Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
Entstehung
Seite
619
Einzelbild herunterladen
 

Heinrich Seuse (Suso) 619

Statist.Untersuchg. der Ekstasen, Visionen U.Offenbarungen Susos u.der heil.Therese,Tübing.Diss. 1914; A. Gebhard, Die Briefe u. Predigten des Mystikers Heinr. Seuse gen. Suso nachihren weltlichen Motiven u. dichterischen Formeln betrachtet, 1920, dazu Fr. Neumann, Anz42, 21-26, Strauch, DLz. 1921, 256 f., Lange, Cbl. 72,849; Rehm, Todesgedanke Reg. S. 479 :Joh. Herm. Bavinck, D. Einfluß des Gefühls auf das Assoziationsleben bei Heinr. von SusoErlang. Diss. 1920; Ludw. Diehl, Suso, der Roman eines deutschen Seelenmenschen, 1922Reinhard Senn, Die Echtheit der Vita Heinr. Seuses, 1930, dazu Strauch, Anz. 51, 36-39W. Thimme, Über Verfasserschaft u. Zuverlässigkeit der Vita H. Seuses, Theolog. Studien uKritiken 103, 1931, H.4; Günther Müller, Aufriß d. dt. LitGesch. 2 , 1931, 52 f.; WiltrudWichcraf, Susos Horologium Sapientiae in England, Anglia 54, 351 f.

Ist Eckharts Veranlagung mehr auf die Erkenntnis der mystischen Ideegerichtet, Tauler mehr auf ihre Verkündigung durch das Wort, so hatHeinrich Seuse (Suso) die wärmsten Töne für die mystische Stimmung.Das Leben kostete diesen feinfühligen Menschen viele Kämpfe, wenn es auchäußerlich ziemlich normal verlief. Er war Zeitgenosse Taulers, wie dieser gei-stiger Schüler Eckharts. Geboren in Konstanz um 1295 aus Patriziergeschlecht(Seuse nannte er sich nach seiner Mutter Sus oder Süs, latinisiert Suso, was eretymologisch mit susen = sausen zusammenbrachte), trat er daselbst in denDominikanerorden und machte die theologischen Studien durch, wobei erauch, um 1324, die Ordenshochschule in Köln besuchte und dort, wie auchwahrscheinlich Tauler, zu Eckharts Füßen saß. Nach dem Studium hielt ersich meist in seinem Ordenskloster in Konstanz auf, in strenger Askese seinegeistlichen Pflichten als Lektor und Prediger mit großer Hingabe erfüllend;zeitweise machte er auch zum Teil weite Reisen als Prediger. UngerechteVerleumdungen, von denen er zwar gereinigt wurde (um 1354?), veranlaßtenihn jedoch, später nach Ulm überzusiedeln, wo er 1366 starb.

Seine Werke sind chronologisch nicht genau festzulegen. Das Gesamtwerkist das sog.Exemplar Seuses", das in vier Bücher zerfällt: Seuses Leben, dasBüchlein der ewigen Weisheit, das Büchlein der Wahrheit und das Brief-büchlein, das er gegen den Schluß seines Lebens selbst zusammenstellte.Außer diesengesammelten Werken" existiert noch das sog.große Brief-buch", das eine Erweiterung desBriefbüchleins" ist; außerdem sind einigedeutsche (vier?) Predigten Seuses erhalten; vielleicht gehört ihm auch dasMinnebüchlein" (über die Schmerzen Marias) an.

1. Die Aufzeichnungen über Seuses Leben hat die Nonne Elsbeth Stagel(s. unten) veranlaßt und begonnen, Seuse selbst hat sie zu Ende geführt,geschrieben wurde viele Jahre daran, bis etwa 1362. Das Werk zerfälltin zwei Teile; der erste ist biographisch und handelt von Seuse selbst, derzweite ist lehrhaft, eine Anweisung für seinegeistliche Tochter" (Elsbeth);das Ganze ist die erste Autobiographie in der deutschen Sprache (Grabmann,Kulturwerte der dt. Mystik S.49).

2. Das Büchlein der ewigen Weisheit (d.i. Gott, Christus), ein inzahlreichen (etwa 180) Handschriften verbreitetes Andachtsbuch,die schönsteFrucht der deutschen Mystik" (Denifle), etwa 1328 verfaßt, ist ein Dialog