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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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640 Lehrhafte Dichtung des 14. und 15. Jahrhunderts

ins Lateinische übersetzt (Stultifera navis, 1497), sowie ins Französische(1497 u.ff.), Niederländische (1500 u. ff.) und Englische (1507 u. ff.). 1 SeineEntstehung fällt in die Wende zweier Zeiten, aber in Auffassung und Stilgehört es den zuvor besprochenen Satiren des sinkenden Mittelalters an;humanistischer Einschlag ist nur insofern vorhanden, als eben der Verfasserselbst humanistisch gebildet war, im übrigen ist es vielmehr auf religiösemGeiste, auf gotes lere und mit Hinblick auf der seien heil, aufgebaut (S. 114,30.Vorrede S. 2, l). 2 Diese Frömmigkeit besteht aber nicht in Askese und Welt-entsagung, sondern ist mit tüchtiger Lebensarbeit vereint (Nr. 105 S.101). 3Das Eigenartige bei der Wertung der Untugenden ist die Auffassung, daß sieNarrheiten sind, und dieser Gedanke liefert auch den Rahmen für das Werk:ein Schiff (zuerst eine ganze Flotte) wird geschildert, in dem die Narren genNarragonien fahren (Überschrift bei Zarncke S. 1). Durch diese Umbiegungdes Lasters in Narretei wird allem bitteren Hohn doch ein humoristischer,närrischer Zug beigemischt. All das ist nicht Brants Erfindung, sondern dieErklärung der Laster als Torheiten und das Bild der Toren, die in einemSchiff über das tugendlose Leben fahren, ist schon mittelalterlich. Indessenist diese Einkleidung nur oberflächlich und äußerlich und wird gar nicht zueinem wirklichen zusammenhängenden Bilde ausgeführt.

Das Ganze zerfällt in 112 Kapitel, die ohne Übergang nebeneinandergesetzt sind und von denen jedes einzelne für sich einen Narren abkanzelt,der jeweils in einem dem Kapitel folgenden Holzschnitt sinnfällig vor Augengeführt wird. Diese Art der Komposition und Aufmachung ist flugblattartig.Der Zweck desNarrenschiffs" wird in der prosaischen Vorrede (ZarnckeS. 1) angekündigt: es soll nützen und belehren und bei allen Ständen undGeschlechtern zur Verachtung der Narrheit beitragen. Alle erdenklichenLaster und Schwächen werden in ungeordneter Folge durch einen besonderenNarren repräsentiert. Natürlich sind unter ihnen auch die sieben Haupt-sünden, ferner Buhlschaft, Ehebruch, Undankbarkeit, Gotteslästerung; auchbloße Vergnügungen, wie Tanzen, Schießen, Spielen, werden verurteilt. DerStoff ist im wesentlichen aus biblischen und klassischen Schriften zusammen-getragen, sowie, aber zum geringeren Teil, aus Kirchenschriftstellern. DerStil ist lebendig, klar, nicht immer korrekt (Anakoluthe); der regelmäßigeWechsel von Hebungen und Senkungen geläng dem Dichter um so leich-ter, als er jederzeit mit der Tilgung eines schwachen e bei der Hand sein konnte;ebenso steht es mit den Reimen, für die er außerdem mundartlichen Spiel-raum hatte. Die Kapitel haben anfangs den gleichen Umfang: 37 (38), oftauch 97 (98) V., dann wechseln sie und haben vereinzelt mehr: bis zu 217 V.;

1 Felix Hemmerlin von Zürich hatte im 15. kannten in 8 illustrierten, ins Deutsche umge-

Jh. einen lat. TraktatDoctoratus in stultitia" schriebenen Blättern zusammengezogen, Mitte

die Torheiten und bösen Sitten satirisch behan- 15. Jh. (Goedeke, Grundr. I 2 , 381).

delt. Er war Seb. Brant bekannt, denn dieser 2 W. Rehm, D. Todesgedanke usw. 1928,86 f.

hatte Hemmerlins Schriften herausgegeben. 3 Dilthey, Weltanschauung u. Analyse des

Jener lat. Traktat wurde von einem Unbe- Menschen, Schriften II, 1914, 51.