586 Geistliche Literatur
das Wasser. Der zweite Teil bildet gleichsam ein Intermezzo zwischen demersten und dritten: die Weissagung der Sibylle über die Ereignisse von ChristiGeburt bis zum Weltende, dabei wendet sich die Prophezeiung auf dieGegenwart, die Zeit von König Adolf bis auf Karl, den letzten Kaiser. Derdritte Teil führt die Geschichte des Kreuzes bis auf Christus, der Grund-stock ist hier das Erlösungswerk, den Abschluß macht nochmals das JüngsteGericht; vor dem Antichrist und dem Ende der Dinge wird Kaiser Friedrich(II) wiederkehren und das Heilige Grab erobern (Vogt aaO. S. 52-54; Diedeutsche Kaisersage S. 75-77). Aus den historischen Notizen ergibt sich alsAbfassungszeit des deutschen Gedichtes das Jahr 1320 für den ersten Ab-schluß; eine Weiterführung geht bis auf Karl IV. Es war weit verbreitet inHandschriften und Drucken. Die Weissagung der Sibylle beruht auf einerTradition, die bis ins Altertum zurückreicht und im Mittelalter verschiedent-liche Fassungen fand.
Leben Jesu
Von einemLeben Jesu,bayer. 14., 15. Jahrhundert (oder 12. Jahrhundert?)ist nur der Anfang erhalten, 540 V., mit unreinen Reimen. 1 Weiterhin seiennoch einige Szenen aus dem Leben Jesu (s. Wackernagel, Kirchenlied) ge-nannt :
Die Geburt Christi von dem Regensburger, 113 Reimpaare, md.14. Jahrhundert (Walther v. Wickede, Die geistlichen Gedichte des cgm. 714,Rostocker Diss. 1909 S. 77-119). —Christi Abendmahl und Abendrede,Prosaübersetzung aus einer lateinischen Evangelienharmonie, mittelfränkisch,
14. 15. Jahrhundert (Priebsch, ZfdPh. 36, 58-69). — Bruchstücke aus einemmhd. Passionsgedichte des 14. Jahrhunderts, bayer. (Konr. Schiffmann,1895); Von unsers Herren Leiden,Priebsch,Dt. Hss. in Engl. 2 S. 219-23.— Anseimus Buch, niederrhein., 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts, 1242 V.:Maria erscheint dem Anseimus, Bischof von Canterbury, und erzählt ihm aufseine Bitte die Leidensgeschichte Christi (Ausg. Schade, Geistl. Ged. aaO.S. 237-90; E.v. Ottenthai, ZfdA. 34, 39 f.). — Die heiligen Farben: JesuMarter und Tod. Der Schild der Trinität hat sieben Farben; in dieser Be-ziehung gehört das Gedicht zur Wappendichtung. 214 Reimpaare, md.,
15. Jahrhundert (v. Wickede S. 31-76). — Legende vom Kreuzesholz (s. untenNd. Lit.). — Siehe Legenden.
Minnerede. Biblische Bilder. Allegorie
Die Minnerede, niederrhein., 14. Jahrhundert, 923 V. in regellosem Bau,stellt Jesu Lebensgang in Hinsicht auf die christliche Liebe dar. Die Ausdrucks-weise und die Zutaten zum biblischen Text entsprechen in ihrer Gefühlsweichheitdem Thema der Minne. Das Gedicht ist nach einer unbekannten lateinischen
1 Hgb. Pfeiffer, ZfdA. 5,17-32; s. Kelle, Anegenge S. 87-89 (s. LG. II, 1, 58). — Piper,LG. 2, 153. 356; Bartsch, Erlösung S. VIII; Geistl. Dichtung 1,241.Roediger, ZfdA. 20, 322 Anm.; Schröder,