556 Das Drama bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts
Weltlage, der Zeit Kaiser Friedrichs I., hervorgegangen. Dazu ist dieseslateinische, gesangsweise vorgetragene Drama in sehr gewandter Spracheabgefaßt.
Die Sage bildete sich in der griechischen Kirche, 1 wahrscheinlich schonvor dem 8. Jahrhundert, gelangte bald ins Abendland und wurde von Adsovon Toul 2 vor 954 in seinem Libellus de Antichristo lateinisch bearbeitet.Dieser Traktat des Adso wurde von einem Priester Albuinus (Alboin) amAnfang des 11. Jahrhunderts ausgeschrieben. 3 Adso berichtet die Geschichtedes Antichrists: Sein Geburtsort ist Babylon, bei seiner Empfängnis fährtder Teufel in den Leib der Mutter. Er werde erscheinen, wenn alle Reicheder Welt vom römischen Reich abgefallen sein werden. Das Ende desrömischen Reiches und der Christenheit werde eintreten, wenn der größteund letzte aller Könige nach Jerusalem kommen und Zepter und Kroneauf dem ölberg niederlegen werde. Darauf wird der Antichrist erscheinen.Nachdem er dreieinhalb Jahre geherrscht, werde er auf seinem Throne vonGott getötet.
Adsos Traktat ist die Quelle für unser Drama, 4 das nach der Hs. (12./13.Jahrhundert, in München befindlich und aus der Klosterbibliothek in Tegern-see stammend) auch Tegernseer Antichrist genannt wird. Dem Spielvoraus geht eine Bühnenanweisung, die Szenerie betreffend: Schauplatz istder Tempel von Jerusalem, zu dessen Seite nach den vier Himmelsrichtungendie Sitze der Könige. Die Handlung zerfällt in zwei Hauptakte mit mehrerenAuftritten. Der erste Akt enthält, in sich abgeschlossen, die Vereinigung derChristenheit und deren Sieg über die Heiden: der römische Kaiser läßt durchGesandte die Könige von Frankreich, Griechenland und Jerusalem zumKampf gegen die Heiden auffordern; der König von Frankreich gehorchterst, nachdem er besiegt ist und sich unterworfen hat. In dem mit derHeidenschaft, dem König von Babylon, geführten Kampf wird dieser be-siegt. Der Kaiser legt Zepter und Krone auf dem Altar des Tempels nieder.Der zweite Teil gehört dem Antichrist an. Hoffärtig tritt er auf, begleitetvon der Heuchelei (Hypocrisis) und Ketzerei (Haeresis). Er gibt sich fürden Heiland aus und gewinnt bald die Heiden und Juden, auch dieChristen, zuletzt die Deutschen, für sich. Enoch und Elias treten auf undzeigen den Juden (d.h. der Synagoge) den Betrug des Antichrists; dieserläßt sie zur Schlachtbank abführen. Dreieinhalb Jahre herrscht der Anti-christ über die Völker der Welt, aber als er sich die Kaiserkrone aufs Hauptsetzen will, bricht über ihm ein Donnerschlag los, und er stürzt zusammen.Das letzte Wort hat die Kirche (Ecclesia), und alle kehren wieder zum Glau-
1 Der Keim zum Antichrist liegt in Apokal. d. MA.s 2. Teil, 1923, 432-42, sein Werk üb.11, 7: bestia, quae ascendit de abysso . .., s. den Antichrist S. 432.
Müllenhoff u. Scherer, Denkmäler Bd. I 3 , 3 Manitius S.440 u. Reg. S. 828. — Alb-
1892, Muspilli V.37 ff., Bd. 2 3 ,37; und in dem winus hgb. Floss, ZfdA. 10, 265-70.
2.BriefPauliandieThessalonicherKap.2,8-10. 4 Wilh. Meyer, Ges. Abhandl. aaO. S. 137ff.
2 Adso s. Max Manitius, Gesch. d. lat. Lit.