638 Lehrhafte Dichtung des 14. und 15. Jahrhunderts
jegliche Handlung und Anschaulichkeit —, aber, wie all diese Sittensatiren,für die Kulturgeschichte ausgiebig.
Der Verfasser identifiziert sich mit dem Einsiedler. Er gibt keine Anhalts-punkte für die Bestimmung seiner Person. Die Sprache deutet au f die Bodensee-gegend als seine Heimat. 1 Als Entstehungszeit sind wahrscheinlich die Jahredes Konstanzer Konzils, 1414-18, auf das er an einer Stelle Bezug nimmt,anzunehmen.
Hans Vintler
Eine Sittenlehre, aber nicht in allegorische Form gekleidet, ist auch HansVintler, Die Blumen der Tugend. 2 Schon der Titel zeigt gegenüber dem„Teufels Netz", daß der Ausgangspunkt ein entgegengesetzter ist: Dort wer-den die Laster, hier die Tugenden behandelt. Demgemäß ist auch die Anord-nung getroffen: siebzehn Tugenden werden gepriesen, jeder einzelnen wirdgleich das entsprechende Laster entgegengesetzt. Diese Tugenden sind nichtin der Reihenfolge eines bestehenden Systems aufgezählt, sondern willkürlichdem Honestum, 3 den vier Kardinaltugenden und ihren Teiltugenden, ent-nommen ; danach richtet sich polaristisch die Reihenfolge der Laster. Jederder einzelnen Teile ist nach dem gleichen Plane gebaut: zuerst Erklärungder betreffenden Tugend bzw. Sünde, dann Erzählungen aus Literatur undGeschichte als Beispiele, schließlich Aussprüche antiker, christlicher, auchbiblischer Personen. Diese Belege durch Aussprüche von Autoritäten sindder Philosophia moralis nachgeahmt, die für die Tugenden (das Honestum)lateinische Schriftsteller, besonders Stoiker, zitiert. Den Anfang aber machtdie christliche Tugend der Liebe, karitas, also ein Teil der Moraltheologie.— Wenn dieses Buch auch den Titel „die pluemen der tugent" (V. 8; 10172V.)führt, so wird doch in dem andern Teil, in der Antithese, dem Gegenspiel(widerwärtichait 959. 2760. 3625. 4368 u. oft), auch die betreffende Untugendkräftig verurteilt. Die Moralpredigt nimmt nicht wie in den Schachbücherndie einzelnen Stände der Reihe nach vor, aber diese werden bei passenderGelegenheit doch mit betroffen; besonders heftig und vorurteilslos wendetsich der Dichter gegen den Adel, dem er doch selbst angehört (Geiz 2090 ff.,Undank, Unbarmherzigkeit, Habsucht 6624 ff., anderes 6680 ff.), gegen die
1 Andere dafür sprechende Gründe s. Barack Günther-Müller in Walzeis Handbuch H. 2,
S. 448. 58ff.; Walther REHM,ZfdPh.52,289-330 pass.
'Ausg.: Ignaz V. Zingerle, Die Pluemen —Stellen: Zingerle, ZfdPh. 2,185-87; Germ.
der Tugent, Innsbruck 1874. — Abhandl.Zarncke, ZfdA. 9, 68-119; Zingerle u. Lap-penberg, ebda 10, 255-64; Zingerle, Beitrz. älteren Tiroler Lit. II, Wien. SB. 66, 1871R. v. Liliencron, Über den Inhalt d. allgemBildung in d. Zeit der Scholastik, 1876, S. 3345 f.; H. Sander, Hans v. Vintler, ein Dich-ter aus Tirol, 1892; W. Rehm, ZfdPh. 52, 311Ders., Der Todesgedanke in d. dt. Dichtung1928, S. 86; Ältere Lit. s. WacKERNAGEL, LGl 2 , 372. — Castle, Reallex. 2, 585; Ders.Österreich, sein Land undVolk, o. J., S. 451
5,99-101; BECH,Germ.22,43; KarlRoth,K1.Beitr.4,183-92; John Meier, Beitr. 45,138-41;Bartels u. Ebermann, ZfVolkskde 23, 1913,1-18. 113-26. — 5 Hss. u. 1 Druck (Augsburg1486); Zingerle, Ausg. S. XXXI-XXXIII;Goedeke, Grundr. I 2 , 292. Prosaübersetzg.(Arigo 1468) s. ZfdA. 10, 260; H. Fehrlein,Zwei dt. Prosahss. der „Blumen der Tugend",Festgabe Singer 1930. — Arigo s. unt.3 Siehe LG. II, 2 S. 19-24 u. Reg. unt.Honestum, Moralis Philosophia, Hildebertv. Tours; und diesen Band der LG. oben.