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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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Heinrich von Mügeln 465

der Naturen laut, die die von ihm bestimmte Meid krönen möge. Sie kommen indas Haus der Natur, auf daß sie die Theologie kröne, die Natur aber ruft dieTugenden dazu herbei, die auf einem Wagen anfahren, dessen Teile allego-risch ausgelegt werden und den Vernunft vorwärts treibt. Die Natur krönt dieTheologie. Nun fängt der Dichter das zweite Buch an (1357), aber eigentlichhat der zweite Teil schon mit dem Wechsel des Schauplatzes und der Personenbegonnen, also mit V. 865, denn von da an spielt die Szene im Palast der Natur,und diese und die Tugenden führen die Handlung; war der erste Teil (bisV. 864) eine Wissenschaftslehre, so ist der zweite Teil von V. 865 an eineTugendlehre: Disputation der Natur mit den Tugenden; sie will beweisen, daßjene ir wesen ir han; dagegen beweisen die Tugenden, daß sie edler sindals die Natur; Theologie soll entscheiden (1437), welcher der zwölf Tugendendie Würde gebühre. Theologie fragt jede Tugend, was ihr Wesen, ihre Tätigkeitist, sie legen der Reihe nach ihr Wirken dar (1453): die vier KardinaltugendenWeisheit, Gerechtigkeit, Stärke, Mäßigkeit, dann Milde, Demut, Wahrheit,Barmherzigkeit, Friede, schließlich die drei göttlichen Tugenden Liebe, Hoff-nung, Glaube. Theologia gibt das Urteil (2221): von Gott kommt jede Tugendund nicht von der Natur, die Natur verkündet (2289) ihre Wirksamkeit alsGrund der Dinge, der Erde, der Himmelszirkel, der Sterne. Der Dichter ent-scheidet: Gott hat die Natur geschaffen, diese soll sich nicht der Tugend glei-chen, Gott selbst ist die Tugend. Schluß Vers 2592.

H. v. Mügeln hat zur Herstellung dieses Werkes den Anticlaudianus desAlanus de Insulis (gestorben 1203; ed. Migne 210 Sp. 487-594) und das daraufberuhende Gedicht Von Gottes Zukunft des Heinrich v. Neustadt benutzt(s. bes. Helm, Beitr. 22, 135 ff.).

In weiteste Kreise ist Heinrichs v. Mügeln Ruhm gedrungen durch seineMeisterlieder und Fabeln; 1 die Meistersinger zählten ihn zu den zwölfalten Meistern, und seineTöne" wurden nachgeahmt. Die 7 Minneliedersind in einem schwülstigen, blumigen Stile geschrieben und mit Gelehrsamkeitgespickt, dürftige Nachklänge der ritterlichen Dichtung ohne innere Teil-nahme. Ein Kuriosum darunter ist eine Nachahmung von Kürenbergs Falken-lied, worin der Dichter seine Gefühle ausspricht: Ach, hete ich einen bldfuzvor den falken! Ab er nicht wer so risch, Doch hiebe er stdn üf mines herzenbalken.

Die Fabeln, 15 Sprüche (14 Tier fabeln) in seinem langen Ton (18 Verse),sind kurz gefaßt und schließen mit einer Lehre. 2 Genannt seien noch 2 Sprüche

x Wilh. Müller, Fabeln u. Minnelieder aaO.; u. S. 357; Bartsch, Meisterlieder der Kol-

Ulr. Kube, Vier Meistergesänge von Heinr. marer Hs., 1862, S. 180. 495f.; Roethe, Rein-

v. Mügeln, Der tum (s. Lambel, Das Stein- mar S. 154 A. 157f. 162f. 203 A. 204 A.

buch von Volmar, 1877,94. 128-34; 0. Marx, Goedeke, Grundr. I 2 , 270f.; v. d. Hagens,

Vom Dom umzingelt", Mitteil. d. Schles. Museum f. ad. Lit. u. Kunst Bd. 2, 1811, 180.

Gesellsch. f. Volkskde 33, 1933), Von allen 2 Wilh. Müller aaO.; Zingerle, Zwei Fa-

freien Künsten, Der guldin Schilline, Von der beln des H. v. M., Germ. 5, 286-88; Sparm-

Kunst Astronomie, Marbg. Diss. 1932, dazu berg, Zur Gesch. d. Fabel in d. mhd. Spruch-

Ehrismann, Anz. 51, 139f.; Bartsch u. dichtg, Marbg. Diss. 1918 S. 56-75. Viele

Golther, Deutsche Liederdichter Nr. XCVII geistliche Sprüche sind noch nicht heraus-

30 Deutsche Literaturgeschichte IV