. Bil- dien, Hall. Diss. 1916 (darin H. Teichners düng, aaO. S. 34; Franz Kratochwil, D. Crescentia S. 43-58); Brietzmann, Die böse österr. Didaktiker P. Such., sein Leben und Frau S. 136. 186 (Der Ritter mit der Roßhaut); seine Werke, Progr. Krems 1871; Jos, See- Herm. Jantzen bei Göschen S. 66-70 (2 Sprü- Müller in Gesch. d. Stadt Wien III. Bd. che abgedr.); C. v. Kraus, Mhd. Übungsb. 2 , I. Hälfte S. 52 ff.; Ders., Chronologie der Ge- 1926, 239-72 (22 Sprüche abgedr., dazu Hss. dichte S.s, ZfdA. 41, 193-233; Ludw. Schön- u.Lit. S. 293); H. Niewöhner, Des Teichners ach, Anz. 36, 199 (Urkunde von 1354); Gedichte I ZfdA. 68, 137-51, II, ebda 69, Roethe, Reinmar, Anm. 285 S. 227 f.; Eu- 146-208; Irmgard Funk, Heinr. d. Teichner ling, Heinr. Kaufringer S. 31.96.101; Castle, u. die Geistlichkeit, Wien. Diss. 1930. — Hss.: Reallex. 2, 583 f.; Schneider, ebda 3, 290; v. Kraus aaO.; Priebsch, Dt. Hss. in Engl. 2 Rehm, ZfdPh. 52,309. 311. 316. 323 ff.; Ders., S. 215-23; Wegener, Miniaturen-Hss. d. D. Todesgedanke S. 84. 85 f. — Einzelne Ge- Preuß. Staatsbibl., 1928, S. 103; Niewöhner, dichte abgedruckt od. besprochen: Bobertag, ZfdA. 68, 137-51. Kürschners Dt.' Nat.-Litt. Bd. 11, 93-184; 1 km leichtesten zugänglich bei Jantzen, Haltaus, Hätzlerin S. XXIII; Geuther, Göschen S. 71-74. Stud. z. Liederb. d. Kl. Hätzlerin S. 127; 2 Sprache, Mundart: Karajan S. 17 ff.; Scriptores rer. Pruss. 2, 155 f. (Gedichte, die Heinzel, Kl. Sehr. S. 292; Zwierzina, Anz. sich auf d. dt. Orden beziehen); G. E. Friess, 26 Reg. S. 355.27 Reg. S. 350. — StiLEuLiNG, 5 unedierte Ehrenreden Suchenwirts, Wien. Stud. üb. Heinr. Kaufringen, 1900, S.22-32; SB. 88, 1878, 99 ff. u. SA.; Ehrenrede auf Heinrich der Teichner. Peter Suchenwirt. Hans Rosenplüt 491 des Teichners; aber er hatte eine andere Lebensstellung; er zehrte als Fahrender von der Gunst der Fürsten und Herren, die er als „Knappe von den Wappen" in seiner Heroldsdichtung, etwa seit 1353, besang (Primissers Ausg. Nr. VII, 11 u. S. XIII), und erwarb sich später ein Haus in Wien (ur- kundl. 1386), wo er bald nach 1395 starb. Die Heroldsdichtung oder Wappendichtung hat ihren Ursprung in den Werken Konrads v. Würzburg, 1 der in verschiedenen seiner Dichtungen Beschreibung von Wappen oder einzelner Teile von solchen gibt (Engelhard, Partonopier, Schwanritter, Trojanerkrieg, bes. im Turney von Nant- heiz.). Die Herolde hatten das Amt, die Turnierfeste oder auch kriegerische Züge einzurichten, die Heroldsdichtungen waren zugleich Ehren reden auf die Großtaten der Gönner, besonders auf verstorbene (Totenklagen). Suchenwirt hat 16 Reden auf verstorbene Fürsten und Adelige verfaßt, darunter eine auf Herzog Albrechts III. von Österreich Preußenfahrt, 1377, 2 die er selbst mitgemacht hat. Auch in allegorischer Dichtung hat er sich versucht (Krieg zwischen der Liebe und Schoene, der Minne Schlaf, die Minne vor Gericht, das schöne Abenteuer); dazu verfertigte er einige historische Zeitgedichte. Im Versbau nähert er sich der Silbenzählung. Sein Stil ist oft geblümt. 3 Seine Wirkung auf spätere Dichter zeigt sich besonders bei Hugo v. Montfort. Zerfahrener als der Teichner und Suchenwirt sind in ihrer Geisteshaltung und in ihrer Vielseitigkeit die Spruchdichter des 15. Jahrhunderts: Hans Rosenplüt und Hans Folz. Hans Rosenplüt Hans Sneperer (Schnepperer), mit dem Dichternamen auch Hans Rosenplüt, 4 geboren am Anfang des 15. Jahrhunderts, war Bürger zu Nürn- Graf Wernher v. Honberg, Lassberg LS. 2, Nr. 69 (Cod. pal. germ. 112) S. 31; auf Graf 321 f. u. MSH. 4, 92, s. Koberstein, Grundr. Werner v. Homberg, Lassberg LS. 2, 317 l 6 , 329 A. 5; Liliencron, Histor. Volkslieder 1 bis 326; s. Lupoid Hornburg. Nr. 32 S. 113 Anm.; Vetter, Kürschners Dt. 2 Primisser Nr. III S. 5-8 u. 192-95, s. auch Nat.-Litt. Bd. 12, 313-34; Jantzen bei Gö- Nr. IV S.8-15 u. 195-204, Nr. V S. 15-17 u. sehen S. 71-78. — Stellen: Leitzmann, Su- 204-6; Ziesemer, Die Lit. d. Dt. Ordens in chenwirtiana, Beitr. 44, 312-15. — Hss.: Preußen S. 117 f. Franz Kratochwil, Üb. d. gegenwärtigen 3 Sprache, Stil: Koberstein, Üb. d. Sprache Stand der Suchenwirt-Handschriften, Germ. d. Österreich. Dichters P. Suchenwirt, Progr. 34, 203^4. 303-45. 431-87; Niewöhner, Naumburg 1828, dazu J. Grimm, Kl. Sehr. 5, ZfdA. 68, 273 f. 45-50; Ders., Quaestiones Suchenwirtianae, 1 A. Galle, Wappenwesen und Heraldik bei Progr. Naumburg 1842; Ders., Betonung mehr- K. v. Würzburg, ZfdA. 53, 209-59. — Das silbiger Wörter in Suchenwirts Versen, Progr. älteste heraldische Gedicht ist des Konrad v. Naumburg 1843; Ewald Frey, Die Jem- Mure Clipearius, lat. zwischen 1240 u. 1250, poralconjunctionender dt. Sprache in d. Über- Singer, D. malterl. Lit. in d. dt. Schweiz gangszeit vom mhd. zum nhd. besprochen im S. 84. 120. — Totenklagen: Auf e. Herzogin Anschluß an P. Suchenwirt u. Hugo v. Mont- von Kärnthen (1315 od. 1331), Lassberg LS. fort, 1893; Ehrismann, Beitr. 22, 322 f.; 2, 265-87 (s. unten); auf Herz. Johann v. A. Bernt, Ausg. Heinrichs v. Freiberg, 1906, Brabant, v. d. Hagens Germ. 3, 116-30; auf S. 205; A. M. Sturtevant, Zur Sprache des Graf Wilhelm v. Holland (gest. 1337), ebda Peter von (!) Suchenwirt, Mod.Langu.Nor.es25, S. 251-66, s. auch ZfdA. 13, 361, Liliencron, 1910, 47-51; Zwierzina, Anz. 26 Reg. S.355. Histor. Volkslieder S. XXXVI, Bartsch, Ka- 4 Es gibt noch keine Gesamtausgabe seiner tal. d. Hss. d. Univers.-Bibl. in Heidelbg. Gedichte. — Lit. Roethe, ADB. 29, 222-32; 492 Erzählende Literatur berg, seines Handwerks ein Rotschmied (Gelbgießer), seit 1444 von der Stadt als Büchsenmeister (Geschützmeister, ein militärisches Amt) angestellt. „Wappendichter" ist er eigentlich nicht gewesen, denn es ist nur ein Gedicht dieser Art (auf Ludwig den Reichen von Baiern, 1460) von ihm vorhanden (Liliencron Nr. 110, Wendeler aaO. S. 103 ff.). Sein dichterisches Eigentum ist verbürgt dadurch, daß er sich in seinen Erzeugnissen nennt (Rosenplüt oder Schneperer) oder durch Andeutungen (am Schluß) erkennen läßt,- auch kann das Vorkommen in Handschriften, die im übrigen hauptsächlich Sachen von ihm enthalten (Rosenplüthandschriften), Anhalt gewähren, ebenso stilistische und innere Gründe — ein Kriterium, das mit Vorsicht angewendet werden muß. Seine historisch-politischen Sprüche fallen in die Jahre 1427-60 (Liliencron Nr. 61). Ein Spruch von Beheim, Schlacht bei Tachau gegen die Hussiten, 1427; Nr. 68: Von der Hussenflucht, 1431; Nr. 93: Schlacht bei Hembach, zwischen Nürnberg und dem Markgrafen Albrecht Achilles, 1450; Nr. 109: Von den Türken, 1458; Nr. 110: Von Herzog Ludwig von Baiern, 1460. Seine städtisch-bürgerliche Gesinnung, die mehrfach einen feindlichen Ton gegen Fürsten und Adel annimmt, bringt er in dem Lobspruch auf die Stadt Nürnberg 1447, in dem er die Bürgerschaft und die Verfassung rühmt, zum Ausdruck. — In seinen zahlreichen Sprüchen und Erzählungen ist die Darstellung grob volksmäßig, oft zu gedehnt. Sie sind zum Teil lehrhaft: Gegen die Welt (s. Euling oben unter der Lit.; Keller, Fastnachtspiele 3, 1343); dazu R. Köhler, Germ. 6, 106-9; Wendeler S. 389-402: Die klag vom Wolf am Hage; Euling, Zwei ungedruckte Sprüche R.s, ZfdA. 32, 436-45 (1. Spruch ernst moralisch, gegen die Welt; 2. Spr.: drei Ehefrauen klagen üb. ihre liederlichen Männer, am Schluß gibt d. Dichter ihnen Lehren); Geuther, Stud. z. Liederb. d. KI. Hätzl. S. 162-64; Max Herrmann, Die Reception des Humanismus in Nürnberg, 1898, darin S. 16-25 Gregor Heim- burgs Einfluß auf Rosenpl. u. dessen Lobspruch auf Nürnberg 1447. — Priamel: Karl Euling, Das Priamel bis Hans Rosenplüt, Germ. Abhandl. Nr. 25, 1905, 484-583; Ders., Hundert noch ungedruckte Priameln des 15. Jh.s, Gott. Beitr. z. dt. Philol. II, 1887; Ders., Kleinere mhd. Erzählungen, Fabeln u. Lehrgedichte, Dt. Texte des MA.s Bd. 14, 1908, S. 109; Ders., Merker-Stammlers Reallex. 2, 723-25, C. Wendeler, De Praeambulis eorum- que historia in Germania, Hall. Diss. 1827; Rodler, Priameln, Germ. 3, 368-74; Zin- gerle, ebda 5, 44-46. — Weingrüße u. Weinsegen, Rosenpl. zugeschrieben: Haupt, Ad. Bl. 1, 401-16. — Eine Lügendichtg. von Ros.: Euling, ZfdPh. 22, 317-20. Seine Lebensdaten sind urkundlich bezeugt. — Über den Namen: Keller, Fastnachtspiele 3,1077-79; Wendeler S. 97 ff. 385 ff. 419 ff.; Goedeke, Grundr. I 2 , 327. — Schnepperer, sein Familienname, bedeutet Schwätzer. Uhland, Schriften 2, 365 f.; Adelbert Keller, Fastnachtspiele aus dem fünfzehnten Jahrh. dritter Teil, Lit. Ver. Nr. 30, 1853, S. 1075-1196; Camillus Wendeler, Stud. üb. H. Rosenpl., J. M. Wagners Archiv I, 1874, 97-133.385-440; M. Faber, H. Rosenpl. ein Rothschmied, Germ. 35, 407-12; J. Dem- me, Stud. üb. H. Rosenpl., Münch. Diss. 1906, — Dichtungen Rosenplüts: Ausführliches Verzeichnis bei Goedeke, Grundr. I 2 , 327-29; eine größere Anzahl Dichtungen enthält Keller, Fastnachtspiele aaO.; v. Liliencron, Die historischen Volkslieder der Deutschen vom 13. bis 16. Jh., Bd. 1, 1865 (s. unten). Einzelne Gedichte sind gedruckt oder besprochen: Canzlers u. Meißners Quartalschrift f. ältere Litt. u. neuere Leetüre I, 1783, u. III, 1785, dazu s. Lambel, J. M. Wagners Archiv I, 212-21 (der clugnarr); Vom Kriege zu Nürnberg (= Liliencron Nr. 95) hgb. Lochner 1849; Der Spruch von Nürnberg, hgb. Lochner 1854; Liederbuch der Hätzlerin, 2. Abteil. Nr. 76. 85; R.Köhler, Rosenblüts disputaz eines Freiheits mit e. Juden, Germ. 4, 482-93 u. Kl. Sehr. 2, 1900, 479-94, s. Liebrecht, Germ. 5, 487; R. Köhler, Zur Lit. H. Rosenplüts, Germ. 6,106-9; Bartsch, ebda 8,41-45; Weigand, Sprüche von H. Rosenblut, ZfdA. 9, 167-75. 11, 176; Max Jordan, Das König- thum Georgs von Podiebrad, 1861, darin 5 ungedruckte Gedichte Rosenplüts S. 394-425, Hans Rosenplüt 493 Die „meisterliche Predigt" geißelt lasterhafte Menschen, Weinschläuche, Ehebrecher, Winkelwirte u.a. (Keller S. 1158-61. 1341. 1432); ein anderer Spruch geht auf die Verlumptheit von Ehemännern (Euling aaO.); ein anderer gegen die Müßiggänger (Keller S. 1152-57. 1327); in der dag vom Wolf am hage (an einem morgen das geschach) beklagt sich der Wolf über die schlechte Behandlung, die er bei den Menschen findet. 1 Dem Handwerkerstand wird ein Lobspruch dargebracht „De hantwerger" (Keller S. 1135-38; Bartsch, Germ.8,41 ff.); religiös gewendet ist „Die beycht", eine Anweisung zum beichten (Keller S. 1098-1103. 1327), besonders aber ein in schwülstig florierter Rede aufgespreizter Marienpreis, vom Schreiber überschrieben Vnnser frawen wappenrede, beginnend: Gelobet seistu himelischer veyol (Keller S. 1329f.; Wendeler S. 104); ein anderes Lob der Maria „Von vnnser frawen schon" in ähnlichem Stil (Keller S. 1330). Religiös moralische Absicht hat die Geschichte der Crescentia, wie besonders die Lehre am Schluß beweist und die Überschrift: Ein liepleich history von grosser schone geduld vnd kuscheit einer edeln keyseryn. Gerade diese history mit ihrem romantischen Stoff zeigt so recht den nüchternen, praktischen Sinn dieses Dichters des 14. Jahrhunderts, der keine Empfänglichkeit für die Romantik hat, die in der Tragik dieser Dulderin liegt (Keller S. 1139-49). — In den Schwänken geht es nur selten ohne Zoten ab. Eine köstliche Satire, nur zu langwierig, ist die Disputatz eins Freiheits (Landstreicher, Vagabund) mit einem Juden: in einem Religionsstreit zwischen Christen und Juden finden jene keinen „Meister" (Gelehrten), der ihre Partei vertreten könnte, da kommt ein „Freiheit" und führt den Prozeß siegreich gegen den Juden durch (Keller S. 1115-24; Köhler, Germ. 6,106-9). Wie viel Fastnachtspiele (s. unten) Rosenplüt geschrieben hat, ist nicht mit Sicherheit zu bestimmen, da sie nicht durch seinen Namen beglaubigt sind (Keller S. 1081 f.; Euling, Gott. Beitr. S.21). Mehrere sind abgedruckt, s. unten bei „Fastnachtspiele". _ Rosenplüt war auch der „Klassiker des Priamels" (Euling, Das Priamel bis H. R. S.490); er hat viele selbständige Priameln gemacht, wendet diese Form aber auch in den Fastnachtspielen an, bes. am Schluß (s. oben Lit.; dazu Keller S. 1161-67). Der fingerfertige, viel beschäftigte Bürger hatte auch Muße ein „Büchlein" Weingrüße und Weinsegen zu dichten, zu Ehren der „vollen Brüder". Sie beginnen entweder: Got grüess dich bzw.: Nu grüess dich Got (du edeles getrank u.dgl.) oder: Got gesegen dich bzw.: Nu gesegen dich Got (du edle leibsalb u. ähnl.); Haupt, Ad. Bl. 1, 401-16; Wackernagel, Leseb. 5 Sp. 1371-74. — Auch ein „Klopfan", Neujahrsgruß, 1 Wendeler S. 388 ff. Dieselbe Klage ist herr) ist verlesen aus Smiher. — Der Schmier auch bearbeitet von Christian Awer (Goe- hat seinen Namen jedenfalls von seiner Hei- deke, Grundr. I 2 , 303) und von dem Schmier mat, dem Dorfe „Schmie" bei Maülbronn (Wendeler S. 404 ff.) (Nu sweigt und hortt (Stalin, Wirtemberg. Gesch. 1, 1841, 315. 3, ein große clage). Das gleiche Gedicht Nu sweigt 1856, 154); ein Spruch von ihm bei Keller, bei Keller, Fastnachtspiele S. 1331 (Anfang Erzählungen aus ad. Hss. S. 306-9. u. Schluß), die Unterschrift „Sunherr" (? sin- 494 Erzählende Literatur der mit formelhaftem „Klopf an" beginnt (Klopf an klopff an Der himel hat sich auf getan Daraus ist hau vnd seid geflossen Domit werstu begossen) , wird ihm zugeschrieben (Keller S. 1149 f. — s. oben 13. Jh. unter Didakt. Kleindichtung am Schluß); Neujahrswünsche, Schade aaO. S. 75. Rosenplüt ist ein typischer Vertreter der bürgerlichen Kunst des Spätmittelalters mit seinem realistischen Sinn, indem er, selbst ein Mann des Volkes, die Lebensanschauung aus dem Volkstum schöpft. So ist auch seine Sprache: derb volksmäßig, auch zuweilen anstößig und geschmacklos, bildlich, bilderreich, mit Humor gewürzt. Die Verse sind frei gebaut, „wilder Versbau". Weniger bekannt war der am Ende des 15. Jahrhunderts lebende Nürnberger Kunz (Konrad) Has. 1 Er ahmt Rosenplüts Lobspruch auf Nürnberg nach und setzt ihn fort. (2) In einem „Fastnachtlied Der Calender zu Nürnberg" (19 achtzeilige Strophen) preist er eine Anzahl Heiligentage, die Gelegenheit zu Tanzen, Fressen und Saufen bringen. (3) In dem Spruch „Von etlichen Ständen der Welt" stimmt er ein Klaglied an über den daniederliegenden Handel und über das sittenlose Leben aller Stände. (4) In dem „Gespräch des Herren Christi mit S.Petro" stattet Petrus dem Herrn Bericht ab über die Verderbnis in allen Ständen; (5) Gedicht auf die Sundersiechen, gedr. 1493. Hans Folz Den Bahnen Rosenplüts folgt in den Gattungen seiner Gedichte, die er mit ihm gemein hat, sein jüngerer Zeitgenosse Hans Folz, 2 der in Worms 1 Lit. s. Goedeke, Grundr. I 2 , 333; Kober- die Weimarer sind von H. F. geschrieben); stein, Grundr. I 8 , 330 Anm. 13. — (1) K. A. Ders., Quellenstudien zu H. F., ZfdA. 50, Barack, Ein Lobgedicht auf Nürnberg aus 314-28; Goedeke, Germ. 15, 197-201; Leitz- d. Jahre 1490 von d. Meister-Sänger K. H., mann, Zu Folzens Meisterliedern, Beitr. 43, 1858; (2) Keller, Fastnachtspiele Bd. 3, 266-75; Alex. Hoch, Geiler v. Kaysersberg, 1103-7; (3 u. 4) Uhland, Schriften 2, 530-33; Ars moriendi a. d. J. 1497, nebst e. Beicht- (5) H. Roesch, Ein neues Ged. von Kunz gedieht von H. F. v. Nürnb., hgb. 1901. Fast- Has, Mitt. d.Ver. f. Gesch. v. Nürnb. 16, 1905, nachtspiele: Keller, Fastnachtspiele 2, 240-44. 523-40; A. L. Mayer, ZfdA. 50, 314-25; 2 Goedeke, Grundr. I 2 , 329-31; A. Götze, Günth. Müller in Walzels Handb. S. 71 f.; Frühneuhochdt. Lesebuch 2 , 1925, 31 f. — Keller, Erzähl, aus ad. Hss. S. 111-19 (von Bartsch, ADB. 7,1878,151 ff.; Museum f. ad. e.Pfarrer). Spruchgedichte: Wackernagel, Litt. u. Kunst 2, 1811, 317 ff.; Lochner, Vier Sprüche von H. F., ZfdA. 8, 507-36; Gosche's Arch. f. Litteraturgesch. Bd. 3, hgb. Zarncke, Ein Spruch u. ein Rätsel von H. F., v. Schnorr v. Carolsfeld, 1874, 324-29 (Urkun- ebda 537-42; Alex. Reifferscheid, Zur Folz- den); Lütcke, Stud. z. Philosophie der Mei- bibliographie, ZfdPh. 8, 185 f. (Von allem stersänger, 1911, S.7ff.; A.L.Mayer, Quellen- Hausrat), auch Götze, Frühneuhochd. Leseb. 2 stud. zu H. F.; ZfdA. 50, 314-28; Könnecke, S. 32 f.; Spruch von der Pest, 1482, hgb. Bilderatlas 2 S. 90. 96. 101. —Abdruck von Martin 1879; Martin, Ausg. von Herrn. Gedichten des H. F.: Keller, Fastnachtspiele v. Sachsenheim (s. ob.) S. 10; Spruch „Dises 3, 1195-1324, Nachlese S. 309 ff.; Ders., Er- puchlein saget uns von allen paden ..." (Nürn- zähl. aus ad. Hss. S. 111-19. 228 f. 286 ff. berg 1480), Faksimiledruck 1896; Th. Hampe, 387 ff.; Abhandlungen u. Abdrücke: H. Mi- Üb. e. Prosatraktätchen Hans Folzens von d. chels, Studien zu d. ältesten dt. Fastnacht- Pestilenz, Mitteil, aus d. Germ. Nationalmu- spielen, QF. 77, 1896; Aug. L. Mayer, Die seum, 1896, 83-90; Bolte, Die ältesten Fas- Meisterlieder des H. F. aus der Münchener sungen des Schwankes vom Kuhdieb, Arch. Originalhs. u. d. Weimarer Hs. hgb., Dt. Texte 113, 1904, 17-30; U. Hellmann, Die natur- des MA.s 12, 1908 (die Münch. Hs. u. z. Teil Wissenschaft!. Lehrgedichte des H. F., Berl. Hans Folz 495 geboren war und sich später als Barbier (Wundarzt) in Nürnberg niederließ (seit 1479 daselbst nachgewiesen, gest. vor 1515). Seine Sprüche sind teils lehrhaft und moralisch (Von einem Füller [Trunkenbold], Von einem Buhler, Von einem Spieler), teils haben sie geistlichen Inhalt (Beichtspiegel, Streit mit den Juden), andere geben praktische Ratschläge (Von allem Hausrat, was man Alles im Haushalt haben muß; Von den Wildbaden, für die, welche Bäder aufsuchen wollen); historisch nur: Ystori vom römischen Reich (Geschichte, Landstände) und etwa „Von der collation Maximilians in Nürnberg zugericht", von dem Festmahl, das die Stadt Nürnberg dem Kaiser 1491 gab. — In den Schwänken versteht er es, Rosenplüt an Gemeinheit noch zu übertreffen. — Die Fastnachtspiele stehen auf der gleichen Stufe (s. unten). Die Behandlung der Klopf'an ist charakteristisch für ihn: neben einigen warmen Liebeserklärungen hat er satirisch derb anpackende Stücke. — Auch in Priameln hat er sich versucht. — Außer diesen Gattungen, die er mit Rosenplüt gemein hat, pflegte er auch den Meistersang (Hans Folz als Meistersänger s. unten), und dieser hat ihm auch die Form gegeben, in die er seine Dichtung kleidete: diese ist korrekt, regelmäßig, silbenzählend (Über Verse von drei Hebungen stumpf s. Martin, Anz. 5, 224). — Am Schluß seiner Sprüche nennt er sich meistens mit seinem Namen oder auch „Hans von Wurms Barbierer" (Keller, Erzählungen aus ad. Hss. S. 231. 288. 289), einmal „Hanns Zapff zue Nurmberg Barbirer" (ebda S. 119). Von Ulrich Höpp sind zwei Spruchgedichte vorhanden (Ich gieng durch lust und auch durch wunn und 0 hoechster vogt der himel sali 1480) und ein historisches Gedicht (v. Liliencron II Nr. 126. — Archiv 37, 1865, 203-17; Goedeke, Grundr. I 2 , 280, eine größere Zahl Spruchgedichte s. daselbst S.295f.). 5. DIE MINNEALLEGORIE 1 Die Allegorie, von Anfang an eine der christlichen Denkweise eigene Form (s. Otfrid Lg. Bd. I 1. Aufl. S. 178, 2. Aufl. S. 185), war auch in der deutschen geistlichen Literatur ein wichtiges Hilfsmittel zur Darstellung christlicher Anschauung. In der weltlichen Dichtung gewann sie im 14. 15. Jahrhundert um so eher Bedeutung, als diese Zeit überhaupt mehr verstandesmäßig produzierte als unmittelbar durch Phantasie. Und so fällt die Minne in starkem Maße der Diss. 1920; Priameln: Euling, Kleinere mhd. Minne-Allegorie, Marbg. Diss. 1907; Leitz- Erzählungen, Dt. Texte des MA.s 14, 1908, mann, Beitr. 44, 126-38; John Wilks, Be- S. 109; Klopfan, Schade, Weimarer Jahrb. strafte Untreue, Diss. London 1923, 23-26; 2, 110; Meistergesang s. unten. Günth. Müller in Walzeis Handb. 28-30; 1 Gervinus 2 6 , 422-48; Goedeke, Grundr. Schneider, Merker-Stammler Reallex. 2, 351 l 2 , 265-68. 464 f. — J. Grimm, Kl. Sehr. 1, -53; Ranke, Zur Rolle der Minneallegorie in 104 f.; Kurt Matthaei, Mittelhochdeutsche d. deutschen Dichtung des ausgehenden MA.s, Minnereden I, Die Heidelberger Hss. 344 usw., Festschr. Siebs 1933, 199-212; s. Sachsen- Dt. Texte d. MA.s Bd. XXIV, 1913; Ders., heims Möhrin. Das „weltliche Klösterlein" u. die deutsche 496 Erzählende Literatur Reflexion anheim und wird zur Allegorie; es entstand eine eigene Gattung, die Minneallegorie. In der Minneallegorie ist die Minne personifiziert und in eine epische Situation verarbeitet. Diese Gedichte sind also dem Inhalt nach mit der Minnelyrik verwandt, gehören aber als literarische Gattung zur Epik oder zur Didaktik. Allgemein üblich ist die allegorische Anschauungsform bei der Darstellung der Tugenden und Laster und begegnet darum in vielen lehrhaften Dichtungen. Meistens haben diese Allegorien eine bestimmte Form der Einleitung oder Einkleidung: Der Dichter geht des Morgens in den Wald spazieren, da trifft er . . - 1 (Aventüreneingang, Spaziergangsdichtungen). Das erste Werk dieser Gattung, die früher dem Heinzelein von Konstanz zugeschriebene „Minnelehre" (s. oben), 2 fällt noch in das Ende des 13. Jahrhunderts. Eine vollständige Aufzählung der Minneallegorien gibt Matthaei, Das weltliche Klösterlein S. 10-12. Daraus mögen hier zunächst Suchenwirts Minneallegorien angeführt werden: Eine Rede von der Minne, die Minne vor Gericht, Das (Di!) schöne Abenteuer, Daz geiaid, Von der Minne Schlaf, Vom Krieg der Liebe und der Schöne (Primisser Nr. XXIII-XXVI. XXX. XLVI; dazu Von dem Phenning Nr. XXIX; s. v. d. Leyen u. Spamer, Die ad. Wandteppiche im Regensburger Rathause S. 13). — Hätzlerin: Von dem Schloss ymmer S. 152-59; Von zwain swestern, wie aine die andern straffet S. 163-65; Ain mynn red von hertzen vnd von leib S. 211-14; Von ainem wurtz- garten S.243-48. — In Lassbergs Lieder Saal (LLS.): Die Minne vor Gericht I S. 195-208 Nr. XXIX (ein anderes Gedicht als das gleichnamige bei Suchenwirt); State und Unstäte II S. 431-39 Nr.CXXXIX; Der Wiedertail III S.55-67Nr.CLXXX; Die alte und die neue Minne III S.81-95 Nr.CLXXXII; Die Minne und die Ere III S. 241-47 Nr. CCV; Die Schule der Minne III S. 575-92 Nr.CCLI (heißt besser „Die sechs Farben"). 3 Keller, Fastnachtspiele: Ein Spil von Narren I Nr. 32 S. 258-63; Frau Minne Lehen, von dem Härder III S. 1378 Nr. 25; Die verfolgte Hindin III S. 1392-99 (s. oben); Der Frau Venus und der Frau State Brief von der alten und neuen Minne III S. 1407-14. — Keller, Erzählungen aus ad. Hss.: Von den sechs Kronen S. 604-14; Von der Liebe und Schöne S. 624-27; Der Frauen Treue S. 634-42. — Martin, ZfdA. 13,348-77 (mittelrheinische Gedichte): Die sechs Farben S.359 Nr. 2 (s.oben); Von dem neuen Leben S.360 Nr. 7; Lob der Minne (drei Arten von Minne) S.361 f. Nr. 12; Der Minne Leben S.362 Nr. 13 (s. Richter, Beitr. zur Interpretation des „Kloster d. Minne", aaO. S.24ff.); Kampf gegen die Minne S. 363 Nr. 14; Der Minne Born 1 Siehe Phyllis u. Flora, Singer, Beitr. 44, Matthaei, Das weltl. Klösterlein S. 59 f.; 470-72 (s. LitGesch. Bd. II, 2, 152); Konrads Stammler, Dt. Vjschr. 1, 1922, 533. v. Würzburg Klage der Kunst. — Roethe, 2 Die älteste deutsche Minneallegorie ist die Reinmar S. 198 f.; Erich Bachmann, Stud. Minnegrotte in Gotfrids Tristan (s. LitGesch. üb. Everhard v. Cersne, Berl. Diss. 1891, 52; II, 2, 314). G Richter, Beiträge zur Interpretation des 3 Niewöhner, Stamml. Verfasserlex. 1, 602 Gedichtes „Kloster der Minne" aaO. S. 6 ff.; -606. Der Minne Regel von Eberhard von Cersne 497 S.363 f. Nr. 16; Klage der Mannheit S.364 Nr. 17 (s. unten); Neun Zeichen der Liebe S.364 Nr. 18; Streit für und gegen die Minne S. 364-66 Nr. 19; Die Schule der Ehre S. 366-73 Nr. 20. Die Gattung der Minneallegorien war auch in andern mittelalterlichen Literaturen beliebt und kam in Frankreich auf. Die am größten ausgeführte und berühmteste ist der französische Roman de la Rose (von zwei Verfassern etwa zwischen 1230-75). Für die bildlichen Darstellungen aus dem Gebiete der Minneallegorie sei besonders verwiesen auf: Friedrich von der Leyen und Adolf Spamer, Die altdeutschen Wandteppiche im Regensburger Rathause, 1910. Das umfassendste deutsche Beispiel einer Minneallegorie bietet: Der Minne Regel von Eberhard von Cersne 1 Während „Der Minne Lehre" nur eine Beschreibung des Amor und der Frau Minne gibt und die eigentliche „Lehre" der Minne darin besteht, sich der Geminnten durch einen Brief zu nähern, ist Cersnes „Minne Regel" ein vollständiges Regelbuch (regulae amatorum, Capl. Andreas S.309ff.).— Eberhard von Cersne war Kanonikus in Minden (urkundlich 1408), er nennt sich am Schluß (V. 4800 ff.) Everhardus, Zuname Cersne, zu Minden; Titel seines Werkes: Der mynnen regel (vnde sal); nach 1404; s. auch Schluß des Registers, Wöber S. 8. — 4830 Verse. Das Buch zerfällt in drei Teile, die im Register (Wöber S.3) angegeben und im Text durchgeführt sind. I V. 1-810 ist eine Erzählung: Der Dichter geht minnesiech hinaus ins Gefilde, kommt an eine wunderschöne, mit Türmen besetzte Mauer; die zehn Türme sind bewacht von zehn Frauen, Zucht, Triuwe, Milde usw. Der von der Mauer umgebene herrliche Garten mit dem wunderbaren Vogelgesang wird geschildert; darin ein Saal mit Herren und Damen, in deren Mitte die Herrin thront, die Königin der Liebe. Sie tröstet ihn und vertreibt seinen Quäler, Hern Trurenfelt. Dann gibt sie ihm die 10 Gebote der Minne; es sind die obigen: Zucht, Triuwe, Milde usw.; dann noch 13 weitere. — Teil II V. 811-3910 enthält 38 Minnefragen, die ihm die Königin beantwortet, Auskünfte für irgendwelche Fälle im Minneleben. — Teil III V. 3911^4735 hat wieder epischen Bestand und erzählt von König Sydrus Hof (d. i. Artus). Die Königin trägt dem Dichter auf, ihr den Habicht zu holen; wohlausgerüstet zieht er auf das Abenteuer aus. In einem Wald begegnet ihm eine Jungfrau, die ihm seine Aufgabe genauer auseinandersetzt: er muß zuerst den Handschuh haben, auf dem man den Habicht trägt. Nach Besiegung mehrerer riesiger Kämpfer gelingt es ihm, den Handschuh zu erringen. In einem goldenen Palast sieht er den König *Ausg.: Franz Xaver Wöber, Der Minne Nachweise); Ders., Stellen, ebda 22, 42 f.; Regel von Eberhardus Cersne von Minden, Erich Bachmann, Stud. üb. Eb. v. Cersne, 1404, mit einem Anhange von Liedern, 1861, Berl. Diss. 1891. — Mitzka, Verfasserlex. 1, dazu Bech, Germ. 7, 481-96; Bobertag, 468 f. —1 Hs., Wien, 15. Jh., Wöber S. XXV Kürschners Dt. Nat.-Litt. 11, 185-216 (nur d. -XXVIII, Bachmann S.2-5. erste Teil). — Bech, Germ. 8,268-70 (urkundl. 32 Deutsche Literaturgeschichte IV 498 Erzählende Literatur Sydrus auf dem Throne sitzen. Nach weiterem Sieg über einen Ritter ergreift er den Habicht, dabei einen Brief, in dem die Regeln der Minne geschrieben waren, die der Minnen König Sydrus geboten. Zur Königin zurückgekehrt, übergibt er ihr beides. Darauf werden die 31 Regeln in Prosa aufgeführt, V. 4736-99. — Dann folgt der Schluß, die oben erwähnte Namensnennung usw. Somit bilden Teil I bis kurz vor Schluß desselben und Teil III die Rahmenerzählung für den Kern und Zweck des Ganzen, das ist die Minnelehre mit den Minneregeln. Der Dichter hat den größten Teil des Werkes frei nach einer Quelle bearbeitet, nämlich dem Tractatus amoris des Andreas Capellanus, 1 einer „amoris doctrina". Der Unterschied besteht zutiefst in der inneren Form: der Tractatus des Kaplans ist eine didaktische Abhandlung, in Cersnes Minnelehre überwölbt die romanhaft erzählende Tendenz die lehrhafte. Im Teil I tritt nur in V. 774-82 die Benutzung des Capellans hervor; die Minnefragen und -lehren des Capellans liegen dem didaktischen Gehalt des II. Teiles zugrunde; Teil III ist Übertragung der Geschichte des Brito beim Kaplan (Ausg. Trojel S.295 ff.), nur daß der König nicht Artus (Arturus), sondern Sydrus heißt. Eberhard war bewandert in der klassischen und früheren deutschen Literatur, er spielt auf die Nibelungensage und auf Wolfram, Berthold v. Holle, Neidhart (V. 550ff.) an. In der Ausdrucksweise ist er sehr frei und willkürlich; die Sprache ist ein Gemisch von Niederdeutsch und Hochdeutsch, ein regelloses Durcheinander; allerdings ist der ursprüngliche Text durch die Launen des Schreibers sehr verderbt. Die Metrik ist bemerkenswert: gekreuzte, meist stumpfe, Reime von vier Hebungen, seltener dreihebig klingende; vereinzelte leoninische Hexameter. Gelegentlich des Vogelgesangs zählt er eine Reihe musikalischer Kunstausdrücke auf (V. 391^186). 2 Auch in der Lyrik hat sich Eberhard von Cersne versucht: 20 Lieder sind erhalten (abgedruckt bei Wöber S. 187-211), die in die Zeit nach der Minne Regel fallen, aber er hat noch viel mehr hervorgebracht. Sie sind alle auf Minne gestimmt und schließen sich somit an sein größeres Werk an. Kunstreich ist der Strophenbau; von Empfindung ist nicht viel zu spüren, man merkt, es ist alles Verstandesmache. Meister Altswert Meister Altswert, 3 ein elsässischer Dichter wohl vom Ende des 14. Jahrhunderts, gibt in den vier ihm zuzuschreibenden Gedichten Tugendlehren für die 1 Siehe oben Cersne u. die Quelle: Bachmann ff. u. 366. — Über die Musik bei Cersne: Am- aaO. S. 16-32 u. 33-55. — Der Traktat des bros im' Musikalischen Anhang bei Wöber Andreas Capellanus wurde später, ohne Kennt- S. 238-65 mit 4 Tafeln; Curt Sachs, Die nis Cersnes, von Dr. Johann Hartlieb für den Musikinstrumente der Minneregel, Sammel- Herzog Albrecht VI. von Österreich übersetzt, band d. international. Musik-Gesellsch. 14, 1440. 1913, 484-86; Burdach, Reinmar S. 178. 2 Sprache: Bech, Germ. 7, 481 ff.; Behag- 3 Hgb. W.Holland u. A.Keller, Meist. hel, Schriftsprache u. Mundart, 1896, 36 f.; Altsw., Lit. Ver. Nr. 21, 1850. — Uhland, Bachmann S. 56-90. — Metrik: Bech S. 482 Schriften 2, 235-39; Karl Meyer, Meister Meister Altswert. Hadamars von Laber Jagd- 499 Minnenden. Insofern in den beiden umfangreichsten Stücken Nr. 2 und 3 die Tugenden als Königinnen auftreten, gehören sie in den Auffassungskreis der Allegorien. —Nr. 1. Überschrift: Das alte Schwert (Diez ist daz alteswert). Zwiegespräch zwischen dem Dichter und Venus, er dient einer frouwen; Venus erteilt ihm Minnelehren. Der Dichter nennt sich am Schluß meister Altswert. 286 Verse. — 2. Der Kittel; Überschrift: Diz heizet der Kittel (Schlußvers: Diz buch daz heizet der kittel). Der Dichter hat eine Vision: ein Bote aus Frau Venus Land will ihn dahin abholen, als er wach geworden, ist dieser verschwunden. Wieder erscheint ihm im Traum der Bote. Er kommt dann in ein herrliches Land; da trifft er eine wunderschöne Frau, die hat einen seidenen Kittel an. Die Kaiserin Venus und ihre fünf Königinnen haben sie hergesandt. Die Schöne führt ihn zu Venus und den fünf Königinnen, welche fünf Minnetugenden sind; Tugendlehre. Venus fragt ihn nach der „neuen" Minne im Elsaß, er gibt eine abschreckende Schilderung derselben; Minnelehre der Venus. Sie gibt ihm einen Smaragd, der die Kraft hat, die Liebe seines „G in dem Kittel" (s. unten) zu erwerben, etwa 1900 Verse. — 3. Der Tugenden Schatz (Überschrift und Schlußvers). Preis der Frau, der er dient {min G [das ist der mittlere Buchstabe ihres Namens]). Er geht in den Wald; ein Zwerg, demgegenüber er sich „Niemand" nennt (S. 78, 30. 95, 21), führt ihn in einen Felsen (Venusberg), darin 200 Zimmer sind, die zwei Kaiserinnen gehören, der Frau Venus und der Frau Ehre mit ihren zehn Frauen, das sind zehn Tugenden. Der Zwerg bringt ihn wieder aus dem Berg — da sieht er viele Mädchen tanzen und spielen —, dann zu einem kostbaren Zelt an einen Brunnen, wo die Frauen sich jetzt aufhalten. Sie fragen ihn, ob im Elsaß jemand ohne Schande sei; er nennt seine G. Venus gibt ihm einen Schatz für seine Geliebte, eine Krone, die er ihr bringt; etwa 1500 Verse. — 4. Der Spiegel (Überschrift und Schlußvers). Der Dichter träumt: er kommt auf eine Kaufmannsmesse; ein Kaufmann gibt ihm einen stählernen Spiegel, in dem man sieht, wer bieder und wer böse ist. Darin sieht er eine schöne Frau, die keinen Makel hat. Er will ihr den Spiegel geben, sie soll ihm ihre Gunst verleihen. Da wacht er auf. Preis der geliebten Frau. 340 Verse. — Der Dichter kramt gern seine Kenntnisse über Geographie und Edelsteine aus, dichterisch geht er ohne eigene Gedanken im hergebrachten Geleise der Minneliteratur. Hadamars von Laber Jagd Die älteste Minneallegorie im 14. Jahrhundert ist Hadamars von Laber Jagd.* Hadamar, aus dem berühmten oberpfälzischen (Bayern) Geschlechte der Herren von Laber (urkundl. oft bezeugt), ist um 1300 geboren, gehörte zu den Altswert, eine literar. Untersuchung, Gott. Keller gehören nur die 4 ersten Gedichte Diss. 1889; Henrik Becker, M. Altswert als S. 1-128 dem Altswert an, die beiden andern Plagiator, ZfdPh. 53, 161-66. — Goedeke, S. 129-255 Herrn, v. Sachsenheim (s. daselbst). Grundr. I 2 , 294 f.; Niewöhner, Verfasserlex. 1 Ausg. J. A. Schmeller, Hadamars v. Laber 1, 69-71. — In der Ausg. von Holland- Jagd u. drei andere Minnegedichte seiner Zeit 500 Erzählende Literatur Anhängern Kaiser Ludwigs des Bayern und starb um 1355-60. Sein Gedicht, Die Jagd, verfaßte er um 1335-40. Er war bewandert in der Literatur der Blütezeit und wurde zu dem Stoff seines Gedichtes angeregt durch die Jagd Schionatulanders nach dem Brackenseil in Wolframs Titurel und dem Jüngern Titurel, deren Strophe (Titurelstrophe) er entlehnt und von deren Wortschatz und Syntax er beeinflußt ist; auch Wolframs Parzival kannte er, sowie Seifrid Helbling und die Königsberger Jagdallegorie (s. unten). Es ist ein Kennzeichen für die verstandesmäßig reflektierende Zeit, daß die frostige Allegorie von Hadamars Jagd bei den Zeitgenossen und in dem folgenden Jahrhundert in so hohem Ansehen stand. Hadamar wurde oft genannt, seine „Jagd" fand zahlreiche Nachahmungen, ebenso sein Stil und seine Strophe. 1 Inhalt: An einem Morgen reitet der Dichter aus zum Weidgang. Frau Minne lehrt ihn die Fahrt (Str. 6). Er nimmt sein Herze zur Weisung der Fahrt und zwölf Hunde zusamt den Knechten mit; die Hunde sind Fröude, Wille, Wunne, Trost, Stcete, Triuwe, Gelücke, Lust, Liebe, Leu, Genäde, Harre (Str. 10 ff.); Begegnung mit einem Forstmann, den er um Rat fragt (Str. 30). Herze findet die Spur des edeln Wildes (Str. 57), wird aber von diesem verwundet (Str. 121). Er trifft einen alten grise (Str. 181); Gespräch (Str. 181 -312), er beklagt sein Mißgeschick, aber die Hoffnung (St;r.265), das Wild mit Hilfe der Hunde Harre, Stcete und Triuwe doch noch einmal zu erreichen, tröstet ihn. — 565 siebenzeilige Strophen bei Stejskal, dazu 18 Strophen, die nur in einzelnen Hss. überliefert sind. — Der Stil ist stark geblümt, der Versbau streng alternierend; die Reime wiederholen sich oft; die Reimkunst ist nicht gewandt; es finden sich dialektische Reimfreiheiten; e wird oft angefügt oder weggelassen. 2 u. Weise: Des Minners Klage, Der Minnenden senfeld, ZfdA. 67, 44-46; Niewöhner, Zwist u. Versöhnung, Der Minne-Falkner, Lit. Stammler, Verfasserlex. 2, 133-40. — Die Ver. Nr. XX, 1850; jetzt maßgebend: Karl Deutung des Jagdmotivs auf Minne schon äl- Stejskal, Hadamars v. Laber Jagd, 1880, ter, s. Matthaei aaO. dazu Bartsch, GgA. 1881 Nr. 41, Seemüller, 1 Stejskal, ZfdA. 22, 264-69; Nachahmun- Anz. 7, 36-55, Tomanetz, ZfdPh. 12, 243-49, gen: Daz geiaid, von Suchenwirt, Primisser Wilmanns, Lbl. 1881, 6-9. — Abhandl.: (s. oben) Nr. XXVI, 66 V.; Der Minne Stejskal, ADB. 17, 465; Ders., Zu H. v. L., Falkner, hgb. Schmeller, Hadamar's Jagd ZfdA. 22, 263-96; J. Mayerhofer, Beitrag z. S. 171-208, 185 Titurelstrophen. — Nachbil- Familiengesch. H.s v. L., Zs. d. hist. Ver. f. düngen von Hadamars Stil u. Strophe: Des Schwaben u. Neuburg 11, 1885, 28-31; Raith, Minners Klage, hgb. Schmeller aaO. S. 147 Verhandl. d. hist. Ver. von Oberpfalz u. Re- -62, dazu Bech, Germ. 6, 223 f.; Der Min- gensbg. 41, 1887, 237-42; F. W. E. Roth, Ur- nenden Zwist und Versöhnung, hgb. kundl. üb. H. v. L., Germ. 37, 62 f., dazu Schmeller aaO. S. 163-70, 36 Titurelstro- Behaghel, ebda S. 296; urkundl. Belegs, auch phen; Ein Minnegedicht Im Titurelsdone (Eim Schröder, Anz. 32, 235-83 (üb. d. Leben H.s engel sich gelichet ein schcenez wip begarwe), s. auch Stejskal, ZfdA. 22, 269-80); v. Un- MSH. 3, 432b-437a, 55 Titurelstr., darunter werth, Beitr. 38, 302 f. (über Jagd); Kurt 29 aus des Minners Klage; s. unten. Die Jagd Matthaei, Das weltliche,, Klösterlein" u. die der Minne. dt. Minne-Allegorie, Marbg. Diss. 1907, 47; 2 Sprache und Stil: Stejskal S. XXXVI Günth. Müller, Aufriß S. 46. — Stellen: -XLIV; Ernst Bethge, Üb. d. Stil H.s v. L. Leitzmann, Beitr. 44, 126ff. — 15 Hss.: in seiner „Jagd", 1892; Brinkmann, Wesen Schmeller S. XII ff.; Stejskal S. XIV u. Form S. 90. 145. 147; Metrik: Stejskal -XXIV; Schröder, Anz. 41, 94; H.-Fr. Ro- S. XXVI-XXXVI. Die Königsberger Jagdallegorie. Die Jagd der Minne. Die Minneburg 501 Die Königsberger Jagdallegorie. Die Jagd der Minne Die Königsberger Jagdallegorie ist in gewissem Sinne ein Gegenstück zu Hadamars Jagd, indem an Stelle der optimistischen Denkart über die Frauen die ungünstige herrscht. — Ein Jäger jagt einer Hindin nach mit seinen Hunden Trost, Harre, Stcete und Triuwe, aber ohne Erfolg, worüber er heftig klagt. Die Klage hört ein wiser man (V. 73), der rät dem Jäger, er solle seine Hunde fortschicken und Zivifei, Wenken und Falsch auf das Wild loslassen. Der Dichter, der das Wechselgespräch belauscht hat, befolgt nun selbst diesen Rat (V. 157) und fängt mit den drei Hunden (Falsch usw.) das Wild. Da kommt die Minne mit ihrem Gesinde geritten (V. 204); der Dichter bittet sie um ihr Gericht, ihr Sohn fällt das Urteil: man soll die Falsche (das Wild) niederwerfen und ihr (ihm) die Zähne ausbrechen. —Alemannisch, 316 Verse. Hs. Universitätsbibliothek zu Königsberg, 14. Jahrhundert, ist Abschrift, nicht Original. — Stejskal hält für wahrscheinlich, Hadamar habe die Königsberger Allegorie gekannt, doch dürfte das Verhältnis umgekehrt sein und die Königsberger Jagdallegorie erst auf Hadamar folgen. 1 Die Jagd der Minne ist eine Nachahmung von Hadamars Gedicht, hat aber zugleich Gemeinschaft mit der Königsberger Jagdallegorie. Ein Jäger jagt auf eine Hindin mit seinen zwölf Hunden, die zum größten Teil dieselben Namen haben wie die bei Hadamar. Er begegnet einem „Heckenjäger", der unedel auf Gewinn ausgeht, mit Netzen und Stricken das Wild fängt und seinerseits zwölf Hunde mit sich führt, die lauter Namen von Untugenden tragen: Fälschen, Triegen, Lügen, Unstät, Treulos, Wankel usw. Dieser kann das edle Wild nicht fangen, der edle Weidmann aber hat Hoffnung darauf. Es ist der Gegensatz zwischen einem tugendhaften und einem gemeinen Minner. 478 Verse. — Abdruck: Laßberg LS. Nr.CXXVI, Bd. II, 289-307. Ein Gedicht, Vergleichung der Liebe mit der Jagd, von 1486, schon unter humanistischem Einfluß, befindet sich in einem alten Druck der Gießener Bibliothek (Wackernagel, LG. I 2 , 373 Anm. 76; Martin, Anz. 5, 224). Die Minneburg Die vielseitigste und stoffreichste Minneallegorie ist die Minneburg, 2 die in der Mitte des 14. Jahrhunderts (um 1340) in Ostfranken, Bistum Würzburg, entstand. Der ziemlich verworrene Inhalt ist in fünf Kapitel geteilt 1 Ausg.: Stejskal, ZfdA. 24, 254-68. — F. auch ZfdPh. 45, 307 f.; Karl Raab, Üb. vier Schulz, Festschr. Schade, 1896, 233-38; See- allegor. Motive, Progr. Leoben 1885, 35-38; Müller, Seifried Helbling (s. ob.) S. XXXV f. Georg Richter, Beitr. zur Interpretation ... 2 Noch ungedruckt, Ausgabe in Vorbereitung; des „Kloster der Minne" (s. ob.) S. 8 f. 17; im Liederbuch der Hätzlerin ist das Stück Matthaei, Das weltliche Klösterlein (s. ob.) V. 2399-2664 aufgenommen, Haltaus S. 180 S. 16 f. 36; Julius Petersen, Die Minneburg -82; einige Verse sind gedruckt im Literar. in Schillers Maria Stuart, Festschr. Köster, Grundriß von v. d. Hagen u. Büsching, 1812, 1912; Burdach, Vorspiel 1, 1 S. 17. — 6 Hss., 441-43; Anz. f. Kunde d. dt. Vorz. 1833 dazu der Auszug bei der Hätzlerin; eine Um- Sp. 299 f.; MSH. IV, 619 Anm. 6; Vetter, arbeitung in Prosa, Beitr. 22,257-81.335 (zuw. Kürschners Dt. Nat.-Litt. Bd. 12 Teil 2,72 f.— [S. 264] füge: Museum f. ad. Lit. u. Kunst von Abhandl. Ehrismann, Beitr. 22, 257-341, s. v. d. Hagen, Docen, Büsching 1, 1809, 585). 502 Erzählende Literatur (im Cod. pal. germ. 455 sind es 5486 Verse). I.V. 1-353. Aventiureneingang: Der Dichter kommt in ein rauhes Gebirge, erblickt eine stark befestigte Burg, deren Brücke von Riesen, Löwen und Hunden bewacht ist. Innerhalb der Burg, deren Name ihm ein Kämmerer als „Minneburg" nennt, befindet sich eine Säule, in der das gläserne Bildnis eines Mannes und oberhalb desselben das stählerne Bildnis einer Frau zu sehen ist. Letzteres blickt das Bild des Mannes an und gebiert ein Kind. — U.V. 354-669. Der Dichter sucht einen weisen Meister, der ihm die Natur des Kindes deute. Diesen findet er endlich in Neptanaus in Alexandrien.- das Kind ist die Minne, die Burg ein reines Weib, die Säule ist ebenfalls ein reines Weib, der gläserne Mann ihre Vernunft, die stählerne Frau ihr Wille, sie sind Vater und Mutter der Minne. — III. Vers 670-2676. Fragen des Kindes und Antworten des Meisters über das Wesen der Minne. —• IV. V. 2677-3192. Das Kind geht mit seiner Jungfrau Cupido, begirde, spazieren; sie gelangen zur Burg Freudenberg. Cupido treibt das Kind an, diese zu erobern. Bestürmung der Burg durch das Gesinde des Kindes, die Untugenden, und deren Verteidigung durch die Tugenden Masse, Stärke, Weisheit. Auf Rat der Weisheit Verständigung mit der Burgherrin. — V. Vers 3193 bis Schluß. Das Kind ist Herr der Burg. Trotz Warnung der Huote geht es vor der Burg spazieren. Die Kläffer berennen die Burg, ziehen aber wieder ab, da sie das Kind nicht finden. Darauf Gerichtsverhandlung vor der Minne, wo die Frauen, die ihre Treue gebrochen haben, von Weisheit, Gerechtigkeit und Treue verurteilt werden. — Das Ganze ist aus drei Erzählungen zusammengeschweißt: l.Die Minneburg mit der Säule; 2. Die Erstürmung der Burg Freudenberg; 3. Gerichtsverhandlung vor der Minne. Die Quelle für das Motiv von der Minneburg liegt inOvids Amor. lib. I Nr. 9: Militat omnis amans et habet sua castra Cupido, s. auch Amor. lib. I Nr. 2 V. 3 1 f. Die Vorstellung von einer Burg der Minne wurde dann von den Vaganten aufgenommen, z. B. Carm. Bur. Schmeller 2 S. 166 Amatoria Nr. 79: Militemus Veneri nos qui sumus teneri! Veneris tentoria res est amatoria, und S. 157 Str. 17 (vgl. ZfdA. 56, 227 Str. 17), Der Liebende als Soldat, Krieger, miles der Venus tritt oft bei den Troubadours 1 und bei Andreas Capellanus auf. In einem provenzalischen Gedicht Castel d'amors, 13. Jahrhundert, wird der Weg zur Liebe mit dem Eingang in eine Burg verglichen. Die französische Allegorie Chastel d'amours von Guillaume de Machaut (etwa 1300-77) handelt in Fragen und Antworten von der Beschaffenheit der Burg echter Liebe. Ein theologisches Lehrgedicht ist das französische, auch in das Mittelenglische (Castel off loue) übersetzte Gedicht Chastel d'amours des Bischofs von Lincoln, Robert Grosseteste (gest. 1253). a 1 Willibald Schrötter, Ovid u. dieTrouba- V. 5751-5898 u. Anm. S. 289; v. d. Leyen u. dours S. 85-9; Wechsler, Das Kulturproblem Spamer, Die ad. Wandteppiche im Regens- des Minnesangs I, 1909, 160; Petersen, Fest- burger Rathause, 1910, S. 41. — Über die schrift Köster 1912 (s. oben), 177 f. Tugendburg bei Rob. Grosseteste s. auch Ma- 2 Über,,allegorische Tugendschlösser" s. Rein- rie Gothein, Die Todsünden, Arch. f. Reli- bots von Durne Heil. Georg ed. C. v. Kraus gionswissensch. 10, 1907, 465 f. Die Minneburg 503 Auch in das Leben übertragen — sie wurde als Spiel aufgeführt — wurde die „Minneburg"; im Jahre 1214 wurde in Treviso ein Fest gegeben: eine Burg aus kostbaren Stoffen wurde erbaut, in ihr waren die Damen versammelt, die Ritter hatten die Erstürmung der Burg auszuführen, als Wurfgeschosse dienten Blumen, Früchte, Spezereien und Wohlgerüche. 1 Später fand in Freiburg in der Schweiz ein ähnliches Fest statt. Auch in die bildende Kunst fand dieses beliebte Motiv Eingang: Elfenbeinschnitzereien mit diesem Gegenstand wurden als Verzierung von elfenbeinernen Kästchen, Kämmen, Sätteln angefertigt; ebenso ist eine derartige Darstellung auf einem gemalten Holzkästchen erhalten. 2 Was die „Minneburg" auf eine höhere Stufe hebt, das ist ein mehrfach hervortretender geistlicher Einschlag. Der Prolog im Cod. pal. germ. 455 ist ein dreistrophiges Gedicht, das mit der Minne zu Gott beginnt und in die Minne zur Geliebten ausläuft. Als Eltern des Kindes (der Minne) sind allegorisch das stählerne Bildnis einer Frau und das gläserne Bild eines Mannes gedacht. Wenn das Frauenbild sich neigt, so blickt es in das Bild des Mannes, darauf gebiert die Frau ein Kind; der Mann ist die Vernunft, die Frau der freie Wille; das sind Personifizierungen der beiden Seelenvermögen der mittelalterlichen Psychologie; nach dieser entspringt nicht nur die Minne aus Vernunft und Wille, sondern die Tugenden überhaupt. 3 — Geistlich gestimmt ist besonders Kap. IV, die Bestürmung der Burg Freudenberg, als Kampf der Tugenden und Laster. 4 In der Minneburg ist die „geblümte Rede" bis zur Geschmacklosigkeit getrieben, doch besteht ein Unterschied zwischen den erzählenden Teilen (materge), in denen der Stil ziemlich normal ist, und den lyrischen Ergüssen, den Einschaltungen (underbint), in denen die florierte Manier herrscht. 5 Das Gedicht ist ein Gemisch von Minnemotiven und scholastischer Gelehrsamkeit, das nicht zu einer geordneten Einheit verschmolzen ist. Die Prosabearbeitung bietet eine wesentliche Verbesserung, der Stil ist klar und zeigt keine verschrobene Blümelei; Aufbau und Gliederung des Stoffes bewegen sich in angemessenen Verhältnissen: Religiöse Einleitung, die allegorische Erzählung, dann Lehren in Fragen und Antworten, darauf wie- 1 So berichtet der Chronist Rolandino von Vernunft in Dantes Göttl. Komödie s. Voss- Padua, Rolandinus Patavinus, AlwinSchultz, ler, Die göttl. Korn. I. Bd. 2. Teil, 1907, 290, Das höf. Leben l 2 , 1889, 276-79; Petersen, 2. Aufl. Bd. I, 1925, 198; Ders., Die philosoph. Festschr. Köster S. 173; G. G. Coulton, Life Grundlagen zum „süßen neuen Stil", 1904, in the middle ages, 2. Ausg., Cambridge 1929, S. 102 Anm. 2. Bd. III. — Dieses Motiv hat Schiller in der 4 Fr. v. d. Leyen u. Ad. Spamer, Die ad. Schilderung des Ritterspiels in der Maria Wandteppiche aaO. S. 33 ff.; Petersen, Min- Stuart 2. Aufzug 1. Auftritt V. 1077-96 wieder- neburg aaO. S. 176 f. gegeben, Petersen aaO. 5 Sprache, Stil u. Metrik: Beitr. 22, 281-303. 2 Alw. Schultz aaO.; Petersen aaO.;CouL- 313-29; Brinkmann, Wesen u. Form, Reg. ton aaO. S. 193. — Über die „geblümte Rede" s. 3 Der „Nachahmer" Hermanns v. Sachsen- bes. Mordhorst, Egen v. Bamberg, s. unten heim hat die Stelle von der Geburt der Minne (speziell in der Minneburg, Egen v. Bamberg aus Vernunft u. Wille nachgeahmt, Beitr. 22, S. 142-44). 331 f. — Über die N e i g u n g des Willens zu der 504 Erzählende Literatur derum Erzählung und zum Schluß Betrachtungen über die Minne und über Gott, ihren Urheber. Meister Egen von Bamberg Im Zusammenhang mit der Minneburg ist zu nennen Meister Egen von Bamberg, 1 denn er wird von dem Verfasser jenes Gedichtes an vier Stellen als sein unerreichtes Vorbild gepriesen, und in der Tat ist bei Egen die Ver- künstelung im schwülstigen Stil der „geblümten Rede" noch ärger als in der Minneburg; 2 auch hat der Dichter der Minneburg eine Reihe von Stellen aus Egen entlehnt, der zur selben Zeit lebte, also etwa zwischen 1320 und 1340 tätig war. Von Egen sind zwei Minnereden vorhanden (er nennt sie am Schluß selbst Reden): 1. Klage der Minne, 219 Verse (er nennt sich am Schluß: also redt meister Egen de amore), beginnt mit einem Preis der Dreieinigkeit und dem Gebot Gottes, daß wir ihn und uns alle miteinander min- nen sollen, darum hat der Dichter sich der Minne eines zarten Weibes unterwunden, „nach der mins sinnes schibe inniclichen zabelt und snelliclichen krabelt"; er preist ihre Schönheit, ermahnt sie zur Treue. 2. Das Herz, 138 Verse (am Schluß: Die rede hat meister Egen gemäht) ; Zwiesprache des Autors mit seinem Herzen; Grund für dessen Pein ist: sust brinn ich uf der minne rost... sust ist in mich gehamert ir bild, in mir verkamert. — Der Dichter besaß Belesenheit und verstand lateinisch. Das Kloster der Minne 8 stellt das Leben und die Verfassung eines Minneordens dar; hierunter wird eine Genossenschaft von minnenden Herren und Damen, „ein weltliches Ritterstift mit klösterlichen Formen", verstanden (Schaus aaO. S. 362). Der Dichter ergeht sich eines Tages in einem wonniglichen Wald, da reitet ihm eine schöne Frau entgegen (V. 42). Er hält sie an, und sie eröffnet ihm auf seine Bitte die Absicht ihrer Reise: sie reitet im Dienst ihrer Frau; ez ist du werdi minnen (V. 109), die sie ausgesandt hat nach guten Frauen und Rittern (V. 136); sie wohnt in einem Kloster (V. 153). Auf seine weitere Frage be- 1 Seine Gedichte hgb. mit Untersuchung: rekonstruktion d. mhd. Gedichtes „Kloster Otto Mordhorst, Egen von Bamberg u. die der Minne", Berl. Diss. 1895; E. Schaus, geblümte Rede, 1911. — Abhandl.: Bartsch, ZfdA. 38, 361-68; s. auch Alwin Schultz, ADB. 2, 36; Ehrismann, Beitr. 22, 329-31 Höfisches Leben I 2 , 56. 540 f. — Die Benen- (Lit. S. 331); Ders., Stammlers Verfasserlex. nung Kl. d. M. hat Lassberg gegeben. — 1, 506 f.; H. Schneider, Merker-Stammler 2 Hss., Donaueschingen (Lassberg) u. Heidel- Reallex. 1, 413 f. — Eine Hs., München Cgm. berg Cod. pal. germ. 313. — Das Klostermotiv 714: Keller, Fastnachtspiele3,1377 f. Nr.22. ist geistlichen Ursprungs. Manche Berührun- 23; Schröder, Kleinere Dichtungen Konrads gen hat die Darstellung des Minneklosters mit v. Würzbg. I S. XVII; Mordhorst S. 33-35. der Abhandlung De claustro animae des Hugo 2 Mordhorst S. 49-56. 63-144 (Sprache S.36 de Folieto (Migne 176, 1017 ff.); näher steht -40, Metrik S. 45-8); Ehrismann, Beitr. 22, die oberrheinische Predigt von manigerhand 313-29 (Stil), 285, 331 (Versmaß); Brink- Tugend geistlichen Lebens, „reht alz daz dosier mann, Wesen u. Form S. 100. 146 f. (Stil). geordnet ist, als sol öch diu minne geordnet sin", 3 Ausg.: Lassberg LS. II Nr. CXXIV; Wackernagel, Ad. Predigten (s. ob.); Cruel, Stellen abgedr.: Vetter, Kürschners D. Nat.- Gesch. d. dt. Predigt im MA. S. 356 f.; Linsen- Litt. Bd. 12, I S. 180-92. — Abhandl.: Georg mayer S. 366. Richter, Beiträge z. Interpretation u. Text- Meister Egen von Bamberg. Das Kloster der Minne 505 schreibt sie das wonnigliche Leben im Kloster, in das sich höchste und hohe Herrschaften, Herren und Damen, zurückgezogen haben, den Orden und des Klosters Regel: es ist ein vornehm höfisches Leben in Spielen, Waffenübungen und Musik. Die Frau weist ihm den Weg zum Kloster (V. 355) und nimmt Abschied (V. 423); er kommt zum Kloster (V.458); in der Nähe begegnet er Frauen und Rittern, die tanzen und lustwandeln. Da trifft er eine minnigliche Frau, die er vormals kannte (662); sie führt ihn im Kloster herum, erklärt ihm die Ordensregeln (856), die jeder einhalten muß, oder er muß Strafe leiden; darob walten ein Abt und eine Äbtissin, priol und priolin (875). Es entwickelt sich nun ein fröhliches, höfisches Leben (1068); ein Turnier bekommt er zu sehen, das vom Abt angeführt wird. Die Begleiterin belehrt ihn über den Zweck des Turnierens und Stechens (1386); sie gehen weiter (1452), und sie zeigt ihm die Minne (1510), das heißt den ganzen Konvent der Ritter und Frauen des Ordens (1531). Minne ist nicht die „Person" Minne, sondern das gemeinsame Band, das die Minnenden vereint, und die Freude, die sie genießen: sie hatten sich durch lustliches leben in den Orden begeben; dies erklärt ihm das Wesen der Minne. Der Dichter möchte gern in dem Orden bleiben (1716); seine Begleiterin sagt, er solle es sich überlegen und am zwölften Tag wiederkommen. Er nimmt Abschied (1796) und geht mit großem Jammer fort (1835); 1890 V. Das allegorische Moment tritt zurück, weil die Minne nicht selbst auftritt und die Minnetugenden bzw. -laster nicht personifiziert sind. — Die Ethik ist die des ritterlichen Humanismus: Wer dise regel halten könnte, Der möcht in froden alten Vnd doch da by dienen got; 1487. Der Verfasser, ein Schwabe, nennt sich nicht. Ansprechend ist die Erklärung, 1 daß die Einrichtung des von Ludwig dem Bayern, wohl in Anlehnung an die Templeisen, gestifteten Klosters Ettal (bei Oberammergau) im Jahr 1330 Veranlassung und Vorbild für den Dichter gewesen sei, wenn auch die Satzungen des Ordens in dem Gedichte nicht ganz mit den von Ludwig gegebenen übereinstimmen. Immerhin läßt sich als Zeit der Abfassung etwa das Jahr 1350 bestimmen. — Die Darstellung bewegt sich zum größten Teil im Zwiegespräch: Frage und Antwort zwischen dem Dichter und den zwei ihn führenden Jungfrauen. Die Ausdrucksweise ist nicht gewandt, und oft wiederholen sich Wendungen und Motive. Der Versbau ist fließend. Von demselben Verfasser stammt das in LLS. folgende Gedicht, Klage um eine edle Herzogin, 2 was durch verschiedene wörtliche Anklänge erwiesen wird. Der Dichter reitet eines Morgens in ein wildes Gebirge durch auentür; da trifft er zwei klagende Frauen in Trauerkleidern, die eine ist die Ritterschaft, die andere die Freude; sie erzählen ihm von dem Grund ihres Leides, nämlich von dem Begräbnis der Herzogin. Die Ritterschaft schildert ein vor 1 Schaus aaO.; H. Holland, Kais. Ludwig 2 Hgb. Lassberg Lieder Saal II, 265-87. — d. Bayer u. sein Stift zu Ettal, 1860, dazu Schaus, ZfdA. 38, 365-67; Georg Richter Zingerle, Germ. 6, 246 f. aaO. S. 18 ff. 506 Erzählende Literatur der Herzogin stattgefundenes Turnier (V. 216-313, Turnier im Kloster der Minne 1076-1451). Von Schmerz erschöpft sinken schließlich beide Frauen in Ohnmacht; der Dichter ruft sie wieder zum Leben. Sie wollen sich ewig in die Wüstenei begraben. Der Name der edeln Herzogin wird gegen Schluß genannt, V. 563; es ist Beatrix, eine geborene Gräfin von Savoyen, dritte Gemahlin des Herzogs Heinrich von Kärnten, Grafen von Tirol, die 1331 starb; 638 V. Diese Hofdichtung erweist den Verfasser als wandernden Berufsdichter; da er Aussicht hat, in das adelige Kloster der Minne einzutreten, so wird er dem (niedern) Adel angehört haben; er läßt sich Junckher nennen; Kloster 911.939, Klage 546. Ein Fürstenpreis ist auch das Gedicht auf Kaiser Ludwig den Bayern, 1 ebenfalls in allegorischer Einkleidung. Der Dichter (er nennt sich einen Schreiber [Kaiser Ludwigs]) kommt in den Palast der Venus, wo auch Frau Ehre und andere Frauen (Tugenden), Mäze, Scham, Kiusche usw. versammelt sind; überschwengliches Lob des Kaisers von seiten des Dichters und der Tugenden. Zum Schluß verkündet der Dichter die Tugenden eines rechten Fürsten, die Frau Ehre gelehrt hat; auf die politische Lage übergehend klagt er, daß zwei Schwerter, das geistliche und das weltliche, sich einander gegenüberstehen und mahnt den Kaiser, den Frieden wieder herzustellen. Ein Preis des Friedens beendet das Gedicht, das nur in Bruchstücken (etwa 900 V.) vorhanden ist. — Die allegorische Erzählung von den Tugenden bildet die Einkleidung, beabsichtigt ist ein Preis des Kaisers, um dessen Ohr für die politischen Mahnungen des Dichters, seines Schreibers (Kanzleibeamten), zu gewinnen. Das weltliche Klösterlein 2 hat viele Berührungen mit dem Kloster der Minne. Es unterscheidet sich aber von jenem wesentlich durch seinen niedrigen sittlichen Gehalt, indem es zum Zweck des Lebens den bloßen Genuß macht. Der Dichter ist unbekannt; Verfassungszeit 1472, südrheinfränk., 434 V.— Inhalt: Aventiureneingang, Spaziergang des Dichters in den Wald; auf einem schönen Wiesenplan ist ein Kloster erbaut (V. 45) mit der Inschrift über der Pforte „Dis weltlich dosier ist gemacht.. . nach Christi geburt" 1472 (V. 61). Der Dichter spricht mit dem portner über die Ordensregel. Da tritt ein stolzer jüngling wolgetän heraus. Der Pförtner erklärt: dies ist einer der 18Konventualen des Klosters. Da klopft eine Jungfrau an die Pforte (V. 146), eine der 18 weiblichen Konventualen. Je ein Mann und eine Frau bilden zusammen ein ehelich Paar. Die geistlichen Übungen nehmen keine Zeit in 1 Hgb. Franz Pfeiffer, Forsch, u. Kritik I, 2 Ausg. u. Abhandl.: Kurt Matthaei, Das 1863, 45-85 (aus Wien. SB. 41, 328-67), dazu „weltliche Klösterlein" u. die deutsche Minneneue Bruchstücke: Englert, ZfdA. 30, 71-75; Allegorie, Marbg. Diss. 1907. — Überlieferung Herb. Thoma, ebda 58, 87-92. — Abhandl.: (Matthaei S. 62-68): 1. Ein Druck (Flug- Emil Schaus, Das Ged. auf Kaiser Ludw. d. schrift, Anf. 16. Jh.s); 2. abgedruckt in der B., ZfdA. 42, 97-105. Zimmerschen Chronik (1564-66). Das weltliche Klösterlein. Der Bergfrit der Minne. Das Minneturnier 507 Anspruch. Ihr Tagewerk besteht in Speisen und Trinken aus kostbaren Gefäßen, danzen, springen und hofleren (V.260), Jagd (V.285). Wenn sie alt werden, ist für sie ein Spital gebaut (V.315). Der Pförtner zeigt ihm die ganze Anlage des Klosters; dabei trifft er auch den Koch, der von dem Essen einen so dicken Bauch hat, als ob er mit einem Kinde ginge (V.335). Der Dichter nimmt am Abendtanz teil und wird die Nacht beherbergt, wozu er ebenfalls eine Jungfrau als euch erhält; Wirt ist der Abt. Das „weltliche Klösterlein" ist also ein vornehmes Stift für Konventuale beiderlei Geschlechts; in dem Gedichte ist es wie ein Schlaraffenland geschildert. 1 Der Bergfrit der Minne 2 Der Dichter liegt zur Maienzeit an einer Halde und denkt an seine Geliebte; er wollte, wenn sie ihm ihre Gunst schenken würde, ein Haus bauen auf vier Säulen, Hute, Wahrheit, Treue, Staete; dann folgen Ratschläge für alle Frauen und Männer, die rechte Minne treiben wollen. Es ist eine Minnelehre (Str. 68); Mittelfränk. (?); 69 vierzeilige Strophen mit gekreuzten Reimen stumpf klingend. Das Minneturnier. Der Minne Gericht Das vom Herausgeber „Das Minneturnier" 3 überschriebene Gedicht, ist ein dürftiges, oft überhaupt unverständliches Machwerk nach der üblichen Art der Minneallegorien: Der Dichter hat einen Traum; Frau Aventür hält in einem Gebirgstal im Maien eine große Versammlung ab; ein Greis, dann ein Zwerg geben dem Dichter Auskunft; Frau Aventür wil haben kempff und stryt turnnyren, rennen, stechen usw. Auch Frau Minne hat hier ihr Lager. Zu dieser wird der Dichter geführt. Unter den Rittern fällt ihm einer auf, es ist der Günstling der Venus. Schließlich läuft die Rederei in eine allgemeine Tugendlehre aus. Von einem Turnier wird nicht gehandelt, 1310 V. Die Verse sind meist dreihebig, stumpf und klingend. Ein beliebtes Erzählungsmotiv war die Gerichts- oder Prozeßform (s. oben Hermann v. Sachsenheim). So gibt es auch mehrere Allegorien „Der Minne Gericht". 4 Der Verfasser einer derselben nennt sich der eilende Knabe (V. 31. 624. 1837), wegen seines Liebeselends; Abfassungsjahr 1449 (V. 1840). Er geht in den Wald, hört eine jammernde Frauenstimme: die klagende Frau hat ihren treuen Liebhaber abgewiesen; er lädt sie vor das Gericht der Frau Fenus; Frau Liebe, Ehre, Treue, Staete usw. sind Richterinnen. Die Schuldige wird in den Wald gejagt; sie scheiden. Der Dichter kommt in eine schöne Aue; schöne Frauen reiten auf einer Falkenjagd daher; 1 Karl Müller-Fraureuth, Die deutschen heim (s. oben). Lügenmärchen bis auf Münchhausen, 1881, 97. 4 Drei sind abgedruckt bei Matthaei, Mhd. 2 v. d. Hagens Germania 7, 1846, 328-37. — Minnereden Nr. 1. 12.15; eine vierte Hätzlerin Pfeiffer, Ad. Übungsbuch, 1866, 165-68. S. 226-30; Strothmann, Die Gerichtsverhand- 3 Hgb. Matthaei, Minnereden Nr. 10 S. 96 lung als literarisches Motiv, 1930,25-27; Fr. v. -113. — Schröder, Gott. Nachr. 1931, 209: d. Leyen u. Ad. Spamer, Die ad. Wand- von einem Nachahmer Hermanns v. Sachsen- teppiche aaO. S. 11. 508 Erzählende Literatur es ist Frau Venus mit den obigen Gefährtinnen. Venus erklärt ihm ihre Gebote, zwölf und noch ein letztes, die anderen Frauen geben noch 32 Regeln; 1840 V. Von dem eilenden Knaben rührt auch die Allegorie Die Liebe und der Pfenning her (ich eilender knab, 190): die beiden streiten miteinander, der Pfenning stößt die Liebe in den Bach; der Dichter zieht sie heraus und trägt sie in ihr Zelt. Alles wird von des Pfennings Gewalt bezwungen; 688 V. Die Minne im Garten u. a. 1 Der Dichter geht im Maien aus und trifft in einem Garten einen vornehmen Herrn, der sein Minneleid klagt. Venus kommt mit reichem Gefolge; sie stärkt ihn in edler Minne, wobei sie ihm den Falken gegenüber dem Raben als Muster vorhält; 388 V., ostfränk. Eine Lehre von dem Aussehen der Minne und demgemäß ihren Eigenschaften ist: Wer nicht weiss was rechte Lieb sei (75 V.); das wird durch eine bildliche Darstellung der Minne veranschaulicht: sie erscheint als blinde, nackte weibliche Figur, deren Arme und Hände in Flügel auslaufen. 2 Die sechs Farben. 3 Die Minne sendet der Reihe nach 6 Frauen zu dem Dichter, deren jede in eine andere Farbe gekleidet ist, jede sagt ihm ihren Namen und gibt ihm die diesem entsprechende Lehre, z. B.: die erste ist in Braun gekleidet und nennt sich verswigen yemer mer, danach sie ihn belehrt; die zweite ist grün, heißt der froeden ain beginnen und lehrt ihn, Freude und hohen Mut stets in sein Herz zu nehmen usw. — Erstes Drittel des 14. Jahrhunderts, etwa 580 V. Der neuen Liebe Buch (Der nüwen liebe buch) , 4 schwäbisch, a. 1486,1791 V., enthält eine Beschreibung der Stadt der Liebe, des Reiches der neuen Buhlschaft, das einem gewaltigen Gebieter (Amor) Untertan ist; die Bewohner, alle Arten von Lebewesen, sind der Liebe unterworfen; nur die eheliche Liebe wird geduldet. Einleitung: Jagdgang zweier Gefährten; ein durch die Luft herbeigeflogener nackter Reiter bringt sie zur „Freudenburg", der Liebesstadt. Die (verfolgte) Hindin 5 ist eine nur dürftig verhüllte Allegorie; die Hindin ist einfach eine schöne Jungfrau, in die der Dichter sich sterblich 1 Hgb. Matthaei, Das weltliche Klösterlein S. 14 f.; Niewöhner, Die6 Farben, Stammlers S. 82-86 u. S.36; Ders., Mhd. Minnereden Verfasserlex. 1,602-6. S. 59-65 (Der Minner im Garten!). 4 Ausg. Hans Hofmann, Ein Nachahmer 2 Hgb. Ehrismann, Germ. 36, 319 f. Hermanns v. Sachsenheim (s. ob.); Inkunabel- 3 Hgb. J. C. v. Fichard, Frankfurter Archiv druck (Exemplare in Gießen u. Zwickau); III, 1815, 297-316 (fehlt 1 Blatt); Lassb. LS. Matthaei, D. weltl. Klösterl. S. 20. — Der III, 575-92 Nr. CCLI (Die Schule der Minne), Nachahmer ist in Metrik (Vers zu 3 Hebungen fehlen 2 Bl. — W. Gloth, Das Spiel von männlich) und Ausdruck abhängig von Herrn, den sieben Farben, Teuthonia I, 1902, dazu v. Sachsenheim. Überhaupt hat der Dichter ZfdPh. 36, 408-10; Martin, ZfdA. 13, 359 große Belesenheit, das Motiv von der Geburt Nr. 2; Matthaei, D. weltl. Klösterlein S. 11; der Liebe aus Willen und Vernunft V. 480 ff. Pflug, Suchensinn (s. ob.) S. 44-6; vgl. Wal- hat er der Minneburg entnommen (Ehrismann, ther v. Wickede, Die geistl. Gedichte des Beitr. 22, 331 f.). Cgm. 714 S. 31-76 (die heiligen Farben); v. d. 5 Abgedr. Keller, Fastnachtspiele III, 1392 Leyen u. Spamer, Die ad. Wandteppiche aaO. -99. Die Minne im Garten. Der neuen Liebe Buch. Bestrafte Untreue 509 verliebt. Der Apparat ist der einer Minneallegorie: der Dichter trifft auf der Jagd eine Hindin (er jagt das tierlein nicht!), findet dann drei edle Jungfrauen, State, Treue und Ehre, die ihm Tugendlehren geben, dann einen alten Mann, der sich „treuer Rat" nennt und ihm empfiehlt, die Hindin abmalen zu lassen. Der Erfolg ist, daß er ihr Bild im Herzen trägt; 300 V. Bestrafte Untreue 1 Eine Frau spricht; sie fordert die jungen, werden auf, sich an des Maien Blüte zu freuen. Die Arme hat senden smertzen, der ihr durch Untreue widerfahren ist. Am Morgen (V. 49) geht sie hinaus in den grünen Wald zu einem schönen Baumgarten und klagt ihren Schmerz; da sieht sie drei schöne Frauen: die eine, schwarz gekleidet, nant frow truw sich; die andere, in Blau, frow stätikait; die dritte, in Weiß, heißt lieb; dann kommt eine noch schönere Frau gegangen, frow Minn (V.205). Die vier Frauen beschließen, alle Frauen vor jenem Ungetreuen zu warnen (V. 319). Sie scheiden (V. 339); die Nacht treibt die treulos Verlassene mit ihrem Leid nach Hause (V. 350). Bei Wilks 356 V., bei Matthaei 378 V. — Die Erzählungsweise ist klar, anschaulich, getragen von warmer Empfindung und belebendem Natursinn, ohne den Gebrauch der geblümten Rede. — Heimat (Mundart): ostschwäbisch. — Das Versmaß ist frei, meist vierhebig stumpf. — 3 Hss.: Wilks S.8-21; Priebsch, Dt. Hss. in Engl. Bd. 2, 1901 S. 215. In der Klage der Mannheit 2 klagt diese über den Tod ihrer Schwestern State, Milde, Treue und erzählt von der Ausrüstung eines Ritters. Von einem mittelfränkischen Bruchstück 3 (116 teilweise verstümmelte V.) ist der Aventüreneingang erhalten. Der Dichter erzählt. Er ist in fremde Länder geritten, um ihre Sitten kennen zu lernen (V.40); er kam in ein Gebirge, dort fand er eine Höhle (74), darinnen einen See mit einem Schifflein (86), der Steuermann lud ihn ein, ihn dahin zu führen, wo er die größte Wonne der Erde sehen könnte (91). Der Dichter trat ins Schiff (99), zog das Segel auf und kam aus der Höhle (106), deren Tür sich auftat; sanft fuhr er, wähnte in dem Grale zu sein, der Wind aus dem Berge benahm ihm alle Sorgen. Predigt über die Minne. 4 Die Minne ist von Gott eingesetzt, folglich keine Sünde. Eine Frau, die noch nicht geminnt hat und sich vornimmt, dies künftig zu verbessern, wird vom Priester ihrer Sünden losgesprochen. 1 Ausg. u. Abhandl.: John Wilks, MA., Be- Katalog, der Hss. der Univ.-Bibl. in Heidei- strafte Untreue, eine allegorische mhd. Minne- berg S. 70 u. S. 106 (Cod. pal. germ. Nr. 313 rede, mit Einleit. u. Anmerkungen, hgb. The- u. 358); das Gedicht wird auch genannt „Der sis (Diss.), London 1923, dazu L. A. Wil- Spruch von den zehn Schwestern", Wilken, loughby, Mod. Lang. Rev. 1924,492 f.; Kurt Gesch. der ... Heidelbergischen Büchersamm- Matthaei, Mhd. Minnereden I, Dt. Texte d. lungen, 1817, S. 402 Nr. 15. MA.sBd. 24, 1913, Nr. 11 S. 113-19 (Hs. G). 3 Hgb. Mourek, ZfdA. 47, 197 ff. —; v. 2 Ungedruckt. Zacher, ZfdA. 1, 238 Nr. 34; Kraus, Mhd. Übungsb. 2 , 1926, 168 f. 288. Martin, ebda 13, 364 Nr. 17; Keller, Alts- 4 Lassberg LS. 3, Nr. 188 S. 125-33. wert S. X Nr. 15. XXIV Nr. 10; Bartsch, 510 Erzählende Literatur Minnereden Von den Minneallegorien unterscheiden sichdieMinnereden 1 dadurch, daß diese die Minnethemata episch-didaktisch behandeln, ohne dabei Allgemeinbegriffe zu personifizieren, also ohne zu allegorisieren. Minnereden sind natürlich zahlreich bei den schon angeführten Spruchdichtern, Reimsprechern, Meistersängern. Hierher gehört auch ein Dichter, der sich Elblin von Eselberg 2 nennt. Er hat zwei lehrhafte Minnereden verfaßt. I. Die erste trägt keine Überschrift (597 V., der Name 547). Der Dichter reitet mit einem Gesellen auf die Jagd. Als ein schüchterner Liebhaber klagt er dem Freunde, daß er schon lange einer Frau diene, aber nicht den Mut habe, ihr seine Liebe zu erklären. Sie kommen zu einer Frau in einer Schar von werden freuelin; sie ist die Geliebte. Der Freund bittet für den Liebenden, sie erhört ihn, aber nur unter der Bedingung, daß er durchaus tugendhaft bleibe. Eine Tugendlehre der Liebe in minnesingerischem Ideal. Die Erzählung ist verworren. — IL Das nackte Bild, 3 Das nackendpilde (548 V., Name 548). Der Dichter geht im Frühling spazieren und trifft eine Schar schöner Frauen, darunter eine, die auf dem Uberkleid ein nacktes Frauenbild trägt; Gespräch zwischen dem Dichter und der schönen Frau. Sie belehrt ihn auf seine Fragen über das Wesen der Liebe: was ist Lieb, woher entspringt sie, ob sie schade oder nütze, drei Stufen der Liebe: die anhebende, die zunehmende, die ganze Lieb. Dies ist ebenfalls eine Lehre der Liebe, die in minnesängerischem Sinne aufgefaßt wird. Über den Dichter ist nichts bekannt. Urkundlich ist im 12.13.14. Jahrhundert ein Adelsgeschlecht von Eselsberg in Württemberg (auch eines v. Esels- purg) belegt. Vielleicht ist aber auch der Name von dem Dichter scherzhaft angenommen. Zeit? Eine Minenrede ist auch das ostfränkische Gedicht vom Roten Munde, um 1300. 4 6. PROSAROMANE 5 Elisabeth von Nassau-Saarbrücken Durch das zeitbedingte Vordringen der Prosa wurde auch das Gebiet der epischen Dichtung ergriffen; höfische Epen wurden in Prosa aufgelöst, oder solche Stoffe wurden von Anfang an ungereimt dargestellt. Die Anregung 1 Kurt Matthaei, Mittelhochdeutsche Min- rothen Munde, Progr. Tübingen 1874 (Dokto- nereden. I. Die Heidelberger Hss. 344 usw., renverzeichnis 1873-74); Schröder, ZfdA. 68, hgb. Dt. Texte d. MA.s Bd. XXIV, 1913 (ent- 195. hält auch Minneallegorien). 5 J. G. Büsching u. Fr. H. v. d. Hagen: 2 Ausg.: Adelbert v. Keller, Elbl. v. Esel- Buch der Liebe, 1909, dazu J. Grimm, Kl. berg, Progr. Tübingen 1856. — Graff, Diut. Sehr. 6, 84-100; Felix Bobertag, Geschichte 2, 77 (Hs.). — H. Fr. Rosenfeld, Stammlers des Romans und der ihm verwandten Dich- Verfasserlex. 1, 541-43. tungsgattungen in Deutschland, I.Abteilung, 3 Ausg.: Keller aaO.; Graff, Diut. 2, 91 bis z. Anfange d. XVIII. Jh.s I. Bd., 1876; -107;HätzlerinNr. 68 S. 264-70. — Geuther, Scherer, Die Anfänge des dt. Prosaromans Studien zum Liederbuch d. Klara Hätzlerin u. Jörg Wickram von Colmar, eine Kritik, QF. S. 152. 21, 1877; R. Benz, Die dt. Volksbücher, hgb. 4 Adelb. v. Keller, Die Erzählung vom 1911 ff.; S. Singer, Mittelalter u. Renaiss. Die Minnereden. Elisabeth von Nassau-Saarbrücken 511 ging auch hier von Frankreich aus (s. oben). Schon aus der Zeit vor dem Anschwellen der Prosa im 15. Jahrhundert datiert der aus dem Französischen übersetzte Prosa-Lanzelet, etwa 1225 (s. oben Ulrich von Zazikhoven), eröffnet aber wurde die Beliebtheit der Prosaromane als einer literarischen Gattung durch die vier Übersetzungen französischer Chansons de geste, welche die verwitwete Gräfin Elisabeth von Nassau-Saarbrücken (lebte 1397-1456), Tochter eines lothringischen Prinzen, verfaßte (Abschluß 1437). Sie hielt sich dabei eng an die Vorlage und änderte nur sittlich bedenkliche Stellen. Die vier Romane, Loher und Maller, Huge Scheppel, Herpin, Sibille, 1 die zum Sagenkreis Karls des Großen gehören, wurden (außer Sibille) seit Anfang des 16. Jahrhunderts öfter gedruckt und sind zu Volksbüchern geworden. 1. Loher und Malier^ wurde von der Mutter der Gräfin Elisabeth, der Herzogin Margarethe von Lothringen, 1405 in Französisch geschrieben (verloren). Loher (= Lothar), der natürliche Sohn Karls des Großen, wird auf sieben Jahre verbannt und schlägt sich mit seinem treuen Maller im Ausland durch, wird später Kaiser, aber von seinem Halbbruder Ludwig vom Thron verstoßen, erleidet er widrige Schicksale. 2. Huge Scheppel (so in der einzigen, der Hamburger Hs.) oder Hug Sehap ler (so in den Drucken) 3 = Hugues Capet, Hugo Capet, ist der Sohn einer Metzgerstochter, der „durch seine Kühnheit und ritterlichen Taten zuletzt in Frankreich zu einem König erwählet und gekrönt ward". 3. Herpin; Herzog Herpin und sein Sohn Low, ein Vasallenroman. 4 Eine französische Quelle ist nicht gefunden. Herzog Herpin wird von Kaiser Wiedergeburt des Epos u. die Entstehung des die stilistischen Übereinstimmungen als Ar- neueren Romans, 1910; Wolfgang Liepe, Eli- beiten aus derselben Feder. Hug Schepler, sabeth von Nassau-Saarbrücken, Entstehg. u. hgb. in Kindermann, Volksbücher vomster- Anfänge des Prosaromans in Deutschland, benden Rittertum, 1930. 1920, dazu J. Prestel, Anz. 45, 23-26, Häuf- 2 Ausg.: Friedrich Schlegel, 1805; Sim- fen, Euphorion 26, 289-94, Stammler, DLz. rock, 1868. — Lit.: Goedeke l 2 , 340 f. 357 f. 1922, 958-61, Behaghel, Lbl. 1922, 169-71, (Hss. u. Drucke); Bobertag 1, 69 f.; Gaston Alb. Ludwig, Archiv 143, 121-23; Liepe, Die Paris, Hist. litter. de la France Bd. 28, 421; Entstehung des Prosaromans in Deutschland, Bedier, Leslegendesepiques4,26 ff.; Schnei- ZfDtschkde 36, 1922, 145-61; Lutz Ma- der, Wolfdietrich S. 342 ff. 366 ff. — Die ckensen, Die deutschen Volksbücher, 1927, Hamburger Hss. des Loher u. Maller, Huge dazu H. Kindermann, Anz. 48, 127-30, Fr. Scheppel u. Herpin sind für den Grafen Jo- Ritter, ZfdPh. 54, 457-60, R. Alewyn, Lbl. hann III. von Saarbrücken (1423-72) herge- 1928,409-11, Fr. Karg, Arch. f. Kulturgesch, stellt zwischen 1455 u. 1472. Drucke des Loher 19, 181 f., Bolte, Zs. d. Ver. f. Volkskde 37. u. Maller 1513-1613. 38. 64. — H. Bausse, Gesch. d. dt. Romans 3 Ausg.: Simrock, Volksbücher Nr. 38; Herm. bis 1800, Samml. Kösel 1900; Fr. Schneider, Urtel, Der Huge Scheppel der Graf. Elis. v. D. höf. Epik im frühmhd. Prosaroman, Greifs- Nassau-Saarbr. nach d. Hs. der Hamburger wald. Diss. 1915; H. H. Borcherdt, Gesch. d. Stadtbibl. hgb., 1905, dazu Baesecke, Anz. Romans u. der Novelle in Deutschi. I, 1926, 30, 201^, Helm, Lbl. 1906, 139, Cbl. 1906, dazu Günth. Müller, Lbl. 1928, 338-42; 1302, Borchling, Zs. f. dt. Wortforsch. 7, H. Weisser, Die Novelle im MA., 1926, dazu 362-4, L. Jordan, Arch. 116, 426-28; Heinz Fr. Neumann, DLz. 1928, 861-64, Nie- Kindermann, Dt. Lit. in Entwicklungsreihen, wöhner, Anz. 47, 121-7; Walther Rehm, Reihe Volks-u. Schwankbücher 1928. — Goe- Gesch. d. Romans (Göschen) I, 1927, 17 ff.; deke l 2 ,356 f.; Bobertag I, 71-74; Günther Günth. Müller in Walzeis Handb. d. Lit.- Müller in Walzeis Handb. 1, 74. — Drucke Wissensch. 1,74ff.; Ders., Aufriß S.46. — Goe- des Hug Schapler 1500 bis 1794. deke, Grundr. I 2 , 339-58. 463 u. 466 f. (nd.). 4 Simrock Nr. 44; Kindermann, Dt. Lit. in 1 Die vier Romane erweisen sich auch durch Entwicklungsreihen, Reihe Volks- u. Schwank- 512 Erzählende Literatur Karl ungerecht verbannt; sein Sohn Low, der eigentliche Held des Romans, löst einen toten Ritter, der vom Wirt wegen Nichtbezahlung seiner Schulden in den Rauchfang gehängt worden ist, aus; dieser steht ihm, dem verschwenderischen Low, in seinen Bedrängnissen als Schutzgeist zur Seite (Motiv der „Rittertreue", s. oben). 4. Sibille (noch ungedruckt) gehört ebenfalls dem Sagenkreis Karls des Großen an. Es ist die Geschichte von der unschuldig verleumdeten Königin (LG. II, 2, 124 Anm. 1). Die französischen Chansons sind bruchstückweise erhalten, vollständig eine französische und eine spanische Prosa. Weitere Bearbeitungen französischer Stoffe Dieselbe Sage ist der Ausgangspunkt für die Geschichte von Valentin und Namelos. Die Schwester des Königs Pippin von Frankreich, die dem König von Ungarn vermählt wird, gebiert zwei Söhnchen, die die Schwiegermutter heimlich töten lassen will. Aber die damit beauftragte Dienerin setzt sie aus. Das eine, das sie in einem Kästchen ins Wasser legt, findet Pippins Tochter und läßt das unbekannte Kind aufziehen, in der Taufe wird es Valentin genannt. Das andere, im Wald ausgesetzte Kind wächst wild auf, es ist Namelos; viele Abenteuer; Ende glücklich. — Das Original ist französisch und in vielen Sprachen verbreitet. Die deutsche Bearbeitung gehört Niederdeutschland (Lit. s. unten „Niederdeutsch") an; mitteldeutsch ist es in Prosa bearbeitet; erhalten ist ein mitteldeutsches Gedicht, Bruchstück 63 V. Aus einem französischen Gedicht übersetzt ist auch die schöne Melusine, von Thüring von Ringoltingen 1 (gest. 1483 als Schultheiß von Bern) im Jahre 1456 im Auftrag des Markgrafen von Hochberg (Röteln u. Sausenberg) verfaßt. Der Graf Raimund von Poitiers nimmt eine schöne Jungfrau, die er unterwegs antrifft, zum Weibe, muß ihr aber schwören, daß er nie an einem Samstag nach ihr frage, sonst werde er sie und sein Glück verlieren. Er verletzt das Gelübde, erblickt sein Weib im Bade, ihr schöner Körper endet in einen Schlangenschwanz. So muß sie unerlöst bleiben, Reimund aber wird nimmermehr fröhlich. Das Ganze ist eine französische Lokalsage. Der Roman, zum Volksbuch geworden, war außerordentlich beliebt, ist in mehreren Handschriften erhalten und wurde von etwa 1470 an bis um die Mitte des 18. Jahrhunderts sehr oft gedruckt. bücher II, 1930. — Em. Müller, Überliefe- hesten Drucken, o. J.; F. v. Zobeltitz, Die rung des Herpin v. Bourges, Hall. Diss. 1905; Gesch. von d. schönen Melusine — nach der Martin, Ausg. des Hermann v. Sachsenheim ältesten Druckausgabe 1474 neu hgb., 1925.— S. 29 f.; Bolte-PolIvka, Anmerkungen zuden Roethe, ADB. 28, 634; Pfeiffer, Germ. 12, Kinder- u. Hausmärchen der Brüder Grimm 3-5; Baechtold, Gesch.. d. Lit. S. 240^12. 3, 507 ff. — Bartsch, Katalog der Heidelberg, Hss. S.39 (Cod. pal. germ. 152, 15. Jh.) Druck von 1514 bis 1659. — Goedeke l 2 , 358 438; Singer, D. malterl. Lit. in d.dt. Schweiz, 1930, 178-80; H. Türler, Neues Berner Taschenbuch, 1902; Günther Müller in Walzels Bobertag S. 72-301; Scherer, Anfänge des Handb. 1, 74; Bolte-Polivka 3, 509; Ma- dt. Prosaromans S. 18. ckensen S. 71 f.; Bobertag 2, Reg. S. 203; 1 Ausg. Schwab, Buch d. schönsten Geschieh- Goedeke l 2 , 354. — Jos. Kohler, Der Ur- ten u. Sagen, 1836 ff.; Simrock, Volksbücher; sprung der Melusinensage, 1895. P. Jerusalem, Dt. Volksbücher nach den frü- Weitere Bearbeitungen französischer Stoffe 513 PontusundSidonie 1 ist eine Übersetzung des französischen Prosaromans Pontus et la belle Sidoine, verfaßt von der Erzherzogin Eleonore von Österreich, der Tochter des Königs Jakob von Schottland und Gemahlin Erzherzogs Siegmund in Rottenburg am Neckar (1448-80). — Pontus, Sohn des Königs von Gallicia in Spanien, wird vor den Nachstellungen der Heiden gerettet und nach Britannien gebracht, befreit dieses Land von dem Einfall der Heiden. Liebe zwischen Pontus und Sidonia, der Tochter des Königs, die dann vermählt werden. Die Verwicklung: Pontus' Neider Gendolet verleumdet ihn; er geht nach England; viele Abenteuer und Kämpfe, besonders mit den Heiden. Gendolet intrigiert weiter und wird von Pontus erschlagen, der dann König von Gallicia und später von Britannien wird. Die Erzählung ist sehr höfisch gefärbt, besonders durch die Darstellung von Turnieren und ritterlichen Kämpfen. — Drei Handschriften, die älteste von 1465; dreizehnmal gedruckt von 1483 bis 1769; niederdeutscher Druck 1601. Der Ritter vom Turn 2 des Marquard vom Stein, Kaiserlichen Rats und Kanonikus zu Augsburg, 1485 (gest. 1559), ist eine Übersetzung des Livre pour l'enseignement de ses filles von dem Chevalier de la Tour Landry, einer französischen Sammlung von Erzählungen, die einen lehrhaften Zweck haben, so daß einige der ältesten deutschen Drucke die Überschrift führen: Der Ritter vom Turn von den Exempeln der gottesforcht vn erberkeit. Es ist, nach andern Drucken, „eine schöne Anweisung der Jungfrauen und Frauen, wie sich ein jede in ihrem Stand verhalten soll". Aber diese Erzählungen sind zum Teil so unanständig, daß sie eher zur Abschreckung dienen können. — 11 Drucke von 1493 bis 1682. Von der deutschen Prosaübersetzung des franz. pros. Ritterromans Cleo- mades 3 des Adenes le Roi sind nur Bruchstücke vorhanden. Die französische Chanson de geste Girart de Roussillon wurde ins Niederdeutsche als Prosaroman übersetzt (um 1400, in Bruchstücken erhalten ; s. unten Niederdeutsch); Jan van Dam, Stammlers Verfasserlex. 2,50f. Auch der deutsche Prosaroman Morgant der Riese ist einer französischen Prosa entnommen, die aber ihrerseits eine Bearbeitung von Luigi Pulcis Rittergedicht II Morgante maggiore (1483) ist. Hiermit sind wir auf die Bedeutung der italienischen Renaissancedichtung für die deutsche Literatur gekommen, die bei den Humanisten (s. unten) besonderen Einfluß erlangte. 4 !AuSg. BÜSCHING U. V. D. HAGEN, Buch der GOEDEKEl 2 ,352f.;BOBERTAGS.126;MACKEN- Liebe, 1809, S.XLIV-LII u. S.269^44; Kin- sen S.56; Stammler, Von d.Mystik z. Barock dermann, Reihe Volks- u. Schwankbücher I, S. 257. 491 (Lit.). 1928, Bd. I (Druck von 1485). — Paul Wüst, 3 Abgedr. Gottl. Studer, Arch. des hist. Die dt. Prosaromane von Pont. u. Sid., Marbg. Ver. des Kantons Bern, 1858-60, Bd. 4 H. 3 Diss.l905;VicTORLüDicKE,Vorgesch.u.Nach- S.93-100; Singer, Die malterl. Lit. d. dt. leben des Willehalm von Rud. v. Ems, Her- Schweiz, 1930; Goedeke l 2 , 119; Baech- maea VIII, 1910, 176 f. — Bobertag S. 71; told S.242.156.208 u.Anm.; Jan van dam, GoEDEKEl 2 ,355f.;WACKERNAGEL,LG.l 2 ,455. Stammlers, Verfasserlex. 1, 384-86. 2 A. Kehrmann, Die dt. Übersetzg. der No- * Nach einer Aarauer Hs. v. 1530 veröffent- vellen des Ritters vom Turn, Marbg. Diss. licht von Albert Bachmann, Morg. d. Riese, 1905; L. Poulain, Der Ritter vom Turn von in deutscher Übersetzung des 16. Jh.s hgb., Lit. Marquart vom Stein, Berl. Diss. 1906. — Ver. Nr.75,1892 ,dazu Singer, Anz. 18,295f. 33 Deutsche Literaturgeschichte IV 514 Erzählende Literatur Florio und Bianceflora 1 hat den aus Konrad Flecks Epos Flore und Blancheflur (s. oben) bekannten Inhalt. Der deutsche Prosaroman ist nach dem Filocopo des Boccaccio gemacht, der seinerseits einem französischen Gedichte folgte; 5 Drucke von 1499 bis 1587. Auch niederdeutsch: Flos und Blankflos. Prosaauflösungen deutscher Epen Auch deutsche Epen wurden in Prosa aufgelöst 2 (Lanzelet s. oben). Herzog Ernst, 3 Ende des 15. Jahrhunderts (s. LG. II, 2, 55). — Über das Volksbuch von Gregorius auf dem Steine s. LG. II, 2,188 und Anmerkungen. —• Historie von Herrn Tristrant 4 und der schönen Isalden von Irlande, gedruckt 1484 u. ö. bis 1664. Wolframs Willehalm 5 wurde im 15. Jahrhundert in Prosa umgearbeitet mit Ulrichs v. d. Türlin Vorgeschichte und Ulrichs v. Türheim Fortsetzung. — Wigoleysz, 6 Wigoleysz vom rade vom grafenperg, gedruckt 1493 u. ö. bis 1664. — Wilhelm von Österreich , 7 Ein schön vndgantz kurtxweilige Historien von Hertzog Wilhelm aus Osterreich vnd eins Königs Tochter aus Zisia, Agley genandt ... 1481. Eine niederschlesische Prosaauflösung von Schon- dochs Königin von Frankreich. Fortunatus Der Wende des 15. 16. Jahrhunderts gehört noch eine in ihrem Stoffe von den bisher angeführten Romanen verschiedene Erzählung an: Fortunatus, 8 eine Geschichte von Abenteuern, die in der Erwerbung des nie versiegenden „Glückssäckels" und des unsichtbar machenden „Wunschhütleins" gipfeln. 1 Simrocks Volksbücher, Flos u. Blankflos. Bartsch, Bruchstücke eines prosaischen Tri- — Bobertag S. 61; Goedeke S. 353f. stanromans, Germ. 17, 416—19. 2 Görres, 1807, 83-90; Friedr. Schneider, 5 Hgb. Bachmann u. Singer, Dt. Volks- Die höf. Epik im frühmhd. Prosaroman aaO., bücher aus. e. Zürcher Hs. d. 15. Jh.s, Lit. passim; Meyers Volksbücher Nr. 406 f., 1887. Ver. 185 S. XXXVII-XXXIX u. 139-64; — Goedeke l 2 , 341-43. Suchier, Wolframs Willehalm als Volksbuch, 3 Kindermann aaO. Reihe Volks-u.Schwank- Germ. 17, 355-57; s. LG. II, 2, 286 u. Anm. 2. bücher II, 1930; Stickelberger, Lied u. — Keine alten Drucke. Volksb. von Herzog Ernst, ZfdA. 46, 102; "Wigolois: Kindermann, Reihe Volks- u. Walter Schwenn, H. Ernst, Volksb., Greifs- Schwankb. II, 1930; Bobertag 1, 59. 165-70; wald. Diss. 1924, Masch.druck. — Bobertag Goedeke l 2 , 342; Wackernagel, LG. I 2 , 1,222-24; Goedeke l 2 ,341 f.; Wackernagel, 454. LG. I 2 , 454, LG. II 2, 55. ' W. v. Österr.: Kindermann aaO. II. — 4 Prosaauflösung von Eilharts Tristant (s. Ludw. Häntzschel, Das Volksbuch „Wilh. LG. II, 2, 69.385 u. Anm. 1). Neue Ausgaben: v. Österreich", 1921; Goedeke l 2 , 342 f. Buch der Liebe hgb. von Büsching u. v. d. 8 Ausg.: Görres, 1807, 71-82; G. Schwab, Hagen, 1809 S. XV-XXXVI u. 1-142, dazu Buch der schönsten Gedichte ... II, 1836; J. Grimm, Kl. Sehr. 6, 84-100; Simrock, Linz 1838; Benz 1910; Jerusalem, Dt. Volks- Volksbücher; Fr. Pfaff, Tristrand u. Isalde, b. aaO. — Zacher, Ersch u. Grubers Ency- Prosaroman d. 15. Jh.s, Lit. Ver. 152, 1881; klopädie I, 1847, 478-87 u. ZfdPh. 1, 254 ff.; Rich. Benz, Die dt. Volksbücher, 1912; Bolte-PolIvka 1, 483; H. Günther, Zur Günther Kröhl, Die Entstehung des Prosa- Herkunft des Volksbuches von Fortunatus, romans von Tristrant u. Isalde, Gott. Diss. Freiburg. Diss. 1914; Ders., Fort, nach d. 1930. — Bobertag, Gesch. d. Romans S. 60; Augsburger Druck von 1509 hgb., 1915. — Goedeke l 2 , 342; Wackernagel, LG. l , 454. Bobertag 1, 83-86 (mit weiterer Lit.); Goe- — Ein aus einem franz. Prosaroman über- deke l 2 , 354; Götze, Frühnhd. Leseb. S. 59. tragener deutscher Prosatristan, 16. Jh.: Prosaauflösungen deutscher Epen. Fortunatus 515 Ersteres erhält Fortunatus, der Sohn eines armen Bürgers aus Zypern und später Diener eines flandrischen Grafen, dem er entflieht, von der Jungfrau Fortuna zum Geschenk, letzteres raubt er dem Sultan von Ägypten. In einem zweiten Teil folgen die Schicksale der Söhne des Fortunatus. Entstehung und Quelle sind unbekannt; der Roman ist in französischer, italienischer, holländischer, dänischer, isländischer und schwedischer Sprache bekannt geworden. Deutsche Drucke zählt Goedeke von 1509 bis 1787 siebzehn, dazu einen niederdeutschen (1602). 7. VOLKSBÜCHER Eine strenge Trennung zwischen Prosaroman und Volksbuch ist nicht zu machen. Oft wird der Prosaroman zum Volksbuch, was schon eine stilistische Veränderung zur Folge haben kann. Der Unterschied liegt in dem Sinken der geistigen Ebene und des Geschmacks, ist also schon zeitlich bedingt, damit aber auch sozial. Der Prosaroman ist immerhin noch ein höfischer Lesestoff, das Volksbuch ist gesunkenes Kulturgut; der Geschmack der Oberschicht wandelt sich zu bürgerlicher Sehweise. Diese Gattung kommt, der geschichtlichen Entwicklung entsprechend, im 15. Jahrhundert zur Geltung und findet ihre Existenzmöglichkeit, ihre leichte Verbreitung, hauptsächlich durch den jetzt aufkommenden Buchdruck und den damit verbundenen Geschäftsnutzen, so daß die Volksbücher mit immer sich änderndem Inhalt bis in die neue Zeit Lesekost des Volkes geblieben sind, wie z. B. auf den Jahrmärkten noch heute solche Hefte „Gedruckt in diesem Jahr" verkauft werden. Humorvoll erzählt Goethe im ersten Buch von Dichtung und Wahrheit über die Frankfurter „Fabrik jener Bücher" und den „Buchtrödler". Ein Beispiel für die Lebensauffassung und die Lebenswertung, die in diesen Volksschriften herrscht, bietet der Hug Schapler, der als Metzgersohn geboren später den Königsthron bestieg (Mackensen, Volksbücher S. 3). Da viele der Volksbücher erst im 16. Jahrhundert entstanden, so soll hier der dieser mittelhochdeutschen Literaturgeschichte bestimmte Zeitraum überschritten, und es sollen auch die Volksbücher des 16. Jahrhunderts kurz angegeben werden. Allgemeine Literatur über die Volksbücher: Buch der Liebe, gedr. bei Sigismund Feyrabend, Franckf. a. M. 1578. 1587; Joseph Görres, Die teutschen Volksbücher, 1807 (von Görres stammt der Name „Volksbücher"), neuhgb. von Lutz Mackensen, 1925; Büsching und von der Hagen, Buch der Liebe, 1809, dazu J. Grimm, Kl. Sehr. 6, 84-100, s. W. Grimm, Kl. Sehr. 2, 52-77; Gustav Schwab, Buch der schönsten Geschichten u. Sagen, 1836, neue Ausg. von Benz; Dt. Volksbücher für d. Jugend, 1887 ff. (Meyers Volksbücher); Simrock, Deutsche Volksbücher nach d. ältesten Ausgaben hergestellt, 1845-67, neue Ausg. 1887 ff.; Martin Sommerfeld, Dt. Volksbücher... auf Grund der Erneuerungen von K. Simrock, 1928; A. Bachmann u. S. Singer, Deutsche Volksbücher aus einer Zürcher Hs. des 15. Jh.s hgb., Lit. Ver. 185, 1889 (enthält: Das Buch vom heil. Karl, Das Buch vom heil. Wilhelm, Christus als Kaufmann, Das Buch vom heil. Georg, Das Buch von Hester, Das Evangelium Nicodemi); Volksbibliothek des Lahrer Hinkenden Boten; Rich. Benz, Deutsche Volksbücher, hgb. 1911 ff.; Ders., Gesch. u. 33« 516 Erzählende Literatur Ästhetik des dt. Volksbuchs, 2. Aufl. 1924; P. Heitz u. F. Ritter, Versuch einer Zusammenstellung der dt. Volksbücher des 15. u. 16. Jh.s nebst deren späteren Ausgaben u. Literatur, 1924, dazu Schröder, Anz. 44, 78 f., Priebsch, Mod. Lang. Review XX, 2. April 1925; Mittelalterl. Volksbücher im Holbein-Verlag zu München, dazu Schröder, Anz. 44, 79 f.; Lutz Mackensen, d. dt. Volksbücher, 1927, dazu H. Kindermann, Anz. 48, 127-30, Ritter, ZfdPh. 54 H. 3/4' Alewyn, Lbl. 1928, 409-11; Heinz Kindermann in: Dt. Lit. in Entwicklungsreihen, Reihe Volksbücher vom sterbenden Rittertum, bis jetzt erschienen Bd. 1; P. Jerusalem, Dt. Volksbücher . . . nach d. frühesten Drucken u. mit d. alten Holzschnitten hgb., 0. J.; H. Samson, Beitr. z. dt. Märchen im ausgehenden MA., Kölner Diss. 1931. — Johannes Janssen, Gesch. d. dt. Volkes seit d. Ausgang d. MA.s Bd. 1, 19. 20. Aufl. S. 327-30; Pfaff, Einleitg. zu Arnims Trost Einsamkeit, 1883; H.Naumann, Primitive Gemeinschaftskultur S. 7; Ders., Grundzüge d. dt. Volkskunde, Wissensch. u. Bildg. Nr. 181 S. 107-13; F. F. Siggelkow, Studien zu mnd. Volksbüchern, Greifsw. Diss. 1930 u. Nd. Jahrb. 55, 1931; Stammler, Von d. Mystik z. Barock, 1927, 258-64; W. Liepe, Merker-Stammlers Reallex. 3,481-85. — Goedeke, Grundr. I 2 , 339^3. 353-58, nd. S. 466 f.; Mittelniederdeutsche Volksbücher: Jellinghaus, Gesch. d. mnd. Lit., 3. Aufl. 1925, 80 f. Der gehörnte Siegfried x Zu unterscheiden sind a) Das Lied vom hörnernen Siegfried 2 aus dem 15. oder 16. Jahrhundert und b) Das Volksbuch vom gehörnten Siegfried erst vom Anfang des 18. Jahrhunderts; ältester Druck 1726 (in diesem trägt Siegfried Hörner). Das Lied ist die Quelle des Volksbuchs, und sein Inhalt wird von diesem fast wörtlich wiedergegeben. Volksbuch: Siegfried, der Sohn des Königs Sieghard in den Niederlanden, entfernt sich aus dem Vaterhaus, wird von einem Schmied aufgenommen, schlägt den Amboß in den Grund und erschlägt einen Drachen; durch Bestreichung mit dem Drachenfett wird er mit einer Hornhaut überzogen (der „gehörnte" Siegfried); er kommt an den Hof von Worms zu König Gibald. Dessen Tochter Flori- gunde befreit er vom Drachenstein; lange Kämpfe; Hochzeit mit Florigunde, wobei die Memmen Jorcus und Zivelles einen Zweikampf aufführen. Siegfried wird auf der Jagd von Hagenwald ermordet. Stoffe der Karlssage Auf französische Quelle deutet schon der Name des Helden imFierabras, 3 und zwar war diese ein französischer Prosaroman, der auch ins Englische, Spanische, Isländische überging. Im Deutschen ist nur eine Ausgabe gedruckt, 1533. Der Stoff gehört der Karlssage an; hauptsächlich besteht er aus Kämpfen des Riesen Fierabras, des Heidenkönigs Baland von Spanien Sohn, der sich, von Olivier besiegt, taufen läßt. Ebenfalls zur Karlssage gehört das Volksbuch „Die Haimonskinder". 4 Der Inhalt behandelt Vasallenkämpfe gegen Karl d. Großen (eigentlich Karl x Görres S. 93-99; Simrock; Schwab; selbst üb. d. franz. Fierabras-Dichtungen S.62. Meyers Volksbücher Nr.445 f., 1888. — * Ausg.: Reifferscheid, Historie van Sent Bobertag 1, 165-72. Reinolt (mittelniederfränk.), ZfdPh. 5, 271 2 Das Siegfriedslied s. oben unter Nibelungen. -93; Fr. Pfaff, Reinolt v. Montelban, Lit. 3 Ausg.: Büsching u. v. d. Hagen, Buch der Ver. 174, 1885; Ders., Das deutsche Volksbuch Liebe S. XXXVI-XLIV u. Ausg. S. 143-268; von den Heymonskindern, 1887; A. Bach- Simrock. — Bobertag 1, 61 ff. 95ff.; da- mann, Die Haimonskinder in deutscher Über- Der gehörnte Siegfried. Stoffe der Karlssage. Magelone. Octavianus 517 Martell). Historisch sind die Haimonskinder die vier Söhne des Aimon von Dordogne, unter denen der berühmteste, Renaud de Montauban, der älteste der Brüder, eine eigene französische Sage hat, die auch dichterisch (französisch) verwertet wurde. Von dem französischen Gedichte geht das mittelniederländische Gedicht aus (2. Hälfte des 13. Jahrhunderts), das in Prosa umgeschrieben zum Volksbuch wurde (Anfang 16. Jahrhundert). Das niederländische Gedicht Renout wurde in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts in deutsche Verse gebracht, „Reinolt von Montelban", und in Prosa umgesetzt, woraus das Volksbuch entstand. Zum Leben Karls des Großen als Volksbuch s.oben Strickers Karl der Große, 1 Alexander der Große. 2 Die schöne Magelone Die schöne Magelone, 3 von Veit Warbeck aus dem Französischen übersetzt und 1535 gedruckt; Trennung und Wiedervereinigung zweier Liebenden. Graf Peter von Provence entführt die Prinzessin Magelone von Neapel. Unterwegs raubt ein Vogel der Ermüdeten die ihr von dem Geliebten geschenkten Ringe. Auf der Verfolgung des Vogels fällt Peter den Türken in die Hände; Magelone, die ohne den Geliebten erwacht, geht nach der Provence, dort findet dieser sie wieder. Kaiser Octavianus Kaiser Octavianus, 4 von Wilhelm Salzmann aus dem Französischen übersetzt und 1535 gedruckt. 5 Felicitas, Octavians Gemahlin, wird von dessen Mutter verleumdet und von ihm verstoßen; sie schläft im Walde ein, ihre beiden neugeborenen Söhne werden von einem Affen und von einer Löwin geraubt. Der vom Affen geraubte wird später von einem Bürger von Paris erzogen und Floreus genannt, aber sein Blut treibt ihn, Ritter zu werden. Er kämpft gegen die Heiden, gerät aber mit seinem Vater Octavian in ihre Gefangenschaft; beide kennen sich nicht. Der andere Sohn, Lion, befreit die beiden, ohne sie zu kennen. Gegenseitige Erkennung; Floreus wird König von England; Lion heiratet eine Prinzessin von Spanien. Setzung des 16. Jh.s, Lit. Ver. 206, 1895. — der schönsten Geschichten aaO.; Simrock; Abhandl.: L. Jordan, Die Sage von den Mayers Volksbücher Nr. 445f.; Volksbiblio- vier Haimonskindern, 1905; Franz Osten- thek des Lahrer Hinkenden Boten Nr. 451-55; dorf, Überlieferung u. Quellen der Reinolt- Jerusalem aaO.; Holstein, ZfdPh. 18, 186; legende, 1912; Mackensen, Die deutschen Herm. Degering, Die schöne Mag., ältere dt. Volksbücher, 1927; Ruth Westermann, Bearbeitung nach der Hs. der Preuß. Staats- Stammlers Verfasserlex. 2, 149-52. bibl. 1579, 1922. — Söderwall, Neuphilol. Fachmann u. Singer, Dt. Volksbücher, Mitteil. 26, 1925, 243. — Bobertag 1, 72f.; Lit. Ver. 185,1889, l-114u. S. XIV-XXVIII; Mackensen S. 73 u. ö.; Koberstein l 6 , 424 Urte Kletzien, Das Buch vom Heiligen Karl, Anm. 20 (Lit.). eine Züricher Prosa, Münch. Diss. 1929 u. 4 Görres S. 131-36; Simrock; Gust. Beitr. 55. « Schwab aaO.; Meyers Volksbücher Nr. 401; 2 Kindermann, Dt. Lit. in Entwicklungs- Bobertag, Reg. 2,204, bes. s. 1,75; L. Kess- reihen, Reihe Volks- u. Schwankbücher Bd. II, ler, Der Prosaroman von K. Octav., Frankf. 1930. Diss. 1933. 3 Ausg.: Görres S. 151-54; Schwab, Buch 5 Weitere Drucke Bobertag 1, 75 Anm. 518 Erzählende Literatur Volksbücher aus verschiedenen Stoffkreisen Olivier und Artus 1 hat die Freundschaftssage zum Inhalt wie Amicus und Amelius (LG. I l.Aufl. S.358, 2.Aufl. S.369; Konrads v. Würzburg Engelhart, s. oben). Der Volksroman wurde aus dem Französischen übersetzt von Wilhelm Ziely von Bern, der auch Valentin und Orson (s. oben) verdeutscht hat; 5 Drucke von 1521 bis 1605. Barbarossa. 2 Eroberung Jerusalems zusammen mit König Philipp von Frankreich und Richard von England; Barbarossa wird vom Papst an den Sultan verraten und von diesem gefangengenommen; Zug gegen den Papst; Barbarossas Tod und Entrückung in den Berg; 5 Drucke im 16. Jahrhundert, erster 1519. Kaiser Pontianus; der Inhalt ist gleich den Sieben weisen Meistern (Suchier, Germ. 17, 356). Gydo und Tyrus; Freundschaftssage; Heidenkämpfe. 3 Heinrich der Löwe. 4 Apollonius von Tyrus, zwei wörtliche Übersetzungen des lateinischen Textes. 5 Fortunatus, hgb. Hans Günther, s. Götze, Lbl. 1934, 152f. Das Trojabuch des Hans Mair von Nördlingen wurde zu einem Volksbuch verarbeitet, Trojas Zerstörung. 6 Zum erstenmal gedruckt 1474. Galmy, 7 wahrscheinlich aus französischer Quelle; erster Druck 1511 (?) oder 1539. Ritter Galmy aus Schottland liebt die Gemahlin des Herzogs von Britannien; diese wird von dem Marschalk verleumdet, Galmy entlarvt den Verräter und wird nach dem Tode des Herzogs Gemahl der Herzogin. Im 16. Jahrhundert 8 Drucke und im 17. Jahrhundert 1 Druck. Standhafte Frauen Sehr beliebt waren auch die Novellen von im Unglück standhaften Frauen: Crescentia. 8 Genovefa. 9 1 Ausg.: Kindermann, Reihe Volks- u. 6 Carl Schröder, Griseldis. Apollonius v. Schwankb. I, 1928. — Baechtold, Gesch. d. Tyrus, hgb. 1873; Haupt, Ad. Blätter 1,115; dt. Lit. in der Schweiz, 1892, 438-42 u. Anm. s. Heinrich von Neustadt oben und unten S. 139; Bobertag 1, 69; Scherer, Anfänge Heinrich Steinhöwel. des dt. Prosaromans S. 10. 6 Kindermann, Volks- u. Schwankbücher I, 2 Simrock; Schwab. — Massmann, Kaiser- 1928. chron. 3, 1121; Pfeiffer, Volksbüchlein vom ' Simrock. — Bobertag 1, 77 (Drucke). Kaiser Friedrich, ZfdA. 5, 250-68; Bober- 100-108. tag 1, 224 f.; Scherer, QF. 21, Anfänge d. 8 Schwab. — Teubert, Crescentia-Studien, dt. Prosaromans S. 93-95. — Brodführer, Hall. Diss. 1916, 78-95. 96-120 u. Anhang Stammlers Verfasserlex. 1, 681 f. S.-l*-29* (s. LG. II, 1, 000). — Bobertag 2, 8 Jan van Dam, Stammlers Verfasserlex. 2, Reg. 195. 131 f. 9 Görres S. 246-50; Meyers Volksbücher 4 Görres 90-93; Simrock. — Das Gedicht Nr. 49f., 1888. — Zacher, Die Historie von von Heinrich d. Löwen, 104 Strophen im der Pfalzgräfin Genovefa, 1860; Bernh. Seuf- Hildebrandston, von Heinrich Göding 1585, fert, Die Legende von der Pfalzgräfin Geno- hgb. Paul Zimmermann, Beitr. 13, 278-310. vefa, Würzbg. Habilitationsschrift 1877. — — Seehaussen, Michel Wyssenherre (s. oben) Bobertag 1, 49; Scherer, Anfänge S. 97f. S. 42 ff. Volksbücher aus verschiedenen Stoffkreisen. Standhafte Frauen 519 Guiscard und Sigismunde. 1 Griseldis. 2 Die Grisardis des Nürnberger Karthäusermönches Erhart Groß, 3 1436 aus dem Lateinischen übersetzt. Steinhöwels Griseldis (s. unten) ist aus Petrarca übersetzt und hielt sich später als Historie vom Markgraf Walther in der Liebe des Publikums. — Griseldis mittelniederdeutsch (Goedeke, Grundr. I 2 , 467). Hirlanda. 4 Die geduldige Helena. 5 Volksbücher mit anderweitig bekanntem Inhalt Folgende Volksbücher, deren Inhalt anderweitig bekannt ist, sollen hier nur aufgezählt werden. Die sieben weisen Meister (Bobertag, 1, 118-24); Gesta Romanorum (Bobertag 1, 124 f.); St. Brandans Meerfahrt (Benz, 1927; Kindermann, Volks- und Schwankbücher II); Lucidarius, ältestes Volksbuch, Ende 12. Jahrhundert (K. Schorbach, Stud. über das dt. Volksbuch Lucidarius, QF. 74, 1894, s. oben); Reinecke Fuchs (in vierhebigen Reimpaaren, Simrock); Das Volksbuch von Salomon und Marcolf (Luigi Biagioni, Marcolf und Bertoldo u. ihre Beziehungen, 1930); Das Faustbuch ältestes Faustbuch, das ,,Spies"sche, gedruckt bei Johann Spies, Frankfurt a. M. 1587: Historia von D. Johann Fausten, dem weit beschreiten Zauberer und Schwarzkünstler ... Die folgenden Faustbücher vor Goethe s. in der Goethe-Literatur. Bobertag 1,204-20; Ders., Kürschners Dt.Nat.-Litt. Bd. 25; Koberstein l 2 , 428 u. Anm. Schwankbücher Schon zur Facetien- und Schwankliteratur gehören Augustin Tüngers Facetiae, 6 die 1486 dem Grafen Eberhard im Bart von Württemberg ge- 1 Simrock, Volksbücher; Strauch, ZfdA. 29, Grisardis des Erhart Grosz, Ad. Textbibl. 432f.; R. Köhler, Die Quelle von Bürgers Nr. 29, 1931, dazu Schröder, Anz. 50, 158f., Lenardo u. Blandine, ZfdPh. 8, 101-104; s. Piquet, Rev. germ. 22, 1931, 461, W. Krog- unten bei Albr. v. Eyb. — Auch mittelnieder- mann, Lbl. 1933, 294f.; Strauch, Erhart deutsch: Goedeke l 2 , 467. Grosz d. Verf. der Girsard s, ZfdA. 36, 241-54; 2 Carl Schröder aaO.; Gustav Schwab, Stammler, Von der Mystik zum Barock, Die schönsten Geschichten; Mayers Volks- 1927, 251 f. 466. 490.— Über die Grisardis des bücher Nr. 447f., 1888; Volksbibl. des Lahrer Albrecht v. Eyb s. unter diesem. Hinkenden Boten Nr. 646-50, 1888; Mittel- 4 Görres S. 145f.; Simrock; Gust. Schwab; alterl. Volksbücher im Holbein-Verlag, s. Meyers Volksbücher Nr. 449f.; Ders., Volks- Schröder, Anz. 44, 79; Friedr. v. Westen- bibl. des Lahrer Hinkenden Boten Nr. 601- holz, Die Griseldissage in der LG., 1888, dazu 605; Bobertag 1, 79. Strauch, Anz. 14, 248-51, Bolte, ZfdPh. 21, B Görres S. 13644; Simrock. — Bober- 472-77, DLZ. 1888, 882, Spiller, Lbl. 1888, tag 1, 78 f. 390f.; Käte Laserstein, Der Griseldisstoff in 6 Hgb. Adelb. v. Keller, Lit. Ver. Bd. 118, d. Weltliteratur, 1926, dazu Wolfg. Würz- 1874. — Roethe, ADB. 39, 114f.; Bober- bach, Lbl. 1929, 241^4; Bobertag 1, 41. 79. tag 1, 114-49 (spez. S. 131 f. 14649); Sche- 91 f.; Max Herrmann, Die Griseldis-Novelle rer, QF. 21 S. 21; Stammler aaO. S. 33 f. als Volksmärchen, Arch. f. LG. I, 409-27; 466; Ders., Festschr. Ehrismann, 1925, 183; F. Eichler, Stammlers Verfasserlex. 2, 102- BEBERMEYER,Facetie,Merker-StammlersReal- 106 (mit Lit.). lex. 1, 340-44. — Goedeke, Grundr. I 2 , 436. 3 Ausg.: Strauch, ZfdA. 29,373-443; Ders., 520 Erzählende Literatur widmet sind; lateinisch, doch da der Graf kein Latein verstand, daneben deutsch übersetzt. Der Verfasser war in Konstanz am Bodensee zu Hause, und aus dem dortigen Volkstum stammt auch der Inhalt. Aus einer ganz anderen Geistesrichtung hervorgegangen ist das Schwankbuch vom Till Eulenspiegel. 1 Sind die vorher genannten Volksbücher Niederschlag, Abglanz höfischer Kultur, so steht der Eulenspiegel überhaupt auf einer anderen Kulturstufe, auf der des niedersten Bauern- und Handwerkerstandes. Die Geschichte vom Till (Tyll) Eulenspiegel ist ursprünglich in niederdeutscher Sprache abgefaßt (daher in einigen Drucken Dyl Ulenspiegel), vielleicht um 1480. Das niederdeutsche Original ist verloren; die hochdeutsche Bearbeitung desselben wurde um 1500 verfaßt und fälschlich dem Thomas Murner zugeschrieben. Es war das beliebteste Volksbuch, besonders bei den unteren Klassen heimisch, von 1515 bis 1572 in ungefähr 20 Drucken verbreitet, deren älteste, zugleich Erstausgaben des Buches, von 1517 und 1519 datiert sind; auch ins Niederländische, Französische, Englische, Dänische, Polnische, Judendeutsche wurde es übersetzt. Von Fischart wurde die Prosa in Verse gebracht: „Eulenspiegel Reimensweis". Ein Till Eulenspiegel hat wirklich existiert; er war ein Bauernsohn aus Kneitlingen im Braunschweigischen und ist nach chronikalischem Bericht zu Mölln in Lauenburg 1350 an der Pest gestorben, wo sein, gewiß unechter, Grabstein noch gezeigt wird. 2 Eulenspiegel ist — und war gewiß in Wirklichkeit — ein Schalksnarr, der die burleskesten Spaße und unflätigsten Possen ausführte. Viele von den in dem Buche erzählten Abenteuern und Schwänken hat er wohl auch tatsächlich mit Bauernschläue selbst ausgeführt, viele andere, z. B. aus dem Pfaffen Amis, wurden erst auf ihn übertragen, nachdem er einen literarischen Ruf erworben hatte. Die Erzählung seines Lebens beginnt mit seiner Geburt und seiner Taufe, die schon närrisch ausfiel, da er dreimal getauft wurde (vom Priester, vom Kote, in den ihn seine Mutter hat fallen lassen, und dann in warmem Wasser beim Abwaschen von diesem Schmutz). Herangewachsen wanderte er durch viele Länder, überall seine Streiche zum besten gebend. In der Reihenfolge der Schwanke liegt eine gewisse Ordnung; sie beginnt mit den Jugendstreichen, dann kommen seine Anschwindelungen von 1 Hgb. Görres S. 195-200; Simrock, Dt. 1515 neuhgb., 1924. — Walther, Nd. Jahrb. Volksbücher; J. M. Lappenberg, Dr. Thomas 19, 1894, 1-79; Jellinghaus, Pauls Grundr. Murners Ulenspiegel hgb., 1854; H. Knust, II 2 ; Stammler, Gesch. d. nd.Lit., 1920, 64f.; Eulensp., Abdruck der Ausg. v. 1515, 1884; Mackensen, Die dt. Volksbücher aaO. pass.; C. Molli, Till Eulenspiegels Schalks-u. Schel- Bobertag 2 Reg. S. 196, bes. 1, 172-86; menstreiche, der Jugend erzählt, 1888. Rud. Scherer, QF. 21, 1877, 26-34.78-92; Hils- Müldener, Till Eul. lustige Fahrten und berg, Der Aufbau des Eulenspiegel-Volks- Schwänke, der lieben Jugend erzählt, 3. Aufl. buchesl515, Hamburg. Diss. 1933; Schröder, 1888; Brie, Eulenspiegel in England, Pal. 27, Ein unbekannter Eulenspiegel-Druck, ZfdA. 1903; R. Benz, Die dt. Volksbücher (Abdr. 70, 273-79. — Stelle: Nd. Kbl. 24, 34 f. 52 f. der Straßbg. Ausg. von 1515); Ein kurtzweilig 25, 5. 37, 8. Goedeke, Grundr. I 2 , 344-47; lesen von Dyl Vlenspiegel.. . (Faksimilie des Koberstein l 6 , 429 f. u. Anm. (mit Lit.). einzigen Exemplares der Ausg. von 1515) mit 2 Hoffmanns Fundgruben 2, 243 Anm. 3; Geleitwort von Edw. Schröder, 1911; Bo- Lappenberg aaO.; J.. Grimm, ZfdA. 1, 32, bertag, Kürschners Dt. Nat.-Litt. Bd. 25; bezweifelt, daß er wirklich gelebt hat. F. von Zobeltitz, Eul. nach dem Druck von Schwankbücher 521 Pfarrern und geistlichen Herren, von Fürsten, von Handwerkern und gewerb- treibenden Bürgern. Bei den Handwerkern erhielt der wandernde Handwerksbursche oft eine vorübergehende Anstellung. Die Streiche, die er den Geistlichen, Herren und Städtern spielt, beruhen auf Klassenhaß; es ist die Rache des verachteten und auch literarisch viel verspotteten Bauern. Nachfahren Eulenspiegels sind Hans Ciawert von Trebbin in Brandenburg, der um die Mitte des 16. Jahrhunderts lebte (älteste Ausgabe 1587), und Clausz Narr von Altranstädt, der 1486-1532 Hofnarr war (älteste Ausgabe 1572). 1 An den Eulenspiegel reihen sich die zahlreichen Facetien oder Schwankbücher des 16. Jahrhunderts an, das die Blütezeit dieser Literatur ist: 2 Bruder Johannes Pauli, Barfüßer, Schimpf undErnst, 1519, erster Druck 1522; Heinrich Bebel, Tacetarium libri tres, lat., 1506, in deutscher Bearbeitung 1558; Jörg Wickram, Rollwagenbüchlein, 1555; Hans Wilhelm Kirchhoffs Wend- unmuth, 1565; Jacob Frey, Gartengesellschaft, 1556; Michael Lindener, Katzipori und Rastbüchlein, 1558; Valentin Schumann, Nachtbüchlein, 1558. Schwankbücher sind auch „Die Schildbürger", bzw. deren Variation „Das Laienbuch" (1598) und die freiere Bearbeitung derselben „Der Grillenvertreiber", in welchen die lächerlichen Eigenschaften der Bewohner von Schiida bzw. Laienburg verspottet werden. 3 8. REISEBESCHREIBUNGEN In das Gebiet der Geographie gehören die Reisebeschreibungen, 4 die freilich manchmal ans Romanhafte grenzen. In exotische Gegenden führt schon der Herzog Ernst, 5 in fabelhafte Sankt Brandans Meerfahrt (LG. II, 1, 165-67). Doch das sind poetische 1 Görres S. 187 f.; Bobertag 1, 191-94. Ausg. Görres, 1807, 179-82. 225-28. 4 T. Tobler, Bibliographia geographica Pa- 2 Bobertag, 400 Schwanke des 16. Jh.s; laestinae, 1867; R. Röhricht u. H. Meisner, Kürschners Dt. Nat.-Litt. Bd. 24; Bobertag, Deutsche Pilgerreisen nach dem heiligen Lande, Gesch. d. Rom. 1,114-64; Stammler, Von der hgb. u. erläutert, 1880; R. Röhricht, Deutsche Mystik zum Barock S. 401-6. 518 (Lit.). Pilgerreisen nach dem heil. Lande, 1889; Röh- 3 v. d. Hagen, Narrenbuch, 1811, dazu W. richt u. Meisner, Ein niederrhein. Bericht Grimm, Kl. Sehr. 2, 52ff.; Görres S. 183-87; üb. den Orient, ZfdPh. 19, 1-86; Jak. Berg, Simrock; Gust. Schwab; Meyers Volks- Ältere dt. Reisebeschreibungen, Gieß. Diss. bücher Nr. 449f.; Volksbibl. d. Lahrer Hin- 1912; Johannes Janssen, Gesch. d. deckenden Boten; Bobertag, bei Kürschner sehen Volkes 1, 19. 20. Aufl. 1913, S.330-32; aaO.; Ders., Gesch. d. Rom. 1, 194-204. 228 Martin Sommerfeld, Die Reisebeschreibun- -30. u. Reg. Bd. 2, 207; Koberstein l 6 , 428f. gen der dt. Jerusalempilger im ausgehenden u.Anm.;C.M0LLi, Der Schildbürger absonder- MA., Dt. Vjschr. 2, 1924, 816-51; Burdach, liehe Torheit u. wunderbare Taten, 1887; Die frühchristlichen u, mittelalterl. Pilger- Singer, Der Verfasser der Schildbürger, fahrten, Vorspiel 1, 2, 1925; 1300-1600; F. Vjschr. f. LG. 1, 1889, 274-77; Schröder, Die Behrend, Dt. Pilgerreisen ins Heil. Land, Heimat des Buchs der Schildbürger, ebda Festschr. f. Georg Leidinger, 1930; Gust. S. 471-74; L. Arbusow, Schildbürger in Liv- Rosenhagen, Der Geist des dt. MA.s 1929. land, ebda S. 475-80; Ernst Jeep, Hans Fried- 1, 217f. — Lit. bes. Wackernagels LG. I 2 , rieh von Schönberg, der Verfasser des Schild- 447 f. bürgerbuches u. des Grillenvertreibers, 1890; 5 LG. II, 2, 40. — Prosaroman u. Volksbuch Jerusalem aaO. — Über den Lügenroman vom Herz. Ernst s. oben. „Der Finkenritter" s. Koberstein 1 6 ,430; 522 Erzählende Literatur Erfindungen, Roman und Legende. Wirkliche Reisebeschreibungen, die von den Verfassern in der Absicht geschrieben sind, ihre eigenen Erlebnisse bekanntzugeben, oder auch um andern Reisenden praktische Dienste zu leisten, sind die folgenden, meist im 15. Jh. erschienenen Bücher. Marco Polo. Johannes Mandeville. Johannes Schiltperger Marco Polos Reisen, 1 Das puch des edeln Ritters vn landtfarers Marcho polo. Marco Polo war ein venetianischer Patriziersohn, der im Jahr 1271 in die Mongolei reiste, vom großen Khaan freundlich aufgenommen dann nach China bis an den Stillen Ozean kam und 1295 zurückkehrte. Der ursprünglich französische Text wurde ins Italienische und Lateinische übersetzt; deutscher Druck von 1477. — Der abenteuerliche Reiseroman des Johannes Mandeville. 2 Mandeville, ein geborener Engländer, machte seine Reise hauptsächlich in Palästina von 1322 bis 1355 und schrieb seinen Traktat, dem er durch fabelhafte Erlebnisse einen besonderen Reiz verlieh, im Jahr 1355 in Lüttich, woselbst er im Jahr 1372 starb; über sein Grab berichtet Püterich in seinem Ehrenbrief (ZfdA. 6, 55-57 Str. 131-35). Zuerst französisch, wurde das Reisebuch dann ins Englische und Lateinische übertragen und dreimal ins Deutsche: von Michael Velser (Donaueschinger Hs. von 1435, Barack, Hss. zu Donaueschingen [Katalog], 1865 Nr. 483); von dem Metzer Domherrn Otto von Diemeringen um 1470; endlich auch niederdeutsch. Für seine Beliebtheit sprechen die vielen Auflagen (6 Hss. des 15. Jh.s, 15 Drucke von etwa 1481 bis 1697) und seine Abfassung als Volksbuch. — Johannes Schiltperger, 3 ein Münchener, wurde 1398 von den Türken in Ungarn gefangen, dann, von 1400 an, lebte er in der Mongolei unter Tamerlan, von wo er 1427 nach Bayern zurückkehrte und in die Dienste des Herzogs Albrecht III. kam. Dt. Hs. Donaueschingen (Barack S.326, geschrieben 1429 [?]); 8 Drucke von 1473-1606. Pilgerbücher Zumeist sind die Reisebeschreibungen Pilgerbücher ins heilige Land. Bruder Ulrich von Friaul, Reise in die Morgenländer (gest. 1334); Barack aaO.Nr.482. — Ludolf von Suchern, Reisebuch ins heil. Land,nieder- x Ausg. Marco Polos Reisen, deutsch von Mus. 2, 1913, 191-204. — Nd.: Sven Mar- A. Bürck, nebst Zusätzen von C. F. Neu- tinsson, Itinerarium Orientale, Mandevilles mann, 1845. — Goedeke, Grundr. I 2 , 376f. Reisebeschreibung in mnd. Übersetzung, Lund 2 Goedeke, Grundr. I 2 , 377f. 492 (Hss. u. Philos. Diss. 1918. — Volksbuch: Görres, Drucke); Bartsch, Katal. d. Hss. in Heidel- Volksbücher, 1907; Simrock, Volksbücher; berg Cod. pal. germ. 65. 138. 806, S. 19. 34. Mackensen, Die dt. Volksbücher, 1927. 179. — Abhandl.: Carl Schönborn, Biblio- 3 Ausg: Karl Friedr. Neumann, Reisendes graph. Untersuch, üb. d. Reise-Beschreibg Joh. Schiltberger aus München in Europa, des Sir John Maundevill, Progr. Breslau Asiau. Afrika von 1394 bis 1427 hgb., dazu 1840; J. Vogels, D. ungedruckten lat. Ver- Reinhold Köhler, Germ. 7, 371-80; Valen- sionen Mandeville's Progr. Crefeld 1886; A. tin Langmantel, Hans Schiltbergers Reisen, Bovenschen, Untersuchungen üb. Johann v. Lit. Ver. 172, 1885. — Barack aaO. Nr. 481; Mandeville u. die Quellen seiner Reisebe- Goedeke, Grundr. I 2 , 378f.; Bobertag, Schreibung, Zs. d. Gesellsch. f. Erdkunde Gesch. d. Romans 1, 222. 224; Günther zu Berlin 1888; Aug. Gebhardt, Das Er- Müller in Walzels Handb. d. Lit.wissensch. langer Mandevillebruchstück u. d. Entstehung S. 75; Stammler, Von der Mystik zum Barock der Diemeringenschen Verdeutschung, Münch. S. 248. 490. Marco Polo. Johannes Mandeville. Johannes Schiltperger. Pilgerbücher 523 deutsch. Ludolf war Stiftsherr in Paderborn und verweilte fünf Jahre im heil. Land; 1336; hgb. L. Kosegarten 1861; Barack aaO. Nr.480; Stammler, Mnd. Leset»., 1921, 27 f. u. Reg. S. 135 f. (mit Lit.). — Philippi liber de terra sancta oder Hertels von Liechtenstein Pilgerbüchlein, deutsch von dem Augustiner Lesemeister Leupolt, hgb. J. Haupt, 1872. — Lorenz Egen aus Augsburg, Verfasser einer Reisebeschreibung 1395, Hartnack, Stammlers Verfasserlex. 1, 506. — Die Pilgerreise des letzten Grafen von Katzenellenbogen 1433-34, hgb. Röhricht und Meisner, ZfdA. 26, 348-71; auch in Versen, vom Jahre 1477, s. ZfdPh. 23,27; Piper, Höf. Ep. 3 (1894), 669. — Die Jerusalemfahrt des Herzogs Friedrich von Österreich, nachmaligen Kaisers Friedrich III. 1436, ein mittelhochdeutsches Gedicht, hgb. R. Röhricht, ZfdPh. 23, 26^1, dazu Vogt, ebda S. 422-24; Piper aaO. — Das Reisebuch der Familie Rieter, Pilgerfahrt von Nürnberg nach Rom und Jerusalem 1428-79, von einem späteren Mitglied der Familie, Hans Rieter (1564-1626), zusammengestellt, hgb. Röhricht und Meisner, Lit. Ver. 168, 1884; R. Röhricht, Die Jerusalemfahrt Joachim Rieters 1608-10, ZfdPh. 31, 160-65. — Jerusalemfahrt des Grafen Gaudenzv. Kirchberg, Vogtes von Matsch, 1470, R. Röhricht, Forsch, u. Mitteil. z. Gesch. Tirols u. Vorarlbergs 2, 1905, 97-152; s. Janssen aaO. S.331 Anm. 1. — Die Pilgerfahrt Ludwigs des Jüngeren von Eyb nach dem heil. Lande (1476), hgb. Chr. Geyer, Arch. f. Gesch. v. Oberfranken 21,3, 1901, 1-54. — Ulrich Leman aus St. Gallen machte 1472 bis 1480 eine Pilgerreise ins heil. Land, die mehr eine Geschäftsreise war; Sommerfeld aaO. S. 846. — Bruder Felix Fabri, geb. in Zürich, Dominikaner und Lesemeister zu Ulm, war 1480 und 1483 im heil. Land. Sein lateinisches Werk „Evagatorium" wurde deutsch gereimt von Joh. Dillinger; lat. hgb. Hassler, Lit. Ver. 3 Bde. 1842. 1848; deutsches Gedicht hgb. Birlinger, 1864; s. M. Haussier, Felix Fabri aus Ulm u. seine Stellung zum geistlichen Leben seiner Zeit, 1914; Staelin, Wirtemberg. Geschichte 3, 1856, 776; K. Furrer, Zürcher Neujahrsblatt 1899; Sommer- feldt aaO. S. 850 f. u.ö.; Piper aaO.; Brodführer, Stammlers Verfasserlex. 1, 200-202; Hartnack, ebda 1, 597. — Kulturgeschichtlich interessant ist das Reisetagebuch des Hans von Waldheim (aus Leipzig) 1474, s. Sommerfeld, Stammlers Verf.lex. 2, 168-75. Das Raisbuch des Hans Tucher von Nürnberg, gedruckt 1482. — Bernhard von Breidenbach, Die heiligen Reisen gen Jerusalem; Br. war Mainzer Dekan und apostolischer Protonotar j Palästinafahrt 1483 (gedruckt 1486); er starb 1497, sein Werk war sehr verbreitet und wurde in mehrere fremde Sprachen übersetzt ;Brodführer, Stammlers Reallex. aaO. (mit reicher Lit.); Janssen aaO. — Boguslav von Lobkovitz, Pilgerfahrt nach Jerusalem 1493; Hartnack, Stammlers Verfasserlex. 1, 252. — Herzog Bugslaffen des 10. Peregrination nach dem Heyligen Lande, 1495, von dem Notar Martin Dalmar; Hartnack, Stammlers Verfasserlex. 1, 400 f. — Arnold von Harff, von 1471 bis 1505, einem niederrheinischen Adelsgeschlecht angehö- 524 Erzählende Literatur rend, machte 1496 bis 1499 eine Weltreise; sein Werk ist eine Pilgerschrift ins heil. Land, hat aber auch weltliche Bildungsinteressen. Ausg. Eberh. von Groote, D. Pilgerfahrt d. Ritters A. v. H. von Cöln durch Italien, Syrien, Ägypten, Arabien, Palästina, Türkei, Frankreich u. Spanien, 1860, dazu Bartsch, Germ. 6, 255 f.; L. Korth, Die Reisen des Ritters A. v. H. in Arabien usw., Zs. d. Aachener GeschVer. 5, 191 ff.; Ders., Zur Orientreise des Ritters A. v. H., ebda 6, 339f.; Janssen aaO.; Jan van Dam, Stammlers Verfasserlex. 1,1931,130-32. — Umfassendere Gebiete beschreibt des schwäbischen Ritters Georg von Ehingen Reisen nach der Ritterschaft, der um 1450 in das Heil. Land fuhr, dann nach seiner Rückkehr die Höfe von Frankreich und Portugal besuchte, gegen die Mauren in Afrika kämpfte und schließlich auf der Heimreise den englischen und den schottischen Hof kennen lernte. Hgb. Pfeiffer, Lit. Ver. Bd. 1. 2, 1842; Gust. Freytag, Bilder aus d. dt. Vergangenheit, 9. Aufl. Bd. 2, 1876, 384. — Des böhmischen Ritters Leo von Rozmital „Ritter-, Hof- und Pilger-Reise a. 1465-1467" umfaßt nur Westeuropa (Deutschland, England, Frankreich, Spanien, Portugal, Italien) und kann nur insofern eine Pilgerreise genannt werden, als er außer Turnieren auch Heiltümer besuchte. Die lateinische Fassung ist bedeutend umfangreicher als die deutsche, die von seinem Reisegefährten Gabriel Tetzel von Nürnberg abgefaßt wurde; Ausg. [Schmeller] Des böhmischen Herrn Leo's von Rozmital Ritter-, Hof- u. Pilger-Reise durch die Abendlande 1465-1467, Lit. Ver. Bd. 7, 1844; Günther Müller in Walzeis Handb. d. Lit.wissensch. S.95 f. — Ganz zur Selbstbiographie geworden sind „Die Geschichten und Taten Wilwolts vo n S c h a u m b u rg", die dieser im Jahr 1507 durch einen Vertrauten hat niederschreiben lassen; wichtig für die Kenntnis des Lebens im 15. Jahrhundert. Hgb. Adelb. v. Keller, Lit. Ver. 50, 1859; G. Freytag aaO. S. 391-111. — Georg Emmerich, Bürgermeister in Görlitz: Pilgerreisen 1465 und 1476; Hartnack, Stammlers Verfasserlex. 1, 567; Peter Faßbender aus Koblenz 1492: „Bedvartt nahe dem heiligen Grabe zu Jerusalem":, Hartnack, ebda 1, 608. — Deutsche Pilgerfahrten nach Santiago di Compostela und das Reisetagebuch des Sebaldörtel (1521-22): Th.Hampe, Mitteil, d.germ. Nationalmuseums 1896, 61-82. Pilgerfahrten ohne Verfassernamen haben veröffentlicht: Birlinger, Reise nach Jerusalem von 1444, Archiv 40; L. Conrady, Vier rheinische Palästina- Pilgerschriften des 14.15. u. 16. Jh.s, 1883; Ernst Henrici, Beschreibung einer Seereise von Venedig bis Beirut i. J. 1434, ZfdA. 25, 59-70; K. E. H. Krause, ebda S. 182-88; L. Korth, Fragment einer Palästinapilgerschrift des 15. Jh.s, Anz. f. Kde. d. dt. Vorz. 1883, 316-18; Fröhner, Brevier des Palästinapilgers (Verse), ZfdA. 11, 34-41; Barack aaO. Nr. 484 zitiert eine Beschreibung einer Reise in das heil. Land, unternommen i. J. 1441; Röhricht und Meisner: Ein niederrhein. Bericht üb. den Orient, ZfdPh. 19,1-86, von einem Kölner i. J. 1338-48, wohl 1350, geschrieben; Naumann, Ad. Prosaleseb., 1916, 139 bis 46. Pilgerbücher. Historische Volkslieder 525 9. HISTORISCHE KLEINDICHTUNG Die am Ende des 13. Jahrhunderts aufgekommene historische Kleindichtung bekam nun der Geistesanlage der Zeit entsprechend ein nüchtern realistisches Gepräge. In einer volksmäßigen und trockenen Tonart wurden einzelne Erlebnisse der Gegenwart aus der unmittelbaren Teilnahme heraus gedichtet, meistens Schlachten, oder auch, mit stark aufgetragener Tendenz, Händel unter Ständen, politischen Parteien, seltener die Taten einzelner Personen. Historische Volkslieder Diese „historischen Volkslieder" x waren nur für die Gegenwart lebendig und verloren mit dieser das Interesse, wurden aber auch manchmal in Chroniken aufbewahrt. Verfasser waren fahrende Spielleute, handwerksmäßige Gehrende, auch zuweilen Augenzeugen oder Teilnehmer. Der poetische Wert ist meistens gering, die Form einfach, oft sind die Gedichte nur unbeholfene Reimereien in Reimpaaren oder kunstlosen Strophen. Wesentliche Eigenschaften des Stils sind: Aufzählung besonders hervortretender 1 R. v. Liliencron, Die historischen Volkslieder der Deutschen vom 13. bis 16. Jh., 4 Bde, 1865-69 (bis zum Ende des 15. Jh.s: Bd. 1 u. Bd. 2, 427; weitere Lit. ebda Bd. 1 S. XXXVIII u. in den Anmerk. zu den einzelnen Nummern), dazu Hildebrand, Materialien z. Gesch. d. dt. Volkslieds, 1900, 230 -35. — Uhland, Schriften 2,361^03; Baech- told, Gesch. d. dt. Lit. in d. Schweiz S. 191-99 u.Anm. S.47f.; Panzer, Lohengrinstud. S.53; Jellinghaus, Pauls Grundr. II 2 , 376; Borch- ling, Mnd. Hss., Gott. Nachr. 1898; Piper, Höf. Ep. III, 670; Goedeke, Grundr. I 2 , 278-90; Stammler, Von der Mystik zum Barock, 1927, 241 f. 489. Fritz Jakobsohn, Der Darstellungsstil d. histor. Volkslieder d. 14. u. 15. Jh.s u. die Lieder d. Schlacht bei Sempach, Berl. Diss. 1914; H. Gille, Die histor. u. polit. Gedichte Michel Beheims, Pal. 96, 1910; A. Veltmann, D. polit. Gedichte Muskatbluts, Bonn. Diss. 1922. — R. Röhricht, Herz. Friedrichs Meerfahrt (Kaiser Friedrich III. 1436), ZfdPh. 23, 26^11, s. Seemüller, Anz. 23, 396; Seemüller, Lied auf König Friedrich und Christof Wolfsauer (1441), ZfdA. 41, 170-77; Ferd. Gerhard, Vom Hussiten Krieg (1433), Neue Heidelberger Jahrb. 3, 1893; K. Steiff, Geschichtliche Lieder u. Sprüche Württembergs, 1899ff., A. Helbock, E. Spottged. auf die Belagerung Feldkirchs, 1345, Vjschr. f. Gesch. u. Landeskunde Vorarlbergs NF. 1, 26-33, 1917/18; A. Reich, ebda S. 41-57; R. Thommen, Th. v. Liebenau, P. Vaucher, Zum Sempacher Schlachtlied, Anz. f. Schweiz. Gesch. 1886 u. 1887; K. A. Barack, Lobgedicht auf Nürnberg aus d. Jahre 1490, 1888, s. auch Zs. f. dt. Kulturgesch. 1858; Lochner, Hans Schneiders Spruch von 1422 (Nürnberg), Anz. f. Kunde der dt. Vorzeit, 1866, 9-14, dazu S. 61 ff.; Baader, Spruch vom schönen Brunnen zu Nürnberg, ebda Sp. 181 ff.; C. Hofmann , Hans Schneiders histor. Ged. auf die Hinrichtung des Augsburger Bürgermeisters Schwarz (1478), Münch. SB. 1870, I, 500-11 (s. Liliencr. 2 Nr. 149-52); B. Schädel, Zum Kampf Adolfs v. Nassau u. Diethers v. Isen- burg (Mainzer Fehde 1462). Zs. d. Ver. z. Erforsch, d. rhein. Gesch. u. Altertumskde in Mainz 3, 1887; W. Stein, Üb. d. Verf. d. Kölner Liedes von der Weberschlacht (Liliencr. 1 Nr. 20), Hanseat. Geschichtsblätter 1899, 147-64; Schröder, Ein Lied auf den Heiligenstädter Putsch von 1462, ZfdA. 42, 367-71; Klapper, Leonhard Assenheimer, hist. Volkslied v. J. 1446 (betrifft Fehde zwischen Breslau u. Herz. Bulko v. Oppeln), ZfdA. 50, 202-05; J. Bolte, Ein Bresl. hist. Volksl. v. J. 1490, ebda 37, 231-34; Hist. Volkslieder im Deutschordenslande: Ziese- mer, Die Lit. des Dt. Ordens in Preußen, 1928, 123f.; H. Pieper, Die hist. Volkslieder der Mark Brandenburg, Brandenburgia 6, 345-59 (zu Liliencr. Nr. 155); Agathe Lasch, Zu Hermann Bote, Nd. Korrbl. 39, 1924, 53 (s. Liliencr. 2 Nr. 164); Fr. Wilhelm, Der Feigenmuntorden (142-2), Münch. Mus. 1,1911, 37-42; Priebsch, Ged. auf d. Einzug d. Königs Ladislaus in Preßburg 1453, ZfdPh. 35, 369; J. Bleyer, Ungarische Beziehungen in d. deutschen hist. Volksliedern seit 1551 (ungarisch), Egyetemes phil. közl. 1897, 21, 149 ff. 526 Erzählende Literatur Personen, die dabei oft redend auftreten; allegorische Verwendung der Wappen der beteiligten Länder oder Fürsten; fromme Bitten und Anrufungen; formelhafte Wendungen an das Publikum. Von der Frische des eigentlichen Volksliedes haben diese „historischen" Volkslieder wenig, von seiner Gemütstiefe nichts. Die historischen Volkslieder geben in Einzelbildern ein Gesamtgemälde von den inneren Zuständen des deutschen Reiches in den beiden letzten Jahrhunderten des Mittelalters. Die treibenden Kräfte sind politischer und sozialer Art und liegen einmal in der Befestigung und Ausdehnung der fürstlichen Territorialgewalt, besonders aber in der Erstarkung der Städte durch wachsenden Wohlstand der Bürgerschaft und in ihrer inneren sozialen Entwicklung. Machtwille treibt einzelne Fürsten gegeneinander oder gegen die Ritter und besonders gegen die Städte, diese vereinigen sich zu Bündnissen gegen die Fürsten; oder Städte und Ritterschaft befehden sich, innerhalb der Städte selbst kämpfen die Bürgerschaft und die alten Stadtherren um ihre Rechte, oder es drängen die unteren Klassen, die Zünfte, gegen das bisherige Stadtregiment der Geschlechter. Nur selten handelt es sich um hochpolitische Begebenheiten, die das ganze Reich betreffen, wie das Konzil zu Konstanz, die Hussitenkriege und am Ende der Periode die Türkenkriege. Die ganze Zerfahrenheit des Reiches aber tritt in der Geschichte des historischen Volksliedes auch dadurch zutage, daß das Reichsoberhaupt, der König, in seinem persönlichen Einfluß gar nicht hervortritt. Schweiz Am stärksten nahmen die Schweizer teil an den politischen Ereignissen ihrer Heimat, darum überwiegen die geschichtlichen Schweizerlieder 1 an Zahl die anderer Landschaften. Aus der Schweiz ist auch das älteste deutsche historische Volkslied erhalten, das noch dem 13. Jahrhundert angehört und im Rahmen einer Tierfabel die zwei sich widerstreitenden Städte Bern und Freiburg (Schweiz) zur Einigkeit mahnt (Bündnis von 1243, das Lied ist später; Liliencron Nr. 1). So gehen denn viele dieser Schweizer Lieder aus innerschweizerischen Reibungen hervor; größere Züge aber nimmt der Geschichtsverlauf durch Kämpfe gegen auswärtige Mächte, zunächst gegen die österreichische Herrschaft in den Sempacher Liedern (Nr. 32-33. 34 [dieses 1 Uhland 2, 361-95; Liliencron I, 1. 8. 1889 H. 4/5; E. Dürr, Felix Hemerli (Lilienil. 13. 14. 19. 25. 32-37. 55. 79-83. 95. 111. cron Nr. 80), Anz. f. Schweiz. Gesch. NF. 12, 122; viele Lieder nach dem Jahre 1470 bei 1915, 220-35; F. Waldmann, Alte histor. Liliencron Bd. II; Baechtold S. 195-202; Lieder zur Schweizergesch. d. 13. bis 16. Jh.s, später: Meyer v. Knonau, Die Schweiz, hist. 2. Aufl. v. 0. v. Greyerz, Histor. Volkslieder Volkslieder des 15. Jh.s, 1870; L. Tobler, d. dt. Schweiz, 1922; Singer, Schweizer- Schweizerische Volkslieder, 2 Bde, 1882. 84; deutsch, 1928, 76ff. 119ff. 131 f.; Kathi Golther, Anz. f. schweizer. Gesch. 1889, Meyer, E. histor. Lied aus d. Frauenkloster Nr. 4. 5. 1890, 11-18, dazu Alfr. Stern, ebda zu St. Gallen (1482), Zs. f. Musikwissenschaft 46-48; Theod. v. Liebenau, ebda 1890, 24. 1, 1920, 269-77; Halbsuter: O. v. Greyerz, 48-50; Golther, D. Lied vom Ursprung d. Stammlers Verfasserlex. 2, 156. Eidgenossenschaft, Anz. f. Schweiz. Gesch. Schweiz. Ditmarschen. Hansa. Fürstenkämpfe. Städtische Kämpfe 527 von Halbsuter, 67 Strophen]) an, die es allerdings nur zu einem gewöhnlichen Schlachtenbild in traditioneller Mache bringen, wobei nichts von der Begeisterung eines Freiheitskampfes zu spüren ist. Kräftiger ist das erste Lied von der Schlacht bei Näfels (35.36). Neue Belebung erfuhr der nationale Gemeinwille in dem burgundischen Kriege, und eine Reihe von Liedern des 15. Jahrhunderts sind gegen Karl den Kühnen gerichtet (Liliencron Bd. II Reg. 572a); zu Liliencron 2, Nr. 171, von Mathiß Drabsanft, s. K. Bertram, Stammlers Verfasser lex. 1, 459 f. Ditmarschen. Hansa Aus dem Freiheitskampf der Ditmarschen 1 gegen Holstein und Dänemark ist nur ein fünfstrophiges Lied auf ein Ereignis dieses Zeitraums erhalten (1404), aber gerade in seiner Kürze ist es eine ergreifende Kundgebung des nationalen Freiheitswillens: „Wi willen darumme wagen goet und bloet und willen dar alle umme sterven" (Uhland, Volksl. Nr. 169; Lil. Nr. 45). — Aus den Kämpfen der Hansa gegen die Piraten ist das berühmte Lied von dem Seeräuber Störtebeker 2 hervorgegangen 1402 (44). Fürstenkämpfe Kriege zwischen Landesfürsten fanden am ehesten dort statt, wo sich die Territorialgrenzen noch nicht gefestigt hatten, das war der Fall zwischen Brandenburg und Pommern (Nr. 9. 3 23.43.* 124), dort auch zwischen Landesherrn und Ritterschaft (Die Quitzows, 1414, Nr. 48); oder bei Erbstreitigkeiten (Nr. 58, auch Kunz v. Kaufungen [1455] Nr. 104); aber auch zwischen Bayern und Franken (1460, Nr. 110, s. auch Nr. 76). Pfalzgraf Friedrich der Siegreiche, der „böse Fritz", lebt auch heute noch in der Volkserinnerung, die besonders durch Gustav Schwabs Gedicht wieder gestärkt wurde. Auf die Zeitgenossen hat sein Triumph über die Übermacht seiner Gegner einen starken Eindruck gemacht (Nr. 112-15, zwei davon von Gilgenschein). 5 Städtische Kämpfe Das mächtige Aufstreben der bürgerlichen Gesellschaft führt zu Kämpfen der Städte gegen die Fürsten, die Städte schlössen sich zu Bünden zusammen a. 1384ff. (Nr. 30); einen großen Umfang nahm später, 1449-50, der Markgrafenkrieg an. Häufig kommen Händel zwischen den Bürgern und ihren geistlichen Oberherren, den Bischöfen, vor, wie in dem besonders in Reden sich abwickelnden, gegen 2200 Verse zählenden Gedicht vom Würzburger Städtekrieg Nr. 40 (s. ferner 69. 71. 73. 84). Raufereien zwischen Städten und Rittern Nr. 24. 59 [von Konrad Silberdrat] Nr. 77, s. auch Germ. 31, 311-14; ZfdA.42, 367-71. 1 Uhland 2, 395^103. 220-47. 2 A. Hofmeister, Klaus Störtebeker ADB. i Arthur Wyss, ZfdA. 27, 301 f. 36, 459 f. B Gilgenschein: Ruth Westermann, Stamm- 3 Doch s. Schröder, Gott. Nachr. 1927, lers Verfasserlex. 2, 50. 528 Erzählende Literatur Auch innerhalb der Bürgerschaft selbst begannen die sozialen Verschiebungen; die Zünfte, ja Proletarier, eiferten gegen Rat und Geschlechter (20 [480 V.], 62, 63 [674 V.]. 1 64. 65. 101-3, auch Bd. II, 149-152;s.ZfdPh. 28,40^3). Machtlos blieben solchen allgemeinen Wirren gegenüber Wenzels Landfriede (41) oder wohlmeinende Mahnungen an die Obrigkeit zu gerechter Behandlung aller Untertanen (97). Konstanzer Konzil. Hussitenkriege. Türkenkriege Die wichtigsten Ereignisse des 15. Jahrhunderts fanden auch in historischen Gedichten einen Niederschlag: Das Konstanzer Konzil (Des conzilis grundvest Nr. 50, 1860, V. 51-54) ; 2 die Hussitenkriege (57. 60. 61. 68 [die zwei letzteren von Rosenplüt], s. auch 74. 75); die Türkenkriege (39. 100 [von Mandelreiß]. 109 [von Rosenplüt]). 3 1 W. Altmann, Stud. zu Eberhard Windecke, das Konzil von Konst., 1906. 1892, dazu Reifferscheid, GgA. 1898, 379- 3 Zu v. Liliencron Nr. 149. 150 (Augsburg 402; A. Wyss, Eberh. Windecke, ADB. 43, s. auch F. W. E. Roth, E. new lied von Hans 381-87. und Lienhardt dem Vittel, ZfdPh. 28, 40-43. 2 J. Lochner, Thomas Prischuchs Ged. auf IV. DIE GESCHICHTLICHE LITERATUR DES 14 UND 15. JAHRHUNDERTS 1 Durch die vorwiegend realistische Gestimmtheit der bürgerlichen Kultur war das Interesse auch für die geschichtlichen Tatsachen sehr rege. Für die Weltgeschichte hatten Rudolfs v. Ems Weltchronik: (s. oben) und die Christ- herre-Chronik (aus denen die Historienbibeln hervorgingen) die Grundlage gegeben, auf der dann in Hss. des 14. u. 15. Jahrhunderts und in dem Werke Heinrichs von München im 14. Jahrhundert aufgebaut wurde, einige Hss. gehen bis auf die Zeit der staufischen Kaiser. Auch später noch erschienen solche Universalgeschichten, so hat Heinrich' Steinhöwel (s. unten, Humanisten) eine solche bis auf Kaiser Friedrich III. geführt (gedruckt 1473), und der Nürnberger Schreiber Georg Alt übersetzte den zeitgenössischen Liber cronicarum des Hartmann Schedel als „Buch der Chroniken und ge- schichten mit figuren", gedr. 1493. 2 Auch das Geschichtswerk, in welchem der „Basler Alexander" 3 einen Teil bildet, ist eine Weltchronik bis auf Karl IV., die, mehr und mehr in Prosa übergehend, lokale, speziell baslerische Verhältnisse berücksichtigt. Eigentlich war damit die Universalgeschichte und ebenso die Kaisergeschichte erschöpft, um so üppiger schoß die Lokalgeschichte auf in, meist prosaischen, Stadt- und Landeschroniken. Aber in vielen dieser auf einen bestimmten Raum beschränkten Geschichtsquellen sind die Ereignisse als Teile des gesamten historischen Geschehens aufgefaßt und auf dem mittelalterlichen Schema der Welt- und der Papst-Kaiser-Geschichte aufgebaut. In den Chroniken der deutschen Städte 4 ist das außerordentlich reiche Leben niedergelegt, in dem sich die Kulturgeschichte, Wirtschaft und Politik des Bürgertums abspielten und nicht zuletzt der Charakter der Menschen selbst sich offenbart. Die Darstellung in diesen Schriftwerken ist natürlich sehr verschieden; sie beschränkt sich entweder auf bloße Aufzählung der Vorkommnisse, alltäglicher und einschneidender, oder sie gibt sich mehr gelehrt. Freilich bleibt es bei der Geschichtenerzählung, und zu einer entwickelnden Methode mit eigener Geschichtsauffassung ist es nicht gekommen. Während die geschichtlichen Werke des 13. Jahrhunderts (außer der sächsischen Weltchronik) schon durch ihre äußere Form, die gebundene Rede und die Behandlung der Sprache, den engen Zusammenhang mit der epischen 1 Ottokar Lorenz, Deutschlands Geschichts- 1, 236. — Die ganze Weltgeschichte ist auch quellen im MA. seit der Mitte des 13. Jh.s, Gegenstand in „ein bündlin der zyt", von einem 3. Aufl. 1887. — Goedeke S. 275ff. 460ff.; Ungenannten, 1481 (1492), eine Übersetzung Wackernagel, LG. I 2 , 444-47. Die betr. Ver- des Fasciculus temporum des Werner Rol- fasser s. auch in d. ADB. fink. 2 Stammler, Von der Mystik zum Barock 4 Prosachroniken von Nürnberg, Augsburg, S. 69f. u. Anm. S. 472f. — Die niederdeutsch Regensburg, Straßburg, Mainz, Köln, Braungeschriebenen Weltchroniken s. unter Nd. Lit. schweig, Dortmund, Soest, Magdeburg, Bres- 3 Martha Julie Deuschle, Die Verarbei- lau, Lübeck; hgb. von der Bayer. Akademie tung biblischer Stoffe im dt. Roman des Ba- der Wissenschaften 1862-1917, 32 Bde. rock, Amsterd. Diss. 1927 S. 13-19. — LG. II, 34 Deutsche Literaturgeschichte IV 530 Die geschichtliche Literatur des 14. und 15. Jahrhunderts Dichtung bekunden, geht dieser in der Chronikschreibung des 14. u. 15. Jahrhunderts fast ganz verloren; nur wenige geschichtliche Denkmäler sind noch in Reime, einige sogar in Strophen, gebracht, aber ohne künstlerischen Geschmack ; die Form ist nur ein äußerlicher Umwurf. Schweizer Reimchroniken Das Schweizer Volk, das in seiner Gesamtheit so tatkräftigen Anteil an der Gestaltung seiner Geschichte nahm, geht auch in der schriftlichen Aufzeichnung derselben voran. 1 Die Appenzeller Reimchronik 2 schildert den ruhmwürdigen Freiheitskampf der Bauern und Bürger gegen den österreichisch gesinnten Abt (1401- 1404) geschichtlich getreu, aber in ganz unbeholfener Sprache. Gewandter ist der Verfasser der Reimchronik des Schwabenkrieges, Johann Lenz, Schulmeister in Freiburg im Uechtlande, später in Brugg (geb. Schwabe). 3 Originell ist hier die Einkleidung nach Art der Allegorien: Der Dichter macht einen Spaziergang in den Wald und trifft einen Einsiedler. Im Gespräch mit dem „Waldbruder" werden die Ereignisse von 1488-1500 entwickelt. Hier liegt ein engerer Zusammenhang zwischen der umfangreichen Chronikschreibung und dem kleinen historischen Volksliede zutage, denn im Schwabenkrieg ist eine Reihe von Einzelliedern enthalten, deren einige von Lenz in seine Chronik eingeflochten sind. Eine belanglose Chronik über den Schwabenkrieg von Nikiaus Schra- din aus Reutlingen 4 wurde 1500 in Sursee (Schweiz) gedruckt; von Petermann Etterlin in Luzern in Prosa aufgelöst (gedruckt 1507). Reimchroniken über die burgundische Geschichte Noch näher dem historischen Liede steht die Chronik, wenn sie wie jenes in Strophen abgefaßt ist; so die beiden Reimchroniken über die burgundische Geschichte, die auch den Gegenstand von historischen Liedern 5 bildet: Christian Wierstraat 6 beschrieb in seiner Reimchronik der Stadt Neuss die Belagerung dieser Stadt, woselbst er Stadtsekretär war, durch 1 Jak. Baechtold, Gesch. d. dt. Lit. in d. d. dt. Städte 20, 1887, 481 ff.; Felix Bober- Schweiz, 1892, S. 220ff. u. Anm.; Singer, D. tag, Kürschners Dt. National.-Litt. Bd. 11, malterl. Lit. in d. dt. Schweiz, 1930, S. 101-18 387-406, 1886 (Auszug). — K. Meisen, Neu- u. Anm. druck, Historij des beleegs van Nuys, 1926, 2 Schweizer Reimchroniken: Baechtold S. dazu van Dam, DLz. 1928, 330f., Stamm- 199-201 u. Anm. S. 48f.; Singer aaO.; Niclas ler, ZfDtschkde 1928, 816, Behaghel, Lbl. Schradin, Schweizer Chron., 1500, Neudruck 1930 Sp. 9f.; Meisen, Chr. Wierstraites Neus- von Ernst Weil 1927; Baechtold S. 220-22. ser Belagerungschron. im Sprachenkampf am 3 Hgb. H. v. Dieszbach 1849. — Vetter, Niederrhein, Teuthonista 1, 200ff. 286ff. 2, Anz. f. Schweiz. Gesch. 1884, 266ff.; s. ebda 241 ff. usw.; Sprache: Th. E. Meinerich, 1890, 11-18. 46-48. — Liliencron, D. histor. Sprachl. Untersuch, zu Chr. W.s Chronik der Volkslieder II Nr. 196-211 S. 363^132 u. Stadt N., Leipzig. Diss. 1885; John Holm- Reg. S. 577. berg, E. mittelniederfränk. Übertragung des 4 Stammler, Von der Mystik zum Barock, Bestiaire d'amour, Uppsala Univers. Arsskr. 1927, 210. 1925 pass. — Bobertag, Erzählende Dich- 5 Liliencron II, Reg. S. 579a. tungen des späteren MA.s, Kürschners Nat- 6 Hgb. Eberh. v. Groote 1855, nach d. Litt. Bd. 11 S. 387-406. Druck von 1497; C. Nörrenberg, Chroniken Reimchroniken 531 Karl den Kühnen (14. Jh.) in künstlichen Strophen verschiedenen Baues. Ein Hans Erhart Tusch schrieb eine Burgundisch hystorie, die 1477 in Straßburg gedruckt wurde, ein dürftiges Machwerk (mehr als 600 Strophen). 1 Kölner Reimchronik Eine Reimchronik über die Kämpfe, die die Kölnischen Adelsgeschlechter in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts gegen die Erzbischöfe und Zünfte führten, schrieb in seinem „Boech van der stede van Coelne" Gottfried Hagen, der sich am Schluß (V. 6287) als Verfasser 2 nennt. Michael Beheims Reimchroniken In den weiten Bereich seiner meistersingerischen Betriebsamkeit zog Michael Beheim 3 auch geschichtliche Stoffe, die er in einzelnen historischen GedicHten und in zwei strophischen Reimchroniken verarbeitete: im Buch von den Wienern 3 erzählt er aus eigenem Erleben, da er sich in der von den Bürgern belagerten Hofburg „in grossen angsten" (Überschrift) befand, den Aufstand der Wiener gegen Kaiser Friedrich III. 1462-65, mit vielen gleichgültigen, doch immerhin das dortige Leben ausmalenden Einzelheiten (etwa2000 Strophen in drei Reimpaaren, die Melodie nennt er angstweis, Angstweise). Das Gedicht ist sowohl zum Lesen als zum Singen bestimmt; das man es lesen mag als ainen spruch oder singen als ain liet (Überschrift, Karajan S. 1). — Einige Jahre darauf, 1469, schrieb er das Leben Friedrichs I. (des Siegreichen) von der Pfalz 4 in zwei Büchern, in deren Überschrift er sich nennt: vnsers aller genedigesten herrn dez römischen Kaiser Fridrichs vnnd meines genedigen herrn her Fridrichs pfalczgraven pei Rein teutscher poet vnd lichter. Doch war der Pfalzgraf ein Gegner des Kaisers. Es ist eine Reimung der kurz vorher abgefaßten Prosachronik des Matthias v. Kemnat, der Kaplan des Pfalzgrafen und dem Michel Beheim befreundet war. Die Melodie der ebenfalls paargereimten sechszeiligen Strophe nennt er „Osterweise". Bezeichnend für die charakterlose Lobhudelei des Machwerks sind die Schlußverse : Der fürst mich helt in Knechtes miet, ich ass sin brot vnd sang sin liet; ob ich zu einem andern kom, ich ticht im auch, tut er mir drum. Tschechische Reimchronik Die Bedeutung, die Böhmen unter den Luxemburgern im 14. Jahrhundert für das deutsche Reich hatte, spricht aus der tschechischen Reimchronik des 1 Hgb. Wendung u. Stöber, Alsatia 1875/76 Erörterungen z. bayer. u. deutsch. Gesch. S. 341 ff. — Roethe, ADB. 39, 26; Goedeke Bd. III, 1863, ebda Bd. II Matth. v. Kemnat. S. 277f.; Stammler, Von der Mystik zum —Wattenbach, Zs. f. Gesch. d. Oberrheins Barock S. 210 u. Anm. S. 487. Bd. 23; K. Hartfelder, Forsch, z. dt. Gesch. 2 Jan van Dam, Stammlers Verfasserlex. 2, 22, 329-49; K. Wassmannsdorff, D. Er- 143-45, mit Lit. Ziehung Friedrichs des Siegreichen, Kurfürsten 3 Die gesamte Lit. über Beheim s. beim Mei- von d. Pfalz, aus Michel Beheims Reimchron., stergesang M. Beheims. 1886; Bartsch, Katal. Cod. pal. 335 S. 80f. 4 Buch 2 hgb. Konr. Hofmann, Quellen u. 34* 532 Die geschichtliche Literatur des 14. und 15. Jahrhunderts (sog.) Dalimil. 1 Von dieser wurde eine gereimte deutsche Übersetzung gemacht von einem in der Behandlung der Sprache und der Metrik ganz ungeübten deutschen Geistlichen in Böhmen, um 1343-46, der später, um 1360 -62, einen kurzen gereimten Auszug folgen ließ. Daneben gibt es auch prosaische Übersetzungen. Von der Welt zu Gott, von der Ritterromantik zur Frömmigkeit, führt das in Reimpaaren (575 V.) abgefaßte Gedicht Von der Gründung des Klosters Waldsassen, Übersetzung einer lateinischen Prosa, wahrscheinlich von dem Abt des Klosters, Johann IV Grübel (1329-39), einem Thüringer. 2 — Eine „Rede" vom concili zu Costniz in 100 Reimpaaren schrieb 1417 Johannes Engeimer. 3 Schweizer Prosachroniken Völlig die Verbindung mit der epischen Dichtung abgestreift hat die prosaische Geschichtschreibung. Auch hier hat von allen deutschsprechenden Landschaften die Schweiz die reichste Tätigkeit entfaltet. 4 Die Geschichte des Klosters St. Gallen wurde seit Ratpert und Ekke- hard IV. (s. LG. I Reg.) von den lateinisch schreibenden Mönchen aufgezeichnet; im Jahr 1335 setzte sie ein Bürger von St. Gallen, Christian Kuchi- meister, für das Jahrhundert 1228-1329 fort mit seinen „Nüwe Casus monasterii Sti Galli, 5 anschließend an die Casus monasterii des Conradus de Fabaria (Pfaefers) und jeweils Bezug nehmend auf die Reichsgeschichte, in einfach gefälliger Sprache und mit selbständigem Urteil. Die Geschichte Berns von der Gründung an schrieb Konrad Justinger 1420, eine Fortsetzung Diebold Schilling 1484, worin die burgundischen Kriege 6 die wichtigste Stelle einnehmen. Einen Spezialfall, den Zwist zwischen Adel und Volk in Bern 1470, den Twingherrenstreit, wußte Thüring Frikart mit humanistischer Bildung nach klassischen Mustern lebensvoll 1 Der gereimte Dal. hgb. von Hanka, Lit. Keinz 1885. — Ein Bruchstück einer Kloster- Ver. 43, 1859; der pros. Dal. hgb. von Jos. Chronik (Ebrach u. Heilsbronn), 14. Jh., hat Jirecek, Fontes rerum Bohemicarum III, G. Leidinger veröffentlicht in d. Festschrift 1878 (tschech.), dazu W. Toischer, Anz. 5, für Kehr 1926 S. 591-94. 348-58; Loserth, Mitt. d. Ver. f. Gesch. d. 3 Herm. Menhardt, Stammlers Verfasser- Deutschen in Böhmen, Lit. Beil. 16, 49ff. — lex. 1, 579. Abh.: Loserth, Beitr. z. Kritik d. gereimten 4 Lit. der folgenden „Histor. Prosa" in der dt. Dalimil, ebda 14, 1876, Nr. 4; Martin, Schweiz: Baechtold S. 220-23 u. Anm. S.52, Anz. 3, Ulf.; Jos. Teige, Z. Zeitbestimmung später Erschienenes ist im folgenden unten d. gereimten Übersetzung d. sog. Dalimil, nachgetragen. — Basler Chroniken, hgb. von Germ. 29,418; W. Toischer, D. sog. „deutsche d. hist. u. antiqu. Gesellsch. in Basel, bes. Bd.7, Dalimil", Mitteil. d. Ver. f. Gesch. d. Deut- 1916, von A. Bernoulli; E. Dürr, Die sehen in Böhmen 23, 1885, 277f.; A. Tomsa, Chronik des Felix Hemmerli, Basler Zs. f. D. dt. Übersetzg. der sog. Dalimilschen Reim- Gesch. 8, 180-213. Zwei Züricher Chroniken Chronik, Casopis pro mod. filologii 4, 1913, s. Wackernagel LG. I 2 , 446. 229-38; B. Hoch, Einiges üb. d.Verhältn. d. 6 Siehe auch Naumann, Ad. Prosaleseb. mhd. Dalimil zum Original I, Progr. Zwickau S. 120-26. 1916; Gierach, Stammlers Verfasserlex. 1, e Siehe auch Liliencron II S. 3. 33; A. 398-400 (Lit.!); Castle, Merker-Stammlers Büchi, Peter v. Molsheim, Freiburger Chron. Reallex. II, 581. d. Burgunderkriege, hgb. 1914; Ders., Anz. f. 2 Hgb. J. A. Schmeller, Verhandl. d. hist. Schweiz. Gesch. NF. 13, 112ff. Ver. d. Oberpfalz Bd. X, 1846, u. SA.; Friedr. Schweizer Prosachroniken. Strassburger Prosachroniken 533 zu beschreiben. Johann Fründ, gest. 1469, gab aus eigener Erfahrung ein anschauliches Bild von dem Zürichkrieg. 1 Während die genannten Schweizer Prosachroniken die wirklichen Tatsachen des geschichtlichen Lebens zum Gegenstand hatten, führt Eulogius Kiburger (Mitte des 15. Jh.s) in die sagenhaften Ursprünge zurück durch seine Abhandlung über das „Herkommen der Schwyzer" (sie stammen aus Schweden, zu welcher Annahme die Etymologie Suicia=Suecia beitrug) .InderStretlingerChronik 2 (d. Minnesinger H. v. Stretlinger s. Minnesang) werden nordische und andere Sagen und Mythen auf die älteste Schweizer Geschichte übertragen. Die Teilsage 3 von der Befreiung der Eidgenossen durch den Apfelschuß Teils, die in der nordischen Sage von Egil (bzw. Toko-Sage) eine Parallele hat, taucht in dem sog. weissen Buch 4 zwischen 1467 und 1476 auf, auch in der Luzerner Chronik des Melchior Ruß (1482 ff.). 5 Der Schweiz, und zwar dem nördlichen Teile, gehört wohl auch die prosaische Weltchronik an, die man darum mit Recht die Oberrheinische Chronik 6 nennt und die im Jahre 1337 mit Fortsetzungen bis 1349 abgefaßt wurde: Nach der Schöpfung und den sechs Weltaltern werden die Päpste aufgezählt, dann mit Augustus und Jesu Leben und Leiden die Reihe der Kaiser, ausführlicher seit Rudolf v. Habsburg bis einschließlich Ludwig d. Bayer. Zwischenhinein sind unterhaltende Stücke gestreut, Einzelbegebenheiten, Lokalnotizen, Anekdoten und Sagen. Straßburger Prosachroniken Und dieser Grundplan 7 ist auch, natürlich mit Abweichungen im einzelnen, eingehalten in den beiden Straßburger Chroniken. Fritsche Closener, ein Priester, 8 führte seine 1362 abgeschlossene Chronik bis auf Karl IV., eingehender von Rudolf v. Habsburg an, wo dann auch die elsässischen und Straßburger Verhältnisse mehr in den Vordergrund treten. Hierunter ist von besonderem, kultur- und literaturgeschichtlichem Werte die Schilderung der Geißelfahrten (1348) mit eingelegten Bitt- und Bußgesängen, Leisen. Ein mindestens 25 Jahre jüngerer Landsmann Closeners, Jakob Twinger von Königshofen, 9 Kanonikus, gest. 1420, hat dessen Chronik stark benutzt 1 Wackernagel, LG. I 2 , 446. Prosaleseb. S. 126-30. 2 Ausg. Jak. Baechtold, 1877; Baechtold, 7 Die Weihenstephaner Chronik als Kaiser- Gesch. d. dt. Lit. in d. Schweiz S. 222 u. u. Papstgeschichte s. unter Strickers Karl Anm. S. 52. u. Jans Enikel. 3 Baechtold S. 198. 326-28; s. auch Li- 8 Hgb. Albert Schott u. A. W. Strobel, liencron II Nr. 147. — Tokosage: unter Lit. Ver. 1, 1842; Hegel, Chroniken d. dt. vielen Darstellungen sei genannt: Fr. v. d. Städte Bd. 8, 1870. — Scherer u. Lorenz, Leyen, Dt. Sagenbuch II, D. dt. Helden- Gesch. d. Elsasses S. 82ff.; Aloys Schulte, sagen 2 , 1923, 170f.; Mogk, Pauls Grundr. 2 , Closener u. Königshofen, Straßbg. Stud. 1, 1904, S. 822.826. 1883, 277-99; Naumann, Ad. Prosaleseb. 4 Siehe auch: Vetter, Schweizerische Rund- S. 140-46. schau 1891; Singer, Schweizerdeutsch, 1928, 9 Hgb. Hegel, Chroniken d. dt. Städte Bd. 8 S. 113f. 145. u. 9, 1869. 1871. — Schulte aaO.; Ders., Die 5 Hgb. J. Schneller 1834. Originalhs. Königshofens, Mitt. d. Inst. f. 6 Hgb. Franz Karl Grieshaber 1850. — österr. Gesch.-Forsch. 4, 1883, 462f.; Franz Helm, D. oberrhein. Chron.,Festschr. Braune, Jostes, Zs. f. Gesch. d. Oberrheins NF. 10, 1920, S. 237-54 (mit Lit.); Naumann, Ad. 1895, 424-43; Stammler aaO. S. 246. 489. 534 Die geschichtliche Literatur des 14. und 15. Jahrhunderts und erweitert in drei Fassungen, deren jüngste bis 1415 geht. Wie Closener benutzte er ältere historische Quellen, auch die sächsische Weltchronik. Um der Laien willen, wie er in der Vorrede (A) erklärt, will er in Deutsch schreiben, denn die klugen Laien lesen ebenso gern von solchen Dingen wie gelehrte Pfaffen. Diesem Publikum entspricht er auch, wenn er so gerne unterhaltende oder belehrende Geschichten einflicht. — Den gleichen Ausgang von der Weltgeschichte nimmt die Koelhoffsche Chronik „Van der hilliger stat van Collen", gedruckt 1499, stellenweise nur eine prosaische Wiedergabe der Reimchronik Gottfried Hagens (s. oben). 1 Limburger Chronik Die literarisch wertvollste Städtechronik ist die Limburger Chronik 2 des dortigen Stadtschreibers Tilemann Elhen (Ehlen) von Wolfhagen vom Jahr 1336 bis 1398. Den Verlauf seiner Arbeit gibt er selbst an (Kap. 13): Alles, was nach 1347 geschehen ist, ist zu meinen Lebzeiten geschehen, und ich habe es gesehen und gehört von meinen Kindheitstagen an bis jetzt, und von der Zeit an, da ich dreißig Jahre alt war, habe ich alles, „was notabile ist" aufgezeichnet. Es geht aus diesen persönlichen Mitteilungen weiter hervor, daß er das Werk in derselben Weise fortzusetzen beabsichtigte. Dieser Arbeitsweise entsprechend bestehen die Einträge für jedes Jahr aus trockenen Aufzeichnungen, Notizen von den Vorkommnissen in Limburg und in der Nachbarschaft, auch in der allgemeinen Geschichte, die immer mit „item" einsetzen. Aber der Stadtschreiber war ein guter Beobachter, er schildert z. B. einen Herrn Cone v. Falkenstein ganz leibhaft von Kopf bis Fuß samt seinen Gebärden (Kap.57 S.51) 3 unter Berufung auf Aristoteles. Ja, er hatte Freude an Dichtung und Musik, und dank dieser persönlichen Eigenschaft hat sein Buch auch hervorragende Bedeutung für die Geschichte des Volksliedes gewonnen. Der Liedersang war ihm eine Kundgebung des gesellschaftlich- 1 Hgb. Cardauns, Chroniken d. dt. Städte 335f.; E. Schaus, Neues Arch. f. alt. dt. Ge- Bd. 13, 211 ff. u. 14. — Schröder, Kaiser- schichtskde 32, 722ff.; F. Otto, Zur Frage chron. S. 77. nach d. Entsthg d. Limburg. Chron., ebda 2 Ausg. frühere: Vogel 1828; Rössel 1860 43; Schröder, Zur Überlieferung u. Text- (dazu Bartsch, Germ. 6, 255); jetzt: Arthur kritik dt. Chroniken II, ebda 45, 126-31; Leo Wyss, Mon. Germ. hist. Dt. Chroniken IV. Sternberg, Limb, im dt. Schrifttum, ZfDtsch- Abt. 1, 1883, dazu Martin, DLZ. 1884, 738 kde 36, 1922, 14-23. Otto H. Brandt, D. -41; Otto H. Brandt, Die Limburg. Chronik, Limburg. Chron. eingeleitet, 1922; Gottfr. Neuausg. 1924; Gottfr. Zedler, Die Lim- Zedler, Die Quellen der Limbg. Chron., Hist. bürg. Chronik mite.Einleitg.,einerÜbertragg. Vjschr. 23, 289-324; Ders., Zur Erklärung u. ins Neuhochdeutsche usw. hgb., 1930. — Textkritik der Limburg. Chron., Münch. Mus. Wyss, D. Limburg. Chron. untersucht, 1875; 5, 1930, 210-50; W. Rehm, Der Todesgedanke Jul. Goebel, Poetry in the Limb. Chron., S. 75ff. — Stammler, Mnd. Leseb., 1921,135b Americ. Journ. of Philol.8 u. SA., 1888; Rud. Anm. (Geißlerfahrten); Ders., Von der Mystik Hildebrand, Materialien z. Gesch. d. dt. zum Barock S. 246f.; Uhlhorn, Stammlers Volkslieds, 1900, 54 ff.; Karl Knetsch, Die Verfasserlex. 1, 547-51; Singer, Die religiöse Limburg. Chron. d. Joh. Mechtel, 1909, dazu Lyrik d. MA.s, 1933, 94ff. — Auszüge aus d. H. Reimer, DLz. 1910, 1577f.; A. Götze, Limburg. Chron., meist in lat. Übersetzung, Germ. Rom. Monatsschr. 4, 1912, 83ff.; Ders., gibt der Frankfurter Dominikaner PetrusHerp D. dt. Volkslied, 1929, 316; Schröder, D. in seinen Collectanea 1509 (Wyss, Ausg.S.öf.)- Abfassungszeit d. Limburg. Chron., ZfdA. 53, 3 Goebel aaO. SA. S. 7f.; Lamprecht, Ein- 207f.; Ders., Zur Limburg. Chron., ebda 53, führung in d. histor. Denken, 1913, S. 142. Limburger Chronik. Deutsche Landeschroniken 535 geschichtlichen Lebens der Zeit (s. Volkslied). Sehr wertvoll sind die Strophen und Stellen, die er zitiert. Deutsche Landeschroniken Eine Reihe von deutschen Landeschroniken entstanden im 14. und besonders im 15. Jahrhundert, die unter schlichten Berichten auch fabelhafte Erfindungen und Sagen bringen. Untersuchungen und neuere Ausgaben fehlen hier meist noch. So hat Schwaben die württembergische Chronik des Thomas Lirer von Rankweil (bis 1462, 1486 gedruckt), die mit der Arche Noah beginnt, dann Kaiser- und Papstgeschichte gibt, darauf mit vielen einzelnen wahren und sagenhaften Erzählungen die Landesgeschichte, besonders in den Taten des Adels. 1 Eine bayerische Chronik von der Stammesgeschichte an stellte Ulrich Füetrer, der Nachdichter höfischer Epen, für Herzog Albrecht IV. von Bayern her in den Jahren 1478-81 (s. oben Füetrer). 2 Der humanistisch gerichtete Sigmund Meisterlin (1425-90) schrieb eine Augsburger (1457) und eine Nürnberger (1488) Chronik. 3 Ludwig von Eybs „Denkwürdigkeiten" betreffen die Politik des Markgrafen Albrecht Achilles (s. oben Albrecht v. Eyb). Endlich gehören in die bayerische Geschichte die Aufzeichnungen des Augsburgers Burchard Zink. 4 Österreich hat für diesen Zeitraum mehrere Chroniken aufzuweisen, eine von Gregorius Hagen (bis 1398) für Herzog Albrecht III. von Österreich, trotz der Unzuverlässigkeit beliebt und oft abgeschrieben, und zwei andere, namenlose, aus der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts. 5 Literaturgeschichtlich wichtiger, weil von bekannten Dichtern der Zeit herrührend, sind die Ungarische Chronik Heinrichs v. Mügeln und Michel Beheims Buch von den Wienern. — Der Zips (Ungarn) gehört die Georgenberger Chronik vom zweiten Drittel des 15. Jahrhunderts an. 6 Zwei Geschichtswerke hat Thüringen im 14. 15. Jahrhundert hervorgebracht. Das ältere und bedeutendere ist die Düringische Chronik des Johannes Rothe, die schon oben besprochen ist, das andere die Erfurter Chronik des Konrad Stolle. 7 Sie beginnt mit dem Bau der Arche Noah, geht rasch auf die Gründung Triers über und berichtet dann die Geschichte Thüringens von dessen Frühzeit an, wobei die Ereignisse des Reiches hereingezogen und allerlei örtliche Vorkommnisse von Erfurt mitgeteilt werden; auch sind historische Lieder eingestreut. Die Chronik reicht mit Zusätzen bis zum Jahr 1502. 1 Massmann, Kaiserchron. III, 254-56; Stä- Herrschaften, Mon. Germ. Script. VI, 1906-09. lin, Wirtemberg. Gesch. 3, 1856, S. 9. 6 B. v. Pukanszky, Stammlers Verfasserlex. 1, 2 S. Riezler, Baier. Gesch. Bd. 3, 1889, 383f. — Vier weitere österr. Chroniken des 908ff. 15. Jh.s s. Castle, Merker-Stammlers Real- 3 Paul Joachimsohn, D. humanist. Ge- lex. 2, 586. Schichtsschreibung in Deutschland I, 1895; 7 Hgb. Ludw. Fr. Hesse, Lit. Ver. 32, 1854 Ders., Zur städtischen u. klösterl. Geschieht- (Auszug). — Hesse, Aus K. Stolles Erf. Schreibung im 15. Jh., Alem. 22, lff. 123ff. Chron., ZfdA. 8, 302^7. 466-76; v. Lilien- 4 Ausg. Deutsche Städtechroniken 5. cron, Histor. Volkslieder I Nr. 96, II Nr. 141. 5 Seemüller, Österr. Chronik von den 95 536 Die geschichtliche Literatur des 14. und 15. Jahrhunderts Chronik von Reichenau Auf engeren Raum beschränkt ist die Chronik von Reichenau des dortigen Kaplans Gallus Oheim (Oehem), 1 worin die Geschichte des Klosters in der Reihenfolge der Stifter (Pirminus usw.), der Äbte und dann der im Lehensverhältnis dazu stehenden Fürsten und Herren dargelegt wird, ein Denkmal der Macht und des Reichtums des Gotteshauses zu Reichenau; Abfassungszeit 1491-1508. Chroniken aus der Zeit des Konstanzer Konzils In eng umgrenztem Gebiete halten sich auch zwei Chroniken aus der Zeit der kirchenreformatorischen Bewegungen des 15. Jahrhunderts: Ulrich Richental 2 (auchUlr. v. R.,gest. 1437), ein angesehener, reicher Bürger und Hausbesitzer in Konstanz, weitgereist, schrieb die Geschichte des Konstanzer Konzils (1414-18). Aus den Mitteilungen, die ihm geistliche und weltliche Herren machten, die er (ein mittelalterlicher explorator, „Interviewer") befragte, stellte er ein Tagebuch zusammen, das er zuerst lateinisch redigierte (verloren), dann deutsch bearbeitete. In dieser Tagebuchchronik liegt ein bedeutendes Werk vor, denn Richental besaß ein gutes Urteil für die historischen Züge und zugleich ein offenes Auge auch für die Alltäglichkeiten. Er läßt seine Person in vielen Einzelheiten stark hervortreten, aber gerade diese Einblicke in das damalige Leben geben dem Gesamtbild eine anschauliche Fülle. Er besaß jedenfalls geistliche Bildung, war aber wohl nicht Kleriker. — Umarbeitung Ulrichs von Richental durch Gebhard Dacher um 1464; derselbe schrieb auch eine Konstanzer Chronik. 3 — Eberhart Windecke hat in seinem Buch von Kaiser Sigismund 4 ein ziemlich planloses und ungeschicktes Sammelwerk zustande gebracht über die Ereignisse im Reich, besonders mit Hinblick auf den Kaiser, aus Abschriften von Urkunden, Briefen, sonstigen Quellen und aus eigenen oft verblaßten Erinnerungen zusammengestellt. Windecke kam, wie er in einer Vorrede berichtet, als Knabe von 15 Jahren aus Mainz nach Böhmen, stand dort vierzig Jahre in Diensten der Krone bis zum Tode Kaiser Sigismunds und stellte seine Chronik (zwei Redaktionen, 1437 und 1442) zusammen, nachdem er wieder nach Mainz, wo er eine Stelle beim Zoll erhielt, zurückgekehrt war. Konrad Dinkmuth gab 1486 eine Chronik der deutschen Kaiser heraus, die von der Mitte des 14. Jh.s an auch näher auf württembergische Geschichte eingeht. 5 Eine Geschichte der Grafen von Cleve verfaßte Gert van der Schüren 1471. 6 Peter Eschenloher (geb. um 1420, Stadt- 1 Hgb. K. A. Barack, Lit. Ver. 84, 1866; s.' JB., 1894, S. 74 Nr. 107. 1898, S. 106 P. Albert, Zur Lebens- u. Familiengesch. d. Nr. 164; v. Hagen, D. Leben Kg. Sigismunds Gall. Oheim, Alem. 25, 1898, 258-62. v. Eberh. v. Windecke übers., Gesch. d. dt. 2 Hgb. M. R. Bück, Lit. Ver. 158, 1882. — Vorz., 1899; A. Wyss, Centralbl. f. Biblio- Ed. Heyck, ADB. 28,433-35; Beyerle, Z. f. theksw. 1895; Stammler aaO. S. 246. 489. Gesch. d. Oberrh. 53, 13-27; Stammler aaO. 5 Erich Hofmann, Stammlers Verfasserlex. S. 246. 489. 1,435 f. 3 Baier, Stammlers Verfasserlex. 1, 395-97. 6 Stammler, Von der Mystik zum Barock ■i Hgb. W. Altmann 1893 (mit Lit.), dazu S. 247. 490 (Lit.). Chroniken aus der Zeit des Konstanzer Konzils. Niederdeutsche Chroniken 537 schreiber in Breslau, gest. 1481) gab eine Geschichte der Stadt Breslau heraus 1440-79.* Niederdeutsche Prosa- und Reimchroniken Niederdeutschland 2 brachte im 14. 15. Jahrhundert eine Fülle von geschichtlicher Literatur in Prosa hervor, für einzelne Städte (Stadtchroniken: Magdeburg, Braunschweig, Dortmund, Soest, Münster, Lüneburg, Lübeck) oder für ganze Landschaften, Territorien (Ost-und Westfalen, Nordalbingien). Wenig Werke freilich können höhere, literarische oder historisch-wissenschaftliche Bedeutung beanspruchen. Ein großartiges Unternehmen ist die Magdeburger Schöppenchronik, 3 die sowohl die Geschichte der Stadt als die des ganzen Sachsenlandes in einer Reihe von zusammenhängenden Fortsetzungen entwickelt, beginnend mit der Abstammung der Sachsen von den Mazedoniern, zu den sächsischen Kaisern fortschreitend und dann mehr auf lokale Interessen eingehend, um schließlich in dürftige zusammenhanglose Notizen auszulaufen. Begonnen wurde die Chronik um 1380 und in der gleichen pünktlichen Beobachtungsweise jeweils von Zeitgenossen fortgesetzt bis 1421, wo dann bis 1516 die Einträge immer dürftiger werden. Unter den zahlreichen nd. Chroniken des 15. Jahrhunderts 4 ragt durch gewandte Sprache, anschauliche Schilderung und Mannigfaltigkeit des Inhalts die Weltchronik des Lübecker Franziskaners Hermann Korner (beendet 1430-40) hervor. Geringer an Wert, versucht es die an das Ende, des 15. Jahrhunderts gehörige „Sassenchronik" des Bürgers Konrad Bote aus Braunschweig die sächsische Stammesgeschichte darzustellen. In engere Verhältnisse führt die Stiftschronik von S. Simon und Judas in Goslar, 5 ebenfalls lateinisch und deutsch nebeneinander, die Ereignisse an Hand der zu dem Stifte in Beziehung stehenden deutschen Kaiser bis 1294 aufzählend. Das Lippiflorium verherrlicht das Leben Bernhards II. zur Lippe in nd. Reimen, 1487. 6 Ein Bruder Nigels übersetzte die dänische Reimchronik über die Geschichte der dänischen Könige bald nach 1478. 7 Die nd. Reimchroniken erheben sich selten zu wirklicher Kunstübung. Eine holsteinische Reimchronik, verfaßt zwischen 1381 und 1433, ist nur in Bruchstücken erhalten, die bis 1261 reichen. 8 Die Reimchronik Eberhards von 1 Wilh. Dersch, Stammlers Verfasserlex. 1, 4, 275; Stammler, Mnd. Leseb. Nr. 12 S. 24f. 588-90. u. Anm. S. 135; Ders., Nd. LG. S.27; Ders., 2 Nd. Geschichtschreibung: Jellinghaus, Von der Mystik zum Barock S. 248. 490. Gesch. d. mnd. Lit. 3 , Pauls Grundr. 1925 6 H. Althoff, Über das Verhältnis der mnd. S. 21 f.; Stammler, Gesch. d. nd. Lit., 1920, Übersetzung des Lippifloriums zu den ver- 24-33. 49-52. schiedenen Lesarten der Originaldichtung, 3 Chronikend.dt.Städte VII, 1869.— Stamm- ZfdPh. 34, 1-13. ler, Mnd. Leseb. S. 25-27 u. Anm. S. 135 7 Reimer Hansen, Bruder Nigels dänische (mit Lit.); s. unten Brun v. Schonebeck. Reimchronik niederdeutsch, Nd. Jahrb. 25, 4 Jellinghaus, Gesch. d. mnd. Lit. 3 S. 63ff.; 1899, 132-51 u. 27, 1901, 63-138. Stammler, Nd. LG. S. 24ff. — Eine „deutsche 8 Hgb. Weiland, Mon. Germ. hist. Dt. Chro- Chronik" hat Dietrich Engelhus geschrieben, niken Bd. II, 1877, dazu Roediger, Anz.4, Hs. 1420, Jos. Deutsch in Stammlers Ver- 275f. (s. oben Repgauische Chron.). — Emil fasserlex. 1, 577-79. Henrici, Die Nachahmer von Hartmanns 6 Hgb. Weiland aaO., dazu Roediger, Anz. Iwein S. 9. 538 Die geschichtliche Literatur des 14. und 15. Jahrhunderts Gandersheim, 1216. 1 — Ebenfalls gereimt ist die Weltchronik des Johann Statwech, der wahrscheinlich Geistlicher an der Stiftschule S. Blasii in Braunschweig war; Mitte des 15. Jahrhunderts (fast 4000 V.); sie geht von Adam bis Kaiser Sigismund mit spaltenweise nebeneinander stehendem lateinischem (Prosa) und deutschem (gereimt) Text, jener für die Gelehrten, dieser für die Laien. 2 Andere gereimte Chroniken entstanden im 15. Jahrhundert in Köln, Hamburg, Bremen, Rostock, Dortmund, Braunschweig. 3 Prophezeiungen Hier sei noch hingewiesen auf einige Prophezeiungen des 15. Jahrhunderts, Voraussagungen künftiger weltgeschichtlicher Ereignisse ([Prosa] Friedr. Lauchert, Materialien zur Geschichte der Kaiserprophetie im Mittelalter, Hist. Jahrbuch 19, 1898, 844-91). 1 Hgb. Ludwig Wolff, Priester Eberhard, Anz. 32, 50-71, Heinertz, DLz. 1909, 2471 Die Gandersheimer Reimchron., Ad. Textbibl. -73. — Stellen: Nd. Korrespondenzbl. 32,29f.; Nr. 25,1928; dazu ZfdA. 64,307-16. — Roe- Nd. Jahrb. 40, 43^15. the, Reimvorreden S. 48-52; Wolff, Nd. Jb. 3 Braunschweig: Roethe, Reimvorreden S. 50, 31-45; Stammler, Mnd. Leseb. Nr. 45 38ff.; Jellinghaus S. 21; Stammler, Von S. 67ff. u. Anm. S. 139. der Mystik zum Barock S. 247f. 490 (Lit.); 2 H. Deiter, Joh. Statwechs Prosa-Chronik Ders., Nd. LG. S. 24ff. u. Mnd. Leseb. Nr. 46 (Abdruck), Nd. Jahrb. 39, 33-74; Artur S. 69 u. Anm. S. 139; Braunschweiger Reim- Korlen, Statwechs gereimte Weltchron., Upp- chron. des Kaplans Bruno (um 1310): Stamm- sala Univers, ärsskr. 1907, dazu Seelmann, ler, ebda Nr. 46 S. 69 u. Anm. S. 139 (Lit.). V. LYRISCHE DICHTUNG DAS WELTLICHE LIED IM 14. UND 15. JAHRHUNDERT Während in der höfischen Blütezeit der von hohen Idealen getragene Minnesang der Lyrik den markanten Ausdruck verlieh, neben dem die sog. höfische Dorfpoesie und die realistischen Herbst- und Schmauslieder nur eine vergnügliche Abwechslung bildeten, ist die Liederdichtung in den beiden letzten Jahrhunderten des Mittelalters in ihrem dichterischen Gehalt und in der Form tiefer stehend, im Stoffgebiet mannigfaltiger. Es sind drei Gruppen zu scheiden: 1. Das persönliche Minnelied einzelner Dichter, 2. Das Meisterlied. 3. Das Volkslied. Der Inhalt ist in dieser realistischen Zeit dem vielseitigen Leben entnommen: am meisten im Schwang ist natürlich das Liebeslied, zu der größten Bedeutung erheben sich das Sittenlied und das historische Volkslied, dem Behagen gewidmet ist das Trink- und Martinslied, die Standeslieder singen vom Soldaten, Studenten, vom Jäger, Bergmann, Handwerker. (Über Montfort und Wolkenstein s.oben.) I. DAS MINNELIED Liedersammlungen Das Liederbuch der Klara Hätzlerin. 1 Diese war Abschreiberin von Beruf (es sind noch 5 Abschriften anderer Werke von ihrer Hand erhalten). Sie ist urkundlich bezeugt in Augsburger Steuerregistern und hat das Schreibergewerbe bis 1476 gehandhabt. Ihr sog. „Liederbuch" ist 1471 geschrieben, laut Unterschrift: Anno domini Augspurg 1471 Clara Hätzlerin (Haltaus S. 112). Haltaus hat durch ein Versehen die beiden Abteilungen: I. Spruchgedichte, erzählende oder didaktische Gedichte, in Reimpaaren, S. 113-308, und II. Lieder, in Strophen S. 1-112, in umgekehrter Folge gedruckt (!). Hätzlerin hat das Buch für Jörg Roggenburg (vermutlich Augsburger Patrizier) geschrieben (laut Unterschrift auf dem letzten Blatt). Die Handschrift befindet sich jetzt im Böhmischen Museum zu Prag. Nr. 1-27 (S. 1-36) sind „Tagweisen", dann folgen Minnelieder (der größte Teil), Frühlings- und Winterlieder, moralische und religiöse, Wein- und Freßlieder. Von bekannten Dichtern sind darin vertreten: der Teichner, Suchenwirt, Muscatblüt, Suchensinn, Rosenblüt, der Mönch v. Salzburg, Sachsenheim, Wolkenstein, Jörg Schilher, Kaltenpach. Ein zweites Augsburger Liederbuch, zeitlich früher, 1454, enthält 97 Lieder und 26 Spruchgedichte. 2 1 Ausg.: Carl Haltaus, Liederbuch d.Cl.H., Das dt. Tagelied, Leipz. Diss. 1887, 45 ff. 1840. — Karl Geuther, Liederb. d. Klara 57 ff.; Hellmuth Langenbucher, D. Ge- Hätzl., 1899, dazu Schröder, Gott. Nachr. sieht d. dt. Minnesangs, 1930, 87 f. 1931,208, Michels, Anz. 28, 342-57, Panzer, 2 BolTE, Ein Augsburger Liederbuch vom ZfdPh. 34, 97-100, v. d. Leyen, Arch. 110, Jahre 1454, Alem. 18, 1890, 97-127. 203-35, 428 f., Drescher, DLz. 1901,1692, Helm, Lbl. die 97 Lieder abgedruckt, für einige schon ge- 1900, 322. — Bartsch, ADB. 1880; Ders., druckte sind die Druckstellen nachgewiesen.— Quellenkunde S. 177; Walter de Gruyter, Hs. München Cgm. 379. 540 Lyrische Dichtung Frankfurter Liederbuch, Mitte 15. Jahrhundert. Jetzt verschollen. 1 In folgenden Liederbüchern sind sowohl die Texte als auch die dazu gehörigen Melodien (Weisen) aufgeschrieben: Das Locheimer Liederbuch (oder Lochammers Liederb.) um 1455, geschrieben von Lochammer und ihm gehörig. 2 Das Münchener Liederbuch, zum größten Teil geschrieben von Dr.Hartmann Schedel, dem Nürnberger Humanisten, 1440-1514 (s. unten), kam mit dessen Bibliothek in die kurfürstliche Bibliothek in München; es enthält Lieder mit ihren Singweisen, jedoch auch mehrere ohne solche. Im ganzen 154 Lieder, auch fremdsprachige, 70 deutsche Lieder mit Musik, 26 ohne Musik. 3 Die Berliner Bibliothek besitzt eine Liedersammlung oberdeutschen Inhalts, Nr.459. 4 Das Rostocker Liederbuch, im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts geschrieben, 52 Lieder und 15 Reimpaarsprüche, niederdeutsch, auch hochdeutsche Lieder, zum Teil mit Melodien. 5 Zu den Liedersammlungen kann man auch die Limburger Chronik (s. oben) rechnen, denn sie enthält Minnelieder, religiöse Lieder, Volkslieder, deren Verfasser allen Ständen und Berufen angehörten, Ritter und Geistliche, Bürger und Bauern waren. Oft wird von einem solchen Lied gesagt: in den- selbigen Zeiten sung man dies Lied, oder: in demselbigen Jar sung und pfiff man disz Lied u.dgl.—Verzeichnis von Hss., die „Lieder aus dem XV. Jahrhundert" enthalten: Hoffmann, Fundgruben 1, 327-29. Das persönliche Minnelied einzelner Dichter Der Minnesang hatte in der realistischen Gesellschaft des 14. 15. Jahrhunderts keinen Boden. Wohl hat er in Hugo von Montfort und Oswald von Wolkenstein eine Nachblüte erlebt, aber das Rittertum hat seine hohen Ideale nicht mehr, und die „Minne" ist eine andere geworden, sie hat nichts mehr von der schwärmerischen Verehrung der Frau, von der gemütserhebenden Phantasie; sie ist habhaft, hausbacken geworden. Außer von Montfort und Wolkenstein ist der Minnesang nur vereinzelt von genannten Dichtern gepflegt 1 Altdeutsche Lieder u. Gedichte aus d. ersten 3 K. Frommann, Das Münchener Liederbuch, Hälfte des 15. Jh.s in J. K. v. Fichard, Frank- ZfdPh. 15,104-26, mit Lit. u. Veröffentlichung furtisches Archiv f. ältere dt. Litt. u. Gesch. der noch nicht gedruckten Lieder, die keine 3. Teil, 1815, 196-323. Singweisen haben; Rud. Eitner, D. deutsche 2 F. W. Arnold u. H. Bellermann, D. Loch- Lied des 15. u. 16. Jh.s, Beilage zu d. Monats- heimer Liederb., in Chrysanders Jahrb. f. mu- heften f. Musik-Gesch. Jahrg. 1880; Lieder mit sikal. Wissensch. II, 1867; Otto Ursprung, Musikbegleitung s. auch in der Mondsee-Wie- Wolflin v. Lochammer's Liederb., ein Denkmal ner Liederhs. des Mönchs von Salzburg (s. ob.), Nürnberger Musikkultur um 1450, Arch. f. 4 Siehe Kurzes Verzeichnis usw. von Herm. Musikwissensch. 5, 1923; K. Escher, Loch- Degering aaO. S. 88 f., mit Aufzählung der eimer Liederb., neudeutsche Fassg., Bearbeitg. Lieder. — Rud. Eitner, Beilage zu d. Monats- der Melodien v. W. Lott, 1926; K. Ameln, heften f.Musik-Gesch., 1876-78, VIII,-X.Jahr- D. Locheimer Liederb. (1455-60), hgb., T. I: gang. Die mehrstimmigen Sätze, 1925; Rud. Steg- 6 Das Rostocker Liederb. nach den Fragmen- lich, 22 Lieder des Lochamer Liederbuches ten der Hs. hgb. von Friedr. Ranke u. J. M. hgb., 1928. — Meusebachs Abschrift, Kurzes Müller-Plattau, 1927, dazu Götze, Lbl. Verzeichnis der german. Hss. d. Preuß. Staats- 1929, 407 f. (mit Lit.). bibl. von Herm. Degering, 1926, Nr.713 S.125. Das persönliche Minnelied einzelner Dichter 541 worden, und was noch Ausdruck wirklich poetischer Empfindung war, ist in dem Volkslied aufgegangen. Von Heinrich Grafen von Wirtenberg (1448-1519) sind vier Liebeslieder erhalten mit dem Motivenvorrat des höfischen Minneliedes. 1 Von Heinrich von Beringen, dem Verfasser des Schachgedichts (s. oben), sind ebenfalls drei Liebeslieder überliefert. Ein viertes Gedicht knüpft an die Minne an: ein Weib fertigt einen Verleumder spottend ab, der ihr den Geliebten hatte verleiden wollen. 2 Die Zimmerische Chronik, verfaßt 1564-66 von Graf Froben Christoph von Zimmern (bei Rottweil, Württemberg), erwähnt einen Heinrich Offenbach von Isny (Württemberg), um 1350 Domherr in Konstanz, „der ist gleichfalls mit den deutschen Lieder und geruempten Gedichten umbgangen". 3 Einige Liebeslieder sind in der Sterzinger Hs. (J. V. Zingerle, Wien. SB. 54, 293ff.) erhalten von einem Magister Johannes Bopfingen, in höfischem Ton, offenbar zur Unterhaltung einer Hofgesellschaft, gehalten. Johann von Bopfingen, einem württembergischen Städtchen, war seit 1369 Pfarrer in Villanders bei Klausen in Tirol (urkundl. 1369. 1372. 1373. 1390). 4 — Über die Lieder Eberhards v. Cersne s. unten. Die Limburger Chronik (s. oben) erzählt von einem Grafen Reinhard von Westerburg (in Nassau): Derselbe was gar ein kluger ritter von libe, von sinne unde von gestalt, unde reit keiser Ludewigen (von Baiern) ser nach unde sang unde machte he dit lit „Ob ich durch si den hals zubreche usw., Uf ir genade achte ich kleine, sich, daz lasse ich si vurstan". Da der vurgenant Keiser Ludewig daz lit gehorte, darumb so strafte he den herren von Westerburg unde saide, he wolde ez der frouwen gebessert haben. Da nam der herre von W. eine kurze zit.. . unde sang daz lit: „In Jammers noden ich gar vurdreven bin durch einwif sominnecliche." Da sprach keiser Ludewig: „Westerburg, du hast es uns nu wol gebessert." 5 1 Hgb. W.Holland u. A. Keller, Lieder des MA.s Bd. V, 1905. — Adelb. Keller, Ad. Heinrichs Grafen v. Wirtenberg, 1849. Gedichte, 1846, 243 f.; Bethmann, ZfdA. 5, 2 Die drei Lieder hgb. von Pfeiffer in H. 418 f. u. Martin, Straßbg. Stud. I, 1882, 100, Schreiber, Taschenbuch f. Gesch. u. Alter- vgl. Schröder, ZfdA. 42, 161; Keinz, ebda thum in Süddeutschland 1844, 311 ff. Das 38,154-56; W. Lippert, Zwei höf. Minnelieder vierte Gedicht von Haupt, ZfdA. 10, 270-72 d. 14. Jh.s, ebda 40, 206-11; Schröder, Ein (52 V.), von ihm „Abfertigung" genannt. — höf. Minnelied d. 14. Jh.s, ebda 42, 161; Klap- Zimmermann, Das Schachgedicht Heinrichs per, Minnelied (15. Jh.), ebda 50, 198 f.; v. Berngen, Heidelbg. Diss. 1875 S. 44-47; Bartsch, Liebeslied des 15. Jh.s, Germ. 29, Schröder, ZfdA. 42, 162. 406; Ders., Der Müttinger, ebda 32, 246-53 3 MSH. 4, 237. 883; Grimme, Die rheinisch- (Spruchreden von Minne, s. Lassberg, LS. 1 schwäbischen Minnesinger, 1897, 219-21. Nr. I-XXIII); J. Bolte, Zu den Amores 4 Oswald v. Zingerle, Joh. v. Bopf., ein Söflingenses, Alem. 28, 72-75, Zwei weltl. unbekannter Dichter des 14. Jh.s, Euphorion Lieder des 15. Jh.s; O. Clemen, Ein mittel- 17,1910,469-73. alterl. Liebeslied (15./16. Jh.), Euphor. 11, 5 Goebel aaO. S. 9-11; Martin, ZfdA. 13, 1904, 141 f.; Johannes Wolf, Zwei Tage- 372 f.; Roethe, Deutsche Reden, 1927, 114; lieder des 14. Jh.s, Festg. Degering, 1926, 325 Leo Sternberg, ZfDtschkde 36, 1922, 14 ff. -27 (mit Musikbeilage). Liebeslieder des 14. u. 15. Jh.s ohne Ver- Lieder des 14. 15. Jh.s andern Inhalts: fassernamen: Arthur Kopp, Volks- u. Gesell- Hoffmann, Fundgruben 1, 1830, 327-39; schaftslieder des XV. u. XVI. Jh.s, Dt. Texte Schade, Weimarisches Jahrb. 4, 1856, 320 f. 542 Lyrische Dichtung 2. DER MEISTERGESANG Ältere Werke über die Meistersinger und ihre Regeln: Adam Puschmann, Gründlicher Bericht des dt. Meistergesangs, 1571. 1584 und Gründlicher Bericht der dt. Reimen oder Rithmen, 1596; Cyriacus Spangenberg (1528-1604), Von der Musica und den Meistersängern, 1598 (hgb. Ad. v. Keller, Lit. Ver. Nr. 62, 1861); Johann Christoph Wagenseil, Von der Meister-Singer holdseligen Kunst usw. Diese Verfasser schrieben aus eigener Kenntnis der Verhältnisse des Meistergesangs. — J. Grimm, Üb. d. altdeutschen Meistergesang, 1811 („Die Identität des Minne- und Meistergesangs will ich ausführen, ihre Einerleiheit leugnen" S. 25); Jos. Görres, Altdeutsche Volks- u. Meisterlieder aus d. Hss. d. Heidelbg. Bibl. hgb. 1817; Uhland, Schriften 2, 284-360; Docen, Versuch einer vollständ. Lit. d. älteren dt Poesie ... bis zu Anfang des 16. Jh.s, Mus. f. ad. Lit. u. Kunst 1, 1809, 126-234 (aiphabet, geordnet, darunter Meistersinger), Nachtrag von v. d. Hagen, S. 235-37; Wilh. Grimm, Tierfabeln bei d. Meistersängern, Kl. Sehr. 4, 366 ff.; Holtzmann, Meistergesänge des 15. Jh.s, Germ. 3,307-28; Bartsch, Meisterlieder der Kolmarer Hs., Lit. Ver. Nr. 68, 1862 (unentbehrlich); Franz Schnorr v. Carolsfeld, Zur Gesch. des dt. Meistergesangs, GgA. 2,1872,1138-75; R. v. Liliencron, Üb. d. Inhalt der allgemeinen Bildung in d. Zeit der Scholastik, Festrede, Münch. SB. 1876 S. 32 ff.; Roethe, Reinmar S. 5 f. 153-75; Otto Weddigen, Zur Gesch. d. dt. Meisterges., 1891; Th. Hampe, Sitten bildliches aus Mcister- liedern, ZfKulturgesch. 4, 1896, 42-53; C. Mey, D. Meistergesang in d. Kunst, Ausführl. Erklärg. der Tabulaturen, Schulregeln, Sitten u. Gebräuche d. Meistersinger, 2. Aufl. 1901; L. Keller, Die Kultgesellschaften der dt. Meistersinger u. die verwandten Societäten, Monatshefte der Comen.-Gesellsch. 11,1902,274-92; Willibald Nagel, Stud. z. Gesch. d. Meistergesanges, 1909; E. Vanderstetten, D. dt. Meistersinger u. der letzte ihrer Zunft, 2. Aufl. 1913; Rolf Weber, Zur Entwicklung u. Bedeutg. d. dt. Meistergesangs im 15. u. 16. Jh., Berl. Diss. 1921; Stammler, Die Wurzeln des Meistergesangs, Dt. Vjschr. 1, 1922, 529-59; Ders., Die Totentänze des MA.s 1922,32 ff.; Ders., Vond. Mystik zum Barock, 1927, 215-34. 488; Alma Heiberg, Zur Tabulatur d. Meistergesanges auf d. besondern Grundlage der bisher unveröffentlichten Steyrer Tabulatur, Prager Diss. Auszug, 1925/26; H. Oppenheim, Naturschilderg. u. Naturgefühl bei d. früheren Meistersängern, Greifsw. Diss. 1930 u. Form u. Geist Bd. 22, 1931; Kurt Unold, Zur Soziologie des (zünftigen) deutschen Meisterges., Heidelbg. Diss. 1933. — Gervinus l 5 , 448-74; Goedeke, Grundr. I 2 , 307-19; Koberstein l 6 , 313-17. 354-59; Wackernagel l 2 , 322-30; Stammler, Merker-Stammlers Reallex. 4, 58-65 (mit Lit.). Einzelne Meistersinger. Mit Namen bekannte Meisters.: eine große Zahl verzeichnet Goedeke, Grundr. I 2 , 308 f. 312 ff.; Bartsch, Kolmarer Hs. S. 156 ff.; einige: Keinz, ZfdA. 38, 161 f.; Holtzmann, Germ. 5, 210-19 (s. auch Aug. L. Mayer, Die Meisterlieder des H. F. hgb., 1908 [s. unten], S. 350 f.). Einzeln behandelt sind: Sixt Beckmesser, 15. Jh., Stammler, Verfasserlex. 1, 182. — Georg Breuning: F. Roth, D. Meistersinger G. Br. u. d. religiösen Bewegungen der Waldenser u. Täufer im 15./16. Jh., Monatsschr. d. Comenius-Ges. 13, 1904, 74-93. — Hierony- mus Drabolt: Horst Oppenheim, Stammlers Verfasserlex. 1, 457-59. — Ehrenbote, Römer (= Reinmar): W. Grimm, ZfdA. 10, 307-10; Jörg Graff: Oppenheim, Stammlers Verfasserlex. 1, 85-94. — Härder, Lesch, Hülzing: Holtzmann, Germ. 3, 308-15. 5, 447, die drei auch bei Bartsch, Kolm. Hs. S. 182-84; Härder: Roethe, Reinmar S. 161. 171. 238 A. Oppenheimer, Stamml. Verf. lex. 2, 183-88. — Der Lieber: Holtzmann, Germ. 5 aaO., Bartsch, ADB. 18, 567. — Johannes Kurtz, Karl Bertram: Joh. Kurtz, Greifsw. Diss. 1931. — Martin Maier (v.Reutlingen): E. Hofmann, Greifsw. Diss. 1930.—Mandelreiss: Bartsch, ADB. 20, 170. — u. Deutsche Handwerkslieder, 1865; Haupt, 23, 401 (daselbst S. 66 Mensch u.Tod); Hj. Der Alte u. der Junge (Ach jung man, sich Psilander, Mitteldeutsche Wechselstrophen an myn gestalt), Ad. Bl. 1, 29-34; Keinz, u. Scherzlieder, ebda 49, 376-80; Klapper, Klage eines angehenden Ehemannes, ZfdA. Ein schlesisches Neujahrsliedchen aus d. 15. 38,153; Bolte, Jörg Zobels Ged. vom geäfften Jh., Mitteil. d. schles. Ges. f. Volkskde 12, Ehemann (1455/6), Schweiz. Arch. f. Volks- 215-18; Ders., Bettellied Breslauer Studenten, künde 20,1916,43-47; Zwierzina, Drei Lieder ZfdPh. 47, 93 f.; Schröder, 0 geselle nu spare aus Wiener Hss., ZfdA. 41, 65-76. 96 u. Anz. din gut, Gott. Nachr. 1927,116-18. — Kopp aaO. Der Meistergesang 543 Meffrid: Holtzmann, Germ. 5 aaO.; Bartsch, Kolm. Hs. S. 181 u. ADB. 21, 176. — Mülich von Prag: R. Batka, Die Lieder M.s v. Pr. hgb. nach d. Colm. Hs., 1905; Martin, Anz.3, 112; Bartsch, Kolm. Hs. S. 179 u. ADB. 22, 490. — Konrad Nachtigall: Bartsch, ADB. 23,200. — Nestler von Speier: Bartsch, ADB. 23, 447; Goedeke, Grundr. S.307; K. Riederer, Ein Speyerer Meisters., Pfalz. Mus. 41,1924,81 (der Verfasser der Kolm. Hs. s. Bartsch, Kolm. Hs. S. 186); Goedeke, Germ. 15, 200. — Lienhard Nunnenbeck: Bartsch, ADB. 24,55; Goedeke, Grundr. I 2 , 318. —Jörg Schilher: Roethe, ADB. 31, 210; Haltaus, Hätzlerin S. XI u. pass.; Uhland, Schriften 2, 363 ff.; J. Schiller: Bartsch, Kolm. Hs. S. 186 f.; H. M. Junghans, Stud. zum Meisters. J. Schiller, Greifsw. Diss. 1930.—[Jörg Zobel kein Meistersänger: Singer, Dterl. Lit. d. dt. Schweiz, 1930, 156]. — Der Zwinger: Holtzmann, Germ. 5 aaO.; Bartsch, Kolm. Hs. S. 182. Meisterlieder von unbenannten Verfassern abgedr.: Goedeke, Grundr. 1 2 ,309 ff. — W. Grimm, ZfdA. 10, 307-10; Bartsch, Drei Meisterlieder, Germ. 23, 49-52; R. Köhler, Üb. e. Meisterl. von d. roten Kaiser, ebda 24,13-15; Goedeke, ebda 28,38^5; Keinz, Ein Meisters, des XV. Jh.s u. sein Liederbuch, Münch. SB. 1891,4,639-99; J. Bolte, D. Meisterlied vom Grafen Alexander v. Mainz (1495), Zs. d. Ver. f. Volkskde 26, 1916, 33-42. Meistersinger nach einzelnen Ländern: K. Drescher, Nürnberger Meistersingerprotokolle hgb., 1897, dazu Hampe, Euphor. 6, 114-27; Th. Hampe, D. Kultur d. Meistergesanges in Nürnberg, 1927. — Rud. Pfeiffer, D. Meistersingerschule in Augsburg usw., Schwab. Geschichtsquellen u. Forsch. 2,1919; Alb. Greiner, D. Augsburger Singschule in ihrem inneren u. äußeren Aufbau, 1924. — F. W. E. Roth, Zur Gesch. der Meistersänger zu Mainz u. Nürnberg, ZfKultur- gesch. 3, 1896, 261-90. — Martin, Urkundliches üb. d. Meistersänger zu Straßburg, Straßbg. Studien 1, 1882, 76-99; Ders., Die Meistersänger v. Straßburg, Jahresber. d. Volksbildungsvereins f. Elsaß-Lothringen, 1882; W. Kipp, Vom Meistergesang im Elsaß, Elsaß-Lothringen 7, 1929, 275-80. 370-72. — O. Clemen, Eine Meistersingerschule in Zwickau, N. Arch. f. sächs. Gesch. 48, 1926/27, 78-85. — H. Seidel, D. Meistersingerschule in Breslau, Mitteil. d. Schlesi- schen Gesellsch. f. Volkskde 26, 1925. — K. J. Schröer, Meistersinger in Österreich, Bartschs Germanist. Stud. 2, 1875, 197-239; Hans Widmann (Steyr), Zur Gesch. u. Lit. d. Meistergesanges in Oberösterreich, Progr. Steyr 1885; L. Schönach, Beitr. z. Gesch. der Meistersinger in Schwaz, Forsch, u. Mitteil. Tirols u. Vorarlb. 2 H. 1, 1908; F. Streinz, D. Meisterges. in Mähren, Zs. d. Ver. f. d. Gesch. Mährens 26, 1924, 51-82; A. Hartmann, Dt. Meisterliederhss. in Ungarn, 1894. Musik der Meistersinger („Töne"): G. Jacobsthal, Üb. d. musikal. Bildung d. Meistersänger, ZfdA. 20, 69-91. — J. Grimm, Üb. d. ad. Meisterges. S. 106-15; MSH. 4, 229 f.; Holtzmann, Germ. 5, 444 ff.; Goedeke, ebda 15, 197; Roethe, Reinmar S. 157-59; 159-77; O. Plate, Die Kunstausdrücke der Meistersinger, Straßbg. Stud. 3, 1888, 147-237; Burdach, Üb. d. musikalische Bildg. der Meistersinger, Reinmar S. 178; P. Runge, Die Sangesweisen der Colmarer u. d. Liederhs. Donaueschingen hgb., 1896; C. von Kraus, Üb. einige Meisterlieder d. Kolm. Hs. aaO. (Strophenbau). P. Runge, Üb. d. Notation d. Meistergesangs, Bericht üb. d. 2. Kongreß der ■Internationalen Musikgesellsch. zu Basel, 1906; S. Flatau, Meistergesang u. Meistersinger in ihrer musik. Bedeutg., Jahresber. d. Ver. f. Gesch. d. Stadt Nürnberg, 1908. Meistersingerhandschriften: Goedeke, Grundr. I 2 , 308 f. — Bartsch, Meisterlieder der Kol- marer Hs. hgb., Lit. Ver. Nr. 68,1862 (die Kolmarer Hs., jetzt in München, im 15. Jh. geschrieben, stammt aus Mainz, befand sich laut Eintrag v. J. 1546 im Besitz des Jörg Wickram in Kolmar); Die Kolmarer Sammlung, Mus. f. ad. Lit. u. Kunst aaO.; Paul Runge, Die Sangesweisen der Colmarer Hs. aaO.; Goedeke, Germ. 15, 197-201; Roethe, Reinmar S. 153-59; R. Biedermann, Die Einwirkg. der Kolmarer Meisterliederhs. auf die Textgestaltung der Gedichte Heinrichs v. Meißen, Berl. Diss. 1897; C. v. Kraus, Üb. einige Meisterlieder der Kolm. Hs., SB. d. Bayer. Ak. 1929 H. 4, dazu Bolte, DLz. 1930,875 f.; Loewenthal, Stud. z. germ. Rätsel, 1914,107-22. 148 f. — J. V. Zingerle, Bericht üb. die Wiltener Meistersänger-Hs., Wien. SB. 37, 1861; Bartsch, Ein Baseler Meistergesangbuch, Quellenkunde S. 275-301; Holtzmann, Germ. 3, 308. 544 . Lyrische Dichtung Die Singschulen Die lyrische Kunstdichtung des 13. Jahrhunderts, der Minnesang, wurde im 14. 15. Jahrhundert fortgesetzt durch Hugo von Montfort und Oswald von Wolkenstein, der Meistergesang knüpft an die gelehrten Meister unter den Spruchdichtern des 13. Jahrhunderts (s. oben) an, deren hervorragendster und für den Meistergesang einflußreichster Vertreter Frauenlob war. Frauenlob ist der Begründer des schulmäßig geübten Meistergesanges. Er hatte eine Anzahl von jüngeren Leuten um sich versammelt, die er in der Kunst des Dichtens und Singens unterrichtete. Damit war der Anstoß zu dem späteren schulmäßigen Betrieb gegeben. Die äußere Form erhielt aber dieser gesellschaftliche Sang durch die Singbruderschaften, die sich im 14. Jh. bildeten und in denen sich Laien in der Art geistlicher Brüderschaften zu einer für religiöse Zwecke bestimmten Gemeinschaft —• wohl unter geistlicher Beiwirkung — verbanden, zu eigener Erbauung und zum Gesang in der Kirche. Darum war der Gegenstand der Dichtung dieser „Nachmeister" x vorherrschend religiös und moralisch. Diese zunächst geistlich gewendeten Bruderschaften, die aus Bürgern und Handwerkern sich zusammensetzten, waren nun die „Meistersänger, Meistersinger". 2 Damit war der frühere Wertbegriff zu einem Standesbegriff geworden: die Meistersingerzunft (an manchen Orten waren diese Meistersingergesellschaften sogar auf bestimmte Handwerkerzünfte beschränkt). Jetzt waren die Meistersinger zugleich Handwerksmeister. Die Singbruderschaften wurden „Singschulen", die auch bei weltlichen Gelegenheiten ihre Künste vortrugen. Sie hatten ihre Satzungen, Kunstregeln, die später in der „Tabulatur" (älteste Tab. in Nürnberg, 1540) verzeichnet waren und hauptsächlich die Kunstfehler betrafen, die vermieden werden sollten, worüber bei den Singvorträgen die „Merker" zu walten hatten. Dabei wurde besonders auf die vorschriftsmäßige Form der Silben geachtet; diese wurden mechanisch gezählt, nicht gemessen und ohne Rücksicht auf die logisch richtige Betonung behandelt; die Reime, oft künstlich verschlungen, sind nicht immer rein. Das ganze Meistersingerlied hieß „Bar", die Strophen hießen Gesätze, oder wie mhd. Lied. Der Bar ist nicht einstrophig, sondern hat drei, fünf, sieben Strophen. Die Bezeichnungen der heutigen Metrik wie stumpf, männlich, klingend, weiblich, Weisen, Körner kommen von den Meistersängern her. — Es war jetzt Regel, die Töne, Weisen der zwölf „alten" Meister zu gebrauchen, doch war erforderlich, in der Überschrift den Namen des Tones anzugeben, wobei auch der Name des Urhebers genannt werden konnte, z. B. im zarten dön, im griienen dön; man wußte, daß diese Töne von Frauenlob waren; oder: in Marners langer wise, in Kuonrades von Wirzeburc hove- döne, diz ist in meister Suohensinnes döne, des Hübzings hofdön. — Der Inhalt 1 Michel Beheims Ged. bei HoLTZMANN,Germ. got griisz die meister uff der kunsten stule, (got) 3, 309 Str.2 Abges.; Bartsch, Kolm. Hs. griisz uch meistersenger allgeliche, Holtz- S. 182. mann, Germ. 5, 210. 2 Got griisz die singer in der singer schule, Die Singschulen. Die zwölf alten Meister 545 dieser Meisterlieder der zunftmäßigen Handwerker war meist religiös und lehrhaft. Der ganze Apparat von Kenntnissen konnte nur durch Schulung erlangt werden; wer Singer werden wollte, lernte bei einem Meister, und wenn er dann in den Schulsingen sich bewährt hatte und von den Merkern erprobt war, auch in seinem Betragen sich ehrbar gehalten hatte, wurde er Meister. 1 Mainz war in Nachwirkung von Frauenlobs Einfluß auf jüngere Leute, die er über die Kunst belehrend um sich sammelte, die erste Pflegestätte der Meistersingerkunst (aus Mainz stammt die Kolmarer Hs., s. oben). Aber Vereinigungen von städtischen Handwerkern zu Singschulen kamen erst im 15. Jahrhundert auf. Die älteste ist in Augsburg bezeugt, um 1450; 2 ebenfalls im 15. Jahrhundert ist in Nürnberg und Worms der Meistergesang heimisch geworden — auch in Straßburg und Frankfurt — und fand im 16. u. 17. Jahrhundert noch viele andere Pflegstätten; die am längsten fortgepflanzte Singschule, die in Ulm, ging erst 1839 in eine Liedertafel über. Der berühmteste Meistersinger war Hans Sachs. Doch damit sind wir über die hier zu behandelnde Periode, die der spätmittelhochdeutschen Literatur, hinausgekommen. Die zwölf alten Meister Schon im 14. Jahrhundert hatte sich eine Sage vom Ursprung des Meistergesanges gebildet, er wird auf die zwölf alten Meister zurückgeführt. Das früheste Zeugnis geben zwei Lieder von Lupoid Hornburg von Rotenburg (s. oben), darin als „Meister" aufgezählt werden: Her Reimar, Her Walther, Her Nithart, der von Eschenbach (im 2. Lied Her Wolfram von Eschenbach), von Wirzeburg Cunrad, der Boppe, der Marner, der Regenboge, der Vrouwenlop, von Suneburg, Erenbot(e), bruder Wernher. Die Namen wechseln stets in andern Überlieferungen. Um diese zwölf Meister hat sich später eine Sage 3 gesponnen, die in einem Meisterliede vom Ende des 16. Jahrhunderts überliefert, aber wohl älter ist: die 12Meister hatten den Meistergesang gleichzeitig erfunden, ohne etwas voneinander zu wissen; Kaiser Otto I. und der Papst ließen sie, da sie bei den Geistlichen Anstoß erregt hatten, nach Pavia kommen, überzeugten sich von der Trefflichkeit ihrer Kunst und bestätigten sie. Die zwölf Meister waren das, Vorbild für die Meistersänger der Singschulen des 14. 15. Jahrhunderts; die Töne, die ihren Namen trugen, wurden weiter 1 Ein Lied der Kolmarer Hs., Bartsch (u. a. die Aufzählung von Valentim Voigt [gest. Nr. LXVI S. 369 f., hat die Steigerung singer- nach 1557] S. 892); Roethe, Reinmar S. 5 f. meister, singermeistermeister, singermeister- 159-66; (die Töne Römers), 166-75 (Der Eh- meistermeister, je nach der Anzahl der Töne, renbote vom Rhein); Roethe, ADB. 29, 14; Weisen, die er erreicht hat. Fritz Rostock, Mhd. Dichterheldensage, 1925, 2 v. Liliencron, D. histor. Volkslieder 1 26-30, dazu Niewöhner, Anz. 45, 20-23; Nr. 90 Str. 15; Uhland, Volkslieder Nr. 166 Wilmanns, Walther Bd. II, 4. Aufl. von Mi- S. 430: Augspurg hat ain weisen rat, das prüft chels S. 2 Anm. 1; Hans Ellenbeck, D. Sage man an ir kecken tat mit singen, dichten und vom Ursprung d. dt. Meistergesangs, Bonner klaffen; si hand gemachet ain singschäl. Diss. 1911. — Holtzmann, Germ. 3, 307 ff. 3 Die zwölf Meister, Meistersingersage: Uh- 5, 217-19. 444 f. (= Bartsch, Kolm. Hs. land, Schriften 2,286 ff.; MSH. 4, 229. 881 ff. S. 404-6); Martin, Kudrun Str. 406. 35 Deutsche Literaturgeschichte IV 546 Lyrische Dichtung gebraucht, nur selten wurde der Ton eines späteren Meistersängers wiederholt, oder ein neuer eingeführt. Die Tradition, die ja im Mittelalter überhaupt historisches Gesetz war, herrschte also. Es hat auch andere Töne gegeben als die der 12 alten Meister, aber diese hatten das höhere Ansehen. Das Wort „Meister" (lat. Magister, Lehrer, Gelehrter) ist zunächst ein Wertbegriff; es heißt soviel wie ein in seinem Fach und unter seinen Fachgenossen hervorragender Mann, damit auch Vorbild, Muster. 1 So sagt Ulrich v. Singenberg in seinem Nachruf auf Walther (Lachmann, Walther 108, 6): Uns ist unsers sanges meister an die vart, den man e von der Vogelweide nande. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts wurden die gelehrten unter den Spruchdichtern durch den Namen „Meister" ausgezeichnet, 2 aber dies war keine feststehende, sondern eine ziemlich willkürliche Titulierung. Meister- sanc hat im 13. Jahrhundert zunächst den gleichen Sinn, also Sang gelehrter Spruchdichter, so auch j. Tit. 885: nach meistersanges orden; ebenso Meistersinger, z.B. bei Meister Rümzlant, MSH. 3, 65a, Rümzlant von Schwaben, ebda 69b. 3 Nachfolger dieser Meistersinger sind im 14.15. Jahrhundert Mus- katblüt und Suchensinn. Muskatblüt Muskatblüt 4 war ein Fahrender, ein wandernder Sänger in Hofdiensten in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Er hatte sein Lebensauskommen, war verheiratet und hatte Kinder. 5 Seine Heimat war, seiner Sprache nach, 6 das bayerische Oberfranken. Seine Lebenszeit können wir erschließen aus den Abfassungsjahren, die er in einigen Liedern angibt: 1415.1422.1427; er bringt König Albrecht (1437-39) in dem letzten Lied, Nr. 100 (Groote, S. 257-60), eine Huldigung dar. Zur Zeit des Konzils befand er sich, wohl vorübergehend, 1 Mhd. Wb. II, 1, 114-18; J. Grimm, Üb. d. Diss. 1902; Theodore Meyer, Muskatbluts ad. Meistergesang S. 98-106 (beide Male viele Marienlieder, Marbg. Diss., Auszug im Marbg. Belegstellen). Jahrb. 1922/23 S.33f.; Brinkmann, Wesen 2 In derManess. Hs. haben die Nichtadeligen u. Form, Reg. S. 193; W. Rehm, ZfdPh. 52, Gotfrid v. Straßburg u. Konrad v. Würzburg 289-330 pass.; Ders., Der Todesgedanke aaO. diesen Titel. S.85; Günth. Müller, Aufriß S.45; Edwin 3 Die in Regenbogens blauem Ton abgefaßte G. Gudde, M. and King Sigismund, The Ger- Strophe Ich lob ein meistersinger schon (MSH. manic Review 7, 1932, 1. — Stellen: Keinz, 3, 350; Bartsch, Katal. d. Heidelbg. Hss. ZfdA. 38, 158; Jellinek, Beitr. 44, 188f.; S. 146) ist nicht von Regenbogen selbst, son- Leitzmann, ebda S. 301-7. — Hss.: Puls dem erst ein Erzeugnis des 15. Jh.s. S. VIII-XVII. 4 Ausg.: E. v. Groote, Lieder Muskatbluts, 5 Groote Nr. 32 Str. 2 S. 90. — Aus du adels 1852; einzelne Lieder abgedr.: Hätzlerin bei knecht, na adelichen seden, na adels mut Lied Haltaus S. 76-111; v. d. Hagens Germ. 3, Nr. 44 V. 35. 53. 63. 74, Groote S. 110-12, 1832, 136 (s. Leitzmann, Beitr. 44, 302); kann man nicht schließen, der Dichter sei Bech, Ein Fragm. ausM., ZfdPh.8, 348; Sin- Edelknecht gewesen, adel bedeutet hier „Tu- ger, Eine Strophe aus M., Anz. 23, 115 f.- — . gendadel", edel durch Tugend (nicht von Ge- Abhandl.: Bartsch, ADB. 23, 99-101; Uh- burt), s. Vogt, D. Bedeutungswandel des land, Schriften 2, 363 f.; Gust. Schenk zu Wortes edel, 1909. Schweinsberg, ZfdA. 31, 287 (urkundl. ein 6 Alfr. Puls, Untersuchung üb. d. Lautlehre Konrad M. 1453-58); Uhl, ebda 39, 152 f. der Lieder M.s, Kieler Diss. 1881, dazu Be- (urkundl. ein Konrad M. 1437-38, Büchsen- haghel, Lbl. 1882, 97; Siegfried Junge, macher); v. Liliencron, Üb. d. Inhalt der Studien zu Leben u. Mundart des Meisterallgemeinen Bildg. aaO. S. 34 f.; A. Velt- singers M., Greifsw. Diss. 1932. mann, Die polit. Gedichte Muskatbluts, Bonn. MUSKATBLÜT 547 in Konstanz (Groote, Lied Nr. 78 S. 178, s. auch Nr. 70 S. 175. Nr. 92 S.240). Er hat über hundert Lieder verfaßt (100 sind Groote bekannt geworden). Sie zerfallen in drei Gruppen: 1. Geistliche Gedichte, bes. Marienlieder (53 Ged.). Hier breitet er seine scholastische Gelehrsamkeit aus in mystisch allegorischer Schrifterklärung (s. LG. 1, 178,2. Aufl. S. 185) mit echt meistersingerischen Spitzfindigkeiten. Nach einem Natureingang fährt er z.B. fort: der anger breit zu glichen ist dem waren er ist, got ist der mey genennet usw. (Groote Nr. 3), hier ist die Natur ein Symbol für die christliche Lehre; die zwölf Edelsteine werden gedeutet auf die 12 Apostel und zugleich auf Maria (Groote Nr. 8); die heiligen Personen werden verglichen mit einem Schiff auf dem wilden Meer (Groote Nr. 19). Bei solchen verstandesmäßigen Ausklügelungen kann sich kein frommes Gefühl entfalten, aber die Zeitgenossen bewunderten solchen scholastischen Tiefsinn. Immerhin sind auch manche dieser geistlichen Lieder von warmer persönlicher Empfindung eingegeben wie Nr. 18, wo er eine minnesingerische Naturfreude über die Sommerzeit und seine eigene trübe Stimmung kundgibt und nun klagt: allefreuden sint mir entwichen .. . geluck hat mich bedrogen, myn heubt daz ist mir worden gra, myn ruck hat sich gebogen usw. — 2. Geringer an Zahl (21) und kürzer sind die Liebeslieder. Die Technik der Blütezeit des Minnesangs im 13. Jahrhundert wirkt nach, namentlich in den Natureingängen, auch in dem Gebrauch einzelner Worte; am stärksten steht er unter dem Einfluß Frauenlobs. Muskatblüts Liebeslieder haben, der meistersingerischen Sinnesart entsprechend, viel didaktischen Gehalt, bringen allgemeine Betrachtungen über die Liebe und ihren hohen Wert. Doch mag auch persönliche Huldigung dabei sein, wenn auch freilich nicht entschieden werden kann, wie weit inneres Erleben mitspricht. Im ganzen wirken die Liebeslieder, auch in der Form, unhandlich und schwerfällig. Auch hier geht, wie sonst bei Muskatblüt, der volle Eindruck verloren, da wir die Melodien nicht kennen, die Töne und Weisen, die gerade beim Meistergesang so sehr mitsprechen. — 3. Die politischen und moralischen Lieder (bei Groote Nr.54-100) sind Sittenpredigten und geben sittliche Verhaltungsmaßregeln gegen Sünden im allgemeinen, Verdammung der Welt, Fürstenlehren und Rügen für Fürsten, Adel, Ritter und Knechte besonders wegen Unkeuschheit und Wucher; auch politische Ausführungen, wie die vom Konzil zu Konstanz und gegen die Hussiten. Diese satirischdidaktischen Gedichte sind Schilderungen aus dem wirklichen Leben und wichtig für die Kulturgeschichte der Zeit. Die Verse haben regelmäßige Abwechslung der Hebungen und Senkungen, mit den schwachen e ist dabei willkürlich verfahren. Zuweilen sind lateinische Verse eingestreut, besonders in den geistlichen Liedern. Muskatblüt nennt seinen Namen am Schluß. Seine Töne 1 waren beliebt und wurden in der Folgezeit oft wiederholt. Michael Beheim preist ihn, er habe mit Beifall vor Fürsten 1 Bartsch, Kolm. Hs. S. 185. 35* 548 Lyrische Dichtung und Herren gesungen, und beneidet ihn um sein Glück (Gedicht abgedr. bei Groote S. Vf.). Suchensinn Suchensinn 1 war ein wandernder Meistersänger, der für ein höfisches Publikum dichtete; urkundlich ist er nachgewiesen 1390 und 1392 am Hofe des Herzogs Albrecht II. von Bayern (1389-97). Seine Heimat war Bayern, nach seiner Sprache zu schließen. Seine Kunst ist einförmig, sie hat nur ein Thema und einen Ton (22 Lieder, in denen er seinen Namen angibt,meist am Schluß). Seine Lieder gelten der Verherrlichung des reinen Weibes und zwar der Ehefrau. Er redet nie von „Minne" im höfischen Sinne, sondern nur von Liebe; nur selten kommt das Wort „Minne" vor. Als Lob der Frau ist sein Thema im Sinne der Minnesinger, aber indem es ein Preis der Ehefrau ist, klingt es meistersingerisch, bürgerlich ehrbar. Bei den späteren Meistern stand er in gutem Ansehen. Stil, Vers- und Reimkunst sind mäßig. 2 Michael Beheim. Hans Folz u. a. Als Meistersinger sind hier noch folgende Poeten anzuführen, die schon früher als Dichter auf anderen Gebieten behandelt wurden: Heinrich von Mügeln (s. oben), Michael Beheim, Hans Folz. Michael Beheim 3 ist in der Auffassung und Art seiner Kunst den Meistersingern zuzurechnen, obgleich er den Stoffkreis weit über das Lied hinaus ausgedehnt hat. Sein Großvater war aus Böhmen nach Württemberg eingewandert, woher sein Name „Beheim". Geboren war er zu Sulzbach bei Weinsberg im Jahr 1416, war ursprünglich Weber von Beruf und kam mit etwa 23 Jahren in Hofdienste bei verschiedenen Herren, zuletzt zum Pfalzgrafen Friedrich I. Im Jahr 1472 in sein Heimatdorf zurückgekehrt, übernahm er daselbst das Schultheißenamt, wurde aber bald nachher erschlagen. Er war ein sehr fruchtbarer Schriftsteller, den größten Raum in seinem Werke nehmen seine 1 Ausg.: Emil Pflug, Suchensinn und seine Gesch. d. Stadt Wien III. Bd. I. Hälfte, 1907, Dichtungen (mit Lit. S. 1), 1908, dazu Euling, 72 ff.; J. Bleyer, M. Beheims Leben u. Werke DLz. 1910, 1944-46, Ehrismann, ZfdPh. 45, vom Standpunkte der ungarischen Geschichte, 307-9. — Abhandl.: Roethe, ADB. 37, 103 f.; Budapest (ungarisch, Abdruck aus Szäzadok), Ders., Reinm. S. 164; v. Liliencron, Histor. 1902, dazu A. Schullerus, Siebenbürg. Korr- Volkslieder 1 S. 291 Nr. 59 V. 455; Euling, bl. 25, 145-51; G. C. Conduratu, M. Beheims Stud. üb. Heinr. Kaufringer, 1900, 101-103. Ged. üb.d.Woiwoden Wlad. II. Drakul, Leipz. 122; Günth. Müller, Aufriß S. 44 f. — Hss.: Diss., Bukarest 1903; O. B. L. Vangensten, Pflug S. 5 f. 13-17; die echten Gedichte Su- M. Beheims Reise til Danmark og Norge i 1450, chensinns, Pflug S. 6-15. Videnskabs-selskabets skrifter 1908, Christia- 2 Sprache: Pflug S. 18-24; Stil S. 33-38; nia; G. Münzer, Das Singebuch des Adam Verskunst S. 25-32. Puschmann nebst den Originalmelodien des 3 Lit. üb. M. Beheim: Uhland, Schriften 2, M. Beheim u. H. Sachs, 1906; Hans Gille, 330^0. 368-71; Gervinus 2 5 , 411 ff., Th. G. Die historischen u. politischen Gedichte M. Be- v. Karajan, M. Beheim's Buch von den Wie- heims, Pal. 96, 1910; H. Oertel, M. Beham nern, 1887; Ders., Zehn Ged. M. Beheims z. von der statt Triest, I, Progr. Schweinfurt, Gesch. Österreichs u. Ungarns, Quellen u. 1916; Rich. Göth, D. Vokalismus von M. Forsch, z. vaterländ. Gesch., Litt. u. Kunst, Beheims Buch v. d. Wienern, Wien. Diss. 1929; 1849; J. Caspart, M. Beheims Lebensende, Horst Oppenheim, Stammlers Verfasserlex. Germ. 22, 114-20; Bobertag, Kürschners Dt. 1, 185-89, 2, 159 ff. — Hss. des Buches v. d. Nat.-Litt. Bd. 11, 276-386; Seemüller in Wienern: Karajan S. LXXVI-LXXXVI. Suchensinn. Michael Beheim. Hans Folz u.a. 549 beiden Chroniken ein. Mit Vorliebe flicht er persönliche Vorkommnisse ein, welche er gern aus seinen weiten Reisen (bis Schweden und Serbien) schöpft, auch hat er die Heidelberger Hss. 351 — geistliche Lieder —und 375 — Lieb- habung Gottes — selbst geschrieben (Bartschs Katalog S. 102 u. S. 113). 1 Michael Beheims Werke können nicht vom Standpunkt der Kunst aus beurteilt werden, er ist nur ein unpoetischer Vielschreiber. Seine Ausdrucksweise ist derb, volksmäßig, auch mit Volkswitzen gespickt. Auch von Verskunst kann man bei ihm nicht reden, seine Verse sind nur nach Silbenzählung gebaut mit sehr willkürlicher Behandlung des sprachlichen Materials. 2 Außerordentlich fruchtbar war Hans Folz 3 als Meistersänger. Der Inhalt seiner Meistergesänge ist zum größten Teil religiös, besonders in Marienliedern tut er sich hervor. Die Lieder mit weltlichem Stoff behandeln großenteils seine Ansicht über die Meistergesänge. Diese ist recht umstürzlerisch: 4 er tadelt, daß jeder Dichter nur die Töne der Zwölfe gebrauchen soll, während die andern verachtet sind, und doch hat es mancher besser gemacht (Nr. 90 S. 337-40). Daraus spricht viel Eitelkeit auf seine eigene Kunst (vgl. S. 339, 4, 113-19). 5 In der Formgebung ist er nicht spröde, mit den Reimen geht er gewaltsam um: einen klingenden Reim zu gewinnen, hängt er einfach ein e an und dgl. Über Balthasar Fridel und Fröschel v. Laidnitz s. Stammlers Verfasser- lex. 1, 678f. 773f.; Kunz Haas: Menhardt, ebda 2, 220-22. 3. DAS VOLKSLIED Lit. zu Volkslied des 14. 15. Jh.s Uhland, Alte hoch- u. niederdeutsche Volkslieder mit Abhandlungen u. Anmerkungen hgb. I. Bd. Liedersammlung 1844, II. Bd. Abhandlung 1845, 1 Meisterlieder (religiöse u. politische) Uh- a Alfred Kühn, Rhythmik u. Melodik Mi- land aaO.; v. d. Hagen, Sammlung f. ad. Litt, chel Beheims, 1907, dazu Dollmayr, Anz. 34, u. Kunst, 1812, 37 ff.; Mones Anz. 4, 1835, 66-70; Martin, Anz. 5, 224. — Koberstein, 448-51. 5, 1836, 51 f.; Holtzmann, Germ. 3, Grundr. I 6 , 306 Anm. 10. 327 f. (2 Meistergesänge); Ph. Wackernagel, 3 Lit. zu Meistergesängen des H. F. Ausg.: Kirchenlied 2, 666-89 (die geistl. Meister- Aug. L. Mayer, Meisterlieder des H. F. aus gesänge); R. v. Liliencron, Üb. d. Inhalt d. d. Münch. Originalhs. u. d. Weimarer Hs. hgb., allgem. Bild. aaO. S. 35 f.; F. Bleyer, Ein Dt. Texte des MA.s Bd. 12, 1908; Ders., Quel- Ged. M. Beheims üb. Wlad. II (1456-62), lenstud. zu H. F., ZfdA. 50, 314-28; Goedeke, Archiv f. siebenbürg. Landeskunde 32, 1903, Germ. 15, 197-201; Leitzmann, Zu Folzens 1-39, Nachtr. siebenbürg. Korrbl. 17, 1904, Meisterliedern, Beitr. 43, 266-75; Götze, 33-35; A. Schullerus, M. Beheims Ged. üb. Frühnhd. Leseb. 2 aaO. S. 31-33; R. Henss, Wlad. II. Drakul als hist. Quelle, ebda 27, Stud. zu H. F., 1932; Werner Hofmann, 49-59; G. C. Conduratu, M. Beheims Ged. Stilgeschichtl. Untersuchungen zu d. Meister- üb. d. Woiwoden Wlad. II. Drakul s. ob.; liedern des H. F., 1932. — Aufzählg. der Mei- Bolte, Zehn Meisterlieder M. Beheims, Prager stergesänge u. Töne des H. F.: Goedeke, dt. Stud. 8,401-21; Gille, Die histor. u. polit. Grundr. I 2 , 330. — 2 Hss. der Meisterlieder Gedichte aaO.; Paul Sparmberg, ZfdPh. 45, des H. F.: Mayer, Ausg. S. X-XXI. — Ge- 66-68 (1 Meisterlied); Hss. der Meisterlieder: samtlit. üb. H. F. s. seine Sprüche ob. Karajan, M. Beheims Buch v. d. Wienern 4 Goedeke, Germ. 15, 200; Stammler, Von S. LXXIff.; Bartsch, Katal. d. Hss. der der Mystik zum Barock, 1927, 218-21; Horst Univers.-Bibl. in Heidelberg Cod. pal. germ. Oppenheim, Stammlers Verfasserlex. 1, 628 312 (Bartsch S. 58-69), 334 (Bartsch S. 80), -36. 351 (Bartsch S. 102), 375 Von derLiebhabung 6 Aber es stand ja nicht einmal fest, welches Gottes (Bartsch S. 113), 382 (Bartsch S. 314), die 12 alten Meister waren, und nachgeahmt 386 (Priebsch, Dt. Hss. in England I S. 121-24. wurden auch die Töne solcher Sänger, die nicht 295-300; Horst Oppenheim aaO. S. 189). unter die Zwölfe gerechnet wurden. 550 Lyrische Dichtung Schriften Bd. III; I u. II 2. Ausg. 1881; neue (dritte) Ausg. von Herm. Fischer, 3 Bde. o. J. (1894); Sprenger, Zu Uhlands Volksliedern, Am Urquell 4,1893; Adolf Thoma, Uhlands Volksliedersammlung, 1929; Wilh. Heiske, Ludw. Uhlands Volkslieder, Pal. 167, 1929. — Jos. Görres, Altteutsche Volks- u. Meisterlieder aus d. Hss. d. Heidelbg. Bibl., 1817; Heinr. Pröhle, Weltliche u. geistl. Volkslieder u. Volksschauspiele, 2. Aufl. 1863; F. M. Böhme, Altdeutsches Liederb., Volkslieder der Deutschen nach Wort u. Weise aus d. 12. bis z. 17. Jh., 1877; L. Erk. Dt. Liederhort, Auswahl d. vorzüglichsten dt. Volkslieder nach Wort u. Weise aus d. Vorzeit u. Gegenwart gesammelt u. erläutert, nach Erk's hsl. Nachlasse neu bearbeitet u. fortgesetzt v. F. M. Böhme, 1. Bd. 1893, 2. u. 3. Bd. 1894; Erks Dt. Liederschatz, eine Auswahl usw. v. Max Friedländer, 1905; Reinh. Köhler, Aufsätze üb. Märchen u. Volkslieder aus seinem schriftlichen Nachlasse hgb. v. Joh. Bolte u. Erich Schmidt, 1894. — A. F. C. Vilmar, Handbüchlein für Freunde d. dt. Volksliedes, 2. Aufl. 1879, 3. Aufl. 1886; 0. Böckel, Handbuch d. dt. Volksliedes, zugleich 4. gänzl. neu bearbeitete Ausg. v. A. F. C. Vilmars Handbüchlein, 1908; Rud. Hildebrand, Materialien zur Gesch. d. dt. Volkslieds, 1900 (5. Ergänzungsheft zur ZfddtUnter- richt), hgb. v. G. Berlit; J. Sahr, Rud. Hildebrands Vorlesungen üb. d. dt. Volksl., ZfddtUnterr. 17, 1903, 565-73; John Meier, Pauls Grundr. II 2 , 1178-1219. — Arthur Kopp, Volks- u. Gesellschaftslieder des XV. u. XVI. Jh.s, I. Die Lieder der Heidelbg. Hs. Pal. 343, Dt. Texte d. MA.s Bd. V, 1905, dazu Leitzmann, Beitr. 40, 531-35. — J. W. Bruinier, D. dt. Volkslied, üb. Werden und Wesen d. dt. Volksgesanges, Aus Natur u. Geisteswelt 1899, 6. Aufl. 1921; Jul. Sahr, D. dt. Volkslied, Samml. Göschen 25, 1901; John Meier, Kunstlieder im Volksmunde, 1906; Ders., Kunstlied u. Volkslied in Deutschi. 1906; Ders., Volksliedstudien, 1917; F. Arnold, D. dt. Volkslied, 2 Bde, 3. Aufl. 1912; Alfr. Götze, Begriff u. Wesen des Volksliedes, GRM. 4, 1912, 74-95; Ders., Vom dt. Volkslied, 1921; Ders., D. dt. Volkslied, Wissensch. u. Bildg. 250, 1929; F. Kern, Dt. Volkslieder des MA.s, ausgewählt, 1922; U. Peters, D. Volkslied d. bürgert. MA.s, 1923; Paul Alpers, Die alten niederdt. Volkslieder, 1924; Herm. Schneider, Ursprung u. Alter d. dt. Volksballade, Festschr. Ehrismann, 1925, 112-24; Erich Seemann, Volkslied, in: Dt. Volkskunde hgb. v. John Meier, 1926; Stammler, Von der Mystik zum Barock, 1927, 234ff. 488f.; Günth. Müller, Walzels Handb. 1,17; Ders., Lied, Merker-Stammlers Reallex. 2,211 ff.; Reuschel, Volkslied, ebda 3, 486-92; Schwietering, Walzels Handbuch der Lit.wissensch.; Ders., D. Volksl. als Gemeinschaftslied, Euphorion 30, 1929, 226^14; Hans Naumann, Grundzüge der dt. Volkskunde, Wissensch. u. Bildg. 181, 1922, 18-32. 157; Ders., Primitive Gemeinschaftskultur, 1921, Reg. S. 195, bes. S. 4-7; Ders., Stud. üb. d. Bänkelgesang, Zs. d. Ver. f. Volkskde. 33, 1920/21, 1-21 u. Prim. Gemeinsch. S. 168-90; Ders., Dt. Volkslieder, 1921 (Auswahl); Ders., Volksballade, Reallex. 3, 476-81; H. Schneider, Ballade des MA.s, Sachwörterb. der Deutschkde. Bd. 1,1930; Paul Lew, Gesch. d. Begriffes Volkslied, 1911; P. Lew, La notion Volkslied, Rev. germ. 23,1932,1-12. — Wundt, Völkerpsychologie IL Mythus u. Religion I.Teil S. 310 (Gemeinschaftsdichtung); K. Bücher, Arbeit u. Rhythmus, 1896, 4. Aufl. 1900; O. Böckel, Psychologie d. Volksdichtg., 2. Aufl. 1913; Wechssler, Begriff u. Wesen des Volkslieds, 1913; R. Petsch, Volksdichtg. u. volkstüml. Denken, Hess. Blätter f. Volkskde. 2,1903,192 ff. — Lamprecht, Dt. Gesch. 4 2 , 1896, 298 ff.; Johannes Janssen, Gesch. d. dt. Volkes seit d. Ausgang des MA.s, 19. 20. Aufl. 1913,278-98; Kuno Francke, Die Kulturwerte der dt. Lit., l.Aufl. 1910, 208-22; Ehrismann, Gesch. d. dt. Lit. 1, erste Aufl. S. 23-25, zweite Aufl. S. 22-24 u. erste Aufl. S. 239^2; zweite Aufl. S. 239-42 (Tänzer v. Kölbigk); Limbufger Chronik s. ob.; v. d. Leyen, Volkstum u. Dichtung 1933, 121 ff. — Siehe diese LG. I, 65. 250. — Einzelne Lieder: Böckel, Der Bauer im deutschen Liede, Acta Germ. 1890; Klosterlieder: Uhland Nr. 326ff.; Nonnenlied: Bartsch, Gesammelte Vorträge u. Aufsätze, 1883, S. 375 f. 382; Bartsch, Liederdichter 3 S. 304 f.; Tagelied im Volkslied: Walth. de Gruyter, D. dt. Tagelied, Leipz. Diss. 1887 S.41 ff.; J. J. Baebler, Ein Tagelied, Germ. 33, 283-86; Helm, Alte Volksliedsbelege, Hess. Blatt, f. Volkskde. 14, 150-54; S. M. Prem, Ein Spottlied auf die Bauern aus d. 15. Jh., ZfdA. 41, 177-79. — Th. Hampe, Volkslied u. Kriegslied im alten Nürnberg, Mitteil, d. Ver. f. Gesch. d. Stadt Nürnb. 23, 1-54. 27, 251-78; Klapper, Schlesische Neujahrsliedchen aus d. 15. Jh., Mitteil. d. schles. Ges. f. Volkskde. 12, 215-18; Ders., Bettellied Breslauer Studen- Die Stoffkreise der Volkslieder 551 ten, ZfdPh. 47, 93 f.; Uhland, Rath der Nachtigall, Germ. 3, 129-46; Bartsch, Volkslieder des XV. Jh.s, ebda 27, 225-28; Wilh. Jürgensen, Martinslieder, Kiel. Diss. 1909; Ernst Rosenmüller, Das Volkslied: Es waren zwei Königskinder, Leipz. Diss. 1917, dazu Reuschel, Lbl. 1918, 356-58; Schröder, Das ist das Anderlant, Volkslied vom Niederrhein, 15. Jh., Gott. Nachr. 1927, 114 f.; F. W. E. Roth, Volkslieder, ZfdA. 26, 62 f.; F. P. Schmidt, Ein Volkslied aus d. 15. Jh., Beitr. 57, 298-300. — Form, Stil: Krejci, D. charakterist. Merkmal d. Volkspoesie, ZfVölkerpsychol. 19, 1889, 115-41; Graber, Das Sprunghafte im dt. Volkslied, Progr. Klagenfurt 1907; Karl Hoeber, Beiträge z. Kenntnis d. Sprachgebrauchs im Volksliede des XIV. u. XV. Jh.s, 1908; Alb. Daur, D. alte dt. Volkslied nach seinen festen Ausdrucksformen betrachtet, 1909; H. Wentzel, Symbolik im dt. Volksl., Marbg. Diss. 1915; Renata Dessauer, Das Zersingen, Beitr. z. Psychologie d. dt. Volksliedes, 1928;Cornelis Brouwer, D.Volkslied in Deutschland, Frankreich, Belgien u. Holland, Untersuchungen üb. d. Auffassung des Begriffes, üb. traditionelle Zeilen, die Zahlen- usw. Symbolik, Diss. Groningen 1930. — Metrik: G. Pohl, Der Strophenbau im dt. Volkslied, Pal. 12, 1921, dazu Götze, Anz. 41, 193. Das Volkslied ist ein Lied, 1 das im Gesang der Unterschicht eines Kulturvolks in längerer, gedächtnismäßiger Überlieferung eingebürgert ist, dessen individueller Urheber keine Rolle spielt und das gewisse stilistische Merkmale trägt. Dieser Stil ist gegenständlich, typisch formelhaft; gleiche Worte und Wendungen, Epitheta ornantia treten auf, statt Eigennamen allgemeine Apellativa: der Knabe, Geselle, Bürger, Reiter, Ritter, Graf, der Liebste, das Mägdlein, die Jungfrau, das Fräulein; Pflanzen: Rose, Lilie, Hasel, Baum, Bäumlein; Tiere: Nachtigall, Kuckuck. Der Gesamtausdruck der Sprache ist Einfachheit, ja Knappheit, so daß oft Zwischenglieder weggelassen sind, die Erzählung schreitet dann gleichsam auf den Höhenpunkten dahin und läßt die Niederungen unberücksichtigt. Da die Überlieferung meist bloß mündlich ist, so unterliegt sie schrittweise stark der Veränderung. Sie ist dem „Zersingen" unterworfen: Worte oder ganze Sätze werden nicht recht verstanden und zu ähnlich lautenden umgedeutet, auch werden ganze Strophen vergessen. — Die Metrik ist sehr einfach. Das Volkslied ist echte Gelegenheitsdichtung, hervorgegangen aus wirklichem Erleben, eine unmittelbare Auswirkung der Seele des Volkes. 2 Im Volkslied hat der der Zeit eigene naturwüchsig volksmäßige Zug seinen poetischen Ausdruck gefunden; das Volkslied ist nach der Mystik die bezeichnendste Offenbarung des deutschen Geistes und der deutschen Poesie im 14. 15. Jahrhundert. Die Stoffkreise der Volkslieder Inhalt, nach der Einteilung der fünf Bücher in Uhlands Volksliedern. 1. Buch: Sommer und Winter (Naturlieder, Tanzlieder, Abschiedslieder); Definition im Anschluß an Götze, D. dt. Handwerksbursch, der Liebende u. der Schlem- Volkslied S. 29. — Stil: Reuschel, Reallex. mer, sie singen von ihrem Sehnen u. Wünschen, 3, 489; Metrik, ebda S. 490 f. — Das Wort von den Schicksalen der Verfolgten u. der „Volkslied" stammt von Herder, Reuschel Raubritter, vom Sommer u. vom Winter, von S. 487. den Blümlein in der Aue u. schneebeschneiten 2 Das vielgestaltige Leben ist der Schauplatz Wegen, lustig u. wehmütig, sittsam u. leicht- dieser Lieder. Hier singt das ganze Volk, der fertig (Ehrismann, Deutschkundl. Bücherei, Edelmann u. der Bürger, der Student u. der 1925). Soldat, der Bergmann u. der Jäger u. der 552 Lyrische Dichtung 2. Buch: Fabellieder (Tierfabel, Bär, Wolf, Fuchs, Hase, Tierhochzeiten, Vögel [Kuckuck, Nachtigall]); 3. Buch: Wett- und Wunschlieder (Rätsellieder, Weidsprüche, unmögliche Dinge, Lügenlied, Klopfan, historische Volkslieder); 4. Buch: Liebeslieder; 5. Buch: Geistliche Lieder. Unter den Liedern des 3. Buches sind in der Liedersammlung S.329 ff. (= historische Volkslieder) untergebracht: das jüngere Hildebrandslied, die Raubritter Epple v. Geilingen (=v. Liliencron Hist. Volkslieder 1 Nr. 28), Schüttensam (v. Liliencron 2 Nr. 127), Fritsche (v. Liliencron 1 Nr. 66), Lindenschmid (v. Liliencron 2 Nr. 178). Im 5. Buch die Lieder der Dichterheldensage: Tannhauser, Moringer. Im 2. Buch: Ulinger, 1 Brennenberg. Das Traugemundslied (Uhland, Volkslieder als Nr. 1). 1 Uhland Nr. 74; Schröder, ZfdA. 67,288; Ülingerlied, Deutsch-Ungarische Heimatblät- Ella Triebnigg-Pirkhert, Das Teveler ter 1, 1930, 42-48. VI. DAS DRAMA BIS ZUM ANFANG DES 15. JAHRHUNDERTS Beim mhd. Schauspiel lassen sich zweiTypen unterscheiden: Das geistliche Schauspiel, das seinerseits wieder verschiedene Unterabteilungen hat: Antichristspiele; Passions- und Osterspiel; Weihnachts-, Propheten- und Dreikönigsspiel; Fronleichnamsspiel; Spiele über andere biblische Stoffe; Legendenspiele; Totentänze. Stoffe aus dem Alten Testament sind sehr selten. Das weltliche Schauspiel. Lit. im allgemeinen. Goedeke, Grundr. 2 , 319-25; W. Stammler, Merker-Stammlers Real- lex. 1, 218-39; A. Hübner, ebda 1,423; P. Merker, ebda 2,187 f.; E. Castle, ebda 2, 588-93 (Geistl. Drama des MA.s in Österreich); H. Knudsen, ebda 3,163; Ant. Dörrer, Stammlers Verfasserlex. 1,405-08; W. Bäumker, Theater, in Wetzer u. Weite Kirchenlex. 2. Aufl. 11, 1457-73; das mnd. Schauspiel s. unten. — Ausgaben: Hoffmann, Fundgruben 2,1837; Franz Jos. Mone, Altdeutsche Schauspiele 1841; Ders., Schauspiele des MA.s, 2 Bde. 1846; Phil. Wackernagel, Das dt. Kirchenlied 2, 341-76 Nr. 508-24; Karl Ferd. Kummer, Erlauer Spiele, sechs ad. Mysterien nach e. Hs. des XV. Jh.s z. ersten Male hgb. u. erläutert, 1882, dazu Bartsch, Germ. 28,103-07. Wackernell, ZfdPh. 15,364-76; Wilh. Cloetta, Beitr. z. LG. d. MA.s u. der Renaissance 1. Komödie u. Tragödie, 1890; Rich. Froning, Das Drama des Mittelalters, Kürschners Dt. Nat.-Litt. 14,1891, 3 Bde.; Rob. F. Arnold, Das dt. Drama, in Verbindg. mit Jul. Bab usw. hgb., 1931. — Geschichte des mittelalterl. Dramas: Wackernagel, Gesch. d. dt. Dramas bis z. Anfange des 17. Jh.s, Kl. Sehr. 2,69-145; K.Hase, D. geistl. Schauspiel, 1858; K. Weinhold, Üb. d. Komische im ad. Schauspiel, in Gosche, Jahrb. f. LG. 1, 1865,1^4; Heinr. Reidt, D. geistl. Schauspiel d. MA.s in Deutschland, 1868; Wilken, Gesch. der geistl. Spiele in Deutschi., 1872; Froning, Zur Gesch. u. Beurteilg. der geistl. Spiele d. MA.s, insonderheit der Passionsspiele, 1884; Johannes Bolte, Kleine Beiträge z. Gesch. des Dramas, ZfdA. 32, 1-24; Rich. Heinzel, Abhandlungen z. ad. Drama, Wien. SB. 134, 1896; Ders., Beschreibung des geistl. Schauspiels im dt. MA., 1898; Karl Lamprecht, Deutsche Gesch. 2. Aufl. Bd. 4, 1896, 300-03; Wilh. Meyer aus Speyer, Fragmenta Burana, Festschr. d. kgl. Gesellsch. d. Wissensch. zu Göttingen, 1901, darin S. 31-144 Zur Gesch. d. mittellatein. Schauspiele; H. Devrient, Gesch. der dt. Schauspielkunst, Neuausg. 2 Bde. 1905; Alex. Baumgartner, Gesch. der Weltliteratur IV, 3. u. 4. Aufl. 1905; Wilh. Creizenach, Zur Gesch. des neueren Dramas Bd. I Mittelalter u. Frührenaissance, 1893, 2. Aufl. 1911 (grundlegend); Max Herrmann, Forschungen zur Deutschen Theatergesch. des MA.s u. der Renaissance, 1914 (grundlegend); Jul. Petersen, D. dt. Nationaltheater, 1919 (wichtig für die Geschichte der dt. Bühne), Hans Naumann, Grundzüge der dt. Volkskunde, Wissenschaft u. Bildung, Nr. 181, 1922, 102-07. 113-18; Ders., Primitive Gemeinschaftskultur, 1921, 117-37; F. Klein, D. geistl. Drama d. MA.s, Köln. Diss. 1922, Masch.druck; Karl Holl, Gesch. des Lustspiels, 1923 (grundlegend). — Karl Meyer, D. geistl. Schauspiel d. MA.s, 1879 (populärer Vortrag); Maximilian J. Rudwin, A historical and bibliographical survey of the german religious drama, Pittsburgh 1924, dazu Schröder, Anz. 44, 72 f.; Wolfg. Stammler, Dt. Theatergeschichte, Deutschkundl. Bücherei 1925; Ders., D. religiöse Drama in dt. MA., ebda 1925, Günther Müller in Walzeis Handbuch S.30f.; Schwietering, ebda S. 36-51; Günth. Müller, Geistl. Drama, Aufriß der dt. LG. von Korff u. Linden S. 48 f.; Gust. Rosenhagen, Der Geist d. dt. MA.s in seinem Schrifttum u. seiner Dichtung, 1929, 188-211 u. Lit. S. 283 f.; H. F. Muller, Pre-history of the mediaeval drama, the antescendents of the tropes and the conditions of their appearence, ZfromPhil. 1925, 544-75; Karl Young, The Drama of the Mediaeval Church, 2 Bde. Oxford, London 1933. — Ursprung des (geistl.) Schauspiels: Stammler, Gesch. d. nd. Dichtung S. 65 ff.; Schwietering, Üb. d. liturgischen Ursprung des mittelalterl. geistl. Spiels, ZfdA. 62,1-20; Hennig Brinkmann, Zum Ursprung des liturgischen Spieles, 1929 (SA. aus Xenia Bonnensia); Ders., Die Eigenform d. mittelalterl. Dramas in Deutschland, GRM. 18,1930, 16-37. 81-98; Ders., Anfänge des modernen Dramas in Deutschi., 1933; Alfons 554 Das Drama bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts Brinkmann, Liturgische u. volkstümliche Formen im geistlichen Spiel des deutschen MA.s, 1932, dazu L. Wolff, Ang. 52, 42 f.; v. d. Leyen, Volkstum u. Dichtung, 1933, 142 ff. — Abhandlungen nach Landschaften (dazu ist auch unten bei den einzelnen Spielen nachzusehen). Schlesien (Weinhold, Vogt s. unten); Jos. Klapper, D. mittelalterl. Volksschauspiel in Schlesien, Mitt. d. Ver. f. Volkskunde Schles. 29, 1928, 168-216; Aug. Hartmann, Volksschauspiele, in Bayern u. Österreich-Ungarn gesammelt, 1880; J. Zeidler, D. Wiener Schauspiel im MA., Gesch. d. Stadt Wien III, I, 88-92; Castle, Österreich. Lit., Geistl. Drama, in Merker-Stammlers Reallex. 2, 588 ff. (mit Lit.); H. Gradl, Dt. Volksaufführungen, Beitr. aus d. Egerlande zur Gesch. d. Spiels u. Theaters, Mitteil. d. Ver. f. Gesch. d. Deutschen in Böhmen 33, 1895, 121-53. 217-42. 315-36; Pichler, Üb. d. Drama d. MA.s in Tirol, 1850; Osw. Zingerle, Sterzinger Spiele, 1886; J. E. Wackernell, Die ältesten Passionsspiele in Tirol, 1887; Ders., Ad. Passionsspiele aus Tirol (Ausg.), 1897; K. Fischnaler, Die Volksschauspiele zu Sterzing im 15. u. 16. Jh., Zs. d. Ferdinandeums für Tirol 3. Folge 38, 1894, 353-82. Weitere Lit. üb. das Drama in Tirol: Ant. Dörrer, Stammlers Verf.lex. 1, 408; Ders., Malterliche Mysterienspiele in Tirol, Arch. 164 H.3/6, 1933; Schröer, Dt. Weihnachtsspiele aus Ungarn, 1859; Eug. Abel, Das Schauspielwesen zu Bartfeld im 15. u. 16. Jh., Ungarische Revue 4, 1884, H. 10,649-75; Baechtold, Gesch. d. dt. Lit. in d. Schweiz, 1892, 204-11 u. Anm. S. 57 u. Reg. S. 230; Singer, Die mittelalterl. Lit. der dt. Schweiz, 1930, 44-54; E. Weller, D. alte Volks-Theater in d. Schweiz, 1863 u. Germ. 25, 361-64; O. Eberle, Theatergeschichte der inneren Schweiz im MA. u. z. Z. des Barocks 1200-1800, 1929. — Stil. Erwin W. Roessler, The Soliloquy in German drama, New York 1915, dazu Petsch, Anz. 41, 98; P. E. Kretzmann, The litur- gical element in the earliest forms of the mediaeval drama usw., Minneapolis, 1916; H. Naumann, Gesch. der dt. Literatursprachen, Deutschkundl. Bücherei 1926 S. 20, s. auch Ders. in Merker-Stammler, Reallex. 2, 273; Heinr. Albert, Der Stilcharakter des mittelalterl. Dramas, Münch. Diss. 1927; Walther Müller, Der schauspielerische Stil im Passionsspiel d. MA.s, 1927; Ludw. Wolff, Die Verschmelzung des Dargestellten mit der Gegenwartswirklichkeit im geistl. Drama d. dt. MA.s, Dt. Vjschr. 7,1929, 67-304; Hennig Brinkmann, Die Eigenform d. mittelalterl. Dramas in Deutschi. I. IL, GRM. 18,1930, 16-37. 81-98; Rud. Gries- hammer, Sprachgestaltende Kräfte im geistl. Schauspiel d. MA.s, 1930; Herm. Gumbel, D. Verweltlichung des dt. geistl. Dialogs im 14. Jh., Dt. Vjschr. 8, 1930, 481 ff.; Alfons Brinkmann, Liturgische u. volkstümliche Formen im geistl. Spiel des dt. MA.s, 1932, dazu Götze Lbl. 1934, 16 f. — Wilh. Arndt, Die Personennamen der dt. Schauspiele d. MA.s, Germ. Abh.23, 1904. — Szenen. Holl, Gesch. d. dt. Lustspiels aaO. S. 4-37. — B. Venzmer, Die Chöre im geistl. Drama d. dt. MA.s, Rostock. Diss. 1897; J. Ilg, Gesänge u. mimische Darstellungen nach d. dt. Konzilien d. MA.s, Progr. Urfahr 1906; F. Hammes, D. Zwischenspiel im dt. Drama von seinen Anfängen bis z. Auftreten der englischen Komödianten, Heidelb. Diss. 1910; W. Lohmeyer, Die Massenszenen im älteren dt. Drama, Heidelberg. Diss. 1912; Otto Koischwitz, Der Theaterherold im dt. Schauspiel d. MA.s u. der Reformationszeit, 1926; Osk. Sengspiel, Die Bedeutung der Prozessionen für d. geistl. Spiel d. MA.s in Deutschi., Germ. Abh. H. 66, 1932, dazu L. Wolff, Anz. 52, 40^2; Dörrer, DLz. 1934, 301-8; Stumpfl, Lbl. 1934, 159-62. — Bühne, Theatereinrichtung. Mone, Schauspiele d. MA.s 2, 156; Creizenach I 2 , 167 (Situationspläne); Leibing, Die Inszenierung des 2tägigen Oster- spiels usw., 1869 (zu Luzern 1585); Ludw. Traube, Zur Entwicklung der Mysterienbühne, Schauspiel u. Bühne, 1888, 66 ff.; Ders., Vorlesungen u. Abhandl. hgb. v. Franz Boll, 3. Bd., Kl. Sehr. hgb. v. S. Brandt, 1920, darin Zur Entwicklung der Mysterienbühne; A. Glock, Zur Mysterienbühne, Analecta germanica H. Paul dargebracht, 1906, S. 1-18; F. Michael, Deutsches Theater, 1923; Hans Rueff, D. rhein. Osterspiel der Berl. Hs. usw. (s. unten), 1925, 42-48; Stammler, Dt. Theatergesch., 1925; H.Maschek, D. Christusgestalt im Drama d. dt. MA.s, Wien. Diss. 1930.— Könnecke, Bilderatlas 1 S.55. — Drama, bildende Kunst und Musik. Paul Weber, Geistl. Schauspiel u. kirchl. Kunst in ihrem Verhältnis erläutert an e. Ikonographie der Kirche u. Synagoge, 1894; K. Tscheuschner, Die dt. Passionsbühne u. die dt. Malerei des 15. u. 16. Jh.s in ihren Wechselbeziehungen, Rep. f. Kunstwissensch. 27,1903,289 ff. Ludus DE Antichristo 555 430 ff. 28,1904, 35 ff.; Creizenach, Gesch. aaO. I*; 214 ff.; J. Gregor, Theater d. MA.s, seine Wirkungen in der Graphik, Miniatur u. im Tafelbilde, 1929 (27 Tafeln, 150 M.); Alfred Rohde, Passionsbild u. Passionsbühne, Wechselbeziehungen zwischen Malerei u. Dichtung im ausgehenden MA., 1926; R. Bischoff, Regensburger Beiträge zur mittelalterl. Dramatik u. Ikonographie, Histor. Vjschr. 27, 3, 1932; Lit. üb. d. Verhältn. zw. Theater u. bild. Kunst im MA.: R. Stumpfl, ZfdPh. 55, 245^17; Ders., Schauspielmasken d. MA.s u. der Renaiss. u. ihr Fortleben im Volksschauspiel, N. Arch. f. Theatergesch. 2, 1930, 1-77; Alfr. Orel, Die Weisen im Wiener Passionsspiel aus d. 13. Jh., Mitt. d. Ver. f. Gesch. d. Stadt Wien 6, 1927, 72-95. — Drama und Theologie. Georges Duriez, La theologie dans le drame religieus en Alle- magne au m. -äge und Les apocryphes dans le drame rel. en Allemagne au m. -äge, Lille 1914, dazu Helm, ZfdPh. 49, 260-62; Jos. Max Rudwin, Zum Verhältnis d. religiösen Dramas zur Liturgie der Kirche, Mod. Lang. Notes 29. April 1914; Burdach, Die Wirkungen der syrischen, byzantinischen wie der römischen Liturgie auf die Gralsage u. das geistl. Schauspiel, Vorspiel I, 2, 1925. 1. ANTICHRISTSPIELE Ludus de Antichristo I. Zeitlich steht am Anfang der langen Reihe geistlicher Spiele in Deutschland der Ludus de Antichristo. 1 Das eschatologische Drama vom Ende des Römischen Kaisertums deutscher Nation, von der Erscheinung und vom Tode des Antichrists und vom Triumph der Kirche hat eine hervorragende Bedeutung, denn es ist aus der damaligen religiösen und politischen Der Ludus de Antichristo u. üb. die lat. Rhythmen, Ges. Abhandl. zur mittellat. Rhythmik Bd. I, 136-339; Baumgartner aaO. S. 434 -37; Creizenach, S. 72-78. 122 f.; S. Aschner, Zum Ludus de Antichristo, Münch. Mus. I, 1912, 355-62; Eduard Ad. F. Michaelis, Zum Lud. de Ant., ZfdA. 54, 61-87; Ferd. Vetter, D. Tegernseer Spiel vom Deutschen Kaisertum u. vom Antichr., Münch. Mus. 2, 1814, 279-333; Ernst Bernheim, Mittelalterl. Zeitanschauungen in ihrem Einfluß auf Politik und Geschichtsschreibung I, 1918, 70-97; Roethe, Vom Altertum zur Gegenwart, 1919, 152-73, 2. Aufl. 1921, 178-200; Stammler in Merker-Stammler Reallex. 1, 227; Gottfried Hasenkamp, Das Spiel vom Antichr., 2. Aufl. 1932; Karl Schultze-Jahde, Zur Literatur üb. d. Tegernseer Antichristspiel, ZfdPh. 57, 180 ff.; Ders., Zum Tegernseer Antichristspiel, ZfDtschkde 1932 H. 2; C. Erdmann, Endkaiserglaube und Kreuzzugsgedanke im II. Jh., ZfKirchengesch. 51, 1933, H. 3 u. 4; W. Kamloh, Der Ludus de Antichristo, Hist. Vjschr. 28, 1933, 1. Gerhoch v. Reichersberg, der streitbare Vorsteher der Domschule in Augsburg, später Propst des Klosters Reichersberg (lebte 1093-1167), schroff gegen jede Verweltlichung der Kirche, schrieb eine Abhandlung De investigatione Antichristi, in weicher er auch über Schauspiele in der Kirche handelte, sowie über Schüleraufführungen, Baumgartner S.432. — Ein deutsches Gedicht von dem Antichrist vom Anfang d. 14. Jh.s hgb. Haupt, ZfdA. 6, 369-86. 1 Ausg.: Gerhard von Zezschwitz, Vom römischen Kaisertum deutscher Nation, ein mittelalterl. Drama, nebst Untersuchungen über die byzantinischen Quellen der deutschen Kaisersage, 1877; Ders., Das Drama vom Ende des römischen Kaisertums und von der Erscheinung des Antichrists, nach e. Tegernseer Hs. des 12. Jh.s in deutscher Übersetzung mit Einleitung, 1878; Ders., Das mittelalterl. Drama v. Ende d. röm. Kaisertums deutscher Nation u. v. d. Erschein, d. Antichrists nach e. Tegerns. Hs. d. 12. Jh.s nebst deutscher Übersetz, u. Einleit., wohlfeile Ausg., 1880; Wilh. Meyer, Gesammelte Abhandl. zur mittelalterl. Rhythmik I, 1905, 136-70 (aus Münch. SB. 1882, I, 1 ff.); Froning S. 199-224; Fr.Wilhelm, Münch. Texte 1, 1912, 2. Aufl. 1930; L. Beninghoff, Ludus de Antichristo, Das Spiel vom Kaiserreich u. vom Antichrist, der lat. Urtext u. d. dt. Übertragung, 1922; Übersetzung: J. Wedde, 1878. — Abhandl.: Wackernagel, Kl Sehr. 2,78 f.; G. v. Zezsch- witz, Der Kaisertraum d. MA.s in seinen religiösen Motiven, Vortrag 1877; Scherer, Zum Tegernseer Antichristspiel, ZfdA. 24, 450-55; Wilh. Meyer, Carmina Burana S. 58; Raab, Progr. Leoben 1885 S. 12; Paul Weber, Geistl. Schauspiel u. kirchl. Kunst aaO.; Franz Kampers, Kaiserprophetien u. Kaisersagen im MA., 1895; Ders., Das Lichtland der Seelen u. der heil. Gral, 1916 (bes. S. 101 f.); Ders., Aus der Genesis der abendländ. Kaiseridee, Mitteil. d. Schles. Ges. f. Volkskunde 17 H. 2, 1917; Piper, Spielmannsdichtung (bei Kürschner, 1896) II, 319-23; Wilh. Meyer, 556 Das Drama bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts Weltlage, der Zeit Kaiser Friedrichs I., hervorgegangen. Dazu ist dieses lateinische, gesangsweise vorgetragene Drama in sehr gewandter Sprache abgefaßt. Die Sage bildete sich in der griechischen Kirche, 1 wahrscheinlich schon vor dem 8. Jahrhundert, gelangte bald ins Abendland und wurde von Adso von Toul 2 vor 954 in seinem Libellus de Antichristo lateinisch bearbeitet. Dieser Traktat des Adso wurde von einem Priester Albuinus (Alboin) am Anfang des 11. Jahrhunderts ausgeschrieben. 3 Adso berichtet die Geschichte des Antichrists: Sein Geburtsort ist Babylon, bei seiner Empfängnis fährt der Teufel in den Leib der Mutter. Er werde erscheinen, wenn alle Reiche der Welt vom römischen Reich abgefallen sein werden. Das Ende des römischen Reiches und der Christenheit werde eintreten, wenn der größte und letzte aller Könige nach Jerusalem kommen und Zepter und Krone auf dem ölberg niederlegen werde. Darauf wird der Antichrist erscheinen. Nachdem er dreieinhalb Jahre geherrscht, werde er auf seinem Throne von Gott getötet. Adsos Traktat ist die Quelle für unser Drama, 4 das nach der Hs. (12./13. Jahrhundert, in München befindlich und aus der Klosterbibliothek in Tegern- see stammend) auch Tegernseer Antichrist genannt wird. Dem Spiel voraus geht eine Bühnenanweisung, die Szenerie betreffend: Schauplatz ist der Tempel von Jerusalem, zu dessen Seite nach den vier Himmelsrichtungen die Sitze der Könige. Die Handlung zerfällt in zwei Hauptakte mit mehreren Auftritten. Der erste Akt enthält, in sich abgeschlossen, die Vereinigung der Christenheit und deren Sieg über die Heiden: der römische Kaiser läßt durch Gesandte die Könige von Frankreich, Griechenland und Jerusalem zum Kampf gegen die Heiden auffordern; der König von Frankreich gehorcht erst, nachdem er besiegt ist und sich unterworfen hat. In dem mit der Heidenschaft, dem König von Babylon, geführten Kampf wird dieser besiegt. Der Kaiser legt Zepter und Krone auf dem Altar des Tempels nieder. Der zweite Teil gehört dem Antichrist an. Hoffärtig tritt er auf, begleitet von der Heuchelei (Hypocrisis) und Ketzerei (Haeresis). Er gibt sich für den Heiland aus und gewinnt bald die Heiden und Juden, auch die Christen, zuletzt die Deutschen, für sich. Enoch und Elias treten auf und zeigen den Juden (d.h. der Synagoge) den Betrug des Antichrists; dieser läßt sie zur Schlachtbank abführen. Dreieinhalb Jahre herrscht der Antichrist über die Völker der Welt, aber als er sich die Kaiserkrone aufs Haupt setzen will, bricht über ihm ein Donnerschlag los, und er stürzt zusammen. Das letzte Wort hat die Kirche (Ecclesia), und alle kehren wieder zum Glau- 1 Der Keim zum Antichrist liegt in Apokal. d. MA.s 2. Teil, 1923, 432-42, sein Werk üb. 11, 7: bestia, quae ascendit de abysso . .., s. den Antichrist S. 432. Müllenhoff u. Scherer, Denkmäler Bd. I 3 , 3 Manitius S.440 u. Reg. S. 828. — Alb- 1892, Muspilli V.37 ff., Bd. 2 3 ,37; und in dem winus hgb. Floss, ZfdA. 10, 265-70. 2.BriefPauliandieThessalonicherKap.2,8-10. 4 Wilh. Meyer, Ges. Abhandl. aaO. S. 137ff. 2 Adso s. Max Manitius, Gesch. d. lat. Lit. Des Entkrist Vasnacht 557 ben zurück. - Im ersten Akt ist der Kaiser der Mittelpunkt, im zweiten der Antichrist, dort die Demut, hier die Hoffart; die Haupttugend und das Hauptlaster stehen einander gegenüber. Bei der Person des Kaisers hat dem Dichter Friedrich I. vorgeschwebt, ihm gilt seine Verehrung. Um 1160 wird das Drama verfaßt worden sein. Großes Gewicht hat der Dichter den rhythmischen Formen beigelegt. 1 Sie sind verschiedenartig. Strophen von 13 Silbern herrschen vor, doch finden sich auch solche von kürzeren Zeilen. Dadurch besteht eine gewisse Mannigfaltigkeit im rhythmischen Stil bzw. der Musik. Viel Sorgfalt ist auf die Reime verwendet. So trägt auch die Form dazu bei, das Gedicht zu einer der hervorragendsten dramatischen Schöpfungen des Mittelalters zu machen. Des Entkrist Vasnacht Angereiht sei hier ein späteres Antichristspiel, ein Fastnachtspiel: Des Entkrist Vasnacht 2 aus dem 15. Jahrhundert. Es ist eine politische Satire, deren Anspielungen die Vorlage in die Zeit Kaiser Karls IV. weisen und zwar in das Jahr 1350 (1349). Den Kern des Vorgangs bildet die Auferweckung von Karls IV. Vater, dem König von Böhmen, durch die Beschwörung des Antichrist. Als Lohn verspricht dieser dem Kaiser, wenn er sich ihm ergibt, Jerusalem und das Ungerlant und das kunikreich von Salem, und was sein Herz begehrt (S.599, 1 ff.). Verfaßt wurde dieses Fastnachtspiel wohl in der Schweiz (S. 602, 34. 603, 27). Es ist anzunehmen, daß es zur Vorlage ein ernstes Antichristspiel aus der Zeit Karls IV. hatte. 2. DIE PASSIONS- UND OSTERSPIELE Lit. Gustav Milchsack, Die Oster-u. Passionsspiele, literar.-historische Untersuchungen üb. d. Ursprung u. d. Entwicklung derselben bis z. 17. Jh. nebst Abdruck des Künzelsauer Fronleichnamsspieles I. Die lat. Osterfeiern, 1880, dazu Schönbach, Anz. 6, 301-13, Lehfeld, ZfdPh. 13,487-91 (Milchsack auch Leipz. Diss. 1879); J. E. Wackernell, Üb. d. ältesten Passionsspiele in Tirol, 1887, dazu Bolte, DLz. 1887, 181 f.; Ausfeld, Cbl. 1887, 821; Wackernell, Ad Passionsspiele aus Tirol (Ausgabe derselben), 1897; Ders., Die ad. Passionsspiele in Tirol, Vortrag 1894; Ders., Eine Hs. der ad. Passionsspiele in Tirol, Arch. 112, 130-32; L. Wirth, Die Oster- u. Passionsspiele bis z. 16. Jh., 1889; M. Wilmotte, Les Passions allemandes du Rhin dans leur rapport avec l'ancien theatre francais, Paris 1898, dazu Vogt, GgA. 1900 Nr. 1; Fro- ning, 6 lat. Osterfeiern S. 13-20, die Osterspiele S. 21^5, die Passionsspiele S. 245-77; Klimke, D. volkstüml. Paradiesspiel, 1902, pass.; E. L. Stahl, Das ad. Osterspiel, Bühne u. Welt 15, 2, 1913, S. 19-27; Wilh. Meyer, Fragmenta Burana aaO. S. 49-144; Burdach, Vorspiel I, 1, 188 -205; Stammler, Das religiöse Drama aaO. S. 14-19.-27-37; Ders., Merker-Stammler Reallex. 1, 230-35; Schwietering, Walzeis Handbuch der Lit.-Wissensch. S. 36 ff.; Phil. Huppert, Mittelalter!. Osterfeiern u. Osterspiele in Deutschi., 1929; Otto Schüttpelz, Der Wettlauf der Apostel u. die Erscheinungen des Peregrinispiels im geistl. Spiel d. MA.s, Germ. Abh. 63, 1930, dazu Schröder, Theol. Lit.-Zeit. 56, Juni 1931; Helmut Niedner, Die deutschen u. franz. Osterspiele bis z. 15. Jh. mit e. Vorwort von H. H. Borcherdt, 1932, dazu Piquet, Rev. germ. 24, 1933, 1 Wilh. Meyer, Ges. Abh. 1, 170-338, für deutschen Fastnachtspiele, QF. 77, 1896, 79 den Ludus de Ant. S. 334-38. -83; Creizenach S. 123 f.; Singer, Die mittel- 2 Hgb. Keller, Fastnachtspiele Nr. 68 II, alterl. Lit. der dt. Schweiz S. 53 f. 573-608. — Victor Michels, Üb. die ältesten 558 Das Drama bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts 155-57. — Carl Lange, Die lat. Osterfeiem, Untersuch, üb. d. Ursprung u. d. Entwicklung der Iiturg.-dramat. Auferstehungsfeier, 1887, dazu Schröder, Anz. 14, 85-88; s. auch Lange, Die lat. Osterfeiem, Progr. Halberstadt 1881; Ders., Ungedruckte lat. Osterfeiem, ZfdA. 28, 119-29; Neil C. Brooks, Osterfeiem aus Bamberger u. Wolfenbüttler Hss., ZfdA. 55, 52-61; Jos. Klapper, D. Ursprung der lat. Osterfeiem, ZfdPh. 50, 46-58; K. Young, The home of the Easter play, Speculum 1926/27, 71-87; Kummer, Eine lat. Osterfeier, ZfdA. 25, 251 f. Aus dem Gottesdienst ist das mittelalterliche Drama hervorgegangen, es war ein geistliches Schauspiel; das weltliche Spiel ist erst in der Folge aufgekommen. Die Liturgie des Charfreitagmorgens besaß schon die Grundforderungen eines „Dramas": bewegte Handlung und auftretende Personen. Das Kreuz wurde in feierlicher Prozession neben dem Altar aufgestellt und nach dem Gottesdienst in Leinen gehüllt an einem Ort neben dem Altar niedergelegt, der symbolisch das Heilige Grab bezeichnete. Dort blieb das Kreuz bis nach der Matutin. Während des Gottesdienstes läßt sich ein Geistlicher, weiß gekleidet und einen Palmzweig in Händen haltend, neben der Grabstelle nieder, er bedeutet den Engel, der an der rechten Seite von Christi Grab saß; drei andere Geistliche in Kapuzen gehüllt kommen langsam heran, als ob sie etwas suchten: sie stellen die drei galiläischen Frauen dar (Ev. Marci 16, 1), die visitatio sepulcri. Im Kloster St. Gallen wurde am Anfang des 10. Jahrhunderts der wahrscheinlich von Tuotilo, einem Schüler des Notker Balbulus, verfaßte Tropus (d. i. ein aus biblischen Worten zum Wechselgesang, Antiphon, zusammengesetzter Text) gesungen: „Quem quaeritis in sepulchro, o Christicolae ? Jesum Nazarenum crucifixum, o Coelicolae. Non est hie, surrexit, sicut praedixerat; Ite, nuntiate, quia surrexit de sepulchro." In dieser gottesdienstlichen Zeremonie ist die biblische Erzählung der Evangelien in eine dramatische Handlung aufgelöst. 1 Dies ist der Kern des lateinischen Osterspiels. 2 Dieser erfuhr dann fortschreitend Erweiterungen, zuerst durch die Einfügung der in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts vom Kaplan Wipo gedichteten Oster-Sequenz „Victimae paschali", das Auftreten der Maria Magdalena, die den Jüngern Petrus und Johannes meldet, daß Christus auferstanden sei (tulerunt dominum de monumento et neseimus, ubi posuerunt eum) und den darauf folgenden Wettlauf der beiden Jünger zum Grabe (Ev. Joh.Kap. 20, 1 ff.). Dazu kam weiterhin die Szene, wie Christus der weinend vor dem leeren Grabe sitzenden Maria Magdalena erscheint, die ihn für den Gärtner hält, die Erscheinungsszene. Der Wettlauf der Jünger, besonders aber der realistische Auftritt mit dem Salbenkrämer (Mercator) und dem Knecht Rubin und noch mehr die zur Höllenfahrt gehörenden Teufel bekamen später leicht einen Zug ins Komische. Mysterien wurden zunächst solche geistlichen Spiele genannt, in welchen Kreuzigung, Begräbnis und Auferstehung des Heilands dargestellt wurden, 1 Creizenach S. 43 ff.; Wilh. Meyer, Frag- 2 Froning, 6 lat. Osterfeiem S. 13-20; H. menta Burana S. 34 ff.; Baumgartner IV, Pfeiffer, Über Klostemeuburger Osterfeier 423 ff.; Schwietering, Walzeis Handb. (13. Jh.) und Osterspiel, Jahrb. des Stiftes S. 36 f.; Ders., ZfdA. 62, 1-20; Rosenhagen, Klosterneuburg I, 1908. Geist d. dt. MA.s 188 ff. Die Benediktbeurer Spiele 559 also die Passions- und Osterspiele. Drei Perioden dieser Gattung lassen sich unterscheiden • Anfänge im 13. Jahrhundert, Ausbildung im 14. Jahrhundert, Blütezeit von 1400-1515; dann folgt der Verfall. Zuerst, als das geistliche Drama noch in Verbindung mit der Liturgie stand, war die Kirche der gegebene Raum, als aber die Aufführungen umfangreicher wurden, fanden sie im Freien statt, auf einem Platz vor der Kirche oder, besonders die der weltlichen Spiele im späteren 14. und im 15. Jahrhundert, auf dem Markt oder sonst einem größeren Platze der Stadt. Auch die Zeitdauer wurde verlängert, etwa auf zwei Spieltage und sogar noch mehr. Spieler waren nur Männer, anfangs Geistliche, dann in den von der Kirche losgelösten Spielen auch Laien. Im 15. Jahrhundert war das Bedürfnis für einen umfassenden Bühnenplatz notwendig geworden, denn die Szenen waren nun sehr angewachsen und erweitert ; die Auseinandersetzungen wurden umständlich geführt, die Darsteller bedeutend vermehrt, so daß z.B. bei dem Frankfurter Passionsspiel im Jahre 1489 280 Spieler beteiligt waren. Aber der ganze Gehalt dieser Massenaufführungen war künstlerisch heruntergesunken, die Auffassung war roher und derber, die Schmerzensszenen waren bis ins einzelne ausgemalt und ins Gräßliche verzerrt. Es gab Vorschriften für die Bühneneinrichtungen und für das Verhalten der Spieler. Natürlich veranlaßte der gleiche Stoff an sich schon Übereinstimmungen in verschiedenen Spielen, aber manche waren auch tatsächlich abhängig voneinander. Die Bühne war ein hölzernes Gerüst nicht hoch über dem Boden; darum herum saßen oder standen die Zuschauer, das Publikum; die Spieler hatten jeder seinen bestimmten Platz (Stand), von dem aus sie vortraten, wenn es ihre Rolle erforderte. Die Plätze bedeuteten ihre Wohnungen und Aufenthalte und waren als solche kenntlich gemacht durch Inschriften oder durch Gegenstände, die darauf Bezug hatten. Am Beginn der Aufführung schritten die Spieler in einer „Prozessio" auf die Bühne. 1 Der chronologischen Folge entsprechend sollen hier die zwei geistlichen Spiele der Benediktbeurer Hs. (Carmina Burana, s. oben vor der Mitte des 13. Jahrhunderts zusammengestellt) vor den andern Weihnachts- und Osterspielen vorweggenommen werden. Die Benediktbeurer Spiele Das Benediktbeurer Weihnachtsspiel 2 (Ludus scenicus de nativi- tate Domini) ist durchgängig in lateinischer Sprache abgefaßt, in Versen, deren rhythmischer Bau von der Vagantentechnik beeinflußt ist; die Verse 1 Spielpläne: Alsfelder Plan, Froning I, 2 Hgb. Schmeller, Carmina Burana 2 , 1883, 265 ff.; Donaueschinger Bühnenplan, Nach- 80-95; Froning S. 875-901. — Weinhold, bildung bei Froning S. 276, Könnecke, Bil- Weihnachts-Spiele u. Lieder, 1875, 66-70; deratlas S. 80; Inszenierung des Luzerner Creizenach, S. 90 ff. 96. 204. 224; Wilh. OsterspielsvomJ. 1583: Vogt u.Koch, Gesch. Meyer, Fragmenta Burana S. 31 ff.; H. d. dt. Lit. I 4 , 270. —Dirigierrollen: Die Frank- Brinkmann, Neophilologus IX, 216; Baum- furter Dirigierrolle: Froning S. 325-74; gartner S.430f.; Stammler, D. religiöse Creizenach S. 224 f.; Friedberger Ordnungs- Drama S. 13 f. buch: Weigand, ZfdA. 7, 545. 560 Das Drama bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts sind meist Vierheber, die in jeder zweiten Zeile gereimt sind. Der Grundgedanke des Spiels ist der: die Wahrheit des Christentums gegenüber der Torheit des Judentums und des Heidentums. So geht ein polemischer Zug durch das Ganze. Das Drama zerfällt in folgende Auftritte: 1. Den Eingang bildet, gleichsam als Vorspiel, ein Prophetenspiel, in welchem als Verkündiger Christi, des Sohnes der Jungfrau, auftreten: Jesaias, Daniel, Sibylla, Aaron mit dem blühenden Stab, Balaam auf einer Eselin sitzend, Augustinus; ihnen gegenüber der Archisynagogus (Vorster der Synagoge) und seine Juden, der die Prophezeiung verspottet. Die am Anfang des Stückes stehende Bühnenanweisung schreibt vor: vor der Kirche der Sitz des Augustinus, rechts von ihm Jesaias und Daniel, auf der linken Seite der Archisynagogus und die Juden. 2. Dann beginnt die eigentliche evangelische Erzählung mit der Verkündigung des Engels: Maria, die Heimsuchung, die Geburt Jesu; dies ist gleichsam die Widerlegung des Unglaubens der Synagoge im 1. Teil. Darauf folgt 3.: ein Dreikönigsspiel mit den Reden der Magier und des Herodes. Dann 4.: ein Hirtenspiel und 5.: der Kindermord mit den Klagen der Mütter und dem Tod des Herodes, der von Würmern zerfressen wird. 6. Die Flucht nach Ägypten und der Sturz der Götzenbilder. 7. Der Schluß ist ein Streit der Heidenschaft (König von Babylon), Synagoge und Kirche und läuft mit einigen Versen auf ein Antichristspiel hinaus, scheint aber unvollständig zu sein. Die Auffassung des Benehmens der Spieler, wie sie die Bühnenanweisungen für Bewegungen und Mimik der Spieler geben, ist derb anschaulich und realistisch, ganz unhöfisch. Das Benediktbeurer Osterspiel 1 (Ludus paschalis sive de passione Domini) ist in ganz anderem Stile gehalten. Es ist eine Erzählung der biblischen Geschichte, unvollständig, in kurzen lateinischen Sätzen vom Palmsonntag an bis zum Begräbnis Jesu. Den Hauptbestand bilden die lateinischen und deutschen gesungenen Strophen, und diese fallen zum größten Teil auf Maria Magdalena, der überhaupt die bedeutendste Rolle zukommt. Sie singt ein weltfreudiges Lied, lateinisch und deutsch, Wechselstrophen mit dem Salbenkrämer (Mercator) und daran anschließend ein deutsches Liebeslied an die jungen Männer; dann geht sie schlafen. Ein Engel singt, lateinisch, von Jesus dem Heiland. Dann tritt eine plötzliche Umwandlung bei ihr ein: sie fällt Jesu zu Füßen und bittet ihn um ihre Erlösung (2 deutsche Strophen), „ein Weltkind, das sich bekehrt" (Scherer, LG. 6 S. 247). Ergreifend ist die Marienklage am Kreuze (4 deutsche Strophen, 2 lateinische). Das ganze schließt mit 2 deutschen Strophen von Joseph von Arimathia und Pilatus, der die Bitte Josephs um Bestattung Jesu gewährt. Auf den Liedern liegt der Schwerpunkt dieses Osterdramas, auch hier der Einfluß der Vagantenpoesie. Die 1 Hgb. Schmeixer, Carm. Bur. a S. 95-107 Wegen, Progr. Münnerstadt 1908/09 S. 62 ff.; (vorher schon abgedruckt in Hoffmanns Fund- Creizenach S. 83 ff. 112. 132. 185. 232. 247; gruben II, 245-58); Froning S. 278 ff. — Wilh. Meyer, Fragm. Bur. S. 120-38; Abhandl.: Wilh. Rügamer, Magdalenen- Baumgartner S. 433 f. — Faks. Könnecke, szene, in Rügamer, Die Lehre von den drei Dt. Lit.-Atlas 1 , 1909, S. 10. Das Osterspiel von Muri. Die rheinfränkisch-hessische Gruppe 561 Charakterisierung der Leichtfertigkeit der Sünderin ist trefflich, dramatisch der Übergang von der Weltlust zur Buße. 1 Das Osterspiel von Muri Das älteste vollständig deutsche Drama ist das Osterspiel von Muri im Aargau vom Anfang des 13. Jahrhunderts, 2 nur in Bruchstücken erhalten. Es zeichnet sich vor den andern mhd. Dramen durch seinen Stil aus: Dieser hat ganz den Charakter und die Haltung eines höfischen Epos, z. B. die formelhaften Wendungen: mit triuwen holt 1,7, Anrede: herre, ir herren ö., lä mich din urloup hdn 1,23, die minncere 1,41, vromven minnen 1,46; ir schonen vrouiven 1,47, hübschen vröwelin 1,65. Dieser höfischen Ausdrucksweise entspricht auch die korrekte metrische Form, vierhebige Reimpaare, die gesprochen, nicht gesungen worden sind. Humor klingt nur leise in der Person des Krämers an. Die erhaltenen Bruchstücke lassen den Gang der Handlung erkennen: Pilatus gibt dem Krämer (Paltencere, Institor) gegen Bezahlung freies Geleit, seinen Kram aufzuschlagen (kram üf sldn) ; dieser preist seine Waren an; Höllenfahrt Christi und Fortsetzung des Warenkaufs; Maria Magdalena. Christus erscheint den Frauen als Gärtner. Maria Magdalena bittet den süßen Jesus Christ um Erlösung von ihren Sünden. Pilatus bestimmt die Hüter des Grabes, diese berichten die Auferstehung. Die übrigen Passions- und Osterspiele lassen sich in Gruppen zusammenfassen. Die rheinfränkisch-hessische Gruppe Das älteste deutsche Passionsspiel ist das (sog.) St. Galler Passionsspiel (nach 1330), erhalten in einer St. Galler Hs. 3 Es geht weit über den Rahmen einer Passion hinaus und umfaßt das Leben Jesu von der Hochzeit zu-Kana bis zur Auferstehung. Es wird deshalb richtiger, nach Mone und Wolter, „Spiel vom Leben Jesu" genannt. Der Mundart nach gehört das Spiel nach Südnassau oder in die Wetterau oder nach Rheinhessen. Der Eingang trägt den Charakter eines Prophetenspiels, indem der hl. Augustinus den Prolog spricht, der auch in der Folge noch einige Male auftritt. Mit seinen 1340 Versen ist das Spiel in mäßigem Umfang geblieben und hat noch nicht die endlosen Erweiterungen späterer Spiele. Quellen sind die Bibel, Bibelkommentare und die Liturgie; fortgewirkt hat es auf die rheinisch-hessische Spielgruppe. 1 Von dem Benediktbeurer Osterspiel teil- Lit. in d. Schweiz, 1892, 206 f.; Singer, LG. weise abhängig ist ein von Jos. Haupt in J. d. dt. Schweiz im MA., 1916, 18 f. 41 f.; Ders., M. Wagners Archiv für d. Gesch. dt. Sprache Schweizerdeutsch, 1928, 89-92; Ders., Die u. Dichtung 1874, 355-81 hgb. „Bruchstück mittelalterl. Lit. d. dt. Schweiz, 1930, 47^9. eines Osterspiels aus d. 13. Jh." (Iat. u. deut- 195. - Faksimile eines Blattes: Vogt u. Koch, sehe Strophen, 530 V.). LG. I 4 , 1919, 266. 2 Ausg.: Bartsch, Das älteste dt. Passions- 3 Hgb. Mone, Schauspiele I, 49-128; Emil spiel, Germ. 8, 273-97; Froning S. 225^14. — Wolter, Das St. Galler Spiel vom Leben Jesu, Creizenach S. 106 f.; Wilh. Meyer, Fragm. Untersuch, u. Text, Germ. Abh. 41,1912, dazu Burana S. 103 ff.; Rügamer, Lehre von den Hans Rueff, Anz.38, 66-70. — Creizenach, drei Wegen aaO.; Baechtold, Gesch. d. dt. Reg. S. 597; Burdach, Vorspiel I, 1,195 f. 36 Deutsche Literaturgeschichte IV 562 Das Drama bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts Die beiden Frankfurter Spiele. 1 Frankfurt ist in der Geschichte der geistlichen Spiele von großer Bedeutung durch die vielen Aufführungen und durch zwei Spiele, die dort entstanden. Die Frankfurter Dirigierrolle und das in derselben enthaltene Passionsspiel. Dieses Regiebuch (Ordo sive Registrum) wurde von dem Frankfurter Kanonikus Baldemar von Peterweil 1350 verfaßt und gibt Anweisungen für den Spielleiter, nach denen dieser die Aufführungen dirigierte. Auf jede Anweisung, die alle 375 lateinisch sind, folgt jeweils die Anfangszeile der Strophe, die die betreffende Person, welche zum Reden bzw. Singen aufgefordert wird, vorzutragen hat, deutsch oder lateinisch. Auf diese Weise entwickelt sich ein ganzes Drama, das die Geschichte Jesu von der Taufe bis zur Himmelfahrt umfaßt. Ein Vorspiel, in dem Augustinus David, Salomo und die Propheten auffordert, ihre Weissagungen vorzutragen (also ein Prophetenspiel), auf welche hin die Juden jedesmal höhnische Ausfälle machen, geht voran. Das Spiel ist auf zwei Tage verteilt; am ersten Tage geht es bis zur Grablegung, am zweiten folgen Auferstehung, Himmelfahrt und das Nachspiel, in welchem Ecclesia und Synagoga disputieren und dann einige Juden sich von Augustinus taufen lassen. Das Spiel der Dirigierrolle hat als Quellen eine Redaktion des St. Galler Passionsspiels und das Gedicht von der Erlösung (s. oben). Das Frankfurter Passionsspiel von 1493 ist vollständig deutsch (4408 V.), nur die kurzen Anweisungen sind lateinisch. Nach einem Vorspiel —Augustinus und Propheten, Entgegnung jüdischer Rabbiner — beginnt die Geschichte Jesu von der Berufung der Jünger bis zur Grablegung einschließlich, mit häufigen Reden der Synagoge und der Juden. Ein durchgehendes Hauptmotiv ist der Gegensatz zwischen dem Heiland, Salvator, und den Juden. Es ist eine umfangreiche Überarbeitung des Spiels der Dirigierrolle, auf drei Tage verteilt. Fast doppelt so groß ist das 1501 zum erstenmal aufgeführte oberhessische Alsfelder Passionsspiel 2 (8095 V., Reimpaare). Es ist aufgebaut auf dem Gegensatz zwischen Christen und Juden, in welchen das Motiv vom Teufel als Anstifter alles Bösen verwoben ist, weshalb den Teufeln eine wichtige Rolle zukommt. So setzt die Handlung ein mit einer Beratung der Teufel, 1 Die Dirigierrolle mit dem zugehörigen spiel mit Worterb., 1874; Froning II, 547- Spiel und das Frankf. Spiel von 1493 hgb. III 864; kurzer Auszug von Vilmar, ZfdA. 3, Froning II, 325(376)-546; ältere Ausgabe: 477-518. — Weigand, ZfdA. 6,485 (Stellen); J. C. v. Fichard in dessen Frankf. Archiv 3, Creizenach S. 225 f.; E. W. Zimmermann, 1815, dazu Kollation von Fr. Pfaff, Germ. 25, D. Alsf. Passionsspiel u. die Wetterauer Spiel- 417 f. — Abh. zur Dirigierrolle: Jul. Peter-' gruppe, Gott. Diss. 1909; Rügamer aaO.; sen, Aufführungen u. Bühnenplan des älteren Ed. Becker, Nachlese z. Alsf. Passionsspiel, Frankfurter Passionsspieles, ZfdA. 59, 83-126; Arch. f. hess. Gesch. u. Alt. NF. VII, 484-92; Ders., ZfdPh. 49, 247. — Zur Rolle u. zum Burdach, Vorspiel I, 1, 192-95. — D. Alsf. Spiel 1493: Creizenach S. 224 f. — Zum Passionsspiel, Vorwort von Rud. Mirbt, Spiel: Burdach, Vorspiel I, 1, 190-93. — Münchener Laienspiele 38, 1928. — O. Bek- Über Passionsspiele in Mainz s. F. Herrmann, kers, D. Spiel von d. 10 Jungfrauen aaO. Beitr. z. hess. Kirchengesch. 3, 1909, H. 4. S. 87 u. pass. 2 Ausg.: C.W.M. Grein, Alsfelder Passions- Die rheinfränkisch-hessische Gruppe 563 wie sie Jesum zum Tode bringen. Luzifer ist der Herr der Teufel, Satanas sein oberster Knecht, eine ganze Anzahl seiner Gesellen treten auf, mit Namen wie Beltzbuck, Binckenbangk, Spiegelglantz, Belial u.a. Ihre erste Bosheit führen sie mit der Enthauptung Johannes des Täufers aus, zu der sie die Herodias anstiften. Dann geht die Entwicklung weiter von der Versuchung Jesu durch den Teufel bis zum Abendmahl (erster Spieltag). Von diesem bis zum Urteil des Pilatus und daran sich anschließender Disputation zwischen Ecclesia und Synagoga reicht die Handlung des zweiten Tages. Der dritte Tag führt Kreuzigung, Grablegung, Auferstehung, Himmelfahrt aus und schließt mit der Aussendung der Apostel zur Predigt des Evangeliums. Schon der Umfang läßt erkennen, daß die Handlung sehr breit und weitschweifig ist;die Auffassung ist volkstümlich, derb, realistisch und entspricht so recht dem Geschmack des damaligen Bürgertums; insofern beruht die Darstellung auf innerer Wahrheit. - Benutzt sind verschiedene andere Spiele, fast wörtlich übernommen ist die Trierer Marienklage. Das Friedberger Passionsspiel 1 ist ebenfalls nur eine Dirigierrolle, kein ausgeführtes Spiel. Es werden also bloß die auftretenden Personen und die Handlung angegeben, lateinisch, und jedesmal der erste Vers dessen, was die auftretende Person lateinisch oder deutsch zu singen bzw. zu sprechen hat. Das Fritzlarer Passionsspiel, 2 um 1460, ist nur in Bruchstücken erhalten (207 V.). Es steht in der Aufeinanderfolge der Szenen dem Spiel der Frankfurter Dirigierrolle am nächsten und hat mit andern Spielen, besonders mit dem Alsfelder Passionsspiel, viele Verse ganz oder nahezu wörtlich gemein. Das Heidelberger Passionsspiel, 3 Hs. von 1514 in Heidelberg, beruht ebenfalls auf dem Spiel der Frankfurter Dirigierrolle. 6125 Verse umfassend bricht es mit Joseph von Arimathia unvollendet ab. Eine Eigentümlichkeit dieses Spieles sind die (dreizehn) Präfigurationen: Szenen des Neuen Testaments sind in Parallele gesetzt zu solchen des Alten Testaments, so ist z.B. der Heilung der Aussätzigen (Ev. Luc. 17, 12ff.) durch Jesus die Heilung Naemans durch Elisa (IV. Reg. 5) gegenübergestellt. Die Verse sind schlecht. Den Namen hat das Spiel von der Hs., die in der Heidelberger Univers.-Bibl. als Cod. pal. germ. 402 aufbewahrt ist (Bartsch, Katalog I, 1886, S. 131). Untereinander nahe verwandt sind folgende Osterspiele: Das rheinische Osterspiel der Berliner Hs. 4 ist in der Mainzer Gegend um 1450 entstanden und wurde 1460 geschrieben. Der Text, Reim- 1 Weigand, ZfdA. 7, 545-56; Creizenach * Hgb. Hans Rueff, Das rhein. Osterspiel S. 225. 226 A. 3. der Berl. Hs. Ms. Germ. toi. 1219 mit Unter- 2 Neu aufgefunden: K. Brethauer, Bruch- suchungen z. Textgesch. des dt. Osterspiels, stücke eines hessischen Passionsspiels aus 1925, dazu Schröder, GRM. 13, 1925, 491 f., Fritzlar, ZfdA. 68, 17-31. Maurer, Lbl. 1931, 24-26. — Creizenach 3 Hgb. Gust. Milchsack, D. Heidelberger S. 107. 112; Rud. Höpfner, Untersuchungen Passionsspiel, Lit. Ver. Bd. 150, 1880. — Crei- zu dem Innsbrucker, Berliner u. Wiener Oster- zenach, Reg. S. 599; Grace Frank, The pa- spiel, Germ. Abh. 45, 1913, dazu H. Rueff, latine passion and the development of the Anz.38,70-74 (diese 3 Spiele sind miteinander passion play, Public, of the mod. Lang. ass. 35, verwandt). 1921. 36* 564 Das Drama bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts paare, 2285 V., ist deutsch, die Anweisungen sind lateinisch; gegen 60 Spielerrollen. Inhalt: Aufforderung des „Praecursor", eines Engels, an die Hörer, sich stille zu verhalten; Auferstehung des Salvator; die erschreckten Wächter; Höllenfahrt und Erlösung der gläubigen Seelen; die drei Marien; die wiedererholten Wächter; die drei Marien kaufen Salben von dem Medicus, sie finden das Grab leer; der Maria Magdalena Sündenklage; Wettlauf der beiden Jünger; Erscheinung des Gärtners; Gang nach Emaus; Jesus gesellt sich in Gestalt eines Fremden (specie Peregrini) zu den Jüngern; Jesus tritt unter die versammelten Jünger; Ausgießung des heiligen Geistes; dazwischen mehrmals Judenszenen; Schluß: Predigt zum Sakrament der Eucharistie (Reimpaare wie sonst). Mit dem Berliner Osterspiel nahe verwandt sind das Innsbrucker und das Wiener Osterspiel (s. unten bayer.-Österreich. Gruppe). Nicht zu verwechseln mit dem Berliner Osterspiel ist das Berliner Bruchstück einer Krämerszene, 14. Jahrhundert, thüringisch. 1 Die mittelfränkische Gruppe Die Kreuzensteiner Bruchstücke 2 (Hs. Mitte 14. Jahrhundert in der Burg Kreuzenstein bei Korneuburg in Niederösterreich, etwa 160 V.) zeigen den Dialekt von Aachen; Zeit der Abfassung: vor 1350. Dieses Drama sollte wohl den ganzen Lebenslauf Jesu enthalten; erhalten sind: aus der Frühzeit Jesu die Darstellung im Tempel, eine Szene in Ägypten, Tod des Herodes; dann: Berufung der Jünger, Hochzeit zu Kana, Gefangenschaft Johannes' des Täufers und die Tochter der Herodias; Maria Magdalena und Martha. Auch die Anweisungen sind deutsch. Das Trierer Osterspiel 3 ist für die Entwicklung dieser Gattung lehrreich, weil es den Übergang von der Osterfeier zum Osterspiel darstellt. Schon der Umfang ist geringer als der eines Spiels; es enthält nur gegen 200 Verse. Darin aufgenommen ist der vollständige Text der lat. Osterfeiern. Dieser wird gesungen, jede lat. Stelle ist sehr frei in deutsche Reimpaare übersetzt, die gesprochen werden. Die Überschrift enthält schon den ganzen Inhalt: Ludus de nocte paschae, de tribus Mariis et Maria Magdalena; dazwischen treten der Salvator und die Engel am Grabe auf, welche ihre Rolle singen. Diesem Osterspiel geht in der Hs. (Trier, 15. Jahrhundert [14. Jahrhundert ?]; das Original gehört wohl dem 13. Jahrhundert an) die Trierer Marienklage 4 voraus (s. unten), 416 V. Personen: Maria, Johannes, Petrus (nur einige Zeilen), Salvator am Kreuze; deutsch, Spielanweisung lateinisch. 1 Creizenach S. 107. 111; Höpfner aaO. mandes aaO.; Creizenach S. 116f. 165.257. 2 Hgb. J. Strobl, Ein rhein. Passionssp. d. 3 Hgb. Froning S. 46-56 bzw. bis 106; XIV. Jh.s, Beiträge z. dt. LG. aus d. Kreuzen- früher: Hoffmann, Fundgruben II, 272-79, steiner Bibl., 1909; Kaspar Dörr, Die Kreu- ins Mhd. übertragen. - Creizenach S. 103 ff. zensteiner Dramenbruchstücke, Untersuch, üb. 158, 226. 248. 355. Sprache, Heimat u. Text, Germ. Abhandl. 50, 4 Hoffmann, Fundgruben II, 272-79 (mhd.). 1919. — M. Wilmotte, Les passions alle- — Creizenach S. 226. 248. Die mittelfränkische, alemannische und bayerisch-österreichische Gruppe 565 Das Maastrichter Osterspiel 1 hat manches mit den Kreuzensteiner Bruchstücken gemein, so daß eine gewisse Verwandtschaft besteht. Die Hs. ist am Ende des 14. Jahrhunderts geschrieben und dieser Zeit entsprechend hat dieses Drama auch nicht die weite Ausdehnung der späteren Spiele, die Vorführung ist kurz und, außer in den Maria-Magdalena-Szenen, trocken. Es beginnt mit der Weltschöpfung und dem Fall Luzifers, worauf der Sündenfall Adams und Evas und ihre Vertreibung aus dem Paradies folgen. Weiterhin wird Jesu Lebenslauf an Hand der biblischen Geschichte erzählt mit einigen Einschaltungen bis zu der Planung des Verrats zwischen Judas und den Hohenpriestern. Darauf fehlen mehrere Blätter. Mit der Szene im Garten Gethsemane und den schlafenden J ungern bricht das Stück unvollendet ab. Eine Hauptrolle, die über die biblische Erzählung hinaus geht, fällt der Maria Magdalena zu. Die alemannische Gruppe Das Luzerner Passionsspiel 2 gehört dem Bau nach zu der rheinfränkischen Dramengruppe. Zu dem Luzerner Passionsspiel hat Beziehungen das Donaueschinger Passionsspiel, 3 niederalemannisch, Hs. Donaueschingen; Zeit: 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts. Die Redeweise ist fließend. Quelle ist vor allem die Bibel. Das Spiel beginnt mit den Magdalenenszenen und dem Gastmahl des Pharisäers (Symon). Nach Luzern gehört wohl auch Die Grablegung Christi von Matthias Gundelfinger 1494.* Von diesem ist das Stück verfaßt oder wenigstens zusammengestellt. Der Text ist lückenhaft und entlehnt Stellen aus dem Alsfelder Passionsspiel. Er beginnt mit der Besprechung Josephs von Ari- mathia und Pilatus', worauf die Wächter des Grabes durch die Juden (nicht durch Pilatus) beordert werden. Ein St. Galler Himmelfahrtspiel hat zum Inhalt den Abschied Christi von seinen Jüngern, ein bloßes Gespräch ohne wesentliche Handlung. 5 Die bayerisch-österreichische Gruppe (da die Erlauer Hs. aus der fürstl. Auerspergschen Bibliothek stammt, können die Erlauer Spiele ebenfalls hier untergebracht werden). 1 Hgb. Zacher, ZfdA. 2,302-50; H. E.Molt- — Spielplan: Vogt u. Koch, Gesch. d. dt. Lit. zer, De middelnederl. dramat. poezie, 1875, l 4 , 270; Leibing, Inszenierung des Luzerner 496-538. - C. Klimke, D. volkstüml. Paradies- Ostersp., 1869. spiel, 1902,15f.; Creizenach S. 117-19; Dörr, 3 Hgb. Mone 2, 183 ff. — Creizenach, Reg. Kreuzenst. Dr. aaO. S. 47; Phil. Hambacher, S. 593; Georg Dinges, Untersuch, z. Don. Untersuch, z. Maastrichter Passionsspiel, Passionssp., Germ. Abh. 35, 1910; Jelling- Jahrb. d. phil. Fakultät Marburg 1922/23. haus, ZfdPh. 23, 426; Burdach, Vorspiel I, 2 Hgb. Mone 2, 131 ff. — Erika Mundt, D. 1, 191. 199 f. 208. — Spielplan: Froning Luzerner Spiel von Christi Tod u. Grablegung, S. 276; Könneckc, Bilderatlas S. 55. Marburg. Diss. 1923, Auszug im Marbg. * Hgb. Mone 2,131 ff.— Creizenach S.245; Jahrb.; M. B. Evans, The passion play of Anton Dörrer, Stammlers, Verfasserlex. 2, Lucerne, a crit. edition of the first episode, 109-112. The Germ. Rev. II, 4. April 1927, 93-118; 5 Hgb. Mone 1,254 ff. — Baechtold, Gesch. Ders., Gundelfingers Grablegung and the d. dt. Lit. in d. Schweiz S. 209 u. Anm. S. 50. Lucerne passion play, ebda IV, 1928, 225-36. 566 Das Drama bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts Das Augsburger Passionsspiel 1 (2604 V.) hat dadurch eine besondere Stellung in der Geschichte des mittelalterlichen geistlichen Dramas, daß es durch verschiedene Umarbeitungen mit dem späteren Oberammergauer Passionsspiel zusammenhängt. An sich bietet es wenig Bemerkenswertes. Das Egerer Passionsspiel 2 (oft auch Egerer Fronleichnamsspiel genannt) umfaßt die ganze Heilsgeschichte, Sündenfall und Erlösung; die 8312 Verse sind auf drei Tage verteilt. Luzifers Sturz, Adam und Eva, Kain und Abel, Sündflut, Abraham, David und Goliath, Salomo, Prophezeiungen von vier Propheten, Leben Jesu bis zur Verurteilung, Kreuzigung und Auferstehung. Als Dichtung ist das Stück geringwertig, auch in der Form hölzern. Das Wiener Passionsspiel 3 ist nur in Bruchstücken erhalten (530 V.). Die Vorlage ist noch im 13. Jahrhundert verfaßt; die Hs. wurde in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts geschrieben. Die Vorlage war wahrscheinlich mitteldeutsch (thüringisch?). Drei Abschnitte sind deutlich geschieden: I. Luzifer wird wegen seines Hochmuts in die Hölle gestürzt; der Sündenfall; Adam und Eva werden aus dem Paradies vertrieben und von den Teufeln in die Hölle geschleppt; danach auch die Seelen von drei Verbrechern, Vertretern der drei Stände: Bürger, Pfaffe, Ritter; dann ein Weib. II. Das Weltkind Maria Magdalena; das Gastmahl bei dem Pharisäer Symon; ihre Bekehrung. III ist ganz verstümmelt; Abendmahl. Abschnitt I enthält nur wenige lateinische Verse; die lateinischen Stellen im Abschnitt II sind frei ins Deutsche übersetzt, der III. Abschnitt steht wegen seiner Kürze außerhalb einer Beurteilung. Einige Verse stimmen mit dem Benediktbeurer Osterspiel und dem Alsfelder Passionsspiel überein. Das Wiener Osterspiel 4 von der besuchunge des grabis vnd der ofirsten- dunge gotis ist kein Wiener Erzeugnis, sondern gehört zu der rheinfränkisch- hessischen Gruppe, die Hs. hat schlesischen Dialekt. Zeit der Entstehung: zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts (1172 V.). Der Inhalt geht von der Bestellung der Wächter des Grabes durch Pilatus bis zum Wettlauf der Jünger. Der Volkston ist glücklich getroffen durch das Eingehen auf das Alltägliche, auch dadurch, daß, wie beim Wettlauf der Jünger, die Lachlust angereizt wird. Das Klosterneuburger Osterspiel 5 steht dem Benediktbeurer sehr nahe und stimmt weithin wörtlich mit ihm überein. 1 Hgb. Aug. Hartmann, Das Oberammer- 1874, 355-81; Froning S. 302-24. — Creize- gauer Passionsspiel in seiner ältesten Gestalt nach S. 85 f. 111-13 u. Reg. S. 627; J. Zeid- z. ersten Male hgb., 1880. — Creizenach ler, D. Wiener Schauspiel im MA., Gesch. d. S. 232 f.; Burdach, Vorspiel I, 1, 200. 202. • Stadt Wien III, I, 88-92; Alfred Orel, Die 2 Hgb. Milchsack, Lit. Ver. Nr. 150, 1880; Weisen im Wien. Passionsspiel aus d. 13. Jh., Auszug: Bartsch, Germ. 3, 267-97. — Crei- Mitteil. d. Ver. f. Gesch. d. Stadt Wien 6,1927, zenach S. 231-33 u. Reg. S. 594; Anton 72-95. Klitzner, Vokalismus der Reime im Egerer 4 Hgb. Hoffmann, Fundgruben II, 296-^338. Fronl., Wien. Diss. 1921; Burdach, Vorspiel I, — Froning S. 97-102; Creizenach S. 107; 1,192 A. 2. 200-202; Gierach, Stammlers Ver- Höpfner, Untersuchungen aaO. fasserlex. 1,730-32. B Hgb. H. Pfeiffer, Klosterneuburger Oster- 3 Hgb. Jos. Haupt, J. M. Wagners Archiv, feier aaO. Die bayerisch-österreichische Gruppe 567 Die Tiroler Passionsspiele 1 von 1480bis 1500; 12 Fassungen, die alle auf eine gemeinsame Vorlage vom Anfang des 15. Jahrhunderts zurückgehen. Diese zerfällt in 3 Teile: Gründonnerstag (die Juden beschließen den Tod Jesu und schleppen ihn gefangen zu Pilatus); Karfreitag (die weiteren Mißhandlungen Jesu, Kreuzigung, Nikodemus, Joseph von Arimathia); Ostersonntag (Auferstehung). Unter den 12 Fassungen sind die wichtigsten die Sterzinger Spiele. 2 Das Innsbrucker Osterspiel 3 (Hs. vom Jahre 1391, Abfassungszeit des Stückes um 1325-50) ist verwandt mit dem Berliner und Wiener Osterspiel, gehört also der Abstammung nach zu der rheinfränk.-hessischen Gruppe und hat md. Dialekt. Es ist ganz auf ein Publikum aus dem Volke berechnet, und der Stil ist im Spielmannston gehalten, daher wird viel Komik aufgeboten. Das Innsbrucker Spiel hat wesentlich dieselben Szenen wie das Wiener. Zwei Strophen eines Passionsspiels sind in einer Hs. des Klosters Innichen aufgezeichnet. 4 Die Erlauer Hs. (15. Jahrhundert, in der erzbischöfl. Bibliothek zu Erlau in Ungarn, stammt vermutlich aus Kärnten) enthält 6 mhd. Spiele, 5 davon 2 Weihnachtsspiele, 4 Osterspiele (die 2 Weihnachtsspiele s. daselbst). Die Osterspiele: I. Visitacio sepulchri in nocte resurreccionis, die drei Marien, Klage; Salbenkauf, der Arzt und Rubinus; die drei Marien klagen und gehen zum Grabe; Maria Magdalena und der Gärtner; Wettlauf der beiden Jünger. Die Arztszene ist burlesk, ja schmutzig; 1331 V., deutsche Reimpaare; dazwischen lateinische Strophen; lat. Anweisungen.— II. LudusMariaeMagdalena? in gaudio: Luzifer und 6 Teufel, Satanas, Astaroth, Tutivill usw.; neun Seelen von Übeltätern in der Hölle; Mar. Magd, in gaudio; ein Buhler; durch Martha wird sie zur Bekehrung gebracht. 714 V., deutsch, nur wenige lateinisch.— III. Ludus Judeorum circa sepulchrum Domini: Pilatus, Kaiphas, die Grabwächter, Auferstehung, Höllenfahrt, 477 deutsche Reimpaare mit wenigen lateinischen Versen. — IV. Marienklage, Maria und Johannes am Keuze, 438 V., meist deutsch, einiges lateinisch. Das Oberammergauer Passionsspiel 6 gehört einer späteren, hier nicht mehr zu besprechenden Zeit an; es verdankt seine Entstehung einem 1 Ausg. J. E. Wackernell, Ad. Passions- aaO.; Froning, Die Thomas- u. die Apostelspiele aus Tirol, 1897. — Ders., Die ältesten szene aus d. Innsbr. Osterspiele S. 94-97; O. Passionsspiele in Tirol, 1887; Creizenach Beckers, D. Spiel von den 10 Jungfrauen S. 228-31. 245 u. Reg. S. 624; Burdach, Vor- S. 77 ff.; Creizenach S. 107 ff. u. Reg. S. 602. spiel 1, 1,196-99.204; Ant. Dörrer, Benedikt 4 Siehe M. Prem, Anz. 15,143 f. Debs, Stammlers Verf.lex. 1, 405-08. — Über 5 Ausg.: Karl Ferd. Kummer, 6 ad. My- d. Drama in Tirol s. oben Lit. z. mittelalterl. sterien nach e. Hs. d. XV. Jh.s, 1882, dazu Drama im Allg. Schönbach, GgA. 1882 Nr. 28; Bartsch, 2 Osw. Zingerle, Sterzinger Spiele, 1886; Germ. 28, 103-7, Wackernell, ZfdPh. 15, K. Fischnaler, Die Volksschauspiele zu 364-76; Froning, Die Krämerszene aus d. Sterz, im 15. u. 16. Jh., s. oben; Froning, dritten Erl. Spiel S. 62-94. — Creizenach Die Apostelszene aus d. Sterzinger Oster- S. 244 f. u. Reg. S. 594; Beckers, Spiel v. d. spiel S. 103-10 (die Wettlaufszene, burlesk); 10 Jungfrauen aaO. S. 87 u. pass. Creizenach S. 107. 228 ff. 425. 463. 6 Von der umfangreichen Lit. hier nur eine 3 Hgb. Mone 1, 145 ff. — Siehe Höpfner Auslese der wichtigsten Schriften. Aug. Hart- 568 Das Drama bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts Gelübde bei drohender Pestgefahr im Jahre 1634. Die älteste erhaltene Fassung vom Jahre 1662 ist zusammengesetzt aus zwei Augsburger Spielen, einem Passionsspiel des 15. Jahrhunderts und einem Meistersinger Passionsspiel von 1566. Anhang: Bruchstücke eines lateinisch-deutschen Osterspiels in einer Breslauer Hs. Ende 14. Jahrhunderts, 100 Verse, Marienklage, Magdalenenspiel. 1 —Ein schlesischesOsterspiel wurde in der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts verfaßt. 2 — Vermerkt sei noch Ein spil von der urstend Christi? Die Marienklage Eine einzelne Szene des Passionsspiels stellt die Marienklage 4 dar, sie bildet das Karfreitagsspiel. Der Schauplatz ist die Kreuzesstätte, die klagenden Personen sind die Mutter Maria und der Lieblingsjünger Johannes, dieser als Klagetröster; zuweilen spricht auch der Gekreuzigte selbst. Tief schmerzvoll und ergreifend sind oft die Klagen der Mutter. Die Marienklagen sind kleine, nur aus einem Akte bestehende lyrische Herzensergießungen. Die Grundlage ist die Sequenz Planctus ante nescia, die in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts in Deutschland eingeführt wurde: Öive der jämmerlichen klage, die ichmuoter einiu trage; sie kommt in den deutschen Marienklagen öfter vor und enthält die Grundgedanken derselben. Später wurden die Marienklagen durch einige Zutaten erweitert. Von anderer Art als die angeführten Marienklagen ist Unser Vrouwen Klage. 5 Der Zweck wird in der Einleitung angegeben: ditz kleine büechelin mann, D. Oberammerg. Passionsspiel in seiner Ders., Ad. Bl. 2, 1840, 200 f.; Pfeiffer ältesten Gestalt z. ersten Male hgb., 1880; W. ebda S. 373-76 (Münchner Hs., 15. Jh.) Wyl, Maitage in Ob., e. artistische Pilgerfahrt, Paul, Beitr. 3, 365-70 (Berner Hs., 156 V.) mit dem z. ersten Male veröffentlichten Texte Milchsack, Unser Vrouwen klage, Beitr. 5 d. Passionsdramas, 1880; G. Queri, D. älteste 193-357; Froning S. 248-56 (darin Text der Text des Ob. Passionsspieles, 1910; O. Maus- Liechtenthaler Marienklage); Sievers, Bruch- ser, Text d. Ob. Passionsspiels, histor.-krit. stücke einer Marienkl. (aus Kloster Himmel- Ausg. umfassend d. Urtext von Ottmar Weiß garten bei Nordhausen, Himmelgartner Ma- (1811) usw., 1910 (Neugestaltung). — Eduard rienkl., Hs. 15. Jh.), ZfdPh. 21, 295^04; Seb. Devrient, D. Passionsspiel in Ob., Eindrücke Mayr, Zwei Marienklagen, Progr. Krems- u. Betrachtungen aus d. J. 1850, hgb. v. H. münster 1882 (1. Fragm., 90 V., Hs. 14. Jh.; Ruederer, 1922; Willi Flemming, Das Ob. 2, 772 V., Hs. Ende 15. Jh.); Kummer, Er- Passionsspiel in Lit. u. Theater, ZfDtsckde 36, lauer Spiele S. 147-67 (Erlauer Marienkl. 1922, 335^6; Ders., Oberammergau u. die 438 V.); Friedr. Schmidt, Alem. 24,69-71.— seelischen Grundlagen d. geistl. Volksschau- Abhandl.: Baechtold, Gesch. d. dt. Lit. in d. spiels, Neue Jahrbücher f. d. klass. Altert. 26, Schweiz S. 207 (Engelberger Klage, wohl noch 1923, 40-49; Jul. Petersen, Oberammergau 13. Jh.; St. Galler Bruchstücke, 15. Jh.); u. d. Passionsspiel d. MA.s, ZfdtBildung 7, Creizenach S. 247 f. (darin üb. die Liechten- 1931, H. 3. — Creizenach, Reg. S. 612. thaler Marienkl.) u. Reg. S. 608; W. Meyer, 1 Klapper, ZfdPh. 47, 89-92. ■ Carmina Burana S. 66 ff.; Stammler, Dt. 2 Baesecke, Der Wiener Oswald, 1912 (s. LG. Theatergesch. S. 9 f.; Ders., D. religiöse Drama II, 1, 328 ff.) S. LXIX f. XCII; H. Nau- im dt. MA. S. 19-21. — Petzet, Catalogus mann, D. Kreuzfahrt d. Landgrafen Ludwigs Codicum manu scriptorum usw. S. 192. 222 f. d. Fr. v. Thüringen S. 195. 249 f. 255.302.326.330. 3 Hgb. Birlinger, Aren. 39, 1866, 367-400. 6 Hgb. Mone 1 unter dem Titel „Spiegel" 4 Mone, Schauspiele des MA.s; Anton E. (nach V. 126 f. Milchsack); Milchsack, Schönbach, Üb. die Marienklagen, 1874; Beitr. 5, 193-357. Hoffmann, Fundgruben II, 259-72. 280-83; Die Marienklage. Einzelne Szenen aus den Oster- und Passionsspielen 569 soll ein Spiegel der Seele sein, darinne man Gottes Minne erkennt. Die Klage Mariae ist der Rahmen für den Grundgedanken, die Liebe zu Gott, zu Jesus. Die Einleitung beginnt mit einem Gebet zu Christus und Maria (V. 1-82); dann Angabe der lat. Quelle (V. 83-114, es ist die Interrogatio Sancti Anshelmi de passione Domini); 1 Anrede an die Leser (115-36). — Vor dem eigentlichen Thema wird berichtet: Vom Hohen Lied Salomos und den Töchtern von Syon, Salomo ist symbolisch gleich Jesus (137-375). — Das Buch hebt an (V. 376) mit einer demütigen Ansprache des Verfassers der Quelle, der Interrogatio, an Maria und der Bitte, ihm den Vorgang von Christi Marter und Kreuzigung zu erzählen (376-481); Maria, seine Bitte erhörend, erzählt ihm den Hergang der Mißhandlungen ihres Kindes Jesus und der Kreuzigung bis zu der Fürsorge Jesu um seine Mutter und Johannes (482-915); nach den Worten der Mutter Gottes folgt ein Bericht des Verfassers der Interrogatio, bzw. des übersetzenden Dichters, über die weiteren Ereignisse am Kreuze; Joseph von Arimathia; Nikodemus; als Grundton zieht sich der Schmerz und die Klage der Maria durch das Ganze (916-1587); Gebet zu Maria (1588— 1657). - Der Verfasser des wohlgebauten deutschen Gedichtes ist unbekannt; aus den wenigen beweiskräftigen Formen ist auf niederalemannische Heimat zu schließen; Abfassungszeit wahrscheinlich zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts. Das Gedicht ist in einer großen Zahl von Handschriften überliefert (15), was auf Beliebtheit schließen läßt. Sie zerfallen in zwei Klassen, die stark voneinander abweichen, also zwei Fassungen darstellen. Einzelne Szenen und Personen aus den Oster- und Passionsspielen Der Teufel. Max Dreyer, Der Teufel in der dt. Dichtg. d. MA.s, Rost. Diss. 1885; E. J. Haslinghuis, De duivel in het Drama der middeleeuwen, Diss. Leiden 1912; Jos. Maximilian Rudwin, Die Teufelsszenen im geistl. Drama d. dt. MA.s, Diss. Ohio, Göttingen 1914; Ders., Die Teufel in den dt. geistlichen Spielen, 1915; Gust. Binz, Ein Basler Fastnachtspiel aus d. 15. Jh., ZfdPh.32, 58-63 (Bruchstücke); Creizenach, Reg. S. 623; s. Fastnachtspiel; Holl, Gesch. d. dt. Lustspiels, 1923, 21-28.31-34. — Pilatus. Schönbach, Anz. 2, 169 u. ö.; Creizenach, Legenden u. Sagen von Pilatus, Beitr. 1,89-107. — Petrus. Fritz Cullmann, Der Apostel Petrus in d. älteren dt. Lit. mit besonderer Berücksichtigung seiner Darstellung im Drama, 1928; Otto Schüttpelz, Der Wettlauf der Apostel aaO. — Lazarus. Max Voigt, Passionsspiel von Lazarus, Beitr. z. Gesch. d. Visionslit. im MA., Pal. 146, 1924, S. 21. — Maria Magdalena. Rügamer, Lehre von den drei Wegen aaO. S. 62-70; Marie Rath, Untersuch, des Johannesspiels, der Blindenheilung u. der Maria-Magdalena-Szenen in d. dt. Passionsspielen, Marbg. Diss. 1919; Maria Norberta Hoffmann, Die Magdalenenszenen im geistl. Spiel des deutschen MA.s, Würzb. Diss. 1933, dazu Skopnik, Anz. 53, 78-80; F. O. Knoll, Die Rolle der Maria Magdalena im geistl. Spiel des MA.s, 1934. — Salbenkrämer. Konr. Dürre, Die Mercatorszene im lat.-liturgischen, altdeutschen u. altfranz. relig. Drama, Gott. Diss. 1915; A. Bäschlein, Die ad. Salbenkrämerspiele, Basl. Diss. 1929; W. Seelmann, Das Berliner Bruchstück einer Rubinszene, ZfdA. 63,257-67. — Judas Ischarioth in Legende u. Sage des MA.s; Creizenach, Beitr. 2, 177-207. — Erich Krüger, Die komischen Szenen in den dt. geistl. Spielen des MA.s, Hamburg. Diss. 1931. 1 Hgb. Schade, 1870, dazu Karl Schröder, Germ. 17, 233-35; weitere Lit. s. Milchsack, Beitr. 5, 294 Anm. 1; s. auch oben. 570 Das Drama bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts 3. WEIHNACHTSSPIELE Lit. Froning aaO. S. 865-952.; W. Koppen, Beitr. z. Gesch. der dt. Weihnachtsspiele, 1893; P. V. Teuber, D. Entwicklung der Weihnachtsspiele seit d. ältesten Zeiten bis z. 16. Jh., Progr. Kommotau 1898; Klimke, D. volkstüml. Paradiesspiel aaO. S. 1 ff.; H. Anz, Die lat. Magierspiele, Untersuchungen u. Texte zur Vorgeschichte des dt. Weihnachtsspieles, 1905; Wilh. Meyer, Fragm. Burana S. 38^8; Creizenach, S. 248-50; Martin Böhme, Das lat. Weihnachtsspiel, Grundzüge seiner Entwicklung, 1917; Hans Heckel, Das dt. Weihnachtsspiel, Dichter u. Bühne, 1922; H. Naumann, Grundzüge der dt. Volkskunde, 1922, 102 ff.; Malberg, Weihnachtsspiel u. Weihnachtsbild, Jen. Diss. 1922. — K. W. Piderit, Ein Weihnachtsspiel, aus e. Hs. d. 15. Jh.s, 1869, dazu Carl Schröder, Germ. 15,376-79; R. Grosch u. F. Wagner, Ad. Christgeburtspiel nach alten Texten u. Weisen, 1926; Joh. Walterscheid, Die ältesten dt. Weihnachtsspiele, 1926; Stammler, D. relig. Drama S. 8-14; W. Fladt, Alte Weihnachtsspiele, 1927; Schwietering in Walzels Handb. der Lit.-Wissensch. S. 43 ff. — Nach Landschaften: Karl Weinhold, Weihnachtsspiele u. -lieder aus Süddeutschi. u. Schlesien, neue Ausg. 1875; Friedr. Vogt, Die schlesischen Weihnachtsspiele, 1901; Ders., Weihnachtsspiele des schlesi- schen Volkes, gesammelt u. für die Aufführung wieder eingerichtet, 4. Aufl. 1927; Walther H. Vogt, Schlesische Weihnachtsspiele im Felde, Mitteil d. Schles. Gesellsch. f. Volkskde 1916, 219-24; Weinhold, Ein glaezisches Christkindelspiel, ZfdA. 6, 340^9; Arnold Mayer, Ein Weihnachtsspiel aus Kreutzburg, ZfdA. 29, 104-12. — Bernhard Grosse, Zwei Arnstädter „heilige-Christkomödien", Progr. Arnstadt 1899; G. Mosen, Die Weihnachtsspiele im sächs. Erzgebirge, 1861. — Joh. Bolte, D. Jesusknabe u. die Schule, Bruchstücke eines niederrhein. Schauspiels, Nd. Jahrb. 14, 1886, 4-8. — Das hessische Weihnachtssp. hgb. Froning S. 902-39; Erich Reinhold, Üb. Sprache u. Heimat d. hessischen Weihnachtsspieles, Marb. Diss. 1911; Rud. Jordan, Das hess. Weihnachtssp. u. das Sterzinger Weihnachtssp. v. J. 1511, Progr. Krummau 1902 u. 1903. — Das Benediktbeurer Weihnachtsspiel s. oben; A. Hartmann, Weihnachtslied u. -spiel in Oberbayern, 1875; Ad. Jungbauer, Das Weihnachtsspiel des Böhmerwalds, 1911. — W. Pailler, Weihnachtslieder u. Krippenspiele aus Oberösterreich u. Tirol, 1881; Aug. Hofer, Weihnachtsspiele (Niederösterreich), Jahresber. v. Wiener-Neustadt 1892; Lexer, Kärntisches Wörterbuch mit e. Anhang von Weihnachtsspielen u. -liedern, 1862; Erlauer Weihnachtsspiele: Kummer S. 1-30; Creizenach S. 216. 249. — Jos. Klapper, Das St. Galler Spiel von d. Kindheit Jesu, Untersuchungen u. Text, Germ. Abh. 21,1904; H. Reinhart, D. St. Galler Spiel v. d. Kindheit Christi in neuschweizer Mundart, 1928; Creizenach S. 115 f.; Baechtold, Gesch. d. dt. Lit. in d. Schweiz S. 208; Singer, D. mittelalterl. Lit. d. dt. Schweiz S. 49 f. — Karl Jul. Schröer, Dt. Weihnachtsspiele aus Ungern, 1859, neue Ausg. 1862; s. auch Ders., Bartschs Germanist. Studien 2, 1875, 197 ff.; Ders., Christgeburtspiel aus Oberufer bei Preßburg, 1921. — Stammler in Merker-Stammler Reallex. 1,218-29 (mit reicher Lit.). Dreikönigsspiel. Ausg.: Weinhold, Weihnachts-Spiele aaO. S.56-61; Lexers Kärntisches Wörterb. aaO.; H. Anz, Die lat. Magierspiele, Untersuchungen u. Texte, 1905, dazu K. Schiffmann, Anz. 31, 12-17; Kummer, Erlauer Spiele, Dreikönigsspiel S. 11-30; Froning S. 940-52; C. Lange, Ein Dreikönigsspiel aus Straßburg, ZfdPh. 32,412-15 (lat.', v. J. 1200); Pröhle aaO.; Creizenach, Reg. S. 593; Stammler, D. relig. Drama S. 10 f. Ordo Racheiis. Ausg.: Weinhold, Weihnachts-Spiele S. 62-65 (Freisinger Hs.); Froning S. 871-74; Wilh. Meyer, Fragm. Burana S. 44-48; Creizenach S. 60 f.; K.Young, Ordo Racheiis, Univ. of. Wisconsin, Studies in Lang, and Lit. 4,419; Stammler, Reallex. 1,222. Prophetenspiel. Josef Rudwin, Die Prophetensprüche u. -zitate im religiösen Drama d. dt. MA.s, 1913, dazu Schröder, Anz. 37, 54; v. d. Hagen in v. d. Hagens Germ. 7,348-51: Schauspiel von d. Geburt Christi nach Virgils u. Sibyllen Weissagung; s. dazu Schröder, Anz. 35. 302 f.; Singer, Mittelalterl. Lit. der dt. Schweiz, 1930, S. 46 (Einsiedler Prophetenspiel, lat., 12. Jh.); Creizenach S. 52-69. 248-50 u. Reg. S. 617; Wilh. Meyer, Fragm. Burana S.50-58; Beispiele für das voll entwickelte Weihnachtsspiel . 571 Stammler, D. relig. Drama S. 12-14. — Prophetenspiel im Benediktbeurer Weihnachtsspiel s. daselbst. — Hierher gehören auch die „Präfigurationen", Vorbilder aus d. Alten Testament zu Handlungen des Neuen Testaments, s. oben. Das Weihnachtsspiel bildete sich nach Analogie des Osterspiels. Die liturgische Feier bestand „aus der Verkündigung des Engels, dem Prozessionsgesang der Hirten und ihrer Anbetung an der Krippe" (Schwietering, ZfdA. 62, 2; Ders., Walzels Handb. S.36. 43f.). Sogar der Wortlaut des Oster- offiziums ist nachgeahmt: „Quem quaeritis in praesaepe, pastores?, dicite!" „Salvatorem Christum Dominum." „Adest hie." Der Krippenszene des Hirtenspiels mit dem Kindelwiegen (Maria und Joseph) und der Anbetung der Hirten folgt dann das Magierspiel, die Anbetung der drei Könige. Wie einen Ostertropus hat Tuotilo auch einen Weihnachtstropus gedichtet (Hadie cantandus est). 1 Schon durch die biblische Erzählung war die Möglichkeit einer Dramatisierung gegeben, die dann beim Gottesdienste dadurch zum Ausdruck kam, daß der biblische Text von mehreren Priestern vorgetragen wurde, wobei die Krippe aufgestellt war. Zum Spiel entwickelte sich die Weihnachtsliturgie dadurch, daß die handelnden Personen, von Priestern dargestellt, auftraten: Maria und Joseph, die Hebammen, die Hirten, die drei Könige begleitet von ihrem Stern. Ursprünglich wurden die einzelnen Szenen an den betreffenden Tagen vorgeführt, das Hirtenspiel am Weihnachtstag, 25. Dez.; am 28. Dez., dem Fest der unschuldigen Kindlein, war die Vorführung der Ordo Racheiis, der Klage der Rahel um ihre Kinder; der 6. Jan., der Dreikönigstag, Epiphaniastag, war die Zeit für die Anbetung der drei Könige, der drei Weisen aus dem Morgenland (Magier, Magi). Beispiele für das voll entwickelte Weihnachtssplel Das St. Galler Spiel von der Kindheit Jesu 2 ist das erste deutsche Weihnachtsspiel, 3 die Hs. stammt aus St. Gallen 14. Jahrhundert, aber das Stück ist älter, es entstand im letzten Viertel des 13. Jahrhunderts; 1081 V. Nach einem Prophetenspiel, in dem das Kommen des Messias vorausgesagt wird (1-264), spricht Cleophas, der Joseph bruoder und Maria stiuftohter nennt, zu diesen beiden (265-324); Maria und der Engel Gabriel (325-75); Maria und Elisabeth, der Engel und Joseph (376-454); Die Hirtenszene (455-70); die Töchter von Syon und Maria (471-505); die drei Könige bei Herodes (506-652); Herodes und die Juden und die drei Könige (653-751); die Könige bringen dem Kinde ihre Geschenke und nehmen urlop (752-822); ein Bote meldet die Abreise der Könige (823-38); die Darstellung im Tempel (839-906); Herodes befiehlt den Kindermord (907-75); Flucht nach Ägypten bis zur Heimkehr, dazwischen Klage der Rachel (976-1081). — Die einzelnen Szenen sind sehr kurz, der Stil hat noch höfischen Ausdruck, besonders in den Verkehrsformen. 1 Urform des Weihnachtsspiels, lat.: Lit. s. 2 Hgb. Mone 1, 143-81; Jos. Klapper, Wilh. Meyer, Carm.' Bur. S. 41, drei Bruch- Germ. Abh. 21 aaO. stücke aus d. 12. Jh. 3 Das Benediktbeurer Weihnachtspiel s. ob. 572 . Das Drama bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts Das hessische Weihnachtsspiel 1 (um 1450 oder später in Friedberg verfaßt, die Hs., in Kassel, gehört dem späten 15. Jahrhundert an; 870 V.) hat dagegen einen Ton volkstümlicher Gemütlichkeit, es ist so recht ein Stück für die fröhliche Weihnacht. Der „Proclamator" (1-18), der Engel Gabriel, grüßt Maria mit dem Ave Maria, Joseph will Maria verlassen, aber der Engel klärt ihn über die Herkunft des zu erwartenden Kindes auf (19-96); Joseph bittet einen Wirt um Herberge, der aber weist ihn barsch ab: „Fort, du alter Landstreicher, sonst werde ich dir die Lenden einschmieren (durchprügeln)"; ein anderer schickt ihn freundlicher fort; Joseph will weinend ins Armenhaus ziehen (in daz gemeine hüs, 97-142); das Kindlein wird geboren, Engel singen, Joseph schleppt eine Wiege herbei, Maria singt: Joseph, lieber neve (im allgemeinen = Verwandter) min, hilf mir wiegen daz kindelin; 2 Joseph wiegt es, tanzt mit dem Knecht um die Wiege, und sie singen dabei: In dulci jubilo. Darauf treten singende Engel auf, Maria spricht zu ihnen: Freut Euch, ihr lieben Kinder usw., es folgen drei Cantores: drei Mädchen (puellae) und die Engel singen (143-337). Hirtenszene: ein Engel verkündigt den Hirten „das große Wunderwerk"; einer der Hirten weckt seinen Knecht Ziegenbart, ihn mit dem Stecken stoßend, auf; der Knecht erzählt einen Traum, in welchem er eine Kuh und sein Herr ein Schwein gewesen sei. Die Hirten ziehen nach Bethlehem und beten das Kind an, mit der Bitte, es möge ihnen Zwiebeln, Knoblauch, Möhren und Sauerkraut wachsen lassen, was für den Bauch eine gute Kost ist; ein anderer bittet, es möge die Rüben geraten lassen, die gebratenen Holzäpfel, die Buttermilch und vieles dergleichen (338-518). Die Mädchen, Cantoren und Engel singen von der Geburt des Kindes (519-561); Joseph bespricht mit Maria die sorgenvolle Lage; Maria tröstet ihn über ihre Armut, er bringt ein Paar alte Hosen herbei, die als Windeln dienen sollen und singt dem Kind „süeze, liebe minne". Dann ruft Joseph zwei Mägde zur Pflege des Kindes herbei, die überhäufen ihn aber mit unflätigen Schimpfworten, ohrfeigen und prügeln ihn. Joseph und die Ammen versöhnen sich, diese geraten aber darauf untereinander in Händel und geben sich Ohrfeigen (562 -715); die zwei Hauswirte tanzen mit den zwei Mägden um die Wiege. — Teufelsspiel: die Teufel rühmen sich vor Lucifer ihrer Taten unter den Menschen (716-828). — Ein Engel befiehlt Joseph, nach Ägypten zu ziehen (829-870). Die Charakterisierung der Personen, oft possenhaft, ist vorzüglich, eben weil sie aus natürlicher Anschauung hervorgeht, so die Mutterfreude der Maria, die sich doch der hohen Würde als Gottesmutter bewußt ist, der gute, treuherzige Joseph. Die ganze Ausdrucksweise und die freie, metrische Form entspricht dem volkstümlichen Gepräge dieses Weihnachtsspiels. Krippenspiele Krippenspiele als selbständige Teile des Weihnachtsspiels sind selten. Ein solches enthält die Erlauer Hs., Ludus incunabilis Christi. 3 Die 48 Verse zerfallen in 4 Szenen: 1. Gesang der Synagoge; 2. Ein Hirte erzählt von der Erscheinung der Engel, Joseph gibt ihm Wein zu trinken (1-26); 3. Gesang der Juden zu Josephs Vermählung (27-44); 4. Joseph gibt dem Kind in der Wiege zu trinken, Schlußworte Josephs: wir suln in gotfroelich sin, wir mügen iht lenger hie gesin (45-57). Dieses Wiegenspiel hängt mit dem hessi- 1 Hgb. Piderit, 1869; Froning S. 902-39. Hoffmann v. Fallersleben, Gesch. d. dt. — Vogt, Die schles. Weihnachtsspiele aaO. Kirchenliedes S. 416-22 u. ff. (Weihnachts- S. 138-43. lieder beim Kindelwiegen); Ph. Wacker- 2 Siehe unten Krippenspiele. nagel, D. dt. Kirchenlied 2, 461 ff. 3 Hgb. Kummer, Erlauer Spiele S. 1-9. — Krippenspiele. Dreikönigsspiele. Ordo Rachelis. Prophetenspiel 573 sehen Weihnachtsspiel zusammen und hat ebenfalls einen fidelen, spaßhaften Ton. Dreikönigsspiele Das Dreikönigsspiel oder Magierspiel ging ursprünglich aus einer mit der Liturgie verknüpften Handlung hervor, indem in der Kirche drei Kronen tragende Geistliche ihre Geschenke an der Krippe darbringen, während dem der Stern, auf irgendeine Weise angebracht, sich über ihnen bewegte. — Das lateinische Freisinger Dreikönigsspiel, Herodes sive Magorum adoratio, folgt der biblischen Erzählung oft ganz wörtlich. Der Freisinger und der Straßburger Text haben eine gemeinsame Vorlage, sie stimmen vielfach wörtlich überein. Weiter ausgeführt als die immer nur eine oder wenige Zeilen fassenden Reden dieser beiden Spielentwürfe ist der Erlauer Ludustrium magorum, 1 356 V., ein wirkliches Drama, dramatisierte biblische Geschichte mit eingeflochtenen komischen Szenen wie: der Narr des Herodes, Lappa, klagt diesem, er habe Hunger und wolle den Tisch decken, eine Wurst und süßer Wein würden ihn trösten (V. 120-30). — Herodes lädt die drei Könige zur Tafel ein; auf die Heimkehr der drei Könige folgt die Flucht nach Ägypten (239-70), Herodes befiehlt den Kindermord (271-308); der Narr und seine Gesellen versprechen dem Herodes, den Kindern die Kehlen abzuschneiden; der Narr kommt zu Rachel und kündigt ihr an, daß er ihre Kinder töten werde; Wehklage der Rachel (309-356). Ordo Rachelis Die Ordo Rachel is,lat., für den Tag der unschuldigen Kindlein, 28. Dez., bestimmt, beginnt mit der Verkündigung des Engels an die Hirten; es folgt die Anbetung des Kindes und der Befehl des Engels zur Flucht nach Ägypten; Herodes befiehlt den Kindermord, darauf die Klage der Rachel; eine Trösterin sucht sie zu beruhigen. Die biblische Grundlage ist Jeremias 31, 15, worauf in Ev. Matth. 2, 18 Bezug genommen ist. Die Ordo Rachelis hatte als Sonderspiel nicht lange Bestand und wurde mit dem Dreikönigsspiel vereinigt. Prophetenspiel Eine Erweiterung des Weihnachtszyklus besteht in dem schon mehrfach genannten Prophetenspiel: Propheten des Alten Testamentes verkündigen ihre Weissagungen, die Juden glauben nicht daran, und so betont das Prophetenspiel den Zwiespalt zwischen Christentum und Judentum, der auch zu einer Disputation zwischen Propheten unter Leitung des Augustinus und Juden unter dem Archisynagogus dramatisiert ist. Auch dieses Spiel ist aus der Liturgie hervorgegangen, indem es durch eine pseudoaugustinische Predigt gegen die Juden bedingt war, die als Lektion beim Weihnachtsgottesdienst vorgetragen wurde. 1 Kummer S. 11-30; Froning S. 940-52. 574 Das Drama bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts 4. FRONLEICHNAMSSPIELE 1 Der Fronleichnamstag ist der Feier des Altarsakraments, des heiligen Abendmahls, gewidmet, bei welcher der Leib des Herrn (mhd. vron-lichfnjamfej) dargereicht wird. Das Fest wurde anno 1264 von Papst Urban IV. eingesetzt. Aus den an diesem Tage veranstalteten Umzügen, die zu feierlichen Prozessionen sich gestalteten, entwickelte sich das „Prozessionsspiel". Der Zug machte an bestimmten Stationen halt, und jeweils eine Gruppe führte ihre Rolle durch, wobei sie sich zuerst in ihrer Bedeutung vorstellte. Der Text bestand nur aus kurzen Sprüchen. Schließlich wurde dieses „Prozessionsspiel" unter Beibehaltung seines Namens zum eigentlichen Fronleichnamsspiel. Nach dem Vorbilde der Oster- und Passionsspiele erweiterte man dann die Darstellung auf die ganze Heilsgeschichte vom Sündenfall bis zur Erlösung durch Christus, immer aber in Hinsicht auf den Zweck, die Feier des Altarsakraments. Das Künzelsauer, das Innsbrucker und das Egerer Fronleichnamsspiel Das Künzelsauer Fronleichnamsspiel 2 (Künzelsau am Kocher im württembergischen Ostfranken) enthält die ganze Heilsgeschichte, ist aber nicht für eine einheitliche Bühne bestimmt, sondern hat den Charakter einer Prozession beibehalten, indem es auf drei Stationen verteilt ist: 1. Schöpfung, Fall Lucifers, Sündenfall usw. bis auf Melchisedek; 2. Von Moses bis zum bethlehemitischen Kindermord; 3. Von Johannes dem Täufer bis zum jüngsten Gericht. Zum Schluß tritt der Papst auf mit der Mahnung, das gesegnete Brot (das heilige Abendmahl) würdig zu gebrauchen, die Priester zu ehren und so des ewigen Lebens teilhaftig zu werden. — Abfassungszeit: im Jahre 1479, Sprache ostfränkisch (= Mundart von Künzelsau); die Hs. besteht aus einem Hauptstück und Beilagen (Nachträgen) am Anfang und am Schluß; zusammen etwa 5600 V. Des Umfangs wegen muß die Aufführung wohl auf mehrere Tage verteilt gewesen sein. Das Innsbrucker Fronleichnamsspiel 3 ist älter als das Künzelsauer; Innsbrucker Hs. vom Jahre 1391; Original thüringisch aus den ersten Jahr- 1 Lit.: Creizenach S. 169-72. 187; Klimke, dazu Schröder, Anz. 45, 191 f., Mansholt, Das volkstüml. Paradiesspiel, 1902, 7 ff.; ZfdPh. 51, 354 f., Maurer, Lbl. 1931, 24-26; Stammler, D. relig. Drama S. 34; Ders., Auszug: Herm. Werner, Germ. 4, 338-61; Merker-Stammler Reallex. 1, 235-37. — Dör- H.Bauer, D. Künzelsauer Fronl., der An- rer u. Gierach, Fronleichnamsspiele, Stamm- fang desselben mitgeteilt, Zs. d. hist. Ver. f. d. ler Verfasserlex. 1, 698-773 (Dörrer, Bozner wirtemberg. Franken 6 H.3,1865; Schröder, Fr.spiel S. 698-730; Gierach, Egerer Fr.spiel ZfdA. 36, 240. — Teiel Mansholt, D. Kün- S. 730-32; Dörrer, Freiburger Fr.spiel S. 732 zelsauer Fronleichnamsp., Marbg. Diss. 1892; -68; Dörrer, Künzelsauer Fr.spiel S.768-73). Creizenach S. 233 f.; Klimke, D. volkst. Pa- — F. Dreher, Das Friedberger Frohnieich- radiesspiel aaO. S. 16; Stammler, D. relig. namsspiel u. d. Schicksal der Spielgewänder, Drama S. 26 f.; Dörrer, Künzelsauer Fron- Friedberger Geschichtsblätter II, 1910,171 ff. leichnamspiel, Stammler Verfasserlex. 1,768-73. (Tafelmalereien von 1469 im Chor der Lieb- 3 Hgb. Mone S. 145-64; Dora Franke, Das frauenkirche zu Friedberg). Innsbr. Fronleichnamsspiel, Marb. Diss. 1922, 2 Hgb. Mone 1, 145 ff.; Albert Schumann, Auszug im Jahrb. d. philos. Fak. zu Marbg. Das Künzelsauer Fr. vom Jahr 1479 hgb., 1926, 1922/23. — Creizenach S. 233. 235. Das Künzelsauer, das Innsbrucker und das Egerer Fronleichnamsspiel 575 zehnten des 14. Jahrhunderts. Er hat keine eigentliche Handlung, sondern besteht, dem lehrhaften Zweck entsprechend, aus einzelnen Reden. Die erste ist einem Höllenfahrtsspiel entnommen: Adam und Eva danken Christus für ihre Erlösung aus der Hölle; es folgen die Propheten und Apostel, Johannes der Täufer, die drei Könige; zum Schluß spricht der Papst über das heilige Abendmahl. Das Egerer Fronleichnamsspiel 1 (15. Jahrhundert) dauerte drei Tage; es beginnt mit Schöpfung und Sündenfall, schließt mit der Auferstehung und wurde von Schülern auf dem Markt gespielt; Hs. Eger, jetzt Nürnberg. 5. ANDERE SPIELE AUS DEM NEUEN TESTAMENT Himmelfahrt, Höllenfahrt, Weltgericht Christi Himmelfahrt. St. Galler Himmelfahrt; Christus erscheint den versammelten Jüngern; Gespräch. 2 Höllenfahrt. 3 Marien Himmelfahrt. Apokalyptische Erzählung: Drei Tage vor ihrem Tode verkündet ein Engel Maria ihr Ende. Am Tage ihres Todes versammeln sich die in der Welt verstreuten Apostel um Maria. Christus nimmt die Seele in den Himmel, die Apostel tragen den Leichnam zu Grabe. Am dritten Tage erscheint Christus wieder und trägt auch den Körper zu sich in den Himmel empor. 4 Weltgerichtsspiele, Spiele vom jüngsten Gericht. 5 Die entsprechende biblische Stelle ist Ev. Matth. 24, 30 f. 25, 31 ff. Der Inhalt ist nach dem Rheinauer Text von 1467 (Kloster Rheinau bei Schaffhausen): Ansprachen der Propheten und Kirchenväter; die Engel und die Posaunen des jüngsten Gerichts wecken die Toten; Christus hält Gericht; Scheidung der Frommen und der Sünder, welch letztere trotz der Fürbitte Marias und des Johannes verdammt und von den Teufeln in die Hölle abgeführt werden, während die 1 Ausg. G. Milchsack, Lit. Ver. Nr. 156, neberg. Dialekt); Creizenach S. 125. 236. 1881; Auszug: Bartsch, Germ. 3, 367-97. — 5 Ausg. Mone 1, 265-304; H. Jellinghaus, Gierach, Stammlers Verfasserlex. 1, 730-32 Ein Spiel vom jüngsten Gerichte, ZfdPh. 23, (mit Lit.). 426-36 (Kopenhagener Hs., Kollation zu 2 Baechtoid, Gesch. d. dt. Lit. in d. Schweiz Mone); L. A. Willoughby, Von dem jun- S. 209; Creizenach S. 250; Neil C. Brooks, gesten Tage, a middle high germ. poem of the Eine liturgisch-dramatische Himmelfahrts- thirteenthcent.,ed. 1918. —K. REUscHEL,Die feier, ZfdA. 62, 91-96 (lat. Spielrolle). dt. Weltgerichtsdichtungen, 1895; Ders., Die 3 K. W. Chr. Schmidt, Die Darstellung von dt. Weltgerichtsspiele d. MA.s u. der Refor- Christi Höllenfahrt in den deutschen und den mationszeit, e. literarhistor. Untersuchg. nach ihnen verwandten Spielen d. MA.s, Marbg. d. Abdruck des Luzerner „Antichrist" von Diss. 1915. 1549, 1906; R. Klee, D. mhd. Spiel vom 4 Hgb. Mone 1, 19 ff.; Rud. Heim, Bruch- Jüngsten Tage, Marbg. Diss. 1906; Baech- stück eines geistlichen Schauspiels von Marien told, Gesch. d. dt. Lit. in d. Schweiz S. 209 Himmelfahrt, ZfdA. 52, 1-56 (lat. u. deutsch, (Rheinauer Weltger.spiel); Singer, D. mittel- lat. Spielanweisungen, alem., Hs. Amorbach, alterl. Lit. d. dt. Schweiz S. 50 f.; Creizenach von 2 md. Schreibern, 13./14. Jh.). — Franz S. 122. 238 f. u. Reg. S. 598. 627; Walth. Ebbecke, Untersuchungen zur Innsbrucker Rehm, Der Todesgedanke in d. dt. Dichtung, Himmelfahrt Mariae, Marbg. Diss. 1929 (Hen- 1928, 81. 576 Das Drama bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts Frommen in den Himmel eingehen. Es bestehen fünf deutsche Fassungen des 15. Jahrhunderts, die auf einen verlorenen deutschen Grundtext zurückgehen, der wohl aus der bußfertigen Stimmung der Geißlerzüge um die Mitte des 14. Jahrhunderts hervorging. Das Spiel von den zehn Jungfrauen Historisch denkwürdig ist Das Spiel von den zehn Jungfrauen 1 (die 10 klugen und törichten Jungfrauen), durch dessen Aufführung in Eisenach im Jahre 1322 der Landgraf Friedrich von Thüringen so erschüttert wurde, daß er, vom Schlag gerührt, in Siechtum verfiel und nach zwei Jahren starb. Und in der Tat besitzt dieses Drama eine außergewöhnliche Wirkungskraft. Schon die gegensätzliche Stimmung, die Freude der Klugen, die Verzweiflung der Törichten, mußte den Zuschauer in die bange Sorge versetzen, welches Schicksal ihm zuteil werde, der Himmel oder die Hölle. Und dem gewaltigen Inhalt (553 V., 2 Hss.) ist der Dichter, wohl ein Mönch des Dominikanerklosters in Eisenach, vollständig gerecht geworden, denn er besitzt eine große Gewandtheit in der sprachlichen Darstellung, die sich auch auf die Wahl der Verse erstreckt. Stark herausgearbeitet ist die religiöse Gesinnung der Klugen: „Der Tod schleicht spät und frühe heran, keiner entflieht ihm ..., findet uns der Bräutigam bereit, so werden wir geleitet in die Freude, die kein Ende hat." Ebenso kräftig und anschaulich ist der Leichtsinn der Törichten ausgemalt: „Wer sollte sich noch kehren an Fasten und an Beten wie die alten Kirchentreterinnen ? Wir freuen uns noch dreißig Jahre, darauf lassen wir unser Haar scheren und begeben uns in ein Kloster." Ais sie kein öl haben, kommen sie zum Bewußtsein ihrer Sünde und bitten Christus um Einlaß; er aber weist sie ab, selbst die Fürbitte seiner Mutter Maria erhört er nicht, denn er muß gerecht richten. — Große Sorgfalt ist auf den Rhythmus verwendet, der durch die Stimmung des Textes eingegeben ist: rasch beschwingt sind die Reden der Törichten, in langsamem Tempo dagegen bewegen sich die der Klugen, in zwölf schweren Nibelungenstrophen endet der tragische Abschluß mit den Klagen der törichten Jungfrauen. Quelle des Stückes ist das Ev. Matth. Kap. 25, 1-13; dazu sind lateinische Hymnen benutzt. Von den lateinischen, gesungenen Textworten sind nur die Anfänge verzeichnet, die deutschen, gesprochenen Reimpaare sind vollständig angegeben. 1 Hgb. Stephan, Neue Stofflieferungen für 129-66; Ders., Vortrag, Rostock 1872; Wein- d. dt. Gesch. 2,1847; Ludw. Bechstein, 1855; hold, Weihnachts-Spiele u. Lieder aaO. eine zweite Bearbeitung: Max Rieger, Germ. S. 70-73; G. Bossert, D. geistl. Schauspiel 10, 311-37 (565 V.); Otto Beckers, D. Spiel von d. 10 Jungfr., 1883 (populärer Vortrag); von den zehn Jungfrauen und das Katharinen : Joh. Marbach, Die Aufführung des geistl. spiel hgb., Germ. Abh. 24, 1905, dazu Ehris- Spiels von den 10 Jungfrauen zu Eisenach mann, ZfdPh. 40, 380-82; übersetzt bei Bech- 1322, Korrespondenzbl. d. Gesamtvereins d. stein aaO. und bei A. Freybe, D. Spiel von dt. Gesch.- u. Altertumsvereine 1894, 150-55; den 10 Jungfrauen, 1870. — Abhandl.: L. Ottokar Fischer, Die mittelalterl. Zehn- Koch, D. geistl. Spiel von d. 10 Jungfrauen Jungfrauenspiele, Arch. 125, 9-26; W. Rehm, nach Sinn u. Tendenz beleuchtet, Zs. d. Ver. Todesgedanke aaO. S. 80 f.; Stammler, D. f. Thüring. Gesch. 7; Reinhold Bechstein, relig. Drama S. 24 f.; Creizenach S. 70 f. Zum Spiel von den 10 Jungfrauen, Germ. 11, 120-22. Das Spiel von den zehn Jungfrauen. Unbedeutendere Spiele. Bruchstücke 577 Unbedeutendere Spiele. Bruchstücke Unbedeutend sind: Ein Spiel von Johannes dem Täufer. 1 Ein Spiel vom verlorenen Sohn, 2 am Pfalz-Zweibrückener Hof aufgeführt. Ein Spiel von Sant Elisabeth wurde in Marburg aufgeführt laut einer Nachricht aus dem Jahre 1481. 3 Über das Spiegelbuch s. oben. Über die biblische Tradition hinaus führen die Bruchstücke einer Gothaer Hs. des 15. Jahrhunderts (58 zum Teil verstümmelte Verse, thüringisch), die zu einem Schauspiel gehören, das sich über mindestens zwei Tage erstreckt. Die erhaltenen Verse handeln von der Zerstörung Jerusalems durch Vespasianus und Titus und von der Rache an Nero für die Verfolgung der Apostel. Es redet nur eine Person, ein Bote (Botenrolle). 4 — Auch in der Innsbrucker Hs. von Mariae Himmelfahrt (s. oben) schließt sich noch die Zerstörung Jerusalems an. 5 6. ALTTESTAMENTLICHE SPIELE Spiele, in welchen Stoffe aus dem Alten Testament behandelt werden, sind nur selten. Die ganze biblische Geschichte des Alten und Neuen Testamentes von der Schöpfung bis zur Auferstehung Christi ist Gegenstand eines auf drei Tage berechneten Spieles mit einem Umfang von 7000-8000 Versen; Hs. Ende 15. Jahrhunderts aus Eger. Inhalt: Erschaffung des Paradieses, Abfall und Sturz Lucifers, Erschaffung Adams und Evas, ihre Verführung durch die Schlange, das ist Satanas, der Diener Lucifers usw., der biblischen Geschichte folgend. Benutzt sind ältere Spiele und Lieder. 6 Paradiesspiele Beliebt waren die Paradiesspiele 7 (Paradeisspile) oder Adam-und-Eva- Spiele. Sie hängen mit dem Prophetenspiel zusammen, denn das Elternpaar der Menschen hat nach dem Sündenfall mit dem Fluch auch die Verheißung von Gott erhalten. Somit waren Adam und Eva die ersten Zeugen für die Gottheit Christi; Sündenfall und Erlösung durch Christus, die beiden Pole der christlichen Heilsgeschichte, werden in späteren Paradiesspielen häufig einander gegenübergestellt. Das Paradeisspiel enthält die Schöpfungsgeschichte und die Erschaffung der Engel, den Abfall und Sturz Lucifers und den Sün- 1 O. Richter, Das Johannisspiel zu Dresden 5 Mone 1, 19 ff. — Creizenach S. 235 f. im 15. u. 16. Jh., N. Arch. f. sächs. Gesch. u. 6 Im Auszug hgb. Bartsch, Germ. 3,267-97. Altertumskunde 1883, 101-14; L. Gombert, 7 Carl Klimke, Das volkstümliche Paradies- Joh. Aals Spiel von Johannes d. Täufer u. die spiel u. seine mittelalterl. Grundlagen, Germ, älteren Johannesdramen, Germ. Abh. 31, Abh. 19, 1902; E. Peters, Quellen u.Charak- 1908; Oskar Thulin, Johannes d. Täufer im ter der Paradiesesvorstellungen in d. dt. Dichtg. geistl. Schauspiel d. MA.s u. der Reformation, vom 9. bis 12. Jh., Germ. Abh. 48, 1915; Nau- 2 E. Schmidt, Analecta Germ. H. Paul dar- mann, Grundzüge der Deutschkunde, 1922, gebracht, 1906. 106 f.; Fr. Wilh. Strothmann, Die Gerichts- 3 Schröder, Anz. 39, 175. Verhandlung als literar. Motiv in d. dt. Lit. d. 4 Abgedr. Bartsch, Beiträge zur Quellen- ausgehenden MA.s, 1930, 66 ff.; Stammler, künde S. 355-58; Schröder, Die Gothaer D.relig. Drama S. 14; Ders., Merker-Stammler Botenrolle, ZfdA. 38, 222-24. Reallex. 1, 223 f. 37 Deutsche Literaturgeschichte IV 578 Das Drama bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts denfall der ersten Menschen. Schon die erste Nachricht von einem solchen Spiel, die in den Regensburger Annalen vom Jahre 1194 überliefert ist, gibt diesen Inhalt an. Eine Erweiterung fand dadurch statt, daß zuweilen auch der Streit der Töchter Gottes (s. oben) eingefügt wurde. Der Zeit nach fielen die Aufführungen der Paradiesspiele zusammen mit den Weihnachts-, den Oster- oder den Fronleichnamsfesten. Sonst wurden nur wenige Stoffe aus dem Alten Testament dramatisiert: Bruchstücke eines mnd. Spieles von Esau und Jakob und eines ebenfalls mnd. Spiels von Simson (s. unt. mnd. Lit.) sind erhalten; ein lat. Drama „De Isaac et Rebecca et filiis eorum" in einer Vorauer Hs. des 13. Jahrhunderts ist eine Präfiguration, eine Deutung auf das Neue Testament. 1 7. LEGENDENSPIELE 2 Im Verhältnis zu den reichen, im Stoff gegebenen Möglichkeiten zu dramatischer Darstellung ist die Zahl der Legendenspiele gering. St. Georg. St. Nicolaus Das in einer Augsburger Hs. vom Jahre 1473 erhaltene Spiel von St. Georg 3 (etwa 1680 V.) hat in der Fassung bei Greiff manche Schönheiten, besonders in der Schlußszene, wo St. Georg die Königstochter befreit, die sich zum Christentum bekehrt. Ein kurzes Spiel von St. Nico laus, lat., 36 Hexameter, ist in einer Ein- siedler-Hs. (Schweiz) des XII. Jahrhunderts enthalten: 4 Drei Studenten kehren auf der Wanderschaft bei einem Ehepaar ein, werden von diesem ermordet, vom heil. Nikolaus wieder erweckt. Eine ehemals Hildesheimer Hs. 5 des 11. Jahrhunderts enthält zwei lateinische dramatische Nikolauslegenden in 19 bzw. 16 vierzeiligen Strophen mit Kehrreim. Die erste der zwei dramatischen Legenden: der heil. Nikolaus errettet einen in Armut geratenen Vater und seine drei Töchter aus Elend und Schande (Gespräch zwischen dem Vater und jeder der drei Töchter, St. Nikolaus als Fremdling hilft ihnen durch ein Geschenk). Die zweite Legende behandelt die Ermordung und Wiedererweckung der drei Kleriker. Theophilus Am meisten verbreitet war die Legende von Theophilus, dem Teufels- bündler. 6 Dem Vizedominus Theophilus in Adana in Cilicien wird von dem 1 Karl Meyer, ZfdA.39, 424 f.; Creize- — Creizenach S. 236. nach S. 68. 114 f.; Stammler, Reallex. aaO. 4 Das Einsiedler Spiel hgb. P. Gall Morel, 3 Creizenach S. 125-27. 236-39; Stamm- Anz. f. Kde. d. dt. Vorz. 1859, 207. — Singer, ler, D. rel. Drama S. 23 f. 38-40; Ders., Mer- LG. d. dt. Schweiz im MA., 1916, S. 18; Crei- ker-Stammler Reallex. 1,237; Merker, ebda zenach S. 97. 2, 187 f. s Jetzt im Britischen Museum, hgb. Ernst 3 Hgb. Keller, Fastnachtspiele, Nachlese Dümmler, ZfdA. 35, 401-7. — Dümmler Nr. 125; Benedikt Greiff, Germ. 1, 165-92; und Schröder, ZfdA. 36, 238-40. Alwin Müller, D. Spiel von St. Georg von ° Die verschiedenen Bearbeitungen der Theo- e. Augsburger Bürger von 1473, erneuert, 1924. philuslegende s. Ettmüller, Vorwort zu seiner St. Georg. St. Nicolaus. Theophilus. Spiel von Frau Jutten 579 Bischof seine Pfründe entzogen. Aus gekränktem Stolze läßt er sich vom Teufel verführen, schließt mit ihm einen Pakt und schwört allen Glauben ab, nur nicht den an Maria. Durch eine Bußpredigt wird er von Reue erfaßt, und auf Fürbitte der Mutter Gottes hin erlangt er Christi Gnade. Die Legende war in verschiedenen Sprachen verbreitet, im Deutschen in der Form von erzählenden Gedichten und in einem mnd. Drama (s. unten). Spiel von Frau Jutten Viel Ähnlichkeit mit der Theophiluslegende im Grundgedanken und in den daraus sich ergebenden Folgen hat die Legende von Frau Jutten, 1 verfaßt von Dietrich (Theodorich) Schernberg, einem Geistlichen zu Mühlhausen in Thüringen, um 1490. Die Legende von Theophilus hat er dabei stark benutzt, auch andere mhd. Legenden. Inhalt. Erster Teil V. 1-784. Lucifer ruft sein höllisches Gesinde zusammen, auch des Teufels Großmutter tanzt den Rcicn mit (V. 1-128); zwei Teufel kommen als Boten zu der Jungfrau Jutta und versprechen ihr, der diese Rede wohlgefällt, große Ehre (129-216); Jutta zieht als Mann verkleidet unter dem Namen Johan von Engelland mit ihrem Buhlen Clericus nach Paris auf die hohe Schule, der Magister dort verhilft ihnen dazu, Doctores zu werden (217-394); Jutta und Clericus ziehen miteinander nach Rom; vier Cardinäle bringen sie beide zum Papst Basilius, dann werden sie von diesem zu Cardinälen gemacht. Der Papst stirbt, und Jutta wird von den Cardinälen zum Papst gekrönt. Papst Jutta treibt dem Sohn eines römischen Senators einen Teufel aus, dieser offenbart den Cardinälen, daß der Papst ein Weib ist und ein Kind trägt (394-784). — Zweiter Teil V. 785 bis zum Schluß V. 1728. Der Erlöser (Salvator) will dem Weib, das Papst geworden ist, ein Ende bereiten, doch Maria bittet um Gnade für sie, auf daß sie nicht für ewig verdammt werde; dieser Fürbitte entsprechend will der Salvator Barmherzigkeit walten lassen (785-838) und sendet seinen Engel Gabriel zu Jutta, dann den Tod, der ihr verkündigt, daß sie sterben muß (839-1054). Jutta ruft zum zweitenmal (1054) Maria an; sie stirbt bei der Geburt eines Kindes, die Teufel führen ihre Seele zu Lucifer; sie ruft wiederum Maria um Hilfe an (1081-1464), und wieder bittet Maria den Salvator und auch St. Nicolaus, daß ihre Seele von den grausamen Höllenhunden erlöst werde und in der Seligkeit ihre Betrübnis vergessen möge. Salvator sendet den Engel Michael als Boten zu Papst Jutten Seele, daß sie aus der Pein erlöst werde. Michael bringt die Seele der armen Sünderin, die von Salvator freundlich aufgenommen wird (1465-1724), in den Himmel. — Das Spiel ist nur deutsch, die einzelnen Szenen und die einzelnen Sprechrollen sind durch deutsche Sätze und die Namen der betreffenden Personen überschrieben; dadurch erhält der Sprechcharakter des Spiels äußerlich stark Ausgabe: Theophilus, der Faust des Mittel- von frau Jutten" u. dem Theophilus, Progr. alters, 1849, S. V-XLIV; K. Plenzat, Die Arnau 1890; Rich. Haage, Dietr. Schernberg Theophiluslegende in d. Dichtungen d. MA.s, u. sein „Spiel von Frau Jutten", Marbg. Diss. 1926. — Wilh. Meyer, Radevins Gedicht üb. 1891, dazu Bechstein, Germ. 37, 235-40, Theophilus, Münch SB. 1873, 49 ff. u. Ges. Wackernell, Anz. 19,342 f., Drescher, Lbl. Abhandl. 1,59-120; s. LG. I 1 , 361 Anm. 1, 1893, 86-89; Schröder, Goethes Faust u. das 2. Aufl. S. 372 Anm. 1. Spiel von Frau Jutten, Vjschr. f. LG. 4, 1891, 1 Hgb. Edward Schröder, Dietrich Sehern- 336-38; Chr. Sarauw, Textgeschichtliches zu bergs Spiel von Frau Jutten (1480), 1911; d. Spielen von Theophilus u. Frau Jutten, früher: Keller, Fastnachtspiele II Nr. 111 Beitr. 48,495 f. (Stellen); Creizenach S. 241 S. 900-55, s. auch Nachlese S. 322. 349 (ge- -43; Walther Rehm, Todesgedanke aaO. druckt schon von Mag. Tilesius 1565). — S. 80 f.; Stammler in Merker-Stammler Real- Schröder, ADB. 31, 120 f.; A. Reichl, Die lex. 1,237; Merker, ebda 2, 188; Stammler, Beziehungen zwischen Th. Schernberks „spil D. rel. Drama S. 38 f. 37* 580 Das Drama bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts epische Form. Der geistige Kern ist auch hier die Verherrlichung der Mutter Gottes Maria und ihrer Barmherzigkeit, die jedem zu ihr flehenden Sünder Gnade gewährt. — Die trockene, lang gezogene Sprache erhebt sich doch zuweilen zu höherem Empfinden. Die vierhebigen Verse sind frei gebaut, die Reime ungewandt. Alexius. Katharina. Dorothea u. a. Ein Spiel vom heil. Alexius, 1 das nur in einem Bruchstück erhalten ist, 268 V., 15. Jahrhundert vor 1448, thüring., scheint dem Personenverzeichnis nach ziemlich umfangreich gewesen zu sein. — Bruchstücke eines St. Oswaldspiels vom Jahre 1480. 2 Das Spiel von der heiligen Katharina 3 und ihrer Marter durch den Kaiser Maxentius hat geringen poetischen Wert. Quelle ist die Legenda aurea, die sklavisch wiedergegeben wird; 702 V., thüring., 15. Jahrhundert. Nicht vollständig erhalten ist das Dorotheasp iel, 4 270 V. Die Hs., Kremsmünster, ist um 1350 geschrieben, stammt der Mundart nach wahrscheinlich aus Obersachsen. Quelle ist ebenfalls die Legenda aurea. Lateinisch sind nur die Bühnenanweisungen. Die Darstellung entspricht dem Ernst des Inhalts.— Auch die Legende von der heil. Barbara ist dramatisch bearbeitet worden. 5 Heilig-Kreuz-Spiel Inhalt des Heilig-Kreuz-Spiels 6 ist die Legende der heil. Helena, die von der Auffindung des heil. Kreuzes, der Kreuzauffindung oder Kreuzerfindung, durch die heil. Helena, die Mutter Konstantins d.Gr. (im Jahr326) und der Kreuzerhöhung durch den Kaiser Heraklius(s.LG.II,2, 118) handelt. Das Spiel, aus dem 15. Jahrhundert, 2010 Verse, nahm zwei Tage in Anspruch. 8. TOTENTÄNZE Lit. J. Grimm, Dt. Mythologie 4. Ausg. 1876, 107 ff.; H. F. Massmann, Die Baseler Totentänze, 1847. W. Wackernagel, ZfdA. 9, 302-65 u. Kl. Sehr. 1,302-75; Keller, Fastnachtspiele, Nachlese S. 265 ff.; W. Bäumker, in Wetzer u. Weite Kirchenlex. 2. Aufl. Bd. 11; Ders., Der Totentanz 1881 (populäre Zusammenstellung); N. Burckhardt-Biedermann, Üb die Basler Todtentänze, 1882; K. J. Schröer, Todtentanzsprüche, Germ. 12, 284-309; Max Rieger, Das Spiegelbuch hgb., ebda 16, 173-211; Ders., Der jüngere Todtentanz, ebda 19, 257-80; W. Seelmann, Die Totentänze d. MA.s, Nd. Jahrb. 17, 1891, 1-80; Euling, Jakobsbrüder aaO. 1899 S. 1; P. Kupka. Üb. mittelalterl. Totentänze, Untersuch, üb. ihre Entstehg. u. ihre Verwandtschaftsverhältnisse, Progr. Stendal 1905; Ders., Zur Genesis der Totentänze, 1907; W. Fehse, Der Ursprung der Totentänze, mit e. Anhang: der vierzeilige obd. Totentanztext, 1907, 1 Hgb. Rueff in seiner Ausgabe des Rhein. 4 Hgb. Hoffmann, Fundgruben 2, 284-95, Osterspiels der Berl. Hs. (s. oben) S. 62-71. besser Heinr. Schachner, ZfdPh. 35,157-96 207-16. mit Abhandlung. — Beckers, Spiel v. d. 10 2 Schweiz. Arch. f. Volkskunde 1, 124. Jungfrauen aaO. S. 127; Creizenach S. 126; 3 Hgb. Stephan, Neue Stofflieferungen aaO.; Stammler, D. rel. Drama S. 23 f. O. Beckers aaO. S. 3-5 ff. u. 125-57. — C. 6 P. Seefeld, Studien üb. die verschiedenen Krollmann, Das mittelalterl. Spiel von d. mittelalterl. dramatischen Fassungen der Bar- Heil. Katharina in Königsberg, Altpreuß. baralegende, Greifsw. Diss. 1909. Forschungen 5 H. 1, 1929. — Creizenach 6 Hgb. Keller, Nachlese zu d. Fastnachts- S. 125 f. spielen S. 54 ff. — Creizenach S. 236 f. Alexius. Katharina. Dorothea u. a. Heilig-Kreuz-Spiel. Augsburger Totentanz 581 dazu Schröder, Anz. 31, 146 f., Mogk, Lbl. 1908, 187 f.; Fehse, Der obd. vierzeilige Totentanztext, ZfdPh. 40, 67-92; Ders., Das Totentanzproblem, ebda 42, 261-86; Willy F. Storck, Das „Vado mori", ebda S. 422-28; K. Künstle, D. Legende der drei Lebenden und der drei Toten u. der Totentanz, 1908; A. Freybe, Das memento mori in deutscher Sitte usw., 1909, darin die Totentänze S. 65-150; A. Dürrwächter, D. Totentanzforschung, 1914; Stammler, Mnd. Lesebuch, 1921, Nr. 74 u. Anm. S. 146 f. (Lit.); Ders., Die Totentänze des MA.s, 1922; Ders., Die Totentänze, Bibl. d. Kunstgesch. 47,1923 (Abbildungen); H.Thiele, Stud. zur Gesch. der Totentänze, Gießen. Diss. 1923, Masch.dr.; Bertha A. Wallner, Die Bilder zum achtzeiligen obd. Totentanz, e. Beitrag zur Musik-Ikonographie des 15. Jh.s, Zs. f. Musikwissen- sch.6, 1923, 65-74; Der todten Dantz mit Figurenu. Schrifften, Mainzer Ausgabe vom Ende des 15. Jh.s, 1925; Gert Bucheit, D. Totentanz, seine Entstehung u. Entwickig., 1926, dazu Strauch, DLZ. 1927, 1563 ff.; Bebermeyer, Dt. Vjschr. 7, 1929,311-14; Rehm, Todesgedanke aaO. S. 73 ff., 87 ff. u.ö.; Ellen Breede, Stud. zu d. Iat. u. deutschsprachlichen Totentanztexten des 13. bis 17. Jh.s, 1931, dazu Langosch, Anz. 53, 94-96; Pyritz, DLz. 1933, 735-37, Suolahti, Neuphilol. Mitteil. 33, 1932, 241-43; Piquet, Rev. Germ. 23, 1932, 367 f. Auf der Grenze zwischen Dialog und Drama stehen die Totentänze. Dichterisch sind sie sowohl episch gestaltet worden in Form von Liedern, als auch dramatisch in Form von Spielen, bzw. in Dialogen zwischen dem Tod und den Lebenden, die als Vertreter der menschlichen Stände auftreten. Besonders aber ist das Motiv bildnerisch verwertet worden in Gemälden, Handschriften, an den Mauern geistlicher Gebäude u.a. Die Grundvorstellung geht aus von dem Aberglauben, daß die Toten (nicht der Tod) nachts auf den Gräbern des Friedhofs tanzen und auch die Lebenden in ihre Kreise zu ziehen suchen. Es sind eigentlich zwei Arten des Totentanzes zu unterscheiden, der eine, wo die Toten unter sich tanzen, und der andere, wo der Tod mit den einzelnen Menschen tanzt. Der älteste Text, auf den alle Totentanzdichtungen zurückgehen, ist ein lateinisches Gedicht in Distichen, in welchem die Menschen in der Reihenfolge der Stände zum Tode gehen (jeder spricht ein Distichon: „Vado mori, papa ...", „Vado mori, rex"). 1 Zum eigentlichen Totentanzdrama wird die Form erst dadurch, daß der Tod und jeweils die einzelnen Personen nach der Folge der Stände auftreten und sprechen. Einen großen Einfluß haben in dieser Hinsicht die altfranzösischen Totentänze gehabt, die Danses macabres. Die Blütezeit der deutschen Totentänze fällt zwischen 1430 und 1520. 2 Augsburger Totentanz Als Beispiel kann der Augsburger Totentanz dienen. 3 Jeder Rede der einzelnen Personen mit dem Tod ist ein Bild beigegeben. Bei jedem Auftritt sprechen drei Personen. 1. Bild: Der Geistliche predigt auf der Kanzel, rechts sitzen als Zuhörer Papst, Kardinal, Mönch und Bischof. Er spricht über die Pflicht von 8 Ständen. 2. Bild: Links sitzen die weltlichen Stände. Der Geistliche spricht weiter, klagt über die schlechte Schulzucht und den Tod. 3. Bild : Zwei Pfeifer mit Klarinette und Dudelsack treten auf, dann der Tod, der den Bischof hinter sich herzieht, dahinter ein Bürger. Es sprechen der Bischof, die 1 Fehse, ZfdPh. 42, 276-78. 3 Stammler, Totentänze d. MA.s aaO. S. 32 2 Die einzelnen Totentanztexte s. bei Ellen -46.47-64. Breede aaO. 582 Das Drama bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts Pfeifer, der Bürger(untertan) und der Tod. In den folgenden Bildern und Szenen treten auf: in 4: Pfarrer, Tod, Untertan; in 5: Kardinal und die beiden andern; in 6: Papst und die beiden andern; in 7.8.9.10: Kaiser, Richter, Ritter, Fürst und die beiden andern. Das 11. Bild zeigt einen verwesten Leichnam im offenen Sarg, welcher spricht: „Gedenke, was wir sind und werden." 12. Bild: Der Tod in Gestalt eines verwesten Leichnams mahnt, an das Ende zu denken und Gottes Gebote zu halten. 9. WELTLICHE SPIELE Lit. — Allgemeine Lit. über das Lustspiel: Weinhold, Über das Komische im altdeutschen Schauspiel, Gosche, Jahrbuch f. LG. 1, 1865,1^14; Karl Holl, Gesch. d. deutschen Lustspiels, 1923; Castle, Österreich. Lit., Merker-Stammler Reallex. 2, 592 ff. (mit Lit.). Fastnachtspiele: Ausg. Adelbert Keller, Fastnachtspiele aus d. 15. Jh., 3 Bde., Lit. Ver. Bd. 28. 29. 30, 1853, und Nachlese Bd. 46, 1858; Schnorr von Carolsfeld, Vier ungedruckte Fastnachtspiele des 15. Jh.s, Arch. f. LG. 3, 1874, 5 ff.; Froning S. 953-97; B. Ihringer, Altdeutsche Fastnachtspiele, 1909. — Karl Meyer, Fastnachtsspiel u. Fastnachtsscherz im 15. Jh., ZfallgGesch. 3, 1886, 161-81; L. Lier, Stud. z. Gesch. des Nürnberger Fastnachtspieles, 1889; Baechtold, Gesch. d. dt. Lit. in d. Schweiz 1892, 209-11; Victor Michels, Stud. üb. die ältesten dt. Fastnachtspiele, QF. 77, 1896, dazu Uhl, Anz. 24, 65-73; E. K. Chambers, The mediaeval Stage, Oxford 1903, 2 Bde.; Creizenach S. 247; Naumann, Primitive Gemeinschaftskultur Reg. S. 192; Stammler, Von d. Mystik z. Barock S. 271. 492. Einzelne Motive. K. Gusinde, Neidhart mit dem Veilchen, Germ. Abh. 17, 1899 (darin das große Neidhartspiel, das kleine Neidhartspiel); H. Gattermann, Die deutsche Frau in den Fastnachtspielen, Greifsw. Diss. 1911; W. Berger, Das Ehebruchsmotiv im älteren deutschen Drama, Würzbg. Diss. 1912 (im Fastnachtspiel); H. Holsten, Zur Topographie der Fastnachtspiele, ZfdPh. 23, 104-08; M. J. Rudwin, The origin of the German Carnival Comedy, New York 1920, dazu Schröder, Anz. 40, 92 f.; Fr. Wilh. Strothmann, Die Gerichtsverhandlung als literer. Motiv, 1930, 5-18; Rosenhagen, D. Geist d. dt. MA.s, 1929, 202-11. 283 f.; K. Holl, Fastnachtspiele, Merker-Stammler Reallex. 1, 356-58; s. auch unten Mnd. Lit. Das weltliche Schauspiel der Zeit ist aus der Lebensauffassung des Bürgertums hervorgegangen. Diese weltlichen Spiele, die zumeist in das 15. Jahrhundert fallen, sind komödienhaft, Lustspiele, die zur Unterhaltung und Belustigung dienen, nicht wie die geistlichen Spiele zur Belehrung und Erbauung. Fastnachtspiele Die weltlichen Spiele werden gewöhnlich Fastnachtspiele genannt, wenngleich diese Bezeichnung streng genommen nur auf diejenigen Spiele paßt, die aus der Stimmung dieses speziellen Tages hervorgegangen sind, an dem die „Fastnachtsnarren" in Masken ihr Wesen trieben, in den Häusern herumzogen und komische Szenen vortrugen. Im allgemeinen ist in diesen weltlichen Spielen viel Rohheit und Unflat abgelagert, und die Absicht drängt auf das Gemein-Possenhafte. Das eigentliche, zur Volkssitte gewordene Fastnachtspiel hat seinen Ursprung im 15. Jahrhundert und seine Heimat in Nürnberg, und die edelste Frucht dieser Dichtart sind die Fastnachtspiele des Hans Sachs im 16. Jahrhundert. — Die Anordnung der Fastnachtsspiele ist gewöhnlich der Art, daß am Eingang ein Vorspruch einleitet: es wird zum Zuhören Fastnachtspiele 583 und Schweigen gemahnt, oder es wird den Anwesenden ein „Gott grüß" entboten, oder der Wirt (Hauswirt) wird angeredet. Dabei wird kurz der Inhalt der zu erwartenden Vorstellung angegeben. Oft werden diese einleitenden Worte vom „Ausschreier" (Exclamator, Praecursor) gesprochen, der indes manchmal auch das Stück beschließt; auch der „Herolt" eröffnet zuweilen das Spiel. Äußerst bunt ist der Stoffreichtum der Fastnachtspiele. 1 Den geistlichen Spielen stehen am nächsten: Des Entkrist Vasnacht (s. ob.); Die alt und neu Ee (Synagoge und Kirche) von Hans Folz (Keller Nr. 1; Aug. L.Mayer, ZfdA.50, 314-25); Kaiser Constantinus, Silvesterlegende (106); Ein schön spil von Fraw Jutten (Nr. 111, auch 20). — Aus der deutschen Heldensage (Reckenspiel) kommt das Spiel von dem Perner und Wunderer, das sich inhaltlich an König Etzels Hofhaltung anschließt (Nr. 62; Michels S. 65-67; Naumann, Grundzüge der dt. Volkskunde S. 101 f., daselbst S. 100-102 Schwertfegerspiele; Heinr. Pröhle, Welt!, u. geistl. Volkslieder u. Volksschauspiele 2 , 1863, 245-52); Zweikampf zwischen Dietrich und dem hürnen Siegfried; Spiel vom Rosengarten (O. Zingerle, Die Sterzinger Spiele, 1886 I, 146). — Aus dem höfischen Epos: König Artus' Hof (Nr. 127; Michels, S. 77-79; von Rosenplüt?); Das Vasnachtsspiel mit der Krön (Nr. 80); Der Luneten Mantel (Nr. 81); Des Königs von England Hochzeit (Nr. 100, von Rosenplüt; Max Hermann, Die Reception des Humanismus in Nürnberg, 1899). — Aus Schwänken: Von König Salomon und Markolfo (Nr. 60, von Hans Folz; Luigi BiAGiONi,Marcolf u. Bertoldou. ihre Beziehungen, 1930,6ff.); Die Neidhartspiele, deren Kern der Schwank „Neidhart mit dem Veilchen" bildet: Neidhart findet das erste Veilchen im Frühling, deckt seinen Hut darüber und meldet es der Herzogin; unter seiner Führung geht sie mit ihrem Gefolge zu dem Platze, aber als er den Hut abhebt, liegt anstatt des Veilchens ein Dreck darunter. Das Neidhartspiel aus St. Paul in Kärnten aus der Mitte des 14. Jh.s, wohl das älteste weltliche Spiel im Deutschen, 58 V. (vielleicht unvollständig), beschränkt sich in der Hauptsache auf den Veilchenschwank (Schönbach, ZfdA. 40, 368-74). Das „große" Neidhartspiel, Anfang 15. Jh.s, Tirol, ist sehr umfangreich, ca. 2800 V., und enthält außer der Veilchenszene noch andere Streiche, die Neidhart den Bauern spielt, und Ritterszenen, die alle auf den Gegensatz zwischen den Rittern und den tölpelhaften Bauern hinausgehen, auch eine Teufelsszene (Keller Nr. 53 S. 393467); das „kleine" Neidhartspiel (Nr. 21) ist am Ende des 15. Jh.s entstanden (Gusinde, Neidhart mit d. Veilchen, Germ. Abh. 17, 1899; Michels S. 16-28, Das große Neidhartspiel; F. Hintner, Beiträge zur Kritik d. dt. Neidhartspiele des 14. u. 15. Jh.s, 4 Programme Wels 1904-07; R. Brill, D. Schule Neidharts, Pal. 37, 1907, 204-17; Singer, Neidhart- Studien, 1920, 8. 41. 47-49; Rosenhagen, Geist d. dt. MA.s S. 206 f. 208. 283 f.; Holl S. 42 -45). — Auf Stände sich beziehende Spiele: Besonders die Bauern werden in vielen Fastnachtspielen mitgenommen (Nr. 2 Wallbruder u. Bauer, 3. 5. 6. 7. 12. 28. 43. 45. 46. 65. 69. 82. 88. 104, 112 von Folz); ferner Fürsten und Ritter (Nr. 17. 46. 47. 75); Mönche und Pfaffen (Nr. 64. 66); Von einem Kaiser und einem Apt (Nr. 22, auch Sonderdruck von Keller 1850; Froning S. 982-92; von Folz); Papst, Kardinal, Bischöfe (Nr. 78; Froning S. 967-71; von Rosenplüt?); Domherr und Kupplerin (Nr. 37); oft Ärzte in den Arztspielen (Nr. 6. 48. 82. 85. 98. 120; Michels S. 52-59; Hell S. 49 f.); hier kann auch das Gespräch zwischen einem Friheit (Landstreicher) und einem Priester von Hans Folz eingereiht werden (Wackernagel, ZfdA. 8, 530-36; s. auch Keller, Fastnachtspiele dritter Teil S. 1115 ff.). — Zeitgeschichte: Des Türken Fastnachtspiel (Nr. 93; Froning S. 973-81, von Rosenplüt?). —Buhlschaft, Werben um die Jungfrau, Heirat, Ehe (Nr. 7, von Folz 10. 11. 12. 13. 31. 38. 40. 41. 43, von Folz, 44, von Folz. 70. 86. 117. 118; Die Weibernarren auch bei Goedeke, Dt. Dichtg. im MA. 2 S. 981 f.). Das Spiel von den sieben Farben (Nr. 103; W. Gloth, Das Spiel von den sieben Farben, 1902): sieben Jünglinge in 7 verschiedene Farben gekleidet treten auf, und jeder bringt seine Farbe in Beziehung zur Minne; beruht auf einem Spruchgedicht des 14. Jh.s (bei der Hätzlerin S. 168; Zingerle, Sterzinger Spiele Nr. 14; zu Gloth: Ehrismann, ZfdPh. 36, 1 Die in Klammern beigefügten Ziffern bezeichnen die Nummern in Kellers Fastnachtspielen. 584 Das Drama bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts 408-10, Helm, Lbl. 1904, 230 f., Strack, Hess. Bl. f. Volkskunde 3, 185 f.). Ein Bruchstück aus e. unbekannten Fastnachtspiel des 15. Jh.s (Otto Günther, Mitteil. d. schles. Ges. f. Volkskunde 26, 1925, 189-96): Viere werben um eine Jungfrau. Gegen die Frauen, die bösen Weiber (Nr. 5. 56. 57. 114 u. ö.): Meister Aristoteles, der eine Frau auf sich reiten läßt (Nr. 128, Michels S. 31-36. 39-50). — Wissenschaft, sieben Künste (Nr. 96). — Streitspiele, Gerichtsspiele, in Prozeßform (Nr. 27. 29. 34. 40 [Eheleute]. 42. 61 [Eheleute]. 72 [die Fastnacht klagt gegen das Fasten, wodurch ihr alle Freude benommen sei; von Rosenplüt]. 102 [auch Froning S. 994-97]. 112 [von Folz] 115). Das Spiel „Rumpolt und Mareth" ist mit großer juristischer Sachkenntnis geschrieben: Rumpolt, ein Bauernsohn, hat der Mareth die Ehe versprochen, will sich aber von ihr losmachen; Zank der Parteien, an dem namentlich auch die Mutter der Mareth beteiligt ist; Rumpolt verliert den Prozeß; Vergleich; beide heiraten sich; Richter, Notar und Advokaten sprechen unter sich lateinisch (Nr. 130; Michels S. 67-74). Es sind vier solcher Spiele überliefert (darunter Nr. 115; Adolf Kaiser, Die Fastnachtspiele von der Actio de sponsu, 1899, dazu Uhl, ZfdPh. 38, 272-78; Actio =TheatervorsteIlung, de sponsu = über Bürgschaft, Vertrag). Einen ähnlichen Eheprozeß behandelt das Spiel von Elsli Tragdenknaben (Nr. 110, Kaiser aaO.; Gerichtsspiele: Strothmann, Gerichtsverhandlungen aaO.; Holl S.48f.). — „Der Tanawäschel" hat eine Seuche, die i. J. 1414 in ganz Deutschland verbreitet war, zum Gegenstand. In diesem Spiel (Nr. 54) klagen verschiedene Personen vor dem Marschalk (Richter) gegen denT., weil er ihren Angehörigen und vielen Menschen Siechtum und Tod gebracht habe. Er wird zum Tod verurteilt und geköpft (Michels S. 29-31).—Der kluge Knecht (Nr. 107), aus der Schweiz, Luzern, Ende 15. Jh.s; ein Knecht betrügt seinen Herrn, einen Bauern, um 8 Mark, überlistet vor Gericht die Richter, indem er sich blödsinnig stellt und wird als unzurechnungsfähig freigesprochen. Der Bauer muß den Schaden tragen. Das Stück ist in 7 Akte (Actus) geteilt und nähert sich somit in dieser Hinsicht wie auch in der Aufführung den Spielen des 16. Jh.s und der folgenden Zeiten. Das Motiv findet sich schon in den Schwänken des Pfaffen Amis vom Stricker (Bischof und Maurer; Baechtold, Gesch d. dt. Lit. in d. Schweiz S. 210). — Ein dramatisches Streitgedicht, aber nicht in Prozeßform, ist auch der Streit zwischen Herbst und Mai, schweizerisch: Ein Knappe bringt dem Herrn Herbst Grüße von Gotelint, des Wundermeien kint; diese klagt, daß ihr Vater und sie weder Fleisch noch Brot haben; der Herbst will ihnen daraufhin Wein und Speise genug geben. Der Mai ist empört über diese Entehrung seiner Tochter und deren Entführung. Zwölf Ritter des Herbstes und zwölf des Maien ziehen gegeneinander. Trotz der Wonne der Blümlein des Maien siegt der Herbst mit seinem Wein, seinen Würsten und Wecken. Die Träger der Handlung sind der Bote, der Herbst, der Mai, Gotelint, die zwölf Ritter, zum Schluß der Herold. Das Gedicht, dem 14. oder noch dem späteren 13. Jh. angehörend, steht noch unter dem Einfluß der Poesie des 13. Jhs.; Hs. Chur 15. Jh. (hgb. Singer, Schweizerisches Arch. f. Volkskunde 23, 112ff.; Ders.,D.mittelalterl. Lit. der dt. Schweiz, 1930,52 f. 196;Ders., Schweizerdeutsch, 1928, 125-28). Breslauer Fastnachtspielbruchstück (Wolfg. Jungandreas, Die Mundart des Bresl. Fastnacht- spielbruchst., Mitteil. d. Ges. f. schles. Volkskde. 26, 1925, 196-99; Ders., Die Grundlagen des Breslauer F.bruchstückes, ebda 27, 1926, 151-79.) — Karl Filzek, Metaphorische Bildungen im altern dt. Fastnachtsspiel, Köln. Diss. 1933. — Der Eunuchus des Terenz übersetzt von Hans Nythart von Ulm 1486 (hgb. Herm. Fischer, Lit. Ver. Nr. 265, 1915; sechs Komödien des Terenz übersetzt in einem Straßburger Druck von 1499: Goedecke, Grundr. I 2 , 444; zu Albrecht von Eybs Übersetzungen klassischer Dramen s. unten). Roh und plump sind die Fastnachtspiele von Hans Folz und noch mehr die von Hans Rosenplüt. Diesem werden 4 der obigen Stücke zuzuschreiben sein (Nr. 39. 72. 78. 127), sicher beglaubigt von ihm ist nur eines (Nr. 100), da 2 Hss. seinen Namen nennen. Von Hans Folz 6 Stücke (Nr. 1.7.38.43.44.112; zu den Fastnachtspielen von Rosenplüt und Folz s. Goedecke, Grundr. I 2 , 328. 332 Nr. V. 333 VII; Michels S. 108-224; Froning S. 953-97; Creizenach S. 423 ff. [Rosenpl.], Reg. S. 596 [Folz]). Abschließend kann über die Tätigkeit von Rosenplüt und Folz in bezug auf die Fastnachtspiele erst geurteilt werden, wenn eingehende Untersuchungen darüber vorliegen. VII. GEISTLICHE LITERATUR In den beiden Jahrhunderten des ausgehenden, poetisch versagenden Mittelalters überwiegt in der mächtig angewachsenen geistlichen Literatur bei weitem die prosaische Form; wenn die dichterische gewählt ist, so ist sie oft recht ungelenk und ungestaltet (mit Recht deshalb „Reimprosa" genannt). Auch fehlen große geistliche Epen. Bei diesem Sachverhalt ist eine Spaltung in Dichtung und Prosa methodisch nicht angezeigt. Es wird jedoch bei jedem Denkmal anzugeben sein, ob es in Prosa oder in Versen abgefaßt ist. Die umfangreichen Übersetzungen der ganzen Bibel oder eines der beiden Testamente sind seltener als die einzelner biblischer Bücher, besonders der Psalmen. Unendlich reichhaltig ist die kleinere geistliche Literatur; sehr häufig sind in den Hss. Gebete, gereimte und noch mehr solche in Prosa, Predigten, Traktate, geistliche Lieder (Kirchenlied), Legenden in Poesie und Prosa, Beichten, Breviere, Erklärungen des Vaterunsers und der zehn Gebote, Glaubensbekenntnisse, gereimte Tageszeiten. 1 i. BIBLISCHE KLEINLITERATUR Das Neue Testament ist die Quelle zahlreicher Gedichte, die den Erlöser und die Gottesmutter verherrlichen. (Dichtungen aus dem Alten Testament [Lutrins Adam und Eva] s.bei der geistlichen Literatur des 13. Jahrhunderts.) Sibyllen Weissagung Die umfassendste Menschheitsgeschichte ist in dem Gedichte Sibyllen Weissagung ausgebreitet. 2 Sie geht von Adam bis zum Weltende. Der erste Teil enthält die Geschichte des Kreuzholzes bis auf Salomo: Als Adam alt geworden, schickt er seinen Sohn Seth nach dem Baum des Paradieses, dieser bringt einen Zweig desselben zurück und pflanzt ihn auf Adams Grab. Der Zweig wächst zum Baum heran, Salomo läßt ihn zum Tempelbau fällen, aber er wird dann als Steg über ein Wasser gelegt. Sibylla, die Königin von Saba, kommt an Salomos Hof, sie tritt nicht über den Steg, sondern watet durch 1 Bezüglich dieser geistlichen Kleinliteratur Vogt, Üb. Sibyllen Weissagung, Beitr. 4,48 muß demnach auf die Bibliothekskataloge -100; Schade, Geistl. Gedichte d. 14. u. verwiesen werden. Im folgenden können nur 15. Jh.s vom Niederrhein, 1853, 291-332; die in germanistischen Abhandlungen und Wim. Hertz, Die Rätsel der Königin v. Saba Zeitschriften abgedruckten und besprochenen od. der Sibylla u. dem Kreuzholze, Germ. 29, geistlichen Denkmäler angeführt werden, die 53-58; Schröder, D. Mainzer Fragment vom zugleich als Beispiele für die betreffende Gat- Weltgericht, Veröffentlichungen der Guten- tung gelten mögen. — Spezialuntersuchung: berg-Gesellsch. V, 1-9, 1908, s. dazuBerl. JB. Werner Matz, Die altdeutschen Glaubens- 1908 S. 157. — P. Norrenberg, Kölnisches bekenntnisse seit Honorius Augustodunensis Literaturleben aaO. S. 20-24; Götze, Früh- mit einem Abdruck des Heidelberger Bekennt- neuhochd. Lesebuch S. 10. — Lit. Piper, nisses, Hall. Diss. 1933. Geistl. Dichtg. 2,44-46; nd.: Jellinghaus, 2 J. v. Döllinger, Der Weissagungsglaube Pauls Grundr. II 2 , 366. — Zu der mit der u. d. Prophetentum in d. christl. Zeit, Hist. Sibyllen-Prophezeiung zusammenhängenden Taschenbuch 5. Folge, 1. Jahrg. 1871 S. 257 Kaisersage s. Lit. bei Stammler, Mnd. Lese- -370, auch Kl. Schriften 1879, 451-557. — buch S. 135a. 586 Geistliche Literatur das Wasser. Der zweite Teil bildet gleichsam ein Intermezzo zwischen dem ersten und dritten: die Weissagung der Sibylle über die Ereignisse von Christi Geburt bis zum Weltende, dabei wendet sich die Prophezeiung auf die Gegenwart, die Zeit von König Adolf bis auf Karl, den letzten Kaiser. Der dritte Teil führt die Geschichte des Kreuzes bis auf Christus, der Grundstock ist hier das Erlösungswerk, den Abschluß macht nochmals das Jüngste Gericht; vor dem Antichrist und dem Ende der Dinge wird Kaiser Friedrich (II) wiederkehren und das Heilige Grab erobern (Vogt aaO. S. 52-54; Die deutsche Kaisersage S. 75-77). Aus den historischen Notizen ergibt sich als Abfassungszeit des deutschen Gedichtes das Jahr 1320 für den ersten Abschluß; eine Weiterführung geht bis auf Karl IV. Es war weit verbreitet in Handschriften und Drucken. Die Weissagung der Sibylle beruht auf einer Tradition, die bis ins Altertum zurückreicht und im Mittelalter verschiedent- liche Fassungen fand. Leben Jesu Von einemLeben Jesu,bayer. 14., 15. Jahrhundert (oder 12. Jahrhundert?) ist nur der Anfang erhalten, 540 V., mit unreinen Reimen. 1 Weiterhin seien noch einige Szenen aus dem Leben Jesu (s. Wackernagel, Kirchenlied) genannt : Die Geburt Christi von dem Regensburger, 113 Reimpaare, md. 14. Jahrhundert (Walther v. Wickede, Die geistlichen Gedichte des cgm. 714, Rostocker Diss. 1909 S. 77-119). —Christi Abendmahl und Abendrede, Prosaübersetzung aus einer lateinischen Evangelienharmonie, mittelfränkisch, 14. 15. Jahrhundert (Priebsch, ZfdPh. 36, 58-69). — Bruchstücke aus einem mhd. Passionsgedichte des 14. Jahrhunderts, bayer. (Konr. Schiffmann, 1895); Von unsers Herren Leiden,Priebsch,Dt. Hss. in Engl. 2 S. 219-23. — Anseimus Buch, niederrhein., 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts, 1242 V.: Maria erscheint dem Anseimus, Bischof von Canterbury, und erzählt ihm auf seine Bitte die Leidensgeschichte Christi (Ausg. Schade, Geistl. Ged. aaO. S. 237-90; E.v. Ottenthai, ZfdA. 34, 39 f.). — Die heiligen Farben: Jesu Marter und Tod. Der Schild der Trinität hat sieben Farben; in dieser Beziehung gehört das Gedicht zur Wappendichtung. 214 Reimpaare, md., 15. Jahrhundert (v. Wickede S. 31-76). — Legende vom Kreuzesholz (s. unten Nd. Lit.). — Siehe Legenden. Minnerede. Biblische Bilder. Allegorie Die Minnerede, niederrhein., 14. Jahrhundert, 923 V. in regellosem Bau, stellt Jesu Lebensgang in Hinsicht auf die christliche Liebe dar. Die Ausdrucksweise und die Zutaten zum biblischen Text entsprechen in ihrer Gefühlsweichheit dem Thema der Minne. Das Gedicht ist nach einer unbekannten lateinischen 1 Hgb. Pfeiffer, ZfdA. 5,17-32; s. Kelle, Anegenge S. 87-89 (s. LG. II, 1, 58). — Piper, LG. 2, 153. 356; Bartsch, Erlösung S. VIII; Geistl. Dichtung 1,241. Roediger, ZfdA. 20, 322 Anm.; Schröder, Leben Jesu. Minnerede. Biblische Bilder. Allegorie. Apokalypse. Antichrist 587 Vorlage gearbeitet, worauf schon die lateinischen Zitate deuten (hgb. Heinzel, ZfdA. 17,3^13; s. Hoffmann, Ad. BI.2,85). — Eine Aufeinanderfolge der wichtigsten Ereignisse im Leben Jesu unter Hinblick auf das Erlösungswerk geben in ihrer Gesamtheit die „Biblischen Bilder", gereimte Unterschriften unter Abbildungen, einzelne Sprüche aus dem Alten und Neuen Testament, 13. Jahrhundert (Jos. Haupt, Biblische Bilder, ZfdA. 23, 358-82). — Eine Allegorie auf das Erlösungswerk Christi ist „Der Harnisch des toten Ritters", den Gesta Romanorum entnommen, Bruchstücke, 239 V., schwäbisch (Keinz,ZfdA.38, 145-53). Apokalypse. Antichrist. Jüngstes Gericht Sehr verbreitet in hoch- und niederdeutschen Handschriften war eine Apokalypse, der einige Märtyrerlegenden von Aposteln vorangehen (Massmann in v.d. Hagens Germ. 10, 1853, 125 ff.; Hjalmar Psilander, Die nd. Apokalypse, Upsala Univ. ärsskrift 1901 u. SA.; dazu Jellinghaus, Nd. Korrbl. 22, 27 f.; Jellinghaus, Pauls Grundr. II 2 , 366; Borchling, Nd. Jahrb. 23, 1897, 113). Hierher gehört auch ein obd. Gedicht von dem Antichrist,das wahrscheinlich in den Eingang des 14. Jahrhunderts fällt (634 V.). Es schließt sich ziemlich eng an seine lat. Vorlage an (Haupt, ZfdA. 6, 369-86; s. auch Pfeiffer, ebda 2, 9; Floß, ebda 10, 265-70 [lat. Quelle]). — Zu der Litteratur über die Letzten Dinge s.bes. Nölle aaO. S.473 f.; Th. Reuschel, Untersuchungen zu den Weltgerichtsdichtungen des 11.-15. Jahrhunderts, Leipz. Diss. 1896, dazu Zwierzina, Anz.23, 198-200, Helm, Lbl. 1897,45; Reuschel, Die deutschen Weltgerichtsspiele des MA.s und der Reformation, 1906. Von den 15 Zeichen vor dem Jüngsten Tag, obd., 321 V. (Pfeiffer, ZfdA. 1, 117-26; Meyer-Benfey, Mhd. Übungsstücke 2 S. 14-18). — 15 Zeichen des Jüngsten Tages, 122 V., 14. Jahrhundert (V. E. Mourek, SB. d. kgl. böhm. Ges. d. Wissensch. 1890). 2. BIBELÜBERSETZUNGEN Die vollständige Literatur ist verzeichnet in folgenden Werken: Wilh. Walther, D. Deutsche Bibelübersetzung des Mittelalters, 3 Teile, 1889-92; Hans Vollmer, Materialien zur Bibelgeschichte u. religiösen Volkskunde d. Mittelalters Bd. I, 1. u. 2. Hälfte 1912, 1916, Bd. II 1925, Teil 2,1927, Bd. III, 1927; Ders., Die Psalmenübersetzg von den ersten Anfängen bis auf Luther; Jos. Kehrein, Zur Gesch. d. Deutschen Bibelübersetzung vor Luther, 1851. — F. Falk, Bibelstudien, Bibelhandschriften u. Bibeldrucke in Mainz vom 8. Jh. bis zur Gegenwart, 1901; Horst Kriedte, Deutsche Bibelfragmente in Prosa des 12. Jh.s, 1930 (Psalmen u. Evangelien), dazu Maurer, DLz. 1931,1606-08.—Ausg. der ersten dt. Bibel: W. Kurrelmeyer, D. erste deutsche Bibel, 9 Bde. Lit. Ver. Nr. 234 ff., 1904-15 (Abdruck der ersten gedruckten dt. Bibel bei J. Mentel in Straßbg. 1466); Burdach, Die nationale Aneignung der Bibel u. die Anfänge der germ. Philologie, Festschr. Mogk 1924, 231 ff.; Walther Ziesemer, Stud. z. mittelalterl. Bibelübersetzung, Schriften d. Königsb. Gel. Ges. geisteswissenschaftl. Kl. V H. 5, 1928/29 367-84, dazu Ehrismann, D. Lz. 1929, 1771 f., Rosenfeld, Archiv 158, 138 f., Maurer, Lbl. 1930, 331 f., 588 Geistliche Literatur Suolahti, Neuphilol. Mitteil.31,101-04, Piquet, Rev. germ. 21, 52f.; Friedr. Maurer, Stud. z. mitteldeutschen Bibelübersetzung vor Luther, 1929 (Lit. S. 4-11), dazu Golther, Euphorion 30, 560 f.; Ehrismann, DLz. 1930, 2277 f., Rosenfeld aaO., Suolahti aaO.; Piquet aaO.; Alfred Hübner, Theutonista 5, 292 f.; Eduard Brodführer, Untersuchungen zur vorluther. Bibelübersetzung, 1922; Ders., Reallex. 1, 128-35; Friedr. Teudeloff, Beitr. z. Ubersetzungs- technik der ersten gedruckten dt. Bibel auf Grund der Psalmen, 1922. — Paul Pietsch, Ewange- ly u. Epistel Teutsch, die gedruckten hochdeutschen Perikopenbücher (Plenarien) 1473-1523, 1927; nach Maurer erschienen: A. Freytag, D. Urschrift der Lutherbibel als Dokument für Luthers Benutzung d. dt. Bibel des MA.s, Preuss. AK. 1929 XII-XIV, 216-37; Pekka Katara, Zu den mnd. Plenarienhss., Mem. de la soc. neophilol. de Helsingfors 8, 1929, 343-85; Ders., Ein mnd. Plenar, Helsingfors 1932, Annales Academiae scient. Fennicae ser. B. Tom. XXIV Nr. 2; Hans van Ghetelen, Plenarium s.L.Wolff, Stamml. Verfasserlex.2,163-65; Hans Vollmer, Deutsche Bibelauszüge des MA.s zum Stammbaum Christi mit ihren Iat. Vorbildern u. Vorlagen, Dt. Bibelarchiv Hamburg I, Neue Folge V, 1931, dazu Alfred Hübner, Anz. 51, 197-200; Vollmer, Bibel u. dt. Volksweisheit, einige alte Hausinschriften, 1931; Wolfg. Stammler, Apostelgeschichte 27 in nautischer Beleuchtung und die ostdeutsche Bibel- übersetzg., 1931, dazu Maurer, Lbl. 1932, 292 f.; s. auch Friedr. Eichler, Die deutsche Bibel des Erasmus Stratter in d. Univ.bibl. zu Graz, e. Untersuchg. zur Gesch. des Buchwesens im 15. Jh., 1908 (zu Walther Sp. 135 f.); R. Ehwald, Biblia pauperum, deutsche Ausgabe von 1471, 1906; Henrik Cornell, Stammlers Verfasserlex. 1, 228-32. — Mnd. Bibelübersetzungen: Jellinghaus 3 , Pauls Grundr. S. 37 ff.; Stammler, Gesch. d. nd. Lit. S.40f.; Ders., Mnd. Leseb. Nr. 38 S. 60 u. Anm. S. 143; eine freie Nachbildung in mnd. Prosa ist das Prager Leben Jesu (Kelle, ZfdA. 19, 93-103; K. E. H. Kause, ebda S. 471 f.). — N. Leibowitz, Die Obersetzungstechnik der jüdisch-deutschen Bibelübersetzungen des 15. u. 16. Jh.s, dargestellt an den Psalmen, Marbg. Diss. 1931. Überaus zahlreich sind biblische Handschriften, sie umfassen die ganze Bibel oder nur das Alte Testament oder nur das Neue oder Teile aus beiden, doch sind die vollständigen Handschriften über Altes und Neues Testament nicht eben zahlreich. Die ganze biblische Überlieferung aber ist dadurch beeinträchtigt, daß von vielen Handschriften nur Bruchstücke auf uns gekommen sind. Eine besondere Stelle nehmen die Historienbibeln ein (15. Jahrhundert), die ihrer Bezeichnung nach zugleich als historische Denkmäler aufzufassen sind und sich literaturgeschichtlich an die gereimten Weltchroniken anschließen, indem sie zunächst Prosaauflösungen derselben sind, doch aber auch selbständige Bedeutung haben (s. Vollmer aaO.; LG. II, 2unt. Rud. v.Ems Weltchr.). Vollständige Bibelübersetzungen Vollständige Bibelübersetzungen, Prosa, kamen in der Hauptsache im 14. Jahrhundert auf, sie traten an die Stelle der gereimten geistlichen Dichtungen und der Historienbibeln. Für Geistliche und die Schule waren schon vorher prosaische Bibelübersetzungen vorhanden, jetzt galt ihr Zweck auch dem Publikum und der Privatandacht. Die erste gedruckte deutsche Bibel ist erschienen bei Johann Mentel in Straßburg 1466 (abgedruckt bei Kurrelmeyer, s. oben); von ihr sind die folgenden vorlutherischen Bibeln abhängig (Walther führt 14 hochdeutsche Druckbibeln auf, bis zum Jahr 1518). Vollständige Bibelübersetzungen. Übersetzungen aus dem Alten Testament 589 Übersetzungen aus dem Alten Testament Auf das Alte Testament erstreckte sich die unmittelbare Übersetzertätigkeit (in Prosa) weniger: 1 Genesis u. Exodus, Psalmen, Hohes Lied, Propheten. Das berühmteste Denkmal unter den alttestamentlichen Bibelübersetzungen ist die vornehm ausgestattete, reich illustrierte Wenzelbibel, zwischen 1389 und 1400 als Huldigung für König Wenzel abgefaßt (Hs. Wien). 2 Eine Sonderstellung nimmt ein eine Schulbibel des 15. Jahrhunderts, eine kürzende deutsche Übersetzung der Historia scholastica des Petrus Comestor (Vollmer Bd. II Teil 1 u. 2). An Zahl überwiegen die Psalmenübersetzungen; deren wichtigste sind: Die Trebnitzer Psalmen (schlesisch, Anf. 14. Jahrhundert); 3 Das Psalter ium des Petrus von Patschkau (schlesisch, 1348) ; 4 eine Westfälische Psalmenübersetzung (1. Hälfte 14. Jahrhundert). 5 — Übersetzungen aus dem Alten Testament sind, wenn man von den Psalmen absieht, seltener als solche aus dem Neuen. Eine niederländische Übersetzung der Vier Bücher der Könige (15. Jahrhundert); 6 Hgb. Th. Merzdorf, 1857; s. Jellinghaus, 1 Ad. Mathias, Üb. d. dt. Übersetzung d.A. Test, in d. Münchner Hs., Cgm.341, Greifs- walder Diss. 1902; Alois Bernt, Eine neue Bibelübersetzung des 14. Jh.s, Mitteil. d. Ver. f. Gesch. d. Dt. in Böhmen 39, 353-93, 1900 (Alt. Test., 1380); Stefl, Übersetzung von Genesis u. Exodus aus d. Cgm.341, Münch. Mus. 3,57-151 (Hs. 14. Jh.); Wilhelm, Von den drei Magiern, ebda 3, 1915, 55 f. (15. Jh.); Johanna Lürssen, E. mittelniederdeutsche Paraphrase des Hohenliedes, Germ. Abhandl. H.49, 1917 (15. Jh.); W. Koziol, D. mhd. Übersetzung d. Jesus Sirach in d. Heidelbg. Hs., 1908; Schönbach, Psalmenübersetzung, Bruchstück,ZfdA. 35,225-27; Euling, Bruchstücke einer mitteldeutschen Bearbeitung des Esdras u. des Jesaias, Beitr. 14,122-26. — Vollmer, E. dt. Schulbibel des 15. Jh.s, Historia scholastica des Petrus Comestor. I (Genesis bis Ruth), 1925. — Stoffe der Deutschordensliteratur s. daselbst. 2 Franz Jellinek, D. Sprache der Wenzelsbibel usw., Progr. Görz 1899; Castle, Reallex. 2,582 (mit weiterer Lit.). — Walther Sp. 291 -306, mit Facs. 3 Trebnitzer Psalmen, hgb. Paul Pietsch, 1881, dazu Kochendörffer, Anz. 8, 234-38, Bech, Lbl. 1881, 316-19; H.Naumann, D. Kreuzfahrt des Landgrafen Ludwigs d. Frommen v. Thüringen (s. ob.) S. 195. 4 Peter v. Patschkau, Hoffmanns Monat- schr. von u. für Schlesien 1829, 675 ff. 5 Westfäl. Psalmen: Erik Rooth, E. westfäl. Psalmenüberstzung aus d. ersten Hälfte des 14. Jh.s, Diss. Uppsala 1919, dazu W. Ziese- mer, Anz. 40, 87-89, Behaghel, Lbl. 1923, 91 f., Agathe Lasch, Idg. Anz. 40, 50-53, Hübner, Archiv 142 H. 3/4, Ehrismann, DLz. 1921, 252 f., Seelmann, Nd. Jb. 45, 78 f.; Rooth, Stud. zu d. altniederfränk. u. altwest- fäl. Psalterversionen, Uppsala Univers, ärs- skrift 1924. — Alois Bernt, Der Hohenfurter dt. Psalter des 14. Jh.s, Mitteil. d. Ver. f. Gesch. der Deutschen in Böhmen 39, 1900, 155-70; Bernt, Ein neuer deutscher Psalter vom J. 1373, ebda S. 23-52 (Hs. Kloster Krummau in Böhmen). Weitere mhd. Psalmenübersetzungen u. Interlinearversionen: Richard Ziehm, D. mhd. Übersetzg. d. Psalmen in d. Hs. Cgm.341, Greifswalder Diss. 1911; Stefan Kubica, D. dt. Sprache des Florianer Psalters, 1929, dazu Ernst Schwarz, Anz. 49, 24 f., s. auch Schröder, ZfdA. 67, 77 f. (Hs. Anf. 13. Jh.); F. Hopfenbeck geb. Schiller, Cod. Nr. 146, 2 der Landesbibl. Wolfenbüttel, e. mhd. Interlinearvers. d. Psalmen, Münch. Diss. 1929, Hans Vollmer, Die Psalmenverdeutschung von den ersten Anfängen bis Luther, 1. Hälfte, 1932. — Abdrucke: Schönbach, Miscellen aus Grazer Hss. H. 2, 1898 (fünf Psalterübersetzungen; davon eine in Reimen bzw. Assonanzen), dazu Strauch, Anz. 26, 212 ff.; Schönbach, Mitteil. d. histor. Ver. f. Steiermark47,1899 u. S. A. (gereimte Psalmenübersetzung eine Seltenheit); Schönbach, Bruchstück, ZfdA. 35, 225-27; Cre- celius, ZfdA. 10,291; Keinz, ZfdPh. 13, 70-78; O. v. Zingerle, ZfdA. 41, 301-03. — Birlinger, E. alemann. u. bair. Gebrauchsanweisung zu d. Psalmen aus d. 12. 13. Jh., Alem. 12,82-96; Über die Übersetzung des Psalmenkommentars des Nicolaus von Lyra durch Heinr. v. Mügeln s. unten. — Walther aaO. S. 118 ff. 8 Ausg.: Der Codex Teplensis enthaltend „Die Schrift des newen Gez3euges." Älteste dt. Hs., welche den im 15. Jh. gedruckten dt. Bibeln zugrunde gelegen. Teil I 1881, Teil II 590 Geistliche Literatur Pauls Grundr. 2 2 , 388. — Aus der Historie von der Susanna ist ein Bruchstück vorhanden, hd. mit nd. Formen gemischt; abgedruckt bei Osterley, Nd. Dichtung S. 15 in Goedeke, Dt. Dichtg. im MA. 2 1871; s. Jellinghaus aaO. S.366. —■ Das Buch von H est er, Prosa: Bachmann u. Singer, Dt. Volksbücher, Lit. Ver. 185, 1889. — Ein deutsches Adambuch nach e. ungedr. Hs. der Hambg. Stadtbibl. aus d. 15. Jahrhundert, hgb. H. Vollmer, 1908. Übersetzungen des Neuen Testaments Die monumentalste Übersetzung des ganzen Neuen Testaments ist der Codex Teplensis, aus dem Stifte Tepl in Böhmen, Hs. aus der 2. Hälfte oder dem Ende des 14. Jahrhunderts, Original 14. Jahrhundert. 1 In die gleiche Zeit etwa wie der Cod. Tepl. fällt die Freiberger (Sachsen) Hs. des Neuen Testaments (Walther Sp. 154 ff.). 2 Ausschließlich die Evangelien sind übersetzt in dem Evangelienbuch des Mathias von Beheim, Klausners zu Halle, das 1343 in seinem Auftrag verfaßt wurde. 3 Eine Vorlage des Beheim'schen Evangelienbuches scheint der Verfasser des mitteldeutschen Evangelienwerkes aus St. Paul gekannt zu haben, der sein umfangreiches, doch im Anfang nicht vollständig erhaltenes Buch ebenfalls in der ersten Hälfte bzw. gegen die Mitte des 13. Jahrhunderts schrieb. 4 Ein gereimtes Evangelium Nicodemi ist das ostschwäbische Gedicht (um 1400), dessen Inhalt vom Schreiber als „Von unsers heren liden" bezeichnet wird. 5 1882, Teil III 1884, dazu Pietsch, Lbl. 1881, 387-89, Ders., ZfdPh. 14, 112-17, Schröder, DLz. 1881, 1374. 1884, 1580 f., Toischer, Mitt. d. Ver. f. d. Gesch. der Deutschen in Böhmen 22, 74 f.; Walther, Bibelübersetzg. Sp. 154 ff. — H. Haupt, Die dt. Bibelübersetzg. Sp. 154 ff. — H. Haupt, Die Bibelübersetzg. der mittelalterl. Waldenser in d. Cod. Teplensis u. der ersten gedruckten Bibel nachgewiesen, 1885; Franz Jostes, Die Waldenser u. d. vorluther. dt. Bibelübersetzg., 1885 (gegen die „Waldenserhypothese"); H. Haupt, D. waldensische Ursprung des Cod. Teplensis usw., 1886 (gegen Jostes); Jostes, D. Tepler Bibelübersetzg., e. zweite Kritik, 1886; L. Keller, Die Waldenser u. d. dt. Bibelübersetzungen usw., 1886; weitere einschlägige Schriften s. Berl. JB. 1886 S. 149 u. 1888 S. 194. — W. Weiss, Untersuchungen zur Bestimmung des Dialektes d. Cod. Tepl., Hall. Diss. 1886; Konr. Leisering, Die Übersetzungstechnik des Cod. Tepl., Berl. Diss. 1908, dazu Helm, Lbl. 1909, 319 f.; A. Bernt, Die Tepler deutsche Bibel des 14. Jh.s (mit Zeichnungen), 1929. 1 Siehe Anm. 6 auf der vorigen Seite. 2 R. Schellhorn, Üb. d. Verhältnis der Freiberger u. der Tepler Bibelhs. usw., Progr. Freiberg 1896; M. Rachel, Üb. d. Freiberger Bibelhs., Progr. Freiberg 1886. — Walther Sp. 154 ff. 3 Reinhold Bechstein, Des Matthias v. Beheim Evangelienbuch in md. Sprache, 1867; Pfeiffer, Germ. 7, 227-30; Maurer, Stud. aaO. S. 24-26. 72-74. — Andere deutsche prosaische Übersetzungen der Evangelien: Schönbach, Üb. einige Evangelienkommentare desMA.s, Wien. SB. 146 (1903); H. Heppe, Fragmente einer md. Evangelienübersetzg., ZfdA. 9, 264-302; Frhr. v. Hardenberg, Aus e. Commentare zum Matthäusev., ZfdPh. 11, 423-27; R. M. Werner, E. md. Evangelienharmonie (Brachst.), ZfdA. 35, 351-55. — Weiteres s. bei Walther Sp. 513 ff., Pietsch, Maurer aaO. — Bruchstücke einer gereimten Bibel, niederd.: O. v. Heinemann, ZfdA. 32, 69. — Walther, Bibelübersetzg. Sp. 498- 506. 4 Schönbach, Mitteil, aus ad. Hss., Wien. SB. 137, 1897, Nr. V, dazu Strauch, Anz. 26, 210-12; s. Zwierzina, ZfdA. 45, 68; Schröder, Münch. SB. 65, 1924, S. 5. — Alemannische Evangelienhandschrift: J. Baldegger, Untersuchungen üb. d. alem. Evangelienhs. der Stadtbibl. in Zürich, Diss. Freiburg/ Schweiz 1906. — Kommentar zum Matthaeus- evangelium, Ende 14. Jh., Kleines Brachst.: Frhr. v. Hardenberg, ZfdPh. 11, 423-27. 6 Hgb. C. T. Carr, Publications of the Univers, of Manchester, Germ. Series III, 1929, dazu Schröder, Anz. 48, 208 f., Maurer, Lbl. 1930, 179 f.; Ein mnd. Ev. Nicodemi in ÜBERSETZUNGEN DES NEUEN TESTAMENTS. KIRCHENVÄTER UND SCHOLASTIKER 591 Eine Auslegung der nerven ee von maria der Kunigin von dem almechtigen gott iren eingeboren sun ist die 1471 gedruckte Prosaschrift eines ungenannten Verfassers, geschrieben von Martin Scherffenberg. Als Quelle werden genannt die vier Evangelisten und einige geistliche Autoren. 1 Ein Heinrich von St. Gallen schrieb einen Prosatraktat von der Passion Christi, 14. Jahrhundert. Er war wohl Weltgeistlicher, geb. etwa 1345-1350, lebte eine Zeitlang in Prag, wo er studierte; urkundl. bis 1397; verfaßte noch andere geistliche Traktate. 2 Kirchenväter und Scholastiker Angeschlossen seien hier- die wenigen Übersetzungen von Werken der Kirchenväter und Scholastiker: Der Bischof Johann von Olmütz, Johannes von Neumarkt (s. unten), verdeutschte im 14. Jahrhundert die (Peudo-)Augustinischen Solilo- quia, und von ihm rührt wahrscheinlich auch die Übersetzung derMedita- tiones her. 3 Von einer gereimten md. Übersetzung der Confessiones (14. Jahrhundert) sind Bruchstücke erhalten. 4 Hier sei auch noch eine (nur in Bruchstücken überlieferte) Verdeutschung des Boethius de Consolatione (niederrhein., 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts) angeführt. 5 — Mhd. Übersetzungen der Benediktinerregel: Carl Selmer, Middle High German Translations of the Regula Sancti Benedicti, Cambridge, Massach., 1933. 3. DIE PREDIGT DES 14. JAHRHUNDERTS 6 Das starke religiöse Bedürfnis dieser Zeit, die Gemütsinnigkeit der Mystik, verlieh auch der geistlichen Beredsamkeit einen neuen Ausdruck, und die mystische Predigt findet in dem Drang der Seele zur Vereinigung mit Gott eine Versen: Nd. Jahrb. 2, 88. 23, 112; —Ein Ev. Die Übersetzung der Soliloquien verfertigte Nicodemi in Prosa: Bachmann u. Singer, er auf Veranlassung Karls IV.). — Dorothea Volksbücher, Lit. Ver. 185, 1889. — Bruch- von Kippenheim (f 1425) übersetzt Predigstücke einer poetischen Bearbeitung des ten Augustins u. St. Bernhards, Engelbert Pseudo-Matthaeus: Klapper, ZfdA. 50, 167 Krebs, Stammlers Reallex. 1, 453. -72; eine prosaische Paraphrase des Ev. Joh. 4 Conrad Hofmann, Münch. SB. 1865, I, von Friedr. dem Karmeliter, 14./15. Jh.: 307-15. Stammler in seinem Verf.lex. 1, 689 f. 5 A. Bömer, ZfdA. 50, 149 f., s. auch Stamm- 1 Jacobs u. Ukert, Beiträge zur älteren ler, ZfdPh. 53, 12. — Übersetzungen von Litt. od. Merkwürdigkeiten der herzogl. Bibl. Albertus Magnus De rectis et perfectis vir- zu Gotha 1, 1835,429-31. tutibus sive paradisus animae (14. 15. Jh.): 2 Wieland Schmidt, Heinr. v. St. Gallen, Spamer, Beitr. 34, 309 Anm. 1; Stammler, ZfdPh. 57,233-43. Heinr. v. St. G. war bis- ZfdPh. 53,14. — Übersetzg. von Gregors d. lang unbekannt. Großen Moralia in Job: Stammler aaO. — 3 Ant. Benedikt, Üb. e. mhd. Übersetzg. Übersetzg. von Thomas' v. Aquino Summa der Meditationes des heil. Augustinus, Progr. theologiae: Martin Grabmann, Mittelalterl. Karolinenthal (Prag), 1881; Ant. Sattler, Geistesleben, Abhandlungen zur Gesch. der Die Pseudo-Augustinischen Soliloquien in d. Scholastik u. Mystik 1926 S. 432-39; Stamm- Übersetzg. des Bischofs Johannes v. Neu- ler aaO. — markt, 1904 (Joh. v. Neumarkt war Proto- 6 Cruel S. 370^50; Linsenmayer S. 391- notar Karls IV. in Böhmen u. königlicher 483; Günther Müller, Aufriß S. 53 (Trak- Kanzler seit 1352, 1364 Bischof von Olmütz. täte). 592 Geistliche Literatur poesievolle Verinnerlichung. Schon im 13. Jahrhundert bei Bruder David und dann bei dem St. Georgener Prediger finden sich mystische Züge. Die vulgäre Predigtweise Neben der mystischen Richtung ging die alltägliche Redeweise der Predigt im alten Umfang weiter, aber diese unbedeutenden Erzeugnisse wurden nur selten weiter verbreitet. Über den Franziskanerbruder Marcus von Lindau s. Cruel S.403; Linsenmayer S.447; Strauch, Die deutschen Predigten des Marquart von Lindau, Beitr. 54, 161-201. Heiligenpredigten sind die einzelnen Vorträge im Heiligenleben Hermanns v. Fritzlar (s. unten). Diese niedrige, vulgäre Predigtweise 1 ist z. B. beibehalten in den El- sässischen Predigten 2 eines unbekannten Verfassers um die Mitte des 14. Jahrhunderts. Hier wird durch Derbheit und Hineingreifen in das alltägliche Leben das Interesse der Hörerschaft erweckt. . Der Engelberger Prediger, 3 wahrscheinlich Beichtvater der Benediktinerinnen im Kloster Engelberg, Mitte des 14. Jahrhunderts, ist von den Mystikern, bes. von Tauler, beeinflußt. 41 Predigten sind von ihm überliefert, die eine gemütvolle Auffassung mit Betonung praktischer Forderungen vereinigen. Von dem Cisterziensermönch Nicolaus von Landau 4 ist eine sehr umfangreiche Sermonensammlung (ca. 1341) erhalten. Im 15. Jahrhundert 5 ist die Predigtliteratur mächtig angelaufen, besonders seit Erfindung der Buchdruckerkunst; um so tiefer steht sie hinsichtlich des 1 Cruel S. 438-50; Linsenmayer S. 467- — Bartsch, Germ.25,418-20; H.Zuchhold, 83. — Einzelne Stücke: V.Hardenberg, Des Nie. v. Land. Sermone, 1905. ZfdPh. 11, 420-23. 14,63-96 (populär-my- 6 Cruel S. 451-594. Janssen, Gesch. d. dt. stisch); andere von V.Hardenberg hgb. Volkes aaO. S. 39 ff. — Johann Schmidt, Predigtbruchstücke in d. ZfdPh. 11. 12.14.15; Priester Konrads deutsches Predigtbuch, Franz Türk, D. Wortschatz der Predigt- Progr. Wien 1878, dazu Bartsch, Germ. 24, Sammlung Dietrichs von Gotha, Bußpredigt, 113; Landmann, Das Predigtwesen in West- 14. Jh. md., Gießener Beitr. z. dt. Phil. 18, falen in d. letzten Zeit des MA.s, 1900; Luzian 1926; Herm. Gumbel, Die Verweltlichung des Pfleger, Zur Gesch. d. Predigtwesens in Straß- dt. geistl. Dialogs im 14. Jh., Dt. Vjschr. 8, burgvor Geiler von Kaysersberg, 1907; H. Sie- 1930, 481-96. — Zwei dem Konrad von Wei- bert, Beitr. zur vorreformatorischen Heiligen- ßenburg zugeschriebene Predigten (13. Jh.): u. Reliquienverehrung, 1907 (darin Predigten Strauch, EuphorionErgänz.heftl6,1923,34ff. auf Heiligenfeste, Marienpredigten); Ders.,Die 2 Elsaß. Predigten, hgb. Ant. Birlinger, Heiligenpredigt des ausgehenden Mittelalters Alem. 1,60-87. 186-94. 225-50. 2, 1-28. 101 Zs. f. kathol. Theologie 30, 1906. Die betref- -19. 197-223 (Cgm. 6; geschrieben 1362); bei fenden Prediger behandelt Cruel S. 519-94; K.Roth, Dt. Predigten (s. ob.). — Cruel zu Meister Ingold (Goldenes Spiel): Cruel S. 445-50; Linsenmayer S. 470-73; Petzet, S. 526 u. Pfleger S. 27-30; zu Paul Wann: Catalogus S. 11 f. . Cruel S. 517 f.; Fr. X. Zacher, Paul Wann, 3 Cruel S. 399 ff.; Linsenmayer S. 151. f 1489, die Passion des Herrn (Passauer Pas- 444 ff.; Wackernagel, Ad. Pred. S. 436-38, sional), gepredigt im Passauer Dom i. J. 1460, daselbst Nr. LXVIII-LXX S. 182-208 (drei aus e. lat. Münch. Hs. übersetzt usw., 1928.— Predigten); Strauch, Der Engelberger Pre- Einzelnes: Schönbach, Predigtkonzept, ZfdA. diger, ZfdPh. 50, 1^5. 210-41. — Die Pre- 20,193-97; Birlinger, Asketische Traktate digtsammlung von Cheltenham: Priebsch, aus Augsburg (Predigten eines Hülfsgeistlichen Dt. Hss. in England 1 S. 128 ff. Mystiker- namens Jacob in Augsb.), Alem. 7, 193-211. predigten s. unter Mystik. 8, 103-17; Ders., Aufzeichnungen der Nonne 4 Cruel S. 406-14; Linsenmayer S.449f. Adelheid in Linnich, Germ. 28, 25-30 (nieder- Die vulgäre Predigtweise. Johann Geiler von Kaisersberg 593 Wertes. Schon in der äußeren Anordnung, in der Disposition, ist oft der Rückgang zu erkennen. Stark beteiligt sind jetzt, statt der Mönche, die Weltgeistlichen, die Pfarrer. Die „homiletischen Hülfsmittel", Predigtmagazine, Stoffsammlungen für Prediger, und ähnliches boten nun für die Abfassung von Predigten große Erleichterung, lähmten aber die eigene Tätigkeit der dazu Verpflichteten. Johann Geiler von Kaisersberg In der deutschen Predigtliteratur des 15. Jahrhunderts ragt nur ein Kanzelredner hervor, Johann Geiler von Kaisersberg, 1 der als Prediger am Münster in Straßburg eine große Wirksamkeit entfaltete. Geboren in Schaffhausen, erzogen bei seinem Großvater in dem Orte Kaisersberg im Elsaß, studierte er in Basel und Freiburg und erhielt 1478 einen Ruf nach Straßburg als ziemlich unabhängiger Münsterprediger, welche Stelle er bis zu seinem 1510 erfolgten Tode innehatte. Seine Predigten hat er nicht selbst veröffentlicht, sie wurden von Zuhörern aufgezeichnet, oder aus seinen lateinischen Konzepten übersetzt und von andern herausgegeben, in der Mehrheit erst nach seinem Tode. Seinen Ruhm verdankt er allerdings nicht einer besonders hervorragenden Begabung; er besaß keine angeborene sprachliche und schriftstellerische Anlage, er war Verstandesmensch, und so fehlten ihm dichterische Phantasie, hoher Aufschwung und Pathos, überhaupt warm gemütvolle Töne. Er war nüchtern, praktisch, gelehrt und welterfahren und besaß eine scharfe fränk. Pred.); Bruchstück einer md. Pred., Philipp de Lorenzi, G.s v. K. ausgewählte Schum, Germ. 18, 96-98; J. Neuwirth, Mit- Schriften, 5 Bde. 1881-1883; F. H. Reusch, teil. d. Ver. f. Gesch. d. Deutschen in Böhmen Alem. 8, 24 f.; Alex Hoch, G. v. K. Ars mo- 28,1892, 373-83; Linsenmayer, Nikolaus riendi 1497, 1901; R. Zoozmann, D. passion v. Lüttich, e. Reimpredigt am Ende des MA.s, od. dz. lyden Jesu Christi unsers Herren usw. D.Katholik 1894,351-55; Ders., Die Predigten (1522), 1906; Pfleger aaO.; K. Fischer, D. des Franziskaners Johannes Pauli, Hist. Verhältn. zweier lat. Texte G.s v. K. zu ihren Jahrb. 19, 1898, 873-91; Mich. Huber, Ho- dt. Bearbeitungen usw., Straßb. Diss. 1908; milienfragmente, Münch. Mus. 1,1911, 339 F. H. Zacher, G. v. K. als Pädagog., Progr. -55; Cruel S. 451-93 (Predigtmagazin); J. Burghausen 1912/13; Birlinger, Pädagogi- Werner, Volkstümliches aus e. Rheinauer sches aus G. v. K., Alem.3,1-15; Ders., Er- Predigtsammlung d. 15. Jh.s, Schweiz. Arch. innerungen an G. v. K., Alem. 8, 25-27, s. f. Volkskunde 26, 1926/27, 280-82; Pekka auch S. 81 f.; Ders., Goldkörner aus G., ebda Katara, Mnd. Predigtfragmente aus e. Hs. 10,72-76; M. Spirgatis, Zur Bibliographie der Univers.bibl. zu Helsingfors, Annales Aca- Geilers, Cbl. f. Bibliothekswesen 5, 79 ff.; demicae scientiarum Fennicae Bd. XX, 3. Elvire Roeder v. Diersburg, Komik u. Hu- Friedrich der Karmeliter, 14./15. Jh., Ver- mor bei G. v. K. 1922; Herm. Koepcke, Joh. fasser einer Postille über das ganze Jahr u. Geiler, Bresl. Diss. 1926; O. Lauffer, G. einer Paraphrase des Ev. Joh. Kap. 1, Stamm- v. K. u. das Deutschtum des Elsaß im Ausler in Stammlers Verf.lex. 1, 689 f. gang des MA.s, Arch. f. Kulturgesch. 17,38 ff.; 1 Lit. Goedeke, Grdr. I 2 , 396^03; Ernst E.Fuchs, Die Belesenheit Geilers v. K., Martin, ADB. 8, 509 ff. — Sein Leben wurde ZfdPh. 52,119 ff.; Stammler, Von d. Mystik beschrieben durch Beatus Rhenanus und Ja- zum Barock, 1927, 252-56. 490 f. (Lit.); Ew. cob Wimpfeling 1510; Fr. W. v. Ammon, G.s Boucke in: Hofstaetter-Panzers Grundzüge v. K. Leben, Lehren und Predigten, 1826; der Deutschkunde, 1925,92 f. (Stil); Götze, Wackernagel, Ad. Pred. S. 441^4; L. Da- Frühnhd. Leseb. 2 aaO. S. 33-36; Adolf Von- cheux, Jean Geil, de Kaysersberg, 1876, lanthen, Geilers Seelenparadies im Verhältnis deutsch bearbeitet von W. Lindemann, 1877; zu seiner Vorlage, 1931, dazu Götze, Lbl. 1932, Cruel S. 538-56. — Dacheux, G.s v. K. 148 f., R. Newald, Stammler, Verfasserlex. 2, älteste Schriften, l.Abt. 1877. 2. Abt. 1884; 8-14. 38 Deutsche Literaturgeschichte IV 594 Geistliche Literatur Beobachtungsgabe für das Leben. So hatte er einen volkstümlichen Zug und redete auch die Sprache des Volkes, wobei er deren Derbheit nicht scheute. Damit sind seine Predigten eine reiche Quelle für die Volkskunde, Sitten und Bildung der damaligen Gesellschaft. In den sieben Predigten über den Hasen im Pfeffer (Prov. 30, 26) vergleicht er einen frommen Christen mit einem Hasen, dessen 14 Eigenschaften die Disposition bilden, u. a.: das Häslein bewegt allezeit die Lippen und muffelt, so sollen wir allezeit Gott fürchten; es hat lange Ohren, so soll auch der Christ lange Ohren haben, um das Wort Gottes zu hören; er wird im Feuer gebraten, so wie wir in Leiden und Widerwärtigkeiten usw. (Cruel S. 545 f.). In der „Postille' heißt es u. a. (Wackernagel, Leseb. 5 S. 1482): Die weltlichen Menschen sprechen: „es ist mir ein guter Kuhstall hier". „Ich will dir's wahrlich glauben, denn du liegst im Dreck bis über die Ohren." Wenn man einen Frosch auf ein Kissen setzt, so springt er gleich wieder herab in den Dreck, also auch bist du im Dreck gelegen und Gott hat dich gesetzet uff ein sametens Kissen usw. Man kann sich denken, daß solche anschaulichen Bilder eine wohlwollende Aufnahme bei dem damaligen Publikum fanden. Für die Literaturgeschichte speziell beachtenswert sind seine Fastenpredigten über Sebastian Brants Narrenschiff 1498 und 1499, das die Quelle für die Aufzählung und Verdammung der betreffenden Torheiten bildet. Die nd. Predigt, Johannes Veghe u. a., s. unten „Nd. Lit.". 4. DIE GEISTLICHE LIEDERDICHTUNG Bei der allgemeinen Wendung von der Herrschaft der ritterlichen Lebensführung des 13. Jahrhunderts zur bürgerlichen des 14. u. 15. Jahrhunderts verschob sich der Wertmaßstab auf die Stadtkultur; damit wuchs die geistliche Literatur und mit ihr auch die geistliche Lieddichtung in deutscher Sprache in der Teilnahme der Bevölkerung bedeutend. Besonderen Anstoß verliehen große seelische Erregungen: in dem Kreise der Mystiker wurde das religiöse Gefühl mit tiefer Inbrunst gepflegt, die furchtbare Not der Pest in der Mitte des 14. Jahrhunderts (1349-50) zermarterte das von Angst gequälte Herz, und die Geißler 1 (Geißelbrüder) durchzogen Bußlieder singend das Land. 2 Das 15. Jahrhundert war noch bedeutend reicher an geistlichen Liedern; es erweiterte sich der Kreis der Feste, für deren Weihe solche verfaßt wurden: Weihnachtslieder, Osterlieder, solche für Himmelfahrt und Fronleichnam. 1 Ph. Wackernagel 2, 333-37 - Nr. 502 f.; Geißlerlieder, Studien z. geistl. Volksliede des Hoffmann S. \30-A9. — Bartsch, Germ. 25, MA.s, 1931, dazu Ranke, DLz. 1932, 737-39, 40 ff.; P. Runge, Die Lieder u. Melodien der L. Wolff, Theol. Lit.zeitg. 57, 1932; Sin- Geißler des J. 1349, 1900 (mit Lit.), dazu ger, Die relig. Lyrik d. MA.s, 1933, 94-96. Nagel, Lbl. 1902,9-11,Ph. A.Becker, Zfrom. a Ergreifende Berichte in der Limburger Phil. 25, 360-65; Bartsch, Quellenkunde Chronik u. in Fritsche Closeners Straßb. Chron. S. 311-33. 334-54; Lit. a. auch Stammler, (Hoffmann S. 134 ff.). Mnd. Leseb. S. 135: Arthur Hübner, Die dt. Der Mönch von Salzburg. Heinrich von Laufenberg 595 Vermehrt wurde der Schatz deutscher geistlicher Lieder durch Übersetzungen, 1 auf welchem Gebiete hauptsächlich der Mönch von Salzburg und Heinrich von Laufenberg — abgesehen von ihren unabhängigen Schöpfungen — tätig waren. Eine besondere Stelle unter den geistlichen Liedern nehmen die Kontrafakte 2 ein. Unter Kontrafaktur versteht man geistliche Umdichtung weltlicher Lieder. Solche Umdeutungen gab es einige schon im 13. Jahrhundert, ihre Hauptzeit aber haben sie im 15. Jahrhundert. Es mochte wohl manchmal da eine Profanierung geistlicher Inhalte vorliegen, zumeist aber war wohl die Absicht, die geistlichen Lieder auf diese Weise volkstümlicher zu machen, oder noch eher, das Weltliche ins Überirdische zu heben. Der Mönch von Salzburg. Heinrich von Laufenberg Fruchtbar auf dem Gebiete der geistlichen Liederdichtung waren die beiden vorhin genannten Verfasser: 1. Der Mönch von Salzburg, 3 Hermann (in 2 Hss. Johann). Die unter seinem Namen gehenden, sehr zahlreichen Gedichte sind zum größeren Teil Übersetzungen, manche werden ihm wohl auch nur zugeschrieben. Er soll seine Übersetzungen auf Veranlassung des Erzbischofs Pilgrim v. Salzburg (f 1396), dem er auch ein mit Akrostichon versehenes Preisgedicht widmet, mit Hilfe eines Priesters Martin verfertigt haben. Er bemüht sich, die lateinischen Formen nachzuahmen, aber ohne Geschick, verfällt dabei auch zuweilen in gesuchte Künstelei. 1 Hoffmann S. 237-370; Bartsch, Erlösung, suchg. z. Litteratur- u. Musikgesch., 2 Teile, Anhang, u. Germ. 7, 276-78. Acta Germ. III, 4 u. IV, 1896, dazu Vogt, 2 Hoffmann S. 371-416. — Luise Ber- GgA. 161, 79-86, Hugo Riemann, Musik. thold, Beitr. zur hd. geistl. Kontrafakture Wochenbl. 1897, 389 u. Fortsetzg.; Rottau- vor 1500, Marbg. Diss. 1920 (1918), gekürzt; scher aaO.; O.Ursprung, Vier Studien z. E. R. Müller, Heinrich Loufenberg, Straßb. Gesch. d. dt. Liedes, Arch. f. Musikwissensch. Diss. 1888, Berlin 1888. — Rud. Hildebrand, 4. 5. 6. - Ph. Wackernagel 1, 365 ff. 2, 409- Materialien z. Gescrr. d. dt. Volksliedes 1900, 55 (Nr. 447-94); Hoffmann S. 239^7; Pfeif- 20-53; K. Hennig, Die geistl. Kontrafaktur fer, Ad. Bl. 2, 325-50, Ferd. Wolf, ebda im Jahrhund, der Reformation, 1909. — Zwei S. 311-16; Hätzlerin S. 253-59. 300-05; andere solche Umbildungen, davon eine nach Geuther, Stud. z. Liederb. d. Hätzlerin, 1899, e. Liede Steinmars, s. Ad. B1.2, 125-27; W. 148; Bartsch, Germ. 18, 55-57; Ders., Ger- Wackernagel, Ad. Leseb. 5 Sp. 1177 f. — So manist. Studien 2,1875,309 f.; Ders., Meisterwird in dem Gedichte Die fünf Namen des lieder d. Kolmarer Hs. S. 184; J. V. Zingerle, Johannes Duro die heil. Jungfrau mit min- Germ. 23, 30 f.; Ders., Wien. SB. 54, 1867, nesängerischer Phraseologie wie eine irdische 301. 322. 329. 332. Mourek, SB. d. böhm. Geliebte gepriesen (130V., alemann.); hgb. W. Ges. d. Wissensch. 1890, 410 ff. — Jos. Amp- v. Wickede aaO. S. 15-29; s. auch Keller, ferer, Üb. d. Mönch v. Salzbg., Progr. Salz- Fastnachtspiele 3, 1378 Nr. 24. — Eine „ins bürg 1864, dazu Scherer, ZföG. 16, 1865, 520 Geistliche umgebogene Wappendichtung" ist u. Kl. Schriften 1,660; Sequentz von unser Dy heyling varb, Die Heiligen-Farben lieben frouwen des Munches v. Salzburg, mit (428 V., md., 1. Hälfte 15. Jh.); hgb. W. e. Einleitg v. H. Degering, 1916 (s. JB. v. Wickede aaO. S. 30-76 (s. oben bei Bib- 1917/18 S. 154); H. F. Wagner, Mittelalterl. lische Dichtungen des 14., 15. Jh.). — Geist- Hofpoesie, Mitteil, der Ges. f. Salzburger liehe Parodien s. Wackernagel, LG. 1 2 , 366. Landeskde. 38, 107-37; Fritz Gysi, in: Die 3 Ausg. (Text des größten Teiles der Lieder Alpen (Bern) VII, 8, 1931. H. Loewenstein, und Melodien): F. Arnold Mayer u. Heinr. Das deutsche „Mittit ad virginem" des Mönchs Rietsch, Die Mondsee-Wiener Liederhand- v. Salzb., Beitr. 56, 449 ff. schrift u. der Mönch v. Salzburg, e. Unter- 38* 596 Geistliche Literatur 2. Eine umfassendere literarische Tätigkeit entfaltete Heinrich von Laufenberg; 1 außer seinen zahlreichen geistlichen Liedern (frei geschaffen, oder Übersetzungen und Nachbildungen lateinischer Hymnen, Kontrafakte), die in einfacherem, aber auch in gewählterem Versbau gehalten sind, bearbeitete er einen Spiegel des menschlichen Heils (1437) und ein Buch der Figuren (1441,s. unten), eine Sammlung von Predigten (1425), endlich eine Arzneimittellehre (1429), eine gereimte Verdeutschung des lat. Regimen sanitatis (s. unten). Er stammte aus dem Städtchen Laufenberg (jetzt Laufenburg, am Rhein im Kanton Aargau), war Priester in Freiburg i. Breisg., 1437, trat 1445 in den St. Johannisorden zu Straßburg. Er hat gegen 100 Lieder gedichtet in den Jahren 1415 bis 1458; bei einigen allerdings ist seine Urheberschaft zweifelhaft. Einige der verehrtesten lateinischen Kirchengesänge hat er dem deutschen Volke nahe gebracht, wie Ave maris Stella, Salve regina, Stabat mater dolorosa, Puer natus in Bethlehem, Pange lingua gloriosi, Surrexit Christus hodie, Veni redemptor gentium, Veni sancte Spiritus. Am meisten liegt ihm die Verherrlichung der heiligen Jungfrau am Herzen. Die geistliche Tageweise Zur geistlichen Tageweise 2 wird die Kontrafaktur, wenn der umgedichtete weltliche Stoff dem Tagelied des Minnesangs nachgebildet ist. Das Motiv des Erwachens oder Erweckens wird gedeutet auf das Erwachen aus dem Schlaf der Sünde. Schon in der Bibel, besonders im Hohen Lied, finden sich Stellen, die an das Tageliedmotiv anklingen, wenn ein Wächter erscheint oder wenn ein Weckruf ertönt, das „Weck- und Wächtermotiv" ist auch in die ältere lateinische Hymnendichtung übergegangen. Aber das deutsche Tagelied als Kontrafaktur, als geistliche Umdichtung des weltlichen Tagelieds, ist erst eigentlich eine Schöpfung der Nachblütezeit, des 14./15. Jahrhunderts. Wie weit solche Tageweisen als Volksgesänge umgingen, zeigt eine Nachricht der Limburger Chronik zum Jahr 1356: in dieser Zeit sang man das Tagelied von der heiligen Passion, und war neu und machte es ein Ritter: O starcker got usw. (die 6 ersten Verse werden angegeben). Das ganze Lied findet sich 1 Phil. Wackernagel 2, 528-611 = Nr. 701 K. Bass, Notiz üb. H. v. L.'s Gesundheits- -791 [798] Hoffmann S. 247-370; Ders., In regiment, Alem. 6,235-37. — Zum Spec. Dulci jubilo 2 , 1861, S. 10 ff.; Massmann, hum. salvationis: Chr. M. Engelhardt, Aufsess. Anzeiger 1,41 ff.; Ferd. Wolf, Üb. Der Ritter v. Stauffenberg, 1823 S. 16-53 die Lais, Sequenzen b. Leiche, 1841, S. 151, E. Breitenbach, Spec. hum. salv., 1930 Bartsch, Germ. 18, 59; Crecelius, Alem. 2, Schröder, Anz. 41, 96. — Marienieich 223-33; E. R. Müller, H. v. L., e. literarhist. P. Runge, Der Marienieich H.s v. L., Fest- Untersuchg. 1888, dazu Strauch, Anz. 16, schrift Liliencron 1910. 108-111, Cbl. 1890, 836; Luise Berthold, 2 Theod. Kochs, Das deutsche geistliche aaO.; Kochs aaO.; Baechtold, Gesch. d. dt. Tagelied, 1928 (mit Lit.), dazu Otto Schu- Lit. in d. Schweiz S. 181 f. 203 f. 207 f. u. mann, Anz. 49, 116-20, Petrich, Theol. Lbl. Anm. S. 46 f. 49. 207 f.; Singer, LG. d. dt. 52, 1931, Nr. 6; Walter de Gruyter, Das Schweiz S. 24 f.; Ders., Schweizerdeutsch dt. Tagelied, 1887 S. 127 ff.; Roethe, Anz. 16, S. 93 f.; Ders., D. malterl. Lit. d. dt. Schweiz 86 ff.; Singer, Die religiöse Lit. d. MA.s, S.23ff. 123. 185 f. u. Anm. — Regimen 1933,79. Sanitatis: A. Jentsch, Straßb. Diss. 1909; Die geistliche Tageweise. Osterlieder. Einzelne geistliche Lieder. Sammlungen 597 in der Kolmarer Hs. unter dem Namen Graf Peter von Arberg. 1 Diese „grÖ3e tagewise' 1 des Grafen ist ein Bittgebet unter Bezugnahme auf das Kreuz, Christi Leiden und Tod und Maria Schmerzen, ohne Anspielung auf die Situation eines weltlichen Tagelieds, während eine zweite, kürzere Tageweise des Grafen gleich beginnt Ich wahter, ich solt wecken den Sünder, also eine wirkliche Kontrafaktur ist. Osterlieder Eine Umbiegung weltlicher Frühlingsfreude ins Geistliche ist das Osterlied des Konrad von Queinfurt (Pfarrer zu Steinkirch am Queiß, f 1382) 2 Da lenze guot. Ähnlich ist das Lob des Osterfestes in die Freude über die wonnigliche Frühlingszeit eingekleidet in einem niederdeutschen Osterliede (15. Jahrhundert). 3 Des Venantius Fortunatus in lat. Distichen verfaßter Osterhymnus wurde in 34zeilige Strophen umgearbeitet (Ulm-Augsburger Dialekt, wohl noch im 13. Jahrhundert). 4 Einzelne geistliche Lieder. Sammlungen Von einzelnen geistlichen Liedern seien hier noch angeführt: Ein schone concert vom leyden Christi (Paul Mitzschke, Anz. f. Kunde d.dt. Vorz. 1883, 293-95). — Osterlied, 15. Jahrhundert, nd. (Wilh. Müller, ZfdA. 1, 546 f.). — Hoffmann, Ad. B1.2, 82 ff. — Der Meister der Blumen, F.W. E.Roth, Germ. 36, 265-67. — Peter v. Dresden, Koberstein l 6 , 375; Peter v. Sachsen: Roethe, ADB. 25, 476. — Ein Mischlied „Venite, uns gesellen besweret sorgen" (R. Wolkan, Mitt. d. Ver. f. Gesch. d. Deutschen in Böhmen 34, 1896, 272 ff.). — Conrad Nollstatters Gedicht von des Teufels Töchtern, 15. Jahrhundert (H.Schmidt-Wartenberg, Journ.' of. Germ. Philol. 1, 1897, 249-51). — Das andere Land, 14./15. Jahrh., nd. (Joh. Franck, ZfdA. 44, 123-31; Schröder, Gott. Nachr. 1927, 115). — Die Lieder der Pfullinger Hs. aus dem Frauenkloster daselbst sind wohl von Nonnen verfaßt (Ph. Wackernagel 3 Nr. 815 ff.). — Eine Trierer Liederhandschrift vom Ende des 15. bis Anfang des 16. Jahrhunderts (P. Bohn, Monatshefte für Musikgesch. 29, 1897, 37-43). — Das Liederbuch der Anna von Köln, Lieder des 15. Jahrhunderts (Bolte, ZfdA. 21, 129-63; s. Suolahti, Neuphilol. Mitteil. 1910, 1-14). Docen, Mise. 2 (1807), 239-57, Sammlung altteutscher geistlicher u. weltlicher Lieder, vorzüglich aus dem 16. Jahrhundert. — Rud. Möllencamp, D. jüngere Ebstorfer Liederhs. (nd.), Kiel. Diss. 1911, 1 Hgb. Bartsch, Kolmarer Liederhandschr. urkundl. 1348; Bartsch, Germ. 12, 90; Singer, S. malterl. Lit. in d. dt. Schweiz 1930, 27. 193. — Andere geistliche Tageweisen verzeichnet Koberstein 1, 374. Anm. 35. — S. 578-83, s. ebda S. 179 f. 709 u. Germ. 12 90. 18,62; Reifferscheid, ZfdPh.9, 187-90 Bartsch u. Böhme, Germ. 25, 210-29 Priebsch, Dt. Hss. in England 1,335 ff. Frü- Siehe Kochs aaO. here Ausg.: Massmann, Aufsess. Anz. 1832, 2 Ph. Wackernagel Nr. 120-22, 388-92; 25 ff.; Ph. Wackernagel Nr. 118, s. auch = 538. Hoffmann S. 78-82. S. 327-32 == Nr.496-500; Hoffmann S.83f.— 3 Wilh. Müller, ZfdA. 1,546 f. — Goedeke, Grundr. I 2 , 237. — Peter von 4 Edwin Habel, ZfdA. 53, 199-207. Arberg war wahrsch. aus dem Nassauischen; 598 Geistliche Literatur H. Jellinghaus, Mittelniederdt. geistliche Lieder u. Sprüche, ausgew., 1928; Ders., Grundr. I 2 , 366; Osterley in Goedeke, Dt. Dichtg. im MA. 2 S.9f. Eine Reihe von Dichtern des 14./15. Jahrhunderts, die auf verschiedenen Gebieten tätig waren, hat sich auch dem geistlichen Liede gewidmet, wie Hugo v. Montfort, Suchenwirt, Oswald v. Wolkenstein, Michael Beheim, Muskatblüt, Hans Folz 1 u.a. Marienlieder Die Marienverehrung ist die Blüte der Volksfrömmigkeit. Unter allen geistlichen Liedern besitzen die, welche der Mutter Gottes geweiht sind, den tiefsten lyrischen Gehalt. An erster Stelle zu nennen sind Bruder Hansens Marienlieder 2 wegen der poetischen Bedeutung und der meisterlich gehandhabten Form. Der Dichter hat seine starken Empfindungen in ein äußerst gewähltes Formenspiel gekleidet. Der Aufbau des Ganzen ist episch, indem zuerst die Genealogie der Maria von Adam an berichtet, dann der Beschluß des Erlösungswerkes (dabei die Geschichte von den Vier Töchtern Gottes) und die biblische Geschichte des Neuen Testamentes bis zur Flucht nach Ägypten erzählt wird. Die Einleitung mit den 15 zwölfzeiligen Strophen in den vier Sprachen deutsch, französisch, englisch, lateinisch ist besonders gekünstelt. Dann folgen 6 Abschnitte von je 100 jüngeren Titurelstrophen mit dem Englischen Gruß als Akrostichon usw. (s. Franck aaO. S. 393 ff.). Die Sprache ist niederfränkisch (Gegend von Cleve), jedoch mit hochdeutsch gemischt; Zeit der Abfassung: nach 1391. Einzelne Marienlieder: 3 Ein Salve Regina in verschiedenzeiligen Strophen, die meist mit lateinischen, ein zusammenhängendes Bittgebet bildenden Zeilen beginnen; 316 Reimpaare (Haupt, Ad. Bl. 78-88). — Ein Salve Regina in dem Brevier eines Palästinapilgers, 15. Jahrhundert; die 40 Reimpaare, denen die Worte des lat. Hymnus vorgesetzt sind, beginnen jedesmal mit dessen deutscher Übersetzung (Adelb. Keller, Ad. Gedichte, 1846 S. 245^17; Fröhner, ZfdA. 11,36-38). — Das Guldin Ave Maria in demselben Brevier, dessen 14 Strophen jeweils in der ersten Zeile ebenso gebildet sind (Fröhner S. 38-41; Mone, Quellen u. Forsch. 1, 1830, 110). — Ein Ave Maria in 24 vier- zeiligen einreimigen Strophen (vielleicht noch aus dem 13. Jahrhundert; Klapper, ZfdPh.47, 83-87). — Mehrfach übertragen oder in Reimpaaren 1 Wolkenstein s. Ph. Wackernagel 2, Schröder, ZfdA. 25,127-30.28, 20-22; Mors- 478-82 = Nr. 632-39; Folz ebda. Suchen- bach, Bruder Hansens Englisch, ebda 54, 117 wirts. Ph. Wackernagel 2,473f. = Nr. 628; -20; Schröder, Gold. Schmiede Ausg. S.83. Wolkenstein ebda 478-82 = Nr. 632-39; — Stellen: Birlinger, Germ. 18, 112 f.; U. Michael Beheim ebda S. 666-89 = Nr.859-80; Hirn, Neuphilol. Mitteil. 29, 1928,36; Suo- Muscatblüt ebda S. 487-508 = Nr. 648-62; lahti, ebda 30, 1929, 146. — Goedeke, Folz S. 830-37 = Nr. 1048-50. Grundr. I 2 , 237 f.; Piper, Geistl. Dichtg. 2 Hgb. R. Minzloff, Bruder Hansens Ma- 1, 283. —Hs.: Petersburg, andere Hss.: Germ, rienlieder aus dem 14. Jh., 1868, dazu Bech, 12, 89 f. 24, 251; ZfdPh. 11, 218-27. GgA. 1863 S. 1280-1310. — Abh.: Franck, 3 Goedeke, Grundr. I 2 , 238; Singer, Die ZfdA. 24, 373-425; Gerss, ZfdPh. 11, 218-27; relig. Lyrik aaO. S. 61-65. 78. Marienlieder. Mariengrüsse 599 nachgebildet wurde seit der frühmhd. Zeit die Mariensequenz Ave praeclara maris Stella; (LG. II, 1,213-16. 214 Anm.4) auch im 14./15. Jahrhundert. Eine Paraphrase der Sequenz Ave praeclara maris Stella, Anfang d. H.Jahrhunderts (Klapper, ZfdA.50,189-97 [mit Lit.], daselbst noch andere Kirchenlieder S. 199-202; Suolahti, Mem. de la soc. neophil. de Helsingfors 1909, 507-48; R. Wolkan, Mitteil. d. Verf. für Gesch. d. Deutschen in Böhmen 33, 1895, 395-99 [zwei Sequenzen]). — Eine abweichende Version des Ave praeclara, mittel- od. niederfrk., 15. Jahrhundert, steht in dem Liederbuch der Anna von Köln (Suolahti, Neuphilol. Mitteil. 1910, 1-14). — Johannes des Wisen Marienlob, elsäss., Anf. d. 14. Jahrhunderts, beeinflußt durch Konrad von Würzburg (W. E. Collinson, Mod. Lang. Rev. 6, 1911, 503-10); Das Lob unser Frouwen (Zingerle, ZfdPh. 6,377; Jeitteles, Germ. 31,291-310; A. Bach, Üb. Heimat u. Verf. des rhein. Marienlobs, Teuthonista 8, 210 ff.; H. Fr. Rosenfeld, Zum Lobgesang auf Maria, Beitr. 53,419-31). — Lilienfelder Marienlied, 14. Jahrhundert, gereimtes Mariengebet, Preis und Bitte, in 4 Strophen (Vogt, ZfdA. 47, 288 f., s. S. 448). — Ein Preis- u. Bittlied, anschließend an die Magdgeburt, alem., 14. Jahrhundert (Paul, Beitr. 3, 362-65). Mariengrüße Die Mariengrüße haben ihren Ursprung im Englischen Gruß. Das von Pfeiffer, ZfdA. 8, 274-98, herausgegebene Gedicht, bayer. (wohl 14. Jahrhundert, im ganzen 836 V., s. Schröder, ZfdA. 28,20-22) zeichnet sich durch einen regelrechten Bau und sehr geblümten Stil aus: 68 Reimpaarverse, dann 43 vierzeilige Strophen (das erste Halbhundert), die alle mit „Wis gegrüezet" beginnen, darauf nach 40 Reimpaarversen das andere halbe Hundert Vierzeiler, alle beginnend mit „Vrewe dich", darauf 70 Reimpaare und dann das dritte halbe Hundert „Hilf uns", (ave salve, gaude, vale); Schluß:46 Reimpaarverse (Docen, Mise. 2, 244-46 [19 Strophen abgedr.]; Steinmeyer, ZfdA. 18, 13-16; Schröder, ebda 28, 20-22; L.Wolff, ebda 67,266. — Goedeke, Grundr. I 2 , 230 u. Mittelalter 2 S. 150-52; Piper, Geistl. Dichtg. 1, 309-11; Wackernagel, LG. I 2 , 365). An die Mariengrüße schließt sich unmittelbar die Sündenklage einer Frau an Maria an mit dem Englischen Gruß als Akrostichon (Pfeiffer aaO. S.298 -302, 122 V.; Bech, Germ. 6, 222; Schröder aaO). Ein Ave Maria des 14. Jahrhunderts in einer Weingartner Hs., hgb. K. Löffler, Beitr. 37, 344-50. — Eine Erzählung vom Gruß des Engels in 57 Reimpaaren: Graff, Diutiska 2, 1827,35-39. Bruchstück eines Marienpsalters (oder Marienlobs) in Strophen von 4 gleichgereimten Versen, 14. Jahrhundert, bayer .-Österreich. (Schönbach, ZfdA. 48, 365-70). Unser leuen frouwen rosenkrantz: Oesterley in Goedekes Dt. Dichtg. im MA. 2 S. 13; Keinz, ZfdA. 38,157. 600 Geistliche Literatur Marienklagen Die Marienklagen häufen sich in diesen letzten Jahrhunderten (Lit. s. oben 13. Jahrhundert). — Für das 14./15. Jahrhundert Einzelnes: Schade, Geistliche Gedichte des XIV. u. XV. Jahrhunderts vom Niederrhein, 1853, S. 203-21; Sebastian Mayr, Zwei Marienklagen, Progr. Kremsmünster 1882, 29-56; Pfeiffer, Ad. B1.2, 373-76 (lat. Eingangsverse: Planctus ante nescia und im Innern: Mi Johannes planctum move), Paul, Beitr. 3, 365-70; Sievers Bruchstücke einer Marienklage, ZfdPh.21,395-404; Priebsch, Ein strophisches Ged. von den Sieben Leiden Marien (niederfrk., 14. Jahrhundert), ZfdPh. ebda 36, 81-86. — P. Norrenberg, Kölnisches Literaturleben im ersten Viertel d. 16. Jahrhunderts, 1873, S.4. —Martin, Mariae Himmelfahrt, ZfdA.23, 438-40 (14./15. Jahrhundert); Hoffmann, Mar. Himmelfahrt, nd., Germ. 15, 369-75; W. Crecelius, Crailsheimer Schulordnung von 1480 mit deutschen geistlichen Liedern, Alem. 3, 247-62; C. Norrenberg, Ein Aachener Dichter d. 14. Jahrhunderts, Zs. d. Aachener Gesch. Ver. 11, 1888, 50-66 (7 deutsche u. 8 lat. Lieder). — Der goldene Tempel von Hermann von Sachsenheim, s. bei H. v. Sachsenheim. 5. LEHRHAFTE GEISTLICHE DICHTUNG Der Spiegel des menschlichen Heils Den weitesten Rahmen der Heilsgeschichte umspannt Der Spiegel des menschlichen Heils. Dieser „Spiegel" führt die Erlösung des Menschengeschlechts vor, vom Uranfang, der Verstoßung der abtrünnigen Engel, der Schöpfung, dem Sündenfall, an zur Geburt, dem Leben, Leiden und Tod Jesu bis zum Jüngsten Gericht. Die Quelle für die deutschen Versionen war das lateinische Speculum humanae salvationis, 1 von einem unbekannten Verfasser am Anfang des 14. Jahrhunderts (1324), der die Bibel und Petrus Comestor seinem Werk zugrunde legte. Dieses lat. Gedicht war als Erbauungsbuch weit verbreitet, wohl auch seiner Ausstattung mit Illustrationen wegen, die das Erzählte veranschaulichten. 2 Deutsche Übersetzungen in Prosa und Versen seit dem 14. Jahrhundert sind in großer Anzahl erhalten. Als selb- 1 Lutz et Perdrizet, Spec. hum. salv., 1907; piche u. Decken desMA.s 1, 1927,16; Breiten- Paul Perdrizet, fitude sur le spec. Hum. bach, Spec. hum. salv., 1930 (illustrierte Spe- salv., Paris-Leipzig 1908; Paul Poppe, Üb. culum-Hss.). — Der nd. „Heilspiegel" des Lu- das Spec. hum. salv. und eine md. Bearbei- dolf von Sachsen s. unten Nd. Lit. tungdesselben,Straßb.Diss. 1887; H.Schmidt- 2 Das ist die Erläuterungsweise der Biblia Wartenberg, Publ. of themod.lang.assoc.of pauperum, in der jeweils eine alt- und eine America 14, 1898, 137-68; Kampers, Mitteil, neutestamentliche Abbildung, auch eine ent- d. Ges. f. schles. Volkskde 19, 73 ff.; Strauch, sprechende aus der Weltgeschichte, neben- Bruchstücke einer gereimten md. Bearbeitung einander gestellt werden. Zu dem Wert der des Spec. hum. salv., Beitr. 48, 93-104; Mar- bildlichen Darstellungen vgl. Thomasin, Wäl- tin Grabmann, Die Kulturphilosophie des scher Gast V. 1097 ff. u. Rückerts Ausg. Anm. hl. Thomas von Aquin, 1925, 167 f. — Ferd. S. 533. — Biblia pauperum: Heitz u. Schrei- Piper, Mythologie d. christl. Kunst I, 1847, ber, Bibl. paup., Straßb. 1903. 148-55; Marie Schütte, Gestickte Bildtep- Marienklagen. Der Spiegel des menschlichen Heils. Das Buch der Figuren 601 « ständige deutsche Bearbeitungen sind bis jetzt bekannt: Der Spiegel des menschlichen Heils von Konrad von Helmsdorf. 1 Der Dichter gehört einer Familie an, die am Bodensee und im Kanton Thurgau beheimatet war; urkundlich belegt sind verschiedene „Konrad" v. H. von 1273 bis 1344. 2 Sein Name ist nur bekannt aus einer alten Notiz auf der Innenseite des Einbands; 4774 V. (von V. 4567 an hat der Dichter selbständig zugefügt: Lobgesang auf Maria, Warnung vor der Welt, Preis der Christenheit, Veronikas Schleier.) Der Spiegel des menschlichen Heils von Heinrich von Laufenberg (s. oben) von 1437 (15000 V.). 3 Eine gereimte deutsche Bearbeitung des Speculum humanae salvationis verfaßte auch Andreas Kurzmann, 4 Mönch in dem steirischen Zisterzienserkloster Neuburg; vor 1428 gestorben, war er ein fruchtbarer Autor, wenn auch an sich wenig zum Dichter geeignet. Er übertrug außerdem das lat. Gedicht Soliloquium Mariae und schrieb eine Legende von Sanct Alban, eine von Amicus und Amelius und übersetzte ein Gedicht De quodam mo- riente (Thema der Visio Philiberti). Der md. Spigel der menschlichen Selikeit in ungelenken Reimpaaren. 5 Das Buch der Figuren Das Buch der Figuren von Heinrich von Laufenberg (1441), 6 ebenfalls mit Bildern, ist eine symbolische Deutung von auf Maria bezüglichen Erzählungen des Alten Testaments (25370 V.), wahrscheinlich nach dem Opus figurarum Konrads v. Alzei (gest. 1370) gearbeitet. Der Seelen Trost. Der Seele Rat Geistliche Lehren, meist in Prosa, waren als Einzeltraktate viel verbreitet. In die Form von Erzählungen gekleidet sind solche Lehren in: Der Seelen Trost. Der Seelen Trost 7 gibt eine Belehrung über die zehn Gebote, worin literaturgeschichtlich das wichtigste die als Exempla eingeschalteten Er- 1 Hgb. Axel Lindquist, Konrad v. Helms- 4 Schönbach, Üb. Andreas Kurzmann, dorf, D. Spiegel des menschlichen Heils, Dt. Wien. SB. 88, 1, 1878 S. 807-74 u. SA.; Ludw. Texte d. MA.s, Nr. 31, 1924, dazu L. Wolff, Gauby, Andr. Kurzm., Progr. Graz 1913 u. Anz.44, 132-34, Schölte, Museum 32, 1925, 1914; Günth. Müller in Walzels Handbuch 234-36; Stammler, ZfDtsckde 41, 1927, 162. S. 60 f. — Baechtold, Gesch. d. dt. Lit. in d. Schweiz 5 Siehe Poppe aaO.; Strauch aaO. S. 139u.Anm.S. 40 (Lit.); Singer, D.malterl. 6 Engelhardt aaO.; Baechtold aaO.; Lit. d. dt. Schweiz S. 123. 185. 200. Lutz et Perdrizet aaO. S. 252. 2 Baechtold aaO. denkt an e. Leutpriester 7 In Hss. und alten Drucken verbreitet. — K. v. H. im Thurgau, 1296, Stammler aaO. Latendorf, Zur. Literatur des Seelentrostes an den Vogt des Nonnenklosters zu Lindau, (Handschriften u. Drucke), Anz. f. Kunde d. dt. 1331. Vorzeit 1866 Sp.307ff.; P. Norrenberg, 3 Christian Moriz Engelhardt, D. Ritter Kölnisches Literaturleben im ersten Viertel d. von Stauffenberg, 1823, 16-42; Baechtold 16. Jh.s, 1873, S. 26; Geffcken, Bilderkate- S. 181 u. Anm. 46 f. (Lit.); Singer aaO. chismus (s. ob.) S. 5 ff., bes. S. 45 ff.; Pfeif- 602 Geistliche Literatur Zählungen und Legenden sind. Titel: Der seelen trost mit manigen hübschen Exempeln durch die Zehen gebot und ander guten lere. Mittel fränkisch, Gegend von Köln, oder westfälisch?, 14. Jahrhundert, Prosa. Unter den Erzählungen des Seelentrostes ist hervorzuheben die Geschichte von Amicus und Amelius, die Freundschaftssage. 1 Der Seele Rat ist eine allegorische Darstellung des Bußsakraments, in der als Frauen personifiziert Reue, Beichte, Buße (bzw. in der Reihenfolge Beichte, Buße, Reue) auftreten. Das Gedicht beginnt mit den Hauptsünden, die der Seele vorgehalten werden (V. 555). Zum Schluß folgt eine Gerichtsszene: die Seele wird vor das (jüngste) Gericht Jesu Christi gestellt, wo der Teufel Klage gegen sie erhebt (V. 5325). Das Gedicht (der Eingang fehlt) hat in der einzigen Hs. (Brixen) 6548 Verse. Der Dichter nennt sich am Schluß (6541^18) prueder Hainreich von Purgews, d. i. Heinrich von Burgus, und sein Gedicht der seien rat. Er stammt aus dem heutigen Burgeis im Vintschgau (urkundlich bis zu Anfang des 15. Jahrhunderts Burgus, Burgusium genannt) und war Franziskanerbruder. Verfaßt wurde das Gedicht am Anfang des 14. Jahrhunderts, zwischen 1301 und 1320. 2 Die Pilgerschaft des träumenden Mönchs 3 Inhalt nach der Kölner Handschrift (ed.Mejboom): Ein Mönch träumt, er sei auf der Pilgerfahrt nach dem himmlischen Jerusalem. Gottes Gnade begleitet ihn. Sie gibt ihm einen Harnisch als Rüstung, in ihm sind die Tugenden verkörpert; die Vernunft belehrt ihn. Auf seiner Wanderung begegnet er einer Anzahl von Weibern, die ihm den Weg verstellen und mit denen er zu kämpfen hat, sie stellen die Laster vor. Zum Schluß kommt er in ein Kloster, dann nahen ihm Krankheit, Alter, Tod. Dann erwacht er aus dem Traum. — Das Werk ist also eine in den Rahmen eines Traumes gefaßte Allegorie; die Tugenden und Laster und die Gnade werden als Personen redend und handelnd vorgeführt. Das Ganze aber stellt eine Pilgerfahrt durch das Leben fer, Frommans Deutsche Mundarten 1, 1854, MA.s XXXVII, 1932, dazu Behaghel, Lbl. 170 ff. 2, 1 ff. 289 ff. (Veröffentlichung einer 1934, 17 f. — Hensghel, Anz. 52, 178-80; Anzahl von Erzählungen); Wackernagel, Rosenhagen, DLz. 1933, 2232-34, Suolahti, Leseb. 6 Sp. 1311-18; Hilka u. Söderhjelm, Neuphilol. Mitteil. 34, 1933, 130, Piquet, Re- Ausg. der Disciplina clericalis des Petrus AI- vue germ. 24, 1933, 163. — J. Schatz, Heinr. fonsi (Kl. Ausg. 1911 S.XIV); Gerhard v. Burgeis oder von Burgus?, Anz. 52,216 f.— Reidemeister, D.Überlieferung des Seelen- Wesle, Stamml. Verfasserlex. 2, 254 f. trostes I, Hall. Diss. 1915 (mit vollst. Lit.). — 3 Ausg. Aloys Bömer, Die Pilgerfahrt des Stammler, Gesch. d. nd. Lit. S. 39 f.; Ders., träumenden Mönchs aus der Berleburger Hs. Mnd. Leseb. S. 38 u. Anmerk. u. Nachweise hgb., Dt. Texte des MA.s Bd. 25, 1915, dazu Nr.22 S. 137 (Lit); Borchling, Nd. Korrbl. Helm, Anz.39, 39^2, Strauch, DLz. 1917, 41, 1915,35 f. — LG. II, 1, 249. 186-88, Behaghel, Lbl. 1917, 77 f., Frant- 1 Hgb. Wackernagel, Leseb. 5 1313 ff. u. zen, Museum24, 133-35; Adriaan Mejboom, Wackernagel, A. Heinr. S. 51 ff., ed. Toi- Die Pilgerfahrt des träumenden Mönchs nach scher S. 155-62, ed. Stadler S. 181-87. — der Kölner Hs. hgb., Rhein. Beiträge 10, 1926, W.Grimm, Kl.Schr.3, 265; nd. Prosa(15.Jh.): dazu Behaghel, Lbl. 1930 Sp. 7 f., Stamm- Pfeiffer, Germ. 9,261-65. ler, ZfDtschkde 1928, 816. — Marie 2 Hgb. Hans-Friedrich Rosenfeld, Hein- Gothein, Arch. f. Religionswissensch. 10, rieh von Burgus, Der Seele Rat, Dt. Texte des 470; Ehrismann S. 101 ff. Die Pilgerschaft des träumenden Mönchs. Weitere geistliche Lehren, Sprüche 603 dar; es beginnt mit der Taufe, dann folgt die Belehrung durch Sakramente und Dogma, als Hauptteil eine Laster- und Tugendlehre und schließlich der Tod. Die Pilgerfahrt des träumenden Mönchs ist im Mhd. viermal behandelt worden, zweimal poetisch; die Fassung der Berleburger Hs. (Ausg. Bömer) fällt in den Anfang des 15. Jahrhunderts, Originalniederschrift des Verfassers (rheinfränk., 13863 V., stilistisch stümperhaft); die Kölner Version (Ausg. Mejboom) ist verfaßt von einem Stiftsherrn in Köln, Peter van Meroede (V. 5987 ff.), um 1430 (geschrieben 1444, Sprache ripuarisch, 13645 V.) in sprachgewandter Form. Die zwei andern Bearbeitungen, nahe übereinstimmend, sind in Prosa und gehören ebenfalls dem 15. Jahrhundert an (Hamburger Hs., Darmstädter Hs., noch nicht hgb.). Die Erfindung des Stoffes von der Pilgerfahrt des träumenden Mönches ist nicht deutsch, vielmehr gehen die vier deutschen Versionen auf das franz. Gedicht Le Peleri- nagedeviehumainedes Guillaume de Deguileville (um 1330) zurück, das auch Quelle für eine englische, eine niederländische und eine spanische Übersetzung ist. Miracula „Miracula", „Wundergeschichten", 1 gingen in großer Anzahl um, und zwar als Prosaerzählungen irgendwelcher merkwürdiger Erlebnisse, die leicht als Exempla, Predigtmärlein (LG. II, 2, 199), verwendet werden konnten. Diese Mirakelliteratur hat den Zweck zu belehren. Die Geschichten beginnen meist: „Wir lesen daz", oder „Ez was ein pfaffe, riter" etc. Weitere geistliche Lehren, Sprüche, Traktate Spiegel des geistlichen Lebens, bayer. 14. Jahrhundert: „Wil du an gaistlichem leben volchomen werden" (Pfeiffer, Ad. Übungsbuch S. 176-78.) — Von fünferlei Liebe, elsäss., 14. Jahrhundert, Überschrift: „Dis ist nach brüder Dauides lere" (d. i. David von Augsburg); Anfang: „Man lisetjn dergeschrift vonfvnfer hande liebe .. ." von leiblicher, begirlicher, natürlicher, gesellicher, geistlicher Liebe (Pfeiffer aaO. S. 173-75). — Die Vetiche der Seele, Prosa, md., 14. Jahrhundert.; Vom Leiden Christi und Mahnung, die Gnade Gottes zu bedenken, die die Seele zum Himmelreich führt (Hoffmann, Ad. Bl. 1, 353 -62). — Sprüche der Väter, 15. Jahrhundert: geistliche Mahnungen, Aussprüche aus Kirchenvätern (Priebsch, Dt. Hss. in England 1 S. 53 f.). — Die Unterweisung zur Vollkommenheit lehrt: Den weg zur vollenkumeheit (V.36), den Aufstieg zu immer höheren Graden des tugendhaften Lebens. Der Verfasser war wohl Geistlicher, seine Kunst ist gering; 14. Jahrhundert, 1 Schönbach, Die Reuner Relationen, Wien. Nachweise; Carl Reinholdt, Die Wunder- SB. 139 Nr. V, 1898, bes. S. 3 ff. — Bartsch, geschichten des Cod. pal. germ. 118, Greifsw. Katalog der Hss. der Universbibl. in Heidel- Diss. 1913. berg, 1886, Nr.76 fol.84a (S.33a), wo weitere 604 Geistliche Literatur Dialekt thüringisch (342 Verse). 1 — Das Spiegelbuch ist ein illustriertes Erbauungsbuch in dramatischer Form, Bekehrung oder Verdammung sind die beiden Möglichkeiten für den Menschen. Der Verfasser steht unter dem Einfluß Heinrichs von Laufenberg, 15. Jahrhundert (hgb. v. Max Rieger, Germ. 16, 173—211, s. dazu Bolte, Forschungen u. Fortschritte, 1932, 196); Bolte, Eine weitere Hs. des Spiegelbuches, Preuß. Ak. 26, 1932, 729-32 (Trierer Hs.). — Herrn Selbharts Regel, Regula Selphardi (Selphart = Egoist), Prosa, 14. Jahrhundert, ist eine Allegorie: Ein Kloster nach der Regel des Herrn Selphart wird von lauter Untugenden bewohnt. Dieser Traktat lehrt also mit parodistischen Mitteln, wie das Klosterleben nicht sein soll (Wackernagel, Leseb. 5 Sp. 991-96). — Mahnung, der Wunden Gottes zu gedenken, wie er am Kreuze hing, etwa 12 Reimpaare, md.?, 12.Jahrhundert?, M.Jahrhundert? (Heinzel, ZfdA. 17, 52). — (Jesus der Arzt von Hermann v. Sachsenheim, s. dort.) — Von der Würdigkeit der Priester, 14. Jahrhundert (Strobl, ZfdA. 16,467-74) — Zwölf erbauliche Aussprüche tun die zwölf Meister zu Paris (Wackernagel, ZfdA. 4,496-500; Birlinger, Alem. 3, 99 f.) — Birlinger, Bruchstück eines geistlichen Lehrgedichtes, Germ. 28, 301-7, von der Minne zu Gott (14. Jahrhundert, mittelfränk.); Derselbe, Geistl. Gedichte vom Niederrhein, ebda 29,409-11. — Eine Kölner Handschrift asketischen Inhalts, mittelfränk., 15. Jahrhundert: Mahnungen an einen Mönch, wie er sein geistliches Leben einzurichten habe (Prosa, Scheins, ZfdA. 24, 124-27).— Bruchstücke aus einem geistlichen Prosatraktate, md., M.Jahrhundert, wahrscheinlich an eine Klosterschwester gerichtet: Verherrlichung des himmlischen Lebens, der Gottesstadt, der Mensch sal burger werden in der stat do inne di engele burger sin ; Mahnung, dahin zu streben (Strauch, Festgabe Degering 1926 S. 238-43). — Der geistliche Rat, Nonnenregel in Versen, Wackernagel, Ad. Blätter 1, 343. 47, Meyer-Benfey, Mhd. Übungsstücke 2 S. 22-24. Scherer QF. 12, 116 u. ZfdA. 20, 341-46, Schröder, ebda. 70, 124-27. — Franz Hotzy, Zu Marquards von Lindau „Buch der zehen gepot" (gest. 1392), ZföG. 64, 1913, 407-11. — Der Kranz der gotlicher Lief den (der Kranz der Minnen), (wie man dat hemelrich sal gewinnen), die Tugenden als Blumenkranz, 194 Verse; Schade, Geistl. Ged. vom Niederrhein, 1854,225-35; P. Norrenberg, Kölnisches Literaturleben im ersten Viertel d. 16. Jahrhunderts, 1873, S.426. — Ein geistliches Lehrgedicht von der Minne, 13./14. Jahrhundert md., Fragment, Roethe, ZfdA. 41, 253-60. —Der Tu- gendeBuoch, im Jahr 1382 geschrieben, Prosa (Konr. Hofmann, Germ. 17, 51-55, Abdruck des Kapitelverzeichnisses). — Dr. Johannes Nider, 2 geb. zu Isny in Schwaben, seit 1400 Dominikaner in Kolmar, 1418-24 Prior in Nürnberg, dann Prof. der Theologie in Wien, gest. 1438 in Nürnberg, gab außer Predigten eine Abhandlung: „Die vierundzwanzig Goldenen Harfen", Über- 1 Hgb. F. Bech, Germ. 22, 167-81; Wil- f. d. Gesch. deutscher Sprache u. Dichtung I helm, Münch. Mus. 5, 1928, 99-105. 1874, 113. 2 Cruel, S. 468-72. — J. M. Wagner, Arch. Lehren in Prozessform 605 setzung aus den lateinischen „Collationes patrum" heraus; 1472 und öfter gedruckt. — Endlich sei hier noch angefügt die Verdeutschung von des Thomas aKempis (Thomas von Kempen) De imitatione Christi, Ein wäre nach- volgung Cristi, 1486 gedruckt. 1 Lehren In Prozeßform Auf juristische Weise abgefaßt sind die Satansprozesse, ein Thema, das lateinisch mehrfach behandelt wurde und im Deutschen durch den Prozeß Belial 2 vertreten ist. Der lateinische „Processus Belial", im Jahre 1382 von Jacobus de Terramo, Bischof von Spoleto, verfaßt, wurde wohl im Anfang des 15. Jahrhunderts ins Deutsche übersetzt und war in zahlreichen Hss. u. Drucken verbreitet. Belial, der Bevollmächtigte Lucifers und der Hölle, klagt wegen Beraubung gegen Christus, der durch Moses vertreten wird; Salomo ist an Gottes Statt Richter. Der Prozeß ist auf das kanonische Recht gegründet und ein Muster für dessen Handhabung, demgemäß werden hier auch Glaubenslehren gegeben. Im Anschluß daran dichtete Otto der Raspe (wahrsch. Domherr in Brixen, 14. Jahrhundert) eine Anklage des Teufels gegen unsern Herrn. Ein Rechtsstreit unmittelbar zwischen dem Teufel und Christus betreffend den Sündenfall und die Erlösung ist Inhalt eines kurzen Prosagesprächs „Wje Christus und der Teufel mit einander rechten." 3 Die Glaubenslehre kommt auch zur Behandlung in dem Briefdes Rabbi Samuel von Freinher oder Fremhart, Pfarrer zu Straßgang 4 in Steiermark (15. Jahrhundert), der das Buch aus dem Lateinischen übersetzte (Wilken, Geschichte der ... Heidelbergischen Büchersammlungen, 1817, 306; Bartsch, Katal. d. Hss. der Univ.-Bibl. in Heidelberg I Nr. 4 [Cod. pal. germ. 5] Bl. 1, Nr. 36 [Cod. pal. germ. 60] Sp. 102; Steffenhagen, ZfdA. 13, 530.) Andere Gegenschriften wider die Juden: Wackernagel LG. I 2 , 423 Anm. 14. 1 Hgb. Paul Hagen, Zwei Urschriften der Satansprozesse u. d. Prozeß Belials gegen „Immitatio Christi" in mnd. Übersetzungen, Christus, Vom MA. z. Ref. III, 2 S. 460-511; Dt. Texte d. MA.s Bd. 34, 1930, dazu Agathe Ders., Die Schlußszene in Goethes Faust, Lasch, DLz. 1932, 67-72; Behaghel, Lbl. Preuß. Akad. 1931, 588 ff.; Priebsch, Dt. 1931, 23 f.; E. Fromm, Vier Bücher von der Hss. in England II S. 143; Fr. W. Stroth- Nachfolge Christi, neu übersetzt, 1889. — mann, D. Gerichtsverhandlung als literar. Strauch, Rigaer Hss.fragmente, Festgabe Motiv, 1930, 32-41. 58-60. — Wackernagel, für Degering 1926, 238-43; P. Hagen, Das LG. I 2 , 423; v. Schwerin, Stammlers Ver- Buch von der Nachfolge Christi und Thomas fasserlex. 1, 190f.; Stammler, Von der My- a Kempis, ZfdA. 59,23-35 (wo auch lat. Aus- stik zum Barock S. 251. 492 (Lit.; Hans- gaben zitiert sind). — Geistliche Erbauungs- Friedr. Rosenfeld, Heinrich v. Burgus, Dt. Schriften hat verfaßt Frater Stephan Frido-. Texte des MA.s 37, 1932). lin: Adam Wrede, Stammlers Verfasserlex. 1, 3 Hoffmann, Ad. Blätter 1, 297-300. Vgl. 679-81. Erich Klibanski, Gerichtsscene und Prozeß- 2 Wackernagel, Die ad. Hss. d. Basler Uni- form in erzählenden deutschen Dichtungen versitätsbibl., 1855, 62 f.; Schönbach, Mis- des 12.-14. Jhs., 1925 (betrifft eine Anzahl cellen aus Grazer Hss., Mitteil. d. hist. Ver. geistlicher u. weltlicher Dichtungen); s. auch f. Steiermark 46, 1898; Heinzel, ZfdA. 17,45; Elisabeth Schenkheld, Die Religionsge- Knieschek, D. Ackermann aus Böhmen spräche der dt. erzählenden Dichtg. bis z. S.84f.; Burdach, Faust u. Moses, SB. d. Ausg. d. 13. Jhs., Marbg. Diss. 1930. Preuß. Akad. 1912 S. 789; Burdachs, Aka- 4 Stammler in Stammlers Verfasserlex. 1, demiewerk III, 2. 2, 504 f.; Burdach, Die 671-731 mit reicher Lit. 606 Geistliche Literatur 6. DIE LITURGIE Tief greift die Liturgie 1 in das gesamte Leben des mittelalterlichen Menschen ein, so treten liturgische Stellen auch weithin in der geistlichen Literatur auf. Einzelne Werke, die liturgische Vorgänge zum Hauptthema haben, seien im folgenden genannt. Tagzeiten 2 Die Kirche hat für das öffentliche Gebet sieben Zeiten eines Tages bestimmt, die kanonischen Stunden oder (Nacht- und) Tagzeiten: Matutin (Mette) um Mitternacht und am frühesten Morgen, Prime morgens 6 Uhr, Terze morgens 9 Uhr, Sexte mittags 12 Uhr, None nachmittags 3 Uhr, Vesper abends 6 Uhr (Abendgebet), Komplete (completorium, Vollendung, Tagesabschluß) abends 9 Uhr. Demgemäß hat das Gebet selbst den Namen Stundengebet oder Tag(es)zeiten. Die einzelnen der sieben Hören werden in verschiedener Weise auf wichtige Ereignisse oder Personen der biblischen Geschichte gedeutet, besonders auf Abschnitte des Lebens oder Leidens Jesu oder auf Maria. Ein leicht übersichtliches Beispiel für den Bau eines Tagzeitengedichtes bietet die Fassung von „Christi Tageszeiten" (14. Jahrhundert, niederfränk., 50 Reimpaare in 10 Strophen geteilt); die sieben heiligen Stunden an Christi Leidenstag: Geißelung, Kreuztragung, Kreuzigung, Tod am Kreuze, Kreuzabnahme, Begräbnis, Ermahnung an den Menschen, diese Pein im Herzen zu tragen; darauf folgt „Marien Tagzeiten"; Bruchstück, 2 Strophen (Heinzel, ZfdA. 17, 52-57). — Am umfangreichsten ist der Stoff behandelt in den Pariser Tagzeiten, 3 (Hs. Paris), rheinfränk. 14. Jahrhundert, 4064 V. (Engang verloren). Der Dichter ringt mühsam mit Sprache und Reim; er ist Nachahmer Gotfrids, Konrads v. Würzburg und bes. Frauenlobs, hat aber eine dem bedeutungsvollen Inhalt angemessene Gemütsveranlagung, Ebenfalls nach den Leidensstationen Christi hat Hartwig von dem Hage seine Tagzeiten gruppiert (1562 V., bald nach 1300, alemann.); der Verf. nennt seinen Namen in einem Akrostichon V. 1-18. (Schönbach, Anz. 7, 247-52; ältere Lit. [bei Schönbach]: Docen, Mus. f. ad. Lit. u. Kunst 2, 265-69; Ders., 1 Siehe dazu die Lehrbücher der katholischen Stundengeher.es im MA., Stimmen aus Maria- Liturgik. — Geffcken, Der Bildercatechis- Laach 55, 1898, 52-145; Birlinger, Alem. 3, mus des 15. Jhs. u. die catechetischen Haupt- 97 f.; Lit. auch bei Waetzold 1875 u. 1880; stücke in dieser Zeit bis auf Luther, 1855; Goedeke, Grundr. I 2 , 230. Cruel, Gesch. d. dt. Predigt im MA., ,1879, 3 Stephan Waetzold, Die Pariser Tage- 220-32; Robert Stroppel, Liturgie und Zeiten hgb. 1880, dazu Bartsch, GgA. 1881, geistliche Dichtung zwischen 1050 u. 1300 mit 874-85, Schönbach, Anz. 7, 229-55 (mit Lit.), besonderer Berücksichtigung der Meß- u. Kinzel, ZfdPh. 12,372-77, Schröder, DLz. Tagzeitenliturgie, 1927, dazu Strauch, Anz.47 1881, 399, Milchsack, Lbl. 1881, 346 ff.; 24-28. — Katechetische Schriften, Janssen, Waetzold, Pariser Tagzeiten, Hall. Diss. 1875, Gesch. d. dt. Volkes S. 52 ff. — Schönbach, in beiden Werken Watzolds ist Lit. verzeich- Einige Breviarien aus St. Lambrecht (12. Jh.), net; Bech, Germ. 27,385-99; Schröder, ZfdA. 20, 129-97. Gott. Nachr. 1931, 20 ff. 2 Clemens Blume, Zur Poesie des kirchlichen Tagzeiten. Verschiedene liturgische Stücke. Beichtbücher. Gebete 607 Ad. Wälder 3, 148-59; Ders., Mise. 2, 171 ff.; Maßmann, Alexius S. 5, Anm. [s.oben]; Frommann, Anz. f. Kunde d. dt. Vorz. 1853, 106 ff. [Hs.]; Alb. Rode, Üb. die Margaretenlegende des Hartwig v. d. H., Kieler Diss. 1890, pass.). Marias Tagzeiten, 13./14. Jahrhundert (Ad. B1.2, 87 f.; Schönbach aaO. S. 252 f.). — Noch in den Ausgang des 12. Jahrhunderts gehört ein Bruchstück eines Tagzeitengedichtes von Christi Leiden (Degering, Beitr. 41, 526-28; Hans Ernst Müller, Münch. Museum 4, 1924, S. 1 S. 123). — Eine Reihe anderer, noch ungedruckter, Tagzeiten zählt Schönbach aaO. S. 252-55 auf; über ein Exemplar in Ungarn s. Schröder Anz. 41, 94. Verschiedene liturgische Stücke Andere liturgische Stücke: Ein Lied von der Messe, alemann. (?), 13. Jahrhundert (Paul, Beitr. 3, 359-61). — Ordensregeln (Prosa): Hohenfurter Benediktinerregel, Hs. Hohenfurt in Böhmen, md. 13. Jahrhundert (hgb. Scherer, ZfdA. 16, 221-79; s. Naumann, Ad. Leseb. S.48 [mit Lit.]). — Engelberger Benediktinerregel, Hs. Engelberg in der Schweiz, 13. Jahrhundert alem. (hgb. P. Joh. Bapt. Troxler, Geschichtsfreund 39, 1-72; Leitzmann, D. Wortschatz der Engelberger Benediktinerregel, Beitr. 14, 483-95; Konzelmann, Laut- u. Formenlehre d. Engelbg. Ben.regel, Züricher Diss. 1919). — Eine Interlinearversion der Benediktinerregel in e. Münchener Hs., 13. Jahrhundert bayer.; (Schönbach, Wiener SB. 98 H. 3, 1881, 913 ff.; daselbst zwei andere Übersetzungen des 13. u. 14. Jahrhunderts). — F. Labenbucher, Sprachliche Untersuchung der Admonter Ben.Regel aus dem 13. Jahrhundert, Innsbrucker Diss. 1921. — K. Selmer, Stud zu. den ältesten mhd. Benediktinerregeln, Freiburger Diss. 1922 (Masch.Druck). —• Die Schäftlärner Augustinerregel, 2. Hälfte d. 14. Jahrhunderts (Wilhelm, Münch. Mus. 1, 1911, 103-17). Beichtbücher. Gebete 1 J. J. Oberlin, Bihtebuoch dabey die Bezeichenunge der heil. Messe, Straßb. 1784 (das Bihteb. Mitte d. 14. Jh.s) — Beichtbuch zu Ehren des Herzogs Albrecht von Österreich (der spätere Kaiser Albrecht?); Summa confessorum (od. Confessionariorum) des Johann v. Freiburg (f 1314) übersetzt und umgearbeitet von Berthold Huenlen, Predigermönch zu Ulm, um 1380 (Wackernagel, Die ad. Hss. d. Basler Universitätsbibl. S. 61 f.); Das Frankfurter u. das Magdeburger Beichtbüchlein u. das Buch „vom sterbenden Menschen", 1478, 1486 nd. (Münzenberger 1881); Des Magister Johannes Wolff (Lupi) Beichtbüchlein, 1453-68 (F.W.Battenberg, 1907); Gewissensspiegel des Predigers Martin von Amberg, 14. Jahrhundert. (Schönbach, ZföG.31, 1880, 378 f.; F. H. Kraus, Horae Mettenses II, deutsche Beichte, Jahrb. d. Ver. von Altertumsfreunden im Rheinlande 75, 1884, 132-137; Heinr. Weber, Die Bamberger Beichtbücher des 15. Jahrhunderts, 1885); Johann von Soest, „Dy gemein Bicht", Gedicht 1483, 1198 V. (K. v. Bahder, 1 Lit. Wackernagel, LG. I 2 , 422; LG. I, 298 ff. (1. u. 2. Aufl.). 608 Geistliche Literatur Germ. 33, 129-58; üb. Joh. v. Soest s. unten); Die Bußbücherhandschriften der Bibliothek in München, Oberbayer. Archiv f. vaterländ. Gesch. 54 H. 1.2. Gebete in der deutschen, der Volkssprache, waren von althochdeutscher Zeit an eine eigene Gattung der religiösen Literatur, in privater Andacht dem Göttlichen dargebracht, oder — offiziell liturgisch — durch den Mund des Priesters als Stellvertreters der Gemeinde (s. LG. I 1 , Reg. S. 459, 2. Aufl. S. 464. II, 1, Reg. 351 bes. S. 167-72). 1 1 Goedeke l 2 , 229 (Gebete an Jesus und Maria). — Franz Hotzy, Zur deutschen Gebetsliteratur des ausgehenden MA.s, zugleich Anzeige zweier Hss., Progr. Kalksburg 1913 (Laiengebetbücher, Hortulus animae, mystisch); Br. Bardo, Wie unsere Vorfahren Gott suchten, 1916. — Einzelne Abhandlungen und Abdrucke in germanist. Zss.: Gereimt Klagenfurter Gebet, Kukula, Anz. 17, 177 (Bittgebet an Maria, 15. Jh.); H. Menhardt, Dt. Bearbeitg. des Veni sancte Spiritus aus Milstatt, Anz. 41, 201 f. (5 sechszeilige Strophen, 14. Jh.?); Kochendörffer, Bruchstücke eines Gebetbuches, ZfdA. 31, 198-202 (e. Reihe gereimter fassonierender] u. ungereimter Gebete, hessisch, 14. Jh.; niederrh. Gebetbuch, 14. 15. Jh. [Schröder]). — Paul, Prosagebete aus der Berner Gregorius-Hs., Beitr. 370-72; v. Lehner, Pater noster u. ave Maria, Alem. 12, 167-69; H. Haupt, Nota 4 X preceptis et X plagis Egipti 1405, ebda 13, 446 f.; Klapper, ZfdPh. 47, 83 ff., Vom Nutzen d. 15 Paternoster, Prosa; Pfeiffer, Übungsb. S. 171 f., Des Wucherers Paternoster, 15. Jh., 104 Reimpaare; Schönbach, ZfdA. 29,384 f., Ein Morgensegen des 14. Jh.s, Prosa; Helm, Beitr. 40, 530 f.; Aenne Liebreich, Ein Kölnisches Gebetbuch des 14. Jh.s, Jahrb. d. Prov.-Museums zu Hannover NP. 2, 45-50; Schröder, Fragmente eines hd. Gebetbuches, 15. Jh. Anz. 51, 156. — Prosagebete sind in Handschriften häufig eingetragen. VIII. MYSTIK DES 14 UND 15. JAHRHUNDERTS Die Mystik dieser Zeit, besonders des 14. Jahrhunderts, kann in diesem letzten Bande der Literaturgeschichte nicht entfernt ihrem kulturell-geistigen Werte gemäß besprochen werden, wie schon die Fülle der ihr gewidmeten wissenschaftlichen Schriften zeigt. Literatur. Bibliographie: Friedr. Überwegs Grundriß der Gesch. der Philosophie II, 11. Ausg. von Geyer, 1928 (hier sind auch die franz., engl., holländ. Werke verzeichnet); Jos. Haupt, Beiträge zur Lit. der dt. Mystiker, 1874 (u. Wien. SB. 76, 1874), dazu Schönbach, ZfdPh. 6, 248 ff.; P. Fr. Heinr. Seuse Denifle, Das geistl. Leben, Blumenlese aus d. dt. Mystikern u. Gottesfreunden d. 14. Jh.s, 3. Aufl., 1880; Rottmanner, Die neuere Lit. der Gesch. der dt. Mystik, 1874-84, Literar. Rundschau 1884 Nr. 11 u. 12; W. Schleussner, Mystikertexte in Übersetzungen, Der Katholik 1893, 184-208; Ders., Neuere Textausgaben u. Übersetzungen deutscher Mystiker, ebda 1909; Jos. Bernhart, Lit. zur Mystik, Dt. Vjschr. 2,1924,302-29 (die 1921-23 erschienene myst. Lit. mit Besprechung); Stammler, Zs. f. Deutschkde Jahrg. 1928, 817-19 (Myst. Lit. 1926 u. 1927); Rosenhagen, Geist des dt. MA.s S. 218-24; Bernhart u. Bornkamm, Sachwörterbuch der Deutschkde Bd. II, 1930; Jos. Quint, Mystik, Merker-Stammler Reallex. 4 (Nachträge), 1931, 65-88 (darin auch die franz., engl., holl. Werke). — Abhandlungen, Gesamtdarstellungen: Preger, Gesch. der dt. Mystik im Mittelalter, 3 Teile, 1. 1874: Gesch. d. deutschen Mystik bis zum Tode Meister Eckharts. II. Ältere u. neuere Mystik in der ersten Hälfte des XIV. Jh.s, Heinr. Suso. III. Tauler, Der Gottesfreund vom Oberland, Mer- swin, dazu Strauch, Anz.9,113-59, Wilh. Scherer, Kl. Sehr. 1,661-66, Denifle, Hist.-polit. Blätter 75, 1875, 679 ff., 771 ff., 903 ff.; Jos. v. Görres, Die christl. Mystik, neue Aufl. in 5 Bden, Bd. I. II. 1879; Wackernagel, Ad. Predigten u. Gebete, 1876, S. 376 ff.; E. Michael, Deutsche Wissensch. u. dt. Mystik des 13. Jh.s in E. Michael, Gesch. d. dt. Volkes vom 13. Jh. bis zum Ausg. d. MA.s, 1903; Wilh.v. Scholz, Deutsche Mystiker, 1908; Poulain, Handbuch der Mystik, deutsch 1909, gekürzt 1925. — C. Greith, Die deutsche Mystik im Predigerorden, 1861; Paul Mehlhorn, Die Blütezeit der deutschen Mystik, 1907, dazu H. Holzmann, DLz. 1908, 2129; Ernst Ludw. Schellenberg, Die dt. Mystik, 2. Aufl., 1924; Klara Boesch, Schöpfer und Deuter deutscher Weltanschauung, 1925 (darin Eckhart, Seuse, Tauler); Martin Waehler, Dt. Mystik, 1926; Wilh. v. Scholz, Deutsche Mystiker, 1927 (Eckhart, Tauler, Suso); S. Singer, Deutsche u. niederländ. Mystik, in Singer, Die religiöse Lyrik des MA.s, 1933,134 ff. — Philosophie: Herm. Schwarz, Der Gottesgedanke in der Gesch. der Philosophie, 1913, 341^24; Ders., Auf Wegen der Mystik, 1924; Ders., Gott, Jenseits von Theismus und Pantheismus, 1928, pass.; Heiler, Das Gebet, 1918, 233 ff.; Christian Janentzky, Mystik u. Rationalismus, 1922, dazu Jos. Bernhart, Dt. Vjschr. 2, 1924,305-08; Jos. Bernhart, Die Philosoph. Mystik des MA.s von ihren antiken Ursprüngen bis zur Renaissance, 1922, dazu Dt. Vjschr. 2,1924 aaO. S.329; E.Bergmann, Gesch. d. Philos. I, Die deutsche Mystik, 1926; Otto Clemen, Deutsche Mystik, 1926; Gerda Walther, Zur Phänomenologie der Mystik, 1923, dazu Jos. Bernhart, Dt. Vjschr. 2,1924, 303-05; Herbert Grundmann, Mystik u. Aufklärung im MA., ZfdtBildung 4, 449-55. — Begriff und Wesen der Mystik: Engelbert Krebs, Grundfragen der kirchlichen Mystik, 1921; Martin Grabmann, Wesen u. Grundlagen der kathol. Mystik 2 , 1923, dazu Jos. Bernhart, Dt. Vjschr. 2, 1924, 308 f.; Ders., Die Kulturwerte der dt. Mystik des MA.s, 1923, dazu Bernhart aaO. S.325; Ders., Mittelalterliches Geistesleben, Abhandlungen zur Gesch. d. Scholastik u. Mystik 1926, dazu Seeberg, DLz. 1927, 1347-50; Carl Clemen, Die Mystik nach Wesen, Entwicklung u. Bedeutung, 1923, dazu Jos. Bernhart, Dt. Vjschr. 2, 1924, 302-05; Ferd. Aug. Gerhardt, Wesen des mystischen Grunderlebnisses, Greifsw. Diss.1923; E. Dorsch, Zum Begriff d. Mystik, Z. f. Aszeseu. Mystik 1,1926, 13 ff.; A. Seitz, Gott u. Mensch in d. Mystik d. MA.s, Philos. Jahrb. d. Görresges.43, 207-21; Günther Müller, Zur Bestimmung des Begriffs „altdeutsche Mystik", Dt. Vjschr. 4, 39 Deutsche Literaturgeschichte IV 610 . Mystik des 14. und 15.- Jahrhunderts 1926, 97-126; Ders. in Walzels Handb. der Literaturwissensch.; Ders. 1927, 40ff.; Ders., Aufriß der dt. LitGesch., hgb. von Korff u. Linden, 2. Aufl., 1931, S. 40 ff.; W. Stammler^ Von der Mystik zum Barock, 1927, S. 1 ff., 460 f.; Ders., Studien zur deutschen Mystik, ZfdPh. 55, 291-301; Walther Rehm, Der Todesgedanke in d. deutschen Dichtung vom MA. bis zur Romantik, 1928, 93 ff. — Einzelne Probleme der Mystik: Alwin Müller, Die Mystik u. ihre Bedeutung für die Wissenschaft, Hall. Diss. 1889; E. Fiebiger, Über d. Selbstverleugnung bei d. Hauptvertretern der dt. Mystik des MA.s, Progr. Brieg, I 1889, II 1890; R. M. Mauff, Der religionsphilosoph. Standpunkt der sog. deutschen Theologie, dargest. unter vornehmlicher Berücksichtigung von Meister Eckehardt, 1890; Alfred Peltzer, Deutsche Mystik u. deutsche Kunst, 1899; Rich. Benz, Christi. Mystik u. christl. Kunst, Dt. Viertelj. 1934, 24-48; Anna Lüderitz, Die Liebestheorie der Provenzalen bei den Minnesingern der Stauferzeit, 1904, 68f.; K. Francke, Die Mystik des MA.s in ihrer Bedeutung für die deutsche Kulturgesch., Internat. Wochenschr. 4, 36, 1910; Arnold Oppel, Das Hohelied Salomonis u. die deutsche religiöse Liebeslyrik, 1911; Adolf Spamer, Über die Zersetzung u. Vererbung in deutschen Mystikertexten, Gieß. Diss. 1912; Leo Kalthoff, Die bildlichen Darstellungen der unio my- stica bei d. deutschen Mystikern des 13. u. 14. Jh.s, Rostocker Diss. 1920, Auszug; O. Zirker, Die Bereicherung des dt. Wortschatzes durch die spätmittelalterl. Mystik, 1923; Hans W. Hagen, Mystische Weltanschauungsform u. ihr Ausdruck in der Stilgebung, ZfdPh. 58, 117-40; Karl Boeckl, Die Eucharistielehre der deutschen Mystiker des MA.s, hgb. v. Engelb. Krebs, 1925; Karl Beth, Frömmigkeit der Mystik u. des Glaubens (darin Seuse, Christ. Ebner, Eckhart), 1927; F. Strunz, Astrologie, Alchemie, Mystik, 1927; H. Grabert, Vergleichende Studie zur Psychologie der Mystiker u. Psychopathen, Tübing. Diss. 1928; Ildefons Herwegen, Kirche u. Seele, Die Seelenhaltung des Mysterienkultes u. ihr Wandel im MA., 1928. — Zur Geschichte der Mystik: H. Hering, Die Mystik Luthers im Zusammenhange seiner Theologie u. ihrem Verhältnis zur älteren Mystik, 1879; Karl Lamprecht, Deutsche Geschichte Bd. 4 2 , 1896, 265 ff.; Strauch, Kleine Beiträge z. Gesch. d. deutschen Mystik, ZfdA. 27,368-81; R. Langenberg, Quellen u. Forschungen zur Geschichte d. deutschen Mystik, 1902, dazu Strauch, DLz. 1902, 1252-55; E. Lehmann, Mystik in Heidentum u. Christentum, 1908; Georg Mehlis, Formen der Mystik, Logos II, 1911/12, 242-56; K. Bihlmeyer, Kleine Beiträge z. Gesch. d. deutschen Mystik, Festschr. Schlecht 1917; W. Mahrholz, Deutsche Selbstbekenntnisse, zur Gesch. d. Selbstbiographie von der Mystik bis zum Pietismus, 1919; J. Zahn, Einführg. in die christl. Mystik, 3.-5. Aufl., 1922; H. Dörries, Zur Gesch. d. Mystik, Erigena (so!) u. der Neu- platonismus, 1925; Otto Karrer, Textgesch. der Mystik, 2. Bde. (1. von Paulus bis Thomas von Aquino, 2. D. Mystik im MA.), 1926; Ders., Der mystische Strom von Paulus bis Thomas von Aquino, 1926; Ders., Die große Glut, Textgeschichte der Mystik im MA., 1926; G. Mehlis, Die Mystik in der Fülle ihrer Erscheinungen in allen Zeiten u. Kulturen, 1926; Otto Clemen, Dt. Mystik, Kirchengeschichtl. Quellenhefte 8, 1926; Rud. Otto, West-östliche Mystik, Vergleich u. Unterscheidung zur Wesensdeutung, 1926, dazu J. Bernhart, Dt. Vjschr. 5, 1927, 197-99; 2. Aufl., 1929, dazu R. H. Senn, ZfdPh. 57, 97-100; Leisegang, Mystik, Die Religion in Gesch. u. Gegenwart IV, 1930,334 ff.; Gottfr. Fischer, Gesch. der Entdeckung der deutschen Mystiker Eckhart, Tauler u. Seuse im 19. Jh., dazu Strauch, Anz. 51, 69-71, Günther Müller, Lbl. 1933, 7f. — Geographische Verbreitung der deutschen Mystik: W.Dolch, Die Verbreitung oberländischer Mystikwerke im Niederländ. auf Grund der Hss. dargestellt I, Leipz. Diss. 1909; Clemens Baeumker, Der Anteil des Elsaß an den geistigen Bewegungen des Mittelalters, Kaisergeburtstagsrede, Straßburg 1912, 27 ff.; E. K. F., Schwäbische Mystik in: Große Schwaben in der Vergangenheit, Kriegszeitung des nationalen Studentendienstes Tübingen, H. 1, 1916; Martin Grabmann, Bayerische Benediktinermystik am Ausgang des MA.s, Benedictin. Monatsschrift 2, 1920, 196-202; W. E. Peuckert, Spuck- u. Gespenstergeschichten bei schlesischen Mystikern, Mitteil. d. schlesischen Gesellsch. f. Volkskunde 27, 1926/27, 99-130. — Mystische Predigt und Traktate: Cruel, Gesch. der deutschen Predigt im MA., 1879, 370-414; Anton Linsenmayer, Gesch. der Predigt in Deutschland, 1886, Reg. S.488a. — Ausgaben: Franz Pfeiffer, Deutsche Mystiker des 14. Jh.s I. Bd. (Herrn, v. Fritzlar, Nicolaus v. Straßburg, Literatur 611 David v.Augsburg) 1845; II. Bd. (Meister Eckhart) 1857; II. Bd., unveränderter Neudruck (der Ausg. 1857), vierte Aufl. 1924. — Nachfolge des armen Lebens Christi: Denifle, Buch von geistlicher Armut, 1877; Fedor Bech, Granum sinapis, deutsches Gedicht u. lateinischer Kommentar aus dem Zeitalter der dt. Mystik auszugsweise mitgeteilt, Progr. Zeitz 1882-83; Strauch, Paradisus anime intelligentis (Paradis der fornuftigen sele) aus d. Oxforder Hs. hgb., Dt. Texte d. MA.s 30, 1919, dazu H. Naumann, Anz.42, 181 f., Stammler, DLz. 43, 765-70, Behaghel, Lbl. 1922,13 f., s. Priebsch, Hss. in England I S. 148; Jeanne Ancelet Hustache, Tratte" sur l'amour de Dieu (compose vers 1430 par un clerc anonyme de l'universite de Vienne), Paris 1926, dazu Günther Müller, Anz. 49, 205 f., Strauch, DLz. 1927, 2001 f. — Abhandl. über myst. Predigt: H. Denifle, Über die Anfänge der Predigtweise der deutschen Mystiker, Arch. f. Lit. u. Kirchengesch. des MA.s 2, 1886, 641 ff.; Baechtold, Gesch. d. dt. Lit. in der Schweiz, 1892, 212-20 u. Anm. S. 50-52; Mystiker-Predigten s. auch unter Predigt des 14. 15. Jh.s oben. — Mystikerbriefe: Steinhausen, Gesch. des deutschen Briefes 1, 1889, 13 ff.; W. Oehl, Dt. Mystikerbriefe d.MA.s, 1100-1550, 1931. — Sammlungen: W. Schleussner, Mystikertexte u. Übersetzungen, Der Katholik 1893, 184-208; P. H. S. Denifle, Das geistige Leben, eine Blumenlese aus den deutschen Mystikern des 14. Jh.s, 1899, 8. Aufl. hgb. von Schultes, 1926; Adolf Spamer, Texte aus d. deutschen Mystik des 14. u. 15. Jh.s, 1912, dazu Strauch, ZfdPh. 44, 492-26, Leop. Naumann, Lbl. 34,191 f., Bihlmeyer, Theol. Rev. 12, 1912, 323-25; Bardo, Die minnende Seele, mittelalterl. Dichtungen insbesondere aus d. Kreise der deutschen Mystik, erneuert, 1921, dazu Jos. Bernhart, Dt. Vjschr. 2,1924, 316 f.; F. Schulze-Maizier, Mystische Dichtung aus sieben Jahrhunderten, übertragen, 1925; Leopold Naumann, Deutsche Mystik, Deutschkundl. Bücherei 1925 (neuhd.); Lothar Schreyer, Deutsche Mystik, ausgewählt, 1925; Wagner, Proben aus d. mittelalterl. deutschen Mystik I, 1926; Josef Quint, Deutsche Mystikertexte, Auswahl zu Übersetzungszwecken, 1929; Marianne Beyer-Fröhlich, Deutsche Lit. in Entwicklungsreihen, Reihe „Deutsche Selbstzeugnisse" Bd.l, 1930. — Bruchstücke u. Handschriften: Dietrich, Predigtbruchstücke, ZfdA. 2, 227-31; Schum, Bruchstück e. myst. Predigt, Germ. 18, 98-109; Pfeiffer, Predigten u. Sprüche deutscher Mystiker I, ZfdA. 8, 209-58, II. Predigten u. Traktate deutscher Mystiker, ebda S. 422-64; Bartsch, Sprüche u. Verse deutscher Mystiker, Germ. 18,195-200; Ders., Lieder der Mystiker, Bartschs Quellenkunde 1886, 311-33; Bruchstücke aus d. Sammlung des Freiherrn v. Hardenberg, 3. Reihe, ZfdPh.14, 63-96 (Geistl. Prosa, darin mystische Anklänge); Strauch, Predigten aus der Königsberger Hs. 896, Anz. 9,144-59; F. W. E. Roth, Mitteilungen aus mhd. Hss. u. alten Drucken, Germ. 37, 191-201. 282-95; Priebsch, Aus deutschen Hss. der Kgl. Bibliothek zu Brüssel, ZfdPh.36, 58-86 (darin zum Teil aus Eckhart, Tauler, Suso); M.Pahncke, Zwei ungedruckte deutsche Mystikerreden, ZfdA. 49, 395^104 u. Anz. 31, 209 (s. dazu unten Meister Eckhart); Wilhelm, Deutsche Mystikerpredigten, Münch. Mus. I, 1-36; Martin Grabmann, Neu aufgefundene lat. Werke deutscher Mystiker, Münch. SB. 1921, 3,1-68; Strauch, Sieben bisher unveröffentlichte Traktate u. Lektionen, Ad. Textbibl. Nr. 22, 1927; W. Oehl, Neuentdeckte Mystikertexte, ZfdA. 64, 277-81; Strauch, Handschriftliches zur deutschen Mystik, ZfdPh. 54,283-96; Otto Karrer, Aus einer mittelalterl. Mystikerhs., Jahrb. d. Verhandlungen der Renaiss.-Ges. 8,1929, 5-15. Das Wesen der Mystik ist zunächst aus der Etymologie des Wortes zu bestimmen: es kommt aus dem Griechischen pico, |xiieiv = die Augen schließen, wozu [luo-Tripiov, das Geheimnis, gehört, ein Ausdruck, der besonders zur Bezeichnung religiöser Geheimlehren wie der eleusinischen Mysterien, der Feierlichkeiten für Demeter, gebraucht wird; pio-TTj; ist der in die Mysterien Eingeweihte; (jluo-tixo? heißt mystisch, die Geheimnislehren der Mysterien betreffend. Es hat also schon eine heidnische Mystik gegeben (Griechen, Inder). 39* 612 Mystik des 14. und 15. Jahrhunderts Die Geschichte der Mystik beginnt mit Piatos Ideenlehre, mit der Sehnsucht, dem epox:, der Seele nach dem verlorenen Reich der Ideen; diese „platonische Liebe" ist noch keine „Mystik", aber eine Stimmung dazu. Wirkliche Mystik hat zuerst der Neuplatonismus des vom Schauen der Gottheit erfüllten Plotinos (203-69 n. Chr.) verkündet. Er will empor zur Gemeinschaft mit Gott, zum Einssein mit der Einheit; das ist das Heraustreten aus sich selbst und dessen höchste Äußerung, die Ekstase. Der erste christliche Mystiker ist der unter Nachwirkung des plotinischen Neuplatonismus stehende sog. Dionysius Areopagita (nach Apostelgesch. 17, 24 so genannt), unter dessen Namen eine Reihe maßgebender, gegen das Jahr 500 verfaßter Schriften ging, die auf die mittelalterliche Mystik einen großen Einfluß ausübten. Sie wurden von Johannes Scotus Eriugena, dem ersten wissenschaftlichen Denker des Mittelalters (etwa 810-80; Irländer, lebte am Hofe Karls des Kahlen), ins Lateinische übersetzt. Eriugena selbst hat ein pantheistisch gefärbtes System vom Wesen Gottes und der Natur und beider Vereinigung aufgestellt. Gegen die Dialektik der Scholastiker, die spekulativ philosophierende Methode, erhob sich im 12. Jahrhundert die Mystik, die im Unterschied von der Scholastik die Religion nicht rationalistisch erfaßte, sondern irrational, nicht im wesentlichen mit dem Verstand, sondern mit dem Gefühl. Die Erwecker dieser Verinnerlichung waren Bernhard von Clairvaux und Hugo von St. Victor (s. oben Mystik des 12./13. Jhs.), ohne jedoch im Gegensatz zur Scholastik zu stehen; überhaupt war die Mystik nicht auf Verdrängung der Scholastik gerichtet, sondern sie ging über diese hinaus, vom Kopf ins Herz. Für Vertiefung der Frömmigkeit wirkten im 13. Jahrhundert besonders der heilige Franciscus von Assisi, Stifter des Franziskanerordens (Ordensregel 1223), mit dem Ziel der „Nachfolge Christi" und der von den Schriften des Areopagiten beeinflußte Bonaventura (1221-74). Dieses innerliche Erlebnis, dieses Einswerden der Seele mit Gott ist die unio mystica. Sie erfaßt die Seele in ihrer Gesamtheit, im Denken, Fühlen und Wollen, doch ist das Gefühl die am stärksten beteiligte Seelenfunktion, „die Mystik ist eine Kultur des Gefühls". Im 14. Jahrhundert war die Hochblüte der deutschen Mystik, insofern als die Eigenart dieser geistigen Verfassung in drei hervorragenden Männern zum Ausdruck kam und bei jedem in einer besonderen Seelengestalt sich offenbarte; die Eigentümlichkeiten dieser drei beruhen auf psychologischer Grundlage und verteilen sich auf die seelischen Funktionen des Erkennens, des Fühlens und des Wollens: Meister Eckhart ist der Schöpfer der spekulativen Mystik in Deutschland, Heinrich Seuse der gefühlsinnige Schwärmer, Tauler der willenskräftige Prediger. Meister Eckhart Zur Eckhart-Lit. s. Friedr. Überwegs Grundriß der Gesch. der Philos. 2. Teil 11. Aufl., hgb. von Geyer, 1928, 779 ff. — Priebsch, Deutsche Hss. in England I, Reg. S. 348; L. M. Meister Eckhart 613 Deutsch, Meist. Eckart, Protest. Realencycl. 3 5, 1898,142-54; Jos. Quint, Merker-Stammler Reallex. 4. Bd. (Nachträge) 81-84; Martin Grabmann, Neuaufgefundene Pariser Quaestionen, passim.; P. G. Thery, Revue des sciences philosophiques et theologiques 1928 Nr. 2; Jos. Koch, Meister Eckhart, Stammlers Verfasserlex. 1, 459-502 (mit Lit.); Lit. zu Eckharts Sprache s. unten „Sprache der Mystik". — Abhandlungen: Preger, Gesch. d. deutschen Mystik, s. oben; Cruel, Gesch. d. dt. Predigt, 1879, 370-85; Linsenmayer, Gesch. d. Pred. in Deutschi., 1886, Reg. S.486; Jos. Bach, Meist. Eckhart, d. Vater der deutschen Spekulation, 1864; Adolf Lasson, M. Eckh., der Mystiker, 1868; E. Kramm, Meist. Eckehart im Lichte der Denifleschen Funde, Progr. Bonnl880; Max Pahncke, Untersuchungen z. d. deutschen Predigten Meister Eckharts, Hall. Diss. 1905; Ders., Kleine Beiträge zur Eckhartphilologie, Progr. Neuhaldensleben 1909; Ders., Materialien zu Meister Eckeharts Predigt über die Armen des Geistes, Festgabe Strauch 1932, 67-87, dazu Hartl, DLz. 1933, 68 f.; A. Lotze, Kritische Beiträge zu Meist. Eckhart, Hall. Diss. 1907; Burdach, Deutsche Renaissance, Deutsche Abende 2 , 1916, S. 12; Walther Lehmann, M. Eckehart, 1922, dazu Strauch, DLz. 1922, 61-63. X. de Hornstein, Les grands mystiques allemands du XIV e siecle, Eckehart, Tauler, Suso, 1922; Christian Janentzky, D. Mystik M. Eckeharts, in Deutschlands Erneuerung 6, 1922,212-23; Joseph Kühnel.M. Eckhart, 1924;Martin Grabmann, Neuaufgefundene Pariser Quaestionen M. Eckharts u. ihre Stellung in seinem geistigen Entwicklungsgange, Untersuchungen u. Texte, Abhandl. d. bayer. Ak. 32,7, 1927, dazu Günther Müller, DLz. 1928, 1256 ff.; Alois Dempf, Ethik des Mittelalters, 1927, darin M. Eckhart S. 105-10; Ders., Metaphysik des MA.s, Handb. der Philos. S. 120 ff., 1830; Eduard Wechssler, Esprit u. Geist, 1927, 217; Martin Skutella, Beiträge zum Eckharttext, ZfdA. 67, 97-107; Ders., Zur philolog. Eckhart- Forschung, Beitr. 54, 457-70; Ders., Zur philos. Eckhart-Forsch., Beitr. 56, 138-45; Günther Müller, Aufriß der dt. LitGesch. 2 , 1931, 52. — Jos. Quint, Die Überlieferung der deutschen Predigten Meister Eckeharts textkritisch untersucht, 1932, dazu Seeberg, DLz. 1933, 2259-65, Brethauer, Anz. 53, 48-54. — Einzelne Probleme: Denifle, M. Eckeharts lat. Schriften u. die Grundanschauung seiner Lehre, Arch. f. Litt. u. Kirchengesch. 2, 1886, 417-687; H. Delacroix, Essai sur le mysticisme speculatif en Allemagne au 14. siecle, Paris 1900 (üb. M. Eckhart); Strauch, Meister Eckhart-Probleme, Rektoratsrede Halle 1912; J. Bernhart, Bernhardische u. Eckehartische Mystik in ihren Beziehungen u. Gegensätzen, 1912; Herm. Schwarz, Der Gottesgedanke i. d. Gesch. d. Philos. 1, 1913, Eckeharts Vergeistigungs- mystik S. 341^124; Margar. Haacke, D. Gottesgedanke u. d. Gotteserlebnis bei Eckehart, Greifsw. Diss. 1919; Herm. Wolf, De persoonlijkheidsidee bij Meister Eckhart, Leibniz u. Goethe, Amsterd. 1920, dazu Jos. Bernhart, Dt. Vjschr. 2, 1924, 323 f.; Werner Achelis, Über d. Verhältnis M. Eckeharts zum Areopagiten Dionysius, Marbg. Diss., Masch.dr.u. Auszug im Jahrb. d. philos. Fak. 1922/23 S. 17 f.; Hans Messer, Wert u. Begriff der edeln Seele bei M. Eckart, Greifsw. Diss. 1923 Masch.dr.; M. Pahncke, M. Eckharts Lehre von d. Geburt Gottes im Gerechten, Arch. f. Rel.wissensch. 23, 1924, 15-24; Erich Härlen, Zur Antologie von M. Eckhart, Tübing. Diss. 1924, Masch.dr.; O. Karrer, M. Eckhart. D.System seiner religiösen Lehre u. Lebensweisheit, 1926, dazu Strauch, ZfdPh. 52, 175-80, Günther Müller, DLz. 1927,595-602; Susanne Hampe, D. Begriff der Tat bei M. Eckehart, 1926; Herma Piesch, M. Eckeharts Lehre vom „Gerechten", Festschr.d.Nationalbibl.inWien 1926,617-30; Schulze- Soelde, Zur Ethik M. Eckeharts, Beitr. z. Philos. d. dt. Idealismus 4, 1927, H. 2, 44-59; Jos. Quint, Die gegenwärtige Problemstellung der Eckehartforschung, ZfdPh. 52, 271-88; Otto Karrer, Das Göttliche in der Seele bei M. Eckhart, 1928, dazu Pahncke, DLz. 1929, 1805 f.; J. Koch, M. Eckhart u. die jüdische Religionsphilosophie des MA.s, Jahresber. d. Schles. Gesellsch. vaterländ. Cultur 101, 1929, 134-84; Eduard Wechssler, Deutsche u. franz. Mystik: M. Eckhart u. Bernhard v. Clairvaux, Euphorion 30, 1929, 40-93; Heinr. Roos, Zur Datierung von Meister Eckhardts Trostbuch, ZfdPh. 57,224-33. — Ausgaben und Sammlungen: Franz Pfeiffer, Meister Eckhart, Deutsche Mystiker zweiter Bd., 1857, 4. unveränderte Aufl., 1924 (s. auch Max Pahncke, Anz. 31,209); P. Spruth, Zu Pfeiffers Eckharttext, die Predigt 45, Beitr. 51, 136 f.; G. Landauer, M. Eckharts mystische Schriften in unsere Sprache übertragen, 614 Mystik des 14. und 15. Jahrhunderts 1903; H. Zuchhold, Des Nikolaus von Landau Sermone als Quelle für die Predigt M. Eckharts u. seines Kreises, 1905, dazu Deutsch, DLz. 1907, 413f., Helm, Lbl. 1907, 363f.; Herm. Büttner, M. Eckeharts Schriften u. Predigten aus dem Mhd. übersetzt u. hgb. I. Bd. 1903, 2. Aufl. 1912; II. Bd. 1909; Ad. Spamer, Texte aus d. dt. Mystik, 1912, Inhaltsverzeichnis S.217; M. Pahncke, Eckehartstudien, Texte u. Untersuchungen, Progr. Neuhaldensleben 1913; Jos. Bernhart, M. Eckhart, ausgewählt u. übersetzt, 1914. 1920; Alois Bernt, M. Eckhart, ein Breviarium aus seinen Schriften, ausgew. und in unser Deutsch übertragen, 1919; Gust. Landauer, M. Eckharts mystische Schriften in unsere Sprache übertragen, bearbeitet u. neu hgb. von Martin Buber, 1920; Wilh. Willige, Ewige Geburt, deutsche Reden u. Schriften des Meisters Eckhart, ausgewählt, in unser Deutsch übertragen usw., 1922; Otto Karrer, Meist. Eckhart spricht, Gesammelte Texte, 1926; Ludw. Goldscheider, M. Eckhart, Die Sprüche aus dem Mhd. übertragen, 1924; Friedr. Schulze-Maizier, M. Eckhart, Deutsche Predigten u. Traktate ausgew., übertragen u. eingeleitet, 1927; Rehm, Todesgedanke Reg. S. 475. — Einzelne Predigten u. Traktate abgedruckt.: Ant. Birlinger, Traktate M. Eckharts, Alem. 3, 1875, 15^15 (Traktat von der Schwester Katrei, dazu P. H. Denifle, ZfdA. 21, 142 f. [Hss.]); O. Simon, Überlieferung u. Hss.verhältnis des Traktats „Schwester Katrei", Hall. Diss. 1906; Sievers, Predigten von M. Eckhart, ZfdA. 15, 373^39; Schönbach, M. Eckhart, ZfdA. 35, 215-25 (Bruchstück einer Pred. Eckharts [= Sievers aaO. S. 413 ff.]; s. Spamer, Beitr. 34, 309 Anm.); Priebsch, ZfdPh. 36, 75-80 (Predigten); Fr. v. d. Leyen, Über einige bisher unbekannte lat. Fassungen von Predigten des M. Eckhart, ZfdPh. 38,177-97.334-58; M. Pahncke, Ein Grundgedanke der deutschen Predigt M. Eckharts, ZfKirchengesch. 34, 1913, 58-73; P. Fridolin Skutella, Eine Eckehartpredigt, ZfdA. 66, 147 f.; Jos.Quint, D. Überlieferung der deutschen Predigten M. Eckeharts, 1932. — Einzelne Traktate: Denifle, Traktat von der Schwester Katrei, ZfdA. 21,142 f.; F. Bech, Granum sinapis, Dt. Gedicht u. lat. Kommentar aus dem Zeitalter der dt. Mystik, auszugsweise mitgeteilt, Progr. Zeitz 1883, dazu Strauch, Anz. 10,189 f.; (eine Anekdote [Gedicht] auf Eckhart: Bech, Germ. 22, 391 f.); C. G. N. de Vooys, De dialoog van meester Eggaert en de onbekende leek, Nederl. Arch. v. kerkgesch. 7, 1909, 166-226; Strauch, M. Eckarts Buch der göttlichen Tröstung u. von dem edlen Menschen (liber benedictus) hgb., 1910; Brethauer, D. Sprache M. E.s im „Buch d. göttl. Tri", Gott. Diss. 1931; Ernst Diederichs, M. Eckharts Reden der Unterscheidung, Hall. Diss. 1912; Ders., M. Eckharts Reden der Unterscheidung hgb., 1913; Jos. Bernhart, M. Eckhart, Reden der Unterweisung übertragen, 1922, dazu Strauch, DLz. 1922,935-37; Wolfg. Schanze, M. Eckeharts Buch der göttlichen Tröstung, Leipz. Diss. 1923; L. L. Hammerich, Das Trostbuch M. Eckeharts, ZfdPh. 69-98. — Meister Eckhart u. Niederdeutschland: Rud. Langenberg, Über das Verhältnis Eckarts zur nd. Mystik, Gott. Diss. 1896; Stammler, M. Eckhart in Norddeutschland, ZfdA. 59,181-216; s. unten Mnd. — Handschriften u. Überlieferung: Vetter, Germ. 27,410 f.; Martin, Zwei alte Straßburger Hss., ZfdA. 40,220-23 (darin Predigten v. Eckhart); Günther Müller, Zur Überlieferung Taulers u. Eckharts, ebda 61, 241-44; Strauch, Zur Überlieferung M. Eckharts I, Beitr. 49,355-402 (neu gefundene Predigten) II, Beitr. 50,214^11 (Textkritik, Lesarten); Ders., Handschriftliches zur deutschen Mystik, ZfdPh. 54, 283-96 (betrifft Eckhart-Hss.); P. F. Skutella, Beiträge zum Eckharttext, ZfdA. 67,97-107; Karl Brethauer, Neue Eckharttexte u. Mystikerhss., ZfdA. 69,241-76.70,68-80; Mart. Skutella, Beiträge z. handschriftl. Überlief. M. E.s, ZfdA. 71, 65-79. Schüler Eckharts: Franz Jostes, Meister Eckart u. seine Jünger, ungedruckte Texte zur Gesch. d. dt. Mystik, Collectanea Friburgensia IV, Freiburg i. d. Schweiz 1895, dazu Strauch, DLz. 1896,233-36, Hermann Haupt, Lbl. 1898, 51; viele Namen nennt Wackernagel, LG. I 2 , 425 Anm. 22; Predigten u. Sprüche deutscher Mystiker, Nachfolger Eckharts, Pfeiffer, ZfdA. 8, 209-58 hgb.: Arnold der Rote, Der Giseler (Giseler von Slätheim s. oben); Der von Kronenberg, Heinrich von Egwint, Bruder Albrecht der Lesemeister, Kraft von Boyberg, Franke von Köln, Johannes von Sterngassen (s. oben); Zwölf Namen meist sonst nicht genannter Verfasser von Predigten zählt Sievers auf ZfdA. 15, 437. — Eckhart der Jüngere, gest. 1337: Preger, Gesch. d. dt. Myst. II, 434-39; Jos. Koch, Stammlers Verf.lex. 1, 502; vielleicht der gleiche Meister Eckhart 615 wie Eckhart von Gründig (Traktat von der wirkenden u. möglichen Vernunft), Preger aaO. II, 143 ff.; Ders., Münch. SB. 1871, H. 1.2, 176-89; Strauch, ZfdPh. 54, 291 ff.; Stammler, Arch. f. Religionswissensch. 21, 1922, 122; Jos. Koch aaO. — Johannes Franke (Johann Franco), 5 Predigten im Paradisus animae, Strauch, Dt. Texte des MA.s aaO.; Hans Neumann, Johannes Franke, Stammler, Verf.lex. 1, 639; Stammler, Der von Franken, ebda. — Floren- tius von Utrecht, 3 Predigten im Paradisus animae, Stammler, Verf.lex. 1,623; Unter unmittelbarer Einwirkung Eckharts steht der Verf. von „Das Büchlein vom vollkommenen Leben, eine deutsche Theologie", hgb. H. Büttner, 1907 (Verf. war Deutschordensherr zu Frankfurt a. M., schrieb um 1350). Eckehart, oder Eckhart, ist aus ritterlichem Geschlecht um 1260 zu Hochheim bei Gotha geboren 1 und machte die hohen Schulen der Theologie in Straßburg und Köln durch, auch die in Paris, wo er 1300-02 Vorlesungen hielt; er wurde, nachdem er das theologische Lehramt („Lesemeister") erhalten hatte, Leiter der Ordensprovinz Sachsen, 1304-12. Er war der angesehenste Theologe und gefeiertste Lehrer Deutschlands. Aber seine Lehre, durch die er die Herzen des Volkes gewann, wurde von den Weltgeistlichen angefeindet, „weil er die Herzen der Einfältigen vergifte". 2 Die Inquisition schritt 1326 gegen ihn als einen Verbreiter ketzerischer Lehren ein, und während des Streites starb er im Jahre 1327. Eine päpstliche Bulle verurteilte 1329 einen großen Teil seiner Sätze als ketzerisch. Über den deutschen Werken Meister Eckharts schwebt ein Verhängnis. Sein wirkliches Eigentum ist von der Forschung noch gar nicht sicher festgestellt. 3 Aber um einen festen Boden zu haben, wird man für die Beurteilung von Eckharts Werk und Lehre doch die ganze überlieferte Sammlung von Predigten und Traktaten in Anspruch nehmen und besonders auch seine lateinischen Schriften. Die Gesamtheit der von Pfeiffer herausgegebenen Predigten und Traktate gibt zusammen mit den lateinischen Schriften doch ein vollständiges, abgeschlossenes mystisches System. Eckehart fußt als Theologe auf Thomas von Aquino; der Inhalt der speziell mystischen Seite seiner Lehre ist in den Hauptzügen folgender: Im Mittelpunkt steht die Wesenseinheit der Seele mit Gott, zu ihm führt der mystische Heilsweg, das Ziel ist die unmittelbare Anschauung Gottes und Vereinigung mit Gott. Das Erkennen, die Ver- 1 Denifle, Die Heimat Meister Eckeharts, 129-268; dazu Günther Müller, DLz. 1928, Arch. f. Litt. u. Kirchengesch. d. MA. s. 5, 1890, 1256-61; Thery, Contribution ä l'histoire du 349-64; P. Ehwald, Die Heimat des Meisters proces d'Eckhart (1325-26), Extrait de „La Eckart, Mitt. d. Ver. f. Gothaer Gesch. u. vie spirituelle", 1926, dazu Günther Müller Altertumskunde, 1901, 193-97; A. Pümme- aaO.; Otto Karrer u. Herma Piesch, M. rer, D. gegenwärtige Stand der Eckartfor- Eckeharts Rechtfertigungsschrift vom Jahre schung I, M. Eckharts Lebensgang, Progr. 1326, übersetzt 1927, dazu Strauch, DLz. Feldkirch 1903. 1928, 401-05, Ders., ZfdPh. 53, 401-05. 2 P. Augustinus Daniels f, Eine lat. Recht- 3 Adolf Spamer, Zur Überlieferung der fertigungsschrift des Meister Eckhart hgb. mit Pfeifferschen Eckeharttexte, Beitr. 34, 306 einem Geleitwort von Clemens Baeumker, bis 420; Behaghel, ebda S. 530-52. Spamer Beiträge z. Gesch. d. Philos. des MA.s, 1923, u. Behaghel halten nur Traktat V (das Buch dazu Günther Müller, Anz. 44, 35-37; Jos. der göttlichen Tröstung, gotlichen trwstunge) Bernhart, Dt. Vjschr. 2, 1924, 309-15; G. und allenfalls XVII (Reden der Unterschei- Thery, Edition critique des pieces relatives düng, unterscheidunge) für echt; s. auch Ernst au proces d'Eckhart usw., Archives d'Histoire Diederichs, Meister Eckharts „Reden der Doctrinale et LitteraireduMoyenÄge I, 1926, Unterscheidung", Diss. Halle 1912. 616 Mystik des 14. und 15. Jahrhunderts nunft, führt die Dinge in Gott zurück, sie ist das Mittel zur Vereinigung mit Gott, dem Absoluten. Alle Kreatur geht wieder in ihren Ursprung zurück, und das letzte Ziel ist die Ruhe in Gott. Die oberste Seelenkraft ist die Vernunft, und ihre höchste Tätigkeit ist das Erkennen Gottes. Die Vereinigung der Seele mit Gott kann nur im Zustand der „Abgeschiedenheit" geschehen, in dem Aufgeben des eigenen Selbst; der Mensch „muß sich selber tot sein", wenn Gott in ihn eingeht, wenn Gott seinen Sohn in ihm gebiert; er muß ganz arm sein und ein Nichts werden. Die äußerste Abgeschiedenheit, der letzte heimliche Seelengrund, der stille, der schweigende Grund, die stille Wüste ist das „Fünklein", der innerste Gotteskeim. Aber nicht einen völligen Quietismus will Eckhart mit diesem Aufgeben des Selbst, im Gegenteil er verlangt dabei einen tätigen Eingriff ins Leben, wenn die Nächstenliebe es fordert; die vita activa steht im Zweifelsfall höher als die vita contemplativa. — Es geht schon aus dieser kurzen Zusammenfassung hervor, daß Eckharts Veranlagung weniger nach der Seite der Seelenstimmung als nach der des Gedankens gerichtet ist. Johannes Tauler Ausg.: Ferd. Vetter, Die Predigten Taulers, Dt.Texte d. MA.s Bd. 11,1910, dazu Strauch, DLz. 1918, 183-85, Behaghel, Lbl. 1914, 280, Rieder, Anz. 26, 255-58, W. Schleussner, Der Katholik 4. Folge Bd. 11, 1, 1913, 195 ff., Frantzen, Museum 21,137-41, Piquet, Revue critique 72, 59 f.; Wackernagel, Ad. Predigten u. Gebete, 1876, 544-52 (Lesarten u. eine Predigt); Priebsch, ZfdPh. 36, 58 ff. (verschiedene Predigten Taulers); Leop. Naumann, Ausgewählte Predigten Joh. Taulers, Lietzmanns Kleine Texte f. Vorlesungen H. 127, 1914, dazu G. Krüger, DLz. 1917, 107f.; Hugueny, Thery et Corin, Sermons et autres ecrits mystiques de J. Tauler ed. T. I, Paris 1928, s. unten Corin, Le Codex Vindob. Übersetzung: W. Lehmann, 2 Bde, 2. Aufl. 1923; L. Naumann, 1923, dazu Behaghel, Lbl. 1925, 87 f.—Hss.: Fröhner, Hs. von Tauler, ZfdA. ll,30f.; Tauler-Hss.s. Priebsch, ZfdPh.36, 58 ff.; L. Naumann, Die Wiener Taulerhss. usw., ebda 46,269-85; Günther Müller, Zur Überlieferung Taulers u. Eckharts; ZfdA. 61,241-44. — W. Preger, Gesch. d. deutschen Mystik im MA. III. Teil, 1893, 1-241; R. Cruel, Gesch. d. dt. Predigt, 1879, 385-94; Anton Linsenmayer, Gesch. d. Predigt in Deutschland, 1886, 411-32; Gottlob Seidel, Die Mystik Taulers, 1911; Herm. Schwarz, Der Gottesglaube in der Geschichte der Philosophie, 1913, 415-24; Erich Seeberg, Luthers Theologie I. Bd., Die Gottesanschauung, 1929; 0. Scheel, Taulers Mystik u. Luthers reformatorische Entdeckung, Festgabe Kaftan 1921. — Paul Mehlhorn, Taulers Leben, Jahrbücher f. protest. Theologie 1883, 159-90; Preger, Joh. Tauler, Realency- clop. f.protest.Theol.15, 1885, 251-82; von Loe, Joh. Tauler, Wetzer u. Weite Kirchenlex. 2 11, 1899,276-80. — B. Bähring, Joh. Tauler u. die Gottesfreunde, o. J. (1871); Strauch, J. Tauler u. der Gottesfreund, Die Lit. 39,1929, H. 1. — C. Schmidt, Nicolaus von Basel, Bericht über die Bekehrung Taulers hgb., 1875; J. Nobbe, Tauler von Straßburg als Volksprediger, Zs. f. luth. Theol. 1876, 637-63; Denifle, Das Buch von geistlicher Armut hgb. 1877; H. S. Denifle, Taulers Bekehrung, QF. 36, 1879, dazu Strauch, Anz. 6,203-15. 300, Lasson, Lbl. 1880, 362-64; Preger, Die Zeit einiger Predigten Taulers, Münch. SB. 1887,317-61; Wackernagel, Ad. Pred. u. Gebete, 1876, 544, 548-52; Leop. Naumann, Unters, zu J. Taulers dt. Predigten, Rost. Diss. 1911; Antoinette Vogt-Terhorst, D. bildl. Ausdruck in den Predigten Taulers, 1920, dazu Fr. Neumann, Anz. 42, 18-21; Strauch, Zu Taulers Predigten, Beitr.44, 1-26; Ders., ZfdPh.41, 29-31; D. Helander, T. als Prediger, Diss. Lund 1923; Adolf Korn, Tauler als Redner, 1928, dazu Ehrismann, DLz. 1928, 2104 f., Götze, Johannes Tauler 617 Lbl. 1929, 93; A. L. Corin, Textkritische Vorschläge zur Vetterschen Ausg. der Predigten T.s, Neophilol. 8, 30-39 (s. auch Bd. 6); Ders., Sermons de Tauler et autres ecrits mystiques I, Le Codex Vindob. 2744 edite usw., Bibliotheque de la Faculte de Philosophie et Lettres de l'Univers. de Liege 33, 1924, dazu Strauch, ZfdPh. 50,462-66, Absil, Museum 23, 63-65, J.van Dam, Leuv. Bijdr. 18,80-83; J.Zahn, Taulers Mystik in ihrer Stellung zur Kirche, in: Ehrengabe deutscher Wissensch., dargeboten von kathol. Gelehrten, dem Prinzen Joh. Georg zu Sachsen zum 50. Geburtstag gewidm., 1920; A. Chiquot, Histoire ou legende? Jean Tauler et le „Meisters buoch", Diss. Straßbourg-Paris 1922; Günther Müller, Scholastikerzitate bei T., Dt. Vjschr. 1,1923, 400-18; Hugueny, La doctrine mystique de Tauler, Revue des Sciences Philosophiques et Theologiques 1924; Paul Waag, Die Mystik Taulers, Erlang. Diss. 1925, Masch.dr.; Th. Absil, Die Gaben des heil. Geistes in d. Mystik des Joh. Tauler, Zs. f. Aszese u. Mystik 2,1926/27, 254-64; Rehm, Todesgedanke aaO. Reg. S. 479; D. de Man, Een onbekende middelnederland- sche vertaling van Joh. Taulers preeken, Nederl. Arch. f. K.Gesch. 1,1929,35-42; Käte Grunewald, Stud. zu Joh. Taulers Frömmigkeit, 1930, dazu Ehrismann, DLz. 1931, 2083-85; Günther Müller, Aufriß 2 , 1931, 53. — Über Taulers Kirchenlied: Phil. Wackernagel, Kirchenlied 2,202 ff.; Koberstein l 6 ,371. —Verzeichnis der Literatur über Tauler: Preger, ADB. 37, 453-65; Korn aaO. S.V-VIII; Grunewald aaO. S. VI-VIII; Jos. Quint, Merker-Stammler Reallex. 4. Bd. (Nachträge) S. 88. Bei Johannes Tauler tritt die Mystik wieder in anderer Gestalt auf. Auch er war beseelt von der mächtigen Bewegung, die den ganzen inneren Menschen ergriff, aber das mystische Feuer lohte in ihm erwärmend, nicht verzehrend. Er ist nicht ein egozentrisch abgesonderter Mensch, er ist nicht in der Mystik aufgegangen, er wirkte praktisch fürs Leben als Prediger und Seelsorger. Von der Verinnerlichung aus, die ihm die Mystik verlieh, konnte er um so wärmer auf seine Hörer, seine Gemeinde, wirken und brachte sie ihnen näher für ihre tätige Lebensaufgabe. Geboren um 1300 in Straßburg, trat er in jungen Jahren daselbst in den Dominikanerorden, machte die vorgeschriebenen Studien durch, wobei er wohl auch die Lehre Eckharts , der damals in Straßburg predigte, genoß. Die vollendete Ausbildung erhielt er in den zwanziger Jahren auf der hohen Schule seines Ordens, dem Studium generale in Köln. Nach den Lehrjahren wirkte er als Predigermönch, zunächst bis etwa 1346 in Basel, dann, mit kürzerer Unterbrechung durch einen Aufenthalt in Köln, dauernd in Straßburg, wo er 1371 starb. Er stand in enger Beziehung zu der Gemeinschaft der Gottesfreunde. Etwa 80 Predigten sind von ihm erhalten. Die Grundlehren der Eckhartschen Mystik hat Tauler, wenn auch manchmal mit kleinen Änderungen, übernommen: die stille Wüste der Gottheit, den Seelengrund, das Fünklein, die Überformung. Aber er betreibt die Spekulation nicht als Selbstzweck, sondern er flicht sie ein in seine der praktischen Erbauung und Erhebung gewidmeten Predigten. So gehen hier zwei Gotteserlebnisse ineinander, die Mystik und die einfache Gläubigkeit. 1 Auf dieser beruht die Grundlinie seiner Lehre, das ist der Weg von der natürlichen Geschöpflichkeit zu Gott in der inneren Erneuerung des Menschen; der Weg beginnt mit der Willenshingabe und Erniedrigung, führt zur Sündenreue und Leidenswilligkeit und erreicht sein Ziel in der persönlichen Gemein- 1 Grunewald aaO., bes. S. 50. 618 Mystik des 14. und 15. Jahrhunderts schaft mit Gott, in der Gottesliebe; die Haupttugend ist die Demut, aber alles Tun des Menschen auf diesem Vervollkommnungswege ist bedingt durch die Gnade Gottes. Verbunden ist diese Gotteserkenntnis mit einem tiefen Eindringen in die menschliche Seele, denn in ihr geschehen diese Bewegungen der Frömmigkeit. So gibt Tauler zugleich eine theologisch gerichtete Psychologie. Mystische Metaphysik, Theologie als christliche Glaubenslehre, Ethik und Psychologie bilden den Strukturzusammenhang von Taulers Welt- und Lebensanschauung. Doch darf man den mystischen Einschlag in seinen Predigten nicht unterschätzen. Er will die Mystik dem Volke verständlicher machen und durch seine Lehre das Gottesbewußtsein in die innersten Gründe vertiefen: „Richte dein Gemüt ganz auf Gott, über alle Kreatur, darin versenke deinen Geist in Gottes Geist in wahrer Gelassenheit, in einer wahren Vereinigung mit Gott. Senke dich in die tiefe, grundlose Barmherzigkeit Gottes mit einem demütig gelassenen Willen." Immer klingt die einfache Gottesverehrung zusammen mit mystischen Gedanken. Heinrich Seuse (Suso) Lit.: Strauch, ADB.37, 169ff.; Überweg-Geyer, Lit. zu Seuses Sprache s. oben; ältere Lit. über Seuse, Kobersteins Grundr. I 6 , 447 f. Anm. 35 ff. — Ausgaben u. Bruchstücke: K. Bihlmeyer, H. Susos deutsche Schriften, im Auftrag der Württemberg. Kommission für Landesgesch. hgb., 1907, dazu Strauch, DLz. 1907,2077-80, Rieder, GgA. 17,116, 0. Simon, Anz. 33,239 f., s. auch Schröder, ZfdA. 63, 270; Melch. Diepenbrock, Heinr. Susos genannt Amandus Leben u. Schriften hgb. mit einer Einleitung von Jos. Görres, 4. Aufl. 1885 (neuhochdeutsch); H. Seuse Denifle, Die deutschen Schriften des seligen Heinr. Seuse aus d. Predigerorden, nach d. ältesten Hss. in jetziger Schriftsprache hgb. I. Bd. 1880, s. dazu JB. 1881 S. 159, Strauch, DLz. 1881, 83-85; W. v. Scholz, Heinr. Suso, e. Auswahl aus seinen deutschen Schriften mit d. Einleitg. von J. Görres zur Susoausgabe von 1829 (in nhd. Schriftsprache), 1906, dazu G. Wüst, DLz. 1907, 922-24; Walter Lehmann, Heinr. Seuses deutsche Schriften, 2 Bde, 1911 (nhd. nach dem Text von Bihlmeyer); W. Oehl, Deutsche Mystiker Bd. I: Seuse, ausgewählt u. hgb. 1910 (nhd.); Ant. Gabele, Deutsche Schriften von Heinr. Seuse, ausgewählt u. übertragen, 1922; E. L. Schellenberg, Heinr. Seuse, Gottesminne, ausgewählt (nhd.), 1924; Nicolaus Heller, Des Mystikers Heinr. Seuses O. Pr. deutsche Schriften, eingeleitet, übertragen u. erl., 1926. — Einzelne Hss. u. Bruchstücke: F.W. E.Roth, Germ. 37, 283 f. (Hss. des Büchleins v. d. ew. Weish.), s. Strauch, Alem. 21,16 ff.; Preger, Eine noch unbekannte Schrift Susos, Abhandl. d. Münch. Ak. 21, 1898, 428-71, „Das minnebuechelin der sele", s. Preger, Münch. SB. 1895 H. 4; Th. Vulpinus, E. zweiteColmarer Susohandschrift, Jahrb. f. Gesch., Sprache u. Lit. Elsaß-Lothr. 19, 1904; Eckharthss.: Priebsch, ZfdPh. 36,58 ff.; Ernst Ochs, Seuse-Bruchstück, Beitr. 50,145 f. — Abhandl.: Preger, Gesch. d. deutschen Mystik II, 1881, 307-415; Volkmann, Der Mystiker Heinr. Suso, Progr. Duisburg 1869; Wackernagel, Ad. Predigten S.431 f. 552-61 (eine Pred. abgedr.); H. S. Denifle, Zu Seuses ursprüngl. Briefbuch, ZfdA. 19, 346-71; Ders., Ein letztes Wort über Seuses Briefbücher, ZfdA. 21,89-142; W. Preger, Die Briefbücher Susos, ZfdA. 20,373-415; C. Schmidt, Heinr. Suso, Realenzyklop. f. Protest. Theol. 15,1885, 76-78; Th. Jäger, Heinr. Seuse aus Schwaben (genannt Suso), ein Diener der ewigen Weisheit im 13. (!) Jh., 1894; K. Bihlmeyer, Zur Chronologie einiger Schriften Seuses, Hist. Jahrb. 25,1904, Nr. 1. 2; A. Pummerer, Seuses Büchlein der Wahrheit nach formalen Gesichtspunkten betrachtet, Progr. Mariaschein 1908 u. SA.; H. Lichtenberger, Le mysticisme allemand: Suso; Revue des cours et Conferences Bd. 18 u. 19, 1908 f.; Christoph Zimmermann, Die Beteiligung der Sinnesgebiete an der religiösen Ekstase, eine psycholog.- Heinrich Seuse (Suso) 619 Statist.Untersuchg. der Ekstasen, Visionen U.Offenbarungen Susos u.der heil.Therese,Tübing. Diss. 1914; A. Gebhard, Die Briefe u. Predigten des Mystikers Heinr. Seuse gen. Suso nach ihren weltlichen Motiven u. dichterischen Formeln betrachtet, 1920, dazu Fr. Neumann, Anz 42, 21-26, Strauch, DLz. 1921, 256 f., Lange, Cbl. 72,849; Rehm, Todesgedanke Reg. S. 479 : Joh. Herm. Bavinck, D. Einfluß des Gefühls auf das Assoziationsleben bei Heinr. von Suso Erlang. Diss. 1920; Ludw. Diehl, Suso, der Roman eines deutschen Seelenmenschen, 1922 Reinhard Senn, Die Echtheit der Vita Heinr. Seuses, 1930, dazu Strauch, Anz. 51, 36-39 W. Thimme, Über Verfasserschaft u. Zuverlässigkeit der Vita H. Seuses, Theolog. Studien u Kritiken 103, 1931, H.4; Günther Müller, Aufriß d. dt. LitGesch. 2 , 1931, 52 f.; Wiltrud Wichcraf, Susos Horologium Sapientiae in England, Anglia 54, 351 f. Ist Eckharts Veranlagung mehr auf die Erkenntnis der mystischen Idee gerichtet, Tauler mehr auf ihre Verkündigung durch das Wort, so hat Heinrich Seuse (Suso) die wärmsten Töne für die mystische Stimmung. Das Leben kostete diesen feinfühligen Menschen viele Kämpfe, wenn es auch äußerlich ziemlich normal verlief. Er war Zeitgenosse Taulers, wie dieser geistiger Schüler Eckharts. Geboren in Konstanz um 1295 aus Patriziergeschlecht (Seuse nannte er sich nach seiner Mutter Sus oder Süs, latinisiert Suso, was er etymologisch mit susen = sausen zusammenbrachte), trat er daselbst in den Dominikanerorden und machte die theologischen Studien durch, wobei er auch, um 1324, die Ordenshochschule in Köln besuchte und dort, wie auch wahrscheinlich Tauler, zu Eckharts Füßen saß. Nach dem Studium hielt er sich meist in seinem Ordenskloster in Konstanz auf, in strenger Askese seine geistlichen Pflichten als Lektor und Prediger mit großer Hingabe erfüllend; zeitweise machte er auch — zum Teil weite — Reisen als Prediger. Ungerechte Verleumdungen, von denen er zwar gereinigt wurde (um 1354?), veranlaßten ihn jedoch, später nach Ulm überzusiedeln, wo er 1366 starb. Seine Werke sind chronologisch nicht genau festzulegen. Das Gesamtwerk ist das sog. „Exemplar Seuses", das in vier Bücher zerfällt: Seuses Leben, das Büchlein der ewigen Weisheit, das Büchlein der Wahrheit und das Briefbüchlein, das er gegen den Schluß seines Lebens selbst zusammenstellte. Außer diesen „gesammelten Werken" existiert noch das sog. „große Briefbuch", das eine Erweiterung des „Briefbüchleins" ist; außerdem sind einige deutsche (vier?) Predigten Seuses erhalten; vielleicht gehört ihm auch das „Minnebüchlein" (über die Schmerzen Marias) an. 1. Die Aufzeichnungen über Seuses Leben hat die Nonne Elsbeth Stagel (s. unten) veranlaßt und begonnen, Seuse selbst hat sie zu Ende geführt, geschrieben wurde viele Jahre daran, bis etwa 1362. Das Werk zerfällt in zwei Teile; der erste ist biographisch und handelt von Seuse selbst, der zweite ist lehrhaft, eine Anweisung für seine „geistliche Tochter" (Elsbeth); das Ganze ist die erste Autobiographie in der deutschen Sprache (Grabmann, Kulturwerte der dt. Mystik S.49). 2. Das Büchlein der ewigen Weisheit (d.i. Gott, Christus), ein in zahlreichen (etwa 180) Handschriften verbreitetes Andachtsbuch, „die schönste Frucht der deutschen Mystik" (Denifle), etwa 1328 verfaßt, ist ein Dialog 620 Mystik des 14. und 15. Jahrhunderts zwischen der „Ewigen Weisheit" und ihrem „Diener", dem gottsuchenden Menschen. Seuse hat das deutsche Werk später, um 1333/34, erweitert und überarbeitet ins Lateinische übersetzt mit dem Titel „Horologium Sapientiae". 3. Das Büchlein der Wahrheit ist Seuses Erstlingswerk, um 1326/27 geschrieben; es ist ebenfalls ein Zwiegespräch zwischen der „Wahrheit" (Gott, Christus) und dem „Jünger" ; dieser fragt, jener antwortet. Es ist das einzige Werk spekulativer Mystik von Seuse. 4. Das Briefbüchlein, 11 Briefe an Nonnen (3 an Elsb. Stagel), ist ein Auszug aus 27 von Elsbeth Stagel gesammelten Briefen Seuses, die er dann überarbeitet hat. Zur reichsten Entfaltung kommt das lyrische Gemüt Seuses in dem „Büchlein von der ewigen Weisheit". „Meineunergründliche Liebe zeigt sich in der großen Bitterkeit meines Leidens wie die Sonne in ihrem Glast, wie die schöne Rose in ihrem Duft und wie das starke Feuer in seiner inbrünstigen Hitze" ; Weish. „Mir geschieht wieeinemRehlein,dasseineMutter verloren hat"; Diener. — Die Weisheit schildert sich: „Ich bin der Wonne Thron, ich bin des Glückes Krön, meine Augen sind so klar, mein Mund so fein und zart, meine Wängel so licht und so rosenrot, all meine Gestalt so wonnig schön und ganz durch wohlgestaltet"; „ein einziges Wörtlein, das so lebendig aus meinem süßen Munde klingt, übertrifft aller Engel Sang, aller Harfen Klang, alles süße Saitenspiel." — „Solange Lieb bei Lieb ist, weiß Lieb nicht, wie Lieb ist; wenn aber Lieb von Lieb scheidet, so empfindet Lieb erst, wie Lieb war"; Weish. (= Jesus). — „Heute der Liebe viel, morgen Leides ein Herze voll, siehe das ist der Zeitlichkeit Spiel" ; Weish. — „Siehe, die wonnigliche Stadt (das Himmelreich) glänzet weithin von durchschlagenem Golde, sie leuchtet weithin von edlen Margariten, widerscheinend von roten Rosen, weißen Lilien und allerlei lebenden Blumen. Nun blicke selber auf die schöne himmlische Heide, ach! hier ganze Sommerwonne, hier des lichten Maien Aue, hier das rechte Freudental, hier sieht man fröhliche Blicke von Lieb zu Lieb gehen"; Weish. — „Du bist doch den Augen der Allerschönste, dem Munde der Allersüßeste, der Berührung der Allerzarteste, dem Herzen der Allerliebwerteste, Herr, meine Seele sieht und hört und empfindet nichts in alledem was ist, sie findet ein jegliches tausendmal lieblicher in dir, meinem Auserwählten" ; Diener. — „Die Seele, die mich in der heimlichen Klause eines abgeschiedenen Lebens innerlich empfinden und süß genießen will, die muß ... mit roten Rosen inbrünstiger Liebe besteckt, mit schönen Violen demütiger Selbstverachtung und weißen Lilien rechter Reinheit bestreut sein"; Weish. — Das sind minnesingerische Töne', durchsüßt von Minne und Blumen. Das Büchlein der Wahrheit ist der äußeren Form nach gleich dem Büchlein der ewigen Weisheit ein Dialog, in der inneren Form aber ganz verschieden von der „Ewigen Weisheit" : dort lyrische Stimmung, hier spekulatives Nachdenken. Die Wahrheit lehrt den Jünger die „innere Gelassenheit", das ist: das sein Selbst lassen, das Aufgeben seiner selbst. Aller Dinge erster Beginn, durchaus das „Erste", vor dem nichts ist, das „Einfältigste" (ein- Heinrich Seuse (Suso) 621 fachste), ist eine lebendige, wesenhafte, subsistierende Vernünftigkeit, die sich selber versteht, und ist und lebt selber in sich selber und ist dasselbe. In diesem Einen sind alle Dinge. Diese Einheit ist Natur und Wesen der Gottheit, in diesem grundlosen Abgrund fließt die Dreiheit der Personen in ihre Einigkeit. Die Mannigfaltigkeit, Vielheit, ist durchaus im Ursprung eine einfältige (einfache) Einigkeit (Einheit). Die elf Briefe des Briefbüchleins enthalten, wie die Mystikerbriefe überhaupt, wenig persönliche Mitteilungen, vielmehr sind es geistliche Ansprachen, oft predigtartig mit Zugrundelegung eines Bibeltextes; in Briefform (mitder Anrede „mein Kind") geben sie Lehren und Erbauungen in mystischem Geiste zur „Erholung des Gemütes", getragen von zartem, gleichgestimmten Verständnis für das Seelenleben der Empfängerinnen. Beispiele: Der erste Brief, „Von eines anfangenden Menschen freier Abkehr von der Welt zu Gott", spricht zu einer Nonne, die eben eingesegnet worden ist. Der zweite Brief hat als Bibelspruch Habitabat lupus cum agno, (Jes. 11,6) somit das Thema „Liebe macht ungleiche Dinge gleich" und ist an eine adelige Nonne gerichtet: „darum, mein Kind, gib den verborgenen Hochmut deines leiblichen Adels auf". Dem dritten Brief, „Elsbeth der Staglin zu Töß", ist der Bibelspruch Nigra sum, sed formosa aus dem Höh. Lied 1,4, zugrunde gelegt mit dem Thema „der gottleidende Mensch, den Gott mit beharrlichen Leiden heimsucht und ihn mit geduldiger Gelassenheit begabt". Der vierte Brief ist an einegeistliche „Tochter" gerichtet, „die war eines weichen, unsteten Gemütes", und mahnt: „mein Kind, sei fest, steh fest, gebärde dich kühn!" Das durchgehende Motiv ist die Liebe Gottes, oft auch kommen Gedanken an die ewige Weisheit zur Sprache. Wie in den Predigten werden manchmal auch Beispiele oder kleine Erzählungen eingeflochten. Gegenüber den drei andern Teilen des „Exemplars" herrscht in diesem ersten Teil, dem Leben, ein mehr realistischer Gehalt. Überschrieben ist er: „I.Teil. Hier fängt der erste Teil dieses Buches an, das da heißt ,Der Seuse'." Es ist das Bild eines Mystikerlebens mit seinen Anschauungen über Gott, Welt und Leben. Die Erzählung der einzelnen Tatsachen bildet nur den Rahmen der einzelnen Kapitel, der wesentliche Inhalt ist bestimmt durch den mystischen Ideenkomplex. So ist das umfangreiche Werk zugleich ein Lehrbuch der Mystik. Am übersichtlichsten wird die Aufzählung der Überschriften von einigen der 53 Kapitel den Inhalt in Kürze angeben. Seuse nennt sich „Diener", „Diener der ewigen Weisheit", und erzählt in dritter Person in historischer Folge seinen Lebensgang. I. Kap. Von den ersten Kämpfen eines anfangenden Menschen. II. Von der übernatürlichen Entrückung, die ihm zuteil ward („In seinem Anfang geschah es einmal" usw.). III. Wie er in die geistliche Gemahlschaft mit der Ewigen Weisheit kam. („Der Lauf, auf den sein Leben danach lange Zeit hindurch mit innerlichen Übungen gerichtet war, bestand in einer stetigen emsigen Beflissenheit, mit der Ewigen Weisheit liebreich vereinigt zu sein ..." „Er hatte von Jugend auf ein liebreiches Herz.") IV. Wie er den 622 Mystik des 14. und 15. Jahrhunderts liebreichen Namen Jesus auf sein Herz zeichnet. V. Von dem Vorspiel göttlichen Trostes, mit dem Gott anfangende Menschen lockt. VI. Von etlichen Visionen. Weitere Kap.: XV. Von Kasteiung des Leibes; XVI. Von dem scharfen Kreuz, das er auf seinem Rücken trug; XVII. Von seinem Lager; XVIII. Wie er sich des Trankes enthielt. Von diesen vier asketischen Kapiteln schildern besonders die zwei ersten die Martern, die er sich selbst auferlegte, in krassestem Realismus. Mit Kap. XIX, Wie er in die vernünftige Schule der Kunst rechter Gelassenheit gewiesen wird, wird er gleichsam vom Knappen zum Ritter, er tritt aus den Jünglings- in die Mannesjahre. Es folgen die Kapitel des Leidens: innere Leiden (XXI), äußere Leiden durch Verleumdungen, Verfehlungen seiner Schwester, Lebensgefahr (XXVI); Von dem Mörder; hier wird äußerst drastisch erzählt, wie ihm in einem Wald am Rhein ein Mörder begegnete, wie ihm der kalte Todesschweiß über Antlitz und Busen herabrann, der Mörder ihn aber verschonte, weil ihm viel Gutes von ihm gesagt sei. Aus Kap. XXXIII-LIII besteht der zweite Teil: II. Teil. Hier fängt der andere Teil dieses ersten Buches an. Kap. XXXIII, „Von des Dieners geistlicher Tochter", beginnt: „Es lebte in denselben Zeiten des Dieners ... eine geistliche Tochter des Predigerordens in einem geschlossenen Kloster zu Tösz, die hieß Elsbeth Staglin und hatte einen sehr heiligen Wandel von außen und ein engelisches Gemüt von innen. Die selige Tochter machte die Bekanntschaft des Dieners der ewigen Weisheit ... sie entlockte ihm heimlich die Weise seines Durchbruchs zu Gott und schrieb es auf, wie es hiervor und hiernach geschrieben steht." Seuse lehrt sie zunächst den Anfang eines heiligen Lebens, XXXIV Von dem ersten Beginn eines anfangenden Menschen. Von Kap. XXXVII —XL an folgen, wie im ersten Teil des Lebens, Tröstungen in Leiden durch Erzählung fremder und eigener Erlebnisse; von Kap. XLI bis zum Schluß geistliche Belehrungen. Von größter Bedeutung ist die mystische Literatur auch für die Sprache. 1 Die Mystik hat eine neue Religiosität gelehrt, sie hat auch den sprachlichen Ausdruck dafür gefunden. Eckhart, Tauler, Seuse haben eine neue deutsche 1 Sprache und Stil: Behaghel, Gesch. d. dt. weit, Dt. Vjschr. 6, 1928, 671-701; Rud. Sprache 5 , 1928, 42^14 (mit Lit.); Ewald A. Fahrner, Wortsinn u. Wortschöpfg. bei Meist. Boucke in Hofstaetter-Panzer, Grundzüge Eckeh. 1929, dazu Paul Hagen, Anz. 48, 172 der Deutschkunde I, 1925, 106 f. — Briefstil -75, Witte, Lbl. 1931, 89-91; Karl Bret- der Mystiker: Ernst Meyer, Die gereimten hauer, Die Sprache Meister Eckharts im Buch Liebesbriefe des dt. MA.s, Marbg. Diss. 1898, der göttlichen Tröstung, Gott. Diss. 1931, 38 ff.; Otto Zirker, Die Bereicherung des dazu Strauch, Anz. 51, 71 f. — Antoinette deutschen Wortschatzes durch die spätmittel- Vogt-Terhorst, Der bildliche Ausdruck in alterl. Mystik, 1923. — E. Kramm, Meister den Predigten Johann Taulers, 1920 (darin Eckeharts Terminologie in ihren Grundzügen Bibliographie für mystischen Stil S. 1), dazu dargestellt, ZfdPh. 16, 1-47; Em. Pantl, Die Fr. Neumann, Anz. 42, 18-21; E. Brunner, von Bock aufgestellten Regeln über den Ge- Die Mystik u. das Wort, 1924; Adolf Korn, brauch des Konjunktivs im Mhd. untersucht Das rhetorische Element in den Predigten an d. Schriften des Meisters Eckhart, Progr. Taulers, Münst. Diss. 1927, dazu Ehrismann, Wien 1899 u. Freistadt 1902, dazu Mourek, DLz. 1928, 2104 f.; Kurt Kirmsze, Die Ter- Anz. 30, 174-78; R. Rattke, Die Abstrakt- minologie des Mystikers Johannes Tauler, bildungen auf -heit bei M. Eckh., Jen. Diss. Leipz. Diss. 1930; A. C. Corin, Über Bedeu- 1907; Jos. Quint, Die Sprache Meist. Eck- tung u. Abstammung zweier sinnverwandter harts als Ausdruck seiner mystischen Geistes- Wörter in Taulerschen Hss., Leuw. Bijdr. 15, Die Gottesfreunde 623 Prosa geschaffen, sie haben der Sprache den Geist ihrer Lehre eingeprägt, sie befähigt, das Unergründliche in Worte zu kleiden, das Materielle der Erscheinung in das Übersinnliche zu versinnbildlichen. Symbolik ist der Ausdruck dieser Sprache. Und doch wieder reine Wirklichkeit, denn die Liebe ist, besonders bei Seuse, das Band, das das Irdische mit dem Ewigen verknüpft; und dafür hat die mystische Sprache minnesingerische Worte. Und wer wie Seuse ein Buch seines Lebens schreibt, kann auch die Sprache nicht überall ganz in das Reich der Poesie und Symbolik erheben, sondern ist auch der Wirklichkeit und ihrem Stile verhaftet. Die Gottesfreunde Die „Gottesfreunde" 1 waren keine Vereinigung etwa im Sinne einer besonderen Gemeinde, sondern der Name wird nach dem Vorgang von Tauler und Seuse im allgemeinen auf Menschen angewendet, die „zu sittlich-religiöser Vollkommenheit gelangt sind". 2 Doch fanden sie darin eine Gemeinsamkeit, daß sie sich durch ihre besonderen mystischen Anschauungen verbunden fühlten und solche Zusammengehörigkeit auch pflegten. Literaturgeschichtlich ist der Begriff „Gottesfreunde" genau umrissen, indem eine bestimmte Gattung von mystischen Schriften die „Gottesfreund-Literatur" bildet und demgemäß auch die betreffenden Verfasser und Verfasserinnen einem bestimmten Kreis von Mystikern angehörten. Der „Gottesfreund im Oberland" 3 ist eine Persönlichkeit, die dem Kreise der Gottesfreunde angehört, jedoch eine rätselhafte Gestalt. Hat er überhaupt existiert? Nach den gründlichen Forschungen von Pater Seuse Denifle 1920; Ders., Über den Ursprung von mhd. Die Rede von den 15 Graden, rheinische Got- zecke u. dessen Bedeutung bei Tauler, Neo- tesfreunde-Mystik, 1930, dazu Strauch, Anz. philol. 6, 1921, 161-69. — Paul Heitz, Zur 49,131 f.—Ausg.: Strauch, Schriften aus der mystischen Stilkunst Heinr. Seuses in seinen Gottesfreund-Lit. 1. H., 1927, Ad. Textbibl. deutschen Schriften, Jen. Diss. 1914; Anna Nr. 22: Sieben bisher unveröffentlichte Trak- Nicklas, Die Terminologie des Mystikers täte u. Lektionen, 2. H. Nr. 23, 1927: Mer- Heinr. Seuse, Königsberg. Diss. 1914; C. swins vier anfangende Jahre; Des Gottesfreun- Heyer, Stilgeschichtliche Studien über Heinr. des Fünfmannenbuch (die sog. Autographa), Seuses Buch der ewigen Weisheit, ZfdPh. 46, dazu Schröder, Anz. 53, 68 f., Luise Ber- 175-228. 393-443. — Eine glänzende Aus- Thold, ZfdPh. 54, 230 f. drucksform besaß Ruysbroeck. 2 Jos. Quint S. 84. — Schon in der Bibel l Lit: Wackernagel, LG. I 2 , 428 f. u. An- (2. Jakobi 2, 32) ist Abraham „der Freund merkungen; Jos. Quint, Merker-Stammler Gottes geheißen", vgl. Ev. Joh. 15, 15 Reallex. 4. Bd. (Nachträge) S.84f. 88 f. — (Wackernagel, Kl. Sehr. 2, 165). Abhandl.: Wackernagel, Die Gottesfreunde 3 Baechtold, D. Gottesfreund im Oberland, in Basel, Kl. Sehr. 2,146-92; K. Schmidt, Die ADB. 9, 456; C. Schmidt, D. Buch von den Gottesfreunde im 14. Jh., 1855.; B. Bähring, neun Felsen hgb., 1859; Denifle, Die Dich- Johannes Tauler u. die Gottesfreunde 1871; tungen des Gottesfreundes im Oberlande, I. Wackernagel, Ad. Predigten u. Gebete, Das Meisterbuch, ZfdA. 24, 200-19, IL Die 1876, 381 ff.; A. Jundt, Les amis de Dieu au Proteusnatur des Gottesfreundes S. 280-301, XIV. siecle, Paris 1879; Max Rieger, Die III. Die Romreise des G.s S. 301-24; L. Gottesfreunde im dt. MA., 1879; L. Keller, Tobler, Die Sprache des G.s im Ob., Anz. f. Die Gottesfreunde, die „deutsche Theologie" Schweizerische Gesch. 1880, 1; Preger, u. die Rosenkreuzer, Monatshefte der Come- Gesch. d. dt. Mystik III, Der G. vom Ober- niusges. 11, 1902, 145-57; R. Egenter, Die lande. Merswin; F. Lauchert, Des Gottes- Lehre von der Gottesfreundschaft in d. Scho- freundes im Ob. [= Rulm. Merswins] Buch lastik des 12. u. 13. Jh.s, 1929, dazu J. Koch, von den zwei Mannen, 1896, dazu Strauch, DLz. 51, 2451-53; J. B. Schoemann S. J., Anz. 24, 212 f., Herm. Haupt, Lbl. 1898, 125, 624 Mystik des 14. und 15. Jahrhunderts (mit Ergänzungen von Phil. Strauch) ist diese Gestalt eine Fälschung oder Erdichtung von Merswin und seine Schriften sind Erzeugnisse ebendieses Merswin. Ruland Merswin 1 war Laie, ein Straßburger Kaufmann (1307 -82); er stiftete das Johanniterhaus zu Straßburg, das Gottesfreunden zur Zuflucht dienen sollte und dem er als erster Pfleger vorstand. Er hat eine umfangreiche Schriftstellerei betrieben, mystische Predigten und Traktate, erfundene biographische Erzählungen u.a. unselbständig und auf Grund der mystischen Werke von Tauler, Seuse und Ruysbroeck verfaßt. Andere zu der Gemeinschaft der Gottesfreunde zu rechnende Mystiker: Heinrich von Nördlingen, 2 ein Priester, war ein bedeutendes Mitglied der Gemeinschaft, sein Briefwechsel mit Margareta Ebner ist eine Hauptquelle für deren Geschichte. In Nördlingen beheimatet, hielt er sich doch vielfach auswärts auf und lebte u.a. mehrere Jahre (1338/39. 1347) in Basel. Von ihm sind viele Briefe an Margareta Ebner erhalten, auch übertrug er „Das fließende Licht der Gottheit" der Mechthild von Magdeburg aus dem Nd. ins Hd. (s. ob.). — Einer der Begründer der Vereinigung von „Gottesfreunden" war Nikolaus von Basel, 3 geb. daselbst 1308, der 1383 von der Inquisition in Wien verbrannt wurde. Er schrieb ein „Buch von den fünf Mannen". — Aus den Kreisen der Straßburger Gottesfreunde ist der Traktat „Schürebrand" hervorgegangen, von einem Straßburger Johanniterbruder verfaßt und zwei jungen Ciarissen zugeeignet. 4 — Den Gottesfreunden nahe Seemüller, Arch. 101, 160 f.; K. Rieder, Zum Neunfelsenbuch, Beitr. 55, 309 f. — s. Zur Frage der Gottesfreunde s. Rulm. Mer- auch oben unter Lit. zu „Gottesfreund", swin od. Nikolaus v. Laufen? Zs. f. Gesch. d. 2 Strauch, ADB.24,7-11; Ders., Realenzykl. Oberrheins NF. 17, 1902, 205-17. 480-97; f. prot. Theol. 7, 1899, 607-10. — Ausg. Ders., D. Gottesfreund v. Ob. eine Erfindung Strauch, Margaretha Ebner u. Heinr. v. des Straßburger Johanniterbruders Nik. Nördl., 1882.—Abhandl.: Wackernagel, Kl. v.Löwen, 1905, dazu Strauch, ZfdPh. 39, Sehr. 2, 166 ff.; Der., ZfdA. 9, 327 Anm.; 101-36, Helm, Lbl. 1907, 326 f.; Strauch, Preger, Gesch. d. Myst. II, 1881, Margaretha Zur Gottesfreund-Frage, I. Das Neunfelsen- Ebner u. Heinr. v. Nördl. S. 277-88; Preger, buch, ZfdPh. 34, 235-311 (s. Beitr. 55, 309 f.), Heinr. v. Nördl. Briefwechsel mit Marg. II. Zu Merswins Bannerbüchlein, ebda 41, Ebner, Zs. f. hist. Theol. 1869, 79 ff.; Rud. 18-31; Wilh. Rain, Der Gottesfreund vom Wackernagel, H. v. Nördl. in Basel, Basler Oberland, ein Menschheitsführer an der Zs. f. Gesch. u. Altertumskde. 12, 1913, 390 f.; Schwelle der Neuzeit, 1930. G. Grupp, Aus d. religiösen Leben des Rieses 1 Strauch, Rul. M., ADB. 21, 459-68; Ders., im MA.: Heinr. v. Nördl., Jahrb. d. hist. Ver. Herzogs Realencyclop. Bd. 17, 203-27. — f. Nördlingen u. Umgeb. VII, 1921. Carl Schmidt, Das Buch von den neun 3 Karl Schmidt, Nikolaus v. Basel, Leben Felsen von dem Straßburger Bürger Rul. u. ausgewählte Schriften, 1866; C. Scmidt, Merswin 1352, nach des Verfassers Autograph, Nie. v. Basel, Bericht über die BekehrungTau- 1859; Denifle, Die Dichtungen R. Merswins, lers, hgb. 1875. — Werner Cordes, D. zu- ZfdA. 24, 463-540. 25, 101-22; Ders., DLZ. sammengesetzte Satz bei Nie. v. Basel I, 1880, 244 f.; Jundt, R. Mersw. et l'.ami de Bonn. Diss. 1888. — Wenig hervorgetreten dieu de POberland, Paris 1890; R. Ällier, sind Johann v. Chur (Jundt, Joh. v. Ch. ge- D. Gottesfreund nicht e. betrügerische Erfin- nannt v. Rütberg, Herzogs Realencyclop. 61, düng, sond. eine Halluzination des R. Mersw., 1880, 21 f.) u. Bruder Klaus (W. Oehl, Br. Kl. Revue de l'histoire des religions 23, 1890; u. die dt. Mystik, Zs. f. Schweiz. Kirchengesch. Schönbach, Miscellen aus Grazer Hss. IV, 11, 1917/18, 161-75.241-54). Mitteil. d. hist. Vereins Steiermark 50, 1903 4 Strauch, Schürebr., ein Traktat aus den (darin R. Merswins Buch von den 9 Felsen, Kreisen der Straßburger Gottesfreunde, Fest- Fragm.); Strauch, Schriften aus d. Gottes- gäbe zur 47. Philolog.-Vers. in Halle 1903, freundlit. III. Heft, Merswins Neun-Felsen- germanist. Abteil, u. SA.; Ders., Zum Traktat Buch (das sog. Autograph), s. oben; Ders., „Schürebrand" ZfdA. 57, 223-47. Theologia Deutsch. Jan van Ruysbroeck 625 steht Otto von Passau; 1 er war Franziskanermönch in Basel, wo er einen Teil seines Lebens zubrachte. Er verfaßte 1386 das Buch „Die vierundzwanzig Alten oder der güldene Tron der minnenden Seelen", das später mehrfach gedruckt und auch ins Niederländische übersetzt wurde. Es ist eine Anleitung zum christlichen Leben um Gott wohl zu gefallen, spricht vom Verhältnis des Menschen zu Gott dem Schöpfer und zu der übrigen Kreatur und schließt mit Tod und Ewigkeit, wobei aber kein fester Plan eingehalten ist. Das Motiv von den „vierundzwanzig Alten" ist der Offenbarung Johannis Kap. 4 entnommen, die einzelnen Gedanken sind aus Zitaten klassischer Autoren, aus Kirchenvätern und Scholastikern zusammengestellt,das Ganze bildet eine Blumenlese. Theologia Deutsch In die Zeit der Abnahme der Gottesfreundbewegung fällt die „Theologia Deutsch", 2 das Büchlein von der deutschen Theologie oder „Der Franck- forter", verfaßt von einem Deutschherrn aus Frankfurt in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, der seinen Namen nicht nennt. Die Darstellung verläuft ohne geregelten Aufbau ziemlich zusammenhanglos, doch zieht sich ein Hauptgedanke durch das Werk: Sei lauterlich und gänzlich ohne dich selbst. Seine Berühmtheit erlangte das Büchlein „Eyn Deutsch Theologia" durch die hohe Wertschätzung, die Luther, der es 1518 herausgab, ihm schenkte. Jan van Ruysbroeck Jan van Ruysbroeck (Johannes Ruysbroeck) 3 steht landschaftlich außerhalb der Reihe der deutschen Mystiker; er war Vlame und lebte 1293 -1381. Anfangs Weltpriester in Brüssel, verläßt er das Getriebe der Stadt 1 Strauch, ADB. 24, 741-44; Wacker- 1902, 145-57; Willo Uhl, Beiträge z. stili- nagel, Kl. Sehr. 2, 189-92; Ders., Die ad. stischen Kunst der „Theologia deutsch" („der Hss. d. Basler Universitätsbibl., 1835, S. 6 f.; Franckforter"), Greifsw. Diss. 1912; Karl Günther Müller, Dt. Vjschr. 4, 118 f. Müller, Zur „Deutschen Theologie", SB. d. 2 Ausg.: Franz Pfeiffer, Theologia deutsch: Preuß. Ak. 1919, 631-58; Jos. Bernhart, Der Die leret gar manchen lieblichen underscheit Frankfurter, eine deutsche Theologie, 1920; gotlicher warheit und seit gar hohe und gar Ziesemer, D. Lit. des deutschen Ordens in schone ding von einem volkomen leben, 1851, Preußen, 1928, S. 90 f. 5. Aufl. 1924; Herm. Mandel, Theologia 3 Lit. bei Überweg-Geyer; Jos. Quint, Deutsch, 1908 (nach Luthers Ausg.); Willo Merker-Stammler Reallex. 4 (Nachträge) Uhl, Der Franckforter („Eyn deutsch S. 84 f. 88.— Ausg.: J. David, 6 Bde, Gent Theologia"), 1912, 2. Aufl. 1926; Gottlob 1858-69. — Abhandl.: van Otterloo, Joh. Siedel, Theologia Deutsch mit e. Einleitung R., Een bijdrage tot de kennis van den ont- Über d. Lehre von der Vergottung in d. domi- wikkelingsgang der mystiek, Amsterd. 1874; nikanischen Mystik, nach Luthers Druck von Franz Jostes, Beiträge z. Kenntnis d. nieder- 1518hgb., 1929, dazu Schröder, Anz.50,87f.; deutschen Mystik, Germ. 31, 1-41. 164-204; Eine Auswahl: W.Lehmann, Deutsche Fröm- Friedr. Markus Huebner, Jan V.R., Das migkeit, 1917, 107-26. — Lit.: Überweg- Buch von den 12 Beghinen übersetzt, 1917; Geyer; Jos. Quint, Merker-Stammler Real- Willibrord Verkade, Die Zierde der geist- lex. 4 (Nachträge), 85; ältere Lit. bei Kober- liehen Hochzeit des Jan van R., deutsch über- stein l 6 , 448 f. Anm. 43. 44; Jul. Ham- setzt aus d. Flämischen, 1922, dazu Jos. berger, Realenzyklop. d. protest. Theol. 15, Bernhart, Dt. Vjschr. 2, 1924, 315 f.; Ders., 1885, 415-19. — Abhandl. Reifenrath, D. Aus d. „Buch von den 12 Beghinen", 1923; deutsche Theol. des Frankfurter Gottesfreun- Ders., „Das Reich der Geliebten", 1924; Ph. des, 1863; W. Hess, Stellung der Theologia Muller, Jan v. R., Van den blinckenden deutsch zur heil. Schrift, Jahrb. f. protest. steen . . . nitg., Leuven 1921; die vielen im J. Theol. 1885, 299-320; L. Keller, Die Gottes- 1923. 1924 erschienenen Schriften über Ruysb. freunde, die „deutsche Theologie" u. die Ro- s. Berliner JB. 1924 S. 170; Günther Müller, senkreuzer, Monatshefte der Comeniusges. 11, Aufriß 2 S. 53. 40 Deutsche Literaturgeschichte IV 626 Mystik des 14. und 15. Jahrhunderts und zieht sich mit einigen Gleichgesinnten in die Einsiedelei Groenendal zurück, und durch weiteren Zuzug entsteht dort ein Stift der Brüder vom gemeinsamen Leben. Auch Johannes Tauler gehört zu denen, die ihn, bewogen durch seinen heiligmäßigen Lebenswandel und durch seine Weisheit, aufsuchten. — Ruysbroeck vereinigt mystische Spekulation mit tatkräftiger Zielstrebigkeit und inniger Gemüttiefe, also gleichsam die Eigenschaften Eckharts, Taulers und Seuses. Unter seinen vielen Schriften führt am leichtesten das Buch von den 12 Beghinen (Ausg. von Huebner s. unten in ,,Lit.") in seine Lehre ein. Einzelne andere Mystiker Nicolaus von Straßburg 1 nahm unter seinen Ordensbrüdern, den Dominikanern, eine hervorragende Stellung ein. Er war mit Eckhart gleichzeitig Lesemeister in Köln und wurde von der Kurie in dem Prozeß gegen diesen (1326) beigezogen. Von ihm ist etwa ein Dutzend während seines Aufenthaltes in Freiburg vorgetragener Predigten vorhanden. — Nicolaus von Landau, 2 Zisterzienser im Kloster Osterburg bei Kaiserslautern, verfaßte eine große Sermonensammlung (1341 ff.), von der aber nur ein Teil erhalten ist. Diese Predigten sind nach der scholastischen Predigtmethode eingerichtet, doch sind mystische Gedanken darin eingestreut, und für die Mystik kommen sie deshalb in Betracht, weil Eckhart aus ihnen geschöpft hat. Johannes von Sterngassen, Lektor der Dominikaner in Straßburg, Predigten (Strauch, ADB. 36, 1893, 120-22; Preger, Gesch. d. dt. Mystik II, 1881, 116-23; Pfeiffer, ZfdA. 8, 251-58; Wackernagel, Ad. Predigten u. Gebete, 1876, 163 ff.; Priebsch, Spruch von den 21 Stücken der Maria, mystischen Inhalts, ZfdPh.26,69f.; ein lat. Sentenzenkommentar u. eine Quaestio des Joh. v. St.: Mart. Grabmann, Neu aufgefundene lat. Werke deutscher Mystiker, SB. d. Bayer. Ak. 1921,3 S.7 ff.). — Gerhard von Sterngassen: Medela animae languentis, lat.: Grabmann, ebda S. 35-43; Engelbert Krebs, Stammlers Verfasserlex. 2, 28 f. — Von Dietrich von Freiberg (Theodoricus Teutonicus de Vriberg, Meister Dietrich) sind eine Reihe lateinischer, philosophischer u. naturwissenschaftlicher Traktate erhalten (Engelbert Krebs, Stammlers Verfasserlex. 1, 423-26 mit Lit.). — Johann (Johannes) Meyer aus Zürich, 1422-85, hat 1454 das Leben der Schwestern zu Töss, die vitae der Elsbeth Stagel, erweitert herausgegeben u. verfaßte viele mystische Schriften (Preger, Gesch. d. dt. Mystik II, 251-53 P. Albert, Zs. f. Gesch. d. Oberrheins 52 NF. 13,1898, 255-63). — Meister Heinrich von Hessen: J. B. Wimmer, D. Buch der göttlichen Weisheit vom M. Heinr. v. Hessen, Progr Kalksburg 1905. — Giselher von Slätheim: Strauch, Giselher von Schlotheim, ADB. 31 551 f.; Pfeiffer, ZfdA. 8,211-14; Preger II, 160-65; Krebs, Stammlers, Verfasserlex. 2, 52 — Ulrich Putsch (Pfarrer in Tirol), Das lieht derseel, 1426: Burdach, Vorspiel 1, 2 S. 120-26 — Predigten des Bruders Härtung von Erfurt: Jos. Haupt, Beiträge zur Lit. der dt. Mystiker II, Wien. SB. 94, 1879, 235-334 u. SA. —Heinrich von Egwint: Preger II, 123-25 Linsenmayer S. 442 f. — Bruder Erbe; von ihm eine mystische Predigt vorhanden: Preger 1 Ausg. Pfeiffer, Deutsche Mystiker I 1893; Martin Grabmann, Neu aufgefundene S.XXII-XXV. 259-305. — Preger, Gesch. lat. Werke deutscher Mystiker, Abhandl. d. der dt. Mystik II, 67-79, dazu Strauch, Anz. Bayer.Akad. 1921,3,43-68. —S.M. Deutsch, 9, 122; Hoffmann, Ad. Blätter 2, 165-72; Herzogs Realenzyklop. f. protest. Theol. 3 Bd. Strauch, ADB. 23, 628-30; R. Nebert, Un- 14, 84-86. tersuchungen über die Entstehungszeit u. d. 2 Cruel S. 406-14; Linsenmayer S. 249 f.; Dialekt der Predigten des N. v. Str., ZfdPh. Hans Zuchhold, Des Nikol. v. L. Sermone als 33, 456-85; Ders., Die Heidelberger Hs. des Quelle für die Predigt Meister Eckharts u. N. v. Str., ZfdPh. 34,13^15; R. Neuse, Tem- seines Kreises, 1905. pora u. Modi bei Nie. v. Straßb., Diss. Münster Einzelne andere Mystiker. Frauenmystik 627 II, 169 f.; Hans Neumann, Stammlers Verfasserlex. 1,580. — W.Oehl, Bruder Klaus u. die dt. Mystik, Zs.f. Schweiz. Kirchengesch. 11, 161-75. 241-54. — Bruder Hans: Denecke, Stamml. Verfasserlex. 2, 157-59. Zwei Dominikanerprediger namens Johannes Futerer (der ältere und der jüngere) in Straßburg: Hans Neumann, Stammlers Verfasserlex. 1,784-86. — Eine Reihe von mystischen Predigten mit den Namen der Verfasser sind gedruckt bei Pfeiffer, ZfdA.8, 209-58; desgl. „Sprüche deutscher Mystiker" von Pfeiffer, Germ. 3, 225-43, mit den Namen der Verf.; mystische Traktate u. Predigten verschiedener Verfasser u. deren Namen: Preger, Gesch. d. dt. Myst. II, 116-77. — Hier können noch einmal (s. oben) „Die zwölf Meister zu Paris" angeführt werden, deren jeder Eckhart, Bischof Albrecht, Der von Kronenberg (die andern sind unbenannt) eine geistliche Lehre gibt (Prosa); Wackernagel, ZfdA. 4, 496-500; Preger II, 131 f.; Borchling, Nd. Jahrb. 23, 114. — Eine andere Sammlung: „Die Sprüche der zwölf Meister", in 63 Versen verteilt auf 13 Strophen. — Die fromme Müllerin, ein niederdeutscher Traktat, s. unten Mnd. Frauenmystik 1 Das weibliche Gemüt war besonders empfänglich für die tiefe Innerlichkeit der Mystik und gab seine mystische Schwärmerei in ekstatischen Zuständen und visionären Erscheinungen leidenschaftlich kund. In Dominikanerinnenklöstern entfaltete sich mächtig der Drangzur Reinigung und Erleuchtung in der Gottesgemeinschaft und erzeugte eine reiche literarische Blüte in Briefen und Selbstbekenntnissen (Offenbarungen, Lebensbeschreibungen). Besonders zwei geistliche Frauen haben auf diesen Gebieten wertvolle Schriften hinterlassen. Margaretha Ebner 2 war 1291 in Donauwörth geboren und trat in das nahe Kloster Medingen ein, wo sie 1351 starb. Sie hat „Offenbarungen" geschrieben, die ihre eigenen Erlebnisse sind, und hat die Aufzeichnungen stückweise an Heinrich von Nördlingen geschickt, den sie als geistlichen Berater verehrte. Mit diesem führte sie auch einen inbrünstigen Briefwechsel, welcher die erste erhaltene Briefsammlung bildet, während die Briefe, die sie von Tauler erhielt, einfacher sind. Durch Ekstase und Askese waren ihre Nerven krankhaft gestört, so daß sie körperlich viel zu leiden hatte. Sie ging ganz in Jesuliebe auf. — Wohl verwandt mit ihr, doch nicht ihre Schwester war Christina Ebner, 3 geb. in Nürnberg, Dominikanerin im Kloster Engeltal bei Nürnberg, gest. 1355; sie gibt in dem „Büchlein von der Gnaden Überlast" eine Schilde- 1 Hieron. Wilms, Das Beten der Mystikerin- Dt. Mystikerbriefe, 1931, 333 ff.; H. Wilms. nen, 2. Aufl. 1923; M. Grabmann, Die deut- Der seligen Marg. Ebner Offenbarungen u, sehe Frauenmystik des MA.s, in Grabmann, Briefe übersetzt, 1928. — Abhandl.: Preger, Mittelalterl. Geistesleben, 1927, 469-88; Joh. Gesch. d. dt. Mystik II, 277-88; Priebsch, Schuck, Deutsche Frauenmystik des MA.s, Deutsche Hss. in Engl II S. 111; Joh.Tra- 1926; Meta Escherich, Das Visionenwesen ber, Die Herkunft der selig genannten Dominiin d. mittelalterl. Frauenklöstern, in „Deutsche kanerin Marg. Ebner, 1910; A. Pummerer, M. Psychologie" 1, 1916, 153-66; Hier. Wilms, Ebn., Charakterbild aus d. dt. Myst. d. MA.s, Das Tugendstreben der Mystikerinnen, dar- Stimmen aus Maria Laach 81,1911, 1-11; gestellt nach alten Chroniken der deutschen 132-44. 244-57; Ludw. Zoepf, Die Mystikerin Dominikanerinnen u. nach d. Aufzeichnungen Margaretha Ebner (1291-1351), 1914. — W. begnadigter Nonnen des MA.s, 1927. Oehl, Dt. Mystikerbriefe 1931, 333 ff. 2 Lit.: Strauch, ADB. 20, 332-34; Ders., 3 Ausg.: G. W. K. Lochner, Leben u. GeProtest. Realenzykl. 3 , 1898, 5, 128 f.; Engel- sichte der Christina Ebnerin, Klosterfrau zu bert Krebs, Stamml. Verfasserlex. 1, 482-84 Engelthal, 1872; Der Nonne v. EngelthalBüch- (mit Lit.). — Ausg.: Strauch, Margaretha lein „von der genaden überlast", von C. Ebner u. Heinr. v. Nördlingen, 1882 (Ausg. Schröder, Lit. Ver. 108, 1871; Wilh. Oehl, der Offenbarungen u. der Briefe); W.Oehl, Christ. Ebnerin, Das Büchlein v. d. Gnaden 628 Mystik des 14. und 15. Jahrhunderts rung von dem Leben der Schwestern von Engeltal, die unmittelbar vor ihr oder gleichzeitig mit ihr lebten; ihre Darstellung ist reich an Ekstasen, Visionen und Traumbildern. Ähnlich wie Christina Ebner schrieb auch Elsbeth Stagel (Staglin) 1 eine „Vita" der Klosterfrauen zu Tösj: „Leben der Schwestern zu Tösj", Lebensbilder von über dreißig früheren oder gleichzeitigen Tösjer Schwestern von 1250 bis 1320. Sie war Dominikanerin im Kloster Tösj bei Winterthur und starb um 1350. Sie war eine begeisterte Verehrerin von Heinrich Seuse, schrieb Aufzeichnungen über dessen Leben und sammelte die Briefe mit Seuse in einem Brief buch. Ihre Schriften sind in dem den Mystikerinnen eigenen visionär-schwärmerischen Tone verfaßt. Im Kloster Engelthal lebte auch die Nürnbergerin Adelheid Langmann als Nonne im 14. Jahrhundert, gest. 1375. 2 Sie schrieb im Jahre 1330 und 1344 oder 1347 „Visionen", eine Selbstbiographie ähnlich den „Offenbarungen" der Margaretha Ebner. Abhandlungen über andere Mystikerinnen. F.Vetter, Kleine Mitteilungen, Germ. 27, 410 f. (darin die Waldschwestern von Einsiedeln u. Heinr. v. Nördlingen); E. Krebs, Die Mystik in Adelhausen im Predigerorden, Festschr. Finke 1904; Birlinger, Leben heiliger alemannischer Frauen des MA.s, Alem. 9,275 ff. 10,81 ff. 128 ff. 11,1 ff. 15,150 ff.; F.W.E. Roth, Mitteilungen aus mhd. Hss. u. alten Drucken, Germ. 37,191-201.281-95 (darin über das Leben der Nonnen im Kloster Kirchberg), s. dazu Strauch, Alem. 21; Roth, Aufzeichnungen über d. mystische Leben der Nonnen von Kirchberg bei Sulz, Predigerordens, während des 14. u. 15. Jh.s (Abdruck), Alem. 21,103-48; Ders., Zur Gesch. der Mystik im Kloster S. Thomas an der Kyll, Trierisches Arch. 28/29, 1920. — Elisabeth Bona von Reuthe: Birlinger, Leben heiliger alem. Frauen II, Anmerkungen zu der Klausnerin von Reute, Alem. 10,81-109. 128-31; Engelb. Krebs, Elisab. Bona v. Reuthe, Stammlers Verfasserlex. 1,553 f. (mit Lit.); Karl Bihlmeyer, Die schwäbische Mystikerin Elsbeth Achler von Reute (f 1420) u. die Überlieferung ihrer Vita, Festgabe Strauch, 1932, 88-109, dazu Hartl, DLz. 1933, 69; Birlinger, Aufzeichnungen der Nonne Adelheid in Linnich, Germ. 28, 25-30; J.König, Die Chronik der Anna v. Munzingen, hgb. 1880, Freiburger Diözesanarchiv; P. H. S. Denifle, Das Leben der Margaretha von Kentzingen, ein Beitrag zur Gesch. des Gottesfreundes im Oberland (abgedruckt), ZfdA. 19, 478-91; Dorothea vom Hof, mystische Schriftstellerin (Gebete u. Hymnen, Ende 15. Jh.): Stammler in seinem Verfasserlex. 1, 452; Herm. Keussen, Brief einer Gottesfreundin aus d. 15. Jh., Anz. 36,199 ff. (abgedruckt); Gertrud von Helfta: Krebs, Stammlers Verfasserlex. 2,43 f.; Ursula Haider: Krebs, ebda Sp. 147 f. Überlast aus dem Altdeutschen übertragen, Vater Amandus (Suso) in Konstanz, 1882, 1926; Ders., Dt. Mystikerbriefe, 1931, 344 ff. dazu Straub, Anz. 9,143 Anm.; E. Schiller, — Abhandl.: Preger, Gesch. d. dt.Mystik II, Das mystische Leben der Ordensschwestern zu 247-57. 269-74; M. Grabmann, Deutsche, T0S3 bei Winterthur, Bern. Diss. 1903; Otto Mystik im Kloster Engelthal, Sammelbl. d. Loewe, Das Tös3er Schwesternbuch, Unter- Hist. Ver. Eichstätt Bd. 25/26, 1912, 33-45. suchungen zur Würdigung Elsbet Stagels, 1 Ausg.: Ferd. Vetter, Das Leben der Schwe- Münst. Diss. 1924, Auszug, Masch.druck. — stern zu T0S3 beschrieben von Elsbet Stagel Jeanne Ancelet-Hustache, La vie mystique samt der Vorrede von Johannes Meier und dem d'un monastere de Dominicaines au moyen Ige Leben der Prinzessin Elisabet v. Ungarn, Dt. d'apres la cronique de Töss, 1928, dazu Gün- Texte d. MA.s Bd. VI, 1906, dazu Strauch, ther Müller, DLz. 1928, 2249. Anz. 31, 21-25; Über die Ausgabe des Jo- 2 Ausg.: Strauch, Die Offenbarungen der hann Meyer aus Zürich 1454 s. oben. — Adelheid Langmann, Klosterfrau zu Engelthal, Abhandl.: Preger, Gesch. d. dt. Myst. II, QF. 26,1878, dazu Denifle, Anz. 5, 259-67. 265-69; Ferd. Vetter, Ein Mystikerpaar des — Abhandl. Strauch, ADB. 17, 688; Grab- 14. Jh.s, Schwester Elsbeth Stagel inTös3 u. mannn, Mystik im Kloster Engelsthal, s. ob. IX. LEHRHAFTE DICHTUNG DES 14 UND 15. JAHRHUNDERTS Das realistische Lebensgefühl, das diese beiden letzten Jahrhunderte des Mittelalters kennzeichnet, war für die belehrende Dichtung recht günstig. Das poetische Gewand für diese Didaktik war hauptsächlich die Fabel, das Rätsel, die Allegorie, außerdem die Form kleinerer Erzählungen 1 moralischen Gehaltes, die oft, besonders innerhalb der umfassenderen Sittendichtungen, vorkommt. Die Masse der lehrhaften Dichtungen des 14.15. Jahrhunderts läßt sich am übersichtlichsten fassen, wenn man sie, wie die lehrhafte Dichtung des 13. Jahrhunderts, dem Umfange nach einteilt in Große Lehrgedichte, Didaktische Kleinliteratur (Reimreden), Naturgeschichte und Medizin, Grammatik und Sprache. 1. GROSSE LEHRGEDICHTE Der praktisch-bürgerliche Geist dieser mittelalterlichen Spätzeit äußert sich in der Lehrdichtung zuerst im Renner. Während in der Blütezeit der höfischen Dichtung das Werthafte des Lebens im wesentlichen vom ritterlichen, aristokratischen Höhenpunkte aus betrachtet wurde, erweiterte sich jetzt das Blickfeld auf das Verhalten der Stände überhaupt, die moralisierende Einstellung wurde sozialethisch. Boners Edelstein Das Fabelbuch dieser Zeit war Boners Edelstein, 2 das, wie die vielen Handschriften und der frühe Druck zeigen, große Beliebtheit besaß. 1 Sprichwörter: Friedr. Seiler, D. kleineren Abhandl.: Pfeiffer, Ausg., Vorwort; Schön- dt. Sprichwörtersammlungen der vorreforma- bach, Zur Kritik Boners, ZfdPh. 6, 251-90; torischen Zeit u. ihre Quelle, ZfdPh. 47,241-56. Baechtold, Gesch. d. dt. Lit. in d. Schweiz, 380-90. 48, 81-95; Singer, Schweiz. Archiv f. 1892, 172-77 u. Anmerk. S. 45 f. (Lit.); Sin- Volkskde. 20, 389-419, Alte schweizerische ger, LitGesch. d. dt. Schweiz im MA., 1916, Sprichwörter (9-16. Jh.). 24.49 f.; Ders., Schweizerdeutsch, 1928, 97-9; 2 Lit.: Goedeke, Deutsche Dichtung im Ders., D. malterl. Lit. in d. dt. Schweiz, 1930, MA., 1871, 652 ff.; Goedeke, Grundr. I 2 , 90 f. 185. — Reinhold Gottschick, Über die 268-70; Wackernagel, LG. I 2 , 371; Kober- Quellen zu Boners Edelstein, Progr. Char- stein 1, 268 f.; Pfeiffer, Ausg., Vorwort lottenbg. 1875; Ders., Über d. Benutz, des S. VII ff.; Baechtold, LG. Anm. S.54f.; Avian durch Boner, ZfdPh. 7, 237-43; Ders., Euling, Kleinere Erzählungen, Fabeln u. Über die Zeitfolge in d. Abfassung von Boners Lehrgedichte, 1908, S. 1-10. —Ausg.: Georg Fabeln u. über d. Anordnung derselben, Hall. Friedr. Benecke, Der Edel Stein, von Bo- Diss. 1879, dazu Schönbach, Anz. 7, 29-35, nerius, 1816, dazu J. Grimm, Kl. Sehr. 6, 211 Goedeke, GgA. 1880, 415 f.; Ders., Quellen -26, Lachmann, Kl. Sehr. S. 81 ff.; Franz zu einigen Fabeln Boners, ZfdPh. 11, 324-36; Pfeiffer, Der Edelstein von Ulr. Boner, 1844 Ders., Über Boners Fabeln, Progr. Charlottenb. (Auszugdaraus: Ferd. Vetter, Lehrhafte Litt. 1886, dazu Kinzel, ZfdPh. 19,255 f., Bartsch des 14. u. 15. Jh.s, Kürschners dt. Nat.-Litt. Germ. 33, 128; Ders., Boner u. seine lat. Vor- Bd. 12 Teil I 7-54); J. F. Eschenburg, 1810 lagen, Progr. Charlottenb. 1901, dazu Waas, (Modernisierung), dazu W. Grimm, Kl. Sehr. Lbl. 1901, 322 f., DLz. 1902, 411; Ders., D. 2, 77-80; Lichtdrucknachbildung der undat. Anfang u. d. Schluß von Boners Edelstein, Ausg. d. kgl. Bibl. zu Berlin usw., Text v. P. ZfdA. 52, 107-12; Ders., Über einige Beispiele Kristeller, 1908. — Übertragung: Max Boners u. ihre lat. Vorlagen, ebda S. 231^14; Oberbreyer, 1881; Pannier bei Reclam. — Ders., Vorlagen zu Fabeln Boners, ebda 53, 630 Lehrhafte Dichtung des 14. und 15. Jahrhunderts Ulrich Boner (Bonerius) war Dominikaner in Bern(urkundl. 1324-49) und gehörte einem angesehenen Berner Geschlechte an. 1 Sein Buch ist um 1350 abgeschlossen worden. 2 Der „Edelstein" ist eine Sammlung von hundert Fabeln (der Umfang der einzelnen Stücke wechselt, von etwa 40 V. bis etwa 110 V., selten weniger, öfters mehr), mit Vor- und Nachwort. In diesen beiden legt der Verf. persönliche Bemerkungen nieder. Der Prolog beginnt mit einem Gebet zu Gott (V. 1-29), dann spricht der Autor von dem Wert der guten bischaft (belehrendes Beispiel, Fabel; bischaft sagt Boner statt des gleichbedeutenden bispel [Vorwort V. 31] oft [Nr. 26, 3. 33, 43, Schlußwort V. 1 u. ö.]). Darauf nennt er seinen Namen, Bonirius (-.alsus); die Beispiele (bischaft) hat er „schlicht und einfach" aus dem Lateinischen verdeutscht, ze liebe dem erwirdegen man von Ringgenberg hern Johan? Er nennt sein büechlin den „edelstein", indem er bei diesem bildlichen Namen die Kraft der edeln Steine im Sinne hat (vgl. oben Volmars Steinbuch). 4 Im Epilog wiederholt er, daß seine Worte einfach und ungeziert sind. Den Schluß bildet ein Segenswunsch für seinen Gönner von Ringgenberg: dieser möge vor allem Unglück bewahrt bleiben, seine Seele möge nie Weh (Schaden) leiden und er möge Gott immer bekannt sein 5 (Gott möge immer sein Antlitz auf ihm ruhen lassen); dann fleht er Gott für sein eigenes Heil an mit Nennung seines Namens wie im Prolog: „Bonerius ( : alsus)." Seine Darstellungsweise bezeichnet Boner selbst ganz richtig: sie ist mit siechten worten, einvalt (Prol V. 45), ungezieret, nicht bekleit (bekleidet) mit kluogen (zierlichen, geschmückten) worten (Epil V. 10 ff.), aber eben dadurch trocken, oft auch zu breit. Auf die leicht verständlich erzählte Fabel (bischaft) folgt die daraus gezogene Lehre. Diese betrifft meist weltliches Verhalten, doch ist das ganze Buch durchzogen von religiöser Gesinnung, die indes nicht dogmatisch hervortritt. Meist richtet sich die Moral gegen Untugenden, besonders gegen Müßiggang, Lüge und Betrug (untriuwe, hinterrede), auch gegen die Laster Hoffart, Habsucht, Neid, Haß, gegen Undankbar- 274-87; Mitzka, Stammlers Verfasserlex. 1, Edelstein, Beitr. 35, 574-77. 257-59.—Einzelne Fabeln :J. Grimm, Kl.Schr. »Über diesen: Bartsch, Schweizer Minne- 5, 400-3; Haupt, Ad.Bl. 1, 119; A.WüN- sänger S. CC-CCVI. 371-80 (s. oben); v. Stür- sche, D. Pflanzenfabel in d. malterl. dt. Litt., ler aaO.; Leitzmann, aaO. Zfvgl.Lit.Gesch. 11 (1897), 373 ff. — Hss.: 4 Honorius Augustodunensis hat seinem gegen 2 Dutzend; wurde als eines der ersten libellus De divinis officiis (Liturgie) den Na- Bücher gedruckt 1461; Pfeiffer, Ausg. men Gemmaanimae gegeben, „Quia videlicet S. 186 ff.; Goedeke, Dt. Dichtung im MA. veluti aurum gemma ornatur, sie anima divino S. 653 f., Zacher, ZfdPh. 11, 336^3; Schön- officio decoratur"(Migne 172, 543.544); Boner bach, ebda 6, 255 ff.; Schoch, Über Boners erklärt die Bezeichnung edelstein durch das Sprache, Züricher Diss. 1881 S. 1; Baechtold, Bild: Diz büechlin mag der edelstein wol heizen, Anm. S. 45; Vetter, Germ. 27, 219 f.; weil er viele Klugheit enthält und gebirt ouch Strauch, ZfdA. 31, 291 f.; s. auch Petersen, sinne guot, alsam der dorn die rose tuot (Prol. Gesch. d. Hamburger Stadtbibl. S. 248; V.64ff.). Jäck, Vollst. Beschreibg. d. öffentl. Bibl. zu 8 2. Tim. 2,19: Cognovit Dominus, qui sunt Bamberg Teil II S. XXIV f. ejus, der Herr kennet die Seinen. — Boner 1 Moriz v. Stürler, D. Bernersche Ge- bittet für Ringgenbergs irdisches Wohlergehen schlecht der Boner, Germ. 1, 117-20; v. Mü- und für sein Seelenheil, auch für sich selbst linen, GgA. 1820 (s. v. Stürler). bittet er Gott um Behütung seiner Seele hienie- 2 Leitzmann, Zur Abfassungszeit von Boners den. Andere Auffassung Leitzmann aaO. Boners Edelstein 631 keit, Gewalttätigkeit, Torheit, Übermaß. 1 Die Moralisation ist allgemein gehalten, ohne Zeitanspielungen, nur selten gegen Standeslaster gerichtet; darum äußert sie sich auch nicht heftig satirisch, sondern ziemlich maßvoll. Im Prolog (V.45) gibt Boner selbst an, er habe sein Buch aus dem Lateinischen ins Deutsche gebracht, speziell nennt er Ysopus Nr. 62, 2. 83, Aviän Nr. 63,2. Die meisten Fabeln, dreiundfünfzig, sind dem sog. Anonymus Neveleti (eine aus dem Romulus [s. LG. I, 365 2. Aufl.376] versifizierte Sammlung eines ungenannten Lateiners, die Isaak Nevelet 1610 herausgegeben hat, wie schon Lessing erkannte) entnommen, 22 Nummern demAvianus; außerdem wurde für einzelne Fabeln eine Reihe anderer Sammlungen benutzt, so die Scala caeli des Johannes Junior (erste Hälfte des 14. Jahrhunderts), die Gesta Romanorum, die Disciplina clericalis des Petrus Alfonsi (Anf. 12. Jahrhundert), Odo de Ciringtonia (um 1200), für ganz wenige Stücke wurde auch aus anderen weniger bekannten Sammlungen geschöpft; endlich ist als Quelle für vielleicht etwa ein Dutzend Nummern Etienne de Besancon, Alphabetum nar- rationum, aufgefunden worden (Waas aaO.; Schröder aaO.). 2 Auch aus seiner Kenntnis des Sprichwortschatzes schöpft der Autor: etwa 60 Stellen zieht er aus Freidank; volkstümliche Gnomen, Exempelbücher (Predigtmärlein) gehören in den Umkreis der Kluogheit (Prol. V. 66, Epil. V. 14) seiner bischaft- sammlung. — Sehr häufig begegnen Boners Fabelstoffe auch sonst in der Literatur (Parallelen). 3 Boner war bloß Sammler, er hat das von ihm Übernommene „übertragen", als ich ez vant geschrieben" (Prol. V. 47), wie er sagt. Sogar im Prolog ist er fremdem Einfluß unterlegen: er hat einen Spruch Friedrichs von Sonnenburg (s. oben), zum Teil mit wörtlichen Entlehnungen, nachgeahmt. 4 Doch hat er die Masse der übertragenen Stücke in eine gewisse Ordnung zu bringen gesucht, indem er sie ihrer Tendenz nach nebeneinander stellte. Auch die mundartliche Färbung der Sprache 5 gibt dem Buche einen volkstümlichen Anstrich; Boner schreibt die durch die Berner Kanzleisprache beeinflußte Sprache der Gebildeten. 1 Die köstlichste Fabel ist die vom Fieber Lessing die Grundlage gegeben (Lachmanns (ritte) und vom Floh, Nr. 48. Die beiden er- Ausg. 10, 349 ff.); für jede einzelne Nummer zählen sich ihre Erlebnisse. In der ersten Nacht gibt Pfeiffer in den Lesarten seiner Ausgabe plagte der Floh eine reiche Äbtissin, das Fieber (1844) S. 189 ff. die Vorlage an; Schönbach, eine arme Wäscherin, aber beide kamen nicht ZfdPh. 6, 274 ff., daran anschließend Gorr- auf ihre Rechnung, d. h. zu einer guten Mahl- schick, ebda 7, .237^3; Ders., ebda 11, zeit, der Floh, weil er immer wieder von der 324-36; Ders., Progr. Charlottenb. 1886; Ders., Dienerin vertrieben wurde, das Fieber, weil ZfdA. 52,231^14; Ders., ebda 53, 274-87; die arme Frau kräftig aß und arbeitete. In Christian Waas, Die Quellen der Beispiele der zweiten Nacht tauschten sie ihre Opfer, Boners, Gieß. Diss. 1899, dazu Schönbach, das Fieber besucht die Äbtissin, die sich und Anz. 26, 171 f., Khull, ZföG. 50, 907; Schrö- das Fieber fein pflegen läßt, der Floh die der, ZfdA. 44,420-30; Waas, ebda 46,341-59. Waschfrau, die so müde ist, daß sie den Floh 3 Haupt, Ad. Bl. 1, 119; Zacher, ZfdPh. 11, gar nicht bemerkt, so daß dieser die ganze 336^3. Nacht ruhig speisen kann. So sind Fieber und 4 Behaghel, Beitr. 45, 137. Floh durch diese Nacht ganz zufrieden ge- 6 Gereke, Die dialektischen Eigenheiten von stellt. Ulr. Boner, Progr. Northausen 1874, dazu 2 Für die Quellenuntersuchung hat schon Schönbach, ZfdPh. 6, 251 ff.; Rud. Schoch, 632 Lehrhafte Dichtung des 14. und 15. Jahrhunderts Der Versbau ist regelmäßig, die Reime sind mundartlich. 1 Das 18. Jahrhundert, die Zeit der Aufklärung und des Rationalismus, hatte eine Vorliebe für die Fabel, und so gelangte auch Boner zu erneutem Ansehen. J. G. Scherz gab 1704-10 in Straßburg 51 Bonersche Fabeln heraus, Brei- tinger veröffentlichte, Zürich 1757, „Fabeln aus den Zeiten der Minnesinger", besonders aber machte sich Lessing um den alten Fabeldichter verdient. (Über die sogenannten „Fabeln aus den Zeiten der Minnesinger", zwei Aufsätze in „Zur Geschichte und Litteratur" I, 1-42. V, 1-52, 1773. 1781); J. J. Ober- lin in Straßburg schrieb 1782 ein Supplementum ad Joh. Georgii Scherzii Philosophiae Moralis German. medii aevi Specimina undecim „Bonerii Gemma sive Boners Edelstein" (aus der Straßburger Hs.). Der mitteldeutsche Aesop Eine nur in einer Hs. (Leipzig) enthaltene Md. Fabelsammlung, 2 um 1450 in Ostmitteldeutschland entstanden, nennt in der Überschrift des Prologs Aesopus und Avianus: Prologus in Esopum theutunicalem et Avia- num; man kann sie also „Mitteldeutscher Aesop" nennen. Sie bringt 90 Fabeln von zusammen 3970 V. Der Verfasser ist ohne poetisches Talent, die Darstellung der Erzählung breit, stillos, derb; den Schluß bildet jeweils ein kurzes (deutsches) „moraliter" (einmal „allegorice", Nr. 55). Der Verfasser hat wahrscheinlich Boner gekannt. 3 Die Schachbücher Einheitlich und von einem Problem bestimmt sind die anderen größeren moralisierenden Dichtungen dieses Zeitraums. So beruhen die deutschen Schachbücher des Mittelalters auf einer Allegorie des Schachspiels. Zugrunde liegt ihnen ein und dasselbe lateinische Werk: Jacobus de Cessolis, ein Dominikanermönch aus der Lombardei (bei Alessandria), verfaßte gegen Ende des 13. Jahrhunderts auf Grund einer Anzahl von ihm gehaltener (nicht überlieferter) Predigten ein Schachbuch in lateinischer Prosa. 4 Es ist Über Boners Sprache, Züricher Diss. 1881, erhalten, s. Goedeke, Grundr. I 2 , 374; Ab- dazu Schönbach, Anz. 8,182 f., Vetter, Lbl. druck des lat. Textes: Köpke, Progr. Branden- 1881, 392, Wackernell, ZföG. 33 (1882), bürg (Ritterakademie), 1877; Vetter, Am- 924-29; F. Balsiger, Zs. f. hd. Mundarten 5, menhausen, Ausg. unter d. Text, s. auch 37-99 (Berner Diss. 1903); Singer, LitGesch. S. XLI. XLV. — Von Jacobus de Cessolis ist d. dt. Schweiz im MA. (1916), 49 f.; Ders., weiter nichts bekannt, als was er in seinem Schweizerdeutsch (1928), 97-9; Ders., D. Buche selbst über sich aussagt bzw. was malterl. Lit. d. dt. Schweiz (1930) 91. — sich aus diesem schließen läßt. Siehe bes. Zwierzina, ZfdA. 44, 115 Anm. u. S. 303, Zimmermann, Diss. (s. unten) S. 5 ff. Anm. Bd. 45, 47. — Lit. über die Geschichte des Schachspiels 1 Schönbach, ZfdPh. 6, 251 ff.; GottsChick, (mit Hinsicht auf die malterl. Schachbücher): Hall. Diss. S. 6-24. Massmann, Gesch. d. dt. Schachspiels, 1839; 2 Ausg. u. Abhandl.: s. die oben zitierten Wackernagel, Kl. Sehr. 1, 107-127; A. van drei Programme von Eichhorn. der Linde, Gesch. u. Lit. d. Schachspiels 3 Über den niederdeutschen, Magdeburger 1874, 2 Bde; Ders., Quellenstudien zur Gesch. Aesop., s. unten. d. Schachspiels, 1881; Oesterley, Gesta Ro- 4 De moribus hominum et de offieiis nobilium manorum, 1872, 549-53 u. 738 f.; Vetter, super ludo scaecorum, im 14. Jh. in viele abend- Ammenhausen S. XXIII-L. 803-22; J. M. ländische Sprachen übersetzt, auch ins Deut- Wagners Arch. f. d. Gesch. deutscher Sprache sehe (Prosa) und in vielen deutschen Hss. u. Dichtg. 1,1874, 553 f.; Strauch, Jansen Der mitteldeutsche Aesop. Die Schachbücher 633 eine allegorische Auslegung des Schachspiels, wobei die Schachfiguren auf die einzelnen Stände gedeutet werden, eine sozialethische Moralisierung. Der Reihe nach werden vorgenommen: König, Königin, Richter, Ritter, Landvögte; dann die gemeinen Schachfiguren: Bauern, Handwerker, Kaufleute, Ärzte und Apotheker, Gastwirte, Gemeindebeamte, Spieler usw. (Buben). Lehren werden gegeben, Laster getadelt. Alles aber ist voll von Erzählungen, die aus kirchlichen und weltlichen, besonders antiken Schriftstellern stammen; sie dienen zugleich zur Illustration und zur Unterhaltung und zeugen von der großen Belesenheit des Autors. Den Eingang macht eine Geschichte der Erfindung des Schachspiels. Diese lateinische Prosa haben im 14. Jahrhundert vier Dichter jeweils unabhängig voneinander in deutsche Verse gebracht. Der erste war Heinrich von Beringen 1 ein Augsburger Domherr 2 (urkundlich 1282-1320), der um 1290 oder 1300 das schächzabelspü 3 des Jacobus de Cessolis ins Deutsche übertrug (in 10772 V.). Er stellt sich am Schluß (V. 10707) als vonBeringen Heinrich vor und nennt seine Quelle im Eingang (V.37ff.) und am Schluß (V. 10747 ff.). Diese behandelt er mit Hilfe von Auslassungen und Zusätzen ziemlich frei; besonders aber steht er noch unter der Nachwirkung der höfischen Kunst, obwohl diese nicht stark hervortritt. Die Sprache 4 ist alemannisch im weiteren Sinne und steht im Einklang mit der wahrscheinlich ostschwäbischen Heimat Beringens. Der Versbau ist ziemlich regelmäßig, die Reime verraten oft die Mundart. Von Heinrich von Beringen sind auch vier weltliche Gedichte vorhanden: Abfertigung eines Verleumders durch eine Frau (26 Reimpaare) und drei Lieder, ein Tanzlied, ein Minnelied, ein Klagelied. 5 Enikels Weltchronik 1891 (s. oben), 275 Lloyd S. 36-45. — P. Albert, Über die Hei- Anm. 1; Günther Müller, in Walzels Hand- mat Heinrichs v. Beroldingen, Verf. d. ersten buch der Lit.wissensch. 1927, 26-28. — dt. Schachgedichts, Zs. f. Gesch. d. Ober- Die dt. Prosa des Jac. de Cess.: Münch. Hs. rheinsNF 18, 1903, 9-24; Aloys Schulte in von 1407: Erich Petzet, Die dt. Perg.-Hss. „Kultur der Abtei Reichenau" von Beyerle, Nr. 1-200 der Staatsbibl. in München, 1920, 1926. S. 80 (Lit.). 3 schächzabel = Schachbrett, zabel = lat. 1 Ausg. Paul Zimmermann, D. Schachgedicht tabula. — Verhältnis zu Jac. de Cess.: Zim- Heinrichs v. Beringen, Lit. Ver. Bd. 166, mermann, Ausg. in d. Varianten unter d. Text 1883. — Abhandl.: P.Zimmermann, D. u. in den Anmerkungen S. 364 ff. 406 ff. Schachgedicht H.s v. Berngen, Heidelb. Diss. 4 Sprache u. Reime: Zimmermann, Diss. 1875, dazu Steinmeyer, Anz. 2, 79 f.; A. S. 10-27, Ausg. S. 400 ff.; Lloyd S. 45^8. — van der Linde, Gesch. d. Schachspiels I, Der Stil ist in den Reimen manchmal geBeil.; F. Holzner, D. dt. Schachbücher in blümt. Beliebt ist die Umschreibung eines ihrer dichterischen Eigenart gegenüber ihrer Substantivs durch Substantiv + Genitiv. Quelle, dem lat. Schachbuch des Jacobus de 5 Hgb. von Zimmermann, Ausg. des Schach- Cessolis IL, D. Schachbuch H.s v. Beringen, buchs S. 356-62. 395 f., wo ältere Lit.; Lloyd Progr. Aussig 1897, dazu Khull, ZföG. 50, S. 36 Anm. 2. — Die Lieder sind ohne Beden- 907; M. D. I. Lloyd, Stud. zu Heinrich v. ken Beringen zuzusprechen: Parallelen zum Beringens Schachgedicht 1930, dazu Schrö- Schachbuch bei Zimmermann aaO. Besonders der, Anz. 49, 156 f., Ehrismann, Lbl. 1931, die Blümung in den Reimen in I u. II ent- 253; Mitzka, Stamml. Verf. 2, 252 f. — Hss.: spricht ganz dem Stil Beringens: miner dünke Zimmermann, Ausg. S. 398 ff. u. Diss. S. 9 f.; wäg: lac 1,4. tarel: wrel 1, 17. wisch: frisch R. Priebsch, Dt. Hss. in England II, 215-23; 1, 29 bluomental: nahtigal 1, 43. winter arc: des Lloyd, S. 9-19. meien sarc 11,5. betüftet: güftet 11,8. blüete: 2 Person: Zimmermann, Diss. S. 27-47; früete II, 20. gezweiet: heiet II, 45. 634 Lehrhafte Dichtung des 14. und 15. Jahrhunderts Eine einfachere Persönlichkeit als Heinrich von Beringen, sowohl dem Stande als dem dichterischen Vermögen nach, war Konrad von Ammenhausen 1 (Kanton Thurgau), Mönch und Leutpriester (Landpfarrer) in Stein am Rhein (Kanton Schaff hausen). 2 Er folgt genau seiner lateinischen Vorlage, hat sie aber bedeutend erweitert 3 (19336 V.) durch Zusätze und EinSchübe aus kirchlichen und klassisch-lateinischen Autoren und besonders durch Erzählungen aus dem Altertum. Er wird im Verlauf seiner Arbeit, die er 1337 beendigte, immer redseliger, so daß manchmal das wuchernde Gewirr seiner Darstellung den Zusammenhang nicht mehr erkennen läßt. Da er auch aus eigener Erfahrung und Beobachtung schöpft, ist sein Buch zugleich eine bedeutungsvolle Quelle für die Kulturgeschichte seiner Zeit und Heimat. Als Dichtwerk freilich ist es nicht hoch einzuschätzen, er hat kein Erzählertalent und keinen Sinn für Form; er wird geschwätzig, seine Sprache 4 ist schwerfällig, seine Verse sind holperig. Aber, wohl besonders wegen der vielen eingestreuten Geschichten, gefiel seine Art dem gesunkenen Geschmack der letzten Jahrhunderte des Mittelalters; das beweisen die vielen Handschriften (es war das verbreitetste der mhd. Schachbücher), auch die Benützung in späteren Schriften, so in Ingolds Goldenem Spiel, in des Teufels Netz, in Johanns v. Morßheim Spiegel des Regiments. 5 Der Verfasser zeigt sich in seiner Sittenpredigt als wohlmeinender Mann ■ er hat etwas Gemütliches und spricht auch dadurch den Leser an. In der umständlichen Vorrede (680 V.), die er mit einer Anrufung Gottes beginnt, spricht er von seiner lateinischen Quelle und nennt deren Verfasser (V. 210); ebenso im Prolog V. 681. Wie Jacobus de Cessolis teilt er sein Buch in vier Abschnitte (V. 728 ff.), die wieder in einzelne Kapitel zerfallen: I. Vom Ursprung des Schachspiels V. 799-1958; IL Die edeln Schachfiguren V. 1959 -9706; III. Die gemeinen Schachfiguren V. 9709-18086; IV. Vom Gange des Schachspiels V. 18087-18996. Dann folgt als Schluß (V. 18997-19336) eine Danksagung an Gott, die Angabe der Abfassungszeit (im Jahr 1337, V. 19213f.) und die Nennung seines Namens in einem Akrostichon (19233-19336). iAusg.: Ferd. Vetter, D. Schachzabelbuch deutsch S. 128 ff.; Stammler, ZfdPh. 53, 19. Kunrats von Ammenhausen, nebst den Schach- — Stellen: Jellinek u. Kraus, ZföG. 44 büchern des Jakob v. Cessolis u. des Jakob (1893), 699; Strauch, Jansen Enikels Welt- Mennel, Frauenfeld 1892, dazu Kraus, ZföG. chronik S. 343 Anm. 2. — Über 20 Hss.: 43, 1093, DLz. 1892 Nr. 39 (früher veröffent- Vetter, Ausg. S. LI f. u. Beibl.; Priebsch, lichte Stücke ausAmmenh.: Vetter, Progr. Dt. Hss. in England II, 316; P. P. Albert, Aaraul876. Neue Mitteil, aus K.sv.A. Schach- Eine bisher unbekannt gebliebene Hs. K.s zabelb. 1876), Vetter, Kürschners Dt. Nat.- v. A., Alemannia 31, 174 ff. Litt. Bd. 42; — Lit.: Vetter, Ausg. S. XLV 2 Geschlecht und Person, Bildung und Wis- Anm. (bis 1892); Baechtold, LG. Anm. S.46). sen: Vetter, Ausg. S. II-XXIII. — Abhandl.: Vetter, Einleitg. zu seinerAusg.; 3 „Die Vorlage des K. v. A. war wohl bereits Ders., Germ. 27, 220 f. (Urkunde); Schröder, ein glossierter Text des Jacobus de Cessolis", D. goldene Spiel von Meister Ingold (s. unt.) Singer, Prager dt. Stud. 8, 313 f. S. XXII ff.; Ferd. Holzner, Prgr. Pilsen 4 Er schreibt ostschweizerische Mundart, 1895. — A. van der Linde, Gesch. d. Schach- Vetter, Ausg. S. LII-LXXIV; Singer, spiels aaO. I. Beil.; Baechtold S. 177-181 u. Schweizerdeutsch aaO. — Verse: Vetter Anm. S. 46; Singer, D. mittelalterl. Lit. S. XVII. in d. dt. Schweiz S. 24. 185. Ders., Schweizer- 5 Vetter, Ausg. S. XXII f. Die Schachbücher 635 Der Zeit nach folgt darauf Das mitteldeutsche Schachbuch des Pfarrers zu dem Hechte 1 (derpherrer zu dem Hechte Sp.380, 18 ff.), der wahrscheinlich im preußischen Ordenslande lebte; 2 vollendet 1355. Der Verfasser bindet sich genau an seine Quelle, das Schachbuch des Jacobus de Cessolis, das er mehrfach zitiert (Sp. 161, 10. 19. 380,3), doch ist er insofern selbständig, als er nach eigener Auswahl viele Stellen wegläßt, manches auch ändert; etwa 6700 V. In das dritte deutsche Mundartgebiet führt Das mittelniederdeutsche Schachbuch des Meister Stephan 3 (zwischen 1357 und 1375 verfaßt), der sich am Schluß nennt: Des bokes dichter het Stephan (V. 5883). Er war Schulmeister (V. 5867) und widmete sein Werk (5886 V.) dem Dor- pater Bischof Johannes von Fyffhusen (V. 63 ff.). Seine Darstellung ist klar; 4 auch er gibt Dinge, Sitten und Lehren aus der Anschauung seiner Umwelt heraus wieder. — Vielleicht rührt auch der mittelniederdeutsche Cato von Meister Stephan her. 5 Noch am Anfang des 16. Jahrhunderts, 1507, hat der Rechtsgelehrte Dr. Jakob Mennel 6 zu Konstanz ein Büchlein vom Schachzabel geschrieben (gedruckt 1520 zu Oppenheim). Es ist ein kurzer Auszug aus Ammenhausen, ein unselbständiges Plagiat; von einer Stelle abgesehen (Vetter, Begleitwort und S.71 des Textes), besteht es nur aus einer moralisierenden Deutung der Schachfiguren ohne Erzählungen. 1 Hgb. v. Sievers, ZfdA. 17, 162-389.— Saul, Stud. zu Meist. Stephans Schacht)., Abhandl.: Vetter, Ammenh. S.XLIV Anm. Diss. Münster 1926 (Lit. S. 2); Stammler, a; A. van der Linde, Gesch. d. Schachspiels Gesch. d. nd. Lit. 1920, 46 f.; s. auch Goe- I. Beil.; Ferd. Holzner, D. md. Schachb. deke, Grundr. I 2 , 479; J. M. Wagner, Arch. in seiner Eigenart gegenüber der Quelle, dem f. d. Gesch. deutscher Sprache u. Dichtg, 1874, lat. Schachb. des Jacobus de Cessolis, Progr. 554. — Kurze Auszüge :Karl Schiller, Germ. Floridsdorf 1904; Helm, Zs. f. d. dt. Unterr. 12, 323-27; Oesterley, Nd. Dichtung (12. 30, 1916, 435; Ziesemer, D. Lit. der dt. Or- Buch in Goedeke, Dt. Dichtg im MA., 1871) dens in Preußen, 1928, 113 f.; E.John, D. S.57. — Stellen: Sprenger, Nd. Jahrb. 14, Schachged. d. Pfarrers zu d. Hechte, Königsbg. 153-55. 31,62-64. 32,138, Nd. Korrbl. 14, Diss. 1933. — Eine Hs.: Brit. Mus., s. Bach- 2-6. 25,89; E. A. Kock, Nd. Jahrb. 30, 147 told, Dt. Hss. aus d. Brit. Mus., 1873,167 ff.; bis 53. —Überlieferung: nur in einem Lübecker Priebsch, Dt. Hss. in England II, 182. Druck um 1490-98, mit interessanten Holz- 2 Sprache: Sievers aaO. S. 383-89; Zwier- schnitten. zina, Festschr. Sievers 1925, 402 ff. — Im 4 Sprache: Schlüter, Glossar; Stil: Saul Versbau herrscht Neigung zur Silbenzählung, aaO. S. 17-30 (Stil ist von der Ordensdichtung Sievers S. 389. beeinflußt. Aber er ist verschiedenartig, zu- 3 Ausg.: Wolfgang Schlüter, Meist, weilen populär und einfach, in andern Fällen Stephans Schachb., Verhandl. d. Gelehrten gehoben durch poetischen Schmuck.) estnischen Gesellsch. (Dorpat) Bd. XI = 6 Saul S. 30-34; Mitzka, ZfdPh. 54, 1 ff. Teil I, 1883, Text, Bd. XIV = Teil II, 1889, 6 Hgb. von Vetter in seiner Ausgabe des Glossar, dazu Steinmeyer, Anz. 10, 192. 16, Konr. v. Ammenhausen unter d. Text, S. 5 ff. 335 f., Seelmann, DLz. 1884, 314 f. 1890, 386, (älterer Abdruck von Scheible, Schaltjahr, Sprenger, Lbl. 1890, 140^2. — Abhandl.: s. Vetter, Ammenh., Begleitwort [am An- Roethe, ADB. Bd. 36; Zimmermann, D. fang von Vetters Ausg.]). — Abhandl.: A. Schachged Heinrichs v. Berngen, Diss. (s.ob.) van der Linde, Gesch. u. Lit. d. Schachspiels S. 38 f.; F. Amelung, Meist. Stephan von 1,2. Beil.; Vetter aaO. Einleitung S. XLIV f. Dorpat u. sein Schachged., Berichte d. est- Anm. a. S. L; Baechtold, LG. S. 177f.; J.M. nischen Gesellsch. zu Dorpat 1883; Vetter, Wagners Archiv aaO. S.554. Ammenhausen S.XLIV f.; Karl Theod. 636 Lehrhafte Dichtung des 14. und 15. Jahrhunderts Das Goldene Spiel An die Gruppe der Schachgedichte reiht sich an Das Goldene Spiel von Meister Ingold. 1 Es unterscheidet sich von den eben besprochenen dadurch, daß es in Prosa abgefaßt ist und die Allegorie auch noch auf andere Spiele ausdehnt. Seinen Namen gibt der Verfasser am Schluß an: ain priester prediger ordens hieß mayster Ingold. Er gehörte dem Straßburger Dominikanerkloster an und war Prediger und Seelsorger in Straßburg. 2 Nach der zuverlässigsten Nachricht (Züricher Hs.) ist 1432/33 das Entstehungsjahr des Buches. Quelle ist Jacobus de Cessolis, den Ingold seiner eigenen Angabe nach (S. 1, 18) benutzt hat; jedenfalls hat er auch Ammenhausens Schachbuch gekannt. Er ist in der Bibel und auch in antiken und mittelalterlichen Schriftstellern belesen. Das Schachsptel ist geordnet nach den sechs Figuren: König, Königin, die Alten (Läufer), Ritter (Springer), Roch (Türme), Venden (Bauern). Aber das ganze „Goldene Spiel" wird in sieben Spiele eingeteilt, von denen je eines gegen eine der sieben Todsünden gerichtet ist (S. 1, 10 ff.): das Schachspiel gegen die Hoffart, das Brettspiel gegen die Gefräßigkeit, das Würfelspiel gegen die Habsucht, das Kartenspiel gegen die Unkeuschheit, das Tanzen gegen die Trägheit, das Kegeln (Schießen) gegen den Zorn und das Saitenspiel gegen Neid und Haß. — Der Form nach gehört das Werk zu der Predigtliteratur, denn die einzelnen Abschnitte sind nach Predigtweise disponiert. Den Eingang bildet das Thema aus der Bibel (lateinisch), aus dem die stark schematisierte Predigt abgeleitet wird, welche in pedantischer Aufzählung die betreffenden Sünden geißelt, das Ganze vermischt mit erzählenden Beispielen, Exempla. Meister Reuaus Eine in die Form der Allegorie gekleidete Beschreibung der sieben Todsünden und ihrer Wirkungen auf das Verhalten der Menschen, zugleich also ein Sittenbild der Zeit, gibt ein österreichisches Gedicht wohl vom Anfang des 15. Jahrhunderts, in dem ein Meister Reuaus 3 als Quacksalber mit seinem Knecht Lasterbalg seine Salben, die er in einer Büchse mit sich führt, aufweist. Die Salben sind die sieben Todsünden. Der Reuaus ist ein Teufel (Der Reu- auß teufel bin ich genant, 585, 588), der die Menschen von Reue und Buße weg zum Genußleben, zur Sünde und damit zur Hölle lockt (= „die Reue ist aus" oder „hinaus mit der Reue"). Am Schluß, von V. 588 an, läuft die ernste Satire in eine Parodie aus. — Der Dichter ist stark von Hugos Renner beein- 1 Hgb. Edw. Schröder, Elsäss. Litteratur- 2 Siehe Schröder S.XIV-XIX. Zwei Predigdenkmäler aus d. XIV.-XVII. Jh. Bd. III, ten sind von ihm erhalten. 1882. — Abhandl,: Schröder, Einleitg. S. III 3 Hgb. Schönbach, J.M.Wagners Arch. f. -XXXIII; Cruel, Gesch. d. dt. Predigt im d. Gesch. deutscher Sprache u. Dichtung 1, MA., 1879,526; Vetter, Kürschners Dt. Nat.- 1874, 13-37. 95 f. — Abhandl.: Zupitza, ebda Litt.Bd.12.— Stelle: Strauch, JansenEnikels S. 227-35; Lambel, ebda S. 235^0; See- Weltchronik S.275 Anm. 1 u. S.322 Anm.2. Müller, in Gesch. d. Stadt Wien III. Bd. — 6 Hss. u. 1 Druck (1472), Schröder S. IV 1. Hälfte, 1907, 67 f.; Seemann, Solsequium -XIV; Bachmann u. Singer, Dt. Volks- (s. oben); Schröder, ZfdA. 59, 47 f.; Castle, bücher, Lit. Ver. Bd. 185, 1889, S. V. Reallex. 2, 586. — Eine Hs. (15. Jh.) Das Goldene Spiel. Meister Reuaus. Des Teufels Netz 637 flußt, viele Verse und Motive hat er direkt daraus entliehen oder variiert. Die Darstellung innerhalb des engen Rahmens (668 V.) wirkt lebendig, auch zuweilen derb; von Hugos Gelehrsamkeit keine Spur. Des Teufels Netz Ebenfalls dem Teufel und seinen Verführungskünsten ist die viel umfangreichere allegorische Satire Des Teufels Netz 1 gewidmet, deren Hauptaufgabe es ebenfalls ist, die Laster aller Stände hervorzuziehen. Dies Thema wird durch ein Gespräch zwischen einem Einsiedler und dem Teufel, der zu ihm in die Zelle kommt, zur Darstellung gebracht. Dieses Erlebnis und Gespräch will der Einsiedler der Welt zur Warnung kund tun (V. 13. 78). Er will damit die Wahrheit darüber sagen, wie der tüfel die weit verlait (verleitet) und wie er hat gemacht ein garn, durch das nur ein recht Gott minnender Mensch fröhlich gehen kann (Vorrede, V. 1-78). Der Inhalt des Gedichtes, die Bloßstellung der Laster eines jeden Berufes, hat also den Zweck, vor diesen zu warnen und dadurch zu bessern, und manchmal wird der Teufel selbst zum Moralprediger. Gegründet ist die ganze 13657 Verse zählende Schilderung dieses Sündenknäuels auf den christlichen Dualismus vom Reiche Gottes und vom Reich des Teufels, wo der Teufel der Gewalt Gottes untergeordnet ist. Als Frager im Gespräch tritt der Einsiedler, der Gottesmann, auf, der dem Teufel beim allmächtigen Gotte gebietet, Rede zu stehen; der Teufel gibt die Antwort, er führt hauptsächlich das Wort und schildert die Lasterhaften, die in sein Garn, sein „Netz" gehen, in dem er alle Welt einfängt (V. 239). Da der Teufel, der die lüt uf Untugend weist (206), die Hauptrolle spielt, so ist die ganze Haltung des Gedichtes menschengehässig und weltverachtend. Die Allegorie 2 vom Menschenfang mit dem Netz tritt nur im Anfang in die Handlung ein: sieben Knechte des Teufels ziehen das Netz, das sind die sieben Hauptsünden, deren Eigenart der Teufel der Reihe nach auseinandersetzt (V. 267—975). Dann aber, im Verlauf des Gedichtes, wird der Netzfang nur noch formelhaft angebracht, gleichsam um an das allegorische Bild zu erinnern. Nach den Hauptsünden kommt der Teufel auf die zehn Gebote und berichtet, wie er groß und klein lehrt, sie zu brechen (1360—2831). Den größten Teil aber nimmt die Schilderung der Lasterhaftigkeit der verschiedenen Stände ein (Nachahmung von Ammenhausen bzw. Cessolis), der Reihe nach werden der Papst und alle einzelnen geistlichen Ämter, der Kaiser und der hohe und niedere Adel, der Bürger, bis herunter zum „Gewandfärber", und der Bauer vorgenommen. Dichterisch ist das Gerede wertlos — es fehlt 1 Ausg.: K. A. Barack, Lit. Ver. Bd. 70, Schweiz S.49; Walth. Rehm, ZfdPh. 52, 1863. — Abhandl.: Pfeiffer, Germ.3,21-23; 304 u. ö. Werner S. 5 ff.; Günth. Müller in Heinr. Werner, Des T.s Netz, Überliefe- Walzels Handbuch H. 2, 58 ff. rung u. Handschriftenverhältnis, Diss. Halle Die Hs. C. hat eine Überschrift: Dicz puoch 1911; Banz u. d. minnende Seele (s. unt.Mystik haissetdesTüfelssegi, alemann. segi,gemeinmhd. S. 34 f.). — Strauch, Anz. 34, 257f.— 4Hss., sege segene (aus lat. sagena) großes Zugnetz. Barack S. 437-40; Baechtold, LG. S. 181 u. 2 Inhalt des Gedichtes: Barack S. 440-45. Anm. S. 46; Singer, LitGesch. der dt. 638 Lehrhafte Dichtung des 14. und 15. Jahrhunderts jegliche Handlung und Anschaulichkeit —, aber, wie all diese Sittensatiren, für die Kulturgeschichte ausgiebig. Der Verfasser identifiziert sich mit dem Einsiedler. Er gibt keine Anhaltspunkte für die Bestimmung seiner Person. Die Sprache deutet au f die Bodenseegegend als seine Heimat. 1 Als Entstehungszeit sind wahrscheinlich die Jahre des Konstanzer Konzils, 1414-18, auf das er an einer Stelle Bezug nimmt, anzunehmen. Hans Vintler Eine Sittenlehre, aber nicht in allegorische Form gekleidet, ist auch Hans Vintler, Die Blumen der Tugend. 2 Schon der Titel zeigt gegenüber dem „Teufels Netz", daß der Ausgangspunkt ein entgegengesetzter ist: Dort werden die Laster, hier die Tugenden behandelt. Demgemäß ist auch die Anordnung getroffen: siebzehn Tugenden werden gepriesen, jeder einzelnen wird gleich das entsprechende Laster entgegengesetzt. Diese Tugenden sind nicht in der Reihenfolge eines bestehenden Systems aufgezählt, sondern willkürlich dem Honestum, 3 den vier Kardinaltugenden und ihren Teiltugenden, entnommen ; danach richtet sich polaristisch die Reihenfolge der Laster. Jeder der einzelnen Teile ist nach dem gleichen Plane gebaut: zuerst Erklärung der betreffenden Tugend bzw. Sünde, dann Erzählungen aus Literatur und Geschichte als Beispiele, schließlich Aussprüche antiker, christlicher, auch biblischer Personen. Diese Belege durch Aussprüche von Autoritäten sind der Philosophia moralis nachgeahmt, die für die Tugenden (das Honestum) lateinische Schriftsteller, besonders Stoiker, zitiert. Den Anfang aber macht die christliche Tugend der Liebe, karitas, also ein Teil der Moraltheologie. — Wenn dieses Buch auch den Titel „die pluemen der tugent" (V. 8; 10172V.) führt, so wird doch in dem andern Teil, in der Antithese, dem Gegenspiel (widerwärtichait 959. 2760. 3625. 4368 u. oft), auch die betreffende Untugend kräftig verurteilt. Die Moralpredigt nimmt nicht wie in den Schachbüchern die einzelnen Stände der Reihe nach vor, aber diese werden bei passender Gelegenheit doch mit betroffen; besonders heftig und vorurteilslos wendet sich der Dichter gegen den Adel, dem er doch selbst angehört (Geiz 2090 ff., Undank, Unbarmherzigkeit, Habsucht 6624 ff., anderes 6680 ff.), gegen die 1 Andere dafür sprechende Gründe s. Barack Günther-Müller in Walzeis Handbuch H. 2, S. 448. 58ff.; Walther REHM,ZfdPh.52,289-330 pass. 'Ausg.: Ignaz V. Zingerle, Die Pluemen —Stellen: Zingerle, ZfdPh. 2,185-87; Germ. der Tugent, Innsbruck 1874. — Abhandl. Zarncke, ZfdA. 9, 68-119; Zingerle u. Lappenberg, ebda 10, 255-64; Zingerle, Beitr z. älteren Tiroler Lit. II, Wien. SB. 66, 1871 R. v. Liliencron, Über den Inhalt d. allgem Bildung in d. Zeit der Scholastik, 1876, S. 33 45 f.; H. Sander, Hans v. Vintler, ein Dichter aus Tirol, 1892; W. Rehm, ZfdPh. 52, 311 Ders., Der Todesgedanke in d. dt. Dichtung 1928, S. 86; Ältere Lit. s. WacKERNAGEL, LG l 2 , 372. — Castle, Reallex. 2, 585; Ders. Österreich, sein Land undVolk, o. J., S. 451 5,99-101; BECH,Germ.22,43; KarlRoth,K1. Beitr.4,183-92; John Meier, Beitr. 45,138-41; Bartels u. Ebermann, ZfVolkskde 23, 1913, 1-18. 113-26. — 5 Hss. u. 1 Druck (Augsburg 1486); Zingerle, Ausg. S. XXXI-XXXIII; Goedeke, Grundr. I 2 , 292. Prosaübersetzg. (Arigo 1468) s. ZfdA. 10, 260; H. Fehrlein, Zwei dt. Prosahss. der „Blumen der Tugend", Festgabe Singer 1930. — Arigo s. unt. 3 Siehe LG. II, 2 S. 19-24 u. Reg. unt. Honestum, Moralis Philosophia, Hildebert v. Tours; und diesen Band der LG. oben. Hans Vintler. Sebastian Brant 639 Putzsucht und Hoffart der Frauen (9416 ff.) und gegen den Aberglauben (7595-8497) .* Der Dichter, Hans Vintler, gehörte dem berühmten tirolischen Geschlechte an, das die freskengeschmückte Burg Runkelstein bei Bozen besaß. 2 Er ist von 1407-19mehrfach urkundlich nachgewiesen. Als Verfasser nennt er sich fünfmal, V. 122.5370.5761.10091 und 10103 (hier nur Vintlär) ; vollendet ward.das Buch im Jahre 1411 (V. 10164ff.). Im Eingang (V. 122) nennt er auch seine Quelle: er hat das wälsche Buch flores virtutum (Prosa) in deutsche Verse gebracht, d.h. die Fiori di virtü von dem Italiener Tomaso Leoni (um 1320), ein in Italien in späteren Jahrhunderten oft gedrucktes Buch. Vintler schließt sich der italienischen Vorlage eng an, hat aber selbst sehr viel Eigenes hinzugefügt: auch hau ich darzue gemacht vil manig ler und abenteur (132). Häufig erwähnt er in solchen eingeschobenen Erzählungen den Valerius Maximus (s.Zingerle, Ausg. S.381), den er in der Übersetzung des Heinrich v. Mügeln benutzt hat. Von V. 7028 an folgt er einem Anhang der Fiori di virtü, der aus Albertano von Brescia gezogen ist; hier wird er viel selbständiger und übt stärkere Kritik an den Sitten der Gegenwart. — Vintlers Sprache 3 und Ausdrucksweise ist volkstümlich und prosaisch, so auch der Versbau, in dessen Vierhebungssystem sich die Worte oft kaum pressen lassen. Sebastian Brant Die spätmittelhochdeutsche lehrhafte Literatur wird abgeschlossen durch das erfolgreichste Werk dieser Gattung, Sebastian Brants Narrenschiff. 4 Sebastian Brant ist 1457 in Straßburg geboren, studierte 1475 in Basel, wurde 1484 daselbst juristischer Dozent an der Universität, kehrte 1501 nach Straßburg zurück, wo er das Amt eines Stadtschreibers erhielt und 1521 starb. Das Narrenschiff gab er 1494 in Basel heraus. Es fand gleich stärksten Beifall und gewann eine seltene Beliebtheit, wurde ins Niederdeutsche übertragen von Hans van Ghetelen in Lübeck 1497 (s.Nd.Lit.), von Jakob Locher 1 J. Grimm, Dt. Mythologie, 4. Ausg. hgb. Verfasserlex. 1, 276-80. — Etwa im Druck v. Elard Hugo Meyer, Berlin 1878, III. Bd. von 1494-1512 (schon 1494 erschien bei S. 420-26. Grüninger in Straßburg Das nüwe schiff von 2 Siehe oben Pleiers Garel. Narragonie, eine Überarbeitung mit vielen 3 Mundart: Zwierzina, ZfdA. 44 Reg. S.355; Einschaltungen); Zarncke S.LXXIX-CXVI, Schirokauer, Beitr. 47, 109 u. Reg. S. 125. s. auch Zarncke, Serapeum 29, 1868 u. SA., 4 Ausg.: Strobel, 1839; die maßgebende zweite Mitteilung, SA. 1871; Fr. Bruns, Le- Ausg.: Friedr. Zarncke 1854; Goedeke bensnachrichten über Lübecker Drucker des 1872; Das Narrenschiff, Faksimile der Erst- 15. Jh.s, Nord, tidschr. f. bokväsa 1915, 220ff. ausg. von 1494 mit einem Nachwort v. Franz — Nd.: Schip van Narragonien, hgb. v. C. Schultz, 1913. Nhd. Übertragung: Simrock, Schröder, 1892, dazu H.Brandes, Anz. 22, 1872, — Lit. bei Goedeke, Grundr. I 2 , 381 64-67; Herm. Brandes, Dat Narrenschyp von -92; Zarncke pass.; Wackernagel, LG. Hans von Ghetelen, hgb. 1914. — E. I 2 , 378-80 u. Reg. S. 477; Koberstein l 8 , Björkman, Bemerkungen zu d. nd. Bearbei- 415 f. u. Reg. 454; Baechtold, Gesch. der dt. tungen des Narrenschiffs, Uppsala 1902; Wilh. Lit. in der Schweiz S. 243 u. Reg.; Janssen, Fraenger, Altdeutsches Bilderbuch, Hans Gesch. d. dt. Volkes I, 19.20. Aufl. S. 318-21; Weiditz u. Seb. Brant, 1930.— Hans Hen- Stammler, Von der Mystik zum Barock, 1927, rich Eberth, Die Sprichwörter in S. Brants 194-97.484 f.; Ruth Westermann, Stammlers Narrenb., 1933. 640 Lehrhafte Dichtung des 14. und 15. Jahrhunderts ins Lateinische übersetzt (Stultifera navis, 1497), sowie ins Französische (1497 u.ff.), Niederländische (1500 u. ff.) und Englische (1507 u. ff.). 1 Seine Entstehung fällt in die Wende zweier Zeiten, aber in Auffassung und Stil gehört es den zuvor besprochenen Satiren des sinkenden Mittelalters an; humanistischer Einschlag ist nur insofern vorhanden, als eben der Verfasser selbst humanistisch gebildet war, im übrigen ist es vielmehr auf religiösem Geiste, auf gotes lere und mit Hinblick auf der seien heil, aufgebaut (S. 114,30. Vorrede S. 2, l). 2 Diese Frömmigkeit besteht aber nicht in Askese und Welt- entsagung, sondern ist mit tüchtiger Lebensarbeit vereint (Nr. 105 S.101). 3 Das Eigenartige bei der Wertung der Untugenden ist die Auffassung, daß sie Narrheiten sind, und dieser Gedanke liefert auch den Rahmen für das Werk: ein Schiff (zuerst eine ganze Flotte) wird geschildert, in dem die Narren gen Narragonien fahren (Überschrift bei Zarncke S. 1). Durch diese Umbiegung des Lasters in Narretei wird allem bitteren Hohn doch ein humoristischer, närrischer Zug beigemischt. All das ist nicht Brants Erfindung, sondern die Erklärung der Laster als Torheiten und das Bild der Toren, die in einem Schiff über das tugendlose Leben fahren, ist schon mittelalterlich. Indessen ist diese Einkleidung nur oberflächlich und äußerlich und wird gar nicht zu einem wirklichen zusammenhängenden Bilde ausgeführt. Das Ganze zerfällt in 112 Kapitel, die ohne Übergang nebeneinander gesetzt sind und von denen jedes einzelne für sich einen Narren abkanzelt, der jeweils in einem dem Kapitel folgenden Holzschnitt sinnfällig vor Augen geführt wird. Diese Art der Komposition und Aufmachung ist flugblattartig. Der Zweck des „Narrenschiffs" wird in der prosaischen Vorrede (Zarncke S. 1) angekündigt: es soll nützen und belehren und bei allen Ständen und Geschlechtern zur Verachtung der Narrheit beitragen. Alle erdenklichen Laster und Schwächen werden in ungeordneter Folge durch einen besonderen Narren repräsentiert. Natürlich sind unter ihnen auch die sieben Hauptsünden, ferner Buhlschaft, Ehebruch, Undankbarkeit, Gotteslästerung; auch bloße Vergnügungen, wie Tanzen, Schießen, Spielen, werden verurteilt. Der Stoff ist im wesentlichen aus biblischen und klassischen Schriften zusammengetragen, sowie, aber zum geringeren Teil, aus Kirchenschriftstellern. Der Stil ist lebendig, klar, nicht immer korrekt (Anakoluthe); der regelmäßige Wechsel von Hebungen und Senkungen geläng dem Dichter um so leichter, als er jederzeit mit der Tilgung eines schwachen e bei der Hand sein konnte; ebenso steht es mit den Reimen, für die er außerdem mundartlichen Spielraum hatte. Die Kapitel haben anfangs den gleichen Umfang: 37 (38), oft auch 97 (98) V., dann wechseln sie und haben vereinzelt mehr: bis zu 217 V.; 1 Felix Hemmerlin von Zürich hatte im 15. kannten in 8 illustrierten, ins Deutsche umge- Jh. einen lat. Traktat „Doctoratus in stultitia" schriebenen Blättern zusammengezogen, Mitte die Torheiten und bösen Sitten satirisch behan- 15. Jh. (Goedeke, Grundr. I 2 , 381). delt. Er war Seb. Brant bekannt, denn dieser 2 W. Rehm, D. Todesgedanke usw. 1928,86 f. hatte Hemmerlins Schriften herausgegeben. 3 Dilthey, Weltanschauung u. Analyse des Jener lat. Traktat wurde von einem Unbe- Menschen, Schriften II, 1914, 51. Sebastian Brant. Übersetzungen aus Albertanus Brixiensis 641 den Abschluß fast jedes Kapitels macht ein Dreierreim. So kommt auch darin der flugblattartige Bau zur Geltung. 1 Aus seiner Umwelt, dem städtischen Bürgertum, heraus ist Sebastian Brant zu verstehen. Und weil dessen Lebensbedingungen seine eigenen waren, fand er auch so großes Verständnis und so weitgehenden Anklang; 1498 legte der mit Brant befreundete Straßburger Kanzelredner Johann Geiler von Kaisersberg das Narrenschiff einem Zyklus von 146 Predigten zugrunde. 2 Insofern ist Sebastian Brant ein volkstümlicher Schriftsteller, aber durch seine Studien und klassischen Kenntnisse gehört er doch der neuen Bildung des Humanismus an; er wurde von den Humanisten der Zeit hoch geschätzt und wirkte in der Literatur des 16. Jahrhunderts nach. 3 Sebastian Brant entwickelte, besonders bis zu seiner Übersiedelung nach Straßburg im Jahre 1501, eine rege literarische Tätigkeit. Er begann mit kleineren lateinischen und deutschen Sachen, schrieb aber auch später noch eine Masse dergleicher, zum Teil als Flugblätter 4 verbreiteter Schriften, sowie Gelegenheitsgedichte und Gedichte religiösen, didaktischen, auch politischen Inhalts, in welch letzteren er warm für Kaiser und Reich eintrat. 5 Wichtiger sind seine Übersetzungen: Cato, Facetus, Moretus, Thesmophagia und die Bearbeitung des Freidank. 6 2. KLEINERE LEHRGEDICHTE Am Schluß des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts betätigte sich die verstandesmäßige, phantasiearme, aufs Praktische gerichtete Denkweise der Zeit in der Hervorbringung kleinerer Lehrgedichte; eine Aufzählung derselben bringt Goedeke, Grundr. 1 2 , 393-96. Über die Ritter- bzw. Fürstenlehren des Johannes Rothe, Johannes v. Indersdorf und Johann v. Morsheim s. Johannes Rothe. Übersetzungen aus Abertanus Brixiensis Die lateinischen Abhandlungen des sogenannten Albertanus Brixiensis (etwa 1190-1250) waren im Mittelalter sehr beliebt und in französischen, englischen, deutschen Übersetzungen verbreitet. 7 Als Richter in Brescia schrieb er: De Amore Dei et Proximi 1238, De Doctrina Dicendi et Tacendi 1245, Liber Consolationis et Consilii 1246. Es gab drei deutsche Prosaübersetzungen seiner Werke: I. Lere und Underweisung, eine Übertragung der drei genannten lateinischen Traktate. II. Ain nucze Ler von Reden und Schweigen (= De 1 P.Claus, Rhythmik u. Metrik in Seb. Grundr. I 2 , 383-92; Götze, Frühnhd. Leseb Brants Narrensch., 1911. aaO. S. 39-45. 2 Siehe Goedeke, Grundr. I 2 , 396-403; 6 Siehe oben unter diesen lehrhaften Ge- Koberstein, 1°, 416. 444 u. Anm. 15-20; dichten. Zarncke, Narrensch. S. 250-62. 'Lappenberg, aaO. S. 263 f.; bes. J. 3 Zarncke S. CXVI-CXLII. Knight-Bostock, Albertanus Brixiensis in 4 Hgb. Paul Heitz, 1915. Germany, Oxford 1924. 6 Zarncke S. 118-31. 153-204; Goedeke, 41 Deutsche Literaturgeschichte IV 642 Lehrhafte Dichtung des 14. und 15. Jahrhunderts Doctrina Dicendi et Tacendi). III. Der mhd. Melibeus (= Liber Consola- tionis et Consilii). Der Übersetzer von I war ein schwäbischer Kleriker des 15. Jahrhunderts, der von II ist wegen der Kürze des Stückes nicht näher zu bestimmen, war aber wohl ein Schwabe des 15. Jahrhunderts; III, der deutsche Melibeus, ist in zwei Fassungen überliefert. Außer diesen drei Prosaübertragungen ist eine Versbearbeitung vorhanden, Meister Alberts Lere (hgb. bei Bostock, S. 79-115, 971 V.), geschrieben in derWetterau um die Mitte des 14. Jahrhunderts; Quellen sind des Albertanus' Doctrina Dicendi und Liber Consolationis et Consilii, eingeschoben sind Stellen aus De Amore Dei, sowie Erweiterungen unbekannter Herkunft. Am wichtigsten für die deutsche Literaturgeschichte ist die lehrhafte Erzählung (geleichnus l a ) von Melibeus und Prudentia. 1 Dem Titel des lateinischen Originals, Liber Consolationis et Consilii, gemäß ist das Werk ein Trostbuch mit Ratschlägen für Betrübte. Ein reicher Mann, Melibeus, begibt sich auf einen Spaziergang und verschließt sein Haus. In seiner Abwesenheit brechen drei Feinde in das Haus ein und mißhandeln seine Frau Prudentia und seine Tochter lebensgefährlich. Nach seiner Rückkehr ist er außer sich vor Schmerz und kann sich vor Weinen nicht fassen. Prudentia tadelt ihn wegen seines Übermaßes im Leid. Er beruft einen Rat aus seinen Freunden (Consilium) zusammen, die verschiedene Rachepläne vorschlagen. Aber sein Weib Prudentia rät zum Frieden, und ihr folgend gewährt er Verzeihung. Viele der Einzelheiten und Motive sind symbolisch zu verstehen. Die Erzählung dient nur als Rahmen, den eigentlichen Inhalt bildet größtenteils ein Gespräch zwischen Mann und Frau; die Frau, Prudentia, ist die klügere und leitet den Gatten zu vernünftigem Tun. In dem Zwiegespräch belegen die beiden ihre Behauptungen immer mit einer Anzahl von Sprüchen aus biblischen und klassischen Autoritäten. Übertragung des Bestiaire d'Amour Als zur lehrhaften Literatur gehörig läßt sich hier noch die mittelfränkische Übertragung des französischen Bestiaire d'Amour 2 von Richard de Fournival anschließen. Die Mundart ist die des deutsch-geldernschen Gebietes, also östliches mittelniederfränk.; 14. Jahrhundert, Prosa. Das Werk ist ein Bestiarius, also ein Stück Physiologus, der hier die Eigenschaften der Tiere auf die Liebe, nicht auf Glaubenslehren deutet. Ein Minner versucht, durch die Auslegung der Eigenschaften der Tiere die umworbene Dame zu gewinnen, wird aber zurückgewiesen. 1 Leo Hohenstein, Melibeus et Prudentia, Mundart; kürzt die lat. Vorlage an vielen Der Liber Consolationis et Consilii des Alber- Stellen. Eine mhd. Versübertragung ist noch tanus von Brescia in zwei deutschen Bear- nicht herausgegeben. — Überliefert ist unsere beitungen des 15. Jh.s, Diss. Breslau 1903; Prosa in 6 Hss. u. 5 alten Drucken des 15./16. Bostock, bes. S. 31-33.78; Stammler, ZfdPh. Jh.s (Bostock S. 31-33). 53, 14; ein kurzer Auszug bei Vetter, Lehrh. 2 Ausg. (franz.Text u. mittelniederfränk.Über- Litt. des 14. u. 15. Jh.s in Kürschners Dt. Nat.- tragung): John Holmberg, Eine mndfrk. Lit. Bd. XII Teil II, 456-65. — Entstanden Übertragung „des Best. d'Amour, Uppsala ist die Prosaerzählung vor 1465; schwäbische Universitets Arsskrift 1925. ÜBERTRAGUNG DES BESTIAIRE D'AmOUR. RECHTS- UND GESETZBÜCHER. URKUNDEN 643 3. RECHTSPROSA Mit der Befestigung der Landeshoheit und mit der sich steigernden Mannigfaltigkeit der städtischen Verhältnisse entwickelte sich auch ein immer stärkeres Bedürfnis nach rechtlichen Bestimmungen. Hier können nur die literarisch und kulturgeschichtlich wichtigsten verzeichnet werden. Rechts- und Gesetzbücher Auf Grund des Sachsenspiegels entstanden Rechtsbücher für engere Gebiete, darunter als bedeutendstes der den niederdeutschen Rechtsgang notierende Richtsteig Landrechts von Joh. v. Buch (Mitte 14. Jahrhundert) und, etwas später, der ebenfalls niederdeutsche Richtsteig Lehnrechts. 1 Die ältesten Landfriedensgesetze fallen noch in das 13. Jahrhundert (s. oben); unter den Landrechten (Landesgesetzen) ist später das König Ludwigs des Bayern von 1346 zu nennen. 2 Unter den Stadtrechten nimmt das Magdeburger den ersten Rang ein, das für die Städte des Ostens bis zu den Städten des preußischen Ordenslandes, Polens, Böhmens maßgebend wurde. Im Westen und Norden erlangte das lübische Recht (Lübeck) hervorragende Geltung, im Süden das Stadtrecht von Straßburg 3 (das erste in deutscher Sprache, 1270) und das von Augsburg (um 1280). Dazu kommen dann auch Satzungen einzelner Körperschaften. Die ländlichen Rechtsquellen, die Weis- tümer, liegen dem Germanisten nahe durch die große Sammlung Jacob Grimms (1840ff.); die ältesten von ihnen fallen noch ins 13. Jahrhundert. 4 Urkunden und Formelbücher Von ganz besonderer Wichtigkeit für den Gebrauch der deutschen Sprache im rechtlichen, öffentlichen und privaten Verkehr wurden die Urkunden. 5 Die ältesten Urkunden in deutscher Sprache fallen in die Mitte des 13. Jahrhunderts: 1239 (Schweiz), 1240 (König Konrad IV.). 6 Unter Rudolfs von Habsburg Regierung wurde in Urkunden die deutsche Sprache mehr und mehr üblich. Für die Herstellung der Urkunden, eine Aufgabe der Kanzleien, gab es Anweisungen, sog. Formelbücher, die über die Abfassung belehrten und 1 Die Statuten des Deutschen Ordens s. unt. 5 H. Oesterley, Wegweiser durch d. Lit. Lit. d. dt. Ordens. d. Urkundensammlungen I 1885; s. bes. 2 Pfeiffer, Germ. 12, 71-75. — Über Harry Bresslau, Handbuch d. Urkunden- Johaannes Rothes (s. oben) Rechtssamm- lehre 1889; Urkundenlehre von W. Erben, lungen s. Bech, Germ. 6, 65-80; Jul. Peter- L. Schmitz-Kaixenberg u. Osw. Redlich, sen, Das Rittertum in der Darstellung des Jo- 2 Bde. 1907 f. — Behaghel, Gesch. d. dt. hannes Rothe, 1909, S. 18-22. Sprache 5, 1928, 143 ff. 186 f. 188. — A. 3 Schmoller, Straßburg z. Zeit der Zunft- Weller, D. Sprache in d. ältesten dt. Ur- kämpfe, 1875 (Reformatio d. Stadtordnung künde d. Deutschen Ordens, 1911; Fr. Wil- 1405, S. 74-146; Ordnung der Herren, der helm, Ältere Urkunden in dt. Sprache, Münch. Fünfzehn 1433, S. 147-64); Agathe Lasch, Texte H. 4, Abt. A, u. Abt. B; Ders., Corpus Aus alten nd. Stadtbüchern, ein mnd. Lese- der ad. Originalurkunden bis z. Jahr 1300, buch 1925, dazu Schröder, Anz.44, 198 f., Lief. 1, 1930. Frings, Arch. 152 H. 1/2. 6 Siehe L. G. II, 2, 29; Schröder, ZfdA. 67, 4 Naumann, Prosalesebuch S. 101. 234. 41* 644 Lehrhafte Dichtung des 14. und 15. Jahrhunderts Muster, Formeln, für verschiedenartige Beziehungen der Aussteller und Empfänger enthielten. Der Text der Urkunden war nach einer bestimmten inhaltlichen Einteilung geregelt. In der Urkundenlehre liegt auch der Ursprung der Technik des deutschen Briefes. 1 Das Schema der Briefe ist nach der in den Formelbüchern vorgeschriebenen Gliederung der Urkunden eingerichtet. Geschäftsbücher Anschließend an die Formulare für die Abfassung von Briefen seien hier zwei Geschäftsbücher erwähnt: Conrads von Weinsberg, des Reichserbkämmerers, Einnahmen- und Ausgabenregister von 1437 und 1438, herausgegeben von Joseph Albrecht, Lit.Verz. Bd. 18, 1850. — Ott Rulands Handlungsbuch; dieser war Inhaber eines der bedeutendsten Handelshäuser der freien Reichsstadt Ulm im 15. Jahrhundert, und auf diesen Blättern sind die Rechnungen der Firma aus den Jahren 1444 bis 1458 (1462) aufgezeichnet; hgb. von Pfeiffer, Lit.Ver. (I. II.) III, 1843. — Endlich kann hier noch als zum Geschäftsgebiet des Handels gehörig das Gedicht Der Feigen- muntorden (Reimpaare, Hs. von 1422) genannt werden, das von einem deutschen Kaufmann, der in Venedig lebte und wahrscheinlich aus Ulm oder Augsburg stammte, verfaßt wurde; es ist eine Satire auf den Feigenhandel; hgb. Wilhelm, Münch. Mus. 1, 1911,37-42; Stammler in Stamml. Verfasserlex. 1,610. — Friedr. v. Nürnberg, Benediktiner um 1450-60, Übersetzer und Bearbeiter einer lateinischen Rhetorik: Ruth. Westermann, Stammlers Verfasserlex. 1, 694 f. Hier läßt sich auch die deutsche Literatur über Waffen- und Bewaffnungswesen einreihen: Das Büchsenbuch von Augustinus Dachsberg von München, 1443 (mit Bildern von Kriegswerkzeugen und Befestigungen): Eduard A. Geßler, Stammlers Verfasserlex. 1, 397 f. — Das deutsche Feuerwerksbuch, Geßler aaO. 1, 612-16. 1 Formelbücher: Die Werke von L. Rockin- dazu Uhl, ZfdPh. 33, 390-93, Ehrismann, ger, bes. Über Formelbücher vom 13. bis 16. GgA. 1910, 231-35; Adolf Butow, Die Ent- Jh., 1855, die andern s. Hist. Jahresber. 1855 Wicklung d. malterl. Briefsteller bis z. Mitte ff. — Burdach, Schlesisch-böhmische Brief- des 12. Jh.s, Greifsw. Diss. 1908; Paul Krü- muster aus d. Wende des 14. Jh.s, unter Mit- ger, Bedeutg. u. Entwickig. der Salutatio in Wirkung v. G. Bebermeyer hgb. 1926, in: d. malterl. Briefstellern bis z. 14. Jh., Greifsw. Vom Mittelalt. z. Reformation Bd. 5; Bur- Diss. 1912; Gottfr. Petzsch, Über Technik dach, Mittelalterl. Poetiken u. Formelbücher, u. Stil der mhd. Pribatbriefe d. 14. u. 15. Jh.s, Vorspiel II, 2, 1925; s. auch Burdach, Böh- Greifsw. Diss. 1913; H. Naumann, Ad. Prosamens Kanzlei unter d. Luxemburgern u. d. dt. leseb., 1916, 77-79. — Über Liebesbriefe s. Cultur, Centralbl. f. Bibliothekswesen 1891, unt. Lyrik: Ernst Meyer, Die gereimten Lie- 145-76. 324-44. 433-88; Paul Joachimsohn, besbriefe d. dt. MA.s, Marbg. Diss. 1898 [s. Aus d. Vorgeschichte des „Formulare u. deutsch auch Beitr. 37, 552-55]; Albert Ritter, Alt- Rhetorica", ZfdA. 37, 24-121; Friedrich schwäb. Liebesbriefe, 1898; dazu Martin, Riedrer, Spiegel der waren Rhetoric 1493, DLz. 1898, 232 f., Cbl. 1898, 673, Ernst s. Götze, Frühmhd. Lesebuch, 1925, 36-39; Meyer, Anz. 25, 370-79; Schröder, Anfang Konrad Wutke, Über schles. Formelbücher eines Liebesbriefes aus d. 14. Jh., Anz. 23, des MA.s, Darstellungen u. Quellen z. schles. 205 f. — Joh. Müller, Vor- u. frühreforma- Gesch. 26. Bd., 1919. Georg Steinhausen, torische Schulordnungen u. Schulvorträge in Deutsche Privatbriefe des MA.s, Bd. 1, 1898, deutscher u. niederl. Sprache, hgb., l.Abt. dazu Schönbach, DLz. 1899,182, Bd. 2,1907, Schulord. aus d. Jahren 1296-1505, 1885. Geschäftsbücher. Konrad von Megenberg 645 4. NATURGESCHICHTE 1 UND MEDIZIN Naturgeschichtliches Interesse tut sich schon in früheren Jahrhunderten kund (Physiologus, LG. II, I, 224 ff.; Edelsteine s. ebda Reg. S. 350 u. Lapidarien Reg. S.354); ins 12. Jahrhundert reichen also auch die ältesten deutschen Arznei- und Kräuterbücher (LG. II, 1, 234). Aber zu größerer Bedeutung gelangte die wissenschaftliche Natur- und Arzneikunde erst im 14. Jahrhundert. Hatten die Arzneibücher ihrem Wesen entsprechend an sich praktische Zwecke, so erfüllte die ganze Naturkunde in den weitesten Kreisen ebenfalls praktische Bedürfnisse, denn man glaubte, daß die astrologischen Lehren die Geschicke der Menschen bestimmten. Konrad von Megenberg Die umfassendsten und hervorragendsten Werke der medizinischen und naturkundlichen Fächer stammen von Konrad von Megenberg: 2 das Buch der Natur, aus dem das 14./15. Jahrhundert hauptsächlich seine naturwissenschaftlichen Kenntnisse schöpfte, und die Deutsche Sphaera. Daß die Bedeutung der Naturwissenschaft in jenen Zeiten stark gewachsen war, wobei allerdings viele phantastische Vorstellungen mit unterliefen, das beweist die Aufnahme des „Buches der Natur", von dem gegen 20 Hss. und etwa 7 Drucke des 15. Jahrhunderts auf uns gekommen sind; auch wurde es durch einen unter dem Namen des Albertus Magnus verbreiteten Auszug zum Volksbuch. Kon- 1 Lit. über „Natur gefühl": Alfred Biese, ehern in mhd. Schriftwerken, Beitr. 48, 104 ff. Die Entwickelung des Naturgefühls im MA. — Stellen: CM. Blaas, Germ. 24, 414; und in der Neuzeit, 1888; Otto Lüning, Die Schröder, Anz. 47, 83 f.; Singer, Hand- Natur, ihre Auffassung u. Verwendung in der Wörterbuch des dt. Aberglaubens Sp. 1567-70. altgerman. u. mhd. Epik bis zum Abschluß — Hss.:Priebsch, Dt. Hss. in England II S.24. der Blütezeit, 1889; Wilh. Ganzenmüller, 203 (Buch d. Nat.), S. 138. 201 (Sphaera); Das Naturgefühl im Mittelalter, 1914; Ger- HANsWEGENER.Bilderhss.d.Heidelb.Univers.- trud Stockmayer, Über Naturgefühl in Bibl., 1927 S. 42 f. 48 f. — Die deutsche Deutschland im 10. u.U. Jh., 1910; Willi Sphaera. Ausg.: Otto Matthaei, Dt. Texte Flemming, Der Wandel des deutschen Natur- d. MA.s 23, 1912, dazu Pfannmüller, DLz. gefühls vom 15. zum 18. Jh., 1931. 1913, 2272, Behaghel, Lbl. 1917, 77 f., 2 Allgem. Lit.: Pfeiffer, Einleitg. zu seiner Piquet, Rev. germ. 9,247 f. — Diemer, Kleine Ausg. des Buches d. Nat. S.V-LII; Riezler, Beiträge I, 1851, S. 60-76 (auch Wien. SB. ADB. 16, 648-50; Kühlhorn, Reallex. 3, Bd. VII, 73-91); Matthaei, Konrads v. Me- 365 f. — Seemüller, Gesch. d. Stadt Wien genb. Deutsche Sphaera u. d. Übersetzungs- III. Bd. 1. Hälfte, 1907, S. 49 f. (Beziehungen technik seiner beiden deutschen Prosawerke, Megenbergs zu Wien); Günther Müller bei Berl Diss. 1912; Schröder, aaO. (die ge- Walzel S. 35 ff.; Stammler, V. d. Mystik z. reimte Vorrede); F. Eichler, Über d. Her- Barock S. 249 f. 490; Hans Naumann, Ad. kunft angeblich St. Lamprechter Hss., Cbl. f. Prosalesebuch S. 131-38. — Buch der Na- Bibl.-Wesen 35, 49-64 (darunter Megenbg. tur: Ausg. Pfeiffer, 1861; Übersetzung: Sphaera m.). — Naumann, Ad. Prosaleseb. Hugo Schulz, D. Buch der Natur von Kon- aaO. — Schneider, K. v. M. De limitibus von rad v. Megenberger, die erste Naturgesch. in 1400, Hist. Jahrb. XXII, 1901, 609-30; deutscher Sprache, 1897, dazu Strauch, Anz. Grauert, K. v. M. Chronik, ebda 631-87; 24, 213 f., DLz. 1901, 1203 f., Helm, Lbl. Herm. Meyer, Lacrima ecclesia, neue For- 1898, 323. — W. Rasche, Die Zoologie in K. schungen zu d. Schriften Ks. v. M., N. Arch. d. v.M. Buch d. Nat. I. Progr. Annaberg 1898; Gesellsch. f. alt. dt. Geschkde 39, 1914, 469 Schröder, Gott. Nachr. 1917, 163 (Gereimte -503 (mit neuen Nachrichten über sein Le- Vorrede); Fr. Bechtel, Namenstudien, 1917 ben); Rich. Salomon, Zur Oeconomica, ebda (griech. Namen, darin Bemerkungen zu Megenb. S. 190-200; Meinhard Sponheimer, K. v.M.s [üb. die Milz]); Franz Härder, Übergangs- polit. Ideen, Berl. Diss. 1924, Maschinenschrift formein am Schlüsse von Kapiteln oder Bü- u. Auszug im Jahrbuch 1923/24 I, 361-63. 646 Lehrhafte Dichtung des 14. und 15. Jahrhunderts rad von Megenberg — die Kenntnis seiner Lebensverhältnisse ergibt sich hauptsächlich als seinem Buch der Natur — lebte von 1309 bis 1374, war in der bayerischen Provinz Unterfranken geboren und bezog die Universität Paris, wo er auch Vorlesungen hielt; nach vorübergehendem Aufenthalt in ■ Wien lebte er dauernd in Regensburg als Kanonikus am Dom. Das Buch der Natur verfaßte er 1349/50 in bayerisch-österreichischer Mundart. Es enthält in acht Kapiteln die Beschreibungen: Von der Natur des Menschen, Von den Himmeln und den 7 Planeten, Von den Tieren (Vierfüßler, Vögel, Meerwunder, Fische, Schlangen, Würmer [wozu auch die Insekten gehören]), Von den Bäumen, Kräutern, Edelsteinen, Von dem „Gesmaid" (Metalle, Gold usw.), Von den wunderleichen Brunnen. Voran geht eine gereimte Vorrede in 6 sechs- zeiligen Strophen, den Schluß machen 6 Reimpaare. Die lat. Quelle ist „Liber de natura rerum" des Thomas Cantipratensis (Th. v. Cantimpre), entstanden zwischen 1233 u. 1248, den Konrad sehr frei und selbständig wiedergab, 1 denn er beherrschte das Lateinische vollständig und besaß auch im deutschen Ausdruck eine große Sprachgewandtheit. Seiner Aufgabe als Lehrer ist er sich wohl bewußt und sucht auch sittlich zu wirken; besonders wendet er sich gegen mannigfache Auswüchse im Leben der Fürsten und des Klerus. So tritt uns in diesen Werken eine Persönlichkeit von hohem Werte entgegen. Bei weitem weniger Verbreitung fand die bedeutend kürzere Deutsche Sphaera, denn es sind von ihr nur 3 Hss. auf uns gekommen. Die Quelle hierfür ist die Sphaera mundi des Engländers Sacro-Bosco (eigentlich John Holywood), geschrieben um 1250. Die Abfassungszeit der deutschen, ziemlich freien Übersetzung ist nicht gesichert, sie liegt wohl vor Konrads v. M. Regensburger Zeit. Die „Deutsche Sphaera", bzw. ihre lat. Quelle, ist ein astrologischer (astronomischer) Traktat, gelehrter und weniger allgemein verständlich als das Buch der Natur, was wohl auch der Grund für seine geringere Verbreitung ist. Auch hier stehen Reime am Anfang und Schluß. Auch lateinische Gedichte und eine Reihe lateinischer wissenschaftlicher Prosaschriften hat Konrad von Megenberg verfaßt, u.a. einen poetischen „Planctus ecclesiae", 1337, den Prosatraktat „Oeconomica" (über den geistlichen und weltlichen Staatshaushalt; nach 1352) und ein Chronicon magnum (Breve Chronicon episcoporum Ratisbonensium), s. Pfeiffer S. XX ff. Erdbeschreibungen Die Mainauer Naturlehre 2 enthält eine Erdbeschreibung; die vier Elemente; das Firmament; die Erdbewegung; Geographisches; die 3 Erdteile; 1 Siehe LG. 1, 2,227. — Im Jahre 1472 hat versitätsbibl., 1835, S. 50; Ziesemer, Die Lit. der Schulmeister in Waldsee Peter König- des Deutschen Ordens in Preußen, 1928, S. 37; schlaherohne K.s v. Megenb. Buch zu kennen Helm, Zs. f. d. dt. Unterr. 30, 1916, 435; P. das lat. Werk De natura rerum sklavisch genau Dold, Untersuchungen zur Martina Hugos v. übersetzt (Pfeiffer S. XXXII Anm.). ; Langenstein, Straßbg. Diss. 1912; Naumann, 2 Der Name ist von Wackernagel gegeben, Ad. Prosalesebuch, 1916, S. 110-12. Hs. Basel, Hgb. Wackernagel, Lit. Ver. 22, 1851. — in weicherauch die Martina u. der Litower von Wackernagel, Die ad. Hss. der Basler Uni- Schondoch (s. ob.). Erdbeschreibungen. Falken, Pferde und Hunde. Fischfang. Kräuterbücher 647 der Mensch; auch Gesundheitsregeln. Um 1300 entstanden, wird sie dem Hugo von Langenstein, Deutschordensritter auf der Mainau und Verfasser der Martina (s. oben), zugeschrieben. Von einer mittelfränkischen Erdbeschreibung sind Bruchstücke übriggeblieben. 1 Falken, Pferde und Hunde. Fischfang Ein Buch für Ritter und adelige Herren ist: Heinrich Mynsinger,Von den Falken,Pferden und Hunden; 2 vollständiger Titel: das Puoch von den Valcken, Habichen, Sperbern, Pfäriden vnd Hunden. Es erklärt die Eigenschaften dieser Tiere und ihre Gesundheitspflege. Mynsinger war Doctor in der Ertzney und stellte sein Buch auf Gebot des Grafen Ludwig zu Wirtenperg zwischen 1442 und 1450 zusammen, wie aus Einleitung und Schluß hervorgeht. Quelle ist das Tierbuch des Albertus Magnus. Die Hs., nach der Hassler (s. Anm. hier unten) das Buch veröffentlicht hat, ist von der Clara Hätzlerin zu Augsburg anno 1473 geschrieben. Das Tegernseer Angel- und Fischbüchlein gibt Anweisung, wie man angeln und fischen soll. 3 Die vier Temperamente Ein Gedicht von 40 Reimpaaren (4 Strophen zu je 10 Reimpaaren) bespricht die vier Temperamente, den Sanguinicus, den Colericus, den Flegmaticus und den Melancolicus, die durch vier Federzeichnungen illustriert werden. 4 Kräuterbücher Der Macer floridus ist ein alphabetisch geordnetes lateinisches Kräuterbuch in 2269 Hexametern, „welches in 77 Kapiteln die Heilkräfte von ebenso vielen Pflanzen behandelt" (Zacher, ZfdPh. 12, 189); es wurde im 14. Jahrhundert in deutsche Prosa übersetzt. 5 Auch eine gereimte Übersetzung wurde im 15. Jahrhundert verfertigt. 6 Ein deutsches medizinisches Kräuterbuch mit gereimter Vorrede, wohl noch aus dem 13. Jahrhundert, ist in mehreren Hss. des 14. 15. Jahrhunderts vorhanden. 7 — W. L. Schreiber, Die alten Kräuterbücher, Zs. f. Bücherfreunde 8 11, 297 ff., 393 ff. Weit verbreitet war im Mittelalter das Arzneibuch des Meisters Bartholomäus ; das Buch „Practica" des Bartholomäus Salernitanus liegt vielen an- 1 Hgb. Altdeutsche Neujahrsblätter für 1874 Macer floridus u. die Entstehung der deutschen von Birlinger u. Crecelius. Botanik, ebda S. 189-215. 349-52; Cyrill 2 Hgb. K. D. Hassler, Lit. Ver. Bd. 71, Resak, Odo Magdunensis, der Verfasser des 1863. — Heinr. Meisner, Die Lobriser Hand- Macer floridus u. der deutsche Leipziger schrift von Heinr. Minsinger, ZfdPh. 11, Macertext, Leipz. Diss. 1917; K. Sudhoff, 480-82 (diese Hs. nennt als Gönner den Gra- E. dt. Text von Graden u. Qualitäten d. Natur- fen Ulrich v. Württ., so daß die Abfassung dinge (Arzneistoffe), aus d. „Deutschen Macer" zwischen 1442 u. 1480 zu setzen wäre). Arch. f. Gesch. d. Medizin 8, 1915, 223 f., 3 Hgb. Birlinger, ZfdA. 14, 162-79. Bruchst. 4 Hgb. C.v. Hardenberg, Germ. 27,413-15. 6 Schönbach, ZfdA. 21, 434. 6 Auszug (lat. u. deutscher Macer fl.): G. 'Bartsch, Quellenkunde S. 171-75. Schmidt, ZfdPh. 12, 149-82. — J. Zacher, 648 Lehrhafte Dichtung des 14. und 15. Jahrhunderts dem Arzneibüchern zugrunde; es ist im 11. Jahrhundert verfaßt, wurde um die Mitte des 13. Jahrhunderts verdeutscht (md.) und ist auch in der deutschen Übersetzung in vielen Hss. erhalten. 1 Der Hortus sanitatis erschien in deutscher Übersetzung als „Gart der Ge- suntheit" 1485 im Druck und erlebte 21 Ausgaben. Er behandelt außer Pflanzen auch Tiere und Steine. 2 Johann von Cube, Hortus sanitatis deutsch, gedr. 1485; hgb. Faksimile-Ausgabe von W. L. Schreiber, Münchner Drucke 1924. Krankheits- und Heilmittellehren Speziell auf Kinderkrankheiten bezieht sich Das Kinderbuch des Bartholomäus Metlinger; L. Unger, Das Kinderbuch des Barth. Metl. 1457 -76, e. Beitrag z. Gesch. d. Kinderheilkunde im MA., 1904. Das Buch von Ordnung der Gesundheit, gewidmet dem Grafen Rudolf von Hochberg und seiner Gemahlin zugeeignet, wurde i. J. 1472 gedruckt; Wackernagel, LG. I 2 , 436 Anm. 92. — Andere Arzneibücher: das Züricher Arzneibuch, das Innsbrucker und das Prüler Kräuterbuch s. LG. II, 1, 234 (zu Züricher Arzn. s. auch Piper, ZfdPh. 13, 466-76). — Pfeiffer, Zwei deutsche Arzneibücher aus dem 12. u. 13. Jh., Wien. SB. 42, 1863, 111-14. 118-27; Konrad Hofmann, Münch. SB. 1870, 1, 511-16; Bech, Germ. 24, 146. 27, 190f. — Nikolaus Frauenlob (15. Jh.), Dt. Arzneibuch, noch ungedruckt (Hs. München), Sudhoff, Stammlers Verfasserlex. 1, 657; Das lat. Regimen sanitatis, eine Arzneimittellehre, wurde in Versen verdeutscht von Heinrich von Laufenberg 1429 (s. ob.), der seinen Namen in einem Akrostichon angibt; A. Jentsch, Reg.san., Straßb. Diss. 1908; Goedekes Grundr. I 2 , 393 f. Nr. 5; K. Schorbach, Die historien von dem Ritter Beringer, 1893, S. 10; Henri E. Sigerist, Eine illustrierte Hs. von Heinrichs v. Laufenberg Gesundheitsregiment, Zs. f. Bücherfreunde 22,1930,41-48, s. auch Sudhoff, Mitteil. z. Gesch. der Medizin 15,188 ff. — Heinrich von Pholspeunt, Buch von der Bündth-Erznei, um 1460; hgb. v. H. Haeser u. A. Middel- dorpf, Buch von derBündth-Ertznei von Heinr. v. Pfolsprundt (so!), 1868; Roethe, ADB. 26, 91 f.; Wackernagel, LG. I 2 , 436; Alfr. Götze, Frühnhd. Leseb. 2 , 1925, 49-52. — Hierony- mus Brunschwig (ein Straßburger), Buch der Cirurgia, gedr. 1497, hgb. G. Klein, 1911; Götze aaO. (mit Lit.). — Meister Ortolf von Baierland, Arzt in Würzburg, Arzneibuch, gedr. 1477; Ders., Wie sich die schwangern frmven halten sullen; Wackernagel LG. I 2 , 435; Priebsch, Deutsche Hss. in England I S. 140. 141, zwei Hss. 14. u. 15. Jh. — Daz arzinbuoch ypocratis, 12. Jh., Züricher Hs.; Graff, Diut. 2,269-77; Naumann, Ad. Prosalesebuch S. 11 f.; s. oben Pfeiffer, Zwei dt. Arzneibücher u. ff.; eine andere anYpocras anknüpfende Arzneilehre: Wackernagel, Ad. Blätter 2,133. — Der pseudohypokratische Brief an Antiochus, Fragm. einer dt. Übersetzung, 14. Jh.; K. Sudhoff, Arch. f. Gesch. der Medizin 8, 1915, 293 f. — Proplemata Arestotilis Teutsch, 1492; Wackernagel, LG. I 2 , 435 Anm. 82. — Übersetzung von Bartholomäus de Glanvilla, um 1360, „van Artzedie", mit gereimter Vorrede, 15. Jh.; Hoffmann, Fundgruben 1, 1830, 345. — Eine Krankheits- u. Heilmittellehre aus d. XIV. Jahrh.; Hoffmann, 1, 317-27. 345. — Medizinisches Tagebuch des Udalricus Ellen- bog, lat. mit einigen deutschen Einträgen über die Behandlung einer schwindsüchtigen Frau; Priebsch, Deutsche Hss. in England II S. 237; Sudhoff, Stammlers Verfasserlex. 1, 556 f. — Die Wundarzneikunst des Petrus von Argillata, zwischen 1480 u. 1495 für Eberhart 1 Jos. Haupt, Wien. SB. 71, 451-566; Nd. Heilkunde: Jellinghaus, Gesch. der Pfeiffer, ebda Bd. 52; Priebsch, Deutsche mnd. Lit. 3 S. 75 f. Hss. II S. 41; Priebsch, Mod. Lang. Rev. 11, 2 Zacher, ZfdPh. 12, 200; Jul. Schuster, 1916, 321-34; Chr. Gräter, Ein Leipziger Secreta Salernitana u. Gart der Gesundheit, deutscher Barthol., Leipz. Diss. 1918; Nau- Festschr. Degering, 1926, S. 203-37. mann, Ad. Prosaleseb. S. 94-100 (mit Lit.). — Krankheits- und Heilmittellehren. Niederdeutsche medizinische Literatur 649 Grafen zu Württemberg übersetzt von Dr. Bartholomaeus Scherrenüller; Petzet, Catalogus Co- dicum Manu scriptorum Bibliothecae Monac. Tom. V pars I, 1920, S. 271 f. — Birlinger, Aus einem elsässischen Arzneibuche des 14. Jh.s, Alemannia 10, 219-32; H. Fischer, Fragm. eines schwäbischen Arzneibuches, Germ. 30,98-101; Klapper, Mittelalterl. Gesundheitsregeln in Schlesien, Mitteil. d. schles. Ges. f. Volkskde 33, 1933; C.M. Blaas, Bruchstücke aus e. md. Arzneibüchlein, Germ. 26, 338-42; Crecelius, Bruchst. eines Arzneibuchs, ZfdA. 10,289 f.; K, Sudhoff, Krankheitsdämonismus u. Heilbräuche der Germanen, Dt. Revue 26. Jan. 1912; Ders., Zum Breslauer u. Diemerschen Arzneibuche, ZfdA. 57, 191 f.; Ders., Pestschriften aus den ersten 150 Jahren nach der Epidemie des „Schwarzen Todes" 1349, Arch. f. Gesch. d. Medizin 8, 1915, 175-215. 236-89; Ders., Diether von Wesel „Meister Dielhers des arztes rat der apo- theken halp", 1430, Stammlers Verfasserlex. 1,414 f. — Ders., Johann Deumgen (Dümgen), Wundarzt aus Zwickau, ebda S. 410. — Grazer Monatsregeln, Piper, Nachträge z. alt. dt. Litt, von Kürschners Dt. Nat.-Litt. S. 265 f.; Erhart von Graz, Bericht üb. die Amputation Kaiser Friedrichs III. 1493; Sudhoff, Stammlers Verfasserlex. 1, 581; Priebsch, Dt. Hss. in England I S. 140 f., Astronomisch-medizin. Tractat (mit gereimter Einleitung), Hs. 15. Jh.; Astrologische Schriften s. Joh. Hartlieb ob.; F. W. E. Roth, Heilkräftige Sympathiewirkungen der Edelsteine im 12. Jh., Arch. f. Gesch. der Mediz. XI. H. 5 u. 6, 1920 (s. Lambel, Steinbuch ob.); Prüler Steinbuch s. Wilhelm, Münchn. Texte 8, 37-39 u. Kommentar 1. Hälfte S. 79-88; Wilhelm, Medizinisches aus dem Basler Cod. B XI, 8, Münchn. Mus. 2, 1914, 365-67, teils lat., teils deutsch, alemann. 14. Jh.; Ders., Tegernseer Prognostica, Münchn. Texte 8, 114 f. u. Komment. 2. Hälfte S. 216-22; s. auch Münchn. Mus. III 233 f. 365 f. — Rezepte: J. V. Zin- gerle, Recepte aus d. XII. Jh., Germ. 12,463-69; Piper, Nachträge zur alt. dt. Litt, in Kürschners Dt. Nat.-Litt. S. 262; Wilhelm, Recept gegen Stein, Münch. Texte 8, 53 u. Komment. 2. Hälfte S. 135-37; Sudhoff, Zwei deutsche Rezepte aus dem 14. Jh., Arch. f. Gesch. d. Mediz. 8, 1915, 449 f.; Einzelne Rezepte oft in Handschriften. — Heilkräftige Segen: LG., I 1 Reg. S.467a. I 2 Reg. S.470f. II, 1 Reg. S.356f.; Wilhelm, Münchn. Texte 8, 49-53, Komment. 1. u. 2. Hälfte S. 125-35. — Medizin, Alchemie s. auch Günther Müller bei Walzel S. 35-38; u. oben Hartlieb, Steinhöwel. Niederdeutsche naturwissenschaftliche und medizinische Literatur Auch Niederdeutschland 1 hat im 14. und 15. Jahrhundert eine ansehnliche naturwissenschaftliche und medizinische Literatur aufzuweisen. Eine Gesundheitslehre ist der nd. Spiegel der Natur des Eberhard von Wampen (aus dem Fürstentum Rügen), ein 1325 für einen schwedischen König geschriebenes Gedicht (erhalten sind 1775 V.). 2 In Bremen entstand das (Bremer) Arzneibuch desArnoldus Doneldey, so benannt nach dem Ratsherrn Arnold D., der es veranlaßt hatte, 1382; Franz Willeke, Das Arzneibuch des Arnoldus Doneldey, 1912, dazu Borchling, Nd. Korrbl. 33, 74-76; Das Bremer niederdeutsche Arzneibuch des Arnoldus D., hgb. von Ernst Windler, 1932, dazu Schröder, Anz. 51, 148; Sudhoff, Stammlers Verfasserlex. 1, 442 f. Eine Gothaer Hs. des 15. Jh.s enthält eine Düdesche Arstedie, das „Gothaer" Arzneibuch; hgb. Sven Norrbom, Das Gothaer mnd. Arzneibuch u. seine Sippe, dazu Schröder, Anz. 42, 189 f., Klapper, ZfdPh. 50,471-73, Behaghel, Lbl. 1927, 339 f., Psilander, Nd. Jb. 47, 77, Teuchert, Zs. f. dt. Mundarten 1923, 131, Priebsch, Mod. Lang. Rev. 18,230 ff. — Borchling, 1 Jellinghaus, Pauls Grundr. II 2 , 380; 2 Hgb. E. Björkman, Everhards 0 v. W. Spie- Stammler, Die deutsche Hansa u. die deutsche gel der Natur, Uppsala Univers. Arsskr. 1902. Literatur, Hansische Geschichtsblätter 1919, — Roethe, ADB. 41, 132 f.; W. Seelmann, 49f.; Ders., Gesch. d. nd. Lit. S. 50; Borch- Nd. Jahrb. 10,1884; 114-18. 11, 118-25, dazu ling, Janus 7, 1902; Willeke, Doneldey H. Brandes, ZfdPh. 17, 502 f.; Jellinghaus, behandelt auch andere mnd. Arzneibücher.— Gesch. d. mnd. Lit. 3 , 1925, 75 f.; L. Wolff, Conrad Borchling gibt eine Sammlung mnd. Stammlers Verfasserlex. 1,474-77. Arzneibücher heraus. 650 Lehrhafte Dichtung des 14. und 15. Jahrhunderts Zur mnd. Medizin, Nd. Korrbl. 22, 69-71 (über mnd. dem Gothaer Arzn. verwandte Arzneibücher). — Borchling, Die mnd. Arzneibücher, Extrait de Janus Jahrg. 7 (1902). — v. Oefele, Zur mnd. Medizin, Nd. Korrbl. 22, 49 f. (eine Stelle des Gothaer Arzneibuches stimmt überein mit einem ägyptischen Pypyrus). — F. v. Oefele, Angebliche Practica des Bartholo- maeus von Salerno, Schüler des Constantinus Salernitanus usw., ohne Ort u. Jahr (s. Berl. JB. 1901 S. 166); F. v. Oefele, Mnd. Parasitologie, Arch. de Parasitologie 5, 1902, 67-94. — W. Kassun, Das Utrechter mnd. Arzneibuch grammatisch untersucht, Hamburg. Diss. Auszug 1922, dazu Agathe Lasch, Nd. Korrbl. 39, 13. — A. Elvert, Sprache und Quellen des Wolfenbüttler Heilkräuter- und Arzneibuches, Hamburg. Diss. Auszug 1923, dazu Nd. Korrbl. aaO. — Libellus herbarius mnd. s. Zacher, ZfdPh. 12, 201 f. — Meister Heinrichs v. Braunschweig Vorschriften gegen Scorbut, hgb. vonW. H. Mielck, Nd. Jb. 27, 1901, 139-41. — Mnd. Arzneibücher s. auch Nd. Jb. 15, 105-49; Nd. Korrbl. 24, 50 f. 94 f. — Astronomisch-medizinischer Traktat, Priebsch, Dt. Hss. in England I S. 140. — Gedicht vom Sternkreise, Petersburger Hs. von 1428, ein anderes in einer Wolfenbüttler Hs., ein drittes Von der Weltschöpfung und der Kraft der Gestirne, Jellinghaus 3 aaO. S.25. — Nd. Steinbücher ebda.— Suolahti-Psilander, ZfdWortforschung 10, 225 f., Ein alter Ausdruck der deutschen Arzneikunde (mnd. huk). — K. Regel, Zwei mnd. Arzneibücher, Nd. Jahrb. 4, 5-26. 5, 61-100; Arzneibuch des Nikolaus Frauenlob 15. Jh. (ungedruckt): Sudhoff, Stammler Verfasserlex. 1,657. — W. Crecelius, Rezepte für Bereitung von Kräuterbier (15. Jh., mnd.), Nd. Jahrb. 4, 89 f. — Nd. Rezepte: Stammler, Mnd. Leseb. Nr. 44 S. 66 u. Anm. S. 139. — Diätregeln: Priebsch, Dt. Hss. in England I S. 314 f. (nd.); J. Klapper, Mittelalterl. Gesundheitsregeln in Schlesien, Mitteil. d. Schles. Ges. f. Volkskde 33, 1933. Kochbücher. Kalender Kochbücher geben Anweisungen, was und wie man kochen soll, es sind also Lehren der Kochkunst. Das Buch von guter Speise mit Einleitung in 10 Reimpaaren, die beginnt Diz buoch sagt von guoter spise, in der Würzburg, (jetzt Münchener) Hs. des Michael de Leone (s.oben) um 1350, darum auch Würzburger Kochbuch genannt. 1 Das Kochbuch von Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch, Basler Hs. von 1460, ist mit einem gewissen Humor gewürzt; Auszug von Wackernagel, ZfdA. 9, 365-73, wo noch weitere handschriftliche Kochbücher verzeichnet sind. — Ein alemannisches Büchlein von guter Speise, hgb. Birlinger München. SB. 1865 Nr. 2. 3 u. SA. (mit Verzeichnis anderer Kochbücher), vgl. Anz. f. Kunde d. dt. Vorz. 1865, 439. Den Kalender betreffende Schriften sind mehrere vorhanden, die zum Teil zugleich Gesundheitsregeln geben. Am wichtigsten ist Das heilige Namenbuch des Konrad vonDankrotzheim, 2 ein Gedicht (i.J. 1435), in dem die 1 Hgb. Maurer-Constant, Lit.Ver. 9, 1844; 34, 138^3, Cbl. 1880, 1590-92; Martin, Zum Auszug: Wackernagel, ZfdA. 5, 11-16. — heil. Namenb. von K. Dangkr., Straßbg. Stud. Ders. LG. I 2 , 437; Naumann, Ad. Prosaleseb. 2, 501^4; Über Cisio-Janus als Schulbuch s. S. 118 f. — Schröder erweist den König vom Johannes Müller, Quellenschriften u. Gesch. Odenwald als Verfasser, Die Gedichte des des deutschsprachl. Unterrichtes, 1882, 234ff. K. v. O. (s. ob.) S. 26 ff.; s. auch Schröder, — Lit. s. Wackernagel, LG. I 2 , 365 f.; Gott. Nachr. 1917, 163. Goedeke, Grundr. I 2 , 306; Niewöhner, 2 Hgb. Karl Pickel, Das heilige Namenb. Stammlers Verfasserlex. 1, 401^03. — R- von Konrad Dangkrotzheim mit einer Unter- v. Liliencron, Deutsches Calendarium aus d. suchung über die Cisio-Jani, 1878, dazu XIV. Jh., ZfdA. 6, 349-69 (die Heiligentage Steinmeyer, Anz. 6,88-91, Bech, Germ. 24, jedes Monats und für jeden Monat bemerkt, 422-27, Roediger, Zs. f. d. Gymnasialwesen ob man „lassen" [zu Ader lassen] soll). — Kochbücher. Kalender 651 Heiligentage durch das Jahr aufgezählt werden mit besonderer Hinsicht auf die Kinder, den jungen zu bericht. Es ist ein sog. Cisiojanus, Verzeichnis der Monatstage der Heiligen. Der Verfasser lebte in Hagenau, ist gestorben 1435. Wahrsagebücher. Otto Ficker, Das Heidelberger Wahrsagebuch, 1907; Prophezeiungen für alle möglichen Fälle des Lebens, in je einem Reimpaar; s. auch Bartsch, Katalog der Hss. der Heidelb. Univ.-Bibl. S. 4. — Rob. Vian, Ein Mondwahrsagebuch; enthält auch dessen Ausgabe; Wahrsagungen in Reimpaaren aus dem Stande des Mondes, dazu Schröder, Anz. 35, 279 f., Priebsch, DLz. 1914, 2784-86; s. auch Schröder, ZfdA.50, 135 (Bruchstücke einer Hs. dieses Mondwahrsagebuchs). — Kaiserprophezeiungen s.oben. Traumbücher. G. Gotthardt, Traumbücher des Mittelalters, Progr. Eisleben 1912; Graffunder, Daniels Traumdeutungen, ein mittelalterl. Traumbuch in deutschen Versen, 1441, wohl ostfränk. Meteorologie; G. Hellmann, Meteorologische Volksbücher, 1891, 2. Aufl. 1895; meteorologischen Inhalt hat Konrads v.Megenberg Buch der Natur, außerdem der Lucidarius (s.oben). — Das Wetterbüchlein (wie man das Wetter im voraus erkennen kann), gedruckt 1485, dann viele Auflagen; Verf. Leonhard Reinmann; Einleitung 15 Reimpaare; am Schluß Paurn Regeln in Reimpaaren. — Bauern-Practica oder Wetter-Büchlein 1518; Original älter; Reimpaare. —• Johannes Engel, Deutsche Praktik für 1488, Stammler in Stammlers Verfasserlex. 1, 567. 5. GRAMMATIK UND SPRACHE Grammatik. Fragmente eines lat.-deutschen Donatus minor, hgb. Johannes Müller, Quellenschriften u. Gesch. d. deutschsprachl. Unterrichts, 1882, 1-7. 217 ff. — Synonymik, erst 16. Jh. [1550]: Schröder, Jakob Schöpper von Dortmund u. seine deutsche Synonymik, Univ. Progr. 1889; Karl Schulte-Kemminghausen, Die Synonyma Jakob Schöppers neu hgb., 1927 (dazu Schröder, Anz. 46, 120, Behaghel, Lbl. 1930, 3 f.). — Verslehre: Jos. Klapper, Aus einer deutschen Verslehre, ZfdPh. 47, 94-98, in Versen, Ende 15. Jh. — Vokabulare: Bir- linger u. Crecelius, Vocabularius Latino-Silesiacus 14. 15. Jh., Ad. Neujahrsblätter für 1874 von Birl. u. Crec. Sp. 53-74; Alois Bernt, Ein Beitrag zu mittelalterl. Vokabularien, Prager dt. Pickel, Zwei deutsche Cisio-Jani, ZfdA. 24, land I S. 338^3 (Prognostica für das begin- 132-44 (beide in Reimpaaren). — Grazer nende Jahr und Gesundheitsregeln für die ein- Monatsregeln (sind Gesundheitsregeln), Schön- zelnen Monate und im Allgemeinen) und Bd. bach, ZfdA. 20, 180-84; Piper, Nachträge II, Reg. S.342. — Tegernseer Prognostica: S. 265; Wilhelm, Münchn. Texte 8, 48 f. u. Wilhelm, Münch. Texte VIII, 114 f. u. Kommentar 1. Hälfte S. 123-25 — Grazer Komment. 2. Hälfte S. 216-22. —Schon gegen Cisiojanus: Jeitteles, Germ. 21,338^16; K.E. Ende des 12. oder Anfang des 13. Jahrhunderts H. Krause, Germ. 22, 286-90. — Wind- ist entstanden eine „Deutsche Nativität des berger, Kalendernoten, schon zwischen 1167 XII. Jahrhunderts", Bruchstück, hgb. Keinz, u. 1187 geschrieben, Wilhelm, Münch. Texte Germ. 24,292 f. (Prophezeiung aus der Stunde, 8, 113 f. u.Kommentar 2. Hälfte S. 214-16.— in der ein Mensch geboren ist). — Jak. Alex. Reifferscheid, Ein niederrheinischer Grimm, „In welchem Zeichen man Freunde Cisiojanus des 15. Jh.s, J. M. Wagners Arch. kiesen solle", ZfdA. 8, 542-44 u. Kl. Sehr. 7, für Gesch. deutscher Sprache u. Dichtung, 326-28 (Zeichen = Himmelszeichen des Tier- 1874,507-10 (12 Strophen zu je 3 Reimpaaren), kreises, nach den 12 Monaten; etwa 50 unge- — Monatsregeln: Priebsch, Dt Hss. in Eng- naue Reimpaare). 652 Lehrhafte Dichtung des 14. und 15. Jahrhunderts Stud. 8, 1908, 435-55 (mit Abdruck einer Hs.); Konr. Gusinde, Konrad von Heinrichau u. die Bedeutung der altschlesischen Vokabulare für die Mundartforschung u. Volkskunde, Festschr. zur Jahrhundertfeier der Universität Breslau, 1911, S. 374-400. Konr. war Mönch in Heinrichau in Schlesien; das Vokab. ist abgefaßt 1340 (s. auch Hoffmann, Fundgruben I, 349 f.). Alle drei genannten Vokabulare sind Versionen eines Originals. — „Von der Bedeutung der Buchstaben"; dies Werk hat keinen sprachlichen Zweck, sondern die Buchstaben des Alphabetes, der Reihe in je einem kurzen Satz aufgezählt, bedeuten jeder eine religiöse, sittliche Pflicht. In der Einleitung wird empfohlen, morgens den Psalm Miserere mei deus zu lesen; der erste Buchstabe auf dem zu lesenden Blatt hat jeweils eine Bedeutung, z. B. A = daz bezaichent langez leben odergrozzengewalt,C= Siechtum oder Tod, V=Dusiecfts< liebn freunt (Wilhelm, Münchn.Texte8, Komment. 2. Hälfte S. 211). Verschiedene Fassungen: Hgb. Martin, ZfdA. 13, 368 (mittelrheinisch); Steinmeyer, ZfdA. 17,84; Schönbach, ZfdA. 18,81 f. (Hs. 12. Jh.) u. Sievers, ebda S. 297 (lat.); Sievers, ZfdA. 21,189 f. (angelsächs.); Schönbach, ZfdA. 34, 1—6 (verschiedene Fassungen u. Abdruck derselben); Wilhelm, Münch. Texte 8, 113 u. Komment. 2. Hälfte S. 210-14 (verschiedene Fassungen und Abdruck derselben). X. RENAISSANCE UND HUMANISMUS Literatur Konrad Burdachs Forschungen: Sein großes Werk „Vom Mittelalter zur Reformation, Forschungen zur Geschichte der deutschen Bildung", bis jetzt 3Bde in je 2 Teilen u. Register Bd. 3 dritter Teil, 1893-1932; Ankündigung der 2. Aufl., Brunn 1898, Die pfälzischen Witteisbacher u. die ad. Hss. der Palatina, Cbl. f. Bibliothekswesen 5. Jahrg. S. 111-33 u. Vorspiel I, 2, 70-99; Zur Kenntnis ad. Hss. u. zur Gesch. ad. Lit. u. Kunst, ebda 8. Jahrg. S. 1-21. 145-76. 324-44. 433-88, Vorspiel I, 2, 100-26; Forschungen zur Gesch. der nhd. Schriftsprache, SB. d. Preuß. Ak. 1894 ff. u. Vorspiel I, 2,1-69 usw.; Nachleben des griech.-römischen Altertums in d. malterl. Dichtung u. Kunst und deren wechselseitigen Beziehungen(1895), Vorspiel I, 1, 49-100; Besprechung von Ant. Weisz, Aeneas Sylvius Piccolomini als Papst Pius IL, sein Leben und sein Einfluß auf die literar. Cultur Deutschlands, Cbl. 1898, 651-54 u. Vorspiel I, 2, 262-66; Forschungen zum Ursprung der nhd. Schriftsprache u. des Humanismus, SB. d. Preuß. Ak. 1903 u. Vorspiel I, 2, 141-202; Forschungen z. Gesch. der nhd. Schriftsprache, SB. d. Preuß. Ak. 1904-10; Über den Prosadialog „Der Ackermann aus Böhmen" vom Jahre 1399, SB. d. Preuß. Ak. 1905; Forschungen z. nhd. Sprach- u. Bildungsgesch., SB. d. Preuß. Ak. 1911-31; Über zwei bühmisch- schlesische Formelbücher in lat. u. deutscher Sprache aus d. Anfang des 15. Jh.s, SB. d. Preuß. Ak. 1907, 373; Über das handschrift. Fortleben der Briefe des Cola di Rienzo, ebda 1909, 639; Sinn und Ursprung der Worte Renaissance u. Reformation, ebda 1910,594-646.1220, wieder abgedruckt in Reformation, Ren. Hum. (s. unten); Briefwechsel des Cola di Rienzo, hgb. von K. Burdach u. Paul Piur, Teil I-V 1912. 1913. 1928. 1929. 1930; Der juristische Rahmen des altdeutschen Streitgesprächs „Der Ackermann aus Böhmen", SB. d. Preuß. Ak. 1913, 561; Über den Ursprung des Humanismus, Dt. Rundschau 40,1914, Febr. März, April; Deutsche Renaissance in Deutsche Abende 4, 1916, 2. Aufl. 1918; Der Ackermann aus Böhmen hgb. v. Alois Berntu. Konrad Burdach [Vom Mittelalter zur Reformation 3. Bd. 1. Teil], 1917; Reformation, Renaissance, Humanismus, 1918, 2. Aufl. 1926; Platonische u. freireligiöse Züge im „Ackermann aus Böhmen", SB. d. Preuß. Ak. 1921, 305; Die Lehre des Platonischen Timaios von der kosmischen Stellung der Erde, Neue Jahrbücher f. d. klass. Altert. 49, 1922, 254-78; Dante u. das Problem der Renaissance, Deutsche Rundschau 50, 1924, 129-54. 260-77; Die nationale Aneignung der Bibel u. die Anfänge der german. Philologie, Festschr. Mogk 1924 S. 1-14. 231-334; Vorspiel Bd. I erster Teil Mittelalter, zweiter Teil Reformation u. Renaissance, 1925; Keime des Frühhumanismus in Schlesien am Ausgang des 14. Jh.s, SB. d. Preuß. Ak. 1925, 322; Moderner Geschichtssubjektivismus u. die Berliner Geschichtswissenschaft, Euphorion 26, 1925, 321^41; Der Dichter des Ackermann aus Böhmen u. seine Zeit, mit einer Einführung in das Gesamtwerk [Vom Mittelalter zur Reformation 3. Bd. 2. Teil], 1926-32; „Der Ackermann aus Böhmen" — ein Werk sudetendeutscher Kultur, Mitteil. d. Ak. f. wissenschaftl. Erforschung des Deutschtums in München, 1926, 166-83; Schlesisch-böhmische Briefmuster aus der Wende des 14. Jh.s, unter Mitwirkung von Gustav Bebermeyer hgb., 1926; Die Kulturbewegung Böhmens und Schlesiens an der Schwelle der Renaissance, Euphorion 27, 1926,493-521; Berlins nationaler geistiger Beruf u. die sudetendeutsche Kultur, ZfdtBildg 2, 1926, 251-71; Aus Petrarcas ältestem deutschen Schülerkreise, 1929; Ein literarisches Denkmal aus Petrarcas ältestem deutschen Schülerkreise, SB. d. Preuß. Ak. 1929, 272; Schriften Johanns v. Neumarkt, unter Mitwirkung Konrad Burdachs hgb. v. Jos. Klapper I. Buch der Liebkosung, Übersetzung des pseudoaugustinischen Liber soliloquiorum, 1930; Wissenschaftliche Eindrücke eines alten Germanisten, 1930; Burdach- Bibliographie 1880-1930, dargebracht von Freunden und Schülern 1930; Burdach, Vom Mittelalter zur Reformation 7. Bd.: Petrarcas Briefwechsel mit deutschen Zeitgenossen, hgb. v. Paul Piur, 1933; A. Oelsner, Der Ackermann und der Tod als eine Zeit- und Menschheitsdichtung, ZfdtBildg 9, 1933, 1. Georg Voigt, Die Wiederbelebung des klassischen Altertums oder das erste Jahrhundert des Humanismus, 2. Aufl. 2 Bde, 1881 f.; Rud. v. Raumer, Gesch. d. german. Philologie, 1870, 654 Renaissance und Humanismus S. 5 ff.; L.Geiger, Renaissance u. Humanismus in Italien u. Deutschland, 1882; Strauch, Pfalzgräfin Mechtild in ihren literar. Beziehungen, 1883 (s. oben); Max Herrmann, Albrecht von Eyb u. die Frühzeit des Humanismus, 1893; Ders., Die Rezeption des Humanismus in Nürnberg, 1898; Paul Joachimsohn, Frühhumanismus in Schwaben, Württemberg, Vierteljahrshefte f. Landesgesch. NF. 5, 1896, 63 ff. 257 ff.; Karl Hartfelder, Deutsche Übersetzungen klassischer Schriftsteller aus d. Heidelberger Humanistenkreis, Progr. Heidelbg. 1884; Böhmische Frührenaissance: Castle, Merker-Stammler Reallex. 2,581 ff. 594ff.; Paul Joachimsen, Humanismus u. Renaissance, Dt. Lit. in Entwicklungsreihen, 6 Bde, 1930 ff.; Günther Müller, inWalzels Handbuch der Literaturwiss.; Ders., Aufriß der dt. LitGesch. 2 , 1931, S. 60; Rich. Newald, Beiträge zur Gesch. des Humanismus in Oberösterreich, Jahrb. d. Österreich. Musealv. Bd. 81, 1926, 153-223 u. SA.; Ders., D. südostdeutsche Humanismus u. d. dt. Prosaliteratur des 15. Jh.s, Literaturwissenschaft!. Jahrb. der Görres-Gesellsch. 3, 1928, 28-44. Castle, Humanisten in Österreich, Merker-Stammler Reallex. 2,594 ff.; Henrik Becker, Das Epos in der dt. Renaissance, Beitr. 54, 201-68; Goedeke, Grundr. I 2 , 358-72. 405-57. Anfänge Die Kulturwendung, die neue Geistigkeit, die wir unter dem Namen „Renaissance", „Wiedergeburt", begreifen, hat ihren Ursprung in Italien. Nach Deutschland kamen leichte Ausstrahlungen dieser Entwicklung schon gleich bei ihrem Beginn, und zwar waren es Karl IV. und sein Kanzler Johann von Neu markt, die die zunächst sehr äußerlichen Einflüsse aufnahmen. Bei Karl IV. verweilte der römische Tribun Cola di Rienzo, um ihn für seine politischen Pläne zu gewinnen, Petrarca stand mit ihm in Briefwechsel. Zunächst betrafen die neuen Anregungen nur eine Verbesserung der Kanzleisprache und der Briefformulare in latinisierender Syntax, ein Gebiet, das zu dem Geschäftskreis Johanns von Neumarkt 1 gehörte. Auch übersetzte dieser zwei geistliche Werke aus dem Lateinischen: die (pseudo-) augustinischen Soliloquien (für Karl IV.) und später, viel gewandter und freier, das Leben des heil. Hieronymus. 2 Hundert Jahre später wirkte als Sekretär in der kaiserlichen Kanzlei in Wien (1443-55) ein hervorragender italienischer Gelehrter für die Verbreitung des italienischen Humanismus in Deutschland, Aeneas Sylvius Picco- 1 Siehe oben Burdach, Cbl. f. Bibliotheks- Archiv für Kulturgesch. 20, 1929, 16-25; E. wesenVIII4. u. 5., 7. u. 8. Heft; Ders.,Schles.- Schieder, Neues über Joh. v.N., Zs.d.Ver.f. böhm. Briefmuster; ferner: Vom Mittelalter Gesch. Schlesiens65,1932; Stammler, Von der z. Reformation, Bd. VI Schriften Johanns v. Mystik zum Barock S. 17 f. u. Anm. S. 462. Neumarkt hgb. u. Bd. 3 Teil 3 Reg. S. 30; 2 Ant. Benedikt, D. Leben des heil. Hiero- Buch der Liebkosung; Ein literar. Denkmal nymus in der Übersetzung des Bischofs Jo- aus Petrarcas älterem dt. Schülerkreise; Der hann VIII von Olmütz hgb., 1880, dazu Notar Johannes von Gelnhausen, Cbl. f. Bibl. Martin, Anz. 6,313-17, Behaghel, Lbl. 1880, aaO., DLz. 1898, 1958-65 u. Vorspiel 1,2, 233; Jos. Klapper, Joh. v. Neumarkt, Schrif- 253-61. — Martin, Anz. 3, 112 f. 281; Jean ten 2. Teil, Hieronymus usw., Vom MA. z. Lulves, Die summa cancellariae des Joh. Ref. Bd. VI Teil 2, dazu Ranke, DLz. 1933, v. Neumarkt, eine Handschriftenuntersuchung 601 f.; Stil: Wenzlau, Zwei- u. Dreigliedrig- über die Formularbücher aus der Kanzlei K. keit in d. dt. Prosa des 14. u. 15. Jh.s, 1906. — Karls IV., 1891, dazu Burdach, Cbl. 1892, Ant. Sattler, Die Pseudo-Augustin. Soli- 240; W. H. Jellinek, Gesch. der nhd. loquien in der Übersetzung des Bisch. Joh. Gramm., 1913, 41 f.; Alfred Hansel, Jo- v. Neumarkt hgb., 1904; Buch der Liebhanns v. Neumarkt kirchliche Laufbahn, kosung, Übersetzung des Pseudoaugustini- Bresl. Diss. Masch. druck; Stammler, Fest- sehen Liber soliloquiorum unter Mitwirkung schrift Ehrismann, 1925, 171 ff.; Emil Schie- Konrad Burdachs hgb. v. Jos. Klapper che, Die Herkunft Johanns v. Neumarkt, I. Teil 1930. Anfänge. Der Ackermann aus Böhmen 655 lomini (Eneo Silvio de' Piccolomini), der spätere Papst Pius II. 1 Doch auch deutsche Gelehrte sahen jetzt das Ideal der Bildung in dem Studium des klassischen Altertums, so —wie es sich in ihren lateinischen Schriften kundgibt — der Züricher Dr. jur. et theol. Felix Hemmerlin (gest. etwa 1460), der auch ein deutsches Buch „Vom Adel" schrieb (dem Erzherzog Albrecht VI. von Österreich zugeeignet), und der Jurist Gregor von Heimburg (gest. 1472). 2 Die Gründung der Universitäten hatte zunächst, da sie noch stark von der Scholastik beherrscht wurden, nur geringen Einfluß auf das Studium der klassischen Literatur und damit auf die Ausbildung des Humanismus. Erst Freiburg (1457), Basel (1460), Tübingen (1477) zeigten humanistische Bestrebungen; Wittenberg (1502) pflegte zuerst klassisch-humanistische Bildung. Die „Humanisten" des 15. Jh.s sind in Deutschland überhaupt nicht die Träger einer neuen Weltanschauung, einer „Renaissance", einer Wiedererweckung des klassischen Altertums wie in Italien,'und die im folgenden zu besprechenden Dichter haben nur Stoffe von dorther übernommen und vielleicht eine gewandtere Sprache; erst die Humanisten des 16. Jh.s, Erasmus, Reuchlin, Melanchthon und andere geistige Führer dieser Zeit tragen diesen Namen in seinem vollen Umfang. Die italienischen Dichter, aus denen die deutsche Literatur in dieser Zeit schöpfte, sind Petrarca, Boccaccio und Poggio. 3 Der Ackermann aus Böhmen An der Spitze der Renaissanceliteratur in Deutschland steht der Ackermann aus Böhmen, das Streitgedicht zwischen einem Witwer und dem Tode, eines der weisheitsvollsten Werke des deutschen Mittelalters. Lit. Ausg.: Johann Knieschek, Der Ackermann aus Böhmen hgb. u. mit dem tschechischen Gegenstück Tkadlecek verglichen, 1877; jetzt maßgebend: Alois Bernt u. Konr. Burdach, Der Ackermann aus Böhmen, Vom Mittelalter zur Reformation 3. Bd. 1. Teil, 1917, 2. Teil 1926, 3. Teil Register 1932 (Text [1. Teil] mit ausführlichem Glossar von Bernt und äußerst wertvollen Erklärungen von Burdach S. 159-414); A. Bernt, Der Ackermann aus Böhmen, ein Streit- u. Trostgespräch aus dem Jahre 1400, 1925; Ders., Der Ackermann aus Böhmen des Johannes von Saaz (billige Textausgabe von 1917), 1929, dazu Schröder, Anz. 51, 116-19, Götze, Lbl. 1933 Sp. 10, Ranke, DLz. 1930, 1371 f., Teuchert, Teuthonista 7,151. — Übertragungen ins Neuhochdeutsche: Bernt, 1917; Rud. Frank (in heutiges Deutsch übertragen u. für die Bühne hergerichtet), 1921; Gust. Guth, 1921; Art. Roessler, 1922; Alw. Müller, 1925; H. Böhm, 1927. — Abhandlungen Burdachs üb. d. Ackermann (s. ob.): Auszug aus Burdachs Werken ob.; Cbl. f. Bibliothekswesen VIII, 4. u. 5. H. S. 152; Über den Ursprung des Humanismus, Deutsche Abende S.41; Piaton. u. freireligiöse Züge im Ackerm.; Die Lehre des piaton. Timaios; Böhmens Anteil an d. Renaissance in Deutschland; Moderner Geschichtssubjektivismus; „Der Dichter des Ackerm. u. seine Zeit; Der Ackerm. aus Böhmen" — ein Werk sudetendeutscher Kultur; Berlins nationaler geistiger Beruf. — Andere Abhandlungen über den Ackermann: Martin, Anz. 3, 114; K. Stolze, Der zusammengesetzte Satz im A. a. B., Bonner Diss. 1889; Leitzmann, Die Abfassungszeit des A. v. B., Beitr. 32, 297 f.; Wentzlau, Zwei- u. Dreigliedrigkeit aaO.; 1 Ant. Weiss, Aen. Sylv. Picc. s. ob. 3 Siehe oben Burdach, Aus Petrarcas älte- Stammler, Von der Mystik zum Barock stem dt. Schülerkreise u. ein literar. Denkmal S. 22 f. u. Anm. S.463 (Lit.). aus Petrarcas dt. Schülerkreise; Bobertag, 2 Stammler aaO. S. 21 f. 23 f. u. Anm. S. 423. Gesch. d. Romans 1, 87-94. 656 Renaissance und Humanismus - Helm, Zum A. a. B., Hess. Blätter f. Volkskunde 12,1913,217 f.; Ulr. Stutz, Rechtshistorisches in u. zu dem A. a. B., Zs. d. Savigny-Gesellsch. f. Rechtsgesch. 41, 1920, 388-90; Franz Rolf Schröder, Stellen zum Ack., GRM. 10, 1922,372-75; Helmut Wocke, D. Ack. a. Böhm., Neue Jahrb. f. d. klass. Alert. 49, 1922, 279-88; Rud. Meissner, „Dein Klag ist one reimen", Festschr. Walzel, 1924, 21-38; Osk. Steigerwald, Die transzendente Richtung im sog. St. Georgener Prediger u. d. Auflehnung dagegen imA. ausB., Würzburg. Diss. 1924, Masch.druck; Walth. Rehm, Zur Gestaltung des Todesgedankens bei Petrarca u. Joh. v. Saaz, Dt. Vjschr. 5, 1926, 435-55; Helmut Wocke, D. Dichter des A. a. B., sein Werk u. seine Zeit, Neue Jahrb. f. Wissenschaft u. Jugendbildung 3, 1927, 562-68; Stammler, Von der Mystik zum Barock S. 19-21 u. Anm. S. 463 u. Reg. S. 547 unter Joh. v. Saaz; Günther Müller in Walzels Handb. d. Lit.- Wissensch. S. 53 ff.; Rehm, D. Todesgedanke in der dt. Dichtung vom MA. bis zur Romantik, 1928, S. 115-37; F. W. Strothmann, Die Gerichtsverhandlung als literar. Motiv, 1930, S. 14 ff. 31 ff.; Günther Müller, Aufriß hgb. v. Korff u. Linden 2 , 1931, 60; Bernt, Forschungen zum A. a. B., ZfdPh. 55,160-208.301 ff.; Ders., Zur Person des Ackermanndichters, ebda 56,188-94; K. Beer, Einige Bemerkungen zur neueren Ackermannforschg., ebda 183-85 (wird im 3. Jahrg. des Jahrb. f. Gesch. d. Deutschen in Böhmen in erweiterter Form erscheinen); L. L. Hammerich, D.Dichter des Ackermann, ebda S. 185-88. — Hss.: Bernt, Ausg. 1917, verzeichnet 15 Hss. (Hs. Ps. Einleitung zu dieser Ausg. S. VIII f. u. S. XIV-XVIII) u. 17 Drucke; s. ferner Ernst Kossmann, D. Handschriftenverhältnis im Ackerm. von Böhmen, ZfdA. 28, 25-35 (veraltet); Gottfr. Zedler, Die Bamberger Pfisterdrucke, Veröffentlichungen der Gutenberg-Gesellsch. X. XI, 1911 (s. Bernt, Ausg. S. 94 ff.); Ders., Der A. a. B., das älteste mit Bildern ausgestattete u. mit beweglichen Lettern gedruckte deutsche Buch u. seine Stellung in der Überlieferung der Dichtung, 16. Jahresber. der Gutenberg-Ges. u. SA., 1918; Bresmadruck der Kunstanstalt Max Breslauer 1924 (Faksimile einer Inkunabel von 1474); L. Jutz, Eine Innsbrucker Ackermannhs., Arch. 154, 1-17. Der Verfasser macht in einem Bilde Andeutungen über seine Person: Ich bins genant ein ackerman, von vogelwat ist mein pflüg, ich wone in Behemer- lande Kap. 3, 1 (Bernts Text S. 7, Burdach S. 183); Ackermann nennt er sich, „als Vertreter des natürlichen, schaffenden und sich mühenden Menschentums in Anlehnung an Genesis 3, 17-19. 23" (Burdach aaO.); vogelwat = Vogelkleid ist die Schreibfeder, „einen Pflug legt sich der Dichter bei, weil er sich als ,Ackermann' hinstellt". Seinen Wohnort buchstabiert er als Sacz in Behemer lande Kap. 4, 6-8 (Text S. 9); seinen Vornamen, Johannes, läßt er im Akrostichon der Abschnitte des Schlußkapitels (Kap. 34) erkennen. Burdach (Vom MA. z. Ref. III, 2 S. 14-46 u. III, 3 Reg. S. 47) hält den adeligen Herrn Johannes Pflug von Rabenstein, der i. J. 1384 als Registratur in der königlichen Kanzlei in Prag nachgewiesen ist, für den Urheber. Dagegen haben neue urkundliche Forschungen (Bernt, Beer, Hammerich, ZfdPh. 55 u. 56 aaO.) dazu geführt, den Dichter in Johannes (de) Tepla zu sehen, der sich auch Johannes de Sitbor (Sohn des Henslin von Sitbor) nannte, zuerst in Saaz, dann 1411 in Prag Stadtschreiber war und um 1414 starb. 1 Der Dichter verlor im Jahr 1400 seine Frau Margarete, welches Ereignis seine Klage gegen den Tod hervorruft; bald darauf hat er eine zweite Frau, Clara, geheiratet. 2 1 Die Frage scheint noch im Fluß zu sein; Frau auch von Hugo v. Montfort, Wacker- s. Burdach, Über die Persönlichkeit des nell(s. ob.) S. XXXVII f. Lf.; Niclasv.Wyle Ackermanndichters, D. Dichter des Ack. a. B. (s. unt.), Translatzen Nr. 15. ed. Ad. v. Keller u. seine Zeit III, 2 S. 403-24. S. 321-24. 2 Klage eines Witwers über den Tod seiner Der Ackermann aus Böhmen 657 Das Werk ist ein Dialog zwischen dem Ackermann und dem Tod, und zwar ein Streitgespräch in Prozeßform in 33 Kapiteln, in denen abwechselnd einer der beiden das Wort führt; im Schlußkapitel (34) richtet der Ackermann ein Gebet an Gott für die Seele seiner Frau. In Kapitel 1-20 schleudert der Mensch haßerfüllt in höchster Erregung die wildesten Verwünschungen und Flüche gegen den Tod, dazwischen, Kap. 5, bricht er in eine ergreifende Totenklage um die Verstorbene aus. Der Tod verteidigt sich maßvoll: Alle Menschen müssen sterben, alle irdische liebe muss zu leide werden (Kap. 12 S. 25); Gott hat dem Tod die Erde anheimgegeben, er ist nötig, damit die Geschöpfe nicht infolge der Vermehrung einander auffressen (Kap. 8 S. 16 f.); der Tod ist ein Glück (Kap. 14), er ist gotes haut (Kap. 16 S. 33), das Alter ist ein Übel (Kap. 20 S. 46 f.). Von Kap. 21 an mäßigt sich die Stimmung des Ackermanns: „Euer Tadel ist erträglich, unterweiset mich, wie ich so unsägliches Leid aus dem Herzen austilgen soll, ratet, helfet" (S.47f.). In Kap. 33 spricht Gott das Urteil aus: ir habt beide wol gefochten, den einen (den Menschen) zwingt das Leid zu klagen, den andern (den Tod) zwingt die Anfechtung des Klägers die Wahrheit zu sagen; „darum, Kläger, habe Ehre! Tod, siege!" — Kap. 1-5 enthält die Exposition, die Erzählung der Streitsache, d. i. der Tod der Frau; die Anklage des Ackermanns, Kap. 6-20 stellt die Heftigkeit des Klägers dar, Kap. 21-32 die versöhnlicher gewordene Stimmung des Klägers, Kap. 33 enthält das Urteil Gottes, Kap. 34 das Schlußgebet des Ackermanns. Der ganze Verlauf ist von wechselnden Stimmungen durchtränkt, die von der maßlosesten Leidenschaft zu allmählicher Beruhigung und versöhnendem Abschluß führen. Betrachtet man die beiden streitenden Personen in ihrer psychologischen Verfassung, so steht der Ackermann ganz unter der Herrschaft des Gefühls, während der Tod die Vernunft vertritt. In seinen Aussprüchen liegt eine ganze Lebensanschauung, und so bieten sie eine Lebenslehre, ein Urteil über Sinn und Wert des Daseins. Die Auffassung des Todes ist die: Das Leben ist eitel und wert, daß es zugrunde geht; darum ist der Tod kein Übel, sondern vielmehr der größte Wohltäter, der uns den Weg zur himmlischen Wohnung eröffnet. Der Tod ist der Hüter der göttlichen Weltordnung. Er lehrt: Ertrage das Leben, indem du die Leidenschaften, Freude und Leid, dämpfst, kehre dich ab von dem Bösen und tue das Gute, über alle irdischen Dinge schätze ein reines und lauteres Gewissen! 1 In dem Tod und dem Ackermann stehen sich Ratio und Dolor gegenüber, wie in Petrarcas zweitem Gespräch in De remediis utriusque fortunae. Vor allem aber treten Pessimismus und Optimismus in der Bewertung der Menschennatur gegeneinander auf. Der Tod urteilt: Alle Menschen sind mehr zu Bosheit als zum Guten geneigt (Kap. 32, 12 S.79); er schreibt dem Menschen alle Gemeinheit zu, er wird in Sünden empfangen, er ist ein Kotfaß, ein Abort, 1 Ehrismann, Der Geist der dt. Dichtung im MA., Deutschkundliche Bücherei, 2. Aufl. 1931, S. 43. 42 Deutsche Literaturgeschichte IV 658 Renaissance und Humanismus ein faules Aas usw. (Kap. 24 S.55f.); desgleichen hat der Tod von den Frauen eine schlechte Meinung (Kap. 28 S. 27). Das ist asketische Mönchsmoral wie im Memento mori oder in Heinrichs v. Melk Erinnerung an den Tod (s. LG. II, 1, 184-86. 186-94). Der Ackermann dagegen sagt: Der Mensch ist von Gott gut geschaffen, Gott hat ihn nach seinem Bilde geschaffen (Kap. 25 S. 57), den Frauen zollt er hohes Lob (Kap. 29 S. 71). Der Ackermann ist der in der Welt lebende Mensch, er ist der Vertreter der Menschheit als der Adamsart, das Symbol des Adam Homo, der tätige Mensch, der seine sittliche Aufgabe darin findet, für dieses Leben zu wirken. Die Auffassung vom Tode schwankt bei dem Dichter; im wesentlichen folgt er der dogmatischen Christenlehre, wonach der Tod infolge der Sünde Adams der Sünde Sold ist, doch andererseits neigt er sich dem neuen Renaissancebegriff zu, „der Tod sei dem Menschen von Natur her eigen". 1 Der neue Geist der Renaissance kommt besonders in dem stoischen Vorstellungsbestand zum Ausdruck. Freiheit von Leidenschaften, die stoische Ethik der Apathie, wird angestrebt. Der Tod sagt (nach Petrarcas genannter Schrift): Wer die vier, Freude und Leid, Furcht und Hoffnung nicht ganz aus seinem Gemüte treibt, der muß allzeit mit Sorgen leben (Kap. 22 S. 50). 2 Zum Renaissancegehalt gehört auch die optimistische Lebensstimmung des Ackermanns, die Diesseitsstimmung. Und überhaupt ist das Todesproblem ein in der Renaissance beliebtes Motiv, für das hauptsächlich Petrarcas De remediis utriusque fortunae das Muster gibt, 3 und hieraus hat auch der Dichter des Ackermanns den Kern seines Werkes, den klagenden Witwer, und die Dialogform (bei Petrarca Vernunft und Leidenschaft) entnommen. 4 Anregung für die „Figur" des Ackermanns gab ihm auch das allegorische Gedicht Piers the Ploughman (Peter der Pflüger) des Engländers William Langland (um 1362). 5 Das meiste aber schöpfte er aus seinem eigenen Wissen, aus seiner klassischen „humanistischen" Gelehrsamkeit. Er zitiert Aristoteles (einmal allerdings ohne richtigen Grund, Burdach, Ausg. S.303), Pythagoras, Plato, benutzt Seneca; auch Personen aus der griechischen Mythologie kommen vor, dagegen weniges aus der deutschen Literatur (s. das Glossar Bernts S. 105-52). Der „Ackermann aus Böhmen" ist das erste Denkmal des deutschen Humanismus und zugleich die hervorragendste künstlerische Leistung desselben, ja des 14. u. 15. Jahrhunderts überhaupt, das Meisterstück der deutschen Prosadichtung bis zur Reformation, der Ausdruck einer leiden- 1 Rehm, Der Todesgedanke aaO. S. 125. s. Schönbach, ZfdA. 35, 227-37. 2 Die vier Affekte gaudium et dolor, spes et 4 Niclas v. Wyle (s. unt.) hat dasselbe Thema timor Burdach S. 302 ff.; Dilthey, Welt- in seiner 15. Translatz viel schwächer be- anschauung u. Analyse des Menschen seit handelt. Renaissance u. Reformation S. 21 ff. 416 ff. 5 Burdach, D. Dichter des Ack. a. B. u. u. ö. seine Zeit, Vom MA. zur Ref. 111,2, 167-371 u. 3 Wurde auch ins Deutsche übersetzt, Bruch- Gesamtregister 111,3,44-46; Vorspiel 1, 1,249. stücke aus einer Innsbrucker Hs. des 15. Jh.s, Dr. Johann Hartlieb 659 schaftlich bewegten Seele, in der die Worte der Erregung hoch aufwogen, die aber, wenn die Erschütterung sich mäßigt, auch für die Erwägung der Vernunft ein ruhigeres Sprachtempo zur Verfügung hat. So ist der Stil 1 ein wunderbar lebendiger Ausdruck in der Wortwahl und im Rhythmus des Geistes, der ihn geschaffen. Dieser Stil entspricht dem dramatischen Aufbau des Dialogs: das Toben und Wüten des durch den Verlust der Frau zur Verzweiflung getriebenen Menschen, die eiskalte Vernünftelei des Todes, beides kommt auch im sprachlichen Ausdruck zur Geltung. Charakteristisch für Wortwahl und Syntax ist die Wiederholung gleicher Gedanken durch Synonyma und Variationen. Die Pracht und Fülle der Worte, die in solchen gehäuften Abwechslungen liegt, zeigt besonders das Gebet am Schlüsse (Kap.34), wo Gott in gegen hundert verherrlichenden Varianten angerufen wird. Hier tritt der mittelalterlich dogmatisch gerichtete Mensch wieder hervor. Die zwei Gedanken des Gebetes, die Anrufung Gottes und die Bitte für die Seele der Frau, haben sehr ungleichen Umfang, alles Schwergewicht liegt auf dem ersten Teil, und der der ganzen Dichtung zugrunde liegende Abschnitt, der sich mit der verlorenen geliebten Frau beschäftigt, wird nur mit wenigen Worten berührt. Der Ackermann steht in der deutschen Renaissanceliteratur vereinzelt da, sowohl durch die Großartigkeit seiner Gedanken und die Weite seiner Kenntnisse als durch die glänzende, überwältigende Formensprache. In dem unvergleichlichen Werke tritt der Charakter der neuen Richtung hervor: Eine völlige Neuerung (Renaissance) gegenüber der mittelalterlichen Literatur bedeutet der „Humanismus" nicht, beide gehen noch in stärkerem oder geringerem Maße nebeneinander her. So sammelte die Pfalzgräfin und spätere Erzherzogin Mathilde von Österreich Prosaromane (s. oben), zugleich aber widmete ihr Niclas von Wyle einige Übersetzungen, ebenso widmete Steinhöwel der Eleonore von Schottland, die den Prosaroman von Pontus und Sidonia übersetzte (s.oben), sein Buch De claris mulieribus. 2 Dr. Johann Hartlieb An der Grenze des Humanismus steht Dr. Johann (Johannes) Hartlieb, 3 ein studierter Arzt, der viele, meistens lateinische Werke der mittelalterlichen Literatur übersetzte. Er war zu Neuburg a.d. Donau geboren, studierte auf Veranlassung des Herzogs Ludwig VII. von Bayern in Wien, wurde daselbst Bakkalaureus, dann 1433 Magister und Doktor; 1440 wurde er in München Leibarzt Herzog Albrechts III. und nach dessen Tode Herzog 1 Stil: Burdach, Ausg. S. 165-70; Ders., D. 3 Karl Drescher, Johann Hartlieb, Über Dichter des Ack. u. seine Zeit, Vom MA. zur sein Leben u. seine schriftstellerische Tätigkeit, Ref. III, 2 S. II ff.; Gesamtregister ebda III, 3 Euphorion 25, 1924, 225-41. 354-70. 569-90. S. 58; Ders., Dt. Abende S. 42 ff.; Ders., Wis- 26,341-64. 481-564 (mit Lit.); Wenzlau, senschaftl. Eindrücke eines alten Germani- Zwei- u. Dreigliedrigkeit aaO.; Günther sten S. 36 f.; Stammlar, Von der Mystik zum Müller in Walzels Handb.; Stammler, Barock S. 20; Günther Müller bei Walzel Von der Mystik zum Barock S. 256 f. 491. S. 54 f. — Oefele, ADB. 10, 670-72; Goedeke, 2 Gervinus 2 5 , 355. Grundr. I 2 , 359-61 (Lit., Drucke). 42* 660 Renaissance und Humanismus Sigmunds von Bayern und starb 1468. Sein Alexanderbuch, 1 geschrieben im Jahre 1444(?), ist eine Übersetzung des Liber de preliis (LG. II, 1, 246 f. 245 Anm.5) für die Gemahlin Herzog Albrechts III. von Bayern. (10 Hss., viele Drucke von 1472 bis 1573). —• Außerdem schrieb er noch folgende Werke: Übersetzung von des Andreas Capillanus Tractatus amoris 2 für Herzog Albrecht VI. von Österreich. — Übersetzung des Dialogus Miraculorum des Caesarius v. Heisterbach. 3 — Übersetzung der Legende von S. Brandanus. — Einige Schriften sind aus seinem ärztlichen Beruf hervorgegangen: Buch aller verbotenen Kunst für Herzog Albrecht v. Bayern 1456; es ist gegen die schwarze Kunst gerichtet, gegen Geomancia, Nigromancia, Chiromancia, was ihm alles als Teufelsspuk gilt. 4 Chiromantie; 5 Übersetzung der Schrift „Von warmen Bädern" des Felix Hemmerlin von Zürich (von Hans Folz zu einem Gedicht umgearbeitet); Übersetzung einer Schrift von Albertus Magnus „De secretis mulierum" (Das Buch Trottula über die Krankheiten der Weiber). — Hartlieb übersetzte nicht sklavisch, er bearbeitete diese Werke gleichzeitig, bezüglich des sprachlichen Ausdrucks hat er manches aus dem Kanzleistil übernommen. Niclas von Wyle Das Wesen des neuen Humanismus ist am stärksten ausgeprägt in Niclas von Wyle; 6 es ist gleichsam niedergelegt in seinen Übersetzungen, den 1 Siehe Rudolfs v. Ems Alexander ob. — Siegmund Hirsch, D. Alexanderbuch Johann Hartliebs, Pal. 82, 1909, dazu H. Becker, DLz. 1910, 801-04; E.Travnik, Über eine Raaber Hs. des Hartliebschen Alexanderbuchs, Münch. Mus. 2, 1913, 211-21; Hans Poppen, D. Alexanderbuch Joh. Hartliebs u. seine Quelle, Heidelberg. Diss. 1914; Mackensen, Volksbücher S. 74; Rich. Benz, J. Hartlieb, D. Buch d. Gesch. des großen Alexander, Die deutschen Volksbücher 6, 1924; Heinr. Samson, Beitr. z. dt. Märchen, Köln. Diss. 1931. 2 Siehe oben u. Eberhard v. Cersne; Hans Hofmann, Ein Nachahmer Hermanns v. Sachsenheim S.47 (s. ob.); H.G.Wieczorek, J. Hartliebs Verdeutschung von des Andr. Cap. Liber de reprobatione amoris, Breslauer Diss. 1929. 3 Ausg.: Joh. Hartliebs Übersetzung des Dial. Mirac. von Caes v. Heist., aus der einzigen Londoner Hs. hgb. v. Karl Drescher f, Dt. Texte des MA.s Bd. 33, 1929, dazu L. Wolff, Anz. 49, 207 f., Ranke, DLz. 1931, 256-59, Behaghel, Lbl. 1931, 87-89, Piquet, Rev. germ.21,1930, 379 f. 4 Ausg.: Dora Ulm, Johann Hartliebs Buch aller verb. Kunst untersucht u. hgb., 1914, dazu Hirsch, Anz. 38, 154-56, V. Moser, ZfdPh. 47, 270-72, F. Behrend, DLz. 1915, 1554, Behaghel, Lbl. 1916, 294 f.; Burdach, Vom MA. z. Ref. Bd. 3 Teil 3 Reg. S. 25. — J. Grimm, Dt. Mythologie 4. Ausg., 1878, Bd.3, 426-34. 6 Hgb. E. Weil, J. Hartlieb, Die KunstChiro- mantia, 1923. 6 Ausg. Adelb. v. keller, Translationen von Niclas von Wyle, Lit. Ver. Nr. 57, 1861. — Baechtold, Gesch. d. dt. Lit. in d. Schweiz, 1892, 225-10 u. Anm. S. 52-54, Reg. S.243; Singer, Die malterl. Lit. der dt. Schweiz, 1930,85-90.198. — Singer, Der Todestag des Niki. v. W., Anz. 12, 290; Strauch, Pfalzgräfin Mechthild, 1883, S. 14-25; Joh. Müller, Zur Biographie Niclasens v. W., Anz. f. Kde d. dt.Vorz. 1897 Nr. 1; R. Wölk an, Neue Briefe von u. an Niklas v. W., Beitr. 39, 524 -48. — Max Herrmann, Albrecht v. Eyb u. die Frühzeit des dt. Humanism., 1893, Reg. S.437; Burdach, Vorspiel 1,2, 83f.; Günther Müller bei Walzel S. 88; Stammler, Von der Mystik zum Barock S. 24-27.32 f. 463 f. — Einzelne Translatzen: Baechtold S. 233-39 u. Anm. S. 55; A. H. Rein, Niclasens v. Weyl XI. Translation, Progr. Krefeld 1852; Heinr. Kurz, Niclasens v. Wyle zehnte Translation usw., Progr. Aarau 1853; Strauch, ZfdA. 29, 329-12 (Str. schreibt auch die Novelle Marina dem Nicl. v. W. zu, dagegen Herrmann aaO. S.286Anm.); Strauch, ZfdA.29,432(Euriolus u. Lucr., Guisc. u. Sigism.); Borinski, Germ. 37, 201-203; Aeneas Sylvius' Euriolus u. Lu- cretia, deutsch v. N. v. Wyle, Cod. pal. germ. 101, Bartschs Kat. S. 25, s. dazu Baechtold, NlCLAS VON Wyle 661 Translatzen. Er wurde zu Bremgarten im Aargau um 1410 geboren. Inwieweit er „humanistische" Bildung genossen hat, ist unbekannt. Später war er Ratschreiber in Nürnberg (1445) und Eßlingen (1449); vorübergehend nach Zürich entwichen, war er zum Schluß Kanzler des Grafen Eberhard von Württemberg in Stuttgart (1469-78 [1479]) und starb nach 1478. Als weltgewandter Mann stand er in Beziehungen zu Fürstenhöfen und wurde oft mit diplomatischen Sendungen beauftragt, aber vermöge seiner umfassenden geistigen Interessen hatte er auch Verbindung mit vielen berühmten Zeitgenossen und Literatur freunden. Bezeichnend für das lebhafte, rührige Temperament des Mannes ist sein Werk: er schrieb 18 Übersetzungen, die er von 1461 x bis 1478 einzeln gedruckt herausgab und gegen das Ende seines Lebens, 1478, als Translatzen, Translationen, Teutschungen zusammenfaßte. Das ganze Werk widmete er seinem Gönner und Freunde, dem doctor der rechten und württembergischen Landhofmeister Georg von Absberg (Keller S. 7). Die einzelnen Translatzen versah er zum Teil noch mit speziellen Widmungen; die beiden ersten sind Novellen, die übrigen lehren Lebensweisheit oder behandeln wissenschaftliche, auch politische, Fragen. 1. Äneas Silvius' „Euriolus und Lucretia", (1444) übersetzt 1462 und der Pfalzgräfin Mechthild gewidmet [in der Heidelbg. Hs. der Katharina, Herzogin von Österreich, Markgräfin zu Baden] (Keller S. 17-78). Die Novelle erzählt die Liebschaft von Kaspar Schlick, dem Kanzler des Kaisers Sigismund, mit einer verheirateten Frau in Siena und endet mit der Trennung und dem Tod der Geliebten. — 2. Guiscard und Sigismunde; aus dem Dekameron ins Lateinische übersetzt von Leonardo Aretino und aus diesem von Wyle verdeutscht (in Arigos Dekameron viel schlechter übertragen), dem Markgrafen Karl v. Baden zugeeignet (ohne Datum; Keller S. 79-90). Ebenfalls der Bericht einer unglücklichen Liebe mit tragischem Ausgang: Sigismunda, die Tochter des Fürsten Tancredus von Salern, und Guiscardus, ein Jüngling von niederer Herkunft, lieben sich und werden von Tancred beim Stelldichein betroffen; dieser schickt seiner Tochter das Herz des Geliebten in einem Becher, und sie vergiftet sich; es ist dies die Sage vom gegessenen Herzen wie in Konrads von Würzburg Herzmaere. — 3. Rat gegen unordentliche Liebe, Mechthild gewidmet, 1461; Quelle: Äneas Silvius (Keller S. 91-102). — 4. Trostschrift beim Wandel des Glücks; nach Poggio, ebenfalls Karl v. Baden gewidmet, 1461 (Keller S. 103-12). — 5. Von richtiger Gastfreundschaft, nach Poggio, dem württembergischen Kanzler Johannes Fünfer gewidmet, 1462 (Keller S. 113-22). — 6. Ob einem alten Mann gezieme, ein ehlich Weib zu nehmen, LG. S. 231; Konr. Falke, Euryolus u. Lu- nen oft in Hss. des 15. Jh.s, 3 alte Drucke cretia aus d. Lat. des Aen. Sylv. de Piccolo- des Gesamtwerkes (1478. 1510. 1536) s. mini übertragen, 1907. — H. Herzog, ADB. Baechtold S. 54. 35, 144 f., Goedeke l 2 , 361-66; Bobertag, 1 StatschreibersPüechlein bezeichnet sie Püte- Gesch. d. Rom. 1, 41. 90-94. 110 ff. 237; rich in seinem Ehrenbrief, ZfdA. 6, 49 Str.98 Scherer, QF.21,12. 17-20; Götze, Frühnhd. (s. oben). Leseb. 2 , 1925, 16-18. — Einzelne Translatio- 662 Renaissance und Humanismus nach Poggio, seinem Vetter Heinrich Efinger in Zürich gewidmet, 1463 (Keller S. 123^44). —• 7. Alexander bestraft die Athener; Quelle unbekannt, gewidmet dem Meister Jerg, dem Rate derMechthild, o. J. (Keller S. 145-51). — 8. Wie ein Hausvater Haus halten solle; aus St. Bernhard (?), o. J. (Keller S. 152-56). — 9. Satire auf die Bettelmönche; nach einem latein. Traktat des Felix Hemmerlin, Margaretha v. Savoyen, Gräfin zu Württemberg entboten, 1464 (Keller S. 157-97). — 10. Ermahnung zur Pflege der humanistischen Studien; nach einem Traktat des Äneas Silvius, Markgraf Karl v. Baden gewidmet, o. J. (Keller S. 198-220). — 11. Über den Tod des Hussiten Hieronymus beim Konstanzer Konzil; nach einem Briefe des Poggius Florentinus für Graf Eberhart v. Württemberg, o. J., um 1470 (Keller S. 221-30). — 12. Traum des Äneas Silvius, wie er in das Reich des KöniginGlück kommt; an Mechthild, 1468 (Keller S. 231^7). — 13. Verdeutschung von Lucians goldenem Esel; nach der lat. Übersetzung des Poggio an Graf Eberhart, o. J. (Keller S.248 -82). — 14. Ob Adel der Geburt oder Adel der Seele mehr wert sei; nach einem Traktat des Felix Hemmerlin an Graf Eberhart, 1470 (Keller S. 283 -313). — 15. Nach Petrarcas De remediis utriusque fortunae: zwei Trostreden, einem unschuldig Verfolgten und einem Manne, dem seine Frau gestorben; für Mechthild, 1469 (Keller S. 314-24). — 16. Lob der Frauen; ohne bestimmte Quelle, Ursula von Absberg gewidmet, 1474 (Keller S. 325-35). — 17. Übersetzung von Poggios Rede vor Papst Nicolaus V. und dem Kardinalkollegium; dem Abt Johannes I. von Salem gewidmet, 1478 (Keller S. 336-48). — 18. Über Titulierung, Orthographie, Stilistisches zur Abfassung von Briefen oder sonstigen Schriften; eigene Zusammenstellung für seinen Freund Hans Harscher, Ratsherrn in Ulm, 1478 (Keller S. 349-64). Großes Gewicht legte Niclas v. Wyle auf den neuen humanistischen Stil, 1 die Form, wenngleich natürlich auch der Inhalt seiner „Translatzen" durchaus die neuen Gedanken der Renaissance verwertet. Als Muster seines Stils galt ihm der lateinische Satzbau (so ahmt er den Acc. c. Inf., Partizipialkonstruk- tion usw. nach, gebraucht fremde Wörter), die lat. Rhetorik. Er läßt sich öfter darüber aus, so in der Gesamtwidmung: „Jegliches Teutsch, das aus gutem, zierlichen und wol gesetztem Latein gezogen und recht getranferyeret ist, müsste auch gut zierlich teutsch und lobeswirdig heißen und sein" (Keller S.9); und dann in der folgenden Widmung: „weil er aber diese translatze nach dem Latein so genauest als er vermochte gemacht habe, so soll der Leser 1 Hans Nohl, Die Sprache des Niclas Festschr. des Realgymn. Landeshut, 1910, u. v. Wyle, Heidelb. Diss. 1887; Bruno Strauss, SA.; M. H. Jellinek, Gesch. d. nhd. Gramm. DerUebersetzerNicolaus v.W., Pal. 118,1912, I, 1913, S.41 f. u. Reg. S.390; Burdach, dazu Götze, ZfdPh. 45, 516 f., Wunderlich, Deutsche Abende, 1918, S.48; Stammler, DLz. 1915, 242-46, Behaghel, Lbl. 1915, Festschr. Ehrismann, 1925, S. 180 ff. — Rein 257 f.; Baechtold, Gesch. d. dt. Lit. in d. aaO.; Johannes Müller, Quellenschriften u. Schw. S. 240 u. Anm. S. 56; Wenzlau, Zwei- Gesch. des deutschsprachl. Unterrichts, 1882, u. Dreigliedrigkeit, 1908; R. Palleske, Unter- S. 14-16. 278 f. 288 f. 297. 373 ff. such. üb. d. Stil der Translatzen des N. v. W., Heinrich Steinhöwel 663 auch acht haben auf die Zeichen und deshalb gibt er eine Beschreibung der virgel, puncten", also der Interpunktion (Keller S. 15). Heinrich Steinhöwel Einen viel umfassenderen Literaturkreis bearbeitete Heinrich Steinhöwel. 1 Geboren zu Weil der Stadt an der Wurm (Württemberg), promovierte dieser vielseitige Schriftsteller im Jahre 1442 als Doctor utriusque medicinae zu Padua, erlangte aber auch den Grad eines Magister der Septem artes, ließ sich als Arzt in Eßlingen (1443) nieder, wurde 1450 Stadtarzt in Ulm und starb daselbst 1482. Die Werke Steinhöwels sind, der Zeitfolge nach geordnet, folgende: 1. Apollonius von Tyrus, der aus dem Lateinischen übersetzte Apollo- niusroman. 2 Seinen Namen gibt der Verfasser in dem Akrostichon der gereimten Vorrede an mit dem Datum 1461, daselbst als Quelle Gotfrid von Viterbo (Pantheon, um 1185); näher aber steht der Text der Gesta Romanorum. 3 Einige Stellen sind in Verse gebracht; 10 Drucke von 1471 bis 1556. —- 2. Um 1460 wurde Die Verdeutschung der Historia Hierosolymitana des Robertus Monachus geschrieben, eine Geschichte des ersten Kreuzzuges, die der Bendiktinermönch Robert in Reims zwischen 1112 und 1118 verfaßte; außer der Steinhöwelschen gibt es noch vier andere Verdeutschungen des Werkes, außerdem eine holländische und eine italienische Übersetzung. 4 — 3. Etwa in dieselbe Zeit fällt die Übersetzung der durch Petrarca latinisierten Novelle Griseldis aus Boccaccios Dekameron, die 1473 erneuert wurde. 5 — 4. Etwa zehn Jahre später bearbeitete Steinhöwel Boccaccios lat. geschriebenes Buch De claris mulieribus (Von den berühmten Frauen), zu deutsch: Von den sinnrychen erluchten Wyben, zu lob vnd er der Herzogin Eleonore von Österreich, gedruckt 1473 (bis 1576 sieben Drucke), wobei er 1 Lit. Strauch, ADB. 35, 728-36; Goedeke E. Klebs, Die Erzählung von Apollonius v. I 2 , 366-70. — Adelb. v. Kellers Ausg. des Tyrus, eine geschichtl. Untersuchung üb. ihre Dekameron (s. unt.) S. 673 ff.; Rochholz, lat.Urformu.ihrespäternBearbeitungen,1899; Germ. 14, 411 f.; Bobertag, Gesch. d. Ro- Burdach, Vom MA. zur Reform. Bd. 3 Teil 2, mans 1, 81. 88ff. 92. 108. 125. 237; Günther 370 Anm.; Stammler, Von d. Myst. z. Barock Müller bei Walzel S.88; Stammler, V. d. S. 28-32. 464 (Lit.). — Goedeke, Grundr. I 2 , Myst. z. Barock S. 28-32. 464 f. Reg. S. 553; 367 f. — Götze, Frühnhd. Lesebuch 2 aaO. Götze, Frühnhd. Lesebuch, 1925, 22-25 (mit S. 22-25. Lit.). — R. Krauss, D.Todesjahr Steinhöwels, 3 Ed. Österley, Gesta Romanorum (s. ob.) Euphorion 18, 1911, 24-27. — Zu der Familie Cap. 153 S. 510-32. 737. St.s s. auch die Bemerkung Jakob Köbels von 4 Friedr. Kraft, Heinr. St.s. Verdeut- 1531, Goedeke aaO. S. 370. schung der Hist. usw., QF. 96, 1905, dazu 2 Ausg.: Carl Schröder, Griseldis. Apollo- Helm, Lbl. 1907, 271 f., R. Wolkan, Cbl. nius v. Tyrus, Mitteilungen der Deutschen 1906, 395; Piquet, Rev. crit. 64, 476. Gesellsch. zur Erforschg. vaterländischer Spra- 6 Hgb. C. Schröder aaO. — R. Köhler, che u. Altertümer in Leipzig 5. Bd., 1872 (2 Ersch u. Grubers Enzyklopädie I. Abt. Bd. Versionen, beide ohne gereimte Vorrede und 91, 413 ff.; Bobertag, Gesch. d. Rom. 1, 40. Verse im Innern). — Bartsch, Germanist. 79. 90-92; Scherer, QF. 21, 12. 73 f.; Käte Stud. 2, 1875, 305-12; Scherer, ZfdA. 22, Laserstein, Der Griseldisstoff in der Welt- 139 f.; Bartsch, Germ. 23, 381-83; Singer, literatur, 1926. — Petrarcas Griseldis von Untersuchungen üb. d. Fortleben d. antiken Boccaccio lateinisch: Germ. 14, 411. Romans in späteren Zeiten, 1895, S. 189-205; 664 Renaissance und Humanismus den oft gelehrten lat. Text leichter verständlich macht. 1 — 5. Ebenfalls bei Johannes Zainer in Ulm wurde um diese Zeit gedruckt die Novelle Guiscardo e Sigismunda, die Leonardo Aretino aus dem Boccaccio (De- kameron IV, 1) ins Lateinische übersetzt hatte (s. ob. unter Niclas v. Wyle). — 6. In demselben Jahr, 1473, wurde bei Joh.Zeiner Die deutsche Chro- n i k gedruckt: ein tütsche Cronica von anfang der weit vncz vff keiser fridrich (Friedrich III.), die dann 1531 von Jakob Köbel bis auf Karl V. fortgesetzt wurde; die Chronik ist ein Auszug aus den flores temporum des Minoriten Martinus (Wackernagel LG. 1 2 ,447 Anm. 169a). — 6. Im Jahr 1473 kam auch Steinhöwels Büchlein der Pestilenz heraus. 2 — 7. Der Spiegel des menschlichen Lebens, 3 Hs. Cgm. v. J. 1472, gedruckt um 1475, ist eine freie deutsche Bearbeitung des Speculum vitae humanae des Rodericus Za- morensis (Rodericus de Arevalo, Bischof v. Zamora) und geißelt die Eitelkeit der Welt. — 8. Das letzte und erfolgreichste Werk Steinhöwels ist sein Eso- pus ;* es erschien zuerst zwischen 1476 und 1480, wurde gedruckt von Johann Zeiner 5 und dem Herzog Sigmund von Österreich gewidmet. Es ist eine von Steinhöwel selbständig angefertigte Zusammenstellung von äsopischen Fabeln; jedes Stück lateinisch und deutsch: a) Das leben des hochberümten Fabeldichters Esopi uß krichischer zungen im latin durch Rimicium gemachet (Äsops Leben lat. u. deutsch, österley S.4-76). b) Vier Bücher der Fabeln Äsops (Romu- lus); die lateinischen Stücke und bei jedem die deutsche Übersetzung; oft sind lat. Versfabeln beigegeben, diese aber sind nicht deutsch übersetzt (österl. S. 77-191). c) Extravagantes Esopi; 17 aus verschiedenen Tiersagen entnommene Stücke, lat. u. deutsch (österl. S. 192-241). d) 17 Fabeln in der Prosaübersetzung des Rimicius (österl. S. 243-260). e) 27 Fabeln des Avianus; lat. Verse in deutsche Prosa übertragen (österl. S. 261-293). f) 23 Erzählungen 1 Hgb. K. Drescher, Lit.Ver. Nr. 205,1895, hochberühmten Fabeldichters Aesopi, mit dazu M.Landau, ZfvglLitGesch. 11, 242—46; einer Einführung von W. Worringer u. in Mittelalter!. Volksbücher im Holbein-Verlag sprachlicher Erneuerung von R. Benz, mit 36 zu München, mit Holzschnitten der Ausg. v. Abb. — Herm. Knust, Steinhöwels Aesop., Joh.Zainer,Ulm, 1473, Bd.3 o. J. [1924], dazu ZfdPh. 19, 197-218 u. Nachtr. 20,237; Hilka Schröder, Anz. 44, 79 f.; s. unt.; Joh. Mül- u. Söderhjelm, Die Disciplina Clericalis des ler. — Goedeke, Grundr. I 2 , 369. Petrus Alfonsi (Kleine Ausg.), 1911, S. XIV; 2 Hgb. A. C. Klebs u. K. Sudhoff, Die T. O. Achelis, Die Fabeln des Rimicius in St.s ersten gedruckten Pestschriften: Geschichtl. Aesop, Beitr. 42, 315-30; Ders., Die Aesop- u. bibliograph. Untersuchungen des Ulmer Übersetzung des Lorenzo Valla, Münch. Mus. Stadtarzts u. Schriftsteller H. Steinhöwel, 2, 239 ff.; Ders., Die Fabeln Avians in St.s 1927 (in Faksimile abgedruckt); Weiteres üb. Aesop, ebda 4, 194-221; Ders., Die hundert medizin.Lit. St.s s. Stammler, Von d. Myst. äsopischen Fabeln des Rinucci da Castiglione, z. Bar. S. 465. Philol.83, 1928, 55-88. P. Sparmberg, Zu 3 Siehe Borwitz unt. St.s 13 Extravagante, ZfdPh. 46, 80-83. — 4 Hgb. Herm. Österley, Steinhöwels Äsop, Bobertag, Gesch. d. Rom. 1,118. 125; Lit. Ver. 117, 1873; Esopus, übersetzt v. H. Goedeke Grundr. I 2 , 369 f. — LG. 1, erste Steinhöwel, gedruckt von Günther (!) Aufl. S. 364 ff., 2. Aufl. S. 374 ff. 2,1, 326, Zainer in Augsurg um 1477-78 (!), Nachwort 2, 2, 113. v. E. Voullieme, 1922; Mittelalter!. Volks- 5 Goedeke aaO. zählt 23 Drucke bis 1676. bücher im Holbein-Verlag zu München Bd. I Bald nach seinem Erscheinen wurde St.s Eso- (o. J. [1924]): Die erneuerten Aesopischen Fa- pus ins Französische, Englische, Spanische, beln ... mit 20 Holzschnitten aus d. Ausg. des Niederländische u. Tschechische übersetzt; s. Johann Zainer, Augsb. 1475, dazu Schröder, auch Knust aaO.; Hilka u. Söderhjelm aaO. Anz. 44, 79 f.; Aesopus, Buch u. Leben des Arigo 665 aus der Disciplina clericalis des Petrus Alfonsi (österl. S. 294-335). g) Sieben Facetien des Poggius (Poggio, Österl. S. 335-50). h) Die gemainen punkten der materi dis Bächlins ; allgemeine lehrhafte Regeln; alphabetisch, nur deutsch (Österley S. 352-62). Das Wesen des Frühhumanismus tritt bei Steinhöwel deutlich hervor: der Zusammenhang der mittelalterlichen Geistesrichtung mit der neuen, humanistischen. Der ältere Gedankenkreis spricht sich in der christlichen Frömmigkeit aus und in den dogmatischen Anklängen, der humanistische in den von ihm behandelten Stoffen (Die Stoffe verteilen sich folgendermaßen: 1. mittelalterliche; Apollonius, Historia Hierosolymitana, Die deutsche Chronik, Spiegel des menschlichen Lebens, Esopus. — 2. humanistische; Griseldis, De claris mulieribus, Guiscardo e Sigismunda, Büchlein von der Pestilenz) und im Stile. 1 Seine Ubersetzungsweise ist durchaus frei; es kommt ihm nicht auf das Wort an, sondern auf den Sinn. Er nimmt Beziehung auf die Gegenwart, gibt diesbezügliche Lehren und wendet sich mit sozialethischen Mahnungen an den Adel und den Bürgerstand. Er besitzt umfassende Kenntnisse, die weit über seinen Beruf hinausgehen, ist bewandert in mittelalterlicher Literatur, in den klassischen Schriftstellern und in den modernen italienischen Humanisten. Er folgt im sprachlichen Ausdruck dem latinisierenden Frühhumanismus und ist der fruchtbarste unter dieser Gruppe der „Humanisten". Arigo Weit unter ihm steht der Übersetzer von Boccaccios Dekameron, Arigo 2 (Heinrich). Man hielt ihn früher für identisch mit Heinrich Steinhöwel, doch nachdem schon verschiedene Zweifel geäußert worden waren (s. Drescher, Arigo S. 1), stellte Wunderlich die Verschiedenheit der beiden Verfasser aus der Beobachtung des Stils fest. „Arigo" nennt sich als Verfasser in der Vorrede S. 17, 29 f. (Keller). Die Persönlichkeit „Arigo" ist umstritten; 1 St. Carl Karg, D. Sprache H. Steinhöwels, 84, 241-90; Hans Möller, Arigo u. seine DeBeitrag zur Laut- u. Flexionslehre, Heidelb. cameronübersetzung, Diss. Leipz. 1896; K. Diss. 1884, dazu Strauch, DLz. 1884, 1790, Drescher, D. Verf. der pseudo-Steinhöwel- Pfaff, Lbl. 1885, 177-81; Wenzlau, Zwei- u. sehen Decameroneübersetzung, Verh. d. 44. Dreigliedrigkeit aaO.; Walter Borwitz, D. Philol.Vers. in Dresden 1897 S. 132-36; Ders., Übersetzungstechnik H. St.s, dargestellt auf Arigo, der Übersetzer des Decamerone u. des Grund seiner Verdeutschung des Speculum Fiore di virtu, QF. 86, 1900, dazu Baesecke, vitae humanae von Rodericus Zamorensis, Anz. 28, 241-57, Ehrismann, ZfdPh. 35, Hermaea 13, 1914, dazu Achelis, Berl. philol. 106-13, Joachimsohn, DLz. 1901, 1888-90, Wochenschr. 1916, 1372-77.; Burdach, v. Bahder, Lbl. 1902,101-4; Wenzlau, Zwei- Deutsche Abende (s. ob.) S. 44 f.; Stamm- u. Dreigliedrigkeit aaO.; Baesecke, ZfdA. ler, Von der Mystik zum Barock S. 31 47, 191 (Arigo ist Heinrich Schlüsselfelder); -33. 465. — Johannes Müller, Quellen- Schröder, Anz. 31,200-2; Günther Müller Schriften u. Gesch. d. deutschsprachl. Unter- beiWalzel S. 91; Stammler, Von der Mystik richts bis zur Mitte d. 16. Jh.s, 1882,7 f. 277 f. zum Barock S. 27 f. 464. — Goedeke l 2 ,368f. 2 Ausg.: Adelbert v. Keller, Decameron u. Bobertag, Roman 1, 88 ff. 108-13 nehmen von Heinrich Steinhöwel, Lit. Ver. 51, 1860. noch Steinhöwel als Verf. an. — Jul. Hart- — Herm. Wunderlich, Steinh. u. das Deca- mann, D. Verhältnis von Hans Sachs zur meron, eine syntaktische Untersuchung, Habil.- sog. Steinhöwelschen Decameroneübersetzung, schrift Heidelberg 1889 u. Fortsetzung Archiv 1912. — H. Kars, Arigo, Hall. Diss. 1932. 666 Renaissance und Humanismus am wahrscheinlichsten ist es, daß sich der Nürnberger Patrizier Heinrich Schlüsselfelder unter diesem Namen verbirgt (Unterschrift in der St. Galler Hs. der Blumen der Tugend). 1 Der Verfasser dieser Übersetzung hat sich jedenfalls längere Zeit in Italien aufgehalten. Seiner Sprache nach war er aus Nürnberg, aus der Haltung seiner Übersetzung ist zu schließen, daß er Geistlicher war. Die Übersetzung wird um 1460 anzusetzen sein, sie erschien im Druck in Ulm im Jahre 1472 oder 1473. Sie fand geringen Beifall, denn sie erlebte nur wenige Auflagen (Ulm 1490, Straßburg 1585) 2 und etwa fünf unvollständige oder interpolierte Drucke im 16. Jahrhundert. Der Stil ist äußerst ungelenk, sprachwidrig und fehlerhaft. Fortgeschrittener ist der Stil Arigos in seinem zweiten, späteren Werke: Blumen der Tugend, 3 laut Unterschrift in der Hamburger Hs. von Arigo 1468 verfaßt. Es ist eine prosaische Übersetzung der italienischen Fiori di virtü von Thomaso Leoni (um 1320), welche Hans Vintler etwa ein halbes Jahrhundert vorher in deutsche Verse gebracht hat (s. oben). Albrecht von Eyb Nicht so stark wie Niclas v.Wyle haftete Albrecht von Eyb 4 an der Sprachform und am Stil, ihm kam es vor allem auf lehrhaften Gehalt bei seinem Wirken an. Er ist aus seinem geistlichen Stande heraus zu verstehen, und maßgebend waren für ihn schon seine in Italien gewonnenen Jugendeindrücke; so vereinigten sich in seinem Lebensgange die humanistische und die mittelalterlich-geistliche Richtung. Überall spricht der Geistliche, aber mit humanistischer Färbung. Albrecht von Eyb, aus adeliger Familie stammend, wurde auf Schloß Sommersdorf in der Nähe von Ansbach im Jahre 1420 geboren und zog 1444 nach Italien, wo er bei zweimaligem Aufenthalt zusammen 16 Jahre verweilte. Er studierte die Artes und die Rechte in Bologna, Padua und Pavia, wo er als Abschluß den Doctor utriusque juris erwarb (1459), war nach dem ersten italienischen Aufenthalt Domherr zu Bamberg und später, nach dem zweiten, zu Eichstätt, wo er 1475 starb. 1 So Baesecke, ZfdA. 47, 191; Drescher, LitGesch. 13, 1901, 447-69. Arigo S. 208 ff., hält Arigo für den Nürnberger 4 Ausg.: Max Herrmann, Deutsche Schriften Pfarrer Heinrich Leubing (s. aber Ehrismann des Albr. v. Eyb, l.Bd.: Das Ehebüchlein, aaO.), Schröder, Anz. 31, 200-2, lenkt das 2. Bd.: Die Dramenübertragungen, 1890 (BeAugenmerk auf den Stempelschneider (Buch- richtigungen Herrmanns Anz. 17, 80), dazu drucker) „Henricus Clayn Sverus", Ulmae ... Strauch, Anz. 21, 82-91, E. Matthias, Zfd- ortus, der i. J. 1476 in Perugia tätig war. Ph. 26,428 f. (Bd. 2), Vogt, GgA. 1895 Nr. 4, 2 Stil: Vogt aaO.; Wunderlich, Drescher, John Meier, Lbl. 1893, 123-26, Waetzold, Arigo pass. u. Baeseckes u. Ehrismanns Be- Arch. 86, H. 2/3; Max Herrmann, A. v. Eyb sprechungen. u. d. Frühzeit des deutschen Humanismus, 3 Auszug bei Fr. Vogt, Arigos Blumen der 1893, dazu Strauch aaO., Matthias, ZfdPh. Tugend, ZfdPh. 28,448-82. — Lappenberg, 28, 273-80, Vogt aaO., Wunderlich, Lbl. ZfdA. 10,260 (Hs.); Vogt, GgA. 1895, 325 ff.; 1894, 291-93, Roediger, Arch. 88; Strauch, Drescher, Arigo, der Übersetzer des Deca- Anz. 14, 147 f.; Baesecke, ZfdA. 46, 253; merone u. des Fiore di Virtü aaO.; Ders., Günther Müller bei Walzel S. 88; Stamm- Arigos „Blumen der Tugend", ZfdPh. 31, ler, Von der Mystik zum Barock S. 34-37. 336-58; Ders., Zu Arigos Bl. d. Tug., Zfvgl- 166; Götze, Frühnhd. Leseb. 2 aaO. S. 18-22. Albrecht von Eyb 667 Seine Margarita poetica 1 (nach 1460) umfaßt nicht bloß Poesie, sondern überhaupt die ars rhetorica und ist eine Sammlung von poetischen und prosaischen Stellen aus klassischen und mittelalterlichen Dichtern, ein Hilfsbuch der humanistischen Rhetorik. Das Buch wurde bis 1503 mehrmals gedruckt. — Das Ehebüchlein 2 zerfällt in 3 Teile, deren erster überschrieben ist: Ob einem manne sey zunemen ein eelichs weyb oder nicht; der zweite gibt die Antwort : das ein weyb zunemen sey ; der dritte spricht: Von eilende Kranckeit vnd widerwerttigkeit der menschlichen natur. Es ist gewidmet der kaiserlichen Stadt Nürnberg, dem Rat und der ganzen Gemeinde im Jahre 1472. Als Beispiele sind Novellen eingeflochten: Gwiscardus und Sigismunda, Marina, 3 Grisardis in der Übersetzung des Erhart Groß (s. oben), 4 außerdem die Legende vom hl. Albanus. Das Ehebüchlein hat großen Einfluß ausgeübt und wurde in fünf Abschriften und 12 Drucken von 1472 bis 1540 verbreitet. — Nicht recht gelungen ist die Vereinigung des humanistisch gerichteten Inhalts mit dem mittelalterlichen in seinem Spiegel der Sitten. 5 In seiner Grundlage ist dieser Sittenspiegel durchaus ein kirchliches Lehrgebäude, aufgebaut auf der Autorität der Kirchenväter und der mittelalterlichen Kirchenlehrer mit einzelnen Abschnitten über die Tugenden und, mehr noch, über die Laster, über die Kunst zu sterben, über Tod und jüngstes Gericht, sowie mit Sittenlehren für die einzelnen Stände. Diese geistlichen Erörterungen sind verbrämt mit klassischen und humanistischen Zitaten, und als zweiter Teil folgen drei Übersetzungen klassischer Komödien 6 (geschrieben 1472[73]): die Bacchides und die Menaechmen des Plautus und die klassizierende Philogenia des Ugolino Pisani. Die Komödien sind in Prosa aufgelöst, es sind Erzählungen mit Dialogen der handelnden Personen, die antike Umwelt ist auf deutschen Boden übertragen, so z. B. haben die lateinischen Personen deutsche Namen wie Heintz, Fritz, Lutz, Kuntz, Götz usw. Der Zweck dieser poetischen Beigabe ist der, den Leser über die bösen, verkehrten Sitten der Menschen zu unterrichten. Der ganzen Tendenz entspricht die Widmung dieser Sittenpredigt: sie ist an die Bischöfe von Bamberg, Würzburg und Eichstätt sowie an die dortigen Domkapitelherren gerichtet. 1 Herrmann, Albr. v. Eyb u. d. Frühzeit nur die Komödien). S. 174-214. 6 Hgb.M. Herrmann, Die Schriften des Albr. 2 Herrmann, A. v. E. u. d. Frühzeit S. 285 v. Eyb 2. Bd. — Hans Nythart von Ulm -355; Ausg.: Herrmann, Deutsche Schriften (Bürgermeister) übersetzte 1486 den Eunuchus des A. v. E. 1. Bd. des Terenz (gedruckt 1486), hgb. Herm. 3 Gwiscardus, hgb. Herrmann, ebdaS.52ff.; Fischer, Lit. Ver. Nr.265, 1916; Herm. Marina, hgb. Herrmann, ebda S. 59 ff.; v. d. Wunderlich, Festr. f. Michael Bernays, 1893, Hagens Germ. 9, 1850, S. 239-48; eine an- 201 ff.; M. Herrmann, Terenz in Deutsch- dere Fassung gibt Strauch, ZfdA. 29, 325^2 land bis z. Anf. des 16. Jh.s, Mitteil, der (s. ob. unter Nicl. v. Wyle. — Es ist Goethes Gesellsch. für dt. Erziehungs- u. Schulge- Novelle vom klugen Prokurator in den Unter- schichte 3 S. 1 ff.; Stammler, Von der Myst. haltungen deutscher Ausgewanderten. z. Barock S. 37 f. 466 (wo weitere Lit.). — i Hgb. Strauch, ZfdA. 29,373^43. Der ganze Terenz, von mehreren Ungenannten 6 M. Herrmann, Frühzeit S. 356-97. — übersetzt, erschien im Druck 1499 in Straß- 4 Drucke, 1511. 1518. 1537. 1550 (1518u. 1550 bürg, Stammler S. 38. 668 Renaissance und Humanismus Albrecht von Eyb ist der gelehrteste unter dieser Gruppe der Humanisten und zeigt die umfassendste Bildung, das kommt im Inhalt und in der Form seiner Werke zur Geltung. An stilistischer 1 Gewandtheit übertrifft er die vorher Genannten und kommt dem Ackermann aus Böhmen nahe. Albrechts älterer Bruder Ludwig v. Eyb 2 war Historiker und stand in Diensten des Markgrafen Albrecht Achilles (Ansbach). Er schrieb „Denkwürdigkeiten", deren Inhalt die hohenzollerische Politik betraf. Anhangsweise ist hier das Bruchstück einer Übersetzung von Petrarcas „De remediis utriusque fortunae", 15. Jh., zu verzeichnen. 3 1 J. Fey, Albr. v. Eyb als Übersetzer, Hall. Nachahmung ist die lat. Comoedia Steyn- Diss. 1888, dazu Herrmann, Lbl. 1889 Sp. dörffers 1540, Roethe, Anm. zu Stiefel 8 f.; R.Wessely, Über den Gebrauch der S. 232); Bolte, Maternus Steyndörffer, ZfdA. Casus in Albrechts v. Eyb deutschen Schriften 36, 364-66. usw., Berl. Diss. 1892, dazu Seedorf, Anz. 22, 2 Herrmann, Frühzeit S. 21-31 u. Reg. 258-60; A. E. Rosendahl, Untersuch, üb. d. S. 432; Ludwig v. Eyb hgb. Höfler 1849; Syntax der Sprache Albr. v. Eyb I, Diss. Vogel, ADB. 6, 449. Chr. Meyer, Aus d. Ge- Helsingfors 1895, dazu Reis, Lbl. 1897, 78 f. — denkbuch des Ritters Ludw. des Älteren v. Eyb O. Günther, Plautuserneuerungen in d. 1890; E. Kuphal, Ludw. v. Eyb der Jüngere deutschen Lit. des 15. bis 17. Jh.s, Leipz. (1450-1521), Archiv f. Gesch. u. Alt.kunde v. Diss. 1886; A. L. Stiefel, Eine unbekannte Oberfranken 30,1927, 6-58 u. Hall. Diss. Nachahmung der Dramenübersetzungen AI- (mit Lit.). brechts v. Eyb, ZfdA. 36,225-33. (Quelle dieser 3 Schönbach, ZfdA. 27, 227-37. XL DIE LITERATUR DES DEUTSCHORDENS IM 14/15. JAHRHUNDERT Die Germanisierung des heutigen Ostpreußens begann mit der Kreuzfahrt des Deutschordens gegen die heidnischen Preußen unter Hermann v. Salza 1226. Die kriegerischen Aufgaben und die der neu zu befestigenden Verwaltung ließen nicht Zeit für höfische Kunst; praktische Lebenseinrichtung war das erste Gebot. Die Literatur ist eine Erscheinungsform der herrschenden Kultur. So beschränkte sich das literarische Interesse auf das geistliche und das geschichtliche Schrifttum, auf Bibelübersetzungen und Heiligenlegenden (bes. Verehrung der Maria) und auf die Geschichte des Ordens. Somit kann man die literarischen Denkmäler des Deutschen Ordens zu einer einheitlichen Gruppe zusammenfassen. Sie lassen ein gemeinsames Standesmerkmal erkennen, das Lebensgefühl einer ritterlichen Bruderschaft, und bewegen sich in einem gleichgestimmten religiösen Vorstellungskreise, der leicht eine mystische Färbung annimmt, auch zeigen sie untereinander oft Berührungen im Stil und in der künstlerischen Form. Die Schriftsprache des Ordenslandes und damit auch die seiner Literatur war mitteldeutsch. Die dem Orden an- gehörigen Autoren stammen zum Teil aus anderen als preußischen Gegenden, aus Thüringen, auch aus Oberdeutschland, und nur ein Teil, allerdings der größere, war im preußischen Ordenslande ansässig. Um die Mitte des M.Jahrhunderts wurde der Übergang von der Versdichtung zur Prosa gemacht. 1 Reimchroniken des Deutschen Ordens gab es schon in dessen Anfängen im 13. Jahrhundert, wie zwei Prosaberichte über die Frühzeit des Ordens 1 Pfeiffer, Ausg. v. N. v. JeroschinsChron., tischer Beleuchtung u. die ostdeutsche Bibel- 1854, S. XXV ff.; Steffenhagen, Die ad. Übersetzung des MA.s, Greifswalder Stud. zur Handschriften zu Königsberg, ZfdA. 13,501 Lutherforschung 1930 u. 1931; Fritz Karg, -74; F. Gulhoff, D. dt. Ritterorden in d. Das literarische Erwachen des deutschen Ostens dt. Dichtung; Progr. Zaborze 1908; Georg im MA., 1932 = Teuthonista, Beiheft 3; Hofmann, Stud. üb. d. religiöse Leben d. Hübner, Reallex. 1,421 f. — Stil, bes.: Gerh. Deutschordensritter auf Grund ihrer Dichtung Reissmann, Thilos v. Kulm Ged. von den Frankf. Diss. 1925; Strauch, D. Deutsch- sieben Ingesigeln, Pal. 29,1910, 99 ff.; Zwier- ordenslit. d. MA.s 1910, dazu Perlbach, DLz. zina, Festschr. Sievers 1925, 402-44; Ders., 1911, 3235; Helm, Neue Funde auf d. Ge- Festschr. Luick 1925, 134-37; dE Boor, biete d. Deutschordenslit., 46. Philol.-Vers. in Festschr. Ehrismann 1925, 125. 146. — Unter Straßburg 1901, Verhandl. 1902, 137-39 u. den für die Literatur des Deutschen Ordens ZfdPh. 33, 429 f.; Helm, D. Lit. d. Dt. Ordens wichtigen Handschriften ragt der aus dem im MA., ZfdtUnt. 30, 1916; Helm, Fest- Ordenslande stammende, in die Kommende schrift Braune, 1920, S. 252-54; Helm, Genea- Mergentheim gelangte, jetzt in Stuttgart logisches zu Luder v. Braunschweig, ZfdPh. befindliche Kodex (etwa 1350-70) besonders 46, 445-50; Walth. Ziesemer, Geistiges Le- hervor; er enthält die Apokalypse von Hes- ben im Dt. Orden, Nd. Jahrb. 37, 1911, 1er, Daniel, Hester, Judith, Esdra, die 129-39; Ders., Ostpreußens Geistesleben in d. Makkabäer (Helm, Verhandl. der 46. Pilol.- Vergangenheit, 1920; Ders., Merker-Stamm- Vers, in Straßburg 1901 [erschienen 1902], lers Reallex. 1, 184-89 (mit reicher Lit.); Ders., 137-39) u. Ausg. der Makkabäer S.Vf.; D. Lit. d. dt. Ordens in Preußen, 1928, dazu Hübner, Daniel S. V ff. LXXXVII ff.; Zie- Helm, Lbl. 1929, 329 f., Schröder, Anz. 47, semer, Lit. d. dt. Ordens S. 66. Hervorragend 191 f., Strauch, DLz. 1929, 757-59; Piper, buchtechnisch ausgestattet ist die Pracht- D. geistl. Dichtg. des MA.s 2, Kürschners handschrift des Königsberger Staatsarchivs dt. NatLitt. 3. Bd. 2. Abt. [1888] S. 128-285; (Kasten, Ausg. d. Hiob S. I ff.; Ziesemer, Wolfg. Stammler, Apostelgesch. 27 in nau- S. 83. 85 ff.). 670 Die Literatur des Deutschordens im 14./15. Jahrhundert aus dem 16. Jahrhundert schließen lassen, in denen noch Reime durchklingen. 1 Die Livländische Reimchronik 2 Noch am Ende des 13. Jahrhunderts, zwischen 1291 und 1297, hat ein Angehöriger des Ordens, wohl ein Ritter, die Bekehrung Lieflands (V. 120 ff.), in der Hauptsache die kriegerischen Taten, in einer lebhaften Kampfesstimmung beschrieben, die sich an Einzelgeschichten nicht genug tun kann (12939 V.). Nicolaus von Jeroszin In Nicolaus von Jeroszin, dem Verfasser der Deutschordenschronik, 3 tritt uns eine ausgeprägte Persönlichkeit entgegen; häufiger als die andern Schriftsteller des Deutschen Ordens spricht er von seinen privaten Angelegenheiten, mehr noch gibt er seine Eigenart durch die Behandlung seines Stoffes zu erkennen: er hat, bevor er das Werk in Angriff nahm, über den Plan und die Disposition nachgedacht (221 ff.). In lebhafter und anschaulicher Darstellung, die sich bisweilen dramatisch steigert, gewürzt durch Humor und Derbheit und doch in höfisch geschulter Sprache, erzählt er in dieser „Kronike von Pruzinlant" von den Zeichen und Wundertaten, die der hohe Gott in Preußenland begangen hat (121), von den Taten und Schicksalen des Deutschen Ordens, von dem Heiligen Krieg bis zur Wahl Luders von Braunschweig (1331-35). Dieser veranlaßte ihn (seinen Namen nennt er ebenfalls in der Einleitung [218]) zu der Arbeit (182 ff.), aber die ersten Bogen (vier Quinternen, 188) wurden zerstört und Luders Nachfolger, Dietrich v. Altenburg (115 ff. 146 ff.), übergab ihm zur Wiederaufnahme des Werkes die Chronik von Preußen, die Peter v. Dusberg einige Jahre vorher (1326) lateinisch geschrieben hatte. Diese seine Quelle behandelt er ziemlich frei, in bunter Reihe folgen sich Anekdoten und Legenden, Charakterschilderungen und Beschreibungen von Schlachten. 4 Freilich werden diese oft sich wiederholenden Vorführungen auf die Dauer bei dem großen Umfang des Buches (27838 V.) doch manchmal zum Überdruß. 1 Ziesemer, D. Lit. d. Dt. Ordens in Preußen, Ausg.: Pfeiffer, 1854 (in Auszügen); E. 1928, 92 f. Strehlke, 1861.—Abh.: Pfeiffer, Strehlke 2 Goedeke l 2 , 276; Piper, Höf. Ep. III, in ihren Ausgaben; W. Ziesemer, Nie. v.J. 665f. — Ausg.: Pfeiffer, 1844 (Lit. Ver.); u. seine Quelle, 1907, dazu Schröder, Anz. Leo Meyer, 1876, dazu Steinmeyer, Anz. 2. 32, 47-50, Helm, ZfdPh. 41, 72-75, Hering, 240^15, GgA. 1876, 433 ff.—Abhandl.: Emil Lbl. 1910, 4-6; Helm, Lit. d. Dt. Ord. S.95 Henrici, D. Nachahmer v. Hartmanns Iwein, -112; Helm, Zfddt.Unt. 30, 1916, 431-33; 1890, S. 10-12. 20 f.; R. Linder, Zur älteren G. Hofmann, Stud. üb. d. religiöse Leben livl. Reimchr., Leipz. Diss. 1891; Paul Ecke, aaO.; Sprache: Zwierzina, Festschr. Sievers Livl. Reimchr., Greifsw. Diss. 1910 (mit Lit.); 1925, 402 ff. — 5 Hss. u. 4 Bruchst.: Piper, Helm, ZfddtUnt. 30,1916, 430 f.; Ziesemer, Geistl. Dichtung d. MA.s 2, 138 f.; dazu Lit. d. Dt. Ord. S. 93 f. — Hss.: Leo Meyer, Rachel, ZfdPh. 18,490 f. Ausg. u. ZfdPh. 4, 407^14 (dabei auch ein- 4 Pfeiffer hat nach diesem Prinzip seinen zelne Stellen; solche auch: Bech, Germ. 22, Auszug aus Jeroschins Chronik angelegt (Einl. 39 f.). S. XIX). 3 Lit.: Piper, Geistl. Dichtg. II, 136-39. — Die Livländische Reimchronik. Nie. von Jeroszin. Drei Deutschordenschroniken 671 Weit überlegen ist Nicolaus v. Jeroszin allen andern Dichtern aus dem Kreise der Ordensliteratur in der Wortkunst. Sprachliche Begabung, bildliche Phantasie, reges Formgefühl gestatten ihm, mit Hilfe eines reichen Wortschatzes die Sprache spielend leicht zu behandeln. Gern flicht er seltene Reime ein, ohne jedoch in die Lächerlichkeiten der blumigen Manier zu verfallen. Gelernt hat er hier von Rudolf v. Ems und Konrad v. Würzburg, aber in einigen stilistischen Figuren berührt er sich auch mit Wolfram, so in der Umschreibung eines Begriffes durch Substantiv mit Genitiv und in verschiedenen seltsamen Ausdrücken. Besonders geblümt ist die Einleitung, z. B. V. 54 ff.: Owe, nu hat der sundin eiz (Eiterbeule) Bevlochtin miner sele gadem, Daz des suzin geistis ädern Von mir lenkit sine kumft, Da von ich stumpf bin an vornumft Vnde tummir denn ein vi. Des büge ich mines herzin kni Diz vil mildir got mit ole. Daz du von allir sundin we usw. Wie auf die Sprache, so verwendet Jeroschin auch Sorgfalt auf die Verskunst. 1 Er hat die Grundsätze Heslers aufgenommen (seine Regeln V. 236-55. 294- 301), doch mit stärkerer Neigung zu regelmäßigem Rhythmus. Auch er überschreitet wie jener zuweilen die einfachen Reimpaare bis zur Reimhäufung, und sogar ein kunstvolles Rachelied gegen die Heiden unterbricht einmal den epischen Fluß. Jeroschins hl. Adalbert s. unten Legenden des Dt. Ordens. Drei andere Deutschordenschroniken Wenig später wurde die Geschichte des Deutschordens in Preußen in gedrängter Übersicht aufgezeichnet in der „Kurzen Reimchronik von Preußen", 2 einem Werk in Versen, von dem aber nur zwei Bruchstücke erhalten sind. Johannes von Posi 1 ge, 3 Offizial des Bischofs zu Riesenburg, erzählt in seiner prosaischen Chronik die Geschichte des preußischen Landes von 1360 bis 1420 (von 1406 an ein Fortsetzer) in Zusammenhang mit den gleichzeitigen Vorgängen in den umgebenden Ländern, vor allem in Deutschland und mit Berücksichtigung der großen Politik. Ein eigenes preußisches Nationalgefühl hat sich in den Kämpfen des Koloniallandes entwickelt und spricht mutig aus dieser Landesgeschichte. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts schrieb Wigand v. Marburg (Hessen) 4 eine Ordensgeschichte (1311-94), die nur in Bruchstücken (474 V.) vorhanden ist, aber eine lateinische Übersetzung erfuhr (1464), die auf das Original und dessen Umfang (etwa 25000 V.) schließen läßt. Wigand war Wappenherold (urkundl. 1419) und lebte als solcher in der Umgebung vornehmer Persönlichkeiten des Ordenslandes. Sein Amt bestimmte auch die Auffassung, mit der er Geschichte schrieb: nicht der Glaubenskampf gegen die Heiden aus 1 Metrik: s. unten bei Hesler. Voigt u. Fr. Wilh. Schubert 1823; E. 2 Ziesemer S 112 f Strehlke, Scriptores rer. Prussicarum Bd. III. 3 Helm, ZfddtUnt. 30, 1916, 434 f.; Zie- * Piper, Höf. Ep. III, 666; Ziesemer S. 115 semer, Lit. d. Dt. Ord. S. 31-33. Ausg.: Joh. -17. Barack, Germ. 12, 194-205. 672 Die Literatur des Deutschordens im 14./15. Jahrhundert frommer Überzeugung, sondern eine Ansammlung von kriegerischen Taten mit ausführlich berichteten Feldschlachten oder Belagerungen und dem sonstigen militärischen Apparat bildet den Inhalt seines Werkes. Rechtsliteratur Der neu organisierte geistliche Ritterstaat des deutschen Ordens verlangte eine gesetzliche Festlegung, und aus diesem Bedürfnis gingen die Statuten des Deutschen Ordens hervor. Kaum eine deutsche Landschaft besitzt eine so reiche Fundgrube für das wirtschaftliche Leben des 14. 15. Jahrhunderts wie Ostpreußen in dem Großen Ämterbuch des Deutschen Ordens. 1 Aus der Kolonisation des Landes ergab sich auch das Bedürfnis, den Boden für die neuen Bebauer einzuteilen. Diesem diente die lat. Geometria Cul- mensis, die auch in deutsche Prosa übersetzt wurde; um 1400-10. 2 Heinrich von Hesler Auch an biblischen Dichtungen ist die Deutschordensliteratur, 3 in der diese Stoffe überhaupt alle andern an Zahl übertreffen, sehr reich. Voran steht unter diesen Verfassern biblischer Werke in der Deutschordensdichtung nach Zeit und Einfluß Heinrichv.Hesler, 4 ein Thüringer aus ritterlichem Geschlecht, dessen Stammsitz bei Nebra an der Unstrut in der Nähe von Sangerhausen stand; er wurde um 1270 geboren, starb nach 1342 5 und hat sich wahrscheinlich eine Zeitlang im Ordenslande aufgehalten. Unter seinen zwei großen uns erhaltenen Bibeldichtungen ist die ältere das namenlos überlieferte Evangelium Nicodemi 6 (5392 V.), um 1300 verfaßt, für welches Werk er als Hauptquellen die vier Evangelisten und das apegryphe Evangelium Nicodemi benutzte (369 ff. 679 ff.). 7 1 Hgb. von Ziesemer, D. gr. Ämterb. d. Dt. Lit. d. Dt. Ordens, 1928, 49-56. — Steinger, Ordens, 1921, dazu Schröder, Anz. 41, 95 f., Stamml. Verf. 2, 276-82. Helm, ZfdPh. 50, 291 f. — Siehe auch Zie- s Dieser Lokalisierung des Dichters steht die semer, D. Ausgabebuch d. Marienburger Haus- Annahme Helms gegenüber, der aus beachtens- komturs für die Jahre 1410-20, 1911; Zie- werten Gründen Hesler bei Gelsenkirchen in semer, D. Marienburger Konventsbuch der Westfalen für dessen Heimat hält. — Schrö- Jahre 1399-1412. 2 Ziesemer S. 114. der, Münch. SB. 1924, 3. Abt. S. 5. 3 Passional und Altväter sind unter „Legen- 6 Ausg.: K. Helm, Lit. Ver. 224, 1902; Aus- den" (13. Jh.) behandelt. zug: Pfeiffer, Ad. Übungsb. S. 1-23; Ab- 4 Piper, Geistl. Dichtg. II, 140 ff. — Ab- druck der Görlitzer Hs.: Piper, aaO. S. 142 handl.: Helm, Untersuchungen über H. Hes- -285..— Abhandl.: Helm, Untersuch. aaO., lers Ev. Nie, Beitr. 24,85-187; Ders., Ein- Beitr. 24; Ders., Einleitung zu seiner Ausg.; leitg. zu seiner Ausg. des Ev. Nicodemi (s. un- Ziesemer aaO. — Schönbach, Anz. 2,149 ff.; ten); Ders., Nachtrag z. Ausg., Beitr. 33, Rich. Paul Wülcker, D. Ev. Nie. ind. abend- 400-2; Ders.,.ZfddtUnt. 30, 1916, 304-6; K. länd. Lit., 1872 (darin Hesler S. 440-50); Amersbach, Über d. Identität des Verf. des Mussafia, Sulla leggenda del legno della Croce, gereimten Evangeliums Nicodemi mit H. Wien. SB. 63; Panzer, Anz. 38, 138 f.; Arth. Hesler, dem Verf. der gereimten Paraphrase der Klatscher, Zur Metrik u. Textkritik von Apokalypse, Progr. Konstanz I 1883, II 1884; Heinrich Heslers Ev. Nie, Progr. Eger 1909, Schröder, Heinr. v. H., ZfdA. 43, 180-83; dazu Helm, Anz. 34, 167-71. — 5 Hss. u. 5 Ders., H. v. H. urkundlich, ebda 53, 406; Bruchst.: Pfeiffer, Ad. Übungsb. S. 1; Christian Krollmann, Die Herkunft u. d. Helm, Ausg. u. Beitr. aaO.; G. Wolff, ZfdA. Persönlichkeit d. Deutschordensdichters Heinr. 33, 115-23; Schröder, ebda 50, 386 ff.; s. v. Hesl., Zs. d. westpr. Gesch.-Ver. 58, 1918, auch ebda 62, 241 ff.; Erich Klibansky, Ge- 95-110 u. SA., dazu Schröder, Anz. 39, 88 f.; richtsszene u. Prozeßform usw., 1925, 16-23. Schwietering, Demutsformel S. 11; Ziesemer 7 Auch eine Historia apoerypha: Helm, Beitr. Rechtsliteratur. Heinrich von Hesler 673 Er erzählt, einfach und ohne besonderen Schmuck, die Leiden Christi, Tod, Auferstehung, Himmelfahrt, Höllenfahrt, die Legende von der Veronika und der Heilung des Kaisers Vespasianus, zuletzt die Zerstörung Jerusalems durch diesen. Hesler war theologisch erfahren, auch zeigt er Kenntnis deutscher Dichtung (Konrads v. Heimesfurt Urstende, die „Erlösung"). Die Apokalypse 1 (Apokalipsis Unses herren Jhesu Christes, 310), eine gereimte Übertragung der Offenbarung Johannis (etwa 22900 V.), ist vor 1312 verfaßt unter Benutzung vieler lateinischer Kommentare und untermischt mit Belehrungen über wichtige Punkte der Heilsgeschichte und der christlichen Moral. Hier nennt der Dichter seinen Namen V. 154. 2 Mit Heslers poetischer Apokalypse steht eine in der gleichen Handschrift sich befindende wohlgeformte P ro s a b e a r b e it u n g (Appokalipsis) in Wechselbeziehung. 3 Nicht erheblich später entstand eine ostmitteld. Prosaübersetzung der Apokalypse, die Bekanntschaft mit Heslers Gedicht zeigt. 4 Außerdem ist von Hesler in geringen Bruchstücken mit schlechter Schreibung noch ein die Erlösung betreffendes Gedicht vorhanden, worin sein Name vorkommt: ich Heinrich von Hasiliere bin genannt. Die Bruchstücke handeln von Adams Verführung durch den Teufel und Gottes Barmherzigkeit. 5 Die metrische Form 6 hat sich Hesler geradezu zu einem Studium gemacht und stellt, als erster seit Otfrid, Regeln für den Versbau auf (Apok. 1328-1482); er beobachtet die Silbenzahl der Verse, die er noch ziemlich nach dem Muster der alten Meister (V. 1385) einrichtet, aber mit der Absicht regelmäßigen Wechsels von Hebung und Senkung. Die Reime sind rein. Sein Stil 7 ist einfach und ungeblümt; charakteristisch ist die Wortwiederholung, durch die das Leitmotiv der betreffenden Stelle hervorgehoben wird. In der höfischen Kunstübung zeigt er den Einfluß Konrads v. Würzburg. 43,345^7. —Üb. d.Quellenu. das Ev. Nicod.: v. Hesler, Greifsw. Diss. 1912; Teile abgedr.: Schönbach, Anz. 2, 149-212; WÜLCKERaaO.; Behaghel, ZfdA. 22,97. 128-42. — Helm, Helm, Beitr. 24, 117^15 u. Ausg. S. XXVI- ZfddtUnt. 30, 1916, 369; Ziesemer, Lit. d. Dt. XXXIII. Ord. S. 88. 1 Ausg.: K. Helm, Dt. Texte d. MA.s 8, 1907 4 Hgb. F. E. A. Campbell, D. Prosa-Apokal. d. (s. auch ZfdtWortforschg. 10,217), dazu Königsberger Hs. Nr. 891 u. d. Apokal. Hs. v. Baesecke, Anz. 33, 61-68, Cbl. 58, 1407, Hesler, Greifsw. Diss. 1911; Bruchstücke: Panzer, ZfdPh. 43, 476, Ziesemer, Mitteil. Behaghel, ZfdA. 22, 128-142. — Ziesemer, d. Westpreuß. Gesch.-Ver. 8, 45; Hammerich, S. 88. Stammlers Verfasserlex. 1,96-98; L.Wolff, 5 Hgb. von O. v. Heinemann u. Stein- ZfdA. 67, 269, Stelle). — Quellen: Curt Schu- meyer, ZfdA. 32, 111-17. 446-19; de Boor mann, Üb. d. Quellen d. Apokal. Hs. v. Hesl., S. 127. 143 f. 147 f.; Ziesemer S. 50. 55. Gieß. Diss. 1912 (spricht d. Ev. Nie. dem 6 Helm, Beitr. 24, 178-87 (mit Lit.); Bae- Hesler ab, dagegen de Boor aaO. S. 146 ff.; secke aaO.; Arth. Klatscher, Zur Metrik u. Ziesemer S. 54 f.). — 5 Hss. u. 8 (9) Bruch- Textkrit. von H. Heslers Ev. Nie, Progr. Eger stücke, Helm, Einl. zus. Ausg.; Baesecke aaO. 1908-9, dazu Helm, Anz. 34, 167-71; C. 2 Im Ev. Nicodemi tut er das nicht, daß aber v. Kraus, D. metr. Regeln bei H. v. Hesler u. dieses von demselben Verf. herrührt wie die Nikolaus v. Jeroschin, Festschr. Jellinek 1928, Apokal., erweist die gleiche Dichtweise, Stil 51-74; Ziesemer S. 55 f. Sprache, Heimat: und Metrik (Amersbach aaO.; Steinmeyer, Schröder, Münch. SB. 1924, 3. Abt. S. 5. ZfdA. 32, 116; de Boor aaO. S. 146). 7 Helm, de Boor, Silbenbeobachtungen zu 3 Hgb. F. E. Campbell, Die Prosa-Apokal. d. Heinr. v. Hesler, Festschr. Ehrismann 1925, Königsberger Hs. 891 u. d. Apokal. Heinrichs 125—48. 43 Deutsche Literaturgeschichte IV 674 Die Literatur des Deutschordens im 14./15. Jahrhundert Weitere geistliche Dichtungen Auch der Verfasser der H est er 1 (Übersetzung des Buches Esther und des Jakobssegens, Benedictio Jacob) ist durch den Dichter des Passionais, dem er aber an dichterischem Vermögen nachsteht, beeinflußt. Über seine Person ist nichts aus dem Gedichte zu schließen, er war wohl Geistlicher zu Anfang des 14. Jhs (2010 V.). Ein Thüringer, offenbar ein gelehrter Geistlicher in einem dortigen Ordenshause, war der Verfasser der Judith. 2 Er will die biblische Erzählung geistig aufgefaßt wissen und bringt deshalb zwei mystisch-allegorische Betrachtungen an. An künstlerischem Wert steht das Werk nicht eben hoch, aber die Person der Heldin ist ein Symbol für die Glaubenskämpfer des Deutschordens; Zeit: wahrscheinlich 1304 (2814 V.). Wie die Apokalypse, Hester und Judith, befindet sich in der Mergentheim-Stuttgarter Hs. auch die noch nicht herausgegebene Übersetzung Esdras und Neemyas; 3 Quelle ist die Vulgata. Einen umfangreichen Bestandteil der Stuttgarter Hs. macht Das Buch der Makkabäer aus 4 (14410V.). In den Makkabäern, den Glaubensstreitern, sahen die Deutschordensritter ihr Vorbild. Die Quelle des Werkes ist die Vulgata mit ihren lateinischen Kommentaren; zahlreiche Exkurse sind eingefügt. Die Ausdrucksweise ist trocken und ungeschickt, doch der Versbau ziemlich regelmäßig; Zeit: vor 1322. In literarischem Zusammenhang mit dem Passional, der Apokalypse und dem Makkabäerbuch steht auch das ebenfalls in der Stuttgarter Hs. überlieferte Buch Daniel (8348 V., eine zweite Hs. in Königsberg), eine poetische Bearbeitung des biblischen Buches unter Beiziehung der Historia scholastica und mit allegorischen Deutungen versehen; 5 von einem strengen, von der Welt abgewandten und Buße predigenden Geistlichen abgefaßt. Bald nach 1 Hgb. Karl Schröder, Bartschs Germanist, u. Jahrbuch d. philosoph. Fak. in Marburg, Stud. 1, 247-315 (Der Jakobssegen, S. 291-95, 1923-24 (Auszug); Ziesemer S. 64 f.; Hans ist eine Erneuerung der betreffenden Partie der Steinger, Stammlers Verfasserlex. 1, 590 f.; frühmhd. Genesis, s. LG. II, 1, 81). — Abh.: „Esther", Ders. ebenda 1, 591 f.; vgl. auch E.Funk, Hester,eine Deutschordensdichtung, „Bruchstückeeinermd.BearbeitungdesEsdras Königsberg. Diss. 1928; Ziesemer S. 61-63; u. des Jesaias", hgb. v. K. Euling, Beitr. 14, Archiv 50,311-18; Hans Steinger, Stamm- 122-26. lers Verfasserlex. 1, 591 f. — 2 Hss. — Eine * Hgb. Helm, Lit. Ver. 233, 1904. — Abh.: Prosa-Hester u. Ev. Nicodemi: Bachmann u. Helm, ZfddtUnt. 30,1916, 364 f.; Ziesemer, Singer, Dt. Volksbücher, Lit. Ver. Bd. 185; S. 66-69. Suchier, Germ. 17,355. 5 Hgb. Arth. Hübner, Dt. Texte d. MA.s 2 Hgb. R. Palgen, Ad. Textbibl. Nr. 18,1924 Bd. 19, 1911, dazu Helm, ZfdPh. 46, 476-80, (1 Hs.: Mergentheim-Stuttgart), dazu Schrö- Cbl. 1911,1508, Priebsch, DLz. 1912,1059 f., der, Anz. 44, 31-34, Götze, Lbl. 1926, 216 f. Piquet, Rev. germ. 7, 630 f., Ziesemer, Mitt. — Abh.: Max Hering, Untersuchungen über d. westpreuß. Gesch.-Ver. ll,70f. —Abhandl.: Judith, Hall. Diss. 1907; Ziesemer S. 63 f.; Hübner, Daniel, eine Deutschordensdichtung, de Boor, Festschr. Ehrismann 1925, 146; Pal. 101, 1911, dazu Helm, aaO. S. 365 f., Helm, Z. mhd. Ged. von der Judith, Beitr. 43, Ziesemer, Westpreuß. Gesch.-Ver. 12, 62 f.; 163-68 u. Anz. 44,149; Helm, ZfddtUnt. aaO. s. auch Helm, Makkab. S. LXXXIX ff.; Ders., S. 294 f. ZfddtUnt. aaO. S. 365; Ziesemer S. 69-74; 3 Noch ungedr. — Helm, ZfddtUnt. 30,1916, Ders., Stammlers Verfasserlex. 1, 403 f. — 368; Edg. Krebs, Esra u.Neh.e. Deutschord.- Stellen: Rosenhagen, Anz. 45, 45 f.; Wall- dichtung, Marburger Diss. 1923, Masch.schr. ner, ebda S. 152. Weitere geistliche Dichtungen 675 1331 wird der wahrscheinlich aus Thüringen stammende Autor gearbeitet haben. Auch die Dichtung des Tilo v. Kulm „Von siben Insigeln" 1 ist, wie der Daniel, dem verdienstvollen Hochmeister Luder v. Braunschweig zu Ehren abgefaßt. Eine lat., auf das deutsche Gedicht folgende Nachschrift besagt, daß es 1331 von einem Magister Tylo de Culmine beendet worden sei. Ein solcher ist als Kanonikus im Ermland urkundlich in jener Zeit nachgewiesen. Das Gedicht ist eine Übersetzung des Libellus septem Sigillorum mit kürzender Tendenz und gibt eine christliche Heilsgeschichte vom Fall Luzifers bis zum jüngsten Gericht. Der Stil beruht auf Kenntnis Rudolfs v. Ems und Konrads v. Würzburg (Gold. Schmiede). Beeinflußt durch Tilo ist der ungenannte Dichter der poetischen Paraphrase des Buches Hiob (15568 V.), 2 der sich aber von jenem durch seine dem ritterlichen Geiste zugeneigte Lebensauffassung unterscheidet. Die Vorlage, die Vulgata, ist durch eingeschaltete Auslegungen erweitert. Am Schluß preist der Verfasser in hohen Tönen den Hochmeister Dietrich von Altenburg (Nachfolger Luders) und seine Siege über die Litauer. Vollendet wurde das Werk im Jahr 1338 (V. 15221). Der Dichter nennt sich nicht (schwerlich ist es Tilo v. Kulm). Auch die kurz gefaßte Übersetzung des Alten Testamentes „Historien der alden e" 3 (etwa 1340-50) zeigt sprachliche Abhängigkeit von Tilo v. Kulm, ist aber unbeholfen und ohne künstlerischen Ausdruck. Außer dem „Hiob" enthält die Königsberger Archivhs. eine prosaische Übersetzung der Propheten, 4 in deren kunstvoll gereimter Vorrede sich der Verfasser in einem Akrostichon als Minner-Bruder Claws Cranc (urkundl. 1323-35) bezeichnet; derselbe ist vielleicht auch Urheber der Prosa. — Übersetzung der Apostelgeschichte 5 (der apostele getät), die in der Handschrift auf den Hiob folgt. 1 Hgb. Karl Kochendörffer, Dt. Texte d. phrase ein Werk des Tilo v. Kulm? Frankf. MA.s Bd.9, 1907, dazu Panzer, ZfdPh. 43, Diss. 1923, Maschinendr.; Helm, ZfddtUnt. 476-79, Ziesemer, Zs. d. westpreuß. Gesch.- aaO. S. 367 f.; Ziesemer, S. 80-83. Ver. 8, 45 f., Cbl. 1908, 1407. — Abhandl.: 3 Hgb. Wim. Gerhard, Lit. Ver. 271, 1927, Gerh. Reissmann, Tilo v. Kulms Ged. Von dazu Schröder, Anz. 47, 186 f., Piquet, Rev. sieben Ingesigeln, Pal. 99, 1910, dazu Zie- germ. 20,1929, 54. — Gerhard, Die hist. semer, Lbl. 1911, 271, Piquet, Rev. germ. der alden e, eine Deutschordensdichtung, Diss. 7, 621, Helm, ZfdPh. 46, 476-78; Wilmanns- Frankfurt 1921; Ziesemer S. 84 f. Michels, Walthers Leben S. 453; Walter 4 Hgb. W. Ziesemer, Die Prophetenüber- Holz, Ist d. md. poet. Hiobparaphrase ein Setzung des Claus Cranc, Schriften der Königs- Werk des Tilo v. Kulm? Diss. Frankf. 1925, berger gelehrten Gesellsch. Sonderreihe Bd. 1, Auszug; Helm, ZfddtUnt. aaO. S.366f.; 1930, dazu Schröder, Anz. 49, 202 f., L. Ziesemer S. 74-80. — Sprache: Zwierzina, Wolff, GgA. 1931, 8, Behaghel, Lbl. 1931, Festschr. Sievers 1925, 402 ff. 328 f.; Jan van Dam, Arch. 161,1932, H. 3/4; 2 Hgb. T.E.Karsten, Dt. Texte d. MA.s Suolahti, Neuphil. Mitteil. 32,1931, 160 f.— Bd. 21,1910 (2 Hss.), dazu Ziesemer, West- Karsten, Hiob S. I-XII. XVI-XX; Helm, preuß. Gesch.-Ver. 11,31 f., Priebsch, DLz. ZfddtUnt. 30,1916,369; Ziesemer, Lit. d. Dt. 1911, 2009-11, Cbl. 62, 608, Piquet, Rev. Ordens S. 58-88; Ders., Stud. z. malterl. crit.7,483f.,J.Hg.,Neuphilol.Mitteil.l911.— Bibelübersetz. 1928; Hans Vollmer, Ma- Abh.: Walter Müller, Über d. md. poet. terialien z. Bibelgesch. Bd. III, 927. Paraphrase d. Buches Hiob, 1883, dazu 6 Hgb. Ziesemer, Eine ostdeutsche Apostel- Behaghel, Lbl. 1883, 298, Bech, Germ. 28, gesch. d. 14. Jh.s, Ad. Textbibl. Nr. 24, 1927, 389-91; W. Holz, Ist d. md. poet. Hiobpara- dazu Schröder, Anz. 47,69. — Ziesemer, Lit. 43* 676 Die Literatur des Deutschordens im 14./15. Jahrhundert Legenden Eine Lokalheilige des Deutschordenslandes ist die Klausnerin Dorothea von Montau (bei Marienwerder), gest. 1394, deren Leben, Frömmigkeit, Visionen und Wunder mit mystischer Färbung ihr Beichtvater Johannes v. Marienwerder latein. (1343-1417) und zwischen 1401 und 1417 deutsch beschrieb; gedruckt 1492. 1 — Leben und Marter des Heil. Adalbert, Bischofs v. Prag, 2 der bei der Bekehrung der heidnischen Polen und Preußen a.997 den Tod fand, wurde nach einer lat.Vita von Nicolaus v. Jeroszin (s. oben) dargestellt (um 1327-29). Der heil. Barbara, die im Ordenslande besonders verehrt wurde, widmete Luder v. Braunschweig, von 1331 bis 1335 Hochmeister, ein leider verloren gegangenes Gedicht (etwa im Jahre 1308), wie Nicolaus v. Jeroszin in seiner Chronik 6431 ff. berichtet. 3 In den Kreis der Deutschordensliteratur gehört wahrscheinlich auch die Thomaslegende des Cgm.16. 4 — Der Littauer von Schondoch; s. oben. d. Dt. Ord. S. 27. 88; Karg, Adversative Ad- 2 Nur in Bruchstücken erhalten: Steffen- verbia in d. Königsb. Apostelgesch., in: Karg, hagen, ZfdA. 13, 505. 561-66; Helm, ZfdUnt. Syntaktische Forschungen, 1929, dazu Mau- aaO. S. 432; Ziesemer, Lit. d. dt. Ordens rer, DLz. 1930,748-51; Ziesemer, Stammlers S. 60 f. Verfasserlex. 1, 98. 8 Steffenhagen, ZfdA. 13, 568; Helm, Zfd- 1 Das Leben d. sei. Dorothea, Script, rer. Unt. aaO. S. 363; Ziesemer, D. Lit. d. dt. Pruss. II, 179 ff. — Helm, ZfdUnt. aaO. Ordens in Preußen 1928, 57-60. S. 369 f.; Ziesemer, Lit. d. dt. Orden S. 89 f.; «Wilhelm, Dt. Legenden u. Legendare Hans Steinger, Stammlers Verfasserlex. 1, S. 105-35 u. Text (hinten S. 10*-19*). 453-57. XII. DIE MITTELNIEDERDEUTSCHE LITERATUR DES 14/15. JAHRHUNDERTS 1 ist enge mit der hochdeutschen (obd. + md.) verbunden, nur ein Teil der Denkmäler stehen außer Beziehung zu ihr, nur sie sind hier zu besprechen. Die in Wechselwirkung mit der mittelhochdeutschen Literatur stehenden mittelniederdeutschen Erscheinungen sind zusammen mit der mhd. Literatur besprochen worden und im Register dieses IV. Bandes als mnd. verzeichnet. Bezeichnenderweise beginnt die speziell mnd. Literatur mit zwei aus dem praktischen Leben hervorgegangenen Prosawerken, mit dem Sachsenspiegel (1222) und der sächsischen Weltchronik (nach 1225) Eikes von Repgow (s. oben). Doch die Sprache ist immer noch hochdeutsch beeinflußt, sie ist „temperiert", d.h., ausgesprochen niederdeutsche Mundartlichkeiten werden gemieden und durch hochdeutsche Ausdrücke ersetzt. Die Eigenart' der mnd. Literatur ist durch die gesellschaftlichen Verhältnisse bedingt: das Bürgertum war durch Handel und Schiffahrt (Hansa) reich geworden, in den Städten lag die Kraft der Bevölkerung, nicht bei dem Rittertum und den Höfen. Die Zeiten eines Eilhard von Oberge und eines Berthold von Holle waren längst vorbei, der niederd. dichtende Fürst Witzlaw von Rügen blieb eine vereinzelte Erscheinung; der bürgerliche Geist hatte keinen Sinn für das höfische Epos, er verlangte derben Realismus. Der größere Teil der mnd. Literatur ist in Prosa abgefaßt, das allermeiste davon fällt in das 15. Jahrhundert, in die Zeit der Drucke. Die geistliche Literatur überwiegt bedeutend, es folgen darauf die historische Literatur (Chroniken, historische Lieder) und die Rechtsdenkmäler, die lehrhaften Stücke; weltliche Epik und Lied treten zurück. 1. DIE GEISTLICHE LITERATUR 2 Bibelübersetzungen E. Rooth, Eine westfälische Psalmenübersetzung aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, Uppsala 1919; Psilander, zum frühmnd. westfälischen Psalter, Nd. Jahrb. 47, 1921, 49-54; Rooth, Studien z. d. altnieder- 1 Allgem. Lit. Goedeke, Grundr. I 2 , 457-84; 103-24; C. M. Wiechmann, Mecklenburgs alt- Ders., Dt. Dichtung im MA. 2 ; daselbst; niedersächs. Lit. (die seit Erfindg. der Buch- Herm. Oesterley, Niederdt. Dichtung; Herm. druckerkunst bis zum 30jährigen Kriege ge- Jellinghaus, Mnd. Lit. in Pauls Grundriß druckten Bücher) I, 1864 (bis 1550); A. Lub- 3. Aufl., 1925; Wolfg. Stammler, Gesch. d. ben, Mnd. Gedichte, 1868; Ders., Mitteil, aus nd. Lit. von d. ältesten Zeiten bis auf d. Gegen- nd. Hss., Progr. Oldenburg 1874; Ders., Zur wart, Aus Natur und Geisteswelt 815. Band- Charakteristik der mnd. Lit., Nd. Jb. 1875, chen, 1920; Ders., Mnd. Lesebuch 1921 (mit 5-14; Conr. Borchling u. Herm. Quistorf, reicher Lit.). — Roethe, Die Reimvorreden Tausend Jahre Plattdeutsch, 1927, dazu L. des Sachsenspiegels, Gott. Abhandl. NF. II, Wolff, Anz. 48, 196-99; Erich Rosendahl, Nr. 8, 1899; Conr. Borchling, Mnd. Hand- Niedersächsische Literaturgeschichte, 1932. Schriften, Gott. Nachr. 1898 H. 2, 79-316 u. 2 Goedeke, Grundr. I 2 , 467-73; Jelling- 1900, Beiheft; Ders., Über mnd. Hss. des HAus 3 S.5-19;STAMMLER,Diemnd.geistl.Lit., nordwestl. Deutschlands, Nd. Jahrb. 23, Neue Jahrbücher Jahrg. 1920, Bd. 45,114-35. 678 Die mittelniederdeutsche Literatur des 14./15. Jahrhunderts fränkischen u. altwestfäl. Psalterversionen, Uppsala Univ. ärsskr. 1924.— Johanna Lürssen, E. mnd. Paraphrase des Hohenliedes, Germanist. Abhandl. 1917.— Hjalmar Psilander, Die nd. Apokalypse hgb., Upsala univ. ärsskr. 1901 (Anfang 13. Jh., hd.-nd. Mischsprache [temperiert]), dazu Borchling, Anz. 29, 303-08, Jellinghaus, Nd. Korrbl. 22, 27 f.; K.Christ, Münsterische Bruchstücke der nd. Apokalypse, ZfdA. 52, 269-76; Eine poetische Paraphrase der Apokalypse: v. d. Hagens Germ. 10, 148-84; Borchling, Nd. Jb. 23, 112 f.; Oesterley S. 8 f. — Offenbarung Johannis: v. d. Hagens Germania 10, 125 f. — G. Jancke, Die nd. Halberstädter Bibel vom 15. Jh., nd. Kbl. 43, 1931, Nr. 4. — Andere nd. Bibeln vor Luther: Die Kölner u. die Lübecker Bibel s. Jellinghaus S.37; Stammler, Nd. LG. S.41. — Erik N. Liljebäck, Die Loccumer Historienbibel (die sog. Loccumer Erzählungen, mnd. 15. Jh.), Diss. Lund 1924, dazu Schröder, DLz. 1924, 355 f. (nach dem Jahr 1447). — Bruchstücke einer mnd. Evangelienharmonie, aus dem Kloster Himmelgarten bei Nordhausen: Sievers, ZfdPh. 21, 385-90; s. auch Kbl. 32,62. — Plenarien s. Jellinghaus 3, S. 32. Johannes Veghe Hervorragend durch den sprachlichen Ausdruck und das Gewicht des Inhalts sind die Predigten des Johannes Veghe, 1 geb. in Münster zwischen 1430 und 1440, gest. 1504. Außer den Predigten hat er wahrscheinlich folgende drei allegorischen Prosatraktate verfaßt: Wyngarden der Seele, Das geistliche Blumenbeet (Maria, die Synagoge, die minnende Seele), Die geistliche Jagd. — John Flensburg, Die mnd. Predigten des Jordanes V.Quedlinburg, Diss. Lund 1911, dazu Seelmann, nd. Kbl. 33,32. — Pekka Katara, Mnd. Predigtfragmente aus e. Hs. der Univ. bibl. von Helsingfors, Hels. 1926; O. Bergner, E. mnd. Predigtsammlung von 1470, Nd. Jb. 35; P. Katara, E. mnd. Plenar, hgb. Annales Academiae scient. Fennicae B Tom. XXIV Nr. 2, Helsingfors 1932. Der Pfaffe Konemann Unter den selbständigen Gedichten geistlichen Inhalts sind vorauszuschicken: Die Gedichte des Pfaffen Konemann. 2 Dieser, ein Geist- 1 Strauch, ADB. 39, 525-28. — Franz Jahrb. 23,1897, 114 ff.; Breucker, ebda 30, Jostes, Joh. Veghe, Leipz. Diss. 1882; Ders., 83; L'udw. Wolff, ebda 54, 1928, 15-23; Joh. Veghe, ein deutscher Prediger des 15. Stammler, Nd. Leseb. S. 70-72 u. Anm. Jh.s, hgb. 1883, dazu Strauch, Anz. 10, 202- S. 140 (Lit.). Das Gedicht ist noch nicht hgb. 15, Bech, Lbl. 1884, 10 f.; Jostes, Gesch. — Kaland. Ausg. G. Sello, Des Pf. Konem. d. mittelalterl. Predigt in Westfalen, Zs. f. Ged. vom Kai. zu Eilenstedt am Huy, Zs. d. Gesch. u. Altertumskde Westfalens Bd. 44; Harzvereins f. Gesch. u. Altertumskde 23, Herm. Triloff, Die Traktate u. Predigten 1890, 99 ff., dazu Seelmann, Kbl. 15, 61 f., Veghes untersucht auf Grund des Lectulus Sprenger, ebda 23, 74; K. Euling, D. Ka- Floridus der Berl. Hs., 1904. — Stammler, land des Pf. Kon., Nd. Jahrb. 18, 1893, 19-60, Mnd. Leseb. Nr. 37 S. 56-59 u. Anm. S. 138 f.; Ausg. einer Hs. (1452 V.); Wilh. Schatz, Jellinghaus, 3 S. 47. Progr. Halberstadt 1851 (Auszüge aus d. 2 Roethe, Reimvorreden S. 35. 52-59; Kaland, s. Pfeiffer, Germ. 2, 503); Kopp- Jellinghaus 3 , S. 5. 10; Stammler, Gesch. mann, Nd. Kbl. 17, 18-28; C. Walther, ebda d. nd. Lit. S. 21 f.; Breucker, Nd. Jahrb. 30, 21, 49-51. — L. Wolff, Eine dritte Dichtung 1904, 93. — Wurzgarten: Borchling, Nd. des Pfaffen Kon., Nd. Jahrb. 50, 1924, 58. Johannes Veghe. Der Pfaffe Konemann. Von den sieben Todsünden 679 licher in Dingelstedt am Huy, Diözese Halberstadt, hat zwei Gedichte „in nd. Missing" (Roethe S. 59) verfaßt, die in der mnd. Literatur einen hervorragenden Platz einnehmen: Sunte Marien wortegarde, vollendet 1304, ein allegorisches Gedicht, erzählt die Heilsgeschichte von dem Sturze Lucifers und der Erschaffung des ersten Menschen bis zum Jüngsten Gericht. In dem von tiefer Religiosität erfüllten Werke wechseln allegorisch-dialogische Partien ab mit lyrischen Lobpreisungen der Jungfrau Maria. Inhalt (nachBorch- ling, Nd. Jahrb. 23, 116 ff.): Ein mächtiger König (Gott) hatte einen einzigen Sohn und vier Töchter (die 4 Töchter Gottes, s. oben); seinen ungetreuen Amtmann (Lucifer) bringt er zu Fall. Erschaffung des Menschen, Sündenfall, Verhandlung im Himmel über die Erlösung des Menschen. Christus selbst will auf die Erde hinabsteigen und den Kampf gegen den Satan führen. Geburt Jesu. Sein Erlösungstod. — Der Verfasser nennt seinen Namen zweimal: am Schluß des ersten, längeren Teiles, vor dem Tode Christi, und am Ende des ganzen Gedichtes zugleich mit der Betitelung desselben (S. Mar. wortg). Die Abschlüsse sind mit Dreireimen bezeichnet. — Der Ka- land (1452 V.) ist ein Lehrgedicht, in dem die Statuten einer aus Geistlichen und Laien bestehenden Bruderschaft, Kaland genannt, auseinandergesetzt werden. Ein Kaland ist gleichsam eine Versicherung für den Todesfall, die Mitglieder erhalten ein ehrbares Begräbnis, und es werden die vorgeschriebenen Seelenmessen für sie gelesen, sowie die Fürbitten für ihre Seele gesprochen. Der Grundton des Gedichtes beruht auf der Freundschaft der brodere, zugleich wird ein gottgefälliger Lebenswandel vorgeschrieben mit dem Ausblick auf das Himmelreich, so daß das Gedicht einen starken religiösen Gehalt hat. Von den sieben Todsünden Ein sonst nicht bekannter Autor, der sich Josep 1 nennt und ein gelehrter Mann ist, hat ein Gedicht Von den sieben Todsünden geschrieben (15. Jh., um 1420?), worin er mit hoch und nieder scharf ins Gericht geht. Eingestreute Erzählungen beleben das Gedicht. Sammelhandschriften Die sehr zahlreichen geistlichen Schriften Niederdeutschlands sind hauptsächlich in 8 Sammelhandschriften 2 des 15. Jahrhunderts überliefert, von denen eine vom Jahr 1404 den Namen Hartebok (Herzbuch) trägt; sie enthält 7 aus dem Niederländischen übertragene Gedichte (sie sind im folgenden angeführt). Das Ebstorfer Liederbuch (aus Kloster Ebst. bei Lüneburg) hat verschiedenartigen, meist geistlichen, Inhalt. 1 Hgb. Babucke, Joseph's Gedicht von den ling, Zur Gesch. der Emder Josep-Hs., Jahrb. 7 Todsünden in fortlaufenden Auszügen u. In- d. Ges. f. Kunst zu Emden 15, 1905, 520-25; haltsangabe zum erstenmal nach d. Hs. be- Jellinghaus 3 S.10; Stammler, Gesch. d. nd. kannt gemacht, 1874. — R. Sprenger, Der Lit. S. 36 f. Schwank vom Kaiser u. Abt, Akadem. Blätter 2 Goedeke, Grundr. I 2 , 458 f.; Oesterley 1884, 324-30 (aus Josefs Gedicht); R.v. S. III; Borchling, Nd. Jahrb. 23, 103 ff.; Liliencron, Über den Inhalt der allgem. Bil- Stammler, Gesch. d. nd. Lit. S. 48. — Schrö- dung in d. Zeit der Scholastik, Festrede in d. der, Die Ebstorfer Liederhs., Nd. Jb. 15,1-32. Akad. zu München, 1876 S. 33. 46; Borch- 680 Die mittelniederdeutsche Literatur des 14./15. Jahrhunderts Gedichte von Jesus und Maria 1 Von einer Genealogie Christi (von Adam an) ist nur der Anfang erhalten: Oesterley S.U.— Von der Geburt Christi, imHartebök: Ph. Wackernagel, Kirchenlied 2, 395 ff.; Oesterley S. 9 f.; Paul Hagen, Zwei Urschriften der „Imitatio Christi" in mnd. Übersetzung, aus Lübecker Hss. hgb., Dt. Texte d. MA.s34,1930. Ein mnd. Gedicht über die Kreuzigung, das Begräbnis und die Auferstehung Christi: Fritz Rohde, Königsb.Diss. 1911 (14. Jh., s. auch ZfdA. 13, 523), dazu Behaghel, Lbl. 1912, 60-62; s. Kbl. 33,32. — Van dem holte des hilligen cruces, 776 V., aus dem Niederländ. übersetzt: hgb. Carl Schröder, 1869; Oesterley S. 10 f., im Hartebök; eine davon abweichende Fassung ist Van dem holte darane starf Marien sone, 807 V. —Borchling, Der Druck der nd.Nyen Ee von 1482, Nd. Kbl.33,49-52 (= das Passional van Jhesus vnde Marien leuende, Lübeck 1478). — Sunte Marien leuent (Bruder Philipps Marienleben,Oesterley S.l 1-13). — Unser leuen frouwen rozenkrantz, im Hartebök (Oesterley S. 13). —. Marien Rosenkranz (besser „Marien Krone"), hgb. Bartsch, Nd. Jb. 6, 1881, 100-13. — Christus und die mannende Seele (s. oben) ist auch mnd. überliefert, s. Stammler, Mnd. Leseb. Nr. 62 S. 98-100 u. Anm. S. 143 f. — De seven drofnisse van unser leven vrowen, der moder Marien (Oesterley S. 63 f.). — Der Jungfrau Maria waren prosaische Erbauungsschriften gewidmet (Jellinghaus 3 S.50) und viele Marienlieder. — Antichrist: v. d. Hagens Germ. 10, 138 ff. — Nd. Legenden 2 s. oben Lit. d. 13. Jh.s; nd. Apokalypse, nd. Ev. Nicodemi Sibillen Weissagung s.ob. Lit. d.l4./15.Jh.s. — Eine ostfälische Reimbibel, Schröder, ZfdA. 70, 280. Geistliche Lehren und Mahnungen 3 Des Engels und Jesu Unterweisungen, zwei mnd. Lehrgedichte hgb. Inge Peters, Göteborgs högskolas ärsskr. 1913. — Zehn Gebote: A. Bernt, Die 10 Gebote in nd. Reimen, Nd. Kbl. 24, 25; Borchling ebda S. 66-68; Jellinghaus 3 S.9. — Auslegung der zehn Gebote von Heinrich von Friemar (Prosa). — Der Seelentrost, 10 Gebote (G. Reidemeister, Die Überlieferung des Seelentrostes, Hall. Diss. 1915; s. oben mhd.). — Von den sieben Todsünden, eine Prosaallegorie, in der die sieben Sünden mit ihrem Vater dem Teufel reden (Borchling, Nd. Jb. 23, 114). — Arstedie wedder de sunde der tunghen, Prosa (BorchlingaaO. S. 112). —Nd. Katechismus, Prosa, Jellinghaus,ZfdPh. 13, 20-28; Paul Hagen, Zwei Urschriften der „Imitatio Christi" in mnd. Übersetzungen, Dt. Texte d. MA.s 34,1930. — Einiges Andere s. Jellinghaus 3 S.53f. Allegorien Allegorien in gebundener Rede: 4 Von einem edeln Krautgarten; die zehn Kräuter (Blumen) des Gartens sind zehn Tugenden, die zum Himmel 1 Goedeke, Grundr. I 2 , 469-71. — Hartebök: 43 ff.; Stammler, Nd. LG. S. 38. Schulte-Kemminghausen, Stamml. Ver- 3 Goedeke S. 471-73; Jellinghaus 3 S. 9 fasserlex. 2, 188-95. bis 11; Stammler, Nd. LG. S.36f. 39 f. 59. 2 Goedeke S.467-69; Jellinghaus 3 S.6f. 4 Jellinghaus 3 S.8. Gedichte von Jesus u. Maria. Geistl. Lehren u. Mahnungen. Allegorien. Spiegel 681 führen: Gottesliebe, Wahrheit, Barmherzigkeit usw. (Oesterley S.52f.). — Die geistliche Rüstung von Friedrich von Henneberg, 204 V. (hgb. C. Walther, Nd. Jb. 3,70 f.; W. Seelmann, Nd. Jb. 9,55-59). — Klosterallegorie, 232 V.; die einzelnen Tugenden als Nonnen eines Klosters (Bartsch, Nd. Jb. 11, 128-33). Ähnlich: Das geistliche Kloster (Borchling, Nd. Jb. 23, 114). — Dat hus der dogenden, 6 Tugenden, u. a. Demut, Geduld, Gottesliebe (Lübben, Mitteil, aus nd. Hss., 1874, 5 ff.). — Das Mühlenlied; die geistliche Mühle, die die Seele speist; die Kirchenväter, Apostel, Propheten, Evangelisten helfen sie erbauen (Uhlands Volkslieder Nr. 344 u. Anm.); Jellinghaus, Nd. Jb. 3,86-90; Herrn. Brandes, ebda 9,49-54; Ad. Hofmeister, Nd. Kbl. 10, 83; Stammler, LG. S. 36; U. Steinmann, Das mnd. Mühlenlied, Rostock. Diss. 1931 u. Nd. Jb. 56; Goedeke, Grundr. 2 , 472. — Van dem dische, den Gott im Himmelreich bereit hält, Baesecke Jb. 33, 122-35 (Der eren Tafel, in 14 neunzehnzeiligen Strophen, Der Tisch im Himmelreich, 296 Verse in Reimpaaren). — Das Kloster der Tugenden. — Von der Erlösung.— Prosaische Allegorien: Nicolaus Rutze, Bökeken van dem r epe, gedruckt vor 1500; der Autor ermahnt durch das Bild eines Reifes aus drei ineinander geflochtenen Strängen zu den drei göttlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung (Nerger, Prgr. Rostock 1886; B.Claussen, Nicol. Rusz „Booc van dren strenghen" usw., Nord. Tidskr. f. Bibliothekväsen 11, 1924, 117-28). — Die zwölf geistlichen Jungfrauen, eine mnd. Be- ginenvision: Pekka Katara, Festgabe Borchling 1932 (drei Jungfrauen sind Tugenden, die das neugeborene Jesuskind pflegen). — Prosaische Allegorien des Joh. Veghe s. oben; weitere Prosaallegorien s. Jellinghaus 3 S.48f. Spiegel Spiegel sind Erbauungsbücher, die dem Menschen gleichsam einen Spiegel vorhalten für seine Lebensführung. Teils in poetischer, teils in prosaischer Form: Spegel der mynsliken salicheit (poet.), in vielen Hss. im 14. u. 15. Jahrhunderten verbreitet, führt den vngelerden luden die ganze christliche Heilsgeschichte, von dem Sturze Lucifers und der Erschaffung des Menschen an, vor (Oesterley S.49-52; Borchling, Nd. Jb. 23, 113 f.). — Heilsspiegel (pros.), nd. Übersetzung des Speculum humanae salvationis (14. Jh.) von Ludolf v.Sachsen (Stammler, Gesch. d.nd. Lit. S.39). —Der Christenspiegel des Franziskaners Dietrich Coelde (Kolde) aus Osnabrück (pros.) etwa 1435-1515 (Jellinghaus 3 S. 53 f.; Stammler, Nd. LG. S.39). — Speygel des cristen gheloven von Ludolfus, Göttingen 1472, pros. (Jellinghaus aaO.). — Speygel der Leyen, Lübeck 1496, pros. (Jellinghaus 3 S.54; Stammler aaO.); Der Spiegel der Leyen, pros. 1444, gibt zur Erklärung Beispiele aus Sage und Legende (B.Hölscher, Der Spieghel der Leyen, Progr. Recklinghausen 1861; Alex. Reifferscheid, Erzählungen aus dem Spieghel der Leien [15. Jh.], ein Beitrag zur erzählenden Prosa des MA.s, ZfdPh. 6,422-42). — Speygel der dogede, Lübeck 1485, pros. — Spegel der Zonden 682 Die mittelniederdeutsche Literatur des 14./15. Jahrhunderts (die sieben Todsünden), poet. 18000 V., Mitte 15. Jh. (Lübben, Nd. Jb. 5, 54-61; Babucke, ebda 17,97-136; F. A. Stoett, Nd. Kbl. 16,50-53; Stammler aaO. S.36), vgl. Josep, ob. — Der Fürstenspiegel des Johann van Brack, Lesemeisters des Augustiner-Klosters in Osnabrück, ist eine weltliche Pflichtenlehre für Regierende, um 1415 aus dem Lateinischen des Ägidius Romanus (2. Hälfte 13. Jh.) übertragen (Stammler aaO. S.59). Weitere „Spiegel" s. Jellinghaus 3 S. 33 f. Weitere geistliche Gedichte Sibillen Prophesien, Gedicht (Borchling, Nd. Jb. 23, 112). — Wo de sele stridet mit dem licham, 736 V. (es ist die Visio Philiberti, s. oben), hgb. W. Seelmann, Nd. Jb. 5, 21-45, vgl. 7, 24 ff.; Kock, Zum Gedichte von der Seele und dem Leichnam, Nd. Kbl. 26, 15. — Ein Gedicht von Susanna, um 1300, Bruchstück, Oesterley S. 15; Stammler, Mnd. Leseb. Nr. 49 S. 73 u. Anm. — F. A. Willoughby, Von dem jungesten tage, a middle high, germ. poem. ed., Oxford 1918, darin S. 97-117 das mnd. Gedicht Dit isz de claghevndedroffenissedervordomeden seien, gedr. 1495. — Nd. Fragmente des alten Passionais: hgb. C. Walther, Nd. Jb. 22, 36-48; andere Passionale: Jellinghaus 3 S.43f. — Bruchstück eines mnd. Buches der Altväter: Pekka Katara, Neuphil. Mitteil. 28, 1927, 89-106. — Eine nd. Erklärung der Augustinerregel: M.Riemer, Geschichtsblätter f. Stadt u. Land Magdeburg 39, 1904, Abdruck einer unvollständigen Hs. — Eine Benediktinerregel (Jellinghaus S. 60). — Buschmans Mirakel, aus d. Niederfränk. übertragen,4 nd. Hss. Seelmann, Nd. Jb. 6,32-67 (Erlösung eines Gespenstes). — E. N. Liljebäck, Mnd. Exempel, Lund 1931; Exempel bei Stammler, Mnd. Leseb. Nr. 28 S. 46 f. u. Anm. S. 138. — W. Reinecke, Ein päpstliches Widmungsgedicht mit nd. Übersetzung (auf Karl IV.), Nd. Jb. 52, 120-22. — Des Wucherers Paternoster, Pfeiffer, Ad. Übungsbuch, 1866, 171 f., Satire von 208 V.; bei jeder Bitte des lateinischen Paternosters, die der Wuchererspricht, fügt er in nd. Sprache einen wucherischen Plan hinzu. — Übersetzungen aus dem Lateinischen: aus St. Bernhard, Bonaventura, Thomas v. Aquino s. Jellinghaus 3 S. 48. — Von dem Beghinchen von Paris in einer westniederd. Hs. s. oben. Lieder, Reimgebete, Sprüche Eine Menge von nd. geistlichen Liedern, Reimgebeten und Reimandachten, Sprüchen sind erhalten. 1 Besonders hervorzuheben sind: Der iverlde wollust du vorlate, poetische Übertragung des „Crux fidelis", Cruxfidelis to dude, Auslegung der zehn Gebote (Borchling Nd. Jb. 23,114). — Sündenklage einer Verstorbenen (Bartsch, Nd. Jb. 11, 136 f., erhalten sind 41 V., 1 Goedeke, Grundr. I 2 , 472; Jellinghaus 3 Borchling, Nd. Jb. 23, 119 f. — Sprüche: S. 11 f.; Oesterley S. 58 ff.; Stammler, Nd. Jellinghaus aaO.; Henrici, ZfdPh. 50, 334 Lit.Gesch. S. 33 f. — Bartsch, Mnd. Oster- ff.; Ludw. Wolff, Dietrich v. Watzum u. die lieder, Nd. Jb. 5, 46-45; Jellinghaus, Mnd. von ihm geschriebenen nd. Reimsprüche, geistliche Lieder u. Sprüche ausgewählt, 1928; ZfdPh. 53, 135-43. Weitere geistliche Gedichte. Lieder, Reimgebete, Sprüche. Mystische Schriften 683 Anfang fehlt). —Leben und Tod, Dialog von 19 vierzeiligen Strophen zwischen Dal levent und De dod (Freybe, Das Memento mori, 1909,85-88; Stammler, Nd. Leseb. Nr. 73 S. 116-18 u. Anm. S. 146). — 12 Lieder in der Ebstorfer Hs. (Jellinghaus 3 S. 12). — Reimandachten: Das Paradies des Klausners Johannes, 1459 (Jb. 7, 80-100); andere s. Jellinghaus 3 S. 14 f. Mystische Schriften Mnd. Hss. der Mystiker Eckhardt, Tauler, Seuse, Merswin, Ruysbroek sind zahlreich (Stammler, Nd. Mystik, Nd. Kbl. 37, 67 f.; Ders., Stud. zur Gesch. d. Mystik in Niederdeutschland, Arch. f. Rel.wissensch. 21, 1923, 122 ff.; Zwei Urschriften der „Imitatio Christi" in mnd. Übersetzungen aus Lübecker Hss., hgb. von Paul Hagen, Dt. Texte d. MA.s 34, 1930), aber aus Niederdeutschland selbst sind nur wenige mystische Schriften hervorgegangen. Mystische Traktate s. Borchling, Nd. Jb. 23, 114; Van dem Palm- boeme des Cristen menschen „Wie der Mensch den Baum des rechtfertigen Lebens erklimmen und wie er wieder hinabsteigen soll". Von den zwölf Meistern von Paris (Borchling aaO.); Von der frommen Müllerin (ebda). Legenden 1 Ancelmus (Lübben, Zeno, Ancelmus, 1868; Schade Geistl. Ged. vom Niederrhein, s. Beitr. 5, 563). — Siehe Autor (Autus?, Jellinghaus S.7). — S. Brandan (Oesterley S. 15 f.). — Zeno (C.Schröder, Fruwenlof, s. oben; Lübben aaO.; Stammler, Mnd. Leseb. Nr. 47 S.70 u. Anm. S. 140). — J. G. Müller, Jesu dulcis memoria, Tagzeiten der heil. Anna, Nd. Jb. 5, 56-61. — S. Barbara. — Passio S. Dorotheae (Stammler, Nd. Leseb. Nr. 51 S. 75-79 u. Anm. S. 140, Lit., s. bes. Priebsch, ZfdPh. 36, 375-87). — Katharina, Bruchst. (P.Zimmermann, Germ. 25, 198-209, Kbl. 32,63); S. Katharinen Passie, um 1503 (untersucht von H. Degering u. M. J. Husung, 1928). — Margaretenlegenden (Ph. Wegener, Progr. Magdeburg 1878). — Siehe Marina (Osterley S. 16 f.). — Mary Magdalen: C.E.Eggert, 1902, dazu Borchling, Anz.29, 234-38; De sancta Mechtelde et fratre eius Alexandra qui fuit monachus cisterciensis, 15. Jh., Prosa (Stammler, Mnd. Leseb. Nr. 32 S.50 f. u. Anm. S. 138. 147). Das geistliche Schauspiel Wegen des überwiegend geistlichen Inhalts kann man hier Das mittelniederdeutsche Drama 2 (weltliche Spiele s. unten) anschließen. Der mnd. Schauspiele sind es nur wenige, dafür aber sind sie hervorragend in ihrer Art. Das Redentiner Osterspiel, 3 verfaßt von dem Zisterziensermönch Peter Kalff in dem Mecklenburgischen Kloster Redentin 1463, ist trefflich in der 1 Jellinghaus 3 S.6-8. —Siehe ob.Legenden. MA., 1925, 34-37; Ders., Merker-Stammler 2 Goedeke l 2 , 473-78; Borchling, Nd. Jb. Reallex. 1, 234 f.; Ders., Geistl. Spiele im 23, 120; Ders. in der Zs. Niedersachsens 34, niedersächs. MA., Niederdeutsche Bühne I, 1929, 1-4; Jellinghaus 3 S. 16 ff.; Stammler, 1921, 39^6. Mnd. Leseb. S. 36 f. 137; Ders., Nd. LG. 3 Ausg. Mone, Schauspiele des MA.s 2, 1 ff.; S. 65-69; Ders., Das religiöse Drama im Dt. Ettmüller, Dat spil fan der upstandinge, 684 Die mittelniederdeutsche Literatur des 14./15. Jahrhunderts dramatischen Technik und in der ausgeprägten Charakterisierung der Personen, besonders der schon durch ihre Namen humoristisch gestempelten Teufel. — Ein Passions- oder Osterspiel s. Borchling, Nd. Jb. 23, 120. Theophilus, 1 der aus der Faustsage bekannte Teufelsbündler, der sich aus gekränktem Ehrgeiz — er wird als Mönch nach dem Tode des Bischofs nicht zu dessen Nachfolger gewählt — dem Teufel verschreibt; er erhält aber, nachdem er sich bekehrt hat, durch die Fürbitte der Jungfrau Maria die Gnade Christi. Drei Handschriften aus dem 15. Jh., die drei verschiedene Fassungen darbieten: Helmstedt-Wolfenbüttler Hs., 745 V.; Stockholmer Hs., 994 V.; Trierer Hs., 824 V. Lateinische Quelle. Das Sünden fall genannte geistliche Spiel des Priesters Arnold us von Im- messen 2 aus Einbeck, verf. um 1460, beginnt mit dem Fall Lucifers; eine Reihe hervorragender Gestalten des Alten Testamentes treten auf, die Darstellung Maria im Tempel bildet den Abschluß. Die wichtigste Rolle fällt der Person der Jungfrau Maria zu. Auch dieser Dichter verfügt über dramatische Begabung. 1851; Carl Schröder, Red. Osterspiel nebst Einleitung u. Anmerk., 1893, dazu Jelling- haus, ZfdPh. 27, 136, Seelmann, DLz. 1893, 367 ff., Weinhold, Aren. 90, 419; R. Fro- ning, D. Drama d. MA.s, Kürschners Dt. Nat- Litt. Bd. 14, 1891, 107-98; Faksimile Ausg.: Albert Freybe, Die Hs. des Red. Oster- spiels in Lichtdruck hgb., 1892; Gust. Struck, Red. O. übertragen, 1920; E. Boldt, Dat Red. Osterspill von 1464 oewerdragen ... in Mäkel- börger Platt, 1928, dazu Strauch, ZfdPh. 53,205 f.; A. Schöne, Deutsche Altertümer im Mecklenburger Osterspiel, 1887; Weinhold, Archiv 90, 419; C. Schröder, Üb. d. Red. Spiel, Nd. Kbl. 15, 33-37; Ders., Zum Red. Spiel, Germ. 14, 181-96; Liebrecht, ebda 456 f.; Fritz Drosihn, Progr. Neustettin 1866; Ders., ZfdPh. 4,400-406; F. Woeste ebda 8, 106-109; Priebsch, Deutsche Hss. in England 2 S. 218-23; A. Schöne, Zum Red. Ost., Zd. f. d. dt. Unt. 7 H. 1; W. Kohlschmidt, ebda 4; W. Gehl, Metrik des Red. Ost., Rost. Diss. 1923; Ders., Nd. Kbl. 39, 46 f.; Willy Krogmann, Die zweite weibliche Rolle im Red. O., ZfdPh. 53, 135-43; Rosenhagen, D. Red. O. im Zusammenhang mit d. geistl. Schauspiel der Zeit, Nd. Jb. 51, 91-103, dazu Nd. Kbl. 40, 16; Elisab. Spener, Die Entstehg. des Red. O., Marbg. Diss. 1922 ungedruckt; Erich Krüger, Eine Eigentümlichkeit des komischen Gehaltes in d. nd. geistl. Spielen d. MA.s, insbesondere im Red. 0., Nd. Kbl. 45 H. 1/2; Stellen: Nd. Kbl. 18, 24 f. 33-37. 23, 45 f. 25,9. 94. 26,23. 37, 18, Nd. Jb. 16,44-53. 116-28. 128-39. 21, 132-44. 27, 145^9; ZfdPh. 27,301-08.561-63.34,562. — Oesterley S.69-72; Stammler, Mnd. Leseb. Nr. 72 S. 109-16 u. Anm. S. 145 f. (Lit.). 1 Ausg.: L. Ettmüller, Theophilus, der Faust des Mittelalters, 1849 (Helmstädter Hs.); Hoffmann v. Fallersleben, 1853 (Trierer Hs.); Bohn, Monatshefte f. Musikgesch. IX, 1877 (Trierer Hs.); Dasend, Theoph. Icelan- dic, low German and other tongues, London 1845 (Stockholmer Hs.); Hoffmann v. Fallersleben. Theoph., nd. Schauspiel in zwei Fortsetzungen, 1854 (Stockholmer u. Trierer Hs.); Rob. Petsch, Theoph. mnd. Drama in drei Fassungen hgb. 1908; Chr. Sarauw, Das nd. Spiel v. Theophilus, Det kg. danske vi- denskabenes selsk. histor.-filol. meddedelelser VIII, 3, 1923. — Joh. Wedde, Theoph. übersetzt, 1888. — K. Sass, Üb. d. Verhältnis der Recensionen des nd. Spieles von Theoph., Leipz. Diss. 1879, dazu Lambel, Germ. 26, 370-74; A. Reichl, Die Beziehungen zwischen Th. Schernberks „spil von fraw Jutten" u. dem nd. „Theophilus", Progr. Arnau 1890; Stellen: Nd. Kbl. 31, 78 f. — Oesterley S. 77 f.; Goedeke S. 474; Creizenach, Gesch. d. neueren Dramas I 2 , 1911, 239-41; Stammler, Gesch. d. nd. Lit. S. 66; Walth. Rehm, D. Todesgedanke in d. dt. Dichtg., 1928, 80 f. — s. ob. Relig.Drama. 2 Ausg.: O. Schönemann, Der Sündenfall u. Marienklage, 1855; Friedr. Krage, Der Sündenfall mit Einl. usw. hgb. 1913. — Oesterley 2 S. 72-75; Sprenger, Nd. Jb. 14, 148-53 (Stelle); F. Krage, Zu Arn. Immessen, Nd. Kbl. 34, 28; Ders., Zum Sündenfall, Nd. Kbl. 39, 37 f.; Ders., Zur Heimatbestimmung Arn. Immessens, ebda 35,43^8; Ders., Vorarbeiten zu einer Neuausgabe von Arn. Imm., Rost. Diss. 1912; Eduard Damköhler, Zum Sündenfall, Nd. Jb. 15,72-84; Nd. Kbl. 47, 65-68; Gust. Rosenhagen, Die Wolfenbütteler Spiele u. d. Spiel des Arn. v. Imm., Festschr. Borchling 1932, 78-90. — Creizenach, Gesch. d. dt. Dramas I 2 , 199 Anm. 2.182. 210. 235; Stammler, Das religiöse Drama, Deutschkundl. Bücherei 1925 S.37. Das geistliche Schauspiel 685 Außerdem sind Bruchstücke eines Osnabrücker (Ende 14. Jh.) und eines Wolfenbütteler Osterspiels (15. Jh.) vorhanden; 1 auch Fragmente zweier Dramen mit alttestamentlichen Stoffen. Dramatisch zusammengesetzt und zur Aufführung am Karfreitag in der Kirche bestimmt sind auch die Marienklagen am Kreuze Christi. In der Wolfenbütteler Marienklage 2 (464 V.) treten Maria, Johannes, Petrus, Joseph und die drei Marien auf. Die Bordesholmer Marienklage 3 ist mehr lyrisch als dramatisch gehalten, doch sind szenische Anweisungen beigegeben (lat., darin: planctus iste non est ludus nee ludibrium, sed est planctus et fletus et pia compassio Mariae virginis gloriosae). Es sprechen bzw. singen Maria, Johannes, die Mutter des Johannes und Maria Magdalena, auch Jesus spricht vom Kreuze herab. Bruchstücke eines mnd. Spieles vom Leben Jesu aus Kloster Himmelgarten bei Nordhausen (Mitte des 13. Jahrhunderts). 4 — Zu einem mnd. Prophetenspiel gehört vielleicht auch das neunzehnzeilige Bruchstück von Esau und Jakob in der Universität Göttingen, 14./15. Jahrhundert, getreu dem Bibeltext folgend. 5 — Ein Spiel aus dem Alten Testament; Hänselmann, Fragment eines Dramas von Simson, Nd. Jb. 6, 137-44. Auch die Totentänze sind in der mnd. Literatur heimisch geworden. Am wichtigsten ist hier der Lübecker Totentanz von 1463 (398 V.); einige Jahre später entstand ebenda das Gedicht desDodes danz, 1489(1684 V.). 6 Der Text des älteren Gedichtes stand ursprünglich unter den Figuren in der Lübecker Marienkirche. Der Tod spricht in jeweils achtzeiligen Strophen, zuerst an alle, dann zu je einem Vertreter eines bestimmten Standes und Berufes in absteigender Reihenfolge: Papst, Kaiser, Kaiserin, Kardinal, König usw.,bis zum Bauern; schließlich wendet er sich an die Lebensalter, an Jüng- 1 Das Osnabrücker Osterps. hgb. Konr. 6 Ausg.: Herm. Baethke, des dodes danz Dörre, Zs. „Niedersachsen" 24, 1919, 301 bis nach den Lübecker Drucken von 1489 u. 1496 306. _ Nd. Jb. 22, 144-46. 23, 120 ff.; Jel- hgb.,Litt.Ver.l27,1876;MANTELS, 1866;Seel- linghaus 3 S. 17. mann, Nd. Jb. 17, 68-80; A. Freybe, D. 2 Ausg.: Schönemann aaO.; Österley Lübecker Totentanz, in Freybe, Das Memento S.75f.; Froning aaO. S. 60-62. — W. Hohn- mori, 1909,71-85; Rud. A. Th. Krause, Die bäum, Untersuch, z. „Wolfenbütteler Sünden- Totentänze in den Marienkirchen zu Lübeck fall", Marb. Diss. 1922; Ders., Zur Heimat- u. Berlin, Zs. d. Ver. f. Lübeck. Gesch. 9,1904, bestimmung des mnd. Sündenfalls, Nd. Kbl. 334-51 u. Niedersachsen 11, 1906, 202 ff.; A. 34, 72-75, s. auch S. 91-98; Krage, ebda 33, Lübben, Berliner Todtentanz, Nd. Jb. 3, 78-80. 35,43-^5; Stammler, ebda 37, 40; 170-80; Max J. Friedländer, Des dodes Sprenger, Nd. Jb. 17, 92; Seelmann, ebda dantz Lübeck 1489, Faks.; Stammler, D. 46,80; Edgar Schacht, Sünte Marie De Lübecker Totentanz von 1463, Mnd. Leseb. Wolfenb. Marienklag un Osterspill über- Nr. 74 S. 119-27 u. Anm. S. 146 mit volltragen, mit einer Einführung von G. Rosen- ständiger Lit. über die Totentänze. — W. hagen, 1927, dazu L. Wolff, ZfdPh. 53, 204 f. Seelmann, Die Totentänze des MA.s, Nd. Jb. 3 Aus dem Kloster Bordesholm bei Kiel um 17, 1-80; Ders., Der Berliner u. der Lübecker 1470 bis 1480. — Hgb. Müllenhoff, ZfdA. Totentanz, Nd. Jb. 21, 81-122; E. A. Kock, 13, 288-319; G. Kühl, Nd. Jb. 24,1-75. — Nd. Kbl. 26,15; W. Plagemann, Der Cha- Österley S 68 f rakter des lübisch-revalschen Totentanztextes, «Hgb. SiEVERs/zfdPh. 21,393-95. Nd. Kbl. 45 H. 1/2. — Jellinghaus 3 S.9; 6 Hgb. Karl Meyer, ZfdA. 39, 423-26. — Stammler, Gesch. d. nd. Lit. S. 34-36. Creizenach S. 114 f. 686 Die mittelniederdeutsche Literatur des 14./15. Jahrhunderts ling, Jungfrau, Kind; auf jede Strophe des Todes antwortet der Angeredete ebenfalls in einer achtzeiligen Strophe. 2. LEHRHAFTE LITERATUR 1 Hennann Bote In den Werken des Hermann Bote 2 tritt uns die Eigenart einer niedersächsischen Persönlichkeit so ausgeprägt entgegen wie wohl sonst nie. Das hängt damit zusammen, daß der Dichter uns einen so genauen Einblick in sein Leben, die ihn umgebenden Verhältnisse, seine Handlungen und Kämpfe gewährt wie kein anderer niederdeutscher Schriftsteller. Hervorgegangen aus dem Bürgertum als Sohn eines Schmiedemeisters in Braunschweig wurde er Zollschreiber und schrieb (1502) ein Zollbuch seiner Vaterstadt. In diesem Amte zog er sich die Feindschaft der Zünfte zu, die ihn für längere Zeit um seine Stellung brachten. Er starb 1520. Seine Weltchronik, die von der Erschaffung der Welt bis ins 15. Jahrhundert (1438) reicht, verfaßte er vor 1493. In der gereimten Allegorie Boek van veleme rade 3 schildert er unter dem Bilde verschiedener Räder die Stände und ihre Aufgaben, vom Papst angefangen bis zu den Bauern (um 1490). Das Schichtbok, 4 1510-13, Prosa, ist der Zeitgeschichte und seinen eigenen Erlebnissen entnommen, mit Rückblicken auf die Vergangenheit seiner Vaterstadt; er gibt dann eine Darstellung der Aufstände, die ihn seine Stelle kosteten; das Ganze soll zugleich eine Lehre für die Regierenden und für die Masse sein. Als Sammlung von lose aneinander gereihten Sprichwörtern, Redensarten, geflügelten Worten lehrt der Koker 5 (Köcher mit Pfeilen) Lebensweisheit, die zum Kampfe ums Dasein stählen soll; 2290 V. Ein Vetter des Hermann Bote, Konrad Bote in Braunschweig, schrieb etwa 1489-91 eine „Sassenchronik". 6 Morallehren und Reisebücher Meister Stephans Schachbuchs.oben.Nd.Freidank(Österley S.48); Nd. Cato vom Meister Stephan (Stammler, Nd. LG. S. 47); Nd. Facetus in zwei verschiedenen Fassungen (ist das Supplementum Catonis). 7 — Der hindere hovescheit (Tischzucht,s.oben), Sievers,ZfdA.21,60-65.—K.Koppmann, Das 1 Goedeke, Grundr. I 2 , 478-80; Jelling- Kbl. 6, 1881, 67-70; Ders., Nd. Jb. 16, 1890, haus 3 S. 24-32. 107 ff.; Ders., ebda 19,1893, 79; W. Seel- 2 Stammler, Gesch. d. nd. Lit. S. 61-64; mann, ebda 18, 1892, 152 ff.; O. Schütte, Zur Ders., Von der Mystik zum BarockS. 191.484; Erklärung u. Kritik des „Kokers", Nd. Jb. Ludw. Wolff, Stammlers Verfasserlex. 1, 43, 1917, 120 ff.; Agathe Lasch, Zum Koker, 260-68. Nd. Kbl. 39, 1924, 53; Stammler, Nd. Leseb. 3 Ausg.: Herm. Brandes, Nd. Jb. 16, 1890, Nr. 55 S. 85 f. u. Anm. S. 141 f. (Lit.); Ed. 11-41. Damköhler, Entstehung des „Kokers", Nd. 4 Ausg.: L. Hänselmann, Deutsche Städte- Jb. 54, 1928, 24-35; Ders., Kbl. 43, 1930, 13 f. Chroniken 16, 1880, 269^93; in Bd. III T. 1, — Stellen: Nd. Kbl. 22, 77-80. 90-95. 23,59- 1928, ist das Schichtspiel u. die Stadtfehde 63; Nd. Jb. 43, 120-22.44, 101-03; Beitr. 1492/93 abgedruckt. — Stammler, Mnd. 129 f.—Weitere Lit. s. bei Stammler, Leseb. Leseb. Nr 18 S. 33-35 u. Anm. S. 136 (Lit.). 6 Stammler, Nd. LG. S. 26; Jos. Deutsch, 6 Ausg.: C. Borchling u. W. Seelmann, Nd. Stammlers Verfasserlex. 1, 268-70 (mit Lit.). Jb. 42, 1916, 71-125. — Chr. Walther, Nd. ' Österley S. 55 f. Hermann Bote. Morallehren und Reisebücher. Sprüche, Rätsel, Fabeln 687 Seebuch, hgb. 1876, dazu Strauch, Anz. 3,29-33; W.Behrmann, Über die nd. Seebücher des 15. u. 16. Jh.s, Gött.Diss. 1906 und Mitteilungen der geograph. Ges. von Hamburg 21, 63-167. — Roethe, Ein Hildesheimer Itinerar, Nd. Kbl. 40,1926/27,41 f. (15. Jh.). — Johann von Brack, Übersetzung des Buches „De regimine principum" von Ägidius Romanus (um 1415), Stammler, Nd. Leseb. Nr. 40 S. 63 f. und Anm. — O. Heinertz, Die mnd. Version des Bienenbuches des Thomas v. Chatimpre I, Lund 1906, dazu Jellinghaus, Nd. Kbl. 27, 56: Der byen boeck, eine Übersetzung des liber apum von Thomas von Chatimpre, beschreibt phantastisch den Bienenstaat in Hinsicht auf den Mönchsstaat (Jellinghaus S. 73), gibt also eine Art moralischer Staatslehre. Das Buch Sidrach Das Buch Sidrach (Syderak) ist eine Sammlung von allem möglichen Wissenswerten in kurzen Fragen und Antworten; ein König Boctus fragt, der weise Sidrach antwortet; Prosa, 388 Fragen und Antworten; es ist aus dem Niederländ. übersetzt. Das Buch war ursprüngl. französisch und wurde ins Provenz., Italien., Engl, und Niederl. übertragen. (Jellinghaus, Das Buch Sidrach nach der Kopenhagener mnd. Hs. vom Jahre 1479, hgb. Lit. Ver. 235, 1904; Ders., „Syderak", Nd. Jb. 14, 1988, 59; Priebsch, Dt. Hss. in England I S. 157 f.; Stammler, Hansische Geschichtsblätter 1919, 39; Niewöhner, Eine ripuarische Hs. des .Buches Sidrach', ZfdPh. 57, 183 ff.; Ders., Stammlers Verfasserlex. 1, 318 f.). — Ein volkstümliches Lehrgedicht (15. Jh.) „O geselle nu spare din gut' : Schröder, Gott. Nachr. 1927, 116-18. Sprüche, Rätsel, Fabeln Reich an Sprüchen und Rätseln ist die mnd. Literatur (Goedeke S.480; Jellinghaus 3 S.29f.). Sammlungen von Sprüchen: Jellinghaus, Die proverbia communia mnd. nach einer Hs. der Kieler Universitätsbibl., hgb. Progr. Kiel 1880; Stellen dazu: Leitzmann, Beitr. 45, 121 f.; K. Koppmann, Zur Bordesholmer Hs. der proverbia communia, Kbl. 5, 58 f. — Emil Henrici, Nd. Spruchweisheit, ZfdA. 40, 334-41 (lat. Sprüche in Hexametern oder Distichen, meist gereimt); Ludw. Wolff, Dietrich v. Watzum und die von ihm geschriebenen nd. Reimsprüche, ZfdPh. 53, 143-47. — Seelmann, Nd. Reimbüchlein, eine Spruchsammlung des 16. Jahrhunderts, 1885. — Gust. Schmidt, Nd. Sprüche aus einer Hs. der Gymnasialbibl. zu Halberstadt, Nd. Jb. 2, 1876, 29 ff. 3, 60 ff. — Lübben, Aus dem Vokabelbuche eines Schülers (etwa Mitte 15. Jh.), Nd. Jb. 4, 1880, 27 (lat.-deutsch gereimte Sprüche), dazu Bartsch, Nd. Jb. 5, 55. — Erik N. Liljebäk, Mittelnd. Exempel, Lund 1931, dazu Agathe Lasch, Anz. 51, 200-2; L. Hänselmann, Mnd. Beispiele aus dem Stadtarchiv zu Braunschweig, 2. Aufl. v. H. Mack, 1932, dazu Ag. Lasch, Anz. 52,52-54. — Glossar: Stammler, Nd. Lesebuch Nr. 30 S.47-49 und Anm. S. 138. — Wilh. Uhl, Die dt. Priamel, 1897, darin Die nd. Priamel S. 235-66. Fabeln: Reineke de Vos, nd. Äsop, die Fabeln Gerhards von Minden s. ob. Übersetzung von Seb. Brants Narrenschiff s. daselbst. 688 Die mittelniederdeutsche Literatur des 14./15. Jahrhunderts 5. DIE WELTLICHE LITERATUR Lieder 1 In dem Rostocker Liederbuch 2 sind 52 größtenteils mnd. Lieder (rein nd. 30 Lieder, 15 ursprünglich hd., 7 latein.) mit Melodien erhalten. Die Hs. wurde 1465 angelegt, 1568 zerschnitten und zu Einbänden verarbeitet, aus diesen wieder von Claussen losgelöst. Für das auf dichterischer Phantasie beruhende epische Lied hatte die Geistesrichtung des bürgerlichen Niederdeutschlands wenig Interesse, wohl aber für das auf Tatsachen begründete historische Lied. 3 Volkslieder wurden gewiß viele gesungen, aber erhalten sind wenige. Hervorzuheben ist das Lied von Henneke Knecht, ein Spottgedicht auf einen Bauernknecht, der ein Seemann wird und das Schiffahren nicht aushält (Uhlands Volkslieder Nr. 171 u. Anm., 2 Fassungen; österley S.39L; Stammler, Mnd. Leseb. Nr. 67 S. 104 f. und Anm. S. 144. — Goedeke, Grundr. I 2 , 466). Für das Liebeslied 4 eignete sich die Veranlagung des niederdeutschen Bürgertums nicht, und die fürstlichen Minnesinger dichteten in hd. Sprache (s. oben), doch gab es einige Minneallegorien 5 und Preisgedichte über die Frauen: Dergudenfarwen krans; die Farben von vier Blumen werden gedeutet auf Eigenschaften der Frauen (hg. Herrn. Brandes, Nd. Jb. 10, 54-58, 171 V.); Farbendeutung: Bedeutung der Farben in der Liebe (Seelmann, Nd. Jb. 8, 73-85); Farbentracht, Bedeutung der Farben im Minnedienst (Seelmann, Nd. Jb. 28, 118-56); Des Minners Anklage (Seelmann, Nd. Jb. 8, 42-63); Gespräch zweier Frauen, ob es besser sei, mit oder ohne Liebe zu leben (österley S. 36 f.); Vruwen lof, ein Lob der Frauen hgb. K. Schröder, 1869 (österley S. 67, 124 V.); Der Kraneshals (Kranichhals); über die neun Eigenschaften eines treuen Liebhabers, eingekleidet in einen Traum (im Hartebock, österley S.67f.); Göttinger Liebesbrief v. 1458, Prosa: Stammler, Mnd. Leseb. Nr.42 S.65 und Anm. S.139. —• Ein nd.Trinklied ist Rumeldeus, Koppmann, Nd. Jb. 3, 67-70 ff.; Ph.Wegener, Germ. 25, 415-17. Erzählungen 6 Der Dieb von Brügge, De deif van Brügge, 734 V., hgb. G. W. Dasent, ZfdA. 5, 385^06; Arth. Witte, Stammlers Verfasserlex. 1, 413 f. — De 1 Goedeke, Grundr. I 2 , 465 f.; Jelling- der, Die Schlacht am Kremmer Damm? haus 3 S. 32 f. Gott. Nachr. 1927, 220-47 (ist eine Fälschung 2 Br. Claussen, Rostocker nd. Liederbuch des 18. Jh.s); (Henni Brumintfeld, Verfasser v. J. 1478 hgb. mit einer Auswahl der Melodien eines histor. Liedes, das aber nach Edw bearbeitet von Alb. Thierfelder, 1919, dazu Schröder erst ins 16. Jh. zu setzen ist: L Schröder, Anz. 40, 149-51; Friedr. Ranke Wolff, Stammlers Verfasserlex. 1, 295 f.). u. J. M. Müller-Blattau, Das Rost. Liederb. i Goedeke S. 465 f.; Österley S. 65-68 nach den Fragmenten der Hs. neu hgb., 1927, nach diesen: W. Mitzka, Mnd. Liebesdichtung dazu Götze, Lbl. 1929, 407 f. — Stammler, aus Livland, Nd. Jb. 48, 33-35 (2 Lieder) Mnd. Leseb. Nr. 65 S. 101 f. u. Anm. S. 144. Ders., Zur mnd. Liebesdichtung aus Livl. 3 Goedeke, Grundr. I 2 , 460-63; Österley ebda 51, 125 ff. S. 41^18; Jellinghaus 3 S. 20. — Schröder, 6 Goedeke S. 464 f.; Jellinghaus 3 S. 23 f. Zur Kritik der älteren histor. Volkslieder in Stammler, Mnd. LG. S. 59 f. nd. Sprache, Nd. Jb. 54, 1-14 (der Brand von 6 Goedeke S. 463 f.; Jellinghaus 3 S. 22-24 Catlenburg 1346, Buße von Erxleben); Schrö- Österley S. 35-39. Lieder. Erzählungen. Versromane. Prosaromane und Volksbücher 689 segheler, Bruchstück, 122 V.: eine Frau, die während der Schiffahrt ihres Mannes mit ihrem Knecht allein zurückbleibt, geht zur Beichte, bleibt aber ihrem Manne treu, obgleich sie von dem Beichtiger für Geld um ihre Liebe angegangen wird; dies wiederholt sich dreimal (Druck: Waetzold, Flos u, Blankflos, 1880. — Österley S.39; Stammler, Mnd. Leseb. Nr. 53 S.82f. u. Anm. — G. W. Dasent, ZfdA. 5, 405 f.). — Aus der lat. Chronica novella des Lübecker Dominikaners Hermann Korner (1430-40), die ins Deutsche übersetzt wurde: Franz Pfeiffer, Nd. Erzählungen aus dem XV. Jahrhundert, Germ. 9, 257-89. — De vorlorne sone, Gesch. von Robert d. Teufel: der Sohn eines Ritters, büßt die Sünden seiner Eltern, kommt an den Königshof und gewinnt die Königstochter, 938 V.; hgb.Waetzold in „Flos u.Blankeflos", 1880 (s. unten); Österley S.38; Dasent aaO. S.404. — Von drei lebenden und drei toten Königen: drei Könige treffen auf der Jagd ihre toten Väter, die sie ermahnen, von ihrem Hochmut abzulassen, im Hartebock; österley S.35f. — Seelmann, König Waldemar Atterdags Erlebnisse bei Pseudogerhard (v. Minden), Nd. Jb. 53, 49-57. — Augustin (Au- gustijn) nennt sich der Verfasser einer Reimpaarnovelle von der abenteuerlichen Liebesgeschichte eines Herzogs v. Braunschweig; Priebsch, Deutsche Hss. in England I S.3, Auszug S. 197-219; Walth. Mitzka, Stammlers Ver- fasserlex. 1, 147 f. (mit Lit.). — Novellen, die von ehelichen Verhältnissen handeln: Die treue Magd (v.d.Hagen GSA. Nr.42, Bd. 2,309-31; Österley S. 37); Frauentreue (v. d. H. GSA. Nr. 13, Bd. 1, 257-76; Österley S.37f.); Die Frau des Blinden (Österley S.38 f.). Versromane 1 Valentin und Namelos, 2 im Hartebok. — Flos unde Blankeflos 3 entspricht dem obd. Flore und Blanscheflur (s. oben), ist aber eine andere Fassung, denn der nd. Text geht direkt auf den altfranzösischen zurück, den der nd. Verfasser aus dem Gedächtnis bearbeitete. — Loccumer Fragment eines Artusgedichtes, Roethe, Reimvorreden S. 110. Prosaromane und Volksbücher 4 Van Alexander deme groten koninge (A. J. Barnouw, A middle low german Alexander legend, The Germanic Rev. 4, 1928, 50-77. 284-304. 373-401). — Van der verstoringe der stat Troye; Klapper, Stammlers Verfasserlex. 1, 327 f. — Nd. Lancelotfragment aus dem franz. Prosaroman übersetzt, Hs. 1 Goedeke, S. 463; Jellinghaus 3 S. 22 f.; 3 Ausg.: Steph. Waetzold, Flos unde Blank- Stammler, Nd. LG. S. 48. flos, als Anhang: De verlorene sone (Robert 2 Siehe oben. — Hgb. Seelmann, Val. u. der Teufel) und De segheler, 1880, dazu Nam., die nd. Dichtung, die hd. Prosa, die Steinmeyer, Anz. 7, 171 f., Sprenger, Lbl. Bruchstücke der mndl. Dichtung, 1884, dazu 1881, 394-97; Otto Decker, Flos vnde Schröder, Anz. 11, 116-22, Joh. Frank, Blankeflos, 1913. — Lorenz Ernst, Floire u. DLz. 1884, 1914 f., Sprenger, Lbl. 1885, Blantscheflur, QF. Nr. 118, 1913. — Stellen: Sp. 9-11, s. auch Seelmann, Nd. Jb. 10, 160 Sprenger, Germ. 21, 352 f. — Bruchstücke: -62; E. Beta, Untersuch, zur Metrik des H. Schafstaed, Die Mülheimer Bruchst. von mnd. V. u. N., Leipz. Diss. 1907. — Österley Flors u. Blanzeflors, Progr. Mülheim a. Rhein S.32-34; Jellinghaus S.22; Stammler, 1906, dazu Franck, DLz. 1906, 2502. — Mnd. Leseb. Nr. 52 S. 79-82 u. Anm. S. 140 Österley S. 31-33. (mit Lit.). — Österley S. 33 f. 4 Goedeke S. 466 f.; Jellinghaus 3 S. 80 f. 44 Deutsche Literaturgeschichte IV 690 Die mittelniederdeutsche Literatur des 14./15. Jahrhunderts etwa 1300 (gedr. Keinz, München SB. 1869, 313-16. — Conr. Hofmann, ebda 1870, 39-52; Behaghel, Germ. 23, 441-44; Naumann, Ad. Prosaleseb., 1916, 105-8, mit Lit.). — Gerart. van Rossiliun, 6 Bruchstücke, hgb. Naumann aaO. S. 147-60, mit Lit.; Ders., Nd. Jb.42-50. — Volksbücher: 1 Melusine, Griseldis, Van den soven wysen meisteren. — Heldenepos. 2 Van dem olden Hillebrande, das nd. Hildebrandslied, ist im wesentlichen nur eine Umschrift ins Nd.; gedruckt um 1560 (hgb. Bartsch, Germ. 7, 284-91; Edzardi, ebda 19, 315; österley S.20f.). — Koning Ermerikes dot, 24 Str. (gedruckt Goedeke, 1851; Ders., Dt. Dichtung im MA. 2 S.557-S2; Österley S. 18-20; B. Sijmons, Das nd. Lied von Kg. Ermanrichs Tod und die eddischen Hambesmöl, ZfdPh. 38, 145-66; H. de Boor, Das nd. Lied von Koninc Ermenrikes dot, Festschr. Siebs 1922, 22-38; Walther Kienast, Hamdismal u. Koninc Ermenrikes Dot, ZfdA. 63, 49-80; K.Droege, Zur Thidrekssage, ZfdA.66, 35-37; Wolfg. Jungandreas, Lebte die Dietrichsage auch in Nordhannover? Zs. f. Ortsnamenforschung 5, 1829, 60f.; Waldemar Haupt, Zur nd. Dietrichsage, Pal. 129,1914). — Ein mnd. Historisches Lied: „Die Schlacht am Kremmer Damm", Schröder u. Frederichs, Nd. Kbl. 46 H.2. Die eigenartigsten Schöpfungen des niederd. Geistes auf dem Gebiete der Literatur sind der Reineke de Vos und der Eulenspiegel; über dieses, ob. Die weltlichen Spiele 3 waren besonders in Lübeck beliebt, wo sie unter Aufsicht eines patrizischen Vereins standen; sie sind zumeist Fastnachtspiele und gehören großenteils in die Zeit nach 1500, also nicht mehr in dem hier zu besprechenden Zeitraum. Rechtsliteratur Sehr umfangreich war die mittelniederdeutsche Rechtsliteratur 4 (Prosa). Das wichtigste nd. Rechtsbuch ist der Sachsenspiegel des Eike von Repgow. Zu nennen sind ferner: Der Richtsteig Landrechts, den der märkische Ritter Johann von Buch zwischen 1350 und 1390 herausgegeben hat; eine Reihe von Stadtrechten, Statuten, Schöffenbüchern, Landrechten. — Die poetische Einleitung zum jütischen Low. 5 Nd. Chroniken 6 s. oben bei den hd. Chroniken. 1 Jellinghaus 3 S.80 f. — Siehe oben. komischen Szenen in d. dt. geistl. Spielen d. 2 Goedeke S. 459, österley S. 18-21, MA.s, Hambg. Diss. 1932; H.Brinkmann, Jellinghaus 3 S. 19 f. Anfänge d. modernen Dramas in Deutschland, 3 Goedeke S. 475-78; Rosenhagen, Geist 1933. — Stellen, Nd. Kbl. 4, 39 f. 11,71. des dt. MA.s S. 208 f. 283 f.; Jellinghaus 3 4 Jellinghaus 3 S. 69-73; Stammler, Mnd. S. 33-36. — Seelmann, Mnd. Fastnacht- Lesebuch Nr. 1-10 S. 9-23 u. Anm. S. 133 f. spiele, 1885, 2. Aufl. 1931, dazu Schröder, 6 Adelbert Keller, Ad. Gedichte, 1846,1-4. Anz. 50, 157 f.; C. Wehrmann, Fastnacht- 116 Zeilen in Reimpaaren. spiele der Patrizier in Lübeck, Nd. Jb. 6, 1-5; «Goedeke S. 460-62 (Reimchroniken); Ch. Walther, D. Fastnachtspiel „Henselin Jellinghaus 3 S. 21 f.; Stammler, Gesch. d. od. Von der Rechtfertigkeit", ebda 3, 9-36. nd. Lit. S. 24-33. 49-52; Geschichtliche u. 5,173-79; Ders., Über die Lübecker Fastn.- Rechtsgeschichtl. Auszüge in Stammlers Mnd. spiele, ebda S. 6-31; Ders., Zu den Lübecker Leseb. Nr. 1-20. 31. 34 u. Anm. F.spielen, ebda 27, 1-21; E. Krüger, Die NACHTRÄGE UND BERICHTIGUNGEN NACHTRÄGE (Die hinter dem Komma stehenden Ziffern beziehen sich auf die Anmerkungen) Konrad Burdach, Die Wissenschaft von deutscher Sprache, Ihr Werden, Ihr Weg, Ihre Führer. S. 4. K. G. T. Webster, Ulr. v. Zatzikh. „Welsches Buoch", Harvard Studies and Notes in Philology and Lit. Vol. 16, 1934, 203—28. S.21. Vier. Junk, Die Epigonen des höf. Epos, Sammlung Göschen 1922. S. 28. Ziesemer, Bruchstück von Rud. v. Ems Wilh. v. Orlens. S. 34, 3. Ludw. Wolff, Eine gereimte Historienbibel vom Pfaffen Konemann, ZfdA. 71, 103—06. S. 43. A. G. Krüger, ZfdA. 71, 1934, 79—82 Der Schwan der Rienecker. S. 62. Ernst Scheunemann, Mai u. Beaflor u. Hans v. Bühels Königstochter von Frankreich, 1934. S. 65. H. Maschek, Bruchstücke aus dem Rennewart des Ulr. v. Türheim, Beitr. 58, H. 1 u. 2, 1934. S. 69 f. Heinrich v. Freiberg, Gierach, Stamml. Verfasserlex. 2, 261—65. S. 93. Singer, Heinr. v. Neustadt, ebda 2,318—20. S. 101. M. Ittenbach, Höf. Symbolik II : Helmbrechts Haube, Dt. Vierteljahrsschr. 10, 1932, H.3. S. 101. W. Klöpzig, M. Helmbrecht hgb., Deutschkundl. Bücherei o. J. S. 111. H.-Fr. Rosenfeld, Der Busant, Das Häslein, Das Gänslein, Stammler Verfasserlex.; H.-Fr. Rosenfeld, Frauenlist, Novelle, Stammlers Verfasserlex. 1, 1933, 643 f. S. 122. Hans Dasch, Höfische Elemente im Heldenepos, Frankf. Diss. 1926. S. 123. v. d. Leyen, Über die Heldendichtung der Germanen u. über neue Wege ihrer Erforschung, Forschungen u. Fortschritte 10. Jahrg., 1934, 10. Sept. S. 122. Schneider, German. Heldensagen II. Bd., 1934. S. 123 ff. Martin Lintzel, Der historische Kern der Siegfriedsage, 1934; Ders., Forsch, u. Fortschritte 10. Jahrg. Nr. 25 S.306f. S. 123—30. Droege, Zur Siegfrieddichtung u. Thidrekssaga, ZfdA. 71,83—100. S. 139. Helmut de Boor, Das Altilabild in Geschichte, Legende u. heroischer Dichtung 1932. S. 145. Ingeborg Schröbler, Wikingische u. spielmännische Elemente im zweiten Teile des Gudrunliedes, 1934. S. 145. Gottfried Stolz, Epitheta ornantia im Kudrunlied, im Biterolf u. im Nibelungenlied, Tüb. Diss. 1931. S. 145. R. Menendez Pidal, Supervivencia del poema de Ku- drun, Revista de la filologia espanola XX, 1933, 1 ff. S. 156. Justus Lunzer, Dietrich v. Bern im Frauendienste, ZfdA.70, 1933, 257—72. S. 162. Schröder, Zum Biterolf, ebda 70, 288; Ders., Kleinigkeiten zum Text des Biterolf, ZfdA. 71, 39—41. S. 169, 3. Schröder, Zu Vir- ginal, ZfdA. 70, 235. S. 180. Friedr. Eberth, Die Liedweisen der Kolmarer Hs. usw., Gott. Diss. 1934. S. 180. Elise Walter, Verluste auf dem Gebiet der mhd. Lyrik 1933, dazu Wiess- ner, Anz. 53, 117—20. S. 180 f. Lawrence Ecker, Arabischer, provenzalischer u. deutscher Minnesang, 1934. S. 180 f. G. Kar, Thoughts on the mediaeval Lyric, Oxford 1933, dazu Ehrismann, DLz. 1934, 1260 f. S. 181. Ingeborg Ipsen, Strophe u. Lied im frühen Minnesang, Beitr. 57, 1833, 301—413. S. 200. Dorothea Treder, Die Musikinstrumente in den höfischen Epen der Blütezeit, Greifsw. Diss. 1934. S. 207. Leitzmann, Zu dem Ambraser Büchlein, Beitr. 57, H. 3, 132 S. 245. Friedr. Rühle, Walther v. d. Vogelweide, eine freie, ungezwungene u. doch sachgemäße Abhandlung über dessen Name, Herkunft u. Grab, 1934; Hans Teske, Walther v. d. Vogelweide, der Sänger des deutschen Reiches, 1934; Colemanns Kleine Biographien H. 49. S. 256. W. Schmieder, Lieder von Neidhart v. Reuental, bearbeitet 1930, Denkmäler der Tonkunst in Österreich 74, dazu Müller-Blattau, Anz. 50, 124 —29. S. 267. Castle, Minnesang in Österreich, Merker-Stammler Reallex. II 574 ff. S.277. Rosenhagen, Stammlers Verfasserlex. 2, 260 f. Heinrich v. Frauenberg. S. 301. Irmen- Traud Kern, Das höfische Gut in den Dichtungen Heinr. Frauenlobs, 1934. S. 302. Herbert Kretschmann, Der Stil Frauenlobs, 1933, dazu Helmut Thomas, Anz. 53, 120—24. S.308, 3. Teske Thomasin ist besprochen von Wallner, Anz. 52, 173—78, Suolahti, Neuphil. Mitteil. 34, 1933, 262—65, Schleunemann, DLz. 1933, 2283 ff., Piquet, Revue germ. 24, 1933, 361 f. S. 345, 3. Rosenhagen, Mären von dem Stricker, 1934, altdeutsche Textbibliothek, dazu Piquet, Revue germ. 25, 1934, 285. S. 348. F. Norman, Heinr. d. Glichezaere Reinhart Fuchs, 44* 692 Nachträge und Berichtigungen Stammlers Verfasserlex. 2, 267—76. S. 350, 1. Ella Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos, 1933, dazu Schröder, Anz. 53, 80 f. S. 358. Albert Bauers, Die neuaufgefundenen Handschriftenfragmente zu Brun v. Schönebeck, Nd. Jahrb. 57/58, . 111 ff. S. 360. Friedr. Maurer, Die Erlösung, krit. hgb. in: Deutsche Literatur in Entwicklungsreihen, Reihe Geistl. Dichtung des MA.s Bd. 6, 1934. S. 375. „Geistlicher Rat" ist auch abgedruckt bei Meyer-Benfey, Mhd. Übungsstücke, 1921, S. 22—24. S. 403. Schröder, Ebernand v. Erfurt, textkrit,'Stellen, ZfdA. 69, 112. S. 432. Zu Ottokar: Gust. Schmidt, Mhd. Jewolieren, Annales Acad. scient. fennicae Ser. B Bd. 30, 1934, 553—61. S. 434. Schröder, Die Ritterschaft, geistl. Aus- u. Umdeutung der Ausrüstung der Ritter, ZfdA. 71, 127 f.; Adolf Bach, Zur Ritterfahrt, ZfdA. 71, 180. S. 437. K. Aug. Eckhardt, Rechtsbücherstudien II. Die Entstehungszeit des Sachsenspiegels u. d. sächs. Weltchronik. Gott. Abh. NF. 23, 1931. S. 460. Ludwig Ahmling, Liber Devatae Animae, ein neues Werk Johannes Rothes Vorstudien zu e. Ausg. d. Gedichtes. Hamburg. Diss. 1933. S. 460. Hans Neumann, Johannes Rothe, Das Lob der Keuschheit, Deutsche Texte d. MA.s, Bd. 38, 1934; dazu Piquet, Revue germ. 25, 1934, 285 f. S. 473. Kindermann, Die Haimonskinder, Dt. Lit. in Entwicklungsreihen, Reihe Volks- u. Schwankbücher I, 1928. S. 474. Werner Wolf, Namnlös och Valentin, krit. Ausgabe mit mittelniederdeutscher Vorlage, Samlingar utgivna av Svenska Fornskrift- Sällskapet, Heft 172, Upsala 1934. S.489. H. Niewöhner, Des Teichners Gedichte I, ZfdA. 68, 137—51; 69, 146—208. S. 536. H. Menhardt, Stammlers Verfasserlex. 1, 579. Red vom concili zuCostniz von Johannes Engelmar, Gedicht, 1417. S. 539. Hätzlerin, Ruth Westermann, Stammlers Verfasserlex. 2, 224—26. S. 542. Bert. Nagel, Die geldgeschäftlichen Belange der Meistersinger, ZfdA. 71, 169—80; S. 558. Friedrich-Otto Knoll, Die Rolle der Maria Magdalena im geistlichen Spiel d. MA.s, 1934, dazu Stumpfl, Anz. 53, 146 f. — S. 582. Kurt Meschke, Schwerttanz u. Schwerttanzspiel im germanischen Kulturkreis, 1931, dazu Panzer, DLz. 1934, 2086—88. S. 582. R. Stumpfl, Der Ursprung des Fastnachtspiels u. d. kultischen Männerbünde der Germanen, ZfDeutschkde 48, 1934, 4. S. 587. Ernst Gössel, Der Wortschatz der ersten Dt. Bibel, 1933. S. 659. R. Newald, Johann Hartlieb, Stammler, Verfasserlex. 2, 195—98. S. 665. H.Kars, Arigo, Hall. Diss. 1932. S. 681. Pekka Katara, Die mittelniederdeutsche Allegorie von zwölf geistlichen Jungfrauen, die Lübecker Fassung, Annales Acad. scient. fennicae Ser. B Bd. 30, 1934, 333—48. BERICHTIGUNGEN . S. 6, 3 Öhmann. s. 16, 1 Ninck statt Ninek. S. 10, 2 Enjambement. S. 48,1 Rosenfeld. S. 88, 5. 6 Seehaussen. S. 93 unter Heinrich v. Neustadt Apbllonius statt Apollonias. S. 192 Zeile 7 Regensburg statt Regensberg. S. 530, 3 ein bürdlin statt ein bändlin. REGISTER Die hinter dem Komma stehenden Ziffern beziehen sich auf die Anmerkungen. Hartmann von Aue, Wolfram von Eschenbach, Gottfried von Straßburg begegnen fast auf jeder Seite, können deshalb in diesem Register nicht verzeichnet werden Abor u. das Meerweib 97 Absolon, bei Rudolf v. Ems, 100 Ackermann aus Böhmen 655 ff. Ackers, Acco 86. 320. 433 Adambuch 34, 3 Adam u. Eva, von Lutwin 357 Adam u. Eva, Legende 357 Adams u. Evas Klage 358 Adolf von Nassau 433 Aeneas Sylvius Piccolomini 654 Aesop 321. 344. 632 Ainune 98. 99, 3 Alanus de Insulis 96. 326 Albertanus Brixiensis 641 Albrecht v. Eyb 666 ff. Albrecht v. Hohenberg u. Heigerloch (Minnes.) 275 Albrecht v. Johannsdorf (Minnes.) 197,2. 233 f. 239, 1 Albrecht v. Kemenaten (Heldengedichte) 169 Albrecht Marschall v. Ra- prehtswil (Minnes.) 278 Albrecht v. Scharfenberg (j. T.)58. 59. 60,1.71-74. 74 f. Alexander (von Lamprecht) 14. 29 Alex. v. Joh. Hartlieb 30, Seifrids Alex. 29; Der große Alex. 29 Alexander, Meister 295 f. Alexander und Antiloie 30. 85 Alexanderlied, Straßburger 218. 218,1 Alexanderroman (Alexandreis) des Ulr. v. Eschenbach 82 Alpharts Tod 168 f. Alram v. Gresten (Minnes.) 271 Altswert, Meister (lehrhafte Ged.) 170. 498 Amicus u. Amelius 49 Amor u. Psyche 50,2 Andreas, Kaplan 215,1. 226. 226,3. 498 Andreas Kurzmann 96, 2 Anhalt, Herzog v. (Minnes.) 285 Anselm v. Canterbury 415 Antelan 31, 1. 85 Anticlaudianus 96 Antike Mythologie 12,1 Apollonius v. Tyrland s. Heinrich v. Neustadt Appelt s. Jakob Arabische Liebeslyrik 182 Arabische Poeten 198, 2 Arberg s. Peter Archipoeta 215 f. Arigo 665 f. Aristoteles u. Phyllis 118 Aristotilis Heimlichkeit (secre- ta secretorum) 30 Arnoldus von Immessen 684 Artusdichtung, Artusepik, Artusromane, Artus-Aventiu- ren 5. 9, 2. 12. 85. 98 Athis u. Prophilias 49 Augustinus' Gottesstaat 33, 2 Augustin v. Hamersteten 480 Aussatzsage 49, 1 Babiloth, Meister (Alexander- Chron.) 29 Baldemann s. Otto Balderich (Briefe) 206 Barlaam (Rud'. v. Ems) 27 f. Bauern 101 ff. Beginchen von Paris 407 Beginen, das Buch von den zwölf 626 Beheim s. Michael Beichtbücher 607 Beispiele der alten Weisen 478 Beringen s. Heinrich Bernger v. Horheim (Minnes.) 234^-236 Berthold v. Herbolzheim (Alexander) 29 Berthold v. Holle 60-62 Berthold v. Regensburg 415- 19. 436 Berthold v. Tierberg, Domprobst 43,1 Bestiarius der Minne 342 Bibelübersetzungen 587 ff. 677 Bispel 291 Biterolf 29. 77 Biterolf u. Dietleip 162 f. Blanschandin 97 Bligger v. Steinach 236 f. Umhang 99 Blümel, Das 376 Boner 629 ff. Boppe 39. 300 Bote s. Hermann Botenlauben s. Otto Botenlied 221. 252 Botschaft, Die vrone B. an die Christenheit 367 Bouillon s. Gottfried Brabant s. Johann Brant s. Sebastian Brauneck, Der v. (Minnes.) 283 Breisach s. Walther Briefe 218, 1 Bruder Rausch 483 Brun v, Schonebecke (Hohes Lied) 358 f. Bruno v. Hornberg (Minnes.) 276. 282 Brunwart v. Augheim (Minnes.) 276. 282 Büchlein 207 Buddha 27 f. Bühel s. Hans Buochein, von (Minnes.) 282 Burkart v. Hohenfels (Minnes.) 273 f. Buwenburg, Der von (Minnes.) 261. 274 Carmina Burana 214 Cato, der deutsche 323-25 Cersne s. Eberhard Cessolis s. Jacobus Chätillon s. Walther Chlodovech 162 Christherre-Chronik 34 Christina Ebner 627 Claus Wisse, s. Parzefal 471 Claws Cranc 675 Clies 19 Colin, Philipp, s. Parzefal 471 Cornutus 329 f. Crescentia-Sage 63 Damen s. Hermann David von Augsburg 415 f. Deutschorden 669 ff. Dichterheldensage 41,1 Didaktische Kleindichtung 343-356 Dietmar v. Eist (Minnes.) 12. 192. 217. 220. 222 f. 223-25 Dietmar der Setzer 297 Dietrich v. Freiberg, Mystiker 626 Dietrich von der Glezze 120 Dietrichsage 156 ff.; Dietrichs erste Ausfahrt 39; Dietrichs Flucht 166 Dietrich u. Wenezlan 175 Dolce stil nuovo 186 Dorfpoesie 205,4. 228 Drama 214 s. auch geistl. Schauspiel 553 ff. 683 Drei Könige 383 Durinc, der (Minnes.) 275 Dürner, der (Minnes.) 284 Dürnkrut, Schlacht 434 694 Register Eberhard v. Cersne 497 Eberhard v. Sax 279 Ebernand v. Erfurt, Heinrich u. Kunigunde 403 f. Ebner Christina u. Margaretha 627 Ecbasis captivi 347 Edda 91, 1. 136 ff. Edelsteinen, von den (Stricker) 346 Edolanz 97 Ekkehard v. Aura 438 Ekkehards Waltharius 164 Eckenlied 171 f. 217 Eckhart, Meister 612 ff. Egen, Meister 303; Egen v. Bamberg 73,2.504 (geblümte Rede) Egenolf v. Staufenberg 39, Verf. des Peter v. Staufenberg 89 f. Egwint s. Heinrich Eicke v. Repgouwe 307. 437. 637 Eilharts Tristrant 21. 60,4 Elegast (Karl u. El.) 469 Elisabeth, die heilige, 403 f. Elisabeth v. Nassau-Saarbrücken 510 Elisabeth v. Schönau 423 Elmendorf s. Wernher Elsbeth Stagel 628 Engel u. Waldbruder 408 f. Engelhard v. Adelnburg (Minnes.) 236 Engelthal, Kloster 628 Enikel 336 Epigonen 21 Erbe, Bruder, Mystiker 626 Erlösung, die 360 f. Ermanrichsage 156 Ernst, Herzog, D 83,2.86.207; Herz. Ernst B 58. 514. 521 Erzählungen u. Schwanke (s. Schwanke) 110 ff. (hier nicht im einzelnen aufgeschrieben) Eschenbach s. Ulrich Ettal 72, 5 Etzels Hofhaltung 174 f. Eulenspiegel 520. 690 Eustachiuslegende 20. 84, 3 Eyb s. Albrecht Fabel, Fabeldichtung 39,3. 343-347 Fabeln im Renner 340 Fabulistische Quellenangaben 63,3. 71,5. 160,2 Facetus 325-27. 686 Fastnachtspiele 582 ff. Feenmärchen, Feensagen 89. 90,2. 98,2 Felix Hemmerlin 655 Felix, Mönch 407 Fleck s. Konrad Folz s. Hans Franco von Meschede 48 Frankenstein s. Johann Frau, die böse 15,2. 115 f. (Das üble Weib) Frau, die gute 19-21. 84,3 Frauenberg s. Heinrich Frauenlob 39. 301-04. 375. 384. 419 Frauenstrophen 221. 226 Freiberg s. Dietrich u. s. Heinrich u. s. Johannes Freidank 316-23.433; im Renner 340 Fremdwörter 26, 1. 73,2 Fressant s. Hermann Freudenleere, der (Der Wiener Meerfahrt) 116 f. Freundschaftssage 49 Fritzlar s. Hermann Fronleichnam, Das Buch von den sechs Namen des Fronleichnams 422 f. Friedrich v. Hausen 12. 192. 197,2. 227. 228-30. 231,3. 233. 234. 235. 271 Friedrich IL, Kaiser 248 Friedrich der Knecht 261. 270 Friedrich Köditz von Saalfeld (Leben des heil. Ludwig) 77, 3. 405 Friedrich, Graf v. Leiningen (Lyr.) 283 Friedrich, Herzog von der Normandie 62,3. 98 f. Friedrich, Herzog von Oester- reich 92; Friedrich IL der Streitbare 257. 259. 262. 265 Friedrich von Schwaben 19,1. 90-92. 93,4. 177,2 Friedrich v. Suonenburg (Spruchd.) 295 Füeterer s. Ulrich Fussesbrunnen s. Konrad Futerer s. Johannes Gandersheimer Reimchronik 429 f. Gauhühnern, Märe von den (Stricker) 346 Gauriel von Muntabel 88 Gebete 377. 607 Gedrut (Lyr.) 261 Geiler s. Johann geistliche Rat, der 375 Geltar (Lyr.) 261. 271. 275,3 Genovefa-Sage 63. 518 Geographie 33, 33,2. 95 Georg, Vision des Ritters Georg aus Ungarn 410 Georgslied, ahd. 55 Gerhard von Minden (Magdeburger Aesop) 344 Gerhard v. Sterngassen, Mystiker 626 Gertrud von Hackeborn (Mystikerin) 424 Gervelin, Meister (Spruchd.) 298 Geschichtliche Dichtung 429- 441 Gesta Romanorum 84,3. 409. 478 Giselher v. Slätheim, Mystiker 626 Glichezäre s. Heinrich Gliers, der von (Minnes.) 41. 231, 3. 257. 277 Glossensammlungen 441 f. Göding s. Heinrich Goldemar (Zwergkönig) 172 f. Goldener, der (nd. Fahrender) 299 Goesli von Ehenheim (Minnes.) 282 f. Göllheim, Schlacht bei 434 Gottesfreunde 623 ff. Gottes Zukunft 93 Gottfried v. Bouillon 86 Gottfried Hagen, Chronik v. Köln 430 Gotfrid v. Hohenlohe (verloren) 25,2. 99 Gotfrid v. Neifen (Minnes.) 261. 272 f. Gotfrid von Viterbo, Pantheon 33 Göttweiger Trojanerkrieg 52 Grade, Sieben, Das Buch von den 7 Graden (mystisch) 422 Grade, Fünfzehn, Die Rede von den 15 Graden (mystisch)425 Gral-Festspiel 359 Greifensage s. Gudrun Grumelkut s. Johann Gudrun 9, 2.145—152.162, 2. 163, 2 Gundacker v. Judenburg 365 f. Guotere, der (Spruchdichter) 42,4. 297 Gürther von dem Forste (Minnes.) 270 Gutenburg s. Ulrich Hadamar von Laber 499 Hadlaub (Lyrik) s. Johannes Hagen s. Gottfried Haimonskinder 473. 516 Hans, Bruder, Mystiker 627 Hans von Bühel 49. 63, 1. 466-67. 476 f. Hans Folz 494. 548 Hans Hesseloher (Lyrik) 261. 486 f. Hans Mair (Trojanerkrieg) 52 Hans Rosenplüt341,6.491-^194 Register 695 Hans Vintler 638 f. Hardegger (Spruchdichter) 280 Harlungensage 156 Hartebok 364. 679 Hartlieb s. Johann Hartmann v. Starkenherg (Lyrik) 269 Härtung v. Erfurt, Mystiker 626 Hartwig v. Rute (Minnes.)236 Has s. Kunz Haslau s. Konrad Hätzlerin s. Klara Hausen s. Friedrich Hawart (Lyr.) 282 Heimesfurt s. Konrad Heinrich, Kaiser (Minnes.) 81. 223. 227 Heinrich, König 272 f. Heinrich v. Beringen, Schachbuch 633 Heinrich, Herzog von Braunschweig 437 Heinrich v. Braunschweig (Trojan. Krieg) 52 Heinrich, Herzog von Breslau (Minnes.) 285 Heinrich v. Egwint, Mystiker 626 Heinrich v. Frauenberg (Minnes.) 277 Heinrich v. Freiberg 68-70. 83,1. 101,2 Heinrich der Glichezäre 348- 350 Heinrich Göding 88. 518,4 Heinrich v. Hesler (Heil. Adelbert) 385 f. 672 ff. Heinrich, Meister v. Hessen, Mystiker 626 Heinrich Kaufringer 481 Heinrich der Klausner (Clüze- nere, Marienlegende) 371.408 Heinrich v. Krolewitz (Vaterunser) 371 f. Heinrich v. Laufenberg 48, 1. 595 f. 601 Heinrich v. Linouwe (verloren) 25, 2. 99 Heinrich der Löwe 87. 436. 518 Heinrich, Markgraf v. Meißen (Minnes.) 285 Heinrich v. Melk 218. 219 Heinrich v. Morungen 87, 1. 192. 197, 2. 217. 237-39. 267. 284 Heinrich v. Mügeln 463-66. 548 f. Heinrich v. München (Welt- chron.) 35. 65 Heinrich von der Mure (Mauer, Minnes.) 268 Heinrich v. Neustadt 93-96 Heinrich v. Nördlingen (Mystiker) 424 Heinrich v. Ofterdingen 76 Heinrich v. Pforzheim (Schwank) 122 Heinrich Rafold (Erzähl.) 113 Heinrich v. Rugge 12. 197, 2. 234-36 Heinrich v. Sax (Minnes.) 277 Heinrich Seuse (Suso) s. Seuse Heinrich Steinhöwel 341,6. 519. 663 Heinrich v. Stretelingen (Minnes.) 278 Heinrich der Teichner 481.489 Heinrich Teschler (Lyr.) 279 Heinrich v. Tettingen (Lyr.) 275 Heinrich von dem Türlin 9, 2. 10-13. 41. 65.75. 231,2 Heinrich v. Veldeke 19, 1. 60, 4. 220. 230 f. 232. 234. 286. 385 Heinrich der Vogler 167 Heinrich Wittenweiler 484 Heinz der Kellner 117 Heinzelein v. Konstanz 207. 215,1. 275, 7. 333 f. 496 Heinzenburg s. Wilhelm Helbling, Seifried 335-37 Heldenepos 39. 122 f. Helleviur (Spruchdichter) 297 Helmsdorf s. Konrad Helwig (Märe vom heil. Kreuz) 383 Hemmerlin s. Felix Heraldik 53,4 Herbolzheim s. Berthold Hermann, Bote 686 Hermann der Damen (Spruch- dichter) 39. 301 Hermann Fressant 118 Hermann v. Fritzlar (Heiligenleben) 381 f. Hermann v. Sachsenheim 39. 456-60 Hermann, Landgraf von Thüringen 249 Heroldsdichtung 53 Herrad v. Landsberg 442 Herrand v. Wildonie 109 f. 268. 271,2 Hesler s. Heinrich Hesse, Meister (Schreiber) 100 Hesse v. Rinach (Minnes.) 279 Hesseloher s. Hans Hessen s. Heinrich Hester 356 Hetzbold v. Weißensee (Lyr.) 284 Hildebert v. Tours 206 Hildebrandslied, das jüngere 175 f. Hildegard v. Bingen 423. 441 Hiltbolt v. Schwangau (Minnes.) 194, 2. 271 f. Hindenfeensage (Sage von der verfolgten Hinde)50,2. 60,1. 91,1. 98,2 Hinnenberger, Der (Spruchdichter) 298 Hirzelin (Schlacht am Hasenbühel) 434 Historienbibeln 34 Höfische Dorfpoesie 249.256 ff. Hofzucht 266, 2 Hohenberg u. Heigerloch s. Albrecht Hohenberg s. Wernher Hohenburg, Markgraf v. (Minnes.) 270 Hohenlohe s. Gottfried Hölle Krieg, Der (Ged.) 79, 3 Holle s. Berthold Honorius Augustodunensis 33. 412. 436 Hornberg s. Bruno Hug v. Salza 12 Hugdietrich s. bei Wolfdietrich Hugo v. Langenstein (Martina) 39. 48, 1.57.401-03 Hugo von Montfort 449-451 Hugo v. Trimberg 27, 3. 208, 3. 283. 299, 2. 322. 337-42 (lat. Werke) Humanismus 653 ff. Hunnen s. Heldensage Hürne Seyfried, Der 177-179 Jacob Köbel (Tischzucht) 329 Jacobus de Cessolis 632 Jacobus a Voragine 379 Jagdaventiure 98 Jakob Appet 121 (Schwank) Jakob v. Warte (Minnes.) 277 Jakobsbrüder, Die s. Kunz Kistener 409 Jan van Ruysbroeck 625 Jansen Enikel 114. 430-32. 433 Jenseitsvisionen 410 Jeroscin s. Nicolaus Indersdorf s. Johannes Ingold, Goldenes Spiel 28, 1. 636 Johann v. Brabant (Minnes.) 261. 285, 1 Johann Geiler 593 f. Johann Grumelkut-von Soest 475 Johann Hartlieb 30. 659 f. Johann Meyer, Mystiker 626 Johann v. Morsheim 341, 6. 463. 641 Johann v. Neumarkt 654 ff. Johann v. Würzburg 92 f. 207 696 Register Johannes v. Frankenstein (Kreuziger) 366 Johannes v. Freiberg (Schwank) 119 Johannes Futerer 627 Johannes de Garlandia (Cor- nutus) 329 Johannes Hadlaub (Lyrik) 208. 257. 261. 280 Johannes v. Indersdorf 462 f. 641 Johannes v. Ravensburg 31 Johannes v. Ringgenberg (Minnes.) 279 Johannes Rothe 31,2. 53,4. 77, 3. 103,1. 460-62. 535. 641 Johannes v. Sterngassen, Mystiker 626 Johannes Tauler 616 ff. Johannes Veghe 678 Johannsdorf s. Albrecht Jolande v. Vianden 406 Josel Witzenhausen 9 Isidor 435 Jüdel, Das 371 Kaiserchronik 218. 345 Kaienberg, Pfarrer vom 482 Kalender 650 f. Kanzler, Der (Spruchdichter) 297 Karl d. Große 15. 43. 81. 434 Karlmeinet 15,4. 49. 468-70 Karlssage 21. 516 Kaufringer s. Heinrich Kelin, Meister (Spruchdichter) 297 Kellner, Der s. Heinz Kemenaten s. Albrecht Kilchberg s. Konrad Kirchenlied 375-78 Kistener s. Kunz Klage, Die 143 f. 163. 170,1 Klage des alten Mannes 331 Klara Hätzlerin 328. 491, 4. 501,2. 539 Klaus, Bruder, Mystiker 627 Klausner s. Heinrich Klingen s. Walther Klinsor 77 Klopfan 356 Knecht, Der s. Friedrich Köbel s. Jacob Kochbücher 650 f. Köditz s. Friedrich Kol von Neunzen (Lyrik) 261 Könige, Drei (Legende) 384 Konemann, Pfaffe 678 Konrad v. Altstetten(Minnes.) 277 Konrad v. Ammenhausen, Schachbuch 634 Konrad v. Dankrotzheim, Namenbuch 650 Konrad Fleck 16-19.433. 689 Konrad v. Fussesbrunnen361- 363 Konrad v. Haslau 330. 336 Konrad v. Heimesfurt 363- 365 Konrad v. Helmsdorf 601 Konrad, Graf v. Kilchberg (Minnes.) 261. 275 Konrad, König IV 275. 282. 285, 1. 286. 433 Konrad, Schenk v. Landeck (Minnes.) 277 Konrad v. Lichtenberg, Bischof v. Straßburg 209 Konrad v. Megenberg 645 f. Konrad v. Mure 53,4 Konrad, Priester K.s Predigtbuch 413 f. Konrad v. Stoffeln 15,1. 59. 88 f. Konrad, Schenk v. Winter- stetten 66 Konrad v. Weissenburg 425 Konrad v. Würzburg 35-54. 80,4.81.88. 90. 101,2. 269, 6. 335. 376. 385. 409. 481 Kontrafakt 495 Kontrafaktur 292, 2 Kraft v. Toggenburg (Minnes.) 278 Krankheits- u. Heilmittellehren 648 f. Kreuzfahrt, Kreuzzug 233. 271. 282 Kreuzlegende, Kreuzesholz 383 f. Kreuzlied 203 f. 229. 229,3. 235. 252. 268. 271 Kristan v. Hamle (Minnes.) 284 Kristan v. Lupin (Minnes.) 2 84 Krolewitz s. Heinrich Kunst, Kunsttheorie 23. 25. 37. 51. 65. 93,3 und bei den einzelnen Autoren Kunz Has 494 Kunz Kistener (Jakobsbrüder) 25, 2. 4. 49. 409 Kürenberg 192. 193. 220-22. 224 Kyrie eleison 375 Lamprecht v. Regensburg 403. 420 f. Landeck s. Konrad Landfrid u. Cobbo 49 Landgraf Ludwigs Kreuzfahrt 81. 85-87. 120,1 Langenstein s. Hugo Lanzelet 4-7.28. Prosa-Lanzelot 436 Lapidarius 342 Laufenberg s. Heinrich Laurin 76, 1. 173 f. Lazari, Visio 410 Legenda aurea 379 Legenden 47. 54 ff. 69. 378- 401 (Können nicht im einzelnen aufgezählt werden) lehrhafte Dichtung, Die 305- 355 Leich39. 193 ff. 231. 235. 253, 3.303 u. bei einzelnen Minnesängern Leiningen s. Friedrich Leis (Kyrieleis) 375 Leopold, Herzog v. Oester- reich 92 Leuthold v. Seven (Lyrik) 255. 269. 269,4. 297 Lichtenberg s. Konrad Lichtenstein s. Ulrich Liebesbrief 48, 1. 58,6. 206. 232 Lied 193 u. bei den einzelnen Minnesängern Lied, Geistliches 375 f. Lieder, Namenlose 222 f. Liederbücher 207 f. Lienz,Burggrafv.(Minnes.)269 Lilie, Die (mystisch) 424 Limburg s. Margarete Limburger Chronik 534.540f. Llnouwe s. Heinrich Litschouwer, Der (Spruchd.) 298 Lob Salomonis 218 Loccumer Historienbibel 34, 4 Lohengrin 72,4. 79-82. 438 Lohengrinsage 44 Lorengel 81 Lotterspruch 354 Lucidarius 436 f. 519 Ludwig der Strenge von Bayern 71,7. s. 506 Lügendichtung 354-56 Lüneburg s. Otto Lupoid Homburg von Rotenburg 488 Lutwin s. Adam u. Eva Magelone 517 Magezoge, Der 328 Mair s. Hans Malagis 473 Manesse 208. 212 Manuel u. Amande 97 Marbod 206 Märchen 7. 12. 18. 90 Märchenstoff 88 Margaretha Ebner 627 Margarete von Limburg 475 Mariendichtung, Marienlied, Mariengebete 376-78 Mariengrüße 599 Register 697 Marienklage 377. 600 Marienleben 339, 1.367-71 Marienlegenden 370 f. Marienlied 376-78. 598 Marienlob 376 f. Marner, Der 299 f. Märtyrer, Buch der 381 Mäze, Diu 308 Mechthild v. Magdeburg 423 f. Megenberg s. Konrad Meinloh v. Sevelingen (Min- nes.) 192. 223. 226 f. Meister, zwölf zu Paris 627 Meistergesang 542 ff. Meißen s. Heinrich Meißner, Der (Spruchdicht.) 65. 290. 300 Melk s. Heinrich Melusinensage 90 s. auch 512 Menschenbaum (Allegorie im Renner) 340 Merovinger 62 Merswin Ruland 624 Metze s. Walther Meyer s. Johann Michael Beheim 531. 548 Michael de Leone 248. 337 Minne-Allegorie 207.436.495 f. Minneburg 303. 501 ff. Minne Fürgedanc, Der 332 Minnehof 434 Minne, Kloster 504-06 Minnelehre 222. 330.332 f. 496 Minne Regel s. Eberh. v. Cers- ne 497 f. Minnesang 180 ff. 270 Modus florum 355 Mönch Felix 407 Mönch v.Heilsbronn, Der 421 f. Mönch v. Salzburg, Der 595 Mönchlein, Das zwölfjährige 407 f. Montfort s. Hugo Morant u. Galie 469 Moritz v. Craon 99,3 Morungen s. Heinrich Morsheim s. Johann Mügeln s. Heinrich Müllerin, Die fromme 627 Munegür, von (Minnes.) 271 Mure s. Konrad Mure (Mauer) s. Heinrich Musik 199 f. 216 Muskatblüt 546 f. Mystik 420-28, 609 ff. 683 f. Natur, Naturgefühl, Naturlieder 197 f. 219,2. 231.251. 272 Naturgeschichte u. Medizin 645 Neidhart v. Reuental 104 f. 104, 4. 217. 256-62. 268. 274. 335, 2. 336. 481 Neifen s. Gotfrid Neumarkt s. Johann Neustadt s. Heinrich Nibelungen 123-43. 195, 4. 213, 1.221. 271. 433; s. auch bei „Kleineren Heldenepen" passim Niclas von Wyle 660 ff. Nicolaus v. Jeroscin 670 f. Nicolaus v. Landau, Mystiker, 626 Nicolaus v. Straßburg, Mystiker, 626 Niuniu (Minnes.) 271 Nordische Heldensage 136 ff. Note wider den Teufel, Die 373 Notker III Labeo 324. 436 Novellen 64,1 Obernburg, Der von (Minnes.) 268 Odenwald, König vom 115,1. 117, 1. 275,7. 487 Ogier von Dänemark 473 Olivier u. Artus (Freundschaftssage) 49 Ortnit 158-60 Oswald der Schreiber 72, 5 Oswald v. Wolkenstein 322. 452-56 Ottes Eraclius 19, 1 Otto IV., Kaiser 248 Otto Baldemann 488 Otto v. Botenlauben (Minnes.) 283 Otto, Markgraf v. Brandenburg (Minnes.) 192. 285 Otto Bischof IL, v. Freising 28 Otto v. Lüneburg (Novus Cor- nutus) 329 Otto v. Passau 625 Otto zem Turne (Minnes.) 278 Ottokar, König v. Böhmen 64 Ottokar v. Steiermark (Chronik) 105,4. 335,1. 336. 432 f. Ovid 51,6. 183. 202,2. 206. 214. 220. 239 Palinodie 253 Palmbaum, Der 425 Pamphilus Gengenbach 410 Papagaienroman 9 Parabeln, bispel 27,3. 291 Parzefal 31,1. 85 (s. Claus Wisse, Philipp Colin) 471 Passional 379 f. Pastourelle 202. 217. 234. 239, 1. 272 Patricii Fegefeuer, S. 410 Pauli, Visio S. 410 Peter v. Arberg 597 Peter v. Staufenberg 89 f. 408 Peter Suchenwirt 48, 1. 489 f. Petrus Comestor Historiascho- lastica 33 Petruslied 374 Pfarrer zu dem Hechte, Schachbuch 635 Pfeffel (Lyrik) 279 Phaset (facetus) 307 Philiberti, Visio 93. 96. 372 Philipp Colin s. Parzefal Philipp Frankfurter 482 Philipp v. Schwaben 247 f. Phyllis u. Flora 215 Pilatuslegende 366 f. Pilgerbücher 522 ff. Pleier 15. 57. 58-60. 105. 207 Pontus u. Sidonie 513 Portimunt 98 Prediger, Schwarzwälder 419 Predigt des 12. u. 13. Jahrh. 411-20 (Grieshabersche Predigt 413. St. Georgener Prediger 419) Predigt des 14. Jahrh. 591 Priamel 291 Prosaroman 5. 62. 93 Psalmen 411 Püller, Der (Minnes.) 283 Püterich (Jakob vonReicharts- hausen) 57. 59. 111,2.471 Putsch s. Ulrich Quodlibet 353 Rabenschlacht 166. 167. 433 Rafold s. Heinrich Raprechtswil s. Albrecht Rat, Der geistliche 375 Rätsel 292. 352 f. Rätselspiel 77 Ravensburg s. Johannes Rechtsgeschichte, Rechtsdenkmäler (Sachsenspiegel, Deutschenspiegel, Schwabenspiegel) 61, 3. 438-41. 643 ff. 672. 690 Die heilige Regel für ein vollkommenes Leben 373 f. Regenboge 302. 303 Regensburg, Burggraf v. 192. 223. 225. 243 Reigen 274 Reimchroniken 34 Reinbot v. Durne 54-58. 385 Reinfrid v. Braunschweig 26, 4. 78,5. 87 f. 121, 1 Reinhard Fuchs, Reinke de Vos 348-50. 519. 690 Reinmar der Alte 12. 77,2. 195,4. 197,2. 202,1. 217. 228. 237. 239^2. 264. 271. 274, 1. 278, 5. 303 Reinmar v.Brennenberg 231,3. 269 f. (Brennenbergsage 267) Reinmar der Fiedler (Videler) 269. 297 698 Register Reinmar v. Zweter 25, 1. 77, 2. 199, 1. 240. 292-94. 300 Reinolt von der Lippe (Spruch- dichter) 298 Reinolt von Montalban 473 Renaissance 653 ff. Repgauische Chronik (Sachs. Weltchronik) 81. 438 f. Reuaus, Meister 636 Reuner Relationen 374 Rheinau s. Walther Richard Fournival 436 Richard Wagner 76 Riesenabenteuer 170 Rietenburg, Burggraf v. 192. 223. 225 Ringgenberg s. Johannes Ritter vom Turn 513 Rolandslied 81 Rosenplüt, s. Hans Rosengarten 164-66 Rost, Kirchherr zu Samen (Minnes.) 279 Rothe s. Johannes Rubin (Minnes.) 268 Rubin von Rüedeger 299, 1 Rudolf, Graf 62, 1 Rudolf v.Ems 9,2. 11, 1. 15, 1. 19. 19, 1. 23-35. 37. 38. 66.67, 1.88.91.95.99.99,1. 171,1. 315. 445 Rudolf v. Fenis (Minnes.) 192. 231 f. Rudolf v. Habsburg 53, 2.282. 433 Rudolf v. Rotenburg (Minnes.) 278 Rudolf der Schreiber (Minnes.) 283 Ruediger v.Hindihofen (Hün- choven) 111,2. 114 Rügen, Buch der 331 f. Rugge s. Heinrich Rümelant von Schwaben (Spruchd.) 301 Rümzlant (Spruchd.) 300 f. Runkelstein 93 Ruodlieb 105, 2 Ruprecht v. Würzburg 113 Ruysbroek s. Jan Sachs, Hans 49. 88. 329 Sachsendorf,Der von (Minnes.) 270 Sachsenheim s. Hermann Sage 27, 4; Brennenberger- sage 26; Crescentia-Sage 63; Melusinensage 90; Moringer- sage 273; Schwanenfrauen- sage 91,1; Schwanenritter- sage 44; Tannhäusersage 267; Wielandsage 107. 177. Sage vom Zauberer Zabulon 88, 4; s. Hindenfeensage Salman u. Morolf 78, 4. Salo- mon u. Markolf 483 Salömönis hüs (mystisch) 425 Sax s. Heinrich u. Eberhard Schachbücher 632 ff. Scharfenberg s. Albrecht Scharpfenberg, Der v. (Lyr.) 269 Schenk von Limburg (Minnes.) 275 Schläfer, Die sieben 406 Schlauraffenland 355 Schondoch 63, 1. 479. 676 Schonebecke s. Brun Schüler von Paris (Novelle)83 1.88,4 Schulmeister von Eßlingen, Der 296 Schwanke (s. Erzählungen u. Schwanke) 14. 54. 70. 100 ff. 519 Sebastian Brant 325. 639 ff. Seelen Trost, Der 30, 3. 49 Segen Jakobs 357 Seifrid (Verf. eines Alexander) 29 Seifrid de Ardemont 9, 2 Seifrid Helbling 104, 2. 105. 334-37 Sequenz 196 (und bei den einzelnen Lyrikern) Seuse (Suso) Heinrich 618 ff. Seyfrid, Lied vom hürnen 9,2. 75. 177-79 Sibote(Frauenzucht,Schwank) 117 Sibyllen Weissagung 585 Sieben Staffeln des Gebetes, Die 422 Sigenot 170 f. Sigfrid der Dorfer (Marienlegende) 370 Singenberg s. Ulrich Slätheim, v. s. Giselher Sommer- und Winterlieder 257-60 Speculum ecclesiae 411 Spervogel 242-44. 287. 345 Spital zu Jerusalem 410 Sprichwörter 323 Spruchdichtung 39 f. 191. 193 und bei einzelnen Minnesängern u. Spruchdichtern 287-304 Stadeck, Der von (Minnes.) 268 Stagel s. Elsbeth Stamheim, Der von 275 Stände 350-352 Statius 51 Staufenberg s. Peter Steinhöwel s. Heinrich Steinmar (Lyriker) 261. 280 f. 286 Stephan, Meister, Schachbuch 326. 635. 686 Sterngassen, v. s. Johannes Sterngassen, v. s. Gerhard Stil 3 f. und bei den einzelnen Verfassern Stoffeln s. Konrad Stolle (bei Walther) 249 Stolle, Meister (Spruchdichter) 298 Streit, Der geistliche 373 Streit der vier Töchter Gottes 374 Streitgedicht 75, 1. 76 Stretelingen s. Heinrich Stricker 9, 2. 12,2. 13-15.58. 59.104, 1. 106-09. 336. 345- 47. 517 Studentenlied 215 Suchensinn 548 Suchenwirt s. Peter Sultanstochter im Blumengarten, Die (Legende) 384 Summarium Heinrici 441 Sünden Widerstreit, Der 372 f. Suneck, Der von (Minnes.) 268 Suonenburg s. Friedrich Süßkind v. Trimberg (Spruchdichter) 296 f. Tage, Vom jüngsten 367 Tagelied 201 f. 270. 276. 281 und bei vielen Liederdichtern Tagzeiten 606 f. Taler, Der 261. 279 Tannhäuser 76. 261. 265-67. 325. 328 s. Sage Tanzleich 265 f. Tanzlied 204 f. 257 ff. 271. 277 Tatian 435 Tauler s. Johannes Teichner s. Heinrich Teschler s. Heinrich Tettingen s. Heinrich Teufels Netz 637 Teufen s. Wernher Theologia Deutsch 625 Theophilus 406; Theophilus- legende358,3;359. 684 Thidrekssage s. bei Dietrichsage Thomas v. Kandelberg 406 Thomasin v. Zerclsere 19,4. 308-12. 320. 336. 337. 344 Thüringer Weltchronik 34 Tierberg s. Berthold Tierdichtung 347-52 Tierfabel 291 Tirol, König 78, 4. 324. 337; Tirol u. Fridebrant 314-16 Tischzucht 266, 2. 328 f. Titurel, Jüngerer 70-74. 86. 88. 102, 1. 179. 316 Töß, Kloster 628 Register 699 Totenklage 78,4. 204. 240. 243. 266. 291 Totentänze 580 ff. Traugemundslied 352 f. Trimberg s. Hugo Trostberg, Der von (Lyrik) 278 Trubadur, Trouveres s. Minnesang 180 ff. Trudperter Hohes Lied, S. 420. 435 Türheim s. Ulrich Türlin s. Ulrich Tschechisch: Tandareis u. Flor- dibel ins Tschech. übersetzt 60; tschech. Alexanderlied 83,1 Tugenden Kranz, Der 373 tugendhafte Schreiber, Der (Minnes.) 77. 284 Tundalus, Vision des 410 Ulrich v. Eschenbach 20. 57. 65. 82-84. 86 Ulrich Füeterer 6.74,82. 472- 73. 535 Ulrich v. Gutenburg 12. 207. 231 f. 235 Ulrich v. Lichtenstein 195, 4. 196. 203, 2. 207,3. 257. 262- 65. 271. 336 Ulrich Putsch, Mystiker, 626 Ulrich v. Singenberg 246. 255. 269,4. 276 f. Ulrich v. Türheim 19. 65-68 Ulrich von dem Türlin 64 f. 83, 1. 91 Ulrich v. Winterstetten 261. 272. 274 Ulrich v. Zazikhoven 4-7. 12, 3. 14, 8. 57. 89,3 Ungelehrte, Der 285,1 Unverzagte, Der 298 Urkunden u. Formelbücher 643 ff. Vaganten, Vagantendichtung 198. 212-17. 260. 299 Valentin und Namelos von Wilhelm Ziely 474 f. 512. 689 Vasolt 100 Väterbuch 28,3. 379-81 Veghe s. Johannes Veldeke s. Heinrich Verfallstimmung 341 Veronica, Schweißtuch der hl. 467 Vintler s. Hans Virginal 169 f. Visionen 410 Vogler s. Heinrich Volksbuch 178. 515 Volkslied 204,2. 218,3. 525 historisches. 549 ff. Volmars Steinbuch 342 Volrät (Schwank) 117 Vorauer Novelle, Die 374 Wachsmut v. Künzich (Minnes.) 276 Wachsmut v. Mühlhausen (Minnes.) 275 Wachtelmäre 355 Walberan 173 f. Walther u. Hildegund 163 f. Walther v. Breisach 282 Walther v. Chätillon 216 Walther v. Klingen 279 Walther v. Metze (Minnes.) 268 f. Walther v. Rheinau (Marienleben) 268 Walther von der Vogelweide 41.192.217.228.239,3.240, 1. 241. 244-55. 264. 269, 4. 283. 287. 293. 375. 433. (Walther v. d.V. fast auf jeder Seite des Minnesangs u. der Spruchdichtung.) Wandteppiche 99. 99,2. 118, 1. 372 3 Wappen'dichtung 53. 433. 491 Warnung, Die 330 f. Wartburgkrieg, Der 75-79.354 Warte s. Jakob Weidsprüche 354 Weiggers Lügen 355 Weinschlund, Der (Stricker) 116 Weinschwelg, Der 41. 115,116 Weißenburg s. Konrad weltliche Klösterlein, Das 506 Wengen, Der von (Spruchd.) 279 Wenzel, König von Böhmen (Minnes.) 285 Wernher, Bruder (Spruchd.) 294 Wernher v. Elmendorf 306 f. Wernher der Gärtner (Meier Helmbrecht) 101-06. 166,2. 167,2. 335,2 Wernher, Graf v. Hohenberg (Minnes.) 278 Wernher, Schweizer (Marienleben) 269 f. Wernher v. Teufen (Lyrik) 277 Wicman 249 Wieland 91,1, Wielandsage s. Sage Wigamur 9, 2. 57 f. Wilhelm v. Heinzenburg (Minnes.) 283 Wilhelm v. Wenden 83 f. Wilhelm Ziely s. Valentin u. Namelos Williram 435 Windberger Psalmen 411 Winli (Minnes.) 279 Winsbeke 312-14. 321. 337 Winterlied 257 ff. Winterstetten s. Konrad u. Ulrich Wirnt v. Grafenberg, Wigalois 7-10. 12,2. 14.41,5.42.57. 58. 65. 75. 88. 89, 3. 207 Wirtemberg, Des von Buch 480 Wisse Claus, s. Parzefal Witege 177 Wittenweiler, Heinrich (der Ring) 205,4. 260 f. 484-86 Wizlav v. Rügen 192. 261. 285 f. Wizzenlö, Der von 283 Wolfdietrich 39. 160-62 Wolfger v. Ellenbrechtskirchen 246. 308 Worte, französische, im Deutschen 6,4 Wunderer, Der 174 f. Wünne Baum der minnenden Seele, Der 425 Zauberer Virgilius 79,3 Zauberwesen 12 Zazikhoven s. Ulrich Zeno 383 Ziely s. Valentin u. Namelos MeisterZiliesv. Seyne (Spruchdichtung) 299 Zimmersche Chronik 211, 6. 273 Zornbraten, Der 117,1 Zwergkönig 172 Zwergkönigin 91 Zwergensage 85. 173 f. Zwingäuer, Der (Schwank) 119 GUSTAV EHRISMANN / GESCHICHTE DER DEUTSCHEN LITERATUR RIS ZUM AUSGANG DES MITTELALTERS (Handbuch des deutschen Unterrichts VI). Außer dem vorliegenden Band sind erschienen: Erster Teil: Die althochdeutsche Literatur. 2., durchgearbeitete Auflage. 1932. XI, 474 Seiten gr. 8°. Geheftet RM 13.50, in Leinen RM 16.50. Zweiter Teil: Die mittelhochdeutsche Literatur. I. Abschnitt: Frühmittelhochdeutsche Zeit. 1922. XVIII, 358 Seiten gr. 8°. Geheftet RM 9.50, in Leinen RM 12.—. IL Abschnitt: Blütezeit. 1. Hälfte. 1927. XVII, 350 Seiten gr. 8°. Geheftet RM 12.—, in Leinen RM 14.50. „Das Werk kann nur als eine ganz ausgezeichnete Leistung beurteilt werden, die für alle, die sich ernstlich mit dem Gegenstand zu beschäftigen haben, von höchstem Werte ist. Der Verfasser beherrscht den Stoff vollkommen, und er hat alle Fortschritte der Forschung, und deren Einzelergebnisse sind in den letzten 20 Jahren sehr erheblich gewesen, sorgfältig in seine Darstellung hineinverwoben. Diese Abschnitte erheben sich zu einem erfreulich lebendigen und in mehr als einer Beziehung fesselnden Vortrag." Prof. Dr. H. Jantzen in der „Literatur 1 '' LUDWIG SÜTTERLIN / NEUHOCHDEUTSCHE GRAMMATIK unter be- sonderer Berücksichtigung der neuhochdeutschen Mundarten (Handbuch des deutschen Unterrichts 11,2). Erste Hälfte: Einleitung. Lautverhältnisse. Wortbiegung. 1924. XXII, 504 Seiten gr. 8°. Geheftet RM 13.50, in Leinen RM 16.50. - Zweite Hälfte: Wortbildung und Satzlehre. Erscheint Frühjahr 1935. „Diese Grammatik bekundet ihre Daseinsberechtigung schon dadurch, daß in ihr zum ersten Male in eingehender Weise auch die Mundarten berücksichtigt sind.... Das ganze Buch macht einen vortrefflichen Eindruck, der Verfasser hat mehrere Jahrzehnte daran gearbeitet und nicht nur die einschlägigen wissenschaftlichen Zeitschriften genau durchgesehen, sondern auch ein gut Teil des mustergültigen deutschen Schrifttums. Beispiele zur Erläuterung der in Betracht kommenden Sprachgesetze werden in reicher Fülle geboten, dabei sind alle Gegenden Deutschlands gleichmäßig herangezogen worden." Zeitschrift ßir Deutschkunde HERMAN HIRT / GESCHICHTE DER DEUTSCHEN SPRACHE. (Hand- buch des deutschen Unterrichts IV, 1). 2., neubearbeitete Auflage. 1925. VIII, 299 Seiten gr. 8°. Geheftet RM 7.50, in Leinen RM 10.— „Ist das Buch zwar in erster Linie für den Lehrer bestimmt, so werden sich doch auch Gebildete überhaupt einem so zuverlässigen, klaren und anregenden Führer gern anvertrauen. Wir überschauen die Riesenarbeit, die in den letzten hundert Jahren auf dem Gebiete geleistet worden ist, verfolgen die Entwicklung der Sprache von den Indogermanen bis auf unsere Zeit hinab und werden über Mundarten, Schriftsprache, Rechtschreibung und Aussprache ausführlich belehrt. . . . Oft recht verwickelte Verhältnisse werden klargelegt, die neue Auflage bringt manche Verbesserung und Ergänzung." Das Humanistische Gymnasium HERMAN HIRT'/ ETYMOLOGIE DER NEUHOCHDEUTSCHER SPRACHE. Darstellung des deutschen Wortschatzes in seiner geschichtlichen Entwicklung. Mit Index. (Handbuch des deutschen Unterrichts IV, 2). 2., verbesserte und vermehrte Auflage. 1921. X, 439 Seiten gr. 8°. Geheftet RM 11.50, in Leinen RM 14.— „Es ist kein etymologisches Wörterbuch, sondern eine zusammenhängende Darstellung des deutschen Wortschatzes, wie er sich seit der Urzeit bis heute entwickelt hat, von dem aus der indogermanischen Ursprache ererbten Besitz bis zu den Modewörtern der jüngsten Zeit. Auf sicherster wissenschaftlicher Grundlage aufgebaut und dabei im besten Sinne gemeinverständlich geschrieben, vermag das Werk jeden Gebildeten aufs gründlichste und angenehmste in die mannigfach verzweigte Geschichte unseres so reichen und vielseitigen Wortschatzes einzuführen." Muttersprache (Zeitschrift des deutschen Sprachvereins) C. H.BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG MÜNCHEN UND BERLIN FRIEDRICH SEILER / DEUTSCHE SPRICHWÖRTERKUNDE (Handbuch des deutschen Unterrichts IV, 3). 1922. X, 457 Seiten gr.8°. Geheftet RM 11.50, in Leinen RM 14.— „Das Buch von Friedrich Seiler stellt die gesamte Sprichwörterkunde auf eine neue und feste Grundlage. Es ist das erste Werk, das uns über die Entstehung des deutschen Sprichworts, über die großen Sammlungen des Mittelalters und der Neuzeit, über die innere und äußere Formgebung des deutschen Sprichworts und über seine Welt- und Lebens anschauung grundlegend unterrichtet." Prof. Dr. Hans Naumann „Die Gesamtheit der Fragen, die sich an das Sprichwort knüpfen, wird hier in musterhafter Weise auf Grund eines fast überreichen Stoffes und in sorgsamer Abwägung auch unscheinbarer Einzelheiten erörtert.... Allen, denen deutsche Sprache und deutsches Volkstum am Herzen liegen, vermittelt das Werk die wertvollsten Kenntnisse." Muttersprache (Zeitschrift des deutschen Sprachvereins) RICHARD M. MEYER / DEUTSCHE STILISTIK (Handbuch des deutschen Unterrichts III, 1). 3., unveränderte Auflage. 1930. X, 249 Seiten gr. 8°. Geheftet RM 8.—, in Leinen RM 10.50 „Richard M. Meyers Deutsche Stilistik ist ein wertvolles und anregendes Buch für jeden, der sich mit der deutschen Sprache beschäftigt. Ich gestehe, daß ich seine 212 Paragraphen in einem Zuge durchgelesen habe, mit einem von Seite zu Seite sich steigernden Interesse, ohne zu ermüden, und ohne ans Aufhören zu denken. Wir sind nicht so reich an Werken dieser Art und dieser Güte, daß wir nicht Meyers Buch jedem, der schreibt oder lehrt, angelegentlich empfehlen müßten." Prof. Dr. J. Hofmiller OTHMAR MEISINGER/ VERGLEICHENDE WORTKUNDE. Beiträge zur Bedeutungslehre. 1932. XII, 201 Seiten 8°. Geheftet RM 4.—, in Leinen RM 5.80 „Die neuen Lehrpläne fordern eine Veranschaulichung der Übereinstimmungen und Verschiedenheiten der fünf Schulsprachen sowie eine Darlegung ihrer Zusammenhänge mit Kultur und Volkstum. Für solche vergleichende Kultur- und Volkskunde ist Meisingers Arbeit, aus jahrzehntelanger eigner Unterrichtserfahrung hervorgegangen, ein vortreffliches Hilfsmittel, dem bisher in solcher Ausgebreitetheit der sprachlichen Erscheinungen und so praktisch-übersichtlicher Anordnung des Stoffes nichts an die Seite zu stellen war." Die Höhere Schule KARL SCHNEIDER / WAS IST GUTES DEUTSCH? Ein Führer durch die Schwierigkeiten und Zweifelsfälle des heutigen deutschen Sprachgebrauchs. 2., vermehrte Auflage. 1931. XVII, 298 Seiten 8°. Geheftet RM 4.—, in Leinen RM 6.— „In Schneiders Buch finden sich zahlreiche feine Beobachtungen, dankenswerte Hinweise auf sorgfältige Pflege der Reinheit und Schönheit unserer Sprache, scharfe Angriffe auf allerhand Sprachtorheiten und Nachlässigkeiten, auf mißbräuchliche und geschmacklose Wendungen, auf unsinnige Abkürzungen und überflüssige und verstiegene Fremdwörter. , . . Das Buch ist sehr verdienstlich und sehr zu begrüßen." Die Literatur WALTHER LINDEN / AUFGABEN EINER NATIONALEN LITERATURWISSENSCHAFT. 2., unveränderter Abdruck. 1933. VII, 66 Seiten 8°. Kartoniert RM 2.40 „Die Schrift des Führers der Ortsgruppe Halle des Kampfbundes für deutsche Kultur macht entschlossen Ernst mit den neuen Richtlinien, die der Nationalsozialismus auch für die Wissenschaft gebracht hat, und wird daher starke Beachtung finden müssen." Bayer. Blätter für das Gymnasialschulwesen C. H.BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG MÜNCHEN UND BERLIN K. J. OBENAUER / DIE PROBLEMATIK DES ÄSTHETISCHEN MENSCHEN IN DER DEUTSCHEN LITERATUR. 1933. X, 411 Seiten gr. 8°. Geheftet RM 9.50, in Leinen RM 13.50 „Die tiefe Bedeutung des Werkes für die Gegenwart scheint darin zu liegen, daß es nicht nur die negativen Möglichkeiten einer heute im wesentlichen überwundenen und mit der bürgerlichen Epoche historisch gewordenen Lebensform vor Augen führt, sondern daß es zugleich nach den positiven Kräften fragt, welche in ihr wirksam gewesen sind und sein können.... Vornehmstes Wissenschaftsethos hat hier überzeugendsten Ausdruck gewonnen." Ständisches Leben INNERE FORM UND DICHTERISCHE PHANTASIE. Zwei Vorstudien zu einer neuen deutschen Poetik, herausgegeben von K. J. Obenauer. REINHOLD SCHWINGER / INNERE FORM. Ein Beitrag zur Definition des Begriffs auf Grund seiner Geschichte von Shaftesbury bis W. v. Humboldt. - HEINZ NICOLAI / WILHELM DIL- THEY UND DAS PROBLEM DER DICHTERISCHEN PHANTASIE. 1935. VIII, 166 Seiten gr. 8°. Geheftet RM 7.50 In Obenauers Geiste werden hier Vorstudien zu einer neuen deutschen Poetik vorgelegt. Sie beschäftigen sich mit der Entstehung des dichterischen Kunstwerkes, so wie dieses aus den Tiefen der phantasiebegabten schöpferischen Seele bildhaft-musikalisch aufsteht und sich stufenweise seinen sprachlich formhaften Leib baut. EMIL ERMATINGER/DICHTUNG UND GEISTESLEBEN DER DEUTSCHEN SCHWEIZ. 1933. X, 787 Seiten gr. 8». Geheftet RM 12.—, in Leinen RM 15.— „Ein tiefes nationales Empfinden ergreift hier das Wort. Das Buch ist vom Bewußtsein einer Schicksalsstunde eingegeben und für die Gegenwart geschrieben. Es zeigt in den großen Dichtern der Vergangenheit Höhepunkte schweizerischen Staatsgefühls auf. . . . Die Plastik der Eindrücke ist groß und wird getragen von einer schönen Bildlichkeit der Sprache.. . . Das Werk will und muß als eine gültige Begegnung schweizerischen Geistes mit sich selbst und zugleich als ein Schritt der Literaturwissenschaft auf dem Weg zu einer neuen Verantwortlichkeit gewürdigt werden." Deutsche Literaturzeitung WALTER MUSCHG / GOTTHELF. Die Geheimnisse des Erzählers. 1931. XI, 569 S. gr. 8°. Geheftet RM 13.—, in Leinen RM 16 — „Man darf Walter Muschgs gründliche Monographie als eine Art Wendepunkt der Gotthelf- Forschung bezeichnen und es läßt sich sagen, daß hinfort niemand mehr ernsthaft mit Gotthelf sich beschäftigen kann, ohne zu dem Buche Muschgs irgendwie Stellung zu nehmen." Rudolf Hunziker in der „Neuen Zürcher Zeitung" FERDINAND JOSEF SCHNEIDER / CHRISTIAN DIETRICH GRABBE. Persönlichkeit und Werk. 1934. VII, 376 Seiten gr. 8°. Geheftet RM 10.—, in Leinen RM 13.50 „Diese neue Grabbe-Biographie übertrifft an Gedankentiefe und historischem Weitblick alles, was bisher über den niedersächsischen Dichter geschrieben wurde. Der Verfasser hat die unmittelbare Verbundenheit Grabbes mit den weltanschaulichen Fragen unserer Zeit überzeugend zusammengefaßt." Völkischer Beobachter C.H.BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG MÜNCHEN UND BERLIN EUGEN VON FRAUENHOLZ / DAS HEERWESEN DER GERMANISCHEN FRÜHZEIT, DES FRANKENREICHES UND DES RITTERLICHEN ZEITALTERS. (Zugleich: Entwicklungsgeschichte des Deutschen Heerwesens. Band I). Unter Mitwirkung von Walter Elze und Paul Schmitthenner, herausgegeben von Eugen von Frauenholz. 1935. XIII, 307 Seiten gr. 8°. Geheftet RM 16 — Für den Germanisten und Romanisten ist der Quellenanhang besonders wertvoll. Der Verfasser hat seiner Darstellung 78 Urkunden von der „Lex Visigothorum (650) an bis zur Reichsmatrikel gegen die Türken (1467)" beigegeben. In diesem zeitgemäßen Werk wird zum ersten Male der Versuch unternommen, die Beziehungen zwischen Heer, Staat und Volk auf Grund eingehender Studien darzulegen. RUDOLF STAMMLER / DEUTSCHES RECHTSLEBEN IN ALTER UND NEUER ZEIT. Lehrreiche Rechtsfälle, gesammelt und bearbeitet. I.Band: Im alten Reich. 1928. XII, 515 Seiten gr. 8°. Geheftet RM 15.—, in Leinen RM 18.—.IL Band: Währenddes 19. Jahrhunderts. 1932. VII, 502S.gr. 8°. Geh. RM 15.—, in Leinen RM 18.- „Es ist der Rechtsgedanke selbst, dem Stammler in all dem Wechsel von Stoff und Form nachspüren will, besonders aber das Ringen unserer Vorfahren um die Idee des Rechtsstaates, der Verwirklichung der Gerechtigkeit durch die Justiz.... Niemand, dem es darum zu tun ist, sich ein plastisches Bild von Recht und Kultur Deutschlands in der neueren Zeit zu machen, sollte versäumen, sich den Genuß dieser höchst anregenden Lektüre zu verschaffen." Historische Zeitschrift MAX MANITIUS / GESCHICHTE DER LATEINISCHEN LITERATUR DES MITTELALTERS. (Handbuch der Altertumswissenschaft, herausgegeben von Walter Otto, IX, 2). Erster Band: Von Justinian bis zur Mitte des 10. Jahrhunderts. 1911. XIII, 766 Seiten gr. 8°. Geheftet RM 22.—, in Leinen RM 25.50. Zweiter Band: Von der Mitte des 10. Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat. 1923. X, 873 Seiten gr. 8°. Geheftet RM 24.50, in Leinen RM 28.50. Dritter Band: Vom Ausbruch des Kirchenstreites bis zum Ende des 12. Jahrhunderts. Unter Paul Lehmanns Mitwirkung. 1931. XIII, 1164 Seiten gr. 8°. Geheftet RM 56.—, in Leinen RM 60.— „Manitius hat seit Jahrzehnten mit tiefdringendem Eifer den Einfluß der römischen Literatur auf die Späteren studiert und in zahlreichen Arbeiten die Anleihen der mittelalterlichen Autoren aus den Schätzen des Altertums nachgewiesen. Dazu kommt seine intime Bekanntschaft mit den mittelalterlichen Bibliotheken und ihren reichen Schätzen. So haben wir hier an ihm einen zuverlässigen Führer, und mit Befriedigung und Staunen sieht man, welch ein gewaltiges handschriftliches Material verarbeitet worden ist." Theologische Literaturzeitung PAUL v.WINTERFELD / DEUTSCHE DICHTER DES LATEINISCHEN MITTELALTERS. In deutschen Versen. Herausgegeben und eingeleitet von Hermann Reich. 3. und 4., mit neuem Vorwort versehene Auflage. 1921. LX, 542 Seiten 8°. In Leinen RM 8.—, in Halbpergament RM IL— „In diesem Buche spricht die Seele unserer Vorfahren zu uns, hier reden Könige, Ritter und Helden, Mönche und Nonnen,Vaganten und fahrendes Volk in heroischen Liedern und Balladen voll alter Heldenkraft zu uns... . Paul von Winterfeld gab ihnen die deutsche Sprache wieder, so schön und wahr, wie es nur ein echter Dichter vermag." Deutsches Philologenblatt C. H. BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG MÜNCHEN UND BERLIN ***H OSWALD SPENGLER / DER UNTERGANG DES ABENDLANDES. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte. Zwei Bände. I. Band: Gestalt und Wirklichkeit. 108.-113. Tausend. XV, 549 Seiten gr.8°. II. Band: Welthistorische Perspektiven. 92.-95. Tausend. VII, 666 Seiten gr. 8°. Jeder Band geheftet RM 12.—, in Leinen RM 16.—. PREUSSENTUM UND SOZIALISMUS. 79.-81.Tsd. IV, 99 S. gr. 8°. Geh. RM 2.25, gebunden RM 2.80 FRIEDRICH NIETZSCHE /WERKE UND BRIEFE. Historisch-kritische Gesamtausgabe. Veranstaltet von der Stiftung Nietzsche-Archiv. Etwa 40 Bände. Jährlich etwa 3Bände. Subskriptionspreise: Geh. jeRM12.—, in Leinen je RM 15.—,Halbfranz je RM 18.—. Subskriptionseinladung auf Wunsch kostenlos. Bisher sind erschienen: Band I: Jugendschriften 1854-1861. 1934. CXXVI, 495 Seiten und 6 Tafeln. Band II: Jugendschriften 1861-1864. 1934. VI, 485 Seiten und 4 Tafeln. Band III: Schriften der Studentenzeit 1864-1867. Etwa 400 Seiten und 3 Tafeln „Diese Nietzsche-Ausgabe zeigt den unschätzbaren Wert auf, der darin liegt, das Vermächtnis eines großen Mannes in der Form einer großen historisch-kritischen Gesamtausgabe überliefert zu bekommen. Sie läßt vor dem Leser in lückenloser zeitlicher Folge die innere Entwicklung Nietzsches von der Schülerzeit bis zur letzten Schaffensperiode erstehen. Hier wird uns zum ersten Male die Möglichkeit gegeben, den Menschen Nietzsche kennen zu lernen aus einem Material, das uns zwingt, es beim Lesen nicht nur mittelbar aufzunehmen, sondern es selbst mitzugestalten." „Die Erziehung". Monatsschrift für den Zusammenhang von Kultur und Erziehung in Wissenschaft und Leben. X, 3. LUDWIG SCHMIDT / DIE OSTGERMANEN. (Zugleich: Geschichte der deutschen Stämme bis zum Ausgang der Völkerwanderung. I. Band) 2., völlig neubearbeitete Auflage. 1934. VII, 647 Seiten gr. 8°. Mit 2 Karten. Geheftet RM 28.—, in Leinen RM 32.— „Schmidt baut auf streng wissenschaftlichen Grundlagen auf. Er zieht alle einschlägigen Quellen unter genauer Angabe der Fundstellen heran. . . . Insbesondere kann das Werk für den Geschichtsunterricht an den höheren Lehranstalten die allerbesten Dienste leisten im Sinne der vom Reichsinnenministerium aufgestellten Richtlinien, denn es setzt den Lehrer instand, die Zeit der Völkerwanderung in farbenreichen Bildern zu zeichnen und von ganz neuen Gesichtspunkten aus zu beleuchten." Blätter für das hayer. Gymnasialschulwesen EGON FRIEDELL / KULTURGESCHICHTE DER NEUZEIT. Die Krisis der europäischen Seele von der schwarzen Pest bis zum Weltkrieg. I. Band: Einleitung. Renaissance. Reformation. 13.-17. Auflage. 1930. XII, 413 Seiten 4°. Geh. RM IL—, in Leinen RM 14.50, in Halbleder RM 22.—. IL Band: Barock und Rokoko. Aufklärung und Revolution. 13.-17. Auflage. 1930. XII, 537 Seiten 4°. Geh. RM 12.50, in Leinen RM16.—, in Halbleder RM 24.—. III. Band: Romantik und Liberalismus. Imperialismus und Impressionismus. 7.-12. Auflage. 1931. XII, 595 Seiten 4°. Geh. RM 14.—, in Leinen RM 18.—, in Halbleder RM 24.— „Das Buch ist mit außerordentlich tiefem Ernst geschrieben, voll heiligen Eifers für die Wiedergewinnung verlorener seelischer Werte, ohne die inzwischen gewonnenen wirklich fortschrittlichen Ideen preisgeben zu wollen." Monatsschrift für höhere Schulen C.H.BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG MÜNCHEN UND BERLIN iibeneil- t/U td ei/e Alfrad r cige Buchbmt:.-d Oüstela^i; Alfred ""&tq«i Buchbin- :.vl OOttelQv.1. S88SS M Hb i ÜÜÜI