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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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657
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Der Ackermann aus Böhmen 657

Das Werk ist ein Dialog zwischen dem Ackermann und dem Tod, und zwarein Streitgespräch in Prozeßform in 33 Kapiteln, in denen abwechselnd einerder beiden das Wort führt; im Schlußkapitel (34) richtet der Ackermann einGebet an Gott für die Seele seiner Frau. In Kapitel 1-20 schleudert der Menschhaßerfüllt in höchster Erregung die wildesten Verwünschungen und Flüchegegen den Tod, dazwischen, Kap. 5, bricht er in eine ergreifende Totenklageum die Verstorbene aus. Der Tod verteidigt sich maßvoll: Alle Menschen müs-sen sterben, alle irdische liebe muss zu leide werden (Kap. 12 S. 25); Gott hatdem Tod die Erde anheimgegeben, er ist nötig, damit die Geschöpfe nicht in-folge der Vermehrung einander auffressen (Kap. 8 S. 16 f.); der Tod ist einGlück (Kap. 14), er ist gotes haut (Kap. 16 S. 33), das Alter ist ein Übel(Kap. 20 S. 46 f.). Von Kap. 21 an mäßigt sich die Stimmung des Ackermanns:Euer Tadel ist erträglich, unterweiset mich, wie ich so unsägliches Leid ausdem Herzen austilgen soll, ratet, helfet" (S.47f.). In Kap. 33 spricht Gottdas Urteil aus: ir habt beide wol gefochten, den einen (den Menschen) zwingt dasLeid zu klagen, den andern (den Tod) zwingt die Anfechtung des Klägers dieWahrheit zu sagen;darum, Kläger, habe Ehre! Tod, siege!" Kap. 1-5 ent-hält die Exposition, die Erzählung der Streitsache, d. i. der Tod der Frau; dieAnklage des Ackermanns, Kap. 6-20 stellt die Heftigkeit des Klägers dar,Kap. 21-32 die versöhnlicher gewordene Stimmung des Klägers, Kap. 33enthält das Urteil Gottes, Kap. 34 das Schlußgebet des Ackermanns. Derganze Verlauf ist von wechselnden Stimmungen durchtränkt, die von dermaßlosesten Leidenschaft zu allmählicher Beruhigung und versöhnendemAbschluß führen.

Betrachtet man die beiden streitenden Personen in ihrer psychologischenVerfassung, so steht der Ackermann ganz unter der Herrschaft des Gefühls,während der Tod die Vernunft vertritt. In seinen Aussprüchen liegt eineganze Lebensanschauung, und so bieten sie eine Lebenslehre, ein Urteilüber Sinn und Wert des Daseins. Die Auffassung des Todes ist die: Das Lebenist eitel und wert, daß es zugrunde geht; darum ist der Tod kein Übel,sondern vielmehr der größte Wohltäter, der uns den Weg zur himmlischenWohnung eröffnet. Der Tod ist der Hüter der göttlichen Weltordnung. Erlehrt: Ertrage das Leben, indem du die Leidenschaften, Freude und Leid,dämpfst, kehre dich ab von dem Bösen und tue das Gute, über alle irdi-schen Dinge schätze ein reines und lauteres Gewissen! 1 In dem Tod unddem Ackermann stehen sich Ratio und Dolor gegenüber, wie in Petrarcaszweitem Gespräch in De remediis utriusque fortunae. Vor allem aber tretenPessimismus und Optimismus in der Bewertung der Menschennatur gegen-einander auf. Der Tod urteilt: Alle Menschen sind mehr zu Bosheit als zumGuten geneigt (Kap. 32, 12 S.79); er schreibt dem Menschen alle Gemein-heit zu, er wird in Sünden empfangen, er ist ein Kotfaß, ein Abort,

1 Ehrismann, Der Geist der dt. Dichtung im MA., Deutschkundliche Bücherei, 2. Aufl.1931, S. 43.

42 Deutsche Literaturgeschichte IV