470 Erzählende Literatur
Die mittelfränkische (kölnisch-rheinische) Sprache 1 hat in sämtlichenGedichten des Cyklus den gleichen Typus, aber doch läßt sich in den einzelnenStücken die Verschiedenheit der Verfasser erkennen; auch im Versbau.
Der Kompilator war ein in der Literatur, der französischen, niederländischenund deutschen, belesener Mann; er muß eine lateinische Schulung durchge-macht haben. Aber er war kein schöpferisches Talent und besaß weder poe-tischen noch sprachlichen Sinn. Seine Übersetzungsweise besteht in unselb-ständiger Wiedergabe der Vorlage, seine Arbeit beschränkt sich auf Umset-zung in die ihm geläufige mittelfränkische Mundart. In den selbstgemachtenTeilen (III und VI) zeigt er sich als unbeholfener Reimer mit wenig eigenenGedanken. Die feine Ritterkultur, aus der das höfische Epos hervorgegangenist, besaß er nicht.
Hier sei ein erst der zweiten Hälfte des 14. Jh.s zugehörender Ritterromanangeschlossen, der noch auf höfischem Geiste aufgebaut ist: Johan üz demVir giere. 2 Es ist die Bearbeitung einer — verlorenen — mittelniederländ.Dichtung von einem Rheinhessen, der in der Einleitung V. 27 selbst angibt,daß er das Buch aus dem Flämischen ins Deutsche gebracht habe. Er warwohl ein Fahrender, der für höfische Kreise schrieb. Den Titel nach demNamen des Helden, der im Text in dieser Form einige Male vorkommt, hat derSchreiber in der Überschrift gegeben. Der Stoff gehört einem weiten Lite-raturkreise an, der besonders in der altfranzösischen Literatur Verwandte hat(Priebsch S. 1-29).
Inhalt. Der Kaiser Sigemunt findet in seinem Garten (baumgarten, virgiere[viridiariumj V. 49ff) ein wunderschönes Knäblein, daneben ritterliche Klei-dung und Rüstung. Er läßt es höfisch erziehen zu einem ritterlichen Jüngling.Einmal, im Zorn, nennt ihn die Kaiserin einen Findling (377). Auf Bitten desKaisers bleibt der schwer Gekränkte doch bei ihm und leistet ihm durch tap-fere Taten große Dienste; die Kaiserstochter liebt ihn. Im Kampfe mit einemGrafen Ruprecht von Artois erkennen sich beide als Vater und Sohn (2524).Auf des Vaters Rat geht er in die Dienste des Königs von Frankreich, wo erweitere Heldentaten vollbringt. Am Schluß gibt ihm der Kaiser Tochter undKrone. 3129 Verse.
Hinsichtlich der Form ist das Gedicht geringwertig; der Versbau ist nach-lässig, die Reimtechnik ärmlich. Anklänge an Wolfram und Konrad vonWürzburg lassen auf Belesenheit in höfischer Literatur schließen.
Der Stoff ist noch in einer zweiten Fassung vorhanden, in einem nieder-ländischen Volksbuch, Prosa, das am Ende des 16. Jh.s gedruckt wurde(Priebsch S .60 f. und in Faksimile abgedruckt in der zweiten Hälfte der Ausgabe).
1 Sprache: Bartsch S.217-384; Frings, Teu- die Hs. ist jetzt in der'Berliner Staatsbiblio-thonista aaO. ■— E. Müller, Stiluntersuchg. thek. Ausg.: Rem. Priebsch, Germ. Bibl.des „Karlmeinet", Bonn. Diss. 1931. II. Abteil. 32, 1931, dazu Ludw. Wolff, Anz.
2 Aufgefunden von R. Priebsch in einer 51, 195-97; Schröder, DLz. 1931, 2176-79;Hs. von Cheltenham, s. Priebsch, Dt. Hss. Piquet, Rev. germ. 23, 1932,42f.
in England I, 1896, 98 u. 241-83 (Auszug),