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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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502
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502 Erzählende Literatur

(im Cod. pal. germ. 455 sind es 5486 Verse). I.V. 1-353. Aventiureneingang:Der Dichter kommt in ein rauhes Gebirge, erblickt eine stark befestigte Burg,deren Brücke von Riesen, Löwen und Hunden bewacht ist. Innerhalb derBurg, deren Name ihm ein Kämmerer alsMinneburg" nennt, befindet sicheine Säule, in der das gläserne Bildnis eines Mannes und oberhalb desselbendas stählerne Bildnis einer Frau zu sehen ist. Letzteres blickt das Bild desMannes an und gebiert ein Kind. U.V. 354-669. Der Dichter sucht einenweisen Meister, der ihm die Natur des Kindes deute. Diesen findet er endlichin Neptanaus in Alexandrien.- das Kind ist die Minne, die Burg ein reinesWeib, die Säule ist ebenfalls ein reines Weib, der gläserne Mann ihre Vernunft,die stählerne Frau ihr Wille, sie sind Vater und Mutter der Minne. III. Vers670-2676. Fragen des Kindes und Antworten des Meisters über das Wesender Minne. IV. V. 2677-3192. Das Kind geht mit seiner Jungfrau Cupido,begirde, spazieren; sie gelangen zur Burg Freudenberg. Cupido treibt das Kindan, diese zu erobern. Bestürmung der Burg durch das Gesinde des Kindes, dieUntugenden, und deren Verteidigung durch die Tugenden Masse, Stärke,Weisheit. Auf Rat der Weisheit Verständigung mit der Burgherrin. V. Vers3193 bis Schluß. Das Kind ist Herr der Burg. Trotz Warnung der Huotegeht es vor der Burg spazieren. Die Kläffer berennen die Burg, ziehen aberwieder ab, da sie das Kind nicht finden. Darauf Gerichtsverhandlung vor derMinne, wo die Frauen, die ihre Treue gebrochen haben, von Weisheit, Gerech-tigkeit und Treue verurteilt werden. Das Ganze ist aus drei Erzählungenzusammengeschweißt: l.Die Minneburg mit der Säule; 2. Die Erstürmungder Burg Freudenberg; 3. Gerichtsverhandlung vor der Minne.

Die Quelle für das Motiv von der Minneburg liegt inOvids Amor. lib. INr. 9: Militat omnis amans et habet sua castra Cupido, s. auch Amor. lib. INr. 2 V. 3 1 f. Die Vorstellung von einer Burg der Minne wurde dann von denVaganten aufgenommen, z. B. Carm. Bur. Schmeller 2 S. 166 Amatoria Nr. 79:Militemus Veneri nos qui sumus teneri! Veneris tentoria res est amatoria, undS. 157 Str. 17 (vgl. ZfdA. 56, 227 Str. 17), Der Liebende als Soldat, Krieger,miles der Venus tritt oft bei den Troubadours 1 und bei Andreas Capellanus auf.In einem provenzalischen Gedicht Castel d'amors, 13. Jahrhundert, wird derWeg zur Liebe mit dem Eingang in eine Burg verglichen. Die französischeAllegorie Chastel d'amours von Guillaume de Machaut (etwa 1300-77) handeltin Fragen und Antworten von der Beschaffenheit der Burg echter Liebe. Eintheologisches Lehrgedicht ist das französische, auch in das Mittelenglische(Castel off loue) übersetzte Gedicht Chastel d'amours des Bischofs von Lincoln,Robert Grosseteste (gest. 1253). a

1 Willibald Schrötter, Ovid u. dieTrouba- V. 5751-5898 u. Anm. S. 289; v. d. Leyen u.dours S. 85-9; Wechsler, Das Kulturproblem Spamer, Die ad. Wandteppiche im Regens-des Minnesangs I, 1909, 160; Petersen, Fest- burger Rathause, 1910, S. 41. Über dieschrift Köster 1912 (s. oben), 177 f. Tugendburg bei Rob. Grosseteste s. auch Ma-

2 Über,,allegorische Tugendschlösser" s. Rein- rie Gothein, Die Todsünden, Arch. f. Reli-bots von Durne Heil. Georg ed. C. v. Kraus gionswissensch. 10, 1907, 465 f.