VII. GEISTLICHE LITERATUR
In den beiden Jahrhunderten des ausgehenden, poetisch versagenden Mittel-alters überwiegt in der mächtig angewachsenen geistlichen Literatur beiweitem die prosaische Form; wenn die dichterische gewählt ist, so ist sie oftrecht ungelenk und ungestaltet (mit Recht deshalb „Reimprosa" genannt).Auch fehlen große geistliche Epen. Bei diesem Sachverhalt ist eine Spaltungin Dichtung und Prosa methodisch nicht angezeigt. Es wird jedoch bei jedemDenkmal anzugeben sein, ob es in Prosa oder in Versen abgefaßt ist. Die um-fangreichen Übersetzungen der ganzen Bibel oder eines der beiden Testa-mente sind seltener als die einzelner biblischer Bücher, besonders der Psalmen.Unendlich reichhaltig ist die kleinere geistliche Literatur; sehr häufig sind inden Hss. Gebete, gereimte und noch mehr solche in Prosa, Predigten,Traktate, geistliche Lieder (Kirchenlied), Legenden in Poesie undProsa, Beichten, Breviere, Erklärungen des Vaterunsers und derzehn Gebote, Glaubensbekenntnisse, gereimte Tageszeiten. 1
i. BIBLISCHE KLEINLITERATUR
Das Neue Testament ist die Quelle zahlreicher Gedichte, die den Erlöserund die Gottesmutter verherrlichen. (Dichtungen aus dem Alten Testament[Lutrins Adam und Eva] s.bei der geistlichen Literatur des 13. Jahrhunderts.)
Sibyllen Weissagung
Die umfassendste Menschheitsgeschichte ist in dem Gedichte SibyllenWeissagung ausgebreitet. 2 Sie geht von Adam bis zum Weltende. Der ersteTeil enthält die Geschichte des Kreuzholzes bis auf Salomo: Als Adam altgeworden, schickt er seinen Sohn Seth nach dem Baum des Paradieses, dieserbringt einen Zweig desselben zurück und pflanzt ihn auf Adams Grab. DerZweig wächst zum Baum heran, Salomo läßt ihn zum Tempelbau fällen, aberer wird dann als Steg über ein Wasser gelegt. Sibylla, die Königin von Saba,kommt an Salomos Hof, sie tritt nicht über den Steg, sondern watet durch
1 Bezüglich dieser geistlichen Kleinliteratur Vogt, Üb. Sibyllen Weissagung, Beitr. 4,48muß demnach auf die Bibliothekskataloge -100; Schade, Geistl. Gedichte d. 14. u.verwiesen werden. Im folgenden können nur 15. Jh.s vom Niederrhein, 1853, 291-332;die in germanistischen Abhandlungen und Wim. Hertz, Die Rätsel der Königin v. SabaZeitschriften abgedruckten und besprochenen od. der Sibylla u. dem Kreuzholze, Germ. 29,geistlichen Denkmäler angeführt werden, die 53-58; Schröder, D. Mainzer Fragment vomzugleich als Beispiele für die betreffende Gat- Weltgericht, Veröffentlichungen der Guten-tung gelten mögen. — Spezialuntersuchung: berg-Gesellsch. V, 1-9, 1908, s. dazuBerl. JB.Werner Matz, Die altdeutschen Glaubens- 1908 S. 157. — P. Norrenberg, Kölnischesbekenntnisse seit Honorius Augustodunensis Literaturleben aaO. S. 20-24; Götze, Früh-mit einem Abdruck des Heidelberger Bekennt- neuhochd. Lesebuch S. 10. — Lit. Piper,nisses, Hall. Diss. 1933. Geistl. Dichtg. 2,44-46; nd.: Jellinghaus,
2 J. v. Döllinger, Der Weissagungsglaube Pauls Grundr. II 2 , 366. — Zu der mit deru. d. Prophetentum in d. christl. Zeit, Hist. Sibyllen-Prophezeiung zusammenhängendenTaschenbuch 5. Folge, 1. Jahrg. 1871 S. 257 Kaisersage s. Lit. bei Stammler, Mnd. Lese--370, auch Kl. Schriften 1879, 451-557. — buch S. 135a.