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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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Boners Edelstein 631

keit, Gewalttätigkeit, Torheit, Übermaß. 1 Die Moralisation ist allgemeingehalten, ohne Zeitanspielungen, nur selten gegen Standeslaster gerichtet;darum äußert sie sich auch nicht heftig satirisch, sondern ziemlich maßvoll.

Im Prolog (V.45) gibt Boner selbst an, er habe sein Buch aus dem Lateinischenins Deutsche gebracht, speziell nennt er Ysopus Nr. 62, 2. 83, Aviän Nr. 63,2.Die meisten Fabeln, dreiundfünfzig, sind dem sog. Anonymus Neveleti (eineaus dem Romulus [s. LG. I, 365 2. Aufl.376] versifizierte Sammlung eines un-genannten Lateiners, die Isaak Nevelet 1610 herausgegeben hat, wie schonLessing erkannte) entnommen, 22 Nummern demAvianus; außerdem wurdefür einzelne Fabeln eine Reihe anderer Sammlungen benutzt, so die Scalacaeli des Johannes Junior (erste Hälfte des 14. Jahrhunderts), die Gesta Ro-manorum, die Disciplina clericalis des Petrus Alfonsi (Anf. 12. Jahrhundert),Odo de Ciringtonia (um 1200), für ganz wenige Stücke wurde auch ausanderen weniger bekannten Sammlungen geschöpft; endlich ist als Quelle fürvielleicht etwa ein Dutzend Nummern Etienne de Besancon, Alphabetum nar-rationum, aufgefunden worden (Waas aaO.; Schröder aaO.). 2 Auch aus seinerKenntnis des Sprichwortschatzes schöpft der Autor: etwa 60 Stellen zieht eraus Freidank; volkstümliche Gnomen, Exempelbücher (Predigtmärlein) ge-hören in den Umkreis der Kluogheit (Prol. V. 66, Epil. V. 14) seiner bischaft-sammlung. Sehr häufig begegnen Boners Fabelstoffe auch sonst in derLiteratur (Parallelen). 3

Boner war bloß Sammler, er hat das von ihm Übernommeneübertragen",als ich ez vant geschrieben" (Prol. V. 47), wie er sagt. Sogar im Prolog ist erfremdem Einfluß unterlegen: er hat einen Spruch Friedrichs von Sonnenburg(s. oben), zum Teil mit wörtlichen Entlehnungen, nachgeahmt. 4 Doch hat erdie Masse der übertragenen Stücke in eine gewisse Ordnung zu bringen ge-sucht, indem er sie ihrer Tendenz nach nebeneinander stellte.

Auch die mundartliche Färbung der Sprache 5 gibt dem Buche einen volks-tümlichen Anstrich; Boner schreibt die durch die Berner Kanzleisprache be-einflußte Sprache der Gebildeten.

1 Die köstlichste Fabel ist die vom Fieber Lessing die Grundlage gegeben (Lachmanns(ritte) und vom Floh, Nr. 48. Die beiden er- Ausg. 10, 349 ff.); für jede einzelne Nummerzählen sich ihre Erlebnisse. In der ersten Nacht gibt Pfeiffer in den Lesarten seiner Ausgabeplagte der Floh eine reiche Äbtissin, das Fieber (1844) S. 189 ff. die Vorlage an; Schönbach,eine arme Wäscherin, aber beide kamen nicht ZfdPh. 6, 274 ff., daran anschließend Gorr-auf ihre Rechnung, d. h. zu einer guten Mahl- schick, ebda 7, .237^3; Ders., ebda 11,zeit, der Floh, weil er immer wieder von der 324-36; Ders., Progr. Charlottenb. 1886; Ders.,Dienerin vertrieben wurde, das Fieber, weil ZfdA. 52,231^14; Ders., ebda 53, 274-87;die arme Frau kräftig und arbeitete. In Christian Waas, Die Quellen der Beispieleder zweiten Nacht tauschten sie ihre Opfer, Boners, Gieß. Diss. 1899, dazu Schönbach,das Fieber besucht die Äbtissin, die sich und Anz. 26, 171 f., Khull, ZföG. 50, 907; Schrö-das Fieber fein pflegen läßt, der Floh die der, ZfdA. 44,420-30; Waas, ebda 46,341-59.Waschfrau, die so müde ist, daß sie den Floh 3 Haupt, Ad. Bl. 1, 119; Zacher, ZfdPh. 11,gar nicht bemerkt, so daß dieser die ganze 336^3.

Nacht ruhig speisen kann. So sind Fieber und 4 Behaghel, Beitr. 45, 137.

Floh durch diese Nacht ganz zufrieden ge- 6 Gereke, Die dialektischen Eigenheiten von

stellt. Ulr. Boner, Progr. Northausen 1874, dazu

2 Für die Quellenuntersuchung hat schon Schönbach, ZfdPh. 6, 251 ff.; Rud. Schoch,