Die Benediktbeurer Spiele 559
also die Passions- und Osterspiele. Drei Perioden dieser Gattung lassen sichunterscheiden • Anfänge im 13. Jahrhundert, Ausbildung im 14. Jahrhundert,Blütezeit von 1400-1515; dann folgt der Verfall. Zuerst, als das geistlicheDrama noch in Verbindung mit der Liturgie stand, war die Kirche der gegebeneRaum, als aber die Aufführungen umfangreicher wurden, fanden sie im Freienstatt, auf einem Platz vor der Kirche oder, besonders die der weltlichen Spieleim späteren 14. und im 15. Jahrhundert, auf dem Markt oder sonst einemgrößeren Platze der Stadt. Auch die Zeitdauer wurde verlängert, etwa aufzwei Spieltage und sogar noch mehr. Spieler waren nur Männer, anfangsGeistliche, dann in den von der Kirche losgelösten Spielen auch Laien. Im15. Jahrhundert war das Bedürfnis für einen umfassenden Bühnenplatz not-wendig geworden, denn die Szenen waren nun sehr angewachsen und erwei-tert ; die Auseinandersetzungen wurden umständlich geführt, die Darstellerbedeutend vermehrt, so daß z.B. bei dem Frankfurter Passionsspiel im Jahre1489 280 Spieler beteiligt waren. Aber der ganze Gehalt dieser Massenauffüh-rungen war künstlerisch heruntergesunken, die Auffassung war roher undderber, die Schmerzensszenen waren bis ins einzelne ausgemalt und insGräßliche verzerrt. Es gab Vorschriften für die Bühneneinrichtungen und fürdas Verhalten der Spieler. Natürlich veranlaßte der gleiche Stoff an sich schonÜbereinstimmungen in verschiedenen Spielen, aber manche waren auch tat-sächlich abhängig voneinander.
Die Bühne war ein hölzernes Gerüst nicht hoch über dem Boden; darumherum saßen oder standen die Zuschauer, das Publikum; die Spieler hattenjeder seinen bestimmten Platz (Stand), von dem aus sie vortraten, wenn esihre Rolle erforderte. Die Plätze bedeuteten ihre Wohnungen und Aufent-halte und waren als solche kenntlich gemacht durch Inschriften oder durchGegenstände, die darauf Bezug hatten. Am Beginn der Aufführung schrittendie Spieler in einer „Prozessio" auf die Bühne. 1
Der chronologischen Folge entsprechend sollen hier die zwei geistlichenSpiele der Benediktbeurer Hs. (Carmina Burana, s. oben vor der Mittedes 13. Jahrhunderts zusammengestellt) vor den andern Weihnachts- undOsterspielen vorweggenommen werden.
Die Benediktbeurer Spiele
Das Benediktbeurer Weihnachtsspiel 2 (Ludus scenicus de nativi-tate Domini) ist durchgängig in lateinischer Sprache abgefaßt, in Versen,deren rhythmischer Bau von der Vagantentechnik beeinflußt ist; die Verse
1 Spielpläne: Alsfelder Plan, Froning I, 2 Hgb. Schmeller, Carmina Burana 2 , 1883,
265 ff.; Donaueschinger Bühnenplan, Nach- 80-95; Froning S. 875-901. — Weinhold,
bildung bei Froning S. 276, Könnecke, Bil- Weihnachts-Spiele u. Lieder, 1875, 66-70;
deratlas S. 80; Inszenierung des Luzerner Creizenach, S. 90 ff. 96. 204. 224; Wilh.
OsterspielsvomJ. 1583: Vogt u.Koch, Gesch. Meyer, Fragmenta Burana S. 31 ff.; H.
d. dt. Lit. I 4 , 270. —Dirigierrollen: Die Frank- Brinkmann, Neophilologus IX, 216; Baum-
furter Dirigierrolle: Froning S. 325-74; gartner S.430f.; Stammler, D. religiöse
Creizenach S. 224 f.; Friedberger Ordnungs- Drama S. 13 f.buch: Weigand, ZfdA. 7, 545.