Das Osterspiel von Muri. Die rheinfränkisch-hessische Gruppe 561
Charakterisierung der Leichtfertigkeit der Sünderin ist trefflich, dramatischder Übergang von der Weltlust zur Buße. 1
Das Osterspiel von Muri
Das älteste vollständig deutsche Drama ist das Osterspiel von Muriim Aargau vom Anfang des 13. Jahrhunderts, 2 nur in Bruchstücken erhalten.Es zeichnet sich vor den andern mhd. Dramen durch seinen Stil aus: Dieserhat ganz den Charakter und die Haltung eines höfischen Epos, z. B. dieformelhaften Wendungen: mit triuwen holt 1,7, Anrede: herre, ir herren ö.,lä mich din urloup hdn 1,23, die minncere 1,41, vromven minnen 1,46; irschonen vrouiven 1,47, hübschen vröwelin 1,65. Dieser höfischen Ausdrucks-weise entspricht auch die korrekte metrische Form, vierhebige Reimpaare, diegesprochen, nicht gesungen worden sind. Humor klingt nur leise in der Persondes Krämers an. Die erhaltenen Bruchstücke lassen den Gang der Handlungerkennen: Pilatus gibt dem Krämer (Paltencere, Institor) gegen Bezahlungfreies Geleit, seinen Kram aufzuschlagen (kram üf sldn) ; dieser preist seineWaren an; Höllenfahrt Christi und Fortsetzung des Warenkaufs; MariaMagdalena. Christus erscheint den Frauen als Gärtner. Maria Magdalena bittetden süßen Jesus Christ um Erlösung von ihren Sünden. Pilatus bestimmtdie Hüter des Grabes, diese berichten die Auferstehung.
Die übrigen Passions- und Osterspiele lassen sich in Gruppenzusammenfassen.
Die rheinfränkisch-hessische Gruppe
Das älteste deutsche Passionsspiel ist das (sog.) St. Galler Passions-spiel (nach 1330), erhalten in einer St. Galler Hs. 3 Es geht weit über denRahmen einer Passion hinaus und umfaßt das Leben Jesu von der Hochzeitzu-Kana bis zur Auferstehung. Es wird deshalb richtiger, nach Mone undWolter, „Spiel vom Leben Jesu" genannt. Der Mundart nach gehört dasSpiel nach Südnassau oder in die Wetterau oder nach Rheinhessen. DerEingang trägt den Charakter eines Prophetenspiels, indem der hl. Augustinusden Prolog spricht, der auch in der Folge noch einige Male auftritt. Mit seinen1340 Versen ist das Spiel in mäßigem Umfang geblieben und hat noch nichtdie endlosen Erweiterungen späterer Spiele. Quellen sind die Bibel, Bibel-kommentare und die Liturgie; fortgewirkt hat es auf die rheinisch-hessischeSpielgruppe.
1 Von dem Benediktbeurer Osterspiel teil- Lit. in d. Schweiz, 1892, 206 f.; Singer, LG.weise abhängig ist ein von Jos. Haupt in J. d. dt. Schweiz im MA., 1916, 18 f. 41 f.; Ders.,M. Wagners Archiv für d. Gesch. dt. Sprache Schweizerdeutsch, 1928, 89-92; Ders., Dieu. Dichtung 1874, 355-81 hgb. „Bruchstück mittelalterl. Lit. d. dt. Schweiz, 1930, 47^9.eines Osterspiels aus d. 13. Jh." (Iat. u. deut- 195. - Faksimile eines Blattes: Vogt u. Koch,sehe Strophen, 530 V.). LG. I 4 , 1919, 266.
2 Ausg.: Bartsch, Das älteste dt. Passions- 3 Hgb. Mone, Schauspiele I, 49-128; Emilspiel, Germ. 8, 273-97; Froning S. 225^14. — Wolter, Das St. Galler Spiel vom Leben Jesu,Creizenach S. 106 f.; Wilh. Meyer, Fragm. Untersuch, u. Text, Germ. Abh. 41,1912, dazuBurana S. 103 ff.; Rügamer, Lehre von den Hans Rueff, Anz.38, 66-70. — Creizenach,drei Wegen aaO.; Baechtold, Gesch. d. dt. Reg. S. 597; Burdach, Vorspiel I, 1,195 f.
36 Deutsche Literaturgeschichte IV