MUSKATBLÜT 547
in Konstanz (Groote, Lied Nr. 78 S. 178, s. auch Nr. 70 S. 175. Nr. 92S.240).
Er hat über hundert Lieder verfaßt (100 sind Groote bekannt geworden).Sie zerfallen in drei Gruppen: 1. Geistliche Gedichte, bes. Marienlieder(53 Ged.). Hier breitet er seine scholastische Gelehrsamkeit aus in mystischallegorischer Schrifterklärung (s. LG. 1, 178,2. Aufl. S. 185) mit echt meister-singerischen Spitzfindigkeiten. Nach einem Natureingang fährt er z.B. fort:der anger breit zu glichen ist dem waren er ist, got ist der mey genennet usw. (GrooteNr. 3), hier ist die Natur ein Symbol für die christliche Lehre; die zwölf Edel-steine werden gedeutet auf die 12 Apostel und zugleich auf Maria (GrooteNr. 8); die heiligen Personen werden verglichen mit einem Schiff auf demwilden Meer (Groote Nr. 19). Bei solchen verstandesmäßigen Ausklügelun-gen kann sich kein frommes Gefühl entfalten, aber die Zeitgenossen bewunder-ten solchen scholastischen Tiefsinn. Immerhin sind auch manche dieser geist-lichen Lieder von warmer persönlicher Empfindung eingegeben wie Nr. 18,wo er eine minnesingerische Naturfreude über die Sommerzeit und seine eigenetrübe Stimmung kundgibt und nun klagt: allefreuden sint mir entwichen .. .geluck hat mich bedrogen, myn heubt daz ist mir worden gra, myn ruck hat sichgebogen usw. — 2. Geringer an Zahl (21) und kürzer sind die Liebeslieder.Die Technik der Blütezeit des Minnesangs im 13. Jahrhundert wirkt nach,namentlich in den Natureingängen, auch in dem Gebrauch einzelner Worte;am stärksten steht er unter dem Einfluß Frauenlobs. Muskatblüts Liebes-lieder haben, der meistersingerischen Sinnesart entsprechend, viel didak-tischen Gehalt, bringen allgemeine Betrachtungen über die Liebe und ihrenhohen Wert. Doch mag auch persönliche Huldigung dabei sein, wenn auchfreilich nicht entschieden werden kann, wie weit inneres Erleben mitspricht.Im ganzen wirken die Liebeslieder, auch in der Form, unhandlich und schwer-fällig. Auch hier geht, wie sonst bei Muskatblüt, der volle Eindruck verloren,da wir die Melodien nicht kennen, die Töne und Weisen, die gerade beimMeistergesang so sehr mitsprechen. — 3. Die politischen und mora-lischen Lieder (bei Groote Nr.54-100) sind Sittenpredigten und geben sitt-liche Verhaltungsmaßregeln gegen Sünden im allgemeinen, Verdammungder Welt, Fürstenlehren und Rügen für Fürsten, Adel, Ritter und Knechtebesonders wegen Unkeuschheit und Wucher; auch politische Ausführungen,wie die vom Konzil zu Konstanz und gegen die Hussiten. Diese satirisch-didaktischen Gedichte sind Schilderungen aus dem wirklichen Leben undwichtig für die Kulturgeschichte der Zeit.
Die Verse haben regelmäßige Abwechslung der Hebungen und Senkungen,mit den schwachen e ist dabei willkürlich verfahren. Zuweilen sind lateinischeVerse eingestreut, besonders in den geistlichen Liedern. Muskatblüt nenntseinen Namen am Schluß. Seine Töne 1 waren beliebt und wurden in der Folge-zeit oft wiederholt. Michael Beheim preist ihn, er habe mit Beifall vor Fürsten
1 Bartsch, Kolm. Hs. S. 185.
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