658 Renaissance und Humanismus
ein faules Aas usw. (Kap. 24 S.55f.); desgleichen hat der Tod von denFrauen eine schlechte Meinung (Kap. 28 S. 27). Das ist asketische Mönchs-moral wie im Memento mori oder in Heinrichs v. Melk Erinnerung an den Tod(s. LG. II, 1, 184-86. 186-94). Der Ackermann dagegen sagt: Der Menschist von Gott gut geschaffen, Gott hat ihn nach seinem Bilde geschaffen(Kap. 25 S. 57), den Frauen zollt er hohes Lob (Kap. 29 S. 71). Der Acker-mann ist der in der Welt lebende Mensch, er ist der Vertreter der Menschheitals der Adamsart, das Symbol des Adam Homo, der tätige Mensch, derseine sittliche Aufgabe darin findet, für dieses Leben zu wirken. Die Auf-fassung vom Tode schwankt bei dem Dichter; im wesentlichen folgt er derdogmatischen Christenlehre, wonach der Tod infolge der Sünde Adams derSünde Sold ist, doch andererseits neigt er sich dem neuen Renaissancebegriffzu, „der Tod sei dem Menschen von Natur her eigen". 1
Der neue Geist der Renaissance kommt besonders in dem stoischen Vor-stellungsbestand zum Ausdruck. Freiheit von Leidenschaften, die stoischeEthik der Apathie, wird angestrebt. Der Tod sagt (nach Petrarcas genannterSchrift): Wer die vier, Freude und Leid, Furcht und Hoffnung nicht ganzaus seinem Gemüte treibt, der muß allzeit mit Sorgen leben (Kap. 22 S. 50). 2Zum Renaissancegehalt gehört auch die optimistische Lebensstimmung desAckermanns, die Diesseitsstimmung. Und überhaupt ist das Todesproblemein in der Renaissance beliebtes Motiv, für das hauptsächlich PetrarcasDe remediis utriusque fortunae das Muster gibt, 3 und hieraus hat auchder Dichter des Ackermanns den Kern seines Werkes, den klagendenWitwer, und die Dialogform (bei Petrarca Vernunft und Leidenschaft) ent-nommen. 4
Anregung für die „Figur" des Ackermanns gab ihm auch das allegorischeGedicht Piers the Ploughman (Peter der Pflüger) des Engländers WilliamLangland (um 1362). 5 Das meiste aber schöpfte er aus seinem eigenen Wissen,aus seiner klassischen „humanistischen" Gelehrsamkeit. Er zitiert Aristoteles(einmal allerdings ohne richtigen Grund, Burdach, Ausg. S.303), Pythagoras,Plato, benutzt Seneca; auch Personen aus der griechischen Mythologie kom-men vor, dagegen weniges aus der deutschen Literatur (s. das Glossar BerntsS. 105-52).
Der „Ackermann aus Böhmen" ist das erste Denkmal des deutschenHumanismus und zugleich die hervorragendste künstlerische Leistung des-selben, ja des 14. u. 15. Jahrhunderts überhaupt, das Meisterstück derdeutschen Prosadichtung bis zur Reformation, der Ausdruck einer leiden-
1 Rehm, Der Todesgedanke aaO. S. 125. s. Schönbach, ZfdA. 35, 227-37.
2 Die vier Affekte gaudium et dolor, spes et 4 Niclas v. Wyle (s. unt.) hat dasselbe Thematimor Burdach S. 302 ff.; Dilthey, Welt- in seiner 15. Translatz viel schwächer be-anschauung u. Analyse des Menschen seit handelt.
Renaissance u. Reformation S. 21 ff. 416 ff. 5 Burdach, D. Dichter des Ack. a. B. u.
u. ö. seine Zeit, Vom MA. zur Ref. 111,2, 167-371 u.
3 Wurde auch ins Deutsche übersetzt, Bruch- Gesamtregister 111,3,44-46; Vorspiel 1, 1,249.stücke aus einer Innsbrucker Hs. des 15. Jh.s,