594 Geistliche Literatur
Beobachtungsgabe für das Leben. So hatte er einen volkstümlichen Zug undredete auch die Sprache des Volkes, wobei er deren Derbheit nicht scheute.Damit sind seine Predigten eine reiche Quelle für die Volkskunde, Sitten undBildung der damaligen Gesellschaft.
In den sieben Predigten über den Hasen im Pfeffer (Prov. 30, 26) vergleichter einen frommen Christen mit einem Hasen, dessen 14 Eigenschaften dieDisposition bilden, u. a.: das Häslein bewegt allezeit die Lippen und muffelt,so sollen wir allezeit Gott fürchten; es hat lange Ohren, so soll auch der Christlange Ohren haben, um das Wort Gottes zu hören; er wird im Feuer gebraten,so wie wir in Leiden und Widerwärtigkeiten usw. (Cruel S. 545 f.). In der„Postille' heißt es u. a. (Wackernagel, Leseb. 5 S. 1482): Die weltlichen Men-schen sprechen: „es ist mir ein guter Kuhstall hier". „Ich will dir's wahrlichglauben, denn du liegst im Dreck bis über die Ohren." Wenn man einen Froschauf ein Kissen setzt, so springt er gleich wieder herab in den Dreck, also auchbist du im Dreck gelegen und Gott hat dich gesetzet uff ein sametens Kissenusw. Man kann sich denken, daß solche anschaulichen Bilder eine wohlwollendeAufnahme bei dem damaligen Publikum fanden. Für die Literaturgeschichtespeziell beachtenswert sind seine Fastenpredigten über Sebastian BrantsNarrenschiff 1498 und 1499, das die Quelle für die Aufzählung und Ver-dammung der betreffenden Torheiten bildet.
Die nd. Predigt, Johannes Veghe u. a., s. unten „Nd. Lit.".
4. DIE GEISTLICHE LIEDERDICHTUNG
Bei der allgemeinen Wendung von der Herrschaft der ritterlichen Lebens-führung des 13. Jahrhunderts zur bürgerlichen des 14. u. 15. Jahrhundertsverschob sich der Wertmaßstab auf die Stadtkultur; damit wuchs die geist-liche Literatur und mit ihr auch die geistliche Lieddichtung in deutscherSprache in der Teilnahme der Bevölkerung bedeutend. Besonderen Anstoßverliehen große seelische Erregungen: in dem Kreise der Mystiker wurdedas religiöse Gefühl mit tiefer Inbrunst gepflegt, die furchtbare Not derPest in der Mitte des 14. Jahrhunderts (1349-50) zermarterte das von Angstgequälte Herz, und die Geißler 1 (Geißelbrüder) durchzogen Bußliedersingend das Land. 2
Das 15. Jahrhundert war noch bedeutend reicher an geistlichen Liedern;es erweiterte sich der Kreis der Feste, für deren Weihe solche verfaßt wurden:Weihnachtslieder, Osterlieder, solche für Himmelfahrt und Fronleichnam.
1 Ph. Wackernagel 2, 333-37 - Nr. 502 f.; Geißlerlieder, Studien z. geistl. Volksliede des
Hoffmann S. \30-A9. — Bartsch, Germ. 25, MA.s, 1931, dazu Ranke, DLz. 1932, 737-39,
40 ff.; P. Runge, Die Lieder u. Melodien der L. Wolff, Theol. Lit.zeitg. 57, 1932; Sin-
Geißler des J. 1349, 1900 (mit Lit.), dazu ger, Die relig. Lyrik d. MA.s, 1933, 94-96.
Nagel, Lbl. 1902,9-11,Ph. A.Becker, Zfrom. a Ergreifende Berichte in der Limburger
Phil. 25, 360-65; Bartsch, Quellenkunde Chronik u. in Fritsche Closeners Straßb. Chron.
S. 311-33. 334-54; Lit. a. auch Stammler, (Hoffmann S. 134 ff.).Mnd. Leseb. S. 135: Arthur Hübner, Die dt.