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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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Hermann von Sachsenheim 457

schönes Zelt von blauem Samt, davor steht ein Mann mit grauem Bart, derEckhart, bei ihm ein kleiner Zwerg. Sie haben schon auf ihn gewartet, fesselnihn und fliegen mit dem Zelt in die Lüfte übers Meer gen Orient auf eineparadiesische Insel zu ihrer Herrin, der Königin Venus (deren Reich man inder Zeit auf Zypern lokalisierte). Dort wird er von Scharganten in einen Stockgeschmiedet. Da erscheint eine Mörin, die ihn vor Gericht ladet. Am andernMorgen wird er zur Gerichtsverhandlung in das Zelt der Frau Venus geführt,wo auch ihr Gemahl, der König Tannhäuser, anwesend ist. Gerichtsprozeß:Die Anklage führt die Mörin ihr Name ist Brinhilt wegen seiner Untreuein Minnesachen, Eckhart ist sein Verteidiger, 12 Ritter sind Schöffen. DasUrteil derselben ist geteilt und der Ritter appelliert an die Kaiserin Abenteuer.Darauf findet in Eckarts Zelt eine Bewirtung verschiedener Teilnehmer statt,an die sich ein Turnier mit folgendem Tanz anschließt. Der Zorn der Venushat sich allmählich beschwichtigt, und sie schenkt dem Angeklagten auf Bittenaller an dem Gericht Beteiligten die Freiheit. Durch Zauber wird er durch dieLüfte wieder an derselben Stelle niedergesetzt, von der aus er sein Abenteuerbegonnen hat.

Die Grundlage für den Inhalt ist die Sage vom Venusberg, von Tannhäuser 1und von dem treuen Eckart; Tannhäuser und Venusberg sind vereinigt imVolkslied vom Tannhäuser. Der treue Eckart ist eine bekannte Persönlichkeitaus der deutschen Heldensage, der Hüter und Warner der Harlunge, die vonihrem Oheim Ermenrich bedroht werden. DieMoerin" hat der DichterWolframs Parzival entnommen, es ist Belacäne im I. Buch des Parzival 16, 7u. ö., die eine Moerin war 19, 18 diu swarze Moerinne 35, 21. Der Eingang,der Sommerspaziergang in den Wald V.4 ff., ist in erzählenden Dichtungendes 14./15. Jahrhunderts eine übliche Formel. Der poetische Wert des Ge-dichtes ist gering; es ist weitläufig, und oft geht der Zusammenhang verloren.Der Gedanke, den der Dichter in seinem Werke versinnbildlichen wollte,scheint der gewesen zu sein, daß Unbeständigkeit in der Minne bestraft wird.Insofern ist Venus die Hüterin der Staete in der Minne, also noch eine Hinter-lassenschaft minnesängerischer Einstellung. Die Charakterisierung Eckartsist mißlungen, er ist der treue Hüter, aber seine Rolle ist zwiespältig: einmal,als Hüter der Minnetreue, bringt er den Dichter vor Gericht, dann aber ver-teidigt er ihn. Wenn dieMörin" auch als Kunstwerk abzulehnen ist, so bietetsie doch viel Material für die Kenntnis der Kultur der Zeit, Sitten der Geist-lichen und Laien, der Ritter und der Städte, Rechtsaltertümer. Oft bringtH. v. S. aus seiner großen literarischen Belesenheit Anspielungen und Zitatebei; aus Parzival: Mör. V. 481 ff. 1223. 1342. 3708 ff. 4112 ff.; aus demWillehalm: Mör. V. 637 ff. 4850 ff.; aus dem (jüngeren) Titurel: Mör. 1902 f.3807; aus Iwein: Mör. 3493 ff.; aus Wigalois: Mör. 2702; Neidhart wird er-wähnt 201.3716.4667. 5759; Wolkenstein 5324. Viel Gebrauch machte Sach-

1 Tannhäusersage s. Fritz Rostock, Mhd. Herm. Schneider, Festschr. Ehrismann,Dichterheldensage, Hermaea 15, 1925, 12-15; 1925, 121 f. Uhland, Volkslieder S.761.