620 Mystik des 14. und 15. Jahrhunderts
zwischen der „Ewigen Weisheit" und ihrem „Diener", dem gottsuchendenMenschen. Seuse hat das deutsche Werk später, um 1333/34, erweitert undüberarbeitet ins Lateinische übersetzt mit dem Titel „Horologium Sapientiae".
3. Das Büchlein der Wahrheit ist Seuses Erstlingswerk, um 1326/27geschrieben; es ist ebenfalls ein Zwiegespräch zwischen der „Wahrheit" (Gott,Christus) und dem „Jünger" ; dieser fragt, jener antwortet. Es ist das einzigeWerk spekulativer Mystik von Seuse.
4. Das Briefbüchlein, 11 Briefe an Nonnen (3 an Elsb. Stagel), ist einAuszug aus 27 von Elsbeth Stagel gesammelten Briefen Seuses, die er dannüberarbeitet hat. Zur reichsten Entfaltung kommt das lyrische Gemüt Seuses indem „Büchlein von der ewigen Weisheit". „Meineunergründliche Liebezeigt sich in der großen Bitterkeit meines Leidens wie die Sonne in ihremGlast, wie die schöne Rose in ihrem Duft und wie das starke Feuer in seinerinbrünstigen Hitze" ; Weish. „Mir geschieht wieeinemRehlein,dasseineMutterverloren hat"; Diener. — Die Weisheit schildert sich: „Ich bin der WonneThron, ich bin des Glückes Krön, meine Augen sind so klar, mein Mund sofein und zart, meine Wängel so licht und so rosenrot, all meine Gestalt sowonnig schön und ganz durch wohlgestaltet"; „ein einziges Wörtlein, das solebendig aus meinem süßen Munde klingt, übertrifft aller Engel Sang, allerHarfen Klang, alles süße Saitenspiel." — „Solange Lieb bei Lieb ist, weißLieb nicht, wie Lieb ist; wenn aber Lieb von Lieb scheidet, so empfindet Lieberst, wie Lieb war"; Weish. (= Jesus). — „Heute der Liebe viel, morgenLeides ein Herze voll, siehe das ist der Zeitlichkeit Spiel" ; Weish. — „Siehe,die wonnigliche Stadt (das Himmelreich) glänzet weithin von durchschlagenemGolde, sie leuchtet weithin von edlen Margariten, widerscheinend von rotenRosen, weißen Lilien und allerlei lebenden Blumen. Nun blicke selber auf dieschöne himmlische Heide, ach! hier ganze Sommerwonne, hier des lichten MaienAue, hier das rechte Freudental, hier sieht man fröhliche Blicke von Lieb zuLieb gehen"; Weish. — „Du bist doch den Augen der Allerschönste, demMunde der Allersüßeste, der Berührung der Allerzarteste, dem Herzen derAllerliebwerteste, Herr, meine Seele sieht und hört und empfindet nichts inalledem was ist, sie findet ein jegliches tausendmal lieblicher in dir, meinemAuserwählten" ; Diener. — „Die Seele, die mich in der heimlichen Klause einesabgeschiedenen Lebens innerlich empfinden und süß genießen will, die muß ...mit roten Rosen inbrünstiger Liebe besteckt, mit schönen Violen demütigerSelbstverachtung und weißen Lilien rechter Reinheit bestreut sein"; Weish. —Das sind minnesingerische Töne', durchsüßt von Minne und Blumen.
Das Büchlein der Wahrheit ist der äußeren Form nach gleich demBüchlein der ewigen Weisheit ein Dialog, in der inneren Form aber ganzverschieden von der „Ewigen Weisheit" : dort lyrische Stimmung, hier speku-latives Nachdenken. Die Wahrheit lehrt den Jünger die „innere Gelassenheit",das ist: das sein Selbst lassen, das Aufgeben seiner selbst. Aller Dinge ersterBeginn, durchaus das „Erste", vor dem nichts ist, das „Einfältigste" (ein-