636 Lehrhafte Dichtung des 14. und 15. Jahrhunderts
Das Goldene Spiel
An die Gruppe der Schachgedichte reiht sich an Das Goldene Spiel vonMeister Ingold. 1 Es unterscheidet sich von den eben besprochenen da-durch, daß es in Prosa abgefaßt ist und die Allegorie auch noch auf andereSpiele ausdehnt.
Seinen Namen gibt der Verfasser am Schluß an: ain priester prediger ordenshieß mayster Ingold. Er gehörte dem Straßburger Dominikanerkloster an undwar Prediger und Seelsorger in Straßburg. 2 Nach der zuverlässigsten Nachricht(Züricher Hs.) ist 1432/33 das Entstehungsjahr des Buches. Quelle ist Jacobusde Cessolis, den Ingold seiner eigenen Angabe nach (S. 1, 18) benutzt hat;jedenfalls hat er auch Ammenhausens Schachbuch gekannt. Er ist in der Bibelund auch in antiken und mittelalterlichen Schriftstellern belesen.
Das Schachsptel ist geordnet nach den sechs Figuren: König, Königin, dieAlten (Läufer), Ritter (Springer), Roch (Türme), Venden (Bauern). Aber dasganze „Goldene Spiel" wird in sieben Spiele eingeteilt, von denen je einesgegen eine der sieben Todsünden gerichtet ist (S. 1, 10 ff.): das Schachspielgegen die Hoffart, das Brettspiel gegen die Gefräßigkeit, das Würfelspiel gegendie Habsucht, das Kartenspiel gegen die Unkeuschheit, das Tanzen gegen dieTrägheit, das Kegeln (Schießen) gegen den Zorn und das Saitenspiel gegenNeid und Haß. — Der Form nach gehört das Werk zu der Predigtliteratur,denn die einzelnen Abschnitte sind nach Predigtweise disponiert. Den Eingangbildet das Thema aus der Bibel (lateinisch), aus dem die stark schematisiertePredigt abgeleitet wird, welche in pedantischer Aufzählung die betreffendenSünden geißelt, das Ganze vermischt mit erzählenden Beispielen, Exempla.
Meister Reuaus
Eine in die Form der Allegorie gekleidete Beschreibung der sieben Tod-sünden und ihrer Wirkungen auf das Verhalten der Menschen, zugleich alsoein Sittenbild der Zeit, gibt ein österreichisches Gedicht wohl vom Anfang des15. Jahrhunderts, in dem ein Meister Reuaus 3 als Quacksalber mit seinemKnecht Lasterbalg seine Salben, die er in einer Büchse mit sich führt, aufweist.Die Salben sind die sieben Todsünden. Der Reuaus ist ein Teufel (Der Reu-auß teufel bin ich genant, 585, 588), der die Menschen von Reue und Bußeweg zum Genußleben, zur Sünde und damit zur Hölle lockt (= „die Reue istaus" oder „hinaus mit der Reue"). Am Schluß, von V. 588 an, läuft die ernsteSatire in eine Parodie aus. — Der Dichter ist stark von Hugos Renner beein-
1 Hgb. Edw. Schröder, Elsäss. Litteratur- 2 Siehe Schröder S.XIV-XIX. Zwei Predig-denkmäler aus d. XIV.-XVII. Jh. Bd. III, ten sind von ihm erhalten.1882. — Abhandl,: Schröder, Einleitg. S. III 3 Hgb. Schönbach, J.M.Wagners Arch. f.-XXXIII; Cruel, Gesch. d. dt. Predigt im d. Gesch. deutscher Sprache u. Dichtung 1,MA., 1879,526; Vetter, Kürschners Dt. Nat.- 1874, 13-37. 95 f. — Abhandl.: Zupitza, ebdaLitt.Bd.12.— Stelle: Strauch, JansenEnikels S. 227-35; Lambel, ebda S. 235^0; See-Weltchronik S.275 Anm. 1 u. S.322 Anm.2. Müller, in Gesch. d. Stadt Wien III. Bd.— 6 Hss. u. 1 Druck (1472), Schröder S. IV 1. Hälfte, 1907, 67 f.; Seemann, Solsequium-XIV; Bachmann u. Singer, Dt. Volks- (s. oben); Schröder, ZfdA. 59, 47 f.; Castle,bücher, Lit. Ver. Bd. 185, 1889, S. V. Reallex. 2, 586. — Eine Hs. (15. Jh.)