560 Das Drama bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts
sind meist Vierheber, die in jeder zweiten Zeile gereimt sind. Der Grundge-danke des Spiels ist der: die Wahrheit des Christentums gegenüber der Tor-heit des Judentums und des Heidentums. So geht ein polemischer Zug durchdas Ganze. Das Drama zerfällt in folgende Auftritte: 1. Den Eingang bildet,gleichsam als Vorspiel, ein Prophetenspiel, in welchem als Verkündiger Christi,des Sohnes der Jungfrau, auftreten: Jesaias, Daniel, Sibylla, Aaron mit demblühenden Stab, Balaam auf einer Eselin sitzend, Augustinus; ihnen gegen-über der Archisynagogus (Vorster der Synagoge) und seine Juden, der dieProphezeiung verspottet. Die am Anfang des Stückes stehende Bühnen-anweisung schreibt vor: vor der Kirche der Sitz des Augustinus, rechts vonihm Jesaias und Daniel, auf der linken Seite der Archisynagogus und dieJuden. 2. Dann beginnt die eigentliche evangelische Erzählung mit derVerkündigung des Engels: Maria, die Heimsuchung, die Geburt Jesu; diesist gleichsam die Widerlegung des Unglaubens der Synagoge im 1. Teil.Darauf folgt 3.: ein Dreikönigsspiel mit den Reden der Magier und desHerodes. Dann 4.: ein Hirtenspiel und 5.: der Kindermord mit den Klagender Mütter und dem Tod des Herodes, der von Würmern zerfressen wird.6. Die Flucht nach Ägypten und der Sturz der Götzenbilder. 7. Der Schlußist ein Streit der Heidenschaft (König von Babylon), Synagoge und Kircheund läuft mit einigen Versen auf ein Antichristspiel hinaus, scheint aberunvollständig zu sein. Die Auffassung des Benehmens der Spieler, wie sie dieBühnenanweisungen für Bewegungen und Mimik der Spieler geben, ist derbanschaulich und realistisch, ganz unhöfisch.
Das Benediktbeurer Osterspiel 1 (Ludus paschalis sive de passioneDomini) ist in ganz anderem Stile gehalten. Es ist eine Erzählung der biblischenGeschichte, unvollständig, in kurzen lateinischen Sätzen vom Palmsonntagan bis zum Begräbnis Jesu. Den Hauptbestand bilden die lateinischen unddeutschen gesungenen Strophen, und diese fallen zum größten Teil auf MariaMagdalena, der überhaupt die bedeutendste Rolle zukommt. Sie singt einweltfreudiges Lied, lateinisch und deutsch, Wechselstrophen mit dem Salben-krämer (Mercator) und daran anschließend ein deutsches Liebeslied an diejungen Männer; dann geht sie schlafen. Ein Engel singt, lateinisch, von Jesusdem Heiland. Dann tritt eine plötzliche Umwandlung bei ihr ein: sie fälltJesu zu Füßen und bittet ihn um ihre Erlösung (2 deutsche Strophen),„ein Weltkind, das sich bekehrt" (Scherer, LG. 6 S. 247). Ergreifend ist dieMarienklage am Kreuze (4 deutsche Strophen, 2 lateinische). Das ganze schließtmit 2 deutschen Strophen von Joseph von Arimathia und Pilatus, der dieBitte Josephs um Bestattung Jesu gewährt. Auf den Liedern liegt der Schwer-punkt dieses Osterdramas, auch hier der Einfluß der Vagantenpoesie. Die
1 Hgb. Schmeixer, Carm. Bur. a S. 95-107 Wegen, Progr. Münnerstadt 1908/09 S. 62 ff.;
(vorher schon abgedruckt in Hoffmanns Fund- Creizenach S. 83 ff. 112. 132. 185. 232. 247;
gruben II, 245-58); Froning S. 278 ff. — Wilh. Meyer, Fragm. Bur. S. 120-38;
Abhandl.: Wilh. Rügamer, Magdalenen- Baumgartner S. 433 f. — Faks. Könnecke,
szene, in Rügamer, Die Lehre von den drei Dt. Lit.-Atlas 1 , 1909, S. 10.