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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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612 Mystik des 14. und 15. Jahrhunderts

Die Geschichte der Mystik beginnt mit Piatos Ideenlehre, mit der Sehn-sucht, dem epox:, der Seele nach dem verlorenen Reich der Ideen; dieseplatonische Liebe" ist noch keineMystik", aber eine Stimmung dazu.Wirkliche Mystik hat zuerst der Neuplatonismus des vom Schauender Gottheit erfüllten Plotinos (203-69 n. Chr.) verkündet. Er will emporzur Gemeinschaft mit Gott, zum Einssein mit der Einheit; das ist dasHeraustreten aus sich selbst und dessen höchste Äußerung, die Ekstase.Der erste christliche Mystiker ist der unter Nachwirkung des plotinischenNeuplatonismus stehende sog. Dionysius Areopagita (nach Apostelgesch.17, 24 so genannt), unter dessen Namen eine Reihe maßgebender, gegen dasJahr 500 verfaßter Schriften ging, die auf die mittelalterliche Mystik einengroßen Einfluß ausübten. Sie wurden von Johannes Scotus Eriugena,dem ersten wissenschaftlichen Denker des Mittelalters (etwa 810-80; Irländer,lebte am Hofe Karls des Kahlen), ins Lateinische übersetzt. Eriugena selbsthat ein pantheistisch gefärbtes System vom Wesen Gottes und der Naturund beider Vereinigung aufgestellt.

Gegen die Dialektik der Scholastiker, die spekulativ philosophierende Me-thode, erhob sich im 12. Jahrhundert die Mystik, die im Unterschied von derScholastik die Religion nicht rationalistisch erfaßte, sondern irrational, nichtim wesentlichen mit dem Verstand, sondern mit dem Gefühl. Die Erweckerdieser Verinnerlichung waren Bernhard von Clairvaux und Hugo vonSt. Victor (s. oben Mystik des 12./13. Jhs.), ohne jedoch im Gegensatz zurScholastik zu stehen; überhaupt war die Mystik nicht auf Verdrängungder Scholastik gerichtet, sondern sie ging über diese hinaus, vom Kopf insHerz. Für Vertiefung der Frömmigkeit wirkten im 13. Jahrhundert beson-ders der heilige Franciscus von Assisi, Stifter des Franziskanerordens(Ordensregel 1223), mit dem Ziel derNachfolge Christi" und der von denSchriften des Areopagiten beeinflußte Bonaventura (1221-74).

Dieses innerliche Erlebnis, dieses Einswerden der Seele mit Gott ist dieunio mystica. Sie erfaßt die Seele in ihrer Gesamtheit, im Denken, Fühlenund Wollen, doch ist das Gefühl die am stärksten beteiligte Seelenfunktion,die Mystik ist eine Kultur des Gefühls".

Im 14. Jahrhundert war die Hochblüte der deutschen Mystik, insofern alsdie Eigenart dieser geistigen Verfassung in drei hervorragenden Männern zumAusdruck kam und bei jedem in einer besonderen Seelengestalt sich offen-barte; die Eigentümlichkeiten dieser drei beruhen auf psychologischer Grund-lage und verteilen sich auf die seelischen Funktionen des Erkennens, desFühlens und des Wollens: Meister Eckhart ist der Schöpfer der spekula-tiven Mystik in Deutschland, Heinrich Seuse der gefühlsinnige Schwärmer,Tauler der willenskräftige Prediger.

Meister Eckhart

Zur Eckhart-Lit. s. Friedr. Überwegs Grundriß der Gesch. der Philos. 2. Teil 11. Aufl.,hgb. von Geyer, 1928, 779 ff. Priebsch, Deutsche Hss. in England I, Reg. S. 348; L. M.