Heinrich Seuse (Suso) 621
fachste), ist eine lebendige, wesenhafte, subsistierende Vernünftigkeit, die sichselber versteht, und ist und lebt selber in sich selber und ist dasselbe. In diesemEinen sind alle Dinge. Diese Einheit ist Natur und Wesen der Gottheit, indiesem grundlosen Abgrund fließt die Dreiheit der Personen in ihre Einigkeit.Die Mannigfaltigkeit, Vielheit, ist durchaus im Ursprung eine einfältige (ein-fache) Einigkeit (Einheit).
Die elf Briefe des Briefbüchleins enthalten, wie die Mystikerbriefeüberhaupt, wenig persönliche Mitteilungen, vielmehr sind es geistliche An-sprachen, oft predigtartig mit Zugrundelegung eines Bibeltextes; in Briefform(mitder Anrede „mein Kind") geben sie Lehren und Erbauungen in mystischemGeiste zur „Erholung des Gemütes", getragen von zartem, gleichgestimmtenVerständnis für das Seelenleben der Empfängerinnen. Beispiele: Der ersteBrief, „Von eines anfangenden Menschen freier Abkehr von der Welt zu Gott",spricht zu einer Nonne, die eben eingesegnet worden ist. Der zweite Brief hatals Bibelspruch Habitabat lupus cum agno, (Jes. 11,6) somit das Thema„Liebe macht ungleiche Dinge gleich" und ist an eine adelige Nonne gerichtet:„darum, mein Kind, gib den verborgenen Hochmut deines leiblichen Adelsauf". Dem dritten Brief, „Elsbeth der Staglin zu Töß", ist der BibelspruchNigra sum, sed formosa aus dem Höh. Lied 1,4, zugrunde gelegt mit demThema „der gottleidende Mensch, den Gott mit beharrlichen Leiden heim-sucht und ihn mit geduldiger Gelassenheit begabt". Der vierte Brief ist aneinegeistliche „Tochter" gerichtet, „die war eines weichen, unsteten Gemütes",und mahnt: „mein Kind, sei fest, steh fest, gebärde dich kühn!" Das durch-gehende Motiv ist die Liebe Gottes, oft auch kommen Gedanken an die ewigeWeisheit zur Sprache. Wie in den Predigten werden manchmal auch Beispieleoder kleine Erzählungen eingeflochten.
Gegenüber den drei andern Teilen des „Exemplars" herrscht in diesem erstenTeil, dem Leben, ein mehr realistischer Gehalt. Überschrieben ist er: „I.Teil.Hier fängt der erste Teil dieses Buches an, das da heißt ,Der Seuse'." Es istdas Bild eines Mystikerlebens mit seinen Anschauungen über Gott, Welt undLeben. Die Erzählung der einzelnen Tatsachen bildet nur den Rahmen dereinzelnen Kapitel, der wesentliche Inhalt ist bestimmt durch den mystischenIdeenkomplex. So ist das umfangreiche Werk zugleich ein Lehrbuch der My-stik. Am übersichtlichsten wird die Aufzählung der Überschriften von einigender 53 Kapitel den Inhalt in Kürze angeben. Seuse nennt sich „Diener",„Diener der ewigen Weisheit", und erzählt in dritter Person in historischerFolge seinen Lebensgang. I. Kap. Von den ersten Kämpfen eines anfangendenMenschen. II. Von der übernatürlichen Entrückung, die ihm zuteil ward („Inseinem Anfang geschah es einmal" usw.). III. Wie er in die geistliche Gemahl-schaft mit der Ewigen Weisheit kam. („Der Lauf, auf den sein Leben danachlange Zeit hindurch mit innerlichen Übungen gerichtet war, bestand in einerstetigen emsigen Beflissenheit, mit der Ewigen Weisheit liebreich vereinigtzu sein ..." „Er hatte von Jugend auf ein liebreiches Herz.") IV. Wie er den