Die Minneburg 503
Auch in das Leben übertragen — sie wurde als Spiel aufgeführt — wurdedie „Minneburg"; im Jahre 1214 wurde in Treviso ein Fest gegeben: eineBurg aus kostbaren Stoffen wurde erbaut, in ihr waren die Damen versammelt,die Ritter hatten die Erstürmung der Burg auszuführen, als Wurfgeschossedienten Blumen, Früchte, Spezereien und Wohlgerüche. 1 Später fand inFreiburg in der Schweiz ein ähnliches Fest statt. Auch in die bildende Kunstfand dieses beliebte Motiv Eingang: Elfenbeinschnitzereien mit diesem Gegen-stand wurden als Verzierung von elfenbeinernen Kästchen, Kämmen, Sättelnangefertigt; ebenso ist eine derartige Darstellung auf einem gemalten Holz-kästchen erhalten. 2
Was die „Minneburg" auf eine höhere Stufe hebt, das ist ein mehrfachhervortretender geistlicher Einschlag. Der Prolog im Cod. pal. germ. 455 istein dreistrophiges Gedicht, das mit der Minne zu Gott beginnt und in die Minnezur Geliebten ausläuft. Als Eltern des Kindes (der Minne) sind allegorisch dasstählerne Bildnis einer Frau und das gläserne Bild eines Mannes gedacht.Wenn das Frauenbild sich neigt, so blickt es in das Bild des Mannes, daraufgebiert die Frau ein Kind; der Mann ist die Vernunft, die Frau der freie Wille;das sind Personifizierungen der beiden Seelenvermögen der mittelalterlichenPsychologie; nach dieser entspringt nicht nur die Minne aus Vernunft undWille, sondern die Tugenden überhaupt. 3 — Geistlich gestimmt ist besondersKap. IV, die Bestürmung der Burg Freudenberg, als Kampf der Tugendenund Laster. 4
In der Minneburg ist die „geblümte Rede" bis zur Geschmacklosigkeitgetrieben, doch besteht ein Unterschied zwischen den erzählenden Teilen(materge), in denen der Stil ziemlich normal ist, und den lyrischen Ergüssen,den Einschaltungen (underbint), in denen die florierte Manier herrscht. 5Das Gedicht ist ein Gemisch von Minnemotiven und scholastischer Gelehr-samkeit, das nicht zu einer geordneten Einheit verschmolzen ist.
Die Prosabearbeitung bietet eine wesentliche Verbesserung, der Stilist klar und zeigt keine verschrobene Blümelei; Aufbau und Gliederung desStoffes bewegen sich in angemessenen Verhältnissen: Religiöse Einleitung, dieallegorische Erzählung, dann Lehren in Fragen und Antworten, darauf wie-
1 So berichtet der Chronist Rolandino von Vernunft in Dantes Göttl. Komödie s. Voss-Padua, Rolandinus Patavinus, AlwinSchultz, ler, Die göttl. Korn. I. Bd. 2. Teil, 1907, 290,Das höf. Leben l 2 , 1889, 276-79; Petersen, 2. Aufl. Bd. I, 1925, 198; Ders., Die philosoph.Festschr. Köster S. 173; G. G. Coulton, Life Grundlagen zum „süßen neuen Stil", 1904,in the middle ages, 2. Ausg., Cambridge 1929, S. 102 Anm. 2.
Bd. III. — Dieses Motiv hat Schiller in der 4 Fr. v. d. Leyen u. Ad. Spamer, Die ad.
Schilderung des Ritterspiels in der Maria Wandteppiche aaO. S. 33 ff.; Petersen, Min-
Stuart 2. Aufzug 1. Auftritt V. 1077-96 wieder- neburg aaO. S. 176 f.
gegeben, Petersen aaO. 5 Sprache, Stil u. Metrik: Beitr. 22, 281-303.
2 Alw. Schultz aaO.; Petersen aaO.;CouL- 313-29; Brinkmann, Wesen u. Form, Reg.ton aaO. S. 193. — Über die „geblümte Rede" s.
3 Der „Nachahmer" Hermanns v. Sachsen- bes. Mordhorst, Egen v. Bamberg, s. untenheim hat die Stelle von der Geburt der Minne (speziell in der Minneburg, Egen v. Bambergaus Vernunft u. Wille nachgeahmt, Beitr. 22, S. 142-44).
331 f. — Über die N e i g u n g des Willens zu der