Der mitteldeutsche Aesop. Die Schachbücher 633
eine allegorische Auslegung des Schachspiels, wobei die Schachfiguren aufdie einzelnen Stände gedeutet werden, eine sozialethische Moralisierung.Der Reihe nach werden vorgenommen: König, Königin, Richter, Ritter,Landvögte; dann die gemeinen Schachfiguren: Bauern, Handwerker, Kauf-leute, Ärzte und Apotheker, Gastwirte, Gemeindebeamte, Spieler usw.(Buben). Lehren werden gegeben, Laster getadelt. Alles aber ist voll von Er-zählungen, die aus kirchlichen und weltlichen, besonders antiken Schrift-stellern stammen; sie dienen zugleich zur Illustration und zur Unterhaltungund zeugen von der großen Belesenheit des Autors. Den Eingang macht eineGeschichte der Erfindung des Schachspiels.
Diese lateinische Prosa haben im 14. Jahrhundert vier Dichter jeweils un-abhängig voneinander in deutsche Verse gebracht. Der erste war Hein-rich von Beringen 1 ein Augsburger Domherr 2 (urkundlich 1282-1320),der um 1290 oder 1300 das schächzabelspü 3 des Jacobus de Cessolis insDeutsche übertrug (in 10772 V.). Er stellt sich am Schluß (V. 10707) alsvonBeringen Heinrich vor und nennt seine Quelle im Eingang (V.37ff.)und am Schluß (V. 10747 ff.). Diese behandelt er mit Hilfe von Auslassungenund Zusätzen ziemlich frei; besonders aber steht er noch unter der Nach-wirkung der höfischen Kunst, obwohl diese nicht stark hervortritt.
Die Sprache 4 ist alemannisch im weiteren Sinne und steht im Einklangmit der wahrscheinlich ostschwäbischen Heimat Beringens. Der Versbau istziemlich regelmäßig, die Reime verraten oft die Mundart.
Von Heinrich von Beringen sind auch vier weltliche Gedichte vorhanden:Abfertigung eines Verleumders durch eine Frau (26 Reimpaare) und drei Lie-der, ein Tanzlied, ein Minnelied, ein Klagelied. 5
Enikels Weltchronik 1891 (s. oben), 275 Lloyd S. 36-45. — P. Albert, Über die Hei-
Anm. 1; Günther Müller, in Walzels Hand- mat Heinrichs v. Beroldingen, Verf. d. ersten
buch der Lit.wissensch. 1927, 26-28. — dt. Schachgedichts, Zs. f. Gesch. d. Ober-
Die dt. Prosa des Jac. de Cess.: Münch. Hs. rheinsNF 18, 1903, 9-24; Aloys Schulte in
von 1407: Erich Petzet, Die dt. Perg.-Hss. „Kultur der Abtei Reichenau" von Beyerle,
Nr. 1-200 der Staatsbibl. in München, 1920, 1926.
S. 80 (Lit.). 3 schächzabel = Schachbrett, zabel = lat.
1 Ausg. Paul Zimmermann, D. Schachgedicht tabula. — Verhältnis zu Jac. de Cess.: Zim-Heinrichs v. Beringen, Lit. Ver. Bd. 166, mermann, Ausg. in d. Varianten unter d. Text1883. — Abhandl.: P.Zimmermann, D. u. in den Anmerkungen S. 364 ff. 406 ff.Schachgedicht H.s v. Berngen, Heidelb. Diss. 4 Sprache u. Reime: Zimmermann, Diss.1875, dazu Steinmeyer, Anz. 2, 79 f.; A. S. 10-27, Ausg. S. 400 ff.; Lloyd S. 45^8. —van der Linde, Gesch. d. Schachspiels I, Der Stil ist in den Reimen manchmal ge-Beil.; F. Holzner, D. dt. Schachbücher in blümt. Beliebt ist die Umschreibung einesihrer dichterischen Eigenart gegenüber ihrer Substantivs durch Substantiv + Genitiv.Quelle, dem lat. Schachbuch des Jacobus de 5 Hgb. von Zimmermann, Ausg. des Schach-Cessolis IL, D. Schachbuch H.s v. Beringen, buchs S. 356-62. 395 f., wo ältere Lit.; LloydProgr. Aussig 1897, dazu Khull, ZföG. 50, S. 36 Anm. 2. — Die Lieder sind ohne Beden-907; M. D. I. Lloyd, Stud. zu Heinrich v. ken Beringen zuzusprechen: Parallelen zumBeringens Schachgedicht 1930, dazu Schrö- Schachbuch bei Zimmermann aaO. Besondersder, Anz. 49, 156 f., Ehrismann, Lbl. 1931, die Blümung in den Reimen in I u. II ent-253; Mitzka, Stamml. Verf. 2, 252 f. — Hss.: spricht ganz dem Stil Beringens: miner dünkeZimmermann, Ausg. S. 398 ff. u. Diss. S. 9 f.; wäg: lac 1,4. tarel: wrel 1, 17. wisch: frischR. Priebsch, Dt. Hss. in England II, 215-23; 1, 29 bluomental: nahtigal 1, 43. winter arc: desLloyd, S. 9-19. meien sarc 11,5. betüftet: güftet 11,8. blüete:
2 Person: Zimmermann, Diss. S. 27-47; früete II, 20. gezweiet: heiet II, 45.