618 Mystik des 14. und 15. Jahrhunderts
schaft mit Gott, in der Gottesliebe; die Haupttugend ist die Demut, aber allesTun des Menschen auf diesem Vervollkommnungswege ist bedingt durch dieGnade Gottes. Verbunden ist diese Gotteserkenntnis mit einem tiefen Ein-dringen in die menschliche Seele, denn in ihr geschehen diese Bewegungender Frömmigkeit. So gibt Tauler zugleich eine theologisch gerichtete Psycho-logie. Mystische Metaphysik, Theologie als christliche Glaubenslehre, Ethikund Psychologie bilden den Strukturzusammenhang von Taulers Welt- undLebensanschauung. Doch darf man den mystischen Einschlag in seinen Pre-digten nicht unterschätzen. Er will die Mystik dem Volke verständlicher ma-chen und durch seine Lehre das Gottesbewußtsein in die innersten Gründevertiefen: „Richte dein Gemüt ganz auf Gott, über alle Kreatur, darin versenkedeinen Geist in Gottes Geist in wahrer Gelassenheit, in einer wahren Vereini-gung mit Gott. Senke dich in die tiefe, grundlose Barmherzigkeit Gottes miteinem demütig gelassenen Willen." Immer klingt die einfache Gottesverehrungzusammen mit mystischen Gedanken.
Heinrich Seuse (Suso)
Lit.: Strauch, ADB.37, 169ff.; Überweg-Geyer, Lit. zu Seuses Sprache s. oben; ältereLit. über Seuse, Kobersteins Grundr. I 6 , 447 f. Anm. 35 ff. — Ausgaben u. Bruchstücke:K. Bihlmeyer, H. Susos deutsche Schriften, im Auftrag der Württemberg. Kommission fürLandesgesch. hgb., 1907, dazu Strauch, DLz. 1907,2077-80, Rieder, GgA. 17,116, 0. Simon,Anz. 33,239 f., s. auch Schröder, ZfdA. 63, 270; Melch. Diepenbrock, Heinr. Susos genanntAmandus Leben u. Schriften hgb. mit einer Einleitung von Jos. Görres, 4. Aufl. 1885 (neu-hochdeutsch); H. Seuse Denifle, Die deutschen Schriften des seligen Heinr. Seuse aus d. Pre-digerorden, nach d. ältesten Hss. in jetziger Schriftsprache hgb. I. Bd. 1880, s. dazu JB. 1881S. 159, Strauch, DLz. 1881, 83-85; W. v. Scholz, Heinr. Suso, e. Auswahl aus seinen deutschenSchriften mit d. Einleitg. von J. Görres zur Susoausgabe von 1829 (in nhd. Schriftsprache),1906, dazu G. Wüst, DLz. 1907, 922-24; Walter Lehmann, Heinr. Seuses deutsche Schriften,2 Bde, 1911 (nhd. nach dem Text von Bihlmeyer); W. Oehl, Deutsche Mystiker Bd. I: Seuse,ausgewählt u. hgb. 1910 (nhd.); Ant. Gabele, Deutsche Schriften von Heinr. Seuse, ausgewähltu. übertragen, 1922; E. L. Schellenberg, Heinr. Seuse, Gottesminne, ausgewählt (nhd.),1924; Nicolaus Heller, Des Mystikers Heinr. Seuses O. Pr. deutsche Schriften, eingeleitet,übertragen u. erl., 1926. — Einzelne Hss. u. Bruchstücke: F.W. E.Roth, Germ. 37, 283 f.(Hss. des Büchleins v. d. ew. Weish.), s. Strauch, Alem. 21,16 ff.; Preger, Eine noch unbekannteSchrift Susos, Abhandl. d. Münch. Ak. 21, 1898, 428-71, „Das minnebuechelin der sele", s. Pre-ger, Münch. SB. 1895 H. 4; Th. Vulpinus, E. zweiteColmarer Susohandschrift, Jahrb. f. Gesch.,Sprache u. Lit. Elsaß-Lothr. 19, 1904; Eckharthss.: Priebsch, ZfdPh. 36,58 ff.; Ernst Ochs,Seuse-Bruchstück, Beitr. 50,145 f. — Abhandl.: Preger, Gesch. d. deutschen Mystik II, 1881,307-415; Volkmann, Der Mystiker Heinr. Suso, Progr. Duisburg 1869; Wackernagel, Ad.Predigten S.431 f. 552-61 (eine Pred. abgedr.); H. S. Denifle, Zu Seuses ursprüngl. Briefbuch,ZfdA. 19, 346-71; Ders., Ein letztes Wort über Seuses Briefbücher, ZfdA. 21,89-142; W.Preger, Die Briefbücher Susos, ZfdA. 20,373-415; C. Schmidt, Heinr. Suso, Realenzyklop. f.Protest. Theol. 15,1885, 76-78; Th. Jäger, Heinr. Seuse aus Schwaben (genannt Suso), einDiener der ewigen Weisheit im 13. (!) Jh., 1894; K. Bihlmeyer, Zur Chronologie einiger SchriftenSeuses, Hist. Jahrb. 25,1904, Nr. 1. 2; A. Pummerer, Seuses Büchlein der Wahrheit nach forma-len Gesichtspunkten betrachtet, Progr. Mariaschein 1908 u. SA.; H. Lichtenberger, Lemysticisme allemand: Suso; Revue des cours et Conferences Bd. 18 u. 19, 1908 f.; ChristophZimmermann, Die Beteiligung der Sinnesgebiete an der religiösen Ekstase, eine psycholog.-