642 Lehrhafte Dichtung des 14. und 15. Jahrhunderts
Doctrina Dicendi et Tacendi). III. Der mhd. Melibeus (= Liber Consola-tionis et Consilii). Der Übersetzer von I war ein schwäbischer Kleriker des15. Jahrhunderts, der von II ist wegen der Kürze des Stückes nicht näher zubestimmen, war aber wohl ein Schwabe des 15. Jahrhunderts; III, der deutscheMelibeus, ist in zwei Fassungen überliefert. Außer diesen drei Prosaübertra-gungen ist eine Versbearbeitung vorhanden, Meister Alberts Lere (hgb.bei Bostock, S. 79-115, 971 V.), geschrieben in derWetterau um die Mitte des14. Jahrhunderts; Quellen sind des Albertanus' Doctrina Dicendi und LiberConsolationis et Consilii, eingeschoben sind Stellen aus De Amore Dei, sowieErweiterungen unbekannter Herkunft.
Am wichtigsten für die deutsche Literaturgeschichte ist die lehrhafte Er-zählung (geleichnus l a ) von Melibeus und Prudentia. 1 Dem Titel des latei-nischen Originals, Liber Consolationis et Consilii, gemäß ist das Werk einTrostbuch mit Ratschlägen für Betrübte. Ein reicher Mann, Melibeus, begibtsich auf einen Spaziergang und verschließt sein Haus. In seiner Abwesenheitbrechen drei Feinde in das Haus ein und mißhandeln seine Frau Prudentiaund seine Tochter lebensgefährlich. Nach seiner Rückkehr ist er außer sichvor Schmerz und kann sich vor Weinen nicht fassen. Prudentia tadelt ihnwegen seines Übermaßes im Leid. Er beruft einen Rat aus seinen Freunden(Consilium) zusammen, die verschiedene Rachepläne vorschlagen. Aber seinWeib Prudentia rät zum Frieden, und ihr folgend gewährt er Verzeihung.Viele der Einzelheiten und Motive sind symbolisch zu verstehen. Die Erzählungdient nur als Rahmen, den eigentlichen Inhalt bildet größtenteils ein Ge-spräch zwischen Mann und Frau; die Frau, Prudentia, ist die klügere und leitetden Gatten zu vernünftigem Tun. In dem Zwiegespräch belegen die beidenihre Behauptungen immer mit einer Anzahl von Sprüchen aus biblischen undklassischen Autoritäten.
Übertragung des Bestiaire d'Amour
Als zur lehrhaften Literatur gehörig läßt sich hier noch die mittelfrän-kische Übertragung des französischen Bestiaire d'Amour 2 von Richardde Fournival anschließen. Die Mundart ist die des deutsch-geldernschen Ge-bietes, also östliches mittelniederfränk.; 14. Jahrhundert, Prosa. Das Werkist ein Bestiarius, also ein Stück Physiologus, der hier die Eigenschaften derTiere auf die Liebe, nicht auf Glaubenslehren deutet. Ein Minner versucht,durch die Auslegung der Eigenschaften der Tiere die umworbene Dame zugewinnen, wird aber zurückgewiesen.
1 Leo Hohenstein, Melibeus et Prudentia, Mundart; kürzt die lat. Vorlage an vielen
Der Liber Consolationis et Consilii des Alber- Stellen. Eine mhd. Versübertragung ist noch
tanus von Brescia in zwei deutschen Bear- nicht herausgegeben. — Überliefert ist unsere
beitungen des 15. Jh.s, Diss. Breslau 1903; Prosa in 6 Hss. u. 5 alten Drucken des 15./16.
Bostock, bes. S. 31-33.78; Stammler, ZfdPh. Jh.s (Bostock S. 31-33).
53, 14; ein kurzer Auszug bei Vetter, Lehrh. 2 Ausg. (franz.Text u. mittelniederfränk.Über-
Litt. des 14. u. 15. Jh.s in Kürschners Dt. Nat.- tragung): John Holmberg, Eine mndfrk.
Lit. Bd. XII Teil II, 456-65. — Entstanden Übertragung „des Best. d'Amour, Uppsala
ist die Prosaerzählung vor 1465; schwäbische Universitets Arsskrift 1925.