632 Lehrhafte Dichtung des 14. und 15. Jahrhunderts
Der Versbau ist regelmäßig, die Reime sind mundartlich. 1Das 18. Jahrhundert, die Zeit der Aufklärung und des Rationalismus, hatteeine Vorliebe für die Fabel, und so gelangte auch Boner zu erneutem Ansehen.J. G. Scherz gab 1704-10 in Straßburg 51 Bonersche Fabeln heraus, Brei-tinger veröffentlichte, Zürich 1757, „Fabeln aus den Zeiten der Minnesinger",besonders aber machte sich Lessing um den alten Fabeldichter verdient. (Überdie sogenannten „Fabeln aus den Zeiten der Minnesinger", zwei Aufsätze in„Zur Geschichte und Litteratur" I, 1-42. V, 1-52, 1773. 1781); J. J. Ober-lin in Straßburg schrieb 1782 ein Supplementum ad Joh. Georgii ScherziiPhilosophiae Moralis German. medii aevi Specimina undecim „Bonerii Gemmasive Boners Edelstein" (aus der Straßburger Hs.).
Der mitteldeutsche Aesop
Eine nur in einer Hs. (Leipzig) enthaltene Md. Fabelsammlung, 2 um1450 in Ostmitteldeutschland entstanden, nennt in der Überschrift desPrologs Aesopus und Avianus: Prologus in Esopum theutunicalem et Avia-num; man kann sie also „Mitteldeutscher Aesop" nennen. Sie bringt90 Fabeln von zusammen 3970 V. Der Verfasser ist ohne poetisches Talent,die Darstellung der Erzählung breit, stillos, derb; den Schluß bildet jeweilsein kurzes (deutsches) „moraliter" (einmal „allegorice", Nr. 55). Der Verfasserhat wahrscheinlich Boner gekannt. 3
Die Schachbücher
Einheitlich und von einem Problem bestimmt sind die anderen größerenmoralisierenden Dichtungen dieses Zeitraums. So beruhen die deutschenSchachbücher des Mittelalters auf einer Allegorie des Schachspiels. Zu-grunde liegt ihnen ein und dasselbe lateinische Werk: Jacobus de Cessolis,ein Dominikanermönch aus der Lombardei (bei Alessandria), verfaßte gegenEnde des 13. Jahrhunderts auf Grund einer Anzahl von ihm gehaltener(nicht überlieferter) Predigten ein Schachbuch in lateinischer Prosa. 4 Es ist
Über Boners Sprache, Züricher Diss. 1881, erhalten, s. Goedeke, Grundr. I 2 , 374; Ab-
dazu Schönbach, Anz. 8,182 f., Vetter, Lbl. druck des lat. Textes: Köpke, Progr. Branden-
1881, 392, Wackernell, ZföG. 33 (1882), bürg (Ritterakademie), 1877; Vetter, Am-
924-29; F. Balsiger, Zs. f. hd. Mundarten 5, menhausen, Ausg. unter d. Text, s. auch
37-99 (Berner Diss. 1903); Singer, LitGesch. S. XLI. XLV. — Von Jacobus de Cessolis ist
d. dt. Schweiz im MA. (1916), 49 f.; Ders., weiter nichts bekannt, als was er in seinem
Schweizerdeutsch (1928), 97-9; Ders., D. Buche selbst über sich aussagt bzw. was
malterl. Lit. d. dt. Schweiz (1930) 91. — sich aus diesem schließen läßt. Siehe bes.
Zwierzina, ZfdA. 44, 115 Anm. u. S. 303, Zimmermann, Diss. (s. unten) S. 5 ff. Anm.
Bd. 45, 47. — Lit. über die Geschichte des Schachspiels
1 Schönbach, ZfdPh. 6, 251 ff.; GottsChick, (mit Hinsicht auf die malterl. Schachbücher):Hall. Diss. S. 6-24. Massmann, Gesch. d. dt. Schachspiels, 1839;
2 Ausg. u. Abhandl.: s. die oben zitierten Wackernagel, Kl. Sehr. 1, 107-127; A. vandrei Programme von Eichhorn. der Linde, Gesch. u. Lit. d. Schachspiels
3 Über den niederdeutschen, Magdeburger 1874, 2 Bde; Ders., Quellenstudien zur Gesch.Aesop., s. unten. d. Schachspiels, 1881; Oesterley, Gesta Ro-
4 De moribus hominum et de offieiis nobilium manorum, 1872, 549-53 u. 738 f.; Vetter,super ludo scaecorum, im 14. Jh. in viele abend- Ammenhausen S. XXIII-L. 803-22; J. M.ländische Sprachen übersetzt, auch ins Deut- Wagners Arch. f. d. Gesch. deutscher Sprachesehe (Prosa) und in vielen deutschen Hss. u. Dichtg. 1,1874, 553 f.; Strauch, Jansen