Die Singschulen. Die zwölf alten Meister 545
dieser Meisterlieder der zunftmäßigen Handwerker war meist religiös undlehrhaft.
Der ganze Apparat von Kenntnissen konnte nur durch Schulung erlangtwerden; wer Singer werden wollte, lernte bei einem Meister, und wenn erdann in den Schulsingen sich bewährt hatte und von den Merkern erprobtwar, auch in seinem Betragen sich ehrbar gehalten hatte, wurde er Meister. 1
Mainz war in Nachwirkung von Frauenlobs Einfluß auf jüngere Leute,die er über die Kunst belehrend um sich sammelte, die erste Pflegestätteder Meistersingerkunst (aus Mainz stammt die Kolmarer Hs., s. oben). AberVereinigungen von städtischen Handwerkern zu Singschulen kamen erst im15. Jahrhundert auf. Die älteste ist in Augsburg bezeugt, um 1450; 2 ebenfallsim 15. Jahrhundert ist in Nürnberg und Worms der Meistergesang heimischgeworden — auch in Straßburg und Frankfurt — und fand im 16. u. 17. Jahr-hundert noch viele andere Pflegstätten; die am längsten fortgepflanzte Sing-schule, die in Ulm, ging erst 1839 in eine Liedertafel über. Der berühmtesteMeistersinger war Hans Sachs. Doch damit sind wir über die hier zu behan-delnde Periode, die der spätmittelhochdeutschen Literatur, hinausgekommen.
Die zwölf alten Meister
Schon im 14. Jahrhundert hatte sich eine Sage vom Ursprung des Meister-gesanges gebildet, er wird auf die zwölf alten Meister zurückgeführt. Dasfrüheste Zeugnis geben zwei Lieder von Lupoid Hornburg von Rotenburg(s. oben), darin als „Meister" aufgezählt werden: Her Reimar, Her Walther,Her Nithart, der von Eschenbach (im 2. Lied Her Wolfram von Eschen-bach), von Wirzeburg Cunrad, der Boppe, der Marner, der Regenboge, derVrouwenlop, von Suneburg, Erenbot(e), bruder Wernher. Die Namen wech-seln stets in andern Überlieferungen. Um diese zwölf Meister hat sich spätereine Sage 3 gesponnen, die in einem Meisterliede vom Ende des 16. Jahr-hunderts überliefert, aber wohl älter ist: die 12Meister hatten den Meister-gesang gleichzeitig erfunden, ohne etwas voneinander zu wissen; KaiserOtto I. und der Papst ließen sie, da sie bei den Geistlichen Anstoß erregthatten, nach Pavia kommen, überzeugten sich von der Trefflichkeit ihrerKunst und bestätigten sie.
Die zwölf Meister waren das, Vorbild für die Meistersänger der Singschulendes 14. 15. Jahrhunderts; die Töne, die ihren Namen trugen, wurden weiter
1 Ein Lied der Kolmarer Hs., Bartsch (u. a. die Aufzählung von Valentim Voigt [gest.
Nr. LXVI S. 369 f., hat die Steigerung singer- nach 1557] S. 892); Roethe, Reinmar S. 5 f.
meister, singermeistermeister, singermeister- 159-66; (die Töne Römers), 166-75 (Der Eh-
meistermeister, je nach der Anzahl der Töne, renbote vom Rhein); Roethe, ADB. 29, 14;
Weisen, die er erreicht hat. Fritz Rostock, Mhd. Dichterheldensage, 1925,
2 v. Liliencron, D. histor. Volkslieder 1 26-30, dazu Niewöhner, Anz. 45, 20-23;
Nr. 90 Str. 15; Uhland, Volkslieder Nr. 166 Wilmanns, Walther Bd. II, 4. Aufl. von Mi-
S. 430: Augspurg hat ain weisen rat, das prüft chels S. 2 Anm. 1; Hans Ellenbeck, D. Sage
man an ir kecken tat mit singen, dichten und vom Ursprung d. dt. Meistergesangs, Bonner
klaffen; si hand gemachet ain singschäl. Diss. 1911. — Holtzmann, Germ. 3, 307 ff.
3 Die zwölf Meister, Meistersingersage: Uh- 5, 217-19. 444 f. (= Bartsch, Kolm. Hs.
land, Schriften 2,286 ff.; MSH. 4, 229. 881 ff. S. 404-6); Martin, Kudrun Str. 406.
35 Deutsche Literaturgeschichte IV