512 Erzählende Literatur
Karl ungerecht verbannt; sein Sohn Low, der eigentliche Held des Romans,löst einen toten Ritter, der vom Wirt wegen Nichtbezahlung seiner Schuldenin den Rauchfang gehängt worden ist, aus; dieser steht ihm, dem verschwen-derischen Low, in seinen Bedrängnissen als Schutzgeist zur Seite (Motiv der„Rittertreue", s. oben).
4. Sibille (noch ungedruckt) gehört ebenfalls dem Sagenkreis Karls desGroßen an. Es ist die Geschichte von der unschuldig verleumdeten Königin(LG. II, 2, 124 Anm. 1). Die französischen Chansons sind bruchstückweise er-halten, vollständig eine französische und eine spanische Prosa.
Weitere Bearbeitungen französischer Stoffe
Dieselbe Sage ist der Ausgangspunkt für die Geschichte von Valentinund Namelos. Die Schwester des Königs Pippin von Frankreich, die demKönig von Ungarn vermählt wird, gebiert zwei Söhnchen, die die Schwieger-mutter heimlich töten lassen will. Aber die damit beauftragte Dienerin setztsie aus. Das eine, das sie in einem Kästchen ins Wasser legt, findet PippinsTochter und läßt das unbekannte Kind aufziehen, in der Taufe wird es Valen-tin genannt. Das andere, im Wald ausgesetzte Kind wächst wild auf, es istNamelos; viele Abenteuer; Ende glücklich. — Das Original ist französisch undin vielen Sprachen verbreitet. Die deutsche Bearbeitung gehört Nieder-deutschland (Lit. s. unten „Niederdeutsch") an; mitteldeutsch ist es inProsa bearbeitet; erhalten ist ein mitteldeutsches Gedicht, Bruchstück 63 V.
Aus einem französischen Gedicht übersetzt ist auch die schöne Melusine,von Thüring von Ringoltingen 1 (gest. 1483 als Schultheiß von Bern) imJahre 1456 im Auftrag des Markgrafen von Hochberg (Röteln u. Sausenberg)verfaßt. Der Graf Raimund von Poitiers nimmt eine schöne Jungfrau, die erunterwegs antrifft, zum Weibe, muß ihr aber schwören, daß er nie an einemSamstag nach ihr frage, sonst werde er sie und sein Glück verlieren. Er ver-letzt das Gelübde, erblickt sein Weib im Bade, ihr schöner Körper endet ineinen Schlangenschwanz. So muß sie unerlöst bleiben, Reimund aber wirdnimmermehr fröhlich. Das Ganze ist eine französische Lokalsage. Der Roman,zum Volksbuch geworden, war außerordentlich beliebt, ist in mehrerenHandschriften erhalten und wurde von etwa 1470 an bis um die Mitte des18. Jahrhunderts sehr oft gedruckt.
bücher II, 1930. — Em. Müller, Überliefe- hesten Drucken, o. J.; F. v. Zobeltitz, Die
rung des Herpin v. Bourges, Hall. Diss. 1905; Gesch. von d. schönen Melusine — nach der
Martin, Ausg. des Hermann v. Sachsenheim ältesten Druckausgabe 1474 neu hgb., 1925.—
S. 29 f.; Bolte-PolIvka, Anmerkungen zuden Roethe, ADB. 28, 634; Pfeiffer, Germ. 12,
Kinder- u. Hausmärchen der Brüder Grimm 3-5; Baechtold, Gesch.. d. Lit. S. 240^12.
3, 507 ff. — Bartsch, Katalog der Heidelberg,Hss. S.39 (Cod. pal. germ. 152, 15. Jh.)Druck von 1514 bis 1659. — Goedeke l 2 , 358
438; Singer, D. malterl. Lit. in d.dt. Schweiz,1930, 178-80; H. Türler, Neues Berner Ta-schenbuch, 1902; Günther Müller in Walzels
Bobertag S. 72-301; Scherer, Anfänge des Handb. 1, 74; Bolte-Polivka 3, 509; Ma-
dt. Prosaromans S. 18. ckensen S. 71 f.; Bobertag 2, Reg. S. 203;
1 Ausg. Schwab, Buch d. schönsten Geschieh- Goedeke l 2 , 354. — Jos. Kohler, Der Ur-
ten u. Sagen, 1836 ff.; Simrock, Volksbücher; sprung der Melusinensage, 1895.P. Jerusalem, Dt. Volksbücher nach den frü-