630 Lehrhafte Dichtung des 14. und 15. Jahrhunderts
Ulrich Boner (Bonerius) war Dominikaner in Bern(urkundl. 1324-49)und gehörte einem angesehenen Berner Geschlechte an. 1 Sein Buch ist um1350 abgeschlossen worden. 2
Der „Edelstein" ist eine Sammlung von hundert Fabeln (der Umfang dereinzelnen Stücke wechselt, von etwa 40 V. bis etwa 110 V., selten weniger,öfters mehr), mit Vor- und Nachwort. In diesen beiden legt der Verf. persönlicheBemerkungen nieder. Der Prolog beginnt mit einem Gebet zu Gott (V. 1-29),dann spricht der Autor von dem Wert der guten bischaft (belehrendes Beispiel,Fabel; bischaft sagt Boner statt des gleichbedeutenden bispel [Vorwort V. 31]oft [Nr. 26, 3. 33, 43, Schlußwort V. 1 u. ö.]). Darauf nennt er seinen Namen,Bonirius (-.alsus); die Beispiele (bischaft) hat er „schlicht und einfach" ausdem Lateinischen verdeutscht, ze liebe dem erwirdegen man von Ringgenberghern Johan? Er nennt sein büechlin den „edelstein", indem er bei diesem bild-lichen Namen die Kraft der edeln Steine im Sinne hat (vgl. oben VolmarsSteinbuch). 4 Im Epilog wiederholt er, daß seine Worte einfach und ungeziertsind. Den Schluß bildet ein Segenswunsch für seinen Gönner von Ringgen-berg: dieser möge vor allem Unglück bewahrt bleiben, seine Seele möge nieWeh (Schaden) leiden und er möge Gott immer bekannt sein 5 (Gott mögeimmer sein Antlitz auf ihm ruhen lassen); dann fleht er Gott für sein eigenesHeil an mit Nennung seines Namens wie im Prolog: „Bonerius ( : alsus)."
Seine Darstellungsweise bezeichnet Boner selbst ganz richtig: sie istmit siechten worten, einvalt (Prol V. 45), ungezieret, nicht bekleit (bekleidet)mit kluogen (zierlichen, geschmückten) worten (Epil V. 10 ff.), aber eben da-durch trocken, oft auch zu breit. Auf die leicht verständlich erzählte Fabel(bischaft) folgt die daraus gezogene Lehre. Diese betrifft meist weltliches Ver-halten, doch ist das ganze Buch durchzogen von religiöser Gesinnung, die in-des nicht dogmatisch hervortritt. Meist richtet sich die Moral gegen Untugen-den, besonders gegen Müßiggang, Lüge und Betrug (untriuwe, hinterrede),auch gegen die Laster Hoffart, Habsucht, Neid, Haß, gegen Undankbar-
274-87; Mitzka, Stammlers Verfasserlex. 1, Edelstein, Beitr. 35, 574-77.
257-59.—Einzelne Fabeln :J. Grimm, Kl.Schr. »Über diesen: Bartsch, Schweizer Minne-
5, 400-3; Haupt, Ad.Bl. 1, 119; A.WüN- sänger S. CC-CCVI. 371-80 (s. oben); v. Stür-
sche, D. Pflanzenfabel in d. malterl. dt. Litt., ler aaO.; Leitzmann, aaO.
Zfvgl.Lit.Gesch. 11 (1897), 373 ff. — Hss.: 4 Honorius Augustodunensis hat seinem
gegen 2 Dutzend; wurde als eines der ersten libellus De divinis officiis (Liturgie) den Na-
Bücher gedruckt 1461; Pfeiffer, Ausg. men Gemmaanimae gegeben, „Quia videlicet
S. 186 ff.; Goedeke, Dt. Dichtung im MA. veluti aurum gemma ornatur, sie anima divino
S. 653 f., Zacher, ZfdPh. 11, 336^3; Schön- officio decoratur"(Migne 172, 543.544); Boner
bach, ebda 6, 255 ff.; Schoch, Über Boners erklärt die Bezeichnung edelstein durch das
Sprache, Züricher Diss. 1881 S. 1; Baechtold, Bild: Diz büechlin mag der edelstein wol heizen,
Anm. S. 45; Vetter, Germ. 27, 219 f.; weil er viele Klugheit enthält und gebirt ouch
Strauch, ZfdA. 31, 291 f.; s. auch Petersen, sinne guot, alsam der dorn die rose tuot (Prol.
Gesch. d. Hamburger Stadtbibl. S. 248; V.64ff.).
Jäck, Vollst. Beschreibg. d. öffentl. Bibl. zu 8 2. Tim. 2,19: Cognovit Dominus, qui sunt
Bamberg Teil II S. XXIV f. ejus, der Herr kennet die Seinen. — Boner
1 Moriz v. Stürler, D. Bernersche Ge- bittet für Ringgenbergs irdisches Wohlergehenschlecht der Boner, Germ. 1, 117-20; v. Mü- und für sein Seelenheil, auch für sich selbstlinen, GgA. 1820 (s. v. Stürler). bittet er Gott um Behütung seiner Seele hienie-
2 Leitzmann, Zur Abfassungszeit von Boners den. Andere Auffassung Leitzmann aaO.